Projekt Beschreibung

Bildungsreform oder Bildungsproletariat?

Zwei Szenarien sich abzeichnender Kollateralschäden der Pandemie

„Wer die Wahrheit übers unmittelbare Leben erfahren will, muss dessen entfremdeter Gestalt nachforschen, den objektiven Mächten, die die individuelle Existenz bis ins Verborgenste bestimmen.“ (Theodor W. Adorno, Minima Moralia)

Das zurzeit öffentliche Debatten wie  private Gespräche beherrschende Thema ist ein Lehrstück für die Folgen einer Politik, die stets ad hoc zu reagieren versteht, mitunter wirksam, aber stets hilflos vor dem nächsten Rückschlag. Es ist ein Lehrstück für eine Politik, die weder vorausschauend noch nachhaltig ist. Sicherlich: es ist ein Ritt auf dem Drachen, der sich nur reiten lässt, wenn die Reiter*innen wissen, wie sie die Hilfsmittel, die sie zur Verfügung haben, zielgenau und wirksam einsetzen. Ein Wechsel der*des Reiter*in ist eher nicht anzuraten. Der Drache ist so schnell, dass er weit davongaloppiert, bevor jede*r neue Ersatzreiter*in überhaupt die Chance hätte aufzusitzen. Und unversehens sind aus einem Drachen mehrere geworden.

Ein Ritt über den Bodensee

Vielleicht trifft die Metapher des Ritts auf einem Drachen den Charakter der Pandemie. Wir brauchen geschickte Reiter*innen. Aber auch diejenigen, die nicht reiten, sollten sich in Acht nehmen, vom Drachen nicht überrannt zu werden. Politiker*innen versprechen gerne Erfolg und schreiben sich selbst Problemlösungskompetenz zu. Oft reicht ein Versprechen, dass Bürger*innen ihnen vertrauen. Doch der Drache Pandemie bietet eine Vielzahl ungehaltener und unhaltbarer Versprechen, die niemand hätte geben dürfen, weil sich eben nicht voraussehen ließ und lässt, ob sie sich überhaupt halten lassen. Das Verb „versprechen“ hat eben zwei Bedeutungen.

Und was ist mit all den Drachen, deren Wirkungen wir nicht unmittelbar wahrnehmen, sondern in einer Zukunft für möglich halten, die wir als ferne bezeichnen. Ich denke an Klimaschutz, Biodiversität, Antisemitismus, Sexismus und Rassismus, Geschlechtergerechtigkeit, gerechte Löhne nicht nur für deutsche Gewerkschaftsmitglieder, sondern weltweit in all den Ländern, deren Produkte auch deutsche Gewerkschaftsmitglieder in diversen Billigketten gerne kaufen. Es ist – um im Bild zu bleiben – kein Ritt über den Bodensee, es ist ein Ritt über sämtliche Ozeane dieser Welt. Wir wissen nie, an welcher Stelle das Eis zu brechen droht.

Ich muss es nicht betonen, oder etwa doch? Wir sind noch lange nicht auf der anderen Seite des Sees und wissen auch nicht was uns dort erwartet. Wir können uns nicht darauf verlassen, dass wir wie beim Ritt über den Bodensee plötzlich verwundert feststellen, was uns gelungen ist. Rückschläge, Einbrüche, Stürze sind jederzeit möglich. Absehbar ist jedoch, welche Kollateralschäden die aktuellen Drachenreiter*innen bei ihrem Ritt schon verursacht haben, für Kultureinrichtungen und selbstständige Kulturschaffende, für Sportvereine, für Restaurants und Cafés und viele andere Orte der Begegnung, des Austauschs, für die Innenstädte, für unser Verhältnis zu älteren Menschen und nicht zuletzt für unser Verhältnis zu Kindern.

Die Kollateralschäden für junge Menschen sind erheblich. Viele liegen verletzt am Rande der Strecke, die der Drache bereits zurückgelegt hat. Diese sich in Deutschland abzeichnenden Kollateralschäden sind noch die harmlose Variante der sozialen Folgen der Pandemie. Wir sind auf dem Weg zu einem Bildungsproletariat, weltweit, auch in Deutschland, in Europa. Weltweit haben bereits etwa 33 Millionen Kinder, Jugendliche, Studierende ihren Bildungsweg abgebrochen. Armut steigt, Reichtum wächst, so Ergebnisse der von OXFAM am 25. Januar 2021 vorgestellten Studie „Das Ungleichheitsvirus“ (https://www.oxfam.de/ueber-uns/publikationen/oxfams-bericht-covid-19-auswirkungen-ungleichheitsvirus, eine Zusammenfassung und Bewertung bieten Bastian Brinkmann und David Pfeiffer in der Süddeutschen Zeitung: https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/armut-corona-oxfam-kinder-1.5183057, beide Zugriffe am 25.1.2021).

