Projekt Beschreibung

Interreligiös und Dialogisch

Ein Gespräch mit Bernd Ridwan Bauknecht über Islamischen Religionsunterricht

„Eine Religionspädagogik, die zur Wahrnehmung und zum Verstehen religiöser Pluralität und zur Anerkennung der mit Religionen verbundenen Ansprüche auf Heil und Wahrheit anleiten möchte, überwindet eine auf Abgrenzung bezogene Deutung von Unterschieden und zielt auf die Entwicklung einer Gemeinschaft, in der Unterschiede ihre trennende Wirkung verlieren. Wir verfolgen einen Ansatz, der es erlaubt, Religion zu vermitteln, ohne dabei zwangsläufig andere Formen herabzuwürdigen. Vielmehr geht es uns um eine positive Wertung der Vielfalt der Religion.“ (Projektgruppe „Interreligiöse Religionspädagogik“: Dialog und Transformation – Auf dem Weg zu einer pluralistischen Religionspädagogik – Ein Diskussionspapier Bonn 2020)

Das zitierte Diskussionspapier war das Ergebnis der Arbeit einer Projektgruppe von 14 Expert*innen aus Christentum, Islam und Judentum und darf als eine wichtige Grundlage für den Religionsunterricht in allen drei großen monotheistischen Religionen gelten. Bernd Ridwan Bauknecht war einer der 14 Expert*innen. Es beteiligten sich ferner u.a. Mouhanad Khorchide, Ephraim Meir, Rabeya Müller, Andreas Obermann und Perry Schmidt-Leukel.

Bernd Ridwan Bauknecht

Seit dem Jahre 2004 lehrt Bernd Ridwan Bauknecht Islamischen Religionsunterricht an einer Bonner Gesamtschule. Der Islam- und Sozialwissenschaftler ist Autor von Schulbüchern, Unterrichtsmaterialien und wissenschaftlichen Publikationen zum Themenfeld Islam, beispielsweise in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung. Er war Mitglied der Zweiten Islamkonferenz. Im Demokratischen Salon hat sich Bernd Ridwan Bauknecht bereits zwei Mal vertreten, einmal in einem Text zum Thema „Junge Muslime – ganz anders – Ein Lob der Vielfalt“ sowie in einem Gespräch, das ich unter dem Titel „Jenseits der Kulturen“ mit ihm und Ayfer Dağdemir, der Vorsitzenden des Vereins für transkulturelle Bildung in Bonn ANqA e.V. geführt habe.

Stereotype und Klischees – eine schwierige Debatte

Norbert Reichel: Du warst Mitglied der Zweiten Deutschen Islamkonferenz. Eine Anregung der Islamkonferenz war die Einrichtung eines Beirats, bestehend unter anderem aus diversen muslimischen Verbänden. Dies sollte als Übergangslösung bis zur Anerkennung dieser Verbände als Religionsgemeinschaften gelten. Nordrhein-Westfalen richtete im Jahr 2011 einen solchen Beirat ein, zunächst befristet bis 2020 (die Internetseite des Beirats ist leider nicht auf aktuellem Stand.)

Die Anerkennung der Verbände als Religionsgemeinschaften gibt es bis heute nicht. Das hängt auch damit zusammen, dass DITIB, in Deutschland der größte dieser Verbände, aufgrund seiner großen Nähe und finanziellen Abhängigkeit von der türkischen Religionsbehörde Diyanet, immer in der Kritik stand. Nach dem Putsch vom 15. Juli 2016 gegen den türkischen Präsidenten und die darauffolgenden Verhaftungen von Journalist*innen, Künstler*innen und Oppositionspolitiker*innen verstärkte sich diese Kritik. Der Sitz von DITIB im Beirat ruhte seit 2017. Jetzt ist DITIB wieder in der Kommission vertreten, die den Beirat ablöste. Wie bewertest du diesen Streit um DITIB?

Bernd Ridwan BauknechtDie DITIB ist der größte Dachverband von Muslim*innen in Deutschland. Dort gibt es Menschen mit vielen verschiedenen Einstellungen. Darunter sind CHP-Wähler*innen, auch Menschen, die ganz andere Parteien wählen und alles andere im Sinn haben als Erdoğan zu bewundern und zu folgen. Da wird alles in einen Topf geworfen.

Am 30. Mai 2021 hat Westpol über die Einrichtung der Kommission berichtet. Am 4. Mai hatte der bisherige Beirat dem Landtag Nordrhein-Westfalen seinen Abschlussbericht zugeleitet. Der Abschlussbericht enthält den Hinweis, dass der Beirat bereits 2017 das Lehrbuch Saphir, das heute bereits von vielen Lehrkräften im Islamischen Religionsunterricht verwendet wird, dem Ministerium mit dem Vorschlag zur Bildung einer Schulbuchkommission zugeleitet habe. Das Ministerium habe sich jedoch bis heute nicht gemeldet. In dem Bericht von Westpol wird jedoch der Eindruck erweckt, als habe der Beirat das Lehrbuch abgelehnt, unter anderem, weil dort ein Mädchen in Hosen abgebildet worden sei. Problematisch fand ich in dem Bericht auch die Aussage einer Politikerin der Grünen, die DITIB und anderen Verbänden pauschal Antisemitismus unterstellte.

Norbert Reichel: Harry Harun Behr hat in einem Essay des von ihm gemeinsam mit Meltem Kulaçatan herausgegebenen Buch „Migration, Religion, Gender und Bildung“ (Bielefeld, transcript, 2020) beschrieben, dass Ein- und Zugewanderte, vor allem aus dem arabischen oder türkischen Raum pauschal als Muslim*innen gelesen werden. Ihnen werden pauschal antidemokratische Einstellungen unterstellt, nicht zuletzt von Menschen, deren demokratische Einstellung selbst hinterfragt werden könnte. Auch hier wird vieles in einen Topf geworfen. Der Islam wird als Religion benutzt, um mehr oder weniger alles was migrantisch ausschaut, zu diffamieren und auszuschließen.

