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	<title>Rezensionen Archive - Demokratischer Salon:</title>
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	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
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		<title>Die unerzählten Geschichten Buchenwalds</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Jul 2026 05:51:53 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die unerzählten Geschichten Buchenwalds Ein Essay anlässlich des Buches „Landschaft ohne Zeugen“ von Ines Geipel „Über die Shoa, die systematische Vernichtung von sechs Millionen Juden (die Zahl war in der Sowjetunion bis zu deren Ende in der breiten Öffentlichkeit unbekannt) wurde geschwiegen. An den Massengräbern der erschossenen Juden in Belorussland und der Ukraine standen  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Die unerzählten Geschichten Buchenwalds </strong></h1>
<h2><strong>Ein Essay anlässlich des Buches „Landschaft ohne Zeugen“ von Ines Geipel</strong></h2>
<p><em>„Über die Shoa, die systematische Vernichtung von sechs Millionen Juden (die Zahl war in der Sowjetunion bis zu deren Ende in der breiten Öffentlichkeit unbekannt) wurde geschwiegen. An den Massengräbern der erschossenen Juden in Belorussland und der Ukraine standen Tafeln, die an die <u>Opfer der deutsch-faschistischen Eroberer</u> erinnerten. Seit dem Sommer 1943 hatte das JAK Dokumente über die Ermordung der Juden in der besetzten Sowjetunion gesammelt. Ilja Ehrenburg und Wassili Grossmann gelang es dennoch nicht, ein geplantes <u>Schwarzbuch</u> zu veröffentlichen. Die Argumentation war die übliche: Das Schicksal der Juden darf gegenüber dem einfachen sowjetischen Bürger nicht hervorgehoben werden. Das spezifische Leid der Juden während des Zweiten Weltkriegs wurde weder in den Schulen und Hochschule noch in der Kunst thematisiert.“ </em>(<a href="https://www.hentrichhentrich.de/de/programm/produkt/die_drei_leben_des_meir_schwartz">Anja Schindler, Die drei Leben des Meir Schwartz – Das Schicksal meines Vaters</a>, Leipzig, Hentrich &amp; Hentrich, 2018)</p>
<p>Spuren, Geräusche, Schatten, Bilder erscheinen in Alpträumen, lassen nicht mehr in Ruhe schlafen, verhindern Vergessen, belasten ein Leben lang. Menschen, die Schlimmstes erlebt haben, Deportation, Folter, Hunger und Zwangsarbeit, den Tod anderer Menschen, aus der Familie, dem Freundes- und Bekanntenkreis, erleben immer wieder, dass andere meinen, es müsste doch endlich einmal ein Schlussstrich gezogen werden, das sei doch alles <em>„Geschichte“ – </em>eine euphemistische Formel dafür, dass man darüber eigentlich gar nicht mehr reden sollte. Ob eine solche Formel die persönliche oder gar die kollektive Psyche tatsächlich entlastet, darf bezweifelt werden. Wäre sie erfolgreich, sodass letztlich nur die Überlebenden und ihre Nachgeborenen mit ihrem Leid, ihrer Erinnerung allein blieben, gäbe es nicht immer von Neuem eine Debatte darüber, warum nicht endlich einmal Schluss sein möge, mit all diesen Beschuldigungen, Erinnerungen, Aufrufen zum gemeinsamen Gedenken.</p>
<h3><strong>Gesteuerte Aufmerksamkeit</strong></h3>
<p>Man mag in diesem Sinne den Namen „Buchenwald“ unterschiedlich belegen, als Ort der Shoah und des Terrors der Nazis gegen jede Opposition, als Gedenkstätte, die regelmäßig von Schulklassen aufgesucht wird, um dort mehr oder weniger freiwillig etwas über die Jahre zwischen 1933 und 1945 zu erfahren, oder auch als Ort einer staatlich gesteuerten Gedenk- und Geschichtspolitik, wie dies in DDR von Beginn an geschah. Buchenwald war der Ort, den Jugendliche vor allem aus dem Süden der DDR anlässlich ihrer Jugendweihe gemeinsam aufsuchten, um sich zum revolutionären und antifaschistischen Erbe der DDR zu bekennen. Der Besuch war Teil des Vorbereitungsjahres zur Aufnahme in die FDJ. Im Norden der DDR fuhr nach Sachsenhausen oder Ravensbrück.</p>
<p>Buchenwald war der ideologische und mystifizierte Ort, an dem sich sowjetisch-kommunistisches, antifaschistisches Gedenken über die vier Jahrzehnte der DDR kristallisierte. Ostdeutsche Unschuld stand westdeutscher Schuld gegenüber. In einem <a href="https://www.sueddeutsche.de/leben/deutschland-ns-vergangenheit-schweigen-familien-li.3499427">Gespräch vom 30. Juni 2026 mit der Süddeutschen Zeitung</a> sagte Ines Geipel: <em>„Im Osten gab es offiziell ja keine Nazi-Täter. Laut Staatsmythos hockten sie allesamt im Westen. Die DDR war damit ein lupenreines Opferkollektiv. Das war das große Entlastungsangebot der kommunistischen Staatspartei gegenüber der eigenen Bevölkerung. Bei Lichte besehen wurde es zur inneren DDR-DNA mit frappierender Langzeitwirkung. In der Realität jedoch waren mehr als 30 Prozent der Ostdeutschen am Kriegsende in Naziorganisationen gewesen, anderthalb Millionen in der NSDAP. Eine Belastung, die im Grunde die zweite deutsche Diktatur mit ermöglichte. Denn die kampferprobten, erfahrenen Kommunisten und SPDler aus der Weimarer Republik wurden oft genug durch Altnazis in der zwangsvereinten Partei ersetzt. Und Auschwitz? Das war einzig ein Problem des Westens.“ </em></p>
<p>Gefeiert und geehrt wurde der Widerstand der kommunistischen Häftlinge in Buchenwald, während alle anderen, nicht zuletzt auch die dort inhaftierten und ermordeten Jüdinnen und Juden in der DDR mehr oder weniger aus dem offiziellen Gedenken verschwanden. Aber auch die kommunistischen Häftlinge mussten sich der DDR- und Parteiführung beugen, die das Exil in Moskau überlebt hatte und jede innerparteiliche Opposition, gleichviel ob real existent oder nur vermutet, auszuschließen bestrebt war. Dabei half den <em>„Moskauern“</em> die Verstrickung der im Lager inhaftierten Kommunisten in Kollaborationen mit der SS. Im Lager regelten sie interne Auseinandersetzungen mit der SS, nicht zuletzt indem sie in den sogenannten <em>„Spritzkommandos“ </em>mordeten. Der bekannteste Überlebende der Buchenwalder Kommunisten war Walter Bartel, den die DDR- und SED-Führung zur Ikone ihres Bildes vom heldenhaften kommunistischen Widerstand in Buchenwald machte.</p>
<div id="attachment_8154" style="width: 194px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.fischerverlage.de/buch/ines-geipel-landschaft-ohne-zeugen-9783103977363"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8154" class="wp-image-8154 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-184x300.jpg" alt="" width="184" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-184x300.jpg 184w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-200x326.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-400x652.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-600x978.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-628x1024.jpg 628w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-768x1252.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-800x1304.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-942x1536.jpg 942w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-1200x1956.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-1256x2048.jpg 1256w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer.jpg 1514w" sizes="(max-width: 184px) 100vw, 184px" /></a><p id="caption-attachment-8154" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Ines Geipel hat mehrfach, 2019 in <a href="https://www.klett-cotta.de/produkt/ines-geipel-umkaempfte-zone-9783608115185-t-1196">„Umkämpfte Zone – Mein Bruder, der Osten und der Hass“</a>, 2026 in <a href="https://www.fischerverlage.de/buch/ines-geipel-landschaft-ohne-zeugen-9783103977363">„Landschaft ohne Zeugen – Buchenwald und der Riss der Erinnerung“</a> die Engführung von Erinnerungskultur in der DDR zum Thema gemacht. Am 19. März 2026 sprach sie bei der Vorstellung ihres Buches auf der Leipziger Buchmesse in einer Veranstaltung des Mitteldeutschen Rundfunks davon, es gebe <em>„eine Gravitation um diesen Ort“</em> und zitierte damit den Titel des ersten Kapitels: <em>„Gravitation in Kreisen“</em>. Sie sehe ihr Buch als eine Unterstützung der Gedenkstätten, die bei einer AfD-Regierung wohl geschlossen würden. Ein Motiv ihrer Recherchen und ihres Schreibens sie jedoch auch die Aussage gewesen, 1989 habe man der DDR auch noch den <em>„roten Antifaschismus genommen“</em>. Sie selbst schreibt als Nachfahrin von Tätern, des Vaters (in der DDR) und der Großväter (im NS-Deutschland). Sie kennt das Schweigen, Be- und Verschweigen in der Familie. Sie kennt die <em>„hochgradige Ambivalenz und Vielfalt der Opfer und die Vielfalt der Täter“</em>, in der NS-Zeit wie in der Zeit der SED-Herrschaft: <em>„Wir Ostdeutschen haben mit unserer belasteten Geschichte genauso eine Tätergeschichte wie der Westen.“</em></p>
<p>Manche versuchen, ihren Unwillen an einer offenen Auseinandersetzung mit der eigenen Täterschaft oder der Täterschaft ihrer Vorfahren zu kompensieren, indem sie die Gruppe, der sie selbst angehören, heroisieren oder die öffentliche Aufmerksamkeit einfach auf ein anderes Erinnerungsfeld umlenken, das doch – so werden sie nicht müde zu betonen – viel dringlicher wäre. <a href="https://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/rothberg_bpb_LESEPROBE.pdf"><em>„Multidirektionale Erinnerung“</em></a> lautet das von dem US-amerikanischen Literaturwissenschaftler Michael Rothberg in die Debatte eingeführte Zauberwort der Ab- und Umlenkung des Erinnerns. Jede Erinnerung hat selbstverständlich ihren Grund, ihre Berechtigung, doch gefährlich wird es, wenn Verbrechen gegeneinander aufgerechnet werden wie in den letzten Jahren die Verbrechen der Shoah mit den Verbrechen der deutschen Kolonialherrschaft und eine Art Hierarchie der Opfer, Hierarchie des Gedenkens entstehen soll, die sich letztlich in dem Anliegen begründet, dass das schon so lange Erinnerte, konkret die Shoah, mit der Zeit doch aus der allgemeinen öffentlichen Aufmerksamkeit verschwinden möge.</p>
<p>So geschah es nach 1945 schon sehr früh im sowjetischen Machtbereich, in der Sowjetunion, daher natürlich auch in der DDR: Nur der kommunistische Widerstand gegen die Nazis wurde als Gegenstand der Erinnerung akzeptiert. Jede andere Erinnerung, jedes andere Gedenken, wurde geradezu im doppelten Sinne des Wortes ausgeschlossen. Paul Merker wurde aus der SED ausgeschlossen, inhaftiert und verurteilt, weil er als einziger <em>„im Zentralkomitee und im Politbüro der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und späteren Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED)“</em> war, <em>„der die jüdische Frage in den Mittelpunkt der kommunistischen Theorie und Praxis setzen wollte und konnte.“</em> Die Verurteilung von Paul Merker vollzog sich im Rahmen von Stalins <em>„Kampagne gegen den ‚Kosmopolitismus‘“</em> sowie im Wissen um das Luxemburger Abkommen zwischen Israel und der Bundesrepublik Deutschland. Während Walter Ulbrecht und Wilhelm Pieck argumentierten, der Sieg über den Nationalsozialismus als <em>„Entschädigung“</em> der Juden zu werten wäre, wies Paul Merker darauf hin, dass Juden <em>„nur verfolgt wurden, da sie Juden waren“</em> und daher <em>„hätten sie die gleichen Anrechte auf eine Wiedergutmachung wie alle anderen Nationen.“</em> Das Urteil gegen Merker wurde 1956 aufgehoben, er <em>„durfte auch als Lektor in Berlin arbeiten“</em>. <a href="https://history.umd.edu/directory/jeffrey-herf">Jeffrey Herf</a> bezeichnet den <em>„Fall Merker“</em> als <em>„Wendepunkt im Verhältnis der DDR zur jüdischen Frage.“</em> (alle Zitate in diesem Absatz nach Jeffrey Herf, Ein antisemitisches Gerichtsurteil, in: Anetta Kahane / Martin Jander, Hg., <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/juden-in-der-ddr/">Juden in der DDR – Jüdisch sein zwischen Anpassung, Dissidenz, Illusionen und Repression</a>, Leipzig, Hentrich &amp; Hentrich, 2021)</p>
<p>Die AfD verfährt nach diesem sowjetisch-kommunistischem Muster, wenn sie die Zeit von 1933 bis 1945 aus dem nationalen Gedenken so weit wie möglich streichen will, zunächst wohl durch rhetorische Abwertung, schließlich im Falle einer Übernahme der Regierung mit der Streichung von Zuwendungen aus den Landeshaushalten für die Gedenkstätten. Sie will ausweislich ihres Wahlprogramms für Sachsen-Anhalt 2026 die Völkerschlacht von Leipzig des Jahres 1813 und die Reichsgründung von 1871 zum Momentum des Gedenkens erheben. Vorbild würde das deutsche Kaiserreich, möglicherweise mit dem Subtext eines antifranzösischen Ressentiments, das die Aussöhnung der Bundesrepublik Deutschlands und Frankreichs im Jahr 1963 konterkariert. Bismarck statt Adenauer? In dieser Absicht spiegelt sich durchaus die sowjetische Sicht des Gedenkens, die sich in der DDR durchsetzte. Die Shoah verschwindet aus dem offiziellen Gedenken. Dieses sollte ausschließlich dem kommunistischen Widerstand gelten<a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/sowjetische-protokolle/">. Der sich in der Regel als Antizionismus tarnende sowjetische Antisemitismus</a> konnte sich frei entfalten, weil die Shoah aus dem öffentlichen Gedenken mehr oder weniger eliminiert wurde.</p>
<h3><strong>Kollektive Verantwortung</strong></h3>
<div id="attachment_8155" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8155" class="wp-image-8155 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8155" class="wp-caption-text">Foto: NoRei.</p></div>
<p>„Landschaft ohne Zeugen“ hätte angesichts der Fülle des Materials eine 1.000seitige Monographie werden können, die nur noch von Spezialisten rezipiert worden wäre. Ines Geipel ist es jedoch gelungen, auf etwa 300 Seiten ein sehr gut lesbares, eingängiges und im besten Sinne aufklärerisches Buch zu schreiben. Ines Geipel erzählt die Geschichte des Erinnerns an die Shoah in der DDR als eine Geschichte, die alle, die in der DDR aufwuchsen, gleichermaßen prägte. Auf jeder Seite des Buches bietet sie zugleich unmittelbaren Einblick in ihre Quellen. Unter ihrem Text sehen wir – in grauen Kästen – Auszüge aus den Akten.</p>
<p>Es geht Ines Geipel nicht um eine Schuldzuweisung im Sinne einer angenommenen <a href="https://www.bpb.de/themen/antisemitismus/dossier-antisemitismus/was-heisst-antisemitismus/glossar-antisemitismus/559884/kollektivschuld/"><em>„Kollektivschuld“</em></a> <u>aller</u> Deutschen, gleichviel ob Ost oder West. Diese Abgrenzung ist meines Erachtens wichtig, weil sich die geschichtspolitischen Ansichten rechtspopulistischer und rechtsextremistischer Akteure immer wieder auf die Annahme beziehen, man wolle den Deutschen eine solche <em>„Kollektivschuld“</em> verordnen. Sie nutzen den Begriff der <em>„Kollektivschuld“</em> als Kampfbegriff, um ihre Gegner zu diffamieren. Sie spiegeln darin den antifaschistischen Anspruch von SED und DDR, die den Deutschen in der Bundesrepublik Deutschland eine <em>„Kollektivschuld“</em> zuwiesen, während die Deutschen in der DDR mit der sowjetischen Befreiung und der Staatsgründung am 7. Oktober 1949 per se auch von jeder Mitschuld befreit worden wären. Im sozialistischen, antifaschistischen <em>„Sein“</em> habe gemäß der berühmten Formel von Karl Marx das faschistische <em>„Bewusstsein“</em> keinen Ort mehr. Wer etwas anderes behaupte, könne nur als Agent des imperialistischen Westens und Wiedergänger der Nazis bewertet werden.</p>
<p>Ines Geipel differenziert die Frage der <em>„Schuld“</em> durchaus im Sinne der wegweisenden Vorlesung von Karl Jaspers aus dem Wintersemester 1945/1946 in Heidelberg: <a href="https://jaspers-stiftung.ch/de/karl-jaspers/die-schuldfrage">„Die Schuldfrage“</a>: Jaspers unterschied zwischen krimineller, politischer, moralischer und metaphysischer Schuld. Karl Jaspers schrieb allerdings auch: <em>„Ein Volk haftet für seine Staatlichkeit“</em>. Das wäre in etwa die <em>„politische Schuld“</em>, die die in einem verbrecherischen Staat lebenden Menschen miteinander teilen, auch wenn sie persönlich keine unmittelbar <em>„kriminelle“</em> Schuld träfe. Auftrag sei daher eine Art <em>„moralische Umkehr“</em>, die wiederum im <em>„metaphysischen“</em> Sinne, je nach religiöser Identität, vor Gott Bestand haben könne. Yfaat Weiss, Professorin für Jüdische Geschichte an der Hebräischen Universität in Jerusalem und Direktorin des Leibniz-Instituts für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow in Leipzig, reflektiert diese Frage der <em>„kollektiven Haftung“</em> in ihrem Essay <a href="https://www.merkur-zeitschrift.de/artikel/wissendes-schweigen-a-mr-80-2-33/">„Wissendes Schweigen – Über Schuldfragen und andere Bedenken“</a> (in: Merkur – Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, Februar 2026) im Hinblick auf die Geschichte der deutsch-israelischen Beziehungen seit der Staatsgründung bis hin zu Israel nach dem 7. Oktober. Zuschreibungen aus unterschiedlichen Perspektiven und Eingeständnisse von Schuld und Verantwortung konterkarieren einander. Möglicherweise wäre in diesem Rahmen eine kontrastive Analyse der emotionalen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Israel sowie der DDR und den arabischen Ländern ein spannendes Kapitel historischer Forschung, das noch geschrieben werden sollte. „Landschaft ohne Zeugen“ bietet eine Fülle von Anknüpfungspunkten für eine solche Analyse.</p>
<p>„Landschaft ohne Zeugen“ ist gerade wegen der offen an- und ausgesprochenen Vergangenheiten in der eigenen Familie ein höchst persönliches Buch. Zugleich lässt das Buch die persönlichen und kollektiven Verstrickungen jedes einzelnen Menschen in der Erinnerungs- und Geschichtspolitik der DDR deutlich erkennen. Wer in der DDR aufwuchs, sich arrangierte oder in Konflikt mit den Behörden kam, dürfte ähnliche Verstrickungen berichten können, vorausgesetzt man begänne nachzufragen und nachzuforschen. Vielleicht ist das persönliche Zeugnis sogar die einzig angemessene Form, sich einer Vergangenheit und ihren Geschichtsbildern, ihren psychischen Folgen wie ihren Untiefen zu nähern und zu stellen. Was erleben 13-, 14jährige junge Menschen, wenn sie sich anlässlich ihrer Jugendweihe auf der staatlich verordneten Busreise nach Buchenwald diesen Untiefen nähern, auf dem <em>„Zeitplateau“</em> der Vergangenheit? Schafft es Überblick? Oder bleibt nur das Eingeständnis des Unwissens, einer Art von Verlorenheit in einer Geschichte, in der man den eigenen Ort noch nicht gefunden hat? <em>„Das mit dem Zeitplateau. Ihm würden wir nicht mehr entkommen. Aber das wussten wir nicht. Woher hätten wir das wissen sollen. Vielleicht ist es von heute aus das klarste Gefühl für diesen Ort: dass wir nichts wussten, nichts wissen sollten, nicht konnten.“</em></p>
<h3><strong>Erinnern – ein schmerzhafter und nie abschließbarer Prozess</strong></h3>
<p>Schon der Titel des Buches beschreibt das Dilemma jeder Erinnerungskultur: Wer kann überhaupt noch etwas bezeugen? Viele Zeugen, Zeuginnen erzählen ihre Sicht der Dinge, oft unwissend, oft auch ungeachtet der eigenen Täterschaft oder der Täterschaften ihrer Eltern und Großeltern. Andere können nichts mehr bezeugen, weil ihre Lebensäußerungen, Tagebücher, Briefe, Protokolle aus Prozessen nur noch rudimentär oder gar nicht mehr vorhanden sind. Die Buchenwalderzählungen in der DDR sind ein Paradebeispiel einer solch selektiven Erinnerungskultur, offiziell wie halb offiziell. Im Untertitel des Buches erscheint das Dilemma, er erinnert an das Buch <a href="https://www.mitteldeutscherverlag.de/literatur/alle-titel-literatur/loest,-erich-durch-die-erde-ein-ri%C3%9F-ein-lebenslauf-detail">„Durch die Erde ein Riss“</a> von Erich Loest, der in der DDR inhaftiert wurde, weil er sich nicht dem Geschichts- und Erinnerungsdiktat der Partei unterwarf. Ohnehin ist Erich Loest für Ines Geipel eine wichtige Gewährsperson. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/keine-kerben-im-kolben/">Im Februar 2023 wurde sie mit dem Erich-Loest-Preis ausgezeichnet</a>. In ihrer Dankesrede zitierte sie einen Tagebucheintrag von Erich Loest aus dem Jahr 2008: „<em>Bei der Zusammenschau, der Deutung kommen wir nicht voran. Wir wursteln immer noch in der Frühphase der Zeitgeschichtsschreibung. Einfache Grundlagen bleiben ungefestigt.“</em></p>
<p>Erich Loest hatte sich in seinem Buch „Jungen, die übrig blieben“ (1950) mit seiner eigenen Vergangenheit in Hitlerjugend und in der Wehrmacht auseinandergesetzt, ein in der DDR nicht gerade populäres Projekt. Es gibt jedoch keine Zukunft ohne das Eingeständnis der eigenen Fehlbarkeit. Das sahen die Apologeten der staatlich fixierten Erinnerungs- und Geschichtspolitik anders. Ines Geipel beginnt konsequent mit ihrem eigenen Erleben als junges stotterndes Mädchen bei der Jugendweihe und – zwei Jahre später – ihrer Begegnung mit Walter Bartel höchstselbst, der staatlich inszenierten Ikone des kommunistischen Widerstands in Buchenwald: „<em>Ich weiß nicht mehr, wer ich mit 14 war. Natürlich weiß ich es. Blass, stotternd. Aber vielleicht ist das schon zu viel, vielleicht sollte ich es ruhiger angehen.“ </em>Die ersten Seiten des Buches lassen erahnen, wie schwer es ist, eine angemessene Sprache zu finden: <em>„In meiner Vorstellung drehten und wendeten sich die Wörter, wie ich wollte. Ich konnte mit ihnen jonglieren, sie hüpfen und tanzen lassen. Wo auch immer ich war, redete ich. Ich redete einfach durch. Direkt, impulsiv, auf der nicht abreißenden Wörterstraße entlang. So meine Vorstellung. In der Realität sah es anders aus. Da steckten die Wörter in mir fest. Sie wandten sich, kollerten, verklebten zu miesen Klumpen. Wenn sie irgendwann doch aus mir rauskamen, zerplatzten sie wie Knallbonbons. Es waren Luftstummel. Trümmerteile von dem, was mal meine Gedanken gewesen waren.“</em></p>
<p>Ines Geipel erfährt sich im Verlauf ihrer Recherchen und ihres Schreibens selbst, auch im Spiegel der wechselnden Identitäten ihres Vaters, der als Stasi-Agent im Ausland wirkte, ihrer Nazi-Großväter. Aber: „<em>Es gab mich und das Unflüssige, Verhakte. Das heißt ein paar Möglichkeiten, die Wörterfrage zu stellen und mit der nicht durchzukommen, sie nicht lösen zu können.“</em> Im Schreiben verflüssigt sich <em>„das Unflüssige“</em>, löst sich das <em>„Verhakte“</em>. Bei der Lektüre des Buches kann man Ines Geipel geradezu zusehen, wie sie recherchiert, versucht das Recherchierte zu ordnen, aufzuschreiben. Der <em>„Riss“</em> heilt nicht, aber er wird von Seite zu Seite klarer benannt. Er geht durch die ganze Familie, durch die einzelnen Menschen selbst, auch durch die Täter von und in Buchenwald, nicht nur die SS-Täter, auch die Buchenwald-Kommunisten in ihrer Konkurrenz zu den sogenannten <em>„Moskauern“</em>, den Kommunisten, die wie Walter Ulbricht in Moskau nicht nur die NS-Verfolgung, sondern auch den Terror und die Paranoia Stalins überlebt hatten. Die <em>„Moskauer“</em> übernahmen nach dem Sieg der Roten Armee in der sowjetischen Besatzungszone und der DDR die Herrschaft. Nur ihre Biographie zählte. Auch das gehört zu den Traumata in der DDR, die Andreas Petersen in seinem Buch <a href="https://andreaspetersen.ch/die-moskauer/">„Die Moskauer – Wie das Stalintrauma die DDR prägte“</a> sezierte.</p>
<p>Im Grunde blieb der SED-Nomenklatura gar nichts anderes übrig als sich von all denen abzugrenzen, die nicht in Moskau überlebt hatten, sondern an anderen Orten, auch von denen, die Konzentrationslager überlebten. Zumindest in der Anfangszeit. Erich Honecker, der 1971 mit Moskauer Unterstützung Walter Ulbricht ersetzte, war kein <em>„Moskauer“</em>, sondern hatte in einem deutschen Gefängnis überlebt. Ein fundamentales Misstrauen gegen wen auch immer war der Beweggrund der <em>„Moskauer“</em>, die Buchenwald-Kommunisten zu schikanieren. Unter den Opfern des Moskauer Exils waren viele deutsche Kommunistinnen und Kommunisten. Aber das zählte nicht. Sie wurden als angebliche Nazi-Agenten geführt.</p>
<h3><strong>Erlösungserzählungen</strong></h3>
<p>Wer bezeugt das Unsagbare, das Unbeschreibbare? <em>„Wie man es machen könnte, das Grauen so zu beschreiben, dass man weiterliest? Ich weiß es nicht. Ich glaube nicht, dass das geht.“ </em>Es geht! Ines Geipel schuf die Voraussetzungen. Sie arbeitete sich als Historikerin durch die Archive, suchte, was die Nazis nicht geschreddert, die SED nicht dem Vergessen anheimgegeben hatten, hinterfragte die Lücken. Wie in ihren anderen Büchern bringt sie den Inhalt der Kapitel in deren Titeln mit einem Wort auf den Punkt: <em>„Wundbrand“</em>,<em> „Gedächtnisbeton“</em>,<em> „Notsprache“</em>,<em> „Gedächtnissiegel“</em>. Sie verwendet oft polsyndetische Reihen, ohne Verb, Synonyme suchend, um den richtigen Begriff zu finden, den es vielleicht angesichts der Ungeheuerlichkeit der Vorgänge auch gar nicht geben kann, sich dem doch irgendwo erschließbaren wahren Sachverhalt geradezu spiralförmig nähernd, ihn umkreisend. Gelegentlich reihen sich Äußerungen aus den Akten unverbunden, dokumentarisch aneinander, Bruchstücke der Erinnerung, aus denen sich Schlussfolgerungen ziehen lassen, die je nach Vorgeschichte und Stimmung der Lesenden nicht immer die gleichen sein mögen: <em>„Wörter wie unbewohnbare Räume“, </em>„<em>Monumentenwörter“</em>,<em> „Zeichenzombis“</em>. Das Buch endet im Kapitel <em>„Gedächtnissiegel“</em> mit einem symbolisch deutbaren Schild: <em>„Ich will Richtung Mahnmal. Vorn an der äußersten Kante, am Rand des Steinfeldes, noch mal eine rauchen und ins Tal schauen. Auf dem Weg querstehend ein kleineres Gebäude. Im Fenster ein etwas in die Jahre gekommenes Schild: ‚Aus technischen Gründen bleibt die Ausstellung ‚Die Geschichte der Gedenkstätte Buchenwald‘ bis auf Weiteres geschlossen.“</em></p>
<p>Ein historisches Buch über Buchenwald mag sich an Vorbildern orientieren. Aber: <em>„Die Fakten zu registrieren reicht nicht, die öffentlichen Diskurse reichen nicht, Imre Kertész, Gyorgy Ligety, Claude Lanzmann reichen nicht. Wiederherstellen ist unmöglich, wiedergutmachen auch.“</em> Es gibt einen britischen Parlamentsbericht, der die frühe Legendenbildung in der DDR konstatiert: <em>„Der Bericht schildert, wie die Häftlinge selbst einen tödlichen Terror innerhalb des Nazi-Terrors organisierten.“</em> Was hatte es mit dem <em>„Spritzenkommando“</em> auf sich? Was hat es mit der <em>„Geschichte des ‚Abspritzens‘“</em> – der Injektion einer tödlichen Giftspritze – auf sich? Welche Häftlinge beteiligten sich? Zeugenaussagen gibt es. Ines Geipel zitiert eine Auswahl über mehrere Seiten. Ein zentrales Dokument ist die <em>„Akte Buchenwald“</em>, die <em>„Walter Bartel im Mai 1950 als Verteidigungs- oder eher Entlastungsschrift seines einstigen Lagergenossen Ernst Busse verfasst hatte. Der war Wochen zuvor, am 29. März 1950, von den Sowjets zu einer Besprechung in ihr Hauptquartier nach Karlshorst beordert worden. Von da war er nicht mehr zurückgekommen. Niemand wusste etwas. Das musste Walter Bartel zutiefst beunruhigt haben. Die Zeiten waren hochkarätig und undurchschaubar.“ </em>Es gab <em>„Säuberungen“</em> im Kreis der ehemaligen <em>„Lagerkommunisten“</em>, initiiert von den <em>„Moskauern“</em>. <em>„Widerstandsbiographie und Schuldbiographie“</em> vermischen sich.</p>
<p><a href="https://www.aufbau-verlage.de/aufbau-taschenbuch/nackt-unter-wolfen/978-3-7466-3026-7">„Nackt unter Wölfen“</a> von Bruno Apitz ist der vielleicht bekannteste Buchenwald-Roman. Bruno Apitz <em>„hatte Zeugnis ablegen und die Dilemmata um den roten Lagerwiderstand in den Roman aufnehmen wollen. (…) Keine reine Größe, nichts mit Heldenstatus, keine Siegerpose.“</em> Daraus wurde nichts. Der Roman hatte ein ähnliches Schicksal wie Stefan Heyms „Fünf Tage im Juni“, ursprünglicher Titel „Der Tag X“, über die Ereignisse rund um den 17. Juni 1953. <a href="https://www.quintus-verlag.de/Autoren/Krenzlin-Leonore/">Leonore Krenzlin</a> hatte sich schon 1965, <a href="https://www.edition-schwarzdruck.de/?p=6069">Dieter Schiller</a> 1990 zur wechselvollen Geschichte dieses Romans geäußert. Sie haben diese Texte in dem von ihnen gemeinsam herausgegebenen Band <a href="https://www.edition-schwarzdruck.de/?portfolio=rueckblick-auf-ein-verlorenes-land">„Rückblick auf ein verlorenes Land – Studien und Skizzen zur Literatur der DDR“</a> (Gransee, Edition Schwarzdruck, 2019) veröffentlicht. Der Beitrag von Leonore Krenzlin wurde für diesen Zweck aktualisiert. So berichtet sie in einer Fußnote: <em>„Wie Heym in seinen Erinnerungen berichtet, mußte jedoch die erste Auflage von 300000 Exemplaren eingestampft werden, weil er einen Text von Stalin aus dem Jahr 1925 zitiert hatte, in dem es hieß ‚Entweder wir, die ganze Partei, erlauben den parteilosen Bauern und Arbeitern, uns zu kritisieren, oder sie werden uns durch Aufstände kritisieren‘“</em>. Dies war jedoch nur ein Detail in der gesamten Zensurgeschichte des Romans.</p>
<p>Inzwischen gibt es von beiden Büchern (halbwegs) kritische Ausgaben, die die gestrichenen Stellen der ursprünglichen Fassungen und zum Teil den hochkomplizierten Prozess der Verhandlungen zwischen Autoren und Staat nutzen. Auf dieser Basis sollte auch die Neuverfilmung von „Nackt unter Wölfen“ im Jahr 2015 beruhen. Ein ausführlicher Vergleich wäre sicherlich von Interesse, um die verdeckten Botschaften verschiedener Phasen der Entstehung und Rezeption des Buches zu ermitteln (ein meines Erachtens durchaus angemessener Begriff). Ines Geipel bietet in ihrem Buch so ganz nebenbei einen Beitrag zur Geschichte der Zensur in der DDR anhand eines populären Romans. Mindestens genau so interessant wie das Aufgeschriebene ist eben das Nicht-Aufgeschriebene, ebenso interessant wie das Veröffentlichte das Nicht-Veröffentlichte.</p>
<p>„Fünf Tage im Juni“ war der Versuch eines realistischen, fast schon dokumentarischen Romans zur Zeitgeschichte, „Nackt unter Wölfen“ eher der Versuch einer Heldenerzählung aus einer gar nicht so weit zurückliegenden, aber immerhin durch die Gründung der DDR zu ihrem guten Ende gekommenen Vergangenheit. Ines Geipel beschreibt die Reaktion des zeitgenössischen Publikums: <em>„Das Publikum las ‚Nackt unter Wölfen‘ nicht als Fiktion, sondern als pure Realität, als Gefühlsschleuse in die faktische Welt des Lagers. Ein Erlösungsbuch, das das Bild von Buchenwald insbesondere in Ostdeutschland auf gravierende Weise prägte.“ </em>Die DDR-Rezeption setzte sich im vereinigten Deutschland fort, augenfällig in der Verfilmung des Romans im Jahr 2015. Ines Geipel bezieht sich auf <a href="https://www.bebra-wissenschaft.de/vzgesamt/titel/bruno-apitz.html">Lars Försters politische Biographie von Bruno Apitz</a>, die 2015 im Bebra-Verlag erschien: <em>„Nicht zuletzt wurde Bruno Apitz mitten in diesem Rezeptionsschub von Neuherausgabe, Film und Dokumentation mit Verve zum ‚Oppositionellen dreier deutscher Staaten‘ umgedeutet.“</em></p>
<p>Erlösung – das ist der Wunsch, das ist die Hoffnung, immer wieder, wenn es um Erinnerung oder Gedenken geht. Erlösung ist mehr als Versöhnung oder Wiedergutmachung, denn wer erlöst wird, braucht keine Versöhnung mehr und muss auch nichts mehr wiedergutmachen. Hier sollten ein Buch, ein Ort möglicherweise zu einer kollektiven Erlösung beitragen, die nicht mehr in Frage gestellt werden konnte. Dazu musste manches verschwiegen werden, so der Transport von 200 Kindern am 26. September 1944 nach Auschwitz, die dort ermordet wurden. Was geschah nun wirklich mit dem dreijährigen Kind im Roman, dem dreijährigen Stefan Jerzy Zweig? Er und elf andere Kinder waren aus einer Deportationsliste gestrichen worden, aus welchen Gründen auch immer: <em>„Erzählt wurde allein die heroische Kindsrettung, die ausschließlich der kommunistische Lagerwiderstand ermöglicht hatte. Eine Entkopplung vom Realen, ein Umschreiben, Amalgamieren, das das Kind zum Symbolkind und den Text zur idealen Projektionsfläche machte.“ </em>Nicht erzählt wird die Geschichte des sechzehnjährigen Sinto Willy Blum, der, als er von der bevorstehenden Deportation seines zehnjährigen Bruders Rudolf erfuhr, sich freiwillig ebenfalls für den Transport meldete.</p>
<p>Cheflektor des Romans war im Grunde irgendwie Walter Ulbricht höchstselbst, dem die bestallten Zensoren und schließlich der Autor sich selbst zensierend folgten: <em>„Die überreizte Macht in Berlin brauchte eine lupenreine Buchenwald-Version.“ </em>Die Stasi war mit ihrem <em>„Archiv zu NS- und Kriegsverbrechen“</em> und der 1967 gegründeten <em>„Abteilung 11“</em> absolute Herrscherin über die Quellen: Sie war <em>„zum alleinigen Gedächtniskontrolleur im Hinblick auf den Nationalsozialismus geworden. Sie entschied, wer sich erinnern durfte, wann man sich erinnern durfte.“ </em>Und die Bevölkerung der DDR machte mit: <em>„Die Ostdeutschen lasen sich mit ‚Nackt unter Wölfen‘ in einen solidarisch verbundene Opfergemeinschaft hinein, in der sich Schulddynamiken, Verstrickungen oder Widerspruch in einem blindgläubigen Nichts auflösten. Vom umstrittenen Tun der Lagerkommunisten war keine Rede mehr.“</em></p>
<p>Die Geschichte der beiden Romane und die Geschichte der Äußerungen der Erinnerungsikone Walter Bartel ähneln einander auffällig. Geschichte wird in ihren Erzählungen formatiert, normiert, sodass es immer schwerer wird, den realen Hintergrund zu erschließen, es sei denn, die Stasi und ihre Organe ließen nicht locker, um dann doch irgendwann irgendetwas zu finden, dass die Autoren vernichten konnte. Auch die Geschichten, in denen dies nicht gelang, sind Teil der Geschichte der DDR. Die Gruppe der KZ-Häftlinge war ein willkommenes Opfer. Ines Geipel referiert neben mehrere Biografien, die von Walter Bartel, Ernst Busse, Erich Reschke. Busse und Reschke wurden zu lebenslänglicher Haft verurteilt und <em>„am 11. Juni 1951 in die Sowjetunion deportiert.“</em> All dies geschah in der Zeit der Prozesse gegen Rudolf Slánsky in der Tschechoslowakei, gegen die angeblich gegen Stalin verschworenen Ärzte in der Sowjetunion.</p>
<p>Walter Bartel überlebte, er wurde nur degradiert. Doch mit der Zeit wurde er zur staatlich fixierten Stimme der Erinnerung, wie sie die SED wünschte: <em>„Ich sehe Walter Bartel 1976 vor uns auf der Bühne sitzen, höre seine Sätze. Was für eine brutal-surreale Welt hinter dem öffentlichen Heldenbild, denke ich. Was, wenn er angefangen hätte, über sein wirkliches Leben zu sprechen? Aber wie sprechen, was sprechen, bis wohin sprechen? Wie viel Erinnerung war ihm möglich? Welche? Die chronischen Verdächtigungen, die strittige Konfliktmasse, der unablässig bedrohte Status als Zeitzeuge. Wie das über Jahre aushalten? (…) Wer war dieser Mann?“</em> Zumindest lässt sich erahnen, wie er in der DDR überlebte: Letztlich wurde <em>„die Realität der Legende geopfert“</em>. So geschah es mit Buchenwald und der Shoah in der DDR, die DDR-Führung erzählte sich <em>„eine Geschichte wie aus einem Guss, unhintergehbar, kompakt. Mit ihr konnte man sich gut fühlen, vollständig.“</em></p>
<h3><strong>Die kurzen Sommer der Erinnerung</strong></h3>
<p>Es ist eine Stärke des Buches von Ines Geipel, dass es keine fertigen Antworten bietet, sondern eine Fülle von Fragen stellt, die sich eigentlich alle Deutschen stellen könnten, um sich ihrer Verantwortung in der Geschichte bewusst zu werden. Es sind Fragen, die sich nicht nur für kommunistische Überlebende stellen, sondern auch für die vielen andere, die nicht inhaftiert wurden, die im Alltag überlebten, weil sie nicht so genau hinschauten. Die Stiftung Topographie des Terrors hat im Jahr 2026 eine Sonderausstellung mit dem Titel <a href="https://www.topographie.de/ausstellungen/der-holocaust-was-wussten-die-deutschen">„Der Holocaust – Was wussten die Deutschen?“</a> konzipiert. Kurator war der Historiker Christian Schmittwilken. Es war nicht die erste Ausstellung dieser Art an diesem Ort, einem früheren Zentrum des nationalsozialistischen Terrors, an dem das Reichssicherheitshauptamt stand. Wer diese Ausstellung sieht, wer das Buch von Ines Geipel liest, wird Fragen über Fragen mit nach Hause nehmen, denen sich möglicherweise Deutsche, die im Westen, und Deutsche, die im Osten aufgewachsen sind, unterschiedlich stellen werden. Aber wie wäre es, wenn sich West- und Ostdeutsche darüber austauschten?</p>
<p>Ines Geipel hat die Fragen dokumentiert, die sich denjenigen stellen, die in der DDR mit der dortigen offiziellen Buchenwald-Erzählung aufgewachsen sind. Es sind auch Fragen nach der Integrität der Staatsgründer, der Kommunisten der frühen DDR: Was ist mit den Kapos? Wer spielte welche Rolle? Wer kooperierte mit wem, welche Kommunisten kooperierten mit SS-Schergen? Die Buchenwald-Geschichte wird durch die Buchenwalderzählungen im Schweigen der Täter und der Opfer, in den Familien gebrochen und so sah sich die SED veranlasst, eine einzige staatlich verordnete Buchenwalderzählung zu propagieren, die Erzählung von kommunistischen Helden, die wiederum den eigenen DDR-Antifaschismus als unverrückbar, immer schon gepflegt fixierte und nach wie vor als Garantie des Erfolgs des sozialistischen deutschen Staates auf dem Weg zum Kommunismus gelten sollte.</p>
<p>Die Versuche, sich diesen Fragen zu entziehen oder sie gar nicht erst aufkommen zulassen, ähneln sich im Westen wie im Osten. Es gab unterschiedliche Strategien des Verschweigens. Es bleiben – so Ines Geipel – die Bilder der Eliminierung der Shoah aus dem kollektiven Gedächtnis, vergleichbare Wirkungen in Ost und West: <em>„Das Übertünchte, das Aufgesetzte. Im Westen die Quizsendungen, im Osten die kommunistische Aufladung. Dabei war die Erfahrungswelt der Deutschen bis Kriegsende erst einmal eine gemeinsame, geeinte. Unter Hitler hatten alle gelebt. Der Westen, der nach Hitler schneller dick wurde und offenbar früher bewegte Bilder hatte, zumindest als Familienkultur. Der Osten, der sich mit einer Doppelung rumzuschlagen hatte, mit einer scharfen Verdichtung, bei der eine Gesellschaft im Extrem auf eine andere Gesellschaft im Extrem gesetzt, geschoben wurde. Der politische Stauraum, das Komprimierte, die Schichten, die Schnitte, das vielfach Ausweglose der fünfziger Jahre des Ostens. Sein genuiner Basisraum, das Gesellschaftsbecken. Jede Akte, die ich im Archiv aus den fünfziger Jahren aufschlage, ist ein Angst-Text, ein Verlust-Text.“</em></p>
<p>Es ist jedoch nicht nur eine deutsche Geschichte. Die Geschichte von Buchenwald, die eine Geschichte des Umgangs mit den Verbrechen der Vergangenheit ist, hat auch eine internationale Dimension. Jorge Semprún, der als spanischer Kommunist (die Nazis nannten Leute wie ihn <em>„Rotspanier“</em>) Buchenwald überlebte, dem Kommunismus abschwor, viel gelesener Buchautor und spanischer Kulturminister wurde, sprach in seiner Rede zur Entgegennahme des <a href="https://stadt.weimar.de/de/weimar-preis.html">Weimar-Preises der Stadt Weimar</a> am 3. Oktober 1995 beispielhaft über das Schicksal der deutschen Schauspielerin <a href="https://www.memorial.de/themen-projekte/historische-aufarbeitung/gedenken-carola-neher">Carola Neher</a>. Sie wurde <em>„zu zehn Jahren Straflager verurteilt und verschwindet in den finsteren Tiefen des GULAG.“ </em>Dort starb sie am 26. Juni 1942. Es ließe sich auch auf Manès Sperbers Romantrilogie „Wie eine Träne im Ozean“ verweisen, in der das Elend der gegenseitigen Diffamierungen, Denunziationen, Morde unter kommunistischen Kämpfern, die eigentlich dasselbe Ziel verfolgen sollten, sinnfällig wird. Die Zeugnisse der Kommunisten, die von Stalins Leuten verfolgt wurden, erwecken in ihrem Beharren auf dem Führungsanspruch Stalins und der Kommunistischen Partei mitunter den Eindruck der Verstrickung in einer Art Theodizee.</p>
<p>Semprún hat seine Erinnerungen an das Ungeheuerliche ein Leben lang in seinen Büchern zu ordnen gesucht, Buchenwald war sein Lebensthema. Literarische Reminiszenzen gaben seinen Büchern eine Struktur, so Baudelaire, den Semprún in „Adieu, vive clarté“ (Paris, Gallimard, 1998) im Titel und in drei von vier Kapitelüberschriften zitiert. Die erste mag er als seinen Auftrag formuliert haben: <em>„J’ai plus de souvenirs que si j’avais mille ans“</em>. Das Buch endet mit den prophetischen Versen Baudelaires <em>„Bientôt nous plongerons dans les froides ténèbres: / Adieu, vive clarté de nos étés trop courts!“</em> (Die Verse entstammen den Gedichten <a href="https://www.poetica.fr/poeme-592/charles-baudelaire-chant-automne/">„Chant d’automne“</a> und <a href="https://fleursdumal.org/poem/159">„Spleen“</a> aus den „Fleurs du mal“.) Bleiben nur Gedichte, bleibt nur Literatur? Auch das Buch von Ines Geipel mag als Sachbuch gelten – es wurde auf der Leipziger Buchmesse für den Sachbuchpreis nominiert. Es bietet jedoch viel mehr, denn es vereinigt die Qualitäten eines Sachbuchs und eines literarischen Werks – der ohnehin merkwürdige Begriff der Belletristik passt hier allerdings nicht –, weil die Autorin die Ergebnisse ihrer Recherchen immer wieder selbst in Frage stellt, nicht im Grundsatz, wohl aber in den für die Würdigung einer Lebensgeschichte wichtigen Details.</p>
<p>Die Lebensgeschichte eines Walter Bartel darf durchaus als tragisch bezeichnet werden. Ich empfehle einen Besuch des Pariser Friedhofs du <a href="https://www.paris.fr/dossiers/bienvenue-au-cimetiere-du-pere-lachaise-47/">Père-Lachaise</a>. Ganz weit hinten rechts findet sich eine Mauer, an der die Aufständischen der Commune de Paris erschossen wurden, vor der heute die Mahnmale an die Konzentrations- und Vernichtungslager zu sehen sind. Auf der anderen Seite des Weges befinden sich die Gräber der Generalsekretäre der französischen kommunistischen Partei und kommunistischer Dichter wie beispielsweise Louis Aragon. Eine Idee, die humanistisch gedacht war, wurde zu einer menschenverachtenden und mörderischen Ideologie, die GULAG und Stasi hervorbrachte. Auch dies ist eine Tragik des 20. Jahrhunderts.</p>
<p>Verschwindet die Erinnerung – wie in den Baudelaire-Gedichten – in dem Dunkel eines ewig erscheinenden Winters? Ines Geipel bezieht sich auf <a href="https://edition-tiamat.de/unsere-autoren/gerber-jan">Jan Gerbers</a> Buch <a href="https://edition-tiamat.de/books/das-verschwinden-des-holocaust">„Das Verschwinden des Holocaust – Zum Wandel der Erinnerung“</a> (Berlin, Edition Tiamat, 2025): <em>„Jan Gerber verweist darauf, dass eine Voraussetzung der Universalisierung des Holocaust seine Entkernung war. Die Vernichtung der europäischen Juden wurde sowohl geographisch als auch historisch entkontextualisiert.“ </em>Dies vollzog die SED-Führung mit Buchenwald. Wer die Geschichte dieser Geschichtsklitterung verfolgt, sollte eigentlich auch erkennen, welche zerstörerischen Potenziale – Ines Geipel verweist ausdrücklich darauf – die Infragestellung der Singularität von Auschwitz aus welchen Gründen auch immer in sich birgt.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juni 2026, aktualisiert am 5. Juli 2026, Internetzugriffe zuletzt am 30. Juni 2026. Titelbild: Hans Peter Schaefer.)</p>
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		<title>Michal Hvorecky &#8211; Dissident</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 09 May 2026 15:28:39 +0000</pubDate>
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<h1><strong>Dissidenz &#8211; mitten in Europa</strong></h1>
<h2><strong>Michal Hvorecky über den Kampf für die Demokratie in der Slowakei</strong></h2>
<p><em>„Wer im 21. Jahrhundert in einem freien Land leben will, mag Angst haben – sollte sich aber nicht einschüchtern lassen. Das gilt besonders im Kampf gegen den aufstrebenden Rechtsextremismus und politische Radikalität.“ </em>(Michal Hvorecky, Dissident, Stuttgart, Klett Cotta Tropen, 2026)</p>
<p>Michal Hvorecky ist einer der bedeutendsten Autoren der Slowakei. <a href="https://www.klett-cotta.de/search?searchValue=Hvorecky">In seinen Romanen</a>, die alle bei Klett Cotta Tropen erschienen, thematisiert er die Geschichte Mittel- und Ostmitteleuropas aus kontrafaktischer wie aus dystopischer Sicht, in Kontexten der Wirtschaft, der Informationstechnologien, mitunter mit den Stilmitteln der Groteske und der Satire. Wie wäre es, wenn Menschen aus der Slowakei seit drei Generation auf Tahiti lebten, wie wäre es, wenn Europa zu einer autoritären Diktatur geworden wäre, in der Internettrolle herrschen oder Wirtschaftskonzerne sich in Kindernamen wiederfinden, was geschieht auf einer Reise entlang der Donau? Einzelne Menschen geraten in eine Art Malstrom der Geschichte.</p>
<p>Die Slowakei ist nicht das einzige Land, in dem solche Romane geschrieben werden (müssen). In einer vergleichbaren Lage schreibt der israelische Autor <a href="https://www.keinundaber.ch/autoren/yishai-sarid">Yichai Sarid</a>, dessen deutsche Übersetzungen im Schweizer Verlag Kein &amp; Aber erscheinen. Beide Autoren kämpfen in Wort und Schrift gegen Entwicklungen in ihren Ländern, die maßgeblich von Rechtsextremisten regiert werden. In der Slowakei und in Israel versuchen die Regierungen unter Benjamin Netanjahu und Robert Fico die Unabhängigkeit der Gerichte zu zerstören, Literatur, Kultur und Medien zu maßregeln und Oppositionelle einzuschüchtern. Dagegen gibt es in beiden Ländern erheblichen Widerstand, Proteste, große Demonstrationen. Israel und die Slowakei zeigen, in welcher Gefahr sich liberale Demokratien heute befinden und was die Zivilgesellschaft gegen autoritäre Regierungen unternehmen und bewirken kann.</p>
<h3><strong>Ein Weckruf an Europa</strong></h3>
<p>Michal Hvorecky ist eine der prominenten Stimmen der slowakischen Zivilgesellschaft. Er hat die Maßnahmen der Regierung Ficos zur Zerstörung des liberalen und demokratischen Rechtsstaats sowie das Engagement der zivilgesellschaftlichen Proteste bereits mehrfach in verschiedenen deutschen Zeitungen, Zeitschriften und Online-Medien beschrieben, auch im Demokratischen Salon (siehe die Hinweise am Schluss dieses Beitrags).</p>
<div id="attachment_8035" style="width: 191px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.klett-cotta.de/produkt/michal-hvorecky-dissident-9783608505269-t-9373"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8035" class="wp-image-8035 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Michal-Hvorecky-Dissident-Tropen-181x300.webp" alt="" width="181" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Michal-Hvorecky-Dissident-Tropen-181x300.webp 181w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Michal-Hvorecky-Dissident-Tropen-200x331.webp 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Michal-Hvorecky-Dissident-Tropen-400x661.webp 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Michal-Hvorecky-Dissident-Tropen.webp 600w" sizes="(max-width: 181px) 100vw, 181px" /></a><p id="caption-attachment-8035" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Bekannt wurde Michal Hvorecky im deutschsprachigen Raum durch seine Romane, die kongenial von <a href="https://worte-und-orte.de/index.html">Mirko Kraetsch</a> ins Deutsche übersetzt worden sind. Mirko Kraetsch unterstützte Michal Hvorecky auch bei „Dissident“, insbesondere bei den Übersetzungen aus dem Zipserdeutsch, einem in der Slowakei gepflegten deutschen Dialekt. „Dissident“ ist das erste Buch, das Michal Hvorecky in deutscher Sprache schrieb. Dies darf auch als Ansage an das deutschsprachige Publikum in Deutschland, in Österreich und in der Schweiz verstanden werden, denn die grundlegende Botschaft des Buches ist eine deutliche Warnung vor jeder Versuchung politischer Kräfte und Parteien, mit einer gemeinsamen Regierung mit Rechtspopulisten und Rechtsextremisten zu liebäugeln.</p>
<p>Im deutschsprachigen Raum, vor allem in Deutschland, wird nur gelegentlich über die politische Entwicklung in der Slowakei berichtet. Die Geschichte des Landes ist weitgehend unbekannt. Die slowakische Regierung unter Robert Fico agierte in den letzten Jahren im Schatten der von Viktor Orbán in Ungarn propagierten „illiberalen Demokratie“. Mal schloss sich die Slowakei bei Abstimmungen in der Europäischen Union Ungarn an, mal nicht, insbesondere bei Hilfen für die Ukraine. Mitunter sorgte Robert Fico für Aufsehen, wenn er sich – wie sein Vorbild Viktor Orbán – mit Vladimir Putin traf. Ebenso wie Viktor Orbán setzte Robert Fico auf russisches Öl. Auf weniger Interesse in deutschen Medien stießen zuletzt die Verfassungsänderungen vom November 2025, die Robert Fico mit seinen Koalitionspartnern durchsetzte, weil es ihm gelang, die Opposition zu spalten. In der Slowakei soll es laut Verfassung jetzt nur noch zwei Geschlechter geben. Der christliche Teil der Opposition stimmte diesem Anliegen zu. Die Kieler Osteuropahistorikerin Martina Winkler sprach im Demokratischen Salon von einem gelungenen <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/drehbuch-zur-demontage-der-demokratie/">„Drehbuch zur Demontage der Demokratie“</a>. Die Slowakei reihte sich mit dieser Verfassungsänderung in die Reihe Russlands, der USA, Ungarns und Georgiens ein, die jede Erwähnung der Möglichkeit weiterer Geschlechter oder nicht der üblichen Mann-Frau-Ehe entsprechender Familien- und Lebensformen diffamieren und kriminalisieren.</p>
<p>Die sogenannten Genderthemen sind nur eines der Themen, mit denen Robert Fico und Gleichgesinnte gezielt und bewusst die Gesellschaften ihrer Länder spalten. Es geht letztlich um Europa in doppeltem Sinne, einerseits im Hinblick auf die gemeinsame und geschlossene Unterstützung der Ukraine gegen den russischen Aggressor, andererseits im Hinblick auf die in den europäischen Verträgen niedergelegten Werte liberaler und demokratischer Rechtsstaatlichkeit. Europa und nicht zuletzt Deutschland brauchen eine liberale, demokratische, rechtsstaatlich verfasste Slowakei. Nicht nur im Interesse der Slowakei, sondern auch im Interesse Europas selbst. In Ungarn verlor Viktor Orbán die jüngsten Wahlen gegen seinen Herausforderer Péter Magyar deutlich, ein ähnliches Ergebnis für die slowakischen Wahlen im Jahr 2027 steht noch in den Sternen. Und ob Donald Tusk seinen Wahlsieg gegen die PiS-Partei im Jahr 2027 wiederholen kann, ist ebenso offen.</p>
<p>Michal Hvorecky plädiert in „Dissident“ engagiert und klar für Europa und europäische Werte, wie sie im Europarat und in den Verträgen der Europäischen Union verankert sind. Europa bietet den Rahmen, eine Klammer des Buches, das mit einem Anruf Europas beginnt und endet. Das erste Kapitel enthält in der Überschrift geradezu eine Art Weckruf: <em>„Hallo Europa!“</em> Im Epilog endet das Buch mit einem Besuch des Autors im Martinsdom in Bratislava und mit den Worten: <em>„Hallo Europa. Ich bin immer noch da. Wir sind da. Jetzt erst recht.“</em> Es liegt an uns allen, denen ein liberales, demokratisches, rechtsstaatliches Europa am Herzen liegt, das Gesprächsangebot des Buches anzunehmen!</p>
<h3><strong>Ist das wirklich wahr?</strong></h3>
<p>„Dissident“ enthält einschließlich des Epilogs elf Kapitel. Michal Hvorecky beginnt mit zwei fantastisch erscheinenden Geschichten, die – wären sie nicht wahr – auch der Anfang eines weiteren seiner Romane hätten werden können. Die eine Geschichte ist die Geschichte einer großen Hoffnung und bedeutete für den Autor den <em>„Aufbruch in die freie Welt“</em>. Es war der 10. Dezember 1989, <em>„ein strahlender, frostiger und verschneiter Sonntag“</em>, eine Demonstration oder besser gesagt Prozession von etwa 250.000 Menschen aus der damals noch vereinten Tschechoslowakei zur und über die Staatsgrenze Richtung Westen. Der damalige kommunistische Präsident Gustáv Husák war zurückgetreten. Michal Hvorecky war 13 Jahre alt. <em>„Zum ersten Mal in meinem Leben betrat ich an diesem Tag die freie Welt. Auch ich wusste überhaupt nicht, wie ich mich verhalten sollte. Ich war Zeuge eines eigentlich unvorstellbaren Ereignisses. Seit Generationen hatte man sich vor der Grenze gefürchtet, sie war eine Todeszone, verbreitete Angst und Schrecken.“</em> Das erste Kapitel endet mit den Worten <em>„Ich kniff mich in die Hand, um mich davon zu überzeugen, dass dies nicht doch ein Traum war. Meine Kindheit ging an diesem Tag zu Ende. Hallo Europa! Ich bin da. Wir sind da.“</em></p>
<p>Die Grenzen sind auch im Jahr 2026 nach wie vor offen. Tschechien und Slowakei gingen seit 1993 getrennte Wege, beide wurden Mitglied der Europäischen Union und der NATO. In beiden Staaten regieren jedoch immer wieder Parteien und Politiker:innen, die – vorsichtig gesprochen – ein sehr unklares Verhältnis zu Europa und zu dessen größter Bedrohung an den Tag legen, dem Reich Vladimir Putins, das 2014 und dann am 24. Februar 2022 die Ukraine überfiel.</p>
<p>Das zweite Kapitel beginnt wie das erste aufgehört hatte. Wieder musste sich Michal Hvorecky in die Hand kneifen, <em>„diesmal, um mich zu überzeugen, dass dies kein Albtraum war.“ </em>Doch der Albtraum war Wirklichkeit. Im Frühjahr 2025 wurde Michal Hvorecky von der Polizei vorgeladen, weil ihn die slowakische Kulturministerin Martina Šimkoviča <em>„wegen Verleumdung“</em> <a href="https://www.3sat.de/kultur/kulturzeit/michal-hvorecky-102.html">angezeigt hatte</a>. Er hatte sie eine <em>„Neofaschistin“</em> genannt. Ihm drohten bis zu fünf Jahre Haft. Die Kulturministerin ist ebenso wie der slowakische Umweltminister, <em>„ein Klimawandelleugner und Lobbyist der Fossil- und Holzindustrie“</em>, Mitglied der rechtsextremistischen und neofaschistischen Partei SNS. Michal Hvorecky und die mit ihm angeklagte slowakisch-ungarische Künstlerin <a href="https://www.ilonanemeth.sk/">Ilona Németh</a> haben den Prozess im Frühjahr 2026 gewonnen. Der dritte Angeklagte, der ehemalige Generaldirektor des Nationaltheaters, hingegen erhielt die Auflage, den Namen der Kulturministerin nicht mehr laut auszusprechen, letztlich ein Verbot jeder Kritik aus seinem Munde an seiner Entlassung.</p>
<p>Die folgenden Kapitel des Buches lassen sich in drei größere Abschnitte einteilen, zunächst zwei Kapitel zur eigenen Familiengeschichte im Lichte der Geschichte des Landes, drei Kapitel zum Vorgehen der Regierung unter Robert Fico, an den Beispielen der Sexualerziehung und der Erinnerungspolitik im Hinblick auf die sowjetische Herrschaft, und der Person Robert Ficos als Medienphänomen. Dem folgen drei weitere Kapitel zu den Hoffnungen und Perspektiven des Widerstands, der <em>„Dissidenz“</em> gegen illiberale, autoritäre Politik, nicht zuletzt zu den Chancen der Freiheit von Presse und Kultur.</p>
<h3><strong>Das Land, in dem sich Schicksale kreuzen</strong></h3>
<p>Michal Hvorecky bietet in seinem Buch nicht nur ein engagiertes Plädoyer für die liberale Demokratie, sondern auch einen lesenswerten Grundkurs zur Geschichte und Geographie der Slowakei, die immer zwischen den großen Mächten existierte, mal auf der einen, mal auf der anderen Seite lavierte. Heute grenzt das Land an Deutschland, Österreich, Tschechien, Ungarn und an die Ukraine. Es gibt Minderheiten auf der ein oder anderen Seite der jeweiligen Grenzen.</p>
<p>Die Slowakei hat etwa 5,4 Millionen Einwohner:innen. <a href="https://slovake.eu/intro/language/expats?hl=de">Etwa 2,8 Millionen Slowak:innen leben im Ausland</a>, davon etwa eine Million in den USA. Die Slowakei ist <em>„ein Auswanderungsland, das vor allem junge Menschen wegen deutlich besserer Perspektiven im Westen Europas verlassen. (…) Die Slowakei hat kein Migrations-, sondern ein Emigrationsproblem.“</em> Mit dieser Auswanderung ist ein erheblicher Brain-Drain verbunden (ähnliche Zahlen verzeichnen beispielsweise Ungarn und Georgien). Ein großer Teil der Slowak:innen im Ausland stimmt in der Regel für die aktuellen Oppositionsparteien. Robert Fico möchte daher <a href="https://www.spiegel.de/ausland/slowaken-protestieren-gegen-abschaffung-der-briefwahl-im-ausland-a-3339aa21-80c0-44c2-a506-81838b6a3d01">die bisher mögliche Briefwahl aus dem Ausland abschaffen</a>. In dem kontrafaktischen Roman „Tahiti Utopia“ hat Michal Hvorecky die Slowak:innen nach Tahiti auswandern lassen, nicht ganz ohne einen historischen Hintergrund.</p>
<p>Die Slowakei war stets ein Land, in dem sich Schicksale kreuzen, durchaus im Sinne des Romans „Das Schloss, in dem sich Schicksale kreuzen“ von Italo Calvino (1973, deutsch: 1978). Man braucht keine Tarotkarten wie in dem Schloss Calvinos, nur Landkarten aus verschiedenen Zeiten mit all ihren Grenzen, Straßen, Wegen. Gerade in Bratislava <em>„kreuzen sich die Bernsteinstraße aus dem Norden und die Seidenstraße aus dem Osten“</em>. Die geographische Lage prägt Identitäten. Die Slowakei ist in mehrfachem Sinne ein Land in der Mitte Europas, Crossroads zwischen Nord und Süd, Ost und West, aber auch als Beispiel für die politischen Wirren der vergangenen über 100 Jahre und wie Menschen sich gegen diese Wirren behaupten können. Die Bewohner:innen von Bratislava, im kakanischen Vielvölkerstaat in deutscher Sprache Pressburg, betonten damals ihre Identität als <em>„Pressburger“. </em>Die Stadt war eine Stadt mit großem Selbstbewusstsein ihrer selbst. Ihre Bürger:innen ließen sich von niemandem vereinnahmen, sie lebten in der Vielfalt der dort gesprochenen Sprachen Weltoffenheit.</p>