Die von den Vereinten Nationen für 2030 beschlossenen „Sustainability Development Goals“ (SDG) werden – so sieht es aus – nicht erreicht. Erreichtes ist bedroht. Auch in Europa werden wir dies spüren, einerseits durch Migration aus armen Ländern, andererseits, weil viele junge Menschen auch bei uns mehrere Jahre Bildungszeit und damit so gut wie jede Chance auf ein selbstbestimmtes auskömmliches Leben verlieren, wenn wir nicht umgehend gegensteuern. Doch diese Gegensteuerung erscheint in weiter Ferne. Gebetsmühlenartig wiederholen deutsche Bildungsminister*innen ihr Mantra von einer baldigen Schulöffnung, noch ein Versprechen. Wie sie die Schüler*innen unterstützen könnten, die bereits grundlegende Bildungsinhalte verpasst haben und – wenn sich nichts ändert – nie wieder aufholen können, ist nicht ihr Thema. Vielleicht delegieren sie dieses Thema mehr oder weniger bewusst auf Sozial- und Innenminister*innen der Zukunft. Die einen wären für die dann erforderlichen Sozialprogramme zuständig, für ein Hartz IV 2.0, 3.0 oder 4.0, die anderen für die Bekämpfung der nicht unwahrscheinlichen Rebellionen, Aufstände samt allen denkbaren Extremismen. Mich erinnert das ständige Versprechen, bald würden Schulen und Kindertageseinrichtungen „geöffnet“, an das Mantra einer Kurzgeschichte von Heinrich Böll: „Es muss etwas geschehen.“

Auch in den kommenden Monaten werden immer wieder Kinder und Jugendliche, einzelne Klassen nach Hause geschickt werden, Schulen und Kindertageseinrichtungen geschlossen. Flächendeckende Schließungen von Kindertageseinrichtungen und Schulen sind auch im Schuljahr 2021/2022 noch möglich, es sei denn, dass wir jetzt ein System entwickeln, das vorbeugt. Ein solches System müsste sich an Inzidenzen der Pandemie sowie an den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen orientieren, es müsste differenzierte Reaktionen auf neuerliche Ausbrüche der Pandemie ermöglichen.

Ich möchte auf der Grundlage einer Analyse der aktuellen (bildungs-)politischen Diskurse ein pessimistisches und ein optimistisches Szenario vorstellen. Bei dem pessimistischen Szenario komme ich mir mitunter vor wie Dr. Ian Malcolm (Jeff Goldblum) in „Jurassic Park“, der vor sich hin seufzt, er hasse es, immer recht zu behalten. Das optimistische Szenario nennt jedoch Elemente, Prolegomena einer wirksamen Gegensteuerung, einer Bildungsreform, die ihren Namen verdient.

Lasset uns testen

Eines der prominenten Beispiele ungehaltener und unhaltbarer Versprechen ist das Versprechen des amtierenden deutschen Bundesgesundheitsministers, dass es angesichts der bis zum Sommer 2020 gewonnenen Erkenntnisse nicht mehr notwendig sein werde, Friseure zu schließen. Was wurde geschlossen? Friseure. Viele ähnliche Versprechen durchziehen die gesamte Pandemie, eines davon lautet: Schulen und Kindertagesstätten werden als erste geöffnet, sie werden bald geöffnet, so schnell wie möglich. Nicht für alle, aber sie werden geöffnet. Problem gelöst.

Ob es bei diesen Öffnungsdebatten um Kinder und Jugendliche geht, wage ich zu bezweifeln. Manche Politiker*innen sagten sehr deutlich, dass es bei der Sicherung des Präsenzunterrichts in den Schulen darum gehe, dass Eltern ungestört von betreuungs- und beschulungsbedürftigen Kindern ihren Arbeitsplatz besuchen könnten. Hauptsache, die Wirtschaft läuft, einschließlich der Rüstungsbetriebe, nach deren Berechtigung im Vergleich zu Schulen ein Journalist kürzlich den Pressesprecher der Bundesregierung fragte. Der wich aus, aber das ist letztlich der wesentliche Inhalt seiner Jobbeschreibung.

