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	<title>Liberale Demokratie Archive - Demokratischer Salon:</title>
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	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
	<lastBuildDate>Sat, 09 May 2026 06:51:57 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Teilhabe ist viel mehr als Teilnahme</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/teilhabe-ist-viel-mehr-als-teilnahme/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 09 May 2026 05:30:32 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Teilhabe ist viel mehr als Teilnahme! Ein Buch von Ulrich Deinet und Christina Muscutt über die Sicht der Kinder „Berücksichtigung des Kindeswillens: (1) Die Vertragsstaaten sichern dem Kind, das fähig ist, sich eine eigene Meinung zu bilden, das Recht zu, diese Meinung in allen das Kind berührenden Angelegenheiten frei zu äußern, und berücksichtigen die  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Teilhabe ist viel mehr als Teilnahme!</strong></h1>
<h2><strong>Ein Buch von Ulrich Deinet und Christina Muscutt über die Sicht der Kinder </strong></h2>
<p><em>„Berücksichtigung des Kindeswillens: (1) Die Vertragsstaaten sichern dem Kind, das fähig ist, sich eine eigene Meinung zu bilden, das Recht zu, diese Meinung in allen das Kind berührenden Angelegenheiten frei zu äußern, und berücksichtigen die Meinung des Kindes angemessen und entsprechend seinem Alter und seiner Reife. (2) Zu diesem Zweck wird dem Kind insbesondere Gelegenheit gegeben, in allen das Kind berührenden Gerichts- oder Verwaltungsverfahren entweder unmittelbar oder durch einen Vertreter oder eine geeignete Stelle im Einklang mit den innerstaatlichen Verfahrensvorschriften gehört zu werden.“ </em>(<a href="https://www.unicef.de/informieren/ueber-uns/fuer-kinderrechte/un-kinderrechtskonvention">UN-Kinderrechtskonvention</a> Artikel 12)</p>
<p>Früher gehörte es zu den üblichen Fragen, die Verwandte und Bekannte Kindern beim sonntäglichen Besuch stellten: <em>„Wie ist es in der Schule?“</em> Vielleicht stellten sie die Frage, weil sie sich ein Leben der Kinder außerhalb der Schule gar nicht vorstellen konnten. Aber wie auch immer, die Schule war noch nie der einzige relevante Ort im Leben von Kindern. Das haben leider noch nicht alle Politiker:innen gemerkt, sodass sie nach wie vor die Leistungen eines Bildungssystems, insbesondere der Schule, daran messen, ob das, was sie dort an Finanzmitteln hineinstecken, die schulischen Leistungen verbessere. Wehe wenn nicht, denn dann taugt die jeweils finanzierte <em>„Maßnahme“</em> – so nennen Politiker:innen das – eben nichts. Dies gilt selbst für die inzwischen in vielen Schulen vorhandenen Ganztagsangebote, manche glauben immer noch, es handele sich um die bloße Verlängerung des vormittäglichen Unterrichts in den Nachmittag, obwohl viele Schulen und vor allem ihre Partner aus Jugendhilfe, Kultur und Sport inzwischen ein erheblich differenziertes Programm auf den Weg gebracht haben.</p>
<div id="attachment_8014" style="width: 206px" class="wp-caption alignright"><a href="https://beltz.de/fachmedien/erziehungswissenschaft/die-sicht-der-kinder-auf-schule-und-sozialraum/BEL448343"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8014" class="wp-image-8014 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Deinet-Muscutt-Sicht-der-Kinder-Beltz-Juventa-196x300.jpeg" alt="" width="196" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Deinet-Muscutt-Sicht-der-Kinder-Beltz-Juventa-196x300.jpeg 196w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Deinet-Muscutt-Sicht-der-Kinder-Beltz-Juventa-200x307.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Deinet-Muscutt-Sicht-der-Kinder-Beltz-Juventa-400x613.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Deinet-Muscutt-Sicht-der-Kinder-Beltz-Juventa-600x920.jpeg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Deinet-Muscutt-Sicht-der-Kinder-Beltz-Juventa-668x1024.jpeg 668w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Deinet-Muscutt-Sicht-der-Kinder-Beltz-Juventa-768x1178.jpeg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Deinet-Muscutt-Sicht-der-Kinder-Beltz-Juventa-800x1227.jpeg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Deinet-Muscutt-Sicht-der-Kinder-Beltz-Juventa.jpeg 945w" sizes="(max-width: 196px) 100vw, 196px" /></a><p id="caption-attachment-8014" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Wie Kinder ihre Schule, ihren Stadtteil, ihre Gemeinde und so manches darüber hinaus – in den Sozialwissenschaften ist das der <em>„Sozialraum“</em> – wahrnehmen, ist eine in der Politik bei der Konzeption der jeweiligen <em>„Maßnahmen“</em> jedoch nur nachrangige Frage. Umso wichtiger ist es, dass sich Forschende dieser Frage annehmen. Dies taten Ulrich Deinet und Christina Muscutt gemeinsam mit elf weiteren Kolleg:innen in dem Band <a href="https://www.beltz.de/fachmedien/sozialpaedagogik_soziale_arbeit/produkte/details/55163-die-sicht-der-kinder-auf-schule-und-sozialraum.html">„Die Sicht der Kinder auf Schule und Sozialraum“</a>, der 2025 bei Beltz Juventa erschien, Untertitel: „Projekte, Methoden und Konzepte für die Gestaltung einer kooperativen Ganztagsbildung“.</p>
<p>Der Band bietet einen guten Überblick über verschiedene erfolgreich erprobte Methoden zur Einbeziehung der Sicht von Kindern in Forschungsvorhaben, die auch in der alltäglichen Praxis einer Kindertageseinrichtung, oder einer Ganztagsschule unter Einbeziehung des Sozialraums angewandt werden können. In 14 Beiträgen werden Begrifflichkeiten geklärt, Unterschiede zwischen Stadt und Land thematisiert, verschiedene Aspekte wie Armut, Inklusion und Familienbildung sowie kommunalpolitische Implikationen angesprochen. Einige Kinder haben aktiv zur Entstehung des Buches beigetragen. Christina Muscutt und Ulrich Deinet danken ausdrücklich <em>„den Kindern Anna, Marlene und Sophia für ihre Mitarbeit“</em>.</p>
<p>Das Buch und das im Folgenden dokumentierte Gespräch bieten neben der Sicht der Kinder auf den Ganztag auch einen Überblick über aktuelle Debatten zur Qualitätsentwicklung des Ganztags.</p>
<h3><strong>Rechtsanspruch und Öffnung von Schule</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ihr Buch ist aus meiner Sicht ein sehr wichtiges Buch. Es thematisiert die Schule nicht als Insel in der Kommune, sondern als Teil eines Sozialraums, der auch in der Regel viel weiter reicht als über das direkte Umfeld der Schule und der Elternhäuser. Kinder haben ihre eigene Perspektive auf Bedarfe und Bedürfnisse. Sie erleben aber auch Vorgaben und Ansprüche beziehungsweise Gegebenheiten, auf die sie zunächst keinen eigenen Einfluss haben.</p>
<p>Die damit verbundenen komplexen Fragen wurden durch die flächendeckende Einführung von Ganztagsschulen verstärkt. Daran knüpfen Sie an, aber Sie befassen sich nicht zum ersten Mal mit der Frage der Sicht von Kindern auf Schule und Sozialraum. Aber warum haben Sie dieses Buch jetzt herausgegeben und welche Rolle spielt es in aktuellen allgemeinen Debatten über Beteiligung beziehungsweise Nicht-Beteiligung von Kindern? Die aktuelle Debatte um die Rolle von Sozialen Medien im Leben von Kindern gehört sicherlich dazu, aber sie ist meines Erachtens nur eine Scheindebatte. Die Psychologin und Beteiligungspädagogin <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-macht-der-aufmerksamkeit/">Marina Weisband hat mir in einem Gespräch gesagt</a>, dass sich doch eher die Frage stelle, an welchen realen Orten sich Kinder aufhalten können und welchen Einfluss sie auf deren Gestaltung haben.</p>
<div id="attachment_8015" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8015" class="wp-image-8015 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/4-2023-11-20_15-29-31_18-scaled-e1778303816527-300x300.jpg" alt="" width="300" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/4-2023-11-20_15-29-31_18-scaled-e1778303816527-66x66.jpg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/4-2023-11-20_15-29-31_18-scaled-e1778303816527-150x150.jpg 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/4-2023-11-20_15-29-31_18-scaled-e1778303816527-200x199.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/4-2023-11-20_15-29-31_18-scaled-e1778303816527-300x300.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/4-2023-11-20_15-29-31_18-scaled-e1778303816527-400x398.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/4-2023-11-20_15-29-31_18-scaled-e1778303816527-600x597.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/4-2023-11-20_15-29-31_18-scaled-e1778303816527-768x765.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/4-2023-11-20_15-29-31_18-scaled-e1778303816527-800x796.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/4-2023-11-20_15-29-31_18-scaled-e1778303816527-1024x1019.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/4-2023-11-20_15-29-31_18-scaled-e1778303816527-1200x1195.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/4-2023-11-20_15-29-31_18-scaled-e1778303816527-1536x1529.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8015" class="wp-caption-text">Christina Muscutt. Foto: privat.</p></div>
<p><strong>Christina Muscutt</strong>: <em>Anlass für uns war die Einführung des Rechtsanspruchs auf einen Ganztagsplatz, der am 1. August 2026 in Kraft tritt. Die Debatte über die Qualität der Ganztagsbildung wird hauptsächlich aus der Perspektive der Lehr- und Fachkräfte oder aus der Elternperspektive geführt. In diesen Debatten spielen vor allem die Infrastruktur des Ganztags, die Raumausstattung, die Qualifizierung der Fachkräfte eine Rolle. Wir haben den Eindruck, dass die Perspektive der Kinder noch deutlich unterrepräsentiert ist. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Elternrechte werden in dem Beitrag von <a href="https://isep.ep.tu-dortmund.de/institut/personen/markus-sauerwein/">Markus Sauerwein</a> zum Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz konkret angesprochen. Die Kinder haben keinen Einfluss darauf, wie das Angebot dann aussieht.</p>
<p><strong>Ulrich Deinet</strong>: <em>So sieht es aus.</em> <em>Wir wollten daher Methoden vorstellen, wie man Kinder bei der Öffnung von Schulen in den Sozialraum und der Entwicklung von Ganztagschulen zu „Lebensorten“ beteiligen kann. Wir wollten die Kinderperspektive auch im Hinblick auf die UN-Kinderrechtskonvention stärken, die das Recht auf Gehör und Beteiligung ausdrücklich enthält. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Formulierungen in Artikel 12 der UN-Kinderrechtskonvention sind noch recht weich als unbestimmte Rechtsbegriffe formuliert, sodass manche meinen dürften, man könne Kindern, vor allem jüngeren Kindern die <em>„Reife“</em> absprechen, über die Qualität in KiTa oder Schule mitzuentscheiden. Ihr zeigt, dass sie diese <em>„Reife“</em> durchaus haben.</p>
<div id="attachment_2010" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2010" class="wp-image-2010 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Deinet14-002-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Deinet14-002-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Deinet14-002-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Deinet14-002-400x266.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Deinet14-002-600x399.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Deinet14-002.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-2010" class="wp-caption-text">Ulrich Deinet. Foto: privat.</p></div>
<p><strong>Ulrich Deinet</strong>: <em>Wir haben kein Alleinstellungsmerkmal mit unserem Buch, aber es gibt nach wie vor nicht viele Wissenschaftler:innen, die sich mit der Sicht der Kinder beschäftigen. Es sind in den letzten Jahren ein paar mehr geworden. Dazu gehört auch das Buch von </em><a href="https://www.unibz.it/de/faculties/education/academic-staff/person/41498-iris-nentwig-gesemann"><em>Iris Nentwig-Gesemann</em></a> unter anderem „Ganztag aus der Perspektive von Kindern im Grundschulalter“ aus dem Jahr 2021 für die Bertelsmann-Stiftung. Wir wollten aber nach unserer <em>Düsseldorfer Studie aus dem Jahr 2014 noch einmal nachlegen. Zielgruppe unseres neuen Buches sind Fachkräfte im Ganztag, Verantwortliche in Jugendämtern, bei Trägern, auch im Schulbereich, die jetzt den Ganztag ausbauen müssen. Diese Absicht zeigt sich auch darin, dass wir zum ersten Mal ein Buch in einer Praxis-Reihe veröffentlichen, das heißt es ist diesmal ein Buch mit Farbfotos und farbigen Abbildungen; die methodische Seite kann man eigentlich nur farbig darstellen, um die Bilder der Kinder auch wirklich sehen zu können. Das Buch soll Menschen motivieren, das, was wir vorstellen, mit Kindern auszuprobieren und so Einblicke in deren Lebenswelt zu erhalten.</em></p>
<p><em>Ein zweiter Punkt ist die Verbindung von Schule und Sozialraum. Das, was es zurzeit an Veröffentlichungen, auch Zeitschriften zum Ganztag gibt, ist oft sehr auf Schule bezogen. Wir verstehen Schule aber immer im Zusammenhang zwischen Schule und Sozialraum, Schule und Stadtteil. Es ist ja schon fast programmatisch, dass wir beide, Herr Reichel, hier zusammensitzen. Es gab in Nordrhein-Westfalen das alte Programm GÖS (= Gestaltung des Schullebens und Öffnung von Schule), mit dem genau dies gefördert wurde.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich war damals in den 1990er Jahren für das GÖS-Programm zuständig und Sie, Herr Deinet, Fachberater im Landesjugendamt Westfalen-Lippe. Ich erlaube mir einige Anmerkungen zum GÖS-Programm, das viele Leser:innen möglicherweise nicht kennen dürften. Das Programm wurde 1987 vom Landtag Nordrhein-Westfalen auf den Weg gebracht, zunächst stark angefeindet, dann aber in vielen Schulen und Kommunen umgesetzt. Im Jahr 1999 beschloss der Landtag <a href="https://www.landtag.nrw.de/Dokumentenservice/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMD12-3990.pdf">Perspektiven der Weiterentwicklung</a>.</p>
<p>Es gab seit 1994 eine Landesförderung, auch jährliche <a href="http://www.bildungsfuchs.de/goes_eval.pdf">Evaluationen</a>, insbesondere von Hans Hänisch, der beim damaligen Landesinstitut für Schule in Soest arbeitete. In einer seiner Evaluationen aus dem Jahr 2000 sind auch Gelingensbedingungen benannt: <em>„Vier Bedingungen scheinen – wenn man von der Häufigkeit der Nennungen ausgeht – besonders für das Gelingen von GÖS-Vorhaben verantwortlich zu sein: eine enge Kooperation mit den außerschulischen Partnern, ein über das ‚Normale‘ hinausgehendes Engagement der Lehrkräfte, die hohe Motivation der Schülerinnen und Schüler sowie der unermüdliche Einsatz einzelner Lehrkräfte, die in kleinen Teams die Sache vorantreiben. Von diesen vier Bedingungen weist die Zusammenarbeit mit dem außerschulischen Partner die mit Abstand höchste Nennungszahl auf. Sie scheint die Schlüsselvariable für den Erfolg. Merkmale dieser Zusammenarbeit sind Engagement, Offenheit, Arbeitsteilung und eine längerfristige Perspektive. Es sind zudem die Fachkräfte von außen, die mit ihrer Professionalität in besonderer Weise zum Erfolg der Projekte beitragen.“ </em>Die <em>„Schlüsselvariabel“ </em>ist die Zusammenarbeit Schule, Jugendhilfe, Kultur, Sport, die bei der Überführung des Programms in die Förderung von Ganztagsangeboten und Ganztagsbildung im Jahr 2003 zu einer <em>„zentralen Grundlage“</em> erklärt wurde.</p>
<p>Ich darf erwähnen, dass es beim <a href="https://isa-muenster.de/">Institut für soziale Arbeit</a> in Münster eine umfangreiche Bibliothek, auch mit sonst nicht zugänglichen Dokumenten und grauer Literatur gibt, mit der sich junge Studierende in Bachelor-, Masterarbeiten oder auch in Dissertationen ein gutes Bild über die Entwicklungen vom GÖS-Programm zur Ganztagsbildung machen können. Eine originelle Anekdote darf ich anfügen: Die Landesregierung grenzte zu Beginn GÖS zunächst deutlich vom Ganztag ab, weil sie befürchtete, eine steigende Nachfrage nach Ganztagsangebote nicht mehr befriedigen zu können. Das änderte sich dann im Jahr 2003 mit dem Aufbau der offenen Ganztagsgrundschule (OGS).</p>
<h3><strong>Chancen für die Jugendarbeit</strong></h3>
<div id="attachment_8017" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8017" class="wp-image-8017 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079293-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079293-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079293-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079293-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079293-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079293-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079293-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079293-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079293-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079293-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8017" class="wp-caption-text">Foto: Institut für sozialraumorientierte Praxisforschung und Entwicklung – ISPE e.V.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ihr Buch hat mehrere Adressatengruppen: Forschung, Politik, Praxis. Oft meinen diejenigen, die ich auf die Beteiligung von Kindern anspreche, man könnte die Kinder ja mal Bilder malen lassen, wie sie sich die Schule, ihr Umfeld vorstellen. Dann gibt es eine Ausstellung in der Schule oder vielleicht sogar im Rathaus und das war es dann.</p>
<p><strong>Christina Muscutt</strong>: <em>Uns war es wichtig, nicht nur die Verantwortlichen an den Schulstandorten anzusprechen, sondern auch die Kommunalvertreter:innen. Wir wollen das Thema in den Sozialraum, in die Stadtteile und Gemeinden hineindenken und müssen daher auch darüber nachdenken, wie wir die Verantwortlichen in den kommunalen Räten und Behörden einbinden, damit wir die Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe in der Kommune selbst erreichen. Wie können beispielsweise Schülerparlamente oder </em><a href="https://www.familiengrundschulzentren-nrw.de/"><em>Familiengrundschulzentren</em></a><em> eingebunden werden? Wie kann man beispielsweise aus den Jugendämtern heraus partizipative Projekte anstoßen? </em></p>
<p><strong>Ulrich Deinet</strong>: <em>Es gibt ein aktuelles Interesse, sich um den Ganztag und die Ganztagsbildung zu kümmern. Ich möchte den Begriff der „Betreuung“ dabei aber nicht diskreditieren. Ich denke an einen Dreiklang von Bildung, Betreuung und Erziehung. In dem der Einführung des Rechtsanspruchs zugrundeliegenden </em><a href="https://www.recht-auf-ganztag.de/gb/eltern/rechtsanspruch-und-ganztagsausbau/das-ganztagsfoerderungsgesetz-223836"><em>Ganztagsförderungsgesetz</em></a><em> (GaFöG) ist enthalten, dass die Betreuung auch in den Ferien stattzufinden hat und daher die Angebote der Jugendhilfe für die Ferien in den Ganztagsbetrieb aufgenommen werden können. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe hatte dies vor kurzem in einer Konferenz als eine „Chance für die Jugendarbeit“ bezeichnet. Ich sehe auch diese Chance, im Sinne der Öffnung von Schule, dass nicht nur die Nachmittage, sondern auch die Ferien dazugehören. </em></p>
<p><em>Christina Muscutt und ich hatten vor einigen Monaten im LVR einen Workshop mit Leuten durchgeführt, die Kinderspielstädte organisieren. Diesmal beteiligten sich ausgesprochen viele Schulvertreter, von denen einige sagten, sie sähen die Schule, den Ganztag mit den Ferien inzwischen als „Gesamtpaket“. Sie interessierten sich für die Kinderstädte, weil diese aus ihrer Sicht auch ein gutes Potenzial für die Demokratiebildung hätten. Das passt zu unserem Ansatz. Wir bereiten zurzeit ein neues Buch zum Thema „Kinderstädte“ vor: „Die Kinderstadt – Ein kommunales Beteiligungsprojekt der Ganztagsbildung in den Schulferien“. </em></p>
<p><em>Ich war vor einigen Monaten einige Tage in der </em><a href="https://www.ddorf-aktuell.de/2022/07/12/duesseldorf-ferienspass-in-der-kinder-zeltstadt-flingerntal/"><em>„Zeltstadt Düsseltal“</em></a><em>. Die „Zeltstadt Düsseltal“ in Flingern unterscheidet sich mit einer ganz anders zusammengesetzten Teilnehmerschaft deutlich vom </em><a href="https://www.akki-ev.de/duesseldoerfchen-die-stadt-der-kinder/"><em>„Düsseldörfchen“</em></a><em>. Da tun sich drei Schulen zusammen, legen ihre OGS in den Sommerferien auf einen Platz, der dann die Kinderstadt wird. Da passt das auch vom Personal: Die OGS-Fachkräfte sind alle dabei.</em></p>
<h3><strong>Aktivierende Methoden: Aneignung und Teilhabe</strong></h3>
<div id="attachment_8018" style="width: 420px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8018" class="wp-image-8018 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/590-300x214.jpg" alt="" width="410" height="293" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/590-200x142.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/590-300x214.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/590-400x285.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/590-600x427.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/590-768x547.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/590-800x570.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/590-1024x729.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/590-1200x854.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/590-1536x1094.jpg 1536w" sizes="(max-width: 410px) 100vw, 410px" /><p id="caption-attachment-8018" class="wp-caption-text">Subjektive Landkarte. Institut für sozialraumorientierte Praxisforschung und Entwicklung – ISPE e.V.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie stellen in dem Buch mehrere Methoden vor, die aus meiner Sicht relativ leicht nachmachbar sind. Ich nenne die Nadelmethode, die subjektive Schulkarte, die subjektive Landkarte, Autofotografie. Sie haben Gruppeninterviews gemacht, Sozialraumbegehungen mit Kindern, Lehr- und Fachkräften sowie kommunalen Kolleg:innen durchgeführt.</p>
<p><strong>Christina Muscutt</strong>: <em>All diese Methoden können wissenschaftlich, analytisch eingesetzt werden, sodass wir als Außenstehende Kinderperspektiven systematisch erheben können. Gleichzeitig aktivieren diese Methoden. Sie machen Spaß, sie knüpfen an den Interessen der Kinder an, die viel Freude daran haben. </em></p>
<p><em>Es gibt natürlich auch Studien mit Fragebögen und Interviews. Es ist aber eine besondere Herausforderung, Kinder für solche Methoden zu begeistern. Unsere Methoden sind niedrigschwellig. Wir gehen in den Sozialraum, in die Schule. </em></p>
<p><em>Bei der Nadelmethode haben wir große Karten, auf denen die Kinder mit verschiedenfarbigen Nadeln in der Schule, im Stadtgebiet Orte markieren, an denen sie sich gerne aufhalten, wo sie ihre Freizeit verbringen und auch Orte, an denen sie sich möglicherweise nicht wohlfühlen oder Konflikte entstehen. Die Kinder kommentieren auch, was sie da machen. Autofotografie ist eine ebenfalls aktivierende Methode, in der die Kinder mit ihren persönlichen Handys durch die Gegend streifen und ihre persönliche Sicht auf den Sozialraum, auf die Schule abfotografieren. Das sind ganz persönliche Einblicke, die wir als Fachkräfte oder als Forschende sonst gar nicht erhalten könnten. Das gibt viel Aufschluss über den Standort der Schule, den Sozialraum, das Raumerleben der Kinder. In jeder Befragung haben wir beispielsweise das Problem mit den Toiletten, Probleme mit der Verdrängung von Mädchen und Jungen auf dem Schulgelände. </em></p>
<p><em>Es sind spielerische, auch kurzweilige Formate, durch die wir mit den Kindern in Austausch kommen und gleichzeitig eine externe forschende Perspektive einnehmen. Wir lassen uns erst einmal alles zeigen, sammeln O-Töne, lassen die auch so stehen, bevor wir zu einer Interpretation kommen.</em></p>
<p><em>Ich möchte auch etwas Theoretisches ergänzen. Wir unterscheiden mit unseren Methoden zwei theoretische Begriffe. Einmal den Sozialraum, der als geografischer Raum verstanden wird, aber auch den ganz anders aufgeladenen Begriff der Lebenswelt. Das beginnt dann mit einem Erzählimpuls für die Methode der subjektiven Landkarte (Mapping): „erzähl doch etwas von deiner Schule, mal doch mal das Haus, in dem du wohnst und zeichne die Stationen, an denen du dich an einem Tag aufhältst“. Diese dann entstehenden Bilder der Kinder haben mit dem geografischen Raum eher weniger zu tun. Man erhält auch Hinweise auf weiter entfernte Orte, z.B. Kinder mi</em>t <em>Migrationshintergrund schreiben beispielsweise auch „Türkei“ hinein also Orte, wo sie auch regelmäßig sind. Dieser lebensweltliche Blick ist nicht einfach zu interpretieren, aber ein wichtiger Punkt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich spreche das Migrationsthema gerne einmal aus einer ganz anderen Perspektive an. Ich habe den Eindruck, dass bei vielen Studien dieses Thema kaum bedacht wird, es sei denn, es handelt sich um Studien, in denen Migration oder Integration ausdrücklich Thema sind.</p>
<p>In eurem Buch fiel es mir in einem Text auf, in dem es konkret um Geflüchtete ging. Die Kinder, die auf eure Dokumente „Türkei“ oder „Marokko“ schreiben, sind jedoch Kinder, die schon in der zweiten, dritten oder vierten Generation in Deutschland leben, aber eben noch Verwandte in der Türkei oder in Marokko haben. Ferienangebot heißt bei denen: Besuch der Großeltern, Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins in der Türkei oder in Marokko.</p>
<p><strong>Ulrich Deinet</strong>: <em>Das ist ein interessanter Punkt in den subjektiven Landkarten. Die Kinder kommentieren diese Karten auch. Vor Kurzem war ich in einer Ruhrgebietsstadt und befragte die Kinder mit der Methode der subjektiven Landkarte. Zu den Bildern erzählen die Kinder dann auch gern und dabei kommen auch die verschiedenen kulturellen Unterschiede zum Ausdruck. Ein Kind erzählte, man würde sich jedes Wochenende in einer Wohnung von Verwandten treffen. Das ist eine verbreitete Tradition in den deutsch-türkischen Familien. Er erzählte dann, was sie da so machen. </em></p>
<p><em>Sie sagten eben in einem Nebensatz, dass diese Bilder der Kinder auch gerne in einem Rathaus ausgestellt werden. Wir haben immer wieder an verschiedenen Stellen gesagt, wie fürsorglich man mit den Daten umgehen muss. Das ist bei Kindern oft so, dass sie sich sehr öffnen, und dann erzählen dann sie alles Mögliche und machen bei der Fotomethode auch schon einmal Bilder vom Kinderzimmer. Die müssen wir dann schnell aussortieren wegen Datenschutz. Deshalb sagen wir immer: Vorsicht vor dem verbreiteten pädagogischen Reflex, alles zu präsentieren und dann auch gleich eine Ausstellung zu machen!</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist vielleicht auch ein kommunalpolitisches Thema: Schau mal, wie toll wir die Kinder beteiligen!</p>
<p><strong>Ulrich Deinet</strong>: <em>Die tun das natürlich sehr gerne!</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und sind sich nicht im Klaren darüber, was sie da möglicherweise mit anrichten. Mit Teilhabe hat das nichts zu tun.</p>
<p>Mir gefiel an Ihrem Buch sehr gut, dass Sie herausgearbeitet haben, dass Teilhabe etwas anderes ist als Teilnahme. Sie verwendeten auch den Begriff der Aneignung von Räumen durch die Kinder. Bisher haben wir darüber gesprochen, wie wir herausbekommen, wie Kinder Räume sehen. Das wäre jetzt der zweite Schritt, damit die Räume auch wirklich zu Räumen der Kinder werden, in denen sie sich zurechtfinden, wohlfühlen und ihr Leben gestalten. Dann wird aus Teilnahme Teilhabe.</p>
<p><strong>Ulrich Deinet</strong>: <em>Teilhabe ist oft unsichtbar und den Fachleuten &#8211; gleichviel ob aus der Schule oder aus der Sozialarbeit nicht bekannt. Wir haben in Hessen mit Mädchen gesprochen, die uns erklärten, sie würden gerne nach dem Ende der Schule in der Schule bleiben. Wir haben gefragt, warum. Sie sagten, erstens dürfen wir das, weil wir den Eltern sagen können, wir sind in der Schule, und zweitens werden wir hier nicht von unseren Brüdern kontrolliert. Für sie war die Schule ein sicherer Raum. Die Schule hat das gar nicht verstanden. Die Mädchen wollten nicht viel, sie wollten sich nur in der Schule weiter treffen und die Schule als Schutzraum zu nutzen. Das ist ein sehr positives Bild von Schule.</em></p>
<h3><strong>Schule als Safe Space</strong></h3>
<div id="attachment_8019" style="width: 419px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8019" class="wp-image-8019 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079342-300x225.jpg" alt="" width="409" height="307" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079342-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079342-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079342-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079342-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079342-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079342-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079342-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079342-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079342-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 409px) 100vw, 409px" /><p id="caption-attachment-8019" class="wp-caption-text">Institut für sozialraumorientierte Praxisforschung und Entwicklung – ISPE e.V.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong><em>: </em>Schulen müssen inzwischen alle Schutzkonzepte entwerfen, um einer möglichen Kindeswohlgefährdung vorzubeugen beziehungsweise im konkreten Fall einzugreifen. Das, was die Mädchen beschrieben, mit denen sie gesprochen haben, muss nicht gleich auf eine Kindeswohlgefährdung hinweisen, aber eine Nötigung innerhalb der Familie ist es allemal, die die Spielräume der Mädchen einengt.</p>
<p><strong>Ulrich Deinet</strong>: <em>Unsere Methoden sind auch für die Entwicklung von Schutzkonzepten nutzbar. Bei der Nadelmethode fragen wir ja auch immer nach positiv und negativ erlebten Orten, auch nach Angstorten, beispielsweise Bahnunterführungen oder schlecht beleuchteten Wegen. </em></p>
<p><strong>Christina Muscutt</strong>: <em>Das wird in den Risikoanalysen der Schutzkonzepte auf jeden Fall nachgefragt. Ich habe aber auch den Eindruck, dass es in der Praxis als eher sehr schwierig eingeschätzt wird, Kinder bei der Erstellung der Schutzkonzepte zu beteiligen. Der Blick auf die Räume ist dabei sicher hilfreich. Ich denke, man muss hier von dem Gewaltschutzbegriff wegkommen und auch auf andere Schutzrechte von Kindern achten. Generell wird in Deutschland Kinderschutz sehr auf Gewalt bezogen. Die UN-Kinderrechtskonvention nennt weitere Schutzrechte wie den Schutz vor Diskriminierung, Gesundheitsschutz, Medienschutz. Ein wichtiger Punkt ist das Recht auf Privatsphäre. Meines Erachtens sollte man diesen erweiterten Begriff von Schutzkonzepten zugrunde legen. Ich kann mir von Kindern ihren Alltag erklären lassen und nachfragen, wo es vielleicht Streit gibt, Konflikte, Probleme, wo die Kinder vielleicht unschöne Dinge erlebt haben, auch in Bezug auf Räume. Dabei spielt dann der Schutz der Privatsphäre eine wichtige Rolle. Wohin kann sich ein Kind zurückziehen, sich selbst schützen?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Räume und Orte sind die eine Geschichte, die andere Personen.</p>
<p><strong>Christina Muscutt</strong>: <em>Das verknüpft sich. Die Räume werden von Menschen gestaltet. Ich nannte eben das Thema Toiletten. Das können Räume sein, auf denen Privatsphäre eingeschränkt wird, es können aber auch Personen sein, die diese einschränken oder gar bedrohen. Darüber muss man sprechen und man landet automatisch bei den sozialen Beziehungen, auch bei Schulhöfen, wenn sich herausstellt, dass es dort Räume gibt, aus denen bestimmte Gruppen verdrängt werden. Man findet auf diese Art und Weise viel über das soziale Miteinander heraus.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie sprachen schon die Familiengrundschulzentren an. Hier spielt der Kontakt mit den Eltern, mit den Familien eine wichtige Rolle.</p>
<p><strong>Christina Muscutt</strong>: <em>Das ist Thema in dem Beitrag von </em><a href="https://katho-nrw.de/hermes-michael-prof-dr"><em>Michael Hermes</em></a><em> und </em><a href="https://www.ostfalia.de/bjoern-hermstein"><em>Björn Hermstein</em></a><em>: „Familienbildung als dritter Sozialraum zwischen Familie und Schule“. Die Familiengrundschulzentren sind ein Teil der Familienbildung. Es gibt noch nicht viele Erfahrungen, wie die Sicht der Kinder in Familiengrundschulzentren erhoben werden kann, aber das Potenzial ist unbestritten. Das entspricht auch den Rückmeldungen der Kommunen, die danach fragen, welche Angebote Kinder und Eltern wünschen. Unsere Methoden sind bei der Entwicklung der Familiengrundschulzentren gut anwendbar.  </em></p>
<p><strong>Ulrich Deinet</strong>: <em>Björn Hermstein, einer der in unserem Buch vertretenen Autoren, war bis vor wenigen Jahren in der Stadt Duisburg im Schulverwaltungsamt als Schulentwicklungsplaner tätig. Er hat jetzt eine Stelle als Professor an einer Fachhochschule in Niedersachen, an der er ein Projekt zu den Familiengrundschulzentren durchführt. Unsere Methodik lässt sich auch auf niedrigschwellige Angebote wie Elterncafés anwenden, die wir aber in unserem Buch nicht explizit angesprochen haben.</em></p>
<p><em>Ich erinnere mich an eine Schulsozialarbeiterin, die mir von einer paradoxen Intervention berichtete. Sie sagte, sie würde Eltern anrufen, wenn die Kinder etwas besonders Gutes getan hätten. Normalerweise bedeuten Anrufe bei den Eltern aus der Schule ja eher etwas Schlechtes, weil das Kind mal wieder irgendetwas angestellt hat, was es besser nicht getan hätte. Wir haben jetzt nicht wie in Skandinavien eine Tradition von Community Schools, aber vielleicht ist eine solche paradoxe Intervention ein kleiner Schritt in diese Richtung.</em></p>
<p><em>Alle unsere Methoden und Projekte sind auch ein Thema für die Qualifizierung des Personals im Ganztag. Professor Markus Sauerwein ist seit einigen Jahren an der TU Dortmund tätig. Er hat ein großes sehr interessantes Projekt über die Quereinsteiger:innen im Ganztag, die keine spezifische pädagogische Ausbildung haben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Nicht zuletzt von Bedeutung, weil es einfach nicht genug Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt gibt. Viele sind an ihnen interessiert und werben sie sich gegenseitig auch ab.</p>
<p><strong>Christina Muscutt</strong>: <em>Das Projekt von Markus Sauerwein heißt Laien als Akteure im Ganztag (Laktat), hier gibt es einige Veröffentlichungen, zum Beispiel: </em><a href="https://eldorado.tu-dortmund.de/items/4ca1d5e4-6a71-45d9-acae-c115ef9c0590/full"><em>„Pädagogische Lai:innen im Ganztag“</em></a><em>. </em></p>
<p><strong>Ulrich Deinet</strong>: <em>Das ist ein wichtiges Thema. Quereinsteiger:innen im Ganztag wurden bisher eher negativ bewertet, weil sie eben nicht die traditionelle Ausbildung der sozialpädagogischen Fachkraft haben. </em></p>
<p><strong>Christina Muscutt</strong>: <em>Die Familiengrundschulzentren zielen auf eine Art Bildungspartnerschaft. Ich halte den Begriff für eher schwierig, weil er eigentlich ein Ungleichgewicht signalisiert, auch etwas Paternalistisches. Eltern werden in der Schule nie die gleichen Rechte haben wie die Lehr- und Fachkräfte. Ich sehe schon in unseren Methoden Möglichkeiten, Eltern und Fachkräfte mehr in Kontakt zu bringen, um sich gemeinsam Sozialräume anzuschauen. Lehrkräfte sind eher davon abgeschnitten, aber die Fachkräfte haben in den außerunterrichtlichen Angeboten des Ganztags und Familiengrundschulzentren mehr Spielräume, genauer hinzuschauen, wie Kinder und Eltern die Schule erleben. So lassen sich Eltern auch stärken. Sie werden nicht mehr nur als Adressaten gesehen, wie sie bessere Eltern werden könnten.</em> Auch</p>
<h3><strong>Prekäre Querverbindungen</strong></h3>
<div id="attachment_8020" style="width: 420px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8020" class="wp-image-8020" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/601-300x217.jpg" alt="" width="410" height="296" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/601-200x145.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/601-300x217.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/601-400x290.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/601-600x435.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/601-768x556.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/601-800x579.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/601-1024x742.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/601-1200x869.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/601-1536x1112.jpg 1536w" sizes="(max-width: 410px) 100vw, 410px" /><p id="caption-attachment-8020" class="wp-caption-text">Subjektive Karte des Schulgeländes. Institut für sozialraumorientierte Praxisforschung und Entwicklung – ISPE e.V.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Damit sind wir aber auch bei einem Punkt, der bei Ihnen im Vordergrund steht und vielleicht doch Ihr Alleinstellungsmerkmal ist: Der Bezug auf den Sozialraum. Das sollte in der Kinder- und Jugendhilfe eigentlich Standard sein, ist es aber leider auch dort nicht in dem Maße, wie es erforderlich wäre.</p>
<p><strong>Ulrich Deinet</strong>: <em>Wir erleben eine starke Trennung. Es gibt im schulischen Bereich inzwischen schon – wenn auch zaghaft – Partizipationsformen wie den Klassenrat. Das ist verbreitet, Schülerparlamente noch nicht so sehr. Zuletzt sagte mir eine Schulleiterin, sie wäre froh, dass sie ein solches Parlament habe. Das sei keine zusätzliche Belastung, sondern eine Erleichterung, weil so vieles einvernehmlich geklärt werden könne. </em></p>
<p><em>Entscheidend ist aus meiner Sicht die Kooperation von Schule, Jugendhilfe und Kommune. Es hat keinen Zweck, eine „Beteiligungsinsel“ anzubieten. Kinder erleben in einem konkreten Projekt Teilhabe- und Partizipationsmöglichkeiten, die dann aber im Alltag nicht weitergeführt werden. In der Schule spielt eine Rolle, dass Kinder- und Jugendparlamente, die es in immer mehr Kommunen gibt, zum Beispiel über die weiterführenden Schulen gewählt werden. Es gibt aber keine wirkliche Verbindung. Wir haben einmal in einer OGS nachgefragt, ob sie Klassenräte hätten und erhielten die Antwort, dass die Klassenräte an der Schule über die Schulsozialarbeit durchgeführt würden, während es in der OGS eine andere Form der Beteiligung der Kinder gäbe. Ich sehe das besondere Problem, dass es kaum möglich ist, in dem komplexen System Schule durchgehende Beteiligungsformen zu etablieren. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist (nicht nur) in Nordrhein-Westfalen ein Problem, das durch die fehlende Abstimmung zwischen den einzelnen Referaten und Abteilungen in dem zuständigen Ministerium immer wieder entsteht. Es gab schon in den 2010er Jahren in Nordrhein-Westfalen verschiedene Programme der Schulsozialarbeit, die aber alle von unterschiedlichen Referaten betreut wurden. Es war nicht möglich, diese zu einem Gesamtprogramm zusammenzufügen (nur am Rande: ich hatte hierzu 2018 einmal einen Vorschlag gewagt, dem die damalige Hausleitung jedoch nicht folgen wollte, weil es hausintern zu viele Widerstände gab). Von der Zusammenarbeit der für Schule und Jugend zuständigen Ministerien möchte ich da gar nicht reden. Die funktionierte zwischen den federführenden Referaten, aber diese hatten große Schwierigkeiten, eine gemeinsame Linie mit den anderen Referaten herzustellen. Das aktuelle mit Bundesmitteln geförderte <a href="https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/themen/bildung/schule/startchancen-programm-274440">Startchancenprogramm</a> verschärft das Problem nur noch, weil es mit anderen Programmen beispielsweise in Nordrhein-Westfalen mit der OGS nicht verknüpft wird. Synergien werden nicht genutzt, Ressourcen ineffektiv eingesetzt. Im Übrigen habe ich den Eindruck, dass auch die zuständigen Hausspitzen sich dessen nicht bewusst sind.</p>
<p><strong>Ulrich Deinet</strong>: <em>Bei der Schulsozialarbeit gibt es eine Art Kastensystem. Das ist ganz furchtbar. Ich höre zurzeit immer wieder, zuletzt von einem zuständigen Schulaufsichtsbeamten in einer Bezirksregierung in NRW, dass Schule sehr mit sich selbst beschäftigt ist. Ich führe das darauf zurück, dass die Binnenkooperationen im Rahmen des angestrebten „multiprofessionellen Teams“ inzwischen sehr kompliziert geworden sind. An einer Grundschule habe ich den Träger des Ganztags, den Träger der kommunalen Schulsozialarbeit, den Träger der Integrationshilfe. Und das sind leider nicht immer dieselben Träger. Das ist eher ein Hemmnis für die Öffnung von Schule. Ich kann das nicht durch Studien belegen, aber der Eindruck scheint mir nicht zu trügen.</em></p>
<p><strong>Ulrich Deinet</strong> war bis 2021 Professor für Didaktik / Methoden der Sozialpädagogik an der Hochschule Düsseldorf, Lehrbeauftragter und Leiter des <a href="https://ispe-net.de/">Instituts für Sozialraumorientierte Praxisforschung und Entwicklung</a> (ISPE e.V.)</p>
<p><strong>Christina Muscutt</strong> ist Fachberaterin im LVR-Landesjugendamt Rheinland, Lehrbeauftragte und Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Sozialraumorientierte Praxisforschung und Entwicklung (ISPE e.V.)</p>
<h3><strong>Zum Weiterlesen im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span></strong><span style="color: #678f20;">:</span></h3>
<ul>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/radikal-demokratisch-paedagogisch/">Radikal, demokratisch, pädagogisch</a> – Die Psychologin Marina Weisband über Zuversicht und Resilienz, Juni 2024.</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/das-kind-im-mittelpunkt/">Das Kind im Mittelpunkt</a> – Ein Gespräch mit Annette Berg, Direktorin der Stiftung SPI, Sozialpädagogisches Institut „Walter May“ in Berlin, September 2023.</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/75-jahre-kinder-und-jugendhilfe/">75 Jahre Kinder- und Jugendhilfe</a> – Ein Gespräch mit Staatssekretär a.D. Klaus Schäfer, August 2023.</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/kommunale-gestaltungsvisionen/">Kommunale Gestaltungsvisionen</a> – Zur Bekämpfung der Kinderarmut – ein Gespräch mit Alexander Mavroudis, Mai 2023.</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/paradies-fuer-glueckspilze/">Paradies für Glückspilze</a> – Das Bildungshaus Bad Aibling – ein Jugendhilfeträger gestaltet Schule, September 2022.</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/schwierige-partnerschaft/">Schwierige Partnerschaft</a> – Ein Gespräch mit Ulrich Deinet über Jugendhilfe und Schule, Juli 2022.</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/kinderrecht-ganztagsbildung/">Kinderrecht Ganztagsbildung</a> – Wie Kinder ihre OGS gestalten – neue Chancen mit dem Rechtsanspruch? Juni 2022.</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/paradigmenwechsel-kinderrechte-in-kommunen/">Paradigmenwechsel – Kinderrechte in Kommunen</a> – Ein Gespräch mit Anne Lütkes über kinderfreundliche Politik, Juni 2022.</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/kinder-wissen-was-sie-wollen/">Kinder wissen was sie wollen</a> – Die UN-Kinderrechtskonvention und das Landesprogramm Kinderrechte, März 2020.</li>
</ul>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Mai 2026, Internetzugriffe zuletzt am 23. April 2026. Titelbild: Bildungshaus Bad Aibling, Foto: Claudia Kohnle.)</p>
</div></div></div></div></div>
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]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Nicht nur Heils-, auch Sozialkirche</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/nicht-nur-heils-auch-sozialkirche/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 22 Apr 2026 08:09:16 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=7990</guid>

					<description><![CDATA[<p>Nicht nur Heils-, auch Sozialkirche Die Integrationsleistungen des kirchlichen Hilfswerks MISEREOR „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.“ (Pastoralkonstitution Gaudium et spes vom 7. Dezember 1965) Die häufig zitierten Anfangsworte der Pastoralkonstitution „Gaudium  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-2 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-2" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Nicht nur Heils-, auch Sozialkirche</strong></h1>
<h2><strong>Die Integrationsleistungen des kirchlichen Hilfswerks MISEREOR </strong></h2>
<p><em>„Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.“</em> (Pastoralkonstitution <a href="https://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_const_19651207_gaudium-et-spes_ge.html">Gaudium et spes</a> vom 7. Dezember 1965) <a name="_Toc85088500"></a></p>
<p>Die häufig zitierten Anfangsworte der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ des II. Vatikanischen Konzils sind programmatisch für die erklärte Absicht des Konzils (1962-1965), die Kirche in die <em>„Welt von heute“</em> zu führen und sie durch die Zuwendung zu den Sorgen und Nöten der Menschen überlebensfähig zu halten <em>(„aggiornamento“)</em>.</p>
<h3><strong>Unattraktive Kirche – attraktive kirchliche Hilfswerke</strong></h3>
<p>Betrachtet man Untersuchungen, die nach dem Vertrauen in die Kirche fragen, so scheint das Vorhaben in Deutschland nur mäßig gelungen. Im Jahr 2023 ist die <a href="https://kmu.ekd.de/">sechste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung</a> „Wie hältst du’s mit der Kirche?“ erschienen, an der erstmals auch die katholische Kirche teilgenommen hat. Dazu wurden im Herbst 2022 vom Forsa‑Institut 5.282 Personen, die in Privathaushalten in Deutschland leben, ab einem Alter von 14 Jahren unabhängig von ihrer faktischen Kirchenmitgliedschaft oder Religionszugehörigkeit repräsentativ auf der Basis von 592 Fragen befragt. Die Ergebnisse wurden zum Teil nach katholischen, evangelischen und Gesamtbefragten aufgeschlüsselt. Die Studie weist aus, dass nur noch ein geringer Teil der Gesamtbevölkerung der katholischen Kirche vertraut (2,3 Punkte auf einer Skala von 1-7). Sie liegt damit auf dem vorletzten Platz aller abgefragten Institutionen. Als Gründe sind genannt: Missbrauchsskandale und Vertuschung (90 % der befragten Katholik:innen nennen dies als wichtigsten Grund ihrer Neigung zum Kirchenaustritt), hierarchische Strukturen und mangelnde Transparenz, Ungleichbehandlung von Frauen sowie unzureichende Reformbereitschaft. Ohne hier auf die Gründe näher eingehen zu wollen, die Groß-Institution katholische Kirche hat offenbar ein Akzeptanzproblem in der bundesdeutschen Gesellschaft und, was dramatischer ist, auch bei ihren eigenen Mitgliedern (2,4 Punkte). Der in der <a href="https://www.dbk.de/presse/aktuelles/meldung/kirchenstatistik-2025">Kirchenstatistik 2025 der Deutschen Bischofskonferenz</a> dokumentierte Rückgang der Teilnehmerzahlen an den Sonntagsgottesdiensten von 50,4% im Jahr 1950, über 17,1% 1998, bis hin zu 6,8% im Jahr 2025 spricht diesbezüglich eine deutliche Sprache.</p>
<p>Diese Werte gelten allerdings nur für die katholische Kirche als solche. Knapp den doppelten Vertrauenswert erhalten die sozial ausgerichteten Institutionen der Kirche, die Caritas, worunter auch das bischöfliche Werk der Entwicklungszusammenarbeit MISEREOR gerechnet werden kann (4,2 Punkte auf der Skala 1-7). Diese Diskrepanz in den Vertrauenswerten zwischen katholischer Kirche als ganzer und einem ihrer Teilbereiche, den sozialen Einrichtungen, bestätigt einen schon häufiger dokumentierten Befund: Das soziale Engagement der Kirche wird in viel höherem Maße akzeptiert und geschätzt als ihre übrigen Aufgabenfelder. Schon seit den 1960-er Jahren des letzten Jahrhunderts wandelt sich die kirchliche Sozialgestalt faktisch von einer Heils- zu einer Sozialkirche.</p>
<p>Es ist einer breiten Öffentlichkeit offenbar nicht ausreichend bewusst, dass die sozialen, diakonischen Institutionen der Kirche (unter anderen <a href="https://www.caritas.de/">Caritas</a>, <a href="https://www.misereor.de/">MISEREOR</a>, <a href="https://justitia-et-pax.de/">Iustitia et Pax</a>) einen Teilbereich der Größe katholische Kirche darstellen. Das Vertrauen in diese Institutionen verhält sich umgekehrt proportional zum Vertrauen in die verfasste Kirche. Die eher traditionellen Mitglieder der katholischen Kirche, die der verfassten Kirche nahestehen, sehen die Kooperationen der Teilgrößen wie MISEREOR mit zivilgesellschaftlichen und staatlichen Einrichtungen (zum Beispiel <a href="https://www.bund.net/">Bund Umwelt und Naturschutz Deutschland</a>, <a href="https://www.bmz.de/de">Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung</a>) eher kritisch und befürchten eine allzu große Anbiederung an weltliche Belange. Umgekehrt gehen die höheren Akzeptanzwerte für diakonische Einrichtungen der Kirche einher mit Skepsis gegenüber der verfassten Kirche, insbesondere gegen deren Amtsträger. Jedenfalls schlagen die hohen Akzeptanzwerte der Teilgrößen nicht auf die Gesamtgröße durch.</p>
<p>Für die sozialen Einrichtungen existiert offenbar ein Vertrauensvorschuss qua Institution. Es müsste den Verantwortlichen der verfassten Kirche klar sein, dass hier ein Integrationsproblem vorliegt. Die Diskrepanzen in den Akzeptanzwerten belegen, dass Teilbereiche der Kirche unverbunden nebeneinander existieren und damit Chancen vergeben werden. Denn die hohen Akzeptanzwerte von Caritas oder MISEREOR lassen hoffen.</p>
<p>Katholische Kirche genießt in den Bereichen sozialer Präsenz weiterhin ein großes Vertrauen. Damit präsentiert sich katholische Kirche zwiespältig: Die als Kernbereiche von verfasster Kirche verstandenen Glaubens- und kultischen Dimensionen haben in der postmodernen, pluralen Gesellschaft Deutschlands kaum breitenwirksame Akzeptanz, sind durch Angebote anderer Anbieter besetzt oder sind in die Privatsphäre verlagert. Das soziale Engagement wird dagegen als gesamtgesellschaftlich oder in weltweiter Hinsicht als nutzbringend angesehen, und es wird ihm weiterhin hohes Vertrauen entgegengebracht.</p>
<p>Es ist interessant, einen näheren Blick auf die diakonischen Einrichtungen der Kirche und ihr Potential als Integrationsressource für die Kirche zu werfen. Exemplarisch ausgewählt sei das bischöfliche Hilfswerk MISEREOR, einmal wegen meiner früheren intensiven Beschäftigung mit der Fragestellung in meinem Habilitationsprojekt <a href="https://lit-verlag.de/isbn/978-3-8258-6424-3/">„Christliche Weltverantwortung, MISEREOR: Agent kirchlicher Sozialverkündigung“</a>, Münster, LIT Verlag, 2002) und zum anderen, weil es ein in die gesamte Weltkirche hinein ausgerichtetes internationales Hilfswerk ist. Als bischöfliches Hilfswerk unterliegt MISERIOR der Verantwortung der verfassten Kirche in Deutschland. Es ist daher ein gutes Beispiel dafür, wie die verfasste Kirche Einrichtungen ausgestaltet, die <em>„Kirche in der Welt von heute“</em> sind.</p>
<h3>Das Solidaritätspotential kirchlich-diakonischen Handelns</h3>
<p>Den biblischen Auftrag, Kranke zu heilen und sich um die Armen und Ausgestoßenen zu kümmern (Matthäus 10,8 sowie 25,31-46) hat die Kirche, in einem zunächst ausschließlich caritativen Sinn, stets ernst genommen. Die Sorge um die Kranken, Alten, Schwachen und Sterbenden war ein Bemühen kirchlicher Institutionen von Beginn des Christentums an. Über Jahrhunderte war die Kirche unter bischöflicher Leitung oder der Leitung von verschiedenen Orden Monopolist auf diesem Gebiet, bis seit dem 13. Jahrhundert auch die Bürgerschaften der im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation erstarkten Städte Armenpflege organisierten.</p>