<p>Eine große Bedeutung hatte in der Slowakei immer die deutsche Sprache, nicht nur im 1918 untergegangenen Kakanien. In der kommunistischen Zeit war sie ein Fenster nach Westen. Paradoxerweise – so berichtet Michal Hvorecky – erfüllte die <em>„Volksstimme“</em>, das <em>„Zentralorgan der Kommunistischen Partei Österreichs“</em>, als einzige damals zugängliche deutschsprachige Zeitung diese Funktion. Wer in der Slowakei lebte, hatte nicht nur eine Identität. Am Beispiel seines Großvaters, eines Zipserdeutschen (von dieser Volksgruppe erfuhr ich erst durch dieses Buch), beschreibt Michal Hvorecky eine Form von kultureller Vielfalt, wie sie in der Slowakei nicht ungewöhnlich war: <em>„Er war Mitglied in einem Chor und sang in verschiedenen Kirchen, aber niemand wusste so genau, ob er Protestant, Katholik oder Jude war.“</em></p>
<p>Die Geschichte des Vaters ist eine Reise durch die Welt in einem Land, in dem man nicht reisen durfte, zumindest nicht in den Westen. Michal Hvoreckys Vater wurde <em>„vom Softwareentwickler zum Untergrundrevolutionär“</em>. Das war nicht ungefährlich, so <em>„galt die Informatik im Ostblock allerdings weiterhin als dekadente Waffe des amerikanischen Kapitalismus. Nur linientreue Genossen durften moderne Kommunikationstechnik bedienen.“</em></p>
<p>Für den jungen Michal war der Beruf des Vaters daher eine Chance: <em>„Ich konnte auf dem Bildschirm in den Weltraum fliegen! Im Bruchteil einer Sekunde war ich ohne jegliche Genehmigung im Ausland!“ </em>Computer wurden zur <em>„Hoffnung auf eine universelle Befreiung der Menschen“</em>. Inzwischen ist das Internet weltweit ungeachtet aller Fake-News und Verschwörungserzählungen in manchen Ländern eine ebensolche Hoffnung. Aus diesem Grund verhindern einige Länder, zum Beispiel an erster Stelle Nordkorea, zuletzt auch Russland und der Iran, systematisch den Zugang ihrer Bürger:innen zum Internet, das ebenso wie Computer der 1980er Jahre im sowjetischen Herrschaftsbereich, <em>„eine demokratische Gegenkultur“</em> bietet. Solche Sperren sind in den Ländern der Europäischen Union nicht denkbar. Anlass zur Entwarnung bietet dies nicht.</p>
<p>Die aktuelle slowakische Regierung sieht die Unabhängigkeit der Slowakei durch den Westen bedroht. Die eigentliche Bedrohung kommt jedoch von woanders: <em>„Auf einigen im Kreml neu erstellten Landkarten existieren unsere Staaten nicht mehr, sind sie aufgeteilt zwischen anderen, größeren und Putin-treuen Republiken. Wird diese Wahnvorstellung nach einer weiteren militärischen ‚Spezialoperation‘ Wirklichkeit? Oder wird es diesmal einen anderen Euphemismus geben? Die Ukraine muss nicht entnazifiziert werden, eher wäre es nötig, endlich den Kreml zu entstalinisieren. Und ganz Osteuropa dazu.“</em> Es geht letztlich um eine ehrliche <em>„Vergangenheitsbewältigung“</em>. Fehlt diese, wachsen <em>„wiederum die Gewaltbereitschaft und das Konfliktpotenzial“</em>.</p>
<p>Die Entwicklung von Ficos Smer-Partei ist nicht nur ein slowakisches oder osteuropäischens, sondern ein gesamteuropäisches Phänomen, das sich inzwischen auch im Westen verbreitet, nicht zuletzt in (Ost-)Deutschland mit AfD und BSW. Die folgende Frage wird zu einer europäischen Frage, die nicht für die Slowakei beantwortet werden muss: <em>„Was bedeutet der Erfolg einer Partei, die die slowakische Mittäterschaft an zwei Diktaturen umdeutet und verharmlost?</em> <em>Auf diese Frage gibt es keine einfachen Antworten. Nach ihnen zu suchen, lohnt sich aber, sagen sie doch nicht nur etwas über das Lebensgefühl der Slowak:innen aus, sondern ebenso über das der anderen Osteuropäer“</em>, zu denen in diesem Fall die ostdeutschen Bürger:innen gezählt werden dürfen.</p>
<h3><strong>Kleptokratie und Kulturkampf</strong></h3>
<p>Autokraten haben im Grunde ein einfaches Konzept. Sie brauchen ein klares Feindbild, das ihrer Ansicht nach dem Wohlstand ihres Volkes im Wege steht. Mit Hilfe kulturkämpferischer Parolen tarnen sie ihre persönlichen wirtschaftlichen Interessen. Mit der Popularisierung ihrer Feindbilder organisieren und stabilisieren sie die Zustimmung ihrer Anhänger:innen. Robert Fico und ihm Gleichgesinnte in manch anderem Land wissen, wie man solche Feindbilder schafft und für die eigenen Zwecke nutzt. Es sind – so Michal Hvorecky – Minderheiten im eigenen Land, beispielsweise Tschechen, Ungarn, Roma oder <em>„ab 2015 Menschen auf der Flucht vor den Kriegen in Syrien und Afghanistan.“</em> Dabei knüpfen sie an lang gepflegte Muster an, denn <em>„Antisemitismus und Fremdenhass sind tief in der slowakischen Geschichte verankert.“</em></p>
<p>Verbindendes ideologisches Band und Identitätsmerkmal rechtsextremer und rechtspopulistischer Bewegungen ist die schon angesprochene Anti-Gender-Politik. Michal Hvorecky schreibt, ein bevorzugtes <em>„Angriffsziel für die rechte Propaganda“</em> sei der Feminismus. Der Anti-Feminismus schafft Bündnisse, die weit ins konservative und vor allem christliche Lager hineinreichen. Diese Ideologie sichert die Macht der Oligarchen, Kleptokraten und autoritären Herrscher. Aber dabei bleibt es natürlich nicht. Die Droge einer menschenfeindlichen Politik braucht Steigerungsmöglichkeiten der Dosis, ganz im Sinne des von Putins für Europa verwendeten Begriffs <em>„Gayropa“. </em>Michal Hvorecky schreibt: <em>„Homophobie und Transfeindlichkeit sind in der Slowakei die Staatspolitik. (…) All das treibt immer mehr queere Menschen aus dem Land, viele gehen nach Deutschland, Österreich oder in die Schweiz.“</em></p>
<p>Das Vorgehen Robert Ficos und seiner Kulturministerin hat prominente Vorbilder, von Viktor Orbán in Ungarn bis hin zu den Oligarchen der 1990er Jahre in der Russischen Föderation unter Boris Jelzin und bis heute unter Vladimir Putin. Aber auch schon in der Slowakei gab es ein Vorbild. Michal Hvorecky verweist auf das Beispiel der Regierung unter Vladimir Mečiar nach der Aufteilung der Tschechoslowakei in zwei unabhängige Staaten im Jahr 1993. Anne Appelbaum hat das Zusammenspiel von Autokratie, Kulturkampf und Korruption in ihrem Buch <a href="https://www.anneapplebaum.com/book/autocracy/">„Autocracy, Inc., The Dictators Who Want to Run the World”</a> (New York, Doubleday, 2024, deutsche Übersetzung von Jürgen Neubauer: „Die Achse der Autokraten – Korruption, Kontrolle, Propaganda: Wie Diktatoren sich gegenseitig an der Macht halten“, München, Siedler, 2024) im Detail beschrieben. Alexander Cooley und Daniel Nexon bezeichneten in der Maiausgabe 2026 der Blätter für deutsche und internationale Demokratie den Weg der USA unter Trump als <a href="https://www.blaetter.de/ausgabe/2026/mai/geopolitische-macht-privater-gewinn-das-zeitalter-der-kleptokratie">„Zeitalter der Kleptokratie“</a>.</p>
<p>Wer Martina Šimkoviča war und was sie vertrat war schon lange vor ihrer Amtsübernahme bekannt. Das Motto der Kulturministerin und ihrer Partei – so Michal Hvorecky in einem <a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/michal-hvorecky-slowakei-fico-autokratie-interview-li.3475962">Gespräch mit Cathrin Kahlweit für die Süddeutsche Zeitung</a> – laute <em>„Jetzt sind wir dran“</em>. Entsprechend werden vakant gemachte Stellen im Kultur- und Medienbereich mit Verwandten, Bekannten und Nachbar:innen der Ministerin besetzt, deren einzige „Kompetenz“ darin besteht, dass sie ihre Ansichten teilen. Im Grunde schafft die Kulturministerin auf diese Art und Weise Clanstrukturen, durchaus vergleichbar mit dem Vorgehen Trumps in den USA, Orbáns in Ungarn, der PiS in Polen, als sie noch regierte. (Vergleichbares praktiziert die deutsche AfD mit der Vergabe von Mitarbeiter:innenposten in Bundestag und Landtag, glücklicherweise zumindest zurzeit noch ohne unmittelbaren Einfluss auf die Kultureinrichtungen).</p>
<p>Die Ministerin fordert eine <em>„reine slowakische Kultur“</em>, obwohl es eine solche niemals gegeben hat:<em> „Eine patriotische Kultur soll die Massen mit Bauernmalerei und traditioneller Musik erfreuen.“</em> Gefördert werden beispielsweise Bierfeste. Manche mögen die Berufung auf eine <em>„reine slowakische Kultur“</em> als Wertschätzung einer imaginierten guten alten Zeit empfinden, nach der sie sich zurücksehnen. Hinter dem Vorgehen der Kulturministerin steckt – so Michal Hvorecky – jedoch kein in sich schlüssiges konservatives inhaltliches Konzept, sondern nicht mehr und nicht weniger als der Wunsch der Zerstörung all dessen, das ihr und ihren Parteifreund:innen nicht passt und ihrer Macht im Wege steht. Wenn ihr diese Zerstörung gelänge, könnte sie ihre Kritiker:innen in die Bedeutungslosigkeit drängen. Der Regierungschef teilt diese Absicht und unterstützt sie daher vorbehaltlos. Ob das für eine langfristig wirkende Stabilisierung ihrer Herrschaft reicht, ist jedoch eine offene Frage.</p>
<p>Mitte Januar 2026 sagte Michal Hvorecky in einem <a href="https://www.das-parlament.de/kultur/kulturpolitik/es-ist-brutal-was-die-kulturministerin-angerichtet-hat">Gespräch mit Kilian Kirchgeßner für die Zeitung „Das Parlament“</a>: <em>„Viele warten darauf, dass sie eine Strategie für konservative oder nationalistische Kultur vorstellt. Davon hört man aber kaum etwas. Im Moment geht es offenbar nur um die Zerstörung von transparenten demokratischen Strukturen, die über Jahrzehnte gewachsen sind und sehr gut funktionierten. Dass stattdessen etwas Neues entsteht – mit welchem Schwerpunkt auch immer –, das ist nicht zu sehen. Dafür hatte die Ministerin aber zum Beispiel ein Depot für sämtliche Kunstsammlungen in der Slowakei geplant, das mitten im Niemandsland im Osten des Landes hinter Kosice für mehrere Millionen Euro gebaut werden sollte und von Fachleuten als unsinniges Projekt bezeichnet wurde. Als herauskam, dass die Grundstücke dafür einem Parteifreund der Kulturministerin gehören, der sie </em>zum Zehnfachen des Marktwertes verkaufen wollte, war das Projekt erstmal gestorben.“</p>
<p>Mit diesem Anliegen ist die Ministerin durchaus erfolgreich. Michal Hvorecky berichtete in dem zitierten Gespräch, dass inzwischen nur noch drei von etwa 30 Kulturinstitutionen, auf die der slowakische Staat Einfluss hat, ihre bisherige Leitung haben behalten können. Im Gespräch mit Cathrin Kahlweit verwies Michal Hvorecky allerdings auch darauf, dass ein Gericht entschieden habe, dass die Kulturministerin nicht per Pressekonferenz bestehende Förderverträge mit Kultureinrichtungen aufkündigen dürfe. Noch scheint der slowakische Rechtsstaat weitgehend zu funktionieren.</p>
<h3><strong>Gewaltbereit</strong></h3>
<p>Rechtsextreme Schläger bedrohten, verprügelten schon in den 1990er Jahren Journalisten. Mit den sozialen Netzwerken fanden sie eine Verbreitung, die sie <em>„sich nicht im Traum ausmalen“</em> konnten. Fico ist inzwischen zu einem eigenen Medienphänomen geworden und ergeht sich in endlosen Monologen in den sozialen Medien. So entstand und festigt sich eine verhängnisvolle Mischung, in der je nach Bedarf die ein oder andere Eigenschaft gebrandmarkt werden kann, um die eigenen Reihen immer wieder aufs Neue zu schließen. Ein (vorläufiger?) Höhepunkt war die <em>„Tragödie des Doppelmords von Ján Kuciak und Martina Kušnirová im Jahr 2028.“ </em>Es gab eine Verurteilung des Mörders, jedoch nicht der mutmaßlichen Auftraggeber. Auch gegen Fico wurde ermittelt, doch zwischenzeitlich konnte Fico erneut das Amt des Premierministers übernehmen. <em> </em></p>
<p>Für eine Verfolgung der Täter müsste zunächst anerkannt werden, dass es sich überhaupt um Täter handelt. Das dahinter liegende Prinzip hat Trump zu Beginn seiner zweiten Amtszeit mit seiner Begnadigung der Putschisten vom 6. Januar 2021 vorexerziert. Dieser Aufstand wurde von ihm zum <em>„Day of Love“</em> umdefiniert, ein klassisches Beispiel für den von George Orwell in „1984“ beschriebenen <em>„newspeak“</em>. Ein weiteres Beispiel bietet der Umgang mit den Epstein-Akten. Ohnehin sind Leugnung und Externalisierung sexualisierter Gewalt ein Grundmuster der in autoritären Regimen üblichen Täter-Opfer-Umkehr. Täter sind immer die anderen, im Zweifel die Opfer, die die Täter ja provoziert hätten.</p>
<p>Am besten funktioniert diese Strategie, wenn man möglichst schon in den Schulen die Existenz sexualisierter Gewalt erst gar nicht erwähnt. Das war – nicht nur in der Slowakei – schon in kommunistischen Zeiten so. Michal Hvorecky verweist darauf, dass <em>„es in der Slowakei keinen grundlegenden Wandel in der Sexualkunde gegeben hat. Die Kommunisten haben sich den menschlichen Körper und auch sein Sexualleben angeeignet, und heute wird dasselbe von religiösen Fundamentalisten versucht, die Schwule für genauso gefährlich halten wie Pädophile und diese Begriffe oft synonym verwenden. Unsere fundamentalistischen christlichen Politiker möchten Frauen vorschreiben, wie viele Kinder sie haben sollen, sie halten die sichere Sexualerziehung in den Schulen für sündhaft und unnötig und Kondome für eine Erfindung des Teufels, um Kinder zu ermorden“</em>.</p>
<p>Putin will Frauen, die keine Kinder haben wollen, zu einer psychologischen Untersuchung schicken. Sonja Peteranderl hat in ihrem Beitrag <a href="https://www.blaetter.de/ausgabe/2026/mai/perioden-tracking-als-politikum">„Perioden-Tracking als Politikum“</a> (in der Maiausgabe 2026 der Blätter für deutsche und internationale Politik) über den Boom von Apps berichtet, die Menstruationszyklen aufzeichnen, und höchst interessant für nationale Sicherheitsbehörden werden könnten, beispielsweise zur Aufspürung von Schwangerschaftsabbrüchen oder auch zur staatlichen Geburtenlenkung, <em>„etwa, wenn die Anwendung von Menstruationstracking zur Pflicht und die Auslese der Daten sogar Teil einer Offenbarungspflicht würde.“</em> Dann – so Sonja Peteranderl – wäre man von der Dystopie, die Margaret Atwood in „The Maiden’s Tale“ (1985) konzipierte, gar nicht so weit entfernt.</p>
<p>All dies schafft ein völlig verzerrtes Bild der Realität. Aber genau das hat Methode. Darauf lässt sich ein autoritäres System aufbauen. Niemand weiß mehr so recht, was Wirklichkeit ist, was nicht. Michal Hvorecky fasst das Ergebnis der Politik Robert Ficos und seiner Partei Smer wie folgt zusammen: <em>„Aus Smer wurde eine sehr gefährliche Ideologie – der Smerismus. / Smerismus ist der verloren gegangene Bezug zur Realität. / (…) Smerismus ist Gangstertum. / Smerismus sind Abgeordnete, die als ehemalige Internet-Trolle im Netz und darüber hinaus Hass verbreitet haben. (…) Smerismus sind Reisen nach Moskau, wenn die ganze zivilisierte Welt Putin boykottiert. / Smerismus ist Ficos Verwunderung darüber, dass die Menschen massenhaft gegen ihn protestieren. Es ist Ficos Negierung der Existenz freier, denkender, kritischer Menschen in seinem Land.“</em></p>
<h3><strong>Europa braucht Dissident:innen</strong></h3>
<p>Autokraten neigen dazu, ihre <em>„Verwunderung“</em> zu inszenieren, um jede Kritik zu delegitimieren. Aber dennoch: Es gibt massive Kritik. Und es gibt die Menschen, die diese Kritik tragen: Dissident:innen. Michal Hvoreckys Botschaft lautet: Europa braucht Dissident:innen, in der Slowakei und in allen anderen Ländern, in denen rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien die liberale Demokratie bedrohen.</p>
<p>Den Begriff der <em>„Dissidenz“</em> hat Michal Hvorecky bewusst gewählt, um an die lange Vorgeschichte des Widerstands gegen autoritäre und totalitäre Strukturen zu erinnern. Gleichzeitig verdeutlicht dieser Begriff den Ernst der Bedrohung der liberalen Demokratie in unserer heutigen Zeit.</p>
<p>Zur Vorgeschichte gehören die Geschichte der Dissident:innen unter sowjetischer Herrschaft sowie die Geschichte der Gegner:innen der von den Nazis gestützten slowakischen Republik unter dem katholischen Priester Jozef Tiso. Die Regierung unter Tiso war jedoch nicht mehr und nicht weniger ein <em>„Marionettenregime: Der Priester Jozef Tiso ließ sechzigtausend slowakische Juden in den Tod schicken. Die Deportationen wurden von den Slowaken selbst durchgeführt.“</em> Michal Hvorecky konstatiert jedoch: <em>„Die seltsame kleine europäische Republik wird trotz ihrer kurzen Existenz in meiner Heimat bis heute gerne verklärt.“</em> Nach dem Fall dieses Regimes geschah das, was auch in anderen osteuropäischen Ländern geschah, nicht zuletzt in der DDR. Wie im Falle von Buchenwald wurde allein der kommunistische Widerstand anerkannt. Ines Geipel hat Praxis und Folgen dieser Engführung von Widerstand zuletzt in ihrem Buch <a href="https://www.fischerverlage.de/buch/ines-geipel-landschaft-ohne-zeugen-9783103977363">„Landschaft ohne Zeugen – Buchenwald und der Riss der Erinnerung“</a> (Frankfurt am Main, S. Fischer, 2026) am Beispiel der DDR ausführlich beschrieben. Auch der Streit um Geschichtspolitik und Erinnerungskultur gehört zum von der slowakischen Regierung propagierten Kulturkampf. In Polen oder in Ungarn war dies nicht anders.</p>
<p>Heutige Dissidenz in der Slowakei erinnert – so Michal Hvorecky – bewusst an den Widerstand gegen die Nazis: <em>„‚Beginnt die Räumung!‘ lautete die konspirative Losung am 29. August 1944, der Aufruf zum Widerstand gegen die Nazis. Im Jahr 2025 hat die Initiative Otvorená kultúra, Offene Kultur, denselben Spruch für ihre Proteste gegen die slowakische Kulturministerin übernommen.“</em> Autokraten übertreiben jedoch gerne, weil sie sich ihrer Macht nie so ganz sicher sein können. Es nützt ihnen nichts, die offiziellen staatlichen Medien in ihrem Sinne umzustrukturieren. <em>„Regierungskritik wandert zunehmend ins Internet. 2025 startete das neue einflussreiche Medium 360otka. Innovative Projekte wie dieses glauben an faktenbasierten Journalismus, schufen moderne Paywall-Modelle, um ihre Portale tragfähig zu machen und verlässliche Informationen jenseits der staatlichen Propaganda zu veröffentlichen. (…) Und nach fast jeder Pressekonferenz des Premierministers steigen die Abozahlen freier Medien.“ </em>In Ungarn und in Polen war dies nicht anders.</p>
<p>Die Hoffnung ist die <em>„Gemeinschaft“</em>: <em>„Meiner Erfahrung nach besteht eigentliches, urpolitisches Handeln vor allem darin, so viel Gemeinschaft wie möglich herzustellen.“ </em>Eben dies geschieht auf den Straßen, mit Europa- und Ukraineflaggen. Mit vielen Freiwilligen, regelmäßig. Eine wichtige Rolle spielen Frauen. Die Frauen, die im Jahr 1989 dazu beitrugen, die kommunistische Diktatur zu stürzen, wurden <em>„aus dem historischen Gedächtnis der Wendezeit gelöscht“</em>. Doch 2025 sind Frauen <em>„selbstbewusster (…) nehmen Raum in Anspruch“</em>. Michal Hvorecky nennt ausdrücklich <em>„die neuen Dissidentinnen im 21. Jahrhundert: Juristin Lucia Berdisová, Journalistin Vitalia Bella, Transaktivistin Liberty Simon“</em>. Mit llona Németh hat er <em>„eine informelle Plattform für die bürgerliche Selbstverteidigung gegründet“</em>, die unter anderem Rechtshilfe für diejenigen bietet, die von Ficos Regime vor Gericht gezerrt werden.</p>
<p>Michal Hvorecky dokumentiert in „Dissident“ anschaulich und eindrucksvoll, was einer liberalen Demokratie blüht, wenn konservative und andere demokratische Parteien Positionen der rechtspopulistischen und rechtsextremistischen Kräfte übernehmen, möglicherweise mit ihnen sogar eine gemeinsame Regierung bilden. Robert Fico war einmal ein Sozialdemokrat, Viktor Orbán ein Liberaler. Aber das ist lange her. Um zu merken, welche Politik sie mit der Zeit betrieben beziehungsweise betreiben, muss man sich nicht einmal in den Arm kneifen. In Deutschland ist die FDP ist schon weitgehend verschwunden, CDU, CSU und SPD sind noch relativ stabil, aber in der Defensive. Es muss nicht so weit kommen, dass wir in Deutschland Dissident:innen brauchen wie wir sie in der Slowakei erleben. Gerade aus diesem Grund ist es aus unserer deutschen Perspektive wichtig, dass Michal Hvorecky „Dissident“ in deutscher Sprache geschrieben hat.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<h3><strong>Die Slowakei im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span></strong><span style="color: #678f20;">:</span></h3>
<p>Martina Winkler, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/drehbuch-zur-demontage-der-demokratie/">Drehbuch zur Demontage der Demokratie</a>, Oktober 2025.</p>
<p>Gespräch mit Michal Hvorecky, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-slowakei-ist-in-einer-tiefen-krise/">Die Slowakei ist in einer tiefen Krise</a>, Januar 2025.</p>
<p>Martina Winkler, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/trennende-gemeinsamkeiten/">Trennende Gemeinsamkeiten – Tschechen, Slowaken, Tschechoslowaken, was denn nun?</a> Dezember 2024.</p>
<p>Martina Winkler, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/hass-und-hetze/">Hass und Hetze? Wir doch nicht, nur die anderen!</a> Juni 2024.</p>
<p>Gespräch mit Michal Hvorecky, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/eine-starke-zivilgesellschaft/">Eine starke Zivilgesellschaft</a>, März 2024.</p>
<p>Martina Winkler, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-autoritaere-drohung/">Die autoritäre Drohung – Robert Ficos Angriffe auf Demokratie und Rechtsstaat in der Slowakei</a>, März 2024.</p>
<p>Gespräch mit Michal Hvorecky, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-illiberale-wende/">Die illiberale Wende</a>, November 2023.</p>
<p>Gespräch mit Michal Hvorecky, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/das-land-dazwischen/">Das Land dazwischen</a>, September 2022.</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Mai 2026, Internetzugriffe zuletzt am 7. Mai 2026, Titelbild: Demonstration gegen Fico in Bratislava, Foto: Michal Hvorecky.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Die Kunst der Koalition</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 15 Apr 2026 14:20:53 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die Kunst der Koalition Das Buch „Verantwortung“ von Volker Wissing „Wir müssen aber aus dem Scheitern der Ampel-Regierung die richtigen Schlüsse ziehen. In der FDP wird es Menschen geben, die sagen, die Lehre ist, dass man nie mehr mit Grünen und Sozialdemokraten zusammenarbeiten darf. Nur, mit wem dann? Mit der CDU, die die FDP  [...]</p>
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<h1><strong>Die Kunst der Koalition</strong></h1>
<h2><strong>Das Buch „Verantwortung“ von Volker Wissing</strong></h2>
<p><em>„Wir müssen aber aus dem Scheitern der Ampel-Regierung die richtigen Schlüsse ziehen. In der FDP wird es Menschen geben, die sagen, die Lehre ist, dass man nie mehr mit Grünen und Sozialdemokraten zusammenarbeiten darf. Nur, mit wem dann? Mit der CDU, die die FDP genüsslich für tot erklärt? Die inhaltliche Abgrenzung voneinander ist in Wahlkämpfen wichtig, um Pluralismus zu demonstrieren. Aber die Versuchung, Abgrenzung zum Dauerthema zu machen, ist zu groß. Wahlen zielen nicht darauf ab, Gewinner und Verlierer zu produzieren. Ein Wahlergebnis ist ein Gestaltungsauftrag. Den kann man nicht wahrnehmen, indem man pausenlos erklärt, was einen am anderen stört.“ </em>(<a href="https://www.zeit.de/politik/2026-03/volker-wissing-landtagswahl-rheinland-pfalz-fdp">Volker Wissing im Gespräch mit Alissa Schellenberg</a>, in: Die ZEIT, 22., März 2026)</p>
<p>Am 6. November 2024 hat Bundeskanzler Olaf Scholz den Finanzminister Christian Lindner entlassen. Anschließend führte er Vier-Augengespräche mit dem Justizminister, dem Verkehrsminister und der Bildungsministerin. Marco Buschmann und Bettina Stark-Watzinger folgten Christian Lindner, Volker Wissing nicht. Die Frage von Olaf Scholz, ob er bleibe, beantwortete er mit einem Wort und ohne zu zögern: <em>„Ja“</em>. Volker Wissing hat diesen in der Geschichte der Bundesregierungen außergewöhnlichen Vorgang in seinem gemeinsam mit Balthasar Haußmann geschriebenen Buch „Verantwortung“ (München, Droemer, 2026) dokumentiert.</p>
<p>Ohne diesen Vorgang wäre das Buch wahrscheinlich nie geschrieben worden. Andererseits ergab sich so die Chance, über verpasste Alternativen und Hintergründe nachzudenken, ein positives Bild von der Arbeit der Ampelkoalition zu vermitteln und darüber hinaus eine Perspektive zu entwickeln, wie ein unseren Zeiten angemessener Liberalismus konzipiert werden könnte. Das Buch überzeugt durch eine klare, unprätenziöse und verbindliche Sprache und seinen sachlichen, unaufgeregten Ton. Ich werde im Folgenden versuchen, die Thesen dieses Buches zu skizzieren. Zum Abschluss wage ich eine Einordnung in liberale Traditionen seit 1848.</p>
<h3><strong>Ein bemerkenswertes Buch</strong></h3>
<div id="attachment_7965" style="width: 194px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.droemer-knaur.de/buch/dr-volker-wissing-verantwortung-9783426569580"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7965" class="wp-image-7965 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Wissing_Verantwortung_Droemer-184x300.jpg" alt="" width="184" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Wissing_Verantwortung_Droemer-184x300.jpg 184w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Wissing_Verantwortung_Droemer-200x327.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Wissing_Verantwortung_Droemer-400x653.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Wissing_Verantwortung_Droemer-600x980.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Wissing_Verantwortung_Droemer-627x1024.jpg 627w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Wissing_Verantwortung_Droemer-768x1254.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Wissing_Verantwortung_Droemer-800x1306.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Wissing_Verantwortung_Droemer-941x1536.jpg 941w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Wissing_Verantwortung_Droemer-1200x1960.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Wissing_Verantwortung_Droemer-1254x2048.jpg 1254w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Wissing_Verantwortung_Droemer.jpg 1512w" sizes="(max-width: 184px) 100vw, 184px" /></a><p id="caption-attachment-7965" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Das Buch enthält vier Kapitel, die – ebenso wie der Titel „Verantwortung“ eine Art Tugendkatalog oder Verhaltenscodex, eine Art ethisch-moralischen Leitfaden für Politikerinnen und Politiker beschreiben: <em>„Vertrauen“</em>, <em>„Das Richtige tun“</em>, <em>„Gelassenheit“</em>, <em>„Demokratischer Optimismus“</em>. Das Scheitern der Ampel wäre – so mag man die vier Überschriften lesen – ein Lehrstück, mit dem sich angehende Politikerinnen und Politiker und nicht nur diese eingehender auseinandersetzen könnten und sollten.</p>
<p>In verschiedenen Medien hat sich Volker Wissing zu seinem Buch geäußert. Die Botschaft war stets die gleiche und dennoch lohnt es sich, aus einigen dieser Gespräche zu zitieren, da sie wesentliche Aspekte des Politikverständnisses von Volker Wessing auch im Kontrast zu den medialen Erwartungen zeigen. Es geht um viel mehr als um das bloßes Platzen(-Lassen) einer Koalition, es geht um Klarheit und Fairness in der Politik, es geht um <em>„Politikfähigkeit“</em>, die Volker Wissing auf eine einfache Formel bringt: <em>„Wer opponiert, kann den bequemen Weg der Kritik an anderen gehen. Wer aber regiert, muss handeln.“</em></p>
<p>Das eingangs bereits zitierte ZEIT-Interview fand vor der rheinland-pfälzischen Landtagswahl im März 2026 statt. Thema war in erster Linie die Zukunft der FDP als liberaler Partei oder wie manche sagen als Partei des <em>„organisierten Liberalismus“</em>. Volker Wissing brachte den innerparteilichen Konflikt in der FDP auf den Punkt: <em>„Das Hauptproblem der FDP ist, dass sie nicht weiß, ob sie regieren oder lieber kritisieren will.“ </em>Vorschläge, die zukünftige FDP solle sich als <em>„radikale Mitte“</em> positionieren, seien unattraktiv, denn: <em>„Radikalität passt nicht zur FDP. Sie sollte eine Partei des Ausgleichs sein, der Liberalismus sucht nichts Radikales. Das Bild der radikalen Mitte ist eine Anbiederung an Libertäre, und diese Zuwendung ist meiner Meinung nach ein fundamentaler Irrweg. Ich halte unsere Verfassung für eine antidisruptive Verfassung. Ich liebe sie, weil das Grundgesetz Stabilität einfordert und dazu immer zum Koalieren, zum Kompromiss, auffordert. Nicht dazu, sich gegenseitig zu besiegen.“ </em>In seinem Buch schreibt Volker Wissing: <em>„Radikal ist allein der Libertarismus. Libertäre lehnen staatliches Handeln so sehr ab, dass sie faktisch politikunfähig sind. (…) Ich sehe in dieser Strömung die größte Gefahr für den politisch organisierten Liberalismus.“</em></p>
<p>Ähnlich argumentierte Volker Wissing bei Markus Lanz: <em>„Ich finde, wenn die Wählerinnen und Wähler solche Regierungen möglich machen, dann sollten sie nicht an Politikerinnen und Politikern scheitern.“</em> Und fügte hinzu: <em>„Es kann doch nicht sein, dass Parteien behaupten, sie könnten nicht zusammenarbeiten, weil sie unterschiedliche Parteiprogramme haben.“</em> Die Redaktion der Süddeutschen Zeitung gab dem Bericht von Timo Posselt vom 3. April 2026 die provokante Überschrift: <a href="https://www.sueddeutsche.de/medien/markus-lanz-volker-wissing-christian-lindner-fdp-li.3462667">„Die Abrechnung des Volker Wissing“</a>. Disruption verkauft sich eben besser – so ließe sich vermuten. Aber genau diese Erwartung erfüllt das Buch nicht! Volker Wissing enttäuscht die Erwartungen so mancher Interessierter, nicht zuletzt der Medien, die gerne einen Show-Down zwischen ihm und Christian Lindner herbeiinszeniert hätten, auch wenn sie wohl in nächster Zukunft kaum einen Termin finden dürften, an dem die beiden sich öffentlich streiten. Wozu auch? Denn es geht nicht um konkrete Personen. Volker Wissings Analyse des Vorgangs vom 6. November 2024 zeichnet sich dadurch aus, dass er an keiner Stelle jemanden persönlich angreift, auch nicht Christian Lindner, obwohl das manchen Medien sicherlich gut gefallen würde.</p>
<p>Christian Lindner wird in dem Buch nur zwei Mal kurz erwähnt, einmal wegen der Frage, ob Volker Wissing 2016 Generalsekretär der Partei werden wolle, die ebenfalls positiv beantwortet wurde. Auf den Hinweis von Bastian Brinkmann in einem am 27. März 2026 veröffentlichten <a href="https://www.sueddeutsche.de/leben/volker-wissing-fdp-austritt-ampel-koalition-interview-li.3451828">Interview in der Süddeutschen Zeitung</a>, Christian Lindner habe doch darauf hingewiesen, dass die Koalition <em>„gegen die Werte der FDP verstoßen habe</em>“, antwortete Volker Wissing: <em>„Ich fand das Koalitionsende verstörend. Parteien können nicht nach ihrem Gusto Regierungen in die Luft sprengen. Eine Demokratie braucht Stabilität. Man muss schon sehr gewichtige Gründe haben, wenn man eine Koalition aufkündigt. Und die kann man sich nicht einfach ausdenken! Im Johannes-Evangelium steht: „Die Wahrheit wird euch frei machen.“</em></p>
<h3><strong>Niemand ist alleine auf der Welt</strong></h3>
<p>Nun ist der Begriff der <em>„Wahrheit“</em> einer der schwierigsten philosophischen Begriffe überhaupt. Eine <em>„Wahrheit“</em> muss nicht für alle gleichermaßen gelten. Sobald sich mindestens zwei Menschen miteinander verständigen, kommt aber Moral ins Spiel, die sich gerne als <em>„Wahrheit“</em> ausgibt, möglicherweise sogar fest gefügt in ein ethisches Wertesystem. Moralisch handeln bedeutet jedoch nicht, nur eine einzige <em>„Wahrheit“, </em>natürlich immer die eigene, als alleingültig und moralisch geboten gelten zu lassen. In den aktuellen politischen Debatten werden bestimmte Forderungen oder Entscheidungen gerne moralisch verbrämt zu <em>„Wahrheiten“</em> erhoben, um auf diese Weise jeden Widerspruch von vornherein zu delegitimieren.</p>
<p>Politik erfüllt sich jedoch nicht in der Durchsetzung der eigenen <em>„Wahrheit“</em> als einziger und endgültiger <em>„Wahrheit“</em>, sondern im zivilisierten Umgang miteinander. Streit ist damit nicht ausgeschlossen, im Gegenteil, aber er folgt von allen akzeptierten <em>„Regeln“</em>. Volker Wissing setzt einem solchen Wahrheits-Absolutismus sein Verständnis von <em>„Verantwortung“</em> entgegen. Dabei geht es auch um die Balance <em>„zwischen individueller Freiheit und Gemeinschaft“</em>: <em>„Auch die Parteien des demokratischen Spektrums haben unterschiedliche Vorstellungen, wo genau die Grenzen zwischen Individuum und Gemeinschaft zu ziehen sind. Sie verbindet aber, dass sie sich der komplexen Aufgabe stellen und Lösungen für alle erarbeiten wollen. Hier liegt der Anknüpfungspunkt für eine fruchtbare Zusammenarbeit in Koalitionen.“ </em>Wer sich jedoch dieser <em>„komplexen Aufgabe“</em> entzieht, gerät <em>„in die Falle der Extremisten“</em>. Diese jedoch wollen keine <em>„Lösungen“</em>, sondern <em>„tabula rasa“</em> und <em>„Disruption“</em>: <em>„In einer komplexen Welt ist Disruption schädlich“</em>.</p>
<p>Volker Wissing leitet seine Auffassung einer verantwortungsvollen und verantwortungsbereiten Politik aus seiner früheren Tätigkeit als Strafrichter und den Grundsätzen der juristischen Ausbildung ab. Als Strafrichter habe er auch die Würde des Angeklagten im Auge zu halten. Daher müssten Richter <em>„sich mit der Person des Angeklagten genauestens auseinanderzusetzen (…) sich also mit Lebenswelten befassen, die ihnen persönlich oft völlig fremd sind. Sie müssen sich in ihr Gegenüber eindenken.“ </em>Volker Wissing nennt das Beispiel eines jungen Mannes, der eigentlich hätte wissen müssen, dass sein Knacken von Zigarettenautomaten irgendwann zu einer Haftstrafe führen musste. Das Problem lag jedoch darin, dass dieser junge Mann nicht in der Lage war, über den Augenblick hinaus zu denken: <em>„Der Vollzug einer Gefängnisstrafe muss in solchen Fällen mit Unterstützungsangeboten begleitet werden. Der Verurteilte musste lernen, die Folgen seines Tuns abzuschätzen.“</em></p>
<p>Volker Wissing sagt von sich, er handele als Strafrichter wie als Politiker auch als <em>„gläubiger Christ“</em>. Kraft bei seinen Entscheidungen gebe ihm sein <em>„Gottvertrauen“</em>. Er zitiert seinen Konfirmationsspruch (Röm 8,28): <em>„Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“</em> Er beruft sich auf „<em>die Zehn Gebote“</em> und <em>„die Bergpredigt“</em>, betont, es gehe darum, <em>„die Gemeinschaft zu stärken“</em>, <em>„gemeinschaftlich zu leben“</em>, auch im Streit. Freiheit verwirkliche sich in der <em>„Gemeinschaft“</em>, jedoch nicht, wenn jemand beschließen sollte, <em>„nur für sich selbst auf der Welt zu sein“</em>. Auch hier gilt: <em>„No man is an island“</em> (John Donne, 1624). Eine solche Inselwirklichkeit suchen aber so manche in der Politik, die nur ihre eigenen Gedanken und Absichten gelten lassen. Politik geschieht – metaphorisch gesprochen – nicht auf Inseln, sondern an <em>„Weggabelungen“</em>: <em>„Wer an Weggabelungen oder Kreuzungen steht, kann nicht vor der Frage davonlaufen, welchen Weg er nimmt. So ist das mit der Freiheit.“</em></p>
<h3><strong>Erfolgsrezept Empathie</strong></h3>
<p>Doch wie erkennt man, welcher Weg eingeschlagen werden sollte? <em>„Verantwortung“</em> wirkt durch <em>„Empathie“. </em>Das Kapitel des Buches trägt die Überschrift <em>„Vertrauen“</em>, vielleicht ein anderes Wort für <em>„Empathie“</em>. Es enthält ein eigenes Unterkapitel <em>„Empathie führt uns zusammen“</em>, in dem Volker Wissing konstatiert: <em>„Ohne Empathie kein Erfolg – das ist die Quintessenz meiner politischen Erfahrung.“</em></p>
<p>Eine solche Erfolgsgeschichte der <em>„Empathie“</em> war das Gespräch mit einer Vertreterin und zwei Vertretern der „Letzten Generation“. Er erntete viel Kritik, dass er sich überhaupt auf dieses Gespräch einließ. <em>„Natürlich konnte ich die Aktivistin und die beiden Aktivisten in diesen zwei Stunden nicht von Überzeugungen abbringen, die sie über Jahre entwickelt hatten. Und auch die Aktionen auf den Straßen gingen zunächst weiter. Aber mir schien, meine Gesprächspartner hatten verstanden, dass wir grundsätzlich dasselbe Ziel verfolgten. Und sie haben gesehen, dass ich ihnen wirklich zuhörte, so wie sie mir zuhörten. Das ganze Gespräch war von großer Empathie getragen.“ </em>Etwa 18 Monate später erhielt er einen Brief von einem seiner Gesprächspartner: <em>„Er habe damals verstanden, dass Politik bestimmten Regeln folgen muss. Dass es nichts bringt, die Straßen zu blockieren. Dass es konstruktiver ist, sich beispielsweise in einer Partei zu organisieren oder im Büro eines Abgeordneten zu arbeiten. Genau das hat er dann auch getan.“ </em></p>
<p>An anderer Stelle kommentiert Volker Wissing die vielen Warnungen, die er vor Übernahme eines Amtes erhalten habe. Er dürfe niemandem vertrauen. So wie er auf die „Letzte Generation“ zuging, habe er jedoch auch in seinen Ämtern nach der Maxime gehandelt, mögliches <em>„Misstrauen“</em>, mögliche Vorbehalte so früh wie möglich auszuschließen, indem er stets das direkte Gespräch gesucht habe. Dies habe er gegenüber dem von seinem Vorgänger eingesetzten Bahnchef Richard Lutz ebenso gehalten wie gegenüber der Ministerpräsidentin Malu Dreyer. Mit Erfolg. Detailliert referiert er die unterschiedlichen Umgangsweisen in der Ampelregierung in Rheinland-Pfalz unter der Ministerpräsidentin Malu Dreyer und der Bundesregierung unter dem Bundeskanzler Olaf Scholz. In Rheinland-Pfalz habe man sogar ein eigenes Coaching durchgeführt, um sich einen angemessenen Umgang zur Umsetzung der im Koalitionsvertrag verabredeten Ziele zu erarbeiten: <em>„Eine Koalition bietet die Chance, auf neue Ideen zu kommen. Ideen, die viel mehr Menschen überzeugen als nur die eigenen Anhänger.“</em></p>
<p>In der Bundesregierung sei diese Chance nicht genutzt worden. Dies habe nicht an Olaf Scholz und der SPD gelegen, die Probleme hätten eher bei der FDP und bei den Grünen gelegen. Zu Beginn habe es noch Anzeichen – man denke an das berühmt gewordene Selfie von Annalena Baerbock, Robert Habeck, Christian Lindner und Volker Wissing – für gegenseitige <em>„Wertschätzung“ </em>gegeben. In der Praxis haben sich diese Anzeichen jedoch nicht verstetigt, weder in der Regierung noch in den Fraktionen: <em>„Die Abgeordneten führten stattdessen ihre Oppositionsarbeit weitgehend ungehindert fort und überzogen die Ministerinnen und Minister der anderen Parteien hemmungslos mit Kritik, als habe man mit ihnen nichts zu tun.“ </em>Die Ampel sei <em>„am Unwillen zum gemeinsamen Regieren“</em> gescheitert. Es sei natürlich leichter, in der Opposition Aufmerksamkeit zu erhalten, und so gebe <em>„es einen Typ von Politiker, der in der Opposition eine besonders wichtige Rolle spielt.“</em> Im Grunde sei dieser Politikertypus <em>„ein Schauspieler“</em>, er <em>„kann einer Partei Sichtbarkeit geben. Und er kann sie mit Worten zusammenhalten. Es gibt ihn in allen Parteien.“ </em>Das <em>„absolute Gegenteil dieses extrovertierten, rhetorischen Typs verkörperte: Bundeskanzler Olaf Scholz. (&#8230;) dass es zum Bruch kam, lag nicht an ihm. Er war ein guter Bundeskanzler.“</em></p>
<h3><strong>Spaltungen der Parteien – Spaltungen der Gesellschaft</strong></h3>
<p>Ergebnis des internen Streits der Ampelregierung war ein von den Medien ständig befeuertes Bashing der Ampelregierung, sodass für die nächste Zukunft eine solche Regierung ausgeschlossen sein dürfte. Es ließe sich fragen, warum das, was in Rheinland-Pfalz über zwei Legislaturperioden gut funktionierte, im Bund scheiterte.</p>
<p>Nur am Rande: Die rheinland-pfälzische Ampel war nicht die erste Ampelregierung in Deutschland. Im Juli 1989 hatte Dietrich Wetzel, damals Bundestagsabgeordneter der Grünen und Vorsitzender des Forschungsausschusses im Bundestag, im Spiegel <a href="https://www.spiegel.de/politik/abschied-von-der-macher-idee-a-cd62837f-0002-0001-0000-000013492891">eine solche Koalition für die Bundesebene vorgeschlagen</a>, die auch Hans-Dietrich Genscher nach der 1990 anstehende Bundestagswahl <a href="https://www.spiegel.de/politik/eine-verdammt-schwierige-kiste-a-4d70e384-0002-0001-0000-000013492882">nicht ausschließen wollte</a>. Genscher wird mit den Worten zitiert: <em>„Diese Zeit ist nichts für Hasenfüße.“</em> Ohne den 9. November 1989 und den 3. Oktober 1990 wäre es nach der Bundestagswahl möglicherweise sogar damals schon zu einer Ampelkoalition im Bund gekommen. Es gab schließlich zwischen 1991 und 1995 eine solche Koalition in Bremen, nachdem die SPD dort erstmals ihre absolute Mehrheit verloren hatte.</p>
<p>Inzwischen leben wir in einer Zeit, in der absolute Mehrheiten kaum noch erreichbar sind, aber gleichzeitig die Unterschiede zwischen den Parteien immer deutlicher formuliert werden, jedoch so gut wie nie diskutiert wird, warum Parteien Kompromisse eingehen sollten. Wer die Wirklichkeit akzeptiert, wird nicht umhinkommen, Koalitionsregierungen ins Kalkül einzubeziehen.</p>
<p>Die Unterschiede zwischen den Parteien werden durch die Unterschiede zwischen verschiedenen Richtungen in den einzelnen Parteien selbst verschärft. Ich wage den Vergleich, dass Christian Lindners Vorgehen durchaus dem Vorgehen Oskar Lafontaines im Jahr 1999 entsprach. Lafontaine spaltete die SPD, Lindner die FDP, nur mit dem Unterschied, dass eine solche Spaltung für die FDP bedeutet, dass ihre Existenz bedroht ist. Volker Wissing nennt die Tendenz innerhalb der FDP zum Libertarismus als das Hauptproblem der Partei. Diese Tendenz habe sich schon zwischen 2009 und 2013 in der Koalition mit CDU und CSU abgezeichnet, insbesondere 2011, als ein Mitgliederentscheid in der EURO-Krise nur knapp gewonnen werden konnte. Es ging um die Frage, ob <em>„eine gemeinschaftliche Garantie“</em> der EU-Staaten für die jeweilige Finanzlage der Mitgliedstaaten möglich sein sollte. <em>„Seit diesem Mitgliederentscheid vom Jahr 2011 gelingt es der FDP nur noch in der Opposition, eine gemeinsame Linie zu finden. Kaum übernimmt sie Regierungsverantwortung stellt sich intern die Frage, ob sie Regulierung mitgestalten oder verhindern sollte.“</em> Volker Wissing kritisiert mit deutlichen Worten das Fehlen von Kompromissbereitschaft, denn wer Kompromisse ablehne, sorge dafür, dass <em>„die eigene politische Kraft wirkungslos“</em> wird.</p>
<p>Zwischen 2021 und 2024 setzte sich diese Tendenz in der FDP fort. Die FDP habe das Thema der <em>„verfassungsrechtlichen Schuldenregel“</em> <em>„bis zur Unlösbarkeit eskaliert“</em>: <em>„Rückblickend wirkt die Debatte wie eine politische Inszenierung. (…) Sie kennt keinen Gewinner, weil sie keinen Beitrag zur Lösung konkreter Alltagsprobleme geleistet hat.“</em> Es hätte jedoch anders laufen können. Volker Wissing berichtet, es sei für ihn eine gute Schule gewesen, als Generalsekretär der FDP aus der Sicht einer Oppositionspartei im Bund, als Minister in Rheinland-Pfalz jedoch zugleich aus der Sicht einer Regierungspartei argumentieren zu können. Perspektivwechsel ist eine Form von Empathie.</p>
<h3><a href="https://www.piper.de/buecher/die-wahrheit-ist-dem-menschen-zumutbar-isbn-978-3-492-27257-5"><strong>„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“</strong></a><strong> (Ingeborg Bachmann)</strong></h3>
<p>Die Analyse Volker Wissings trifft den Kern: <em>„Auf die Wirklichkeit kommt es dabei häufig nicht mehr an. Es ist ja auch leichter, seine Vorurteile zu pflegen, als sich mit anderen Argumenten auseinanderzusetzen. / Politiker glauben oft, dass es für sie von Vorteil sei, auf diesen Zug aufzuspringen. Sie erklären ihre Politik, indem sie andere schlecht machen.“ </em>Das Gegenbild formuliert Volker Wissing wenige Sätze vorher: <em>„Nichts zählt in unserem Land mehr als die Freiheit und die Würde jedes Menschen. Jeder und jede soll seine Träume träumen, seine Fähigkeiten entfalten, seine Meinungen ausbilden, mit anderen streiten dürfen. Aber wir müssen uns auch zusammenraufen können, denn wir, die Bürgerinnen und Bürger bilden eine Gemeinschaft. Wir sollten miteinander, nicht gegeneinander leben. Ohne Achtung und Respekt vor den Meinungen der anderen kann eine Gesellschaft von Individuen nicht funktionieren.“</em></p>
<p>Im Buch nennt Volker Wissing mehrere Beispiele:</p>
<ul>
<li>Mehrfach bezieht er sich auf die Debatten um die Deutsche Bahn. Er benennt einen zentralen Grund, warum die Instandhaltung des Netzes so lange vernachlässigt wurde. Es sei eben <em>„attraktiver, das Netz auszubauen und eine neue Strecke freizugeben, als eine alte Strecke zu sanieren. Man kann dann schlicht und einfach den Wählerinnen und Wählern etwas Neues vorweisen. Es gibt Fotos von der Streckeneinweihung, es gibt Zeitungsartikel, entlang der Strecke leben zufriedene Bürger, die nun besser zur Arbeit kommen und deren Immobilien im Wert steigen.“</em> Dem ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl wird der Satz zugeschrieben, ein Verkehrsminister müsse vor allem gut mit einer Schere umgehen können. In der FDP war wenig Interesse für die Bahn, sie interessierte sich mehr für den Individualverkehr, das Auto. Aber das eine darf das andere nicht ausschließen: <em>„Kein anderer Dienstleister würde auf die Idee kommen, einen Auftrag nicht zu bearbeiten oder ihn durch einen anderen zu ersetzen (…).“</em></li>
</ul>
<ul>
<li>Volker Wissing wehrt sich gegen eine Sicht, die alle Flüchtenden und Geflüchteten als <em>„eine homogene Gruppe“ </em> Ebenso verwehrt er sich gegen eine Reduzierung des Islam <em>„auf die Ungleichbehandlung von Frauen und gewalttätigen Extremismus“</em>. Er berichtet von einem jungen Ägypter, den er in einer Bürgersprechstunde kennengelernt hatte. Er wurde in Ägypten aufgrund seiner sexuellen Orientierung verfolgt. Er berichtete von seiner Unterbringung im Asylbewerberheim und den Anhörungen im Verfahren: <em>„Ebenso beschämend fand ich, dass er sein Asylrecht nur durchsetzen konnte, weil ihm ein unbekannter Belgier auf seinen Hilferuf in einem sozialen Netzwerk reagierte und ihm das Geld für einen Rechtsanwalt schickte. Erst vor Gericht fand er Gehör und konnte verhindern, dass man ihn nach Ägypten zurückschickte, wo er seine Freiheit verloren hätte.“</em> Der junge Mann absolvierte als Jahrgangsbester eine Berufsausbildung zum Kaufmann im Gesundheitswesen und entschloss sich anschließend, Wirtschaftsrecht zu studieren und dies durch eine Teilzeitbeschäftigung bei einer Krankenversicherung zu finanzieren. <em>„Sobald wir Menschen in Gruppen einteilen, setzen wir etwas in Gang, was wir selbst nur noch schwer kontrollieren können.“</em></li>
</ul>
<ul>
<li>Ein drittes Beispiel betrifft das Thema der gesunden Ernährung: <em>„Die Menschen wollen wissen, was in ihren Lebensmitteln enthalten ist, damit sie frei entscheiden können, was sie essen. Die Lebensmittelhersteller mögen die Verpflichtung zur Transparenz als Freiheitseingriff empfinden. Sie ist aber nötig, um die Freiheit anderer zu sichern, und auch zumutbar, weil die Hersteller selbst eine Verantwortung gegenüber ihren Kunden haben.“ </em>Volker Wissing argumentiert, dass heute einschränkende Maßnahmen <em>„freiheitsschützende Vorschriften“ </em>im Hinblick auf die <em>„Verantwortung für künftige Generationen“</em> Viele Bürgerinnen und Bürger dürften diese Auffassung teilen. An dieser Stelle hätte vielleicht ein Hinweis auf die Vorschläge des von Cem Özdemir als Landwirtschaftsminister eingerichteten <a href="https://www.bundestag.de/resource/blob/984354/39efba25c218ee935e26f786abbce81c/Empfehlungen_buergerrat.pdf">Bürgerrat „Ernährung im Wandel“</a> gepasst, der am 14. Januar 2024 seine Beratungen hatte abschließen können.</li>
</ul>
<h3><strong>Religiöse und säkulare Traditionen des Liberalismus – der Kreis schließt sich</strong></h3>
<p>Vieles von dem, was Volker Wissing beschreibt, ließe sich aus meiner Sicht auch in der Tradition des sozialen Liberalismus oder vielleicht sogar als eine Form von Linksliberalismus verstehen, obwohl er selbst diesen Begriff wohl nicht wählen würde. Es lohnt sich aber, diesen Wurzeln des Liberalismus etwas genauer nachzugehen, weil sich so die Auffassungen von Volker Wissing in einen größeren Zusammenhang einordnen lassen. Er grenzt seinen Liberalismus deutlich von libertären Einstellungen ab, die er zunehmend in der FDP habe feststellen müssen. <em>„Darin besteht die wahre Krise der Partei.“ </em>In diesem Punkt gerate die FDP in gefährliche Nähe zur AfD, in der allerdings zum Libertarismus noch eine radikalisierte <em>„Ausländerfeindlichkeit“</em> hinzukommt, durch die <em>„unser Gemeinwesen viel radikaler infrage gestellt </em>(wird)<em>. Nicht nur der Staat, auch die Würde des Menschen wird angegriffen.“ </em></p>
<p>Liberale Positionen finden wir auf der anderen Seite im Grunde in allen demokratischen Parteien, mehr oder weniger, aber eine reine Lehre des Liberalismus wäre ohnehin ein Widerspruch in sich. Wir sollten auf jeden Fall in Erinnerung rufen, dass Liberale an der Paulskirchenverfassung mitwirkten, namentlich zu nennen wäre zum Beispiel Gabriel Riesser, dessen Vermächtnis andere wie Gertrud Bäumer, Hugo Preuß oder Hans Kelsen – es ließen sich noch viele andere Namen nennen – mit ihren Ideen zur Weimarer Verfassung erfüllten. Ohne die 1848er Verfassung und ohne die Weimarer Verfassung wäre auch das heutige Grundgesetz nicht so formuliert worden wie es dann geschah.</p>
<p>Die Geschichte des deutschen Sozial- beziehungsweise Linksliberalismus zwischen 1919 und 2019 haben Roland Appel und Michael Kleff am Beispiel der Deutschen Jungdemokratien in einem lesenswerten Sammelband (erschienen bei Academia / Nomos im Jahr 2019) mit einem <em>„Geleitwort“</em> von Gerhart R. Baum, zahlreichen Dokumenten von den 1920er Jahren bis in die 2010er Jahre zusammengestellt. Den Band haben die beiden Autoren in einem Interview <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-liberale-rechtsstaat-ist-nicht-verhandelbar/">im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> vorgestellt</a>. Roland Appel gründete 2019 <a href="http://radikaldemokratische-stiftung.org/">die Radikaldemokratische Stiftung und das Radikaldemokratische Bildungswerk</a>. Das ist aber wie gesagt nur eine der Traditionen eines sozialen Liberalismus, wie ihn zu Beginn der 1920er Jahre die Deutsche Demokratische Partei vertrat, die aber – wie zurzeit die FDP – etwa ein Jahrzehnt später ein trauriges Schicksal fand. Aus einem Wahlergebnis von 18,5 Prozent im Jahr 1919 wurde ein Wahlergebnis von 1,0 Prozent im Jahr 1932. Die Umwandlung zur Deutschen Staatspartei bedeutete das Ende des deutschen Sozialliberalismus. Die libertären Anwandlungen der heutigen FDP entsprechen im Ergebnis der nationalliberalen Anwandlung der Deutschen Staatspartei.</p>
<p>Liberale beziehungsweise sozialliberale Traditionen verbanden sich schon 1848 und schließlich in den Anfängen der Weimarer Republik mit den Traditionen jüdischer Rechtskulturen. Der Frankfurter Rechtsanwalt Abraham de Wolf formulierte das Vermächtnis von Gabriel Riesser in seinem Beitrag zu dem von ihm gemeinsam mit Elisa Klapheck und Barbara Traub herausgegebenen Band „Dina de-Malchuta Dina – oder Gott braucht den säkularen Rechtsstaat“ (Leipzig, Hentrich &amp; Hentrich, 2020, vorgestellt in: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-freiheit-der-menschen/">„Die Freiheit der Menschen – Rabbinerin Elisa Klapheck über jüdische Rechtskulturen“</a>, Demokratischer <span style="color: #678f20;">Salon,</span> Januar 2026). Gabriel Riesser setzte sich 1848 erfolgreich für die Religionsfreiheit und die Gleichstellung der deutschen Juden ein. Die Pionierleistungen deutscher Juden für die liberale Demokratie hat auch der in Montréal (Canada) lehrende Historiker Till van Rahden erforscht, unter anderem in seiner Monographie <a href="https://www.hamburger-edition.de/buecher-e-books/artikel-detail/vielheit/">„Vielheit – Jüdische Geschichte und die Ambivalenzen des Universalismus“</a> (Hamburg, Hamburger Edition, 2022), zuvor in seiner Dissertation n ihrer Dissertation „Juden und andere Breslauer“ (Göttingen, Vandenhoek &amp; Ruprecht, 2000). Diese jüdischen Inspirationen für die liberale Demokratie hat er im Oktober 2024 im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> ausführlich beschrieben: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-pluralistische-demokratie-und-ihre-freunde/">„Die pluralistische Demokratie und ihre Freunde“</a>.</p>
<p>In der Tat lässt sich der Freiheitsbegriff in jüdischen Traditionen im Detail auch sprachlich belegen. Rabbiner Noam Hertig nannte die sprachlichen Wurzeln in seinem Essay zum Pessach-Fest des Jahres 5786 (2026) <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/religion/das-fuenfte-glas/">„Das fünfte Glas“</a> (in: Jüdische Allgemeine 1. April 2026): <em>„Freiheit ist kein Selbstzweck. Sie ist Voraussetzung für unsere Bestimmung und Verantwortung. Das hebräische Wort für Verantwortung, Achrajut, offenbart dies bereits in seinem Kern: Es bringt die Buchstaben der Freiheit (Cherut) in sich und entfaltet eine Bewegung, die beim Bruder (Ach) beginnt, den anderen (Acher) einschließt und im mutigen Vorangehen – dem Acharai (Mir nach!) – gipfelt. Hier liegt der wahre Kern der Cherut: Es ist die schöpferische Freiheit zu etwas, weit erhaben über die bloße Chofesch, die Freiheit von etwas.“</em></p>
<p>Diese Anmerkungen zur jüdischen Tradition von Liberalismus und Demokratie ließen sich auch im Hinblick auf andere Religionen erweitern. Volker Wissing hat dies für das evangelische Christentum konkretisiert. Religion kann und sollte Liberalismus und Demokratie stützen. Zurzeit diskutieren wir aber vorwiegend über die sich radikalisierenden Positionierungen in verschiedenen Religionen, deren Anfänge Gilles Kepel schon 1991 in seinem Buch „La revanche de dieu – Chrétiens, juifs et musulmans à la reconquête du monde“ (Paris, Seuil) analysierte. Die aktuellen Entwicklungen in den USA, in Israel, in muslimischen Ländern fordern Liberale und Demokraten heraus. Kepel zitiert unter anderem Gary North, der mit vielen anderen religiösen Menschen die Kandidatur Ronald Reagans zur Präsidentschaft in den USA unterstützte: <em>„1980 ne serait qu’un début, que les préceptes de la bible pouvaient devenir la loi du pays.“</em></p>
<p><img decoding="async" class="size-medium wp-image-1519 alignright" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/11/FDP.Freiburger_Thesen-208x300.jpg" alt="" width="208" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/11/FDP.Freiburger_Thesen-200x289.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/11/FDP.Freiburger_Thesen-208x300.jpg 208w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/11/FDP.Freiburger_Thesen-400x578.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/11/FDP.Freiburger_Thesen-600x866.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/11/FDP.Freiburger_Thesen-709x1024.jpg 709w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/11/FDP.Freiburger_Thesen-768x1109.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/11/FDP.Freiburger_Thesen.jpg 800w" sizes="(max-width: 208px) 100vw, 208px" />Es ließe sich jedoch auch ein säkularer Zugang zum Liberalismus finden, den die FDP selbst formuliert hat. Als sie dies tat, schrieb sie sich noch F.D.P. Sie beschloss im Oktober 1971 die <a href="https://www.freiheit.org/sites/default/files/2019-10/1971freiburgerthesen_0.pdf">Freiburger Thesen</a>, ein Dokument für einen sozialen Liberalismus, der gleichermaßen die Voraussetzungen der Freiheit beschrieb wie ihre Praxis. In der Einleitung findet sich eine Passage, die an den <em>„Pursuit of Happiness“</em> anknüpft, der in der US-amerikanischen Verfassung von 1776 verankert ist: <em>„Freiheit und Glück des Menschen sind für einen S o z i a l e n L i b e r a l i s m u s</em> (im Original gesperrt) <em>danach nicht einfach nur eine Sache gesetzlich gesicherter Freiheitsrechte und Menschenrechte, sondern gesellschaftlich erfüllter Freiheiten und Rechte. Nicht nur auf Freiheiten und Rechte als bloß formale Garantien des Bürgers gegenüber dem Staat, sondern als soziale Chancen in der alltäglichen Wirklichkeit der Welt kommt es ihm an.“</em></p>
<p>Eine zentrale Figur dieser Ausprägung des Liberalismus war Walter Scheel, dem bisher niemand eine umfassende Biographie gewidmet hat, der jedoch – so möchte ich es nennen – im sozialliberalen Jahrzehnt der Bundesrepublik Deutschland in den 1970er Jahren ein <em>„Zeitenwandler“</em> war. Immerhin gibt es den von Knut Bergmann herausgegebenen Band „Unerhörte Reden“ (Berlin, be.bra Verlag, 2021, siehe die Besprechung des Buches unter der Überschrift <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-zeitenwandler/">„Der Zeitenwandler“</a>, Demokratischer <span style="color: #678f20;">Salon,</span> November 2021). Er enthält 16 Reden von Walter Scheel, die er als Parteivorsitzender, als Außenminister oder als Bundespräsident gehalten hatte. Schon zehn Jahre vor der berühmten Rede Richard von Weizsäckers zum Tag der Befreiung von der Nazi-Diktatur formulierte Walter Scheel in der Bonner Universitätskirche zum selben Anlass den Gedanken, dass die Alliierten 1945 Deutschland befreit hätten. Er verwies allerdings auch darauf, dass Deutschland nicht fähig gewesen sei, sich aus eigener Kraft von der Nazi-Gewaltherrschaft hatte befreien können.</p>