Auch die Politikerin, die zurzeit versucht, die Zweifel an ihrer Dissertation zu vertagen, um ein Amt zu erlangen, das vor allem ihre Partei in der größten Stadt Deutschlands retten soll, gab ein Versprechen ab. Sie versprach, Kindertagesstätten und Schulen sollten so schnell wie möglich geöffnet werden, vor allen anderen Einrichtungen. Ihre Ankündigung ist auch ein Herzensanliegen der für Schule und Kindertageseinrichtungen in den Ländern zuständigen Minister*innen, der für Kinder und Jugendliche zuständiger Minister aus einem westlichen Bundesland versprach im Herbst 2020, er wolle auf keinen Fall mehr Kindertagesstätten schließen lassen. Auch Schulen müssten offen bleiben.

Und damit die Öffnung gelingt – so die zitierte Politikerin – soll mehr getestet werden. Wir erinnern uns: Tests waren in den vergangenen Jahrzehnten eines der wesentlichen Instrumente der Bildungspolitik in Deutschland. Groß angelegte Testbatterien sorgten dafür, dass Schulen beschäftigt waren. Schulinspektionen, mitunter euphemistisch „Qualitätsanalyse“ genannt, suchten Schulen in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen auf und nahmen umfangreiche Berichte zur Kenntnis. Diese Testbatterien belasteten Lehrer*innen erheblich. Jetzt also ständige, möglichst tägliche Corona-Tests, vielleicht nach dem Muster der Slowakei? Dort muss jeder Berufstätige vor Aufsuchen des Arbeitsplatzes einen negativen Test vorweisen, täglich. Ein Modell auch für Schule und KiTa?

Unhaltbare Versprechen – Falsche Prioritäten

Ob die Versprechen, Schulen und Kindertagesstätten als erste und sobald wie möglich zu öffnen, haltbar sind, weiß heute niemand. Niemand! Wir wissen nicht, ob Geimpfte andere Menschen noch anstecken können, wir wissen nicht, wie die diversen Mutationen wirken, alles offene Fragen. Daher ist es richtig, wenn ein Ministerpräsident, der sich für ein höheres Amt auf Bundesebene befähigt glaubt, sagt, es wäre schwer, Ausstiegsszenarien zu entwickeln, wenn niemand wisse, wie sich die Infektionslage weiterentwickele. So weit richtig und trotzdem falsch, wie jede halbe Wahrheit.

Es wäre durchaus denkbar, ein schrittweises Ausstiegsszenario an Inzidenzen zu orientieren. Australien hat damit gute Erfahrungen gemacht. Aber da die australischen, neuseeländischen oder taiwanesischen Erfahrungen in der Entwicklung einer deutschen oder europäischen Strategie kaum eine Rolle spielen, bleibt es bei der bisherigen Politik von der Hand in den Mund. Erlaubt ist auch die Frage, warum es die Stadt Rostock mit ihrem dänischen Bürgermeister geschafft hat, dass dort die Inzidenz immer im grünen Bereich lag. Alle Entscheidungen auf Bundes- und Länderebene werden jedoch ad hoc getroffen, und immer wieder warnt die ein oder andere Kassandra – die beiden bekanntesten Kassandren sind Männer – und so ganz unrecht haben die nun einmal nach den bisherigen Erfahrungen nicht. Glücklicherweise ist keine der Kassandren in Deutschland ein Savonarola, Jan van Leiden oder – ich nenne keine Namen der Zeitgeschichte, jede*r Leser*in mag ergänzen.

Wir brauchen eine Bestandsaufnahme, die deutlich über Infektionszahlen und Impfstofflieferungen hinausgeht. Wir müssen ernsthaft über drohende Insolvenzen und einen Anstieg von Hartz-IV-Empfänger*innen aus den Bereichen der Kulturschaffenden, der Gastronomie, der Textilgeschäfte oder der vielen Soloselbstständigen sprechen. Und es geht um verhinderte Bildungschancen. Ich benutze bewusst den Begriff „verhindert“ und nicht den in der Regel verwendeten Begriff „verpasst“. Die Kinder, die Jugendlichen, deren Eltern trifft keine Schuld. Schuldzuweisungen, wie wir sie aus der Vergangenheit und Gegenwart kennen, sind nicht mehr und nicht weniger als das Eingeständnis eigener Inkompetenz.