<p>In Deutschland ist das caritativ-diakonische Handeln der Kirche heute mit zahlreichen Sozialinstitutionen weitgehend in den Sozialstaat eingebettet. Kirchliche Träger spielen weiterhin eine wichtige Rolle, zum Beispiel die <a href="https://www.caritas.de/diecaritas/wir-ueber-uns/wofuerwirstehen/wofuerwirstehen">Caritas</a> mit mehr als 25.000 Einrichtungen und Diensten und etwa 740.000 hauptberuflich Mitarbeitenden und mehreren Hunderttausend Ehrenamtlichen. Die Caritas unterhält die Institutionen, etwa 85 bis 90 Prozent werden vom Staat refinanziert. Dies ist möglicherweise ein Grund für die festgestellte Diskrepanz der Akzeptanzwerte, da caritativ-diakonisches Handeln offenbar von Menschen, die der Kirche eher fernstehen, kaum noch als Teil von katholischer Kirche identifiziert wird. Das Movens bleibt die Sorge um die Armen, Kranken und die am Rand der Gesellschaft stehenden Menschen: die Nächstenliebe.</p>
<p>Daneben existierten Zusammenschlüsse in eigener Sache, Con-Solidaritäten wie schon die im 19. Jahrhundert entstandene Arbeiter- und Frauenbewegung, später die Umwelt- und die Lesben- und Schwulen- beziehungsweise LGBTIQ*-Bewegung. Diese Arten von Solidarität besitzen ein gemeinsames Charakteristikum, nämlich dass sich die an diesen Formen der Verbundenheit Teilnehmenden für ihr jeweils eigenes Anliegen einsetzen. Man solidarisiert sich auf ein Anliegen hin, das zu erreichen dem eigenen Vorteil, der Verbesserung und Erleichterung der eigenen Lebenssituation dient. Sie sind somit eng mit der Lebenswelt der sich solidarisierenden Personen verbunden und gewinnen von daher die Plausibilität ihrer Motivation. Solidaritätsformen dieser Art waren zunächst Zusammenschlüsse zur Selbsthilfe in einer Zeit, in der für diese Gruppen gesetzliche Grundlagen und staatliche soziale Sicherungssysteme noch nicht in dem heute bekannten Maße, wenn überhaupt, vorhanden waren.</p>
<p>Seit den 1950er Jahren war eine generelle Verschiebung des Solidaritätspotentials zu beobachten. Sie hängt mit den komplexer werdenden sozialen Vernetzungen durch Ausdifferenzierungen der Lebensbereiche und einer sich verstärkenden Individualisierung zusammen, aber auch mit dem wirtschaftlichen Aufschwung in der jungen Bundesrepublik sowie einer sich generell verstärkenden internationalen Blickrichtung. Die verstärkt genutzten Medien, allen voran das Fernsehen, hatte daran einen nennenswerten Anteil. Es entstanden neue Formen der Solidarität, Pro-Solidaritäten, die die Grenzen von Klassen- und Geschlechtssolidaritäten, von Solidaritäten organisierter Großgruppen sowie von Nationalgesellschaften überschritten. Pro-Solidaritäten sind nicht in erster Linie auf den eigenen Nutzen, sondern sind auf andere gerichtet, auf den fernen Nächsten.</p>
<p>Mit den Pro-Solidaritäten entstand ein Solidaritäts-Potential, das ebenfalls als Chance für diakonisches Handeln der Kirche nach der Auflösung der katholischen Eigenwelt (katholische Gottesdienste, Eheschließungen, Beerdigungen, Feste, Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser, Büchereien, Jugendclubs, Pfadfinder …) begriffen werden muss. Der Abbau der sozialen Schranken und die Mobilitäten der Nachkriegsgesellschaft machten die Fortführung einer Organisation allumfassender katholischer Eigenwelt unmöglich. Auch die konfessionellen Barrieren, die die katholische Eigenwelt normativ stützten, verschwanden allmählich. Die Kirche hatte in Westeuropa keine andere Wahl als sich zu einer <em>„Kirche in der Welt von heute“</em> umzuformen, wollte sie nicht zu einer rein kultischen Rückzugsgröße werden. Die internationale Ausrichtung der Pro-Solidaritäten, etwa die Anti-Vietnamkrieg Bewegung, bereitete den Boden dafür, sich uneigennützig für den fernen Nächsten einzusetzen und Verständnis dafür zu erzeugen.</p>
<p>Katholische Kirche war per se schon immer international tätig. Doch die bis dahin international tätigen Einrichtungen der Katholischen Kirche in Deutschland waren Missionswerke und Missionsorden mit der spezifisch kirchlichen Aufgabe der <em>missio ad gentes</em>, wenngleich die Missionsbemühungen von Beginn an auch ein Zusammentreffen mit Armut und anderen Nöten bedeuteten, die die entsandten Missionar:innen nach Kräften und mit den ihnen zur Verfügung stehenden, eher bescheidenen Mitteln zu bekämpfen suchten. Aufgrund des im Zweiten Vatikanum erarbeiteten neuen Selbstverständnisses der Kirche konnte die Sorge um die Armen und Marginalisierten jedoch zu einem eigenständigen, pro-solidarischen Aufgabenbereich auch ohne missionarische Absicht werden.</p>
<h3><strong>„Abenteuer im Heiligen Geist“</strong></h3>
<p>In der Vollversammlung der deutschen Bischöfe in Fulda (15.-21. August 1958) hielt Joseph Kardinal Frings als Vorsitzender der der Deutschen Bischofskonferenz vorausgehenden Fuldaer Bischofskonferenz eine als prophetische geltende Rede, die zur Gründung des bischöflichen Hilfswerkes MISEREOR führte: <a href="https://www.misereor.de/fileadmin/user_upload/5_Ueber_Misereor/2_Auftrag_und_Struktur/5_Geschichte/rede-misereor-gruendung-kardinal-frings.pdf">„Abenteuer im Heiligen Geist“</a>. Einige markante Sätze daraus lauten:</p>
<ul>
<li><em>„Was wir bisher gewusst haben, ‚seh’n‘ wir jetzt. Was wir bisher über unserer eigenen Not vergessen haben, tritt jetzt in die Mitte unseres Bewusstseins: in den meisten Ländern dieser Erde herrscht Hunger.“</em></li>
</ul>
<ul>
<li><em>„Es handelt sich um die Teilnahme an Christi misereor super turbam. Nicht nur Heilssorge, sondern auch Seelen- und Leibsorge hat unseren Herrn bewegt.“</em></li>
</ul>
<ul>
<li><em>„Es soll dem Einzelnen in das Gewissen geredet werden, damit er so sein Heil wirke in der Barmherzigkeit, die er übt und die er darum findet. Es soll der Blick des einzelnen Gläubigen auf die Not Christi gelenkt werden.“</em></li>
</ul>
<p>Mit der Gründung des bischöflichen Hilfswerkes MISEREOR im Jahr 1959 wurde eine institutionelle Größe geschaffen, an der gleich mehrere Elemente von <em>„Kirche in der Welt von heute“</em> zu beobachten sind:</p>
<p>Das Hilfswerk ist als eine Einrichtung in bischöflicher Verantwortung konstruiert und mit zwei Gründungsaufträgen versehen: Projektarbeit in den Ländern der sogenannten Dritten Welt und Bildungsarbeit in Deutschland. Inzwischen ist ein dritter Auftrag, nämlich Advocacy-Arbeit, politisches Lobbying in Deutschland und den Partnerländern weltweit, hinzugekommen. MISEREOR wurde pro-solidarisch konstruiert. Nach dem Willen der Bischofskonferenz sollte es kein missionarisches Unterfangen sein, auch wenn missionarischer Erfolg im Nebeneffekt als wünschenswert betrachtet wurde. Die Hilfe sollte den Bedürftigen ohne Beachtung ihrer Glaubenszugehörigkeit zukommen. Die bis dahin im katholischen Raum der Bundesrepublik existierenden Einzelaktionen sollten gebündelt und damit effizienter gestaltet werden. Zunächst wurden vor allem die kirchlichen Partner in Übersee als Kooperationspartner für die von Misereor durchgeführten Projekte gewonnen. An der Wahl der Themen für die Fastenaktion sowie insbesondere an den dazu gefertigten Aktionsplakaten lässt sich über die Jahre eine deutliche Entwicklung der Motive von anfänglich mehr caritativem Tun, das der herkömmlichen Armenfürsorge der Kirche nahekam, hin zu Gerechtigkeits-Ansätzen erkennen. Die besondere Form einer kirchlichen Entwicklungszusammenarbeit hat schon bald zu den bis heute gültigen Ansätzen der Armenorientierung und der Hilfe zur Selbsthilfe geführt. Vergleicht man die Historie der säkularen entwicklungspolitischen Konzeptionen, wurden diese Ansätze schon bemerkenswert früh von MISEREOR favorisiert, auch wenn der Ansatz einer strukturellen Überwindung der Notlagen zu Beginn der Arbeit des Hilfswerkes nicht unumstrittenen war. Zwei Jahre nach der Gründung von MISEREOR wurde am 14. November 1961 das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) eingerichtet.</p>
<p>Der zweite Gründungauftrag war vor allem für die Situation in Deutschland relevant. Das Werk sollte Bildungs-, Bewusstseinsbildungs- und Öffentlichkeitsarbeit leisten. Da das katholische Milieu spätestens seit Ende der 1960er Jahre stark erodierte, konnte dieser Auftrag zur Inlandsarbeit nicht allein im katholischen Milieu erfüllt werden. Noch bis Ende der 1960er Jahre wurde die Informations- und Bildungsarbeit weitgehend über die traditionellen katholischen Kanäle, vor allem die Pfarreien, durchgeführt. Dann baute das Hilfswerk eigene Abteilungen auf. Die Inlandsarbeit wurde von einer bis dahin nahezu reinen Spendenwerbung, die stark auf die jährliche Fastenaktion konzentriert war, zu einem eigenständigen Bildungsbereich mit einem umfassenden Angebot an Materialien für die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ausgebaut. Daneben wurde eine entwicklungspolitische Abteilung eingerichtet, die Anschluss an die säkulare entwicklungspolitische Diskussion zusammen mit der kirchlichen und NGO-Partnerstruktur hält. Dabei wird berücksichtigt, dass ein kirchliches Hilfswerk nicht die Dimensionen staatlicher Entwicklungszusammenarbeit erreichen kann, dafür aber spezifische Zugänge zu Partnerorganisation auf der kirchlichen und NGO-Ebene unterhält, die Menschen auf einer Grassroot-Ebene erreichen. Diese Möglichkeiten unterhalb eines staatlichen Handelns werden von Seiten des Staates geschätzt. MISEREOR werden für seine Projektarbeit beträchtliche Mittel aus öffentlichen Haushalten bereitgestellt. <a href="https://www.misereor.de/ueber-misereor/transparenz/jahresbericht">Jährliche Berichte legen Rechenschaft ab</a>.</p>
<p>Mit der Inlandsarbeit nimmt MISEREOR – wie die übrigen in Deutschland tätigen kirchlichen Hilfswerke (Missio Aachen/München, Päpstliches Missionswerk der Kinder, Adveniat, Caritas international, Renovabis, Ordensgemeinschaften) an den Meinungsbildungsprozessen der Zivilgesellschaft teil. Das Hilfswerk sucht unter Zuhilfenahme aller modernen Medien eine Öffentlichkeit für die Sorgen und Nöte des fernen Nächsten und dadurch Veränderungsdruck zu schaffen und wie jede andere NGO mit den politisch Verantwortlichen in direkten Kontakt zu treten. Was hier als sachgerecht für die Inlandsarbeit des jeweiligen Hilfswerkes wahrgenommen wird, leistet mindestens in zweierlei Hinsicht auch einen nicht zu unterschätzenden Dienst an der Gesamtgröße katholische Kirche:</p>
<h3><strong>Das kirchliche Hilfswerk als zivilgesellschaftlicher Partner</strong></h3>
<p>Bis in die 1950er Jahre hinein konnte die katholische Kirche auf Sozialisationsinstanzen vertrauen, die die Inhalte des Glaubens und der christlichen Ethik mit hoher Effizienz vermittelten. Die das Leben der Glaubenden regulierende Wirkung der sittlichen Normen der katholischen Kirche wie auch ihrer <em><a href="https://katholisch.de/artikel/13650-das-sind-die-fuenf-gebote-der-kirche">„Kirchengebote“</a></em>, die die Grundpfeiler der rituellen Gemeinschaft markieren, nahm ab. Mit der Anerkennung der normativen Wirkung kirchlicher Vorgaben war auch das Muster der autoritativen Weitergabe der Inhalte von Glauben und Moral verbunden. Zeitgleich mit der Ausdifferenzierung der bundesdeutschen Gesellschaft der Nachkriegszeit geriet dieses Muster der Weitergabe in die Krise. An die Stelle der Autoritätsargumente trat nun der argumentative Diskurs. Die sich entwickelnde Zivilgesellschaft folgte den Mustern öffentlicher Diskurse, es entstanden Bürgerbewegungen und -beteiligungen durch Herstellung medialer Öffentlichkeit, freiwillige Zusammenschlüsse als Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und es bildeten sich Formen ziviler Proteste aus.</p>
<p>Die Formen demokratischer Beteiligung an der Zivilgesellschaft stellten eine hierarchisch verfasste Organisation vor bis dahin nicht gekannte Herausforderungen. Viele Beteiligungs- und Lernmuster einer solchen (Zivil-)Gesellschaft werden nicht mehr top down generiert und gesteuert, sondern beruhen auf den selbst organisierten Aktivitäten der freiwilligen Vereinigungen, die sich auch weitgehend eigenständig um ihren Informationsstand bemühen. Die katholische Kirche hingegen ist eine gestiftete Heilsgemeinschaft. Sie ist gegründet auf dem Auftrag und der Sendung Jesu Christi und versteht sich als bleibendes Zeichen des Wortes Gottes in der Welt.</p>
<p>Die hierarchische Struktur der verfassten Kirche geht zurück auf die Berufung und die Einsetzung der Amtsträger in apostolischer Nachfolge mit den damit verbundenen Rechten und Vollmachten durch ihren Gründer. Die hierarchische Verfassung der Kirche, insbesondere das Bischofsamt (Dogmatische Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Kirche <a href="https://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_const_19641121_lumen-gentium_ge.html">Lumen Gentium</a>, Kapitel 3), sind daher im Selbstverständnis der Kirche ein unaufgebbares Merkmal ihrer gesamten Tradition. Religiöse Ordnung und gesellschaftliche Präsenz sind zeitgleiche Bestandteile der katholischen Kirche, die damit in eine zunehmend widersprüchliche Situation geraten muss, insofern die politischen Systeme im westlichen Kulturkreis sowohl eine hierarchische Ordnung als auch eine religiöse Fundierung schon längere Zeit überwunden haben. Die Organisationsform der eigenen Struktur, die weiterhin einem streng hierarchischen Aufbau mit einem obersten Gesetzgeber an der Spitze nachkommt, der zugleich die oberste Exekutive und Jurisdiktion innehat, trifft in der gesamten westlichen Welt auf Gesellschaften, die der weltanschaulich neutralen Demokratie als Staatsform nicht nur faktisch folgen, sondern die auch die Idee der Gestaltung von Gemeinschaft durch Gewaltenteilung verinnerlicht haben.</p>
<p>Wenn es nun nicht mehr möglich ist, die weltliche Herrschaft eines Staates qua abgeleiteter göttlicher Macht zu definieren, verändert sich auch das Verhältnis von Kirche und Staat. Die Kirche kann nun im Verständnis des Staates diesem nicht mehr mit religiöser Potestas ausgestattet autoritativ gegenübertreten, da dieser seine Legitimation demokratisch herleitet. Die Kirche tritt aus staatlicher Sicht in das Glied zivilgesellschaftlicher Organisationsformen zurück und wird in politischen Belangen zur NGO. Der Staat versteht sich selbst und muss auch von der Kirche als eine weltanschaulich neutrale, demokratisch legitimierte und durch den demokratischen Souverän, das Volk, eingehegte Größe verstanden werden. Wo immer Kirche und ihre zugehörigen Organisationen in diesem Verständnis dem Staat mit Vorstellungen, Wünschen oder Forderungen gegenübertreten, sind die Spielregeln des demokratischen Staates zu beachten. Vom Grundgesetz ausdrücklich geschützt sind allerdings weiterhin die spezifisch religiösen Belange (siehe <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_4.html">Artikel 4 GG</a>, <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_140.html">Artikel 140 GG</a> in Verbindung mit <a href="https://www.ekvw-recht.de/pdf/5798.pdf">Artikel 136-139, 141 Weimarer Verfassung vom 11. August 1919)</a>.</p>
<p>Die auf ihrer gesamten Tradition beruhende hierarchische Verfasstheit der katholischen Kirche unterscheidet sich in einigen zentralen Punkten von zivilgesellschaftlichen Strukturen, etwa in der fehlenden Abwahlmöglichkeit der gewählten Repräsentanten und der fehlenden prinzipiellen Offenheit aller Ämter für alle Personen. Wegen dieser Unterschiede kann die katholische Kirche nicht nahtlos an eine Gesellschaft anknüpfen, die die hierarchischen top-down-Muster weitgehend ersetzt hat. Wollen Kirche und Gesellschaft unter zivilgesellschaftlichen Bedingungen zu einer fruchtbaren Kooperation kommen, so bedarf es kirchlicher Teilsysteme oder Mechanismen, die in der Lage sind, die zivilgesellschaftliche Funktionsweise nachzuvollziehen.</p>
<p>Neben anderen kirchlichen Akteuren wie etwa den Sozial- und Laienverbänden haben auch die kirchlichen Hilfswerke Mechanismen ausgebildet, um an zivilgesellschaftlichen Prozessen partizipieren zu können. Das Hilfswerk MISEREOR stellt mit seiner Inlandsarbeit eine Kompatibilität her, die es ermöglicht, eine hierarchisch strukturierte Größe in eine anders funktionierende gesellschaftliche Umwelt zu transformieren. Es hat damit als Teilgröße von katholischer Kirche eine nicht zu unterschätzende intermediäre Funktion, denn seine Arbeitsweise in Deutschland folgt der durch die ausdifferenzierte Gesellschaft vorgegebenen Funktionslogik. Unter Verwendung aller zur Verfügung stehenden Medien – eigene und fremde Printmedien, Fernsehen, Radio, Internet, soziale Medien – nimmt das Hilfswerk teil am öffentlichen gesellschaftlichen Diskurs zu den relevanten Fragen beispielsweise der Nord-Süd- oder West-Ost-Problematik. Dieser erstreckt sich auf vielfältige Themenfelder, etwa auf Bereiche wie Armutsbekämpfung, Friedenssicherung, Umweltfragen, intergenerationelle Probleme, Gender-Fragen und ähnliche Materien, die sich mit den Handlungsbereichen anderer zivilgesellschaftlicher, ökonomischer und staatlicher Akteure überschneiden. Darüber hinaus berühren diese Thematiken vielfach gleichgelagerte innerstaatliche Fragestellungen, was die Aufmerksamkeit für die Inlandsarbeit der Hilfswerke erhöht. So hatte MISEREOR beispielsweise recht früh zusammen mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) beim Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie eine Studie in Auftrag gegeben. Die Studie ‚Zukunftsfähiges Deutschland‘ ist 1996 erschienen. Sie gilt heute als Wegbereiter der Berücksichtigung ökologischer Fragen in der kirchlichen Entwicklungszusammenarbeit, stieß aber bei ihrem Erscheinen auf erheblichen innerkirchlichen Widerstand.</p>
<p>Das Hilfswerk trägt in Belangen der Entwicklungszusammenarbeit die eigenen Ansichten begründet vor, wirbt um Zustimmung in der deutschen Gesellschaft und bildet Allianzen mit ähnlich denkenden Organisationen und Gruppierungen. Es steht dabei in Konkurrenz zu anderen im öffentlichen Diskurs vorgetragenen Ansichten und wirbt um die eigene Auffassung durch Versuche nachvollziehbarer Begründungen und Appelle an solidarisches Verhalten. Damit verhält sich das Hilfswerk nicht anders als die übrigen zivilgesellschaftlichen Akteure.</p>
<p>Auch im Bereich des direkten Lobbyings, des unmittelbaren Gesprächs mit relevanten Akteuren in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft muss sich das Hilfswerk wie die anderen Lobbyisten der Zivilgesellschaft verhalten. Zu überzeugen ist qua Argument, auch hier in Konkurrenz zu den Ansichten anderer Lobbyisten, die nicht selten anderer Auffassung sind. Sowohl im öffentlichen Diskurs als auch im politischen Lobbying kann das Hilfswerk unabhängiger, zielgerichteter, weil losgelöst von anderen Interessen, und mit weniger Rücksichtnahme auf andere Belange agieren, als es die Akteure der verfassten Kirche können. Diese sind durch ihr Amt gehalten, auch innerkirchlich vorhandene unterschiedliche Perspektiven zusammen zu führen. Es kann auch nicht die Aufgabe der Bischöfe sein, filigrane entwicklungspolitische Fragen öffentlich zu erörtern. Das kirchliche Hilfswerk kann sich auf diese Fragestellungen konzentrieren, die katholische Kirche in Deutschland als ganze kann dies nur sehr bedingt. In ihr laufen vielfältige, aus der jeweiligen Sicht berechtigte, aber insgesamt nicht selten konträre Interessen zusammen, die von Bischöfen sinnvollerweise nicht auf der Ebene des täglichen politischen Geschäfts bearbeitet werden können. Die Hilfswerke greifen weitreichend in die spezifischen gesellschaftlichen Diskurse ein und bilden so für die katholische Kirche zivilgesellschaftliche Fenster, indem sie den Spielregeln des zivil-gesellschaftlichen Diskurses folgen.</p>
<h3><strong>Binnenkirchlich integrative Aufgabe und Funktion</strong></h3>
<p>Neben dieser zivilgesellschaftlichen Funktion leistet das Hilfswerk auch eine relevante binnenkirchlich integrative Aufgabe. Die binnenkirchliche Situation in Deutschland betreffend ist das kirchliche Hilfswerk eine bemerkenswert integrative Größe. Es gelingt ihm, unterschiedliche kirchliche Gruppierungen auf eine Problemstellung hin in einen zielgerichteten Prozess zu bringen. Ausgerichtet wird das Handeln des Werkes in Deutschland auf eine Steigerung der sowohl individuellen als auch gesellschaftlichen internationalen Solidaritätspraxis. Dabei ist die stark diversifizierte Form des Angebots der Hilfswerke an Informationen über Projekte, verbunden mit der Skizzierung der sozialen Lage der Menschen vor Ort sowie der Verwendung der Spendengelder in unterschiedlichen Publikationsformen, geeignet, ganz verschiedene Gruppierungen der katholischen Kirche in einen Prozess praktischer Solidarität einzubinden.</p>
<p>In einer Untersuchung zu den christlichen Dritte-Welt-Gruppen haben sich die kirchlichen Hilfswerke <a href="https://www.dbk-shop.de/de/publikationen/publikationen-wissenschaftlichen-arbeitsgruppe-weltkirchliche-aufgaben/studien-sachverstaendigengruppe-weltwirtschaft-sozialethik/handeln-weltgesellschaft.html">als wichtige Partner der in den Pfarrgemeinden und auf Dekanatsebene tätigen Gruppen</a> bestätigt. Damals gaben etwa 50 Prozent der Gruppen an, Kontakte zu MISEREOR zu haben. Damit ist das Hilfswerk für die aktive katholische und ökumenische Dritte-Welt-Szene ein wichtiger Kooperationspartner.</p>
<p>Das Hilfswerk vermag eine Reihe von innerkirchlichen Organisationsformen in Fragen der Entwicklungszusammenarbeit in ihr Tun einzubinden. Ihm gelingt es zum Teil auch – die Studie unterscheidet verschiedene katholische Milieus – <em>„traditionelle“</em> Christ:innen anzusprechen, deren solidarisches Engagement auf ihrer christlichen Sozialisation beruht und die Spenden an die Armen als eine immer schon zu ihrem Glauben gehörende Form von Verpflichtung betrachten. MISEREOR hat die Beziehung zur Gruppe der <em>„kirchlich gebundenen Katholik:innen“</em> stets aufrechterhalten. Es gelingt dem Hilfswerk darüber hinaus auch eine gute Beziehung zu dem <em>„Sektor diffuser Katholizität“</em> aufrecht zu erhalten, dem die Mehrheit der Katholik:innen unter 60 Jahren zuzurechnen ist. Es sind Katholik:innen, die gar nicht oder nur sporadisch die kultischen und religiösen Angebote der Kirche wahrnehmen, die aber ebenso wie die kirchlich gebundenen Katholik:innen in der Verpflichtung religiös sozialisiert wurden, den Armen Fürsorge zukommen zu lassen.</p>
<p>Die Rezeption differenzierterer Fragestellungen, deren Abhandlung sich in speziellen monografischen Veröffentlichungen und Beiträgen findet, geschieht über die an die Pfarrgemeinden gerichteten Publikationen – etwa der jährlichen Fastenaktionen – hinaus durch weltkirchlich und entwicklungspolitisch Interessierte, durch die Dritte-Welt-, Ost-West- und Friedens-Gruppierungen in ihren heterogenen Erscheinungsformen. Die Rezeption vollzieht sich auch bei Partnerschaftskongressen, Akademie- und anderen Bildungsveranstaltungen.</p>
<p>Wo Engagement ist, ist auch Kritik: manchen geht das kirchliche Engagement zu weit. Während Fürsorge und Caritas, wie eingangs erwähnt, in der Regel hohe Akzeptanzwerte in der Gesellschaft haben, werden politische Stellungnahmen der Kirche und der kirchlichen Hilfswerke zu grundlegenden Fragen kontrovers aufgenommen. Betroffen sind etwa Aussagen zur systemischen Überwindung von Armut, zum Umgang mit Migration oder die Stellungnahmen zu Kriegen.</p>
<p>In letzter Zeit forderten mehrfach auch deutsche konservative Politiker:innen, die Kirche möge sich auf Seelsorge beschränken. Das Phänomen tritt in politisch unruhigen Zeiten immer dann auf, wenn kirchliche Äußerungen den Regierenden nicht genehm sind. Dies erleben wir zurzeit auch in den Invektiven von Donald Trump gegen Papst Leo XIV. Geradezu legendär waren die Auseinandersetzungen von MISEREOR mit dem damaligen Ministerpräsidenten von Bayern, Franz Josef Strauß, zu der Frage der Überwindung der Apartheid in Südafrika (<a href="https://www.misereor.de/ueber-misereor/auftrag-struktur/geschichte">Fastenaktion 1983, Ich will ein Mensch sein</a>).</p>
<h3><strong>Attraktiv in der Zivilgesellschaft – auch dank MISEROR</strong></h3>
<p>Das bischöfliche Hilfswerk MISEREOR bildet einen Teilbereich der katholischen Kirche in Deutschland. Sein Aufgabenbereich ist gut dazu geeignet, in vielfältiger Weise mit in gleichen Fragen der Entwicklungszusammenarbeit engagierten zivilgesellschaftlichen Akteuren zusammenzuarbeiten. Da das Hilfswerk von seinem Gründungsauftrag her keine innerkirchliche Ausrichtung hat, bietet es auch zahlreiche Anknüpfungspunkte für staatliche und zivilgesellschaftliche Kooperationen. MISEREOR ist – neben anderen diakonischen Einrichtungen der Kirche – ein essenzieller Transmissionsriemen, um die hierarchische Struktur der verfassten katholischen Kirche zivilgesellschaftsfähig zu machen. Das Hilfswerk leistet damit einen Beitrag zum Überleben der Kirche in einer pluralistisch individualistischen Gesellschaft, der nicht unterschätzt werden sollte.</p>
<p>Das kirchliche Hilfswerk wirkt aber nicht nur ad extra in die Zivilgesellschaft, sondern es ist auch in der Lage, verschiedene innerkirchliche Gruppierungen auf eine Thematik hin zu integrieren. Auch damit trägt es zu einer zeitgemäßen Funktionsfähigkeit der längst selbst plural gewordenen katholischen Kirche bei.</p>
<p>Das diakonische Handeln der Kirche hat einen sehr großen Plausibilitätsfaktor für die Akzeptanz von christlichem Glauben und Kirche. MISEREOR eröffnet einen beachtenswerten Integrationshorizont unter einer weltkirchlichen Perspektive, der auch inhaltlich von zentraler Bedeutung für christlichen Glauben ist. Sollte ein Vermächtnis des Christentums in den zwei Jahrtausenden des Bestehens benannt werden, wäre dies sehr wahrscheinlich die Nächstenliebe, die Anerkennung der Präsenz Christi in den Armen und Randständigen <em>„mitten unter uns“</em> (Matthäus 25, 31-46).</p>
<p>Offenbar ist es aber weiterhin schwierig, das Tun des kirchlichen Hilfswerkes als ein zentrales Handeln der Kirche deutlich zu machen. Ansonsten dürften die Akzeptanzwerte der Größe Caritas und der Gesamtgröße katholische Kirche nicht so weit auseinanderliegen.</p>
<p>Die Effizienz der zivilgesellschaftlichen und innerkirchlich integrativen Leistungen hängt davon ab, wieweit die verschiedenen Akteure der Kirche bereit sind, über das gängige Muster hinaus neue zivilgesellschaftliche Allianzen mit Partnern einzugehen, die selbst nicht aus dem katholischen Milieu stammen.</p>
<p>Zivilgesellschaftliches Handeln funktioniert durch immer neue – freiwillig gebildete – Allianzen in der Sache, durch Bündelung von Interessen zur Gewinnung von öffentlicher Aufmerksamkeit und zur Steigerung von Verhandlungsmacht gegenüber politischen und ökonomischen Entscheidungsträgern. Wenn die Kirche in der Sache argumentiert statt um der alten Zeiten willen an nicht mehr sachgerechten Bündnissen festzuhalten, können die beiden Funktionen der Inlandsarbeit der kirchlichen Hilfswerke, zivilgesellschaftliches Fenster der Kirche zu sein und darüber hinaus innerkirchliches Potential in einer Sachfrage zu bündeln, vermutlich effizienter gestaltet werden. Vielleicht bestünde dann sogar die Chance, die gravierend unterschiedlichen Akzeptanzwerte zwischen der Gesamtgröße Kirche und der Teilgröße Caritas, die stellvertretend für das diakonische Handeln stehen mag, nach oben anzugleichen. Das bischöfliche Hilfswerk MISEREOR birgt hierfür einiges an Potential.</p>
<p><strong>Hans-Gerd Angel</strong>, Bonn</p>
<p>Der Autor ist promovierter und habilitierter Theologe. Er forschte als wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Moraltheologie in Trier und habilitierte sich 2002 in christlicher Sozialethik an der Universität Münster. Von 1992 bis 2025 arbeitete er als Referent im Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz. Er lehrte zwischen 2003 und 2014 an der Universität Bonn in einer Lehrstuhlvertretung beziehungsweise als Privatdozent.</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im April 2026, Internetzugriffe zuletzt am 22. April 2026, Titelbild: Hans Peter Schaefer.)</p>
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			</item>
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		<title>Die Kunst der Koalition</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 15 Apr 2026 14:20:53 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die Kunst der Koalition Das Buch „Verantwortung“ von Volker Wissing „Wir müssen aber aus dem Scheitern der Ampel-Regierung die richtigen Schlüsse ziehen. In der FDP wird es Menschen geben, die sagen, die Lehre ist, dass man nie mehr mit Grünen und Sozialdemokraten zusammenarbeiten darf. Nur, mit wem dann? Mit der CDU, die die FDP  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-3 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-2 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-3" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Die Kunst der Koalition</strong></h1>
<h2><strong>Das Buch „Verantwortung“ von Volker Wissing</strong></h2>
<p><em>„Wir müssen aber aus dem Scheitern der Ampel-Regierung die richtigen Schlüsse ziehen. In der FDP wird es Menschen geben, die sagen, die Lehre ist, dass man nie mehr mit Grünen und Sozialdemokraten zusammenarbeiten darf. Nur, mit wem dann? Mit der CDU, die die FDP genüsslich für tot erklärt? Die inhaltliche Abgrenzung voneinander ist in Wahlkämpfen wichtig, um Pluralismus zu demonstrieren. Aber die Versuchung, Abgrenzung zum Dauerthema zu machen, ist zu groß. Wahlen zielen nicht darauf ab, Gewinner und Verlierer zu produzieren. Ein Wahlergebnis ist ein Gestaltungsauftrag. Den kann man nicht wahrnehmen, indem man pausenlos erklärt, was einen am anderen stört.“ </em>(<a href="https://www.zeit.de/politik/2026-03/volker-wissing-landtagswahl-rheinland-pfalz-fdp">Volker Wissing im Gespräch mit Alissa Schellenberg</a>, in: Die ZEIT, 22., März 2026)</p>
<p>Am 6. November 2024 hat Bundeskanzler Olaf Scholz den Finanzminister Christian Lindner entlassen. Anschließend führte er Vier-Augengespräche mit dem Justizminister, dem Verkehrsminister und der Bildungsministerin. Marco Buschmann und Bettina Stark-Watzinger folgten Christian Lindner, Volker Wissing nicht. Die Frage von Olaf Scholz, ob er bleibe, beantwortete er mit einem Wort und ohne zu zögern: <em>„Ja“</em>. Volker Wissing hat diesen in der Geschichte der Bundesregierungen außergewöhnlichen Vorgang in seinem gemeinsam mit Balthasar Haußmann geschriebenen Buch „Verantwortung“ (München, Droemer, 2026) dokumentiert.</p>
<p>Ohne diesen Vorgang wäre das Buch wahrscheinlich nie geschrieben worden. Andererseits ergab sich so die Chance, über verpasste Alternativen und Hintergründe nachzudenken, ein positives Bild von der Arbeit der Ampelkoalition zu vermitteln und darüber hinaus eine Perspektive zu entwickeln, wie ein unseren Zeiten angemessener Liberalismus konzipiert werden könnte. Das Buch überzeugt durch eine klare, unprätenziöse und verbindliche Sprache und seinen sachlichen, unaufgeregten Ton. Ich werde im Folgenden versuchen, die Thesen dieses Buches zu skizzieren. Zum Abschluss wage ich eine Einordnung in liberale Traditionen seit 1848.</p>
<h3><strong>Ein bemerkenswertes Buch</strong></h3>
<div id="attachment_7965" style="width: 194px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.droemer-knaur.de/buch/dr-volker-wissing-verantwortung-9783426569580"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7965" class="wp-image-7965 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Wissing_Verantwortung_Droemer-184x300.jpg" alt="" width="184" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Wissing_Verantwortung_Droemer-184x300.jpg 184w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Wissing_Verantwortung_Droemer-200x327.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Wissing_Verantwortung_Droemer-400x653.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Wissing_Verantwortung_Droemer-600x980.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Wissing_Verantwortung_Droemer-627x1024.jpg 627w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Wissing_Verantwortung_Droemer-768x1254.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Wissing_Verantwortung_Droemer-800x1306.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Wissing_Verantwortung_Droemer-941x1536.jpg 941w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Wissing_Verantwortung_Droemer-1200x1960.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Wissing_Verantwortung_Droemer-1254x2048.jpg 1254w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Wissing_Verantwortung_Droemer.jpg 1512w" sizes="(max-width: 184px) 100vw, 184px" /></a><p id="caption-attachment-7965" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Das Buch enthält vier Kapitel, die – ebenso wie der Titel „Verantwortung“ eine Art Tugendkatalog oder Verhaltenscodex, eine Art ethisch-moralischen Leitfaden für Politikerinnen und Politiker beschreiben: <em>„Vertrauen“</em>, <em>„Das Richtige tun“</em>, <em>„Gelassenheit“</em>, <em>„Demokratischer Optimismus“</em>. Das Scheitern der Ampel wäre – so mag man die vier Überschriften lesen – ein Lehrstück, mit dem sich angehende Politikerinnen und Politiker und nicht nur diese eingehender auseinandersetzen könnten und sollten.</p>
<p>In verschiedenen Medien hat sich Volker Wissing zu seinem Buch geäußert. Die Botschaft war stets die gleiche und dennoch lohnt es sich, aus einigen dieser Gespräche zu zitieren, da sie wesentliche Aspekte des Politikverständnisses von Volker Wessing auch im Kontrast zu den medialen Erwartungen zeigen. Es geht um viel mehr als um das bloßes Platzen(-Lassen) einer Koalition, es geht um Klarheit und Fairness in der Politik, es geht um <em>„Politikfähigkeit“</em>, die Volker Wissing auf eine einfache Formel bringt: <em>„Wer opponiert, kann den bequemen Weg der Kritik an anderen gehen. Wer aber regiert, muss handeln.“</em></p>
<p>Das eingangs bereits zitierte ZEIT-Interview fand vor der rheinland-pfälzischen Landtagswahl im März 2026 statt. Thema war in erster Linie die Zukunft der FDP als liberaler Partei oder wie manche sagen als Partei des <em>„organisierten Liberalismus“</em>. Volker Wissing brachte den innerparteilichen Konflikt in der FDP auf den Punkt: <em>„Das Hauptproblem der FDP ist, dass sie nicht weiß, ob sie regieren oder lieber kritisieren will.“ </em>Vorschläge, die zukünftige FDP solle sich als <em>„radikale Mitte“</em> positionieren, seien unattraktiv, denn: <em>„Radikalität passt nicht zur FDP. Sie sollte eine Partei des Ausgleichs sein, der Liberalismus sucht nichts Radikales. Das Bild der radikalen Mitte ist eine Anbiederung an Libertäre, und diese Zuwendung ist meiner Meinung nach ein fundamentaler Irrweg. Ich halte unsere Verfassung für eine antidisruptive Verfassung. Ich liebe sie, weil das Grundgesetz Stabilität einfordert und dazu immer zum Koalieren, zum Kompromiss, auffordert. Nicht dazu, sich gegenseitig zu besiegen.“ </em>In seinem Buch schreibt Volker Wissing: <em>„Radikal ist allein der Libertarismus. Libertäre lehnen staatliches Handeln so sehr ab, dass sie faktisch politikunfähig sind. (…) Ich sehe in dieser Strömung die größte Gefahr für den politisch organisierten Liberalismus.“</em></p>
<p>Ähnlich argumentierte Volker Wissing bei Markus Lanz: <em>„Ich finde, wenn die Wählerinnen und Wähler solche Regierungen möglich machen, dann sollten sie nicht an Politikerinnen und Politikern scheitern.“</em> Und fügte hinzu: <em>„Es kann doch nicht sein, dass Parteien behaupten, sie könnten nicht zusammenarbeiten, weil sie unterschiedliche Parteiprogramme haben.“</em> Die Redaktion der Süddeutschen Zeitung gab dem Bericht von Timo Posselt vom 3. April 2026 die provokante Überschrift: <a href="https://www.sueddeutsche.de/medien/markus-lanz-volker-wissing-christian-lindner-fdp-li.3462667">„Die Abrechnung des Volker Wissing“</a>. Disruption verkauft sich eben besser – so ließe sich vermuten. Aber genau diese Erwartung erfüllt das Buch nicht! Volker Wissing enttäuscht die Erwartungen so mancher Interessierter, nicht zuletzt der Medien, die gerne einen Show-Down zwischen ihm und Christian Lindner herbeiinszeniert hätten, auch wenn sie wohl in nächster Zukunft kaum einen Termin finden dürften, an dem die beiden sich öffentlich streiten. Wozu auch? Denn es geht nicht um konkrete Personen. Volker Wissings Analyse des Vorgangs vom 6. November 2024 zeichnet sich dadurch aus, dass er an keiner Stelle jemanden persönlich angreift, auch nicht Christian Lindner, obwohl das manchen Medien sicherlich gut gefallen würde.</p>
<p>Christian Lindner wird in dem Buch nur zwei Mal kurz erwähnt, einmal wegen der Frage, ob Volker Wissing 2016 Generalsekretär der Partei werden wolle, die ebenfalls positiv beantwortet wurde. Auf den Hinweis von Bastian Brinkmann in einem am 27. März 2026 veröffentlichten <a href="https://www.sueddeutsche.de/leben/volker-wissing-fdp-austritt-ampel-koalition-interview-li.3451828">Interview in der Süddeutschen Zeitung</a>, Christian Lindner habe doch darauf hingewiesen, dass die Koalition <em>„gegen die Werte der FDP verstoßen habe</em>“, antwortete Volker Wissing: <em>„Ich fand das Koalitionsende verstörend. Parteien können nicht nach ihrem Gusto Regierungen in die Luft sprengen. Eine Demokratie braucht Stabilität. Man muss schon sehr gewichtige Gründe haben, wenn man eine Koalition aufkündigt. Und die kann man sich nicht einfach ausdenken! Im Johannes-Evangelium steht: „Die Wahrheit wird euch frei machen.“</em></p>
<h3><strong>Niemand ist alleine auf der Welt</strong></h3>
<p>Nun ist der Begriff der <em>„Wahrheit“</em> einer der schwierigsten philosophischen Begriffe überhaupt. Eine <em>„Wahrheit“</em> muss nicht für alle gleichermaßen gelten. Sobald sich mindestens zwei Menschen miteinander verständigen, kommt aber Moral ins Spiel, die sich gerne als <em>„Wahrheit“</em> ausgibt, möglicherweise sogar fest gefügt in ein ethisches Wertesystem. Moralisch handeln bedeutet jedoch nicht, nur eine einzige <em>„Wahrheit“, </em>natürlich immer die eigene, als alleingültig und moralisch geboten gelten zu lassen. In den aktuellen politischen Debatten werden bestimmte Forderungen oder Entscheidungen gerne moralisch verbrämt zu <em>„Wahrheiten“</em> erhoben, um auf diese Weise jeden Widerspruch von vornherein zu delegitimieren.</p>
<p>Politik erfüllt sich jedoch nicht in der Durchsetzung der eigenen <em>„Wahrheit“</em> als einziger und endgültiger <em>„Wahrheit“</em>, sondern im zivilisierten Umgang miteinander. Streit ist damit nicht ausgeschlossen, im Gegenteil, aber er folgt von allen akzeptierten <em>„Regeln“</em>. Volker Wissing setzt einem solchen Wahrheits-Absolutismus sein Verständnis von <em>„Verantwortung“</em> entgegen. Dabei geht es auch um die Balance <em>„zwischen individueller Freiheit und Gemeinschaft“</em>: <em>„Auch die Parteien des demokratischen Spektrums haben unterschiedliche Vorstellungen, wo genau die Grenzen zwischen Individuum und Gemeinschaft zu ziehen sind. Sie verbindet aber, dass sie sich der komplexen Aufgabe stellen und Lösungen für alle erarbeiten wollen. Hier liegt der Anknüpfungspunkt für eine fruchtbare Zusammenarbeit in Koalitionen.“ </em>Wer sich jedoch dieser <em>„komplexen Aufgabe“</em> entzieht, gerät <em>„in die Falle der Extremisten“</em>. Diese jedoch wollen keine <em>„Lösungen“</em>, sondern <em>„tabula rasa“</em> und <em>„Disruption“</em>: <em>„In einer komplexen Welt ist Disruption schädlich“</em>.</p>
<p>Volker Wissing leitet seine Auffassung einer verantwortungsvollen und verantwortungsbereiten Politik aus seiner früheren Tätigkeit als Strafrichter und den Grundsätzen der juristischen Ausbildung ab. Als Strafrichter habe er auch die Würde des Angeklagten im Auge zu halten. Daher müssten Richter <em>„sich mit der Person des Angeklagten genauestens auseinanderzusetzen (…) sich also mit Lebenswelten befassen, die ihnen persönlich oft völlig fremd sind. Sie müssen sich in ihr Gegenüber eindenken.“ </em>Volker Wissing nennt das Beispiel eines jungen Mannes, der eigentlich hätte wissen müssen, dass sein Knacken von Zigarettenautomaten irgendwann zu einer Haftstrafe führen musste. Das Problem lag jedoch darin, dass dieser junge Mann nicht in der Lage war, über den Augenblick hinaus zu denken: <em>„Der Vollzug einer Gefängnisstrafe muss in solchen Fällen mit Unterstützungsangeboten begleitet werden. Der Verurteilte musste lernen, die Folgen seines Tuns abzuschätzen.“</em></p>
<p>Volker Wissing sagt von sich, er handele als Strafrichter wie als Politiker auch als <em>„gläubiger Christ“</em>. Kraft bei seinen Entscheidungen gebe ihm sein <em>„Gottvertrauen“</em>. Er zitiert seinen Konfirmationsspruch (Röm 8,28): <em>„Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“</em> Er beruft sich auf „<em>die Zehn Gebote“</em> und <em>„die Bergpredigt“</em>, betont, es gehe darum, <em>„die Gemeinschaft zu stärken“</em>, <em>„gemeinschaftlich zu leben“</em>, auch im Streit. Freiheit verwirkliche sich in der <em>„Gemeinschaft“</em>, jedoch nicht, wenn jemand beschließen sollte, <em>„nur für sich selbst auf der Welt zu sein“</em>. Auch hier gilt: <em>„No man is an island“</em> (John Donne, 1624). Eine solche Inselwirklichkeit suchen aber so manche in der Politik, die nur ihre eigenen Gedanken und Absichten gelten lassen. Politik geschieht – metaphorisch gesprochen – nicht auf Inseln, sondern an <em>„Weggabelungen“</em>: <em>„Wer an Weggabelungen oder Kreuzungen steht, kann nicht vor der Frage davonlaufen, welchen Weg er nimmt. So ist das mit der Freiheit.“</em></p>
<h3><strong>Erfolgsrezept Empathie</strong></h3>
<p>Doch wie erkennt man, welcher Weg eingeschlagen werden sollte? <em>„Verantwortung“</em> wirkt durch <em>„Empathie“. </em>Das Kapitel des Buches trägt die Überschrift <em>„Vertrauen“</em>, vielleicht ein anderes Wort für <em>„Empathie“</em>. Es enthält ein eigenes Unterkapitel <em>„Empathie führt uns zusammen“</em>, in dem Volker Wissing konstatiert: <em>„Ohne Empathie kein Erfolg – das ist die Quintessenz meiner politischen Erfahrung.“</em></p>
<p>Eine solche Erfolgsgeschichte der <em>„Empathie“</em> war das Gespräch mit einer Vertreterin und zwei Vertretern der „Letzten Generation“. Er erntete viel Kritik, dass er sich überhaupt auf dieses Gespräch einließ. <em>„Natürlich konnte ich die Aktivistin und die beiden Aktivisten in diesen zwei Stunden nicht von Überzeugungen abbringen, die sie über Jahre entwickelt hatten. Und auch die Aktionen auf den Straßen gingen zunächst weiter. Aber mir schien, meine Gesprächspartner hatten verstanden, dass wir grundsätzlich dasselbe Ziel verfolgten. Und sie haben gesehen, dass ich ihnen wirklich zuhörte, so wie sie mir zuhörten. Das ganze Gespräch war von großer Empathie getragen.“ </em>Etwa 18 Monate später erhielt er einen Brief von einem seiner Gesprächspartner: <em>„Er habe damals verstanden, dass Politik bestimmten Regeln folgen muss. Dass es nichts bringt, die Straßen zu blockieren. Dass es konstruktiver ist, sich beispielsweise in einer Partei zu organisieren oder im Büro eines Abgeordneten zu arbeiten. Genau das hat er dann auch getan.“ </em></p>
<p>An anderer Stelle kommentiert Volker Wissing die vielen Warnungen, die er vor Übernahme eines Amtes erhalten habe. Er dürfe niemandem vertrauen. So wie er auf die „Letzte Generation“ zuging, habe er jedoch auch in seinen Ämtern nach der Maxime gehandelt, mögliches <em>„Misstrauen“</em>, mögliche Vorbehalte so früh wie möglich auszuschließen, indem er stets das direkte Gespräch gesucht habe. Dies habe er gegenüber dem von seinem Vorgänger eingesetzten Bahnchef Richard Lutz ebenso gehalten wie gegenüber der Ministerpräsidentin Malu Dreyer. Mit Erfolg. Detailliert referiert er die unterschiedlichen Umgangsweisen in der Ampelregierung in Rheinland-Pfalz unter der Ministerpräsidentin Malu Dreyer und der Bundesregierung unter dem Bundeskanzler Olaf Scholz. In Rheinland-Pfalz habe man sogar ein eigenes Coaching durchgeführt, um sich einen angemessenen Umgang zur Umsetzung der im Koalitionsvertrag verabredeten Ziele zu erarbeiten: <em>„Eine Koalition bietet die Chance, auf neue Ideen zu kommen. Ideen, die viel mehr Menschen überzeugen als nur die eigenen Anhänger.“</em></p>
<p>In der Bundesregierung sei diese Chance nicht genutzt worden. Dies habe nicht an Olaf Scholz und der SPD gelegen, die Probleme hätten eher bei der FDP und bei den Grünen gelegen. Zu Beginn habe es noch Anzeichen – man denke an das berühmt gewordene Selfie von Annalena Baerbock, Robert Habeck, Christian Lindner und Volker Wissing – für gegenseitige <em>„Wertschätzung“ </em>gegeben. In der Praxis haben sich diese Anzeichen jedoch nicht verstetigt, weder in der Regierung noch in den Fraktionen: <em>„Die Abgeordneten führten stattdessen ihre Oppositionsarbeit weitgehend ungehindert fort und überzogen die Ministerinnen und Minister der anderen Parteien hemmungslos mit Kritik, als habe man mit ihnen nichts zu tun.“ </em>Die Ampel sei <em>„am Unwillen zum gemeinsamen Regieren“</em> gescheitert. Es sei natürlich leichter, in der Opposition Aufmerksamkeit zu erhalten, und so gebe <em>„es einen Typ von Politiker, der in der Opposition eine besonders wichtige Rolle spielt.“</em> Im Grunde sei dieser Politikertypus <em>„ein Schauspieler“</em>, er <em>„kann einer Partei Sichtbarkeit geben. Und er kann sie mit Worten zusammenhalten. Es gibt ihn in allen Parteien.“ </em>Das <em>„absolute Gegenteil dieses extrovertierten, rhetorischen Typs verkörperte: Bundeskanzler Olaf Scholz. (&#8230;) dass es zum Bruch kam, lag nicht an ihm. Er war ein guter Bundeskanzler.“</em></p>
<h3><strong>Spaltungen der Parteien – Spaltungen der Gesellschaft</strong></h3>
<p>Ergebnis des internen Streits der Ampelregierung war ein von den Medien ständig befeuertes Bashing der Ampelregierung, sodass für die nächste Zukunft eine solche Regierung ausgeschlossen sein dürfte. Es ließe sich fragen, warum das, was in Rheinland-Pfalz über zwei Legislaturperioden gut funktionierte, im Bund scheiterte.</p>
<p>Nur am Rande: Die rheinland-pfälzische Ampel war nicht die erste Ampelregierung in Deutschland. Im Juli 1989 hatte Dietrich Wetzel, damals Bundestagsabgeordneter der Grünen und Vorsitzender des Forschungsausschusses im Bundestag, im Spiegel <a href="https://www.spiegel.de/politik/abschied-von-der-macher-idee-a-cd62837f-0002-0001-0000-000013492891">eine solche Koalition für die Bundesebene vorgeschlagen</a>, die auch Hans-Dietrich Genscher nach der 1990 anstehende Bundestagswahl <a href="https://www.spiegel.de/politik/eine-verdammt-schwierige-kiste-a-4d70e384-0002-0001-0000-000013492882">nicht ausschließen wollte</a>. Genscher wird mit den Worten zitiert: <em>„Diese Zeit ist nichts für Hasenfüße.“</em> Ohne den 9. November 1989 und den 3. Oktober 1990 wäre es nach der Bundestagswahl möglicherweise sogar damals schon zu einer Ampelkoalition im Bund gekommen. Es gab schließlich zwischen 1991 und 1995 eine solche Koalition in Bremen, nachdem die SPD dort erstmals ihre absolute Mehrheit verloren hatte.</p>
<p>Inzwischen leben wir in einer Zeit, in der absolute Mehrheiten kaum noch erreichbar sind, aber gleichzeitig die Unterschiede zwischen den Parteien immer deutlicher formuliert werden, jedoch so gut wie nie diskutiert wird, warum Parteien Kompromisse eingehen sollten. Wer die Wirklichkeit akzeptiert, wird nicht umhinkommen, Koalitionsregierungen ins Kalkül einzubeziehen.</p>
<p>Die Unterschiede zwischen den Parteien werden durch die Unterschiede zwischen verschiedenen Richtungen in den einzelnen Parteien selbst verschärft. Ich wage den Vergleich, dass Christian Lindners Vorgehen durchaus dem Vorgehen Oskar Lafontaines im Jahr 1999 entsprach. Lafontaine spaltete die SPD, Lindner die FDP, nur mit dem Unterschied, dass eine solche Spaltung für die FDP bedeutet, dass ihre Existenz bedroht ist. Volker Wissing nennt die Tendenz innerhalb der FDP zum Libertarismus als das Hauptproblem der Partei. Diese Tendenz habe sich schon zwischen 2009 und 2013 in der Koalition mit CDU und CSU abgezeichnet, insbesondere 2011, als ein Mitgliederentscheid in der EURO-Krise nur knapp gewonnen werden konnte. Es ging um die Frage, ob <em>„eine gemeinschaftliche Garantie“</em> der EU-Staaten für die jeweilige Finanzlage der Mitgliedstaaten möglich sein sollte. <em>„Seit diesem Mitgliederentscheid vom Jahr 2011 gelingt es der FDP nur noch in der Opposition, eine gemeinsame Linie zu finden. Kaum übernimmt sie Regierungsverantwortung stellt sich intern die Frage, ob sie Regulierung mitgestalten oder verhindern sollte.“</em> Volker Wissing kritisiert mit deutlichen Worten das Fehlen von Kompromissbereitschaft, denn wer Kompromisse ablehne, sorge dafür, dass <em>„die eigene politische Kraft wirkungslos“</em> wird.</p>
<p>Zwischen 2021 und 2024 setzte sich diese Tendenz in der FDP fort. Die FDP habe das Thema der <em>„verfassungsrechtlichen Schuldenregel“</em> <em>„bis zur Unlösbarkeit eskaliert“</em>: <em>„Rückblickend wirkt die Debatte wie eine politische Inszenierung. (…) Sie kennt keinen Gewinner, weil sie keinen Beitrag zur Lösung konkreter Alltagsprobleme geleistet hat.“</em> Es hätte jedoch anders laufen können. Volker Wissing berichtet, es sei für ihn eine gute Schule gewesen, als Generalsekretär der FDP aus der Sicht einer Oppositionspartei im Bund, als Minister in Rheinland-Pfalz jedoch zugleich aus der Sicht einer Regierungspartei argumentieren zu können. Perspektivwechsel ist eine Form von Empathie.</p>
<h3><a href="https://www.piper.de/buecher/die-wahrheit-ist-dem-menschen-zumutbar-isbn-978-3-492-27257-5"><strong>„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“</strong></a><strong> (Ingeborg Bachmann)</strong></h3>
<p>Die Analyse Volker Wissings trifft den Kern: <em>„Auf die Wirklichkeit kommt es dabei häufig nicht mehr an. Es ist ja auch leichter, seine Vorurteile zu pflegen, als sich mit anderen Argumenten auseinanderzusetzen. / Politiker glauben oft, dass es für sie von Vorteil sei, auf diesen Zug aufzuspringen. Sie erklären ihre Politik, indem sie andere schlecht machen.“ </em>Das Gegenbild formuliert Volker Wissing wenige Sätze vorher: <em>„Nichts zählt in unserem Land mehr als die Freiheit und die Würde jedes Menschen. Jeder und jede soll seine Träume träumen, seine Fähigkeiten entfalten, seine Meinungen ausbilden, mit anderen streiten dürfen. Aber wir müssen uns auch zusammenraufen können, denn wir, die Bürgerinnen und Bürger bilden eine Gemeinschaft. Wir sollten miteinander, nicht gegeneinander leben. Ohne Achtung und Respekt vor den Meinungen der anderen kann eine Gesellschaft von Individuen nicht funktionieren.“</em></p>
<p>Im Buch nennt Volker Wissing mehrere Beispiele:</p>
<ul>
<li>Mehrfach bezieht er sich auf die Debatten um die Deutsche Bahn. Er benennt einen zentralen Grund, warum die Instandhaltung des Netzes so lange vernachlässigt wurde. Es sei eben <em>„attraktiver, das Netz auszubauen und eine neue Strecke freizugeben, als eine alte Strecke zu sanieren. Man kann dann schlicht und einfach den Wählerinnen und Wählern etwas Neues vorweisen. Es gibt Fotos von der Streckeneinweihung, es gibt Zeitungsartikel, entlang der Strecke leben zufriedene Bürger, die nun besser zur Arbeit kommen und deren Immobilien im Wert steigen.“</em> Dem ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl wird der Satz zugeschrieben, ein Verkehrsminister müsse vor allem gut mit einer Schere umgehen können. In der FDP war wenig Interesse für die Bahn, sie interessierte sich mehr für den Individualverkehr, das Auto. Aber das eine darf das andere nicht ausschließen: <em>„Kein anderer Dienstleister würde auf die Idee kommen, einen Auftrag nicht zu bearbeiten oder ihn durch einen anderen zu ersetzen (…).“</em></li>