<p>Damit schließt sich der Kreis liberaler Traditionen in Deutschland. Kern ist und bleibt die im Grundgesetz verbriefte Unantastbarkeit der Würde des Menschen, gleichviel ob religiös oder säkular begründet. Aufgabe des Staates ist es, die Voraussetzungen und <em>„Regeln“</em> zu schaffen, dass die <em>„Würde des Menschen“</em> garantiert und dass alle ihre <em>„Freiheit“</em> nutzen können, in <em>„Verantwortung“</em> und mit <em>„Empathie“ </em>gegenüber unseren Mitmenschen, in Deutschland, in Europa und global. Einen solchen Liberalismus brauchen wir – auch in Zukunft. In diesem Sinne wünsche ich dem Buch von Volker Wissing viele Leserinnen und Leser und uns allen eine darauf aufbauende politische Debatte über die Zukunft des Liberalismus.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im April 2026, Internetzugriffe zuletzt am 6. April 2026, Titelbild: pixabay.)</p>
<p>P.S.: Persönliche Anmerkung: Der Autor dieser Buchbesprechung war als Student in den 1970er Jahren, dem Sozialliberalen Jahrzehnt, Stipendiat der Friedrich-Naumann-Stiftung (heute Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit) und Mitglied der FDP. Die Wahlergebnisse der FDP führten zum Jahresende 2025 dazu, dass die Stiftung die Theodor-Heuss-Akademie in Gummersbach schließen musste. Die Akademie war ein Begegnungsort (nicht nur) der Stipendiatinnen und Stipendiaten mit vielen verschiedenen Menschen aus vielen verschiedenen Ländern mit sehr unterschiedlichen Auffassungen, ein wahrer Ort der Debatte, der Demokratie und des Liberalismus. Manche Veranstaltungen der Akademie und der Stiftung inspirierten den ein oder anderen Beitrag im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon.</span> Die Schließung der Akademie macht traurig.</p>
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		<title>Game&#8217;s not over</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/games-not-over/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 10 Mar 2026 06:41:57 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Game’s not over Drei Handbücher zum Gaming in Bildung, Kultur und Wissenschaft „Wenn der Mensch als spielendes Wesen über den Zugang zu Spielen sich die Herausforderungen dieser Welt mit den künstlichen Herausforderungen im Spiel erschließen und vielleicht auch beantworten kann, stellt sich die Frage, warum sich bis heute nicht eine Universalwissenschaft wie die Spielwissenschaft  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-4 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-3 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-4" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Game’s not over</strong></h1>
<h2><strong>Drei Handbücher zum Gaming in Bildung, Kultur und Wissenschaft</strong></h2>
<p><em>„Wenn der Mensch als spielendes Wesen über den Zugang zu Spielen sich die Herausforderungen dieser Welt mit den künstlichen Herausforderungen im Spiel erschließen und vielleicht auch beantworten kann, stellt sich die Frage, warum sich bis heute nicht eine Universalwissenschaft wie die Spielwissenschaft als eigenständige Disziplin gegründet hat, die ein so wesentliches Kulturgut wie das Spiel erforscht, beschreibt, erklärt und damit einen Überblick über zahlreiche Handlungsoptionen eröffnet.“ </em>(Jens Junge, Spielen, in: Olaf Zimmermann, Felix Falk, Hg., Handbuch Gameskultur 2.0, Berlin, Deutscher Kulturrat, 2025)</p>
<p>Es gibt noch keine eigenen Lehrstühle und Forschungsprogramme, aber immerhin gibt es Pläne. Jens Junge berichtet, dass im Juni 2025 <em>„Professorinnen und Professoren unterschiedlicher Einzelwissenschaften“</em> die <a href="https://www.spielwissenschaft.de/">Deutsche Gesellschaft für Spielwissenschaft</a> gegründet haben. Eine solche Gründung war längst überfällig und es ist zu hoffen, dass Politiker:innen, Journalist:innen und Pädagog:innen die Gesellschaft als kompetenten Gesprächspartner und Impulsgeber erkennen.</p>
<p>Die Debatten in Politik und Medien rund um digitale Spiele, um das Gaming, konzentrieren sich in der Regel zunächst auf die Gefahren, die den Nutzer:innen drohen: die Gefahr, eine Sucht zu entwickeln, sowie die Gefahr zunehmender Gewaltbereitschaft. Dieser Aspekt ist in der Tat nicht von der Hand zu weisen. Extremist:innen nutzen systematisch Soziale Medien und digitale Spiele, um Anhänger:innen zu rekrutieren und sie Schritt für Schritt in ihren Einflussbereich zu ziehen. Das mag zu Beginn alles recht harmlos aussehen, die Nutzer:innen fühlen sich akzeptiert, verstanden, ernstgenommen, aber mit der Zeit entsteht eine Bindung, der sie nicht mehr so leicht entkommen. Valide Zahlen, wie viele dies betrifft, gibt es nicht, doch scheint allein die Möglichkeit zu reichen, um digitale Spiele und Soziale Medien vor allem als Gefahr zu sehen. Sogenannte Influencer:innen üben Macht aus, gleichviel, ob sie für Kosmetika und Life-Style-Produkte werben und damit eine Menge Geld verdienen oder für ob sie neue Anhänger:innen für ihr extremistisches Gedankengut gewinnen.</p>
<h3><strong>Reale und virtuelle Welten</strong></h3>
<p>Die Erfolgsstrategie auf dem Weg zu Einflussnahme und Abhängigkeit funktioniert über Belohnungssysteme. Bei den Sozialen Medien sorgt der von den Betreibern der Plattformen programmierte Algorithmus dafür, dass Nutzer:innen ständig in ihren Vorlieben, in ihrer Auswahl bestätigt werden. Ähnlich ist es beim Gaming: Erfolgs- und Glücksgefühle werden ausgelöst, wenn man das nächste Level erreicht, Punkte und Gegenstände findet, die den Erfolg optimieren lassen. Selbst ein Scheitern bedeutet noch kein Ende des Spiels, denn man kann jederzeit wieder neu einsteigen und sich ständig verbessern. Die Struktur digitaler Spiele kann durchaus einem Glücksspiel ähneln. <a href="https://www.dasrehaportal.de/erkrankungen/gluecksspielsucht">Glücksspielsucht wurde inzwischen sogar als Krankheit anerkannt</a>.</p>
<p>Es ist gut, wenn Politiker:innen die Gefahren des Gamings und der Sozialen Medien ernstnehmen. Es besteht jedoch auch die Gefahr, dass sie mit den von ihnen beschlossenen Maßnahmen gegen Sucht und Gewalt Handlungsfähigkeit nur simulieren. Die aktuelle Debatte um Altersbegrenzungen bei der Nutzung Sozialer Medien ist ein klassisches Beispiel für den Verlauf der Debatte: Es wäre doch so einfach, Kinder und Jugendliche zu schützen, indem man ihnen einfach die Nutzung sozialer Medien oder gleich der dafür erforderlichen Geräte verböte! Dann kämen sie nicht mehr auf dumme Gedanken, Sucht und Gewalt hätten ein Ende! Eine solche pauschale Verteufelung, solch pauschale Verbote sind jedoch der falsche Weg.</p>
<p>Die aktuelle Verbotsdebatte über Handys in der Schule sowie über Altersgrenzen bei der Nutzung Sozialer Medien ist kein spezifisch deutsches Problem, sondern ein internationales: Am 2. März 2026 haben 419 Wissenschaftler:innen aus 30 Ländern (Stand 9. März 2026: 438 aus 32 Ländern) sich <a href="https://csa-scientist-open-letter.org/ageverif-Feb2026">in einem offenen Brief gegen jede Verbotspolitik und pauschale Altersbegrenzungen</a> ausgesprochen. Der offene Brief wurde unter anderem <a href="https://netzpolitik.org/2026/forschende-schlagen-alarm-staaten-sollen-social-media-verbote-stoppen/">über die deutsche Plattform Netzpolitik verbreitet</a>. Altersbegrenzungen seien leicht zu umgehen, aber was geschieht, wenn Politiker:innen merkten, dass sie nicht kontrollieren könnten, was sie kontrollieren sollten? <em>„More generally, the centralization of decision-making, as imposed by age assurance-related regulations, is contrary to the end-to-end principle, core to the Internet design. This principle states that application decisions, in particular those security-oriented, should reside on the endpoints. Age assurance, by design, imposes access control rules on those endpoints, threatening the decentralization of the Internet and jeopardizing the creation of sovereign technology.”</em></p>
<p>Die Alternative für die Begrenzung der Gefahren Sozialer Medien wäre eine grundlegende Regulierung der Plattformen, doch den einen ist dies wegen möglicher Zensurvorwürfe (zum Beispiel JD Vance 2025 auf der Münchner Sicherheitskonferenz) oder die Wirtschaft schädigender Gegenmaßnahmen (zum Beispiel Trumps Zölle) zu heikel, anderen erscheint dies ohnehin als aussichtloses Unterfangen. Da verlässt man sich doch lieber auf Verbote. Aber mit der Zeit schwindet die Wirkung der ersten Verbote und neue Verbote müssen beschlossen werden. Es gibt Staaten, die ganze Plattformen, unzählige Seiten oder gleich das gesamte Internet innerhalb ihrer Grenzen abschalten. Das tut eine Demokratie nun jedoch nicht. Oder?</p>
<p>Games sind zurzeit nur mittelbar Gegenstand der Debatte um Altersgrenzen bei der Nutzung Sozialer Medien. Es sind in der Regel dieselben Endgeräte, über die gespielt und kommuniziert wird. Games werden jedoch immer wieder einmal für einen (statistisch nicht nachweisbaren, aber gefühlten) Anstieg von Gewalt verantwortlich gemacht, jeweils aktuell, wenn ein Terrorist sein Verbrechen in der Art eines Egoshooters inszeniert und auch noch selbst filmt. Dies tat zum Beispiel der Attentäter vom 9. Oktober 2019 auf die Synagoge in Halle und der damalige Bundesinnenminister Horst Seehofer kündigte an, man wolle sich die Gaming-Szene genauer anschauen. Ganz pauschal wurde mit dieser Bemerkung die gesamte Szene der Gamer:innen, Creator, Producer und Nutzer:innen gleichermaßen, für einen terroristischen Anschlag in Kollektivhaftung genommen. Nur am Rande: Die Hamas verfuhr am 7. Oktober 2023 genauso wie der Attentäter von Halle. Ihre selbstgedrehten Videos waren auf der Ausstellung der Nova-Foundation im Herbst 2025 zu sehen (eine kurze Beschreibung finden Sie in meinem Essay <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/738-tage/">„738 Tage“</a>).</p>
<p>Die Gefahr, spielend Schritt für Schritt die reale Welt mit der virtuellen zu verwechseln, möglicherweise in eine Welt einzutauchen, in der Gewalt regiert und die dann – in einer Art höherem Level – zur eigentlichen realen Welt werden könnte, wird in hohem Maße durch die aufdringliche Ästhetik des Bildschirms verstärkt. The screen catches all. Games sind in gewisser Weise Filme oder Serien, bei denen die Spielenden die Rolle der Regie übernehmen, manchmal sogar glauben möchten, sie schrieben das Drehbuch. Die Nutzer:innen haben in einem Game eine aktive Rolle, die sie als Follower von Influencer:innen über die Sozialen Medien nicht haben.</p>
<p>Doch was war zuerst? Sorgt ein Spiel für einen Anstieg von Gewalt? Oder erfüllt es lediglich die Erwartungshaltung der Nutzer:innen? Diese Fragen stellten sich bereits Sozial- und Filmwissenschaftler:innen in einer Zeit, als die heutigen digitalen Endgeräte allenfalls ein Thema der Science Fiction waren. Wolf Lepenies schrieb in einer Analyse der Italo-Western von Sergio Corbucci: <em>„Über den Film vergißt der Zuschauer das Medium“</em> (in seinem Aufsatz „Der Italo-Western – Ästhetik und Gewalt, in: Karsten Witte, Hg., Theorie des Kinos, Frankfurt am Main, edition suhrkamp, 1972). Diese These schließt an Analysen von Siegfried Kracauer in „Von Caligari zu Hitler“ (1947) an. Publikumsgeschmack und Filmproduktion bedingen einander geradezu dialektisch gegenseitig: <em>„Gewiß, amerikanische Kinobesucher kriegen vorgesetzt, was Hollywood will, daß sie wollen; auf lange Sicht aber bestimmen die Bedürfnisse des Publikums die Natur der Hollywood-Filme.“</em> (zitiert nach der Übersetzung von Ruth Baumgarten und Karsten Witte, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 1979) Es sind letztlich die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Gewalt bedingen, wohl auch die Interessen derjenigen, die gewaltaffine Produkte verkaufen. Aus dem Wechselspiel von Angebot und Nachfrage kann eine Spirale der Gewalt entstehen. Die nachgefragten Filme oder Spiele werden mit der Zeit möglicherweise immer brutaler.</p>
<p>Letztlich werden alle, auch die aktuelle Debatte zur Künstlichen Intelligenz, vor allem von Ängsten bestimmt. Tina Klüwer hat in ihrem Buch „Zukunft Made in Germany (Hamburg, Rowohlt, 2025) diese Ängste als Innovationshemmnis identifiziert. Sie impliziert damit keine Verharmlosung Künstlicher Intelligenz, schon gar nicht menschenfeindlicher <em>„Games“</em> oder unregulierter Hass und Desinformation verbreitender <em>„Social Media“</em>, im Gegenteil: Nur wenn wir uns auf Produktions- und Rezeptionsbedingungen einer (neuen) Technologie einlassen und versuchen, diese zu analysieren und zu verstehen, haben wir eine Chance, technologische Innovationen im Sinne liberalen Demokratie zu gestalten. Sonst gestalten andere.</p>
<h3><strong>Medienkompetenz und ihre Grenzen</strong></h3>
<p>Als Gegenmittel wird neben Verboten in der Politik und in manchen Medien immer wieder Medienkompetenz gefordert. Das ist auch nicht falsch, aber Medienkompetenz ersetzt Regulierungsmaßnahmen nicht, könnte jedoch dazu beitragen, dass die Nutzer:innen, die <em>„User“,</em> die Produktions- und Rezeptionsbedingungen verstehen.</p>
<p>Es wäre sicherlich gut, wenn Pädagog:innen und Journalist:innen, letztlich auch Politiker:innen eine solche Medienkompetenz erwürben, sodass der Sache angemessene Regulierungsmaßnahmen möglich würden, in einer Schule ebenso wie in einem Staat oder gar einem Staatenbündnis wie der Europäischen Union. Es lohnt sich daher, die Frage der Chancen und Grenzen von Medienkompetenz am Beispiel digitaler Spiele zu vertiefen. Dazu sind im Jahr 2025 mehrere Analysen und Handbücher erschienen, von denen drei hier etwas ausführlicher vorgestellt werden sollen:</p>
<ul>
<li>Das „Handbuch Gameskultur 2.0“, herausgegeben von Olaf Zimmermann und Felix Fall (Berlin, Deutscher Kulturrat, zweite überarbeitete und erweiterte Auflage, 2026).</li>
</ul>
<ul>
<li>Das „Handbuch Gaming &amp; Rechtsextremismus“, herausgegeben von Aurelia Brandenburg, Linda Schlegel und Felix Zimmermann (Bonn, Bundeszentrale für politische Bildung, 2025).</li>
</ul>
<ul>
<li>Die Tagungsdokumentation „Science MashUp: Games und schulische Bildung – Leipziger Beiträge zur Computerspielkultur“, herausgegeben von Gabriele Hooffacker, Benjamin Bigl, Sebastian Stoppe und Florian Kiefer (Wiesbaden, Springer VS, 2025).</li>
</ul>
<p>Der an dritter Stelle genannte Band ist vor allem deshalb besonders zu empfehlen, weil er die Dilemmata einer Schul- und Gesellschaftspolitik thematisiert, die die Verbannung moderner Medien, von Smartphones, sozialen Netzwerken und digitalen Spielen aus der Schule betreibt, obwohl sie inzwischen einfach ein ständiger Teil der Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen und somit letztlich auch ein wesentlicher Faktor informeller Bildungsprozesse geworden sind. Bildung ist eben nicht nur das, was formelle Bildungseinrichtungen wie die Schule als Bildung anbieten. (Ergänzend zu empfehlen ist im Hinblick auf Einstellungen von Journalist:innen die Lektüre des von Benjamin Bigl und Sebastian Stoppe herausgegebenen Sammelbandes „Game-Journalismus“ (Wiesbaden, Springer VS, 2023). Im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> wurde dieses Buch bereits im Januar 2024 ausführlich vorgestellt (<a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-macht-der-spiele/">„Die Macht der Spiele“</a>), auch mit Hinweisen auf einige blinde Flecken in der Forschung.)</p>
<p>Alle drei Handbücher formulieren Bedarfe und Möglichkeiten in Kultur, Bildung, Wissenschaft und Forschung, die noch zu entdecken sind. Bevor ich die drei Handbücher jedoch im Einzelnen vorstelle, erlaube ich mir eine Art Triggerwarnung. Marina Weisband hat in einem Gespräch im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> über <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-macht-der-aufmerksamkeit/">„Die Macht der Aufmerksamkeit“</a> (Januar 2026) die Grenzen von Medienkompetenz benannt. Medienkompetenz allein reicht nicht aus: „<em>Diese Verbotsdebatten haben mit dem eigentlichen Problem nichts zu tun. Wir haben gesehen, dass die Nutzung von Social Media tatsächlich die psychische Gesundheit und Konzentrationsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen beeinträchtigt. Mit der politischen Debatte hat das aber nichts zu tun. Für diese müssen wir regulieren, was auf Social Media erlaubt ist, wie mit KI-generierten Inhalten umzugehen ist, wie schnell Falschinformationen und Hassbotschaften gelöscht werden müssen. / Solange wir aber Jugendliche aus Innenstädten vertreiben, weil sie nicht genug Geld haben, um sich dort in ein Café zu setzen, und dort einfach nur rumhängen, was aber auch nicht gern gesehen wird. Solange Bänke abgebaut, Jugendzentren geschlossen werden, große Wohnungen für Familien nicht erschwinglich sind, sodass Jugendliche sich auch zu Hause nicht mit Freund:innen treffen können, können wir ihnen nicht den einzigen Raum wegnehmen, in dem sie überhaupt soziale Kontakte haben können.“ </em></p>
<p>Mit dieser Warnung steht Marina Weisband nicht allein. Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats stellte im <a href="https://politikkultur.de/inland/verbote">Editorial der Zeitschrift Politik &amp; Kultur vom März 2026</a> eine meines Erachtens entscheidende Frage: <em>„Können wir wirklich einfach die wichtigsten Kontaktbörsen für Kinder und Jugendliche abstellen oder stark einschränken, ohne neue Schäden in Kauf zu nehmen? Wir Alten können ohne sie leben, können die Jungen das auch?“</em> Ob <em>„wir Alten“</em> wirklich gute Vorbilder sind, will ich hier nicht näher diskutieren. So oder so sollte vermieden werden, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben.</p>
<p>So ist es auch mit digitalen Spielen. Wenn diejenigen, die Kindern und Jugendlichen die Nutzung der sozialen Medien, ihres Smartphones oder digitaler Spiele verbieten wollen und ihnen mit treuem Augenaufschlag empfehlen, sie könnten jetzt doch wieder in Ruhe spielen, vergessen sie die Frage, die wir uns aber leider stellen müssen: Wo denn und mit wem?</p>
<p>Eigentlich sollten Erwachsene das Problem kennen. Robert D. Putnam hatte bereits im Jahr 2000 <a href="http://bowlingalone.com/">„Bowling Alone“</a> (New York, Simon &amp; Schuster) veröffentlicht. Auch in Deutschland boomt inzwischen die Einsamkeitsforschung. Das Bundesfamilienministerium und die Wohlfahrtsverbände haben das <a href="https://kompetenznetz-einsamkeit.de/">Kompetenznetz Einsamkeit</a> gegründet. Zwei Expertisen befassen sich explizit mit der <a href="https://kompetenznetz-einsamkeit.de/publikationen/kne-expertisen">Einsamkeit von Kindern und Jugendlichen</a>, allerdings bisher leider nur im Hinblick auf Verhalten, Leistungen und Unterstützung in der Schule.</p>
<h3><strong>Kulturgut Gaming und die Politik</strong></h3>
<div id="attachment_7896" style="width: 235px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.kulturrat.de/publikationen/handbuch-gameskultur-2-0-2/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7896" class="wp-image-7896 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Deutscher-Kulturrat-Handbuch-Gameskultur-2.0-225x300.png" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Deutscher-Kulturrat-Handbuch-Gameskultur-2.0-200x267.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Deutscher-Kulturrat-Handbuch-Gameskultur-2.0-225x300.png 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Deutscher-Kulturrat-Handbuch-Gameskultur-2.0-400x533.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Deutscher-Kulturrat-Handbuch-Gameskultur-2.0-600x800.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Deutscher-Kulturrat-Handbuch-Gameskultur-2.0-768x1024.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Deutscher-Kulturrat-Handbuch-Gameskultur-2.0-800x1067.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Deutscher-Kulturrat-Handbuch-Gameskultur-2.0.png 1068w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /></a><p id="caption-attachment-7896" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Deutschen Kulturrats über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Das Handbuch Gameskultur 2.0 des Deutschen Kulturrats erscheint in einer erweiterten zweiten Auflage. 54 Autor:innen bieten in 46 Beiträgen einen Überblick über die Grundlagen (acht Texte), Kunst und Kultur (neun Texte), Vermittlung (acht Texte), Gemeinschaft (sieben Texte), Debatten (neun Texte) und Wirtschaft (fünf Texte). Darüber hinaus gibt es ein umfangreiches Glossar sowie einen Game-Index A bis Z, durchgehend Kurzbeschreibungen zahlreicher Spiele, mit sehr präzisen Informationen über Genese und Jahreszahlen sowie über Demo- und Cosplay-Szenen.</p>
<p>Die Vielfalt der Beiträge lässt sich in einer Buchbesprechung nur anreißen, ein Grund mehr, den Leser:innen vorzuschlagen, <a href="https://www.kulturrat.de/publikationen/handbuch-gameskultur-2-0-2/">sich das Buch für die eigene Handbibliothek anzuschaffen</a>. Schon im Vorwort formulieren die Herausgeber optimistisch: <em>„Viele verloren durch die kulturwissenschaftliche Einbettung von Games als Kulturelle Ausdrucksform ihre Vorurteile“</em>. Im ersten Beitrag beschreibt Jens Junge die Geschichte des Spielens als „<em>Kulturgut“</em>, sozusagen als anthropologische Konstante in der Erschließung von Welt und Umwelt, nicht zuletzt in Bezug auf den Klassiker „Homo Ludens“ von Johan Huizinga (1938). Der PC sorgte für eine Popularisierung und Demokratisierung des Zugangs.</p>
<p>Games sind inzwischen nicht nur eine feste Größe im deutschen Kulturbetrieb, sondern auch ein Wirtschaftsfaktor. <a href="https://www.game.de/">„game“</a>, der Verband der deutschen Games-Branche ist seit 2008 Mitglied des Deutschen Kulturrates. Er zählt über 500 Unternehmen als Mitglieder. 2024 hat die Games-Banche in Deutschland 9,4 Milliarden EUR erwirtschaftet. In ihrem Beitrag über „Ausbildung &amp; Arbeitsmarkt“ nennen Michael Hebel und Clara Janning weitere Zahlen, unter anderem dass in Deutschland die Games-Branche im Jahr 2024 12.134 Publisher und Entwickler beschäftigt habe, allerdings im Verhältnis zur Einwohnerzahl deutlich weniger als in Kanada, wo 34.010 Personen in diesen Berufen arbeiteten. Angrenzende Berufe wie Journalist:innen, Wissenschaftler:innen oder Referent:innen in Bildung und Politik wurden in dieser Statistik nicht eingerechnet. Auf jeden Fall gilt: Deutschland hat – vorsichtig formuliert – <em>„noch viel Entwicklungspotenzial“</em>.</p>
<p>Zahlen sagen nichts über die Inhalte der in der Branche produzierten und vertriebenen Spiele aus. Felix Zimmermann schreibt in seinem Beitrag zur <em>„Demokratie“</em>: <em>„Während demokratiefeindliche Akteure schon seit mindestens 10 Jahren und immer intensiver politische Kommunikation zur Aushöhlung demokratischer Werte in und um Games betreiben, haben es die verschiedenen Akteure, denen am Fortbestand einer liberalen demokratischen Ordnung gelegen ist, vielfach versäumt, eine demokratische Kultur in und mit Games aufzubauen.“ </em>Da ist er wieder, der Generalverdacht gegen digitale Spiele! Felix Zimmermann sieht daher eine staatliche Aufgabe darin, Spiele zu unterstützen, die die Demokratie fördern, beispielsweise über die Kulturförderung.</p>
<p>Die Kulturpolitik hat jedoch <em>„Games“</em> lange ignoriert (ein ähnliches Schicksal haben eSports in der Sportpolitik). Olaf Zimmermann erinnert in seinem Beitrag zur <em>„Kulturpolitik“</em> daran, dass 2007 der damalige nordrhein-westfälische Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Große Brockhoff (CDU) Zimmermanns Rücktritt als Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates gefordert habe, weil er in einer Presseerklärung Kunstfreiheit auch für Computerspiele eingefordert habe. Inzwischen hat sich dies geändert. Nathanael Liminski (CDU), Chef der nordrhein-westfälischen Staatskanzlei und als Staatssekretär unter anderem für Medien zuständig, habe die Perspektive formuliert, <em>„dass Videospiele noch viel stärker zur Aufklärung über demokratiefeindliche Narrative beitragen können.“</em></p>
<p>Auch über Jugendschutz müsse differenzierter diskutiert werden, es helfe – so Martin Lorber in seinem Beitrag zu diesem Aspekt – nicht weiter, mit pauschalen Begriffen wie <em>„Killerspiele“</em> zu arbeiten. Man spreche ja auch nicht von <em>„Killerfilmen“ </em>oder<em> „Killerbüchern“</em>. Die scheinbare Parallele zwischen Terrorangriffen und Spielen, wie sie die Attentäter von Christchurch oder Halle (und die Hamas) suggerierten, sei kein Argument gegen bestimmte Spiele, sondern eine Aufforderung an Psychologie und Sozialwissenschaften, die Hintergründe der <em>„Gamification“</em> – dazu Felix Raczkowski – genauer zu analysieren. Dazu gehören auch rezeptionsästhetische Studien. Jörg von Brincken vergleicht in seinem Beitrag <em>„Gewalt“</em> die Position des Spielenden mit dem Zuschauer im Theater: <em>„Der römische Dichter Lukrez hat dafür in seinem Weltgedicht ‚De rerum natura‘ (ca. 1. Jhd. V. Chr.) eine sehr pointierte Metapher geschaffen: Vom sicheren Land aus beobachtet der körperlich unbeteiligte und in diesem Sinne sichere Betrachter den Untergang eines Schiffes in stürmischer See.“</em> In Spielen verändert sich diese Lage, insbesondere eben in digitalen Spielen aufgrund der realistischen Ästhetik und Interaktivität, die die Computerspielenden ergreift, <em>„weil es im Moment des Spielens eine ganz eigene Wucht entfaltet, die Spieler gerade nicht unberührt zurücklässt.“</em></p>
<p>Die Offenheit der Politik, die Nathanel Liminsky formulierte, könnte zum Anlass genommen werden, in Zukunft sogenannte <em>„Serious Games“ </em>mehr als bisher staatlich zu fördern. Celina Cremer und Sabiha Ghellal nennen unter anderem das <a href="https://mwk.baden-wuerttemberg.de/de/kunst-kultur/digitale-wege-ins-museum/">Förderprogramm „Digitale Wege ins Museum II“</a> des baden-württembergischen Wissenschaftsministeriums, in dem beispielsweise das Spiel <a href="https://www.naturkundemuseum-bw.de/footer-menu/presse/detailansicht/neue-spielapp-natureworld-das-game-im-naturkundemuseum-stuttgart-fuer-kinder-ab-10-jahren">„NatureWorld“</a> für Kinder ab 10 Jahren entstand. <em>„Serious Games“</em> tragen inzwischen auch zu einer zeitgemäßen Vermittlung von Erinnerungskultur bei. In <a href="https://paintbucket.de/de/game/the-darkest-files">„The Darkest Files“</a> muss Staatsanwältin Esther Katz, Mitglied im Team von Fritz Bauer, NS-Verbrechen aufklären. Endgegner ist die deutsche Bevölkerung, die vergessen will. Mit dem Thema der Förderung der Erinnerungskultur durch digitale Spiele befassen sich ausführlich Eugen Pfister, Felix Zimmermann und Christian Huberts.</p>
<h3><strong>Rechtsextremismus und Popkultur</strong></h3>
<div id="attachment_7897" style="width: 211px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/563171/handbuch-gaming-rechtsextremismus/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7897" class="wp-image-7897 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Bundeszentrale-fuer-politische-Bildung-Handbuch-Gaming-201x300.jpg" alt="" width="201" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Bundeszentrale-fuer-politische-Bildung-Handbuch-Gaming-200x298.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Bundeszentrale-fuer-politische-Bildung-Handbuch-Gaming-201x300.jpg 201w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Bundeszentrale-fuer-politische-Bildung-Handbuch-Gaming-400x596.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Bundeszentrale-fuer-politische-Bildung-Handbuch-Gaming.jpg 466w" sizes="(max-width: 201px) 100vw, 201px" /></a><p id="caption-attachment-7897" class="wp-caption-text">Weitere Informationen der Bundeszentrale für politische Bildung über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Wer einen Gegner besiegen will, muss ihn kennen. Das von der Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlichte <a href="https://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/563171/handbuch-gaming-rechtsextremismus/">„Handbuch Gaming &amp; Rechtsextremismus“</a> enthält 33 Texte von 40 Autor:innen in fünf Teilen: „Voraussetzung“ (sieben Texte), „Einstellungen“ (sechs Texte), „Prozesse“ (neun Texte), „Auswege“ (sechs Texte) und Projektvorstellungen“ (elf Texte). Insbesondere im fünften Teil werden einzelne zivilgesellschaftliche Netzwerke und Initiativen ausführlich vorgestellt. Die in den Beiträgen genannten Beispiele umfassen nicht nur digitale Spiele, sondern auch Filme und Serien. Das Buch enthält ein ausführliches Glossar. In allen Beiträgen gibt es immer wieder Verweise auf andere Beiträge des Buches, sodass man sich von jedem einzelnen Beitrag durch das gesamte Buch Schritt für Schritt vorarbeiten kann.</p>
<p>Im Einstieg stellen die drei Herausgeber:innen die provokative Frage: <em>„Eine neue Killerspieldebatte?“</em> Dies betrifft zugleich die Attraktivität von digitalen Spielen für Terroristen, die nach dem Prinzip des Egoshooters handelten und sich bei ihren Verbrechen filmten, aber auch die oben bereits erwähnte hilflose Reaktion des damaligen Bundesinnenministers Horst Seehofer nach Halle. Eine ähnliche Debatte hatte es im Übrigen schon in den 1990er Jahren gegeben, unter anderem anlässlich des School-Shootings an der Colombine High-School im Jahr 1999 (Verschärfungen der Waffengesetze sind nicht nur in den USA, auch in Deutschland schwer durchsetzbar, beim Verbot der Nutzung sozialer Medien und Handys ist der Widerstand bei weitem nicht so hoch). Die drei Autor:innen mahnen zu Ergebnisoffenheit ungeachtet der in der Forschung anerkannten These, <em>„dass Games soziale Einstellungen und Meinungen beeinflussen können.“</em> Das gelte jedoch in beide Richtungen. Ziel des Buches sei es, nicht in Kausalitäten zu denken, sondern Phänomen und Hintergründe aufzudecken. So gebe es keine einheitliche Games-Kultur, sondern nur Games-Kulturen, ähnlich wie es nur Feminismen gebe und nicht nur den einen Feminismus.</p>
<p>Ein wichtiger Bezugspunkt ist die bei transcript erschienene Analyse von Simon Strick <a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-5495-0/rechte-gefuehle/">„Rechte Gefühle“</a> (2021), die im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> in dem Beitrag <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wohlige-waerme/">„Wohlige Wärme“</a> (Oktober 2021) vorgestellt wurde. In diesem Kontext plädieren die Herausgeber:innen für einen <em>„weiten“</em> Games-Kultur-Begriff, ebenso wie für einen <em>„weiten“</em> Rechtsextremismus-Begriff. Joanna Nowotny, exzellente Kennerin der Comic-Szene, deren Entwicklungen pro- wie anti-DEI (Diversity, Equity, Inclusion) sie im von ihr gemeinsam mit Lukas Etter und Thomas Nehrlich herausgegebenen <a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-3869-1/reader-superhelden/">„Reader Superhelden“</a> (Bielefeld, transcript, 2018) sowie in zwei Gesprächen im Demokratischen Salon vorstellte (<a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/super-helden/">„Super! Helden!“</a> und <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/fragil-ist-das-neue-super/">„Fragil ist das neue Super!“</a>), befasst sich mit dem Thema <em>„Rechte Meme-Kultur“</em>. Sie konstatiert, dass schon sehr genaue Kenntnisse erforderlich seien, um sich gegen die Strategien der Producer der Memes zu wehren: <em>„Memetische Kriegsführung besteht in der gezielten Störung von Kommunikation durch das Fluten der digitalen Kanäle mit Inhalten, die für Außenstehende oft unverständlich sind. Da jedes neue Meme eine Umdeutung des vorhandenen Materials beinhalten kann, entstehen Widersprüche und das Ursprungsmaterial, auf das Memes sich beziehen, wird vielfach radikal umgedeutet. (…) Ob das Gedankengut ernsthaft vertreten oder ironisch zitiert wird, ist dabei weder für die Betrachtenden noch für die Produzierenden zwingend klar.“</em> Letztlich muss man sich bei der Konfrontation mit Games, die Memes verwenden, nicht nur in der Spielebranche, sondern auch in der Gedankenwelt der Neuen Rechten beziehungsweise der Alt-Right-Bewegung auskennen.</p>
<p>Ein wichtiger Gegenstand der Analyse sind daher <em>„digitale Subkulturen“</em>. Mick Prinz befasst sich in seinem Beitrag mit <em>„GamerGate“</em>, schon im Jahr 2014 <em>„ein antifeministischer Testballon“</em> mit Bezügen zur Alt-Right-Bewegung. Elon Musk lobte 2024 <em>„GamerGate“</em> als Alternative zur Woke-Bewegung. GamerGate-Erzählungen finden sich auch in der Jungen Alternative (beziehungsweise ihrer Nachfolgeorganisation Generation Deutschland, in der Namensgebung durchaus als Gegenpol zur Letzten Generation verstehbar). Aurelia Brandenburg beschreibt <em>„Geschichtspolitische Kämpfe“</em>: Digitale Spiele hätten <em>„lange als reines Männermedium“</em> gegolten, <em>„in dem Frauen primär als Objekt der Begierde heterosexueller Männer Platz hatten“</em>. Der Anti-Feminismus ist hier – wie es auch die <a href="https://www.boell.de/de/leipziger-autoritarismus-studie">Leipziger Autoritarismusstudie</a> schon mehrfach feststellte – eine Art <em>„Brückenideologie“</em>. <em>„Von Rechts wird hier in der Regel der Anspruch formuliert, eine historische Wahrheit zu kennen und zu spiegeln“</em>. Dies spiegele sich auch in der Vernetzung der mit der rechten Szene verbundenen Studios, Creators und Producers.</p>
<p>In mehreren Beiträgen werden verschiedene Aspekte gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit jeweils mit konkreten Beispielen beschrieben: Ableismus, Antisemitismus, Muslimfeindlichkeit (<em>„Digitaler Orientalismus“</em>)<em>,</em> Militarismus, Rassismus. Edmond Y. Chang schreibt in seinem Beitrag <em>„Rassismus &amp; weiße Fankulturen“</em>: <em>„Sowohl Fans als auch Faschist/-innen ist es ein Anliegen, eine Geschichte, einen (medialen) Text oder eine Person zu romantisieren und zu glorifizieren. Beide Gruppen schützen und bewachen energisch und lautstark vor vermeintlichen Eingriffen oder Kritiken von außen und beide halten zu sehr an traditionellen Erzählungen Genres, Konventionen und Geschichten fest, um die Einheit und Ideale ihrer Gruppe zu schützen.“ </em></p>
<p>Antike-, Mittelalter-, Fantasy-Figuren, Star Wars und Herr der Ringe bieten genügend Anschlussmöglichkeiten zu den Lebenswelten und Träumen der Spielenden. So schwer ist es zum Beispiel nicht, Frodo als Helden zur Verteidigung einer kleinbürgerlich geerdeten White Supremacy zu verstehen. Man muss sich nur Alltagsgewohnheiten und Kleidung der Hobbits im Gegensatz zum Outfit und Make-Up der Truppen Saurons, der Orks und der Uruk-Hai in den Verfilmungen von Peter Jackson anschauen. Und wer sich schon auf diese Art und Weise mit neurechtem Gedankengut angefreundet hat, ohne dies zu merken, landet irgendwann vielleicht bei Weltkriegsspielen oder Spielen, in denen der Holocaust nachgespielt werden kann. Das ist kein Automatismus, darf aber bei einer Analyse der Bedingungen für die Verknüpfung realer und fiktiv-digitaler Welten nicht außer Acht gelassen werden. Claudia Wallner gibt einen Überblick über solche Radikalisierungsphänomene. Wer sich gegen Radikalisierungen engagiere, dürfe daher nicht das Gaming als <em>„Ursache für Radikalisierung“</em> betrachte, sondern müsse die Akteure kennen, die <em>„von der popkulturellen Anziehungskraft von Videospielen (…) profitieren“</em>.</p>
<p>Popkulturelle Vereinfachungen gibt es auch im Hinblick auf die Wahrnehmung politischer Prozesse. Wulf Loh thematisiert dies in <em>„Digitale Spiele und ihr Verhältnis zu Politik und Demokratie“</em>. Politik wird in Serien wie Game of Thrones, House of Cards, ebenso in vergleichbaren Spielen oder Spin-Offs solch populärer Serien, als höchstskandalöse und intrigrante Angelegenheit dargestellt, sodass sie<em> „über ihre jeweilige Darstellung politischer Zusammenhänge und Prozesse das medial vermittelte öffentliche Lernen von Politikvorstellungen in zunehmendem Maße mitprägen“</em>. Möglicherweise gerät man hier an Grenzen der rechtlichen Grundlagen des <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/juschg/BJNR273000002.html">Jugendschutzes</a> und des <a href="https://www.dsc.bund.de/DSC/DE/2DSA/start.html">Digital Services Act</a> (DSA) Elisabeth Secker und Lorenzo von Petersdorff fragen nach deren Reichweite: <em>„Hierzu gehört z.B. die Frage, wann ein Online-Spiel als ‚Online-Plattform“ im Sinne des DSA gilt.“ </em>Die Grenzen sind fließend, juristische Einschränkungen (Stichwort: Altersgrenzen, Verbote) werden das Problem nicht lösen.</p>
<p>Aber es gäbe andere Möglichkeiten, nicht zuletzt über eine (auch) staatliche Förderung von zivilgesellschaftlichen Initiativen aus der Gamerszene. Edmond Y Chang: <em>„Gamer könnten es besser machen. Games könnten es besser machen. Fandoms könnten es besser machen. Der erste Schritt ist die Anerkennung und das Eingeständnis des Problems, gefolgt von Fragen und der Suche nach Antworten und Strategien, um die oben beschriebenen Probleme anzugehen.“ </em>Wie das gelingen könnte, könnte man methodisch von GamerGate und Alt-Right lernen. Der vierte und der fünfte Teil des Handbuches zeigen, wie der Gaming-Bereich für die liberale Demokratie und gegen Menschenfeindlichkeit genutzt werden könnte. Die elf Projektvorstellungen im fünften Teil reichen vom <a href="https://extremismandgaming.org/">Extremism and Gaming Research Network</a> (EGRN) über <a href="https://keinenpixel.de/">Keinen Pixel dem Faschismus!</a> und <a href="https://www.stiftung-digitale-spielekultur.de/project/lets-remember/">Let’s Remember! Erinnerungskultur mit Games vor Ort</a> bis hin zum Forschungsnetzwerk <a href="https://www.radigame.de/">RadiGaMe</a> (= „Radikalisierung auf Gaming-Plattformen und Messenger-Diensten). Die von Felix Zimmermann in seinem das Handbuch einleitenden Beitrag gestellte Frage, warum Gaming ein Thema für die (Bundeszentrale für) politische Bildung sei, beantwortet sich fast schon von selbst. Im Grunde sind Kenntnisse der Produktions- und Rezeptionsbedingungen des Gaming in all ihren Facetten eine Querschnittsaufgabe jeder Bildung.</p>
<h3><strong>Gaming in der Schule</strong></h3>
<div id="attachment_7898" style="width: 222px" class="wp-caption alignright"><a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-48506-1"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7898" class="wp-image-7898 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover_Science_MashUp_Games_und_schulische_Bildung-212x300.jpg" alt="" width="212" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover_Science_MashUp_Games_und_schulische_Bildung-200x284.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover_Science_MashUp_Games_und_schulische_Bildung-212x300.jpg 212w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover_Science_MashUp_Games_und_schulische_Bildung-400x567.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover_Science_MashUp_Games_und_schulische_Bildung-600x851.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover_Science_MashUp_Games_und_schulische_Bildung-722x1024.jpg 722w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover_Science_MashUp_Games_und_schulische_Bildung-768x1089.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover_Science_MashUp_Games_und_schulische_Bildung-800x1135.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover_Science_MashUp_Games_und_schulische_Bildung.jpg 827w" sizes="(max-width: 212px) 100vw, 212px" /></a><p id="caption-attachment-7898" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Der Sammelband <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-48506-1">Science MashUp: Games und schulische Bildung – Leipziger Beiträge zur Computerspielkultur</a> wurde von den Herausgeber:innen nicht als Handbuch deklariert, doch kann er durchaus als solches verwendet werden. Der Band dokumentiert Vorträge und Debatten einer Tagung aus dem Jahr 2024 an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) Leipzig. Die Teilnehmer:innen der Tagung – so schreiben die Herausgeber:innen im Vorwort – plädierten für Offenheit statt Verbote und schließen sich damit den Forderungen der <a href="https://www.gmk-net.de/">Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur</a> (GMK) an.</p>
<p>15 Autor:innen befassen sich in zwölf Beiträgen mit dem Thema. In den ersten vier Beiträgen werden Standpunkte zur Nutzung von Games im Unterricht sowie zur Forderung nach einem eigenen Fach Medienkompetenz diskutiert, in den folgenden vier Beiträgen wird gute Praxis aus dem Philosophie-, Geschichts-, Physik- und Deutschunterricht vorgestellt, im dritten Teil befassen sich vier Beiträge mit digitaler Bildungskultur, unter anderem mit Lernrechnern, Gamedesign und der Grundsatzfrage des Einsatzes von Games im Unterricht. In der abschließenden zusammenfassenden Podiumsdiskussion werden auch Themen angesprochen, die in den Beiträgen nicht im Detail behandelt werden konnten, beispielsweise Jugendschutz, Elternperspektiven, ein Medienbildungsführerschein für Lehrkräfte, nicht zuletzt die Perspektive der Kinder und Jugendlichen und die Frage der für Bildung und Forschung erforderlichen Ressourcen.</p>
<p>Das Buch überzeugt, weil es eine Debatte über das Verhältnis von Schule und Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen aufgreift, die bei den meisten Debatten um eine zukunftsfähige Schule ignoriert wird. Vor allem die beiden ersten Beiträge von Benjamin Bigl und Sebastian Stoppe bieten bei allen Unterschieden ein in der Zielrichtung eindeutiges Plädoyer für die Verankerung moderner Medien in der Schule, einschließlich digitaler Spiele. Es geht um das Wie, nicht um das Ob. Diese beiden Texte lassen sich als Grundsatzartikel lesen, die von den Texten der weiteren Autor:innen unterfüttert und konkretisiert werden. Man kann das Buch jedoch auch lesen, indem man mit den konkreten Beispielen verschiedener <em>„Serious Games“</em> beginnt und sich dann in die Debatte der Texte von Benjamin Bigl und Sebastian Schoppe einschaltet. Auf jeden Fall überzeugen die konkreten Beispiele, nicht nur im Hinblick auf die Bedeutung von Medien und neuen Technologien, sondern auch im Hinblick auf ihre ethische Dimension, die Menschenwürde, Menschenrechte und demokratische Lösungen komplexer Probleme umfasst.</p>
<p>Benjamin Bigl plädiert für ein Schulfach zum Themenbereich Medien und Kommunikation, möglicherweise auch als <em>„Querschnittsfach“</em> oder <em>„verpflichtender Blocktermin“</em>. Er knüpft an das in Thüringen seit 2024/2025 eingeführte <a href="https://www.schulportal-thueringen.de/mint_unterricht/medienbildung_und_informatik">Fach „Medienbildung und Information“</a> an, das er von dem aus seiner Sicht halbherzigen Strategiepapier <a href="https://www.bildungsland2030.sachsen.de/">„Bildungsland Sachsen 2030“</a> abgrenzt. Auch in der heutigen Bildungspolitik fänden sich noch Abwehrhaltungen, wie sie in dem „Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor Schul- und Schutzschriften“ aus dem Jahr 1926 verankert waren. Die heutige Schulpolitik sei gespalten: <em>„Einerseits dominiert die Angst vor Medien, andererseits hält man es aber nicht für notwendig, Lehrkräfte für den souveränen Umgang mit Medien fit zu machen und sie zu befähigen, dieses Wissen in der Schule einzusetzen.“ </em>Für ein Schulfach sprächen soziale, gesellschaftliche und wirtschaftliche Aspekte, insbesondere die Zukunft Künstlicher Intelligenz, das Spannungsfeld von Datenschutz und Privatsphäre, der Wandel der Arbeitswelt, letztlich Chancengleichheit für alle Schüler:innen, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Wer sich dem verweigere, verfalle einer Art „<em>Realitätsverweigerung“.</em> Smartphones gehören zum Alltag von Kindern und Jugendlichen und dieser Alltag gehört daher auch als Gegenstand in die Schule. Digitale Souveränität ist nicht erreichbar, wenn sich Schule auf die herkömmlichen Kulturtechniken beschränkt und Handys und Games verbannt.</p>
<p>Sebastian Stoppe plädiert nachdrücklich gegen jedes Verbot. <em>„Denn eine Verbannung der digitalen Geräte aus der Schule zementiert eine Filterblase, die mit der Lebenswirklichkeit nicht übereinzubringen ist: Smartphones gehören mittlerweile nun einmal im Leben der Schüler:innen dazu. Sie in der Schule mittels Verbot aus dem Leben ‚auszublenden‘, hieße auch die Probleme zu ignorieren, welche die digitale Welt mit sich bringt.“</em> Schüler:innen lernten in der Regel alles, was sie eigentlich über Medien wissen sollten, <em>„informell“</em>, über Trial and Error im Selbstversuch, über Freund:innen, aus den Medien selbst. Eine Möglichkeit, die Beschäftigung mit Medien in das formelle Bildungsangebot der Schule zu integrieren, böte das in Sachsen-Anhalt vorhandene <a href="https://www.bildung-lsa.de/pool/RRL_Lehrplaene/wpkmmsek.pdf">Kursangebot im Wahlpflichtbereich</a>. Sicherlich bestehe die Gefahr, dass ein solches Fach zum Nischenfach wird, aber letztlich sei Medienbildung eine Aufgabe aller Fächer: <em>„Nur wenn sich digitale Medienkompetenz in allen Fächern etabliert und eine Selbstverständlichkeit wird, werden Lehrkräfte wie Schüler:innen diese neue Kultur der Digitalität auch sinnvoll und nachhaltig leben können.“ </em>Auf jeden Fall müssten formelles und informelles Lernen miteinander verbunden werden. Wer in der Schule die informell erworbenen und erwerbbaren Kenntnisse und Fertigkeiten der Schüler:innen außer Acht lässt, ignoriert im Grunde alles, was Schüler:innen im Alltag tun.</p>
<p>Stephan Köhler propagiert zugespitzt<em>: „Schule muss (mehr) Spiel wagen!“</em> Nicht nur rezeptiv, auch produktiv: Ziel müsse es sein, dass Schüler:innen <em>„durch die Einführung in ‚Gamedesign‘ auch in die Lage versetzt werden, solche Systeme (mit) zu gestalten.“</em> Das Spiel sei gleichermaßen Medium und Gegenstand von Bildungsprozessen. Am Beispiel von <a href="https://www.ubisoft.com/de-de/game/assassins-creed/unity">„Assassin’s Creed: Unity“</a>, einem Spiel unter anderem mit dem Setting der Französischen Revolution, beschreibt Johanna Daher, wie digitale Spiele, Games, im Unterricht eingesetzt werden könnten. Solche Spiele hätten den Vorteil, dass Schüler:innen <em>„aktiv in das Geschehen eingreifen“</em> und ihre Eingriffe reflektieren könnten. Das Setting mag auf den ersten Blick wegen seines Gewaltanteils erschrecken, doch gerade dies mag Anlass genug sein, sich in Bildungsprozesse mit dem auseinanderzusetzen, was Schüler:innen außerhalb der Schule ohnehin kennenlernen. Hierzu empfiehlt Johanna Daher zu diesem Spiel vorhandene <a href="https://bit.ly/KostenloseGamesABs">kostenlos verfügbare Arbeitsblätter</a>. Weitere Beispiele bieten die Autor:innen der Fachbeispiele im zweiten Teil. Darunter befinden sich auch Spiele zur Reflexion der philosophischen und ethischen Dilemmata (Roberto Zeugner, Games becoming philosophical) am Beispiel von <a href="https://blog.quanticdream.com/detroit-become-human-receives-amnesty-international-special-award/">„Detroit: Become Human“</a>, zur Migration am Beispiel der Auswanderung von Luxemburg in die USA (Alina Menten, <a href="https://colognegamelab.de/the-migrants-chronicles-research-project-brings-migration-history-to-life/">The Migrant’s Chronicles: 1892</a>), zur spielerischen Entdeckung der Quantenphysik (Carsten Labert und Katja Lesser, Quantenphysik spielerisch entdecken) mit einem Spiel rund um Schrödingers Katze sowie zum Deutschunterricht (Noreen Sell, Digitale Spiele im (Deutsch-)Unterricht).</p>
<p>Noreen Sell bietet einen Vorschlag für Kriterien von in den Schulen nutzbarer Spiele, der nicht nur im Deutschunterricht zur Anwendung kommen könnte: <em>„Digitale Spiele, die einen starken narrativen Anteil besitzen und linear aufgebaut sind, eignen sich beispielsweise für Aufgaben, die sich an der Literaturwissenschaft orientieren, besonders gut.“</em> Sie nennt als Beispiele <a href="https://www.youtube.com/watch?v=bLnTciXdaJA">„Harveys neue Augen“</a> und <a href="https://deponia-the-complete-journey.de.softonic.com/">„Deponia“</a>, ein Spiel, in dem Umwelthemen eine wichtige Rolle spielen. Dies zeigt sich auch für das Setting von „The Migrant’s Chronicles“: <em>„Das Spiel stellt Migrationsprozesse als interkulturelle Erfahrungen dar, die sowohl historische als auch aktuelle Kontexte berücksichtigen, um ein tieferes Verständnis für wiederkehrende Muster und Dynamiken zu schaffen.“</em> So muss man im Spiel beispielsweise einen Schlafplatz suchen, die Ernährung sicherstellen, Reise und Transport organisieren. Dabei verbraucht man Energiepunkte.</p>
<p>Im dritten Teil befasst sich René Meyer mit Computern in den Schulen der DDR, auch den dort seit der zweiten Hälfte der 1980er Jahre intensivierten Arbeitsgemeinschaften. Thorsten Zimprich nennt Kernkompetenzen des Gamedesign-Handwerks, bezogen auf die Spielidee, Kommunikation und Coverstory. Problematisch seien hingegen Spiele, die wie ein <em>„langweiliger Multiple-Choice-Test“</em> konzipiert seien, etwa nach dem Beispiel des TV-Formats „Wer wird Millionär?“ <em>„Und dann wäre mein Traum ein Forschungsprojekt ‚Fachdidaktik Gamedesign‘, in dem wir gemeinsam die schlummernden Superkräfte Ihres Kollegiums wecken und viel analoge, aber auch digitale Spiele erschaffen, mit dem Ziel, Ihre Schule zu einer Spielentwicklungsstudie weiterzuentwickeln.“ </em>Die Digitalspielforschung ist auch Thema des Beitrags von Rudolf Thomas Inderst und Tobias Klös. Die <em>„Aufnahme des Verbandes der deutschen Games-Branche als Mitglied in den Deutschen Kulturrat“</em> biete neue Chancen für Verknüpfungen und Synergien verschiedener nicht mehr getrennt voneinander denkbarer Branchen: <em>„Der Video-Essay nutzt jedoch gleichermaßen das Medium Film und den schriftlichen, eingelesenen Essaytext.“ </em>Solche <em>„Video-Game-Essays“</em> schaffen einen <em>„Möglichkeitsraum“</em> und fördern die <em>„Akzeptanz der Digital Game Studies als akademische Disziplin“</em>. Florian Kiefer plädiert schließlich für eine <em>„Computerspielpädagogik“</em>, die reale und virtuelle Welten aufeinander bezieht und hilft, sie voneinander abzugrenzen.</p>
<h3><strong>Ängste überwinden – Chancen nutzen</strong></h3>
<p>Die Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Hintergründen problematischer, gewaltaffiner oder gar extremistischer digitaler Spiele ist die eine Seite, die Förderung von <em>„Serious Games“</em> für die Nutzung im Unterricht, in der Jugendarbeit, verbunden mit einer Schulung der Lehrkräfte und des sozialpädagogischen Personals sind die andere Seite der Medaille einer wirksamen Medienkompetenz. Nicht zuletzt müssen in Bildungs- wie in Forschungsprozessen Kinder und Jugendliche einbezogen werden, die die meisten Erfahrungen haben, wie virtuelle und reale Welten interagieren. Tina Klüwer hat in ihrem Buch „Zukunft Made in Germany“ dokumentiert, dass in der Forschung ebenso wie bei Studierenden hohes Interesse besteht. Sie beschreibt, dass Deutschland als Forschungsstandort hochattraktiv sei und zahlreiche grundlegende Arbeiten vorgelegt habe, es aber in Deutschland vor allem an einer wirksamen Umsetzung hapere.</p>
<p>Tina Klüwer sieht in Deutschland in erster Linie ein Umsetzungsproblem. Mit ihren Ängsten und kurzsichtigen Pseudo-Schutzkonzepten stehen Politiker:innen (und manche Medien) einer innovativen und zukunftsfähigen Bildungspolitik im Weg. Es käme nun darauf an, das hohe Potenzial im Forschungs- und Wissenschaftsbereich auch für Bildungsinnovationen zu nutzen, nicht zuletzt um formelles und informelles Lernen zu verknüpfen. Dazu müssen Lehrpläne, Fortbildungen in den Schulen offener werden, der Umgang mit Gaming und Sozialen Medien in einer Demokratie gehört zur Allgemeinbildung. So könnte Medienkompetenz ihre Grenzen überwinden und einen wirksamen Beitrag zur digitalen Souveränität mündiger Bürger:innen in einer demokratischen Gesellschaft leisten. Für den Kulturbereich muss man ein solches Plädoyer gar nicht mehr formulieren, aber in der Bildung sieht dies leider anders aus, siehe das Erbe gesetzlicher Regelungen aus dem Jahr 1926. Gleichwohl gibt es in diesem Kontext noch erheblichen Forschungsbedarf.</p>
<p>Letztlich plädieren alle drei hier vorgestellten Handbücher für eine offene und mutige Debatte. Im Hinblick auf die geplanten Altersbegrenzungen bei den Sozialen Medien schrieben die Wissenschaftler:innen in dem bereits zitierten offenen Brief: <em>„If children and adults are to be protected from harm, it is of utmost importance that an in-depth study of the harms and broader consequences of age-based checks is conducted before mandating this technology at Internet-scale. Deployments in the UK or Australia, and the introduction of age checks by main providers calls for systematically studying the benefits and harms of this technological intervention.”</em></p>
<p>Eben dies gilt für alle Formen moderner Technologien im Alltag von Kindern und Jugendlichen, nicht zuletzt eben für das Gaming, ebenso im Übrigen auch für den Umgang mit Künstlicher Intelligenz. Wer sich weigert, sich näher damit zu befassen, öffnet all denen Tür und Tor, die sich – wie nicht zuletzt Extremist:innen jeder Art – ohne Hemmungen dieser Technologien bedienen und immer sehr genau wissen, wie sie über Influencer:innen, über Soziale Netzwerke ihr Publikum erreichen. Gebraucht wird letztlich der Mut der verantwortlichen Politiker:innen, die zurzeit propagierte Verbotsspirale zu beenden und durch gezielte Förderung in Forschung, Kultur und Bildung gemeinsam mit der zivilgesellschaftlichen Community die demokratischen Potenziale der Sozialen Medien und des Gamings zu erschließen und zu popularisieren sowie den Wissensstand zu verbessern. Vielleicht entdecken dann auch Verbände im Bildungsbereich den „game“-Verband oder die Deutsche Gesellschaft für Spielwissenschaft als Vorbilder, Impulsgeber und Partner.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im März 2026, Internetzugriffe zuletzt am 5. März 2026, Das Titelbild „Kyborg Dixit Algorismi“ – ein Ausschnitt – verdanke ich Thomas Franke, präsent im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> mit verschiedenen Bildern und dem Gespräch <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/parallele-welten-synergetisch-gebrochen/">„Parallele Welten – synergetisch gebrochen“</a>)</p>
</div></div></div></div></div>
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			</item>
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		<title>Der endlose Weg zur „Integration“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 02 Mar 2026 07:11:31 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Der endlose Weg zur „Integration“ Analysen und Perspektiven der Autorin und Beamtin Souad Lamroubal „Ich schreibe stets von Fragen aus, aber nicht, um Antworten zu finden. Ich bin sicher auch nicht mehr die, die die Zeilen geschrieben hat, die Sie gelesen haben. Wenn ich schreibe, bin ich Lena, aber wenn ich geschrieben habe, bin  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-5 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-4 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-5" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Der endlose Weg zur „Integration“</strong></h1>
<h2><strong>Analysen und Perspektiven der Autorin und Beamtin Souad Lamroubal</strong></h2>
<p><em>„Ich schreibe stets von Fragen aus, aber nicht, um Antworten zu finden. Ich bin sicher auch nicht mehr die, die die Zeilen geschrieben hat, die Sie gelesen haben. Wenn ich schreibe, bin ich Lena, aber wenn ich geschrieben habe, bin ich Lena Gorelik, ich bin die deutsch-jüdische, die deutsch-russische, die russisch-deutsche, die jüdisch-deutsche, die russisch-jüdische Autorin, ich habe sicher eine Mischung, eine Zuschreibung vergessen, ich bin auch noch, so sagen sie, engagiert. Ich bin die engagierte Autorin, die politische, die feministische, die queere, ich darf nie Autorin ohne Adjektiv sein.“ </em>(Lena Gorelik, <a href="https://www.verbrecherverlag.de/shop/ich-schreibe-weil-ich-glaube-ich-bin/">Ich schreibe, weil ich, glaube ich bin</a>, Berlin, Verbrecher Verlag, 2024)</p>
<p>Wenn die Menschen um jemanden herum glauben, dass zwei dieser Adjektive, die im gängigen Polit-Jargon <em>„Identitäten“</em> genannt werden, sich nicht vertragen, sind wir für den Fall, dass die Träger:innen dieser Adjektive sich aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz dennoch mögen oder gar lieben sollten, schnell bei einer mehr oder weniger melodramatischen Romeo-und-Julia-Geschichte. Manchmal gibt es ein Happy End, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/romeo-und-julia-mit-happy-end/">so bei Meron Mendel und Saba-Nur Cheema</a>, er Deutscher, Israeli und Jude, sie Deutsche, das Kind pakistanischer Eltern und Muslima. In einer ihrer in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung veröffentlichten Kolumnen unter der Überschrift „Muslimisch jüdisches Abendbrot“ (2024 in einer Sammlung bei Kiepenheuer &amp; Witsch erschienen) haben sie die Bindestriche ihres Lebens, mit denen sie ihre Kindererziehung praktizieren (müssen), in die Formel gepackt: <em>„Wie man ein muslimisch-israelisch-jüdisch-pakistanisch-hessisches Kind erzieht“</em>. Aber vielleicht sind alle Debatten um die sogenannte <em>„Integration“</em> Kapitel einer endlosen Romeo-und-Julia-Geschichte. Manchmal mit glücklichem, viel zu oft jedoch mit tragischem Ausgang.</p>
<h3><strong>Die „Privilegierte“</strong></h3>