Bernd Ridwan Bauknecht: Das hatten wir schon Anfang der 2000er Jahre. Ich erinnere mich an Sendungen mit Sabine Christiansen, die mehrmals Hassan Dabbagh, einen Salafisten aus Leipzig einlud, ein Mann mit langem Bart und so wie man sich in manchen Kreisen einen Muslim vorstellt. Dieser Mann hatte seine Anhänger*innen im Publikum. Er wurde als typisch für einen deutschen Muslim verkauft. Da konnte man sich nur die Haare raufen.

Norbert Reichel: Das ist ein Grundmuster. Wenn in der Presse oder in Schulbüchern Juden dargestellt werden, dann auch immer wieder als Ultraorthodoxe, die Männer mit langen Bärten und Pejes. Die deutsch-israelische Schulbuchkommission hat das schon 2015 kritisiert. Geändert hat sich kaum etwas. Du hast eben gesagt, dass DITIB sehr heterogen zusammengesetzt ist und du hast auch immer darauf hingewiesen, dass es wichtig ist zu schauen, in welcher Moschee man*frau betet. Bei den von DITIB geführten Moscheen finden wir konservative ebenso wie liberale Moscheen.

Bernd Ridwan Bauknecht: Natürlich hast du bei DITIB in den Moscheen Menschen mit allen möglichen Einstellungen. Dorthin kommen Kurd*innen ebenso wie Anhänger*innen der Parteien, die gegen die AKP oppositionieren. Das sind doch nicht alles Anhänger*innen der AKP. Ich bete in Bonn in einer DITIB-Moschee, weil die hiesigen maghrebinischen Moscheen, die nicht im Dachverband „Bündnis Marokkanische Gemeinde“ (BMD) organisiert sind, mehr als konservativ ausgerichtet sind. Es ist schwierig, alle, die sich unter dem Dach von DITIB finden, für die Politik von Erdoğan verantwortlich zu machen.

Wie gesagt – DITIB ist der größte Dachverband in Deutschland. Natürlich könnte DITIB die Entwicklungen in Deutschland blocken, andererseits hatte der Verband in der Vergangenheit Bewegungsspielraum gezeigt. So hat DITIB beispielsweise in Hamburg am interreligiösen Modellunterricht „Religion für alle“ mitgearbeitet, in Hessen bei der Einführung des Islamischen Religionsunterrichts vor etwa acht Jahren mit der Ahmadiyya zusammengewirkt, was andere Verbände verweigerten.

Norbert Reichel: In Hessen hat die Landesregierung die Zusammenarbeit mit DITIB wieder beendet. Ich will jetzt nicht im Detail auf die zu Rate gezogenen Gutachten eingehen, habe aber den Eindruck, dass es keine kohärente und konsensuale Bewertung der DITIB und anderer Verbände gibt. Ähnlich ist das ja auch in Nordrhein-Westfalen. Kurz vor der Landtagswahl 2017 wurde dort die damalige Schulministerin Sylvia Löhrmann wegen der Zusammenarbeit mit DITIB angegriffen. Jetzt geht es der aktuellen Schulministerin Yvonne Gebauer – ebenfalls kurz vor einer Landtagswahl – genauso, obwohl sie als Oppositionspolitikerin an dem damaligen DITIB-Bashing mitgewirkt hatte. DITIB ist nach wie vor der türkischen Religionsbehörde unterstellt. Die damaligen Unterstellungen, DITIB-Imame hätten im Auftrag von Diyanet Spitzeldienste gegen Oppositionelle von Erdoğan geleistet, erwiesen sich jedoch als unbegründet. Letztlich war das eine migrationspolitische Debatte. Beschädigt wurde der Islamische Religionsunterricht als Ganzer.

Bernd Ridwan Bauknecht: Dazu tragen auch manche Verbände selbst bei. Wenn ich beispielsweise sehe, wie der VIKZ in Baden-Württemberg schiitische Lehrkräfte rausgekickt hat, sodass dort ein rein sunnitischer Religionsunterricht gewährleistet sei, macht mich das traurig. Denn diese Lehrkräfte hatten bereits lange Jahre Unterrichtserfahrung im Fach und hatten sich verdient gemacht. Das Fach war mit einem „Lehrplan sunnitischer Prägung“ ausgestattet. Dies hätte ermöglicht, dass schiitische Lehrkräfte weiterhin unterrichten. Dennoch war es dem Verband wichtig, hier eine vermeintlich klare Grenze zu ziehen. Und das obwohl der VIKZ aus einer sufischen Tradition kommt, die gemeinsame Wurzeln mit dem Schiitentum hat. Offenbar kennen viele dort ihre eigene Tradition nicht mehr. Ich habe zuletzt anlässlich einer Fortbildung, die ich in Baden-Württemberg leiten durfte, mit Jörg Imran Schröter darüber gesprochen, der dort die Lehrerausbildung macht. Das wäre unter DITIB nicht passiert, vermute ich. Ich vermute auch, dass DITIB Saphir als erster Verband genehmigen würde.

Die Lehrbefähigung in Theorie und Praxis

Norbert Reichel: Du bist in keinem Verband Mitglied. Vielleicht sprechen wir über den Ablauf der Erteilung der Lehrbefugnis. Diese wurde ja in den vergangenen Jahren vom Beirat – demnächst dann von der Kommission – verliehen, in Analogie zur Missio Canonica  in der Katholischen Kirche sowie zur Vocatio in den Evangelischen Kirchen, nur mit dem Unterschied, dass es eben keine islamischen Religionsgemeinschaften gibt. Um die Idjaza zu erhalten, bedarf es auch der Bescheinigung von einer Moschee.