</ul>
<ul>
<li>Volker Wissing wehrt sich gegen eine Sicht, die alle Flüchtenden und Geflüchteten als <em>„eine homogene Gruppe“ </em> Ebenso verwehrt er sich gegen eine Reduzierung des Islam <em>„auf die Ungleichbehandlung von Frauen und gewalttätigen Extremismus“</em>. Er berichtet von einem jungen Ägypter, den er in einer Bürgersprechstunde kennengelernt hatte. Er wurde in Ägypten aufgrund seiner sexuellen Orientierung verfolgt. Er berichtete von seiner Unterbringung im Asylbewerberheim und den Anhörungen im Verfahren: <em>„Ebenso beschämend fand ich, dass er sein Asylrecht nur durchsetzen konnte, weil ihm ein unbekannter Belgier auf seinen Hilferuf in einem sozialen Netzwerk reagierte und ihm das Geld für einen Rechtsanwalt schickte. Erst vor Gericht fand er Gehör und konnte verhindern, dass man ihn nach Ägypten zurückschickte, wo er seine Freiheit verloren hätte.“</em> Der junge Mann absolvierte als Jahrgangsbester eine Berufsausbildung zum Kaufmann im Gesundheitswesen und entschloss sich anschließend, Wirtschaftsrecht zu studieren und dies durch eine Teilzeitbeschäftigung bei einer Krankenversicherung zu finanzieren. <em>„Sobald wir Menschen in Gruppen einteilen, setzen wir etwas in Gang, was wir selbst nur noch schwer kontrollieren können.“</em></li>
</ul>
<ul>
<li>Ein drittes Beispiel betrifft das Thema der gesunden Ernährung: <em>„Die Menschen wollen wissen, was in ihren Lebensmitteln enthalten ist, damit sie frei entscheiden können, was sie essen. Die Lebensmittelhersteller mögen die Verpflichtung zur Transparenz als Freiheitseingriff empfinden. Sie ist aber nötig, um die Freiheit anderer zu sichern, und auch zumutbar, weil die Hersteller selbst eine Verantwortung gegenüber ihren Kunden haben.“ </em>Volker Wissing argumentiert, dass heute einschränkende Maßnahmen <em>„freiheitsschützende Vorschriften“ </em>im Hinblick auf die <em>„Verantwortung für künftige Generationen“</em> Viele Bürgerinnen und Bürger dürften diese Auffassung teilen. An dieser Stelle hätte vielleicht ein Hinweis auf die Vorschläge des von Cem Özdemir als Landwirtschaftsminister eingerichteten <a href="https://www.bundestag.de/resource/blob/984354/39efba25c218ee935e26f786abbce81c/Empfehlungen_buergerrat.pdf">Bürgerrat „Ernährung im Wandel“</a> gepasst, der am 14. Januar 2024 seine Beratungen hatte abschließen können.</li>
</ul>
<h3><strong>Religiöse und säkulare Traditionen des Liberalismus – der Kreis schließt sich</strong></h3>
<p>Vieles von dem, was Volker Wissing beschreibt, ließe sich aus meiner Sicht auch in der Tradition des sozialen Liberalismus oder vielleicht sogar als eine Form von Linksliberalismus verstehen, obwohl er selbst diesen Begriff wohl nicht wählen würde. Es lohnt sich aber, diesen Wurzeln des Liberalismus etwas genauer nachzugehen, weil sich so die Auffassungen von Volker Wissing in einen größeren Zusammenhang einordnen lassen. Er grenzt seinen Liberalismus deutlich von libertären Einstellungen ab, die er zunehmend in der FDP habe feststellen müssen. <em>„Darin besteht die wahre Krise der Partei.“ </em>In diesem Punkt gerate die FDP in gefährliche Nähe zur AfD, in der allerdings zum Libertarismus noch eine radikalisierte <em>„Ausländerfeindlichkeit“</em> hinzukommt, durch die <em>„unser Gemeinwesen viel radikaler infrage gestellt </em>(wird)<em>. Nicht nur der Staat, auch die Würde des Menschen wird angegriffen.“ </em></p>
<p>Liberale Positionen finden wir auf der anderen Seite im Grunde in allen demokratischen Parteien, mehr oder weniger, aber eine reine Lehre des Liberalismus wäre ohnehin ein Widerspruch in sich. Wir sollten auf jeden Fall in Erinnerung rufen, dass Liberale an der Paulskirchenverfassung mitwirkten, namentlich zu nennen wäre zum Beispiel Gabriel Riesser, dessen Vermächtnis andere wie Gertrud Bäumer, Hugo Preuß oder Hans Kelsen – es ließen sich noch viele andere Namen nennen – mit ihren Ideen zur Weimarer Verfassung erfüllten. Ohne die 1848er Verfassung und ohne die Weimarer Verfassung wäre auch das heutige Grundgesetz nicht so formuliert worden wie es dann geschah.</p>
<p>Die Geschichte des deutschen Sozial- beziehungsweise Linksliberalismus zwischen 1919 und 2019 haben Roland Appel und Michael Kleff am Beispiel der Deutschen Jungdemokratien in einem lesenswerten Sammelband (erschienen bei Academia / Nomos im Jahr 2019) mit einem <em>„Geleitwort“</em> von Gerhart R. Baum, zahlreichen Dokumenten von den 1920er Jahren bis in die 2010er Jahre zusammengestellt. Den Band haben die beiden Autoren in einem Interview <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-liberale-rechtsstaat-ist-nicht-verhandelbar/">im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> vorgestellt</a>. Roland Appel gründete 2019 <a href="http://radikaldemokratische-stiftung.org/">die Radikaldemokratische Stiftung und das Radikaldemokratische Bildungswerk</a>. Das ist aber wie gesagt nur eine der Traditionen eines sozialen Liberalismus, wie ihn zu Beginn der 1920er Jahre die Deutsche Demokratische Partei vertrat, die aber – wie zurzeit die FDP – etwa ein Jahrzehnt später ein trauriges Schicksal fand. Aus einem Wahlergebnis von 18,5 Prozent im Jahr 1919 wurde ein Wahlergebnis von 1,0 Prozent im Jahr 1932. Die Umwandlung zur Deutschen Staatspartei bedeutete das Ende des deutschen Sozialliberalismus. Die libertären Anwandlungen der heutigen FDP entsprechen im Ergebnis der nationalliberalen Anwandlung der Deutschen Staatspartei.</p>
<p>Liberale beziehungsweise sozialliberale Traditionen verbanden sich schon 1848 und schließlich in den Anfängen der Weimarer Republik mit den Traditionen jüdischer Rechtskulturen. Der Frankfurter Rechtsanwalt Abraham de Wolf formulierte das Vermächtnis von Gabriel Riesser in seinem Beitrag zu dem von ihm gemeinsam mit Elisa Klapheck und Barbara Traub herausgegebenen Band „Dina de-Malchuta Dina – oder Gott braucht den säkularen Rechtsstaat“ (Leipzig, Hentrich &amp; Hentrich, 2020, vorgestellt in: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-freiheit-der-menschen/">„Die Freiheit der Menschen – Rabbinerin Elisa Klapheck über jüdische Rechtskulturen“</a>, Demokratischer <span style="color: #678f20;">Salon,</span> Januar 2026). Gabriel Riesser setzte sich 1848 erfolgreich für die Religionsfreiheit und die Gleichstellung der deutschen Juden ein. Die Pionierleistungen deutscher Juden für die liberale Demokratie hat auch der in Montréal (Canada) lehrende Historiker Till van Rahden erforscht, unter anderem in seiner Monographie <a href="https://www.hamburger-edition.de/buecher-e-books/artikel-detail/vielheit/">„Vielheit – Jüdische Geschichte und die Ambivalenzen des Universalismus“</a> (Hamburg, Hamburger Edition, 2022), zuvor in seiner Dissertation n ihrer Dissertation „Juden und andere Breslauer“ (Göttingen, Vandenhoek &amp; Ruprecht, 2000). Diese jüdischen Inspirationen für die liberale Demokratie hat er im Oktober 2024 im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> ausführlich beschrieben: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-pluralistische-demokratie-und-ihre-freunde/">„Die pluralistische Demokratie und ihre Freunde“</a>.</p>
<p>In der Tat lässt sich der Freiheitsbegriff in jüdischen Traditionen im Detail auch sprachlich belegen. Rabbiner Noam Hertig nannte die sprachlichen Wurzeln in seinem Essay zum Pessach-Fest des Jahres 5786 (2026) <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/religion/das-fuenfte-glas/">„Das fünfte Glas“</a> (in: Jüdische Allgemeine 1. April 2026): <em>„Freiheit ist kein Selbstzweck. Sie ist Voraussetzung für unsere Bestimmung und Verantwortung. Das hebräische Wort für Verantwortung, Achrajut, offenbart dies bereits in seinem Kern: Es bringt die Buchstaben der Freiheit (Cherut) in sich und entfaltet eine Bewegung, die beim Bruder (Ach) beginnt, den anderen (Acher) einschließt und im mutigen Vorangehen – dem Acharai (Mir nach!) – gipfelt. Hier liegt der wahre Kern der Cherut: Es ist die schöpferische Freiheit zu etwas, weit erhaben über die bloße Chofesch, die Freiheit von etwas.“</em></p>
<p>Diese Anmerkungen zur jüdischen Tradition von Liberalismus und Demokratie ließen sich auch im Hinblick auf andere Religionen erweitern. Volker Wissing hat dies für das evangelische Christentum konkretisiert. Religion kann und sollte Liberalismus und Demokratie stützen. Zurzeit diskutieren wir aber vorwiegend über die sich radikalisierenden Positionierungen in verschiedenen Religionen, deren Anfänge Gilles Kepel schon 1991 in seinem Buch „La revanche de dieu – Chrétiens, juifs et musulmans à la reconquête du monde“ (Paris, Seuil) analysierte. Die aktuellen Entwicklungen in den USA, in Israel, in muslimischen Ländern fordern Liberale und Demokraten heraus. Kepel zitiert unter anderem Gary North, der mit vielen anderen religiösen Menschen die Kandidatur Ronald Reagans zur Präsidentschaft in den USA unterstützte: <em>„1980 ne serait qu’un début, que les préceptes de la bible pouvaient devenir la loi du pays.“</em></p>
<p><img decoding="async" class="size-medium wp-image-1519 alignright" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/11/FDP.Freiburger_Thesen-208x300.jpg" alt="" width="208" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/11/FDP.Freiburger_Thesen-200x289.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/11/FDP.Freiburger_Thesen-208x300.jpg 208w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/11/FDP.Freiburger_Thesen-400x578.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/11/FDP.Freiburger_Thesen-600x866.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/11/FDP.Freiburger_Thesen-709x1024.jpg 709w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/11/FDP.Freiburger_Thesen-768x1109.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/11/FDP.Freiburger_Thesen.jpg 800w" sizes="(max-width: 208px) 100vw, 208px" />Es ließe sich jedoch auch ein säkularer Zugang zum Liberalismus finden, den die FDP selbst formuliert hat. Als sie dies tat, schrieb sie sich noch F.D.P. Sie beschloss im Oktober 1971 die <a href="https://www.freiheit.org/sites/default/files/2019-10/1971freiburgerthesen_0.pdf">Freiburger Thesen</a>, ein Dokument für einen sozialen Liberalismus, der gleichermaßen die Voraussetzungen der Freiheit beschrieb wie ihre Praxis. In der Einleitung findet sich eine Passage, die an den <em>„Pursuit of Happiness“</em> anknüpft, der in der US-amerikanischen Verfassung von 1776 verankert ist: <em>„Freiheit und Glück des Menschen sind für einen S o z i a l e n L i b e r a l i s m u s</em> (im Original gesperrt) <em>danach nicht einfach nur eine Sache gesetzlich gesicherter Freiheitsrechte und Menschenrechte, sondern gesellschaftlich erfüllter Freiheiten und Rechte. Nicht nur auf Freiheiten und Rechte als bloß formale Garantien des Bürgers gegenüber dem Staat, sondern als soziale Chancen in der alltäglichen Wirklichkeit der Welt kommt es ihm an.“</em></p>
<p>Eine zentrale Figur dieser Ausprägung des Liberalismus war Walter Scheel, dem bisher niemand eine umfassende Biographie gewidmet hat, der jedoch – so möchte ich es nennen – im sozialliberalen Jahrzehnt der Bundesrepublik Deutschland in den 1970er Jahren ein <em>„Zeitenwandler“</em> war. Immerhin gibt es den von Knut Bergmann herausgegebenen Band „Unerhörte Reden“ (Berlin, be.bra Verlag, 2021, siehe die Besprechung des Buches unter der Überschrift <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-zeitenwandler/">„Der Zeitenwandler“</a>, Demokratischer <span style="color: #678f20;">Salon,</span> November 2021). Er enthält 16 Reden von Walter Scheel, die er als Parteivorsitzender, als Außenminister oder als Bundespräsident gehalten hatte. Schon zehn Jahre vor der berühmten Rede Richard von Weizsäckers zum Tag der Befreiung von der Nazi-Diktatur formulierte Walter Scheel in der Bonner Universitätskirche zum selben Anlass den Gedanken, dass die Alliierten 1945 Deutschland befreit hätten. Er verwies allerdings auch darauf, dass Deutschland nicht fähig gewesen sei, sich aus eigener Kraft von der Nazi-Gewaltherrschaft hatte befreien können.</p>
<p>Damit schließt sich der Kreis liberaler Traditionen in Deutschland. Kern ist und bleibt die im Grundgesetz verbriefte Unantastbarkeit der Würde des Menschen, gleichviel ob religiös oder säkular begründet. Aufgabe des Staates ist es, die Voraussetzungen und <em>„Regeln“</em> zu schaffen, dass die <em>„Würde des Menschen“</em> garantiert und dass alle ihre <em>„Freiheit“</em> nutzen können, in <em>„Verantwortung“</em> und mit <em>„Empathie“ </em>gegenüber unseren Mitmenschen, in Deutschland, in Europa und global. Einen solchen Liberalismus brauchen wir – auch in Zukunft. In diesem Sinne wünsche ich dem Buch von Volker Wissing viele Leserinnen und Leser und uns allen eine darauf aufbauende politische Debatte über die Zukunft des Liberalismus.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im April 2026, Internetzugriffe zuletzt am 6. April 2026, Titelbild: pixabay.)</p>
<p>P.S.: Persönliche Anmerkung: Der Autor dieser Buchbesprechung war als Student in den 1970er Jahren, dem Sozialliberalen Jahrzehnt, Stipendiat der Friedrich-Naumann-Stiftung (heute Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit) und Mitglied der FDP. Die Wahlergebnisse der FDP führten zum Jahresende 2025 dazu, dass die Stiftung die Theodor-Heuss-Akademie in Gummersbach schließen musste. Die Akademie war ein Begegnungsort (nicht nur) der Stipendiatinnen und Stipendiaten mit vielen verschiedenen Menschen aus vielen verschiedenen Ländern mit sehr unterschiedlichen Auffassungen, ein wahrer Ort der Debatte, der Demokratie und des Liberalismus. Manche Veranstaltungen der Akademie und der Stiftung inspirierten den ein oder anderen Beitrag im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon.</span> Die Schließung der Akademie macht traurig.</p>
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		<title>Der endlose Weg zur „Integration“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 02 Mar 2026 07:11:31 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Der endlose Weg zur „Integration“ Analysen und Perspektiven der Autorin und Beamtin Souad Lamroubal „Ich schreibe stets von Fragen aus, aber nicht, um Antworten zu finden. Ich bin sicher auch nicht mehr die, die die Zeilen geschrieben hat, die Sie gelesen haben. Wenn ich schreibe, bin ich Lena, aber wenn ich geschrieben habe, bin  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-4 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-3 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-4" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Der endlose Weg zur „Integration“</strong></h1>
<h2><strong>Analysen und Perspektiven der Autorin und Beamtin Souad Lamroubal</strong></h2>
<p><em>„Ich schreibe stets von Fragen aus, aber nicht, um Antworten zu finden. Ich bin sicher auch nicht mehr die, die die Zeilen geschrieben hat, die Sie gelesen haben. Wenn ich schreibe, bin ich Lena, aber wenn ich geschrieben habe, bin ich Lena Gorelik, ich bin die deutsch-jüdische, die deutsch-russische, die russisch-deutsche, die jüdisch-deutsche, die russisch-jüdische Autorin, ich habe sicher eine Mischung, eine Zuschreibung vergessen, ich bin auch noch, so sagen sie, engagiert. Ich bin die engagierte Autorin, die politische, die feministische, die queere, ich darf nie Autorin ohne Adjektiv sein.“ </em>(Lena Gorelik, <a href="https://www.verbrecherverlag.de/shop/ich-schreibe-weil-ich-glaube-ich-bin/">Ich schreibe, weil ich, glaube ich bin</a>, Berlin, Verbrecher Verlag, 2024)</p>
<p>Wenn die Menschen um jemanden herum glauben, dass zwei dieser Adjektive, die im gängigen Polit-Jargon <em>„Identitäten“</em> genannt werden, sich nicht vertragen, sind wir für den Fall, dass die Träger:innen dieser Adjektive sich aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz dennoch mögen oder gar lieben sollten, schnell bei einer mehr oder weniger melodramatischen Romeo-und-Julia-Geschichte. Manchmal gibt es ein Happy End, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/romeo-und-julia-mit-happy-end/">so bei Meron Mendel und Saba-Nur Cheema</a>, er Deutscher, Israeli und Jude, sie Deutsche, das Kind pakistanischer Eltern und Muslima. In einer ihrer in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung veröffentlichten Kolumnen unter der Überschrift „Muslimisch jüdisches Abendbrot“ (2024 in einer Sammlung bei Kiepenheuer &amp; Witsch erschienen) haben sie die Bindestriche ihres Lebens, mit denen sie ihre Kindererziehung praktizieren (müssen), in die Formel gepackt: <em>„Wie man ein muslimisch-israelisch-jüdisch-pakistanisch-hessisches Kind erzieht“</em>. Aber vielleicht sind alle Debatten um die sogenannte <em>„Integration“</em> Kapitel einer endlosen Romeo-und-Julia-Geschichte. Manchmal mit glücklichem, viel zu oft jedoch mit tragischem Ausgang.</p>
<h3><strong>Die „Privilegierte“</strong></h3>
<div id="attachment_7886" style="width: 215px" class="wp-caption alignright"><a href="https://dietz-verlag.de/isbn/9783801207083/Die-Demokratie-der-anderen-Was-der-Kampf-um-Zugehoerigkeit-mit-uns-macht-Souad-Lamroubal"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7886" class="wp-image-7886 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Souad_Lamroubal_Die_Demokratie_der_anderen_DietzVerlag-205x300.jpg" alt="" width="205" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Souad_Lamroubal_Die_Demokratie_der_anderen_DietzVerlag-200x293.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Souad_Lamroubal_Die_Demokratie_der_anderen_DietzVerlag-205x300.jpg 205w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Souad_Lamroubal_Die_Demokratie_der_anderen_DietzVerlag-400x586.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Souad_Lamroubal_Die_Demokratie_der_anderen_DietzVerlag-600x878.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Souad_Lamroubal_Die_Demokratie_der_anderen_DietzVerlag.jpg 664w" sizes="(max-width: 205px) 100vw, 205px" /></a><p id="caption-attachment-7886" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Zuschreibungen mit und ohne Bindestrich sind Alltag für <a href="https://dietz-verlag.de/autor/2354/souad-lamroubal">Souad Lamroubal</a>, nur haben nicht alle ihre Kundinnen und Kunden die Ressourcen, über die sie, Meron Mendel und Saba-Nur Cheema verfügen, um sich in unserer Gesellschaft zu behaupten. Vielen fehlt die Sprache, fehlen die Begriffe, das zu beschreiben, was für sie wichtig ist, um ein sicheres und respektiertes Leben in Deutschland zu führen. Souad Lamroubal verfügt sogar über eine ganz besondere Ressource: Sie ist Beamtin.</p>
<p>Souad Lamroubal wurde im Jahr 1982 in Dormagen (Rhein-Kreis Neuss) geboren. Sie arbeitete 15 Jahre in der Bonner und zwei Jahre in der Düsseldorfer Stadtverwaltung. Seit 2024 leitet sie in Niederkassel (Rhein-Sieg-Kreis) die Stabsstelle „Gleichstellung und Inklusion“, die direkt beim Bürgermeister angesiedelt ist. Seit 2021 beteiligt sie sich an der Bielefelder Mitte-Studie, deren 2025-er Ausgabe unter dem Titel <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/rein-oder-raus-immer-rund-um-die-mitte/">„Rein oder Raus? Immer rund um die Mitte“</a> im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> vorgestellt wurde.</p>
<p>Im Bonner Dietz-Verlag hat sie zwei Bücher veröffentlicht: „Yallah Deutschland, wir müssen reden!“ (2023) und „Die Demokratie der anderen – Was der Kampf um Zugehörigkeit mit uns macht“ (2025). Ein drittes Buch bereitet sie zurzeit vor. Sie betont, dass sie aus einer ganz bestimmten Perspektive schreibt, die sich jedoch nicht auf einen klar definierbaren und eindeutigen Begriff bringen lasse. Einige der zurzeit gängigen Begriffe sind inzwischen zu Kampfbegriffen geworden, beispielsweise <em>„Mitte“</em>,<em> „Integration“</em>,<em> „Normalität“, „Diversität“, „Zugehörigkeit“, „Einwanderungsland“, „Minderheit“ oder eben auch „Migrationshintergrund“ und „Zuwanderungsgeschichte“. </em>Sie grenzen ab, sie grenzen ein, sie werten ab, sie schließen aus. All solche Begriffe stellt Souad Lamroubal in ihren Büchern zur Disposition. Sie fragt nach der <em>„Deutungshoheit“</em>: Wer darf über Menschen urteilen? Mit welchen Konsequenzen? Haben wir überhaupt eine Sprache und Begriffe, um die jeweils mitschwingenden Macht- und Gewaltverhältnisse zu sprechen? Johan Galtungs bekannte Studie „Strukturelle Gewalt“ (Reinbek, Rowohlt, 1982) erhält in Einwanderungsgesellschaften eine erweiterte Bedeutung.</p>
<p>Die persönliche Geschichte von Souad Lamroubal ist eine Aufstiegsgeschichte, eine Geschichte von Empowerment und Selbstwirksamkeit. Sie sagt daher, sie sei <em>„privilegierter“</em> als viele andere. Als Beamtin erfüllt sie eine hoheitliche Aufgabe, sie darf über die Zukunft von Menschen entscheiden, die wie sie aus einer Familie kommen, die ihr <em>„Deutsch<u>sein</u>“</em> nicht über Generationen nachweisen können. Hier gibt es natürlich Abstufungen, Hierarchien, zahlreiche individuelle Geschichten. Und dennoch erwecken Politik und Medien immer wieder den Eindruck, als handele es sich durchweg um Geflüchtete (im allgemeinen Sprachgebrauch <em>„Flüchtlinge“</em>) beziehungsweise <em>„Asylbewerber“</em>, die ihren Aufenthalt in Deutschland wie in einer Casting-Show erwerben wollten. Dabei spielen ihre Fähigkeiten nur eine geringe Rolle. Entscheidend ist für Politik und Medien offenbar die Frage, warum sie aus einem Land, dass allgemein als <em>„Heimatland“</em> bezeichnet wird, unbedingt nach Deutschland kommen wollen oder müssen.</p>
<p>Souad Lamroubal hat als Kommunalbeamtin vielleicht sogar den höchstmöglichen Grad von <em>„Integration“</em> erreicht: <em>„Ich bin so privilegiert, mitentscheiden zu dürfen, wer ein Stigma tragen muss und wer nicht.“</em> Es kann lange dauern, bis jemand dieses <em>„Stigma“</em> der Nicht-Zugehörigkeit verliert. Wenn Sportler:innen mit einem nicht genuin deutsch klingenden Namen eine Medaille bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften gewinnen, wird dies zwar in Medien und Politik akzeptiert, ihre Einbürgerung wird, wenn erforderlich, rechtzeitig vor entscheidenden Wettkämpfen schnell <em>„gewährt“ </em>– so heißt das im deutschen Amtsjargon –, aber damit ist noch nichts über Erlebnisse und Erfahrungen dieser Sportler:innen und ihrer Familien im deutschen Alltag außerhalb der Sportarenen gesagt. Das <em>„Stigma“</em> trifft auch sie. Torsten Körner hat in seinem Film <a href="https://www.schwarzeadler-film.com/team">„Schwarze Adler“</a> über Schwarze Profifußballer:innen in Deutschland diese <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-haesslichen-gesichter-des-fussballs/">hässliche Seite des deutschen Fußballs</a> dokumentiert.</p>
<p>Souad Lamroubal betont in ihren beiden Büchern, dass sie selbst sich zwar als <em>„privilegierte deutsche Migrationsexpertin“</em> betrachten darf, gleichzeitig aber all die exkludierenden Mechanismen erlebt, mit denen Menschen mit einem nicht genuin als deutsch wahrgenommenen Namen, mit einer dunkleren Hautfarbe oder gar einer anderen als der christlichen Religion (Zwischenfrage: Wie viele Deutsche sind heute noch praktizierende Christ:innen?) drangsaliert und abgewertet werden.</p>
<p>Gleichzeitig sind die Bücher von Souad Lamroubal ein eindrucksvolles Plädoyer für Empowerment und Teilhabe. Es reicht nicht aus, Anlässe für Benachteiligung und Diskriminierung anzuprangern. Es geht darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Selbstwirksamkeit und Resilienz wirken, sodass letztlich der lange Weg zur sogenannten <em>„Integration“</em> abgeschlossen werden kann. Bleibt ein frommer Wunsch, dass dies gelingen könnte? Oder gibt es kein Ende auf dem langen Weg der <em>„Integration“</em> in die <em>„Mehrheitsgesellschaft“</em>? Mehr oder weniger selbsternannte Vertreter:innen dieser <em>„Mehrheitsgesellschaft“</em> behaupten, wer dazugehören wolle, müssen sich an eine <a href="https://www.gra.ch/bildung/glossar/leitkultur/"><em>„Leitkultur“</em></a> anpassen, obwohl sie selbst kaum beschreiben können, was dies eigentlich sei. Die Forderung nach einer solchen <em>„Leitkultur“</em> lässt sich allenfalls in ihrer Funktion beschreiben. Sie ist Teil einer Inszenierung der <em>„Mehrheitsgesellschaft“</em> als <a href="https://migrations-geschichten.de/dominanzkultur-dominanzgesellschaft/"><em>„Dominanzgesellschaft“</em> oder <em>„Dominanzkultur“</em></a> (Birgit Rommelspacher). Es geht letztlich um Macht, um – so Souad Lamroubal – <em>„Deutungshoheit“</em>.</p>
<h3><strong>Kommunizierende Röhren: Mehrheit(en) und Minderheit(en)</strong></h3>
<p>Das Elend von Menschen, die einer Gruppe angehören, die in der Gesellschaft als <em>„Minderheit“</em> bezeichnet wird, ist ungeachtet verschiedener Abstufungen die ständige Erfahrung, dass jemand jemanden auf eine bestimmte <em>„Identität“</em> festlegen will und diese dann möglichst auch noch mit dem bestimmten Artikel versieht, sodass der Eindruck entsteht, als gelte das, was man von dieser einen Person denkt, für alle Personen gleichermaßen, die in irgendeiner Form diese mutmaßliche Identität teilen. Dann entstehen die allseits bekannten Bilder von <u>dem</u> Juden, <u>dem</u> Afrikaner, <u>dem</u> Araber, <u>dem</u> Türken. Eine Besonderheit in dieser Bilderfolge ist <u>der</u> Islam: Niemand spricht von <u>den</u> Muslimen, es geht gleich um die Religion an sich, von der interessierte Angehörige der <em>„Mehrheitsgesellschaft“</em> behaupten, dass sie mit <em>„Deutsch<u>sein</u>“</em>, wahlweise der <em>„Demokratie“</em>, grundsätzlich nicht kompatibel wäre.</p>
<p>Diese Liste ist beliebig erweiterbar und hat etwas sehr Selbstreferentielles. Denn mit der Bezeichnung eines anderen mit dem bestimmten Artikel bezeichnet man letztlich sich selbst, so inszeniert man sich dann als <u>der</u> Deutsche und konstruiert eine binäre Sicht auf <u>die</u> Welt und <u>die</u> Menschen. All diese Bezeichnungen und Selbstbezeichnungen sind letztlich Gewaltakte mit dem grundlegenden Ziel der Bestätigung von Machtstrukturen. Daher ist es auch nicht verwunderlich, wenn bei solchen Bildern die weiblichen Bezeichnungen systematisch vermieden werden.</p>
<p>Usch Kiausch hat dies in einem Essay mit dem Titel „Expeditionen in die literarischen Universen von Doris Lessing und Margaret Atwood“ auf den Punkt gebracht (in: Usch Kiausch, <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=2047">Andere Welten – Interviews zur Science Fiction Band 1 Die weibliche Perspektive</a>, Berlin, Memoranda, 2023). Es ist die Sprache, mit der Herrschaft ausgeübt und ihre Dauer gesichert wird. <em>„Bei Atwood kann der theokratische Fundamentalistenstaat Gilead seine Macht nur dadurch aufrechterhalten, dass den Frauen Schrift und Literatur – und damit das Wissen – verboten wird.“</em> Treffender kann man die politischen Fantasien eines Donald J. Trump und eines Vladimir Vladimir Vladimirowitsch Putin nicht beschreiben.</p>
<p>Autoritäre und totalitäre Regime festigen ihre Macht, indem Wörter verboten, mit einer anderen Bedeutung versehen werden, siehe George Orwells Konzept des <em>„Newspeak“</em>, siehe die <a href="https://www.diepresse.com/19458933/die-mehr-als-200-woerter-die-donald-trump-behoerden-verboten-hat">Liste der von der Trump-Regierung verbotenen Wörter</a>. Komplexes wird in binären Strukturen, Gut und Böse, Freund und Feind, männlich und weiblich, <em>weiß</em> und Schwarz aufgelöst. Dieses Verfahren tan Carl Schmitts Definition der <em>„Souveränität“. </em>Der <em>„Souverän“</em> bestimmt, was in der Wissenschaft erforscht werden darf, was Museen zeigen dürfen, was im Theater gespielt werden darf, was nicht, was Staaten, was Kommunen fördern und was sie verdammen. <em>„Identität“</em> gibt es dann nur noch im Singular, als <em>„Norm“</em> (die AfD plakatiert <em>„Deutschland, aber normal“</em>) und sie definiert sich durchweg durch ihr Gegenteil. Sylvia Sasse hat diese Strategie in ihrem Essay <a href="https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/verkehrung-ins-gegenteil.html">„Verkehrungen ins Gegenteil – Über Subversion als Machttechnik“</a> (Berlin, Matthes &amp; Seitz, 2023) an zahlreichen Beispielen eindrucksvoll analysiert.</p>
<p>Dies gilt auch für das Verhältnis von <em>„Minderheit“</em> und <em>„Mehrheit“</em> zueinander. <em>„Minderheit“</em> ist nicht mehr und nicht weniger als eine Zuschreibung aus Sicht einer sich selbst als <em>„Mehrheit“</em> inszenierenden Gruppe. <em>„Minderheit“ </em>und<em> „Mehrheit“</em> werden in diesem Sprachgebrauch auf eine ganz bestimmte Rolle reduziert. Die Macht der <em>„Mehrheit“</em> bestätigt sich, weil sie andere auf den Status der <em>„Minderheit“</em> festzulegen versteht. Die Existenz von <em>„Minderheiten“</em> ist für das Selbstbewusstsein so mancher Mitglieder der <em>„Mehrheitsgesellschaft“</em> konstitutiv. Wenn Mitglieder von <em>„Minderheiten“</em> jedoch nicht mehr auf eine einzige Rolle reduziert würden, hörten sie auf „<em>Minderheiten“</em> zu sein. Der ausschließende, diskriminierende Blick hätte sich aufgelöst und wäre möglicherweise nur noch eine historische Erinnerung, die Macht der <em>„Mehrheit“</em> zerfiele. Jedes einzelne Mitglied einer <em>„Minderheit“</em> hingegen würde als eigenständige und in der Gesamtgesellschaft gleichberechtigte Persönlichkeit wahrgenommen, mit all ihren verschiedenen Eigenschaften.</p>
<p>Exklusivität erhält eine doppelte Bedeutung, einerseits in der Selbstbestätigung der sich Inkludierenden, andererseits in der Exklusion derjenigen, die eben nun partout nicht dazu gehören (sollen). Wer zur <em>„Minderheit“</em> gezählt wird, bleibt letztlich austauschbar – oder kann wie in den zu Beginn dieses Essays zitierten Sätzen von Lena Gorelik beschrieben – jederzeit neu gefasst und erweitert werden. Die Spielregeln der <em>„Mehrheitsgesellschaft“</em> ändern sich sozusagen im laufenden Verfahren. Wer gestern noch ein:e respektierte:r Bürger:in war, kann morgen zur Staatsfeind:in werden. Souad Lamroubal spricht in „Yallah Deutschland“ explizit <em>„Deutschland“</em> an: <em>„Ich lasse jetzt mal unkommentiert, dass Deine Definition von Minderheiten längst überholt ist und wir das mit dem Zählen noch mal lernen müssen. (1, 2, 3, 4, 5, 6…).“</em></p>
<h3><strong>„<em>Deutsch<u>sein</u>“ </em>und<em> „Deutsch<u>werden</u>“</em></strong></h3>
<div id="attachment_7887" style="width: 215px" class="wp-caption alignright"><a href="https://dietz-verlag.de/isbn/9783801206369/Yallah-Deutschland-wir-muessen-reden-Aus-dem-Leben-einer-deutsch-marokkanischen-Beamtin-Souad-Lamroubal"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7887" class="wp-image-7887 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Souad_Lamroubal_Yallah_Deutschland_DietzVerlag-205x300.jpg" alt="" width="205" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Souad_Lamroubal_Yallah_Deutschland_DietzVerlag-200x293.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Souad_Lamroubal_Yallah_Deutschland_DietzVerlag-205x300.jpg 205w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Souad_Lamroubal_Yallah_Deutschland_DietzVerlag-400x586.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Souad_Lamroubal_Yallah_Deutschland_DietzVerlag-600x878.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Souad_Lamroubal_Yallah_Deutschland_DietzVerlag.jpg 664w" sizes="(max-width: 205px) 100vw, 205px" /></a><p id="caption-attachment-7887" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Souad Lamroubal ist Deutsche, sie ist Marokkanerin, sie ist Beamtin, sie ist Mutter, sie engagiert sich in ihrem Privatleben ehrenamtlich, sie ist Buchautorin. Es ließen sich noch manch andere Rollen ergänzen. <em>„Integration“ </em>ist jedoch auch eine Frage des Standorts. Dies erlebt Souad Lamroubal in Marokko, dem Herkunftsland ihrer Eltern, wo sie erlebt, dass ihre Mutter dort <em>„glücklich“</em> ist, sie sich selbst jedoch als <em>„Ausländerin“</em> fühlt. <em>„Integration“</em> ist ein Prozess. Die erste Generation in Deutschland (nicht nur die Gastarbeitergeneration) lebt in der Regel in <em>„Abhängigkeit ohne Zugehörigkeit“</em>. Souad Lamroubal hat zwei Kinder, die sozusagen die dritte Generation einer Familie sind, die den Weg nach Deutschland gefunden hat, aber immer wieder auch mit den Problemen zu kämpfen hat, die die erste Generation erlebte, jedoch diese oft beschwieg, um nicht in Schwierigkeiten zu geraten. <em>„Zugehörigkeit“</em> ist relativ, Eigenschaften, aus denen in der Mehrheitsgesellschaft auf eine <em>„Nicht-Zugehörigkeit“</em> geschlossen wird, werden mitunter geradezu vererbt. Dies erlebt Souad Lamroubal unmittelbar bei ihrem Sohn (dazu später).</p>
<p>In ihren Büchern dekonstruiert Souad Lamroubal den Begriff der <em>„Integration“</em>, möchte – so schreibt sie in der Einführung von „Die Demokratie der anderen“ <em>„die Realität hinter der Fassade“ </em>entlarven: <em>„Integration“</em> wirke in Wirklichkeit <em>„wie eine Probezeit“</em>, eine <em>„Bewährungszeit“</em>, die offenbar jede Generation für sich ungeachtet unterschiedlicher Ausgangslagen wieder neu durchlaufen muss<em>.</em> Ein Ende dieser Zeit scheint nicht absehbar. Daraus schließt Souad Lamroubal: <em>„Ich bin nicht integriert“</em>. <em>„Integriert“</em> ist offensichtlich nur, wer <em>„funktioniert“</em>, aber: <em>„Was ist eigentlich die Bezeichnung für Deutsche, die nicht funktionieren?“ </em>Und was bedeutet eigentlich <em>„funktionieren“</em>? Sind die syrische Pflegekraft, der polnische Handwerker, die iranische Ärztin, die libanesische Abiturientin <em>„integriert“</em>? Offensichtlich <em>„funktionieren“</em> sie, werden als Fachkräfte geschätzt, aber reicht dies aus? Je nach Aufenthaltsstatus sind sie nicht vor Anfeindungen oder gar vor einer Abschiebung aus Deutschland geschützt.</p>
<p>„Die Demokratie der anderen“ enthält 21 Kapitel, jedes ein Statement, das auch für sich gelesen werden kann. Im Vorwort schreibt Souad Lamroubal: <em>„Ein Buch, das nicht anklagend wirkt, sondern einen Perspektivwechsel ermöglicht</em> <em>und in jeglicher Art und Weise den Zusammenhalt fördert. Dennoch werden Menschen sich angegriffen fühlen, sich aufregen. Aber das hat weniger mit diesem Buch als mit ihren eigenen Ängsten und Konflikten zu tun.“</em> So werden rassistische oder rassifizierende Äußerungen zu Projektionen, zu Spiegelungen eigener Unsicherheiten oder zumindest zu vor- oder unbewussten Annahmen, was es mit einem <em>„Deutsch<u>sein</u>“</em> auf sich haben könnte, das in der Gesellschaft die <em>„Norm“</em>, die <em>„Leitvorstellung“</em> wäre, der alle zu folgen hätten: <em>„Ich schaue in die Zeit zurück, in der es bei mir nicht ums Deutsch<u>sein</u>, sondern ums Deutsch<u>werden</u> ging. Was machte das Deutsche so wertvoll für mich?“ </em>Manche verkrampfen angesichts des ständigen Gefühls, trotz aller Anstrengungen zu scheitern: <em>„Wieso versuchen viele, so krankhaft zu beweisen, dass sie deutsch sind? Wieso ist auch mir das so wichtig? Ich frage mich, ob wir die richtigen Debatten führen.“ </em>Letztlich ist <em>„Deutsch<u>sein</u>“</em> ebenso wenig klar definierbar wie <em>„Mitte“, „Integration“ </em>und all die anderen Begriffe, mit denen über Ein- und Zuwanderung, über Migration gesprochen wird.</p>
<p>„Yallah Deutschland, wir müssen reden!“ klingt durch den Untertitel „Aus dem Leben einer deutsch-marokkanischen Beamtin“ – hier wieder der Bindestrich, möglicherweise ein Ergebnis des Lektorats – autobiographisch, doch bietet das Buch viel mehr als Einblicke in die individuellen Erlebnisse und Erfahrungen eines einzelnen Menschen. Probleme löst man nicht, indem man auf einzelne Schuldige verweist, eine Hol- oder Bringschuld beschreibt, sondern indem man Strukturen verändert. Vielleicht ist es – <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-macht-der-aufmerksamkeit/">so beispielsweise Marina Weisband</a> – ein ständiges Manko (nicht nur) der deutschen Politik, nachhaltige Strukturveränderungen zu scheuen.</p>
<p>„Yallah Deutschland“ ist ein langer Brief von Souad Lamroubal an Deutschland, das die Autorin mit <em>„Du“</em> – großgeschrieben – direkt anspricht. Das bedeutet wiederum nicht, dass Deutschland eine Art Kollektivpersönlichkeit besäße, in der alle Deutsch-Deutschen (den Bindestrich muss ich mir einfach erlauben) kollektiv das Gleiche denken und fühlen, so als wären sie alle eine Variante der Borg wie wir sie aus der Star-Trek-Welt kennen. Es geht hier aber nicht um den Versuch, allen Deutsch-Deutschen eine kollektive Identität zuzuschreiben, sondern um die in dieser deutschen Gesellschaft von einer beträchtlichen Zahl von Mitgliedern der <em>„Mehrheitsgesellschaft“</em> verursachten Gefühle, um die von vielen – oft auch gewollt und systematisch – verursachten Hindernisse, die sprichwörtlichen Steine, die jemandem in den Weg gelegt werden und ihn:sie hindern, am gesellschaftlichen, beruflichen, politischen Leben teilzuhaben. Es geht letztlich um ein Land, das Strukturen verändern muss, beispielsweise eine beschleunigte Anerkennung von im Ausland erworbenen Abschlüssen, die Berechtigung, nicht nur Steuern zu zahlen, sondern auch an Wahlen teilzunehmen. Und für diese Strukturveränderungen müssen Mehrheiten geschaffen werden. Wenn dies gelänge, würde – so Souad Lamroubal – irgendwann die <em>„Demokratie der anderen“</em> zu einer <em>„Demokratie für alle“</em>.</p>
<p>Doch der Weg zu einer <em>„Demokratie für alle“ </em>ist noch weit. Souad Lamroubal sieht sich gerne in der <em>„Rolle der Europäerin“</em>, andererseits: <em>„Ich bin Teil einer rassistischen Gesellschaft, Rassismus wird durch die Strukturen des Landes begründet.“</em> Solange <em>„Demokratie“</em> in Deutschland aus Sicht von Menschen mit Ein- und Zuwanderungsgeschichte, in welcher Generation auch immer, ein <em>„Privileg“</em> der autochthonen Bevölkerung bleibt, eben jene <em>„Demokratie der anderen“</em>, stellt sich dieselbe Frage immer wieder neu: <em>„Deutsch<u>sein</u>“ </em>wird zu einem ständigen Prozess des <em>„Deutsch<u>werdens</u>“</em>. Man kann sich mit der Zeit davon lösen, aber es bleibt doch immer wieder <em>„die Suche nach Heimat, Identität, aber vor allem nach Gerechtigkeit, die mich treibt.“</em> Souad Lamroubal konstatiert: <em>„Heimat ist dort, wo ich frei sein kann.“</em> Ein weiterer Kampfbegriff, der es inzwischen auch in die Benennung deutscher Ministerien geschafft hat, ist eben diese <em>„Heimat“</em>, wo auch immer diese verortet wird.</p>
<p>Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah haben 14 Autor:innen versammelt, die in dem Band <a href="https://www.ullstein.de/werke/eure-heimat-ist-unser-albtraum/taschenbuch/9783548069296">„Eure Heimat ist unser Albtraum“</a> (Berlin, Ullstein, 2019) die Wirkungen dieses <em>„Kampfbegriffs“</em> ausgehend von Alltagsbegriffen illustrieren, beispielsweise: <em>„Arbeit“</em> (Fatma Aydemir), <em>„Vertrauen“</em> (Deniz Utlu), <em>„Liebe“</em> (Sharon Dodua Otoo), <em>„Essen“</em> (Vina Yun), <em>„Zusammen“</em> (Simone Dede Ayivi). Olga Grjasnowa schrieb über <em>„Privilegien“</em>: <em>„Aber was ist das überhaupt, die Integration? Schon hier fängt die Ungleichheit an: Wenn wir davon ausgehen, dass wir jemanden in die Gesellschaft integrieren müssen, dann meinen wir damit auch, dass es eine Gesellschaftsnorm gibt, die besser und überlegener ist als andere.“</em> Auch die Künste sind in diesem Sinne hierarchisierbar. Was ist – so Olga Grjasnowa – eigentlich <em>„Migrationsliteratur“</em> oder <em>„Weltmusik“</em>?</p>
<p>Seit Erscheinen dieses Buches im Jahr 2019 ist die Welt nicht gelassener geworden, im Gegenteil: Der Ton verschärft sich. Viele Menschen fühlen sich in eine Ecke gedrängt, aus der sie kaum noch herauszufinden glauben, abgesehen von so manchem intellektuellen Zweckoptimismus, denn Aufgeben ist auch keine Lösung. Prominentes Beispiel ist der dialogisch aufgebaute Band <a href="https://www.fischerverlage.de/buch/max-czollek-hadija-haruna-oelker-alles-auf-anfang-9783103976861">„Alles auf Anfang – Auf der Suche nach einer neuen Erinnerungskultur“</a> von Max Czollek und Hadija Haruna-Oelker (Frankfurt am Main, S. Fischer, 2025). Dieses Buch ist eine schonungslose Bestandsaufnahme der Gefühle von Menschen, die das nachhaltig wirkende Gefühl haben, sie gehörten in dieser deutschen Gesellschaft einfach nicht dazu. Man muss dieses Buch bis zum Ende durchhalten, um eine optimistische Perspektive zu entdecken. Die beiden Autor:innen verwenden das Bild einer <em>„Tischgemeinschaft“</em>, an der eigentlich <em>„genug Platz für alle“</em> sein sollte, ein Bild, das Aladin El-Mafalaani in seinem Buch <a href="https://www.mafaalani.de/integrationsparadox">„Das Integrationsparadox“</a> eingeführt hatte (Köln, Kiepenheuer &amp; Witsch, 2018).</p>
<h3><strong>Wer <u>ist</u> WIR?</strong></h3>
<p>So ist das bei uns, so heißt es immer wieder. Es wäre schön, wenn dieses <em>„Wir“</em> inklusiv gedacht wäre. Müsste es nicht heißen: Wer <u>sind</u> <em>„WIR“</em>? Souad Lamroubal zitiert in „Yallah Deutschland“ die Literaturnobelpreisträgerin <a href="https://www.perlentaucher.de/autor/toni-morrison.html">Toni Morrison</a>: <em>„Es gibt keine Fremden, sondern nur unterschiedliche Versionen unserer selbst.“ </em>Es ist dieselbe Botschaft, die <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/es-gibt-eben-nicht-nur-die-eine-geschichte/">Chimanda Ngozi Adichie</a> in ihrem TED-Talk <a href="https://www.youtube.com/watch?v=D9Ihs241zeg">„The Danger of a Single Story“</a> vermittelt. Gefundene, zugeschriebene und andere Identitäten, die mit einem <em>„Wir“</em> der Mehrheitsgesellschaft verbinden oder davon trennen, beschreiben afrodeutsche Autor:innen, wie sie Jeannette Oholi (<a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/fuer-eine-germanistik-der-radikalen-vielfalt/">„Für eine ‚Germanistik der radikalen Vielfalt‘“</a>) in ihren Büchern vorstellte, oder die Berliner Autorin schwäbischer Herkunft Dilek Güngör (<a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/vor-dem-spiegel/">„Vor dem Spiegel“</a>). Es ließen sich noch viele andere zitieren. Souad Lamroubal fügt ihnen die Perspektive einer deutschen Beamtin hinzu, die sich gleichermaßen wissenschaftlich, pädagogisch, literarisch und aktivistisch engagiert, all dies als Mittel gegen <em>„die Überforderung aus der Vergangenheit“.</em> Es sind letztlich die Strukturen, die Institutionen, die zählen und die auf ihren <em>„institutionellen Rassismus“ </em>überprüft werden müssten.</p>
<p>Die Forderung nach <em>„Integration“</em> heißt letztlich immer wieder: Werdet so wie <em>„wir“</em>, eine Formel, mit der:die Sprecher:in sich selbst zu einer <em>„Norm“</em> erklärt. In beiden Büchern dekonstruiert Souad Lamroubal dieses <em>„Wir“</em>. Sie verweist darauf, dass sie sich an der Kampagne <a href="https://www.mkjfgfi.nrw/ichduwirnrw">„#IchDuWirNRW“</a> des Landes Nordrhein-Westfalen beteiligt hat. <em>„Ich bin kein Opfer. Betroffen ja, aber kein Opfer. Ich sollte mich da nicht so reinsteigern. Es geht mir gut. (…) Ich bin definitiv privilegiert. Ich gehöre dazu. Ich darf an der langen Schlange vorbeilaufen und nach oben in mein schönes Büro mit Blick auf die Warteschlange unten.“</em></p>
<p>Souad Lamroubal formuliert stets nicht soziologisch abstrakt, sondern als Ich-Botschaft, <em>„dass ich mich mit einer Mitte identifiziere, die eine neue deutsche Gesellschaft realistisch abbildet. Ich löse mich also von dem alten Begriff der Mitte, einer Mitte privilegierter Einheimischer, und glaube fest daran, dass eine neue Mitte längst entstanden ist. (…). Der Begriff Mitte ist ambivalent. Er löst auf der einen Seite den Wunsch nach Zugehörigkeit aus, kann aber genauso zu Distanz und Ablehnung führen, vor allem dann, wenn sich rechtspopulistische Parteien damit schmücken, die Partei der Mitte zu sein.“</em></p>
<p>In meinem <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/rein-oder-raus-immer-rund-um-die-mitte/">Essay zur Bielefelder Mitte-Studie 2025</a> habe ich versucht, den Begriff der <em>„Mitte“</em> mit anderen Begriffen zu verbinden, die eine Art von Gemeinschaftsgefühl einer wie auch immer gearteten Mehrheit in unserer Gesellschaft erzeugen sollen. Dazu gehören beispielsweise <em>„bürgerlich“</em>,<em> „Familie“</em>, auch<em> „Demokratie“</em>. Sobald ein Begriff eine fiktive Gemeinschaft beschreiben soll, stellt sich die Frage nach denjenigen, die nicht zur Gemeinschaft gehören, die <em>„Anderen“</em>, die nicht zum <em>„Wir“</em> gehören (sollen).</p>
<h3><strong>Bürokratie der Exklusion</strong></h3>
<p>Sobald darüber gesprochen wird, dass wer auch immer nicht beziehungsweise noch nicht oder nicht mehr zu der Gemeinschaft gehört, zu der man sich selbst zugehörig fühlt, verschieben sich politische Debatten und Verwaltungspraxis. In „Yallah Deutschland“ vermerkt Souad Lamroubal, dass die Umsetzung des <a href="https://www.sozialgesetzbuch-sgb.de/aufenthg/1.html">„Aufenthaltsgesetzes“</a> nicht in einer <em>„Willkommensbehörde“</em>, sondern in einer <em>„Ordnungsbehörde“</em> erfolgt. Hinzu kommt die Frage, wie viel Zeit die Sachbearbeiter:innen oder unterstützende Beratungsstellen haben, sich um jemanden zu kümmern. In der Regel zu wenig. Fließbandarbeit? Souad Lamroubal fragt, warum es eigentlich keine Studien zu rassistischen beziehungsweise rassifizierenden Strukturen in Ausländerbehörden gibt.</p>
<p>Souad Lamroubal beschreibt zahlreiche Aspekte einer Bürokratie, die Menschen, die aus welchen Gründen auch immer in der Ausländerbehörde einer Kommune vorsprechen, das Leben erschweren. Dazu gehören höchst komplizierte Anerkennungsverfahren von im Herkunftsland erworbenen Qualifikationen. Je nachdem, welche Ereignisse neue Wanderungsbewegungen verursachen, befindet sich eine Ausländerbehörde im <em>„Ausnahmezustand“. </em>Nach Carl Schmitt ist souverän, wer über den <em>„Ausnahmezustand“</em> entscheidet. So zeigt sich, dass der Streit zwischen Angela Merkel (<em>„Wir schaffen das“</em>) und Horst Seehofer (<em>„Wir schaffen das nicht“</em>) letztlich ein Streit um Macht war, nicht mehr und nicht weniger. Die Angela Merkel, die 2015 die Grenzen öffnete und die Dublin-Regeln aussetzte, war auch die Angela Merkel, die im Jahr 2010 sagte: <a href="https://www.spiegel.de/politik/deutschland/integration-merkel-erklaert-multikulti-fuer-gescheitert-a-723532.html"><em>„Der Ansatz für Multikulti ist gescheitert, absolut gescheitert.“</em></a> Subtext: Wozu soll sich der Staat noch um <em>„Integration“</em> kümmern? Die Holschuld des Staates wird ausschließlich zur Bringschuld der Bewerber:innen um <em>„Integration“</em> erklärt. Politiker:innen agieren aus einem Augenblick heraus, reagieren auf eine bestimmte Situation und vereinfachen und verallgemeinern etwas, das eigentlich in seinem historischen wie kontextuellen Rahmen analysiert werden müsste. Sie verlangen und praktizieren Eindeutigkeit. Da fällt dann so manches unter den Tisch, an dem bei Weitem nicht alle mehr Platz haben werden.</p>
<p>Behörden üben Macht aus, auf der Grundlage von Gesetzen, die – so betont Souad Lamroubal – sie in ihrer Eigenschaft als Beamtin auch gar nicht in Frage stellt. Macht und Gesetze gelten nicht nur in Ausländerbehörden, sondern letztlich in allen Behörden. Es werden nicht die möglichen Stärken von Ein- und Zuwandernden gesucht. „<em>Wir wachsen auf in Vielfalt. Aber für Dich, Deutschland war es Einfalt, denn du bündeltest uns nach unseren vermeintlichen Schwächen.“</em> So die Schule, in der die Lehrkräfte ungeachtet der jeweiligen Zeugnisse Kinder mit dem sogenannten Migrationshintergrund auf die Hauptschule schicken, oft mit der Begründung, dass die Eltern ja ihren Kindern nicht bei den Hausaufgaben helfen könnten. Schulleistungsstudien werden nicht müde, die sprachlichen und sonstigen schulischen Defizite von <em>„migrantischen“</em> Kindern und Jugendlichen zu betonen, aber sie machen durchaus Unterschiede: Beispielsweise werden der Fleiß und die guten Schulleistungen von vietnamesischen Kindern betont. Souad Lamroubal verweist auf die Gesundheitsämter, die bei einer <em>„Läusekontrolle“</em> in der Schule eine Art Racial Profiling betreiben.</p>
<p>Aus Sicht der Behörden kommt es darauf an, dass die <em>„Regeln“</em> eingehalten werden: <em>„Regel ist Deine zweite Natur“</em>, ungeachtet der Spielräume, die eine Behörde manchmal hat, deren Nutzung jedoch wiederum von jeder einzelnen Sachbearbeitung abhängt. An grundlegenden Defiziten können die Sachbearbeiter:innen natürlich nichts ändern, beispielsweise an der ständigen Streichung der Mittel für Sprach- und Integrationskurse oder der Verlagerung der Zuständigkeit für geflüchtete Ukrainer:innen in das <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/asylblg/">„Asylbewerberleistungsgesetz“</a>, durch die die Vermittlung einer Arbeitsstelle erheblich erschwert, wenn nicht gar unmöglich wird. <em>„Integration“</em> wird zwar in politischen Reden immer wieder gefordert, aber dennoch systematisch verhindert. Die Schuldigen sind dann diejenigen, die sich nicht <em>„integriert“</em> hätten.</p>
<h3><strong>Die Sicherheit der anderen</strong></h3>
<p>Freiheit bedeutet auch <em>„Sicherheit“</em>. Wessen <em>„Sicherheit“</em>? In „Yallah Deutschland“ berichtet Souad Lamroubal von einem Vorfall am 31. Oktober 2020 in Düsseldorf. Es ist der Tag eines rassistischen Angriffs auf ihren Sohn, der sich seit dieser Zeit zurückzieht. Angesichts des Terrors von ICE in den USA ließe sich schlussfolgern, dass es auch ohne diesen Terror schon möglich ist, Menschen zu drangsalieren und zu demotivieren. Souad Lamroubal konnte mit ihrem Sohn darüber sprechen (das ist nicht allen Eltern und ihren Kindern gegeben), er berichtete: <em>„Ich habe mehrfach versucht, in die Bahn zu flüchten. Ich war froh, dass ich mich von ihm lösen konnte. Er hat gedroht, mich zu töten, mich geschlagen und mich gewürgt, immer und immer wieder. Ich habe gerufen, geschrien, aber ich wurde nicht gehört. Obwohl der Bahnsteig voller Menschen war und die Bahn ebenfalls, wurde ich weder gehört noch gesehen.“</em> Souad Lamroubal dokumentiert die Aussage ihres Sohnes über drei Seiten. Seine Konsequenz: <em>„Ich fahre halt einfach nicht mehr mit der Bahn in Zukunft. Ich warte, bis ich meinen Führerschein habe. Ich denke, das ist das Beste für alle.“</em></p>
<p>Wer sich nicht sicher fühlt, zieht sich zurück, wird einsam. Souads Sohn sagt: <em>„Einsam zu sein, ist das Resultat dessen, wie Menschen miteinander umgehen. Ich habe das Vertrauen verloren. Mache ich einen Fehler, zeigen sie mit dem Finger auf mich, und bin ich in Not, wenden sie ihre Blicke ab. Sag mir Mama, was verbindet mich noch mit diesen Menschen, die sich gegenseitig entmenschlichen? Einsamkeit gibt mir Frieden. Einsamkeit ist mein Schutz. Ich muss mich nicht mit ihnen identifizieren. Ich habe so die Freiheit, anders zu sein. Das gibt mir Frieden.“</em> Souad Lamroubal kommentiert: <em>„Seine Worte schnüren mir den Atem ab. Was er auch anspricht: die Fehlerkultur oder besser gesagt: die fehlende Fehlerkultur.“ </em>Es bleibt – so schreibt sie in „Yallah Deutschland“ <em>„die Fragilität Deiner Strukturen“</em>.</p>