<div id="attachment_7886" style="width: 215px" class="wp-caption alignright"><a href="https://dietz-verlag.de/isbn/9783801207083/Die-Demokratie-der-anderen-Was-der-Kampf-um-Zugehoerigkeit-mit-uns-macht-Souad-Lamroubal"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7886" class="wp-image-7886 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Souad_Lamroubal_Die_Demokratie_der_anderen_DietzVerlag-205x300.jpg" alt="" width="205" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Souad_Lamroubal_Die_Demokratie_der_anderen_DietzVerlag-200x293.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Souad_Lamroubal_Die_Demokratie_der_anderen_DietzVerlag-205x300.jpg 205w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Souad_Lamroubal_Die_Demokratie_der_anderen_DietzVerlag-400x586.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Souad_Lamroubal_Die_Demokratie_der_anderen_DietzVerlag-600x878.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Souad_Lamroubal_Die_Demokratie_der_anderen_DietzVerlag.jpg 664w" sizes="(max-width: 205px) 100vw, 205px" /></a><p id="caption-attachment-7886" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Zuschreibungen mit und ohne Bindestrich sind Alltag für <a href="https://dietz-verlag.de/autor/2354/souad-lamroubal">Souad Lamroubal</a>, nur haben nicht alle ihre Kundinnen und Kunden die Ressourcen, über die sie, Meron Mendel und Saba-Nur Cheema verfügen, um sich in unserer Gesellschaft zu behaupten. Vielen fehlt die Sprache, fehlen die Begriffe, das zu beschreiben, was für sie wichtig ist, um ein sicheres und respektiertes Leben in Deutschland zu führen. Souad Lamroubal verfügt sogar über eine ganz besondere Ressource: Sie ist Beamtin.</p>
<p>Souad Lamroubal wurde im Jahr 1982 in Dormagen (Rhein-Kreis Neuss) geboren. Sie arbeitete 15 Jahre in der Bonner und zwei Jahre in der Düsseldorfer Stadtverwaltung. Seit 2024 leitet sie in Niederkassel (Rhein-Sieg-Kreis) die Stabsstelle „Gleichstellung und Inklusion“, die direkt beim Bürgermeister angesiedelt ist. Seit 2021 beteiligt sie sich an der Bielefelder Mitte-Studie, deren 2025-er Ausgabe unter dem Titel <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/rein-oder-raus-immer-rund-um-die-mitte/">„Rein oder Raus? Immer rund um die Mitte“</a> im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> vorgestellt wurde.</p>
<p>Im Bonner Dietz-Verlag hat sie zwei Bücher veröffentlicht: „Yallah Deutschland, wir müssen reden!“ (2023) und „Die Demokratie der anderen – Was der Kampf um Zugehörigkeit mit uns macht“ (2025). Ein drittes Buch bereitet sie zurzeit vor. Sie betont, dass sie aus einer ganz bestimmten Perspektive schreibt, die sich jedoch nicht auf einen klar definierbaren und eindeutigen Begriff bringen lasse. Einige der zurzeit gängigen Begriffe sind inzwischen zu Kampfbegriffen geworden, beispielsweise <em>„Mitte“</em>,<em> „Integration“</em>,<em> „Normalität“, „Diversität“, „Zugehörigkeit“, „Einwanderungsland“, „Minderheit“ oder eben auch „Migrationshintergrund“ und „Zuwanderungsgeschichte“. </em>Sie grenzen ab, sie grenzen ein, sie werten ab, sie schließen aus. All solche Begriffe stellt Souad Lamroubal in ihren Büchern zur Disposition. Sie fragt nach der <em>„Deutungshoheit“</em>: Wer darf über Menschen urteilen? Mit welchen Konsequenzen? Haben wir überhaupt eine Sprache und Begriffe, um die jeweils mitschwingenden Macht- und Gewaltverhältnisse zu sprechen? Johan Galtungs bekannte Studie „Strukturelle Gewalt“ (Reinbek, Rowohlt, 1982) erhält in Einwanderungsgesellschaften eine erweiterte Bedeutung.</p>
<p>Die persönliche Geschichte von Souad Lamroubal ist eine Aufstiegsgeschichte, eine Geschichte von Empowerment und Selbstwirksamkeit. Sie sagt daher, sie sei <em>„privilegierter“</em> als viele andere. Als Beamtin erfüllt sie eine hoheitliche Aufgabe, sie darf über die Zukunft von Menschen entscheiden, die wie sie aus einer Familie kommen, die ihr <em>„Deutsch<u>sein</u>“</em> nicht über Generationen nachweisen können. Hier gibt es natürlich Abstufungen, Hierarchien, zahlreiche individuelle Geschichten. Und dennoch erwecken Politik und Medien immer wieder den Eindruck, als handele es sich durchweg um Geflüchtete (im allgemeinen Sprachgebrauch <em>„Flüchtlinge“</em>) beziehungsweise <em>„Asylbewerber“</em>, die ihren Aufenthalt in Deutschland wie in einer Casting-Show erwerben wollten. Dabei spielen ihre Fähigkeiten nur eine geringe Rolle. Entscheidend ist für Politik und Medien offenbar die Frage, warum sie aus einem Land, dass allgemein als <em>„Heimatland“</em> bezeichnet wird, unbedingt nach Deutschland kommen wollen oder müssen.</p>
<p>Souad Lamroubal hat als Kommunalbeamtin vielleicht sogar den höchstmöglichen Grad von <em>„Integration“</em> erreicht: <em>„Ich bin so privilegiert, mitentscheiden zu dürfen, wer ein Stigma tragen muss und wer nicht.“</em> Es kann lange dauern, bis jemand dieses <em>„Stigma“</em> der Nicht-Zugehörigkeit verliert. Wenn Sportler:innen mit einem nicht genuin deutsch klingenden Namen eine Medaille bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften gewinnen, wird dies zwar in Medien und Politik akzeptiert, ihre Einbürgerung wird, wenn erforderlich, rechtzeitig vor entscheidenden Wettkämpfen schnell <em>„gewährt“ </em>– so heißt das im deutschen Amtsjargon –, aber damit ist noch nichts über Erlebnisse und Erfahrungen dieser Sportler:innen und ihrer Familien im deutschen Alltag außerhalb der Sportarenen gesagt. Das <em>„Stigma“</em> trifft auch sie. Torsten Körner hat in seinem Film <a href="https://www.schwarzeadler-film.com/team">„Schwarze Adler“</a> über Schwarze Profifußballer:innen in Deutschland diese <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-haesslichen-gesichter-des-fussballs/">hässliche Seite des deutschen Fußballs</a> dokumentiert.</p>
<p>Souad Lamroubal betont in ihren beiden Büchern, dass sie selbst sich zwar als <em>„privilegierte deutsche Migrationsexpertin“</em> betrachten darf, gleichzeitig aber all die exkludierenden Mechanismen erlebt, mit denen Menschen mit einem nicht genuin als deutsch wahrgenommenen Namen, mit einer dunkleren Hautfarbe oder gar einer anderen als der christlichen Religion (Zwischenfrage: Wie viele Deutsche sind heute noch praktizierende Christ:innen?) drangsaliert und abgewertet werden.</p>
<p>Gleichzeitig sind die Bücher von Souad Lamroubal ein eindrucksvolles Plädoyer für Empowerment und Teilhabe. Es reicht nicht aus, Anlässe für Benachteiligung und Diskriminierung anzuprangern. Es geht darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Selbstwirksamkeit und Resilienz wirken, sodass letztlich der lange Weg zur sogenannten <em>„Integration“</em> abgeschlossen werden kann. Bleibt ein frommer Wunsch, dass dies gelingen könnte? Oder gibt es kein Ende auf dem langen Weg der <em>„Integration“</em> in die <em>„Mehrheitsgesellschaft“</em>? Mehr oder weniger selbsternannte Vertreter:innen dieser <em>„Mehrheitsgesellschaft“</em> behaupten, wer dazugehören wolle, müssen sich an eine <a href="https://www.gra.ch/bildung/glossar/leitkultur/"><em>„Leitkultur“</em></a> anpassen, obwohl sie selbst kaum beschreiben können, was dies eigentlich sei. Die Forderung nach einer solchen <em>„Leitkultur“</em> lässt sich allenfalls in ihrer Funktion beschreiben. Sie ist Teil einer Inszenierung der <em>„Mehrheitsgesellschaft“</em> als <a href="https://migrations-geschichten.de/dominanzkultur-dominanzgesellschaft/"><em>„Dominanzgesellschaft“</em> oder <em>„Dominanzkultur“</em></a> (Birgit Rommelspacher). Es geht letztlich um Macht, um – so Souad Lamroubal – <em>„Deutungshoheit“</em>.</p>
<h3><strong>Kommunizierende Röhren: Mehrheit(en) und Minderheit(en)</strong></h3>
<p>Das Elend von Menschen, die einer Gruppe angehören, die in der Gesellschaft als <em>„Minderheit“</em> bezeichnet wird, ist ungeachtet verschiedener Abstufungen die ständige Erfahrung, dass jemand jemanden auf eine bestimmte <em>„Identität“</em> festlegen will und diese dann möglichst auch noch mit dem bestimmten Artikel versieht, sodass der Eindruck entsteht, als gelte das, was man von dieser einen Person denkt, für alle Personen gleichermaßen, die in irgendeiner Form diese mutmaßliche Identität teilen. Dann entstehen die allseits bekannten Bilder von <u>dem</u> Juden, <u>dem</u> Afrikaner, <u>dem</u> Araber, <u>dem</u> Türken. Eine Besonderheit in dieser Bilderfolge ist <u>der</u> Islam: Niemand spricht von <u>den</u> Muslimen, es geht gleich um die Religion an sich, von der interessierte Angehörige der <em>„Mehrheitsgesellschaft“</em> behaupten, dass sie mit <em>„Deutsch<u>sein</u>“</em>, wahlweise der <em>„Demokratie“</em>, grundsätzlich nicht kompatibel wäre.</p>
<p>Diese Liste ist beliebig erweiterbar und hat etwas sehr Selbstreferentielles. Denn mit der Bezeichnung eines anderen mit dem bestimmten Artikel bezeichnet man letztlich sich selbst, so inszeniert man sich dann als <u>der</u> Deutsche und konstruiert eine binäre Sicht auf <u>die</u> Welt und <u>die</u> Menschen. All diese Bezeichnungen und Selbstbezeichnungen sind letztlich Gewaltakte mit dem grundlegenden Ziel der Bestätigung von Machtstrukturen. Daher ist es auch nicht verwunderlich, wenn bei solchen Bildern die weiblichen Bezeichnungen systematisch vermieden werden.</p>
<p>Usch Kiausch hat dies in einem Essay mit dem Titel „Expeditionen in die literarischen Universen von Doris Lessing und Margaret Atwood“ auf den Punkt gebracht (in: Usch Kiausch, <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=2047">Andere Welten – Interviews zur Science Fiction Band 1 Die weibliche Perspektive</a>, Berlin, Memoranda, 2023). Es ist die Sprache, mit der Herrschaft ausgeübt und ihre Dauer gesichert wird. <em>„Bei Atwood kann der theokratische Fundamentalistenstaat Gilead seine Macht nur dadurch aufrechterhalten, dass den Frauen Schrift und Literatur – und damit das Wissen – verboten wird.“</em> Treffender kann man die politischen Fantasien eines Donald J. Trump und eines Vladimir Vladimir Vladimirowitsch Putin nicht beschreiben.</p>
<p>Autoritäre und totalitäre Regime festigen ihre Macht, indem Wörter verboten, mit einer anderen Bedeutung versehen werden, siehe George Orwells Konzept des <em>„Newspeak“</em>, siehe die <a href="https://www.diepresse.com/19458933/die-mehr-als-200-woerter-die-donald-trump-behoerden-verboten-hat">Liste der von der Trump-Regierung verbotenen Wörter</a>. Komplexes wird in binären Strukturen, Gut und Böse, Freund und Feind, männlich und weiblich, <em>weiß</em> und Schwarz aufgelöst. Dieses Verfahren tan Carl Schmitts Definition der <em>„Souveränität“. </em>Der <em>„Souverän“</em> bestimmt, was in der Wissenschaft erforscht werden darf, was Museen zeigen dürfen, was im Theater gespielt werden darf, was nicht, was Staaten, was Kommunen fördern und was sie verdammen. <em>„Identität“</em> gibt es dann nur noch im Singular, als <em>„Norm“</em> (die AfD plakatiert <em>„Deutschland, aber normal“</em>) und sie definiert sich durchweg durch ihr Gegenteil. Sylvia Sasse hat diese Strategie in ihrem Essay <a href="https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/verkehrung-ins-gegenteil.html">„Verkehrungen ins Gegenteil – Über Subversion als Machttechnik“</a> (Berlin, Matthes &amp; Seitz, 2023) an zahlreichen Beispielen eindrucksvoll analysiert.</p>
<p>Dies gilt auch für das Verhältnis von <em>„Minderheit“</em> und <em>„Mehrheit“</em> zueinander. <em>„Minderheit“</em> ist nicht mehr und nicht weniger als eine Zuschreibung aus Sicht einer sich selbst als <em>„Mehrheit“</em> inszenierenden Gruppe. <em>„Minderheit“ </em>und<em> „Mehrheit“</em> werden in diesem Sprachgebrauch auf eine ganz bestimmte Rolle reduziert. Die Macht der <em>„Mehrheit“</em> bestätigt sich, weil sie andere auf den Status der <em>„Minderheit“</em> festzulegen versteht. Die Existenz von <em>„Minderheiten“</em> ist für das Selbstbewusstsein so mancher Mitglieder der <em>„Mehrheitsgesellschaft“</em> konstitutiv. Wenn Mitglieder von <em>„Minderheiten“</em> jedoch nicht mehr auf eine einzige Rolle reduziert würden, hörten sie auf „<em>Minderheiten“</em> zu sein. Der ausschließende, diskriminierende Blick hätte sich aufgelöst und wäre möglicherweise nur noch eine historische Erinnerung, die Macht der <em>„Mehrheit“</em> zerfiele. Jedes einzelne Mitglied einer <em>„Minderheit“</em> hingegen würde als eigenständige und in der Gesamtgesellschaft gleichberechtigte Persönlichkeit wahrgenommen, mit all ihren verschiedenen Eigenschaften.</p>
<p>Exklusivität erhält eine doppelte Bedeutung, einerseits in der Selbstbestätigung der sich Inkludierenden, andererseits in der Exklusion derjenigen, die eben nun partout nicht dazu gehören (sollen). Wer zur <em>„Minderheit“</em> gezählt wird, bleibt letztlich austauschbar – oder kann wie in den zu Beginn dieses Essays zitierten Sätzen von Lena Gorelik beschrieben – jederzeit neu gefasst und erweitert werden. Die Spielregeln der <em>„Mehrheitsgesellschaft“</em> ändern sich sozusagen im laufenden Verfahren. Wer gestern noch ein:e respektierte:r Bürger:in war, kann morgen zur Staatsfeind:in werden. Souad Lamroubal spricht in „Yallah Deutschland“ explizit <em>„Deutschland“</em> an: <em>„Ich lasse jetzt mal unkommentiert, dass Deine Definition von Minderheiten längst überholt ist und wir das mit dem Zählen noch mal lernen müssen. (1, 2, 3, 4, 5, 6…).“</em></p>
<h3><strong>„<em>Deutsch<u>sein</u>“ </em>und<em> „Deutsch<u>werden</u>“</em></strong></h3>
<div id="attachment_7887" style="width: 215px" class="wp-caption alignright"><a href="https://dietz-verlag.de/isbn/9783801206369/Yallah-Deutschland-wir-muessen-reden-Aus-dem-Leben-einer-deutsch-marokkanischen-Beamtin-Souad-Lamroubal"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7887" class="wp-image-7887 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Souad_Lamroubal_Yallah_Deutschland_DietzVerlag-205x300.jpg" alt="" width="205" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Souad_Lamroubal_Yallah_Deutschland_DietzVerlag-200x293.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Souad_Lamroubal_Yallah_Deutschland_DietzVerlag-205x300.jpg 205w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Souad_Lamroubal_Yallah_Deutschland_DietzVerlag-400x586.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Souad_Lamroubal_Yallah_Deutschland_DietzVerlag-600x878.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Souad_Lamroubal_Yallah_Deutschland_DietzVerlag.jpg 664w" sizes="(max-width: 205px) 100vw, 205px" /></a><p id="caption-attachment-7887" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Souad Lamroubal ist Deutsche, sie ist Marokkanerin, sie ist Beamtin, sie ist Mutter, sie engagiert sich in ihrem Privatleben ehrenamtlich, sie ist Buchautorin. Es ließen sich noch manch andere Rollen ergänzen. <em>„Integration“ </em>ist jedoch auch eine Frage des Standorts. Dies erlebt Souad Lamroubal in Marokko, dem Herkunftsland ihrer Eltern, wo sie erlebt, dass ihre Mutter dort <em>„glücklich“</em> ist, sie sich selbst jedoch als <em>„Ausländerin“</em> fühlt. <em>„Integration“</em> ist ein Prozess. Die erste Generation in Deutschland (nicht nur die Gastarbeitergeneration) lebt in der Regel in <em>„Abhängigkeit ohne Zugehörigkeit“</em>. Souad Lamroubal hat zwei Kinder, die sozusagen die dritte Generation einer Familie sind, die den Weg nach Deutschland gefunden hat, aber immer wieder auch mit den Problemen zu kämpfen hat, die die erste Generation erlebte, jedoch diese oft beschwieg, um nicht in Schwierigkeiten zu geraten. <em>„Zugehörigkeit“</em> ist relativ, Eigenschaften, aus denen in der Mehrheitsgesellschaft auf eine <em>„Nicht-Zugehörigkeit“</em> geschlossen wird, werden mitunter geradezu vererbt. Dies erlebt Souad Lamroubal unmittelbar bei ihrem Sohn (dazu später).</p>
<p>In ihren Büchern dekonstruiert Souad Lamroubal den Begriff der <em>„Integration“</em>, möchte – so schreibt sie in der Einführung von „Die Demokratie der anderen“ <em>„die Realität hinter der Fassade“ </em>entlarven: <em>„Integration“</em> wirke in Wirklichkeit <em>„wie eine Probezeit“</em>, eine <em>„Bewährungszeit“</em>, die offenbar jede Generation für sich ungeachtet unterschiedlicher Ausgangslagen wieder neu durchlaufen muss<em>.</em> Ein Ende dieser Zeit scheint nicht absehbar. Daraus schließt Souad Lamroubal: <em>„Ich bin nicht integriert“</em>. <em>„Integriert“</em> ist offensichtlich nur, wer <em>„funktioniert“</em>, aber: <em>„Was ist eigentlich die Bezeichnung für Deutsche, die nicht funktionieren?“ </em>Und was bedeutet eigentlich <em>„funktionieren“</em>? Sind die syrische Pflegekraft, der polnische Handwerker, die iranische Ärztin, die libanesische Abiturientin <em>„integriert“</em>? Offensichtlich <em>„funktionieren“</em> sie, werden als Fachkräfte geschätzt, aber reicht dies aus? Je nach Aufenthaltsstatus sind sie nicht vor Anfeindungen oder gar vor einer Abschiebung aus Deutschland geschützt.</p>
<p>„Die Demokratie der anderen“ enthält 21 Kapitel, jedes ein Statement, das auch für sich gelesen werden kann. Im Vorwort schreibt Souad Lamroubal: <em>„Ein Buch, das nicht anklagend wirkt, sondern einen Perspektivwechsel ermöglicht</em> <em>und in jeglicher Art und Weise den Zusammenhalt fördert. Dennoch werden Menschen sich angegriffen fühlen, sich aufregen. Aber das hat weniger mit diesem Buch als mit ihren eigenen Ängsten und Konflikten zu tun.“</em> So werden rassistische oder rassifizierende Äußerungen zu Projektionen, zu Spiegelungen eigener Unsicherheiten oder zumindest zu vor- oder unbewussten Annahmen, was es mit einem <em>„Deutsch<u>sein</u>“</em> auf sich haben könnte, das in der Gesellschaft die <em>„Norm“</em>, die <em>„Leitvorstellung“</em> wäre, der alle zu folgen hätten: <em>„Ich schaue in die Zeit zurück, in der es bei mir nicht ums Deutsch<u>sein</u>, sondern ums Deutsch<u>werden</u> ging. Was machte das Deutsche so wertvoll für mich?“ </em>Manche verkrampfen angesichts des ständigen Gefühls, trotz aller Anstrengungen zu scheitern: <em>„Wieso versuchen viele, so krankhaft zu beweisen, dass sie deutsch sind? Wieso ist auch mir das so wichtig? Ich frage mich, ob wir die richtigen Debatten führen.“ </em>Letztlich ist <em>„Deutsch<u>sein</u>“</em> ebenso wenig klar definierbar wie <em>„Mitte“, „Integration“ </em>und all die anderen Begriffe, mit denen über Ein- und Zuwanderung, über Migration gesprochen wird.</p>
<p>„Yallah Deutschland, wir müssen reden!“ klingt durch den Untertitel „Aus dem Leben einer deutsch-marokkanischen Beamtin“ – hier wieder der Bindestrich, möglicherweise ein Ergebnis des Lektorats – autobiographisch, doch bietet das Buch viel mehr als Einblicke in die individuellen Erlebnisse und Erfahrungen eines einzelnen Menschen. Probleme löst man nicht, indem man auf einzelne Schuldige verweist, eine Hol- oder Bringschuld beschreibt, sondern indem man Strukturen verändert. Vielleicht ist es – <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-macht-der-aufmerksamkeit/">so beispielsweise Marina Weisband</a> – ein ständiges Manko (nicht nur) der deutschen Politik, nachhaltige Strukturveränderungen zu scheuen.</p>
<p>„Yallah Deutschland“ ist ein langer Brief von Souad Lamroubal an Deutschland, das die Autorin mit <em>„Du“</em> – großgeschrieben – direkt anspricht. Das bedeutet wiederum nicht, dass Deutschland eine Art Kollektivpersönlichkeit besäße, in der alle Deutsch-Deutschen (den Bindestrich muss ich mir einfach erlauben) kollektiv das Gleiche denken und fühlen, so als wären sie alle eine Variante der Borg wie wir sie aus der Star-Trek-Welt kennen. Es geht hier aber nicht um den Versuch, allen Deutsch-Deutschen eine kollektive Identität zuzuschreiben, sondern um die in dieser deutschen Gesellschaft von einer beträchtlichen Zahl von Mitgliedern der <em>„Mehrheitsgesellschaft“</em> verursachten Gefühle, um die von vielen – oft auch gewollt und systematisch – verursachten Hindernisse, die sprichwörtlichen Steine, die jemandem in den Weg gelegt werden und ihn:sie hindern, am gesellschaftlichen, beruflichen, politischen Leben teilzuhaben. Es geht letztlich um ein Land, das Strukturen verändern muss, beispielsweise eine beschleunigte Anerkennung von im Ausland erworbenen Abschlüssen, die Berechtigung, nicht nur Steuern zu zahlen, sondern auch an Wahlen teilzunehmen. Und für diese Strukturveränderungen müssen Mehrheiten geschaffen werden. Wenn dies gelänge, würde – so Souad Lamroubal – irgendwann die <em>„Demokratie der anderen“</em> zu einer <em>„Demokratie für alle“</em>.</p>
<p>Doch der Weg zu einer <em>„Demokratie für alle“ </em>ist noch weit. Souad Lamroubal sieht sich gerne in der <em>„Rolle der Europäerin“</em>, andererseits: <em>„Ich bin Teil einer rassistischen Gesellschaft, Rassismus wird durch die Strukturen des Landes begründet.“</em> Solange <em>„Demokratie“</em> in Deutschland aus Sicht von Menschen mit Ein- und Zuwanderungsgeschichte, in welcher Generation auch immer, ein <em>„Privileg“</em> der autochthonen Bevölkerung bleibt, eben jene <em>„Demokratie der anderen“</em>, stellt sich dieselbe Frage immer wieder neu: <em>„Deutsch<u>sein</u>“ </em>wird zu einem ständigen Prozess des <em>„Deutsch<u>werdens</u>“</em>. Man kann sich mit der Zeit davon lösen, aber es bleibt doch immer wieder <em>„die Suche nach Heimat, Identität, aber vor allem nach Gerechtigkeit, die mich treibt.“</em> Souad Lamroubal konstatiert: <em>„Heimat ist dort, wo ich frei sein kann.“</em> Ein weiterer Kampfbegriff, der es inzwischen auch in die Benennung deutscher Ministerien geschafft hat, ist eben diese <em>„Heimat“</em>, wo auch immer diese verortet wird.</p>
<p>Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah haben 14 Autor:innen versammelt, die in dem Band <a href="https://www.ullstein.de/werke/eure-heimat-ist-unser-albtraum/taschenbuch/9783548069296">„Eure Heimat ist unser Albtraum“</a> (Berlin, Ullstein, 2019) die Wirkungen dieses <em>„Kampfbegriffs“</em> ausgehend von Alltagsbegriffen illustrieren, beispielsweise: <em>„Arbeit“</em> (Fatma Aydemir), <em>„Vertrauen“</em> (Deniz Utlu), <em>„Liebe“</em> (Sharon Dodua Otoo), <em>„Essen“</em> (Vina Yun), <em>„Zusammen“</em> (Simone Dede Ayivi). Olga Grjasnowa schrieb über <em>„Privilegien“</em>: <em>„Aber was ist das überhaupt, die Integration? Schon hier fängt die Ungleichheit an: Wenn wir davon ausgehen, dass wir jemanden in die Gesellschaft integrieren müssen, dann meinen wir damit auch, dass es eine Gesellschaftsnorm gibt, die besser und überlegener ist als andere.“</em> Auch die Künste sind in diesem Sinne hierarchisierbar. Was ist – so Olga Grjasnowa – eigentlich <em>„Migrationsliteratur“</em> oder <em>„Weltmusik“</em>?</p>
<p>Seit Erscheinen dieses Buches im Jahr 2019 ist die Welt nicht gelassener geworden, im Gegenteil: Der Ton verschärft sich. Viele Menschen fühlen sich in eine Ecke gedrängt, aus der sie kaum noch herauszufinden glauben, abgesehen von so manchem intellektuellen Zweckoptimismus, denn Aufgeben ist auch keine Lösung. Prominentes Beispiel ist der dialogisch aufgebaute Band <a href="https://www.fischerverlage.de/buch/max-czollek-hadija-haruna-oelker-alles-auf-anfang-9783103976861">„Alles auf Anfang – Auf der Suche nach einer neuen Erinnerungskultur“</a> von Max Czollek und Hadija Haruna-Oelker (Frankfurt am Main, S. Fischer, 2025). Dieses Buch ist eine schonungslose Bestandsaufnahme der Gefühle von Menschen, die das nachhaltig wirkende Gefühl haben, sie gehörten in dieser deutschen Gesellschaft einfach nicht dazu. Man muss dieses Buch bis zum Ende durchhalten, um eine optimistische Perspektive zu entdecken. Die beiden Autor:innen verwenden das Bild einer <em>„Tischgemeinschaft“</em>, an der eigentlich <em>„genug Platz für alle“</em> sein sollte, ein Bild, das Aladin El-Mafalaani in seinem Buch <a href="https://www.mafaalani.de/integrationsparadox">„Das Integrationsparadox“</a> eingeführt hatte (Köln, Kiepenheuer &amp; Witsch, 2018).</p>
<h3><strong>Wer <u>ist</u> WIR?</strong></h3>
<p>So ist das bei uns, so heißt es immer wieder. Es wäre schön, wenn dieses <em>„Wir“</em> inklusiv gedacht wäre. Müsste es nicht heißen: Wer <u>sind</u> <em>„WIR“</em>? Souad Lamroubal zitiert in „Yallah Deutschland“ die Literaturnobelpreisträgerin <a href="https://www.perlentaucher.de/autor/toni-morrison.html">Toni Morrison</a>: <em>„Es gibt keine Fremden, sondern nur unterschiedliche Versionen unserer selbst.“ </em>Es ist dieselbe Botschaft, die <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/es-gibt-eben-nicht-nur-die-eine-geschichte/">Chimanda Ngozi Adichie</a> in ihrem TED-Talk <a href="https://www.youtube.com/watch?v=D9Ihs241zeg">„The Danger of a Single Story“</a> vermittelt. Gefundene, zugeschriebene und andere Identitäten, die mit einem <em>„Wir“</em> der Mehrheitsgesellschaft verbinden oder davon trennen, beschreiben afrodeutsche Autor:innen, wie sie Jeannette Oholi (<a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/fuer-eine-germanistik-der-radikalen-vielfalt/">„Für eine ‚Germanistik der radikalen Vielfalt‘“</a>) in ihren Büchern vorstellte, oder die Berliner Autorin schwäbischer Herkunft Dilek Güngör (<a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/vor-dem-spiegel/">„Vor dem Spiegel“</a>). Es ließen sich noch viele andere zitieren. Souad Lamroubal fügt ihnen die Perspektive einer deutschen Beamtin hinzu, die sich gleichermaßen wissenschaftlich, pädagogisch, literarisch und aktivistisch engagiert, all dies als Mittel gegen <em>„die Überforderung aus der Vergangenheit“.</em> Es sind letztlich die Strukturen, die Institutionen, die zählen und die auf ihren <em>„institutionellen Rassismus“ </em>überprüft werden müssten.</p>
<p>Die Forderung nach <em>„Integration“</em> heißt letztlich immer wieder: Werdet so wie <em>„wir“</em>, eine Formel, mit der:die Sprecher:in sich selbst zu einer <em>„Norm“</em> erklärt. In beiden Büchern dekonstruiert Souad Lamroubal dieses <em>„Wir“</em>. Sie verweist darauf, dass sie sich an der Kampagne <a href="https://www.mkjfgfi.nrw/ichduwirnrw">„#IchDuWirNRW“</a> des Landes Nordrhein-Westfalen beteiligt hat. <em>„Ich bin kein Opfer. Betroffen ja, aber kein Opfer. Ich sollte mich da nicht so reinsteigern. Es geht mir gut. (…) Ich bin definitiv privilegiert. Ich gehöre dazu. Ich darf an der langen Schlange vorbeilaufen und nach oben in mein schönes Büro mit Blick auf die Warteschlange unten.“</em></p>
<p>Souad Lamroubal formuliert stets nicht soziologisch abstrakt, sondern als Ich-Botschaft, <em>„dass ich mich mit einer Mitte identifiziere, die eine neue deutsche Gesellschaft realistisch abbildet. Ich löse mich also von dem alten Begriff der Mitte, einer Mitte privilegierter Einheimischer, und glaube fest daran, dass eine neue Mitte längst entstanden ist. (…). Der Begriff Mitte ist ambivalent. Er löst auf der einen Seite den Wunsch nach Zugehörigkeit aus, kann aber genauso zu Distanz und Ablehnung führen, vor allem dann, wenn sich rechtspopulistische Parteien damit schmücken, die Partei der Mitte zu sein.“</em></p>
<p>In meinem <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/rein-oder-raus-immer-rund-um-die-mitte/">Essay zur Bielefelder Mitte-Studie 2025</a> habe ich versucht, den Begriff der <em>„Mitte“</em> mit anderen Begriffen zu verbinden, die eine Art von Gemeinschaftsgefühl einer wie auch immer gearteten Mehrheit in unserer Gesellschaft erzeugen sollen. Dazu gehören beispielsweise <em>„bürgerlich“</em>,<em> „Familie“</em>, auch<em> „Demokratie“</em>. Sobald ein Begriff eine fiktive Gemeinschaft beschreiben soll, stellt sich die Frage nach denjenigen, die nicht zur Gemeinschaft gehören, die <em>„Anderen“</em>, die nicht zum <em>„Wir“</em> gehören (sollen).</p>
<h3><strong>Bürokratie der Exklusion</strong></h3>
<p>Sobald darüber gesprochen wird, dass wer auch immer nicht beziehungsweise noch nicht oder nicht mehr zu der Gemeinschaft gehört, zu der man sich selbst zugehörig fühlt, verschieben sich politische Debatten und Verwaltungspraxis. In „Yallah Deutschland“ vermerkt Souad Lamroubal, dass die Umsetzung des <a href="https://www.sozialgesetzbuch-sgb.de/aufenthg/1.html">„Aufenthaltsgesetzes“</a> nicht in einer <em>„Willkommensbehörde“</em>, sondern in einer <em>„Ordnungsbehörde“</em> erfolgt. Hinzu kommt die Frage, wie viel Zeit die Sachbearbeiter:innen oder unterstützende Beratungsstellen haben, sich um jemanden zu kümmern. In der Regel zu wenig. Fließbandarbeit? Souad Lamroubal fragt, warum es eigentlich keine Studien zu rassistischen beziehungsweise rassifizierenden Strukturen in Ausländerbehörden gibt.</p>
<p>Souad Lamroubal beschreibt zahlreiche Aspekte einer Bürokratie, die Menschen, die aus welchen Gründen auch immer in der Ausländerbehörde einer Kommune vorsprechen, das Leben erschweren. Dazu gehören höchst komplizierte Anerkennungsverfahren von im Herkunftsland erworbenen Qualifikationen. Je nachdem, welche Ereignisse neue Wanderungsbewegungen verursachen, befindet sich eine Ausländerbehörde im <em>„Ausnahmezustand“. </em>Nach Carl Schmitt ist souverän, wer über den <em>„Ausnahmezustand“</em> entscheidet. So zeigt sich, dass der Streit zwischen Angela Merkel (<em>„Wir schaffen das“</em>) und Horst Seehofer (<em>„Wir schaffen das nicht“</em>) letztlich ein Streit um Macht war, nicht mehr und nicht weniger. Die Angela Merkel, die 2015 die Grenzen öffnete und die Dublin-Regeln aussetzte, war auch die Angela Merkel, die im Jahr 2010 sagte: <a href="https://www.spiegel.de/politik/deutschland/integration-merkel-erklaert-multikulti-fuer-gescheitert-a-723532.html"><em>„Der Ansatz für Multikulti ist gescheitert, absolut gescheitert.“</em></a> Subtext: Wozu soll sich der Staat noch um <em>„Integration“</em> kümmern? Die Holschuld des Staates wird ausschließlich zur Bringschuld der Bewerber:innen um <em>„Integration“</em> erklärt. Politiker:innen agieren aus einem Augenblick heraus, reagieren auf eine bestimmte Situation und vereinfachen und verallgemeinern etwas, das eigentlich in seinem historischen wie kontextuellen Rahmen analysiert werden müsste. Sie verlangen und praktizieren Eindeutigkeit. Da fällt dann so manches unter den Tisch, an dem bei Weitem nicht alle mehr Platz haben werden.</p>
<p>Behörden üben Macht aus, auf der Grundlage von Gesetzen, die – so betont Souad Lamroubal – sie in ihrer Eigenschaft als Beamtin auch gar nicht in Frage stellt. Macht und Gesetze gelten nicht nur in Ausländerbehörden, sondern letztlich in allen Behörden. Es werden nicht die möglichen Stärken von Ein- und Zuwandernden gesucht. „<em>Wir wachsen auf in Vielfalt. Aber für Dich, Deutschland war es Einfalt, denn du bündeltest uns nach unseren vermeintlichen Schwächen.“</em> So die Schule, in der die Lehrkräfte ungeachtet der jeweiligen Zeugnisse Kinder mit dem sogenannten Migrationshintergrund auf die Hauptschule schicken, oft mit der Begründung, dass die Eltern ja ihren Kindern nicht bei den Hausaufgaben helfen könnten. Schulleistungsstudien werden nicht müde, die sprachlichen und sonstigen schulischen Defizite von <em>„migrantischen“</em> Kindern und Jugendlichen zu betonen, aber sie machen durchaus Unterschiede: Beispielsweise werden der Fleiß und die guten Schulleistungen von vietnamesischen Kindern betont. Souad Lamroubal verweist auf die Gesundheitsämter, die bei einer <em>„Läusekontrolle“</em> in der Schule eine Art Racial Profiling betreiben.</p>
<p>Aus Sicht der Behörden kommt es darauf an, dass die <em>„Regeln“</em> eingehalten werden: <em>„Regel ist Deine zweite Natur“</em>, ungeachtet der Spielräume, die eine Behörde manchmal hat, deren Nutzung jedoch wiederum von jeder einzelnen Sachbearbeitung abhängt. An grundlegenden Defiziten können die Sachbearbeiter:innen natürlich nichts ändern, beispielsweise an der ständigen Streichung der Mittel für Sprach- und Integrationskurse oder der Verlagerung der Zuständigkeit für geflüchtete Ukrainer:innen in das <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/asylblg/">„Asylbewerberleistungsgesetz“</a>, durch die die Vermittlung einer Arbeitsstelle erheblich erschwert, wenn nicht gar unmöglich wird. <em>„Integration“</em> wird zwar in politischen Reden immer wieder gefordert, aber dennoch systematisch verhindert. Die Schuldigen sind dann diejenigen, die sich nicht <em>„integriert“</em> hätten.</p>
<h3><strong>Die Sicherheit der anderen</strong></h3>
<p>Freiheit bedeutet auch <em>„Sicherheit“</em>. Wessen <em>„Sicherheit“</em>? In „Yallah Deutschland“ berichtet Souad Lamroubal von einem Vorfall am 31. Oktober 2020 in Düsseldorf. Es ist der Tag eines rassistischen Angriffs auf ihren Sohn, der sich seit dieser Zeit zurückzieht. Angesichts des Terrors von ICE in den USA ließe sich schlussfolgern, dass es auch ohne diesen Terror schon möglich ist, Menschen zu drangsalieren und zu demotivieren. Souad Lamroubal konnte mit ihrem Sohn darüber sprechen (das ist nicht allen Eltern und ihren Kindern gegeben), er berichtete: <em>„Ich habe mehrfach versucht, in die Bahn zu flüchten. Ich war froh, dass ich mich von ihm lösen konnte. Er hat gedroht, mich zu töten, mich geschlagen und mich gewürgt, immer und immer wieder. Ich habe gerufen, geschrien, aber ich wurde nicht gehört. Obwohl der Bahnsteig voller Menschen war und die Bahn ebenfalls, wurde ich weder gehört noch gesehen.“</em> Souad Lamroubal dokumentiert die Aussage ihres Sohnes über drei Seiten. Seine Konsequenz: <em>„Ich fahre halt einfach nicht mehr mit der Bahn in Zukunft. Ich warte, bis ich meinen Führerschein habe. Ich denke, das ist das Beste für alle.“</em></p>
<p>Wer sich nicht sicher fühlt, zieht sich zurück, wird einsam. Souads Sohn sagt: <em>„Einsam zu sein, ist das Resultat dessen, wie Menschen miteinander umgehen. Ich habe das Vertrauen verloren. Mache ich einen Fehler, zeigen sie mit dem Finger auf mich, und bin ich in Not, wenden sie ihre Blicke ab. Sag mir Mama, was verbindet mich noch mit diesen Menschen, die sich gegenseitig entmenschlichen? Einsamkeit gibt mir Frieden. Einsamkeit ist mein Schutz. Ich muss mich nicht mit ihnen identifizieren. Ich habe so die Freiheit, anders zu sein. Das gibt mir Frieden.“</em> Souad Lamroubal kommentiert: <em>„Seine Worte schnüren mir den Atem ab. Was er auch anspricht: die Fehlerkultur oder besser gesagt: die fehlende Fehlerkultur.“ </em>Es bleibt – so schreibt sie in „Yallah Deutschland“ <em>„die Fragilität Deiner Strukturen“</em>.</p>
<p>Wer in Deutschland über <em>„Sicherheit“ </em>spricht, kann Unklarheiten nicht brauchen. Er oder sie braucht ein klares Bild der <em>„Täter“</em>. Die müssen gefunden, bestraft und möglichst aus der Gesellschaft entfernt, das heißt bei Ein- und Zugewanderten, ausgewiesen (<em>„abgeschoben“ </em>schreiben die Medien, <em>„rückgeführt“</em> die Verwaltung) werden. Auch hier ist Deutschland natürlich nicht sehr konsequent, denn die Bundesregierung will zwar möglichst rasch syrische Straftäter nach Syrien ausweisen, hat sich aber bisher nicht bereiterklärt, im Gegenzug deutsche Straftäter, die in Syrien wegen ihrer Beteiligung an den Verbrechen des Islamischen Staates inhaftiert sind, zurückzunehmen. Und um die Zahlen für <em>„Abschiebungen“</em> zu heben, werden auch Menschen abgeschoben, die eine Arbeitsstelle haben, eine Ausbildung machen möchten oder sich ehrenamtlich engagieren, die sozusagen bestens <em>„integriert“</em> sind. Die sind aber leichter aufzufinden als so mancher Straftäter.</p>
<p>Bundeskanzler Friedrich Merz suggerierte zu Beginn der vom nordrhein-westfälischen Innenminister Herbert Reul (beide Mitglieder der CDU) später als <a href="https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/innenpolitik/id_101054702/afd-und-stadtbild-nrw-innenminister-herbert-reul-redet-klartext.html"><em>„versemmelt“</em></a> bezeichneten Stadtbilddebatte, alle Probleme ließen sich lösen, wenn zu- und eingewanderte Männer nicht mehr in Deutschland blieben. Er erntete viel Widerspruch, relativierte seine Aussage, aber letztlich bleibt der Eindruck doppelter Standards. Es gab vor der Bundestagswahl heftige Debatten in Politik und Medien über die Täter in Aschaffenburg, Mannheim, Solingen, aber gibt es auch eine in der Intensität vergleichbare Debatte über <a href="https://www.tagesschau.de/inland/regional/nordrheinwestfalen/fall-yosef-tatverdaechtiger-100.html">den 12jährigen Deutschen, der Ende Januar 2026 in Dormagen einen 14jährigen Eritreer tötete</a>? Wo sind die ARD-Brennpunkte, wo die Talk-Shows, in denen über Ursachen und Konsequenzen dieser Tat gestritten würde? Und was hätten die Ausländerbehörden (Souad Lamroubal nennt sie mehrfach <em>„(R)ausländerbehörden“</em>) veranlasst, wenn der junge Eritreer in vier Jahren seinen 18. Geburtstag hätte feiern können? Nun warnte die Polizei davor, die Tat aus Dormagen als <em>„rassistisch motiviert“</em> zu bezeichnen, weil dazu noch keine Erkenntnisse vorlägen.</p>
<p>Souad Lamroubal zitiert den Kriminalitätsforscher <a href="https://www.macromedia-fachhochschule.de/de/menschen/thomas-hestermann/">Thomas Hestermann</a>: <em>„Der kriminelle Ausländer ist eine zentrale Angstfigur.“</em> Gemeint sind oft muslimische Männer beziehungsweise Männer, die für Muslime gehalten werden. Zu diesen Zuschreibungen gehört auch eine einseitige Zuschreibung bei Frauen, die ein Kopftuch tragen. Es wird durchweg aufgrund unbegründeter Annahmen pauschalisiert und verdächtigt. Immer ist die Rede von <em>„Ausländerkriminalität“</em>, aber – so fragt Souad Lamroubal – wer spricht von <em>„Deutschenkriminalität“</em> oder <em>„Männerkriminalität“</em>? Am 11. Februar 2026 berichteten Amrei Coen, Johannes Laubmeier und Vanessa Vu über <a href="https://www.zeit.de/2026/07/rechtsextreme-jugendkultur-schule-rechtsextremismus-statistik">„Rechtsextreme Jugendkultur“</a> und die Verzweiflung mancher Lehrkräfte, die nicht mehr wüssten, wie sie dem entgegentreten sollten. Das, was in deutschen Diskussionen, Debatten, in Gesellschaft und Politik Sicherheit gibt, ist offensichtlich immer die <em>„Kriminalität der anderen“</em>, so der Titel eines eigenen Kapitels im Demokratiebuch.</p>
<p>Auch in der Sicherheitsdebatte wird <em>„Demokratie“</em> zum Synonym für den Staat, von dem als Leistung Sicherheit erwartet werden darf, jedoch nicht gewährleistet wird. In einem Interview, das in der Bielefelder Mitte-Studie 2025 abgedruckt wurde, sagte Souad Lamroubal: <em>„Man fühlt sich ausgeliefert, weil es einerseits zu wenige Schutzräume für Menschen mit Migrationsgeschichte gibt und die Normalisierung rechtsextremer und / oder rechtspopulistischer Strukturen unaufhaltsam erscheint. Man verliert das Vertrauen in Politik und Justiz. Die größte Gefahr ist eine Desillusionierung oder ein Rückzug aus demokratischen Prozessen, weil die Erfahrung vorherrscht, dass die Demokratie einen nicht schützt.“</em></p>
<p><em>„Demokratie“</em> erhält hier einen exklusiven, exkludierenden Unterton. Auch das ist eine Spielart von Rassismus. Es wird bei der Beurteilung von Kriminalität auf Persönlichkeitsmerkmale geschaut, nicht jedoch auf extremistische Einstellungen, die kriminelles Verhalten verursachen. Andererseits ist auch dies nicht so einfach, denn die <em>„AfD hat es geschafft, uns zu spalten.“</em> <em>„Ich verliere die Kontrolle, kann Gefahren nicht mehr einschätzen. Ich kann nicht mehr einschätzen, wie die Demokratiefeinde aussehen. Einige von ihnen sehen inzwischen aus wie ich. Es wird unübersichtlich. Es wird trüb. Wo bin ich noch sicher?“</em></p>
<p><em>„Sicherheit“</em> ist relativ. Souad Lamroubal berichtet von Maria, geboren in Kolumbien, heute Intensivkrankenschwester in einer Klinik. <em>„Ich bin der festen Überzeugung, dass es längst eine ganz neue Mitte gibt, die aber noch nicht sichtbar ist. Maria zählt dazu.“ </em>Maria berichtet von ihrer Anwerbung, ihrer Ankunft, ihrer Arbeit, auch dem Heimweh nach ihrer Familie in Kolumbien. <em>„Aber es ging ihr nicht um die Frage, ob sie ihre Heimat vermisst, sondern ob sie dort in Sicherheit leben kann“</em>. In Deutschland – so sagt sie – sei sie sicher, sie habe um 23 Uhr ihren Sohn im Kinderwagen um den Block schieben können, damit er sich beruhige. Dies wäre in Kolumbien nicht möglich: <em>„Die einzigen Orte, wo Kinder ausgelassen spielen könnten, seien Einkaufszentren.“ </em></p>
<p>Souad Lamroubal kommentiert: <em>„Was ist also Heimat? Ist sie nicht gerade der Ort, an dem ich sicher leben kann? / Die Frage nach dem Deutschsein rückt für mich durch diese Erkenntnis noch viel mehr in den Hintergrund. Ich stelle fest, dass wir uns oft in Identitätskonflikten verlieren. Marie geht es nicht darum, deutsch zu sein oder es zu werden, sondern darum, ihre Rechte und Pflichten in Deutschland zu kennen und diese zu wahren. Dafür erhält sie etwas, das sie wertschätzt. Ist sie Teil der deutschen Mitte? Sie ist genau das, was die Mitte ausmacht. Sie arbeitet hart und trägt ihren Teil dazu bei, dass dieses Land funktioniert. Wenn dieses Land funktioniert, kann sie hier in Sicherheit leben. Dass sie ihren Beitrag leistet, ist für sie mehr als selbstverständlich.“</em></p>
<p>Vielleicht lesen Politiker:innen, die so gerne mit Inbrunst die <em>„hart arbeitende Mitte“</em> beschwören, auch diese Sätze. Vielleicht hilft es. Irgendwann. Wir brauchen auf jeden Fall eine andere Sprache jenseits der Bindestriche und Pseudo-Normen und vielleicht eine Art neuer Bürgerrechtsbewegung. Es gibt sicherlich eine Vielzahl von Initiativen, die sich in den letzten 40 bis 50 Jahren etabliert haben und für Vielfalt einsetzen, aber diese werden entweder bedroht oder sind in erster Linie damit beschäftigt, ihre reine Lehre zu postulieren und sich von anderen Initiativen, und vor allem von Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft, die eigentlich ähnliche Ziele verfolgen abzugrenzen. Zu Vielfalt gehören jedoch gegenseitiger Respekt, der Verzicht auf Kampfbegriffe und die Bereitschaft, sich füreinander zu öffnen. Souad Lamroubal belegt eindrucksvoll, dass dies nicht immer einfach, aber auch immer möglich ist. Ein Grund mehr, ihre Bücher zu lesen und weiterzuempfehlen.   <em> </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im März 2026, Internetzugriffe zuletzt am 15. Februar 2026. Titelbild: Hans Peter Schaefer).</p>
<h1><em> </em></h1>
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		<title>Für eine &#8222;Germanistik der radikalen Vielfalt&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 03 Nov 2025 16:10:14 +0000</pubDate>
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<h1><strong>Für eine „Germanistik der radikalen Vielfalt“</strong></h1>
<h2><strong>Jeannette Oholi über die Potenziale afropäischer und afrodeutscher Literatur</strong></h2>
<p><em>„Wir neigen zu der Auffassung, daß eine strenge Arbeitsteilung zwischen nationaler, Vergleichender und Allgemeiner Literaturwissenschaft weder durchführbar noch wünschenswert ist. Wer sich mit der nationalen Literaturwissenschaft beschäftigt, sollte sich klarmachen, daß er verpflichtet ist, seinen Gesichtskreis zu erweitern, und hin und wieder Abstecher in andere Literaturen oder der Literatur verwandte Gebiete zu unternehmen. Der Komparatist hingen sollte von Zeit zu Zeit in den enger begrenzten Bereich einer Nationalliteratur zurückkehren, um wenigstens mit <u>einem</u> Fuß auf festem Boden zu bleiben.“ </em>(Henry H. H. Remak, Definition und Funktion der Vergleichenden Literaturwissenschaft, 1961, zitiert nach: Horst Rüdiger, Hg., Komparatistik – Aufgaben und Methoden, Stuttgart / Berlin / Köln / Mainz, Kohlhammer, 1973)</p>
<p>Der Literaturwissenschaftler Henry H. H. Remak schrieb diesen Text vor etwa 65 Jahren in einer Zeit, in der man sich noch auf sicherem Boden zu befinden glaubte, wenn man von <em>„Nationalliteratur“</em> oder gelegentlich auch von <em>„Weltliteratur“</em> sprach. Aber so wie sich das Verständnis von <em>„Nationen“</em> wandelte, hätte sich auch der Begriff von <em>„Nationalliteratur“</em> wandeln müssen und damit auch der Begriff der <em>„Welt“</em>. Der Begriff der <em>„Nation“</em> hätte ohnehin als Begriff des 19. Jahrhunderts in einer wissenschaftlichen Untersuchung nur noch einen Platz als deren Gegenstand, nicht jedoch als deren Voraussetzung einnehmen dürfen.</p>
<p>Wenn jemand den Versuch wagen wollte, den Begriff der <em>„Nationalliteratur“</em> zu definieren, wäre es vielleicht hilfreich, sich auf die Sprache zu konzentrieren, in der die jeweilige Literatur geschrieben wurde und wird. Der Begriff der <em>„Nation“</em> löst sich dann sehr schnell auf, denn diejenigen, die heute Literatur in deutscher, englischer, französischer oder welcher Sprache auch immer schreiben, können auf zahlreiche Quellen, Traditionen und Identitäten zurückgreifen, die in den 1960er Jahren in Europa kaum bekannt waren. Unter den belletristischen Neuerscheinungen der vergangenen 30 bis 40 Jahre in Deutschland finden sich Autor:innen mit den unterschiedlichsten Familiengeschichten, über die sich eine Reise durch alle Länder und Kontinente gestalten ließe. Doch nehmen Literaturwissenschaften und schulische Lehrpläne dies auch wahr? Vielleicht lohnt es sich, dieser Frage anhand des Beispiels der afrodeutschen oder afropäischen Literatur nachzugehen. Ich darf versprechen, dass sich in der Auflösung der Begriffe des <em>„Nationalen“</em> und – daraus folgend – des <em>„Internationalen“</em> neue Perspektiven und Welten erschließen lassen, aber auch, dass die Grenzen zwischen literaturwissenschaftlichem und aktivistischem Engagement zerfließen werden.</p>
<h3><strong>Grundlagen afropäischer Literatur(wissenschaften)</strong></h3>
<p><a href="https://www.jeannetteoholi.com/">Jeannette Oholi</a> hat sich in zwei bei transcript in Bielefeld erschienenen Büchern mit dem Stellenwert und der Rolle afrodeutscher, afropäischer oder Schwarzer Literatur – diese drei Bezeichnungen finden sich in Wissenschaft und Publizistik – in Deutschland und in Europa exemplarisch auseinandergesetzt. Im Jahr 2024 erschien ihre Gießener Dissertation „Afropäische Ästhetiken – Plurale Schwarze Identitätsentwürfe in literarischen Texten des 21. Jahrhunderts, im Jahr 2025 folgte der Sammelband „Schwarze deutsche Literatur – ästhetische und aktivistische Interventionen von den 1980er Jahren bis heute“. Vereinfacht ließe sich sagen: Dem Theorieband folgte ein Band über die Praxis. Beide Bände jedoch zeichnen sich durch fundierte Analyse anregender literarischer Texte aus und bieten so ganz nebenbei einen anregenden Überblick über afrodeutsche beziehungsweise afropäische Literatur. Wer diese Literatur entdecken möchte, wird hier genügend Lesetipps finden.</p>
<p>Die reale Grundlage der beiden Bücher bietet der Reisebericht „Afropean – Notes from Black Europe“ von <a href="https://www.johnypitts.com/info">Johny Pitts</a> (Allan Lane, 2019). Johny Pitts kommt zu dem Schluss: <em>„Africa was right where I was standing. (…) These scattered fragments of Afropean experience had formed a mosaic inside my mind, not monolithic, but not entirely amorphous either; rather, the Afropean reality was a bricolage of blackness and I’d experienced an Africa that was both <u>in</u> and <u>of</u> Europe.” </em>Wer sich mit afropäischer Literatur befasst, klärt somit auch und vielleicht sogar in erster Linie den eigenen Standpunkt, postkoloniale und intersektionelle Aspekte ebenso inbegriffen wie Rassismus- und Exklusionserfahrungen. Afrika ist eben mehr als ein geographischer Begriff, Afrika wird zu einer Einstellung, zu einer Art Status.</p>
<p>Vielleicht passt es in diesem Kontext, dass im Spätsommer 2025 eine Debatte entstand, dass die gängige die wahren Größenverhältnisse verzerrende Mercator-Darstellung der Welt durch eine realistische Darstellung abgelöst werden sollte (eine sehr anschaulichen Überblick boten Otto Wöhrbach und Natalie Ille im Tagesspiegel: <a href="https://www.tagesspiegel.de/wissen/die-alteste-desinformationskampagne-der-welt-warum-afrika-eine-neue-weltkarte-fordert-14255954.html">„Die älteste Desinformationskampagne der Welt“</a>). Im Mercator-Schnitt sind Afrika und Grönland gleich groß (möglicherweise motivierte dies Trump, sich für Grönland zu interessieren). Tatsächlich passen jedoch China, Indien, die USA, Japan, die Europäische Union und letztlich die Schweiz in Afrika hinein. Großbritannien ist etwa so groß wie Madagaskar, Russland etwa so groß wie Sahara und Sahel. Die Frage, zu der die von Jeannette Oholi vorgestellten Autor:innen Antworten suchen, lautet mehr oder weniger, wie viel Afrika in den europäischen Literaturen zu finden ist und wie sich Afrikanisches und Europäisches durch diese Begegnung verändern. Eine damit verbundene Frage lautet, wie sehr der <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/schwarze-frauen-in-deutschland/">Schwarze Feminismus</a> der 1980er Jahre zur Emanzipation eines Schwarzen deutschen beziehungsweise europäischen Bewusstseins beigetragen hat, das sich auch die afrodeutsche Literatur durchdringt. All dies ist Gegenstand der beiden Bücher von Jeannette Oholi: Wie groß ist Afrika in der deutschen (französischen, englischen, europäischen) Literatur?</p>
<h3><strong>Auf dem Weg zu einer „Germanistik der radikalen Vielfalt“</strong></h3>
<div id="attachment_7580" style="width: 207px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-7172-8/afropaeische-aesthetiken/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7580" class="wp-image-7580 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-197x300.jpg" alt="" width="197" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-197x300.jpg 197w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-200x304.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-400x608.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-600x912.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-674x1024.jpg 674w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-768x1167.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-800x1216.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-1011x1536.jpg 1011w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-1200x1824.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-1347x2048.jpg 1347w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-scaled.jpg 1684w" sizes="(max-width: 197px) 100vw, 197px" /></a><p id="caption-attachment-7580" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Jeannette Oholi plädiert in ihrer Dissertation für eine <em>„Germanistik der radikalen Vielfalt“</em>: <em>„Die Germanistik der radikalen Vielfalt initiiert einen Perspektivwechsel, da sie Pluralität in den Mittelpunkt rückt und diese – genauso wie Migration – normalisiert.“</em> Dieser Ansatz ist zwangsläufig komparatistisch, geht aber weit über traditionelle komparatistische Arbeiten hinaus, weil er sich eben nicht auf das Verhältnis zwischen verschiedenen europäischen Literaturen beschränkt. Ihre Ergebnisse ließen sich auf andere Literaturen übertragen. Daher gibt es in der Dissertation auch Kapitel zu britischen und französischen Texten. In beiden Bänden spielen US-amerikanische Autor:innen eine wichtige Rolle. Anstelle der Germanistik ließe sich somit auch jede beliebige andere Literaturwissenschaft nennen. Die von Jeannette Oholi angewandte Methode ließe sich wiederum auf andere mit einem Bindestrich bezeichnete Literaturen übertragen, zum Beispiel auf jüdische Autor:innen, die in deutscher (oder französischer oder englischer) Sprache schreiben und veröffentlichen. All diesen Autor:innen gemeinsam ist ein Habitus des <em>„Widerstands“.</em> Literatur und Literaturwissenschaft sind zugleich politische Statements und wirken als politischer Aktivismus<em>.</em> Diese Begriffe muss man wörtlich nehmen! <em>„Die Germanistik der radikalen Vielfalt ist eine widerständige Analyseperspektive (…).“ </em>Sie befreit afrikanische Quellen, Traditionen, Motive aus der <em>„Ghettoisierung in einem besonderen Afrikaprogramm“</em>, die der Romanist <a href="http://blog.romanischestudien.de/janos-riesz-und-die-afroromanistik/">János Riesz</a>, Mitbegründer der interdisziplinären Afrikanologie an der Universität Bayreuth, im Jahr 1980 angesichts der Präsentation des Schwerpunkts Afrika auf der Frankfurter Buchmesse beklagte (zitiert nach <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/polen-in-der-ddr-eine-fallstudie/">Paweł Zajas, Sozialistische Transnationalisierung</a>, Wiesbaden, Harassowitz, 2025).</p>
<p>Ihre These entwickelt Jeannette Oholi zunächst in einem Methodenkapitel („Plurale Schwarze Identitäten in einem <em>weiß</em> imaginierten Europa: Eine postmigrantische Annäherung“). In drei weiteren Kapiteln stellt sie zehn Autor:innen detailliert vor. Diese drei Kapitel tragen die programmatischen Überschriften „Bewegungen“, „Verbindungen“ und „Uneindeutigkeiten“. Ein fünftes Kapitel mit dem Titel „Fazit und Ausblick“ schließt den Kreis. Analysiert werden Texte von <a href="http://www.cfsandjon.de/">Chantal-Fleur Sandjon</a>, <a href="https://www.afrikaroman.de/autor/helen-oyeyemi/">Helen Oyeyemi</a> und Yrsa Daley-Ward im Kapitel „Bewegungen“, Texte von <a href="https://www.goethe.de/ins/mx/de/kul/lit/21736571.html">Philipp Khabo Koepsell</a>, <a href="https://about.me/sharonotoo">Sharon Dodua Otoo</a>, <a href="https://bevaristo.com/">Bernardine Evaristo</a> und <a href="https://lesbavardagesdekiyemis.wordpress.com/">Kiyémis</a> (die einzige französischsprachige Autorin im Buch) im Kapitel „Verbindungen“, <a href="https://www.fischerverlage.de/autor/olivia-wenzel-1009108">Olivia Wenzel</a>, <a href="https://aukongo.de/">Stefanie Lahya Aukongo</a> und <a href="https://www.lemnsissay.com/lemn">Lemn Sissay</a> im Kapitel „Uneindeutigkeiten“.</p>
<p>Schwarze, afropäische oder afrodeutsche Literatur ist keine weitere Spielart von <em>„Nationalliteratur“</em>. Sie lässt sich auch nicht nicht als eigene literarische Gattung abgrenzen. Sie ist kein monolithischer Block. Jeannette Oholi wendet sich gemeinsam mit den von ihr vorgestellten Autor:innen gegen dieses in den Köpfen vieler Literaturwissenschaftler:innen und Lehrkräfte vorherrschende Bild. Ihr Gegenprogramm geht von dem Begriff des <em>„Queering“</em> aus, wie ihn <a href="https://tu-dresden.de/gsw/der-bereich/news/prof-fatima-el-tayeb-neue-dresden-senior-fellow-am-zentrum-fuer-integrationsstudien">Fatima El-Tayeb</a> verwendet. So <em>„werden alternative Narrative von ‚Europäischsein‘ sichtbar, die das plurale Europa widerspiegeln.“ </em>Sie beruft sich ferner auf <a href="https://www.hanser-literaturverlage.de/personen/max-czollek-p-1378">Max Czollek</a> und seinen Begriff der <em>„Desintegration“ </em>(in: „Desintegriert euch!“ München, Hanser, 2018), den sie als <em>„widerständige Haltung gegen die <u>weiße</u> Dominanzgesellschaft“</em> versteht.</p>
<p>Der bestimmte Artikel in „<em>die <u>weiße</u> Dominanzgesellschaft“ </em>verweist auf eine Praxis der bewussten oder gegebenenfalls auch unbewussten Exklusion oder vielleicht besser gesagt der Ignoranz eines in den letzten vier Jahrzehnten immer bedeutender werdenden Teils deutscher Literatur. In Deutschland gibt es – dies wird durchgehend in beiden Büchern von Jeannette Oholi thematisiert – keine eigenen Lehrstühle für „Black Studies“. „Black Studies“ wären allerdings ungeachtet der Verdienste von János Riesz und Kolleg:innen etwas anderes als die <a href="https://www.afrikanistik.uni-bayreuth.de/en/index.html">Afrikanistik, zu der an der Universität Bayreuth gelehrt und geforscht wird</a>. Es geht um Literatur von Schwarzen Autor:innen oder Autor:innen of Color in deutscher Sprache, es geht um die afrodeutsche beziehungsweise afropäische Perspektive mit all ihren Erfahrungen. Mitunter fühlt man sich an das Schicksal der Diplomarbeit von May Ayim erinnert, die an einer Universität abgelehnt wurde, weil es doch in Deutschland gar keinen Rassismus gäbe. Die Arbeit wurde später an einer anderen Universität angenommen und in dem von May Ayim, Katharina Oguntoye und Dagmar Schultz herausgegebenen Band „Farbe bekennen – Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte“ veröffentlicht (Berlin, Orlanda Frauenbuchverlag, 1986, Neuauflage im Jahr 2020 bei Orlanda).</p>
<p>Es wäre sicherlich von Interesse, einmal Lehrpläne, Schullektüren und Abituraufgaben im Fach Deutsch zu analysieren. Dort dürfte es noch viel problematischer aussehen als in der Germanistik. In dem Aufsatz <a href="https://www.genealogy-critique.net/article/id/17228/">„Von Bewegungen, Entgrenzungen und Gleichzeitigkeiten: Schwarze deutsche Literatur als polyphone Tradition lesen“</a> (in: Genealogy+Critique 10/1, 2024) verweist Jeannette Oholi auf außeruniversitäre und <em>„nicht-staatliche Archive und Bibliotheken wie die </em><a href="https://eoto-archiv.de/literatur-kultur#bibliothek"><em>Vera Heyer Bibliothek</em></a><em> als Teil von </em><a href="https://eoto-archiv.de/"><em>Each One Teach One</em></a><em> (EOTO e.V.) in Berlin, die </em><a href="https://twm-bibliothek.de/"><em>Theodor Wonja Michael Bibliothek</em></a><em> in Köln, die </em><a href="https://arca-ev.de/projekt/fasiathek-schwarze-praesenzbibliothek/"><em>Fasiathek</em></a><em> in Hamburg sowie die kürzlich gegründete </em><a href="https://schwarze-kinderbibliothek.de/"><em>Schwarze Kinderbibliothek</em></a><em> in Bremen“</em>, alle Fundgruben afrodeutscher, afroeuroopäischer beziehungsweise Schwarzer Literatur, die in Schulen und Hochschulen noch zu entdecken wäre (Internetlinks eingefügt von NR)<em>.</em></p>
<h3><strong>Gestaltungsprinzip Polyphonie</strong></h3>