Bernd Ridwan Bauknecht: Ich bin unabhängig. Ich habe für meine Idjaza, die Lehrbefähigung, eine Urkunde der Muslimliga Bonn (die Internetseite ist lange nicht mehr aktualisiert worden) vorgewiesen. Die Muslimliga hat in den 1990er Jahren mit dem Leo-Baeck-College in England zusammengearbeitet. Es gab in Bendorf bei Koblenz sehr gute interreligiöse Tagungen. So kam es damals zu meiner Mitgliedschaft. Ich bin allerdings da auch nicht mehr Mitglied.

Norbert Reichel: Du musstest dich dem Beirat vorstellen, obwohl du schon lange Jahre Islamkunde, das Vorläufer-Fach des Islamischen Religionsunterrichts, unterrichtet hattest.

Bernd Ridwan Bauknecht: Das habe ich als schwierig empfunden. Jahrelang hat man sich für diesen Unterricht stark gemacht, hat gekämpft, saß zwischen allen Stühlen. Und dann sollen Personen, die selbst nicht Teil dieser Entwicklung waren, die selbst nicht an der Basis standen und selbst nicht diesen kulturalisierten und aufgeladenen Konflikt zu ertragen hatten, über einen urteilen. Leider ist der Blick einiger Verbandsvertreter auf diesen sehr sensiblen Bildungsbereich eher durch politische Beweggründe als durch sachliche Bildungsarbeit geprägt. Aber diese Haltung gibt es leider auf beiden Seiten. Schwierig war auch das Religionsverständnis einzelner Beiratsmitglieder. Denn es war weniger pädagogisch und an jungen Menschen ausgelegt, sondern eher durch einen Willen zur Normierung geprägt. Ich sage jetzt mal offen etwas zu dem Verständnis mancher Vertreter*innen im Beirat, in diesem Fall geht es nicht um ein DITIB-Mitglied. Ein Mitglied des Beirats war an einem Schulbuchprojekt beteiligt und bewunderte beispielsweise den Propheten David, der doch so viele Völker besiegt habe. Ich habe gefragt, ob das das Ziel des Religionsunterrichts sein solle, im Glauben Kriege zu führen? Aus religionspädagogischer Sicht gäbe es zahlreiche Zugänge zur Thematik um den Propheten David: beispielsweise im Zusammenhang mit Gerechtigkeit und Zivilcourage.

Norbert Reichel: Das macht schon sehr deutlich, welche unterschiedlichen Traditionen es gibt und dann in den Beirat hineinwirkten. Das erleichtert sicher nicht, überall Akzeptanz und Respekt für Islamischen Religionsunterricht zu bewirken. Hat sich der Unterricht durch den Wechsel vom jahrelangen Schulversuch Islamkunde zum regulären bekenntnisorientierten Religionsunterricht verändert?

Bernd Ridwan Bauknecht: Es war vorher nicht anders als es jetzt ist. Ich sage jetzt noch einmal etwas zur Idjaza. Ich musste da antreten. Ich hatte vorher natürlich auch ein paar Interviews gegeben und die Position vertreten, dass wir nicht unbedingt eine Lehrbefugnis brauchen. Es müsse ausreichen, dass man*frau sich zum Islam bekennt und eine entsprechende Ausbildung genossen hat. Als ich dann im Beirat war, hatte ich eine Mauer vor mir, vor allem von einem Vertreter, der dem Islamrat angehörte und versuchte, mich in die Ecke zu treiben, ich wäre ja gar nicht für den Islamischen Religionsunterricht und warum ich mich überhaupt für die Idjaza bewerben würde. Da dachte ich, ich bin im falschen Film. Mir wurde unterstellt, ich wolle mir nur einen Arbeitsplatz sichern und wäre nicht religiös. Das war schon ziemlich heftig.

Norbert Reichel: In seinem Abschlussbericht vom 4. Mai 2021 an den nordrhein-westfälischen Landtag schreibt der Beirat für den islamischen Religionsunterricht: „Die Anschluss- und Gesprächsfähigkeit des Schulfaches wird von solchen islamischen Religionslehrkräften gestaltet werden, die gemäß dem Bildungsauftrag der Schule die religiöse Mündigkeit ihrer Schülerinnen und Schüler ins Zentrum stellen und sie mit der Tradition vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen in ihrer Lebenswelt ins Gespräch bringen.“ Ich möchte den Begriff „religiöse Mündigkeit“ hervorheben. Das hört sich etwas anders an als das, was du erlebt hast.

Bernd Ridwan Bauknecht: Nach dem Gespräch entschuldigte sich der Fragesteller. Aber es war kein Gespräch, in dem wir uns über gemeinsame Ziele hätten verständigen können, sondern schon eher eine Art Tribunal. Nachdem geklärt war, dass ich kein U-Boot war, von wem auch immer, kamen sie auf das Eigentliche zu sprechen und fragten mich, was der Koran zu anderen Religionen sagte. Mouhanad Khorchide,…

Norbert Reichel: … der einen der vier Plätze hatte, die im damaligen Beirat vom Land gestellt wurden, …

Bernd Ridwan Bauknecht: … hatte mir schon vorher zugeflüstert, bei einer solchen Frage sollte ich die Sure Al-Kafirun auf arabisch zitieren und dazu etwas sagen. Das Thema des Verhältnisses der Religionsgemeinschaften ist in anderen Suren viel interessanter dargestellt und ist auch sehr komplex, aber es war wohl wichtig, auf arabisch aus dem Koran zu zitieren.

Norbert Reichel: Sprichst du arabisch?