<p>Wer in Deutschland über <em>„Sicherheit“ </em>spricht, kann Unklarheiten nicht brauchen. Er oder sie braucht ein klares Bild der <em>„Täter“</em>. Die müssen gefunden, bestraft und möglichst aus der Gesellschaft entfernt, das heißt bei Ein- und Zugewanderten, ausgewiesen (<em>„abgeschoben“ </em>schreiben die Medien, <em>„rückgeführt“</em> die Verwaltung) werden. Auch hier ist Deutschland natürlich nicht sehr konsequent, denn die Bundesregierung will zwar möglichst rasch syrische Straftäter nach Syrien ausweisen, hat sich aber bisher nicht bereiterklärt, im Gegenzug deutsche Straftäter, die in Syrien wegen ihrer Beteiligung an den Verbrechen des Islamischen Staates inhaftiert sind, zurückzunehmen. Und um die Zahlen für <em>„Abschiebungen“</em> zu heben, werden auch Menschen abgeschoben, die eine Arbeitsstelle haben, eine Ausbildung machen möchten oder sich ehrenamtlich engagieren, die sozusagen bestens <em>„integriert“</em> sind. Die sind aber leichter aufzufinden als so mancher Straftäter.</p>
<p>Bundeskanzler Friedrich Merz suggerierte zu Beginn der vom nordrhein-westfälischen Innenminister Herbert Reul (beide Mitglieder der CDU) später als <a href="https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/innenpolitik/id_101054702/afd-und-stadtbild-nrw-innenminister-herbert-reul-redet-klartext.html"><em>„versemmelt“</em></a> bezeichneten Stadtbilddebatte, alle Probleme ließen sich lösen, wenn zu- und eingewanderte Männer nicht mehr in Deutschland blieben. Er erntete viel Widerspruch, relativierte seine Aussage, aber letztlich bleibt der Eindruck doppelter Standards. Es gab vor der Bundestagswahl heftige Debatten in Politik und Medien über die Täter in Aschaffenburg, Mannheim, Solingen, aber gibt es auch eine in der Intensität vergleichbare Debatte über <a href="https://www.tagesschau.de/inland/regional/nordrheinwestfalen/fall-yosef-tatverdaechtiger-100.html">den 12jährigen Deutschen, der Ende Januar 2026 in Dormagen einen 14jährigen Eritreer tötete</a>? Wo sind die ARD-Brennpunkte, wo die Talk-Shows, in denen über Ursachen und Konsequenzen dieser Tat gestritten würde? Und was hätten die Ausländerbehörden (Souad Lamroubal nennt sie mehrfach <em>„(R)ausländerbehörden“</em>) veranlasst, wenn der junge Eritreer in vier Jahren seinen 18. Geburtstag hätte feiern können? Nun warnte die Polizei davor, die Tat aus Dormagen als <em>„rassistisch motiviert“</em> zu bezeichnen, weil dazu noch keine Erkenntnisse vorlägen.</p>
<p>Souad Lamroubal zitiert den Kriminalitätsforscher <a href="https://www.macromedia-fachhochschule.de/de/menschen/thomas-hestermann/">Thomas Hestermann</a>: <em>„Der kriminelle Ausländer ist eine zentrale Angstfigur.“</em> Gemeint sind oft muslimische Männer beziehungsweise Männer, die für Muslime gehalten werden. Zu diesen Zuschreibungen gehört auch eine einseitige Zuschreibung bei Frauen, die ein Kopftuch tragen. Es wird durchweg aufgrund unbegründeter Annahmen pauschalisiert und verdächtigt. Immer ist die Rede von <em>„Ausländerkriminalität“</em>, aber – so fragt Souad Lamroubal – wer spricht von <em>„Deutschenkriminalität“</em> oder <em>„Männerkriminalität“</em>? Am 11. Februar 2026 berichteten Amrei Coen, Johannes Laubmeier und Vanessa Vu über <a href="https://www.zeit.de/2026/07/rechtsextreme-jugendkultur-schule-rechtsextremismus-statistik">„Rechtsextreme Jugendkultur“</a> und die Verzweiflung mancher Lehrkräfte, die nicht mehr wüssten, wie sie dem entgegentreten sollten. Das, was in deutschen Diskussionen, Debatten, in Gesellschaft und Politik Sicherheit gibt, ist offensichtlich immer die <em>„Kriminalität der anderen“</em>, so der Titel eines eigenen Kapitels im Demokratiebuch.</p>
<p>Auch in der Sicherheitsdebatte wird <em>„Demokratie“</em> zum Synonym für den Staat, von dem als Leistung Sicherheit erwartet werden darf, jedoch nicht gewährleistet wird. In einem Interview, das in der Bielefelder Mitte-Studie 2025 abgedruckt wurde, sagte Souad Lamroubal: <em>„Man fühlt sich ausgeliefert, weil es einerseits zu wenige Schutzräume für Menschen mit Migrationsgeschichte gibt und die Normalisierung rechtsextremer und / oder rechtspopulistischer Strukturen unaufhaltsam erscheint. Man verliert das Vertrauen in Politik und Justiz. Die größte Gefahr ist eine Desillusionierung oder ein Rückzug aus demokratischen Prozessen, weil die Erfahrung vorherrscht, dass die Demokratie einen nicht schützt.“</em></p>
<p><em>„Demokratie“</em> erhält hier einen exklusiven, exkludierenden Unterton. Auch das ist eine Spielart von Rassismus. Es wird bei der Beurteilung von Kriminalität auf Persönlichkeitsmerkmale geschaut, nicht jedoch auf extremistische Einstellungen, die kriminelles Verhalten verursachen. Andererseits ist auch dies nicht so einfach, denn die <em>„AfD hat es geschafft, uns zu spalten.“</em> <em>„Ich verliere die Kontrolle, kann Gefahren nicht mehr einschätzen. Ich kann nicht mehr einschätzen, wie die Demokratiefeinde aussehen. Einige von ihnen sehen inzwischen aus wie ich. Es wird unübersichtlich. Es wird trüb. Wo bin ich noch sicher?“</em></p>
<p><em>„Sicherheit“</em> ist relativ. Souad Lamroubal berichtet von Maria, geboren in Kolumbien, heute Intensivkrankenschwester in einer Klinik. <em>„Ich bin der festen Überzeugung, dass es längst eine ganz neue Mitte gibt, die aber noch nicht sichtbar ist. Maria zählt dazu.“ </em>Maria berichtet von ihrer Anwerbung, ihrer Ankunft, ihrer Arbeit, auch dem Heimweh nach ihrer Familie in Kolumbien. <em>„Aber es ging ihr nicht um die Frage, ob sie ihre Heimat vermisst, sondern ob sie dort in Sicherheit leben kann“</em>. In Deutschland – so sagt sie – sei sie sicher, sie habe um 23 Uhr ihren Sohn im Kinderwagen um den Block schieben können, damit er sich beruhige. Dies wäre in Kolumbien nicht möglich: <em>„Die einzigen Orte, wo Kinder ausgelassen spielen könnten, seien Einkaufszentren.“ </em></p>
<p>Souad Lamroubal kommentiert: <em>„Was ist also Heimat? Ist sie nicht gerade der Ort, an dem ich sicher leben kann? / Die Frage nach dem Deutschsein rückt für mich durch diese Erkenntnis noch viel mehr in den Hintergrund. Ich stelle fest, dass wir uns oft in Identitätskonflikten verlieren. Marie geht es nicht darum, deutsch zu sein oder es zu werden, sondern darum, ihre Rechte und Pflichten in Deutschland zu kennen und diese zu wahren. Dafür erhält sie etwas, das sie wertschätzt. Ist sie Teil der deutschen Mitte? Sie ist genau das, was die Mitte ausmacht. Sie arbeitet hart und trägt ihren Teil dazu bei, dass dieses Land funktioniert. Wenn dieses Land funktioniert, kann sie hier in Sicherheit leben. Dass sie ihren Beitrag leistet, ist für sie mehr als selbstverständlich.“</em></p>
<p>Vielleicht lesen Politiker:innen, die so gerne mit Inbrunst die <em>„hart arbeitende Mitte“</em> beschwören, auch diese Sätze. Vielleicht hilft es. Irgendwann. Wir brauchen auf jeden Fall eine andere Sprache jenseits der Bindestriche und Pseudo-Normen und vielleicht eine Art neuer Bürgerrechtsbewegung. Es gibt sicherlich eine Vielzahl von Initiativen, die sich in den letzten 40 bis 50 Jahren etabliert haben und für Vielfalt einsetzen, aber diese werden entweder bedroht oder sind in erster Linie damit beschäftigt, ihre reine Lehre zu postulieren und sich von anderen Initiativen, und vor allem von Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft, die eigentlich ähnliche Ziele verfolgen abzugrenzen. Zu Vielfalt gehören jedoch gegenseitiger Respekt, der Verzicht auf Kampfbegriffe und die Bereitschaft, sich füreinander zu öffnen. Souad Lamroubal belegt eindrucksvoll, dass dies nicht immer einfach, aber auch immer möglich ist. Ein Grund mehr, ihre Bücher zu lesen und weiterzuempfehlen.   <em> </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im März 2026, Internetzugriffe zuletzt am 15. Februar 2026. Titelbild: Hans Peter Schaefer).</p>
<h1><em> </em></h1>
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		<pubDate>Tue, 20 Jan 2026 06:19:32 +0000</pubDate>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-5 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-4 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-5" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Die Freiheit der Menschen</strong></h1>
<h2><strong>Rabbinerin Elisa Klapheck über jüdische Rechtskulturen</strong></h2>
<p><em>„An den ‚Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte‘ knüpfen sich Rechte, die unmittelbar mit der persönlichen wirtschaftlichen Situation aller zu tun hatten: das waren die Gewerbefreiheit, die Niederlassungsfreiheit, die freie Wahl des Wohnortes und die Befreiung von Sondersteuern. Auch wenn die jüdische Bevölkerung, weil sie durch jahrhundertealten Antijudaismus am sichtbarsten diskriminiert wurde, am meisten von dem Recht auf Religionsfreiheit profitieren würde und es kein Zufall war, dass ein jüdischer Abgeordneter für die Religionsfreiheit eintrat –, ging es nicht nur um die Ausübung der Religion selbst! Es ging genauso um die Freiheit der Menschen.“ </em>(Abraham de Wolf, Der jüdische Horizont der Religionsfreiheit in Deutschland, in: Elisa Klapheck, Barbara Traub, Abraham de Wolf, Dina de-Malchuta Dina – oder Gott braucht den säkularen Rechtsstaat, Leipzig, Hentrich &amp; Hentrich, 2020)</p>
<p><a href="https://www.hentrichhentrich.de/autor-abraham-de-wolf.html">Abraham de Wolf</a>, Sprecher des Arbeitskreises jüdischer Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, fasste mit diesen Sätzen die grundlegende Rede Gabriel Riessers in der Nationalversammlung 1848 zusammen, mit der dieser auf den völkischen Ansatz von Moritz Mohl antwortete, der die Juden als <em>„fremdes Element“</em> bezeichnete. Gabriel Riesser war erfolgreich: Artikel 146 der Paulskirchenverfassung sieht als erster deutscher Verfassungsentwurf die Religionsfreiheit und die Gleichstellung aller Bürgerinnen und Bürger, ungeachtet ihrer Religionszugehörigkeit, vor. Gabriel Riesser ist einer der jüdischen Juristen, die mit ihrer Arbeit, ihren Vorträgen und Schriften die Weimarer Verfassung und das Grundgesetz mitprägten.</p>
<p>Der zitierte Aufsatz von Abraham de Wolf erschien im siebten Band der von <a href="http://elisa-klapheck.de/">Rabbinerin Elisa Klapheck</a> <a href="https://www.hentrichhentrich.de/autor-elisa-klapheck.html">im Leipziger Verlag Hentrich &amp; Hentrich</a> herausgegebenen Reihe „Machloket – Streitschriften“. Neben dieser Reihe gibt sie eine zweite unter dem Titel „Injamin – Kernfragen“ heraus, in der bereits zwei Bände erschienen sind. Im Jahr 2022 veröffentlichte Elisa Klapheck in der Europäischen Verlagsanstalt ihr Buch „Zur politischen Theologie des Judentums“, 2014 bei Hentrich &amp; Hentrich <a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-margarete-susman-1.html">„Margarete Susman und ihr Beitrag zur jüdischen Philosophie“</a>. Sie ist außerdem die <a href="https://berlingeschichte.de/lesezei/blz01_02/text65.htm">Biographin der weltweit ersten Rabbinerin Regina Jonas</a> (1902-1944): <a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-fraeulein-rabbiner-jonas-1.html">„Fräulein Regina Jonas&#8220;</a> erschien erstmals 1999, liegt seit 2004 auch in einer englischen Übersetzung vor und wurde 2026 ergänzt und erweitert neu aufgelegt. Die Neuauflage enthält auch ein Kapitel zur Wirkungsgeschichte der Biographie. Gemeinsam mit Ulrike Schrader veröffentlichte Elisa Klapheck unlängst in einer Schriftenreihe über den liberalen Rabbiner Joseph Norden (inzwischen drei Bände) <a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-liebesbriefe-an-regina-jonas.html">„Liebesbriefe an Rabbinerin Regina Jonas“</a>. 2024 erhielt Elisa Klapheck den <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/religion/rabbinerin-elisa-klapheck-erhaelt-marie-juchacz-frauenpreis/">Marie-Juchacz-Frauenpreis</a>.</p>
<p>Die drei monotheistischen Religionen – und nicht nur diese – tun sich in der Regel schwer, Frauen zu den jeweiligen Ämtern zuzulassen. In den evangelischen Kirchen gibt es inzwischen eine Reihe Pfarrerinnen und Bischöfinnen, in der katholischen Kirche ist das Frauenordinat nach wie vor weder zulässig noch vorgesehen, ebenso ist es im Islam. Das Judentum entwickelt sich flexibler und liberaler, nicht zuletzt dank Regina Jonas, nach der in Berlin <a href="https://www.berlin.de/ba-friedrichshain-kreuzberg/ueber-den-bezirk/ehrungen-und-auszeichnungen/eine-strasse-fuer-regina-jonas-1056643.php">im Dezember 2025 auch eine Straße benannt</a> wurde.</p>
<div id="attachment_7787" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7787" class="wp-image-7787 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Foto-Rafael-Herlich-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Foto-Rafael-Herlich-200x300.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Foto-Rafael-Herlich-400x600.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Foto-Rafael-Herlich-600x900.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Foto-Rafael-Herlich-683x1024.jpg 683w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Foto-Rafael-Herlich-768x1152.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Foto-Rafael-Herlich-800x1200.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Foto-Rafael-Herlich-1024x1536.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Foto-Rafael-Herlich-1200x1800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Foto-Rafael-Herlich-1365x2048.jpg 1365w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Foto-Rafael-Herlich-scaled.jpg 1707w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /><p id="caption-attachment-7787" class="wp-caption-text">Rabbinerin Elisa Klapheck. Foto: Rafael Herlich.</p></div>
<p>Elisa Klapheck ist schon seit längerer Zeit eine geschätzte Buchautorin und seit 2023 Vorsitzende der <a href="https://a-r-k.de/">Allgemeinen Rabbinerkonferenz</a>. Sie ist Rabbinerin der liberalen Synagogengemeinschaft <a href="https://minjanffm.de/">„Egalitärer Minjan“</a> in der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main und Professorin für <a href="https://kw.uni-paderborn.de/seminar-fuer-juedische-studien-pnina-nave-levinson">Jüdische Studien an der Universität Paderborn</a>. Die Frage nach den Verbindungen jüdischer Traditionen und Kultur mit der Entwicklung des freiheitlich-demokratischen Rechtsstaats ist zentrales Grundanliegen ihres Engagements als Rabbinerin und Professorin.</p>
<h3><strong>Was macht eine Rabbinerin aus?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie sind eine der inzwischen gar nicht mehr so wenigen Rabbinerinnen. Wenn ich in die <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/">Jüdische Allgemeine</a> hineinschaue, lese ich beispielsweise immer wieder Texte von Ihnen, von <a href="https://juedisches-niedersachsen.de/erkunden/karte/e6f57d46-27f7-448f-ab1e-ad384da66371">Ulrike Offenberg</a> oder von <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/unsere-woche/frau-doktor-ist-rabbinerin/">Yael Deusel</a>. Sie und manch andere, die ich noch nennen könnte, sind – so schrieb es einmal Rocco Thiede in der Jüdischen Allgemeinen – <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/unsere-woche/glueckels-erbinnen/">„Glückels Erbinnen“</a>. Glückel von Hameln (Glikl bas Judah Leib) lebte von 1646 bis 1724, einige Zeit vor der jüdischen Aufklärung, der Haskala, und vor <a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-moses-mendelssohn.html">Moses Mendelssohn</a> (1729-1786). Glückel war keine Rabbinerin, sie war Kauffrau und sie war Autorin der ersten erhaltenen von einer Frau geschriebenen Autobiographie im deutschen Sprachraum.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Ich darf zu den von Ihnen genannten Namen </em><a href="https://www.jg-goettingen.de/religion/rabbiner.php"><em>Jasmin Andriani</em></a><em> von der Jüdischen Gemeinde Göttingen ergänzen. Sie wird oft als grüne Rabbinerin bezeichnet. Mit ihr habe ich für den Band </em><a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-juedische-positionen-zur-nachhaltigkeit.html"><em>„Jüdische Positionen zur Nachhaltigkeit“</em></a><em> zusammengearbeitet.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Hohe Auflagezahlen auch auf dem deutschen Buchmarkt hat die französische Rabbinerin <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/juedische-welt/rabbinerin-und-medienstar/">Delphine Horvilleur</a>.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Weltberühmt. Ein Star.</em></p>
<div id="attachment_7799" style="width: 193px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-fraeulein-rabbiner-jonas-1.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7799" class="wp-image-7799 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Fraeulein-Regina-Jonas-Hentrich-Hentrich-183x300.jpg" alt="" width="183" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Fraeulein-Regina-Jonas-Hentrich-Hentrich-183x300.jpg 183w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Fraeulein-Regina-Jonas-Hentrich-Hentrich-200x328.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Fraeulein-Regina-Jonas-Hentrich-Hentrich.jpg 366w" sizes="(max-width: 183px) 100vw, 183px" /></a><p id="caption-attachment-7799" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Im Jahr 1999 haben Sie die <a href="https://www.hagalil.com/archiv/2000/06/Jonas.htm">Biographie „Fräulein Regina Jonas“</a> veröffentlicht. Die Biographie enthält auch die Streitschrift „Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?“ aus dem Jahr 1930<em>. </em>Regina Jonas war die weltweit erste Rabbinerin – so ist es auch im Untertitel des Bandes aus der <a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-regina-jonas.html">Reihe der Jüdischen Miniaturen</a> zu lesen, den Sie zur ersten Orientierung über diese zentrale Figur der jüdischen Geschichte geschrieben haben.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong><em>: Es kommen immer wieder auch andere Namen ins Spiel, aber ich bleibe dabei, dass Regina Jonas die weltweit erste Rabbinerin war. Andere, die es vorher gab, wurden als Rabbanit bezeichnet. Eine war zum Beispiel die rabbinisch sehr begabte Tochter eines berühmten Rabbiners. Sie wurde auch von den Schülern ihres Vaters und dem Umfeld, in dem sie lebte, als rabbinische Autorität anerkannt, aber sie hatte keine rabbinische Ordination. Regina Jonas hatte eine institutionelle Anerkennung, die meines Erachtens zum Status einer Rabbinerin hinzugehört. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie wird man Rabbinerin?</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Das ist im formellen Sinne heute nicht mehr schwer. Sie müssen jüdisch sein und sich bei einer Rabbinatsausbildungsstätte anmelden. Im Reformjudentum, das sich auch Progressives Judentum nennt, gibt es lange das Abraham-Geiger-Kolleg. Sie haben den dortigen Skandal mitbekommen. Inzwischen haben wir ein </em><a href="https://www.levinson-stiftung.de/startseite/regina-jonas-seminar/"><em>Regina Jonas Seminar</em></a><em> für die liberale Rabbinatsausbildung. Daneben gibt es das </em><a href="https://www.levinson-stiftung.de/wp-content/uploads/2025/09/Heschel-Seminar_flyer.pdf"><em>Abraham J. Heschel Seminar</em></a><em> für konservative (Masorti) Rabbinatsausbildung. Beide Seminare befinden sich in Potsdam. Sie können sich aber auch in den USA an entsprechenden Ausbildungsstätten ausbilden lassen, auch in Israel. Es gibt zusätzlich noch das </em><a href="https://rrc.edu/"><em>Reconstructionist Rabbinical College</em></a><em> in Pennsylvania und die Bewegung </em><a href="https://aleph.org/"><em>Jewish Renewal</em></a><em>, die ebenfalls ein Rabbinerseminar betreibt.</em></p>
<p><em>Sie müssen eine gewisse religiöse Motivation mitbringen, sich im Judentum auskennen und auch darin bewegen wollen. Und dann ist es eine Frage des Studiums. Das Schwierigste liegt im Vorfeld der Entscheidung, Rabbinerin zu werden. Zurzeit sind in der säkular-jüdischen Welt die Zeichen nicht gerade auf Religion gesetzt. Auch für mich war der schwierigste Teil meiner Entscheidung die Frage, ob ich religiös genug bin, ob ich mich in der Gesellschaft auch so outen kann. Es ist schon ein Statement an sich, in der Öffentlichkeit zu sagen, man sei Rabbinerin. Stärker vielleicht noch als zu sagen, man sei Pfarrerin. Aber auch eine Pfarrerin muss natürlich die Bibel nach außen vertreten, Begriffe wie Gott, Glaube ernstnehmend aussprechen und interpretieren können. Im Judentum hinzu: Wie hältst du es mit der Thora? Was bedeuten dir die jüdischen Gesetze, die Halacha? Wo stehst du und kannst du das in deinem Umfeld und in einer größeren jüdischen Welt vertreten?</em></p>
<h3><strong>Rabbinische Rechtskultur und das Grundgesetz</strong></h3>
<div id="attachment_7794" style="width: 226px" class="wp-caption alignright"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gabriel_Riesser_Schriftprobe.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7794" class="wp-image-7794 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Gottfried-Kuestner-1800-1864-Portraet-Gabriel-Riesser-ca.-1834-Wikimedia-Commons-216x300.jpg" alt="" width="216" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Gottfried-Kuestner-1800-1864-Portraet-Gabriel-Riesser-ca.-1834-Wikimedia-Commons-200x278.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Gottfried-Kuestner-1800-1864-Portraet-Gabriel-Riesser-ca.-1834-Wikimedia-Commons-216x300.jpg 216w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Gottfried-Kuestner-1800-1864-Portraet-Gabriel-Riesser-ca.-1834-Wikimedia-Commons-400x556.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Gottfried-Kuestner-1800-1864-Portraet-Gabriel-Riesser-ca.-1834-Wikimedia-Commons-600x834.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Gottfried-Kuestner-1800-1864-Portraet-Gabriel-Riesser-ca.-1834-Wikimedia-Commons-737x1024.jpg 737w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Gottfried-Kuestner-1800-1864-Portraet-Gabriel-Riesser-ca.-1834-Wikimedia-Commons-768x1067.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Gottfried-Kuestner-1800-1864-Portraet-Gabriel-Riesser-ca.-1834-Wikimedia-Commons-800x1112.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Gottfried-Kuestner-1800-1864-Portraet-Gabriel-Riesser-ca.-1834-Wikimedia-Commons.jpg 960w" sizes="(max-width: 216px) 100vw, 216px" /></a><p id="caption-attachment-7794" class="wp-caption-text">Gottfried Küstner (1800-1864): <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gabriel_Riesser_Schriftprobe.jpg">Porträt Gabriel Riesser</a>, etwa 1834. Wikimedia Commons.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zum Judentum gehört die Interpretation der Texte, Thora, Tanach, Talmud, Mischna, Gemara. Und wo Menschen Texte interpretieren, gibt es Auseinandersetzungen, Streit über die richtige oder zumindest über die zulässige Interpretation und Lesart. Woran macht man jetzt fest, dass man religiös oder gläubig genug ist?</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Was die Textinterpretation betrifft, darf natürlich jede oder jeder denken, was er oder sie will. Aber wenn es um die Regeln in der Religion geht, sehe ich, dass auch im Judentum Dogmatismus angesagt ist, wie die Religion auszusehen hat. Entsprechend dogmatische Fragen werden mir in meinem jüdischen Umfeld gestellt, ob ich den Schabbat halte, ob ich koscher esse. Ich werde zum Beispiel beobachtet, wenn ich im Restaurant sitze, was ich bestelle. Es ist die große Frage, ob die jüdische Religion von festgelegten Regeln oder von der eher freien Interpretation der Thora her zu sehen ist, von diesem Freiraum, den man darin haben kann. </em></p>
<p><em>Das Geniale der Rabbinen vor etwa 2.000 Jahren war, dass sie den Tempelkult zurückdrängten und stattdessen die Thora in den Mittelpunkt stellten. Nicht der Altar und der Kult, sondern das Buch. Alle können es lesen, es auslegen. Und so ist auch der Stil der rabbinischen Literatur: Wenn Sie einen Midrasch oder im Talmud lesen, präsentieren sich Ihnen diese Listen: Rabbi X sagt so, Rabbi Y sagt anders, die Rabbanan haben wiederum noch auch noch eine andere Meinung. Sie nehmen als Leser unwillkürlich an einer großen Diskussion teil. Das ist auch heute mit der Thora automatisch gegeben. Sie fangen an selber auszulegen, weil der Text so viele Mysterien, Widersprüche, versteckte Hinweise enthält. Auch ist die hebräische Sprache mehrschichtig und bietet viel Anreiz für Wortinterpretationen. </em></p>
<p><em>Das alles führt automatisch dazu, dass die geniale Handlung der Rabbinen vor 2.000 Jahren, den Text in den Mittelpunkt zu stellen, das jüdische Volk vereinigt. Denn alle sind in dem Text zu Hause, alle haben eine Position, eine eigene Meinung. Das ist das Schöne. Man muss sich nicht dem Dogma unterwerfen. Es gibt eben zwei Stränge, einerseits die Halacha, die Gesetze, andererseits die Aggada, die Erzählungen, die Midraschim, Deutungen und Auslegungen. </em></p>
<p><em>In der Gegenwart muss man sich allerdings überlegen, welche Bedeutung Religion heute und dabei auch die Gesetzeskultur des rabbinischen Judentums haben kann? Es ist eben nicht die Frage, ob ich koscher esse oder den Schabbat strenger oder weniger streng halte. Es geht um eine Rechtskultur, in der die Vorstellung herrscht, dass das Recht von Gott kommt. Wenn wir in unserer Gesellschaft Gesetze machen, wie spielt die jüdische Rechtskultur hinein? Ist unsere Vorstellung von einer Verfassung heilig? Sind wir da irgendwie wieder am Berg Sinai? Das deutsche Grundgesetz wurde nach der Shoah verabschiedet, nach der schlimmsten Schändung der Menschenwürde, die es je gegeben hat. Und dann besagt </em><a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/BJNR000010949.html"><em>Artikel 1 Absatz 1</em></a><em>: „Die Menschenwürde ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Drückt sich darin der Gedanke der Thora, der Bundestheologie als politische Verwirklichung der Beziehung zwischen den im Ebenbild Gottes geschaffen Menschen und Gott aus? Haben wir mit der jüdischen Rechtstradition auf der Grundlage der Thora ein Potenzial, das für das Verständnis und die Stärkung der Demokratie wichtig ist? Als junge Frau habe ich Politologie studiert. Und das, was ich gerade anspreche, das fehlte mir im Politologiestudium völlig. Welchen gesellschaftlichen Anteil hat das Judentum?</em></p>
<h3><strong>Judentum und freiheitlich-demokratischer Rechtsstaat </strong></h3>
<div id="attachment_7789" style="width: 207px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-dina-de-malchuta-dina-oder-gott-braucht-den-saekularen-rechtsstaat.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7789" class="wp-image-7789 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Machloket-Gott-braucht-den-saekularen-Rechtsstaat-Hentrich-Hentrich-197x300.jpg" alt="" width="197" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Machloket-Gott-braucht-den-saekularen-Rechtsstaat-Hentrich-Hentrich-197x300.jpg 197w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Machloket-Gott-braucht-den-saekularen-Rechtsstaat-Hentrich-Hentrich-200x305.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Machloket-Gott-braucht-den-saekularen-Rechtsstaat-Hentrich-Hentrich.jpg 394w" sizes="(max-width: 197px) 100vw, 197px" /></a><p id="caption-attachment-7789" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Frage ist zentral, wie weit Religion mit dem freiheitlichen demokratischen Rechtsstaat kompatibel ist, wie ihn das Grundgesetz in einer vorzüglichen Form beschreibt. Hat das Judentum gegenüber anderen Religionen hier ein Alleinstellungsmerkmal?</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>:<em> Ich glaube schon, dass sich die anderen Religionen das Judentum genauer anschauen sollten. Auch Juden selbst sollten die Gesetze nicht nur als Halacha für das orthodoxe Judentum sehen, sondern sich einmal die gesamte Rechtskultur genauer ansehen, die Debatten, die Prinzipien und was man von den rabbinischen Rechtsdiskursen im Talmud lernen kann. Eventuell könnte das Christentum auch über das Judentum verstärkt zu einer politischen und rechtlichen Herleitung des freiheitlich-demokratischen Rechtsstaats gelangen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bei evangelikalen Christen oder auch bei konservativen Katholiken, zu denen beispielsweise der US-amerikanische Vizepräsident und der US-Außenminister gehören, geht das meines Erachtens in die andere Richtung.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Sollte man denen das Feld überlassen? Das frage ich auch die liberalen und säkularen Christen. Sollte man nicht Kurse über jüdisches Recht durchführen statt die Halacha nur als eine Angelegenheit des orthodoxen Judentums abzutun? Was war eigentlich zur Zeit von Jesus die Halacha, was war damals jüdisches Recht? Oder Paulus? Was meint er, wenn über den Sinn des Gesetzes schreibt, dass das Gesetz nicht aufgehoben sei, dass Juden weiterhin das Gesetz einhalten sollen? Was bedeutet das für Christen? Dass man sich nicht weiter für die jüdische Rechtstradition zu interessieren braucht?</em></p>
<p><em>Ich sehe zurzeit bei den Studierenden der Theologie, dass sie nichts darüber lernen. Und die Evangelikalen verengen dies mit ihren fundamentalistischen Vorstellungen. Denen sollte man das Feld nicht überlassen. Ebenso auch nicht den radikalen Kräften im Judentum. Das gilt auch sehr für den Islam. Ich habe muslimische Kollegen, die den Dialog mit dem Judentum suchen, aber erst einmal gegen die Vorstellung von der Scharia als Gesetz ankämpfen und betonen müssen, dass der radikale Islam ein falsches Verständnis vermittelt, gelernt, dass es im Islam eigentlich nur Rechtsschulen geben dürfte, die lediglich die Gesetze interpretieren, aber nicht als Scharia das Recht eines Staates bestimmen. Ich hoffe sehr, dass ihre Stimme Raum bekommt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mit <a href="https://www.uni-muenster.de/ZIT/Personen/Professoren/personen_khorchide_mouhanad.shtml">Mouhanad Khorchide</a> könnten Sie sich hier sofort gut verständigen.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Mit ihm würde ich mich sicherlich gut verstehen. Ich arbeite gerade an der Universität Paderborn mit </em><a href="https://www.uni-paderborn.de/person/41661"><em>Idris Nassery</em></a><em> an einem Buch über jüdische und islamische Rechtsdiskurse. Es geht uns nicht darum, ob das Hühnchen koscher oder halal ist. Es geht uns darum, ob wir von unseren Rechtstraditionen her in Deutschland einen ernstzunehmenden Beitrag zur Rechtsstaatlichkeit und demokratischen Gesellschaft leisten können, ohne zu verengen, ohne fundamentalistisch zu werden. </em></p>
<div id="attachment_7793" style="width: 203px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-juedische-wirtschafts-und-sozialethik-im-zeichen-der-globalisierung.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7793" class="wp-image-7793 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Machloket-Juedische-Wirtschafts-und-Sozialethik-Hentrich-Hentrich-193x300.jpg" alt="" width="193" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Machloket-Juedische-Wirtschafts-und-Sozialethik-Hentrich-Hentrich-193x300.jpg 193w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Machloket-Juedische-Wirtschafts-und-Sozialethik-Hentrich-Hentrich-200x311.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Machloket-Juedische-Wirtschafts-und-Sozialethik-Hentrich-Hentrich.jpg 370w" sizes="(max-width: 193px) 100vw, 193px" /></a><p id="caption-attachment-7793" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Damit sind wir mitten drin in den Anliegen der Buchreihe „Machloket“. Der jüngste Band trägt den Titel „175 Jahre Paulskirche – Jüdischer Anteil an der deutschen Demokratie“, ein früherer Band den Titel „Dina de-Malchuta Dina – oder Gott braucht den säkularen Rechtsstaat“. Es gibt einen Band, der sich mit „Jüdischer Wirtschafts- und Sozialethik im Zeichen der Globalisierung“ befasst, einen weiteren mit dem anspruchsvollen Titel „Judentum – Islam – Ein neues Dialogszenario“.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Die Titel, die Sie nannten, drücken genau das aus, was mich motiviert. Ich gebe diese Bände heraus, um für mich selbst die Kategorien zu erschließen. Ich sehe das als offene Diskussion. Wenn man gesellschaftliche und gesellschaftspolitische Fragen aus der jüdischen Tradition bedenkt, stellt sich die Frage nach den Themen und nach den Grundlagen. Auch die deutschen Verfassungen, die Paulskirchenverfassung, die Weimarer Verfassung, das Grundgesetz wurden maßgeblich von Juden mitverfasst oder von Schülern jüdischer Rechtslehrer. </em></p>
<p><em>Wir sehen die deutsche Geschichte leider viel zu oft als eine Abfolge des Scheiterns. Wir sehen nicht die Kontinuität von 1848 über 1919 nach 1949. Wie viel trug beispielsweise ein Gabriel Riesser zu unserem Verfassungsverständnis von heute bei? </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Über Gabriel Riesser schrieb Abraham de Wolf im Band zur Paulskirchenverfassung. Es geht unter anderem um Artikel 146 der Paulskirchenverfassung: <em>„Durch das religiöse Bekenntniß wird der Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte weder bedingt noch beschränkt. Den staatsbürgerlichen Pflichten darf dasselbe keinen Abbruch tun.“</em> Abraham de Wolf berichtet, dass Gabriel Riesser als Jude 1828 bis 1840 nicht als Jurist arbeiten durfte, dann aber in der Nationalversammlung zu einem der wichtigsten Väter dieses Artikel 146 für die Religionsfreiheit wurde. Der Artikel steht heute fast wortgleich im Grundgesetz.</p>
<div id="attachment_7795" style="width: 216px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Menasseh-ben-Israel-1655-Wikimedia-Commons.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7795" class="wp-image-7795 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Menasseh-ben-Israel-1655-Wikimedia-Commons-206x300.jpg" alt="" width="206" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Menasseh-ben-Israel-1655-Wikimedia-Commons-200x291.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Menasseh-ben-Israel-1655-Wikimedia-Commons-206x300.jpg 206w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Menasseh-ben-Israel-1655-Wikimedia-Commons.jpg 383w" sizes="(max-width: 206px) 100vw, 206px" /></a><p id="caption-attachment-7795" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Menasseh_ben_israel_1655.jpg">Menasseh ben Israel</a> 1655. Wikimedia Commons.</p></div>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Ich lese gerade einen anderen Text von </em><a href="https://de.chabad.org/library/article_cdo/aid/6488844/jewish/Menasche-ben-Israel.htm"><em>Menasse Ben Israel</em></a><em> (1604-1657). Er lebte im 17. Jahrhundert in Amsterdam. Er steht in einem Zusammenhang mit den Hebraisten und mit Oliver Cromwell in England. Menasse Ben Israel hatte über Cromwell erreicht, dass sich Juden nach ihrer Vertreibung im 13. Jahrhundert wieder in England ansiedeln durften. In seinem Schreiben an Cromwell führte Menasse Ben Israel aus, welche Vorteile dies für England brächte, denn Juden sähen sich laut ihrer Tradition als „Or la-gojim“ (Licht für die Völker) und seien damit für das Wohlergehen aller Völker mit verantwortlich. Beim Laubhüttenfest (Sukkot) beispielsweise wird für alle Völker gebetet. Derjenige, der Menasse Ben Israels Sendschreiben später ins Deutsche übersetzte, war übrigens kein Geringerer als Moses Mendelssohn. </em><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/content/titleinfo/2063884"><em>Seine Übersetzung wurde mehrfach neu herausgegeben</em></a><em>. In einer Einleitung aus dem Jahr 1919 lese ich, dass Menasse Ben Israel „der Gabriel Riesser des 17. Jahrhunderts“ gewesen sei. So wichtig war Gabriel Riesser für die Idee, dass Juden überall ihr Rechtsdenken mit- und einbringen sollen. Er ist in seiner Bedeutung für das Grundgesetz noch lange nicht angemessen erkannt. Ähnliches gilt für </em><a href="https://www.hugo-sinzheimer-institut.de/index.htm"><em>Hugo Sinzheimer</em></a>,<em> der wichtige Teile der Weimarer Verfassung mit formulierte, die später </em><a href="https://www.fes.de/asd/vordenker-innen/carlo-schmid"><em>Carlo Schmid</em></a><em>, ein Schüler von Sinzheimer, für das Grundgesetz wieder geltend machte.</em></p>
<p><em>Gerade, da die Demokratie wieder bedroht ist und wir es wieder mit Antisemitismus zu tun haben, finde ich, dass es nicht reicht zu sagen, Antisemiten seien Leute, die Juden hassen. Es geht auch darum, dass es Leute sind, die auch Probleme mit der Demokratie haben! Darin liegt die Herausforderung: den Zusammenhang zwischen Judentum und Demokratie zu erschließen. Das ist zumindest die Herausforderung, vor die ich mich gestellt sehe. Es ist natürlich keine Gleichung im Verhältnis eins zu eins: Judentum = Demokratie. Denn auch in Israel haben wir das Problem, dass mit Netanjahu und seinen Koalitionspartnern der Rechtsstaat und die Demokratie unter Beschuss gekommen sind. Auch dort darf man das Judentum nicht den antidemokratischen Kräften überlassen. Auch dort muss der Zusammenhang zwischen Judentum und Demokratie und gerade auch als religiös motivierter Zusammenhang gestärkt werden.</em></p>
<h3><strong>Unverständnisse im <em>„interreligiösen Dialog“</em></strong></h3>
<div id="attachment_7790" style="width: 206px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-judentum-islam-ein-neues-dialogszenario.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7790" class="wp-image-7790 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Machloket-Judentum-Islam-Hentrich-Hentrich-196x300.jpg" alt="" width="196" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Machloket-Judentum-Islam-Hentrich-Hentrich-196x300.jpg 196w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Machloket-Judentum-Islam-Hentrich-Hentrich-200x306.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Machloket-Judentum-Islam-Hentrich-Hentrich.jpg 392w" sizes="(max-width: 196px) 100vw, 196px" /></a><p id="caption-attachment-7790" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Ihrem Band zu einem neuen Dialogszenario zwischen Judentum und Islam schreibt <a href="https://faculty-directory.dartmouth.edu/susannah-heschel">Susannah Heschel</a>, Professorin am Dartmouth College: <em>„Zu oft findet der interreligiöse Dialog zwischen Liberalen verschiedener Glaubenskongregationen statt, aber nicht zwischen Liberalen und Konservativen desselben Glaubens.“</em> Ich bin mir selbst auch nicht sicher, ob ein solcher Dialog zwischen Liberalen und Ultraorthodoxen – wenn ich die überhaupt so nennen darf – überhaupt noch möglich ist.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>:<em> Man muss da genau unterscheiden. In Israel sehen wir ganz verschiedene Gruppierungen von orthodoxen Juden. Es gibt die Haredim, das sind die ultraorthodoxen Juden. Hared heißt zittern. Das sind also die, die so viel Ehrfurcht haben, dass sie vor Gott erzittern. Sie leben an Orten wie Me‘a Sche‘arim oder Bnei Berak. Dann gibt es die Nationalreligiösen beziehungsweise die Nationalzionisten, die eine andere unter den orthodox-jüdischen Bevölkerungsgruppen sind.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das sind die Leute um Itamar Ben Gvir und Bezalel Smotrich?</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Nicht nur, auch da muss man differenzieren. Unter Konservativen beziehungsweise modern Orthodoxen gibt es noch weitere Stimmen, auch überzeugte Demokraten. Es gibt eine signifikante Zahl orthodoxer Rabbiner, die in Deutschland leben, aber israelischer Herkunft sind, die nicht wollen, dass die Verfassungsrechte abgeschafft werden oder dass Frauen in Bussen nach hinten verwiesen werden. Man muss sehr genau hinsehen, mit wem man es zu tun hat.</em></p>
<div id="attachment_7796" style="width: 269px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Samson_Raphael_Hirsch._E._Singer_(Xylographische_Anstalt)_(FL12173338).crop.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7796" class="wp-image-7796 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Samson-Raphael-Hirsch-E.-Singer-Xylographische-Anstalt-FL12173338-vor-1889-Wikimedia-Commons-259x300.jpg" alt="" width="259" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Samson-Raphael-Hirsch-E.-Singer-Xylographische-Anstalt-FL12173338-vor-1889-Wikimedia-Commons-200x232.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Samson-Raphael-Hirsch-E.-Singer-Xylographische-Anstalt-FL12173338-vor-1889-Wikimedia-Commons-259x300.jpg 259w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Samson-Raphael-Hirsch-E.-Singer-Xylographische-Anstalt-FL12173338-vor-1889-Wikimedia-Commons-400x464.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Samson-Raphael-Hirsch-E.-Singer-Xylographische-Anstalt-FL12173338-vor-1889-Wikimedia-Commons-600x696.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Samson-Raphael-Hirsch-E.-Singer-Xylographische-Anstalt-FL12173338-vor-1889-Wikimedia-Commons-768x891.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Samson-Raphael-Hirsch-E.-Singer-Xylographische-Anstalt-FL12173338-vor-1889-Wikimedia-Commons-800x928.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Samson-Raphael-Hirsch-E.-Singer-Xylographische-Anstalt-FL12173338-vor-1889-Wikimedia-Commons-883x1024.jpg 883w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Samson-Raphael-Hirsch-E.-Singer-Xylographische-Anstalt-FL12173338-vor-1889-Wikimedia-Commons-1200x1392.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Samson-Raphael-Hirsch-E.-Singer-Xylographische-Anstalt-FL12173338-vor-1889-Wikimedia-Commons.jpg 1280w" sizes="(max-width: 259px) 100vw, 259px" /></a><p id="caption-attachment-7796" class="wp-caption-text">Samson Raphael Hirsch. E. Singer (Xylographische Anstalt), vor 1899. Wikimedia Commons.</p></div>
<p><em>Der Begriff der Orthodoxie ist ein schwieriger Begriff. Ihn hat im 19. Jahrhundert </em><a href="https://www.hagalil.com/judentum/samson-hirsch/hirsch.htm"><em>Samson Raphael Hirsch</em></a><em> als Reaktion auf das Reformjudentum geprägt. Orthodox bedeutet eigentlich: Es gibt nur die eine Lehre, nur die eine Thora. Hirsch war ein deutscher, modern orthodoxer Rabbiner, der sich eine Verbindung zwischen Thora-Studium und säkularer Bildung vorstellte. Wenn man seine Bücher liest, wird man gern zu vielem Ja sagen, auch als liberale Rabbinerin. Solche modern Orthodoxen gibt es auch in Israel. Aber es gibt auch andere, die ihr Judentum vor allem ethnisch und dabei territorial definieren, wonach Gott das Land Israel allein dem jüdischen Volk gegeben habe. Es macht jedenfalls keinen Sinn, die Konflikte um die Demokratie in Israel als einen Konflikt zwischen Liberalen und Orthodoxen darzustellen. Das Wort „orthodox“ sagt zu wenig aus. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Worin besteht der Kernunterschied zwischen „orthodox“ und „liberal“?</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Ein orthodoxer Jude glaubt, dass die Thora am einem bestimmten Tag X vollständig am Berg Sinai Gott den Israeliten gegeben hat, in der jetzt bestehenden Version und nicht anders. Liberale Juden sagen dem gegenüber: Die Thora ist in Jahrhunderten entstanden, es gab verschiedene Autorengruppen, sie wurde korrigiert, überarbeitet, verändert. Deswegen dürfen wir heute auch die Thora als fortlaufenden Prozess weiterschreiben. Das ist der Kernunterschied.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine ähnliche Debatte gibt es im Islam, aber auch im Christentum.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Für mich ist interessant zu sehen, dass ganze Teile des Koran nicht nur aus der Thora, sondern auch aus den Midraschim und dem Talmud übernommen worden sind, aber verändert wurden. Das könnte für Muslime und auch für Juden interessant sein. Doch wie geht man damit um, wenn ein Text im Koran in eine andere Stoßrichtung umgeschrieben ist als von den Rabbinen tradiert wurde? Es kann nicht darum gehen, dass eine Seite recht hat und die andere unrecht. Beide Seiten können daran ermessen lernen, wie sie von der anderen Seite gesehen wurden. Ich habe beispielsweise die Sure 2 des Koran zusammen mit einem muslimischen Kollegen intensiv mit Vergleichsstellen in der Tora und dem Talmud gelesen. Es ist die längste Sure im Koran und zugleich eine Auseinandersetzung mit dem Judentum. Als Jude kann man vieles darin nicht akzeptieren, weil aus der jüdischen Sicht Missverständnisse kolportiert und Errungenschaften des rabbinischen Judentums negativ bewertet werden. </em></p>
<p><em>Es ist im Grunde dasselbe im Christentum. Beispielsweise wird den Pharisäern eine bestimmte Einstellung unterstellt, aber kaum ein Christ weiß eigentlich genau, wer die Pharisäer waren. Studierende der Theologie staunen dann in meinen Seminaren, wenn sie erfahren, dass es über mindestens drei Jahrhunderte pharisäisches Denken gab, viele Generationen und Positionen, sodass sich dies gar nicht in einem bestimmten Ausdruck eines angeblich engstirnigen Gesetzesdenkens zusammenfassen lässt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Christliche Kinder lernten mit dieser Version der <em>„Pharisäer“ </em>gleich mehrere Traditionen des Antijudaismus mit.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Wenn man das so stehen lässt, kann man gar nicht anders als antijüdisch werden. Der Pharisäer ist dann gleich der Rabbiner und so wird das rabbinische Judentum degradiert und denunziert. Beim Koran muss man sich das auch fragen: Was macht man mit Stellen, die aus den Midraschim entnommen sind, aber koranisch so umgedeutet worden sind, dass sie für Juden eine Degradierung darstellen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist eigentlich fast zwangsläufig. Wenn sich ein Text auf einen anderen bezieht, wird man darin entweder Legitimationen oder Abgrenzungen finden. Und Abgrenzungen haben heutzutage Konjunktur! Man kann eigentlich nicht hoch genug wertschätzen, welche Rolle <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/60-jahre-nostra-aetate/">„Nostra Aetate“</a> in der katholischen Kirche hatte, auch wenn manche das heute nicht mehr kennen. Ich weiß nicht, ob es etwas Vergleichbares im Islam gab. Aber wir erleben zurzeit immer wieder radikale Versionen in den drei monotheistischen Religionen. Dem stehen auch starke liberale Fraktionen gegenüber. Wie bekommt man das zusammen?</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Ich weiß nicht, ob man das zusammenkriegt. Ich sehe auch im Judentum und im Umfeld, das sich für das Judentum interessiert, einen Mangel an Wissen um Quellen und wie man anders über die darin enthaltenen Themen sprechen könnte, ohne Radikalisierung oder Abwendung. Die Radikalisierung bedaure ich auch. Ich bedauere jedoch noch mehr, wenn ich mit der Thora argumentiere und dann von der säkularen Gesellschaft, was oft geschieht, in die religiöse Ecke zu den Radikalen geschoben werde. Es ist diese Unfähigkeit, dieser Unwille, sich auf die hebräische Bibel als einen der ganz großen formativen Texte einzulassen und zu sehen, wie gesellschaftsbildend dieser Text gewesen ist. Eine der Grundlagen unserer Rechtsstaatlichkeit und Demokratie.</em></p>
<p><em>Ich habe nicht den Eindruck, dass man im Politologie-Studium die Thora liest. Wer politische Philosophie liest, liest sicherlich Aristoteles, aber ob man die Passagen am Berg Sinai auf ihren politischen Gehalt hin liest und darüber nachdenkt, wie dies bei Thomas Hobbes, John Locke und anderen aufgegriffen wurde, bezweifele ich. Es gibt ein großes Vakuum und ich versuche, mit der Reihe „Machloket“ meinen Beitrag zu leisten. </em></p>
<p><em>Die Radikalen in den Religionen haben es auch deshalb so leicht, weil die Säkularen sich nicht auskennen und zu leicht machen und eben wegen der Radikalen sagen, dass Religion sie nicht interessieren müsste, weil sie keine Auswege aus den mit verursachten Problemen biete. Das sage ich natürlich vor allem im Hinblick auf das Judentum.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auf Christentum und Islam passt Ihre Aussage genau so. Viele denken, dass sie wegen der Radikalen Religion grundsätzlich ignorieren könnten oder am besten gleich abschaffen. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/traditionen-eines-liberalen-islam/">Katajun Amirpur</a> hat ein Buch geschrieben mit dem Titel „Iran ohne Islam – Der Aufstand gegen den Gottesstaat“ (München, C.H. Beck, 2023). Sie beschreibt unter anderem, wie es die radikale iranische Führung geschafft hat, Religion aus dem Vorstellungsvermögen großer Teile der Bevölkerung zu verdrängen.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Es wird alles in dieselbe Schüssel geworfen, als wenn alle religiösen Menschen dasselbe wollten. Das stimmt so nicht! Auch ist das Judentum anders konzipiert als Christentum und Islam.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Schon alleine dadurch, dass es keinen Missionsauftrag gibt. Die in der Politik immer gerne wiederholte Formel vom <em>„christlich-jüdischen Erbe des Abendlandes“ </em>hat leider vor allem den Zweck einer Abgrenzung vom Islam<em>. </em></p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Ich wage eine These, die auch Thema eines der nächsten Machloket-Bände sein wird: Es gibt tatsächlich keine bewusste jüdisch-christliche Tradition. Die wurde erst im Nachhinein aus politischem Kalkül konstruiert. Ich sprach eben Thomas Hobbes und John Locke an. Trotzdem sehe ich in ihnen Männern wie Thomas Hobbes und John Locke, ich sprach sie eben an, Begründer einer jüdisch-christlichen Tradition, indem sie nämlich den Bundesschluss am Sinai als Blaupause des Gesellschaftsvertrags verstanden. Das „jüdisch-christliche Erbe“ wird oft als Kampfparole gegen den Islam angeführt und vergisst, dass Juden in der Geschichte immer zweitklassig waren. Trotzdem denke ich, dass der Begriff ein Potential enthält und in den Kontext der Diskussion um den demokratischen Rechtsstaat gehört. Es geht darum, den Erhalt der Demokratie, der freiheitlichen Gesellschaft zu fundieren. Das ist Thema im Judentum, auch im Christentum und im Islam, aber jeweils anders formiert. </em></p>
<div id="attachment_7792" style="width: 205px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-juedische-positionen-zur-sterbehilfe.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7792" class="wp-image-7792 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Juedische-Positionen-zur-Sterbehilfe-Hentrich-Hentrich-195x300.jpg" alt="" width="195" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Juedische-Positionen-zur-Sterbehilfe-Hentrich-Hentrich-195x300.jpg 195w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Juedische-Positionen-zur-Sterbehilfe-Hentrich-Hentrich-200x308.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Juedische-Positionen-zur-Sterbehilfe-Hentrich-Hentrich.jpg 389w" sizes="(max-width: 195px) 100vw, 195px" /></a><p id="caption-attachment-7792" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das gilt auch für die Themen der zweiten Reihe, die Sie bei Hentrich &amp; Hentrich veröffentlichen: „Injamin – Kernfragen“. Bisher sind zwei Bände erschienen. Der erste Band beschäftigt sich mit dem Thema <a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-juedische-positionen-zur-sterbehilfe.html">„Sterbehilfe“</a>, der zweite mit dem Thema <a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-juedische-positionen-zur-nachhaltigkeit.html">„Nachhaltigkeit“</a>. Ich darf vielleicht auf mein <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/auf-simches-der-tod-und-das-leben/">Gespräch mit Sara Soussan über die Ausstellung „Im Angesicht des Todes“</a> im Jüdischen Museum Frankfurt verweisen. Dort waren auch jüdische Debatten und Positionen zur Sterbehilfe ein Thema. Nachhaltigkeit ist in der aktuellen Politik weltweit in den Hintergrund gerückt und Religionen stehen nicht in der ersten Reihe, wenn es gilt, für Nachhaltigkeit zu werben.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Die Reihe „Injamin“ entstand auf einen Vorschlag von </em><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-buecherfreundin/"><em>Nora Pester</em></a><em>. Zur „Sterbehilfe“ hatten wir eine Tagung mit verschiedenen jüdischen Protagonisten. Ich fand schade, dass nachdem die Vorträge gehalten wurden alles wieder versandete. Nora Pester schlug daher vor, einen Sammelband zu veröffentlichen. Zum zweiten Band hat es etwas gedauert. Der dritte ist in Vorbereitung. Es soll in diesen Bänden zu gesellschaftlichen Themen die jeweilige innerjüdische Debatte in einer größeren Bandbreite vorgestellt werden.</em></p>