<p>Wodurch zeichnet sich eine multiperspektivische afrodeutsche oder afropäische Literatur aus? Ein Schlüsselbegriff ist <em>„Polyphonie“, </em>die Jeannette Oholi in ihrer Dissertation als <em>„ästhetisches Gestaltungsprinzip“</em> der Vielfalt definiert. Diese <em>„Polyphonie“</em> bezieht sich nicht nur auf den Stellenwert afrodeutscher Literatur als Teil der deutschen Literatur als Gesamtheit, sondern auch ihre verschiedenen Erscheinungsformen. Afrodeutsche, afropäische Literatur ist weder nach außen noch nach innen ein monolithischer Block. Es gibt eben nicht nur die <em>„Single Story“</em>, die <a href="https://www.chimamanda.com/about/">Chimamanda Ngozi Adichie</a> in <a href="https://www.youtube.com/watch?v=D9Ihs241zeg">„The Danger of a Single Story“</a> dekonstruierte.</p>
<p>Jeannette Oholi konkretisiert diese These in dem eben schon genannten Aufsatz „Bewegungen, Entgrenzungen und Gleichzeitigkeiten“: <em>„Die Polyphonie spiegelt Bewegungen wider und hat Entgrenzungen zur Folge, da durch sie die Pluralität Schwarzer deutscher Literaturen sichtbar wird. Sie steht quer zur verengten und begrenzten Rezeption Schwarzer Autor*innen und macht stattdessen ein vielschichtiges Netz von Stimmen sichtbar, die Räume innerhalb des literarischen Feldes schaffen oder (neu) besetzen.“ „Afropolitanismus“</em> und <em>„Eurozentrismus“ </em>werden dann zu Kampfbegriffen. Erst die Überwindung des <em>„Eurozentrismus“</em> schaffe eine <em>„globale Perspektive“</em>:</p>
<p>Gesellschaftlich und politisch formuliert verweist dies – so Jeannette Oholi – auf den von dem Arabisten und Islamwissenschaftler <a href="https://www.uni-muenster.de/ArabistikIslam/Mitarbeiter/bauer.html">Thomas Bauer</a> eingeführten Begriff der <em>„Ambiguitätstoleranz“ </em>(programmatisch zum Beispiel in „Die Vereindeutigung der Welt – Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt“, Stuttgart, Reclam, 2018). <em>„Die Gegenwartsliteratur Schwarzer Autor*innen wird so zu einem Ort, an dem Erinnerungen vielstimmig verhandelt und neugeschrieben werden.“</em> <em>„Pluralität“</em> ist keine <em>„Bindestrichidentität“</em>. Eine pluralistische Ästhetik manifestiert sich in den Stilmitteln: <em>„Die Pluralität zeigt sich nicht nur inhaltlich, beispielsweise in der Figurenkonstellation oder darin, was die Stimmen in den Gedichten thematisieren, sondern auch in der Ästhetik, denn die Ästhetik der literarischen Texte zeichnen sich ebenfalls durch Bewegungen, Verbindungen und Uneindeutigkeiten aus, wenn Autor*innen beispielsweise mit Textgattungen experimentieren und neue literarische Formen entstehen.“ </em>Stilmittel sind beispielsweise dialogisches oder fragmentarisches Erzählen, freie Rhythmen, Wegfall von Satzzeichen, Aufspaltung von Sätzen in eine Reihe von Wörtern, die jeweils eine eigene Zeile beanspruchen.</p>
<p>Sprache fließt, ihre <em>„Fluidität“ </em>schafft eine diachrone Ebene, die die synchrone Wahrnehmung durchdringt. Sie schafft ein Gefühl für die Veränderlichkeit der Erzählung und des Erzählten, weil es immer <em>„eine Vielzahl von Möglichkeiten“</em> gibt und eben nicht darauf ankommt, eine bestimmte Möglichkeit ein für alle Mal auszuwählen, sondern Vielfalt, <em>„Pluralität“</em>, anzuerkennen. Die jeweiligen Stilmittel müssen natürlich nicht neu erfunden werden, denn es gibt sie ohnehin schon in experimenteller Literatur, zum Beispiel in Konkreter Poesie oder auch in nicht linear erzählten Romanen, ungeachtet der Familiengeschichte und Lebenswelten der Autor:innen. Das Besondere in der afrodeutschen beziehungsweise afropäischen Literatur ist jedoch ihre Ausweitung: Materielle Wirklichkeiten, Landschaften, Gegenstände reflektieren und dekonstruieren Identitäten zugleich.</p>
<p>Jede Erzählung, jeder potenzielle Gegenstand einer Erzählung, jede erzählte Person verlangt, dass sie in der Lektüre weitererzählt, kreativ gebrochen wird, weil das Erzählte immer nur als <em>„Fragment“</em> erzählt werden kann. Bezogen auf das Monodrama „Something Dark“ von Lemn Sissay schreibt Jeannette Oholi: <em>„Das fragmentarische Erzählen unterstreicht die Pluralität der Identität des Erzählers.“</em> Individualität und Pluralität sind eben untrennbar miteinander verbunden, sodass die Frage nach einer festgefügten <em>„Identität“</em> sich letztlich erübrigen sollte. Was ist <em>„europäisch“</em>, was ist <em>„deutsch“</em>, was <em>„französisch“</em>, was <em>„afrikanisch“</em>? In diesen Überlegungen erhält der im Alltagssprachgebrauch auf geschlechtliche Vielfalt angewandte Begriff des <em>„Queering“</em> eine neue Bedeutung. <em>„Dieses <u>Queering</u> hat zur Folge, dass sich Schwarze Figuren und Stimmen in den literarischen Texten als Subjekte in ihrer Pluralität erzählen.“ </em></p>
<p>Jeannette Oholi verknüpft in diesem Sinne die folgenden Begriffe miteinander: <em>„postmigrantisch“</em>, <em>„subversiv“</em>, <em>„emanzipatorisch“</em>. Sie wendet den von <a href="https://www.gorki.de/de/ensemble/shermin-langhoff">Shermin Langhoff</a> in die Debatte eingeführten Begriff des <em>„Postmigrantischen“</em> in der Literaturwissenschaft an: <em>„Das Postmigrantische als kritische Perspektive zu nutzen, bedeutet, Rassifizierung und Marginalisierung von Schwarzen Menschen in Europa als Realität sichtbar zu machen und diese zugleich in einen größeren Kontext intersektionaler Herrschafts- und Rassismuskritik zu stellen.“</em> Eine solche Literaturwissenschaft ist im besten Sinne parteilich, nicht im marxistischen Sinne des Wortes, wohl aber im Sinne jeder auf Anerkennung von Vielfalt ausgerichteten Verfasstheit einer Gesellschaft. In diesem Kontext entsteht <em>„Afropea“</em> als <em>„ein Raum, der durch das Streben Schwarzer Europäer*innen und die Entfaltung ihrer pluralen Identitäten entsteht.“</em></p>
<p><em>„Heimat“</em> ist dann – beispielsweise bei Chantal-Fleur Sandjon – <em>„nicht an einen geografischen Ort gebunden“</em>, auch die Textgattungen verfließen ineinander, wie beispielweise bei Yrsa Daley-Ward, Lemn Sissay oder Aukongo. Lyrisches und Erzählerisches vermischen sich, auch mit ungewöhnlichen Schreibweisen (bei Aukongo zum Beispiel Unterstriche, Großbuchstaben mitten in einem Wort, freie Rhythmen) durchdringen einander, lassen neue Perspektiven entstehen. Sharon Dodua Otoo macht in „Adas Raum“ die Verbindungen zwischen den Schicksalen und Erlebnissen von vier Personen mit dem Namen Ada in verschiedenen Zeiten erfahrbar: <em>„Alle vier Ada-Figuren sind transtemporal und transnational miteinander verbunden, da ihre Erfahrungen und Geschichten miteinander resonieren.“</em></p>
<p>Ein denkbares Gegenbild zur <em>„Heimat“</em> wäre eine Variante des Exils, das Leben in einer Art Diaspora. Auf der einen Seite steht – so interpretiert Jeannette Oholi Kiyémi – <em>„die durch die Assimilation entstandene gesellschaftliche Enge“</em>, auf der anderen Seite entsteht ein neu zu entdeckender Reichtum: <em>„Die afrodiasporische Frau besteht in ihrem Innersten somit aus einer Vielzahl von Verbindungen, die sich aus Wegen, Erzählungen und Bewegungen zusammensetzen.“</em> Literatur wird zum Medium eines neuen Selbstbewusstseins, von Selbstwirksamkeit: <em>„Die Stimme schafft somit neue Räume, in denen sie sich in ihrer Pluralität entfalten kann.“</em> In diesem Kontext fügen sich bei Oliva Wenzel in „1.000 Serpentinen Angst“ Reisen, Bahnhöfe, Snackautomaten, Sprach- und Perspektivwechsel zu Metaphern einer <em>„Vielzahl von Möglichkeiten“</em>. Allerdings gehe es nicht darum, eine dieser Möglichkeiten auszuwählen und damit andere auszuschließen, sondern die Pluralität in sich aufzunehmen und sich in ihr zu bewegen. Literatur wird zur <em>„Selbstbefreiung“</em>, zum Handeln in einem selbst gestalteten <em>„Empowermentprozess“</em>. Aber natürlich bleibt es immer prekär, nie abgeschlossen, exemplarisch formuliert in Versen von Aukongo: <em>„Mein Gender balanciert auf dem seidenen Faden (…) / Irgendwo dazwischen (…) / als mehrfachverwobene, geschlungene / radikale Femme of Color“ </em>(im Original kursiv). Intersektionalität ist somit nichts anderes als die in sich und dem eigenen Schreiben erfahrene Polyphonie.</p>
<h3><strong>„Kunst als Mittel zum Überleben“</strong></h3>
<div id="attachment_7581" style="width: 204px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-7075-2/schwarze-deutsche-literatur/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7581" class="wp-image-7581 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-194x300.jpg" alt="" width="194" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-194x300.jpg 194w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-200x310.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-400x619.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-600x929.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-661x1024.jpg 661w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-768x1189.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-800x1239.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-992x1536.jpg 992w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-1200x1858.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-1323x2048.jpg 1323w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-scaled.jpg 1653w" sizes="(max-width: 194px) 100vw, 194px" /></a><p id="caption-attachment-7581" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Der von Jeannette Oholi herausgegebene Sammelband „Schwarze Deutsche Literatur“ darf als multiperspektivische Fortsetzung der in ihrer Dissertation entfalteten Thesen gelesen werden. Die Grenzen zwischen literaturwissenschaftlichem und aktivistisch-politischem Engagement zerfließen, <em>„Polyphonie“</em> spiegelt sich literarisch wie politisch in 15 Beiträgen von 19 Autor:innen, allerdings durchaus mit einem gemeinsamen Ziel, der Anerkennung afrodeutscher und afropäischer Biografien und Lebenswelten sowie ihrer Literatur. Jeannette Oholi widmet den Band Philipp Khabo Koepsell, <em>„Poet, Aktivist, Archivar und Wegbereiter in der Erforschung Schwarzer deutscher Literatur“</em> und benennt damit ihren eigenen Anspruch: Wissenschaft, Aktivismus, Popularisierung durchdringen einander. Laura Högner zitiert in ihrem Beitrag über „Kritische Darstellung <em>weißer</em> Männlichkeiten und des <em>white gaze</em> in Sharon Dodua Otoos <em>Adas Raum</em>“ ebenfalls Philipp Khabo Koepsell mit der entspannten und entspannenden Bemerkung: <em>„wir können deutsch sein – aber wir müssen es nicht“</em>.</p>
<p>Der Band gliedert sich in vier Abschnitte: „Aktivismus und Literatur(wissenschaft)“, „Erinnerung und Wissensproduktion“, „Ästhetiken und Literaturtraditionen“ sowie „Entgrenzungen und Genres“. Eine zentrale Rolle spielen immer wieder die 1980er Jahre und die inspirierende Rolle von Audre Lorde und May Ayim. Es geht allerdings nicht nur um afrodeutsche Autor:innen, so bietet Yeliz Çetin unter der Überschrift „Poetische Widerstände“ einen Vergleich der Lyrik von May Ayim und <a href="https://www.haticeacikgoez.de/">Hatice Açikgöz</a>, eingeleitet – wie könnte es anders sein – mit drei Sätzen aus dem Grußwort von Audre Lorde zu „Farbe bekennen“: <em>„Wir wollen wir selbst sein, so wie wir uns definieren. Wir sind kein Fragment eurer Fantasie oder eurer Wünsche. Wir sind nicht das Salz eurer Sehnsucht.“ </em>Yeliz Çetin, selbst auch als Literatin unterwegs, wendet sich damit gegen die vielen verschiedenen Projektionen, die Autor:innen auf ihrem literarischen Weg behindern: <em>„Schreiben ist Sprache und bedeutet eine Ausdrucksmöglichkeit, in einem sicheren Rahmen Worte zu finden und für sich zu sprechen, wo sonst keine Räume existieren und die eigene Stimme nicht gehört wird.“</em></p>
<p>In der Einleitung formuliert Jeannette Oholi zwei Punkte, die aus meiner Sicht zeigen, dass sich diese Einsicht und Programmatik nicht von selbst ergibt, nicht einmal für diejenigen, die als <em>„Afropeans“ </em>oder <em>„Afrodeutsche“</em> ein biographisches Interesse haben. Im ersten Satz schreibt sie: <em>„Ich musste über 5000 Kilometer reisen um von <u>Farbe bekennen</u> zu erfahren.“</em> Dies mag durchaus an den Curricula deutscher Universitäten liegen. In Dakar im Senegal fragte sie eine Nachbarin nach dem Buch. Aus der folgenden Lektüre dieses Buches entfaltet sie den eigentlichen Auftrag, dem sich die Autor:innen von „Schwarze deutsche Literatur“ verpflichtet sehen, auch wenn es ungeheuer schwer zu sein scheint, ihre Perspektiven, die in ihrer Forschung zentralen Werke in der gängigen Germanistik zu platzieren. <em>„Erschwert wird dieser Kampf auch durch die postulierte Trennung von Aktivismus und Wissenschaft, die nach wie vor wirkungsmächtig ist und reale Auswirkungen auf die Erforschung deutscher Literatur hat.“</em> Schwarze Literatur wird somit zu einer <em>„Bewegungsgeschichte“</em>.</p>
<p>Was als <em>„afrodeutsche Frauenbewegung“</em> begann, wurde auch zu einer literarischen Bewegung mit Wirkungen nicht nur auf afrodeutsche Autor:innen. Dazu Laurel Chougourou in ihrem Beitrag über „May Ayim und Audre Lorde – Transgenerationale Erinnerungsarbeit als Form afrodeutschen feministischen Widerstands“: <em>„Die afrodeutsche Frauenbewegung hat es geschafft, nationale Diskurse zu hinterfragen und zu prägen und historische Ereignisse, wie die der Kolonialzeit, in den dominanten Wissenskanon einzustreuen. Sie hat maßgeblich einen sozialen Wandel herbeigeführt.“</em></p>
<p>Dieses Ziel sollte jedoch nicht mit Eskapismus verwechselt werden, es geht um Empowerment, um die Erfahrung von Selbstwirksamkeit: <em>„An May Ayims grenzenlose Lyrik anknüpfend, auf sie aufbauend und sie ergänzend schreiben bis heute Schwarze Menschen und People of Color lyrische Texte, um sich selbst und gegenseitig zu empowern.“ </em>Es geht letztlich um die Dekonstruktion von <em>„Machtstrukturen“. </em>Hatice Açikgöz folgt dem von May Ayim vorgelebten Weg. Yeliz Çetin zitiert sie aus dem Vorwort von <a href="https://wortenundmeer.net/buch/hatice-acikgoez-fancy-immigrantin">„fancy immigrantin“</a> (2023 bei <a href="https://wortenundmeer.net/">w_orten&amp;meer</a> erschienen): <em>„dieses buch ist offiziell politisch (…) schreibe in deine rezension, das frau açikgöz‘ buch autobiografisch ist und sie ohne ihre mehrfache marginalisierung keinen dieser texte hätte schreiben können.“</em> Es ließe sich von einer Bestandsaufnahme sprechen, in der <em>„kulturelle vielfalt“</em> zwar immer wieder in Sonntagsreden beschworen werden mag, jedoch zurzeit nicht mehr ist als <em>„eine fata morgana / im land der diversität“</em>. Sharon Dodua Otoo sagt im Gespräch mit Selma Rezgui und Laura Marie Sturtz, es sei <em>„kaum möglich, nicht politisch zu schreiben“</em>. Der Titel dieses Gesprächs ist Programm: „Aktivistisch Lesen und Schreiben“.</p>
<h3><strong>Literatur(wissenschaft) ist und bleibt politisch</strong></h3>
<p>Doch wie ließe sich Schwarze deutsche Literatur popularisieren? Claudia Sackel bezieht sich auf Gedichte von May Ayim und Stefanie-Lahya Aukongo. Auch sie sieht wie Jeannette Oholi in ihrer Dissertation in Schwarzer beziehungsweise afrodeutscher Literatur <em>„ein polyphones Netz_Werk, das sich durch das Oszillieren verschiedener Stimmen und Temporalitäten konstituiert“</em>. Identität gibt es ebenso nur im Plural wie Politik und Poetik, in der ständigen und gegenseitigen, im Grunde dialektischen Durchdringung. <em>„Ich habe vorgeschlagen, Schwarze deutsche Literatur als transgressive Netz_Werke zu lesen, die offen und dialogisch organisiert sind und vielschichtige Poetiken und Politiken der Relationalität, Transmedialität und Translingualität zu entwerfen.“</em></p>
<p>Es ließe sich hinzufügen: und zu lesen! Eine Aufforderung an Produzent:innen wie Rezipient:innen von Literatur und letztlich auch eine Aufforderung an Literaturwissenschaft zum Dialog mit Literatur, der nicht distanziert gepflegt werden sollte, sondern partizipativ, als Teil der Bewegung. Letztlich ist dies eine hermeneutische Grundweisheit, denn Literatur lässt sich nur so lesen, betrachten, analysieren, indem die Lesenden, Betrachtenden, Analysierenden in sie eintauchen. Thanapon Danpakdee tut dies am Beispiel von Olivia Wenzels Roman „1000 Serpentinen Angst“. Er <em>„betrachtet die Produktion eines alternativen Wissens als Interventions- und Widerstandsstrategie des Romans.“</em> Deborah Fallis befasst sich mit der Spiegelung rechter Gewalt in Schwarzer deutscher Lyrik: „Zwischen Klage und Widerstand“: <em>„Betrachtet man die Schwarze Literaturtradition in Deutschland, finden sich zahlreiche Texte, die sich mit dem Erleben und Überleben rassistischer Gewalt auseinandersetzen, viele davon Gedichte. Die Form des Gedichts erlaubt in besonderem Maße sprachliche Verdichtung, zu der Mehrdeutigkeit und Ambivalenzen gehören, aber auch komplexe, da räumlich begrenzte, Konzeption von Perspektivität.“ </em>Sie zitiert Sharon Dodua Otto, die dieselbe Botschaft als politische Aufforderung formuliert: <em>„Für uns als Schwarze Künstler_innen wird die künstlerische Produktion (…) eine Strategie, eine Praxis des Widerstands, eine Praxis dessen, was bell hooks ‚talking back‘ genannt hat. (…) Wir nutzen Kunst als Mittel zum Überleben.“</em></p>
<p>bell hooks ist auch Gewährsautor:in im Beitrag von Laura Högner, die sich ausgehend unter anderem von Toni Morrison und Frantz Fanon mit den <em>„Schwierigkeiten der Subjektkonstitution für Schwarze Menschen in einer <u>weiß</u> dominierten Gesellschaft“ </em>befasst. <em>„bell hooks konfrontiert den <u>white gaze</u> mit dem <u>oppositional gaze</u>“</em>, der <em>„als Instrument des Widerstands gegen intersektionale Diskriminierung“</em> zu verstehen sei. Damit nähert sich W.E.B. Du Bois an, der 1903 die These vom <em>„double consciousness“</em> formulierte, oder auch <em>„Judith Butlers Ansatz des gefährdeten Lebens (2010)“ </em>und der von Kimberley Crenshaw 1991 postulierten Trias von <em>„<u>race</u>, <u>gender</u> und <u>class</u>“</em>. Laura Högner bietet geradezu einen geistesgeschichtlichen tour d‘horizon zur Genese der von W.E.B. Du Bois bis heute reichenden Entwicklungen, die sich nicht zuletzt dadurch auszeichnen, das sich etwa seit den 1980er Jahren immer mehr Frauen an der Debatte beteiligten und damit den Blick für die intersektionellen Verschränkungen von Machtverhältnissen öffneten. Letztlich geht es um eine Auflösung der Machtverhältnisse, die sich jedoch zunächst als Umkehrung fassen lässt. <em>„Fanon entlarvt also die weiße Dominanzgesellschaft als das tatsächliche Andere und kehrt damit die vorherrschende Wahrnehmungskonvention um.“ </em>Etwa zwei Jahrzehnte später wurde daraus eine feministische Debatte, die Fanon wahrscheinlich noch nicht einkalkuliert hatte.</p>
<p>Schwarze deutsche beziehungsweise Schwarze europäische Literatur weitet den Blick. Sigrid G. Köhler bringt dies in ihrem Beitrag über „Untergründe, Zeitgeflechte und der Einsatz des Erzählens“ auf den Punkt: <em>„Sie erzählen deutsche Geschichte nicht als nationale, europäische oder westliche Geschichte, sondern als Teil einer transatlantischen Kulturgeschichte, für die nicht zuletzt Kolonialismus, Rassismus und Versklavung konstitutiv waren und immer noch sind.“</em> Timothy Brown spricht am Beispiel des Romans „Biskaya“ von <a href="https://schwarzrund.de/">SchwarzRund</a> eine <em>„Ästhetik der Wideraneignung“</em>. Erinnerungskulturen, Herkünfte, Genealogien, mehr oder weniger diasporische Identitäten (auch all diese nur im Plural zu erfassen) sind Teil der <em>„Idee von fluiden Identitäten“</em>. Queerness ist nicht nur ein möglicher Inhalt, sondern <u>die</u> Methode, mit der sich diese sich stets verändernde Vielfalt erfassen lässt. Eine solche Literatur ist auf keinen Fall der traditionelle <em>„Opferporn“</em>, <em>„immer etwas über den Kampf und das Leid Schwarzer Menschen in einer <u>weißen</u> Gesellschaft“</em>, den unbedarfte Leser:innen von Schwarzer Literatur <em>„erwarten“ </em>– so <a href="https://antagonisten.de/">Patricia Eckermann</a>, Autorin von „Elektro Krause“ (Köln, Eckermann, 2021), im Gespräch über Schwarze Deutsche Phantastik, an dem sich auch <a href="https://www.sarah-fartuun-heinze.de/">Sarah Fortuun Heinze</a> und <a href="https://jamessullivan.de/">James A. Sullivan</a> beteiligen.</p>
<p>Jeannette Oholi und die von ihr zu Rate gezogenen Autor:innen argumentieren literarisch und politisch zugleich. Literarisches Schaffen wird zum Instrument von <em>„Aktivismus“</em> und ist zugleich so viel mehr. In ihrer Dissertation schreibt Jeannette Oholi über Aukongo einen grundlegenden Satz, der auch auf alle anderen von ihr vorgestellten Autor:innen passt: <em>„In Aukongos Gedichten lässt sich eine Verschränkung von Aktivismus, Widerstand, Ästhetik und Identitätsbildung beobachten (…)</em>“ So kann es gelingen, <em>„die eigene Existenz als gelebte Realität in die Gegenwart einzuschreiben“ </em>und die gängigen Erwartungshaltungen zu durchbrechen.</p>
<p>Das, was in den Literaturwissenschaften geschehen sollte, unterscheidet sich von den grundlegenden politischen Debatten nicht. Hier lohnt sich ein Blick in das neue Buch von Minna Salami: <a href="https://msafropolitan.com/can-feminism-be-african-a-most-paradoxical-question">„Can Feminism be African? A Most Paradoxical Question“</a> (London, Harper Collins, 2025). <a href="https://www.zeit.de/2025/19/afrikanischer-feminismus-frauenbewegung-intersektionalitaet-geschichte">In der ZEIT vom 8. Mai 2025</a> fasste Minna Salami die Ergebnisse ihres neuen Buches in einem beeindruckenden Essay zusammen, durchaus in der Tradition von Kimberley Crenshaw, bell hooks oder Audre Lorde.</p>
<p>Minna Salami wendet sich gegen die in der medialen Berichterstattung gängigen Stereotypsierungen: <em>„Afrikanischer Feminismus wird oft auf Leiden reduziert – Krieg, Hunger, schlechte Infrastruktur.“</em> Aber das ließe sich ändern, durch Sprache oder eben durch Literatur: <em>„Die Verhärtung der Wahrnehmung durch Sprache aufzulösen, heißt, den Boden für eine andere Weise des Sehens zu bereiten – und dadurch für eine andere Weise der Koexistenz. Im Zentrum dieser Erkundung liegen die Spannungen zwischen afrikanischer Identität und feministischem Sein. Sie sind nicht nur politischer oder kultureller Art; sie sind ontologisch. Sie betreffen nicht weniger als das Recht, das Afrikanischsein als Frauen, als Feministinnen, als vollwertige Wesen zu definieren und zu leben. Dieses Recht hat immer gefehlt.“ </em></p>
<p>Es waren vor allem Männer, die bestimmten, was Afrika sei. Es waren vor allem <em>weiße</em> Frauen, die definierten, was Feminismus sei. So wie Männer oder <em>weiße</em> Frauen ihre jeweiligen Perspektiven absolut setzten, so neigen auch deutsche und europäische Literaturwissenschaftler:innen und Literaturjournalist:innen dazu, ihre traditionelle deutsche (oder europäische) Sicht auf jede beliebige Literatur anzuwenden und sich nach wie vor in dem überholten Bild eines Nebeneinander verschiedener <em>„Nationalliteraturen“</em> zu ergehen.</p>
<p>Minna Salami geht es um feministische Perspektiven in und zu Afrika, Jeannette Oholi um die Potenziale afrodeutscher und afropäischer Literatur und Literaturwissenschaften für Empowerment und Selbstwirksamkeit in Europa. Beides ist meines Erachtens untrennbar miteinander verbunden und dürfte sich gegenseitig bereichern. Literatur ist immer vielstimmig und voller unterschiedlicher Perspektiven. Sie erschließt sich aus der Sprache, den Lebenswelten und Umwelten der Autor:innen, ihren Erfahrungen, Erinnerungen und Visionen. Die Perspektive der Literaturwissenschaften der Zukunft ist die von Jeannette Oholi vertretene <em>„Germanistik der radikalen Vielfalt“</em>! Das ist letztlich ein kohärentes und höchst anspruchsvolles literaturwissenschaftliches Programm, gerade auch für die Komparatistik. In diesem Programm haben Begriffe wie <em>„Nationalliteratur“ </em>oder <em>„Weltliteratur“</em> keinen Platz mehr, denn jede Literatur schafft <em>„Welt“</em> und <em>„Welten“</em>.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im November 2025, Internetzugriffe zuletzt am 2. November 2025. Titelbild: Beate Blatz.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Die Theaterkultur der Ukraine</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-theaterkultur-der-ukraine/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 21 Oct 2025 08:27:48 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die Theaterkultur der Ukraine Eine einzigartige Studie über 1.000 Jahre Theatergeschichte „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“. (Ludwig Wittgenstein, „Tractatus Logico-Philosophicus“, 1921) Ende des Jahres 2023 legten Forschende des Instituts für zeitgenössische Kunst der Nationalen Akademie der Künste der Ukraine – Olexander Klekovkin, Iuliia Bentia und Svitlana Kulinska – eine zweibändige  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-7 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-6 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-7" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Die Theaterkultur der Ukraine</strong></h1>
<h2><strong>Eine einzigartige Studie über 1.000 Jahre Theatergeschichte</strong></h2>
<p><em>„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“</em><em>. </em>(Ludwig Wittgenstein, <a href="https://www.gutenberg.org/files/5740/5740-pdf.pdf">„Tractatus Logico-Philosophicus“, 1921</a>)</p>
<p>Ende des Jahres 2023 legten Forschende <a href="https://mari.kyiv.ua/">des Instituts für zeitgenössische Kunst</a> der Nationalen Akademie der Künste der Ukraine – Olexander Klekovkin, Iuliia Bentia und Svitlana Kulinska – eine zweibändige Ausgabe vor, die die ukrainische Theaterterminologie aus Hunderten von Jahren vereint („Teatralna kultura Ukrajiny: materialy do istorytschnoho slownyka“ („Theaterkultur der Ukraine: Materialien zu einem historischen Wörterbuch“). Nischyn, 2023. <a href="https://mari.kyiv.ua/sites/default/files/inline-images/pdfs/Klekovkin_2023_slovnik_tom-1.pdf">Bd. 1: A–O, 728 S.</a>; <a href="https://mari.kyiv.ua/sites/default/files/inline-images/pdfs/Klekovkin_2023_slovnik_tom-2.pdf">Bd. 2: P–Ja, 784 S.</a>). Die Arbeit am Text des Wörterbuchs dauerte fünf Jahre; ein weiteres Jahr wurde für die Vorbereitung der Publikation benötigt. Drei dieser Jahre entfielen auf die Zeit <em>vor</em> der großangelegten russischen Invasion, drei weitere auf die Zeit <em>nach</em> ihrem Beginn. Das Werk ist inzwischen <a href="https://mari.kyiv.ua/publications/monographs/individual-monographs">auf der Website des Forschungsinstituts für zeitgenössische Kunst</a> frei zugänglich.</p>
<h3><strong>Das ukrainische Theater in der Forschung</strong></h3>
<p>In seinem Vorwort zu der Publikation schreibt Olexander Klekovkin: „<em>Das Problem der ukrainischen Theaterterminologie ist ein historisches Problem, denn hinter ihr steht die Geschichte des Kampfes um eine eigene Theaterkultur – und somit um ein eigenes System von Begriffen und Termini.</em>“ Er fügt hinzu: „<em>Die Erforschung der Geschichte theatraler Termini – als eine eigentümliche Form der Verfremdung gewohnter Vorstellungen vom Theater – eröffnet die Möglichkeit, verborgene oder kaum wahrnehmbare, mithin schwer analysierbare Prozesse in der Geschichte der Theaterkultur sichtbar zu machen und über die gewohnten Grenzen von Hagiografie und Ranglisten hinauszugehen. Auf diese Weise lässt sich die Abhängigkeit von gängigen ideologischen und ästhetischen Klischees überwinden. Insgesamt schafft die Untersuchung der Geschichte theatraler Termini – sowohl inhaltlich als auch im Hinblick auf die Geschlossenheit einzelner Terminologiesysteme – die Voraussetzungen für eine radikale Neubewertung des Gegenstandsfeldes und des methodologischen Instrumentariums der Theaterwissenschaft in der Ukraine</em>“.</p>
<p><img decoding="async" class="alignright wp-image-7552 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Theaterkultur_Ukraine-300x184.jpg" alt="" width="409" height="251" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Theaterkultur_Ukraine-200x123.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Theaterkultur_Ukraine-300x184.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Theaterkultur_Ukraine-400x245.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Theaterkultur_Ukraine-600x368.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Theaterkultur_Ukraine-768x471.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Theaterkultur_Ukraine-800x490.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Theaterkultur_Ukraine-1024x628.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Theaterkultur_Ukraine-1200x736.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Theaterkultur_Ukraine-1536x941.jpg 1536w" sizes="(max-width: 409px) 100vw, 409px" />Die Autor:innen der Arbeit „Theaterkultur der Ukraine: Materialien zu einem historischen Wörterbuch“ haben die im ukrainischen Theater von seinen Anfängen bis in unsere Zeit gebräuchlichen Termini und Begriffe gesammelt und systematisiert und auf der Grundlage dieses historischen Wörterbuchs die Besonderheiten der ukrainischen Theaterkultur sowie die Dynamik ihrer Veränderungen rekonstruiert. Die Publikation erfasst und analysiert die ukrainische theatralische Terminologie von den ersten Erwähnungen theatralischer Praktiken auf dem Gebiet der heutigen Ukraine (chronikologische Quellen des 11. Jahrhunderts) bis zur Gegenwart. Der größte Teil des Quellenmaterials gehört jedoch in die Zeit vom Beginn des 19. Jahrhunderts – der Phase der aktiven Herausbildung der ukrainischen Nationalkultur – bis in die 1930er Jahre, nach denen die Terminologie und damit auch die begriffliche Grundlage für lange Zeit gleichsam eingefroren wurden. Die ukrainische Theaterlexik wurde anhand von Periodika, dramatischen Werken, publizistischen Texten und epistolaren Zeugnissen untersucht. Dies ist nicht nur für das Studium der Schaffenswege der Bühnenkünstler dieser Epoche und ihrer Ansichten über Theaterkunst und Dramaturgietechnik bedeutsam, sondern auch für die Präzisierung unserer Vorstellungen von der Vergangenheit des ukrainischen Theaters. Denn die Inventarisierung von Termini bedeutet die Fixierung von Markern der Entwicklung einer Theaterkultur in einer bestimmten Epoche.</p>
<p>Die Begriffsgeschichte ist eine der aktuellen Forschungsrichtungen der Geschichtswissenschaft, die sich in den 1960er-Jahren vor allem dank der Arbeiten von Reinhart Koselleck verbreitet hat. Dieser Ansatz wurde zur praktischen Antwort auf Ludwig Wittgensteins berühmten Satz: <em>„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“</em> Die Fruchtbarkeit einer derartigen Herangehensweise begründete seinerzeit Hans-Georg Gadamer in seiner Schrift <a href="https://www.jstor.org/stable/24358337">„Begriffsgeschichte als Philosophie“</a>, und ihr praktisches Potenzial wurde in der Folge von Forscherinnen und Forschern unterschiedlicher Disziplinen überzeugend demonstriert. In den letzten Jahrzehnten sind in diesem Genre zahlreiche Monographien internationaler Forscher erschienen, die der Geschichte nationaler theatralischer Terminologien gewidmet sind: der polnischen (Jerzy Ronard Bujański, Słownictwo teatralne w polskiej dramaturgii, Wrocław, 1971; Anna Cegieła, Polski słownik terminologii i gwary teatralnej, Wrocław, 1992; Maria Rutkowska, Terminologia dramatu i teatru w polskim Oświeceniu, Poznań, 2007; Rafał Kowalczyk, Rosyjskie słownictwo teatralne w porównaniu z polskim, Wrocław, 2005); der französischen (Teresa Jaroszewska, Le Vocabulaire du Théâtre de la Renaissance en France (1540–1585): Сontribution à l’histoire du lexique théâtral, Łódź, 1997; Teresa Jaroszewska, „La lexique théâtral français à l’époque de la Renaissance“, <em>Zeitschrift für romanische Philologie</em>, 2000, Bd. 116, H. 3); der englischen (Alan Dessen, Leslie Thomson, <em>A Dictionary of Stage Directions in English Drama, 1580–1642</em>, Cambridge, 1999); der altgriechischen (Krzysztof Bielawski, Terminy rytualno-kultowe w tragedii greckiej epoki klasycznej, Kraków, 2004), und andere. Im Bereich der ukrainischen Bühnenkunst stellt die Publikation „Theaterkultur der Ukraine: Materialien zu einem historischen Wörterbuch“ die erste Arbeit dieser Art dar.</p>
<p>In der Ukraine war dieser Typ von Forschung in einem dem Theater nahestehenden Bereich über lange Zeit lediglich durch den „Slovnyk literaturoznavtschych terminiv Ivana Franka“ (Wörterbuch der literaturwissenschaftlichen Termini von Ivan Franko) (Stepan Pinchuk, Yevhen Rehushevsky, Kyjiw: Naukova Dumka, 1966) vertreten. In den letzten Jahrzehnten sind jedoch auch eigenständige monographische Publikationen erschienen: „Slovnyk literaturoznavčych terminiv Ivana Ohiienka“ [Wörterbuch der literaturwissenschaftlichen Termini von Ivan Ohienko] von Vitaliy Matsko (Chmelnytskyi, 1997), „Slovnyk filolohitschnych terminiv Mychajla Drahomanova“ (Wörterbuch der philologischen Termini von Mychajlo Drahomanow] von Vasyl Derkach, Kremenchuk, Jatran, 2000) sowie „Slovnyk filolohitschnoji terminolohiji ta nomenklatury tvoriv M. S. Hruschevskoho“ (Wörterbuch der philologischen Terminologie und der Werknomenklatur von Mychajlo Hruschewskyj) von Oksana Maslykova, Simferopol, 2002). Zu einem ähnlichen Typ von Veröffentlichungen zählen auch Wörterbücher der Sprache einzelner Schriftsteller: „Slovnyk movy H. Kvitky-Osnovjanenka“ [Wörterbuch der Sprache von Hryhorij Kwitka-Osnowjanenko] in drei Bänden (Charkiw, 1978–79), „Slovnyk movy Lesi Ukrajinky“ (na materiali zbirky “Na krylakh pisen’”) (Wörterbuch der Sprache von Lesia Ukrainka auf der Grundlage des Bandes „Auf den Flügeln der Lieder“, Lutsk, 2012) sowie „Slovnyk movy poetytschnoji zbirky Ivana Franka ‘Zivjale lystja’“ (Wörterbuch der Sprache des Gedichtbandes „Verwelkte Blätter“ von Ivan Franko] von Zenovij Terlak, Lviv, 2010); Leonid Ushkalov, „Moja schewtschenkiwska entsyklopedija: iz doswidu samopiznannja“ (Meine Schewtschenko-Enzyklopädie: Aus der Erfahrung der Selbsterkenntnis, Kyjiw, 2019). Diese Arbeiten belegen die zunehmende Aktualisierung und Relevanz personaler und historischer terminologischer Wörterbücher in den Geisteswissenschaften.</p>
<h3><strong>Quellen, Definitionen, Begriffe</strong></h3>
<p>Die Quellen zur Geschichte des Theaters in der Ukraine wurden in mehreren Sprachen verfasst (Altkirchenslawisch, Altukrainisch, Ukrainisch, Russisch, Polnisch), was nicht nur die Besonderheiten der nationalen Bühnenpraxis widerspiegelt. Schließlich ist die gesamte primäre Terminologie des europäischen Theaters – zum Beispiel Theater, Szene, Aktor, Tragödie, Komödie – ebenso wie zahlreiche neuere Termini – zum Beispiel Happening, Performance, Verbatim – entlehnt. Dies zeugt von kulturellen Überschneidungen und mahnt dazu, diesen Sachverhalt ohne unnötige fachliche Befangenheit zu betrachten. Hinzu kommt, dass aus der Perspektive der Theaterkultur weniger der linguistische als vielmehr der fachliche Aspekt der Terminologie von Bedeutung ist: nicht so sehr die Verbalisierung eines Phänomens, sondern die Tatsache seines Vorhandenseins im theatralischen Bewusstsein der jeweiligen Epoche; nicht so sehr die Frage nach der Bezeichnung des Vorhangs oder der Kulisse, sondern die Tatsache ihrer Einführung; nicht so sehr der Terminus, sondern der Begriff, die Erscheinung, das Ding, das Phänomen. Aus diesem Grund wurde in die Untersuchung auch die polnische Theaterterminologie einbezogen, deren Einfluss der ukrainische Theater – zumindest auf terminologischem Niveau – bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts besonders deutlich verspürte.</p>
<p>Im Zuge der Arbeit an der Edition wurden in den Jahren 2019–23 über drei Tausend Quellen aus dem Zeitraum 1068–2022 ausgewertet. In der Edition sind mehr als 8.000 lexikalische Einheiten erfasst (theatralische Termini, feste Wendungen und bisweilen auch bildkräftige metaphorische Bezeichnungen), die das Vorhandensein bestimmter Erscheinungen in der Theaterpraxis und im theatralischen Bewusstsein der jeweiligen Epoche — also in der Theaterkultur — belegen und zugleich den Wortschatz des modernen Theaters bereichern.</p>
<p>Hinter jeder lexikalischen Einheit steht ein Begriff oder ein Phänomen, das die Besonderheiten der damaligen Bühnenpraxis charakterisiert. So bieten etwa die nachstehenden Fragmente Beschreibungen von Gepflogenheiten, die für die Theaterkultur ihrer Zeit kennzeichnend sind: „<em>Die Schauspieler und Schauspielerinnen jener Zeit </em>(des 19. Jahrhunderts, die Autorin)<em> hatten noch eine weitere Einnahmequelle: Sie verteilten die Eintrittskarten für ihre Benefizvorstellungen eigenhändig in den Häusern wohlhabender Bürger und erhielten dafür sogenannte </em><em>‚</em><em>Preise</em><em>‘</em><em>. Ein reicher Theatergänger zahlte für die Karten das Doppelte oder Dreifache, weshalb solche Fahrten durch die Stadt überhaupt unternommen wurden. Ein </em><em>„</em><em>Förderer der Kunst</em><em>“</em><em> schickte das Geld durch seinen Diener und wies ihn an, den Schauspieler oder die Schauspielerin zu bewirten.</em>“ (Nikolaj Tschernjaew, „Iz harkovskoj teatralnoj stariny“ (Aus der Charkiwer Theatervergangenheit, Charkiw, 2010). In diesem Fall ist der zentrale Terminus <em>(„Preis“)</em>, wobei zugleich eine Rückverweisung auf <em>„Benefiz“</em> und <em>„Schauspielerin“</em> erfolgt.</p>
<p>Ein weiteres Beispiel findet sich in den Erinnerungen von Marko Kropyvnytskyj, wo der Schlüsselbegriff <em>„Ovation“</em> lautet: <em>„Die junge, aufgeschlossene Zuschauerschaft begrüßte dieses Werk mit großer Herzlichkeit, und nach der Vorstellung veranstaltete sie eine unerhörte Ovation mit einem Fackelzug: Man einigte sich mit etwa fünfzig Kutschern, und auf jede Kutsche setzten sich drei Personen, sodass sich auf diese Weise ein ganzer Zug formierte</em><em>.</em><em>“</em> (Marko Kropyvnytskyj, „Tvory“ (Werke), 6 Bde., in Bd. 6, Kyjiw, 1960.)</p>
<p>Unter Berücksichtigung des Genres der Publikation werden die Termini ohne historische oder etymologische Kommentare wiedergegeben; lediglich einige veraltete Begriffe werden kurz erläutert. Neben den Lexemen, die heute zweifellos den Anspruch erheben können, als Termini zu gelten (Exposition, Katastrophe, Thema, Idee zum Beispiel) enthält die „Materialien zu einem historischen Wörterbuch“ auch Ausdrücke und einzelne Redewendungen, die die Besonderheiten des theatralischen Bewusstseins und der szenischen Praxis vergangener Zeiten widerspiegeln.</p>
<p>Besonderes Interesse verdienen die in alten Wörterbüchern verstreuten Termini, in denen sich mitunter ungewohnte, jedoch außerordentlich wichtige Definitionen für das Verständnis der historischen Theaterpraxis finden. So entspricht etwa eine Definition wie <em>„Dekadent — ein Schriftsteller oder Maler, der so schreibt oder malt, wie es ihm erscheint, auch wenn es der Wahrheit nicht ähnlich ist“</em> (aus dem „Slovaryk“ von Wasyl Domanitskyj, 1906) zwar nicht unseren heutigen Vorstellungen des Dekadenzbegriffs, erklärt jedoch die Haltung des durchschnittlichen Zuschauers zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegenüber der neuen Kunst. Solche Definitionen sind überaus wertvolles Material für das Verständnis der Besonderheiten der Theaterkultur vergangener Zeiten – ihrer Praxis, ihrer ästhetischen Vorstellungen und ihrer Denkgewohnheiten. In diesem Sinne interessierten uns die Termini und ihre inhaltliche Ausgestaltung vor allem als Indikatoren für Erscheinungen, Vorstellungen, methodologische Prinzipien, ästhetische Erwartungen, Zuschauergewohnheiten sowie für die künstlerische und administrative Praxis des Theaters früherer Epochen.</p>
<p>Der Hauptteil der im Wörterbuch zitierten Texte wird nach den Originalquellen oder nach wissenschaftlichen Ausgaben wiedergegeben; in einigen Fällen stützen sich die Zitate auf Forschungsarbeiten, in denen die Ergebnisse der Auswertung schwer zugänglicher historischer Quellen – darunter Buchausgaben, Periodika und Archivmaterialien – vorgelegt wurden. Die Quellenverweise in den Wörterbuchartikeln erfolgen in gekürzter Form in eckigen Klammern direkt im Text: Zuerst wird das Datum der Entstehung oder der Erstdruck angegeben, anschließend der verkürzte Titel der jeweiligen Schrift, gegebenenfalls mit Seitenzahl. Die vollständige, nummerierte Bibliographie der Quellen wird am Ende der Arbeit geboten – chronologisch nach Jahren geordnet und innerhalb eines Jahres alphabetisch. Die orthographischen Besonderheiten der Originalquellen bleiben beibehalten.</p>
<p>Die Struktur jedes Wörterbucheintrags umfasst: den Terminus; eine kurze Erklärung des Begriffs (falls notwendig), das frühe Datum seines Nachweises, Beispiele für die Verwendung des Terminus in der Theaterpraxis, die Quellenangabe des Zitats sowie eine Verweisstruktur – also einen Querverweis auf einen anderen Terminus, mit dem er in Beziehung steht oder in dessen Artikel ebenfalls ein Beleg für den betreffenden Gebrauch zu finden ist.</p>
<p>Die Edition „Theaterkultur der Ukraine: Materialien zu einem historischen Wörterbuch“ richtet sich an Forscherinnen und Forscher der Kultur- und Kunstwissenschaften sowie an Historiker, Philologen und all jene, die sich für die Geschichte der ukrainischen Theaterkultur interessieren. Sie konnte nur auf dem Fundament der intensiven und fruchtbaren Arbeit vieler Generationen ukrainischer Theaterwissenschaftler sowie von Sprach- und Kulturforschern entstehen. Wie jedes Wörterbuch ist es nicht vollständig; dennoch legt es ein wichtiges Fundament für künftige Forschungen in verwandten Bereichen der ukrainischen Kultur und stellt zugleich eine wesentliche Quelle für die konzeptionelle Erneuerung der modernen ukrainischen Theaterwissenschaft dar.</p>
<p><strong>Yuliia Dobronoso</strong><strong>v</strong><strong>a</strong>, Kyjiw</p>
<p>Die Autorin ist Schriftstellerin, Philosophin und Essayistin. Im Jahr 2002 verteidigte sie am Hryhorij-Skoworoda-Institut für Philosophie der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine eine Ph.D. Dissertation, die dem philosophischen Diskurs von Lesia Ukrainka gewidmet war. Seit 2009 ist sie Dozentin am Lehrstuhl für Philosophie und Pädagogik der Nationalen Transportuniversität (Kyjiw). Ihre wissenschaftlichen Interessen umfassen die philosophische Anthropologie sowie die Medienphilosophie.</p>
<h3><strong>Lyrik, Prosa, Essays und Rezensionen von Yuliia Yemets-Dobronosova: </strong></h3>
<ul>
<li>„Widlunja samotnosti. Knut Hamsun i kontekst ukraïnskoho modernizmu“ (Echo der Einsamkeit – Knut Hamsun und der Kontext der ukrainischen Moderne, Kyjiw, 2003),</li>
<li>„Ravlyky tyshi. Poeziji“ (Schnecken der Stille – Gedichte, Charkiw, 2004),</li>
<li>„Hymeryka@step.ua. Roman“ (Lwiw, 2006),</li>
<li>„Ultra Light. Systema dychannja. Roman“ (Ultra Light – Ein Atmungssystem. Roman, Kyjiw, 2011)</li>
<li>„Sriblo i moloko. Poeziji“ (Silber und Milch – Gedichte), Kyjiw, 2017).</li>
<li>Wissenschaftliche Herausgeberin der ukrainischen Ausgabe von Zygmunt Baumans „Liquid Modernity“ („Plynni tschasy“, Kyjiw, 2013).</li>
</ul>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung der deutschen Übersetzung im Oktober 2025, Übersetzer: Pavlo Shopin, Drahomanow Universität Kyjiw, Internetzugriffe zuletzt am 21. Oktober 2025, Titelbild: Morituri te salutant eine Inszenierung nach den Novellen von Wassyl Stefanyk, Regie Dmytro Bogomasow © Ivan Franko Theater.)</p>
</div></div></div></div></div>
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			</item>
		<item>
		<title>Das Einheitspuzzle</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/das-einheitspuzzle/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 Oct 2025 11:09:10 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Das Einheitspuzzle Drei Bücher zum 35. Jahrestag des 3. Oktober 1990 „Der 4. November 1989 ist ein besonderer Tag. Maura hat sturmfrei. Die Geschichtsbücher freilich werden später berichten, dass sich an diesem Tag auf dem Alexanderplatz in Berlin auf Initiative einiger Theater hin eine Million Menschen versammelten: die erste offiziell genehmigte Demonstration des Landes,  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-8 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-7 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-8" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Das Einheitspuzzle</strong></h1>
<h2><strong>Drei Bücher zum 35. Jahrestag des 3. Oktober 1990</strong></h2>
<p><em>„Der 4. November 1989 ist ein besonderer Tag. Maura hat sturmfrei. Die Geschichtsbücher freilich werden später berichten, dass sich an diesem Tag auf dem Alexanderplatz in Berlin auf Initiative einiger Theater hin eine Million Menschen versammelten: die erste offiziell genehmigte Demonstration des Landes, das es nur noch wenige Wochen geben wird. Gundi, der sich zwischen seinen Schichten auf dem Bagger nun öfter in Berliner Künstlerkrisen bewegt, hatte im <u>Laden</u> dafür mobilisiert. Ein paar sind seinem Aufruf gefolgt und haben früh die <u>Sorbenschleuder</u> in die Hauptstadt bestiegen. Wir anderen halten in Hoy die Stellung und sehen uns das erst mal aus der Ferne an. Und außerdem hat Maura sturmfrei.“ </em>(Grit Lemke, Kinder von Hoy – Freiheit, Glück und Terror, Berlin, Suhrkamp, 2021)</p>
<p>35 Jahre Deutsche Einheit, 36 Jahre Friedliche Revolution. Eine Vorgeschichte mit sich überschlagenden Ereignissen vor und nach dem 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober 1989: 2. Juni Abbau der Grenzanlagen durch Ungarn, 27. Juni Durchschneiden des Grenzzauns zwischen Österreich und Ungarn, 19. August Paneuropäisches Picknick in Sopron – 700 Menschen aus der DDR erreichen den Westen, 9. November 1989 Öffnung der Grenze, <em>„unverzüglich“</em>. Das sind nur einige der Daten, an die wir uns erinnern könnten. Zu nennen wären auch der 4. Juni 1989, der Tag, an dem in Polen zum ersten Mal ein nicht kommunistischer Ministerpräsident gewählt wurde und an dem in Beijing friedliche Demonstrierende von der Staatsmacht niedergeschossen wurden, der 30. September, als der bundesdeutsche Außenminister vom Balkon der Deutschen Botschaft in Prag 13 Worte der Befreiung sprach, der 9. Oktober, als die DDR-Staatsmacht in Leipzig nicht schießen ließ, der 4. November, an dem die erste genehmigte Demonstration gegen die SED-Diktatur auf dem Berliner Alexanderplatz stattfand.</p>
<p>Der 3. Juni 1990, der Tag der <em>„Vollendung der deutschen Einheit“</em> war das Ergebnis, aber kein Endpunkt. Er war nicht das <em>„Ende der Geschichte“</em>, das so manche vermuteten, er war auch der Anfang einer Erfolgsgeschichte, die zugleich – je nach Perspektive – eine Misserfolgsgeschichte wurde. Denn wie sieht es in unserem von Ines Geipel beschriebenen <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/lost-country/">„Fabelland“</a> (Untertitel<em>: </em>„Der Osten, der Westen, der Zorn und das Glück“, Frankfurt am Main, 2024) wirklich aus? Durch welchen Kaninchenbau sind wir geschlüpft, hinter welchen Spiegeln finden wir uns wieder? Was fabulieren wir über das verschwundene Land und seine vergangenen Zeiten? Ist es überhaupt verschwunden, sind sie vergangen? Oder bleibt es bis auf Weiteres bei der Diagnose von Steffen Mau, der den heutigen Status Quo auf den Begriff <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/steffen-mau-ungleich-vereint-t-9783518029893">„Ungleich vereint“</a> (Untertitel: „Warum der Osten anders bleibt“, Berlin, edition suhrkamp, 2024) brachte? Gehörte etwa das, was nach dem Wort von Willy Brandt zusammenwachsen würde, weil es zusammengehörte, doch nicht zusammen?</p>
<h3><strong>Fragmentierter Erinnerungskomplex</strong></h3>
<p>Grit Lemke lässt eine Gruppe Jugendlicher in ihrem dokumentarischen Roman <a href="https://www.gritlemke.de/web/kinder-von-hoy/">„Kinder von Hoy“</a> (Berlin, Suhrkamp, 2021) den 4. November 1989 als etwas erleben, das sich noch nicht in Worte fassen lässt: <em>„Dass aber auf dem Alexanderplatz Großes geschieht ist uns bewusst. Deshalb haben wir uns schon am Vormittag in Mauras elterlicher Wohnung getroffen. Wir belagern alle verfügbaren Sitzgelegenheiten im Wohnzimmer und starren auf die Schrankwand. Dort steht, gleich neben der Batterie Eierlikör, den in Hoy jeder Haushalt aus <u>Grubenfusel</u> selbst herstellt, der Fernseher. Aus der Schrankwand tönt es von Freiheit und Demokratie und immer wieder: ‚Wir sind das Volk.‘ An den Gedanken, zum gleichen Volk wie die Berliner zu gehören, müssen wir uns erst gewöhnen.“</em> Es dauerte nicht lange, da wurde aus dem <em>„Wir sind das Volk“</em> ein anderer Satz: <em>„Wir sind ein Volk“</em>. Mit bekannten Konsequenzen.</p>
<p><a href="https://www.geschichte.hu-berlin.de/de/bereiche-und-lehrstuehle/zeitgeschichte/neueste-und-zeitgeschichte/personen/1683232">Martin Sabrow</a> schrieb von den drei Gedächtnissen, die miteinander konkurrieren, wenn Menschen versuchen, ihr Verhältnis zur DDR zu erklären. Die einen erzählen die Geschichte der DDR als Geschichte eines Fortschritts, andere als die Geschichte einer Diktatur, wiederum andere als Geschichte eines Arrangements, in dem sie die Fortschritte und die in einer Diktatur üblichen Repressionen zumindest für ihr persönliches Leben ausbalancierten. <a href="https://www.kiwi-verlag.de/autor/paula-fuerstenberg-4001141">Paula Fürstenberg</a> hat diese Trias in ihrem Essay <a href="https://blog.zeit.de/freitext/2018/09/27/christa-wolf-27-september/">„Das Wetter findet immer statt“</a> um einen vierten Begriff erweitert, das unauflösbare <em>„Ambivalenzgedächtnis“</em>: <em>„Ja, ich halte den Reflex, Ambivalenzen auflösen zu wollen, für einen der fatalsten menschlichen Irrtümer.“</em> Anna Lux und Jonas Brückner definieren den Inhalt dieser <em>„Ambivalenz“</em> konkret und schlagen in ihrem Buch <a href="https://www.verbrecherverlag.de/shop/neon-grau/">„Neon / Grau“</a> (Berlin, Verbrecher Verlag, 2025) einen fünften Begriff vor: das <em>„Umbruchsgedächtnis“</em>. Letztlich signalisieren alle fünf Begriffe eine Fragmentierung von Erinnerung. Erinnerungen wirken als eine Art unvollständiges Puzzle. Einige Teile haben wir wohl in irgendeiner Schublade vergessen, verlegt, vielleicht sogar verloren. Und dann fordern Politiker:innen, Journalist:innen und manch andere uns in ihren Festreden und Leitartikeln auf, dass wir alle dieses gesamte Puzzle wieder vollständig zusammensetzen und darüber alle uns trennenden Kontroversen vergessen!</p>
<p>Drei im Jahr 2025 erschienene Bücher könnten uns helfen, einige der verlorenen Puzzlesteine wiederzuentdecken. Es mag eine subjektive Auswahl sein, doch jedes der drei Bücher, die ich neben den schon genannten von Ines Geipel, Grit Lemke und Steffen Mau (und manch anderen) empfehlen möchte, vermag ganz spezifische Puzzlesteine des uns so oft verwirrend erscheinenden Erinnerungskomplexes sichtbar zu machen. Es handelt sich um das bei Droemer-Knaur erschienene Buch <a href="https://www.droemer-knaur.de/buch/nora-zabel-vereint-in-zerrissenheit-9783426563441">„Vereint in Zerrissenheit – Die ostdeutsche Generation Z zwischen zwei Welten“</a> von Nora Zabel, das von Alexander Leistner, Manja Präkels, Tina Pruschmann und Barbara Thériault gemeinsam gestaltete Buch <a href="https://www.verbrecherverlag.de/shop/extremwetterlagen-reportagen-aus-einem-neuen-deutschland/">„Extremwetterlagen – Reportagen aus einem neuen Deutschland“</a>, sowie das schon genannte Buch von Anna Lux und Jonas Brückner „Neon / Grau“ mit dem vielsagenden Untertitel „1989 und ostdeutsche Erfahrungsräume im Pop“. Diese beiden letztgenannten Bücher erschienen im Verbrecher Verlag.</p>
<h3><strong>Nora Zabel: „Vereint in Zerrissenheit“</strong></h3>
<div id="attachment_7514" style="width: 194px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.droemer-knaur.de/buch/nora-zabel-vereint-in-zerrissenheit-9783426563441"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7514" class="wp-image-7514 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Nora-Zabel-Vereint-in-Zerrissenheit-Droemer-Knaur-184x300.jpg" alt="" width="184" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Nora-Zabel-Vereint-in-Zerrissenheit-Droemer-Knaur-184x300.jpg 184w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Nora-Zabel-Vereint-in-Zerrissenheit-Droemer-Knaur-200x326.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Nora-Zabel-Vereint-in-Zerrissenheit-Droemer-Knaur-400x652.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Nora-Zabel-Vereint-in-Zerrissenheit-Droemer-Knaur-600x979.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Nora-Zabel-Vereint-in-Zerrissenheit-Droemer-Knaur-628x1024.jpg 628w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Nora-Zabel-Vereint-in-Zerrissenheit-Droemer-Knaur-768x1253.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Nora-Zabel-Vereint-in-Zerrissenheit-Droemer-Knaur-800x1305.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Nora-Zabel-Vereint-in-Zerrissenheit-Droemer-Knaur-942x1536.jpg 942w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Nora-Zabel-Vereint-in-Zerrissenheit-Droemer-Knaur-1200x1957.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Nora-Zabel-Vereint-in-Zerrissenheit-Droemer-Knaur.jpg 1242w" sizes="(max-width: 184px) 100vw, 184px" /></a><p id="caption-attachment-7514" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><a href="https://wirsindderosten.de/menschen/nora-zabel/">Nora Zabel</a> wurde 1996 in Hof Gallin, Mecklenburg-Vorpommern, geboren. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Bundestagsabgeordneten und Staatsministerin Serap Güler (CDU). Das Vorwort ihres Buches „Vereint in Zerrissenheit“ schrieb die Bundestagsabgeordnete und ehemalige Vorsitzende von Bündnis 90 / Die Grünen <a href="https://ricarda-lang.de/">Ricarda Lang</a>. Ricarda Lang verweist auf die Problematik des Begriffs der <em>„Transformation“</em>, die sie lange nicht erkannt habe. In der aktuellen <em>„Krise der Demokratie“</em> sieht sie eine <em>„Krise der Ungleichheit“</em> und denkt angesichts der gängigen <em>„Kulturalisierung von materiellen Fragen“ </em>darüber nach, wie der materielle Grund solcher <em>„Kulturalisierung“</em> in den politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen wieder nach vorne auf die Agenda gebracht werden könnte. Dazu sei es erforderlich, <em>„nicht blind zu sein für den biografischen und individuellen Teil der Ungleichheit.“ </em>Es geht eben nicht nur um die abstrakte Geschichte eines (verschwundenen) Landes, sondern auch um die vielen konkreten Geschichten vieler Menschen, die sich mit diesem Land in welcher Form auch immer verbunden fühlen.</p>
<p>Ein Anlass des Buches waren die Wahlen vom 1. September 2024, in denen die AfD in Sachsen knapp hinter der CDU auf dem zweiten Platz landete, während sie in Thüringen zur stärksten Partei wurde. In beiden Ländern hat die jeweils von der CDU geführte Regierung keine Mehrheit im Parlament. Wenige Wochen später schaffte die AfD auch in Brandenburg den zweiten Platz. Dem sozialdemokratischen Ministerpräsidenten gelang es gleichwohl, eine Regierung zu bilden, die über eine Mehrheit im Landtag verfügt. Die Konfrontationen, Kontroversen und der Ton der Wahlkämpfe setzten sich in der Bundestagswahl vom 23. Februar 2025 fort. Die AfD lag in fast allen Wahlkreisen der ostdeutschen Bundesländer vorne. Die AfD ist jedoch kein ausschließliches Ost-Phänomen. Auch im Westen gewinnt die Partei an Zuspruch, so in den Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen vom 14. September 2025. Im Jahr 2026 stehen Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt, Kommunalwahlen in Bayern, Hessen und Niedersachsen an.</p>
<p>Nora Zabel wendet sich in ihrem Buch gegen jede Binarisierung der Debatte, es geht eben nicht nur um die AfD und die Anderen. Sie sucht jedoch nach den Hintergründen. Ein Ausgangspunkt ist die von <a href="https://www.hurstpublishers.com/book/the-road-to-somewhere/">David Goodhart</a> beschriebene Opposition der <em>„Anywheres“</em> und der <em>„Somewheres“</em>, die sie als Pole versteht, zwischen denen es eigentlich viele Mischformen geben sollte. Ihr Ziel: <em>„Ich werbe in diesem Buch dafür, dass konservative Daheimgebliebene und kosmopolitische Zurückgekommene den jeweils anderen Lebensentwurf als gleichwertig ansehen und wertschätzen und sich gemeinsam für das Projekt Demokratie im Osten einsetzen, das gerade mächtig ins Wanken gerät.“</em> Sie will jedoch keine ein für allemal verbindliche Lösung anbieten: <em>„Dieses Buch kann nur Fragen stellen; die Antworten beginnen dort, wo wir aufhören, uns in bequemen Erzählungen einzurichten.“</em></p>
<p>Nora Zabel schreibt, <em>„dass Ostdeutschland nicht nur eine geografische Region ist, sondern ein Geflecht aus gelebten Geschichten, die bis heute weiterwirken.“</em> Es wachse ein <em>„Generalzweifel am jetzigen demokratischen System“</em>, der bereits große Teile der Bevölkerung erfasst habe. Aus westlicher Sicht sei ihr jedoch vorgehalten worden, dass so manches, beispielsweise die Straßen, in Ostdeutschland besser aussähen als im Westen: <em>„Stimmt, die Straßen sehen oft besser aus, aber das liegt auch daran, dass hier viele andere Baustellen nie angegangen wurden. Wenn Infrastruktur der Trostpreis für verloren gegangene Arbeitsplätze, Perspektiven und Identität ist, dann danke dafür, doch schöne Straßen bringen alleine keine Zukunft.“</em></p>
