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Digitalpakt – und nun?

Die Republik jubelt. Der Digitalpakt ist auf dem Weg, das Verfassungsinstrument Vermittlungsausschuss agiert erfolgreich und die Institutionen beweisen, dass trotz aller Unkenrufe das demokratische System funktioniert. Den Ländern werden weder Kompetenz entzogen noch unerfüllbare Aufgaben aufgebürdet und die Bundespolitik geriert sich als Samariter der Digitalisierung. Also Ende gut, alles gut? Im Gegenteil, wir haben immer noch nicht begriffen, dass wir erst am Anfang sind.

Auch bei der digitalen Infrastruktur gibt es enormen Nachholbedarf, und es ist peinlich, dass unsere Klassenräume oftmals die optische Veränderung haben, die wir uns für unsere Haut im Alter wünschen: Gar keine. Nur: Wenn in jedem Klassenzimmer Bildschirme hängen und der WLAN-Router blinkt, dann haben wir zunächst eben nur die notwendige digitale Infrastruktur hergestellt. Ich befürchte dennoch, dass in den lokalen Zeitungen des Landes in den nächsten Monaten tausende Fotos mit stolzen Schulleitungen (und noch stolzeren Politiker*innen) vor interaktiven Tafeln auftauchen, die suggerieren, die Schulen seien nun „fit für die Digitalisierung“. So tragen oftmals überteuerte, interaktive Whiteboards zur Gewissensberuhigung bei. Ansonsten bleibt Schule wie sie ist. Zwei Stunden Mathe, fünfzehn Minuten Pause, zwei Stunden Englisch, zehn Minuten Pause und dann je eine Stunde Politik und Erdkunde. Der Lehrer steht vorne (jetzt an einem interaktiven Whiteboard), die Schüler sitzen an Gruppentischen und am Ende wird jede Leistung in Form von sechs möglichen Noten ordentlich in ein dann digitales Klassenbuch eingetragen. Das Schicksal der Sprachlabore aus den 1970er Jahren sollte uns eigentlich daran erinnern, wie es nicht laufen darf. Die verwahrlosten in schon für damalige Zeiten atemberaubendem Tempo.

Wir müssen Schule stattdessen grundlegend neu denken, statt nur die Kreidetafel durch das Smartboard zu ersetzen. Immer noch sehnen wir uns nach dem Humboldtschen Bildungsideal und prüfen vor allem eins: Wissen. Das führt zu einer reproduzierenden Bildung. Dabei kann nichts so gut reproduzieren und speichern wie ein Computer. Wenn wir über eine Bildung für die Digitalisierung sprechen, müssen wir uns überlegen, welche Kompetenzen nicht digitalisiert werden können und unsere Bildung darauf ausrichten. Und wir müssen uns die Frage stellen, wofür wir die Digitalisierung nutzen wollen und welche Kompetenzen dafür notwendig sind. Natürlich müssen in unseren Schulen Grundkenntnisse des Programmierens vermittelt werden, aber genauso müssen wir die Kompetenzen Kreativität, Umgang mit Medien, Wirken von Algorithmen auf unsere Gesellschaft und die soziale Interaktion zum Thema machen. Wir müssen die Digitalisierung für eine individuelle Förderung nutzen und von einer Begabtenförderung zu einer Begabungsförderung kommen und wir können die Digitalisierung nutzen, um endlich Rollen aufzubrechen: Aus Lehrer unterrichtet alle wird Alle lernen mit und von allen.

Dabei sollten wir bedenken, warum die Digitalisierung so schnell ist: weil sie nicht zentral gesteuert wird. Wenn wir dem mit einem Bildungssystem entgegnen wollen, dass von hierarchisch Zuständigkeiten nur so wimmelt, werden wir zwangsläufig und immer zu langsam sein. An unseren Schulen und in unserer Bildungspolitik brauchen wir also Raum zur Entfaltung, Mut und die Erkenntnis, dass die Entwicklung zur Schule für die Digitalisierung nicht bei der digitalen Tafel endet.

Miriam Meckel bringt es auf den Punkt: „Wenn wir uns die Mühe machen, uns neu anzuschleichen, ganz langsam, aber beständig, wenn wir den Blick darauf gerichtet halten und den Sensoren der Welterfassung ins Auge sehen, dann kann etwas Gutes geschehen. Dann können wir plötzlich unsere Hände auf die unsichtbaren Grenzen legen und sie neu spüren. Und in diesem Moment verschwindet alles Bedrohliche. Determinierte, Unabwendbare der Technik, und wir spüren: Wir bleiben.“ (in: „Wir verschwinden – Der Mensch im digitalen Zeitalter“, Kein & Aber Verlag).

Tim Achtermeyer