<h3><strong>Wir wollen wieder tanzen</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich denke, wir müssen den 7. Oktober ansprechen. Sie haben auch zu dem Band <a href="https://www.avant-verlag.de/comics/wie-geht-es-dir/">„Wie geht es dir? Sechzig gezeichnete Gespräche nach dem 7. Oktober 2023“</a> (avant-Verlag, 2025) beigetragen, den mehrere Comic-Künstler:innen im Stil einer Graphic Novel gestaltet haben. Sie erzählten in Ihrem Beitrag von der damals geplanten Einweihung einer neuen Thorarolle in Ihrem Minjan und mit ihr an Simchat Thora zu tanzen. Aber dann geschah das Massaker. Sie beschrieben die Diskussion in Ihrer Gemeinde, ob man jetzt noch tanzen könne – und dass Sie sich dafür entschieden haben. Ihr Beitrag endet mit dem Lied des Rabbi Nachman von Brazlaw (1772-1810) <em>„Die ganze Welt ist eine schmale Brücke, aber das Entscheidende ist, keine Angst zu haben.“</em> Sie haben es im Gottesdienst gesungen und darüber berichtet: <em>„Es wurde ein wunderschöner Gottesdienst, der mit unserem Tanz auch ein Zeichen für die Opfer setzte, die bei dem Festival in Re‘im getanzt haben.“</em> Mia Schem, eine der Geiseln, ließ sich nach ihrer Befreiung <em>„Wir werden wieder tanzen“</em> tätowieren. Was hat sich für Sie und für die Gemeinde, für die Universität verändert?</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Inhaltlich nicht viel. Aber der Schatten des Antisemitismus, der sehr groß geworden ist, belastet uns sehr und hat uns Jahrzehnte wieder zurückgeworfen. Wir hatten allerdings auch schon andere belastende Debatten. Etwa die Beschneidungsdebatte. Wir mussten feststellen, dass ein großer Teil der deutschen Gesellschaft die religiöse Symbolik der Beschneidung nicht verstehen will und in einem Ausmaß ablehnt, dessen Heftigkeit sich auch antisemitisch artikulierte. Wir hatten auch die sehr belastende Walser-Debatte um seine Rede in der Paulskirche, als er von der „Auschwitz-Keule“ sprach.</em></p>
<p><em>Auch in Israel erlebe ich dieses Zurückgeworfenwerden. Vor dem 7. Oktober war ich eine längere Zeit dort. Mir fiel auf, dass arabische junge Leute zumeist ganz normale Israelis sind. Ich hatte einen Taxifahrer in Jerusalem, bei dem ich mir nicht sicher war, ob er Jude oder Araber war und ihn fragte, wo er wohnt. Daran hätte ich erkennen können, ob er aus einem arabischen oder einem jüdischen Viertel kommt. Er wollte die Frage nicht beantworten. Die Situation ist vergleichbar, wie wenn man in Deutschland jemanden, der nach „Migrationshintergrund“ aussieht, fragt, wo er oder sie herkommt. Man ist hier geboren und wird das immer noch gefragt! Der Taxifahrer unterbrach mich und sagte, er sei Israeli. Etwas später sagte er mir, er sei arabischer Israeli, aber er sei Israeli. Ich fand das gut, ein Zeichen der Normalität, in der eben jüdische, arabische, drusische Israelis friedlich im selben Staat leben. Das Gespräch wurde sehr angenehm. Doch dann kam der 7. Oktober, der dies wieder zerstört hat.</em></p>
<p><em>Ich bin für die Zwei-Staaten-Lösung, doch die Hoffnung darauf wird einem von palästinensischer Seite sehr schwer gemacht. Ich weiß auch nicht mehr, was mit den Palästinensern im Gazastreifen oder in der Westbank möglich ist. Haben sie eine politische Tradition? Ist da genügend Substanz für eine politische Lösung? Bietet der Koran, bietet das Christentum für die arabischen Bewohner ausreichend Substanz, um eine politische Tradition zu entwickeln, die auch Frieden schließen kann und anerkennt, dass man in einem Land, das man „Palästina“ nannte, einen Teil des Landes verloren hat, aber dafür in dem anderen Teil einen eigenen und vielleicht sogar demokratischen Staat bekommt? </em></p>
<p><em>Ich bin in dieser Hinsicht stark desillusioniert. Wie viele Israelis bin ich auch als Jüdin in Deutschland traurig, dass von der arabischen Welt so wenig kommt. Ich bin auch vom arabischen Frühling enttäuscht. Was ist davon geblieben? In Ägypten, in Syrien, in Tunesien? Vor ein paar Jahren war ich in Tunesien und habe gesehen, dass es der Demokratie nicht gelungen ist, nachhaltige Strukturen zu schaffen, und dass überall die Gefahr des Islamismus wirkt. Das tut mir sehr weh. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe nach dem 7. Oktober mit vielen Menschen gesprochen – einige Interviews und Kommentare habe ich in meinem Magazin veröffentlicht. Durchweg war das Thema die Explosion des Antisemitismus, der natürlich vorher auch schon immer wieder sichtbar wurde, nach dem 7. Oktober. Eva Illouz hat dies in ihrem Buch <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/eva-illouz-der-8-oktober-t-9783518475300">„Der 8. Oktober“</a> (französische Ausgabe bei Gallimard im August 2024, deutsche Ausgabe bei Suhrkamp im August 2025) schon im Titel deutlich gemacht. Erschreckend ist, dass Kritik an Israel offenbar bei manchen in der liberalen und linken Szene, zu der ich mich eigentlich zähle, so identitätsstiftend ist, dass daneben alles andere verschwindet. Warum genießen die Palästinenser diese Aufmerksamkeit, aber was ist mit den Kurden, den Menschen im Sudan, in Myanmar, in der Ukraine? In ihrem Buch <a href="https://www.rowohlt.de/buch/sarah-levy-kein-anderes-land-9783498007782">„Kein anderes Land“</a>, das im September 2025 bei Rowohlt erschien, hat Sarah Levy die Zerrissenheit beschrieben, in der liberale Israelis vor und nach dem 7. Oktober leben. Dazu gehört, dass man in Israel seine arabischen Nachbarn jetzt anders ansieht als vor dem 7. Oktober. Ich habe mich bemüht, diese Zerrissenheit in meinem Essay <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/738-tage/">„738 Tage“</a> aufzunehmen, den ich nach der Freilassung der letzten 20 lebenden Geiseln geschrieben habe. Zerstört wurde auch viel Vertrauen, weil man inzwischen in Deutschland wie auch anderswo Jüdinnen und Juden – und auch viele, die gar keine Juden sind – immer nur danach bewertet, wie sie sich zu Israel, zu Gaza positionieren. Das ist schon fast ein gesellschaftlicher Zwang geworden.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Vielleicht darf man die Frage des Vertrauens nicht so hoch hängen. Ob es Vertrauen gibt oder Misstrauen – das sind Emotionen. Es geht darum, ob man bereit ist, sich an bestimmte Regeln zu halten. In Bezug auf den Trump-Plan werden wir das noch sehen. Innerhalb Europas hat Deutschland es akzeptiert, dass es die Ostgebiete verloren hat. Da erhebt kein ernst zu nehmender Politiker, keine Politikerin mehr Gedanken an eine Rückeroberung. Oder auch Polen, das durch den Hitler-Stalin-Pakt viel von seinem Land in Osten an die Sowjetunion verlor und heute auch keine entsprechenden Rückforderungen gegenüber Belarus und der Ukraine erhebt. Oder Vilnius, das einstige Wilna? Das ist heute Litauen, nicht mehr Polen. Wenn die Regeln eingehalten werden, können wir dort überall hinreisen, die Geschichte und Kultur auf uns wirken lassen, Positionen einnehmen und Bücher darüber schreiben. </em></p>
<p><em>Ich traue es auch der israelischen Bevölkerung zu, dass sie diese Fähigkeit hat. Es gab den Rückzug aus dem Sinai-Gebiet, aus dem Gazastreifen. Israel ist ein Staat, der sich an Regeln halten kann. Aber ich weiß nicht, ob eine solche Bereitschaft bei den arabischen Staaten zu finden ist, dass sie der palästinensischen Bevölkerung sagen: Bescheidet euch lieber mit einem kleinen Staat, in dem Ihr endlich souverän seid und zu euch selbst kommt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eines der Ziele der Hamas war es, eine weitere Annäherung Israels zu den arabischen Staaten nach dem Muster der Abraham-Abkommen zu verhindern. Die Führungen in den arabischen Staaten sind reichlich schwierige Gestalten, aber ich sehe die Bereitschaft, die Hamas und andere dschihadistische Gruppen zu isolieren und möglicherweise auch zu entwaffnen, um sich deren Probleme und Ziele nicht ins eigene Land zu holen. Die Frage ist natürlich, ob sie mit ihren eigenen Bevölkerungen klarkommen. Da brodelt es durchaus gewaltig. Es ist hochkomplex.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>:<em> Ich sehe es noch nicht, aber ich will die Hoffnung nicht aufgeben. Auf arte gab es eine Dokumentation über all die Friedensverhandlungen nach Oslo. Ehud Barak, Ehud Olmert, sogar Netanjahu hatten entsprechende Pläne vorgelegt. Ehud Olmert hatte den Plan vorgelegt, dass 94 Prozent der besetzten Gebiete an die Palästinenser gehen, den Rest gleiche man mit Gebietstausch aus, Jerusalem werde internationalisiert. Abbas lehnte ab. Arafat lehnte alle Vorschläge Baraks ab, wenn nicht gesichert wäre, dass alle palästinensischen Flüchtlinge aus dem Jahr 1948 mit all ihren Familien wieder nach Israel zurückkehren könnten. Selbst Netanjahu hat einmal einen achtmonatigen Siedlungsstopp verlängert, um die weiteren Verhandlungen nicht zu gefährden. Mich hat geärgert, dass die Moderatorin der arte-Dokumentation dann sagte: „Nach Jahrzehnten ergebnisloser Verhandlungen“. Sie hätte sagen müssen: „Nach Jahrzehnten ergebnisloser Verhandlungsangebote“.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die palästinensische Seite beharrte auf Maximalforderungen und lehnte alles ab. Ähnlich wie Putin nach wie vor auf seinen Maximalforderungen beharrt. Das nur am Rande.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Ich frage mich schon, ob dies mit einer fehlenden politischen Kultur in der arabischen Welt zusammenhängt, und ob in den Islamstudien in Deutschland noch viel stärker gezeigt werden könnte, dass man aus religiöser Sicht nicht über andere siegen muss und die eigene Religion nicht die dominante zu sein braucht. Aber das ist auch die heutige Herausforderung für die anderen religiösen Traditionen. Wir sind – ob als Juden, Christen oder Muslime &#8211; in einer pluralistischen Welt sowieso nur eine Religion unter mehreren. </em></p>
<div id="attachment_7798" style="width: 227px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-liebesbriefe-an-regina-jonas.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7798" class="wp-image-7798 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Joseph-Norden-Elisa-Klapheck-Liebesbriefe-an-Regina-Jonas-Hentrich-Hentrich-217x300.jpg" alt="" width="217" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Joseph-Norden-Elisa-Klapheck-Liebesbriefe-an-Regina-Jonas-Hentrich-Hentrich-200x277.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Joseph-Norden-Elisa-Klapheck-Liebesbriefe-an-Regina-Jonas-Hentrich-Hentrich-217x300.jpg 217w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Joseph-Norden-Elisa-Klapheck-Liebesbriefe-an-Regina-Jonas-Hentrich-Hentrich-400x554.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Joseph-Norden-Elisa-Klapheck-Liebesbriefe-an-Regina-Jonas-Hentrich-Hentrich.jpg 433w" sizes="(max-width: 217px) 100vw, 217px" /></a><p id="caption-attachment-7798" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es geht letztlich um die Frage einer pluralistischen Lektüre der heiligen Schriften, in allen drei Religionen. Meines Erachtens gehört das auch in die Schulen. Ich kann nur empfehlen, Ihre Bücher zu lesen, weiterzuempfehlen und das eigene Leben vielleicht an manchem der dort vorgetragenen Argumente zu orientieren oder zumindest zu reflektieren. Machloket und Injamin sind Programm, Regina Jonas ein Vorbild. Vielleicht lässt dies auch den 7. Oktober in einem anderen Licht erscheinen? Der Tanz, den Sie in Ihrem Beitrag zu „Wie geht es dir?“ beschreiben, ist doch vielleicht ein Hoffnungszeichen.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Der 7. Oktober darf nicht nur als ein jüdischer Tag gesehen werden. Es kann nicht allein die Aufgabe der Juden sein, Antisemitismus auf sich zu beziehen. Die meisten Antisemiten kennen gar keine Juden. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Sache. Es geht um die Demokratie.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Januar 2026, in der Einleitung aktualisiert im April 2026, Internetzugriffe zuletzt am 7. April 2026, Titelbild: Synagoge in Görlitz, Foto: Hans Peter Schaefer.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Die Macht der Aufmerksamkeit</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-macht-der-aufmerksamkeit/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 10 Jan 2026 05:05:08 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die Macht der Aufmerksamkeit Marina Weisband über die Hoffnung auf Visionen in der Politik „Verschwörungsmythen funktionieren ja nicht deshalb so gut, weil die Menschen sie aufgrund fehlender Fakten glauben. Sie funktionieren, weil ihre Anhänger:innen sie glauben wollen. Weil sie ein emotionales Bedürfnis danach haben zu glauben, dass – wenn sie selbst schon keine Kontrolle  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-6 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-5 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-6" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Die Macht der Aufmerksamkeit</strong></h1>
<h2><strong>Marina Weisband über die Hoffnung auf Visionen in der Politik</strong></h2>
<p><em>„Verschwörungsmythen funktionieren ja nicht deshalb so gut, weil die Menschen sie aufgrund fehlender Fakten glauben. Sie funktionieren, weil ihre Anhänger:innen sie glauben wollen. Weil sie ein emotionales Bedürfnis danach haben zu glauben, dass – wenn sie selbst schon keine Kontrolle über ihr Leben haben – irgendjemand diese Kontrolle ja haben muss.“ </em>(Marina Weisband, Gestalten wir! Für eine bessere politische Zukunft, in: Eric Hattke, Michael Kraske, Hg., Demokratie braucht Rückgrat – Wie wir unsere offene Gesellschaft verteidigen, Berlin, Ullstein, 2021)</p>
<p><em>„Aus Konsumenten Gestalter machen!“</em> Das ist eine der zentralen Botschaften der Psychologin und Publizistin <a href="https://marinaweisband.de/about/">Marina Weisband</a> und ihres Demokratieprojekts <a href="https://www.aula.de/">aula</a>, das sie im Demokratischen Salon beispielsweise in den Beiträgen <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/selbstwirksamkeit-schafft-resilienz/">„Selbstwirksamkeit schafft Resilienz“</a> und <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/radikal-demokratisch-paedagogisch/">„Radikal, demokratisch, pädagogisch“</a> sowie in ihrem Buch „Die neue Schule der Demokratie – Wilder denken, wirksam handeln“ (Frankfurt am Main, S. Fischer, 2024) beschrieben hat. Damit sind schon grundlegende Begriffe einer zukunftsfähigen Demokratie genannt.</p>
<p>aula ist nun zwar ein Schulprojekt, ließe sich jedoch auch auf andere gesellschaftlich bedeutende Bereiche übertragen, auch auf unseren Umgang mit Medien. Es geht Marina Weisband vor allem darum, den Zielen einer freiheitlichen Demokratie die erforderliche Aufmerksamkeit zu garantieren. Marina Weisband schrieb in ihrem zu Beginn der Dokumentation dieses Gesprächs vom Dezember 2025 zitierten Beitrag: <em>„Genauso wie sie während der Aufklärung zur Blüte kam, brauchen wir jetzt eine zweite Welle der Aufklärung. In der alle Menschen nun nicht mehr durch den Buchdruck besser informiert, sondern durch das Internet auch besser vernetzt ihre Stimme leichter hörbar machen können. Und lernen, mit dieser Verantwortung umzugehen. Hier ist nicht defensives Denken gefragt, sondern visionäres.“</em></p>
<h3><strong>aula wurde zur Erfolgsgeschichte </strong></h3>
<div id="attachment_4662" style="width: 195px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Weisband_Schule.webp"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4662" class="wp-image-4662 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Weisband_Schule-185x300.webp" alt="" width="185" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Weisband_Schule-185x300.webp 185w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Weisband_Schule-200x324.webp 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Weisband_Schule.webp 202w" sizes="(max-width: 185px) 100vw, 185px" /></a><p id="caption-attachment-4662" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie geht es aula?</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Dem Projekt geht es fantastisch. Es gedeiht recht gut. Wir sind inzwischen 16 Leute und ein Hund. Wir haben 125 Botschafter:innen ausgebildet, die in den Regionen helfen, aula an Schulen einzuführen. Wir arbeiten gerade an 50 Schulen. Die Zahl steigt enorm schnell, weil wir auch mit </em><a href="https://teachfirst.de/"><em>Teach First</em></a><em> zusammenarbeiten. Das hat uns die </em><a href="https://www.postcode-lotterie.de/"><em>Deutsche Postcode Lotterie</em></a><em> ermöglicht. Es gibt einige weitere sehr sinnvolle Kooperationen. Wir waren lange nur zu viert und damals mussten alle vier alles machen. Inzwischen haben wir eine Arbeitsteilung. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie ist der Kontakt zu den Ministerien?</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Unterschiedlich bis kompliziert. In einigen Ländern sind wir in der Institutionalisierung weiter als in anderen, in einigen werden wir noch nicht ausreichend wahrgenommen. In Baden-Württemberg und in Hamburg funktioniert es zum Beispiel gut. Dort arbeiten wir mit dem Zentrum für </em><a href="https://zsl-bw.de/,Lde/Startseite"><em>Schulqualität und Lehrerbildung</em></a><em> (ZSL) beziehungsweise dem </em><a href="https://li.hamburg.de/"><em>Landesinstitut für Qualifizierung und Qualitätsentwicklung</em></a><em> (LI) zusammen. In Rheinland-Pfalz gibt es gerade ein Pilotprojekt. Es gibt schon eine Bewegung zu mehr Institutionalisierung, aber wir sind noch nicht so weit, wie ich es gerne hätte. Ich denke, es sollte nicht die Aufgabe einer NGO sein, an Schulen Demokratiebildung zu machen. Wir können anregen, aber letztlich ist es eine staatliche Aufgabe.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: So steht es im Grundgesetz. Das hat Andreas Voßkuhle zum Beispiel im Jahr 2019 in der Frankfurter Paulskirche in seinem Vortrag „Der Bildungsauftrag des Grundgesetzes“ zum 100jährigen Jubiläum des Deutschen Volkshochschulverbandes gesagt (nachlesbar in <a href="https://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/APuZ_2019-16-17_online.pdf">„Aus Politik und Zeitgeschichte“ vom 15. April 2019</a>): <em>„Ein Schlüssel zum <u>status activus</u> des Staatsbürgers ist Bildung. Bildung nicht im klassischen, die Ungebildeten ausschließenden Sinne, sondern Bildung verstanden als „Empowerment“ Das Grundgesetz will den kritischen und informierten, vor allem aber neugierigen Bürger.“ </em>Parallel zum aula-Projekt hatte ich in meinem Magazin das DGB-Projekt <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/yes-we-can/">„Betriebliche Demokratiekompetenz“</a> vorgestellt, die in Betrieben ähnlich arbeiten wie aula. Dieses Projekt wurde jetzt leider beendet. Das Bundesarbeitsministerium (BMAS) hat ungeachtet der Erfolge des Projekts, nicht zuletzt in ostdeutschen Betrieben, die Finanzierung eingestellt. Dort überlässt das BMAS das Feld nun anderen Leuten.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das ist traurig. Wir haben solche Probleme nicht, weil wir in der Finanzierung sehr breit aufgestellt sind. Wir haben Stiftungen im Boot, Privatspenden, auch auf der Landesebene einen Flickenteppich von Finanzierungen. Das macht es auf der einen Seite komplizierter, auf der anderen Seite unser Projekt jedoch resilienter als wenn wir nur von einer einzigen Haushaltsstelle abhängig wären. Uns fehlt natürlich immer noch das Geld, um uns zuverlässig aufstellen zu können. Wir müssen nach wie vor von Jahr zu Jahr neu fundraisen. Aber das geht nicht nur uns so. Es ist ja leider so, dass wir ohne ein verlässliches Demokratiefördergesetz alle immer irgendwie an der Grenze zum Prekariat schweben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Haben Sie Kontakt zu Karin Prien, die jetzt das maßgeblich für ein Demokratiefördergesetz zuständige Bundesministerium leitet?</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Ja. Sie war neulich auch auf einer unserer Veranstaltungen. Ich habe wirklich das Gefühl, dass sie sich intrinsisch für das Thema interessiert und dass sie sehr genau zuhört.</em></p>
<h3><strong>Zurückhaltung ist die falsche Strategie gegen Extremisten und Populisten</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: So weit zum Einstieg über das Projekt, das ich immer gerne weiterempfehle. Wir leben in einer Zeit, die erheblich komplexer und komplizierter ist als dass sie sich mit einem noch so attraktiven Demokratieprojekt zukunftssicher und demokratisch gestalten ließe. Wir erleben in der Ukraine nach der russischen Vollinvasion vom 24. Februar 2022 den vierten Kriegswinter. Wir kämpfen nach wie vor gegen Antisemitismus und gegen Rassismus. Wir haben es nach wie vor nicht geschafft, eine rechtsextremistische Partei in den Parlamenten auf ein minimales Maß zu reduzieren. Alle Ankündigungen, ihren Einfluss zu minimieren, blieben bisher Schall und Rauch. Ich weiß nicht, ob CDU, CSU und SPD ausreichend darüber nachdenken, wie sie die Wähler:innen zurückgewinnen, die sie an die AfD verloren haben. In der Opposition sind die Grünen noch relativ ungeschickt. Geschickter ist die Linke. Vielleicht ist dies ein Lichtblick.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>In der Wirkmächtigkeit des Populismus sehe ich eine Scherenbewegung. Einerseits gibt es Akteure, die einen hybriden Krieg gegen die Demokratie führen. Das haben viele noch nicht so wahrgenommen wie es ist. Wir werden angegriffen, mit Spionage, in der Cybersicherheit und auf einer medialen Ebene. Social Media dienen nicht nur den Eigeninteressen von Milliardären, deren Interessen nicht unbedingt demokratisch sind, sondern werden auch sehr gezielt von autoritären Regierungen und Bewegungen beeinflusst, insbesondere über Bots und organisierte Kampagnen. Das zweite Element dieser Schere ist der fruchtbare Boden, auf den diese Angriffe treffen. Dazu gehören die auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich, ein Gefühl allgemeiner Kontrolllosigkeit, ein Gefühl von Ziel- und Visionslosigkeit der Regierung. Wenn diese Entwicklungen zusammentreffen, Menschen eine berechtigte Verunsicherung fühlen, entsteht daraus auch Wut und diese wird von Populisten gezielt auf noch Schwächere gelenkt. Das funktioniert sehr sehr gut. </em></p>
<p><em>Wir haben keinerlei Mittel seitens der Politik, seitens des Journalismus, wenn ich das so pauschal sagen darf, dagegenzuhalten. Es gibt keine Strategie, es gibt nur ein Reagieren, ein Hinterherrennen. Die CDU macht das Schlimmste aus beiden Welten. Sie bespielt einerseits das Thema, mit dem die AfD gewinnt, liefert aber andererseits keine besseren Lösungen. Das heißt, sie macht das Thema Migration groß, stellt es in den Vordergrund, doch das ist das Thema, mit dem die AfD immer gewinnen wird. Zusätzlich traut sich niemand, weder Bundesregierung noch Bundestag noch Bundesrat, die AfD vom Verfassungsgericht auf ihre Rechtmäßigkeit überprüfen zu lassen, obwohl die Partei von den Verfassungsschutzbehörden weitestgehend als „gesichert rechtsextremistisch“ eingeschätzt wird. Ich finde, Parteien, die so eingeschätzt werden, sollten unbedingt auf ihre Rechtmäßigkeit überprüft werden. Aber vielleicht ist meine Forderung auch naiv. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Naiv ist sie sicherlich nur, wenn man die Ängste derjenigen teilt, die einen Verbotsantrag scheuen. Die einen befürchten einen Misserfolg wie seinerzeit bei den NPD-Verbotsanträgen, andere, dass sich nach einem Verbot sehr schnell etwas Neues, genauso Gefährliches, gründet, wiederum andere, dass die AfD sich während eines Verbotsverfahrens als Opfer darzustellen versteht. Viele nennen auch alle drei Gründe.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Genau das ist für mich das Problem. Wir tanzen so sehr darum herum, dass sich die AfD als Opfer darstellt. Aber das tut sie doch eh schon die ganze Zeit! Sie stellt sich überall als Opfer dar. Die Wahrheit ist, dass wir ihr gar nicht so weit entgegenkommen können, dass sie das nicht mehr tut, denn zum Faschismus gehört untrennbar das Opfernarrativ. Sie wird immer sagen, dass sie unterdrückt wird, bis sie die absolute Macht hat, und selbst dann wird sie so weitermachen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Als Regierungspartei würde sie mit allen ihr dann zur Verfügung stehenden Mitteln repressiv gegen die vorgehen, die sich gegen sie stellen. Die Blaupause wäre das Vorgehen Trumps im ersten Jahr seiner zweiten Präsidentschaft. Noch wurden in den USA Oppositionspolitiker:innen nicht verhaftet und zu Gefängnisstrafen verurteilt, aber wenn man Trump genau zuhört, würde er das sehr begrüßen. Und das ist letztlich nicht nur Rhetorik, sondern gezielte Einschüchterung.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Wann hört eine Partei auf, sich als Opfer darzustellen? Aber wenn ich schon genau weiß, dass sie sich als Opfer darstellen: Warum komme ich ihnen dann immer weiter entgegen, damit sie sich nicht als Opfer fühlen? </em></p>
<h3><strong>Wo gibt es noch Begegnungsräume für Kinder und Jugendliche?</strong></h3>
<div id="attachment_1819" style="width: 243px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1819" class="wp-image-1819 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Spiegelung-c-Markus-C.-Hurek-233x300.jpg" alt="" width="233" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Spiegelung-c-Markus-C.-Hurek-200x258.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Spiegelung-c-Markus-C.-Hurek-233x300.jpg 233w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Spiegelung-c-Markus-C.-Hurek.jpg 400w" sizes="(max-width: 233px) 100vw, 233px" /><p id="caption-attachment-1819" class="wp-caption-text">Marina Weisband ,Spiegelung © Markus C. Hurek</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine wichtige Rolle spielen in all diesen Debatten die Social Media, die dafür verantwortlich gemacht werden, dass Kinder und Jugendliche antidemokratische Parteien und Organisationen bevorzugen oder gar gewalttätig werden. Australien und Neuseeland haben den Zugang für Jugendliche zu Social Media eingeschränkt. Es gibt jetzt eine Altersgrenze. Planungen für solche Altersgrenzen gibt es in Dänemark und Frankreich. Altersgrenzen werden inzwischen auch von Politiker:innen in Deutschland vorgeschlagen. Wie schätzen sie diese Initiativen ein?</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Im Hinblick auf die Frage der Radikalisierung verstehe ich nicht, dass man unter 16jährige in den Blick nimmt. Wie wäre es mit über 50jährigen oder auch anderen Altersgruppen, die genauso oder sogar noch anfälliger sind für Falschinformationen und Propaganda in den sozialen Netzwerken? Was erreichen wir, wenn sich diejenigen, die noch gar nicht wählen dürfen, nicht mehr auf Social Media beteiligen dürfen, sich dort nicht mehr mit ihren Freund:innen austauschen, nicht mehr das, was sie denken oder planen, auf Social Media äußern dürfen? Die Influencer, die Verschwörungstheorien über Social Media verbreiten, sind in der Regel schon lange keine Kinder oder Teenager mehr.</em></p>
<p><em>Eine Altersgrenze für Social Media und das ebenso diskutierte Verbot von Smartphones für Jugendliche und Kinder sind im Übrigen zwei verschiedene Dinge. Sie bewirken auch radikal Unterschiedliches. Aber könnten wir nicht kreativer sein? So viele Jugendliche sind nicht nur Verlierer, sondern auch Gewinner durch Social Media. Ich selbst war definitiv eine Gewinnerin. Wie wäre es, wenn es ein Verbot gäbe, Kinder und Jugendliche auf Social Media als Werbekunden anzusprechen, Werbung für sie auszuspielen?</em> <em>Dann wäre es für die Plattform sofort unattraktiv, rage baiting zu machen, es wäre unattraktiv, die Jugendlichen algorithmisch von der Plattform abhängig zu machen, es wäre unattraktiv, Influencer auszuspielen, die Dinge verkaufen wollen. Sobald ich die Finanzorientierung herausnehme, werden Plattformen gesünder. Das bedeutet natürlich immer noch, dass man sein Alter verifizieren muss. Aber im Gegensatz zu einem pauschalen Verbot des Zugangs für Jugendliche zu Social Media würde ein Werbeverbot ermöglichen, dass Jugendliche sich über Social Media austauschen und das in einer Offline-Welt, die nun wirklich nicht im Sinne von Jugendlichen gestaltet ist. </em></p>
<p><em>Diese Verbotsdebatten haben mit dem eigentlichen Problem nichts zu tun. Wir haben gesehen, dass die Nutzung von Social Media tatsächlich die psychische Gesundheit und Konzentrationsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen beeinträchtigt. Mit der politischen Debatte hat das aber nichts zu tun. Für diese müssen wir regulieren, was auf Social Media erlaubt ist, wie mit KI-generierten Inhalten umzugehen ist, wie schnell Falschinformationen und Hassbotschaften gelöscht werden müssen.</em></p>
<p><em>Solange wir aber Jugendliche aus Innenstädten vertreiben, weil sie nicht genug Geld haben, um sich dort in ein Café zu setzen, und dort einfach nur rumhängen, was aber auch nicht gern gesehen wird. Solange Bänke abgebaut, Jugendzentren geschlossen werden, große Wohnungen für Familien nicht erschwinglich sind, sodass Jugendliche sich auch zu Hause nicht mit Freund:innen treffen können, können wir ihnen nicht den einzigen Raum wegnehmen, in dem sie überhaupt soziale Kontakte haben können.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das wäre ein wichtiger Punkt in der leider verunglückten Stadtbilddebatte gewesen, über den wir hätten streiten können. Es ist ein Drama, dass Kommunen über viele öffentliche Räume gar nicht mehr verfügen, weil die Grundstücke ihnen nicht mehr gehören.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Wenn wir immer mehr öffentliche Räume ausverkaufen, immer mehr Räume für Menschen schließen, treiben wir sie in die Einsamkeit. Das ist dann aber nicht die Schuld von TikTok! Dann ist TikTok nur das Symptom. Wir gehen aber auf eine Welt zu, in der jede:r zweite Wähler:in über 50 Jahre alt ist. Ich habe inzwischen den Kaffee auf, wenn Leute, die erst Probleme für junge Leute schaffen, versuchen, diese Probleme zu lösen, indem sie sie noch weiter an Teilhabe hindern!</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: <a href="https://www.zeit.de/2025/47/angstraeume-kommunen-statbild-einzelhandel-buergermeister">In der ZEIT hatten drei baden-württembergische Bürgermeister Gelegenheit</a>, zur Stadtbilddebatte einen Vorschlag zu formulieren, der Innenstädte in der Tat attraktiver machen könnte. Sie schlugen vor, den Online-Handel höher zu besteuern als Geschäfte in den Innenstädten.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das ist vielleicht eine Lösung, aber andererseits ist es auch visionslos, wenn man meint, dass Leben in Innenstädten nur aus Handel besteht. Könnten wir nicht die Volkshochschule, eine Bibliothek, Einrichtungen, in denen man selbst kochen kann, echte und attraktive Begegnungsorte für Jugendliche und für Familien stärken? Es kann doch nicht sein, dass Karstadt der höchste meiner kommunalen Träume ist.  </em></p>
<h3><strong>Wir brauchen dezentrale und interoperable Plattformen</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Debatten um Social Media waren auch <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-freiheit-ist-konkret/">Thema meines Gesprächs mit Donata Vogtschmidt MdB</a>, die zwei Punkte benannte: Digitale Souveränität und Medienkompetenz. Das dürfte auch Ihren Positionen entsprechen.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Im Grunde ja, aber ich halte Medienkompetenz für den weit schwächeren Teil. Digitale Souveränität ist der stärkere. Ich möchte es in einem Satz zusammenfassen: Die klügsten Köpfe unseres Planeten sind damit beschäftigt, Aufmerksamkeit von allen zu ernten, um sie an Coca-Cola zu verteilen. Wir werden das Problem nicht beheben, indem wir versuchen, Achtklässlern beizubringen, eine Zweitquelle zu suchen. Medienkompetenz ist superwichtig, aber wir haben es ja nicht nur mit öffentlichen Medien zu tun. So ist die freie Medienlandschaft in großer Gefahr, weil soziale Netzwerke und größere Medienhäuser über Algorithmen gesteuert werden, um Aufmerksamkeit zu binden, und sehr reichen Menschen gehören, die ganz klare Interessen haben, zu denen nicht gehört, Menschen in demokratischen Austausch zu bringen. </em></p>
<p><em>Hier findet eine Massenbeeinflussung statt, die sich auch auf Wahlen auswirkt. Und wir sind machtlos, weil die Systeme nicht in Deutschland gehostet sind, weil sie nicht dezentral sind, weil sie Monopolstellungen haben. Wir sind Leuten ausgeliefert, die nach Mar A Lago pilgern und vor Trump knicksen, weil sie die Unterstützung des amerikanischen Staates brauchen, die alle unsere Daten sammeln, um Werbung an uns ausspielen. Das plakativste Beispiel ist Elon Musk. Ich bin ihm dankbar, dass er sich als plakatives Beispiel eignet. Ich bin nicht mehr auf X, weil ich gemerkt habe, dass jedes Mal, wenn ich über die Ukraine schreibe, gerade einmal 200 Leute meinen Post sehen, entgegen 20.000 Leuten, die ihn sonst sehen. </em></p>
<p><em>Gegen Algorithmen kann man nicht mit Medienkompetenz ankämpfen. Wir müssen darüber reden, warum wir eigentlich keine digitalen öffentlichen Räume haben. Ein Beispiel wäre </em><a href="https://joinmastodon.org/de"><em>mastodon</em></a><em>. Das ist eine dezentrale Plattform. Das heißt, ich kann einen Server haben, die ARD kann einen haben, der Chaos Computer Club. Diese Server können miteinander reden, aber unsere Daten liegen nur auf dem Server, dem ich vertraue, dessen Administrator ich kenne. Das heißt, mastodon kann niemals von einem Milliardär gekauft werden, weil es keine in sich geschlossene Plattform ist. Das heißt auch, niemand kann alle User-Daten von mastodon an eine Regierung ausliefern. </em></p>
<p><em>Der Staat, die EU müssen in solche dezentralen Netze investieren. Sie müssen von den großen Unternehmen fordern, dass sie interoperabel werden. Interoperabel bedeutet, dass ich auch Inhalte von instagram, facebook Dinge sehen kann, auch wenn ich nicht auf dieser Plattform bin. Es bedeutet auch, dass man auf instagram und anders wo sehen kann, was ich auf einer unabhängigen Plattform poste. Das würde die Monopolstellung dieser Plattformen brechen, das würde einen freien Markt und Konkurrenz herstellen. Eine Plattform, auf der wir demokratisch kommunizieren, muss uns gehören. Auf einer solchen Plattform gibt es keine Beeinflussungen von außen durch Algorithmen, keine finanziellen Abhängigkeiten von irgendeinem reichen Menschen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie bewerten Sie wikipedia?</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Wikipedia ist fantastisch. Es ist nicht ohne Schwächen. Aber insgesamt sorgt eine große Community mit gegenseitiger Kontrolle dafür, dass die Inhalte ausgewogen und auf jeden Fall faktenbasiert sind, weil es in jedem Fall so viele Nerds gibt, die darauf achten und Falsches sofort löschen. Ich habe versucht, meine eigene Wikipedia-Seite zu bearbeiten und dabei ein bisschen in den Maschinenraum geschaut und gesehen, wie schwer es ist, etwas zu schreiben, das nicht gut belegt ist, das möglicherweise färbend sein könnte. Es ist mir sogar verboten, meine eigene Seite zu bearbeiten. Das müssen immer Dritte machen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und was machen Sie, wenn Sie feststellen, dass einige Daten, die über Sie geschrieben sind, einfach sachlich falsch sind, möglicherweise auch einfach, weil die Quelle, auf die sich jemand bezieht, falsch ist? In harmlosen Fällen sind das dann falsche Jahreszahlen, falsche biografische Daten, es können aber auch verkürzte, möglicherweise sogar ins Gegenteil verkehrte Aussagen aus falsch zitierten Publikationen sein.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das lässt sich über die Diskussionsfenster korrigieren. Wikipedia ist sicherlich nicht frei von Fehlern. Aber wenn ich mir das Projekt von Elon Musk ansehe, das im Grunde eine über Grok veränderte Wikipedia-Kopie ist, auf der er nach Belieben alle Daten zurechtschönen kann, wo KI-Systeme wissenschaftliche Untersuchungen und Datenbanken ersetzen, zumal Menschen zunehmend ihre Informationen über Chatbots suchen, die jedoch die Inhalte wiedergeben ohne dass man auf die Seite klicken muss, die die eigentliche Quelle wäre. Werbezahlen, Klickdaten gehen damit auch verloren. Das bedeutet, dass sich die originalen Formate auf Dauer nicht mehr halten können. Und wenn Journalist:innen nicht mehr recherchieren können, weil ihr Geschäftsmodell durch KI nicht mehr funktioniert, bleiben wir mit nichts anderem zurück als einem statistischen Quatsch-Tool, das sich irgendetwas zurechtfantasieren muss. Das wäre das Ende eines verlässlichen Journalismus. </em></p>
<h3><strong>Meinungsfreiheit versus Faktenbasiertheit</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir sind damit auch bei der Debatte um die Meinungsfreiheit, die in den USA mit dem ersten Verfassungszusatz sehr hochgehalten wird. Von X oder Facebook werden inzwischen wissenschaftlich unhaltbare Aussagen als Meinungsfreiheit verteidigt. Fakten spielen keine Rolle mehr, sie sind letztlich nebensächlich. <a href="https://taz.de/US-Klimaforschung-unter-Beschuss/!6139913/">Wenn Trump beispielsweise das weltweit führende Klimaforschungsinstitut in Colorado schließen will</a>, weil er dessen Ergebnisse für <em>„Klima-Alarmismus“</em> hält, besteht irgendwann auch nicht mehr die Möglichkeit, valide Ergebnisse der Klimaforschung zu veröffentlichen. <a href="https://mwfk.brandenburg.de/sixcms/media.php/9/PM%20300%20Potsdam-Institut%20f%C3%BCr%20Klimafolgenforschung.pdf">In Brandenburg hat die AfD bereits beantragt, dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) die Landesfinanzierung zu entziehen</a>. Damit müsste das Institut schließen, weil die Finanzierungen des Bundes dann ebenfalls eingestellt werden müssten. Zuckerberg hat nach der Vereidigung von Trump im Januar 2025 gesagt, dass er in Zukunft eine Aussage wie die, dass Homosexualität eine Krankheit wäre, nicht mehr löschen werde. Der US-amerikanische Gesundheitsminister behauptet penetrant Zusammenhänge zwischen Impfungen und Autismus, die wissenschaftlich ebenso wenig haltbar sind.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Wenn wir uns auf diesen Streit einlassen – Meinungsfreiheit versus Faktenbasiertheit – haben wir verloren. Ich bin zu 100 Prozent für Meinungsfreiheit und ich bin zu 100 Prozent für Faktenbasiertheit. Wenn jemand sagt, die Welt ist flach, ist das keine Meinung. Der Faschist träumt in seinen feuchten Träumen davon, dass lles eine Meinung ist, weil er dann die Wirklichkeit so gestalten kann wie er will. So funktioniert Wahrheit im Faschismus. Sie wird immer konstruiert, es gibt keine objektive Wahrheit mehr. So kann Trump sagen, er hatte die größte Crowd aller Zeiten bei seiner Amtseinführung im Januar 2017. Wir fragen immer, wie er denn lügen könne, wo doch so offensichtlich sei, dass nicht stimmt was er sagt. Wir fragen das, weil wir nicht sehen, wie im Faschismus Wahrheit funktioniert. Es geht darum, dass man so loyal ist, dass man sagt, ja so war es, oder ob man ein „Feind“ ist. </em></p>
<p><em>Deshalb ist der vermeintliche Gegensatz zwischen Meinungsfreiheit und Faktenbasiertheit totaler Quatsch. Natürlich kann man sagen, man sei gegen Homosexualität. Niemand zwingt jemanden, homosexuell zu werden. Was man nicht sagen kann, ist, der Teufel hätte das so gemacht. Denn dafür gibt es keine Fakten. Man kann jedoch sagen: Ich glaube, dass der Teufel das so gemacht hat. Dann ist man in der Religionsfreiheit. Man kann sagen, meine Religion erlaubt mir nicht, dass gleichgeschlechtliche Partner einander heiraten. Aber man kann nicht biologische Fakten erfinden und sagen, die Welt ist flach und das ist eine Meinung. Es gibt keinen Widerspruch zwischen Meinungsfreiheit und Faktenbasiertheit. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es wird kompliziert, wenn unklar ist, wo Meinungsfreiheit aufhört und <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__130.html">„Volksverhetzung“ gemäß § 130 StGB</a> anfängt. Ronen Steinke stellt in seinem Buch <a href="https://www.piper.de/buecher/meinungsfreiheit-isbn-978-3-8270-1534-1">„Meinungsfreiheit“</a> (Berlin Verlag, 2026) unter andere konkrete Fälle vor, die die Frage aufwerfen, ob man bestimmte Äußerungen verurteilen lassen kann. Eines seiner Beispiele ist die SA-Parole „Alles für Deutschland“, für deren Verwendung der AfD-Vorsitzende in Thüringen strafrechtlich verurteilt wurde. Steinke verwies darauf, dass Cathy Hummels diesen Spruch bei einem internationalen Turnier auf den Fußball bezogen hatte, sehr wahrscheinlich unwissend, woher der Spruch überhaupt kommt. Höcke wusste das mit Sicherheit.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Hier sind wir in einem Bereich, in dem sich die Frage stellt, wo das Recht auf Meinungsfreiheit andere Rechte verletzt. In Deutschland haben wir gesagt, dass bestimmte faschistische Aussagen, die die Nazi-Zeit verherrlichen, nicht von den Freiheitsrechten gedeckt sind, weil Faschismus Menschenrechte verletzt und negiert, weil Faschismus Demokratie zerstört, weil Faschismus anderen Rechte wegnimmt. Mein Recht auf Privatsphäre endet ja auch, wenn ich ein Verbrechen begehe. Ein Richter kann entscheiden, hier hat Frau Weisband kein Recht auf Privatsphäre, hier kann ihre Wohnung durchsucht werden. Genauso endet Meinungsfreiheit dort, wo sie für andere gefährlich ist. Ein Richter muss jetzt auslegen, ob etwas darunterfällt oder nicht. Das ist die Aufgabe der Judikative.</em></p>
<h3><strong>Transparenz und Verantwortung </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auf EU-Ebene wird ebenso wie in den Mitgliedstaaten zurzeit heftig über Datenschutz gestritten. Die einen sehen Datenschutz als bürokratisches Hemmnis, andere legen die geltenden Regelungen, insbesondere die europäische <a href="https://dejure.org/gesetze/DSGVO">Datenschutzgrundverordnung</a> (DGSVO) sehr eng aus.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Datenschutz ist sehr wichtig, aber die DGSVO soll ein Ermöglichungsgesetz sein. Sie wird aber zu häufig als Verbotsgesetz vorgeschoben, weil jemand entweder keine Lust oder Angst hat, etwas zu entscheiden. Ein Beispiel: Manche behaupten, dass die Herausgabe einer Mailingliste verboten wäre. Wäre dies so, könnte man sich in Aktivitätsgruppen nicht mehr vernetzen. Ein professioneller Jurist wird jedoch sagen, für diese Vernetzung gibt es einen eindeutigen Verwendungszweck und die Teilnehmenden haben diesem zugestimmt. Solange ein solcher legitimer Verwendungszweck vorliegt, dürfen wir Daten verarbeiten. Aber wir haben in vielen Institutionen leider nur Halbprofis, die sagen, das ginge nicht, da würden personenbezogene Daten verarbeitet. E-mail-Adressen dürfen gespeichert werden, weil alles Andere unpraktikabel ist. </em></p>
<p><em>Ich selbst arbeite bei aula mit einer Plattform, die Daten von Schüler:innen verarbeitet. Ich sehe auch bei vielen beteiligten Lehrkräften Angst, das könne doch nicht erlaubt sein. Es ist erlaubt. Wir haben es intensiv prüfen lassen, Landesdatenschutzbeauftragte gefragt. Aber gerade Ministerien schieben gerne Datenschutz vor und belasten uns dann auch mit Nachfragen. Da fehlt noch dieses oder jenes Dokument, da bräuchten wir noch ein drittes Gutachten und so weiter. Das Ziel des Datenschutzes ist es jedoch nicht, dass Zivilleben nicht mehr stattfindet, dass wir uns nicht mehr vernetzen können. Das Ziel des Datenschutzes lautet, dass ich weiß, wer meine Daten wozu verarbeitet. Es geht um Transparenz.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie haben mehrfach in unserem Gespräch auf die Visionslosigkeit der Regierung oder auch in Kommunen von den dortigen Verwaltungen hingewiesen. Irgendwie ist es auch eine Visionslosigkeit der Parteiprogramme.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Dies sehe ich eigentlich in allen Parteien, vielleicht noch am wenigstens bei den Grünen und bei der Linken. Für mich vertreten die Grünen ein sozial progressives Gesellschaftsbild. Ich kann mir schon eine Stadt vorstellen, die nach den Vorstellungen der Grünen designt ist und wie die Menschen darin leben. Es fällt mir relativ leicht, hier eine Vision zu sehen. Sie wird nur unsagbar schlecht kommuniziert. Aber das Problem sehe ich bei anderen Parteien noch stärker. Was ist denn die Vision der SPD, was die der CDU? Ich weiß es nicht und ich glaube, dass es auch keine gibt. Viele Akteure sind in der Politik auf der Position, auf der sie sind, weil es die nächste logische Position ist, wenn sie in der Politik aufsteigen wollen. Das gilt nicht für Robert Habeck, aber bei vielen habe ich den Eindruck, dass sie da sind, wo sie sind, weil es der nächste Schritt in der Karriereleiter ist. Diesen Eindruck hatte ich sehr stark bei Olaf Scholz, der in der Ukrainefrage nicht dafür verantwortlich sein wollte, dass die Ukraine verliert, aber auch nicht dafür, dass Russland verliert. Die wesentliche Botschaft schien mir, dass er nicht verantwortlich sein wollte. Aber warum wird jemand Bundeskanzler, der nicht verantwortlich sein will?</em></p>
<p><em>Ich glaube, dass wir in den Parteien so viel Bürokratie haben, dass die Personen nicht nach oben kommen, die diese brennende Vision im Herzen haben. Es ist ja nicht so, dass wir keine Menschen in Deutschland haben, die diese Vision haben. Ich glaube aber, dass sich Macht nicht bei diesen Menschen konzentriert.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Aber vielleicht wollen diese Menschen auch nicht in die Politik?</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Sie wollen nicht in die Politik, weil diese so ist wie sie ist. Ich selbst bin aus der Politik rausgegangen, weil ich verstanden habe, dass ich das, was ich will, in diesem System überhaupt nicht erreichen kann, weil alles so von Verwaltung und Bürokratie zugebaut ist. Das ist so bei jeder Regierung. Ich kann keine ausnehmen. Jede Regierung verwaltet was da ist, aber wir bauen nichts. So wie mit der Infrastruktur ist es auch mit den Ideen. Wir verwalten Ideen, aber wir schaffen keine.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe seit Jahren immer mehr den Eindruck, dass man darüber streitet, was man abbaut, nicht aber über das, was man aufbaut.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Sehr präzise! Weil das Geld immer knapper wird oder zumindest vermeintlich knapper wird, ringt man um die Verteilung des Geldes, aber nicht darum, wofür wir es eigentlich bräuchten. Das ist meines Erachtens der Punkt!</em></p>
<p><em>Es ist so auch mit dem Datenschutz. Wir sprechen darüber, was der Datenschutz behindert, nicht aber was er ermöglicht. Den Datenschutz dann einfach abzuschaffen, wäre eine Kapitulation. Aber wie sähe ein Datenschutzgesetz aus, dass mich ermutigt, etwas zu tun, und das Transparenz herstellt? Wir sagen, wir brauchen weniger Gesetze, weniger Ausgaben, aber wir fragen nicht, wofür wir eigentlich Gesetze und Geld bräuchten.</em></p>
<h3><strong>Der Mamdani-Effekt</strong></h3>
<div id="attachment_7735" style="width: 394px" class="wp-caption alignright"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:NYS_Assemblymember_Mamdani_@_NYTWA_Rally_@_City_Hall_6.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7735" class="wp-image-7735 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/NYS-Assemblymember-Mamdan-@-NYTWA-Rally-@-City-Hall-6-Foto-InformedImages-Wikimedia-Commons-300x200.jpg" alt="" width="384" height="256" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/NYS-Assemblymember-Mamdan-@-NYTWA-Rally-@-City-Hall-6-Foto-InformedImages-Wikimedia-Commons-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/NYS-Assemblymember-Mamdan-@-NYTWA-Rally-@-City-Hall-6-Foto-InformedImages-Wikimedia-Commons-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/NYS-Assemblymember-Mamdan-@-NYTWA-Rally-@-City-Hall-6-Foto-InformedImages-Wikimedia-Commons-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/NYS-Assemblymember-Mamdan-@-NYTWA-Rally-@-City-Hall-6-Foto-InformedImages-Wikimedia-Commons-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/NYS-Assemblymember-Mamdan-@-NYTWA-Rally-@-City-Hall-6-Foto-InformedImages-Wikimedia-Commons-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/NYS-Assemblymember-Mamdan-@-NYTWA-Rally-@-City-Hall-6-Foto-InformedImages-Wikimedia-Commons-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/NYS-Assemblymember-Mamdan-@-NYTWA-Rally-@-City-Hall-6-Foto-InformedImages-Wikimedia-Commons-1024x682.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/NYS-Assemblymember-Mamdan-@-NYTWA-Rally-@-City-Hall-6-Foto-InformedImages-Wikimedia-Commons-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/NYS-Assemblymember-Mamdan-@-NYTWA-Rally-@-City-Hall-6-Foto-InformedImages-Wikimedia-Commons.jpg 1280w" sizes="(max-width: 384px) 100vw, 384px" /></a><p id="caption-attachment-7735" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:NYS_Assemblymember_Mamdani_@_NYTWA_Rally_@_City_Hall_6.jpg">Assemblyman Zohran Mamdani @ Taxi Workers Alliance Rally @ City Hall</a>, Foto: InformedImages. Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.en">Creative Commons Attribution 4.0 International license</a>.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Damit sind wir wieder bei Verfahren, wie sie aula in Schulen erprobt oder wie sie Bürgerräte nutzen. Bürgerräte auf kommunaler Ebene sind recht erfolgreich wie die Initiative <a href="https://www.mehr-demokratie.de/">Mehr Demokratie e.V.</a> dokumentiert. Der schwarz-rote Koalitionsvertrag sieht nun zwar die Fortsetzung <em>„zivilgesellschaftlicher Bürgerräte“</em> vor, doch die zuständige Stabsstelle der Bundestagsverwaltung wurde von der Bundestagspräsidentin jetzt aufgelöst. Jannis Koltermann kommentierte dies am 28. November 2025 in der FAZ: <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/buergerraete-gestoppt-warum-das-der-demokratie-schadet-110792662.html">„Unsere Demokratie muss sich reformieren“</a>. <em>„Bürgerräte sind daher keine Spinnerei der Ampelregierung, sondern der Versuch, Menschen an politischen Prozessen zu beteiligen, die sich sonst oft von ihnen ausgeschlossen fühlen, und sie im wechselseitigen Austausch Kompromisse finden zu lassen, wo der Parteienstreit eher die Polarisierung fördert. Dass der Bürgerrat zur Ernährung bislang kaum Gehör fand, spricht denn auch weniger gegen den Bürgerrat als gegen den Bundestag: Sowohl seine Funktionsweise als auch seine Ergebnisse sind von Wissenschaftlern positiv evaluiert worden.“ </em></p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Darf ich jetzt einmal böse sein? Warum zum Teufel soll ich mich für Demokratie einsetzen, wenn das mächtigste Organ der Demokratie dafür sorgt, dass ich es in Zukunft weniger kann? Wenn im Bundestag mehr Lobbyisten registriert sind als Abgeordnete? Und dann werden Mittel gerade für diejenigen eingestampft, die selbst nicht die Mittel haben, ihre Anliegen vorzubringen, Mittel für die Jugendarbeit, Mittel für Demokratieförderung. Und Nicht-Regierungsorganisationen, die sich für mehr Demokratie einsetzen, werden verteufelt. </em></p>