Die fehlende digitale Ausstattung von Schulen fällt bei der anstehenden Bestandaufnahme inzwischen als erstes ein. Sie ist inzwischen allen bekannt, aber aus meiner Sicht nur die Spitze des Eisbergs. Ursache für die versäumte Digitalisierung der Schulen ist nicht die Bürokratie, wie die Bundeskanzlerin am 26. Januar 2021 in Davos meinte. Es hilft auch nichts, alle Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie zu zentralisieren. Sicherlich ist es richtig, die Vernetzung der Daten der Gesundheitsämter zu fördern. Falsch ist es jedoch – wie vor Kurzem beschlossen – allen Gesundheitsämtern eine einzige Software aufzuzwingen, auch denen, die bereits gut funktionierende Programme in Eigeninitiative geschaffen haben. Die Datenverluste und der Zeitverlust für zusätzliche Schulungen der kommunalen Mitarbeiter*innen wären erheblich. Falsch ist es, in einem laufenden Verfahren die Vergabe von Impfstoffen den Kommunen zu entziehen und zu zentralisieren – wie in einem Bundesland geschehen.

Es wirkt ohnehin etwas merkwürdig, wenn Politiker*innen sich über eine Bürokratie beklagen, für die sie verantwortlich sind und die sie selbst geschaffen haben. Bürokratie bietet viele Instrumente, mit denen Probleme angegangen werden können, aber ohne entsprechende Vorgaben und Spielräume – beide Begriffe gehören zusammen – geht es nicht. Bürokratie baut man*frau nicht ab, indem Personal – wie es so heißt – „abgebaut“ wird, sondern indem Vorgaben und Spielräume klar definiert werden. Es ist und bleibt die Aufgabe der Parlamente, entsprechende Entscheidungen zu treffen, zum Datenschutz, zu Ausschreibungsverfahren, zu Forschungsaufträgen und nicht zuletzt zu Prioritäten im Haushalt von Bund, Ländern und Gemeinden.

Auch der Sommer 2020 wurde verschlafen, vorsorgende Politik Fehlanzeige. Und so gibt es immer wieder denkwürdige Nachrichten, beispielsweise die, dass drei Kinder auf dem Sofa sitzen und dort gemeinsam Papas Smartphone nutzen, weil es kein anderes Gerät gibt, dass ein Kind in der Woche eine digitale Unterrichtsstunde hatte, eine Sportstunde. Das sind leider keine polemisch genutzten Einzelfälle, das sind reale Begebenheiten, die sich endlos fortsetzen ließen. Der eigentliche Skandal liegt jedoch darin, dass Schulen, die in der Lage sind, ein differenziertes Hybridkonzept durchzuführen, von der Schulaufsicht daran gehindert wurden. Ich habe über einen solchen Fall berichtet: Education First! (https://demokratischer-salon.de/beitrag/education-first-2/). Aber immerhin sollen alle Prüfungen wie gehabt stattfinden.

Hannes Soltau veröffentlichte am 10. Januar 2021 im Tagesspiegel einen Artikel mit dem bezeichnenden Titel „Auf dem Holzweg – In der deutschen Bildungspolitik stehen schon lange nicht mehr Inhalte im Vordergrund“. Ich erlaube mir, sein Fazit zu zitieren: „In effizienz-, kompetenz- und outputorientierten Schulen ächzen Lehrerinnen und Lehrer seit Jahren unter einem enormen Druck durch Evaluationsmethoden, Digitalisierungsvorhaben, Vergleichbarkeitswahn und latenter PISA-Fixiertheit.“ Daher verwundert es nicht, dass die Abschlussprüfungen offenbar den Schulminister*innen besonders am Herzen zu liegen scheinen, „Kreativität, Neugierde und Fantasie“ der Kinder jedoch keine Rolle zu spielen scheinen. (https://www.tagesspiegel.de/kultur/auf-dem-holzweg-in-der-deutschen-bildungspolitik-stehen-schon-lange-nicht-mehr-inhalte-im-vordergrund/26783422.html, letzter Zugriff am 25.1.2021)

Es entsteht der Eindruck, dass die Schule in den Köpfen mancher Politiker*innen zu einer Qualifikationsmaschine verkommen ist so wie die Kindertageseinrichtungen und außerunterrichtlichen Ganztagsangebote als reine Betreuungsmaschine verstanden werden. Aber vielleicht ist das nur ein Trend, den es ohnehin schon gab und den die Pandemie nun öffentlich sichtbar macht.