<p><em>„Identität“</em> scheint ein passendes Stichwort zu sein. Rund um diesen schillernden Begriff gibt es viele <em>„Geschichten“</em> (Geschichte gibt es nur im Plural!). Diese <em>„Geschichten“</em> erkundet die Autorin in Gesprächen mit ihrer eigenen Familie und anderen Personen, einer Schulfreundin, mit <a href="https://www.landesbeauftragter.de/aktuelles/presse/details/anne-drescher-noch-kein-fuer-alle-gueltiges-bild-der-ddr">Anne Drescher</a>, der ehemaligen Landesbeauftragten in Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur, dem Publizisten und Historiker <a href="https://www.beck-shop.de/suche/?query=Kowalcuzuk">Ilko-Sascha Kowalczuk</a>, der Journalistin <a href="https://www.zeit.de/autoren/L/Mariam_Lau/index.xml">Mariam Lau</a>, mit <a href="https://landfrauen-mv.de/news/detail/goldene-biene-fuer-dr-heike-mueller">Heike Müller</a>, der Vorsitzenden des LandFrauenverbandes Mecklenburg-Vorpommern, dem Soziologen <a href="https://www.ls1.soziologie.uni-muenchen.de/personen/professor/nassehi/index.html">Armin Nassehi</a>, der Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern <a href="https://manuela-schwesig.de/">Manuela Schwesig</a>, ihrem ehemaligen Sozialkundelehrer, der Mitglied der Linken ist, dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten <a href="https://www.hendrik-wuest.de/">Hendrik Wüst</a> sowie der stellvertretenden Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz <a href="https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/lanz-afd-jugend-zaubitzer-amthor-droege-100.html">Maja Zaubitzer</a> aus Weimar. Sie berichtet, was sie bei Treffen mit Angela Merkel erfuhr und bezieht sich auf Analysen und Berichte von <a href="https://www.uni-muenster.de/ArabistikIslam/Mitarbeiter/bauer.html">Thomas Bauer</a>, <a href="https://inesgeipel.de/">Ines Geipel</a>, <a href="https://sfb1472.uni-siegen.de/personen/prof-dr-philip-manow">Philip Manow</a> und <a href="https://www.sowi.hu-berlin.de/de/lehrbereiche/makro/mitarbeiter/Prof_Mau">Steffen Mau</a> oder – dies ist einer ihrer Lieblingsautoren – von Theodor W. Adorno. Das Buch endet mit Albert Camus und seinem „Mythos des Sisyphos“: Obwohl Sisyphos scheitert, wagt er immer wieder einen neuen Anfang und ist daher – so Camus – ein glücklicher Mensch. (Nur am Rande: <a href="https://www.welt.de/kultur/article5713939/Zum-50-Todestag-Was-Franz-Muentefering-an-Albert-Camus-fasziniert.html">Albert Camus ist auch einer der Lieblingsautoren von Franz Müntefering</a>.) In früheren Zeiten hätte man Menschen wie Albert Camus, Franz Müntefering oder Nora Zabel als <em>„Reformisten“</em> markiert und das war nicht nett gemeint!</p>
<p>Die Anerkennung von Vielfalt wäre die eine Seite, die Versuchungen zur Binarisierung, zur Schubladisierung, zur Schwarz-Weiß-Malerei sind die andere. Nichts ist eindeutig, alles ist ambivalent, sodass eigentlich eine Art von <em>„Ambiguitätstoleranz“</em> gefördert werden müsste, wie sie der Islamwissenschaftler Thomas Bauer unter anderem in „Die Vereindeutigung der Welt – Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt“ (Stuttgart, Reclam, 2018) forderte. Die Neigung zur Binarisierung belegt Nora Zeibel beispielsweise mit der Ostdeutschen zugeschriebenen (und bei manchen auch tatsächlich vorhandenen) Russlandfreundlichkeit: <em>„Heike Müller erzählt mir, dass Selenskyj für viele Ostdeutsche zu Unrecht von den Medien glorifiziert wird, während Putin ebenso zu Unrecht als Dämon dargestellt werde: ‚(…) Viele sind mit Geschichten aufgewachsen, in denen es nur eine Wahrheit gab, nur eine moralisch richtige Seite. Das Misstrauen gegenüber einseitiger Berichterstattung oder moralischer Überhöhung ist kein Automatismus prorussischer Sympathie, sondern für viele auch eine historische Erfahrung. Propaganda funktioniert – das haben wir selbst erlebt. (…) Denn wenn die Geschichte uns etwas gelehrt hat, dann, dass Menschen, die sich bevormundet fühlen, irgendwann den Glauben an das System verlieren.‘“ </em>So war es in der DDR und so scheint es 35 Jahre später wieder zu sein.</p>
<p>Es geht hier in keiner Weise um eine Rechtfertigung von Putin oder von Selenskyj, wohl aber um den Modus, in dem über Putin oder Selenskyj gesprochen und gestritten wird. Wer die dahinter liegenden <em>„Geschichten“</em> der vergangenen 70 oder gar 100 Jahre nicht bedenkt, wird es nicht schaffen, <em>„gezielte Manipulation“</em> und <em>„gesellschaftliche Debatte“</em> zu unterscheiden. So erklären sich Sympathien für die Positionen von Sahra Wagenknecht oder für <em>„den Sozialismus als beste Staatsform“</em>. Immer wieder wird etwas Entscheidendes ignoriert. Dies gilt auch für die Popularität der Thesen von Dirk Oschmann. Nora Zabel stimmt ihm zu, <em>„dass es im Westen eine große Bildungslücke gibt, die mit Vorurteilen und Klischees über Ostdeutsche aufgefüllt wird“</em>, distanziert sich jedoch von ihm, weil <em>„seine Zuspitzungen des Öfteren Bauchschmerzen bei mir auslösen. Seine binäre Denkweise in Ost und West, Weiß und Schwarz ist selbst mir, einer ostdeutschen Heimatverbundenen, zu abgefahren (…), wenn er sagt, dass der Westen oft als Norm begriffen werde und der Osten als Abweichung und Abnormität, als dauerhaft Schmerzen verursachendes Geschwür am Körper des Westens.“ </em></p>
<p>Eben solche Denkweise findet Nora Zabel auch in ihrer eigenen Familie. Letztlich war eben <em>„die DDR eine existenzielle Tatsache“</em>. Dies wurde jedoch auch noch in den 2000er Jahren ignoriert, als die Autorin die Schule besuchte, die für sie durchaus <em>„ein Zufluchtsort </em>(war)<em>, an dem experimentiert wurde, an dem diskutiert wurde, an dem Widerspruch in einer Debatte als etwas Fruchtbares wertgeschätzt wurde.“</em>: Aber etwas Wesentliches fehlte: <em>„Was wir nie diskutiert haben, war das, in was wir hineingeboren wurden. Was direkt vor unserer Nase lag: das ehemalige Ostdeutschland.“ </em>Durch diese Ignoranz konnte sich eine Art <em>„DDR-Kult“ </em>entwickeln, die so oft beschworene <em>„Ostalgie“</em>. Nora Zabels Freundin Paula versteht sich als <em>„nicht politisch“</em>: <em>„Ganz ehrlich, ist doch geil! Unsere Dorffeste, Simson oder unsere Vereinstradition. Das ist doch Kultur. In Bayern haben sie das Oktoberfest und Semmeln. Wir haben das. Das sollten wir auch aufrechterhalten.“</em> Nora Zabel zweifelt jedoch: <em>„Ich bin innerlich zerrissen zwischen Gedanken wie ‚Das Kultivieren dieser Überbleibsel verharmlost die Diktatur und die Menschenrechtsverbrechen‘ und ‚Es war nicht alles grau in der DDR‘.“ </em>Letztlich lebe die Generation Z, zu der sich Nora Zabel zählt, <em>„zwischen zwei Welten (…) einerseits mit der Vision einer modernen Gesellschaft, andererseits mit der Befürchtung des Rückfalls in alte Muster“</em>. Dabei spiele auch eine Rolle, dass die gesellschaftlichen Räume in Ostdeutschland, in denen sich Menschen begegnen, überschaubar sind: <em>„Je kleiner die Gemeinschaft, desto höher ist der soziale Druck.“</em> Das mag auch für ländliche Regionen in Bayern und Baden-Württemberg oder auch Stadtteile im nördlichen Ruhrgebiet gelten, nicht zuletzt angesichts der Tatsache, dass Menschen, die dort leben, nur selten in andere Stadtteile oder Gemeinden hinauskommen. Man bleibt in seiner Bubble, als <em>„Somewheres“</em> auf relativ engem Raum. Die da draußen, wir da drinnen. Oder auch umgekehrt.</p>
<p>So wirkt – um mit dem französischen Historiker Fernand Braudel zu argumentieren – <em>„die lange Dauer“</em>, <em>„la longue durée“</em>, die sich in der Post-DDR bestätige. Es ließe sich auch mit Ivan Krastev und Stephen Holmes argumentieren, die in ihrem Buch <a href="https://www.ullstein.de/werke/das-erloschene-licht/hardcover/9783550050695">„The Light that Failed“</a> (deutsche Ausgabe: „Das Licht, das erlosch“, Berlin, Ullstein, 2019) die These formulierten, dass in den osteuropäischen Ländern einer Phase der <em>„Nachahmung des Westens“</em> Phasen der Skepsis bis hin zur Rückbesinnung auf die Zeiten vor 1989 folgten. Insofern lassen sich die Begegnungen, die Nora Zabel dokumentiert, durchaus in internationale Debatten einordnen, in Tschechien, in Polen, in der Slowakei, in Ungarn.</p>
<p>Die Geschichte der DDR und der Post-DDR ist kein Einzelfall. Aber wer sind die Akteure? Steffen Mau verweist auf <em>„das sogenannte Phänomen der fragilen Männlichkeit“</em>, das auch viel damit zu tun hat, dass viele Frauen aus dem Osten in den Westen abgewandert sind, sodass es in den ostdeutschen Bundesländern zu einem erheblichen Männerüberschuss gekommen ist. Armin Nassehi betont, dieses Faktum sei <em>„ganz kulturunabhängig, egal wo, auch der Islamismus geht darauf zurück. Die Männer in den arabischen Ländern, die nichts zu tun haben, die fangen Sie nicht wieder ein.“</em> Gleichviel, in welchem Land: Rechtspopulisten, manche Konservative, propagieren in mehr oder weniger radikaler Form die Rückkehr zu einer Kultur männlicher und weißer Vorherrschaft. (Die jüngste <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/drehbuch-zur-demontage-der-demokratie/">Verfassungsänderung in der Slowakei</a>, es gebe nur zwei Geschlechter, passt in diese Entwicklung, von den USA ganz zu schweigen.)</p>
<p>An dieser Stelle hätte Nora Zabel auf ein Dilemma der Grünen eingehen können. Einerseits haben die Grünen (und andere) mit ihrer feministischen Kritik an patriarchalischen Strukturen Recht, andererseits ist die Frage berechtigt, warum Gleichstellungsfragen von Frauen und Männern in kontroversen Debatten auf die Frage von Gendersternchen reduziert werden konnten. Die <a href="https://www.boell.de/de/2022/11/09/autoritaere-dynamiken-unsicheren-zeiten-neue-herausforderungen-alte-reaktionen">Leipziger Autoritarismusstudie von 2022</a> bezeichnete den Anti-Feminismus als <em>„Brückenideologie“</em> zu rechtextremistischen Einstellungen, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/yes-we-can/">Sandro Witt</a>, der für den DGB das Projekt „Betriebliche Demokratiekompetenz“ leitete, musste feststellen, dass sich im Projekt eine Reihe von Einstellungen zur freiheitlichen Demokratie nachhaltig veränderten, es jedoch offenbar kein Mittel gegen den Anti-Feminismus gab. Eine Erklärung gibt Nora Zabel, es herrscht ein ungeheurer Druck, der ein <em>„Ventil“</em> braucht, um die unter dem Druck Leidenden zu entlasten: <em>„Rechtsextremismus, Linksextremismus, Islamismus und andere fundamentalistische Strömungen, wie wir sie gerade bei den rechten Evangelikalen in den USA sehen, haben eines gemeinsam: Sie bieten ein Ventil für individuelle Frustration und vermeintliche Sicherheit durch eine Gemeinschaft, die oft durch Ablehnung von Andersdenkenden zusammengehalten wird und auf Unterdrückung basiert.“</em></p>
<p>Nora Zabel ist CDU-Mitglied. Sie sieht viele Äußerungen der CDU im Bundestagswahlkampf sehr kritisch, das, was dort geschah, war aus ihrer Sicht <em>„keine Emanzipation von der Merkel-Ära, das ist ein strategisches Wagnis mit unberechenbaren Risiken“</em>, andererseits begrüßt sie die Flexibilität von Friedrich Merz nach der Wahl. Sie zitiert Mariam Lau: <em>„Wenn es die CDU nicht mehr gibt, wird auch Deutschland so in der jetzigen Form nicht mehr bestehen können.“ </em>In der Tat geht es der AfD in erster Linie darum, die CDU als konservative Partei zu zerstören, so wie dies anderen rechtspopulistischen Parteien in Italien oder in Frankreich gelang und inzwischen auch in Großbritannien zu gelingen scheint. (Thomas Biebricher beschrieb diesen Prozess in seinem Buch „Mitte / Rechts – Die internationale Krise des Konservatismus“, Berlin, Suhrkamp, 2023.) Da helfen keine <em>„Strategiepapiere oder Gipfeltreffen“</em>. Es geht darum, <em>„wie Informationen verarbeitet werden und wie Erzählungen gefolgt wird.“ </em>Sind wir damit wieder bei Albert Camus? Nicht nur. Nach ihrem Verweis auf Albert Camus ruft Nora Zabel die Leute ihrer Generation, der sogenannten <em>„Generation Z“</em>, auf, sich in einer demokratischen Partei zu engagieren: <em>„Die Zauberworte für dauerhafte Veränderung lauten also: Gremien, Fraktionen, Ausschüsse, Parlamente.“</em> Dies gilt auch angesichts einer von ihr zitierten Äußerung ihrer Chefin Serap Güler, die sagte, dass sich die Spielräume mit zunehmendem Aufstieg in der Partei verringerten. Aber das muss ja nicht so bleiben.</p>
<h3><strong>Anna Lux und Jonas Brückner: „Neon / Grau“</strong></h3>
<div id="attachment_7515" style="width: 217px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.verbrecherverlag.de/shop/neon-grau/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7515" class="wp-image-7515 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Lux-Brueckner-Neon-Grau-Verbrecher-Verlag-207x300.jpg" alt="" width="207" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Lux-Brueckner-Neon-Grau-Verbrecher-Verlag-200x290.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Lux-Brueckner-Neon-Grau-Verbrecher-Verlag-207x300.jpg 207w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Lux-Brueckner-Neon-Grau-Verbrecher-Verlag-400x580.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Lux-Brueckner-Neon-Grau-Verbrecher-Verlag-600x870.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Lux-Brueckner-Neon-Grau-Verbrecher-Verlag-706x1024.jpg 706w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Lux-Brueckner-Neon-Grau-Verbrecher-Verlag-768x1113.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Lux-Brueckner-Neon-Grau-Verbrecher-Verlag-800x1160.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Lux-Brueckner-Neon-Grau-Verbrecher-Verlag-1060x1536.jpg 1060w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Lux-Brueckner-Neon-Grau-Verbrecher-Verlag-1200x1740.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Lux-Brueckner-Neon-Grau-Verbrecher-Verlag-1413x2048.jpg 1413w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Lux-Brueckner-Neon-Grau-Verbrecher-Verlag.jpg 1657w" sizes="(max-width: 207px) 100vw, 207px" /></a><p id="caption-attachment-7515" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die Historikerin <a href="https://www.paletschek.uni-freiburg.de/mitarb/lux">Anna Lux</a> (*1978) und der Kulturwissenschaftler Jonas Brückner (*1989) haben sich mit der Frage befasst, welche unterschiedlichen Geschichten und Debatten sich in Filmen, Romanen, Musik und Pop-Kultur zur DDR und zur Post-DDR finden. Sie verstehen ihr Buch als ein <em>„Vexierspiel von Vorstellungen und Zuschreibungen“</em>, in bewusster Abgrenzung zu Oschmanns These vom Osten als <em>„Erfindung des Westens“</em> und Kowalczuks Diagnose, die Menschen im Osten seien letztlich mit all den Neuerungen <em>„überfordert“</em>. <em>„Es braucht mehr Geschichte(n), so eine zentrale These unseres Buches, um diese Vielstimmigkeit zu hören und zu verstehen.“ </em>Es geht Anna Lux und Jonas Brückner um die Möglichkeiten <em>„populäre(r) Geschichtskultur“</em>, um – im Sinne von Ursula K. Le Guin (<a href="https://theanarchistlibrary.org/mirror/u/uk/ursula-k-le-guin-the-carrier-bag-theory-of-fiction.pdf">„The Carrier Bag Theory of Fiction“</a>, 1986, wiederum unter Bezug auf <a href="https://archive.org/details/womanscreationse00fish">Elizabeth Fisher in „Woman’s Creation“</a>, 1975) – die Inhalte einer <em>„kulturelle(n) Tragetasche“</em> (die deutsche Version von Anna Lux für Le Guins <em>„carrier bag theory of fiction“</em>), eine literarisch formulierte Variante des sprichwörtlichen Päckchens, das jede:r zu tragen hätte.</p>
<p>Das Buch enthält neben dem einleitenden Gespräch und einem resümierenden „Outro“ acht Kapitel, die sich mit dem Jahr 1989 selbst, dem schnellen Verschwinden der DDR, den Utopien und dem Abwürgen früher Demokratisierungsprozesse, nationalen Zugehörigkeiten, ethnokulturellen Zuschreibungen, den <em>„Baseballschlägerjahren“</em>, ostdeutschen Männlichkeiten und der <em>„Peripherisierung“</em> des ländlichen Raums befassen. Jedem Kapitel folgen Antworten von insgesamt 17 Akteur:innen, Publizist:innen und Künstler:innen auf jeweils drei Fragen. Das Buch ist im Übrigen eine Fundgrube für alle, die Autor:innen, Filmemacher:innen, Musiker:innen kennenlernen möchten, mit deren Werken sie vielleicht einen anderen Blick entdecken wollen.</p>
<p>Mit Steffen Mau vertreten Anna Lux und Jonas Brückner die These: <em>„Wer in der ostdeutschen Debatte einseitig nach Schuld fragt, ist auf dem Holzweg.“</em> Es gehe auch nicht um ein <em>„Identitätsbedürfnis als Ostdeutsche“</em> – so Anna Lux. Jonas Brückner ergänzt, dass sie sich daher für den Begriff <em>„Umbruch“</em> an Stelle von <em>„Wende“</em> entschieden hätten, weil dieser Begriff, <em>„das Zäsurhafte, die sozialen, kulturellen und mentalen Brüche besser fasst als beispielsweise ‚Wende‘.“</em> Abgesehen davon – dies eine kleine polemische Spitze – sei dieser <em>„Begriff mit Egon Krenz verbunden“</em>.</p>
<p>Was ging 1989/1990 verloren? Erstaunlicherweise ist dies die Frage, die öfter gestellt zu werden scheint als die Frage, was gewonnen wurde. Zur Sprache beziehungsweise zum Bild kommen der <em>„Verlust der 1000 kleinen Dinge des Alltags“ </em>und die Treuhand als Symbol all dessen, was abgeschafft beziehungsweise im damaligen Einheitsjargon <em>„abgewickelt“</em> wurde. Die <em>„Treuhand“</em> wurde geradezu zum <em>„negativen Gründungsmythos“</em>. Jana Hensel schreibt in <a href="https://www.rowohlt.de/buch/jana-hensel-zonenkinder-9783644019010">„Zonenkinder“</a> (Rowohlt, 2012): <em>„Die Wende traf uns wie ins Mark. Sie fuhr uns in die Knochen und machte, dass sich alles um uns drehte. Wir waren zu jung, um zu verstehen, was vor sich ging, und zu alt, um wegzusehen, und wurden unserer Kindheit entrissen, bevor wir wussten, dass es so etwas überhaupt gab. (…) Eine ganze Generation entstand im Verschwinden.“</em> <a href="https://www.aufbau-verlage.de/autor-in/jutta-voigt">Jutta Voigt</a> spitzt zu: <em>„Das Neue entsteht unter Verwesungsgestank.“</em></p>
<p>Es entstand ein unspezifisches <em>„Ostgefühl“</em>, das – so <a href="https://www.researchgate.net/publication/344191618_Umkampftes_Erbe_Zur_Aktualitat_von_1989_als_Widerstandserzahlung">Gerta Hartmann und Alexander Leistner</a> vom Forschungsverbund <a href="https://www.erbe89.de/forschungsverbund/">„Das umstrittene Erbe von 1989“</a> – sich in einer Art <em>„Widerstandsnarrativ“ </em>verdichtete, dessen vorwiegend männliche Apologeten sich zunächst in den <em>„Baseballschlägerjahren“</em> (Christian Bangel) auslebten: <em>„In dieser, von Pegida über die AfD bis zu den Freien Sachsen repräsentierten Vorstellung, ist der Osten eine ethnisch und interessenhomogene Gesellschaft, innerhalb derer Kritik an sozialer Ungleichheit, Peripherisierung, Migrationspolitik oder medialer Berichterstattung zu einem Grundkonflikt zwischen ‚Ost‘ und ‚West‘, ‚unten‘ und ‚oben‘, ‚wir‘ und ‚ihr‘ verallgemeinert wird.“ </em>Manja Präkels, Autorin von <a href="https://www.verbrecherverlag.de/shop/als-ich-mit-hitler-schnapskirschen-ass/">„Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“</a> (2017) sagt am Ende des Kapitels „Nationale Zugehörigkeiten in der Ost-Westdeutschen Mehrheitsgesellschaft“: „<em>Das ostdeutsche Wetterleuchten der Möglichkeit einer anderen Welt hingegen, das sich durch die Geschichte und Geschichten zieht, das nenne ich meinen roten Faden. Da hängt auch 1989 dran. Leider steckt in mir eher die Erfahrung in den Knochen, wie es ist, wenn eine Menge Meute wird.“</em></p>
<p>Der <em>„Umbruch“</em> wurde auch als <em>„Rausch“</em> erlebt, denn es <em>„entstand ein Möglichkeitsraum für Gewalt an sich, vor allem als rechte Gewalt. Sie gehört unmittelbar zur Umbruchszeit. Und alle waren involviert: als Opfer, Täter, ängstliche Beobachter, Claqueure.“ </em>Rechtextremismus gab es schon in der DDR, auch wenn die Partei dies immer leugnete, wie beispielsweise nach dem rechtextremistischen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cberfall_auf_die_Zionskirche">Angriff auf ein Konzert der Westberliner Gruppe „Element of Crime“ im Jahr 1988 in der Zionskirche am Prenzlauer Berg</a>. Der Rechtsextremismus wurde mit dem Mauerfall gleich mit befreit. (Mich erinnert dies auch an Nebenwirkungen der sexuellen Befreiung in den 1960er Jahren. Einer der damaligen Gewinner war die Pornoindustrie.) Die Frage mag erlaubt sein, ob und wann solche Nebenwirkungen als Problem wahrgenommen werden. <em>„Dass die Baseballschläger Jahre lange ignoriert wurden, hat eine politische Kultur befördert, die offen für Rechtspopulismus ist und in der verbale und körperliche Gewalt erscheinen. Viele der damaligen Täter wurden nicht belangt. Sie sind heute erwachsen, haben selbst Kinder, sind anerkannte Mitglieder ihrer Gemeinden.“</em> In Sport- und Heimatvereinen, in der Freiwilligen Feuerwehr etc.</p>
<p>Am Anfang gab es eine große Hoffnung, eine Wiederholung des bundesrepublikanischen <em>„Wirtschaftswunders“</em> im Osten. Zunächst erzählte man sich den der <em>„Mauerfall als Wundererzählung“</em>. Natürlich gab es <em>„Erfolgsgeschichten“</em>, die als Gegensatz zur <em>„Kolonisierungsgeschichte</em>“ erzählt wurden. Aber warum setzten sich die negativen Versionen durch? Vielleicht bietet der im Buch mehrfach erwähnte Roman <a href="https://www.fischerverlage.de/buch/clemens-meyer-als-wir-traeumten-9783104001180">„Als wir träumten“</a> von Clemens Meyer (Frankfurt am Main, S. Fischer, 2006, verfilmt von Andreas Dresen nach einem Drehbuch von Wolfgang Kohlhaase, 2015) Antworten?</p>
<p>Letztlich verfestigt sich eine Summe individueller Einzelschicksale, die sich nach dem Grundsatz, dass die Summe immer mehr ist als die bloße Summe ihrer Teile, in mystifizierenden Großerzählungen, in denen versucht wird, das Geschehene auf einen einfachen und konsensualen Begriff zu bringen. Eine dieser Großerzählungen ist der <em>„Anpassungsschock“</em> – eine Formulierung von Steffen Mau. Kowalczuk spricht von einem „Freiheitsschock“, so der Titel seines 2024 bei C.H. Beck erschienen Buches. Schockstarre. Viele schweigen. Dies ist jedoch kein spezifisches ostdeutsches Problem. Anna Lux und Jonas Brückner verweisen auf <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/deniz-ohde-streulicht-t-9783518429631">„Streulicht“</a> von Deniz Ohde (2020) und <a href="https://www.hanser-literaturverlage.de/en/buch/fatma-aydemir-dschinns-9783446269149-t-3355">„Dschinns“</a> von Fatma Aydemir (2023). <em>„Bei ihr ist das Schweigen in der Familie der Ausgangspunkt der Erzählung. Es ist vielleicht sogar die Grundlage für die Existenz dieser Familie, denn das Schweigen macht es möglich, etwas in der Balance zu halten. Bis es kippt.“</em> In den Worten Fatma Aydemirs: <em>„Vielleicht ist Familie ja nichts anderes als das, ein Gebilde aus Geschichten und Geschichten und Geschichten. Aber was bedeuten dann die Leerstellen in ihnen, das Schweigen?“</em></p>
<p>Paula Fürstenberg sagt: <em>„Ich stolpere ständig über die Worte, die sich durchgesetzt haben, um über den Osten zu sprechen.“ </em>Jonas Brückner konstatiert: <em>„‚Friedliche Revolution‘ hat sich im Alltag ebenso wenig durchgesetzt wie der technisch klingende ‚Transformationsprozess‘. Begriffe wie ‚Anschluss‘ oder ‚Kolonialisierung‘, die zuletzt verstärkt verwendet werden, sind wiederum stark wertend und analytisch eher zur Beschreibung der Debatte hilfreich als für den historischen Prozess.“ </em>So oder so bleibt eine Art Sprachlosigkeit, vielleicht aber eröffnen künstlerische Wege einen Weg, sich mit DDR und Post-DDR auseinanderzusetzen? So verstehe ich den Grundtenor von „Neon / Grau“. Damit ist natürlich noch nichts darüber gesagt, wer was wie rezipiert. Anders gesagt: <em>„Wer erzählt eigentlich wann was über wen?“ </em></p>
<p>Kann es <em>„gemeinsame Erzählungen“</em> geben, deren Perspektiven vielleicht doch (fast) alle teilen? Manche Debatten und Ereignisse dienen jedoch eher als Belege für den Bedarf einer solchen verbindenden Großerzählung. Dazu gehören – so Anja Lux und Jonas Brückner im Kapitel „Nationale Zugehörigkeiten in der ost-westdeutschen Mehrheitsgesellschaft“ – die seit etwa dem Jahr 2000 immer wieder neu aufflammende Debatte um eine sogenannte <em>„Leitkultur“</em>, die Fußballweltmeisterschaft 2006 mit dem <em>„massenhaften Flagge-Zeigen im Land“, </em>die Debatte um Thilo Sarrazin, dessen Buch „Deutschland schafft sich ab“ im Jahr 2010 zu einer Art Bibel des Rechtspopulismus wurde, die Rede des damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff aus dem gleichen Jahr, in der er sagte, <a href="https://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Christian-Wulff/Reden/2010/10/20101003_Rede.html">dass der Islam zu Deutschland gehöre</a>, die Beschlüsse des <em>„Bundestages zum Abriss des Palasts der Republik und zur Rekonstruktion des Stadtschlosses im Jahr 2006“.</em> Erfolgreich waren diese Versuche alle nicht: <em>„Re-Nationalisierung“</em> (zum Beispiel Sarrazin) und <em>„gesellschaftliche Liberalisierungen“</em> (zum Beispiel Wulff“) standen und stehen nach wie vor unversöhnlich einander gegenüber. Einheit wurde zur <em>„Fiktion“, sodass</em> <em>„legitime ostdeutsche Selbstverständigungsdiskurse stets mit ihren offenen Flanken in rechtsidentitäre Erzählungen ringen müssen und das (teilweise) auch tun.“ </em>Für westdeutsche Diskurse gilt dies durchaus genauso, denn manche Debatte, die Ostdeutschland zugeschrieben wird, ist letztlich eine gesamtdeutsche Debatte, die sich je nach Raum und Zeit mit unterschiedlichen Inhalten füllt, aber letztlich Kontroversen in Konfrontationen zuspitzt. Westdeutsche erklären sich gerne für unschuldig, indem sie mit dem Finger nach Osten zeigen. Wiederum Manja Präkels: <em>„Wer wurde und wird aus welchen Gründen (wofür / wogegen) ausgegrenzt?“ </em></p>
<p>Der Film „Good bye, Lenin“ von Wolfgang Becker (2003) ist ein Film über Trauer und Abschiednehmen. <a href="https://www.thomasbrussig.de/">Thomas Brussig</a> kommentierte: <em>„Einen Abschied von der DDR, so wie man von einem Menschen Abschied nimmt, eine Trauer, das hat es im Herbst 90 einfach nicht gegeben. Das war eine so rastlose, vorwärtshastende Zeit“</em>. Der Film zeigte, <em>„wie die Welt der kleinen Dinge unser (Über-)Leben (mit)prägt.“</em> Der Hauptakteur Alex gewinnt den Eindruck, dass er für seine Mutter eine DDR schuf, wie er sie sich eigentlich gewünscht hätte. Als seine Mutter die vielen Westautos sieht, erklärt er dies mit einer Massenflucht von West nach Ost, weil viele im Westen eben den Kapitalismus leid wären. Vergleichbar sind die vielen Alltäglichkeiten im Film „Gundermann“ von Andreas Dresen (2018), der ebenso wie <em>„</em><a href="https://www.dieterwunderlich.de/scheer-machandel.htm"><em>Regina Scheers Roman ‚Machandel‘</em></a><em> oder die zeitgenössischen Beobachtungen von Jutta Voigt (…) Orte des Sich-den-Verlusten-Stellens“</em> zeige (Link im Zitat: NR). Regina Scheer sagt: <em>„Die Offenheit dieses kurzen historischen Moments von 1989/1990 ist eine kostbare Erinnerung.“</em> Zu den <em>„Illusionen“</em> der Zeit gehörten auch der Runde Tisch, sein Verfassungsentwurf und die von <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/history-matters/">Christina Morina in ihrem Buch „1000 Aufbruche“</a> (München, C.H. Beck 2024) dokumentierten Ideen vieler DDR-Bürger:innen, die diese – nicht zuletzt in Kontinuität des in der DDR populären Eingabewesens – schriftlich vorbrachten.</p>
<p>Im achten Kapitel von „Neon / Grau“ wird der ländliche Raum als <em>„Poetik der Ödnis“</em> Thema, ein Begriff der Literaturwissenschaftlerin <a href="https://www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com/themen-entdecken/literatur-sprach-und-kulturwissenschaften/germanistik/neuere-deutsche-literaturwissenschaft/54988/erzaehlen-vom-umbruch">Rainette Lange</a> (2020). Manches lässt an andere Öden der Literaturgeschichte denken, beispielsweise an Schweizer Dorfgeschichten aus dem 19. Jahrhundert und den dort beschriebenen Pauperismus. Zu nennen wären Gottfried Keller und seine Novelle „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ oder Romane von Jeremias Gotthelf. Allerdings geht es nicht nur um die bloße Anklage unhaltbarer Verhältnisse. <em>„Die Ödnis bleibt so nicht Kulisse, vor deren Hintergrund sich Geschichten von Aufbruch und Ausbruch abspielen, sondern wird als Lebensraum mit Grautönen und Nuancen sichtbar. Als Handlungsort gewinnt er an Vielschichtigkeit und Tiefe, manches erscheint gar existenzieller – neon / grauer – als im urbanen Raum, die Beziehungen, die Träume, die Abgründe.“ </em>Als Beispiele zitieren Anna Lux und Jonas Brückner die Romane <a href="https://www.dtv.de/buch/dinge-die-wir-heute-sagten-14118">„Dinge, die wir heute sagten“</a> von Judith Zander (2012), <a href="https://juliaschoch.de/romane/mit-der-geschwindigkeit-des-sommers/">„Mit der Geschwindigkeit des Sommers“</a> von Julia Schoch (2009) oder <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/judith-schalansky-der-hals-der-giraffe-t-9783518421772">„Der Hals der Giraffe“</a> von Judith Schalansky (2011). Komödiantisch wird die <em>„Ödnis“</em> in der rbb-Serie „<a href="https://www.rbb-online.de/film/themen/warten-auf-n-bus-serie.html">Warten auf’n Bus“</a> persifliert. Juli Zeh lässt in <a href="https://www.unterleuten.de/">„Unterleuten“</a> (2016) die Romanfiguren selbst sprechen, sodass verschiedene Perspektiven sichtbar werden, wie sie sich die Gestaltung ihrer Umwelt vorstellen, der Vogelschützer und Alt68er, der undurchsichtige Automechaniker, die Pferdezüchterin, das Energieunternehmen, die alten LPG-Genossen. <em>„Die Peripherie wird hier nicht als eine sozial-kulturelle und wirtschaftliche Abhängigkeit erzählt, sondern als ein Ort, der nach eigenen Regeln funktioniert. Dabei ist Unterleuten keineswegs ein unsympathischer Un-Ort oder eine Dystopie. Im Gegenteil treffen hier utopische Vorstellungen von Welt und Miteinanderleben aufeinander und treten gegeneinander an.“</em> Ganz ähnlich funktioniert die Welt in „Über Menschen“ (2021) dem folgenden Roman von Juli Zeh, in dem sie den <em>„Dorf-Nazi“</em> (so bezeichnet er sich selbst), ein schwules, aber gar nicht unbedingt fortschrittliches Pärchen oder eine mehr oder weniger zivilisationsmüde Großstädterin einander begegnen lässt.</p>
<p>Mit Erich Kästner ließe sich fragen, wo denn das Positive bleibe. Grit Lemke, Autorin der „Kinder von Hoy“ (2021) sieht Hoffnungen in den als <em>„abgehängt“</em> markierten Regionen. <em>„Wir hatten eine Vision für das Land. (…) Heute ist die Lausitz eine entvölkerte Region, abgehängt vom Rest des Landes. Aber seit ein paar Jahren wieder mit Potenzial, Hoffnung und Aufbruchstimmung. Wir könnten da etwas Neues, Großes schaffen. Da sind Visionen, da ist Bewegung drin.“</em> Es kann sich durchaus etwas ändern wie auch Charly Hübner in seinem <a href="https://www.youtube.com/watch?v=BncR7gJcyjk">Film „Wildes Herz“</a> (2018) über Monchi und die Punk-Band „Feine Sahne Fischfilet“ zeigt. Auch in diesem Film spielen Bushaltestellen eine Rolle. Zum Schluss fragen Anna Lux und Jonas Brückner, ob so etwas wie <em>„eine gesamtdeutsche Selbstbefragung“</em> möglich wäre, <em>„in der es darum geht: Wie wollen wir eigentlich miteinander leben?“ </em>Sie sprechen von <em>„Ko-Transformationen“</em>, vielleicht geht es aber auch um nicht mehr oder weniger als einen dialektischen Zugang, der die Ambivalenzen, Kontroversen und Unverträglichkeiten aufgreift, diskutiert, in Frage stellt und neue Ambivalenzen entdeckt, letztlich um <em>„Ambiguitätstoleranz“.</em> Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser haben in ihrer Studie <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/triggerpunkte-t-9783518029848">„Triggerpunkte – Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft“</a> (Berlin, Suhrkamp, 2023) gezeigt, dass ein solcher Verständigungsprozess möglich sein könnte, unabhängig von race, class und gender. Warum sollte etwas, dass in einer wissenschaftlichen Studie funktioniert, nicht auch im realen Leben gelingen, in der Kommune, in der Politik?</p>
<h3><strong>Alexander Leistner, Manja Präkels, Tina Pruschmann, Barbara Thériault, Extremwetterlagen</strong></h3>
<div id="attachment_7516" style="width: 217px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.verbrecherverlag.de/shop/extremwetterlagen-reportagen-aus-einem-neuen-deutschland/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7516" class="wp-image-7516 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Leistner-und-andere-Extremwetterlagen-Verbrecher-Verlag-207x300.jpg" alt="" width="207" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Leistner-und-andere-Extremwetterlagen-Verbrecher-Verlag-200x290.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Leistner-und-andere-Extremwetterlagen-Verbrecher-Verlag-207x300.jpg 207w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Leistner-und-andere-Extremwetterlagen-Verbrecher-Verlag-400x579.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Leistner-und-andere-Extremwetterlagen-Verbrecher-Verlag-600x869.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Leistner-und-andere-Extremwetterlagen-Verbrecher-Verlag-707x1024.jpg 707w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Leistner-und-andere-Extremwetterlagen-Verbrecher-Verlag-768x1113.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Leistner-und-andere-Extremwetterlagen-Verbrecher-Verlag-800x1159.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Leistner-und-andere-Extremwetterlagen-Verbrecher-Verlag-1060x1536.jpg 1060w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Leistner-und-andere-Extremwetterlagen-Verbrecher-Verlag-1200x1738.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Leistner-und-andere-Extremwetterlagen-Verbrecher-Verlag-1414x2048.jpg 1414w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Leistner-und-andere-Extremwetterlagen-Verbrecher-Verlag.jpg 1658w" sizes="(max-width: 207px) 100vw, 207px" /></a><p id="caption-attachment-7516" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die vier Autor:innen der „Extremwetterlagen“ präsentieren Ergebnisse einer <em>„Feldforschung auf Basis literarischer Reportage“</em>. Im Vorwort schreibt <a href="https://www.soziopolis.de/autoren/profil/alexander-leistner.html">Alexander Leistner</a>, es gehe nicht um <em>„fertige Erklärungen“</em>, es handele sich um <em>„Momentaufnahmen“</em>, um <em>„das Unausgesprochene hörbar zu machen und zu Strukturen geronnene Stimmungen sichtbar“</em>. Oft sind eben diese <em>„Strukturen“</em> auf den ersten Blick eben nicht erkennbar, werden es jedoch, wenn man sich auf die Menschen, die man mehr oder weniger bewusst aufsucht, einlässt, Artefakte wie Plakate und Aufschriften, Landschaften und verlassene Industrieanlagen beachtet, gegebenenfalls auch dort, wo sich größere Menschengruppen versammeln, auf Festen, in Zügen oder mitunter an Bushaltestellen.</p>
<p>Ein Anlass für das Projekt war der September 2024, der Monat, in dem die AfD bei den Landtagswahlen in Thüringen den ersten, in Brandenburg und Sachsen den zweiten Platz erreichte. Kern des Buches ist der zweite Teil mit der Überschrift „Überlandschreiben“ (zehn Texte). <a href="https://www.verbrecherverlag.de/autor_innen/manja-praekels/">Manja Präkels</a> berichtet über ihre <em>„Durchreise“</em> in Brandenburg, <a href="https://tinapruschmann.de/">Tina Pruschmann</a> über ihre Begegnungen in Sachsen und <a href="https://editionueberland.de/shop/barbara-theriault-abenteuer-einer-linkshaendigen-friseurin/">Barbara Thériault</a> aus Thüringen. Alexander Leistner, der einzige Wissenschaftler im Team, kommentiert in jedem Teil mit jeweils einem Text. Er hat auch Vorwort und Epilog verfasst. Im ersten Teil <em>„Sturmsaaten“</em> werden die ersten Eindrücke beschrieben, die sich möglicherweise auch als Resümee verstehen lassen, im dritten und vierten Teil mit den Überschriften <em>„Druckgradienten“</em> und <em>„Gegen den Wind atmen“</em> wird es wieder grundsätzlicher (diese drei Teile enthalten jeweils vier Texte). Die Überschrift des Epilogs klingt paradox: <em>„Rückwärts durch die Zeit lesen“</em>. Der Band enthält eine Fülle von Bildern, alle in schwarz-weiß gehalten, mit Motiven, die die grundsätzlich depressive Stimmung, der die über das Land reisenden Autor:innen begegnen, nicht nur illustrieren, sondern verstärken. In Text und Bild wird das Buch zu einem der deprimierendsten und trostlosesten Bücher, die ich über ostdeutsche Regionen und die dort lebenden Menschen gelesen habe. Dazu trägt auch bei, dass die Autor:innen nicht über in Romanform oder Filmen geronnene Erlebnisse schreiben, auch nicht mit mehr oder weniger prominenten Menschen sprechen, sondern sich auf die Menschen einlassen, die sie mehr oder weniger zufällig auf Straße und Plätzen treffen.</p>
<p>Alexander Leistner bringt im Titel des Epilogs auf eine einfache Formel, was viele Menschen eben so tun, um mit ihrer Gegenwart und ihrer Vergangenheit klarzukommen, wenn sie nicht so recht glauben, dass sie eine ihnen genehme Zukunft erleben werden. Sie versuchen ihre Gegenwart aus erlebten Vergangenheiten abzuleiten oder gar in diesen wiederzufinden, tun dies aber natürlich nicht mit dem Abstand, den üblicherweise Historiker:innen pflegen, sondern auf der Grundlage eigenen Erlebens und der Diskurse in ihren Familien und mit ihren Bekannten. Diese projizieren sie in die Zukunft hinein. Dabei bleiben sie in der Regel unter sich und ihre Gefühle vervielfältigen sich. Es entsteht eine <em>„Kumulation von verschiedenen Prozessen, die man auf unterschiedlichen Analyseebenen – als spezialisierte Parteien-, Populismus-, Rechtsextremismus-, Protest-, Einstellungsforschung – möglicherweise zu lange zwar intensiv, aber meist separat und zu wenig systematisch in ihren Wechselwirkungen und Eigendynamiken betrachtet hat.“</em> Zu beobachten ist <em>„ein langsames Aufzehren von Legitimation, Systemvertrauen und Wertbindungen, die sich nicht ohne weiteres wiederherstellen lassen“.</em> Dieser mitunter kaum merkliche Prozess lässt sich aus zahlreichen Details erschließen. Barbara Thériault erinnert in ihrem Beitrag „Miss Mittelgebirge 1972“ an das dokumentarische Verfahren in den Romanen Balzacs: „<em>Die Figuren sind Antworten auf Dilemmas der Zeit.“</em> Auf der Reise fügen sich all diese Details schließlich zu einem Gesamtbild.</p>
<p>Manja Präkels, Tina Pruschmann und Barbara Thériault begegnen Menschen auf der Straße, in einem Zug, an für die Vergangenheit symbolisch gelesenen Orten. Zumindest war das der Plan. Manja Präkels stellt in ihrem ersten Beitrag („Zwischen Leere und Tribüne“) fest, dass sie auf den Straßen niemanden trifft. Eine Freundin denkt in <em>„Straßendörfern Brandenburgs“</em> an <em>„Zombiefilme oder andere postapokalyptische Stoffe“</em>. Als was könnte aber die Straße dienen? Als <em>„Bühne“</em>, als <em>„Laufsteg“</em>? Und für wen? Oder anders gefragt: Wer lässt sich blicken?</p>
<p>In den 1990er Jahren erlebte jemand, der <em>„lokaljournalistisch zu berichten“</em> versuchte, <em>„die Besetzung öffentlicher Orte, von Einrichtungen, Straßen und Plätzen durch Horden meist männlicher rechtsextremer Jugendlicher gänsehautnah“</em>. Und heute? <em>„Wir passieren Waren. Auch hier kein Mensch auf der Straße. Dafür Autos. Jeder im eigenen. Jeder mit eigenem Deutschlandwimpel, flatternd im Wind.“</em> Das sind nicht die Wimpel der Fußballweltmeisterschaft von 2006, sondern aktuelle Statements, die das einzige betonen, dessen man sich noch sicher zu sein scheint, die Zugehörigkeit zu Deutschland. Eine Flagge, die eigentlich die Zusammengehörigkeit der in einem Land lebenden Menschen dokumentieren soll, wird zu einem Symbol des Rückzugs in einen abschließbaren und abgeschlossenen Raum, in dem angeblich <em>„Raumfremde“</em> – dies einer der Kampfbegriffe der neuen Rechten – keinen Platz (mehr) haben. Das Fähnchen im Auto signalisiert Exklusion, zumindest die Bereitschaft, andere auszuschließen. Und dann die Plakate: In mehreren Texten ist die hohe Präsenz von Plakaten rechtsextremistischer Kleinparteien Thema, der III. Weg, die Freien Sachsen (die in Sachsen so klein gar nicht sind, in manchen Kommunen in Räten sitzen), natürlich auch die zur Großpartei avancierten AfD. Tina Pruschmann: <em>„Derweil präsentiert sich der Plakatwahlkampf in Teilen, als seien die Hakenkreuz-Kritzeleien von den verwitterten Ziegelmauern und Stromkästen der Region, als Wahlplakat geadelt an die Laternen gewandert.“</em></p>
<p>Menschen trifft man auf Festen. Aber feiern sie gemeinsam? Alexander Leistner berichtet von einem <em>„Sommerfest“</em> der AfD und von dem <em>„Demokratiefest“</em> auf der anderen Seite des eine Stadt teilenden Flusses. Zwei Frauen, die Schilder mit den Aufschriften <em>„Omas gegen rechts“</em> und <em>„‚love is love‘ auf Regenbogengrund tragen“ </em>werden <em>„umringt von einer Gruppe Höcke-Fans“</em>: <em>„Ein paar Mädchen mit AfD-Ballons steigen ins Blumenbeet und bauen sich direkt hinter den Frauen auf. Von vorn rücken die jungen Männer immer näher. Zwei Polizisten, die nur wenige Meter entfernt auf dem Mäuerchen der historischen Mühlgrabenbrücke sitzen, wirken desinteressiert. Sie plaudern freundlich mit Festgästen auf dem Nachhauseweg. Als wir sie auf die Situation am Rosenbeet ansprechen, kommentiert einer von ihnen achselzuckend: ‚Hier ist ja ein Raum für Meinungsaustausch.‘ / ‚Interessantes Amtsverständnis‘, antworte ich. Daraufhin erhebt er sich doch noch, geht gemächlich zu den zwei Frauen rüber, baut sich erst in voller Größe vor ihnen auf, um sich von ganz weit oben zu ihnen hinabbeugen zu können. Dann, wie zu begriffsstutzigen Kindern: ‚Haben – Sie – Angst? Sie können jederzeit gehen.“ </em>Alexander Leistner: <em>„Die Straße (…) ist Kulisse für den Anspruch auf die Beherrschung des öffentlichen Raums, für Einschüchterungen und Feindmarkierungen.“ </em></p>
<p>In Cottbus wurde die Schwarze CDU-Landtagsabgeordnete <a href="https://www.cdu-brandenburg.de/person/206/Dr-Adeline-Abimnwi-Awemo.html">Adeline Abimnwi Awemo</a> angegriffen. In Bautzen erlebte <a href="https://www.anne-rabe.de/">Anne Rabe</a>, <em>„dass Leute auch nach dem CSD noch angegriffen wurden. Z.B. beim Einkaufen, als Teilnehmer des CSD identifiziert (ohne jegliche Regenbogenfahnen etc.).“ </em>Es ist <em>„ein tief verwurzelter Schwarmhass“</em>, unterstützt von örtlichen Politikern. Manja Präkels kommt nach Rheinsberg, wo das örtliche <a href="https://www.tucholsky-museum.de/index.html">Tucholsky-Museum</a> gefährdet ist, weil sich der (nicht der AfD angehörige) Bürgermeister weigert, Ratsbeschlüsse zur Finanzierung umzusetzen. Er möchte das Museum gerne <em>„der Abteilung für Tourismus“</em> zuschlagen. <em>„Das dort ein einschlägig bekannter Rechtsextremist arbeitet, geschenkt. Das Ausflugsziel kann bleiben. Wissenschaft und Zeitkritik – adé?“</em> Man könnte zu dem Schluss kommen, dass die AfD gar keine SA braucht, die alles, was ihr nicht passt, zerdeppert. Die örtlichen Neo-Nazis, Kameradschaften und Kleinstparteien, Fußball-Hooligans und Kampfsportler organisieren sich schon selbst mit ihren Einschüchterungsprojekten und geben der AfD sogar noch die Gelegenheit, sich gegebenenfalls zu distanzieren. Alexander Leistner diagnostiziert in diesen Szenen eine gewisse <em>„Professionalisierung“</em>, aber auch im Falle einer polizeilichen Ermittlung oder gar eines Prozesses <em>„Angst von Zeuginnen und Geschädigten“</em>, sodass Straflosigkeit zur Regel wird, die dann mit der Zeit in gesellschaftliche Akzeptanz umschlägt, auch eine Variante des Marx’schen Satzes, das mit der Zeit in historischen wie in wirtschaftlichen Prozessen Quantität in Qualität umschlägt.</p>
<p>Manja Präkels erlebt Landschaft als Raum gewordene Gleichgültigkeit: <em>„Zurück im Dorf mit dem nutzlosen Funkmast riecht es schon nach Grillfleisch. Auch hier ist der Nachthimmel klar. Es regnet Schnuppen. Einen meiner Wünsche widme ich Kat und dem schönen, leeren Cottbus. So schwer zu erreichen und doch so nah.“ </em>Wer nicht in solchen Orten wohnt, bleibt – so Manja Präkels – auf der <em>„Durchreise“</em>. Die Straßen, die sie queren, sind auch Orte der Todesmärsche, von Ravensbrück, der Weg zum KZ Sachsenburg. Es wirkt heute fast schon <em>„idyllisch“</em>, wenn man nicht über die Vergangenheit nachdenkt. Tina Pruschmann: <em>„Vielleicht lasse ich mich von meiner Begeisterung für eine schöne Landschaft nur allzu gerne täuschen. Vielleicht halte ich die Gleichzeitigkeit von Schönheit und Terror so wenig aus, das eines weichen muss: das Idyll oder die Brutalität.“ </em></p>
<p>Erinnerungsorte müssen nicht unbedingt Empathie für die Opfer bewirken, im Gegenteil. Es gibt Stimmen, die überzeugt behaupten, dass diejenigen, die in der DDR-Zeit in einem Jugendwerkhof inhaftiert waren, <em>„es verdient hätten dort zu sein“</em> und <em>„so schlimm sei es nicht gewesen“. </em>Solche Bagatellisierungen, die sich sogar auch in Hinweisen auf die KZ-Vergangenheit finden, schlagen in Verständnis um und machen es dann auch leichter, sich die DDR zurückzuwünschen, zumal diese im Vergleich zum Westen ja auch <em>„ethnisch“</em> homogener war. Die Vertragsarbeiter:innen aus den sozialistischen <em>„Bruderstaaten“</em> traf man eben auch nicht auf der Straße.</p>
<p>Viele lassen im wahrsten Sinne des Wortest einfach das sprichwörtliche Gras über die Vergangenheit wachsen. Tina Pruschmann berichtet aus Zwickau <em>„Die Adresse Frühlingsstraße 26, im Ortsteil Weißenborn, wo die Rechtsterroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zehn Jahre lang unbehelligt ein nahezu bürgerlich anmutendes Leben lebten, zeigt Google Maps nicht mehr an. Auch sonst erinnert an diesem Ort nichts an den NSU. Wo das Haus stand, wachsen Gras und Gebüsch.“ </em>Es bleibt einigen zivilgesellschaftlichen Akteur:innen vorbehalten, das <em>„Gelände der Erinnerung“ </em>sichtbar zu erhalten. Im Gespräch mit dem Sozialarbeiter Jörg Banitz und einer Schulklasse erfährt Tina Pruschmann, dass die Geschichte des NSU zur <em>„Regionalgeschichte“</em> wurde. Die Schüler:innen waren damals, als sich der NSU selbst enttarnte, gerade einmal fünf Jahre alt. <em>„Mir ist das Erschrecken über die Mordserie des NSU noch so präsent, dass ich mich frage, ab wann Gegenwart zur Geschichte wird.“ </em>Überall der Wunsch nach einem <em>„Schlussstrich“</em>. Man will sich weder die NS- noch die DDR-Vergangenheit noch rechtsextremistische Mordserien der jüngeren Vergangenheit vorhalten lassen. Und im Hintergrund, im Untergrund gären die Gewalt- und Mordfantasien der neuen Nazis. <em>„Hic sunt dracones.“ </em>(NSU-Watch hat im Verbrecher Verlag mit dem Buch <a href="https://www.verbrecherverlag.de/shop/aufklaeren-und-einmischen-der-nsu-komplex-und-der-muenchener-prozess-neuausgabe/">„Aufklären und Einmischen – Der NSU-Komplex und der Münchener Prozess“</a> die nach wie vor vielen offenen Fragen nach den wahren Ausmaßen des Rechtsterrorismus ausführlich beschrieben.)</p>
<p>Barbara Thériault benennt die Überalterung mancher thüringischen Gemeinden. <em>„In den 1990er Jahren zogen viele ihrer jüngeren Einwohner weg und die Zurückgebliebenen bekamen immer weniger Kinder. So wurden aus 56.000 Einwohnern Ende 1988 gerade mal 37.000 Ende 2023. Ein Drittel der Stadtbevölkerung ist älter als 65 Jahre.“ </em>Unter den Deutsch-Deutschen bleiben junge Männer. Junge Männer trifft man auch unter Zugewanderten, allerdings sind diese in einer ganz anderen Stimmung. Barbara Thériault beschreibt eine <em>„Zuggesellschaft“</em> auf der Fahrt von Erfurt über Zella-Mehlis nach Meiningen: <em>„Viele der Reisenden waren unterwegs in Richtung Thüringer Wald zur Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge. Es schienen aber keine Mitarbeiter einer vom Land beauftragten Sicherheitsfirma den Zug zu begleiten, wie es sonst manchmal der Fall ist. Ich drängte mich in die Menschenmasse hinein. Es duftete wie in einem Barbershop.“</em> Einige sprechen Ukrainisch, andere Arabisch, Kurdisch, einige auch Französisch. Gesprächsthemen sind Hoffnungen und Träume, Fitnessstudios, Gottvertrauen. <em>„Eine traurige Geschichte, die dennoch fröhlich erzählt wurde.“</em> Bevor Barbara Thériault aussteigt, sagt sie zu einem Sitznachbarn: <em>„Ist das hier nicht der kosmopolitischste Ort überhaupt, viel mehr als Berlin?“ </em>Betretenes Schweigen, Unsicherheit. Eigentlich eine nette Reisegesellschaft, aber davon erfährt man in den Lokalzeitungen nichts: <em>„Die Stadt ist sowieso in zwei Fraktionen geteilt: die Autofahrenden und die Bus- und Bahnfahrenden. (…) Es sind Kreise, die sich kaum berühren. Die Zeitungsleser und die hiesigen Journalisten gehören zur Fraktion der Autofahrenden.““ </em></p>
<p>So leer wie die Straßen, so leer sind die Orte und so leer sind die Erinnerungen an Vergangenheiten. Nicht so ganz: Es sind letztlich nur andere Erinnerungen, die zählen. Interessant ist für manche zum Beispiel die ehemalige Produktionsstätte des <a href="https://www.mdr.de/geschichte/ddr/wirtschaft/verkehr/kleintransporter-barkas-autos-erfolg-100.html">Kleintransporters Barkas</a>: <em>„Die Leere am längsten Produktionsband der Welt ist auch eine identifikatorische.“ </em>Oder ein ehemaliges Dieselkraftwerk in Cottbus, die Halle der Cargolifter AG, die Luftschiffe baute, 2002 Insolvenz anmeldete, wo aber jetzt ein Spaßbad eingerichtet wurde, <em>„die schillernde Raumkapsel des Erlebnisparks Tropical Island“</em>. Zutritt für 53,90 EUR pro Person. Umnutzungen von ehemaligen Militär- und Industrieanlagen sind nicht ungewöhnlich. Eigentlich. Manja Präkels: <em>„Die lange Tradition der heute verlassenen Truppenübungsplätze reicht vom Kaiserreich über die faschistische Wehrmacht bis hin zur Roten Armee. Schlachtfelder unter Sand, Gras und niedrigen Bewuchs – Explosionsgefahr. Aus der Asche bricht Mischwald hervor. Als wäre keine Zeit vergangen.“ </em>Die <em>„Explosionsgefahr“</em> darf durchaus als Metapher gelesen werden. Man könnte sogar von Wiederholungszwang sprechen. Alexander Leistner: <em>„Zumal sich die Debatten um, aus und über Ostdeutschland mit ihren abgegriffenen Bezichtigungs- und Erklärungsfloskeln schon seit Jahren zunehmend im Kreis drehen.“ </em>Manja Präkels zitiert <a href="https://anti-kriegs-museum.de/ueber-uns/">Ernst Friedrich</a>, Gründer des weltweit ersten Kriegsmuseums. Er <em>„nannte uns Menschen Vergessmaschinen“</em>. Manche vergessen so intensiv, dass sie sich wünschen, dass doch <em>„die Freunde“</em> wiederkommen sollten, <em>„Putin würde das schon regeln“</em> (auf PEGIDA- und später auf Querdenker-Demonstrationen waren Schilder mit der Aufschrift <em>„Putin hilf“</em> zu sehen). Kein Wunder, dass in einem Vortrag in Wünsdorf, wo nach den Nazis das Oberkommando der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland residierte, auch gefragt wird, ob der Truppenabzug nicht doch ein Fehler gewesen wäre.</p>
<h3><strong>Erzählungen von Glück und Unglück</strong></h3>
<p>Thomas Mann schrieb in einer Zeit, in der man ihn noch nicht als Demokraten kannte und bewunderte, im Jahr 1918, in den „Betrachtungen eines Unpolitischen“: <em>„Der Geschmack eines Volkes an der Demokratie steht im umgekehrten Verhältnis zu seinem Ekel vor der Politik.“</em> Etwas über 30 Jahre später fragte er sich in „Meine Zeit“, <em>„ob der Mensch um seiner seelischen und metaphysischen Geborgenheit willen nicht lieber den Schrecken will als die Freiheit.“</em> Diese beiden Sätze sind Gegenstand der <a href="https://www.photoscala.de/2025/07/05/150-jahre-thomas-mann-ausstellung-meine-zeit-in-luebeck-eroeffnet/">Ausstellung „Meine Zeit“ in Lübeck</a> zum 150. Geburtstags von Thomas Mann. <em>„Ekel“</em> – das ließe sich noch steigern, durch Ohnmacht, Wut und eben Gewalt. Darüber ließe sich reden, davon ließe sich erzählen, allerdings wären das keine Heldengeschichten. Ursula K. Le Guin schreibt in „The Carrier Bag of Fiction” (zitiert nach der von Donna Haraway eingeleiteten Ausgabe von 2024 bei <a href="https://cosmogenesis.world/products/the-carrier-bag-theory-of-fiction">cosmogenesis</a>), Geschichten enthielten eigentlich keine Helden, sondern Leute (<em>„people“</em>). Donna Haraway kommentiert: <em>„It matters what stories we tell to tell other stories with; it matters what concepts we think to think other concepts with.”</em> Wenn wir etwas sagen oder schreiben, meinen wir immer irgendetwas Anderes mit, das sich möglicherweise mit der Zeit verselbstständigt.</p>
<p>Wenn man die Thesen von Thomas Mann, Ursula K. Le Guin und Donna Haraway auf Deutschland im Jahr 2025 anwenden möchte, findet man Zugang zu Geschichten, die festgefügt, fast schon unwandelbar einander gegenüberstehen, oft allerdings eher im Modus der Anklage. Das gilt selbst für etablierte Autor:innen wie den immer wieder zitierten Ilko-Sascha Kowalczuk. In seinem Grundlagenwerk <a href="https://www.chbeck.de/kowalczuk-sascha-uebernahme/product/27704284">„Die Übernahme – Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde“</a> (München, C.H. Beck, 2019) suggeriert schon der Titel, in welche Richtung aus seiner Sicht erzählt werden soll. Kowalczuk argumentiert differenzierter, aber die Rezeption ist eindeutig. Diejenigen, die von der Geschichte der DDR und der sogenannten <em>„Transformationszeit“</em> erzählen, haben ein festgefügtes weitgehend binäres Bild von sich, vom Osten wie vom Westen. Christina Morinas „1000 Aufbrüche“ könnten ein Gegenbild bieten, doch dürften viele dieser <em>„Aufbrüche“</em> von manchen wegen der vielen enttäuschten Hoffnungen eher als Abbrüche, Abbruch oder etwas neutraler als <em>„Umbruch“</em> gelesen werden.</p>
<p><em>„Aufbruch“</em>,<em> „Umbruch“</em>,<em> „Transformation“ </em>– diese Begriffe erwecken den Eindruck, als müsste, sollte, würde sich irgendwer nicht immer aus freien Stücken von irgendwoher irgendwohin bewegen, wo er oder sie vorher nicht war. Demnach gäbe es Geschichten einer Ankunft beziehungsweise eines Verfehlens des eigentlichen Ziels. Wer das Ziel verfehlt, trägt selbst zumindest einen Teil der Schuld. Man hat sich eben ge- oder verirrt. <em>„Übernahme“</em> oder <em>„Kolonisierung“</em> betonen hingegen ausschließlich Passivität und Ohnmacht der angeblich Übernommenen oder Kolonisierten. Hinter all diesen Metaphern steckt jedoch immer ein Bild vom Anderen, eine VerAnderung (<a href="https://www.hf.uni-koeln.de/35242">Julia Reuter</a> übersetzte so den Begriff des <em>„Othering“</em>) desjenigen, der eben nicht dort ist, wo man selbst ist und deswegen nicht zu der Gruppe gehören kann, zu der man sich selbst zählt. Das gilt für den Westen wie für den Osten.</p>
<p>Der Westen ist nicht der ultimative Telos der Geschichte an sich, keine Norm, kein potenzielles <a href="https://dn721609.ca.archive.org/0/items/THEENDOFHISTORYFUKUYAMA/THE%20END%20OF%20HISTORY%20-%20FUKUYAMA.pdf"><em>„Ende der Geschichte“</em></a>, wenn man Francis Fukuyamas berühmt-berüchtigten Gedanken zitieren möchte. Niemand muss irgendwo ankommen, niemand muss sich irgendwohin bewegen. Zunächst wäre einfach nur zu analysieren, wer sich eigentlich wo befindet. Abgesehen davon ist <em>„Demokratie“</em> kein Ort, sondern eine Regierungsform. Ein Ort wird sie erst, wenn sie mit <u>dem</u> <em>„Westen“</em> identifiziert wird, etwas, das der Osten (noch) nicht erreicht habe. Thorsten Holzhauser, Geschäftsführer der <a href="https://www.theodor-heuss-haus.de/">Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus</a>, formulierte in seinem Essay <a href="https://www.merkur-zeitschrift.de/artikel/vom-osten-und-vom-ankommen-in-der-demokratie-a-mr-79-10-35/">„Vom ‚Osten und vom Ankommen in der Demokratie“</a> (in der Ausgabe des Merkur vom Oktober 2025) folgendes Fazit: <em>„Für das Bild vom ‚Ankommen in der Demokratie‘ lässt sich aus dieser Sicht zweierlei schlussfolgern: Entweder die Ostdeutschen können gar nicht ‚in der Demokratie ankommen‘, genauso wenig übrigens wie die Westdeutschen, weil es die Demokratie in dieser idealisierten von Konflikten bereinigten Form nicht gibt, oder sie sind längst angekommen, nur ist die moderne Demokratie eben nicht so rein und unschuldig und konfliktfrei, wie wir das gerne hätten.“ </em>Das wäre die versöhnliche Version der Geschichte. Wer jedoch darauf beharrt, dass <em>„Ankommen in der Demokratie“</em> zunächst eine ostdeutsche Bringschuld wäre, definiert den Osten ausschließlich „<em>durch Defizitbeschreibungen“. </em>Dies wäre in der Tat diskriminierend. Als Antwort folgt geradezu zwangsläufig eine ostdeutsche <em>„Identitätskonstruktion“</em>, deutlich zu hören beispielsweise in ostdeutschen Fußballstadien, wenn die Fans dort <em>„Ostdeutschland“</em> skandieren, oder wenn sich Menschen DDR-Zustände zurückwünschen. Aber gleichviel: <em>„Unzufriedenheit und Protest, Demokratieskepsis und Elitenkritik, autoritäre und rassistische Einstellungen, Rechtsextremismus und Populismus werden in beiden Deutungsmustern zum Kennzeichen Ostdeutschlands.“</em></p>