<p><em>Ich habe das Gefühl, dass Regierung und Bundestag an diesen Fragen offensichtlich einfach kein Interesse haben. Ich möchte ihnen das jedoch nicht unterstellen, ich möchte daran glauben, dass gewählte Politiker:innen sehr viel Interesse an der Beteiligung von Bürger:innen, an Demokratie haben. Natürlich ist es für Populisten zurzeit sehr einfach zu sagen, die da oben interessierten sich nicht. Meine gesamte Lebensaufgabe bestand und besteht darin, diese Dichotomie zwischen „Die da oben“ und „Die da unten“ aufzulösen. Es gibt in einer Demokratie nicht „die da oben“ und „die da unten“. In einer Demokratie sind wir alle Gestalter der Gesellschaft. Und manche sind so freundlich, dass sie das zu ihrem Beruf in Vollzeit machen, um sich tiefer in eine Materie einarbeiten zu können. Manche sind vor allem mit der Erziehung ihrer Kinder beschäftigt, andere mehr in einem Ehrenamt und manche gehen eben in den Bundestag und befassen sich dort mit den Gesetzen. Das ist eine Arbeitsteilung, aber die Gesellschaft gehört uns allen. Das ist für mich die Idee einer Demokratie.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dazu gehört aber auch die Möglichkeit zu verbindlicher Einflussnahme. Es reicht nicht aus, Entscheidungen der Politiker:innen im Bundestag zur Kenntnis zu nehmen. Darauf lassen sich die Leute ja auch immer weniger ein. Ergebnis sind dann oft wütende Proteste, aber keine neuen Formen der Demokratie.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das ist der Punkt! Wenn ich keine Gelegenheit zu verbindlicher Einflussnahme habe, ist es besser, ich habe gar keine Möglichkeiten der Einflussnahme. Der </em><a href="https://www.bundestag.de/parlament/buergerraete/buergerrat_th1"><em>Bürgerrat „Ernährung im Wandel“</em></a><em> war eine solche Pseudo-Einflussnahme. Das stärkt nur den Frust. Er hat 2024 seine Ergebnisse vorgelegt hatte. Diskutiert wurden die Ergebnisse im Bundestag nicht. </em></p>
<p><em>Wir haben international den Trend eines wachsenden Misstrauens in allerlei Institutionen der Demokratie. Wäre ich eine solche Institution – die ich nicht bin – dann würde ich mich doch an die Nase fassen und darüber nachdenken, was ich tun könnte, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen, um zu zeigen: Ich bin für euch da, nicht ihr für mich. Das passiert nicht, das ist es, das mich aufregt! Man rollt der AfD den roten Teppich aus, denn die muss nur sagen, die da sind nicht für euch da und wenn ihr den starken Onkel wählt, werden wir es denen da oben einmal richtig zeigen. Natürlich ist das nicht logisch, natürlich lügen sie, die AfD wird sich am allerwenigsten für ihre Wähler einsetzen. Aber die Geschichte kommt an, weil Institutionen keine oder zu wenig Bemühungen zeigen, sich als arbeitsteiliges Element unseres Staates zu verstehen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich denke, dass es schon einige Politiker:innen gibt, die in diese Richtung denken. Sehr positiv schätze ich zum Beispiel Felix Banaszak ein, der – wenn ich das so sagen darf – begriffen hat, woran die derzeitige Praxis der Demokratie krankt.</p>
<p><strong>Marina Weisband </strong>(im Ton jetzt viel versöhnlicher): <em>Ganz ganz viele. Heidi Reichinnek zum Beispiel auch. Ich sehe viele helle Lichter, aber ich mache mir die Sorge, wie überleben diese Politiker:innen im Politikbetrieb, ich fürchte, dass manche wieder frustriert rausgehen. Aber ich hoffe immer, dass es jemand schafft durchzubrechen.</em></p>
<p><em>Die nächste Welle wird eine Welle des linken Populismus sein. Es wird jemand sein, der es schafft, die Menschen mit der Idee zu einen, dass wir alle doch sehr legitime gemeinsame Bedürfnisse haben, das Bedürfnis nach Sicherheit, das Bedürfnis nach Absicherung, das Bedürfnis, gesehen zu werden, das Bedürfnis, Einfluss zu haben, das Bedürfnis nach Kontrolle. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sind wir dann bei Zohran Mamdani?</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Ja, wir sind dann bei Mamdani. Sein Erfolg hat mich überhaupt nicht überrascht. Es hat mich auch nicht überrascht, dass Trump ihn beim Besuch im Weißen Haus so gefeiert hat. Trump spricht die gleichen Urinstinkte an wie Mamdani. Trump lügt in den Fakten, aber er holt die Leute auf einer emotionalen Ebene ab. Das macht Mamdani auch, aber er hat eine bessere Politik: Seine Antworten würden tatsächlich die Probleme beheben, die dieser Wut zugrunde liegen. Trump richtet einfach nur die Wut auf andere. Das ist der Unterschied zwischen Trump und Mamdani. </em></p>
<p><em>Auf der emotionalen Ebene fehlt diese Ansprache im Stile Mamdanis in der deutschen Politik komplett. Immer wenn ich gegenüber Ministerien sage, für viele Menschen sei es schwer, eine bezahlbare Wohnung zu finden, sagt man mir, ja, wir machen doch schon so viel. Das holt mich aber emotional überhaupt nicht ab. Offensichtlich funktioniert es nicht! Offensichtlich ist doch grundsätzlich etwas kaputt, wenn in der Pandemie reiche Menschen immer reicher werden, wenn reiche Menschen zunehmend die Medien kontrollieren und damit auch Wahlen beeinflussen. Dann kann man doch nicht sagen, wir machen ja schon viel! Das ist nicht einmal ein Trostpflaster.</em></p>
<p><em>Warum gibt es bei Politiker:innen so wenig ehrliche Empörung, warum legen sie so wenig klar und deutlich dar, was sie vorhaben. Mamdani hat ähnliche Qualitäten wie Robert Habeck. Er ist ein großer Erklärer. Er erklärt Dinge auf eine einfache verständliche Art und Weise. Dann können Menschen erkennen, welche Optionen sie haben und warum sie sich für welche entscheiden können.</em></p>
<h3><strong>Mit Aufmerksamkeit gegen das Rotkäppchensyndrom</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es wäre viel gewonnen, wenn solche Erklärer mehr Gehör fänden. Dabei ist es meines Erachtens noch nicht einmal wichtig, ob dies über Social Media oder über klassische Medien erreicht wird.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Ich denke ohnehin, dass der Unterschied zwischen Social Media und klassischen Medien überschätzt wird. Beide haben Anreizstrukturen, die Werbung verkaufen wollen, beide existieren in der Aufmerksamkeitsökonomie, basieren auf menschlicher Psychologie. Viele der problematischen Mechanismen sind bei beiden problematisch. Solange wir kein Mediensystem haben, das grundlegend und in erster Linie das Ziel verfolgt, Demokratie zu stärken, hat die Demokratie ein Problem. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sind wir da nicht wieder bei dem Thema Medienkompetenz?</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Wie kann Medienkompetenz einen Anreiz schaffen, Medien auf die eine oder andere Art herzustellen? Wenn ich eine Zeitung habe, ist der erste Anreiz, mit dieser Zeitung Geld zu verdienen. Ich muss ja meine Mitarbeiter:innen bezahlen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und das wird immer schwerer, sodass viele Lokalzeitungen inzwischen identische Rubriken haben, beispielsweise bei Artikeln über die aktuelle Politik. Über diese Form der Medienkonzentration wissen viele Leser:innen nichts.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Informationsvermittlung ist ein zweiter Anreiz, aber der wird immer schwächer sein als der erste Anreiz. Ohne den ersten kann ich den zweiten Anreiz nicht verwirklichen. Da hilft Medienkompetenz nicht. Medienkompetenz kann nicht helfen, dass ich immer mehr Aufmerksamkeit auf negative und radikale Schlagzeilen richte. Das ist menschliche Psychologie: Wir haben uns aus Leuten entwickelt, die Angst vor Säbelzahntigern hatten, die auf Gefahren aus ihrer Umwelt reagieren mussten. Ich kann gar nicht so viel Medienkompetenz erwerben, dass ich eine positive Nachricht eher konsumiere als eine negative. Solange Medien einen Anreiz haben, mir das zu liefern, was ich am leichtesten konsumiere, weil sie ja Werbung verkaufen wollen, werden sie mir negative Nachrichten liefern. Die Regierung, die Welt sehen somit negativer aus als sie sind. Vielleicht funktioniert die Regierung eigentlich ganz hervorragend, aber wir werden es nicht erfahren. „Gesetz wurde beschlossen, Gesetz ist gut“ ist keine Nachricht.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Säbelzahntiger sind das Symbol der Bedrohungen der Urzeit, heute sind es die Wölfe. Ich nenne das einmal das Rotkäppchensyndrom. Wir werden vor allerlei Gefahren gewarnt, obwohl niemand genau weiß, wie groß diese Gefahr wirklich ist. Im Ergebnis überschätzen wir dann die Gefahren, die leicht darstellbar sind, und unterschätzen die komplexen Gefahren, beispielsweise die Folgen einer antidemokratischen, autoritären Politik.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Ich muss immer eine Gefahr präsentieren, das sprichwörtliche Haar in der Suppe suchen. Eine Ärztin hat heute 20 Leben gerettet, das ist keine Story. Ein Terrorist hat 20 Menschen getötet, das ist eine Story. </em></p>
<p><em>Gute Journalist:innen wissen das, aber sie haben auch Verleger und Chefredakteure, die ihnen sagen, das liest doch niemand und wir müssen dich bezahlen! Und damit bin ich wieder bei der Werbung, mit der sich die Medien finanzieren, bei der Abhängigkeit von Verkaufszahlen und von Klicks. Kein Maß an Kompetenz überwindet faule Anreizstrukturen. Bei einer genossenschaftlichen Zeitung wäre das vielleicht anders, aber eine Zeitung, die aus dem System ausbricht, würde heute sofort pleitegehen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Damit wären wir bei dem Problem von Kapitalismus schlechthin.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Ich würde nicht mehr von einem Kapitalismus-Problem sprechen, sondern von einem Korporatismus-Problem, wo sogar der freie Markt, der bisher eine heilige Kuh war, abgeschafft wird. Ich hatte nicht auf meiner Bingo-Karte, dass ich mich 2026 für den freien Markt einsetze. Wir haben inzwischen eine fiese Mischung von Monopolkräften und Politikern, die immer autoritärer werden. Noch nicht auf Deutschland bezogen, aber die Reise geht dorthin, wenn wir nicht umdenken. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir nannten eben einige Politiker:innen, die das wissen und versuchen, danach zu handeln. Bleibt die Frage, wie wir sie unterstützen könnten.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Durch Aufmerksamkeit. Politik funktioniert wie Medien durch Aufmerksamkeit. Je weniger darüber lästern, was Friedrich Merz mal wieder Dummes über ein anderes Land oder worüber auch immer gesagt hat, je mehr wir sagen, diese oder jene Person hat einen klugen Gedanken, hat hier ein kluges Interview gegeben, umso mehr stärken wir sie. Desto mehr mediale Aufmerksamkeit schaffen wir für diese Politiker:innen. Mediale Aufmerksamkeit ist in der Politik eben Werbung. </em></p>
<p><em>Ich kenne das ja selbst. Wenn ich früher hörte, dass jemand was Dummes gesagt hat, bin ich auch auf Twitter gegangen und habe kritisiert, was jemand da Dummes gesagt hat. Aber warum potenzieren wir die Aufmerksamkeit für dumme und böse Menschen? Warum machen wir nicht Menschen bekannter, die klug sind, die Visionen formulieren? Das würde ihnen mehr Macht geben, denn Aufmerksamkeit ist Macht. Das wäre eine Aufmerksamkeit, die von uns gesteuert wird! Wir verleihen diese Macht durch die Dinge, die wir lesen, die wir teilen, die wir erzählen. Wir gehen mit der Ressource der Aufmerksamkeit sehr unvorsichtig, sehr unbedacht um.    </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Januar 2026, Internetzugriffe zuletzt am 4. Januar 2026, Titelbild: Hans Peter Schaefer.)</p>
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		<title>Lina Morgenstern</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 04 Dec 2025 06:43:47 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Lina Morgenstern Volksküchengründerin, Sozialreformerin, Feministin, Zeitungsverlegerin Lina Morgenstern (1830 - 1909) wurde anlässlich ihres 70. Geburtstages im Jahre 1900 von einer englischen Zeitung zu den drei bedeutendsten Persönlichkeiten Berlins gewählt. Eine wichtige, fast vergessene Vordenkerin der deutschen Demokratiegeschichte. Mit heißem Herzen und kühlem Verstand ging sie bis an die Grenzen des Umsetzbaren. Im 19.  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-7 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-6 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-7" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Lina Morgenstern</strong></h1>
<h2><strong>Volksküchengründerin, Sozialreformerin, Feministin, Zeitungsverlegerin</strong></h2>
<p><a href="https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/lina-morgenstern">Lina Morgenstern</a> (1830 &#8211; 1909) wurde anlässlich ihres 70. Geburtstages im Jahre 1900 von einer englischen Zeitung zu den drei bedeutendsten Persönlichkeiten Berlins gewählt. Eine wichtige, fast vergessene Vordenkerin der deutschen Demokratiegeschichte. Mit heißem Herzen und kühlem Verstand ging sie bis an die Grenzen des Umsetzbaren.</p>
<p>Im 19. Jahrhundert durften Frauen per Gesetz weder eine Firma noch einen Verein gründen. Lina gelang all das. Aus einer wohlhabenden Breslauer Familie stammend brach sie aus dem von ihren Eltern vorgegebenen Lebensweg aus: Statt sich zu vergnügen und das schöne Leben zu genießen, kämpfte sie für <em>„das Gute“</em>. Dabei definierte Lina <em>„das Gute“</em> wie es Immanuel Kant in seiner Ethik definiert: <em>„Gut ist derjenige Wille, der ausschließlich durch Gründe der praktischen Vernunft bestimmt wird und nicht durch Neigungen.“</em></p>
<p>Als Gründerin von 17 Volksküchen versorgte sie täglich 10.000 hungrige Menschen und betreute mit ihrem Frauenteam an Berliner Bahnhöfen 300.000 aus dem Krieg von 1870/1871 zurückkehrenden Soldaten: Freund und Feind. Danach initiierte sie über 30 „Wohlfahrts-Startups“, die sich um alleinerziehende Mütter, haftentlassene Mädchen, Prostituierte und andere Bedürftige kümmerten. Mit Zeitgenossinnen gründete sie von Friedrich Fröbel inspirierte Kindergärten und exportierte die Idee nach England. Hinter der Maske von Linas quirligem Humor verbarg sich die nervöse Unrast einer leidenschaftlichen Unternehmerin.</p>
<p>Wie aber hat es die aus einer jüdischen Familie stammende Frau geschafft, trotz Anfeindungen von Antisemiten und Männerklüngeln ein humanistisches Lebenswerk zu hinterlassen, wie sonst kaum jemand?</p>
<h3><strong>Breslau 1846</strong></h3>
<div id="attachment_7666" style="width: 242px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7666" class="wp-image-7666 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-232x300.jpg" alt="" width="232" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-200x258.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-232x300.jpg 232w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-400x517.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-600x775.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-768x992.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-793x1024.jpg 793w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-800x1033.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-1189x1536.jpg 1189w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-1200x1550.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern.jpg 1434w" sizes="(max-width: 232px) 100vw, 232px" /><p id="caption-attachment-7666" class="wp-caption-text">Lina Morgenstern, Public Domain.</p></div>
<p>Als Lina 16 Jahre alt war, sandte ihr Vater sie auf die Höhere Töchterschule. Lina langweilte sich, denn es wurde vorwiegend Handarbeiten, Kochen und Nähen unterrichtet; sie wollte nicht mehr in diese Schule. Ihr strenger Vater Albert, ein in Breslau etablierter Möbel- und Antiquitätenhändler, warf seinem Kind Undankbarkeit vor, denn die private Höhere Töchterschule kostete ihn viel Geld, die meisten jungen Frauen bekamen gar keine Ausbildung – ein eskalierender Vater-Tochter-Streit.</p>
<p>Plötzlich wurde die Familie von der Revolution in Breslau überrascht. 1846 demonstrierten Arbeiter, Handwerker und Lehrer vor dem Schloss in Sichtweite der Familien-Wohnung. Bewaffnete Uniformierte stellten sich den Aufgebrachten entgegen, versuchten das Schlosstor zu schützen. Doch die Protestierenden stapften entschlossen darauf zu. Pflastersteine flogen, Schüsse fielen, Blut floss. Lina erkannte unter den Demonstranten einen jüdischen Jungen aus dem Nachbarhaus, kaum siebzehn Jahre alt. Er drängte sich mit seinem Freund nach vorne, warf einen Ziegelstein. Sofort wollte Lina mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester Jenny raus, um ihn zu unterstützen. Der Vater ließ es nicht zu. Deshalb konnte Lina nur mit dem Operngucker beobachten, wie vor der Wohnung die Demonstrierenden von Wachsoldaten niedergetrampelt und angeschossen wurden, darunter auch ihr Freund aus dem Nachbarhaus. Verzweifelt musste sie mitansehen, wie der Verblutende leblos wegetragen wurde.</p>
<p>Dieses Erlebnis muss Lina geprägt haben, denn bald darauf verfiel sie in eine Depression, flüchtete sich nächtelang bei schlechtem Kerzenlicht ins Lesen von Büchern über Medizin und Astronomie, bis sich Gesichtszuckungen und Augenprobleme einstellten. Die besorgte Mutter verbot ihrer Tochter die nächtliche Lektüre – was die Krise noch verschlimmerte. Schließlich erlaubte die Mutter der Sechzehnjährigen, eine Tanzschule zu besuchen.</p>
<h3><strong>Die Aktien der Liebe </strong></h3>
<div id="attachment_7667" style="width: 198px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.kremayr-scheriau.at/bucher-e-books/titel/lina-morgenstern/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7667" class="wp-image-7667 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-188x300.jpg" alt="" width="188" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-188x300.jpg 188w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-200x319.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-400x637.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-600x956.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-643x1024.jpg 643w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-768x1223.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-800x1274.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-964x1536.jpg 964w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-1200x1911.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-1286x2048.jpg 1286w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau.jpg 1594w" sizes="(max-width: 188px) 100vw, 188px" /></a><p id="caption-attachment-7667" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Polka. Lachen. Verträumte Blicke. Damenwahl. Auf glattem Parkett lernte Lina den neunzehnjährigen Theodor Morgenstern (1827-1910) kennen. Er kam aus Sieradz, einer kaum zweitausend Einwohner zählenden Kleinstadt mit Synagoge in der Nähe von Łódź. Der junge Mann erzählte von seiner lebensgefährlichen Flucht. Wie viele andere Juden hatte er sich am Krakauer Aufstand beteiligt und gegen Österreich, Russland und Preußen für eine polnische Nationalregierung gekämpft, denn nur diese versprach die vollständige <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCdische_Emanzipation">Gleichberechtigung der Juden</a>. Allerdings wurde der Aufstand von der österreichischen Armee brutal niedergeschlagen. Hals über Kopf musste Theodor flüchten. Lina war von seinem revolutionären Habitus angetan – was für ein Held. Und wie er tanzte! Trotz Etikette und den strengen Blicken des Tanzlehrers genoss Lina die Momente der gemeinsamen Bewegungen, des Festhaltens, der Nähe.</p>
<p>Lina wollte Theodor heiraten, am liebsten sofort. Sie wusste jedoch: Ihr Vater würde nicht zustimmen solange sie noch unter 20 war. Zu Linas 18. Geburtstag veranstaltete der Vater ein Fest, Lina aber durfte ihren Liebsten nicht einladen. Stattdessen bat der Vater Geschäftsfreunde und Adelige zu Tisch. Mitten auf der Feier riss Lina das Wort an sich und präsentierte ihre Idee eines <em>„Pfennigvereins“</em>: Für arme Arbeiterkinder bat sie alle Anwesenden monatlich einen Pfennig für Schulmaterial und Kleidung zu spenden. Einige Gäste versuchten, sich elegant aus der Affäre zu ziehen: Wer garantiere denn, dass die Spenden tatsächlich die Richtigen erhalten? Sollen die Zuwendungen vielleicht nur jüdische Kinder bekommen? Eloquent konnte Lina alle Zweifel zerstreuen. Noch auf dem Fest begann sie Geld einzusammeln. Schließlich gelang es ihr, dass nahezu alle Gäste ein <em>„Spendenabo“</em> unterzeichneten. Der Pfennigverein existierte dreißig Jahre lang, unterstützte 16.000 bedürftige Kinder und war Linas erstes Wohltätigkeits-Unternehmen.</p>
<p>Indes stellten Lina und Theodor fest: Zwischen ihnen bestand mehr als eine sinnliche Anziehung. Linas Art zu fragen, ihre Neugierde auf die Welt und ihre pointierten Schlussfolgerungen faszinierten Theodor. Beide mochten Menschen, die sich nicht anpassten und beide hatten Interesse an unternehmerischen Ideen. Natürlich verfügten sie auch über entgegengesetzte Charaktereigenschaften: Die spontane, quicklebendige und auf Äußerlichkeiten nichts gebende Lina und der kaum zu erschütternde Theodor, der es liebte, in feinem Zwirn zu beeindrucken. Lina lernte ihm zuliebe sogar seine Muttersprache. Lange hielten sich die beiden an ein damals übliches Motto, das aus einer oft verwendeten Liederstrophe (aus dem 17. Jahrhundert) stammt: <em>„Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß, als heimliche Liebe, von der niemand nichts weiß!“</em></p>
<p>Linas Vater recherchierte hinter ihr her und fand heraus: Theodor besaß nur eine kleine Handelsagentur, mit der er kaum in der Lage sein würde, eine Familie zu ernähren. Der Vater hielt Linas Geliebten für einen geschäftlichen Versager – was er seine Tochter wissen lässt. Hartnäckig stellte er Fragen: Was hat Theodor für Ziele? Wie stellt er sich die Zukunft seiner Agentur vor? Wie viel Geld hat er, wie viele Aktien?</p>
<p><em>„Die Aktien der Liebe!“</em> – Über sieben Jahre lang trafen sich die beiden, bis der Vater unwillig einer Hochzeit zustimmte.</p>
<h3><strong>Die verfeinerten Bedürfnisse der Zivilisation</strong></h3>
<div id="attachment_7668" style="width: 479px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7668" class="wp-image-7668 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-300x214.jpg" alt="" width="469" height="335" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-200x143.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-300x214.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-400x286.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-600x429.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-768x549.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-800x572.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-1024x732.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-1200x857.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-1536x1098.jpg 1536w" sizes="(max-width: 469px) 100vw, 469px" /><p id="caption-attachment-7668" class="wp-caption-text">Lina (Mitte) mit Müttern und Kindergartenkindern, Sammlung Rekel.</p></div>
<p>Um dem dominanten Vater zu entfliehen, zogen Lina und Theodor 1855 nach Berlin. Der Vater sprang über seinen Schatten und gewährte Lina eine großzügige Mitgift. Während Lina in Berlin schwanger wurde, verfolgte Theodor eine neue Geschäftsidee: Ein internationales Modehaus in der noblen Friedrichstraße. Es sollte ein Etablissement werden, wie es die Stadt noch nie gesehen hatte! Theodor kaufte von Linas Aussteuer die feinsten Kollektionen aus Paris, London und Konstantinopel und präsentierte seiden-, gold- und silbergewirkte Kleider auf zwei Etagen. Die Leipziger Illustrirte Zeitung vom 13. Dezember 1856 jubelte: <em>„Dank der <u>verfeinerten Bedürfnisse der Zivilisation</u>, die nun Herr Theodor Morgenstern erfüllt, wird Berlin endlich eine Weltstadt.“</em> Aufwendig warb Theodor mit teuren Zeitungsanzeigen um kaufkräftige Kundinnen. Und Lina wurde zum zweiten Mal schwanger. Nachts befasste sie sich mit den Erziehungsmethoden des Pädagogen <a href="https://froebel-museum.de/pages/de/friedrich-froebel/leben-und-werk.php">Friedrich Fröbel</a> (1782-1852) – für ihn hatten die Frauen die Zukunft der Menschheit in der Hand, denn sie gestalteten die ersten Lebensjahre, den entscheidenden Zeitabschnitt. Jede junge Frau sollte eine Ausbildung als Erzieherin erhalten; diese Ideen gefielen Lina.</p>
<p>Kaum schliefen die Kinder, versuchte sie aus Fröbels komplizierten Schachtelsatz-Schriften lesbare Exzerpte zu verfassen. Und sie gründete in Berlin – trotz des staatlichen Kindergarten-Verbots – mit Kolleginnen zusammen den ersten Fröbel-Kindergarten. Ein Erfolg.</p>
<p>Indes entwickelte sich <em>„Herr Morgenstern“</em> mit seinem exklusiven Modesalon in der Friedrichstraße zum Parvenü, war in Berlin gefragt und begehrt. Lina aber sorgte sich: Zwar besuchten viele Damen Theodors Geschäft, doch sie kauften wenig. In Wahrheit ging es der Familie immer schlechter. Ein drittes Kind verschärfte die Lage. Theodors Reserven und Linas Aussteuer waren bald aufgebraucht – was von den frisch Vermählten souverän verdrängt wurde.</p>
<p>Plötzlich konnte das Paar die Miete für die Wohnung nicht mehr bezahlen. Weder Linas noch Theodors Eltern wollten die junge Familie neuerlich unterstützen, der Schwiegervater fühlte sich bestätigt: Theodor ist ein Versager!</p>
<p>Tatsächlich schlitterte Theodor mit seinem Modehaus in den Bankrott. Der Schwiegervater verhinderte mit einer allerletzten Zuwendung das Schlimmste, doch Theodor musste seine unternehmerischen Träume aufgeben. Indes wurde Lina erneut schwanger, die jungen Eltern plagten nun Existenzängste: Wie die immer größer werdende Familie durchbringen?</p>
<p>Nächtelang grübelten die beiden, auch der sonst so geduldige Theodor geriet in Panik. Die Krise drohte, die Ehe zu zerreißen. Bis Lina realisierte: Nur sie konnte die Familie noch retten.</p>
<p>Verzweifelt besuchte Lina den Verleger und Chefredakteur des renommierten Modemagazins BAZAR und bot ihm ihren Artikel über Friedrich Fröbel an. Der Chefredakteur reagierte erst skeptisch. Nachdem er jedoch die ersten Absätze gelesen hatte, änderte er seine Meinung. Er forderte Lina auf, Fröbels komplizierte Schriften in ein unterhaltsames Handbuch zu verwandeln. Kaum zu Hause, setzte sich Lina an den Schreibtisch. Und schrieb in nur vier Wochen einen Bestseller: „Das Paradies der Kindheit“. Über 280 Seiten! Das Handbuch der Fröbel´schen Lehre erlebte sieben Auflagen, wurde in mehrere Sprachen übersetzt und stieß eine öffentliche Diskussion zum Thema gewaltfreie Erziehung an.</p>
<p>Vor allem konnte Lina mit den Tantiemen ihre Familie ernähren.</p>
<p>Nun schrieb sie weitere Auftrags-Bücher während Theodor sich um Haushalt und Kinder kümmerte &#8211; was in dieser Zeit völlig neu war und dem jungen Ehemann einiges abverlangte, denn zahlreiche Zeitgenossen verspotteten ihn als „Schwächling“. Das Paar lebte, was in dieser Zeit als unmöglich galt: <em>„Keine übertriebene Ehe“</em>, wie Lina es in ihrer Deutschen Hausfrauenzeitung selbst nannte – also eine gleichberechtigte. Mit viel Humor.</p>
<p>Parallel gründete Lina eine Vielzahl von Wohlfahrtsvereinen, kümmerte sich um haftentlassene Mädchen und alleinerziehende Mütter. Linas Motto, wie ebenso in ihrer Zeitung nachzulesen ist: <em>„Wir Frauen verlangen nicht Gnade, sondern Gerechtigkeit!“</em></p>
<p>Als Lina ob ihrer vielen Tätigkeiten schwächelte, schlug Theodor einen Familien-Urlaub vor. Im Süden. Am Meer. Erst reagierte Lina begeistert, dann irritierte sie der im Juni 1866 eskalierende Konflikt zwischen Preußen und Österreich – ein Krieg stand bevor. Die Not schwoll an, in Berlin grassierte Hunger, sogar Lehrer konnten ihre Familien nicht mehr ernähren.</p>
<p>Statt Urlaub hatte Lina eine andere Idee; sie wollte eine Volksküche gründen. Und zwar auf eine ganz neue Art: Das Unternehmen sollte sich selbst erhalten. Allerdings verfügte sie weder über Anfangskapital, noch über Räumlichkeiten und Personal. Wie also die Idee umsetzen?</p>
<h3><strong>Linas Businesskonzept </strong></h3>
<div id="attachment_7669" style="width: 479px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7669" class="wp-image-7669 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-300x199.jpg" alt="" width="469" height="311" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-300x199.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-400x266.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-600x398.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-768x510.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-800x531.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-1024x680.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-1200x797.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-1536x1020.jpg 1536w" sizes="(max-width: 469px) 100vw, 469px" /><p id="caption-attachment-7669" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Die_Gartenlaube_(1883)_b_477.jpg">Sonntags in der Volksküche</a>, Die Gartenlaube (1883), Originalzeichnung von H. Lüders, Wikimedia Commons.</p></div>
<p>Lina erlebte eine schlaflose Nacht, im Morgengrauen dann Heureka, sie hatte einen Plan: Spenden als Anfangskapital, freiwillige Helferinnen in der Küche, ein günstiger Raum und reduzierte Einheitspreise für jede Speise. Doch die Behörden wollten ihr weder einen Raum stellen noch konnte sie jemand auf die Schnelle überreden, Kapital zu borgen. Lina überzeugte Frauen aus dem Bürgertum, unentgeltlich beim Kochen und Essenverteilen zu helfen. Noch vor Kriegsbeginn beabsichtigte sie, die erste Küche zu eröffnen. Dafür aber benötigte sie dringend Geld. Ihre Idee: Ein Spendenaufruf in einer renommierten Zeitung. Wie aber an einen Chefredakteur gelangen, wie ihn überzeugen?</p>
<p>Kurzerhand besuchte sie die Vossische, eines der angesehensten Berliner Blätter dieser Tage. Der diensthabende Sekretär, ein Mann mit dicker Brille und zerschlissenen Manschetten, ließ Lina nicht zum Chefredakteur vor. Aufgrund ihrer Zielgerichtetheit strahlte Lina eine natürliche Autorität aus, die in dieser Zeit nicht selbstverständlich war. Zumeist trug die Sechsunddreißigjährige ein schwarzes, schmuckloses Kleid, ihre Haare hatte sie streng hochgesteckt, eine Nickelbrille zierte ihre Nase. Sie beharrte auf der Dringlichkeit ihres Anliegens und verlangte, Chefredakteur <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Otto_Lindner">Dr. Otto Lindner</a> (1820-1867) zu sprechen. Irgendwann gab der Sekretär nach.</p>
<p>Lina kämpfte sich zu Dr. Lindner vor. Der ebenfalls aus Breslau stammende Musikwissenschaftler fand Linas Idee interessant und lächelte freundlich. Im Laufe ihres Vortrags merkte sie jedoch, dass in diesem Lächeln ein Hauch von Verachtung steckte. Was will die Kleine schon ausrichten? Sie sprach den Sechsundvierzigjährigen darauf an, er konterte: Die Sache sei eben schwierig. Er wolle nur einen Spendenaufruf drucken, wenn Lina berühmte Berliner als Fürsprecher gewinnen könne. Andernfalls würden die Leser denken, Frau Morgenstern möchte bloß für ihre eigene Familie Geld einsammeln. Lina versprach, mit Honoratioren wiederzukommen. Es muss Lina getroffen haben, dass ihre Person offensichtlich nichts galt, sondern nur renommierte Männer. Doch sie kannte keine Renommierten.</p>
<p>Geschickt entwickelte Lina eine Strategie der kleinen Schritte. Erst verfasste sie ein leidenschaftliches Plädoyer, dann besuchte sie das Café Kranzler, setzte sich auf die schmale Terrasse und durchforstete die ausliegenden Zeitungen nach Berliner Persönlichkeiten. Als sie in <em>der Vossischen, in der Volkszeitung und im Beobachter an der Spree zehn vielverspr</em>echende Namen entdeckt hatte, ermittelte sie deren Adressen.</p>
<p>Beharrlich und mit spröder Herzlichkeit versuchte Lina, die Prominenten mit ihrem Plädoyer anzusprechen. Darunter <a href="https://www.dhm.de/lemo/biografie/rudolf-virchow">Dr. Rudolf Virchow</a> (1821-1901) von der Charité. Der renommierte Pathologe positionierte sich als Liberaler im Preußischen Abgeordnetenhaus gegen Bismarck. Als Lina den Arzt besuchte, bat sie ihn nicht direkt um Unterstützung, sondern fragte erst um Rat für ihr geplantes Kochbuch. Der fortschrittlich denkende Virchow mit seinen ernsten, wie aus Bronze gegossenen Gesichtszügen, hatte längst erkannt, dass sich nicht nur die Armen, sondern auch Menschen aus der unteren Mittelschicht schlecht ernährten. Er empfahl Lina, jedem Essen ausreichend Gemüse und 75 Gramm Fleisch beizumischen. Was Lina beherzigte. Dann erst fragte sie, ob er nicht als Fürsprecher der Volksküche in der Vossischen Zeitung erscheinen wolle. Er stimmte zu.</p>
<p>Ermutigt ging sie auf weitere Persönlichkeiten zu. Manchen Männern fiel es in dieser Zeit schwer, wie sie später in ihrer Autobiographie beschrieb, eine <em>„Kooperation“</em> mit einer Frau an führender Stelle zu akzeptieren. Geschickt bot Lina an, die Angesprochenen könnten sich ihre Unterstützung mehr als eine Art von <em>„freundlichem Hinweis“</em> oder <em>„kollegialen Rat“</em> vorstellen. Mit dieser diplomatischen Finte gelang es ihr, einige Honoratioren zu gewinnen, darunter den Verleger <a href="https://www.gewerkschaftsgeschichte.de/biografien-55540-franz-gustav-duncker-1822-1888.htm">Franz Duncker</a> (1822-1888) sowie Stadtgerichtsrat <a href="https://www.deutsche-biographie.de/sfz31122.html#ndbcontent">Karl Twesten</a> (1820-1870) als auch den Arzt und Schriftsteller <a href="https://www.projekt-gutenberg.org/autoren/namen/ring.html">Max Ring</a> (1817-1901), den Sozialpolitiker <a href="https://www.deutsche-biographie.de/sfz50667.html#ndbcontent">Adolf Lette</a> (1799-1868), den Fabrikanten <a href="https://www.dhm.de/lemo/biografie/werner-von-siemens">Werner Siemens</a> (1816-1892) und den Journalisten und ehemaligen Eisenbahndirektor <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Lehmann_(Schriftsteller)">Joseph Lehmann</a> (1801-1873), der das Vertrauen vieler Behörden genoss.</p>
<p>Als Lina schließlich die Unterstützungserklärungen der Vossischen vorlegte, genehmigte Chefredakteur Lindner einen Spendenaufruf. Damit gelang es ihr, bis zum 8. Juni 1866 ein Gründungskapital von 5.500 Thaler (entspricht 2025 circa 200.000 Euro) einzusammeln.</p>
<p>Von diesem Anfangskapital wollte Lina nun Lebensmittel sowie Geschirr kaufen und einen Raum mieten. Doch sie kam an das von ihr organisierte Geld nicht heran, denn die Männer des von ihr gegründeten Volksküche-Vereins verhinderten das – nur Männer durften in dieser Zeit juristisch einen Verein oder eine Firma gründen und Geld verwalten. Diese Männer aber zweifelten plötzlich an Linas Fähigkeiten, so schnell eine Küche eröffnen zu können. Nach harten Diskussionen genehmigte ihr der Vorstand schließlich eine kleine Teilsumme. Zum Probieren. Ausnahmsweise. Sofort legte Lina los. Trotzdem konnte sie nicht sicher sein: Würden ausreichend Gäste in den kleinen, rußigen Keller kommen?</p>
<p>Linas Kochkünste, der Duft der Suppen und ihr Konzept zogen tatsächlich Gäste an. Die Volksküche entwickelte sich zum Erfolg, sechzehn weitere folgten. Während der Deutsch-Französische Krieg tobte, versorgte Lina auf den Berliner Bahnhöfen von der Front zurückkommende Soldaten. Sie gründete sogar Notlazarette, um die 6000 Verletzten zu betreuen, weil sich der Staat nicht kümmerte. Überraschend besuchte Königin Augusta eine Küche. Sie verkostete Linas Graupensuppe, bewunderte die Arbeit der <em>„Ehrendamen“</em> und ermutigte Lina, ihren „Business-Plan“, wie man ihn heute nennen würde, zu verschriftlichen. Was Lina auch tat. Zahlreiche Städte übernahmen Linas Ideen, darunter Stockholm, Budapest, Wien und 25 anderen Metropolen.</p>
<h3><strong>Der Berliner Hausfrauenverein, das Universalkochbuch und eine Zeitung</strong></h3>
<div id="attachment_7670" style="width: 281px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7670" class="wp-image-7670 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-206x300.jpg" alt="" width="271" height="395" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-200x291.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-206x300.jpg 206w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-400x583.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-600x874.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-703x1024.jpg 703w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-768x1119.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-800x1165.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-1054x1536.jpg 1054w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-1200x1748.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-1406x2048.jpg 1406w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-scaled.jpg 1757w" sizes="(max-width: 271px) 100vw, 271px" /><p id="caption-attachment-7670" class="wp-caption-text">Im vollbesetzten Saal des Roten Rathauses. Berliner Ilustrirte Zeitung 4. Oktober 1896. Sammlung Rekel.</p></div>
<p>Weil Nahrungsmittel aufgrund der Inflation immer teurer wurden, eskalierten in Berlin Lebensmittel-Verfälschungen: Milch wurde mit Wasser verdünnt und mit Kreide eingefärbt, Mehl sowie Gips angedickt; Butter mit Schwerspat, Borax oder Blei versetzt, um das Gewicht zu erhöhen; von Parasiten befallenes Fleisch oberflächlich gesäubert und weiterverkauft. Deshalb starben unzählige alte Menschen und Babys, Lina ertrug es kaum. Erst gründete sie zur Aufklärung ein öffentliches Lebensmittelabor, dann mit Theodor den Berliner Hausfrauenverein: Sie erwarb große Mengen an Lebensmitteln bei Bauern und verkaufte diese – als Vorläufer von Lebensmittel-Genossenschaften – günstig an Mitglieder, um die Preise niedrig zu halten. Bald schon durften sich Lina und Theodor über 2.000 Mitglieder freuen.</p>
<p>Der Chefredakteur der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Staatsb%C3%BCrger-Zeitung">Staatsbürgerzeitung</a> Dr. Bachler allerdings kritisierte den Verein: Dieser schädige die Händler und verkaufe schlechte Qualität. In einem Pamphlet verunglimpfte er auch die Volksküche und behauptete, Lina wolle damit bloß die Arbeiter beruhigen, damit sie nicht demonstrieren. Und er fragte: Warum organisieren gerade <em>„geldgierige Jüdinnen“</em> Volksküchen statt deutscher Frauen?</p>
<p>Indes verfasste Lina in langen Nächten das „Universalkochbuch für Gesunde und Kranke“ mit 2732 Rezepten und über 700 Seiten. Es entwickelte sich zum Welterfolg mit elf Auflagen und zahlreichen Übersetzungen. Weitere Bücher folgten.</p>
<p>Gegenüber Dr. Bachler beschloss sie, den Spieß umzudrehen. Sie wollte ihn mit seinen eigenen Mittel schlagen und eine Zeitung gründen. Ausschließlich von Frauen für Frauen. Ohne Mode, Klatsch und Tratsch. Dafür mit juristischer, medizinischer und lebensmitteltechnischer Beratung als auch, um für Frauenrechte zu kämpfen. Da sie keinen Investor fand, riskierte sie die gesamten Einnahmen aus ihren Buch-Verkäufen.</p>
<p>Die Zensurbehörden unter Bismarck machten es bereits Männern schwer, in einer Zeitung ihre Meinung frei zu äußern. Erst recht unmöglich war es, für eine jüdische Frau eine Zeitung zu gründen! Bismarck hatte Überwachung und Zensur verstärkt, über 6.000 Staatsdiener kontrollierten in Berlin Flugzettel, Plakate und sämtliche Druckerzeugnisse, unterstützt von einer Schar <em>„</em><em>Geheimer in Zivil“</em>. Die Berliner ätzen: <em>„Statt Gas und Elektrizität, an jeder Ecke ein Schutzmann steht!“</em></p>
<p>Um die Zensur zu umschiffen, nutzte Lina einen raffinierten Trick: Sie gründete keine Zeitung, sondern gab bloß ein <em>„Informationsblatt“</em> ihres Berliner Hausfrauenvereins heraus. Dagegen konnte kein Amt etwas haben. In Wahrheit hatte das Informationsblatt alle Merkmale einer kritischen Zeitung, die sich für Wohlfahrt und Frauenrechte einsetzte. Es war ein Journal ohne Mode, Klatsch und Tratsch. Ausschließlich von Frauen für Frauen. Darin veröffentlichte Lina Hinweise, wie Frauen dem damals üblichen Lebensmittelbetrug zu erkennen vermochten, wie sie zu einer besseren Ausbildung gelangten und ihre Rechte einklagen konnten. Vor allem kämpfte Lina darum, dass Frauen zum Abitur zugelassen werden und Universitäten besuchen durften.</p>
<p>Sofort wetterte Chefredakteur Dr. Otto Bachler in seiner Staatsbürgerzeitung dagegen, machte sich über das <em>„Damenblättchen der Frau Lina“</em> lustig. Schon bald aber war Linas Hausfrauenzeitung ohne Klatsch und Tratsch erfolgreicher als Dr. Bachlers Gazette. Bis nach Australien gewann Lina Abonnentinnen.</p>
<p>In Rage lancierte Dr. Bachler in der Staatsbürgerzeitung eine Kampagne: Er unterstellte Lina, sie versetze in ihren Läden des Berliner Hausfrauenvereins Feigenkaffee mit Sägespänen und verkaufe verschimmeltes Obst. Mehr noch: Angeblich vergifte Lina in den Volksküchen sogar die Arbeiter!</p>
<p>Anfangs versuchte Lina, die absurden Vorwürfe zu ignorieren. Doch als andere Zeitungen die Unterstellungen ungeprüft übernahmen und über 1.000 Mitglieder aus ihrem Hausfrauenverein austraten als auch Linas Volksküchen schlechter besucht wurden, sah sie keinen Ausweg mehr. Verzweifelt entschied sie sich, gegen Dr. Bachler zu klagen.</p>
<h3><strong>Der Prozess </strong></h3>
<div id="attachment_7671" style="width: 235px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7671" class="wp-image-7671 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-400x533.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-600x800.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-768x1024.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-800x1067.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-1152x1536.jpg 1152w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-1200x1600.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-1536x2048.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-scaled.jpg 1920w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /><p id="caption-attachment-7671" class="wp-caption-text">Gerichtsakte Lina Morgenstern. Foto: Gerhard J. Rekel.</p></div>
<p>Vor einem Berliner Gericht nützte Chefredakteur Dr. Bachler 1883 die antisemitische Stimmung und brachte Lina in arge Bedrängnis. Er bezichtigte sie des vorsätzlichen Betrugs und rief als Zeugen einen Feigenkaffeehändler auf, der behauptete, Lina hätte in ihren Vereinsläden tatsächlich ihrem Kaffee reichlich Mahagoni-Späne beigemischt. Lina gelang es nachzuweisen, dass der Händler dem Hausfrauenverein seinen Kaffee angeboten hatte – doch dieser war Theodor zu teuer gewesen, er hatte das Angebot abgelehnt. Nun wollte sich der Händler rächen!</p>
<p>Es schien den Richter zu überzeugen. Da holte Dr. Bachler einen Militärarzt in den Zeugenstand. Dieser sagte aus, Lina hätte 1870 durch falsche medizinische Behandlungen in ihren Notlazaretten den Tod von mindestens fünfzig deutschen Soldaten verschuldet. Außerdem hätte sie auch Feinde behandelt – nämlich französische Gefangene! Plötzlich stand eine Anklage gegen Lina wegen fahrlässiger Tötung, Betrug und Landesverrat im Raum. Bis zu 15 Jahre Gefängnis drohten!</p>
<p>Inzwischen ruinierte Dr. Bachler mit weiteren Verleumdungen in der Staatsbürgerzeitung den Ruf von Volksküche und Hausfrauenverein, sodass Lina mit ihren Vereinsläden in den Bankrott schlitterte.</p>
<p>Der Prozess dauerte über 15 Monate. Immer mehr Menschen behandelten Lina herablassend. Ein Netz von Missachtung und Schuldzuweisungen stülpte sich über sie und raubte ihr den Schlaf. Irgendwann verließen Lina die Kräfte. Zittern, Herzrasen, Gesichtszuckungen – wie mit 16 Jahren, als Lina die Höhere Töchterschule besuchte. Die Volksküchen, die Vereine, die Zeitung, der Prozess und ihre fünf Kinder – war es ein Zuviel an machen, wollen, verändern?</p>
<p>Im letzten Moment gelang es Lina, einige Soldaten in den Zeugenstand zu rufen, die sie 1870 in ihren Notlazaretten gerettet hatte. Die Männer erzählten die Wahrheit. Schließlich sprach der Richter das Urteil. Dr. Bachler wurde wegen Verleumdung zu einer Strafe von 39 Tagen Haft oder 390 Mark Geldbuße verdonnert. Lina gewann in allen Punkten und freute sich.</p>
<p>Doch bald fiel ihr auf: Die Not von über einer Million alleinstehenden Frauen ohne Arbeit wurde immer größer. Da entschloss sie sich, einen Schritt weiter zu gehen, politischer zu werden. Ihre neue Idee: Der 1. Internationale Frauenkongress auf deutschem Boden! Im Herbst 1896 empfing Lina mit ihren Kolleginnen über 1700 Besucherinnen aus der ganzen Welt im Roten Rathaus. 65 internationale Zeitungen berichteten neun Tage lang. Die Delegierten forderten das Wahlrecht für Frauen, Zugang zu Ausbildungen und Universitäten sowie die juristische Gleichstellung in Geschäftsangelegenheiten. Bald darauf gaben sogar konservative Politiker zu, dass mehr für Frauen getan werden müsse. In den folgenden Jahren wurde der Zugang zu Abitur und Universitäten für Frauen erleichtert, weitere Verbesserungen folgten. Langsam. Sehr langsam.</p>
<h3><strong>Das Geheimnis ihres Erfolgs</strong></h3>
<p>Wie hat es die aus einer jüdischen Familie stammende Frau geschafft, trotz Anfein­dungen von Antisemiten und Männerklüngeln ein humanistisches Lebenswerk zu hinterlassen, wie sonst kaum jemand? Was waren ihre Methoden, wie konnte sie sich durchsetzen?</p>
<p>Lina hatte zwei große Geheimnisse: Das ihrer unglaublich modernen Ehe und das ihres fulminanten Lebenswerks. Davon erzählt meine Biografie <a href="https://www.kremayr-scheriau.at/bucher-e-books/titel/lina-morgenstern/">„Lina Morgenstern – Die Geschichte einer Rebellin“</a>, die auf über 700 Quellen beruht, viele davon neu entdeckt und erstmals veröffentlicht. Lina Morgensterns Geschichte ist eine, die Mut macht!</p>
<p><strong>Gerhard J. Rekel</strong>, Berlin</p>
<p>(Anmerkungen: <a href="https://www.gerhardrekel.com/">Gerhard J. Rekel</a> ist Autor der im Verlag Kremayr &amp; Scheriau im Jahr 2025 erschienenen Biographie „Lina Morgenstern“. Erstveröffentlichung dieses Porträts im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> im November 2025, Internetzugriffe zuletzt am 2. Dezember 2025, Titelbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Volksk%C3%BCche_in_Wien_-_Theodor_Breitwieser_-_%C3%9Cber_Land_und_Meer_43_(1880).jpg">Volksküche in Wien</a>, aus: Theodor Breitwieser in der Zeitschrift Über Land und Meer 43, 1880. Wikimedia Commons.)</p>
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		<title>Die Freiheit ist konkret</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-freiheit-ist-konkret/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 25 Nov 2025 05:20:45 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die Freiheit ist konkret Donata Vogtschmidt MdB über Cybersicherheit und digitale Souveränität „IT-Sicherheit für alle hat doch etwas mit digitaler Souveränität zu tun. Was ich damit meine? Europäischer Datenschutz nützt wenig, wenn – wie es leider die Realität ist – wir vorwiegend Software wie Instagram, Tiktok oder X nutzen, die von Anbietern aus den  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-8 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-7 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-8" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Die Freiheit ist konkret</strong></h1>
<h2><strong>Donata Vogtschmidt MdB über Cybersicherheit und digitale Souveränität</strong></h2>
<p><em>„IT-Sicherheit für alle hat doch etwas mit digitaler Souveränität zu tun. Was ich damit meine? Europäischer Datenschutz nützt wenig, wenn – wie es leider die Realität ist – wir vorwiegend Software wie Instagram, Tiktok oder X nutzen, die von Anbietern aus den USA oder aus China kontrolliert wird, wo sich das Interesse für unsere Grundrechte eher in Grenzen hält. Das macht uns nicht nur angreifbar für Datenmissbrauch, sondern auch einfach extrem erpressbar: wirtschaftlich durch Ausbeutung und politisch durch mutwillige Sanktionen.“ </em>(<a href="https://dserver.bundestag.de/btp/21/21028.pdf#P.2964">Donata Vogtschmidt am 25. September 2025 im Deutschen Bundestag</a>)</p>
<p><a href="https://www.donatavogtschmidt.de/home/">Donata Vogtschmidt</a> (*24. Februar 1998) ist eine der neuen und jungen Abgeordneten in der Bundestagsfraktion der Linken. Sie wurde in Koblenz geboren, wuchs in Eisenach auf und studierte Staatswissenschaften mit Schwerpunkt Sozial- und Wirtschaftswissenschaften an der Universität Erfurt. Sie erwarb dort im Jahr 2022 den Abschluss eines Master of Arts. Seit 2021 war sie Mitglied des Thüringer Landtags. Nach der Wahl vom 23. Februar 2025 wurde sie über die Thüringer Landesliste der Partei Mitglied des Deutschen Bundestags, für den sie im Wahlkreis Eichsfeld – Nordhausen – Kyffhäuserkreis (188) kandidiert hatte. Im Landtag war sie Sprecherin der Fraktion für Katastrophenschutz und Feuerwehr, im Bundestag ist sie Obfrau ihrer Fraktion im Ausschuss für Digitales und Staatsmodernisierung, Sprecherin für Digitalpolitik und Cybersecurity, Mitglied des Verteidigungsausschusses sowie stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Forschung, Technologie, Raumfahrt und Technikfolgenabschätzung und in der Enquête-Kommission Corona. Ihre Wahlkreisbüros liegen in Sondershausen, Heilbad Heiligenstadt, Eisenach und Jena. Ehrenamtlich ist Donata Vogtschmidt als stellvertretende Vorsitzende des Landfrauenrates Thüringen e.V. aktiv.</p>
<h3><strong>Das neue Digitalministerium</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das Internet, soziale Netzwerke, künstliche Intelligenzen verändern unseren Alltag. Manche sehen nur die Chancen, andere nur die Ängste, die dies bei ihnen auslöst. Wie lassen sich diese beiden Einstellungen miteinander vereinbaren?</p>