Bernd Ridwan Bauknecht: Nicht im Alltag. Ich hatte im Studium aufgrund meiner Selbstfinanzierung auch nicht die Möglichkeit, einen Arabischkurs wie manch andere in Damaskus oder in Kairo zu machen. Aber ich habe eine sehr fundierte Ausbildung im klassischen Hocharabisch erhalten, das ich zur Quellenanalyse oder Koranexegese benötige. In Tübingen gab es im Fach Islamwissenschaften keine Vorlesungen, sondern ausschließlich Lektüreseminare. Wir haben eine sehr intensive Ausbildung in Arabisch und zwei weiteren orientalischen Sprachen – bei mir waren es Türkisch und Farsi – genossen. Es war Teil der Abschlussprüfung arabische Originalquellen zu übersetzen und zu interpretieren.

In seinem Abschlussbericht hat der Beirat jetzt die Frage gestellt, was denn eigentlich die Anforderungen an Lehrkräfte für den Islamischen Religionsunterricht sind. Dazu haben sie jetzt sieben Jahre gebraucht? Sie positionieren sich auch nicht. Oder wie siehst du das?

Norbert Reichel: Ich hatte ein wenig den Eindruck, die Fragen wären die Antworten, als ging es ihnen darum, eine bestimmte – eher konservative – Linie durchzusetzen, trauten sich aber nicht, diese Linie zu nennen. Beispielsweise bei der Frage zu den Arabischkenntnissen. Sie hätten schon gerne, dass das vorausgesetzt wird: Vortragen einer Sure in fließendem Hoch-Arabisch. Irgendwie wünschen sie eine bestimmte dogmatische Fixierung, sehen aber, dass das auf Widerspruch stoßen dürfte.

Bernd Ridwan Bauknecht: Dazu passt, dass der Vertreter, den ich eben zitierte, mir verbieten wollte, mit der Presse zu sprechen. Ich sollte mich nicht einmischen. Es war so eine Art Kaderdenken von Seiten des Verbandes. Ich hatte nie den Eindruck, ein solcher Kritiker zu sein, aber das war ich wohl.

Die synodale Lösung – eine mehr oder weniger konkrete Utopie?

Norbert Reichel: Du bist ja nicht der einzige liberale Muslim, der solche Erlebnisse hatte. Lamya Kaddor hatte ähnlichen Ärger. Sie bekam aber dann ohne Probleme die Bescheinigung der DITIB-Moschee in Duisburg-Marxloh.

Bernd Ridwan Bauknecht: Das ist doch spannend, und jetzt ist sie eine der Kritiker*innen der Kommissionslösung.

Norbert Reichel: Lamya Kaddor ist nicht an der Kommission beteiligt, weil der von ihr vertretene Liberal-Islamische Bund noch keinen Landesverband hat. Aber das kann sich ja noch ändern. Mouhanad Khorchide, der auch als liberal gilt, ist über einen der Verbände beteiligt, die im Beirat noch nicht vertreten waren.

Bernd Ridwan Bauknecht: Vertreten ist das Bündnis marokkanischer Moscheegemeinden NRW. Hier gibt es ähnliche Probleme wie bei anderen Verbänden. Sie vertreten einen Teil der marokkanischen Gemeinden, andere sind freie Moscheen, darunter auch einige mit salafistischen Tendenzen. Marokko fördert von staatlicher Seite die eigene malakitische Tradition. Gerade außerhalb Marokkos gibt es viele freie maghrebinische Gemeinden, die unter salafistischen Einflüssen stehen, gerade auch hier in Bonn und besonders in Bad Godesberg. Das macht es schon schwierig zu entscheiden, mit wem man*frau vor Ort zusammenarbeiten soll.    

Norbert Reichel: Es ist schon sehr verworren und schwer einzuschätzen. Ich frage mich manchmal, warum es im Islam nicht so gehen könnte wie bei den Evangelischen Kirchen, vielleicht sogar mit Wahlen in den Moscheen, natürlich mit entsprechendem Minderheitenschutz, damit auch kleine und sehr kleine Verbände und Vereine die Chance haben mitzuwirken. Ich frage mich, warum eine solche synodale Lösung nicht möglich ist. Ist es so schwierig, dass sich die islamischen Verbände miteinander verständigen wie es die unterschiedlichen Strömungen in den evangelischen Kirchen ja tun.

Bernd Ridwan Bauknecht: Das würde ich so nicht sagen. Wir haben hier in Deutschland eine Diaspora-Situation, obwohl Muslim*innen hier doch schon sehr heimisch geworden sind. Und bei diesem Prozess entwickeln sich auch Strukturen. Es gibt Kooperationen wie den Koordinierungsrat der Muslime (KRM) mit großen Dachverbänden. Es gibt in der Tat unterschiedliche Strömungen. Von den Schiiten sprechen wir kaum. Es geht in der Regel um sunnitische Gemeinden, die eben auch sehr unterschiedlich sind. Ich kann mir schon vorstellen, dass wir auf einen gemeinsamen Nenner kommen, nicht in einer Kirchenstruktur, aber synodale Strukturen wären interessant. Das wäre eine sehr gute Lösung. Es wäre möglich, über die Schützengräben der bestehenden Verbände auch unabhängige Strukturen zu erreichen.

Bildung wirkt!

Norbert Reichel: Wie bewertest du den Ausbildungsstand der Lehrkräfte?

Bernd Ridwan Bauknecht: An der Elisabeth-Selbert-Gesamtschule, an der ich unterrichte, durfte ich schon einige Referendar*innen für den Islamischen Religionsunterricht betreuen. Eine Referendarin ist schon seit etwa einem Jahr fertig. Wir hätten sie gerne behalten, aber aus privaten Gründen wechselte sie in ein anderes Bundesland. Sie gehörte einer schiitischen Minderheit in Afghanistan an, den Hazara, und war sehr reflektiert. Sie war schon etwas älter, hatte eine islamwissenschaftliche Ausbildung und dann als Lehrkraft umgeschult. Zurzeit haben wir drei Refendar*innen, zwei für die Sekundarstufe II, eine für die Sekundarstufe I.