Zukunftsszenario für September 2021 – die pessimistische Variante

Wie wird das Schuljahr 2021/2022 beginnen? Bei der Debatte um die Öffnung von Schulen und Kindertageseinrichtungen geht es nicht um das Ob und Wann, sondern um das Wie, auch um das Wie für den Fall, dass nicht alle Schulen geöffnet werden können, einige möglicherweise wieder schließen müssen oder für den Fall, den niemand wünscht, der aber auch nicht abwegig ist, dass es weitere flächendeckende über mehrere Monate währende Schulschließungen geben wird. Ein Ob und Wann können die Schul- und Jugendminister*innen nach der Vielzahl in der Vergangenheit versäumter Entscheidungen nicht versprechen, das Wie hätten sie schon lange vorbereiten können und damit die heutige Debatte um das Ob wäre in vielen Regionen obsolet. Aber verpasst ist verpasst.

Ich bin überzeugt, dass es viele gute Schulen und viele engagierte Lehrer*innen gibt, denen es gelingt, ihre Schüler*innen gut zu erreichen, sie zu unterstützen und das Schlimmste zu verhindern. Aber sie alle haben Grenzen in ihren Spielräumen, in ihrer Wirkung, sie alle müssen mit den Alltäglichkeiten schlechter Infrastruktur kämpfen und werden es nicht schaffen, allen Schüler*innen das zu bieten, was ein Normalbetrieb bieten könnte. Manche werde es alleine gut schaffen, manche mit Abstrichen, aber es wird auch viele geben, die gnadenlos ins Hintertreffen geraten. Die 20 – 25 Prozent, die in diversen Vergleichsstudien regelmäßig die Anforderungen nicht erfüllen, mögen einen Vorgeschmack auf das Desaster geben, das uns erwartet, ein Bildungsproletariat.