<div id="attachment_7623" style="width: 436px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7623" class="wp-image-7623 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Donata-Vogtschmidt-3-Foto-Olaf-Kostritz-300x169.jpg" alt="" width="426" height="240" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Donata-Vogtschmidt-3-Foto-Olaf-Kostritz-200x113.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Donata-Vogtschmidt-3-Foto-Olaf-Kostritz-300x169.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Donata-Vogtschmidt-3-Foto-Olaf-Kostritz-400x225.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Donata-Vogtschmidt-3-Foto-Olaf-Kostritz-600x338.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Donata-Vogtschmidt-3-Foto-Olaf-Kostritz-768x432.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Donata-Vogtschmidt-3-Foto-Olaf-Kostritz-800x450.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Donata-Vogtschmidt-3-Foto-Olaf-Kostritz-1024x576.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Donata-Vogtschmidt-3-Foto-Olaf-Kostritz-1200x676.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Donata-Vogtschmidt-3-Foto-Olaf-Kostritz-1536x865.jpg 1536w" sizes="(max-width: 426px) 100vw, 426px" /><p id="caption-attachment-7623" class="wp-caption-text">Donata Voigtschmidt MdB, Foto: Olaf Kostritz. Das Foto wurde im Paul-Löbe-Haus aufgenommen.</p></div>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Das Internet ist für uns alle inzwischen nicht mehr unbedingt Neuland. Der Alltag wird immer mehr digital bestimmt. Neu ist in der aktuellen Regierung jedoch, dass wir erstmals ein Digitalministerium haben, das auch für Staatsmodernisierung zuständig ist. Ich persönlich habe große Hoffnungen, dass das auch im politischen Diskurs angekommen ist. Wir haben in Deutschland so wahnsinnig viel aufzuholen, in Bezug auf die Infrastruktur, auf die digitale Sicherheit. So gut und so schön Digitalisierung ist, gibt es eben auch die andere Seite der Medaille mit zahlreichen Sicherheitslücken, die man zunächst vielleicht gar nicht mitdenkt. Auf der Verwaltungsebene arbeiten beispielsweise einige noch – überspitzt gesagt &#8211; mit Windows XP und es ist nun einmal sehr einfach, sich dort einzuhacken. Ich habe das vor etwa drei Jahren in Suhl erlebt, als die gesamte Stadtverwaltung durch einen solchen Angriff lahmgelegt wurde. Es ist daher wichtig, dass es die staatliche Seite Vorgaben schafft, die das Risiko reduzieren. </em></p>
<p><em>Hier gibt es dann auch die Verbindung zum Verteidigungsbereich. Krieg wird heute nicht mehr nur mit Panzern und Kampfflugzeugen geführt, sondern eben auch im digitalen Raum. Es gibt große Angriffe auf die Infrastruktur. Wenn jemand beispielsweise ein Unterseekabel kappt, kann die Stromversorgung einer ganzen Region ausfallen, sodass zum Beispiel Krankenhäuser nicht mehr funktionsfähig sind. Es ist sehr einfach, solche Lücken zu finden und anzugreifen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Man kann den Luftverkehr behindern, Flughäfen lahmlegen, man kann sich in die Bundesregierung oder den Deutschen Bundestag einhacken. Das ist ja alles auch schon passiert, nicht erst in letzter Zeit, als über Drohnenangriffe aus Russland debattiert wurde. Was wird im Bundestag in Bezug auf das neue Ministerium in diesem Kontext diskutiert?</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Bei allen ist die Hoffnung auf das Ministerium sehr groß. Allerdings ist es noch im Aufbau, weil es von Null startet und komplett neu aufgebaut werden muss, mit qualifiziertem Personal, mit Zuständigkeiten und Haushaltsmitteln. Wir haben erstmals einen Ausschuss, der in der Gesetzgebung auch federführend sein kann. Aber ehrlich gesagt sehen wir zurzeit noch nicht, was die Herzensthemen von Minister Wildberger sind. Es gibt noch keine Zeitpläne, wann welches Projekt begonnen, wie es finanziert und wann es abgeschlossen sein soll. Aber es ist natürlich auch ein riesiges Gebiet. Alles kann im Prinzip digitalisiert werden, die Krankenhäuser und Arztpraxen über die e-Patientenakte, die öffentliche Verwaltung, die Schulen und Hochschulen, die Wirtschaft und der Arbeitsmarkt. </em></p>
<p><em>Auch der Datenschutz spielt durchweg eine zentrale Rolle. Stichworte sind hier wirtschaftliche Autonomie und digitale Souveränität. Dies schwingt als Kernthema immer mit. Was passiert mit dem nicht-europäischen Ausland? Zurzeit ist es in Deutschland so, dass unsere digitale Infrastruktur zu großen Teilen auf US-amerikanischen Servern liegt, weil wir in Europa keinen eigenen Serverpark haben. Jetzt ist natürlich nicht die beste Zeit, sich von jemandem abhängig zu machen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir führen unser Gespräch über zoom, weil das für meine Bedarfe von den verschiedenen Systemen einfach am komfortabelsten ist.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Ja, wir sind gerade auf zoom! Wir müssen schauen, wie wir in Deutschland mit unseren eigenen Vorgaben und Dienstleistungen digital souverän werden. Diese müssen wir natürlich auf europäischer Ebene abstimmen und normieren. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In einer friedlichen Welt mit verlässlichen Partnern wäre es auch kein Problem, sich innereuropäisch und außereuropäisch abzustimmen. Aber in einer solchen Welt leben wir leider nicht. Viele Hoffnungen, die wir noch in den 1990er Jahren hatten, sind heute Geschichte.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Ich bin keine Freundin davon, dass jedes Land seine eigene digitale Infrastruktur hat, dass wir in Deutschland, in Polen, in Frankreich jeweils eigene Serverparks haben. Wir brauchen eine europäische Lösung mit europäischen Richtlinien. Das wäre schon einmal ein guter Anfang, aber damit hätten wir auch schon vor einigen Jahren anfangen müssen. </em></p>
<h3><strong>Datensicherheit und Bürokratieabbau</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auch in der Kriminalitätsbekämpfung besteht das Problem. Wir haben zurzeit eine Debatte über die Software Palantir. Wenn ich mehr Daten habe, habe ich noch lange nicht mehr Sicherheit.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Palantir ist das Modul von Peter Thiel, mit engen Verbindungen zu Donald Trump. In einigen Bundesländern wurde es bereits eingeführt. Auf Bundesebene lässt Innenminister Dobrindt zurzeit die bundesweite Einführung prüfen. Aber wie werden die über Palantir erhobenen Daten überhaupt genutzt? Wir wissen, dass Palantir in Israel bereits eingesetzt wurde. Es wurden über 220 Millionen Stunden Material gespeichert, doch niemand weiß, wie diese Daten ausgewertet werden, was mit diesen Daten geschieht. Wie wird zum Beispiel Künstliche Intelligenz damit trainiert? KI klingt erst einmal sehr chic, aber es ist eine riesige Black Box. Wir gehen natürlich ein großes Risiko ein, wenn wir Deutschland flächendeckend videoüberwachen, mit biometrischer Gesichtserkennung. Was geschieht, wenn diese Daten in die falschen Hände geraten? Zum Beispiel bei einer rechtsextremistischen Regierungsbeteiligung?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir wissen nicht, wie die Landtagswahlen im Jahr 2026 in Sachsen-Anhalt und in Mecklenburg-Vorpommern ausgehen. Wird es dann Innenminister mit AfD-Parteibuch geben? Manchmal denke ich darüber nach, dass die Nazis es mit den heutigen technologischen Mitteln geschafft hätten, nicht nur sechs Millionen Jüdinnen und Juden zu ermorden, sondern womöglich zehn Millionen.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Definitiv. Das eine riesengroße Gefahr. Ich höre immer wieder, dass mir Leute sagen, sie hätten doch nichts zu verbergen, sie könnten ein gläserner Bürger sein, der Staat dürfe ruhig alles wissen, denn man mache doch alles richtig. Im Zweifel kann alles gegen einen verwendet werden. Was hätten die damaligen Nazis mit diesen Mitteln erreichen können? Was könnten die neuen Nazis – wie man sie so nennt – damit erreichen? </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Verfügbarkeit von Daten ist ein grundsätzliches Problem, das es nicht erst seit gestern gibt. In der alten Bundesrepublik gab es zu Beginn der 1980er Jahre eine Debatte über eine geplante Volkszählung. <a href="https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/1983/12/rs19831215_1bvr020983.html">Das Bundesverfassungsgericht entschied 1983, dass Teile des Volkszählungsgesetzes verfassungswidrig seien</a>. Ich wage einen weiten Bogen: <a href="https://www.sueddeutsche.de/wissen/wissenschaftler-usa-deutschland-trump-li.3326988">In der Süddeutschen Zeitung berichtete am 22. Oktober 2025 der Historiker Thomas Zimmer von der Georgetown University über Denunziation und Selbstzensur</a>: <em>„Am bekanntesten ist die „Professor Watchlist“, das ist eine Art Denunziationsliste für Uni-Dozenten im Internet. Sie ist das Werk von Turning Point USA, der Organisation des jüngst erschossenen Charlie Kirk. Studierende sollen dort Professoren melden, die sie für irgendwie ‚links‘ halten. Auf der Liste landet man ganz schnell, wenn man etwas unterrichtet, das am Rand mit Rassismus, Geschlechtergerechtigkeit oder Klimawandel zu tun hat. Wenn man da draufsteht, wird man von der Maga-Community überzogen mit einer Lawine von Anfeindungen und Drohungen.“ </em>Die AfD hat in manchen Bundesländern bereits Portale eingerichtet, auf denen Eltern aus ihrer Sicht <em>„linke“</em> Lehrer:innen anzeigen konnten. Die KMK hat zeitgleich mit einer <a href="https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2009/2009_03_06-Staerkung_Demokratieerziehung.pdf">Empfehlung zur Demokratie in der Schule</a> im Oktober 2018 beschlossen, dass solche Portale unzulässig seien (leider wurde der Beschluss nicht veröffentlicht). Mit einem einzigen AfD-Schulminister wäre ein solcher Beschluss wegen des Einstimmigkeitsprinzips in der KMK nicht mehr möglich.</p>
<p>Das ist eine Seite, eine andere ist die Funktionsfähigkeit in Kommunen. Wenn Jugend- und Ausländeramt, Jobcenter, Ordnungsamt und Schulamt, gegebenenfalls auch die Schulaufsicht, die eine Landesbehörde ist, keine Daten austauschen können, ist wirksame Hilfe oft nicht mehr möglich. Ich denke dabei auch an das Thema Kinderschutz, Prävention und Intervention bei Kindeswohlgefährdung. Für Prävention und Intervention bei rechtextremistischen oder islamistischen Gefährdern gilt das Gleiche.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Manchmal wusste eine Behörde schon Bescheid, griff aber nicht ein. Aber da ist der Bürokratietiger, den wir in Deutschland haben. Wir müssen gar nicht über Gefährdungssituationen im Kinderschutz und in der Kriminalität sprechen, es sind Alltagsprobleme. Das eine Problem liegt darin, dass das Arbeitsamt etwas weiß, die Krankenkasse etwas anderes, und Ämter und Einrichtungen nicht miteinander kommunizieren. Dazu kommt aber auch, dass man oft gar nicht weiß, welches Formular genutzt werden soll und wohin es geschickt werden soll. Wir haben in Deutschland viel zu viele Formulare. Ich kann zum Beispiel ein Auto immer noch nicht überall digital anmelden. </em></p>
<p><em>Ich bin gar nicht dafür, dass alles komplett digitalisiert werden soll, weil das manche Personengruppen ausschließt. Eine ältere Dame, die vielleicht alleine lebt, keinen Computer nutzt, sollte sich nicht bei Ämtern, die sie braucht, online anmelden müssen.</em> <em>Das wäre zu viel des Guten. Wir haben in Deutschland noch etwa vier Millionen Menschen, die nicht an das Internet angebunden sind. Es ist auch völlig legitim, wenn sie das gar nicht möchten. Ich glaube, wir brauchen einen Mittelweg, damit möglichst alle beteiligt werden können, es aber auch möglichst vereinfacht wird. Jede Regierung schreibt sich den Bürokratieabbau auf die Fahne. Aber besser ist es leider nicht geworden.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe über 30 Jahre in einem Bundes- und einem Landesministerium gearbeitet. Es hieß immer, wir müssen die Bürokratie abbauen, hatte aber als einzige Idee die Reduzierung des Personals. Es wäre schlauer gewesen, Vorschriften und Berichtspflichten zu reduzieren.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>So ist es: Wenn ich in der Abteilung 20 Personen weniger habe, aber nach wie vor dieselbe oder gar eine erhöhte Zahl von Formularen und Berichten bearbeiten muss, dauert der Weg durch die Ämter einfach nur noch länger. </em></p>
<h3><strong>Wem gehören welche Daten?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir haben bis zu diesem Punkt eine Art Bestandsaufnahme der Problemlagen versucht, dazu auch schon die ein oder andere Perspektive anklingen lassen. Welche Position vertritt die Linke zu Bürokratieabbau, Datenschutz und Cybersicherheit?</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Wir sind natürlich für Bürokratieabbau. Bürokratie muss bürger.innen- und nutzer:innenfreundlich werden. Man muss mit sehr wenig Aufwand viel erreichen können. Bürokratie muss auch barrierefrei sein. Wenn ich mir manche Formulare anschaue, dann verstehen das vielleicht die Beamt:innen, aber nicht die Bürger:innen, die sie ausfüllen müssen. Es kann nicht sein, dass man mehrere Schleifen laufen muss, weil man wieder einmal irgendetwas falsch ausgefüllt hat. Das ist auch Arbeitszeit, die durch ein einfacheres Formular hätte eingespart werden können. </em></p>
<p><em>Zum Austausch von Daten, zum Datenschutz treten wir dafür ein, dass es einen strengen Datenschutz gibt. Das gilt für öffentliche wie für private Daten, gerade jetzt bei dem absehbaren Ausbau von KI. Ich hatte zuletzt im Digitalausschuss nachgefragt, ob es eine KI-Regulierung von Seiten der Bundesregierung geben sollte. Dazu gab es keine abschließende Antwort, man wollte es erst einmal zur Prüfung mitnehmen. </em></p>
<p><em>Ich nenne ein Beispiel: Wenn ich WhatsApp öffne und mit einer Freundin einen Junggesellinnenabschied in der Gruppe planen würde, ist das private Kommunikation. WhatsApp sieht das jedoch als öffentliche Kommunikation und kann damit KI trainieren. An diesem kleinen Beispiel sieht man schon, wie brisant es ist, öffentliche und private Daten voneinander zu unterscheiden. Die Daten müssen daher weiterhin den Nutzer:innen gehören. Um dies zu sichern, reichen die vielen Seiten, die man bei Aufruf einer Webseite herunterscrollt, nicht aus, die liest sich eh kaum noch jemand durch. </em></p>
<p><em>Der Blick auf den Datenschutz verändert sich durch KI noch einmal erheblich. Im Koalitionsvertrag steht, dass KI ein „Innovationstreiber“ ist und dass man viel mehr KI nutzen und trainieren solle. Eine andere Seite der Gefahren, die KI mit sich bringt, wird im Koalitionsvertrag jedoch nicht erwähnt. Wir als Linke sehen unsere Oppositionspartei darin, dass die „Innovationsrolle“ der KI schön und gut ist, wir aber auf jeden Fall auch die andere Seite, den „Datenschutz“ und damit das persönliche Eigentumsrecht an privaten Daten mitdenken müssen.     </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist ja nicht immer einfach. Ich nenne einmal zwei Fallkonstellationen. Der eine Fall sind die Daten von und über sogenannte „Gefährder“, gleichviel ob Islamisten oder Rechtextremisten, Leute, die Schlimmes im Schilde führen und jederzeit irgendwo zuschlagen könnten. Das zweite Thema ist der Kinderschutz. Wir hatten in den letzten Jahren mehrere Fälle groß angelegter Netzwerke der Kinderpornographie. Grooming im Internet gehört auch in diesen Rahmen. Manchmal weiß eine Polizeibehörde etwas, aber andere zuständige Behörden erfahren es nicht.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Kinderschutz im digitalen Raum ist eines unserer Schwerpunktthemen. Zuständig ist bei mir im Digitalbereich meine Kollegin Anne-Mieke Bremer. Hier spielt das Thema „Chatkontrolle“ eine Rolle. Die Bundesregierung hält das für eine gute Sache, weil man dann immer überall hineinschauen kann, was wer plant und was geschieht. Man kann so natürlich Personen mit kriminellen Absichten ausfindig machen. Aber das ist wieder nur die eine Seite. Für manche ist Kinderschutz ein vorgeschobener Deckmantel, um Chatkontrolle mit Staatstrojanern zu legitimieren. Das war auch Thema meiner </em><a href="https://dserver.bundestag.de/btp/21/21031.pdf#P.3289"><em>Rede vom 9. Oktober 2025 im Bundestag</em></a><em>. </em></p>
<p><em>Meines Erachtens ist Chatkontrolle nicht das Allheilmittel. Es kommt darauf an, wer welche Daten in Händen hält. Wir haben dies eben im Kontext der Debatte um die Einführung von Palantir bereits angesprochen. Vor einigen Jahren gab es eine Anhörung zum Thema Chatkontrolle. Jemand aus Nordrhein-Westfalen berichtete von Fallbeispielen in Polizeibehörden, in denen sogar Täter saßen, die über die Daten, die sie über die Chatkontrolle erhielten, erst recht Zugang zu Kindern erhielten. Das gibt es natürlich auch und wie geht man damit um?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein paralleler Fall wäre es, wenn ein junger Rechtsextremist oder Islamist zur Bundeswehr geht, weil er so schneller an Waffen kommt.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Genau das. Chatkontrolle ist aus meiner Sicht kein Allheilmittel zur Prävention gegen kriminelle Machenschaften. Wir müssen auch darauf schauen, welche Formen der Regulierung die Plattformen haben. Welche haben sie noch? Natürlich gibt es die Möglichkeiten der staatlichen Regulierung von Plattformen, auch auf EU-Ebene, aber die meisten Plattformen befinden sich nicht im europäischen Bereich. Ich rede jetzt nicht vom Darknet, das ist ein Fall für sich. Deutschland kann allenfalls Plattformen sperren. Dann gäbe es natürlich auch wieder VPN-Tunnel. Aber das ist nicht die Lösung.</em></p>
<p><em>Wir diskutieren zurzeit auch über Social-Media-Verbote für Kinder und Jugendliche. Aber was erreiche ich damit? Das ist leicht umgehbar und es nimmt die Verantwortung von den Plattformen weg, die an sich dafür sorgen sollten, dass Kriminelles oder Fake-News nicht auf dieser Plattform stattfinden beziehungsweise angezeigt werden.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist der große Konflikt mit den USA. Dort wird alles, was bei uns als Fake-News oder als Hassbotschaft gilt, als Meinungsfreiheit hochgehalten. In Wirklichkeit geht es natürlich nur um die Enthemmung und Profite der hinter Facebook, Instagram, TikTok und anderen stehenden Unternehmen. Abgesehen davon sorgt die US-amerikanische Politik zurzeit dafür, dass ihnen unliebsame Inhalte aus dem Netz verschwinden. Es gibt eine umfangreiche Wortliste, darunter auch das Wort <em>„woman“</em>, die nicht mehr vorkommen sollen. <a href="https://www.spiegel.de/kultur/donald-trump-diese-200-woerter-sollen-aus-us-regierungsdokumenten-verschwinden-a-7b7dc461-a924-4548-a083-b11c4843a651">Der SPIEGEL hat die Liste auf seiner Seite veröffentlicht</a>.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Welche Konfliktlinie gibt es mit den USA zurzeit gerade nicht? Aber man hätte sich vorbereiten können.</em></p>
<h3><strong>Medienkompetenz und Kontrolle der Plattformen – zwei Seiten einer Medaille</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich möchte noch einmal auf die diskutierten Social-Media-Verbote für Kinder und Jugendliche zurückkommen. Australien hat dies für junge Menschen unter 16 Jahre jetzt gesetzlich geregelt. Die dänische Regierung hat einen entsprechenden Vorschlag für ein EU-weites Verbot vorgelegt. Die deutsche Familienministerin Karin Prien unterstützt ihn. Aber mich interessiert, wie sie die Rufe nach einem solchen Verbot einschätzen.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Ich halte das für den falschen Weg. Kinder und Jugendliche nutzen soziale Netzwerke, um sich zu informieren, nicht nur zur Unterhaltung. Natürlich ist die Frage nach Informationsflüssen in einer Generation, die mit dem Handy großgeworden ist, berechtigt. Meines Erachtens müsste man viel mehr die Medienkompetenz schulen. </em></p>
<p><em>Ich habe einmal mit einer Schulklasse in Thüringen gesprochen und gefragt, wie die Schüler:innen sich informieren. Ja, über TikTok. Hinterfragt ihr das auch mal, was ihr lest? Die Antwort war, dass es ja auf der Plattform stünde und daher wohl wahr sein müsse. Auf meine Frage, mit wem sie darüber redeten, sagten sie: Mit unseren Freunden und Freundinnen. Und wie informieren die sich? Ja, über TikTok. Das ist ein Teufelskreis, eine riesengroße Lücke, wo wir es verpasst haben, Medienkompetenz so zu schulen, dass man überhaupt erst einmal erkennt, ob etwas wahr ist oder nicht, wer etwas veröffentlicht hat, ob es vielleicht KI-generiert ist, auch die Plattform in die Pflicht zu nehmen, das eigene Angebot zu regulieren. Sie haben eine Verantwortung dafür, welche Informationen als „wahr“ dargestellt werden. Auf X gibt es ja gar keine Falschmeldungen mehr, weil alles als Meinungsfreiheit gilt, offensichtliche Falschmeldungen ebenso wie üble Beschimpfungen. Alles bleibt stehen wie veröffentlicht. </em></p>
<p><em>Die Forderung nach einem Verbot der Nutzung sozialer Medien ist natürlich auch öffentliche Stimmungsmache. Kommunikation wird maßgeblich dadurch geprägt, was in den sozialen Medien geschieht. Aber mit einem Verbot komme ich da nicht weiter, denn ein solches Verbot kann auch einfach umgangen werden.      </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es ist immer leicht, ein Gesetz zu beschließen, aber alles andere als leicht, es durchzusetzen. Wie soll das funktionieren? Aber welche Alternativen empfehlen Sie?</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Kompetenztraining, Medienbildung. Von staatlicher Seite. In den Schulen. Deutschland könnte sagen, wir wollen den Kindern, den Jugendlichen in den Schulen umfassende Medienkompetenz vermitteln. Wir müssen natürlich auch über die Lehrkräfte sprechen. Viele sind nicht mit den sozialen Medien, mit dem Internet, mit dem Smartphone aufgewachsen. Das geht natürlich nicht in einem kurzen Lehrgang. Damit kann man allenfalls erst einmal etwas Bewusstsein schaffen. Wir könnten dies flankieren, indem wir auch Wege festlegen, durch die Inhalte auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft werden können. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir können sicherlich keine Listen veröffentlichen, was alles geprüft werden müsste, aber wir könnten Bewusstsein schaffen und Methoden vermitteln. Eigentlich müssten alle Schüler:innen das lernen, was eine Plattform wie <a href="https://correctiv.org/">CORRECTIV</a> jeden Tag tut. Wer oder was steckt hinter Bildern, wer oder was hinter welcher Meldung? Die Regulierung der Plattformen und die Förderung von Medienkompetenz sind zwei Seiten einer Medaille.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Man müsste selbst zu einer Art CORRECTIV werden können. Ich kann es nicht oft genug wiederholen: Man muss das Bewusstsein haben und fördern, dass nicht alles, was man im Internet findet, wahr ist, genau hinzuschauen und auch weitere Medien, eben nicht nur die sozialen Netzwerke, hinzuziehen, lernen, wie der Algorithmus funktioniert.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Recherchieren lernen. Ich wage mal einen Vorschlag: Manche Schüler:innen und Student:innen werden ihre Arbeiten über KI schreiben lassen. Das ist nicht immer leicht zu erkennen. Je besser die KI trainiert wird, umso schwieriger wird es. Aber ich könnte als Lehrer:in folgende Aufgabe stellen: Lasst zu einem bestimmten Thema die KI einen Text schreiben, auch Bilder dazu packen. Dann schauen wir gemeinsam, was dabei rausgekommen ist und gehen jeder einzelnen Information nach, ob die nun tatsächlich valide ist.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Das ist eine große Herausforderung für das Lehrpersonal. Ich habe Hochschulprofessor:innen gefragt, bei denen ich studiert habe, wie sie jetzt mit Hausarbeiten umgehen. Sie sagten, es ändert sich zurzeit viel. Hausarbeiten sind heute nicht mehr zeitgemäß. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Regulierung von Plattformen der Social Media hat meines Erachtens noch eine weitere problematische Seite. In Diktaturen, in Russland, in China, im Iran und anderswo nutzen Oppositionelle das Internet um miteinander zu kommunizieren und auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Das gilt nicht nur für die Plattform Telegram. Viel genutzt werden VPN-Tunnel, die wir eben schon erwähnten. Ich darf Oppositionellen natürlich nicht diese Kommunikationsmöglichkeiten nehmen, indem ich auf unserer Seite überreguliere.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Das ist zurzeit bei uns kein aktuelles Thema. Vielleicht auch, weil wir die Einschnitte, die wir in Ländern wie Ungarn, der Türkei oder in den USA erleben, hier nicht haben. Man könnte auch sagen: noch nicht. Wir wissen natürlich, welche Programme, welche Plattformen wo gesperrt sind. Wir wissen auch, wo und wie Alternativinformationen möglich sind, welche technischen Möglichkeiten es gibt. Manchmal sind sogar VPN-Tunnel über diverse Umwege gesperrt. Aber wie gesagt, das ist zurzeit kein Schwerpunkt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich möchte Ihnen das Thema ans Herz legen. Katajun Amirpur hat zuletzt in einem <a href="https://www.blaetter.de/ausgabe/2025/august/waffenruhe-und-repression">Beitrag in Blätter für deutsche und internationale Politik</a> beklagt, dass der Westen die iranische Opposition allein ließe. Es wäre aber beispielsweise hilfreich, die Menschen im Iran dabei zu unterstützen, Zugänge über VPN oder wie auch immer zu westlichen Informationen und zum Engagement für eine iranische Demokratie zu ermöglichen, natürlich ohne dass sie sich gefährden.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Ohne sich zu gefährden. Das ist der Punkt. Man darf natürlich niemanden in Gefahr bringen. </em></p>
<h3><strong>Katastrophenschutz</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie sind Mitglied des Verteidigungsausschusses. Es geht mir jetzt nicht um das Sondervermögen. Mich interessiert, wie manche Themen zwischen Verteidigungsausschuss und Innenausschuss, gegebenenfalls auch mit anderen Ausschüssen abgestimmt werden. Ein zentrales Thema ist der Katastrophenschutz, der schon im Thüringer Landtag Ihr Thema war. Katastrophenschutz hat ja zwei Dimensionen: Die eine ist die Vorbereitung der Infrastruktur für einen denkbaren Verteidigungsfall, dazu gehören zum Beispiel Cyberangriffe ausgelöste Katastrophen wie der herbeigeführte Absturz eines Flugzeugs oder ein großflächiger Stromausfall. Die andere sind Schutz und Intervention bei Naturkatastrophen, von denen viele durch den Klimawandel ausgelöst werden. Welche Infrastruktur brauche ich, welches Personal, beispielsweise bei Hilfsdiensten wie dem THW? Wie wird das zusammengedacht?</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>:<em> Katastrophenschutz hat im Verteidigungsausschuss noch nicht den Stellenwert, den ich gerne hätte. Wir werden als Linke dazu demnächst auch Tagesordnungspunkte anmelden. Zurzeit arbeitet der Verteidigungsausschuss so gut wie ausschließlich als Beschaffungsausschuss. Wir erhalten regelmäßig Vorlagen mit Beschaffungsprojekten in Millionenhöhe. Es ist ein wahnsinniges Finanzvolumen, das durch den Ausschuss durchgewunken wird. Wir sind als Linke oft die einzigen, die dagegen stimmen. Es gibt natürlich auch viele geheime Sitzungen mit Themen, über die wir nicht sprechen dürfen.</em></p>
<p><em>Ein Thema ist Dual-Use. Es gibt zum Beispiel den Fall der Beschaffung von Fahrzeugen für die Bundeswehr, die auch im Katastrophenfall eingesetzt werden können. Wir fragen dann natürlich, ob ein solches Fahrzeug so umgerüstet werden kann, dass darauf Waffen stationiert werden können. Es ist die Frage, ob das Fahrzeug angeschafft wird, um als Versorgungsfahrzeug eingesetzt zu werden, auf dem aber im Falle eines Falles auch Waffen stationiert werden können, oder ob es von vornherein vorwiegend oder gar ausschließlich zu diesem Zweck gedacht ist. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Frage wahrheitsgemäß beantwortet wird. Ich will niemandem etwas unterstellen, aber es ist wenig transparent. Aber die eigentliche Versorgung im Katastrophenschutz wird im Innenausschuss verhandelt. </em></p>
<p><em>Im Innenausschuss ist natürlich auch Cybersicherheit Thema. Im Haushalt hat sie jedoch nicht die Priorität, die sie eigentlich haben sollte. Ich habe in einer </em><a href="https://dserver.bundestag.de/btp/21/21018.pdf#P.1809"><em>Rede am 10. Juli im Bundestag</em></a><em> darauf hingewiesen, dass die Mittel für IT und Cybersicherheit im Innenministerium von 6,5 auf 2,4 Millionen EUR gekürzt werden sollten. Da stimmt was mit den Prioritäten nicht. Ohnehin segelt im Haushalt so manches unter falscher Flagge. In meiner </em><a href="https://dserver.bundestag.de/btp/21/21027.pdf#P.2880"><em>Rede vom 24. September 2025 im Bundestag</em></a><em> habe ich unter anderem die absurde Begründung der Freifahrten für Bundeswehrsoldat:innen mit der Deutschen Bahn in den Begründungen des Haushaltsgesetzes aufgespießt. Das sollte – so stand es da – der „Nachhaltigkeit“ dienen. Sicherlich, aber wie wäre es, sich mit demselben Grund für ein kostengünstiges Deutschlandticket einzusetzen, das sich alle leisten können? </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eigentlich könnten die Ausschüsse doch leicht zusammenarbeiten, zum Beispiel über gemeinsame Anhörungen.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Wir sprechen mit den Büros im Innenausschuss. Dabei bin ich regelmäßig eingebunden, auch wegen eines Themas wie Palantir. In der Fraktion arbeiten wir in diesen Punkten ausschussübergreifend gut zusammen, aber die große Vernetzung zwischen den Ausschüssen, zum Beispiel hier dem Innen- und dem Verteidigungsausschuss gab es bisher nicht. Ich weiß nicht, ob die Vorsitzenden der Ausschüsse das planen, aber wir werden als Linke das für die Tagesordnungen beider Ausschüsse demnächst anmelden. Wir sollten auch die Rolle der Bundeswehr bei der zivilen Verteidigung festzurren. Gemeinsame Anhörungen mit Sachverständigen wären eine gute Sache.</em></p>
<h3><strong>Zur Stimmung in Partei und Land</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Nach allem, was wir besprochen haben, habe ich den Eindruck, dass Sie gut im Bundestag angekommen sind.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Das würde ich auch so sagen. Mein Team ist jetzt vollbesetzt. Ich fühle mich sehr wohl, ich bin gut ausgelastet, ich komme langsam in Routinen hinein. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und der Wahlkreis? Wie ist die Stimmung?</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Auch das klappt. Innerparteilich ist die Stimmung gut. Gerade auch mit den vielen neuen Mitgliedern. Im Wahlkreis selbst ist die Stimmung zuweilen ernster. Die Ängste werden immer größer, was die Daseinsvorsorge betrifft. Werden wir genug Ärzt:innen haben? Was ist mit den Arbeitsplätzen? Mit dieser Angst wird auch gespielt. Dann wird zum Beispiel auch gesagt, wir könnten ja Arbeitsplätze schaffen, wenn wir mehr Rüstungsindustrie ansiedeln. Es gäbe auch andere Industrien, Betriebe, die etabliert werden könnten, aber das ist zurzeit offenbar kaum ein Thema.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Besonders nachhaltig gedacht ist das nicht, sich vor allem auf eine einzige Branche zu konzentrieren. Das klingt sehr nach Monokultur und was mit Monokulturen nach einer bestimmten Zeit geschieht, wissen wir aus zahlreichen Beispielen. Es wird nicht einfacher, auch nach dem Desaster mit INTEL in Magdeburg.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Das sind Fragen, die vor allem die älteren Menschen in meinem Wahlkreis bewegen. Die jüngeren beschäftigen sich natürlich auch mit dem Rechtsruck, der in den ländlichen Regionen immer weiter zunimmt. Wir haben AfD-Potenziale zwischen 40 und 50 Prozent!</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich fahre viel in den Regionen rund um Berlin, im Brandenburgischen vor allem, gelegentlich auch mit Ausflügen weiter nördlich. Es sieht eigentlich vieles recht schmuck aus, sodass ich mich frage, was ist da eigentlich los? <a href="https://www.verbrecherverlag.de/autor_innen/manja-praekels/">Manja Präkels</a> hat in ihren Beiträgen zu dem Buch <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/das-einheitspuzzle/">„Extremwetterlagen“</a>, das sie mit drei Kolleg:innen beim Verbrecher Verlag veröffentlicht hat, geschrieben, dass man auf der Straße einfach niemanden treffe. Andererseits okkupieren rechtsextremistische Kreise bei Festen die Plätze.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Es sieht alles in der Tat oft sehr hübsch aus, aber jeder Zweite wählt rechtsextrem. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was können Demokrat:innen tun? Ein Punkt ist aus meiner Sicht, dass die CDU dringend ihr Verhältnis zur Linken klären muss. Sie müsste doch eigentlich längst gemerkt haben, dass die heutige Linke mit der SED nun gar nichts mehr zu tun hat, sondern eher – so sage ich das jetzt – eine linke sozialdemokratische Partei ist, eine Partei, die sich der sozialen Themen annimmt. Wir haben die CDU-Sozialausschüsse, die oft genug ähnlich argumentieren wie die Linke. Wie kann man mit Sahra Wagenknecht reden, aber nicht mit Bodo Ramelow? Ich spitze das einfach einmal auf diese beiden Personen zu.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Das stimmt. Völlig richtig. In Thüringen haben wir eine Regierungsbeteiligung des BSW unter Führung der CDU. Bei der Kanzlerwahl dachten wir, dass der Unvereinbarkeitsbeschluss der CDU mit der Linken etwas aufgebröckelt wäre. Wir haben den zweiten Wahlgang am gleichen Tag ermöglicht. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es wäre auch interessant zu untersuchen, wie viele Linke bei der Wahl der Verfassungsrichter:innen die drei Kandidat:innen mitgewählt haben.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Das ist eine geheime Wahl, aber ich halte das für möglich. Ich bin selbst immer dafür, mich auch mit CDUler:innen über bestimmte Punkte zu verständigen, wo man eine staatsfrauliche Verantwortung hat oder wo es einfach um bestimmte Sachthemen gibt, die eigentlich gar nicht strittig sein müssen. Andererseits gibt es wohl eine Untersuchung, dass sich etwa 20 Prozent der Fraktion von CDU / CSU sich der AfD näher fühlten als dem Rest des Parlamentes.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Friedrich Merz hat am 21. Oktober 2025 noch einmal sehr deutlich gesagt, dass aus seiner Sicht die AfD gegen alles arbeite, was die CDU in der Vergangenheit ausgemacht und was sie aufgebaut habe. Das glaube ich ihm auch, aber wer A sagt, muss auch B sagen, und das heißt aus meiner Sicht, merken, dass die Linke eine demokratische Partei ist wie SPD, Grüne, FDP, CDU und CSU auch. Unterschiedliche Auffassungen zu bestimmten Inhalten sind davon unbenommen.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Ich denke, dass wir uns über das Thema Umgang mit dem Rechtsextremismus noch stundenlang unterhalten könnten, aber das war heute nur am Rande unser Thema. Die Fragen, die wir heute besprochen haben, sind eigentlich klassische Sachfragen, in denen wir als Linke in den Ausschüssen und im Plenum genau nachfragen, wie wir eine Balance zwischen der Funktionsfähigkeit des Staates auf der einen Seite und dem Recht auf digitale Souveränität auf der anderen Seite gewährleisten können. Wichtig ist es auch, dass wir immer konkrete Beispiele nennen, mit denen es möglich ist, die Tragweite einer Entscheidung im Alltag zu verstehen.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im November 2025, Internetzugriffe zuletzt am 25. November 2025. Für die Vermittlung des Gesprächs danke ich <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/yes-we-can/">Sandro Witt</a>. Titelbild: pixabay.)</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Visionen wagen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 22 Nov 2025 10:54:27 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Visionen wagen! Lino Zeddies und der Think Tank Reinventing Society „Utopien dürfen keine dogmatischen Visionen, keine fertigen Blaupausen sein, sondern inspirierende Denkanstöße, Diskussionsgrundlagen, Angebote.“ (Lino Alexander Zeddies, in: Utopia 2048, Selbstverlag, 2020, fünfte Auflage) Lino Alexander Zeddies sieht sich auf seiner Internetseite als „Gesellschaftsentwickler, Autor und Zukunftsbegleiter für eine regenerative Zukunft“. Er wurde im  [...]</p>
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<h1><strong>Visionen wagen!</strong></h1>
<h2><strong>Lino Zeddies und der Think Tank Reinventing Society </strong></h2>
<p><em>„Utopien dürfen keine dogmatischen Visionen, keine fertigen Blaupausen sein, sondern inspirierende Denkanstöße, Diskussionsgrundlagen, Angebote.“ </em>(Lino Alexander Zeddies, in: Utopia 2048, Selbstverlag, 2020, fünfte Auflage)</p>
<p>Lino Alexander Zeddies sieht sich <a href="https://linozeddies.de/">auf seiner Internetseite</a> als <em>„Gesellschaftsentwickler, Autor und Zukunftsbegleiter für eine regenerative Zukunft“</em>. Er wurde im Jahr 1990 in Hannover geboren und hat in Berlin Volkswirtschaftslehre studiert. Er ist eine:r der Gründer:innen des Think Tanks <a href="https://www.realutopien.de/">„Reinventing Society“</a>. Im Münchner oekom-Verlag hat Reinventing Society im Jahr 2024 den Band <a href="https://realutopien.info/zukunftsbilder-2045/">„Zukunftsbilder 2025“</a> veröffentlicht, der im Demokratischen Salon in dem Essay <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/mehr-dystopie-wagen/">„Mehr Anti-Dystopien wagen“</a> vorgestellt worden ist. Im Jahr 2020 veröffentlichte Lino Zeddies im Selbstverlag den Roman „Utopie 2048“, ein Buch an der Grenze zwischen Roman und Sachbuch, das inzwischen seine fünfte Auflage erreicht hat.</p>
<div id="attachment_7617" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7617" class="wp-image-7617 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-300x300.jpg" alt="" width="300" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-66x66.jpg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-150x150.jpg 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-200x200.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-300x300.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-400x400.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-600x600.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-768x768.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-800x800.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-1024x1024.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-1200x1200.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-1536x1536.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7617" class="wp-caption-text">Lino Alexander Zeddies, Foto: Jacqueline Schulz.</p></div>
<p>Die zentrale Frage lautet: <a href="https://www.realutopien.de/unser-warum/">Wie schaffen wir eine zukunftsfähige Welt?</a> Anders gefragt: Wie können wir erreichen, dass die schon im Jahr 1992 in der in Rio de Janeiro von den Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen beschlossenen <a href="https://www.bmz.de/de/service/lexikon/agenda-21-13996">Agenda 21</a> enthaltenen Ziele auch tatsächlich umgesetzt werden? Es gab eine Vielzahl konkretisierender Beschlüsse, aber auch immer wieder mächtige Widerstände, Rückzüge und Rückschläge, die wir in den vergangenen inzwischen über 30 Jahren erleben mussten, zuletzt den neuerlichen Ausstieg der USA aus den in Paris im Jahr 2015 vereinbarten Klimaabkommen. Klimaschutz und Artenschutz, der Schutz der Meere, die Reduzierung von Plastikmüll, der Schutz indigener Völker – all dies wird immer wieder von politisch maßgeblichen Akteuren in Frage gestellt. Doch Resignation ist der falsche Weg. <a href="https://www.realutopien.de/unser-warum/">In einem Video-Crashkurs</a> hat Lino Zeddies seine Vorschläge zusammengefasst: Beeindruckend ist die von ihm und seinen Mitstreiter:innen gepflegte Verbindung von Ökologie und Ästhetik, sodass Nachhaltigkeit eine kulturelle Perspektive erhält, die sich wiederum auf gesellschaftliche Entwicklungen auswirken sollte.</p>
<h3><strong>Reinventing Society – die Organisation</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie würden Sie „Reinventing Society“ beschreiben? Als Nicht-Regierungsorganisation? Als Thinktank? Als Unternehmen?</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Vielleicht von allem ein bisschen. Wir haben uns im Jahr 2020 gegründet, auch inspiriert von dem Buch </em><a href="https://www.beck-shop.de/laloux-reinventing-organizations/product/34267343"><em>„Reinventing Organisations“</em></a>. <em>Wir haben den darin enthaltenen Grundgedanken, dass es eine neue Evolutionsstufe für Organisationen geben muss dahingehend weiterentwickelt, dass es auch eine neue Evolutionsstufe von Gesellschaft und Kultur braucht, für die Art und Weise, in der wir uns koordinieren und strukturieren. Es war von Anfang an unser Anspruch, auf unserer kleinen Ebene das zu leben, wofür wir auch im Großen an Werten und Prinzipien stehen wollen. Das ist ein sehr systemischer Ansatz mit der Ausrichtung auf das Positive, auf Lösungen. Wie können wir ins Neue vorangehen statt nur am Alten herumzunörgeln? </em></p>
<p><em>Wir haben Reinventing Society zu siebt als gemeinnützigen Verein gegründet und seit dieser Zeit viel erlebt und erforscht. Von den sieben sind jetzt noch drei dabei. Eine von uns, </em><a href="https://www.bundestag.de/abgeordnete/biografien/B/beck_katharina-1043580"><em>Katharina Beck</em></a><em>, wurde über die Hamburger Landesliste für Bündnis 90 / Die Grünen in den Bundestag gewählt und hat eine Kollegin als Mitarbeiterin mitgenommen. Ein Kollege ging in ein Auslandssemester, eine Kollegin hat mit ihrem Freund ein eigenes Unternehmen mit einer ähnlichen Ausrichtung gegründet. Andere sind hinzugekommen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie sind Sie mit anderen Think Tanks oder Organisationen vernetzt, die ähnliche Ziele verfolgen?</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Wir kooperieren mit vielen Organisationen. Ich nenne beispielsweise die </em><a href="https://pioneersofchange.org/"><em>Pioneers of Change</em></a><em> aus Österreich. Wir sind aber keine klassische Nicht-Regierungsorganisation, sondern eher Teil eines Netzwerks. Unser Alleinstellungsmerkmal sind die Visionsbilder und das Experimentelle in unserem Ansatz. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Haben Sie die Möglichkeit, Ihre Visionen auch in politischen Öffentlichkeiten vorzustellen, beispielsweise in Berlin, in Brüssel, in Wien?</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Unser Bildband „Zukunftsbilder 2045“ hatte – auch dank des oekom Verlages – eine große Reichweite. Meine Kolleg:innen und ich sind auch viel auf verschiedenen Tagungen unterwegs, auf denen wir Impulsvorträge halten oder Arbeisgruppen leiten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bleibt zur Einführung die Frage nach der Finanzierung.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Wir finanzieren uns mit einem bunten Mix aus Spenden, über Förderanträge, Teilnahmebeiträge aus Seminaren, Honoraren für Vorträge, Tantiemen für die Bücher und Aufträge aus Städten.</em></p>
<h3><strong>Es gibt nicht die eine Lösung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe gewagt, meine Besprechung Ihres Buches „Zukunftsbilder 2045“ mit einer Studie über Horrorromane und Horrorfilme einzuleiten und dann ihre Zukunftsvisionen als Gegenbild vorgestellt. Sie haben schon in Ihrem Roman „Utopia 2048“, der vor der Gründung von „Reinventing Society“ erschien, geschrieben, dass Utopien keine <em>„dogmatische Vision“</em> sein dürften, sondern Anstoß für einen offenen Prozess. Sie wollen Denkanstöße entwickeln.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Utopien sind eine Einladung und es wäre eigentlich wichtig, dass wir in unserer Gesellschaft eine Art Visionsministerium hätten, über das wir kollektiv Visionen entwickeln und verhandeln. Das geschieht aktuell ein kleines Stück weit über Wahlen und über Parteien, aber die wenigsten Parteien haben Visionen. Sie haben Grundwerte, für die sie einstehen, aber diese sollte man nicht mit Visionen verwechseln, wie die Zukunft aussehen und gestaltet werden könnte. Es fehlt an größeren Gesellschaftsentwürfen. Aber genau diese bräuchten wir eigentlich. Wir müssen uns allerdings immer darüber im Klaren sein, dass es nicht <u>die</u> Lösung für alle gibt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ist es nicht eigentlich der Sinn und die Aufgabe von Parteien, Visionen zu entwickeln, wie die Welt ausschauen könnte?</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Das wäre ihre Aufgabe, aber de facto tun sie es nicht. Wir erleben immer wieder ein sehr kurzfristiges von den Medien getriebenes Gekämpfe um politische Macht, ein kurzfristiges Durchwurschteln. Ich habe in den letzten Jahren bei diesem permanenten Krisenmodus, in dem Politik geschieht, das Gefühl, dass es primär darum geht, mit dem Schiff nicht unterzugehen. Aber wo ist der sichere Hafen, über den wir aus dem Sturm herauskommen?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das wäre dann Ihr Ziel. Sie wollen, dass Visionen entwickelt werden, die dann auch von den politisch verantwortlichen Menschen, von den Parteien, von den Regierungen, bedacht werden.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Im Idealfall. Das eine ist natürlich die Vision, das andere der Weg dahin, die Transformationsbegleitung. Wir müssen die Visionen auch herunterbrechen, darüber nachdenken, wie wir Menschen inspirieren können, ermutigen, bestärken. Wir erforschen eben auch, <u>wie</u> dies möglich werden könnte. Wir hatten zuletzt eine größere Veranstaltung zum Thema durchgeführt, in der es darum ging, wie lebendige Führung aussehen könnte, wie Macht und Organisationsstrukturen, Kulturpraktiken funktionieren. Wir sehen uns hier auch als Pioniere. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wer kommt in Ihre Seminare, Ihre Veranstaltungen?</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Das sind sehr unterschiedliche Menschen. Wir bieten unterschiedliche Formate an. Wir haben beispielsweise Workshops für Interessierte aus dem kommunalen Bereich, städtische Akteure aus Stadt- und Gemeindeverwaltungen, in den Kommunen politisch aktive Leute aus den Räten. Es gibt jedoch auch andere Formate, zu denen einfach interessierte Menschen kommen, die sich für ähnliche Visionen wie wir begeistern, Wandel vorantreiben wollen und Gleichgesinnte suchen, mit denen sie neue Visionen, neue Methoden entwickeln können. </em></p>
<h3><strong>Über Nachhaltigkeit hinausdenken</strong></h3>
<div id="attachment_7619" style="width: 444px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7619" class="wp-image-7619" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-300x225.jpg" alt="" width="434" height="326" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 434px) 100vw, 434px" /><p id="caption-attachment-7619" class="wp-caption-text">Frankfurt am Main, Hauptwache. Reinvention Society. Artist: <a href="https://realutopien.info/artists/render-vision/">Render Vision</a>. Quelle: www.realutopien.de.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bei den Visionen, die Sie veröffentlicht haben, sind mir vor allem zwei Dinge aufgefallen. Zum einen sind diese Visionen unserer Städte und Gemeinden sehr grün. Es gibt viele Pflanzen, Bäume, Räume, in denen man Schatten findet. Zum zweiten sind ihre Visionen eher städtisch.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Unsere Konzentration auf Städte hat einen pragmatischen Grund. Wir wollen Visionen für möglichst viele Menschen schaffen. Eine Graphik zu Hamburg erreicht dann natürlich viel mehr Menschen als eine Graphik für eine eher kleine Gemeinde mit etwa 1.000 Einwohner:innen. Wir haben natürlich auch dörfliche Strukturen aufgenommen und ländliche Graphiken erstellt. Wenn ich aber beispielsweise die Lüneburger Heide nehme, ist es schwerer, eine Vorher-Nachher-Graphik zu machen, weil dort bereits viel Natur ist – bei städtischen grauen Betonwüsten ist der Kontrast eindrücklicher. Aber es ist auch eine Frage der Auftraggeber. Wer kann den Auftrag bezahlen, eine solche Zukunftsgraphik zu entwickeln? Das erforderliche Budget haben dann doch eher die größeren Städte.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das pragmatische Argument kann ich gut verstehen. Andererseits gibt es viele ländliche Räume, die nur scheinbar ökologisch intakt sind, die jedoch weitgehend ausgeräumt sind, durch Intensivlandwirtschaft, durch über die Jahrzehnte und Jahrhunderte erfolgte Rodungen.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Das stimmt. Es ist bei ländlichen Räumen einfach schwieriger, einen Wow-Effekt zu erzeugen. Wenn man eine Vorher-Nachher-Graphik für eine Stadt erstellt, ist dieser einfach größer. Wenn ich beispielsweise ein renaturiertes Bergbaugebiet zeige, sieht man etwas Wald, einen See, aber das sehen viele Menschen als Natur und eben nicht als etwas Besonderes.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht als Anregung: In manchen Wäldern hat der Borkenkäfer gewütet. Wenn man sich solche Wälder anschaut, wäre ein Wow-Effekt mit einer Renaturierung sicherlich erzeugbar.</p>
<p>Sie werben für eine <em>„regenerative Kultur“</em>. Sie werben dafür, dass wir uns auf die Ressourcen beschränken, die grundsätzlich erneuerbar sind. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird dieses Thema oft auf die Energieversorgung reduziert.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Wir wollen mehr. Wir wollen auch über Nachhaltigkeit hinausdenken. In der öffentlichen Diskussiongeht es hauptsächlich darum, Schaden zu verringern, Schaden zu vermeiden und„klimaneutral“ zu werden. Wir finden, dass wir das Ganze auch positiv wenden können. Was ist das größte Potenzial von uns Menschen auf diesem Planeten? Wie können wir zu mehr Lebendigkeit, zu mehr Biodiversität, zu mehr Schönheit beitragen? Wie können wir uns wieder in den Kreislauf der Ökosysteme einfügen, sodass wir nicht wie Parasiten leben, sondern symbiotisch mit der Natur, sodass unser Leben, unser Verhalten auf eine gesunde Weise allen dient? Dies ist bei vielen Tieren der Fall. Zu Wölfen gibt es eine interessante Studie nach Wiederansiedelung im Yellowstone Park in den USA. Alles wurde wieder lebendiger, weil sie manche Tiere dezimieren, die Bäume und Hecken zerstören. Es gibt wieder mehr Schmetterlinge, die Flüsse wurden kraftvoller. Das gesamte Ökosystem wurde in ein besseres Gleichgewicht gebracht. Man denkt vielleicht zunächst, dass die Wölfe nur andere Tiere entnehmen, aber offenbar schaffen sie insgesamt einen gesunderen Platz und tragen zu mehr Lebendigkeit bei. Indigene Völker wissen, wie sie sich in der Natur bewegen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Brandenburg oder in Niedersachsen gibt es inzwischen zahlreiche Wolfsrudel, zunehmend auch in anderen Bundesländern. Diskutiert werden sie jedoch vor allem als Bedrohung für die Schafe und andere Weidetiere, auch für die Menschen. Und damit sind wir bei oft massiven und sehr emotional geführten Konflikten. In Ihren Büchern beschreiben Sie Strukturen, in denen solche Konflikte verhandelt werden können, bis hin zu einem Weltparlament, das Sie in „Utopia 2048“ in Singapur angesiedelt haben. Zurzeit geht es allerdings in der Politik eher in die andere Richtung.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Es ist nicht so einfach, solche Konflikte mit unseren gewohnten Denkstrukturen in Einklang zu bringen. Wir erlauben uns, einfach auch einmal zu träumen, was denkbar, was schön wäre, was wir uns einfach einmal vorstellen dürfen sollten. Viele Errungenschaften der Vergangenheit waren ja auch erst einmal Träume und Visionen. Sie erschienen weltfremd, aber jemand wagte es, sie aufzuschreiben und an ihrer Verwirklichung zu arbeiten. In unseren Workshops trainieren wir sozusagen den Visionsmuskel. Wie können wir die neuen Welten, die wir denken, auch in uns kultivieren?</em></p>