Darunter ist auch eine Kollegin, die Hidjab trägt, bedeckt ist, und die Fächer Deutsch und Islamischer Religionsunterricht erteilt. Sie hatte eine Stunde während eines bewerteten Fachleiter*innen-Besuches vorgestellt, die gleichermaßen für den Deutsch- und den Religionsunterricht galt. Es ging um die Ringparabel von Lessing. Hier entstanden tolle Verbindungen. Solche Kooperationen sind innovativ und spiegeln eine gesunde Normalität wider, in der Muslime*innen endlich die ihnen zustehende Anerkennung innerhalb der menschlichen Ideen- und Entwicklungsgeschichte erhalten.

Der andere Referendar hat einen belgischen Pass und lehrt in der Kombination Geschichte und Islamischer Religionsunterricht. Die Biografien zeigen, dass Lebensentwürfe heute pluralistisch und vielstimmig angelegt sind. Das ist sehr spannend. Alle Lehramtswärter*innen, die bei uns islamische Religion unterrichten, haben in Münster studiert. An der Schule höre ich nur Positives, auch von den Unterrichtsbesuchen.

Ich bin jetzt seit etwa 17 Jahren in Bad Godesberg im Unterricht. Anlass meiner Anstellung im Schuldienst war der Übergang von Schüler*innen von der König-Fahd-Akademie, …

Norbert Reichel: … eine sehr umstrittene Einrichtung, geführt vom saudi-arabischen Staat, inzwischen aber von diesem aufgelöst …

Bernd Ridwan Bauknecht: … ich kenne die Entwicklungen von damals, als ich an Grundschulen arbeitete. Ich kenne die Familien. Im Mai 2012 gab es vor der König-Fahd-Akademie Ausschreitungen. Pro-NRW-Anhänger hatten dort gegen die Akademie und gegen jede Zuwanderung demonstriert und die bekannten Karikaturen der dänischen Zeitung hochgehalten. Auf der anderen Seite standen gewaltbereite Salafisten, die bundesweit angereist waren. Ein Polizist wurde dabei durch einen Messerstich in den Oberschenkel erheblich verletzt. Es waren zu wenige Polizist*innen da.

Dazwischen standen vereinzelt auch Eltern und Schüler*innen, die ganz gewiss nicht per se dieser Szene zugerechnet werden dürfen, die aber in dieser damals aufgeladenen und hitzigen Stimmung zwischen die Räder kamen. Verglichen mit meiner Schülerschaft sind die damals anwesenden Schüler*innen nur ein minimaler Anteil. Immerhin unterrichte ich in der Woche rund 270 Schüler*innen. Aber interessant ist zu beobachten, wie sich diese Schüler*innen entwickelt haben. Sie lernen durch einen reflektierten Religionsunterricht und reflektieren ihr eigenes Religionsverständnis sowie ihren eigenen gesellschaftlichen Kontext. Da sehe ich, dass Bildung tatsächlich etwas bewirkt.

Diese wenigen Schüler*innen wurden noch in der Grundschule als Problem gesehen, als radikalisierte Gruppe. Allzu oft wurden von Lehrkräften Ängste und Vorurteile in die Kinder projiziert. Durch Verallgemeinerung und kulturalistische Positionierungen wurden hier viele junge Menschen mit muslimischem Glauben zu Verdachtsfällen. Dabei haben diese jungen Menschen ein enormes Entwicklungspotenzial. Einige Schüler*innen an unserer Schule, die jetzt in der Oberstufe auf dem Weg zum Abitur sind, kenne ich seit dieser Grundschulzeit.

Es ist sehr beeindruckend, wie sich die Menschen entwickeln, auch in ihrem Religionsverständnis durch den Islamischen Religionsunterricht. Und ich bin auch beeindruckt, wie politische Entscheidungen tatsächlich gesellschaftlich wirken. Die Entscheidung für den Islamischen Religionsunterricht machte hier positive Entwicklungen möglich, die ansonsten so nicht stattgefunden hätten. Hier ist unglaublich viel passiert.

Paradigmenwende im Religionsunterricht?

Norbert Reichel: In dem eingangs zitierten Diskussionspapier „Auf dem Weg zu einer pluralistischen Religionspädagogik“ ging und geht es um die Frage, wie die Vielfalt der Religionen auch im Religionsunterricht wirken könne. Für den Religionsunterricht bedeutet dies: „Es geht nicht vorrangig um die Vermittlung materialer Glaubensdogmen oder die Einübung jüdischer, christlicher oder muslimischer Traditionen an sich. Das Anliegen besteht vielmehr darin, dass die Schüler*innen die Relevanz des Themenbereichs Religion / Spiritualität / Weltanschauung in ihrer religiösen Vielfalt und zugleich in der existenziellen Orientierungskraft für ihr Leben in der Begegnung im Religionsunterricht für sich erkennen, reflektieren und gegebenenfalls auch erfahren.“ Als ich das las, fragte ich mich, wie es sich mit den Kindern verhält, die in Familien mit einem eher sehr konservativen Bild von Religion aufwachsen. Religionsunterricht bewirkt etwas.

Bernd Ridwan Bauknecht: Das ist auch meine Erfahrung. Sicherlich kann man*frau nicht jede*n retten, aber genau das geschieht, wenn wir uns auf den Weg machen. Das, was du zitiert hast, gibt den Ausschlag.

Norbert Reichel: Ich habe in dem Diskussionspapier entdeckt, wie viel Verständnis für andere Religionen im Religionsunterricht geweckt werden kann und sollte. Das allgemeine restriktive und auf seine Art auch dogmatische Verständnis von Religion, wie es auch säkulare Kritiker*innen des Religionsunterrichts gerne pflegen, wird geradezu als unzutreffendes Vorurteil entlarvt. Religionsunterricht ist heute alles andere als dogmatische Indoktrination.