  • Wir werden zu Beginn des Schuljahres 2021/2022 – Normalbetrieb vorausgesetzt – Kinder erleben, die in der Kindertagesstätte etwa zwei Jahre lang weder kontinuierlich sprachlich gefördert worden sind noch grundlegende Regeln des alltäglichen Lebens erlernt haben. Zu diesen Alltäglichkeiten gehört nicht nur regelmäßige Hygiene (Stichwort Händewaschen), sondern auch vieles andere, von der Verkehrserziehung bis hin zu ordentlichen Tischsitten, die ein beträchtlicher Anteil von Kindern nicht mehr zu Hause erlernt haben, dazu gehört friedlicher und konstruktiver Streit, wenn nötig eben auch die Erfahrung einer Streitschlichtung.
  • Wir werden Kinder erleben, die zwei Jahre lang weder flüssig lesen noch schreiben gelernt haben, dann aber in die dritte oder zweite Klasse versetzt werden. Es wird Kinder und Jugendliche in allen Klassenstufen geben, die zwei Jahre lang nur rudimentären Unterricht hatten. Vor allem diejenigen, die dringend Förderung in der Schule bräuchten, werden den Anschluss verloren haben und ihn wahrscheinlich bei der Fortsetzung der bisherigen Strategien nie wiedererlangen. Kinder, die noch nicht genug Deutsch haben lernen können, um dem Unterricht folgen zu können, werden in den beiden Jahren Vieles wieder verlernt haben. Gelegenheit, das Gelernte zu erproben, hatten sie nicht.
  • Es gibt Kinder und Jugendliche, die 20 bis 30 Kilo zugenommen haben, weil sie sich kaum bewegt und sich dank fehlender Verpflegung in der Schule fehlernährt haben, mit allen kurz- und langfristigen gesundheitlichen Folgen. Abgesehen davon bieten das gemeinsame Mittagessen, vielleicht auch das gemeinsame Frühstück, sowie die gemeinsamen Aktivitäten im unterrichtlichen und außerunterrichtlichen Schulsport Gelegenheit zur Entwicklung grundlegender sozialer Fertigkeiten und Verhaltensmuster, die in der Einsamkeit des sogenannten „Homeschooling“ nicht entwickelt und nicht gepflegt werden können.
  • Der rudimentäre Sportunterricht, der ohnehin schon durch viele fachfremde Lehrkräfte, vor allem in den Grundschulen, litt, lässt sich nicht per Videokonferenz mit Yoga-Matte kompensieren. Bewegung, Spiel und Sport im Ganztag, Schwimmunterricht fielen aus, Bäder und Sportanlagen blieben gesperrt. Die Zahl der Kinder, die mit Eintritt in die weiterführende Schule nicht sicher schwimmen gelernt haben, dürfte sich deutlich erhöhen. Die eine Stunde Bewegung, die jeder Mensch nach den Erkenntnissen der Sport- und Gesundheitswissenschaft täglich haben sollte, fehlte.
  • Außerunterrichtliche Angebote, das Klassenorchester, der Besuch des Jugendtheaters, von Gedenkstätten und anderen außerschulischen Lernorten, der Weg in die Natur, die Praktika in Betrieben, Krankenhäusern und Altenheimen – all dies fand nicht statt und so verschwindet ein wesentlicher Teil von Schule, Schule als Lebensraum scheint der Vergangenheit anzugehören. Ganztagsangebote fanden nur sporadisch statt, sodass wir uns von dem Ziel einer kohärenten Ganztagsbildung weit entfernt haben.
  • Wenn ich berichte, das Abholen eines Zeugnisses würde zum Wandertag erklärt, könnte der Eindruck entstehen, ich verfasse eine Satire. Ist es nicht. Es geschieht. Wandertage, Ausflüge, Klassenfahrten gehören zum Bildungsangebot jeder guten Schule, sollten sie zumindest, doch auch all das findet zurzeit nicht statt. Es muss ja nicht gleich die Skifreizeit oder die Klassenfahrt in eine europäische Hauptstadt sein, in der Umgebung jeder Schule gibt es so viel zu entdecken, doch nicht einmal das haben Kinder und Jugendliche kennenlernen dürfen. Nur am Rande: es gab schon immer in Hamburg-Wilhelmsburg oder in Köln-Chorweiler Kinder, die nicht wussten, dass es in ihrer Stadt einen Zoo gibt. Diese Zahl wird steigen, auch in anderen Vierteln.
  • Es gibt Kinder, die ihre Lehrer*innen kaum, einige sogar nie gesehen haben, sie noch nicht einmal mehr mit Namen kennen, aber sämtliche Figuren ihres Lieblingscomputerspiels voneinander unterscheiden können. Ein gutes Gedächtnis haben diese Kinder – das wäre sogar ein Potenzial – aber wie holen sie das auf, was sie nicht haben lernen können? Wie gewinnen sie Vertrauen zu ihren Lehrer*innen, die sich im sogenannten „Lockdown“ nicht um sie gekümmert haben.
  • Schule ist für die Schüler*innen auch ein Diskursraum, ein Reflexionsraum, in dem sie über Dinge nachdenken und diskutieren können, von denen sie zu Hause nie erführen und die im Alltag vielleicht keine so große Rolle spielen. Dieser Diskursraum ist für die Schüler*innen weitgehend verschwunden. Das gilt nicht nur für besonders begabte Schüler*innen, sondern für alle.
  • Last not least: in Kindertageseinrichtungen und Ganztagsschulen schwindet jeder Bildungsanspruch. Es bleibt bei Betreuung, korrekt formuliert im Jargon der Ministerien „Notbetreuung“, zu der nur Zugang hat, wer in für „systemrelevant“ erachteten Berufen tätig ist. In Berlin gibt es immerhin eine 28seitige Liste, wer dazugehört. Nur so viel: Künstler*innen und Kulturschaffende gehören nicht dazu.
  • Ein Lehrerverbandspräsident meinte, die Kinder müssten ein Jahr freiwillig wiederholen dürfen. Das scheint einigen Schulminister*innen zu gefallen. Wie die von mir – und eben nicht nur von mir – skizzierten Fehlentwicklungen jedoch aufgefangen werden könnten, dazu kein einziges Wort, nur das aus drei Worten bestehende Mantra: Öffnen, öffnen, öffnen, testen, testen, testen, Präsenzunterricht, Präsenzunterricht, Präsenzunterricht.

Ein anderes Zukunftsszenario – die optimistische Variante

Schule soll Kindern Freude am Lernen, am Entdecken von Neuem, am Experiment vermitteln, ihnen helfen, die eigenen Fähigkeiten und Interessen zu erkunden, zu erproben und auszuweiten. Das sollte unstrittig sein, sollte.