<div id="attachment_7655" style="width: 443px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7655" class="wp-image-7655 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-300x225.jpg" alt="" width="433" height="325" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-600x449.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-768x575.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-800x599.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-1024x767.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-1200x899.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-1536x1151.jpg 1536w" sizes="(max-width: 433px) 100vw, 433px" /><p id="caption-attachment-7655" class="wp-caption-text">Dresden, Postplatz. Reinvention Society. Artist: <a href="http://realutopien.info/artists/loomn/">loomn</a>. Quelle: www.realutopien.de</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Aber wie werden solche Visionen mehrheitsfähig? Muss es erst zu einer Katastrophe kommen? In dem Szenario „Zukunftsbilder 2045“ kommt es Ende der 2020er, Anfang der 2030er Jahre erst einmal zu einem ökonomischen und ökologischen Kollaps. Erst dann besinnen sich die Menschheit beziehungsweise ihre politischen Repräsentant:innen und ändern ihren Kurs. Dieser Gedanke brachte mich übrigens auf die Idee, die Vorstellung Ihres Buches mit einem Rekurs auf das Horrorgenre einzuleiten.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Ich denke zyklisch. Das wirtschaftliche, gesellschaftliche, politische System, das wir zurzeit haben, liegt im Sterben. Ich glaube nicht, dass wir die derzeitigen Probleme mit diesem System lösen können. Wir brauchen ein großes System-Update. Das alte System muss sterben und Raum schaffen, damit Neues geboren werden kann. Der nächste Frühling erfordert, dass zuvor Herbst und Winter kommen, alte Pflanzen sterben, damit neue Pflanzen sprießen. Wir haben aber als Kultur eine ganz schwierige Beziehung zum Sterben, zum Nichtstun, dazu, etwas einfach geschehen zu lassen. Ich glaube, es wird auf jeden Fall ein Winter kommen. Jede Gesellschaft ist irgendwann einmal untergegangen. Auch unsere wird einmal untergehen und Raum schaffen für etwas Neues. Die Frage ist, ob wir uns dem Prozess hingeben können oder ob wir es schaffen, unser System etwas runterzufahren, wie zum Beispiel Tiere im Winterschlaf, und uns die Chance geben, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Wir könnten weniger reisen, anders konsumieren und so Raum für etwas Neues schaffen. Oder beharren wir auf dem Konsumniveau, auf dem wir uns zurzeit befinden? Wenn wir das tun, wird die Krise immer unangenehmer. Ein Baum kann auch nicht einfach seine Blätter festhalten, wenn der Herbst kommt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gegenwärtig habe ich den Eindruck, dass sich manche genau so verhalten wie Sie beschreiben, geradezu zwanghaft.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Gegenwärtig ja, aber es ist auch eine individuelle Entscheidung. Nehme ich die Veränderungen an? Gebe ich mich den Veränderungen hin? Oder bereite ich mich auf Veränderungen hin?</em></p>
<h3><strong>Experimente mit der Unsicherheit</strong></h3>
<div id="attachment_7656" style="width: 444px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7656" class="wp-image-7656 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-300x225.jpg" alt="" width="434" height="326" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 434px) 100vw, 434px" /><p id="caption-attachment-7656" class="wp-caption-text">Neumarkt in der Oberpfalz. Reinvention Society. Artist: <a href="https://realutopien.info/artists/loomn/">loomn</a>. Quelle:  www.realtuopien.de</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zurzeit haben wir den Trend einflussreicher Politiker:innen, das Alte zu glorifizieren und alles zu tun, damit sich nur ja nichts ändert. Das ist meines Erachtens ein Problem der Politik, weniger der Wirtschaft. Wenn die Wirtschaft sähe, dass die Politik verlässlich handelt und nicht alle paar Monate die Parameter ändert, indem eine Förderung für beispielsweise regenerative Energien mal erhöht, mal reduziert, mal sogar ganz gestrichen wird. Das ist nur ein Beispiel für viele. Und den Bürger:innen geht es genau so. Was gilt denn jetzt? Was gilt morgen?</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Das Festhalten am Alten schafft Leid, Anstrengungen und Kampf. Es wäre viel einfacher, wenn wir mehr loslassen könnten. Aber die Angst vor Kontrollverlust ist enorm. Niemand weiß, was geschieht, wenn sich die Dinge radikal ändern. Das ist radikale Unsicherheit. Wir können nicht wissen, wie die Welt in fünf, in zehn oder in hundert Jahren aussieht, aber es fällt vielen schwer anzuerkennen, dass das nicht vorhersehbar ist. Daher auch der vorherrschende Modus des Beharrens auf dem, was man aus der Vergangenheit zu kennen glaubt.   </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie werden solche Fragen, wie wir sie eben angesprochen, in Ihren Workshops diskutiert?</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Es gibt nicht <u>den</u> Workshop, wir haben unterschiedliche Formate. Es gibt zunächst Formate, in denen es darum geht, Methodenwissen zu entwickeln. Wir hatten gerade auch einen experimentellen Summit, in dem es darum ging, Führung, Macht und Wandel zu erforschen, auch kollektive Führung unter Unsicherheit. Dazu haben wir Pläne losgelassen und teilweise sogar die Moderation weitgehend zurückgenommen, um zu erforschen, was entsteht, wenn wir die Kontrolle abgeben und den Raum sich selbst überlassen. Das Ziel war, auch eine Form der Selbstführung zu ermöglichen: Was spüren wir gemeinsam? Was wollen wir tun? Was ist in diesem Moment lebendig? Dazu haben wir auf jegliche Planung verzichtet und einen offenen Raum entstehen lassen.</em></p>
<p><em>Der äußere Rahmen hätte dafür kaum besser sein können: ein wunderschöner Ort, volle Kühlschränke, inspirierende Menschen – alles, was man sich wünschen kann, um sichere Bedingungen für Veränderung zu schaffen. Und dennoch: Viele Teilnehmer:innen, die sich eigentlich leidenschaftlich für gesellschaftlichen Wandel einsetzen, waren von dieser Offenheit tief verunsichert. Schon ein einziger Tag ohne klare Struktur genügte, um große Unsicherheit auszulösen.</em></p>
<p><em>Anschließend ging es darum, dies zu reflektieren. Dazu brauchten wir psychologische Unterstützung, wir hatten ein Emotional Support Team engagiert, Expert:innen, die die Leute aufgefangen haben. Das war auch unbedingt nötig. Das psychologische Team war im Dauereinsatz.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Hilflosigkeit, die die Teilnehmer:innen Ihres Workshops erlebten, spiegelt meines Erachtens sehr gut die aktuelle politische Lage in vielen Ländern angesichts der verschiedenen Krisen. Manche ziehen sich zurück in eine Art Cocooning, das nichts Krisenhaftes mehr an sich heranlässt, andere radikalisieren sich.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Wir waren eine Mikrogesellschaft, in der Tat ein Spiegel der Makrogesellschaft. Manche Teilnehmenden fanden das super, weil sie jetzt machen konnten, was sie wollten. Andere hatten das Bedürfnis nach Sicherheit. Es war der klassische Zielkonflikt zwischen Freiheit und Sicherheit; Neues wagen oder an Bewährtem festhalten? Nur ja nicht zu schnell die Veränderung wagen! Es war möglich, diesen Konflikt wiederum in sich selbst zu beobachten, für alle Teilnehmer:innen, jede:r für sich. Kann ich in der Gruppe jetzt einen Vorschlag machen? Darf ich das? Überfordere ich die anderen? Bekomme ich Ärger? Es war sehr erhellend, sich diese Spannung bewusst zu machen, und das in einem absolut sicheren Setting!</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist auch Thema in Ihren Büchern: „Utopia 2048“ haben Sie zu Beginn der Corona-Pandemie geschrieben, dann mehrfach aktualisiert und überarbeitet. Die Pandemie war eine Ausnahmesituation, in der eigentlich niemand mehr genau wusste, was zu tun war. Es gab viel Trial und Error. Und die Strukturen, die es dann gab, waren in einem hohen Maße autoritäre Strukturen, die wiederum Leute auf den Plan riefen, die selbst höchst autoritär denken, aber meinten, sie würden sich mit ihren Forderungen für die Freiheit einsetzen.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Das war rückblickend eine spannende und zugleich sehr unangenehme Phase. Wie unterschiedlich die Leute sie wahrnahmen, hing zu einem Teil auch mit Privilegien zusammen. Wer beispielsweise einen großen Garten hatte, erlebte die Pandemie und die Phasen des Lockdowns anders als jemand, der in einer kleinen Wohnung oder gar in einem einzigen Zimmer gefangen war. Man konnte aber auch merken, dass das Runterfahren eines Systems mit weniger Verpflichtungen, mit dem Home-Office, dem engeren Kontakt in der Kernfamilie, mit den Kindern, neben den unangenehmen Seiten manchen auch Entspannung brachte.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Den letztgenannten Aspekt sehe ich vor allem bei Menschen der sogenannten upper middle class.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Es hängt eben mit Privilegien zusammen, die die einen haben und die anderen nicht. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es sind letztlich soziale Unterschiede, die die unterschiedliche Wahrnehmung bedingen, wie auch bei den anderen Krisen unserer Zeit, zum Beispiel der Frage nach der Energieversorgung oder einer nachhaltigen Landwirtschaft.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Wir können das nicht voneinander trennen. Wir können großen Teilen der Bevölkerung nicht sagen, sie müssten jetzt ihr Leben ändern. Viele kann ich nicht dafür gewinnen, sich als Teil des ökologischen Systems zu sehen, wenn ich die sozialen Rahmenbedingungen oder Konsequenzen nicht mit bedenke. Es darf nicht zu einem Entweder-Oder kommen, entweder die Ökologie oder das Soziale. </em></p>
<h3><strong>Realutopien</strong></h3>
<div id="attachment_7657" style="width: 442px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7657" class="wp-image-7657" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-300x225.jpg" alt="" width="432" height="324" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-768x577.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-800x601.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-1024x769.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-1200x901.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-1536x1153.jpg 1536w" sizes="(max-width: 432px) 100vw, 432px" /><p id="caption-attachment-7657" class="wp-caption-text">Bonn-Beuel. Reinvention Society. Artist: <a href="https://realutopien.info/artists/loomn/">loomn</a>. Quelle: www.realutopien.de.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Prognosen sind immer schwierig und wir alle sind keine Propheten. Aber wie sehen Sie die Möglichkeiten, die von Ihnen für die Jahre 2045 beziehungsweise 2048 formulierten Ziele bei allen Unwägbarkeiten und Widerständen zu erreichen? Interessant finde ich, dass Ihre Vorschläge eigentlich gar nicht so weit hergeholt sind. Eigentlich gibt es das alles schon, als einzelnes Projekt zum Beispiel, als gute Praxis in der ein oder anderen Kommune, aber eben nur nicht in der Fläche. Vom Urban Gardening über Schwammstädte bis hin zu alternativen Mobilitäts- und Versorgungskonzepten und so manches mehr. Manches wurde real erprobt, manches als Fantasie beschrieben, beispielsweise im <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/solarpunk/">Solarpunk</a>.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Wir haben manches, das es schon gibt, einfach größer gedacht. Wir haben aber auch vieles miteinander verwoben und aus vereinzelten eher unbekannten Lösungen ein systemisches Gesamtgefüge zusammengebaut. Das war der Grundgedanke: Technisch ist das, was wir mit unseren Visionen beschreiben, absolut machbar. Die Lösungen sind technisch alle da, auch das Geld, aber es ist eine Frage des Willens. Das haben wir in der Pandemie festgestellt und im Ukrainekrieg. Wenn der politische Wille da ist, ist auch das Geld da. Wir haben keine irrealen Fantasien entwickelt, basierend auf existierenden Lösungen, die wir als Gesellschaft hochskalieren könnten und die man, wenn man etwas herumreist, auch schon überall beobachten kann.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mit dem Ukrainekrieg und der Pandemie nennen Sie zwei Beispiele, in denen man auf eine von außen ausgelöste Krise reagiert. Das sind keine Beispiele für eine Vision im Sinne Ihrer Zukunftsbilder.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Sie zeigen aber, dass die Verwirklichung unserer Zukunftsbilder möglich wäre. Sie haben natürlich recht, dass die Politik zurzeit sehr reaktiv und kurzfristig agiert.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mir gefällt der von Ihnen verwendete Begriff der <em>„Realutopie“. </em>Seit 2022 gibt es auf Ihrer Internetseite die <a href="https://realutopien.info/">Infothek für Realutopien</a>. Mich erinnert der Begriff an den von <a href="https://ernst-bloch-gesellschaft.de/">Ernst Bloch</a> geprägten Begriff der <em>„konkreten Utopie“</em>. Ein anderer Begriff, den Sie gewählt haben ist der Begriff der <em>„offenen Utopie“</em>. <em> </em></p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Auch dann, wenn man sich auf der großen Ebene Anderes wünscht, haben wir auf der kleinen lokalen Ebene großen Spielraum, den wir nur erkennen müssen. In der Nachbarschaft, auf dem Arbeitsplatz kann man sich eine andere Realität schaffen, eine andere Kultur, wertschätzende Arbeitsverhältnisse aufbauen. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen, das ist viel Arbeit. Man muss sich Wissen aneignen, recherchieren, welche Realutopien es gibt, wie man sie gestaltet, wie man Beziehungen etabliert und nutzt, um diese Ziele zu erreichen. Wenn man sich auf die Suche begibt, wird man all diese Lösungen finden. Und wenn man sie umsetzt, kann man in der eigenen persönlichen Realität eine Realutopie schaffen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dem will ich nicht widersprechen. Aber ein lokales Projekt ist noch keine umfassende Strukturpolitik.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Das stimmt. Aber wenn sich viele Menschen die Macht, die sie haben, noch mehr nehmen würden, schaffen viele kleine Realutopien auch eine große Realutopie. Der Grundgedanke ist der, dass sich viele Menschen mit ihren kleinen Realutopien miteinander verbinden und ihre jeweils eigenen Utopien verweben. So entstehen auch Strukturen. Auch wenn es im Großen düster wirkt und Hoffnung verloren geht, muss man sich diese Macht erhalten, damit man nicht ausgeliefert ist. Wenn man dies im Kleinen tut, reibt man sich nicht im Großen auf. Es geht im Grunde auch um das Erlebnis von Selbstwirksamkeit. Utopie bedeutet eigentlich „Unort“. Wir könnten aus Utopia ein Eutopia machen, einen „guten Ort“.   </em><strong> </strong><em> </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Dezember 2025, Internetzugriffe zuletzt am 16. November 2024. Titelbild: Berlin Friedrichstraße Utopia 2048. Artist: Aeeroscape &amp; Lino Zeddies, Quellen: www.realutopien.de sowie Wikimedia Commons, Genehmigung: <a href="https://realutopien.info/visuals/berlin-friedrichstrasse-utopia-2048/">Visual » Berlin Friedrichstraße Utopia 2048</a>, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0">Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0</a>.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Demokratie heißt Humanität</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 22 Nov 2025 10:24:18 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Demokratie heißt Humanität Caren Heuer über die von ihr kuratierte Ausstellung zum 150. Geburtstag Thomas Manns „Mein Vorsatz ist, ich sage es offen heraus, euch, sofern das nötig ist, für die Republik zu gewinnen und für das, was Demokratie genannt wird, und was ich Humanität nenne (….)“ (Thomas Mann, in: Von deutscher Republik, 1922)  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-10 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-9 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-10" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Demokratie heißt Humanität</strong></h1>
<h2><strong>Caren Heuer über die von ihr kuratierte Ausstellung zum 150. Geburtstag Thomas Manns</strong></h2>
<p><em>„Mein Vorsatz ist, ich sage es offen heraus, euch, sofern das nötig ist, für die Republik zu gewinnen und für das, was Demokratie genannt wird, und was ich Humanität nenne (….)“ </em>(Thomas Mann, in: Von deutscher Republik, 1922)</p>
<p>Zum 150. Geburtstag von Thomas Mann kuratierte <a href="https://die-luebecker-museen.de/caren-heuer-uebernimmt-leitung-des-buddenbrookhauses">Caren Heuer</a>, seit 2024 Direktorin das <a href="https://buddenbrookhaus.de/">Buddenbrookhauses</a> (vollständige Name: Buddenbrookhaus – Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrum) in Lübeck, die Ausstellung „Meine Zeit“. Der Titel der Ausstellung folgt einer in Chicago gehaltenen Rede von Thomas Mann aus dem Jahr 1950. Die Ausstellung zeichnet sich dadurch aus, dass sie Thomas Mann als politischen Kommentator seiner Zeit präsentiert. Thomas Mann verstand sich selbst nicht als politischer Autor, äußerte sich aber dennoch stets politisch. Die politischen Implikationen seiner Romane und die expliziten Thesen seiner Reden sind nach wie vor oder vielleicht müssten man sagen wieder höchst aktuell. Sie spiegeln die politischen Entwicklungen ihrer Zeit, weisen aber oft genug weit darüber hinaus, sodass Thomas Mann heute mit Fug und Recht – in den Romanen wie in Reden und Aufsätzen – als Autor von Gedanken gelesen werden darf, der uns hilft, die heutigen politischen Entwicklungen besser zu verstehen oder zumindest etwas differenzierter darüber nachzudenken.</p>
<div id="attachment_7594" style="width: 351px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jan-Soeken-Josef-der-Ernaehrer.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7594" class="wp-image-7594" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jan-Soeken-Josef-der-Ernaehrer.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-300x200.jpg" alt="" width="341" height="227" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jan-Soeken-Josef-der-Ernaehrer.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jan-Soeken-Josef-der-Ernaehrer.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jan-Soeken-Josef-der-Ernaehrer.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jan-Soeken-Josef-der-Ernaehrer.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jan-Soeken-Josef-der-Ernaehrer.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jan-Soeken-Josef-der-Ernaehrer.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jan-Soeken-Josef-der-Ernaehrer.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jan-Soeken-Josef-der-Ernaehrer.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jan-Soeken-Josef-der-Ernaehrer.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 341px) 100vw, 341px" /></a><p id="caption-attachment-7594" class="wp-caption-text">Jan Soeken zu: Josef der Ernährer. Aus der Ausstellung „Meine Zeit“, Foto: Leevke Draack © Buddenbrookhaus.</p></div>
<p>Gemeinsam mit Barbara Eschenburg gab Caren Heuer den Katalog <a href="https://verlag.koenigshausen-neumann.de/product/9783826093418-meine-zeit/">„Meine Zeit – Thomas Mann und die Demokratie“</a> (Würzburg, Königshausen &amp; Neumann, 2025) heraus. Der Ausstellungskatalog enthält 16 Beiträge zur politischen Geschichte im Werk des Autors. Der Katalog, der auch im Buchhandel erhältlich ist, enthält neben den Beiträgen verschiedener Wissenschaftler:innen zum Thema vier Szenen zum Werk Thomas Manns, die der Hamburger Zeichner und Autor <a href="https://www.jansoeken.de/">Jan Soeken</a> als Graphic Novel gestaltet hat. Er schließt mit einem Beitrag zur Thomas Manns Verhältnis zur Herrenmode.</p>
<p>Caren Heuer hat in Münster Germanistik, Politikwissenschaft und Soziologie studiert und zum Thema <a href="https://verlag.koenigshausen-neumann.de/product/9783826062261-im-zeichen-der-herrmannsschlacht/">„Im Zeichen der Hermannsschlacht – Texte des Nationalen im 18. Jahrhundert“</a> (Würzburg, Königshausen &amp; Neumann, 2017) promoviert.</p>
<h3><strong>Das Buddenbrookhaus</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht beginnen wir mit einem Blick in die Geschichte des Buddenbrookhauses?</p>
<p><strong>Caren Heuer</strong>: <em>Das „Buddenbrookhaus – Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrum“ wurde 1993 als Museum am auratischen Standort, in der Mengstraße 4 in Lübeck, gegründet. Das Haus ist der Schauplatz des Romans „Buddenbrooks“ und war der Stammsitz der Familie Mann. Es ist das Haus der Großeltern. Die Familie war in Lübeck als Getreidefamilie ansässig. Die Fassade wurde weltberühmt. Sie ist für unzählige Übersetzungen des Romans zum Cover geworden. Zurzeit ist das Buddenbrookhaus wegen umfangreicher Erneuerungsarbeiten geschlossen. Diese werden voraussichtlich im Jahr 2030 abgeschlossen. In der Zwischenzeit sind wir an vielen anderen Orten in Lübeck mit Veranstaltungen und Ausstellungen aktiv, so auch mit der Ausstellung „Meine Zeit“ im St. Annen-Museum in Lübeck.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wer vor dem Buddenbrookhaus steht, sieht den Stolperstein eines weiteren bedeutenden Autors und Demokraten: Erich Mühsam.</p>
<p><strong>Caren Heuer</strong>: <em>Erich Mühsam ist auf dieselbe Schule gegangen wie die Brüder Thomas und Heinrich Mann, das altehrwürdige Gymnasium </em><a href="https://katharineum.de/"><em>Katharineum zu Lübeck</em></a><em>. Er war ein ebenso schlechter Schüler wie die beiden, dann auch noch ein widerständiger Schüler. Erich Mühsam und Thomas Mann treffen sich in München wieder. Ihre Lebenswelten könnten jedoch nicht unterschiedlicher sein. Zu Heinrich Mann sind die Beziehungen Erich Mühsams aufgrund politischer Ähnlichkeiten größer. Gleichwohl hat Thomas Mann Erich Mühsam geschätzt, seinen literarischen Weg verfolgt und sich später bei seiner Ermordung durch die Nazis im Jahr 1934 im KZ Oranienburg tief betroffen gezeigt. Zunächst hielt er den Tod Erich Mühsams noch für einen Selbstmord, was er aber nicht war. Die </em><a href="https://erich-muehsam.de/"><em>Erich-Mühsam-Gesellschaft</em></a><em> hatte über Jahrzehnte im Buddenbrookhaus ihren Sitz. Deshalb liegt der Stolperstein vor unserer Tür.</em></p>
<h3><strong>Der gar nicht so Unpolitische</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es ist eine Grundsatzentscheidung, die Ausstellung an der Rede „Meine Zeit“ auszurichten.</p>
<div id="attachment_7595" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gegen-Naivitaet.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7595" class="wp-image-7595 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gegen-Naivitaet.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gegen-Naivitaet.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-200x300.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gegen-Naivitaet.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-400x600.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gegen-Naivitaet.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-600x900.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gegen-Naivitaet.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-683x1024.jpg 683w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gegen-Naivitaet.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-768x1152.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gegen-Naivitaet.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-800x1200.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gegen-Naivitaet.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-1024x1536.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gegen-Naivitaet.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-1200x1800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gegen-Naivitaet.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-1365x2048.jpg 1365w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gegen-Naivitaet.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-scaled.jpg 1707w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /></a><p id="caption-attachment-7595" class="wp-caption-text">Aus der Ausstellung „Meine Zeit“, Foto: Leevke Draack © Buddenbrookhaus.</p></div>
<p><strong>Caren Heuer</strong>: <em>Thomas Mann hält die Grundsatzrede „Meine Zeit“ 1950 in Chicago, als er bereits 75 Jahre alt ist. Er blickt in dieser Rede nicht nur auf sein Leben zurück, sondern auf ein politisch sehr wechselvolles Leben. Die politische Haltung Thomas Manns hatte sich in den vorangegangenen drei bis vier Jahrzehnten stark verändert. Das sollte Kern der Ausstellung werden. Mit der Rede „Meine Zeit“ haben wir einen idealen narrativen Faden für die Ausstellung gefunden. Thomas Mann erzählt seine politische Entwicklung, beginnend mit seiner Jugend und Schulzeit im deutschen Kaiserreich. Die Rede endet mit Bezügen zum Kalten Krieg und zur atomaren Bedrohung.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Manche denken, Thomas Mann sei in den ersten 45 Jahren seines Lebens ein Anti-Demokrat gewesen und erst später zum Pro-Demokraten geworden. So einfach ist es jedoch meines Erachtens nicht. Sie beginnen in der Ausstellung mit einem sehr klaren Satz aus den 1918 erschienenen „Betrachtungen eines Unpolitischen“: <em>„Der Geschmack eines Volkes an der Demokratie steht im umgekehrten Verhältnis zu seinem Ekel vor der Politik.“ </em>Diesen Satz habe ich inzwischen mehrfach im Hinblick auf aktuelle Entwicklungen zitiert. Der Satz entlarvt die zerstörerischen Gefühle, die manche hinter Alltagskritiken verstecken mögen, aber letztlich nur ihr Unbehagen an einer demokratischen Verfassung spiegeln. Spiegelt der Satz das Unbehagen Thomas Manns oder verweist er schon auf die später auch explizit formulierte Einsicht, dass Republik und Demokratie die Zukunft gehört?</p>
<p><strong>Caren Heuer</strong>: <em>Die Wahrnehmung, Thomas Mann sei bis in seine Vierzigerjahre hinein ein Antidemokrat gewesen, hat sich in der Rezeptionsgeschichte seines Werks allerdings durchaus durchgesetzt. Aber es ist wie alles bei Thomas Mann komplizierter. Die „Betrachtungen eines Unpolitischen“ sind ein Großessay, den er in den Kriegsjahren geschrieben hat und in dem er versucht, sich irgendwie politisch zu verhalten, eine politische Position einzunehmen, die in der Tat antidemokratisch, zumindest a-demokratisch ist. </em></p>
<p><em>Demokratie, das ist für ihn die Idee des Westens. Er will aber, dass sich Politik aus dem Alltag, aus seinem Alltag, der auch immer in erster Linie sein künstlerisches Schaffen meint, heraushält. Er meint, in einem demokratischen Staat würde von ihm erwartet, dass er politische Texte schreibt, in denen er sich einem politischen Mainstream unterwirft. Wie er auf diese Idee gekommen ist, hat bisher niemand so richtig verstanden. Aber so wird der Erste Weltkrieg gegen England und gegen Frankreich für ihn auch ein Krieg um Kunstfreiheit. So ist lange Zeit sein Verständnis des Krieges, aber je länger dieser Krieg dauert, umso unsicherer wird er in seiner Position. Das merkt man den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ auch an. Die Forschung hat bereits immer wieder nachgewiesen, dass der Text eine Art kreisenden Mäanderns versucht. Thomas Mann gerät in seiner antidemokratischen Position immer mehr ins Schlingern.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe Thomas Mann eigentlich immer politisch gelesen. In den Romanen haben wir doch eine ganze Menge politischer Debatten und Anspielungen. Nicht erst im „Doktor Faustus“ oder im „Zauberberg“, auch schon in den „Buddenbrooks“. Ein unpolitischer Schriftsteller war er nun wirklich nicht.</p>
<p><strong>Caren Heuer</strong>: <em>Das sehe ich auch so. Es ist auch eine Selbstbehauptung von ihm, in den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ schon im Titel. Aber nun ist die These, man sei „unpolitisch“, schon selbst eine sehr politische Äußerung. Zu dieser Erkenntnis kommt Thomas Mann im Verlaufe seines Lebens, aber immer etwas verzögert. Die These unserer Ausstellung entspricht dem, was Sie dort herausgelesen haben. Thomas Mann ist schon immer ein politisch denkender Mensch gewesen. Er hat es nur selbst nicht immer so wahrgenommen. </em></p>
<div id="attachment_7591" style="width: 351px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jan-Soeken-Buddenbrooks-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7591" class="wp-image-7591" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jan-Soeken-Buddenbrooks-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-300x200.jpg" alt="" width="341" height="227" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jan-Soeken-Buddenbrooks-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jan-Soeken-Buddenbrooks-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jan-Soeken-Buddenbrooks-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jan-Soeken-Buddenbrooks-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jan-Soeken-Buddenbrooks-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jan-Soeken-Buddenbrooks-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jan-Soeken-Buddenbrooks-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jan-Soeken-Buddenbrooks-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jan-Soeken-Buddenbrooks-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 341px) 100vw, 341px" /></a><p id="caption-attachment-7591" class="wp-caption-text">Jan Soeken, Comic zu Buddenbrooks. Aus der Ausstellung „Meine Zeit“, Foto: Leevke Draack © Buddenbrookhaus.</p></div>
<p><em>Sie sehen, dass er die politische Haltung immer auch literarisch reflektiert. Sie spielen auf die „Buddenbrooks“ an. In der Familiengeschichte der „Buddenbrooks“ ist die 1848er-Revolution ein Thema. Sie wird spöttisch belächelt, wäre nicht ernst zu nehmen, die Leute wüsste auch nicht so recht, was sie wollten. Sie sagten zwar, sie wollten eine „Nation“, Lübeck ist zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits eine „Nation“, da sagen die Leute, dann wollen wir halt noch eine. Diese Leute sind nicht in dem Sinne ernst zu nehmen, dass sie an einen Staat gleichberechtigter Bürgerinnen und Bürger dächten, die alle auf Augenhöhe miteinander agieren und alle die gleichen Rechte hätten. Zentral ist in unserer Ausstellung eine Szene mit der Köchin Trine, die die „Chalottensauce“ </em>(sic!) <em>versaut, darauf zur Rede gestellt wird und sich das nicht mehr bieten lassen will. Sie sagt zur Konsulin im Lübecker Dialekt, eines Tages werde sie im seidenen Kleid auf dem Sofa sitzen und Konsul und Konsulin würden sie bedienen. Daraufhin wird sie sofort entlassen.</em></p>
<h3><strong>Das Zeitalter des Bürgertums ist vorbei</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zu dieser Szene zeigen Sie in Ausstellung und Katalog den wunderbaren Comic von Jan Soeken. Er zeigt, wie Trine die völlig konsterniert auf dem Sofa bleibenden Herrschaften verlässt und sich der Demonstration vor dem Lübecker Rathaus anschließt. Sie hört die Parolen <em>„Republik!“, „Revolution!“, „Ständisches Prinzip!“ </em>und ruft selbst, die linke Faust erhebend<em> „Wahlrecht für alle!“</em>.</p>
<p><strong>Caren Heuer</strong>: <em>Dieser Roman reflektiert, dass da etwas brodelt. Thomas Mann spürt schon als junger Mann sehr deutlich, dass das Zeitalter des Bürgertums eigentlich längst vorbei ist. Ihm ist nur nicht klar, was danach kommen soll. Auch darum geht es im Roman „Buddenbrooks“. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dazu passt auch die Schlussszene im „Zauberberg“. Hans Castorp ist jetzt Soldat im Ersten Weltkrieg und Thomas Mann lässt ihn <a href="https://www.schubertlied.de/die-lieder/der-lindenbaum-d911">Franz Schuberts Lied vom „Lindenbaum“</a> singen. Mehrere Verse werden zitiert, der Erzähler kommentiert aus der Distanz: „<em>Und so, im Getümmel, in dem Regen, der Dämmerung, kommt er uns aus den Augen. / Lebewohl, Hans Castorp, des Lebens treuherziges Sorgenkind! Deine Geschichte ist aus. Zu Ende haben wir sie erzählt; sie war weder kurzweilig noch langweilig, es war eine hermetische Geschichte. Wir haben sie erzählt um ihretwillen, nicht deinethalben, denn du warst simpel. Aber zuletzt war es deine Geschichte (…).“ </em></p>
<p>In diesen Kontext passt ebenso der folgende Satz, den Sie in der Ausstellung und Katalog über den Präsidentschaftskandidaten Hindenburg präsentieren: <em>„Die Kandidatur Hindenburgs ist ‚Lindenbaum‘ gelinde gesagt. Ich habe in der Neuen Freien Presse gegen die schändliche Ausbeutung der romantischen Triebe des deutschen Volkes geschrieben (….)“ </em>(Aus einem Brief an Julius Bab aus dem Jahr 1925).  <em>   </em></p>
<p><strong>Caren Heuer</strong>: <em>Das bringt es auf den Punkt. Schuberts „Lindenbaum“ als Inbegriff des deutschen Liedguts aus der Romantik wird im „Zauberberg“ symbolisch für das Thema „deutsche Innerlichkeit“, „deutsche Romantik“ verhandelt, dem Thomas Mann eine gewisse Todesnähe zuschreibt, mindestens aber eine „Lebensabgewandtheit“, der Hans Castorp auf dem „Zauberberg“ zum Opfer fällt, Realitätsflucht, eine Absage an Fortschrittsglauben, an Entwicklung, auch an Aufklärung. Es ist eine Hinwendung zum Okkulten. Für diese Welt – das macht der Satz Thomas Manns zur Kandidatur Hindenburgs deutlich – steht für ihn dieser Generalfeldmarschall aus dem Ersten Weltkrieg, der zum Zeitpunkt seiner Kandidatur auch schon 77 Jahre alt ist. Thomas Mann nennt ihn in einem Brief an Julius Bab vom 23. April 1925 einen „Recken der Vorzeit“. Das ist doch die Welt von gestern, und der soll jetzt Staatsoberhaupt der ersten deutschen Republik werden? Thomas Mann kann es nicht glauben. Er ist sich auch sicher, dass er nicht gewählt wird, aber Paul von Hindenburg wird gewählt, mit drei Prozent Vorsprung vor dem Kandidaten der Weimarer Koalition Wilhelm Marx. </em></p>
<h3><strong>Die deutsche Kultur und der Faschismus</strong></h3>
<div id="attachment_7596" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Meine-Zeit-2.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7596" class="wp-image-7596 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Meine-Zeit-2.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Meine-Zeit-2.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-200x300.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Meine-Zeit-2.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-400x600.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Meine-Zeit-2.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-600x900.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Meine-Zeit-2.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-683x1024.jpg 683w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Meine-Zeit-2.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-768x1152.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Meine-Zeit-2.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-800x1200.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Meine-Zeit-2.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-1024x1536.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Meine-Zeit-2.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-1200x1800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Meine-Zeit-2.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-1365x2048.jpg 1365w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Meine-Zeit-2.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-scaled.jpg 1707w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /></a><p id="caption-attachment-7596" class="wp-caption-text">Aus der Ausstellung „Meine Zeit“, Foto: Leevke Draack © Buddenbrookhaus.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In „Meine Zeit“ verbindet Thomas Mann diese Sehnsucht nach der vergangenen bürgerlichen Romantik mit dem Faschisten Mussolini: <em>„der totalitäre Staatsmann ist ein Religionsstifter“</em>.</p>
<p><strong>Caren Heuer</strong>: <em>Thomas Mann arbeitet sich in den 1930er und 1940er Jahren genau daran ab. Wie sehr benutzt der Faschismus religiöse Erzählverfahren, um sich groß zu machen? Thomas Mann erkennt sehr früh am Beispiel des italienischen Faschismus, dass die religiösen Bezüge eine Grundanlage sind. Ich würde sogar so weit gehen, dass wir das jetzt an Donald Trump bestätigt sehen. Auch ikonographisch. Wir sehen es an Bildern von Mussolini und Hitler und jetzt wieder in der Schilderung durch Thomas Mann. Thomas Mann führt diese quasi-religiöse Pose in seinen Reden vor, schon vor den 1930er Jahren. Gleichzeitig bedient er sich selbst dieser Rhetorik und macht daraus einen fundamentalen Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen. Für das Böse, das Teuflische, steht Hitler, für das Gute steht der amerikanische Präsident Roosevelt. Thomas Mann erkennt dies und nutzt diese Erzählverfahren in seinem Kampf gegen den Faschismus. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In „Josef und seine Brüder“ spielt Roosevelt eine zentrale Rolle, insbesondere in „Josef der Ernährer“. Mit dem Dämonischen sind wir sehr schnell bei „Doktor Faustus“ und dem angeblichen Teufelspakt des Musikers Adrian Leverkühn, der sich wiederum in der Zeit spiegelt, in der sein Biograf und Freund Serenus Zeitblom schreibt. In einem Brief an den Philosophen und Sozialdemokraten Siegfried Marck aus dem Jahr 1944 schreibt Thomas Mann: <em>„Es gehört zum deutschen self-pity (…), immer mit ‚tragisch‘ und ‚dämonisch‘ bei der Hand zu sein, wenn es sich um unsere Unfähigkeit handelt, mit dem Leben in ein gesundes, uns und anderen wohltätiges Verhältnis zu kommen.“ </em></p>
<p><strong>Caren Heuer</strong>: <em>Das ist Teil von langjährigen Überlegungen Thomas Manns: Was hat die deutsche Kultur für den Faschismus anfällig werden lassen? Warum hat sich ist im Deutschen Reich der Nationalsozialismus durchgesetzt? Sind die Deutschen nur verführt worden? Das ist lange seine Überlegung. Es gibt nun das gute und das weniger gute Deutschland. Das Gute, das ist die deutsche Kultur, die durch den Nationalsozialismus verführt worden ist. Von dieser Aussage wendet er sich mit der Zeit ab. Er sagt zum Kriegsende sehr klar: Es gibt diese zwei Deutschlands nicht. Es gibt nicht die gute deutsche Kultur und das böse Deutschland. Das alles ist ein Deutschland. Dieses Deutschland ist durch seine Kultur, durch seine Innerlichkeit für die Rhetoriken, für die Machtstrategien des Faschismus anfällig geworden. Diese Innerlichkeit macht er immer wieder an der Romantik fest. Beispielhaft wird dies über Jahrzehnte an Richard Wagner auseinandergefummelt – so möchte ich das nennen. Wagner war für ihn immer der große Meister klassischer Musik, und trotzdem kommt er zu der Erkenntnis – ich zitiere aus dem Gedächtnis, es sei „viel Hitler in Wagner“. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Kritik an Wagner finden wir schon in den „Buddenbrooks“ in ihrer Wirkung auf Hanno Buddenbrook. Eine Kritik, die auch auf Nietzsches Abwendung von Wagner zurückgeht.</p>
<p><strong>Caren Heuer</strong>: <em>Hanno Buddenbrook liebt Wagner, hört „Lohengrin“, ähnlich wie Thomas Mann, der als 14jähriger im Lübecker Theater „Lohengrin“ hörte und dies als Geburtsstunde einer Hassliebe zu Wagner erfährt. Für Thomas Mann gilt, was er im „Zauberberg“ Lodovico Settembrini sagen lässt: „Musik ist politisch verdächtig“. Das Rauschhafte, das fast Orgiastische an der Musik, das Hanno Buddenbrook erlebt, war womöglich auch das Erleben von Thomas Mann selbst, der im Tagebuch später festhält, dass er dann, wenn er an einem Tag zu lange Musik gehört hat, wieder dem Laster anheimgefallen ist, das Grammophon spielen zu lassen! Sich der Musik zu lange und zu sehr hinzugeben, ist auch schon im Frühwerk von Thomas Mann immer gefährlich. Man begibt sich in eine Welt, die einen lebensunfähig macht.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Aus meiner Sicht hat Visconti bei seiner Verfilmung von „Der Tod in Venedig“ etwas sehr Passendes getan, indem er den Schriftsteller Gustav Aschenbach zu einem Musiker werden lässt, der im Übrigen im Aussehen sehr an Gustav Mahler erinnert. Musik durchzieht das gesamte Werk von Thomas Mann von den „Buddenbrooks“ bis zum „Doktor Faustus“. Das Dämonische, ich möchte sogar sagen: das Faschistische, Faschistoide in der Musik wurde zu einer Grundlage, die ihn das ganze Leben beschäftigt hat.</p>
<p><strong>Caren Heuer</strong>: <em>Das kann man so festhalten.</em></p>
<h3><strong>Verantwortung gegen den autoritären Schrecken</strong></h3>
<div id="attachment_7592" style="width: 351px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Meine-Zeit-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7592" class="wp-image-7592" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Meine-Zeit-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-300x200.jpg" alt="" width="341" height="227" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Meine-Zeit-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Meine-Zeit-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Meine-Zeit-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Meine-Zeit-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Meine-Zeit-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Meine-Zeit-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Meine-Zeit-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Meine-Zeit-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Meine-Zeit-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 341px) 100vw, 341px" /></a><p id="caption-attachment-7592" class="wp-caption-text">Aus der Ausstellung „Meine Zeit“, Foto: Leevke Draack © Buddenbrookhaus.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In „Meine Zeit“ schrieb Thomas Mann: <em>„Es fragt sich, ob der Mensch um seiner seelischen und metaphysischen Geborgenheit willen nicht lieber den Schrecken will als die Freiheit.“ </em>Das erinnert mich schon ein wenig an den Hang zur Ästhetisierung von Gewalt, nicht nur in der Musik Wagners, prominent in der Literatur von Ernst Jünger, der in „In Stahlgewittern“ und weiteren Büchern den Ersten Weltkrieg als ästhetisches Erlebnis heroisiert.</p>
<p><strong>Caren Heuer</strong>: <em>Das würde ich bestätigen, aber es ist von Thomas Mann in der Rede auch dezidiert politisch gemeint. Mit der Freiheit, die die Gründung der ersten deutschen Republik bedeutete, waren ja die Menschen damals wohl überfordert. Thomas Mann stellt sich im Rückblick auf die Weimarer Republik die Frage, ob die Deutschen nicht lieber den „Schrecken“, die Autorität von oben wollen, den starken Staat, der für sie entscheidet. Für Thomas Mann verändert sich sein Freiheitsbegriff nach dem Ersten Weltkrieg kolossal. Mit seiner berühmten Rede „Von deutscher Republik“ im Jahr 1922 macht er klar, wir sind jetzt – wie Sartre es später formuliert – zur Freiheit verdammt. Zur Freiheit in der Demokratie zählt auch immer die Verantwortung. Und dann stellt sich die Frage, ob man diese Verantwortung wirklich eingehen möchte oder ob nicht die Unterwerfung der einfachere Weg wäre. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In der Rede „Von deutscher Republik“ – vier Jahre nach der Veröffentlichung der „Betrachtungen eines Unpolitischen“ sagt Thomas Mann: <em>„Der Glaube macht selig, der befohlene und erzwungene Glaube an einen seligmachenden Mythos. Mit einem Wort; die sogenannte Freiheit ist kein Spaß und Vergnügen, nicht das ist es, was ich behaupte. Ihr anderer Name ist Verantwortlichkeit.“ </em>Verantwortung ist sein ethisches Gegenprogramm gegen jede autoritäre Herrschaft, aber er sieht wohl die Deutschen immer wieder und immer noch in ihrer alten Lindenbaumseligkeit gefangen.</p>
<p><strong>Caren Heuer</strong>: <em>Ja, aber es ist eine retrospektive Erkenntnis. Die Rede ist ein starker Appell an die Zuhörer, die immer auch direkt angesprochen werden, denen er die Erkenntnis vermitteln will, dass der andere Name der Freiheit „Verantwortlichkeit“ ist. Die Republik – so heißt es in dieser Rede – ist in unsere Hände gelegt und wir müssen es gut machen. Die politische Verantwortung liegt bei uns allen und er fragt seine Zuhörer, ob sie dies verstanden haben. Er hatte es verstanden, der Rest der Welt leider nicht. </em></p>
<h3><strong>Die Brüder Heinrich und Thomas Mann</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wenn wir über Thomas Mann sprechen, sollten wir auch über Heinrich Mann sprechen. Die beiden hatten kein einfaches Verhältnis zueinander.</p>
<p><strong>Caren Heuer</strong>: <em>Heinrich Mann erscheint uns rückblickend immer als der progressivere der beiden, der deutschen Imperialismus schon früh abgelehnt hat, der schon vor und während des Ersten Weltkriegs eine pazifistische und vor allem eine europäische Perspektive eingenommen hat, anders als sein Bruder Thomas, der auch im Jahr 1914 sein Augusterlebnis gehabt hat, sich hat mitreißen lassen vom Rausch der Kriegsbegeisterung. Heinrich Mann war sehr klarsichtig. </em></p>
<p><em>Über die unterschiedlichen Haltungen zum Ersten Weltkrieg zerstreiten sich die beiden, sprechen jahrelang kein Wort mehr miteinander, kommunizieren nur über Essays. Als Thomas Manns „Betrachtungen eines Unpolitischen“ 1918 erscheinen, ist dies ein Text von gestern. Dagegen ist Heinrich Manns Roman „Der Untertan“, der im Jahr 1914 veröffentlicht wurde, der Gegentext avant la lettre, die Antithese. Der Roman wurde ein großer Erfolg, auch für Heinrich Mann persönlich, der dann als der Autor der Weimarer Republik gilt, der sehr viel hellsichtiger als Thomas Mann erkannt hatte, wohin Imperialismus und deutsches Großmachtstreben führen werden: in einen großen europäischen Krieg.</em></p>
<p><em>Im Jahr 1932 wurde Heinrich Mann als Präsidentschaftskandidat der Demokraten gehandelt. An Thomas Mann hat damals niemand gedacht. Auch das sagt etwas darüber aus, wie stark Heinrich Mann in den 1920er Jahren zu einer Identifikationsfigur für Demokraten geworden ist. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich wage einmal die These, dass unter den in den 1920er Jahren populären Romanen mehr Romane zu finden sind, die an „Der Untertan“ erinnern, weniger solche, die an „Der Zauberberg“ denken lassen. Ich denke an Romane von Alfred Döblin oder Erich Maria Remarque, auch vielleicht von Franz Werfel. Oder auch an den Roman „Ginster“ von Siegfried Kracauer, der auch durchaus satirische Elemente enthält, mit denen er sich über das Kartoffelschälen in der Etappe lustig macht und damit den Krieg nicht nur in seinen Schrecken, sondern auch in seinen Lächerlichkeiten zeigt. Heldenhaft ist in „Ginster“ gar nichts. Kritische Auseinandersetzungen mit dem Ersten Weltkrieg, mit dem deutschen Großmachtstreben gibt es in den 1920er Jahren eine ganze Menge. Bei Thomas Mann wird dies nie so offen angesprochen wie bei den genannten Autoren einschließlich seines Bruders. Er formulierte subtiler.</p>
<p><strong>Caren Heuer</strong>: <em>Das war immer sein Anspruch. Es graute ihn davor, dass in der Demokratie nur noch Tendenzliteratur von ihm erwartet würde, Literatur mit einer starken politischen Programmatik. Dies wollte Thomas Mann nicht liefern! Auch „Der Zauberberg“, den ich als einen demokratischen Roman betrachte, lotet ja Positionen aus. Es gibt Hunderte von Seiten mit den Debatten zwischen dem Demokratien Lodovico Settembrini und dem Anti-Demokraten Leo Naphta. Naphta ist nun keine dumme Gestalt. Er ist sehr gebildet, eloquent, vermag sich gewählt auszudrücken. Thomas Mann macht es sich und seinen Lesern nicht einfach. „Der Untertan“, der auch als satirischer Roman völlig anders funktioniert, hat eine eindeutige politische Aussage, die auch gar nicht missverstanden werden kann.</em></p>
<h3><strong>Der Teufelspakt der deutschen Kultur</strong></h3>
<div id="attachment_7593" style="width: 351px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Der-Zauberberg-und-Meine-Zeit.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7593" class="wp-image-7593" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Der-Zauberberg-und-Meine-Zeit.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-300x200.jpg" alt="" width="341" height="227" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Der-Zauberberg-und-Meine-Zeit.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Der-Zauberberg-und-Meine-Zeit.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Der-Zauberberg-und-Meine-Zeit.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Der-Zauberberg-und-Meine-Zeit.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Der-Zauberberg-und-Meine-Zeit.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Der-Zauberberg-und-Meine-Zeit.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Der-Zauberberg-und-Meine-Zeit.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Der-Zauberberg-und-Meine-Zeit.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Der-Zauberberg-und-Meine-Zeit.-Aus-der-Ausstellung-„Meine-Zeit-Foto-Leevke-Draack-©-Buddenbrookhaus-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 341px) 100vw, 341px" /></a><p id="caption-attachment-7593" class="wp-caption-text">Aus der Ausstellung „Meine Zeit“, Foto: Leevke Draack © Buddenbrookhaus.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht darf ich Sie zum Abschluss unseres Gesprächs fragen, welches Buch von Thomas Mann Sie wählen würden, wenn Sie sich morgen für eines entscheiden müssten?</p>
<p><strong>Caren Heuer</strong>: <em>„Der Zauberberg“. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich nähme „Doktor Faustus“.</p>
<p><strong>Caren Heuer</strong>: <em>Da schwanke ich immer. Aber gestern hätte ich vielleicht noch „Buddenbrooks“ geantwortet. Aber meine große Sorge ist, dass der „Doktor Faustus“ in den nächsten Jahren der Roman der Stunde wird.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Keine schöne Perspektive.</p>
<p><strong>Caren Heuer</strong><em>: Im Jahr 1945 hält Thomas Mann die Rede „Deutschland und die Deutschen“. In dieser Rede entwickelt er eine These, die er auch im „Doktor Faustus“ verhandelt, erstmals in einer politischen Rede. Es ist die These einer deutschen Kultur, die sich aufgrund einer Besonderheit für den „Pakt mit dem Teufel“. Er sieht eine lange kulturelle Tradition, nicht nur in die Romantik, sondern bis ins deutsche Mittelalter hinein. Er zeichnet dies am Beispiel von Lübeck nach. Es ist eine sehr bemerkenswerte Rede, die er natürlich unter dem Eindruck des verlorenen Krieges und der Öffnung der Konzentrationslager hielt. Von den Konzentrationslagern wusste er, aber von deren absolutem Schrecken erfuhr er erst durch eine Bilderserie im Time Magazine über Buchenwald. Da sah er zum ersten Mal die Leichenberge. Das ist ein weiterer Schlüsselpunkt für Thomas Manns politische Entwicklung. Das kann und muss man an dieser Rede festmachen. </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im November 2025, Internetzugriffe zuletzt am 22. November 2025. Rechte aller Bilder einschließlich des Titelbildes beim Buddenbrookhaus, Fotografin: Leevke Draack. Dem Buddenbrookhaus und Caren Heuer gilt mein ganz herzlicher Dank für die Bereitstellung der Bilder.)</p>
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