Bernd Ridwan Bauknecht: Mich beschleicht manchmal das Gefühl, dass die Jugendlichen, die bei mir im Religionsunterricht sitzen, mehr Gefühl für Diversity und ein pluralistisches Verständnis von Religion haben, als viele andere in unserer Gesellschaft. Sie wachsen ja auch so auf (kleine Pause) – das ist vielleicht etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt, aber wir müssen das religionspädagogisch begleiten, schon im Elementarbereich. Wir feiern im Kindergarten Ostern und Weihnachten, auch mal das Ramadanfest, aber so etwas muss pädagogisch begleitet werden. Warum nennen wir das Ramadanfest Zuckerfest? Weil es so niedlich klingt, endlich haben wir mal etwas Positives, doch tatsächlich handelt es sich dabei um eine Verniedlichung, um unsachgemäße Einverleibung. Kein Muslim sagt Zuckerfest. Es heißt übersetzt „Fest des Fastenbrechens“ oder etwas weniger sperrig: Ramadanfest. Von Süßigkeiten reden wir gegenüber den kleinen Kindern, aber wir nennen das Osterfest ja auch nicht Hasen- oder Schokoladenfest oder Weihnachten das Bäumli-Fest.

Norbert Reichel: Das wäre dann die schwäbische Variante.

Bernd Ridwan Bauknecht: Oder schwyzerisch. Das Bäumle-Fescht auf schwäbisch. Ich denke, dass die Kinder schon ganz viel mitbringen, weil sie Pluralität im Alltag erleben. Wir müssen dies in der Schule fachlich begleiten, gerade auch im Religionsunterricht, von der ersten Klasse an. Da müssen noch nicht alle nebeneinander im selben Religionsunterricht sitzen. Wenn ich über Abraham spreche, ist es klar, dass die jüdische, christliche und islamische Sicht einfließen. Oder wenn ich über Engel spreche: Wir sehen dann, es gibt Engel in der jüdischen, der christlichen, in der muslimischen Tradition, aber was haben denn die Kinder für Vorstellungen von Engeln. Wir finden Engel in der Alltagskultur, in der Werbung, in Musikstücken, in der Literatur, in der Kunst. Das ist ein großes Feld. Wir können religiöse und nicht-religiöse Positionen einbeziehen, Psychologie und Anthropologie, was der Glaube an Engel über unsere Psyche aussagt, über Kulturen. All das kann in den Unterricht einfließen.

Wir müssen weiterhin am Artikel 7, Absatz 3 des Grundgesetzes festhalten, das den bekenntnisorientierten Religionsunterricht garantiert. Denn diese Konstruktion fördert eine konstante Auseinandersetzung zwischen Staat und Religionsgemeinschaften. Das ist ein sehr hohes Gut und eine Chance. Denn ansonsten überlassen wir die religiöse Frage anderen. Weltanschauung ist eben nicht Privatsache, da sie zum Wesen des Menschen und somit zu seinem gesellschaftlichen und somit auch politischen Handeln gehört. Der Staat als politischer Zusammenschluss der Bürger*innen steht hier in der Verantwortung für ein gerechtes Handeln und für den Schutz jedes einzelnen Menschen.

Aus pädagogischer Sicht vertrete ich die pluralistische Religionspädagogik, wonach ein bekenntnisorientierter Unterricht erst in der Begegnung mit dem anderen Bekenntnis zu einem wirklichen bekenntnisorientierten Unterricht wird. Denn erst dann werde ich ja herausgefordert, über meine eigene Position ernsthaft nachzudenken.

Martin Buber (1878-1965) spricht davon, dass „der Mensch am Du zum Ich“ wird, dass „jedes einzelne Du ein Durchblick zum Ewigen Du“ ist. Parallelen hierzu finden wir bei muslimischen Theologen wie z.B. Ibn Arabi oder Rumi.

Aus pluralistischer Sicht gilt es, die eigenen Positionen durch den Blick des anderen, durch den Perspektivwechsel, zu schärfen.  Dies kann durch entsprechende Unterrichtsmaterialien geschehen, dies kann durch viele Kooperationen der katholischen, evangelischen und islamischen Fachschaften, wie wir sie an unserer Schule praktizieren, geschehen oder auch durch einen gemeinsamen Unterricht.

Allerdings wäre ein religionskundlicher „Unterricht für alle“, wie er oftmals leichtfertig gefordert wird, ein Rückschritt. Denn ein solcher Unterricht kann nicht in der Tiefe und Intensität die existentiellen Fragestellungen aufgreifen. In Hamburg findet ein bekenntnisorientierter „Unterricht für alle“ statt. Dabei müssen aber alle Lehrkräfte, die das Fach im Wechsel unterrichten, eine fundierte theologische Ausbildung durchlaufen haben. Ergebnisse aus empirischen Studien, die das Projekt evaluiert haben, zeigen, dass den Schülern*innen nicht so sehr wichtig war, ob die Lehrkraft christlich, jüdisch oder muslimisch war. Es war ihnen wichtig, dass die Person gläubig war.

Bei einem solchen Unterricht sollte garantiert sein, dass die Lerngruppen wirklich im Wechsel von Lehrkräften aus den verschiedenen Bekenntnissen unterrichtet werden. Schüler*innen ohne Bekenntnis können weiterhin Ethik/Praktische Philosophie besuchen. Dies muss rechtlich zum Schutz dieser Schüler*innen, Stichwort negative Religionsfreiheit, gewährleistet sein. Allerdings befürworte ich Kooperationen und gemeinsame Lernphasen zwischen den Religionsunterrichten und Ethik/Praktische Philosophie. 