  • Digitalisierung ist eine Voraussetzung, wird alleine jedoch nicht ausreichen. Gute Bildung ist mehr als die Bereitstellung von Technologie. Selbst wenn Schulen mit allen digitalen Feinheiten, alle Schüler*innen, das gesamte Schulpersonal, Lehrer*innen ebenso wie Sozialarbeiter*innen mit Geräten ausgestattet sind und jede Fehlfunktion von einer kompetenten Systemadministration unverzüglich beseitigt wird, selbst dann hat die Schule ihren eigentlichen Zweck noch lange nicht erfüllt.
  • Das, was wir jetzt brauchen, ist ein individuell an den jeweiligen Problemlagen ausgerichtetes Förderkonzept. Es bringt überhaupt nichts, wenn Kinder, die ein bis zweijährige Rückstände erlitten, mit Kindern, die ein oder zwei Jahre jünger sind und gut durch die Krise gekommen sind, in einer Klasse lernen. Erforderlich sind individuelle Förderkurse in kleinen Gruppen mit schrittweiser Wiedereingliederung in ihre bisherigen Klassen. Das kann durchaus ein Jahr dauern, bei manchen Kindern auch länger.
  • Ferienkurse noch in diesem Sommer wären ein Anfang, allerdings auch nur ein Anfang, nicht mehr und nicht weniger, und es wäre ein Segen für die Kinder, die ohnehin nicht in Urlaub fahren können. Wie Ferienkurse ermöglicht werden, sollte jetzt mit Schulträgern und Schulen erörtert werden. Die Sprachcamps zum Erlernen der Bildungssprache Deutsch sind ein gutes Vorbild. Ferienkurse müssen nicht unbedingt in den Schulen stattfinden, vielleicht sind andere Lernorte sogar besser geeignet, denn die Schulträger brauchen die Ferien, um die Schulen für die Zukunft pandemiegerecht auszurüsten, Luftfilter einzusetzen, die Voraussetzungen für eine umfassende digitale Infrastruktur zu schaffen, Ausbauten im Hinblick auf das neue Bundesprogramm zur Erfüllung des Rechtsanspruchs auf einen Ganztagsplatz vorzunehmen und vieles mehr.
  • Die von mir vorgeschlagenen Kleingruppen haben das Ziel, dass die teilnehmenden Schüler*innen mit der Zeit in den Regelbetrieb ihrer Klassen integriert werden. Und damit die Schüler*innen den Kontakt zu ihren Klassenkamerad*innen nicht verlieren, sollten sie schon zu Beginn an Sport, Musik, Kunst und außerschulischen Angeboten, dem Besuch der außerschulischen Lernorte teilnehmen. Ich denke, dass es innerhalb eines Jahres gelingen mag, das Verpasste, Versäumte aufzuholen und wieder zu einem normalen Schulbetrieb zurückzukehren (wohlgemerkt: als Hybridbetrieb). Aber das eine Jahr darf kein Dogma sein.
  • Es ist für die Seele der Bildung grundlegend, dass wir allen Schüler*innen die Möglichkeit geben, dass sie den Besuch außerschulischer Lernorte, das Klassenorchester, außerunterrichtlichen Schulsport, Sozial- und Betriebspraktika, den Besuch von Gedenkstätten und nicht zuletzt die Schule als Diskurs- und Reflexionsraum genießen und erleben können. Hier erfahren Schüler*innen die Anregungen, die sie sonst nirgendwo bekämen, hier können sie sich im Gespräch, in der Begegnung mit anderen Menschen, mit Fremdem und Fremden, mit im Alltag nicht sichtbaren Situationen ihre eigene Identität ausbilden und erproben. Ganztagsangebote könnten so wieder zur Ganztagsbildung werden.
  • Aus den Erfahrungen der beschriebenen Elemente ließe sich ein Gesamtkonzept individueller und individualisierender Lernzeiten ableiten. Es gibt Schulen, die dies beherrschen, aber es ist ein Modell für alle. Der Hybridbetrieb würde dazu beitragen, dass Schüler*innen, die eher weniger Anleitung und Unterstützung brauchen, einen höheren Anteil an Selbstlernphasen haben, während andere, die eher mehr brauchen, selbstverständlich diesen ständigen Kontakt mit ihren Lehrkräften genießen dürfen.
  • Das alles wäre individuelle Förderung im besten Sinne. Dass es für diese individuelle Förderung sowie den hybriden Schulbetrieb eine umfassende und begleitende Fortbildung der Lehrer*innen geben und dass dies auch in den Kindertageseinrichtungen für die dort tätigen Erzieher*innen erfolgen sollte, ist eigentlich selbstverständlich. Es wäre aber hilfreich, wenn Ministerien, Lehrerverbände und Personalräte sich möglichst bald, möglichst noch in diesem Frühjahr darüber verständigen, dass dies der richtige Weg ist. Wenn sie sich jedoch in endlosen Mitbestimmungsverfahren verzetteln und die Ministerien wie zurzeit üblich nicht mit den Verbänden und schon gar nicht mit Betroffenen sprechen, wird das schwierig und jede Schule ist auf sich selbst angewiesen.
  • Ich halte es für dringend erforderlich, die Lernstände der Kinder zu analysieren, gegebenenfalls mit vielen Einzelgesprächen, um dann die Förderangebote durchzuführen. Das ist eine grundlegende Aufgabe der Lehrer*innen. Damit Lehrer*innen auch die Zeit haben, dies zu tun und sich um die erforderlichen Kleingruppen zu kümmern, müssen wir sie entlasten. Wir sollten all das aussetzen, was sie belastet und in der aktuellen Situation ohnehin kaum helfen dürfte. Ich plädiere für ein Moratorium sämtlicher bundes- und landesweiter Tests, von PISA, IGLU, VERA und wie sie alle heißen sowie ein Aussetzen aller Schulinspektionen, am besten für die nächsten drei Jahre. Andere Reformvorhaben, beispielsweise zur Veränderung der Schulstruktur, zur Veränderung der Schulaufsicht, die immer wieder zu dem Repertoire reformbewegter Bildungspolitiker*innen und Wissenschaftler*innen gehören, sollten ebenfalls ausgesetzt werden.
  • Das Moratorium für Reformen sollte sich jedoch nicht auf einen inhaltlichen Diskurs beziehen. Wir sollten die Zeit nutzen, einen gesellschaftlichen Dialog zu initiieren, in dem wir darüber sprechen und streiten, was wir lernen wollen, was Kinder und Jugendliche in der Schule lernen wollten, wie wir die Vielfalt unserer Gesellschaft auch in den Schulen abbilden können. Dazu sollten wir nach Modellen wie der Planungszelle auch Bürger*innen beteiligen, die vielleicht gar nichts unmittelbar mit Schule zu tun haben. Vor allem aber sollten wir die Kinder und Jugendlichen selbst beteiligen.