<p>Radikalisierungsprozesse gibt es in Ost und West und dennoch sind Ost und West jeweils keine in sich geschlossenen und klar voneinander abgrenzbaren Großgebiete. Es gibt eine Fülle von Zwischentönen oder wenn man so will Grautönen. Das <a href="https://www.ils-forschung.de/">Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung Dortmund</a> (ILS) hat im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung mögliche Zusammenhänge mit dem Zustand der Infrastruktur beziehungsweise der Daseinsvorsorge mit Radikalisierungsprozessen untersucht. <a href="https://www.sueddeutsche.de/politik/infrastruktur-rechtsextremismus-kommunen-ostdeutschland-abgehaengt-li.3297555?reduced=true">Der Wirtschaftsgeograph Bastian Heider bietet im Gespräch mit Ulrike Nimz von der Süddeutschen Zeitung einen Überblick</a>. Es gehe allerdings um. <em>„Korrelationen“</em>, nicht um <em>Kausalitäten“.</em> Ein Ergebnis: <em>„Dass es Zusammenhänge zwischen dem Zustand der Daseinsvorsorge und dem Grad der Demokratiezufriedenheit gibt. Das gilt vor allem für Bildungschancen, Kinderbetreuung und Breitbandausbau, aber auch für objektiv nur schwer messbare Faktoren wie die Lebendigkeit von Ortszentren. Wenn es Räume für sozialen Austausch gibt, Kinder gut betreut und ausgebildet werden, es schnelles Internet gibt, auch als Voraussetzung für die Ansiedlung von Firmen, dann ist das ein Ausweis der Zukunftsfähigkeit und begünstigt einen optimistischen Blick in die Zukunft. Funktioniert all das nicht, wächst der Frust.“ </em>Eine große Rolle spiele aber nicht zuletzt angesichts der zahlreichen aufeinanderfolgenden Transformationserfahrungen vieler Menschen – nicht nur in Ostdeutschland – auch ein Gefühl von <em>„Bedeutungsverlust“</em>, kombiniert <em>„mit einer persönlichen Abwertungserfahrung“</em>.</p>
<p>Mitunter möchte man sich an <a href="https://www.piper.de/buecher/die-unfaehigkeit-zu-trauern-isbn-978-3-492-20168-1">„Die Unfähigkeit zu trauern – Grundlagen kollektiven Verhaltens“</a> von Alexander und Margarete Mitscherlich aus dem Jahr 1967 erinnern. Es war die Zeit der ersten Großen Koalition und bedrohlicher Wahlergebnisse der NPD. Heute leben wir in einer Zeit mehr oder weniger dauerhafter nicht mehr ganz so großer Koalitionen, es sei denn, wir addieren die Grünen bei den Wahlergebnissen von CDU, CSU und SPD einfach dazu. Unplausibel wäre das nicht. Die Wahlergebnisse der AfD sind bekannt. Thorsten Holzhauser konstatiert: <em>„Der Prozess ostdeutscher Identitätskonstruktion ist aus dem linken in den rechten Diskurs gewandert und hat sich dort entsprechend verformt.“</em></p>
<p>August Modersohn, Autor des Reportagenbuchs <a href="https://www.ullstein.de/werke/in-einem-neuen-land/hardcover/9783549110140">„In einem neuen Land“</a> (Berlin, Propyläen, 2025), hat zum 3. Oktober 2025 in der ZEIT einen Essay veröffentlicht, der die Frage stellt: <a href="https://www.zeit.de/2025/42/deutsche-einheit-ostdeutschland-zukunft-afd/komplettansicht">„Wie kommen wir da wieder raus?“</a> In der Anmoderation provoziert er: <em>„Vor 35 Jahren hatte Deutschland die Chance, sich neu zu erfinden. Viele hofften, träumten auch. Heute hat nur noch die AfD Visionen.“ </em>Kaum jemand traut, wenn man den gängigen Umfragen glauben will, der AfD zu, dass sie die Krisen unserer Zeit lösen könne, aber alle anderen Parteien machen ihr es leicht so zu tun, als sei sie die Lösung: <em>„Zukunft ist gerade ein Wort, bei dem viele zusammenzucken. Zukunft bedeutet Angst, Schrecken, Dunkelheit, in jedem Fall nichts Gutes. Es gibt aber eine Partei, die offensiv mit dem Begriff umgeht, und zwar die AfD. ‚Vision 2026‘, so hat sie ihre Kampagnenwebsite für die Wahl in Sachsen-Anhalt im kommenden Jahr genannt, wo sie sich Hoffnung macht, das erste Mal einen Ministerpräsidenten zu stellen. Was die anderen Parteien natürlich verhindern wollen.“ </em>(Das, was die AfD als Vision anbietet, klingt durchaus ähnlich wie das <a href="https://www.heritage.org/conservatism/commentary/project-2025">Projekt 2025 der Heritage Foundation</a>, nach dessen Muster Donald Trump zurzeit die USA entdemokratisiert.)</p>
<p>Alleine mit der mantrahaften Beschwörung der Demokratie kommen wir nicht weiter. Einer der Gesprächspartner von August Modersohn erweitert den Blick: <em>„Langsam werde aber deutlich, dass nicht nur die DDR zu Ende gegangen ist, sondern auch diese Idee der Bonner Republik nur mehr eine Illusion sei. Die Politiker simulierten jedoch immer noch: Wird schon wieder. ‚Nur wird es immer schwieriger, das Problem einzufangen. Im Osten zeigt sich manches ja früher, und hier sieht man, dass es sich nicht nur um Erosionsprozesse handelt, sondern um Fliehkräfte.‘“ </em>Bürgerräte könnten Selbstwirksamkeit fördern. <a href="https://www.bundesfinanzministerium.de/Web/DE/Ministerium/Ostbeauftragte/ostbeauftragte.html">Elisabeth Kaiser, Ostbeauftragte der Bundesregierung</a>, <em>„sagt, sie fände es gut, ‚wenn wir mal regional begrenzt ausprobieren, die Ergebnisse der Bürgerräte tatsächlich rechtlich bindend zu machen, in einem Landkreis im Osten zum Beispiel‘. Man könnte dafür die Kommunalordnung ändern. ‚Das würde ich gerne intensiver diskutieren als einen Baustein, um das Vertrauen in die Demokratie wieder zu stärken.‘“ </em>Das wäre sicherlich ein Mittel gegen den <em>„Ekel vor der Politik“</em>, den Thomas Mann diagnostizierte und der die gesamte rechte Szene – und nicht nur diese – zu durchziehen scheint. <em>„Selbstwirksamkeit“</em> erleben die Akteure dieser Szene geradezu in der Reaktion der demokratischen Parteien und der Medien auf ihren Krawall. Das ist aber nicht die <em>„Selbstwirksamkeit“</em>, die ein Land voranbringen könnte, sondern eben rein destruktiv.</p>
<p>Die Autor:innen der drei in diesem Essay vorgestellten Bücher und die vielen kleinen Initiativen und Einrichtungen, die den rechtspopulistisch-extremistischen Mainstream aufhalten wollen, wirken mitunter, als wollten sie mit einem Fingerhut ein Meer ausschöpfen. Entscheidend ist jedoch – und das zeigen alle drei Bücher –, wer wem welche Geschichten erzählt und wer bereit ist, wem zuzuhören. <a href="https://www.andreherzberg.net/">André Herzberg</a>, Sänger der Band „Pankow“, die jetzt ihre Abschiedstournee abgeschlossen hat, hat in der Jüdischen Allgemeinen vom 3. Oktober 2025 seine persönliche Vision formuliert: <em>„Die DDR war eine Diktatur, und jeder, der in dieser Diktatur gelebt hat, muss mit diesen Erfahrungen umgehen, weil man damit geboren wurde und kein anderes Leben kannte. (…) Dann kam ein wahnsinniger Bruch. Da musste man diese Freiheit neu lernen. Das sind vielleicht zwei dürre Sätze auf das große Thema. Wie ist es, Identität neu zu erfahren? Das ist ein schwieriger Lernprozess. Psychoanalytiker haben gesagt: Lernen oder Erfahrungen geht nicht ohne Trauer und so ein Sich-in-sich-selbst-Zurückziehen. Das ist ein sehr schmerzafter und langer Prozess für mich gewesen.“</em> Die Überschrift seines Statements lautet: <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/ein-grosses-glueck/">„Ein großes Glück“</a>. Vielleicht ist das ein Fazit im Einheitspuzzle und ein erster Schritt zur Verknüpfung der vielen ver- und zerstreuten Elemente des Gesamtbildes in, von und für Deutschland.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Oktober 2025, Internetzugriffe zuletzt am 7. Oktober 2025. Titelbild: Landschaft bei Bestensee, Landkreis Oder-Spreewald, Foto: NoRei.)</p>
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		<title>Utopien bauen!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 27 Sep 2025 08:40:30 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Utopien bauen! Lisa Poettingers Buch „Klimakollaps und soziale Kämpfe“ „Die Klimakrise umfasst und bedroht alle Bereiche unseres Lebens, egal ob uns das bewusst ist oder nicht. Ihr Ausmaß und ihre Komplexität führen dazu, dass viele Menschen verzweifeln oder sich vom Thema abwenden – es ist einfach zu viel, um damit fertig zu werden. Aber  [...]</p>
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<h1><strong>Utopien bauen!</strong></h1>
<h2><strong>Lisa Poettingers Buch „Klimakollaps und soziale Kämpfe“</strong></h2>
<p><em>„Die Klimakrise umfasst und bedroht alle Bereiche unseres Lebens, egal ob uns das bewusst ist oder nicht. Ihr Ausmaß und ihre Komplexität führen dazu, dass viele Menschen verzweifeln oder sich vom Thema abwenden – es ist einfach zu viel, um damit fertig zu werden. Aber genau das müssen wir schaffen und ich bin überzeugt davon, dass wir es auch <u>können</u>.“ </em>(Lisa Poettinger im Vorwort ihres Buches <a href="https://www.oekom.de/buch/klimakollaps-und-soziale-kaempfe-9783987261480">„Klimakollaps und soziale Kämpfe – Über Klimaschutz in einer ungerechten Welt“</a>, München, oekom, 2025)</p>
<p>Zuversicht in unserer Zeit? Lohnt es sich überhaupt noch, sich für mehr Gerechtigkeit, für eine gesunde Umwelt zu engagieren? Oder haben Menschen, die sich für Klima- und Artenschutz, für soziale Gerechtigkeit einsetzen, keine Chance gegen die Macht von Unternehmen und Regierungen, die sich inzwischen von ursprünglich vereinbarten Zielen verabschieden? Diese Fragen sind höchst aktuell und werden in manchen Medien oft mit der Annahme verbunden, dass sich jüngere Menschen doch nicht mehr für Politik interessierten. Nichts falscher als das. Auf der einen Seite sind viele junge Leute in der letzten Zeit in Parteien eingetreten, insbesondere bei der Linken und bei den Grünen, auf der anderen Seite belegen einschlägige Jugendstudien schon seit etwa mehr als 20 Jahren, dass junge Menschen sich gerne engagieren möchten und dies auch tun, allerdings weniger in festgefügten Organisationen wie Parteien, Kirchen oder Gewerkschaften, wohl aber in örtlichen Initiativen mit ihren ganz konkreten auf den Alltag bezogenen Projekten.</p>
<h3><strong>Ein wichtiges Buch zur richtigen Zeit</strong></h3>
<div id="attachment_7476" style="width: 208px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.oekom.de/buch/klimakollaps-und-soziale-kaempfe-9783987261480"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7476" class="wp-image-7476 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Lisa-Poettinger-Klimakollaps-oekom-Verlag-198x300.jpg" alt="" width="198" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Lisa-Poettinger-Klimakollaps-oekom-Verlag-198x300.jpg 198w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Lisa-Poettinger-Klimakollaps-oekom-Verlag-200x303.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Lisa-Poettinger-Klimakollaps-oekom-Verlag.jpg 350w" sizes="(max-width: 198px) 100vw, 198px" /></a><p id="caption-attachment-7476" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Es gibt Lichtblicke und Grund zu Zuversicht. Bei den Kommunalwahlen im September 2025 in Nordrhein-Westfalen wählten nur etwa zehn Prozent der jungen Leute eine rechtsradikale und in weiten Teilen rechtsextremistische Partei. Aber das ist vielleicht nur eine oberflächliche Diagnose und Momentaufnahme. Marina Weisband hat mit ihrem aula-Projekt nachgewiesen, dass junge Menschen, Schülerinnen und Schüler jeden Alters, sich in demokratischen Prozessen miteinander austauschen, Entscheidungen vorbereiten und diese dann auch im Einvernehmen umsetzen können, natürlich im Dialog mit der Schulleitung und den Lehrkräften, in geordneten Verfahren, in denen sie Demokratie nicht nur simulieren, sondern in ihren Schulen lebendig werden lassen. Zahlreiche Beispiele hat Marina Weisband in ihrem Buch „Die neue Schule der Demokratie – Wilder denken, wirksam handeln“ (Frankfurt am Main, S. Fischer, 2024) dokumentiert (es wurde im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> unter anderem in dem Gespräch <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/selbstwirksamkeit-schafft-resilienz/">„Selbstwirksamkeit schafft Resilienz“</a> vorgestellt). Manch indigene Initiative, die Lisa Poettinger in ihrem Buch vorstellt, handelt im Grunde nach demselben Prinzip.</p>
<p>Lisa Poettinger zeigt eine andere Seite des Engagements von jungen Menschen, die landläufig in den Medien als <em>„Aktivismus“</em> markiert wird, aber im Grunde ein Zeichen des unbedingten Willens ist, sich für eine gerechte(re) Welt einzusetzen. In ihrem Buch „Klimakollaps und Soziale Kämpfe“, das der Münchner oekom-Verlag am 6. August 2025 veröffentlicht hat, beschreibt sie, wie sich junge und ältere Menschen in Deutschland und in vielen anderen Ländern engagieren. Das Buch kommt genau zur richtigen Zeit und es ist aus meiner Sicht komplementär zu dem eben empfohlenen Buch von Marina Weisband. Zwei Perspektiven für dieselben Probleme. Das eine Buch beschreibt Methoden zur Demokratiebildung, das andere bietet Hintergrundinformationen und Strategieentwürfe für gesellschaftliches, zivilgesellschaftliches Engagement.</p>
<p>Entstanden ist Lisa Poettingers Buch als Abschlussarbeit ihres Studiums im Fach „Environmental Studies“. Sie hatte Schulpsychologie und Bildung für nachhaltige Entwicklung und Environmental Studies studiert, in Bayern in dieser Kombination als Lehramtsstudium möglich (auch das Fach „Schulpsychologie“ als Lehramtsstudium gibt es in dieser Form nur in Bayern). Außerdem hat sie sich zur Kinderpflegerin weitergebildet. Sie war Stipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung. Die Arbeit wurde sehr gut benotet. Dies motivierte die Autorin, einen Verlag zu suchen. Dies gelang bei einem Verlag, der immer wieder Bücher zur nachhaltigen Entwicklung veröffentlicht, beispielsweise zuletzt auch mit dem Buch <a href="https://realutopien.info/zukunftsbilder-2045/">„Zukunftsbilder 2045“</a> der Gruppe Reinventing Society. Die Veröffentlichung von „Klimakollaps und soziale Kämpfe“ wurde von der Rosa-Luxemburg-Stiftung und dem Kurt Eisner Verein für politische Bildung e.V. unterstützt. Der Verlag bietet die Möglichkeit, Solidaritätsexemplare für Leute zu bestellen, die sich ein solches Buch nicht leisten können, ganz einfach per e-mail. Dies wurde über eine Kampagne organisiert.</p>
<p>Lisa Poettinger stellt zu Beginn klar, das Buch sei <em>„kein Handbuch, wie man aus der Klimakrise am besten herauskommt“</em>. Es gehe um <em>„verschiedene Perspektiven und Überlegungen“</em>. In unseren Gesprächen sagte sie, es sei ihr sehr wichtig gewesen, ein Buch zu veröffentlichen, <em>„das man auch gut lesen kann, wenn man nicht aus einer Akademikerfamilie kommt, auch lesen kann, wenn man nach der Arbeit müde ist, es abschnittsweise lesen, hin- und herspringen kann.“ </em>Dieses Ziel erreicht sie nicht nur mit den Texten, sondern auch mit den von ihr selbst gestalteten Bildern. So unterscheidet sich das Buch deutlich von vielen anderen Büchern zum Thema.<em> „Ich habe das Gefühl, der Klimadiskurs und Klimaliteratur ist sehr oft von Akademiker:innen für Akademiker:innen geschrieben.“ </em>Im Grunde kann man über jedes einzelne Bild, jede einzelne Seite nachdenken oder sie nutzen, um mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen. Weitere Informationen kann man sich über QR-Codes und das umfassende Literaturverzeichnis erschließen. Zahlen werden durch Vergleiche anschaulich, nur ein Beispiel: 20 Flüge eines Milliardärs emittieren genau so viel CO2 wie der Durchschnitt der Weltbevölkerung in 300 Jahren.</p>
<p>Das Buch ist in vier Kapitel gegliedert: „Klima(Un)gerechtigkeit“, „Kapitalismus &amp; die Umwelt“, „Was uns bewegt“ und „Strategien für Umweltgerechtigkeit“. Jedes Kapitel beginnt mit einer allgemeinen Einleitung, beispielsweise im zweiten Kapitel mit Ausführungen zum Allmende-Dilemma, zum Thema Lithium, zum Greenwashing durch Wirtschaft und Regierungen, bezieht anschließend Stellung zu politischen Reaktionen von den Sustainable Development Goals (SDG) bis hin zur kritischen Würdigung der These eines <em>„grünen Kapitalismus“</em>.</p>
<p>Die Art der Gestaltung erlaubt, dass das Buch – auch in Auszügen – in Bildungsprozessen gut eingesetzt werden kann, um Debatten zu ermöglichen, die in der Regel in Bildungsprozessen kaum oder gar nicht stattfinden, nicht zuletzt, weil manche Lehrkräfte sich scheuen, ein solch heißes Eisen anzufassen. Oft fehlen ihnen aber einfach auch Informationen. Solche Informationen bietet das Buch ohne zu agitieren. Im Gegenteil: Es fordert die Leser:innen geradezu auf, weiterzudenken: <em>„Dieses Buch wird immer eine unabgeschlossene Arbeit bleiben, da die Welt sich immer weiter verändert – zuletzt immer schneller.“</em></p>
<p>Genau dort ließe sich ansetzen. Wir sollten jungen Leuten einfach zutrauen, dass sie sich mit solchen Thesen wie sie die Autorin formuliert, auseinandersetzen können. Und wenn Lehrkräfte noch zweifeln, empfiehlt es sich, die einschlägigen Beschlüsse der KMK zu studieren, beispielsweise 2024 zur <a href="https://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2024/2024_06_13-BNE-Empfehlung.pdf">Bildung für nachhaltige Entwicklung</a> (BNE) oder 2018 zur <a href="https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2009/2009_03_06-Staerkung_Demokratieerziehung.pdf">Demokratiebildung</a>. Es ist allerdings durchaus ein Problem, dass viele Lehrkräfte, leider auch diejenigen, die die Lehrpläne schreiben oder Fortbildungen anbieten, diese KMK-Beschlüsse nicht kennen. Läsen sie sie, wüssten sie, dass Bücher wie das von Buch von Lisa Poettinger, ihnen helfen kann, einen ansprechenden Unterricht zu den aktuellen Zukunftsthemen zu gestalten. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass der immer wieder zitierte <a href="https://www.bpb.de/die-bpb/ueber-uns/auftrag/51310/beutelsbacher-konsens/">Beutelsbacher Konsens</a> nicht – wie oft behauptet – <em>„Neutralität“ </em>gebiete, sondern <em>„Kontroversität“</em>. Weitere Prinzipien des Beutelsbacher Konsenses sind das <em>„Überwältigungsverbot“</em> und die <em>„Schülerorientierung“</em>. Eben dies führt die KMK unter anderem in ihren Beschlüssen zur Demokratiebildung aus.</p>
<p>In einem unserer Gespräche verwies Lisa Poettinger auf einen Sozialkundelehrer, der sie sehr geprägt habe: <em>„Wir haben bei ihm über das Thema „Aktive Bürgergesellschaft“ gesprochen. Es reicht in einer Demokratie eben nicht, alle vier oder fünf Jahre bei einer Wahl sein Kreuz zu machen und dann wieder in Starre verfallen. Demokratie lebt von demokratischem Streit, vom Aushandeln von Meinungen, von Perspektiven, von Menschen, die sich nicht nur für ihr eigenes beschauliches Leben interessieren, sondern auch für Gruppen, denen die Möglichkeit genommen wird, sich einzusetzen. Demokratie lebt davon, dass wir die Grundrechte verteidigen, dass wir sie nicht nur gegen menschenfeindliche Ideologien verteidigen, sondern sie auch als Schutzrechte gegen Übergriffe durch Staaten verstehen. Ich denke, dass Dinge nur besser werden können, Menschen nur Repräsentation erfahren können, wenn sie sich auch organisieren können.“</em></p>
<h3><strong>Demokratin und Antikapitalistin </strong></h3>
<div id="attachment_7477" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7477" class="wp-image-7477 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/We-are-the-99--300x228.png" alt="" width="300" height="228" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/We-are-the-99--200x152.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/We-are-the-99--300x228.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/We-are-the-99--400x304.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/We-are-the-99--600x456.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/We-are-the-99--768x584.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/We-are-the-99--800x608.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/We-are-the-99--1024x778.png 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/We-are-the-99--1200x912.png 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/We-are-the-99--1536x1167.png 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7477" class="wp-caption-text">Lisa Poettinger, We are the 99 %</p></div>
<p>Die Autorin vertritt klare Positionen, die sie sachkundig und ausführlich begründet. Man muss nicht alle Positionen im Detail teilen, aber alle Positionen bieten in einem an den Prinzipien des Beutelsbacher Konsenses orientierten Unterricht Gelegenheit, sich zu streiten und gemeinsam neue Perspektiven zu erschließen, vielleicht sogar, manche zu eigenem Engagement zu ermutigen.</p>
<p>Auf der einen Seite veranschaulicht Lisa Poettinger die Grundlagen eines kapitalistischen Systems, das einen wirksamen Klima- und Umweltschutz, der zugleich auch soziale Gerechtigkeit garantiert, be- oder sogar verhindere. Auf der anderen Seite kritisiert sie die in der Politik und in den Medien gängige Verlagerung der Problemlösungen auf jeden einzelnen Menschen. Es werde nicht in Strukturen gedacht, sondern an jeden Einzelnen appelliert, beispielsweise das Licht auszuschalten, wenn man einen Raum verlässt, weniger Fleisch zu essen, weniger Auto zu fahren, eine andere umweltverträglichere Heizung einzubauen. (Ich erlaube mir den Hinweis, dass die schlechten Wahlergebnisse der Grünen der letzten Zeit viel damit zu tun haben, dass es ihnen nicht gelungen ist, in der Zeit ihrer Beteiligung an der Bundesregierung die von ihnen vorgeschlagenen Maßnahmen als Strukturmaßnahmen zu debattieren. Stattdessen erweckten sie – auch dank der Polemik ihrer Gegner:innen – den Eindruck, sie wollten die Menschen mit ihren Vorschlägen drangsalieren.)</p>
<p>Eben dies ist ein zentraler Punkt, denn die gängige <em>„Konsumkritik missachtet die großen Unterschiede hinsichtlich CO2, den Möglichkeiten von Armen und Reichen und klammert die Produktion aus. Die Verantwortung wird so von klimazerstörenden Konzernen auf Individuen geschoben.“ </em>Im Gespräch führte sie aus: <em>„Gruppen oder auch Unternehmen sagen oft, die Bürger:innen wären selbst schuld, wenn sie so viel Plastik kommunizieren oder nicht in den Bioladen gehen. Das missachtet, dass viele Leute gar nicht das Geld haben, in den Bioladen zu gehen, dass Menschen, die kaum ihren Alltagsstress bewältigen, bei jedem einzelnen Produkt genau wissen, was das für den Planeten bedeutet, und entsprechend einkaufen, obwohl es oft gar keine entsprechenden Produkte gibt oder nur zu exorbitant teuren Preisen.“ </em>Lisa Poettinger plädiert dafür, dass die Produkte so nachhaltig und sozialverträglich wie möglich produziert werden. Dazu gehört auch, dass diejenigen, die sie produzieren, auch davon leben können. Lisa Poettinger schreibt: <em>„Reformen können reale Verbesserungen erzielen, aber nicht die dem Kapitalismus innewohnenden Zwänge wie Wachstum oder Profitstreben aushebeln. Sie reichen damit nicht für eine klimagerechte Welt.</em></p>
<p>Lisa Poettinger stellt fest: <em>„Demokratie ist keine Dienstleistung, sondern etwas Wertvolles, das wir organisieren.“ </em>Hier trifft sie sich mit den Botschaften des von Marina Weisband geleiteten aula-Projekts. Marina Weisband formulierte als Bildungsauftrag, aus <em>„Konsumenten“ „Gestalter“</em> werden zu lassen. Oder in den Worten von Andreas Voßkuhle, des ehemaligen Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, anlässlich des Festaktes „100 Jahre Volkshochschule in Deutschland“ in der Frankfurter Paulskirche über den „Bildungsauftrag des Grundgesetzes“ (nachlesbar in der Ausgabe zum Grundgesetz von <a href="https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/289234/grundgesetz/">„Aus Politik und Zeitgeschichte“ vom 15. April 2019</a>): <em>„Ein Schlüssel zum <u>status activus</u> des Staatsbürgers ist Bildung. Bildung nicht im klassischen, die Ungebildeten ausschließenden Sinne, sondern Bildung verstanden als „Empowerment“. Das Grundgesetz will den kritischen und informierten, vor allem aber neugierigen Bürger.“ </em>Ein solches <em>„Empowerment“</em> führt zu der Erfahrung von <em>„Selbstwirksamkeit“. </em></p>
<p>Lisa Poettinger spricht in ihrem Buch über den drohenden Aufstieg von <em>„Faschismus“</em> (nicht nur in Deutschland), formuliert aber auch die Fragen, die man denen stellen müsse, die sich rechten Thesen annähern oder diese gar übernehmen: <em>„Der Rechtsextremismus kommt als Gegenbewegung zu humanistischen Prinzipien mehr und mehr in Schwung, indem er toxische Freiheiten verficht: Ja, wir finden es total in Ordnung, wenn andere für unsere Freiheit, uns nicht zu impfen, unseren Wohlstand oder unsere Vorliebe, fossil zu heißen, sterben.“ </em>Den Gedanken der <em>„toxischen Freiheiten“</em> hat Lisa Poettinger sinngemäß von <a href="https://www.youtube.com/@muellertadzio">Tadzio Müller</a> übernommen („Zwischen friedlicher Sabotage und Klimakollaps: wie ich lernte, die Zukunft wieder zu lieben (Wien, Mandelbaum Verlag, 2024).</p>
<p>Einen ähnlichen Gedanken fand sie in dem Buch <a href="https://www.fes.de/asd/buch-essenz/amlinger-und-oliver-nachtwey-2022-gekraenkte-freiheit-aspekte-des-libertaeren-autoritarismus">„Gekränkte Freiheit – Aspekte des libertären Autoritarismus“</a> von Caroline Amlinger und Oliver Nachtwey (Berlin, Suhrkamp, 2022). Es gebe immer mehr Gruppen, die Freiheit als absolute Freiheit verstehen, die auch auf Kosten der Freiheit aller anderen durchgesetzt werden dürfte, immer mehr Menschen, die sich nur noch für ihre eigenen Belange interessierten. Darin stecke, dass man auf niemanden mehr Rücksicht nehmen müsse. <em>„Kapitalismus“</em> oder <em>„Freiheit“</em> werden dann zur Chiffre für einen extremen Egoismus, eine extreme Ich-Bezogenheit. Lisa Poettinger verweist auf den Film „Don’t Look Up“, in dem die US-Regierung, geführt von einer von Meryl Streep gespielten sehr an Trump erinnernden Präsidentin, alles tut, die drohende Katastrophe angesichts bevorstehender Wahlen herunterzuspielen oder gar zu ignorieren. Hinschauen, die Bedrohungen ernst nehmen, das wäre die erste Botschaft.</p>
<p>Die Autorin ist überzeugte Antikapitalistin. Damit steht sie nicht allein. Einer der Bestseller im Bereich der Sachbücher war in den vergangenen Jahren das Buch <a href="https://www.dtv.de/buch/systemsturz-28369">„Systemsturz – Der Sieg der Natur über den Kapitalismus“</a> des japanischen Marxologen und Marxisten Kohei Saito (München, dtv, 2023), ein vehementer Verfechter der „Degrowth“-Bewegung. Welche Wirkungen das Buch auf die Politik haben könnte, bleibt offen. Das Buch von Lisa Poettinger ist erheblich anschaulicher, pragmatischer und weniger theoretisch aufgebaut, wäre aber eine wichtige Ergänzung einer Lektüre des Buches von Kohei Saito. Das von Lisa Poettinger formulierte Ziel klingt eigentlich ganz einfach: <em>„Utopien bauen: An verschiedenen Orten des Widerstandes werden Formen eines solidarischen, nachhaltigen Zusammenlebens bereits erfahrbar gemacht.“</em> Es ist letztlich <em>„die Sache, die so einfach, doch so schwer zu machen ist.“</em> (Bertolt Brecht) Ein Schlüsselbegriff des Buches, den sie ebenfalls von Tadzio Müller übernommen hat, lautet: <em>„Solidarische Kollapspolitik“.</em> Das mag etwas sperrig klingen, aber ist letztlich ein politisches Programm in den Zeiten zunehmender Zerstörung unserer <em>„natürlichen Lebensgrundlagen“</em>, die der Staat laut Grundgesetz eigentlich schützen sollte: <em>„Was sagt dein Herz, wenn du kämpfst?“ </em></p>
<h3><strong>Lisa Poettinger, kreative Nonkomformistin &#8211; ein Gespräch</strong></h3>
<div id="attachment_7478" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7478" class="wp-image-7478 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Antifatransparent-300x171.jpg" alt="" width="300" height="171" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Antifatransparent-200x114.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Antifatransparent-300x171.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Antifatransparent-400x229.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Antifatransparent-600x343.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Antifatransparent-768x439.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Antifatransparent-800x457.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Antifatransparent-1024x585.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Antifatransparent-1200x686.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Antifatransparent-1536x878.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7478" class="wp-caption-text">Foto: Lisa Poettinger</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie organisieren Demonstrationen, zuletzt im September 2025 die Proteste gegen die Internationale Automobilausstellung (IAA) in München oder Anfang Februar 2025 Demonstrationen gegen rechts in Reaktion auf die <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-29-januar-2025/">Abstimmung im Deutschen Bundestag vom 29. Januar 2025</a>. Oft ist die Rede von <em>„zivilem Ungehorsam“</em>, meines Erachtens ein unpassender Begriff, denn es handelt sich doch nicht um <em>„Ungehorsam“,</em> sondern um die Wahrnehmung von Grundrechten.</p>
<p><strong>Lisa Poettinger</strong>: <em>Das würde ich auch so sagen, denn es ist alles vom Versammlungsrecht abgedeckt. Es ist im Grunde sogar erwünscht, wenn wir von einer aktiven Bürgergesellschaft ausgehen. Vom Versammlungsrecht sind nicht nur angemeldete Demonstrationen abgedeckt, sondern auch unangemeldete Blockaden. Oder das Aufhängen oder Verteilen von Flyern in der U-Bahn oder wo auch immer. Manches ist vielleicht an der Grenze. Wichtig sind Haustürgespräche. Ich bin zum Beispiel mit vielen Beschäftigten im ÖPNV ins Gespräch gekommen, bin auf Social Media unterwegs. Manchmal hängen wir auch das ein oder andere Banner auf. Es ist ziemlich bunt, was wir versuchen zu tun. Zurzeit planen wir ein Mobilitätswendecamp, das in München stattfinden soll. Zu unserem Spektrum gehören Waldbesetzungscamps, auch Miethäusersyndikate. Es gibt viele Projekte dieser Art. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Ihrem Buch zitieren Sie Martin Luther King Jr.: <em>„Die Rettung der Menschheit liegt in den Händen kreativer Nonkomformisten.“</em> Aber welche Reaktionen erhalten Sie?</p>
<p><strong>Lisa Poettinger</strong>: <em>Sehr unterschiedlich. Es gibt schöne Momente, in denen man Leute überzeugen kann, aber eben auch die anderen. Es kommt darauf an, an welchem Ort man was zu welchem Thema macht. In der Münchner Innenstadt treffen wir natürlich auf viele Tourist:innen, die sich nicht so sehr interessieren, weil sie eben auf der Durchreise sind. In prekären Vierteln, zum Beispiel im Hasenbergl, gab es viele positive Reaktionen. Da ging es um einen Tunnel von BMW. Manche wollten gar nicht mit uns reden, andere gingen sehr vorsichtig an die Tür, andere haben sich sehr gefreut, dass wir sie unterstützen, ihre Parks und Spielplätze zu erhalten. </em></p>
<p><em>Bei den ÖPNV-Beschäftigten freuten sich viele über die Unterstützung, zögerten aber, wenn es darum ging, ob sie selbst auch an solchen Aktionen teilnehmen könnten. Aber das ist ja auch nicht verwunderlich, denn wenn man Vollzeit arbeitet, wenn man Kinder hat, schauen muss, dass man finanziell über die Runden kommt, hat man einfach nicht die Zeit. Wir müssen aber diejenigen, die die Zeit nicht haben, in unseren sozialen Kämpfen mitbedenken und ihre Anliegen miteinschließen. Diese kann man aber nur kennenlernen, wenn man den direkten Kontakt sucht. Daher ist eine gegenseitige Offenheit schon wichtig. Letztlich brauchen wir alle im Boot. Aber ein Engagement kann auch darin bestehen, dass ich im Brotzeitraum einem Kollegen, einer Kollegin, die etwas Rassistisches sagt, widerspreche. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und die Polizei, die Bediensteten der Stadt?</p>
<p><strong>Lisa Poettinger</strong>: <em>Das KVR ist sehr kooperativ. Aufgabe der Polizei ist es, die Grundrechte zu schützen. Dazu gehört auch das Versammlungsrecht. Aber leider schützen sie dann doch eher die Profite. Ich vermeide es daher, mit Polizist:innen zu reden. Natürlich gibt es immer einzelne Polizist.innen, die Verständnis haben, aber sie alle unterliegen Befehlen. Und wenn der Befehl lautet, hart durchzugreifen, dann tun sie es auch, und das manchmal auch völlig überzogen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welche Rolle spielen in Ihrem Engagement Parteien?</p>
<p><strong>Lisa Poettinger</strong>: <em>Ich bin seit 2021 Mitglied der Linken, aber nicht sonderlich aktiv. Ich denke schon, dass man zumindest bei der Linken in München mitmachen kann. Es gibt auch immer Einstiegsangebote. Ich habe beispielsweise bei der Aufstellung der Bundestagsliste der bayerischen Linken als Delegierte mitgewählt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und die Grünen?</p>
<p><strong>Lisa Poettinger</strong>: <em>Die Grünen sind für viele junge Leute eine große Enttäuschung. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Luisa Neubauer?</p>
<p><strong>Lisa Poettinger</strong>: <em>Luisa Neubauer und ich haben viele unterschiedliche Ansichten, aber sie hat mich in der Pressekonferenz zu meinem Berufsverbot sehr unterstützt. Aber eine Luisa Neubauer wird die Grünen nicht verändern. Die Grünen können Luisa Neubauer allerdings sehr gut als Aushängeschild verwenden. In meinem Buch formuliere ich die These „Grüner Kapitalismus ist Grüner Imperialismus“. Was tun wir eigentlich, wenn wir in anderen Ländern Kohle oder Lithium ausbeuten? Auch die neuen Technologien, KI und E-Mobilität, verbrauchen erhebliche Ressourcen. </em></p>
<p><em>Die Grünen haben erheblich mit dazu beigetragen, dass Klimaschutz ein in der Gesellschaft inzwischen so unbeliebtes Thema ist. Sie haben CO2-Steuern eingeführt, aber kein Klimageld. Die Frage ist natürlich berechtigt, ob eine CO2-Steuer überhaupt wirkt, denn diejenigen, die den meisten Schaden anrichten, interessiert das wenig, sie können trotzdem mit ihrem Privatjet in ihre Zweit- oder Drittvilla fliegen. Und diese tasten die Grünen auch nicht an.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Linke hatte in der letzten Bundestagswahl ein sehr schönes Plakat: <a href="https://taz.de/Die-Linke-im-Bundestagswahlkampf/!6054510/"><em>„Ist dein Dorf unter Wasser, steigen Reiche auf die Jacht.“</em></a> Solche Plakate würde ich als Lehrer als Gesprächsanlässe nehmen. Das wird eine spannende Unterrichtsstunde.</p>
<p><strong>Lisa Poettinger</strong>: <em>Das kann man so machen, wenn man auch die Plakate der anderen Parteien nutzt. Man muss auch deutlich machen, dass es bei Umverteilungen, zum Beispiel durch eine Vermögens- oder Erbschaftsteuer, nicht um das kleine Häuschen der Oma geht, sondern um Vermögen, deren Größe sich kaum jemand vorstellen kann, um Dividenden, Aktienhandel in großem Stil. </em><strong> </strong></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie haben „Environmental Studies“ und „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ auf Lehramt studiert. Ist mehr Bildung eine Lösung?</p>
<p><strong>Lisa Poettinger</strong>: <em>Das ist zu kurz gegriffen, denn es ignoriert die Verhältnisse, unter denen Menschen leben. Es ist ein recht elitärer Diskurs, weil manche Menschen einfach nicht den Zugang zu höherer Bildung haben. Es ist auch ganz schön frech, Menschen vorzuwerfen, wir hätten die Klimakrise, weil sie nicht genug Bildung hätten. Schauen wir uns einfach einmal das Konsumverhalten an. Es ist sicher gut, wenn man Informationen hat. Aber dazu gehört mehr: Ist das, was ich brauche, verfügbar? Schränkt es mein Leben ein? Kann ich mir das leisten? Diese Zusammenhänge muss man berücksichtigen, auch in Bildungsprozessen.  </em> <em>  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Würden Sie Ihr Engagement als Engagement einer Nicht-Regierungsorganisation bezeichnen?</p>
<p><strong>Lisa Poettinger</strong>:<em> Ich glaube, wir sind eher eine Basisorganisation. Eine NGO hat eine gewisse Institutionalisierung. Wir haben einfach Treffen, wo man kommen kann, wann man möchte, es gibt keine festen Mandate, keine bezahlten Funktionen, keine Vereinsstruktur. Manchmal sind es auch Gruppen, die sich spontan für ein bestimmtes Thema finden und nachher wieder auseinandergehen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Aber braucht man nicht doch irgendwie eine langfristige Strategie?</p>
<p><strong>Lisa Poettinger</strong>: <em>Das geht auch ohne Vereinsstruktur. Wichtig ist mir die Vision. Wenn Sie mich fragen würden, wie ich mich in 15 Jahren sehe, dann würde ich sagen: in einer demokratisierten Wirtschaft, die sich an den Bedürfnissen der Menschen und den planetaren Grenzen orientiert. Ich bin aber keine Optimistin, eher eine Realistin </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Aber Sie sind auch keine Pessimistin. Sonst hätten Sie das Buch nicht geschrieben.</p>
<p><strong>Lisa Poettinger </strong>(macht eine längere Pause): <em>Das weiß ich nicht. Aber ich glaube, dass Veränderung möglich ist. Doch zurzeit zeichnet sich ab, dass es nicht so viele Menschen gibt, die sich aufraffen und gegen die Entwicklungen wehren. Deshalb halte ich doch eher eine düstere Zukunft für realistisch.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Im selben Verlag, in dem Sie veröffentlicht haben, hat die Gruppe „Reinventing Society“ ein Buch über <a href="https://www.oekom.de/buch/zukunftsbilder-2045-9783962383862">„Zukunftsbilder 2045“</a> veröffentlicht. Das, was die Gruppe beschreibt, entspricht in vielen Punkten dem, was Sie in Ihrem Buch vorschlagen. Aber das Ganze hat einen Haken. Im Buch beschreibt die Gruppe, dass es Ende der 2020er Jahre zu einem Kollaps kommen muss, einem fast totalen Zusammenbruch der Wirtschaft kommen, bevor sich die Menschheit besinnt. So weit sollten wir es eigentlich nicht kommen lassen. Aber ich kenne auch Leute, die sagen, das Anliegen des Klimaschutzes würden sie gerne unterstützen, aber mit einer antikapitalistischen Einstellung könnten sie nicht so viel anfangen, das klänge ihnen doch zu gefährlich, es müsse doch auch mit vorsichtigen Reformen gelingen, dem Klimawandel Einhalt zu gebieten. Sie schreiben aber in Ihrem Buch: <em>„Reformen können reale Verbesserungen erzielen, aber nicht die dem Kapitalismus innewohnenden Zwänge wie Wachstum oder Profitstreben aushebeln. Sie reichen damit nicht für eine klimagerechte Welt.“ </em>Bei solchen Sätzen bekommen manche Gänsehaut.</p>
<p><strong>Lisa Poettinger</strong>: <em>Das kann man auf verschiedene Faktoren zurückführen. Auf der einen Seite ist es Propaganda, wenn Antikapitalist:innen – vereinfacht gesprochen – als diese vermummten Linken dargestellt werden, die die Fenster einschlagen. Manche halten Antikapitalismus einfach für Extremismus. Auf der anderen Seite haben sich viele Leute noch gar nicht mit diesen Zusammenhängen beschäftigt. Wenn man konkreter wird, kann man sich dann doch auf Vieles einigen, beispielsweise dass es mehr Mitbestimmung im Bereich Wirtschaft geben sollte. Damit ist man sehr schnell im antikapitalistischen Bereich. Ich glaube aber auch, dass viele gar nicht so genau wissen, was sie meinen, wenn sie sich für Klimaschutz aussprechen. Es reicht aber auch nicht aus, bestimmte Personen in bestimmte Ämter zu wählen. Es braucht eine gesellschaftliche Gegenmacht zum Status Quo. Ich schlage in dem Buch den politischen Streik vor. Das halte ich für einen sehr demokratischen Prozess.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Politische Streiks sind in Deutschland verboten. In Frankreich sieht das anders aus. Um dieses Instrument zu etablieren und dann auch zu nutzen, brauchen Sie die Gewerkschaften.</p>
<p><strong>Lisa Poettinger</strong>: <em>Zu dem Verbot gibt es unterschiedliche Auffassungen. Aber über all diese Themen müssen wir diskutieren! Ich höre dann völlig Unterschiedliches. Es kommt auch darauf an, woher die Leute kommen. Manche haben die Sorge, ich wollte ihnen die Heizung im Winter wegnehmen. Das will ich natürlich überhaupt nicht. Dann gibt es Leute, die meinen, man könnte alles technisch lösen, es reiche, mehr E-Autos zu schaffen. Aber wenn man weiter nachfragt, wie das denn mit den Ressourcen sei, die man dazu braucht, die zukünftigen Müllberge aufgebrauchter Batterien, gibt es natürlich Leute, die alles, was mit Klimaschutz zu tun hat, pauschal ablehnen, aber es gibt eben auch andere. </em></p>
<p><em>Es geht eben letztlich um ein wirksames Konzept der Klimagerechtigkeit. Ich glaube, Begegnungen helfen, wenn man mit Leuten aus ganz unterschiedlichen Richtungen spricht. Ich finde das unglaublich interessant. Ich diskutiere sehr gerne mit Leuten, auch wenn das manchmal sehr anstrengend ist. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Ihrem Buch zitieren Sie den Hegemonie-Gedanken von Antonio Gramsci. Wir brauchen gesellschaftliche Mehrheiten, weil politische Mehrheiten nicht reichen. Die können bei der nächsten Wahl schon wieder ganz anders aussehen. Eben dies haben wir auch bei dem Scheitern der Ampel-Koalition erlebt. Und Gramsci wird zurzeit intensiv von Rechten gelesen und praktiziert.</p>
<p><strong>Lisa Poettinger</strong>: <em>Rechte sind sehr erfolgreich darin, Hegemonie zu schaffen. Es ist inzwischen „normal“ geworden, rassistische, chauvinistische und sexistische Ansichten zu verbreiten. Es ist „normal“ geworden, Menschen über eine Leistung zu definieren, um darüber zu entscheiden, ob ihr Leben lebenswert ist. Abgesehen davon, dass es gar keine „Leistung“ ist, wenn man – wie das viele Rechte behaupten – deutsche Eltern und Großeltern hat. Eine solche „Normalität“ hat die Rechte hinbekommen und es ist tragisch, dass es so ist. Ich glaube, es ist wichtig, Menschen in die Verantwortung zu nehmen, aber auch zu zeigen, wie Hegemonie entsteht. Wir dürfen niemanden und nichts direkt ablehnen, sondern müssen schauen, dass wir ins Gespräch kommen, dort, wo man Menschen erreichen kann, dort, wo man Risse in die Hegemonie der Rechten hineinargumentieren kann.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie organisieren letztlich solche Begegnungen, auf den Demonstrationen, beim Verteilen von Flyern, aber auch Gesprächskreise. Daran nehmen sicherlich keine dezidiert Rechten teil, aber auch unter denen, die weitgehend Ihre Ansichten teilen, gibt es mit Sicherheit unterschiedliche Auffassungen, was wie zu bewerten, was wie zu tun wäre.</p>
<p><strong>Lisa Poettinger</strong>: <em>Unser Klimatreffen ist offen (die Gruppe heißt „Antikapitalistisches Klimatreffen“. Wir sprechen darüber, wie wir eine Aktion gestalten, wie ein Flyer aussehen soll oder wie eine Rede vorbereitet werden kann. Daran nehmen ganz unterschiedlich viele Leute teil. Mal 20 Leute, mal weniger, manchmal arbeiten fünf Leute oder auch nur eine:r. Wir haben Schüler:innen, Studierende, Auszubildende, Leute, die schon ihren Beruf haben, in der Regel so etwa zwischen 14 und 40 Jahren. </em></p>
<div id="attachment_7481" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7481" class="wp-image-7481 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Climate-Justice-Approach-5-300x228.png" alt="" width="300" height="228" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Climate-Justice-Approach-5-200x152.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Climate-Justice-Approach-5-300x228.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Climate-Justice-Approach-5-400x304.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Climate-Justice-Approach-5-600x456.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Climate-Justice-Approach-5-768x584.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Climate-Justice-Approach-5-800x608.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Climate-Justice-Approach-5-1024x778.png 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Climate-Justice-Approach-5-1200x912.png 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Climate-Justice-Approach-5-1536x1167.png 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7481" class="wp-caption-text">Lisa Poettinger: Climate Justice Approach</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein wichtiger Aspekt ist der internationale Charakter des Buches. Sie beschreiben das Projekt der <a href="https://www.cafe-libertad.de/zapatismus">Zapatistas</a> in Chiapas, die Initiativen und Erfolge indigener Gruppen, die schon die Agenda 21 im Jahr 1992 ebenso wie die <a href="https://indigenousnavigator.org/files/media/document/IndigenousNavigatorTrainingModule5-HuRiSDGs-FINAL.pdf">Agenda 2030</a> hervorhob, die (leider ins Stocken geratene) <a href="https://www.greenbeltmovement.org/">Green-Belt-Initiative</a> in Afrika südlich der Sahara, aber auch Phänomene des <em>„Umweltrassismus“</em>, die Dimension von durch den Klimawandel <em>„erzwungene Migration“</em> sowie die gängige Ignoranz, Afrika nach dem Mercator’schen Schnitt auf Landkarten viel kleiner abzubilden als es in Wirklichkeit ist.</p>
<p><strong>Lisa Poettinger</strong>: <em>Die Klimabewegung ist in letzter Zeit viel internationaler geworden. Viele verstehen, wie Klimakrise und Kolonialismus zusammenhängen. Ihnen ist bewusst, dass Menschen im globalen Süden von der Klimakrise viel stärker betroffen sind, obwohl sie kaum etwas zur Erderwärmung beitragen. Es gibt eine große Offenheit innerhalb der Bewegung. Außerhalb ist es schwer, weil viele sagen, das habe nichts mit ihnen zu tun, das interessiere sie nicht. Aber damit sind wir wieder beim Hegemoniebegriff. Dann heißt es: Mich interessiert nur, was mich direkt betrifft. Das ist eine sehr kapitalistische Haltung, weil es nur um das eigene Leistungsvermögen und die eigenen Ziele geht.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dazu kommt, dass junge Männer sich inzwischen mehr nach rechts orientieren, Frauen jedoch eher nach links. Das ist vor allem in Regionen ein Problem, aus denen junge Frauen abwandern und die dortigen jungen Männer dann die Frauen beschuldigen, dass sie keine Partnerin fänden. Ich möchte auf keinen Fall alles, was an unliebsamen Wahlergebnissen festzustellen ist, auf Ostdeutschland schieben, aber dort ist das beschriebene Missverhältnis deutlich zu sehen.</p>
<p><strong>Lisa Poettinger</strong>: <em>Ostdeutschland ist sicherlich ein Beispiel für die soziologische These, dass ein Rechtsrutsch vor allem in Regionen wirkt, die von Unsicherheit und sozialem Abstieg geprägt sind, weniger Infrastruktur, niedrige Renten, prekäre Arbeitsverhältnisse. Das gilt aber auch für manche alt-industriellen Regionen in Westdeutschland. Die Zeit des fossilen Zeitalters ist eigentlich vorbei, doch wir tun uns schwer, die auf der Hand liegenden Alternativen zu nutzen. </em></p>
<h3><strong>Der bayerische Staat hat sich verirrt</strong></h3>
<div id="attachment_7480" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7480" class="wp-image-7480 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Lisa-Poettinger-im-Waldkindergarten-300x227.jpg" alt="" width="300" height="227" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Lisa-Poettinger-im-Waldkindergarten-200x151.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Lisa-Poettinger-im-Waldkindergarten-300x227.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Lisa-Poettinger-im-Waldkindergarten-400x302.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Lisa-Poettinger-im-Waldkindergarten-600x453.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Lisa-Poettinger-im-Waldkindergarten-768x580.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Lisa-Poettinger-im-Waldkindergarten-800x604.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Lisa-Poettinger-im-Waldkindergarten.jpg 990w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7480" class="wp-caption-text">Lisa Poettinger mit den von ihr betreuten Kindern im Waldkindergarten. Foto: privat.</p></div>
<p>Eigentlich sollte das Land Bayern stolz auf eine zukünftige Lehrerin wie Lisa Poettinger sein. Eigentlich. Der bayerische Staat interessierte sich nach dem abgeschlossenen Studium aber leider nicht für die guten Noten und ihre differenzierende und differenzierte Argumentation. Er verweigerte ihr die Aufnahme der zweiten Phase der Lehrerausbildung als Referendarin. Das ist nicht nur ein <em>„Berufsverbot“</em>, sondern ein Verbot, die Ausbildung zur Lehrerin abzuschließen. Dies verweigerten die Behörden in den 1970er Jahren nicht einmal ausgewiesenen DKP-Funktionären. Der durch das Vorgehen des bayerischen Staats verursachte Rechtsstreit war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrags noch nicht abgeschlossen. Lisa Poettinger erfuhr zwischenzeitlich viel Solidarität, nicht nur an ihrer Arbeitsstelle und in ihrem näheren Umfeld. Es gibt eine Unterschriftenkampagne <a href="https://lasstlisalehren.de/">„Lasst Lisa lehren“</a>.</p>
<p>Offenbar halten die zuständigen Behörden eine antikapitalistische Einstellung für antidemokratisch und verfassungsfeindlich. Wer Lisa Poettingers Buch liest, wird sehr schnell feststellen, dass Antikapitalismus und Demokratie kein Widerspruch sind und sie sich mit ihren Argumenten im Rahmen des Grundgesetzes bewegt. Die bayerischen Behörden übersehen, dass das Grundgesetz keine Wirtschaftsform vorgibt, wohl aber in <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_20a.html">Artikel 20a</a> Nachhaltigkeit verlangt: <em>„Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung durch die Gesetzgebung und nach Maßgabe von Gesetz und Recht durch die vollziehende Gewalt und </em>die Rechtsprechung.“ In <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_14.html">Artikel 14, Absatz 2</a> verlangt das Grundgesetz: <em>„Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“</em></p>
<p>Bayern war in Sachen „Berufsverbote“ schon immer ein besonderes Land. Es war Ende der 1970er Jahre das Land, das am längsten brauchte, die damalige Berufsverbotspraxis mit Regelanfrage beim Verfassungsschutz für alle Bewerber:innen im öffentlichen Dienst wieder abzuschaffen. Die vorsichtigen von der GEW initiierten, aber letztlich gescheiterten Versuche zur Aufarbeitung und Entschädigung der Betroffenen wurden im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> in dem Beitrag <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-zerrissenen/">„Die Zerrissenen“</a> vorgestellt. Im Jahr 2025 wird diskutiert, ob eine solche Praxis möglicherweise auf zukünftige wie aktuelle AfD-Beamt:innen angewandt werden sollte. Aber Bayern geht erheblich weiter und schafft Fakten, nicht im Hinblick auf die AfD, sondern im Hinblick auf Menschen, die sich für Klimagerechtigkeit engagieren. In diesen Kontext passt auch, dass die Münchner Staatsanwalt fünf Aktivist:innen der „Letzten Generation“ als Mitglieder einer <em>„kriminellen Vereinigung“</em> angeklagt hat, ein in Deutschland einmaliges Verfahren. <a href="https://www.tagesspiegel.de/berlin/vier-durchsuchungen-in-berlin-bundesweite-razzia-gegen-letzte-generation--zunachst-keine-festnahmen-9867452.html">Diverse Razzien gab es auch in anderen Bundesländern</a>.</p>
<p>Eigentlich sollte Bayern stolz sein, wenn sich junge Menschen friedlich gegen Rechtsextremismus und für Klimagerechtigkeit engagieren. Sie widersprechen der Annahme, die sogenannte Generation Z sei ausschließlich an ihrem eigenen Wohlergehen interessiert. Diese jungen Menschen sind eigentlich Vorbilder, auch wenn man nicht jede ihrer Positionen teilen muss, aber das ist ja auch der Grundgedanke von Demokratie, dass man sich über die Wege der Politik streiten darf. Michel Friedman brachte dies in einem Buchtitel auf den Punkt: <a href="https://michelfriedman.info/streiten-unbedingt/">„Streiten? Unbedingt!“</a> Nur im demokratischen Streit können wir die Bedrohung von rechts abwenden und verhindern, dass junge Menschen in die rechtsextreme Szene eintauchen und sich dort verlieren. Manche Kommentator:innen sprechen schon von einem Revival der sogenannten <em>„Baseballschlägerjahre“</em> (den Begriff prägte Christian Bangel) die Rede: <em>„Vielleicht liegt der Weg, mehr Menschen zu erreichen, darin, sie zu überraschen. Ihnen zu zeigen, dass Dinge möglich sind, an die sie selbst nicht geglaubt hätten. Gibt&#8217;s nicht? Doch schon. Vor wenigen Jahren etwa, als linke Parteien in Berlin die Mieten für Hunderttausende per Gesetz senkten. Oder als die Ampel urplötzlich allen ermöglichte, zum Preis eines großen Cheeseburgers überall in Deutschland Zug, Bus und Bahn zu fahren. Die Rechtsextremen können nur zerstören, die Aufgabe der Linken ist es, Dinge zu erfinden.“ </em>(Christian Bangel, <a href="https://www.zeit.de/politik/deutschland/2025-08/links-sein-vorurteile-politische-linke-debatte/komplettansicht">Reden wir von denselben Menschen?</a> In: Die ZEIT online 30. August 2025)</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Oktober 2025. Die Gespräche mit Lisa Poettinger, aus denen hier zitiert wird, fanden im Juli und im September 2025 statt. Internetzugriffe zuletzt am 25. September 2025.  Rechte aller Bilder und Graphiken einschließlich des Titelbildes bei Lisa Poettinger.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Polen in der DDR &#8211; eine Fallstudie</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 22 Sep 2025 05:30:29 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Polen in der DDR – eine Fallstudie Paweł Zajas über Literaturbeziehungen im ehemaligen „Ostblock“ „Was ich sagen wollte: die vielen bedeutenden Leseeindrücke, die ich seit fünfunddreißig Jahren durch die Lektüre guter Literatur habe – wo sind die Konsequenzen, was ist von den vielen klugen Gedanken wirklich in mich eingegangen, hat sich mein Denken dadurch  [...]</p>
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<h1><strong>Polen in der DDR – eine Fallstudie</strong></h1>
<h2><strong>Paweł Zajas über Literaturbeziehungen im ehemaligen „Ostblock“</strong></h2>
<p><em>„Was ich sagen wollte: die vielen bedeutenden Leseeindrücke, die ich seit fünfunddreißig Jahren durch die Lektüre guter Literatur habe – wo sind die Konsequenzen, was ist von den vielen klugen Gedanken wirklich in mich eingegangen, hat sich mein Denken dadurch verändert?“ </em>(Henryk Bereska, Kolberger Hefte, in: Die Verschwiegene Bibliothek, herausgegeben von Ines Geipel und Joachim Walther, Frankfurt am Main / Wien / Zürich, Büchergilde Gutenberg, 2007)</p>
<p>Dies schrieb Henryk Bereska (1926-2005), renommierter Übersetzer vom Deutschen ins Polnische und vom Polnischen ins Deutsche, am 8. Januar 1986 in sein Tagebuch, das er über Jahrzehnte führte. Die Originale sind in der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur einsehbar. Ines Geipel charakterisiert seine Tagebücher in „Gesperrte Ablage“ mit den Worten: <em>„In seinen Tagebüchern etablierte sich – ähnlich wie bei Eveline Kuffel – eine bestimmende Figur, das Säufer-Ich als Anti-Helden. (…) Der Tagebuch-Trinker entlastet sich von jedweder Konformität und wird darin zwangsläufig zum Konterpart des im Land ausgerufenen Arbeiterhelden.“</em></p>
<p>Henryk Bereska war ein wichtiger Mittler zwischen den Literaturen der DDR und Polen, obwohl manche seiner Übersetzungen in der DDR – so Ines Geipel und Joachim Walther in „Gesperrte Ablage“ (Düsseldorf, Lilienfeld Verlag, Neuauflage 2024) – durch die Stasi <em>„blockiert“</em> wurden. Er schrieb Gedichte, die jedoch erstmals im Jahr 1980 veröffentlicht werden konnten, allerdings nicht in der DDR, sondern in Westberlin (amBEATion – randlage). Sein 60 Seiten umfassender Gedichtband „Lautloser Tag“ ist nur noch antiquarisch erhältlich.</p>
<h3><strong>Kampfgebiet Literatur</strong></h3>
<div id="attachment_7471" style="width: 230px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.harrassowitz-verlag.de/Sozialistische_Transnationalisierung/title_7654.ahtml"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7471" class="wp-image-7471 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Sozialistische-Transnationalisierung-DPI-Harassowitz-220x300.jpg" alt="" width="220" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Sozialistische-Transnationalisierung-DPI-Harassowitz-200x273.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Sozialistische-Transnationalisierung-DPI-Harassowitz-220x300.jpg 220w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Sozialistische-Transnationalisierung-DPI-Harassowitz-400x546.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Sozialistische-Transnationalisierung-DPI-Harassowitz.jpg 582w" sizes="(max-width: 220px) 100vw, 220px" /></a><p id="caption-attachment-7471" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die Biographie von Henryk Bereska darf durchaus als Beispiel für die Spanne und die Spannungen gelesen werden, die in der DDR zwischen der behaupteten „Internationalisierung“ und einer dort nie gelebten „Weltoffenheit“ liegen mögen. <a href="https://anglistyka.amu.edu.pl/staff-list/pawel-zajas">Paweł Zajas</a>, Professor für Literaturwissenschaft an der Fakultät für Anglistik der Adam-Mickiewicz-Universität in Poznań, ist den Hintergründen dieser Spanne und Spannungen in seiner Studie „Sozialistische Transnationalisierung – Literarische Verflechtungen im europäischen ‚Ostblock‘“ nachgegangen. Der Band wurde im Jahr 2025 in der vom Deutschen Polen Institut beim Wiesbadener Harassowitz Verlag herausgegebenen Reihe veröffentlicht. Paweł Zajas bezeichnet seine Studie als <em>„literatursoziologische Arbeit“</em>, doch ist sie viel mehr als das. Sie bewegt sich im weiten Feld von <em>„Kulturtransferforschung“</em> und <em>„Politikwissenschaft“</em>, das der Autor im Anschluss an Volker Rittbergers Buch „Internationale Organisationen – Politik und Geschichte“ (Opladen, Leske + Budrich, 2/1995) wie folgt charakterisiert: <em>„Während sich die Kulturtransferforschung also vorwiegend auf die Funktion informeller und privater Akteure konzentrierte, analysierte die Politikwissenschaft institutionalisierte Akteure wie supranationale Einrichtungen als ‚Instrumente staatlicher Diplomatie‘ oder ‚konferenzdiplomatische Dauereinrichtungen bzw. intergouvernementale Verhandlungssysteme‘, welche den Staaten dazu dienen, ihre partikularen Interessen zu verfolgen.“ </em></p>