Schulbücher und Materialien

Norbert Reichel: Ein gutes Schulbuch ist nach allem was ich höre „Saphir“. „Saphir“ gab es ja schon als Lehrbuch für die „Islamkunde“ in Nordrhein-Westfalen. Musste mit der Einführung eines bekenntnisorientierten Unterrichts viel geändert werden?

Bernd Ridwan Bauknecht: Es gab eine Neuauflage, aber ich habe keine Anhaltspunkte für größere Änderungen. Saphir ist sehr ansprechend, mit allen Illustrationen und Texten. Manche Lehrkräfte können mit Saphir noch nicht so viel anfangen, weil es nicht so einfach ist wie „Ein Blick in den Islam“, aber Saphir ist herausfordernder.

Norbert Reichel: Wer sind die Autor*innen von Saphir?

Bernd Ridwan Bauknecht: Lamya Kaddor, Harry Harun Behr und Rabeya Müller sind die Herausgeber*innen. Autor*innen sind, wie im Schulbuchbereich üblich, Lehrkräfte, die das Fach unterrichten. Bei dem Band für die fünften und sechsten Klassen habe auch ich mitgearbeitet. Ein anderes Buch ist „Ein Blick in den Islam“. Es kommt von der Universität Osnabrück, herausgegeben von Bülent Uçar.

Norbert Reichel: Wir sprachen anlässlich des Abschlussberichts des Beirats kurz darüber, ihr habt keinen Hinweis, ob Schulbücher genehmigt wurden. Ergänzend zu Schulbüchern habt ihr Materialien.

Bernd Ridwan Bauknecht: Haben wir natürlich nicht. Es gibt Ansätze zu Materialien. Das, was ich gerade beschrieben habe, heißt „Engel der Kulturen“, kommt aus Paderborn, das ist gut vom Ansatz, noch nicht in der Ausführung, beispielsweise manche Lieder, die dort verwendet werden, manche Texte sind nicht optimal. Aber das ist schon einmal ein guter Anfang. Gut ist auch die Reihe „ID Interreligiöses-dialogisches Lernen“, die unter anderem von der Akademie der Weltreligionen der Universität Hamburg herausgegeben wird und in der Zwischenzeit sieben themenbezogene Bände umfasst. Daran hat unter anderen Thorsten Knauth gearbeitet, der auch an dem Diskussionspapier mitgewirkt hat, das du eben zitiert hast. Es geht um trialogisches oder besser gesagt: mehrperspektivisch einsetzbares Material.

Norbert Reichel: Diese Materialien müssen sich Lehrkräfte zusammensuchen, um ihren Unterricht zu gestalten. Das ist schon viel Aufwand? Alles orientiert an den Lehrplänen.

Bernd Ridwan Bauknecht: Angefangen hat das mit dem Islamkunde-Lehrplan. Diesen Lehrplan mochte ich. In den modernen Kompetenz-Lehrplänen steht nicht mehr so viel drin. Diese wirken sich erst dann aus, wenn es schulinterne Lehrpläne gibt. Das haben wir natürlich mit den Lehrplänen auch so gemacht. Daran orientieren wir uns. Als Schulbuch nehmen wir Saphir. Manche Kolleg*innen nehmen Schulmaterialien aus Österreich, die mir nicht so gut gefallen, zu viel Klein-Klein, zu wenig Freiräume, oder – was schlimmer ist – nehmen sich Material aus dem Internet, das in der Regel kaum pädagogisch aufbereitet ist. Wir müssen uns im Grunde alles selbst zusammensuchen. Das war so 2004 mit der Einführung der Islamkunde und ist nach wie vor nicht viel anders geworden.

Norbert Reichel: Ein wesentliches Fazit: Es gibt erheblichen Mangel an gutem Material, das die Arbeit erleichtern würde und auch bestimmte Standards vermittelte, die möglichst landesweit, noch besser – so finde ich – bundesweit Geltung hätten. Dann ließe sich das, was ihr in eurem Diskussionspapier – und nach meinem Eindruck auch in Lehrplänen – aufgeschrieben habt, auch einfacher umsetzen. Ich halte euer Papier für Weg weisend, nicht nur für den islamischen Religionsunterricht, im Übrigen auch für Fächer wie die Praktische Philosophie, die in Nordrhein-Westfalen in der Sekundarstufe I die Schüler*innen erreichen soll, die nicht an Religionsunterricht teilnehmen wollen. In den Lehrplänen findet sich das, was ihr aufgeschrieben habt, ja schon in hohem Maße.

Bernd Ridwan Bauknecht: Richtig. Natürlich ist ein Schulbuch wie Saphir sehr hilfreich. Das ist ein anschlussfähiges Schulbuch, das sich qualitativ nicht von guten Schulbüchern in Katholischer oder Evangelischer Religion oder in Praktischer Philosophie unterschiedet. Ich arbeite oft so, dass ich Texte aus dem Schulbuch nehme und diese dann mit eigenen Materialien ergänze.

Norbert Reichel: Gibt es eine regelmäßige Zusammenarbeit oder Austausch mit den Kolleg*innen, die Katholische oder Evangelische Religion unterrichten?

Bernd Ridwan Bauknecht: Bei uns gibt es Katholischen, Evangelischen und Islamischen Religionsunterricht sowie Praktische Philosophie. Die bekenntnisorientierten Religionsunterrichte haben eine gemeinsame Fachschaft, in der wir uns intensiv absprechen. Wir stimmen unsere schulinternen Lehrpläne miteinander ab und haben auch gemeinsame Projekte. Wir haben auch für die Schule ein interreligiöses Konzept mit dem Titel „Vielfalt und Begegnung“ erstellt, das in der Schule auch gelebt wird.   