Die Chance, die wir nicht verpassen sollten

Vielleicht bietet die Pandemie sogar eine Chance. Es wäre die Chance für ein Debattieren über Schule ohne lästige und nervige Debatten über die richtige oder falsche Schulstruktur. Ein richtig oder falsch gibt es ohnehin nicht, denn im Vordergrund sollten Inhalte stehen, nicht nur die Klassiker Deutsch, Mathematik, Englisch, auch Demokratie und historisch-politische Bildung, Bildung für nachhaltige Entwicklung, Mehrsprachigkeit, kulturelle Vielfalt und soziale Gerechtigkeit, Antisemitismus, Antiziganismus, Rassismus, Sexismus – all dies sind die Themen, die unsere Gesellschaft im Kern betreffen und verändern, all dies ist Thema vieler Fächer, sollte es zumindest sein. Einige Empfehlungen der KMK bieten bereits ausgezeichnete Grundlagen, hier hat die KMK Gutes getan. Nur leider gibt es ein Manko: diese KMK-Empfehlungen wurden bei der Ausgestaltung von Lehrplänen, Aus- und Fortbildung von den Minister*innen, die sie beschlossen haben, in der Regel ignoriert.

Der Kern einer Bildungsreform, die den Namen verdient, besteht meines Erachtens aus folgenden Elementen:

  • eine inhaltliche Debatte darüber, was wir in der Schule lernen sollten, und welche Bildung wir in Kindertageseinrichtungen brauchen,
  • individuelle Förderung in Form individualisierender Lernzeiten, die nun wirklich kein Kind mehr zurücklassen,
  • Infrastruktur und Know-How für hybride Lernformen, in denen Schüler*innen den Spielraum haben, ihr eigenes Lerntempo zu finden,
  • eine Reform von Aus- und Fortbildung, die sich an den vorgenannten Kriterien orientiert, mit einer durchgängigen Gelegenheit zur Supervision für Lehrkräfte und alle in Schule wirkenden Fachkräfte.

Es gibt eine große Chance für eine solche Bildungsreform, die den Namen verdient. Wenn wir diese Chance jetzt verpassen, kann es jedoch böse enden. Es ist im Grunde wie mit der Klimakrise. Viel Zeit bleibt nicht!

Dr. Norbert Reichel, Bonn