Religiöser Dialog in der Justizvollzugsanstalt Rheinbach

Norbert Reichel: Ich möchte mit dir noch über einen anderen Ort sprechen, an dem du – ich nenne es jetzt mal so – Religionsunterricht anbietest oder zumindest über Religion sprichst. Du betreust in der Justizvollzugsanstalt Rheinbach muslimische Strafgefangene und sprichst mit ihnen über den Islam. Es sind ausschließlich Männer?

Bernd Ridwan Bauknecht: Ja, nur Männer. Seit einem halben Jahr bin ich allerdings nicht mehr persönlich beteiligt, aber als Mitglied des Vereins für transkulturelle Bildung ANqA e.V. kann ich auch Auskunft geben. Die Kurse werden vom nordrhein-westfälischen Innenministerium finanziert. Die Kurse führt Ayfer Dağdemir als Vorsitzende des Vereins durch. Zunächst ist es ein wöchentlicher Gesprächskreis mit durchschnittlich zwölf Personen. Alle Altersgruppen sind vertreten. Oft gibt es auch Koranlektüre und Interpretation des Koran. Es können aber auch aktuelle Themen, in Bezug zur Religion, besprochen werden. Ein zweiter Teil des Angebots sind Einzelgespräche. Die Strafgefangenen können Gesprächsbedarf ankündigen und Ayfer führt dann die Gespräche. Der dritte Punkt ist die Beratung der Justizvollzugsanstalt und der Bediensteten. Es geht also auch um eine Vermittlung zwischen den muslimischen Strafgefangenen und Justizvollzugsbeamt*innen. Daran beteiligt sich die Integrationsbeauftragte der Justizvollzugsanstalt. Für den Gesprächskreis gibt es eine Warteliste. Wenn jemand entlassen oder verlegt wird, kommt jemand anderes hinzu.

Norbert Reichel: Ein gerne in der Öffentlichkeit verbreitetes Vorurteil lautet, dass Strafgefangene in der Zeit ihrer Haft von anderen Strafgefangenen lernen, wie sie ihre Straftaten nach Entlassung geschickter ausführen könnten, muslimischen Strafgefangenen wird oft eine islamistische Radikalisierung im Gefängnis unterstellt.

Bernd Ridwan Bauknecht: So einfach kann man*frau das nicht sagen. Wir haben ganz unterschiedliche Personen im Gefängnis. Die religiöse Vielfalt, die wir in der Gesellschaft haben, spiegelt sich auch bei den Gefangenen. Da sind spannende Gespräche entstanden, auch sehr philosophische Gespräche. Die Personen, die in den Gesprächskreis kommen, sind offen. Es gab zu Beginn bei manchen Teilnehmern Vorbehalte, denn der Gesprächskreis findet im denkmalgeschützten Kirchenraum der Justizvollzugsanstalt statt. Unter meiner Leitung gab es dort auch Freitagsgebete. Natürlich gab es Vorbehalte, die sich aber im Gespräch lösen ließen. Es gibt Gefangene, die auch an Sonntagsgottesdiensten teilnehmen und den Predigten zuhören, die mit den beiden Pfarrern, die es dort gibt, im Gespräch sind.

Norbert Reichel: Ursache sind auch viele Zuschreibungen von außen, was der Islam wäre und was nicht.

Bernd Ridwan Bauknecht: Zuschreibungen, die dann auch übernommen werden. Es gibt dann einzelne Personen, die dann entsprechende Erfahrungen machen und sagen, wenn ihr mich so haben wollt, dann bin ich auch so. Ayfer hat zurzeit mindestens zwei Personen, die das „Aussteigerprogramm Islamismus“ des nordrhein-westfälischen Innenministeriums absolviert haben. Ich kann nur für Rheinbach sprechen. Aber dort sehe ich, dass diejenigen, die versuchen, andere in Richtung Radikalisierung zu „ziehen“, dort keine Schnitte machen.  

Ich habe einen jungen Strafgefangenen kennengelernt, der von seinem Vater immer zum Koranunterricht in die Moschee geschickt wurde, dann aber irgendwann keine Lust mehr hatte und sich nur noch mit seinen Freunden bei McDonalds traf. Er kam dann auf die schiefe Bahn, Drogendelikte und Ähnliches und landete dann in Rheinbach in der Justizvollzugsanstalt. Der war eigentlich eine ganz normale Type, der einfach den Halt verloren hat. Er sagte, er sei so dankbar für das Angebot, ganz anders mit Religion umzugehen, eben nicht als Zwang. Er hatte eine junge Familie gegründet, und konnte durch die Begegnung mit Religion in unserem Angebot dann ein neues Leben aufbauen. Das ist ja nicht nur im Islam so, sondern auch in anderen Religionen. Ein anderer junger Mann hatte eine ähnliche „Karriere“, hatte Abitur, war dann in etwas hineingeraten, in das ihn sein Bruder hineingezogen hatte.

Wir haben aber nicht nur Muslime im Gesprächskreis. Einmal hatten wir jemanden dabei, der bekennender Kommunist war. Wir hatten Leute, die dem Sufismus aufgeschlossen waren, der islamischen Mystik, sowie auch welche, die als Geflüchtete aus Syrien straffällig geworden waren, vor allem mit Gewalt in der Familie, die mit der Situation einfach nicht klarkamen. Man*frau kann nicht sagen, dass die alle ein radikales Religionsbild hätten. Sie wollten sich mit Religion beschäftigen und sich damit auseinandersetzen.

(Alle Internetzugriffe am 7.6.2021. Die Links auf die im Text genannten Verbände dienen der Information, sie bedeuten keine Bewertung oder gar Identifikation mit dort vorgestellten Inhalten. Angesichts der kritischen Debatten um die diversen islamischen Verbände muss ich leider diesen ungewöhnlichen Hinweis anmerken. Mir liegt daran, dass alle, die meine Texte lesen, sich ihr eigenes Urteil bilden können.)