<p>Die Studie füllt eine gravierende Forschungslücke und regt weitere Forschungen und Auseinandersetzungen an. Beeindruckend sind die ausführliche Literaturliste und das umfangreiche Personenregister. Die Studie analysiert die kulturellen Entwicklungen in der DDR und verschiedenen Phasen der DDR-Kulturpolitik auf der Grundlage der Positionierungen staatlicher Institutionen und von Schriftstellerverbänden, der Verfahren der Zensur sowie der mit der Rezeption und Veröffentlichung ausländischer Literaturen verbundenen transnationalen Kontakte.</p>
<p>Es geht in der Studie von Paweł Zajas einerseits um die internen Verflechtungen des Umgangs mit Literatur im Land der SED-Diktatur, andererseits um Verflechtungen mit dem Ausland, die mitunter Freiräume eröffneten, die innerhalb der DDR nicht zulässig waren. Eben dies spiegelt sich nicht zuletzt im Umgang mit Übersetzern und Übersetzerinnen. Aber Lektorinnen und selbst SED-Kader nutzten solche Spielräume, beispielsweise die Lektorin Jutta Janke, unter anderem mit ihrer Unterstützung des Übersetzers Henryk Bereska, oder auch der SED-Kader Klaus Höpcke. Welche Spielräume Autorinnen und Autoren hatten, beschrieb der Science-Fiction-Autor und Zukunftsforscher Karlheinz Steinmüller beispielswiese in seinem Beitrag <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-zensierte-zukunft/">„Die zensierte Zukunft“</a> (in: Demokratischer <span style="color: #678f20;">Salon,</span> Juli 2025). Steinmüller berichtet, wie er als Autor etwas Argumentationsgeschick brauchte, um den Lektor zu überzeugen, sich aber auch die Druckfahnen sehr genau ansehen musste, weil manch eifriger Setzer eigene Korrekturen anbrachte, von denen er dachte, dass diese die Parteilinie besser wiedergäben.</p>
<p>In der Kulturpolitik der sozialistischen Staaten im sogenannten <em>„Ostblock“</em> folgten in kurzen Abständen <em>„Tauwetter“</em>-Phasen (den Begriff „Tauwetter“ prägte Ilja Ehrenburg mit einem 1954 erschienenen Roman) und neuerliche Repression aufeinander. Die polnische Praxis war in der Regel liberaler als die Praxis in der DDR. Dies ist Thema des ersten Teils der Studie von Zajas: „‚Vom Blühen aller Blumen, oder von der Elbe bis zum gelben Meer‘ Mobilität und sozialistische Literaturplanung“. Der Titel des Kapitels folgt der Überschrift der Abschlussrede des damaligen DDR-Kulturministers Johannes Robert Becher (1891-1958), die dieser am 14. April 1957 in der <a href="https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/F424MKMMS4YOY3IMKE3A6BNHSGMXACNM">Konferenz des Verlagswesens der sozialistischen Länder in Leipzig Markkleeberg</a> hielt.</p>
<p>Kultur war Kampfgebiet. Becher sagte: <em>„Während die kapitalistische Buchproduktion mit wenigen Ausnahmen als Geschäft betrieben wird und damit von der Tendenz des Marktes abhängig ist, plant das sozialistische Verlagswesen seine Tätigkeit in ihrer kulturellen und wirtschaftlichen Funktion.“</em> Die somit implizit dem <em>„kapitalistischen“</em> Westen vorgeworfene Kulturlosigkeit umfasste im Grunde alles, was die DDR und die Sowjetunion als selbsternannte Speerspitzen des Fortschritts – und der Kultur – in Frage stellte. Diese Rede machte Eindruck. Zajas berichtet: <em>„Bechers Abschlussrede musste den mehr liberal eingestellten Teilnehmern aus Polen oder der Tschechoslowakei anschaulich gemacht haben, dass die in der DDR einsetzende Kampagne gegen den ‚Revisionismus‘ – welche im Dezember 1956 die Verhaftung des Leiters des Aufbau-Verlags Walter Janka und seines Cheflektors Wolfgang Harich sowie beider Redakteure der Zeitschrift SONNTAG, Gustav Just und Heinz Zöger, unter Anklage der konterrevolutionären Verschwörung zur Folge hatte – das antistalinistische Tauwetter in Ostdeutschland beendete.“</em> Im Folgenden nennt Zajas mehrere Beispiele für die <em>„kulturpolitische Abschottung des DDR-Literaturbetriebs“</em> wie die Debatte um Franz Kafka nach der Kafka-Konferenz des tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes vom Mai 1963 oder das legendäre <em>„Kahlschlagplenum“</em> des ZK der SED im Dezember 1965, als nur Christa Wolf versuchte, der neuen Linie zu widersprechen.</p>
<p>Paweł Zajas verweist auf Alexey Tashinskiy (er forscht am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz in Germersheim), der eine <em>„Verflechtungsgeschichte zwischen Ideologie und Idiosynkrasie“ </em>diagnostiziert (in: Alexey Tashinskiy, Julija Boguna, Andreas F. Kelletat, Hg., <a href="https://www.frank-timme.de/de/programm/produkt/uebersetzer_und_uebersetzen_in_der_ddr">Übersetzer und Übersetzen in der DDR – Translationshistorische Studien</a>, Berlin, Frank &amp; Timme 2020). Gemeint ist eine Art kollektives Literaturbewusstsein im Sinne einer ideologisch-literarischen Gemeinschaft zwischen den Akteuren in Partei und Staat auf der einen Seite und denjenigen auf der anderen Seite, die Literatur bewerten und die Entscheidungen über eine Veröffentlichung oder Nicht-Veröffentlichung vorbereiten. Lektorinnen und Lektoren arbeiten nach Vorgaben, Staat und Partei können sich wiederum auf deren Ideologiefestigkeit verlassen.</p>
<p>Unter solchen Bedingungen läuft die Unterdrückung unliebsamer Literatur so gut wie reibungslos. Ideologische Argumente müssen dafür gar nicht mehr benannt werden. Stattdessen reicht es, die Qualität des Manuskripts herabzusetzen und die Autorin beziehungsweise den Autor schlichtweg für literarisch unfähig zu erklären. Dies erlebte beispielsweise Sylvia Kabus. Ines Geipel berichtet im Nachwort des Romans „Weißer als Schnee“ (in: Die Verschwiegene Bibliothek 2008), wie die Lektoratsleiterin des Aufbau-Verlags Sigrid Töpelmann, <em>„der unter den Schreibenden des Landes der Ruf ihrer scharfen ideologischen Klinge vorauseilte“</em>, Sylvia Kabus einfach jede <em>„Sprachbegabung“</em> absprach: <em>„Das wird auch nichts werden. Dafür habe ich genug Erfahrung in dem Beruf. Sie sind keine ursprüngliche Erzählerin.“</em> Schwierig wird es für Staat und Partei, wenn sich diese Ideologiefestigkeit lockert, beispielsweise durch Kontakt mit ausländischen Autorinnen und Autoren.</p>
<p>Eine <em>„Entkoppelung“</em> von Macht und Medien gab es in der DDR nie, eine grundlegende Folie war das <em>„deutsch-deutsche Konkurrenzverhältnis“</em>. Bei den Übersetzungen dominierte russischsprachige Literatur, obwohl es selbst in der Sowjetunion in einer Konferenz der Schriftstellerverbände im August 1963 in Leningrad Signale gab, die man als Öffnungssignale hätte deuten können. Unter den Teilnehmern waren aus Westdeutschland beispielsweise Hans Werner Richter und Hans Magnus Enzensberger, aus Frankreich Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Nathalie Sarraute und Alain Robbe-Grillet, aus Italien Giuseppe Ungaretti. Robbe-Grillet wandte sich – so Zajas – <em>„gegen den fortgesetzten Druck auf die Schriftstellerinnen und Schriftsteller, ihre Arbeit politisch zu rechtfertigen“</em>. Immerhin erschienen Romane von Nathalie Sarraute und Michel Butor im Verlag Volk &amp; Welt beziehungsweise im Aufbau-Verlag. <em>„Nach der Zerschlagung des Prager Frühlings im August 1968 sowie dem Ausschluss Solschenizyns aus dem Sowjetischen Schriftstellerverband im November 1969 geriet die gemeinsame Mitarbeit der ‚Ostblock‘-Länder ins Stocken.“</em></p>
<h3><strong>Gratwanderungen</strong></h3>
<p>Der zweite Teil trägt den programmatischen Titel „‚Helsinki sind wir‘ Internationale DDR-Literatur“. Hintergrund ist der Helsinki-Prozess, insbesondere Korb 3, dessen Wirkung Sowjetunion und DDR unterschätzt haben (näheres zu diesem Thema im Themenheft von <a href="https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/ksze-2025/">„Aus Politik und Zeitgeschichte“ vom 12. Juli 2025</a>, insbesondere im Beitrag von Sarah B. Snyder). Das Kapitel beginnt mit Briefen an den damaligen Kulturminister der DDR Hans-Joachim Hoffmann (1929-1994), um die dieser selbst gebeten hatte, um mehr über <em>„Lesegewohnheiten und -erfahrungen“</em> mehr oder weniger prominenter Persönlichkeiten zu erfahren. Die Briefe können inzwischen im Deutschen Literaturarchiv Marbach eingesehen werden.</p>
<p>Stellvertretender Minister für Kultur war damals Klaus Höpcke, der diese Briefe auszuwerten hatte. In seiner Auswertung verwies er auf den in den Briefen benannten <em>„Vorbildcharakter der Sowjetunion“</em>. Allerdings gab es auch Vorschläge <em>„zu einer liberaleren und inklusiveren Editionspolitik“</em>. Diese von oben angestoßene Briefkampagne – so erlaube ich mir dies zu nennen – spielte möglicherweise ihre Rolle im Repressionsapparat einer Diktatur. Scheinbar liberale Aufforderungen lassen Regimegegner viel schneller erkennen als dies die Bespitzelung durch Sicherheitsbehörden könnte. Und der Staat greift zu. Das bekannteste Modell für dieses Vorgehen lieferte Mao in seiner Hundert-Blumen-Kampagne 1957 und 1958. Der DDR-Führung war schon sehr früh klar, dass es nicht ausreiche, eine sozialistische Kulturpolitik beziehungsweise den <em>„sozialistischen Realismus“</em> als Staatsdoktrin zu verordnen, sondern dass es einer <em>„Umerziehung“</em> bedürft. So war es schon in den Anfangsjahren der Sowjetunion. <em>„Die als ‚demokratisch‘ und ‚antifaschistisch‘ deklarierte Übergangsperiode betrug in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und in der DDR sechs Jahre.“</em></p>
<p>In diesem Kapitel beschreibt Paweł Zajas das Auf und Ab am Beispiel von verschiedenen Anthologien polnischer Literatur in der DDR, mit polnischen Erzählungen und Dramen, mit polnischer Lyrik. <em>„Die analysierten Anthologien polnischer Literatur erwiesen sich als ein relativ unbehelligter, schützender Ort, in dem die schwierigsten Publikationsprojekte heranwachsen und ihre Zeit abwarten konnten“</em>. Nachworte gaben die Chance, Texte, die als problematisch erachtet werden könnten, einzuordnen: <em>„Für die Absicherung der Texte war daher ein geschickter Gebrauch bestimmter Codewörter wichtig.“</em></p>
<p>Die Lektorin Jutta Janke (1932-2004), im Verlag Volk &amp; Welt zuständig für polnische Literatur, beherrschte dieses Geschäft, auch wenn sie sich der vorgegebenen Parteilinie nie entzog. Zajas beschreibt ihre Gratwanderungen an mehreren Beispielen. Ein Verdienst von Jutta Janke war die Veröffentlichung der Anthologie „Moderne polnische Prosa“ im Jahr 1964, die auch Texte von Tadeusz Borowski (1922-1951) und Kazimierz Brandys (1916-2000) enthielt. <em>„Dass es überhaupt so weit kommen konnte, war nicht zuletzt dem Vorwort der Herausgeberin zu verdanken. Der Text sowie die an ihm geübte Kritik veranschaulichen, dass die Herausgabe polnischer Literatur Mitte der 1960er Jahre stets ein Vabanquespiel war. Potenziell problematische Erzählungen aus der Zwischenkriegszeit, etwa <u>Pan</u> von Bruno Schulz, versuchte Janke den kulturpolitischen Wächtern mundgerecht zu machen, indem sie den Autor als Schriftsteller darstellte, dessen nach der nationalen Befreiung entstandene ‚Wunschbilder in der grauen Wirklichkeit des bürgerlich-kapitalistischen Staates zerrannen, als sich 1929 Piłsudski zum Diktator aufwarf und alle fortschrittlichen Bestrebungen mit Terror zu unterdrücken begann‘.“ </em></p>
<p>Ein weiteres Verdienst ist die von Henryk Bereska seit 1957 betriebene Herausgabe des ersten Erzählbands von Marek Hłasko (1934-1969) „Pierwszy krok w chumurach“ („Der erste Schritt in den Wolken“). Jutta Janke unterstützte dies, benannte aber auch das Problem: <em>„Die ‚Entwertung der Dinge durch den Alltag‘ zwinge den Autor zum Protest. In seiner Neigung, Negatives aufzudecken, ‚schießt er oft eruptiv über das Ziel hinaus‘, der ‚Drang nach der Auffindung der Wahrheit‘ bleibe aber das Geheimnis seiner großen Aussagekraft.“ </em>Es fehlte sozusagen die parteiliche Perspektive mit dem Ausblick auf die großartige sozialistische Zukunft. Ähnlich argumentierte Jutta Janke zu der von Henryk Bereska übersetzten Erzählung „Bei uns in Auschwitz“ von Tadeusz Borowski. Sie kritisierte entsprechend der Linie von Partei und Staatsführung, dass Borowski sich <em>„nicht einer hoffnungsvollen Beschreibung der heldenhaften Kommunisten“</em> befleißigt habe, sondern <em>„von der moralischen Degradierung des Menschen“</em>. Tadeusz Borowski, ohnehin ein kritischer Autor im Kontext des sogenannten <em>„Lagerdiskurses“</em>, der sich insbesondere um das Lager Buchenwald entspann, ist geradezu ein Paradebeispiel für die ideologische Einordnung von Literatur in der DDR, die Paweł Zajas im Detail beschreibt.</p>
<p>Ein ebenso bedeutender Streitpunkt war die Bewertung des Warschauer Aufstands als Gegenstand von Literatur. Der SED-Kader Klaus Höpcke hatte überraschenderweise das Buch „Kolumbus Jahrgang 20“ von Roman Bratny (1921-2017) empfohlen. Hier folgte Jutta Janke der sowjetischen Linie. Zajas schreibt: „<em>Für Janke stellte der Aufstand ein angeblich von den Westmächten gefördertes oder gar von ihnen initiiertes ‚reaktionäres‘ und unausweichlich zum Scheitern verurteiltes Unterfangen dar. Die von Stalin angeordnete Tatenlosigkeit der Roten Armee hingegen, die einsatzbereit östlich von Warschau abgewartet hatte, galt für Janke erinnerungspolitisch als tabu.“</em></p>
<p>Gutachten spielten eine wichtige Rolle in den Entscheidungsprozessen. Marianne Dreifuß, unter anderem Leiterin des Lyrik-Aktivs im Schriftstellerverband, setzte sich in ihrem Gutachten für die Veröffentlichung von Bruno Schulz, Die Zimtläden, ein. In einem anderen Gutachten schrieb sie, es sei, <em>„auf die Dauer untragbar, daß wir der polnischen Literatur gegenüber eine ablehnende oder zumindest ausschließlich abwartende Haltung einnehmen.“</em> Sie verwies auf <em>„Bemühungen von westdeutscher Seite“</em>, triggerte damit die deutsch-deutsche Konkurrenz und fuhr fort, „<em>wir müssen uns mit dem Gesamtcharakter der polnischen Gegenwartsliteratur abfinden (dem Überwiegen der kritischen Züge, der Experimentierleidenschaft, dem Intellektualismus) und versuchen, aus dem Vorhandenen die Aussagen auszuwählen, die durch ihren Ernst, ihre Ehrlichkeit und ihr literarisches Niveau überzeugen.“</em></p>
<h3><strong>Die Buchmessen</strong></h3>
<p>Im dritten Teil seiner Studie befasst sich Paweł Zajas mit den internationalen Buchmessen in Ost und West, ein <em>„Politikum ersten Ranges“</em>. Buchmessen und Kunstmessen spielten eine Rolle beim Austausch beziehungsweise auch beim verhinderten Austausch zwischen Ost und West. Für die documenta hat die Kunsthistorikerin Alexia Pooth dies in einer Studie ausführlich analysiert und ihre Ergebnisse kurz und prägnant <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-documenta-und-die-ddr/">im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> vorgestellt</a>. Es gibt durchaus Parallelen zwischen dem Verfahren der Kulturbehörden gegenüber Literatur und bildender Kunst.</p>
<p>Im Hinblick auf die Leipziger Buchmesse gab es Überlegungen, wie diese – im Kontrast zur Warschauer Buchmesse – <em>„‚im stärkeren Maße zu einer ‚kulturellen Manifestation des sozialistischen Lagers‘ werden sollte.“</em> Wichtiger wurde jedoch die Frankfurter Buchmesse, die durchaus im Sinne des in der Hallstein-Doktrin formulierten Alleinvertretungsanspruchs der Bundesrepublik Deutschland konzipiert wurde, aber auch Öffnungen nach Osten zeigte. Bis in das Jahr 1990 förderte das Auswärtige Amt Buchexporte nach Osteuropa. Außerdem führte die Frankfurter Buchmesse Länderschwerpunkte ein. Dies waren allerdings zunächst außereuropäische Literaturen, 1976 Lateinamerika, dann 1980 Afrika. Bemerkenswert war die von Zajas beschriebene Rede der damaligen Staatsministerin im Auswärtigen Amt Hildegard Hamm-Brücher, die schon damals die <em>„Aufarbeitung des Schocks der Kolonisierung“</em> und die „<em>Bewältigung der Enttäuschungen der Entkolonialisierung“ anmahnte.“ </em></p>
<p>Witold Wirpsza (1918-1985) war 1968 der erste Autor aus den sogenannten „Ostblock-Staaten“, der in Frankfurt die Eröffnungsrede hielt. Ein Jahr zuvor war er der erste polnische Stipendiat im Berliner Künstlerprogramm des DAAD. Im Hanser-Verlag erschien „Orangen im Stacheldraht“. Der SED-Führung gefiel dies nicht und der Leiter der Abteilung Wissenschaften des ZK der SED Johannes Hörnig (1921-2001) nannte in seinem Bericht an Kurt Hager Wirpszas Vortrag <em>„moderne Spielart des Formalismus“</em>, rief somit die zu Beginn der 1950er Jahre betriebene Formalismusdebatte ins Gedächtnis. Ebenso kritisch sah die DDR-Führung mehrfach die Verleihung des Friedenspreises, zum Beispiel an Leszek Kolakowski, Lew Kopelew und Manès Sperber.</p>
<p>Eine schwierige Rolle spielten auf der Frankfurter Buchmesse Parallelverlage in Ost und West, zum Beispiel Insel, Reclam, Brockhaus und Kiepenheuer. Es gab von Seiten des Westens mehrere Initiativen, die Ostverlage zu verbieten. Erfolg hatten sie nicht. Paweł Zajas verweist auf die gegenüber der DDR in Frankfurt gepflegte liberalere polnische Ausstellungspraxis. Die Bedeutung der Frankfurter Buchmesse fasst Zajas wie folgt zusammen: <em>„Die Frankfurter Buchmesse war somit nicht nur das Fenster zur fremden Welt. Paradoxerweise bot sie auch infrastrukturelle Möglichkeiten für den Export des heimischen politischen Dissens sowie den Import von polnischen ‚Exilnarrationen und -topoi“.“</em></p>
<p>Die Warschauer Buchmesse hatte für das Auswärtige Amt in Bonn <em>„eine bedeutende kulturpolitische Funktion“</em>. Entsprechend sah die DDR-Botschaft in Warschau <em>„politische Propaganda im Vordergrund“</em> und vermutete <em>„eine ideologische Offensive gegen die DDR“</em>. Zajas resümiert: <em>„Die DDR-Präsenz in Warschau hing von der jeweiligen politischen Großwetterlage in Ostberlin ab. Die inszenierte Liberalität der Buchmesse wurde zwar mit gebührendem Argwohn betrachtet, die Offenheit der Veranstalterinnen und Veranstalter gegenüber den westlichen Ausstellerinnen und Ausstelllern bot aber auch für die DDR-Vertreterinnen und Vertreter genügend Raum für Gespräche über Exportmöglichkeiten in das kapitalistische Ausland.“ </em>Petra Kipphoff schrieb in der ZEIT vom 27. Mai 1966: <em>„Große Geschäfte gibt es nicht, dafür kleine Kontakte“</em>. Die Warschauer Buchmesse verlor Ende der 1970er Jahre an Bedeutung, weil es seit 1977 in Moskau eine <em>„unmittelbare Konkurrenz“</em> gab. Eine stärkere Präsenz hatten in Moskau die sogenannten <em>„Entwicklungsländer“</em>.</p>
<h3><strong>Neugier in der Paranoia</strong></h3>
<p>Das Auf und Ab in den Literaturbeziehungen der DDR zu östlichen wie zu westlichen Staaten belegt nicht nur einen Hauch von Paranoia. Dennoch gab es immer wieder zaghafte Öffnungen, sei es durch geschickte Lektorate, sei es durch staatliche Lockerungen, die durchaus vorhandene Neugier anstachelten. Insbesondere die Buchmessen belegen zweierlei: Einerseits hatten sie das Potenzial eines Fensters zur Welt, andererseits wurden sie in Ost und West gleichermaßen mehr oder weniger politisiert und im Sinne der jeweiligen Doktrin auch instrumentalisiert, im Osten wie im Westen. Es lohnt sich nicht nur der Blick in die Interna der DDR-Nomenklatura, sondern auch in diverse Empfindlichkeiten im Westen. Paweł Zajas verweist auf einen Vorfall aus dem Jahr 1959, als Hans-Joachim Kulenkampff (1921-1998) bei der Eröffnung einer neuen Quizreihe ausdrücklich die <em>„lieben Fernsehfreunde in Österreich, in der Schweiz und in der Bundesrepublik, in der DDR und alle Kiebitze in den Zonen- und anderen Grenzgebieten“</em> begrüßte. Politiker aus CDU und SPD verlangten eine Untersuchung, der Intendant des Hessischen Rundfunks distanzierte sich: <em>„Die Untersuchung ergab, dass der Vorwurf, Hans-Joachim Kulenkampff stehe im Solde Walter Ulbrichts, solider Grundlagen entbehrte.“</em></p>
<p>Im Gedenken an Henryk Bereska sollte das Buch von Paweł Zajas auch im Kontext der Literatur gelesen werden können, die in der DDR nicht veröffentlicht werden durfte, deren Autorinnen und Autoren schikaniert, verhaftet, in den Westen abgeschoben oder gar in den Selbstmord getrieben wurden. Dies haben Ines Geipel und Joachim Walther in „Gesperrte Ablage“, anderen Studien und Veröffentlichungen und der Herausgabe der Verschwiegenen Bibliothek ausführlich dokumentiert. In der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur lagern noch über 70.000 Seiten von etwa 100 Autorinnen und Autoren, die bisher niemand ausgewertet hat. Der Umgang mit den eigenen Leuten zeigt die Brutalität einer Diktatur, der Umgang mit Autorinnen und Autoren aus anderen Ländern, gerade aus Nachbarländern, entlarvt ihre in ihrer Paranoia verborgene Hilflosigkeit.</p>
<p>Paweł Zajas hat mit seiner Studie ein wichtiges Kapitel zur Präsenz und Vermittlung polnischer Literatur in deutschen Verlagen, Buchhandel und Buchmessen niedergeschrieben. Er tat dies in bester Tradition des Deutschen Polen-Instituts, das von Karl Dedecius insbesondere mit dem Ziel der Vermittlung polnischer Literatur gegründet wurde. Die Studie vermittelt jedoch nicht zuletzt eins: Sie zeigt, dass letztlich alle Versuche, Literatur und Kultur zu regulieren, zu unterdrücken, die Bürgerinnen und Bürger eines Landes davon abzuhalten, etwas zu lesen, das der jeweiligen Staatsdoktrin widerspricht, letztlich scheitern müssen. Siegfried Lokatis und Ingrid Sonntag haben dies in dem von ihnen herausgegebenen Band „Heimliche Leser in der DDR – Kontrolle und Verbreitung unerlaubter Literatur“ ausführlich dokumentiert. Ein Kapitel trägt den vielsagenden Titel: <em>„Kontrollierte Kontrolleure und widerspenstige Leser“</em>. Tadeusz Borowski schrieb in seiner Erzählung „Wir waren in Auschwitz“ („Bylyśmy w Oświęcimiu“, zitiert nach der deutschen Übersetzung von Friedrich Griese, Frankfurt am Main, Schöffling, 2006): <em>„Ich weiß nicht, ob wir es überleben werden, aber ich wünschte, wir würden einmal die Dinge beim Namen nennen können, wie es mutige Menschen tun.“</em> Es ist vielleicht – hoffentlich – einfach doch nur eine Frage der Zeit, der Geduld und des Durchhaltevermögens, allen Flashbacks und Rollbacks zum Trotz, bis Diktaturen fallen. Nicht alle überleben, unsere Aufgabe ist es, die Namen zu nennen und die Verhältnisse, in denen Unterdrückung geschah. Auch dazu trägt die Studie von Paweł Zajas bei.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im September 2025, Internetzugriffe zuletzt am 15. September 2025, Titelbild: Gelände der Leipziger Buchmesse 2025, Foto: NoRei.)</p>
</div><div class="fusion-text fusion-text-11" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Die zensierte Zukunft</strong></h1>
<h2><strong>Ein schwieriges Kapitel der Science Fiction in der DDR</strong></h2>
<p><em>„Die Zensur ist eine Einrichtung Utopiens. Sie entspringt dem Wunsch nach Einheitlichkeit und Stabilität, und sie ordnet die Kunst dem Gesamtkunstwerk Staat unter. Ihre Wurzeln gehen bis auf Platon zurück, der in dem Dialog <u>Der Staat</u> Zimbelspieler und Märchendichter vor die Mauern seines Staates verweist, denn den Gründern der Stadt obliege es, ‚das Gepräge zu kennen, das für die Darstellungen der Dichter maßgebend sein muss, wenn sie überhaupt zugelassen sein wollen, selbst aber brauchen sie keine Erzählungen zu dichten.‘“ </em>(<a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?139256">Angela</a> &amp; <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?139257">Karlheinz Steinmüller</a>, Die befohlene Zukunft, in: <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=2384">Rückblick auf das lichte Morgen</a> – Essays zu SF und Phantastik in der DDR, Berlin, Memoranda, 2025)</p>
<p>Jeder weiß, dass es in der DDR ein entwickeltes Zensursystem gab. Es betraf die Science Fiction, aber nicht nur die Science Fiction. Interessant ist, dass die Zensur alle Zeithorizonte durchlief. Es gab erstens eine Zensur der Vergangenheit, beispielsweise bezogen auf die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung oder Stalins Terror und das Gulag-System. Über das Gulag-System durfte nicht berichtet werden. Die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung hatte sich nach den jeweiligen Machtkonstellationen im Politbüro und dessen Sicht auf die Arbeiterbewegung zu richten. Hinzu kam zweitens eine Zensur der Gegenwart. Diese betraf sämtliche Kritik an der Partei, an der Staatsführung, an dem Repressionsapparat, aber auch an sozialen Problemen und in der Zeit, in der ich das erlebt habe, an Umweltproblemen. Einzelne Autorinnen und Autoren berichteten dennoch über Umweltprobleme und thematisierten diese in ihren Romanen und Erzählungen . Eine verdienstvolle Leistung!</p>
<h3><strong>Klassenauftrag, Perspektivbewusstsein und Parteilichkeit</strong></h3>
<div id="attachment_7317" style="width: 203px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=2384"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7317" class="wp-image-7317 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-193x300.jpg" alt="" width="193" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-193x300.jpg 193w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-200x311.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-400x621.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-600x932.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-659x1024.jpg 659w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-768x1193.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-800x1242.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-989x1536.jpg 989w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-1200x1864.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-1319x2048.jpg 1319w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front.jpg 1559w" sizes="(max-width: 193px) 100vw, 193px" /></a><p id="caption-attachment-7317" class="wp-caption-text">Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Neben der Zensur der Vergangenheit und der Gegenwart gab es drittens auch eine Zensur der Zukunft, die man unter den Begriff des Perspektivbewusstseins bringen kann. Abweichungen vom offiziellen optimistischen Zukunftsbild wurden unterdrückt. Die Autoren hatten sich in gewissem Sinn an diesen positiven Ausblick auf eine kommunistische Zukunft zu halten. Im Prinzip hatte die Science-Fiction-Literatur in der DDR mehrere Funktionen, um ihren <em>„Klassenauftrag“</em> zu erfüllen. Sie hatte zunächst eine Art didaktischer Funktion. Science Fiction sollte durchaus der Wissensvermittlung dienen oder auch der Lernmotivation. Sie sollte auch – vor allem im ökonomischen Interesse der Verlage – eine Unterhaltungsfunktion erfüllen, beispielsweise eine spannende Handlung haben. Im Rahmen der Unterhaltungsfunktion hatte die Science Fiction so wie andere Literatur auch <em>„typische“</em> Charaktere und Situationen darzustellen.</p>
<p>An dem Wort <em>„typisch“</em> hing eine ganze Theorie: Das <em>„Typische“</em> war nicht das Normale, das man ständig auf der Straße antraf, sondern nach der Lehre des sozialistischen Realismus das, was die sozialistische Gesellschaft auszeichnet beziehungsweise auszeichnen sollte. Parteifunktionäre sollten daher ausschließlich positiv dargestellt werden, weil das eben <em>„typisch“</em> für einen Parteisekretär wäre. Parteisekretäre kamen in der Science Fiction nur selten vor, aber auch Wissenschaftler hatten sich in dieses Bild zu fügen. Wissenschaftler, die in den sozialistischen Ländern tätig waren, waren dann eben auch überzeugte sozialistische Persönlichkeiten, vielleicht mit kleinen Schwächen, aber erst einmal positive Gestalten, während man Wissenschaftler, die in den traditionellen kapitalistischen Gesellschaften tätig waren, auch charakterlich deformiert darstellte. Diese Sicht veränderte sich mit der Zeit. Ein Beispiel sind außereheliche Liebesverhältnisse. In den 1950er Jahren waren sie verpönt. Man hatte den „Zehn Geboten der sozialistischen Moral“ zu folgen, die sehr kleinbürgerlich und puritanisch gestrickt waren. Damals konnte es einem Parteifunktionär zum Verhängnis werden, wenn er ein außereheliches Verhältnis hatte. Die utopischen Betriebsromane der Science Fiction dieser Zeit waren prüde. Aber westliche Agentinnen wurden regelmäßig als verführerische <em>femme fatale</em> dargestellt.</p>
<p>Zur ideologischen Funktion der Science Fiction gehörte insbesondere, dass <em>„Wissenschaftlichkeit“</em> im Vordergrund zu stehen hatte. <em>„Wissenschaftlichkeit“</em> bedeutete auch: Die Werke hatten den Maßgaben der marxistisch-leninistischen Geschichtswissenschaft zu entsprechen. Die Sicht auf Geschichte und Gegenwart hatte sich nach den Lehrbüchern des Marxismus-Leninismus zu richten. Dann galt es als geschichtlich konkret und korrekt. Außerdem hatte Pseudowissenschaft nichts in den Werken zu suchen. Bis auf die letzten Jahre der DDR, in denen sich manches veränderte, gab es in der DDR-Science-Fiction beispielsweise keine parapsychologischen Phänomene. Auch die Psychoanalyse nach Freud war lange verpönt; sie wurde erst in den späten 1970er und in den 1980er Jahren hoffähig. Auch das Wort <em>„Kybernetik“</em> konnte man zunächst nicht verwenden. Dies änderte sich jedoch gegen Ende der 1950er Jahre, als die Kybernetik in der DDR sozusagen rehabilitiert wurde und für kurze Zeit beinahe zu einer Leitwissenschaft aufstieg. Insofern hat der Anspruch der <em>„Wissenschaftlichkeit“</em> der DDR-SF lange Zeit einen engen Rahmen gesetzt, je nach dem, was sich die Partei darunter jeweils vorstellte.</p>
<p>Einen zentralen Punkt in der ideologischen Funktion bildete das sogenannte <em>„Perspektivbewusstsein“. </em>Das hieß erstens, dass man davon überzeugt zu sein und in den Romanen zu vermitteln hatte, dass die Zukunft dem Kommunismus gehört, dass das Jahr 2000 das Jahr des Kommunismus sein würde. Science Fiction hatte die kommunistische Zukunft zu imaginieren. Das war das eine, es hieß aber zweitens, dass man die Gegenwart aus der Perspektive der kommunistischen Zukunft betrachten sollte, somit die Position der Künftigen einnimmt. Aus dieser Sicht sollten die positiven Entwicklungen der sozialistischen Gegenwart herausgestellt werden, allenfalls konnte man schreiben, dass es noch gewisse Relikte bürgerlichen Denkens gab, die jedoch bald überwunden würden.  Das betraf vor allem einige Werke des utopischen Betriebsromans in den 1950er Jahren, die relativ nahe an der Gegenwart spielten. Diese Werke mussten sich dann mit dem Blick auf die Gegenwart dem <em>„Perspektivbewusstsein“ </em>unterordnen. Oder man schummelte sich ein wenig heraus und hing die gesellschaftlichen Fragen nicht allzu hoch. Es gab immer auch Auswege.</p>
<p>Schließlich kam das Prinzip der <em>„Parteilichkeit“</em> hinzu. Die Autoren hatten <em>„Partei“</em> zu ergreifen. Sie sollten einen Beitrag zum <em>„Friedenskampf“</em> leisten, in ihrer Auseinandersetzung mit dem Imperialismus, dem Militarismus und dem Revanchismus in Westdeutschland.</p>
<h3><strong>Eine Abfolge von Eiszeiten und Tauwettern</strong></h3>
<p><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen.jpg"><img decoding="async" class="alignright wp-image-7316 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen-300x216.jpg" alt="" width="300" height="216" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen-200x144.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen-300x216.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen-400x288.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen-600x431.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen-768x552.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen-800x575.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen.jpg 947w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a>Vom Ansatz her war die Science Fiction in der DDR erst einmal utopisch. Man nannte sie zunächst auch <em>„utopische Literatur“</em>, man sprach auch vom <em>„utopischen Betriebsroman“</em>. Das <em>„Perspektivbewusstsein“</em> hat zumindest keine Dystopie für die Gesamt-Menschheit zugelassen. Insofern steht einerseits die Science Fiction in der DDR wie die DDR-Literatur insgesamt eher auf der Seite der Utopie. Andererseits ist auch immer mehr Realität eingedrungen. Speziell sind in den 1980er Jahren dystopische Elemente eingeflossen, die zeigten, dass es auch in weiterentwickelten Gesellschaften zu Exzessen oder zu Rückfällen kommen kann.</p>
<p>Dezidierte, umfänglich ausgeführte Utopien brachte die DDR-SF jedoch kaum hervor. Neben unserem Roman „Andymon“ könnte ich noch „Weltbesteigung“ von <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?219827">Gottfried Meinhold</a> nennen. Aber Meinholds Werk schildert bereits eine Utopie der Überforderung. Es passt gut zu einer Informationsgesellschaft, wo Menschen sich selbst immer höher takten, um einer hochtechnischen utopisch-perfekten Welt gerecht zu werden. Wir normalen Menschen mit unseren langsamen Denkprozessen passen eigentlich in Meinholds Utopia nicht mehr hinein. In den 1980er Jahren mischten sich immer wieder dystopische Elemente in die positiven Zukunftsbilder, sodass sich Ambivalenzen ergaben. <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?149062">Karsten Kruschel</a> hat dies einmal sehr genau beschrieben. Für die DDR-Science-Fiction kann man einen langen Abschied von der Utopie konstatieren. Sie ist aber nie voll dystopisch geworden. Auch der Kampf gegen die amerikanische Science Fiction lief lange unter dem Stichwort, dass das, was dort beschrieben wurde, nicht nur imperialistisch und kapitalistisch, sondern auch dystopisch war: <em>„Das ist nicht die Zukunft, die wir haben wollen!“</em></p>
<p>Im Verlauf der DDR-Geschichte wandelte sich die Kulturpolitik und mit ihr die Zensur immer wieder; das Korsett, das der Literatur vorgegeben wurde, war bald enger, bald weiter. Eiszeiten und Tauwetter wechselten einander ab. Nach Stalins Tod am 5. März 1953 gab es zunächst einige Lockerungen, die aber bereits durch den 17. Juni 1953 in Frage gestellt und durch die Niederschlagung des Aufstands in Ungarn 1956 unterminiert wurden. Gegen Ende der 1950er Jahre setzte eine ideologische Offensive der Parteiführung ein, in der auch innerhalb der SED bestimmte Kader kaltgestellt wurden und Wissenschaftler wie Ernst Bloch, die ursprünglich noch auf der Parteilinie waren, nach Westdeutschland auswanderten. Die Verlage bekamen damals viel engere Restriktionen. Nachdem die Zensur etwa um 1955 beinahe völlig abgeschafft worden wäre, ist sie gegen Ende der 1950er Jahre wieder verstärkt eingeführt worden, durch Umgruppierung der Behörde und auch dadurch, dass man Verlagsleitungen wieder enger in die Verantwortung genommen hat. Die Prozesse gegen Wolfgang Harich, Walter Janka und andere waren für alle eine Warnung. Es gab wieder eine Eiszeit.</p>
<p>Nach dem Mauerbau hatten viele Funktionäre den Eindruck, jetzt gibt es die Chance, den Sozialismus im eigenen Land aufzubauen, ungestört von diesen westdeutschen Agenten, Saboteuren, Diversanten und anderen, ohne dass uns die Leute davonlaufen. Unter diesen Umständen könnte man in der Literatur und der Kultur insgesamt mehr Freiheiten nutzen. Das war jedoch nur eine kurze Illusion. Ende 1965 zog die Parteiführung mit dem später so genannten <em>„Kahlschlagplenum“</em> die Daumenschrauben wieder an; Verbote zeigten, wie eng die Grenzen gesetzt wurden. Gleichzeitig entwickelte sich in der Tschechoslowakei der <em>„Prager Frühling“</em>; der 1968 durch die sowjetische Invasion auf brutale Weise zerschlagen wurde. Die DDR-Führung fühlte sich in ihrem Kurs eines verschärften ideologischen <em>„Klassenkampfes“</em> bestätigt.</p>
<p>Die nächsten Hoffnungen kamen mit dem Wechsel von Walter Ulbricht zu Erich Honecker im Mai 1971. Erich Honecker sagte damals, man kenne <em>„keine Tabus“</em>, Literatur und Kunst sollten sich frei entwickeln können. Interessanterweise erlebte die DDR-SF genau jetzt einen Entwicklungsschub. Insbesondere blühte die kurze Form auf: viel mehr Erzählungen wurden geschrieben, publiziert und verbreitet als zuvor. Das ging gut bis zur Biermann-Affäre im Jahr 1976. Literatur rückte wieder stärker in das Augenmerk der Funktionäre. Viele Autorinnen und Autoren wanderten aus oder sie mussten sich ein Stück zurücknehmen, wenn sie in der DDR bleiben wollten.</p>
<p>In den 1980er Jahren wurde das Zensursystem nicht abgeschafft, aber es zerfiel. Es operierte willkürlicher und es wurde nicht mehr so rigide durchgegriffen. Wir konnten uns viel mehr erlauben. In den 1950er Jahren landete man für einen Witz noch im Gefängnis. Es gab Fälle, dass Science-Fiction-Fans, die sich Bücher aus dem Westen hatten mitbringen lassen, wegen des Besitzes und der Verbreitung von <em>„staatsfeindlichem Schrifttum“</em> verurteilt wurden. Das wäre in den 1980er Jahren nicht mehr möglich gewesen. Die Atmosphäre war viel offener geworden. Das Schlimmste, was uns, Angela und mir, damals hätte geschehen können, war, dass wir in den Westen abgeschoben worden wären. Viel mehr konnte uns eigentlich nicht passieren. Gegen Ende der DDR haben Schriftsteller immer mehr gegen Zensur und allgemein gegen staatliche Bevormundung opponiert. Die Zensur kam auf Schriftstellerkongressen immer wieder zur Sprache, beispielsweise 1987 in einer Rede von Christoph Hein.</p>
<p>Offiziell wurde die Zensur zum 1. Januar 1989 abgeschafft. Man hat den Verlagen die Abschaffung mitgeteilt, aber paradoxerweise hat der Chefideologe im Politbüro, Kurt Hager,  zugleich die Bedingung gestellt, dass niemand von der Abschaffung der Zensur erfahren dürfe, denn offiziell habe es ja gar keine Zensur gegeben, sondern nur einen Genehmigungsprozess. Die Verlage haben sich nicht unbedingt darüber gefreut, denn sie waren jetzt selbst in vollem Umfang verantwortlich für das, was sie veröffentlichten, völlig auf sich selbst gestellt. Es war die typische sozialistische Delegation der Verantwortung an andere Stellen. Niemand wusste, welche Risiken er mit einer Veröffentlichung einging.</p>
<h3><strong>Die Instanzen der Zensur </strong></h3>
<p>Als Autor in der DDR wusste man, dass jedes Manuskript durch verschiedene Instanzen ging. Die erste und schlimmste Instanz war bei manchen Autoren die Selbstzensur. Man wusste, was man schreiben durfte, welche Wörter, welche Perspektiven tabuisiert waren. Je nachdem, welche Erfahrungen man bereits gemacht hatte und wieviel Mut oder Hartnäckigkeit man aufbrachte, hat man sich an die Vorgaben gehalten oder versucht, sie zu unterlaufen. Es war die berühmte Schere im Kopf.</p>
<div id="attachment_7318" style="width: 203px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=1914"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7318" class="wp-image-7318 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Hans-Frey-Vision-und-Verfall-Memoranda-193x300.jpg" alt="" width="193" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Hans-Frey-Vision-und-Verfall-Memoranda-193x300.jpg 193w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Hans-Frey-Vision-und-Verfall-Memoranda-200x311.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Hans-Frey-Vision-und-Verfall-Memoranda-400x622.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Hans-Frey-Vision-und-Verfall-Memoranda-600x932.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Hans-Frey-Vision-und-Verfall-Memoranda.jpg 659w" sizes="(max-width: 193px) 100vw, 193px" /></a><p id="caption-attachment-7318" class="wp-caption-text">Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die zweite Instanz war der Verlag. Als Autor hatte man es dort zunächst mit einem Lektor zu tun. Die Manuskripte wurden gut betreut. Hans Frey hat in <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=1914">„Vision und Verfall – Deutsche Science Fiction in der DDR“</a> (Berlin, Memoranda) von dem <em>„gepflegten Mischwald der DDR-Science-Fiction“ </em>geschrieben. Der Verlag übernahm so etwas wie eine staatliche Pflege dieses Mischwaldes. Der Lektor hat darauf geachtet, was der Autor schreibt. Gibt es vielleicht problematische Stellen? Im Verlag gab es dann noch den Cheflektor, den Verlagsleiter und meistens noch eine Parteigruppe &#8211; eine Hierarchie der Verantwortlichkeiten.</p>
<p>Zum Teil wurden die Verantwortlichkeiten wieder delegiert, vor allem bei „kitzligen“ Texten. Im Verlag wurde zu jedem Manuskript ein Gutachten erstellt und begründet, dass und warum das Buch gedruckt werden sollte. Zusätzlich hat man Außengutachter einbezogen, oft Literaturwissenschaftler, mitunter aber auch Akteure aus der Kulturpolitik. Sie waren insbesondere dann notwendig, wenn der Verlag für ein Buch, das nicht ganz unheikel war, von außen Argumente und Rückendeckung finden wollte. Mit beiden Gutachten wurde dann das Manuskript an die nächste Instanz, die eigentliche Zensurbehörde, weitergeleitet, die Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel. Dort saßen Mitarbeiter, die verantwortlich waren, ihr Placet für das Buch zu erteilen. Ohne das Imprimatur der HV – wie wir sagten – ist kein Buch gedruckt worden.</p>
<p>In einigen speziellen Fällen (nicht in der Science Fiction) gab es sogar noch nach Druckbeginn oder Auslieferung Einwände und das Buch wurde wieder zurückgezogen. Gegen alle kulturpolitischen Wechselfälle sicherten sich die Verlage vertraglich ab. In den Verträgen war stets ein Passus enthalten, dass das Buch nicht fertiggedruckt und veröffentlicht werden müsste, wenn es <em>„in der Zwischenzeit seine gesellschaftliche Wirkung verloren“</em> hätte.</p>
<p>Das war ein Gummiparagraf, der meist dann angewandt wurde, wenn der Autor in Ungnade fiel. Gelegentlich schauten sich auch unabhängig vom offiziellen Instanzenweg andere Personen ein Manuskript an. In den 1950er Jahren war – dem Vernehmen nach – das Schlimmste, was einem Buch passieren konnte, dass Lotte Ulbricht es vorab in die Hände bekam.</p>
<p>Wir selbst haben dergleichen bei der Science Fiction nicht erlebt, aber uns haben Krimiautoren berichtet, dass natürlich die Volkspolizei die Manuskripte daraufhin ansah, ob das Verhalten der Volkspolizisten im Roman auch den Dienstvorschriften entsprach. Man kann sich vorstellen, dass viele Tatort-Filme nicht mehr gezeigt werden könnten, wenn solche Maßnahmen angewandt würden.</p>
<p>Zwei Beispiele: Einer unserer Kollegen hatte einen Krimi geschrieben gegen den der Generalstaatsanwalt der DDR Einspruch einlegte. Denn in dem Krimi trat ein Generalstaatsanwalt auf, aber das war nicht er! Da es aber in der DDR nur einen Generalstaatsanwalt gab, musste das Buch überarbeitet werden. Gegenwartsautoren, die Romane über das Arbeitsleben, <em>„Produktionsromane“,</em> schrieben, hatten mitunter Probleme mit dem sozialistischen Kombinat, dem VEB, in dem der Roman spielte. Die Werksleitung opponierte und kritisierte, dass die Verhältnisse im Betrieb nicht korrekt dargestellt seien. Also musste der Autor das Manuskript anpassen oder den Handlungsort verlegen.</p>
<p>Bei all diesen Einflüssen und Befindlichkeiten hing es letztlich doch von den Menschen ab, von denen, die Einspruch erhoben, oder die wohlwollend auch Bedenkliches abnickten. Verlagsmitarbeiter erkannten bisweilen die ein oder andere <em>„kitzlige“</em> Stelle, aber sie sagten sich: Wir sind ja zurzeit in einer Phase, in der es etwas lockerer wird, also probieren wir es einmal. Dagegen standen immer wieder Beckmesser, die Freiräume rechthaberisch oder aus Angst einschränkten. Und es gab in allen Instanzen und Institutionen immer wieder engagierte Menschen, die versuchten, die Freiräume auszuweiten.</p>
<p>In den 1970er Jahren fragte beispielsweise ein Mitarbeiter der Hauptverwaltung einen Verlag, warum man nicht endlich „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley druckte, das sei doch nicht antisozialistisch, sondern eher antikapitalistisch. Auch „1984“ von George Orwell wäre am Ende beinahe veröffentlicht worden. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wie-george-orwells-1984-fast-in-der-ddr-erschienen-waere/">Wolfgang Both hat diesen denkwürdigen Vorgang ausführlich erforscht, dokumentiert und beschrieben</a>.</p>
<h3><strong>Spielräume für das Unmögliche</strong></h3>
<p>Man kann die Geschichte der Zensur in der Science Fiction als kleine Erfolgsgeschichte der subjektiven Ausweitung der Spielräume für Imagination und Fantasie darstellen. Während in den 1950er Jahren eigentlich nur der sozialistische Betriebsroman möglich war, kam dann die Weltraumthematik auf, wobei auf die korrekte Zusammensetzung der Raumschiffbesatzungen geachtet werden musste. Der Raumschiffkommandant hatte aus der Sowjetunion zu kommen.</p>
<p>In den 1970er Jahren schlichen sich dann erste wissenschaftskritische und technikkritische Ideen ein. In den 1980er Jahren durfte die Science Fiction auch schon einmal Umweltprobleme kritisieren oder gesellschaftliche Überwachung ansprechen. Die DDR-SF wurde nicht nur vielfältiger, kreativ-kritische Sichtweisen nahmen zu. Angela und ich hatten das Glück, dass wir in den 1980er Jahren geschrieben haben, in denen viel mehr möglich war. Wir wurden allerdings auch mit der Zensur konfrontiert. Unser Lektor sagte mitunter: <em>„Das geht nicht“</em>. Das war so eine Floskel, die bedeutete, dass irgendwelche Instanzen etwas dagegen haben könnten. Es war objektivierter Zwang.</p>
<div id="attachment_3235" style="width: 203px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=265"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3235" class="wp-image-3235 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/steinmueller_andymon-193x300.webp" alt="" width="193" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/steinmueller_andymon-193x300.webp 193w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/steinmueller_andymon-200x310.webp 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/steinmueller_andymon.webp 348w" sizes="(max-width: 193px) 100vw, 193px" /></a><p id="caption-attachment-3235" class="wp-caption-text">Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Wir haben in unserem Roman <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=265">„Andymon“</a> darüber spekuliert, dass sich die Menschheit auf der Erde selbst ihr Grab geschaufelt haben könnte, durch Umweltzerstörung, einen Atomkrieg oder wodurch auch immer. <em>„Das geht nicht“</em>, sagte unser Lektor. Das widerspräche der sozialistischen Perspektive der Menschheit. Insofern waren wir gezwungen, etwas an dem Buch zu ändern. Wir haben einen einzigen Satz ergänzt. Wir haben eingefügt, dass eine Menschheit, die so wunderbare Raumschiffe gebaut hat, eigentlich ihre gröbsten Probleme überwunden haben müsste. Ein einziger Satz hat genügt, um das Werk Anfang der 1980er Jahre möglich zu machen. Wir haben es uns aber nicht verkneifen können, unseren Helden einige Absätze weiter sagen zu lassen, dass ihm noch nie jemand ein solches Bekenntnis abgerungen habe. Wir haben werksintern die Kritik an der durch die Zensur erzwungene Formulierung eingebaut. Allerdings, das muss ich gestehen, recht unauffällig. Unser Lektor sagte nachher, der eine Satz, den wir eingefügt hätten, habe das Buch <em>„gerettet“</em>.</p>
<p>Ähnliches haben wir bei der Biographie erlebt, die wir über Charles Darwin geschrieben haben. Dort hatten wir auch geschildert, wie sich Darwins Lehre in verschiedenen Ländern weiterentwickelt hat. Wir haben formuliert, dass in der Sowjetunion der <em>„wissenschaftliche Scharlatan Lyssenko“</em> die Entwicklung der Biologie aufgehalten habe, weil er sich gegen die Genetik aussprach. Unser Lektor wollte das streichen. Schließlich habe Lyssenko den Stalinpreis bekommen. Wir haben geantwortet, wir hätten eigentlich schreiben müssen <em>„der Mörder Lyssenko“</em>, denn er hat veranlasst, dass Kollegen von ihm in den Gulag geschickt und umgebracht wurden. Wir hätten ihn lediglich einen <em>„wissenschaftlichen Scharlatan“</em> genannt und wollten unbedingt, dass diese Formulierung nicht gestrichen wird. Wir haben den Lektor überzeugen können. Er hat die Streichung ausradiert. Irgendwann bekamen wir den Umbruch und die Wörter fehlten. Wir haben den Lektor sofort angerufen und beschimpft, doch er war nicht verantwortlich. Es war der Setzer: In der Druckerei hatte ein <em>„klassenbewusster“</em> und wachsamer Mitarbeiter die Schlussfolgerung gezogen, dass das Ausradieren der Streichung besser zu übersehen sei. Wir haben uns letztlich durchgesetzt.</p>
<p>Man konnte also durchaus einen Kampf gegen bestimmte Arten von Zensur führen. Man brauchte dazu meist Verbündete. Das konnte durchaus der Lektor sein, jemand in der Hauptverwaltung oder auch jemand im Schriftstellerverband. Gerade der Schriftstellerverband hat sich bisweilen dafür eingesetzt, dass ein bestimmtes Buch gedruckt werden konnte. Beispielsweise hatte der Hinstorff Verlag, Rostock, mehrere Jahre lang das Manuskript einer Anthologie <a href="https://www.aufbau-verlage.de/die-andere-bibliothek/blitz-aus-heiterm-himmel/978-3-8477-0484-3">„Blitz aus heiterem Himmel“</a> liegen, in der es um Geschlechtertausch ging. Vor allem Frauen hatten Geschichten über Männer- und Frauenbilder und über das, was heute gender swap heißt, geschrieben. Der Verlag bekam kalte Füße, spielte auf Zeit. Die Autoren und Autorinnen haben mit Hilfe des Schriftstellerverbandes prozessiert und das Buch durchgesetzt.</p>
<p>Es gab immer Möglichkeiten, aber man musste sehr genau die Umstände kennen und ausnutzen, um das Mögliche möglich zu machen. Das <em>„Perspektivbewusstsein“</em> war lange ein entscheidendes Kriterium. Rezensenten fragten gern: Das soll unsere Zukunft sein? Ein befreundeter Lektor, <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?186528">Ekkehard Redlin</a>, hat uns von einem Erlebnis mit dieser nur allmählich überwundenen Sicht auf die SF berichtet. Er hatte ein Buch von <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?191706">Heiner Rank</a> herausgebracht: „Die Ohnmacht der Allmächtigen“. Der Roman schildert eine Art Konsumgesellschaft, die von Künstlichen Intelligenzen beherrscht wird, während die Menschen ihre Fähigkeit zu eigenständiger Selbstverwirklichung verloren haben. Das Buch ist 1973 erschienen und fand großen Anklang. Der Lektor wurde bei einem Besuch bei Kulturfunktionären mit der Frage konfrontiert, wie man nur einen so verstörenden Roman herausbringen könne! Er sagte, er habe ihn herausgebracht. Und musste den fast schon klassischen Anwurf hören<em>: „Und das soll unsere Zukunft sein?“</em></p>
<p>Diese Anekdote drückt auch einen Umschwung aus. Man hat relativ lange in den 1950er und den 1960er Jahren Science Fiction als Literatur über die Zukunft verstanden. Zu Beginn der 1970er Jahren begann man sich davon zu lösen. Der Lektor, der das Buch von Heiner Rank herausgebracht hat, hat damals einen Essay mit dem Titel „Entpflichtung im Nirgendwo“ verfasst. Science-Fiction-Literatur, so Redlin, soll aus der Pflicht genommen werden, sie soll frei spekulieren dürfen, fiktive Welten entwickeln, mit Fantasie spielen können und nicht dem engen Diktat der Kulturpolitik unterworfen werden, natürlich innerhalb bestimmter Grenzen; antikommunistische oder ähnliche Ansichten dürfe sie natürlich nicht verbreiten, sie sollte aber einen bestimmten Freiheitspielraum erhalten. Die Kollegen aus diesem Verlag – es war der Verlag „Das Neue Berlin“ – haben sich mitunter deshalb mit den Kollegen in der Hauptverwaltung auseinandersetzen müssen. Bei zwei Büchern, <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?172658">Wolfgang Kellners</a> Roman „Der Rückfall“ und <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?162643">Michael Szameits</a> „Alarm im Tunnel Transterra“ hatte die Hauptverwaltung ernsthafte Bedenken. Die in den Büchern geschilderten Verhaltensweisen entsprächen so gar nicht <em>„unserem“</em> Zukunftsbild. Doch die Kollegen vom Verlag ließen sich nicht überzeugen und konnten die Bücher schließlich publizieren. Sie haben es geschafft, die Hürde der Zensur zu überwinden. Auch das war möglich.</p>
<p>Oft machte sich die Kritik an einzelnen bedenklichen Stellen fest, bei Wolfgang Kellner etwa, weil die Hauptperson an ein Automobil ein Hirschgeweih montierte. Das war ein Rückfall in alte Verhaltensweisen und für die Hauptverwaltung eine bedenkliche Stelle. Gutachter konnten hier durchaus einen großen Einfluss haben, wenn sie die betreffenden Stellen beispielsweise in den Gesamtzusammenhang einordneten und darauf verwiesen, dass diese Stelle als Kontrast zum Gesamtbild gebraucht würde, das damit deutlicher würde. In manchen Fällen sprach sich aber auch ein Gutachter gegen die Publikation aus oder forderte weitgehende Änderungen.</p>
<p>Ich bin selbst einige Male eingeladen worden, ein Gutachten zu verfassen. Ich lernte also beide Seiten kennen: die des Autors und die des Gutachters, der Stellung zu Werken von anderen nimmt. Mein Hauptgedanke war stets, die Veröffentlichung möglich zu machen. Es ging beispielsweise um ein Buch von <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?81">Olaf Stapledon</a>, das in der DDR in deutscher Übersetzung erscheinen sollte. Ich habe in meinem Gutachten herausgestrichen, dass Olaf Stapledon humanistische Positionen vertritt und als Lektor an einer Abendschule gute Verbindungen zur Arbeiterklasse hatte. Ich musste allerdings auch aufpassen, dass ich es als Gutachter mit den positiven Äußerungen nicht übertrieb und unglaubwürdig wurde oder bei einem vielleicht als zwielichtig geltenden Autor selbst ins Zwielicht geriet. Ich musste im Rahmen der vorgegebenen Möglichkeiten und im Rahmen der eingeschliffenen Terminologie begutachten. Es war oft eine Gratwanderung. Andere haben es ähnlich gemacht, und wir haben so auch Bücher auf ihren Weg geholfen, die vielleicht auf den ersten Blick von manchen abgelehnt worden wären. Es war ein beständiger Kampf darum, wie man Bücher durchbekommt und was überhaupt nicht geht.</p>
<h3><strong>Der äußere und der innere Auftrag</strong></h3>
<p><a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?139255">Günter</a> und <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?139254">Johanna Braun</a> haben sehr intensiv die Frage der Selbstzensur thematisiert. Im Schriftstellerverband gab es dazu in den 1960er und den 1970er Jahren Debatten um den „inneren“ und den „äußeren Auftrag“. Der Autor hat den unbedingten inneren Auftrag, ein bestimmtes Buch, dessen Thema ihn bewegt, schreiben zu müssen. Außerdem wird an den Autor der äußere, „gesellschaftliche“ Auftrag herangetragen, mit dem Buch zum Aufbau des Sozialismus beizutragen. Die Kulturfunktionäre haben argumentiert, dass sich Autoren den äußeren Auftrag aneignen und zu ihrem inneren Auftrag machen sollten. Dann ginge alles gut und es entstünden auch die richtigen Bücher.</p>
<p>Die Brauns haben sich gegen dieses Ansinnen positioniert. Sie haben das in <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?10982">Franz Rottensteiners</a> <a href="https://verlag-lindenstruth.de/?page_id=348">Quarber Merkur</a> getan, also in einer Publikation im Westen. Ihr Fazit war, dass jemand, der sich selbst in Übereinstimmung bringt, sich selbst als Autor abtötet. Das war eine Erfahrung, die man auch aus der Geschichte der DDR-Literatur und – im Fall der Brauns – auch aus der Geschichte der Science Fiction in der DDR ziehen konnte.</p>
<p>Als Fazit kann man festhalten, dass die Praxis der Druckgenehmigung den Kontrollanspruch des Staates und damit auch der Sozialistischen Einheitspartei ausgedrückt hat. Der Genehmigungsprozess über die Hauptverwaltung jedoch, gegebenenfalls mit inhaltlichen Auflagen oder mit der Aufforderung, das Buch möglicherweise neu zu schreiben, war nur ein Teil des Weges von der Idee des Autors zum Buch. Dieser Weg lief in der DDR unter der Rubrik <em>„Literaturentwicklungsprozesse“</em>, ein Unterfangen, bei dem der Autor nur eine Rolle hatte und andere Akteure in diesen Prozess hineinkamen.</p>
<p>Die Science Fiction als solche hatte keinen besonderen Freiraum. Sie wurde nicht als spinnerte Literatur behandelt, die man nicht besonders hätte beachten müssen. Wie bei jedem anderen literarischen Werk wurde geprüft, ob da irgendwo falsche Ideologie, Relikte falschen bürgerlichen Bewusstseins, nicht genügend <em>„Perspektivbewusstsein“ </em>zu finden wären. Die SF wurde immer auf entsprechende Stellen hin durchleuchtet, in den 1980er Jahren aber schon viel weniger. Ein Freund von uns hat einmal eine Anthologie mit dem Titel „Jedes Buch ein Abenteuer“ veröffentlicht. Genau so war es.</p>
<p>Dadurch, dass so viele Akteure an den <em>„Literaturentwicklungsprozessen“ </em>beteiligt waren, wurde die eigentlich plangemäße Buchproduktion zu einem chaotischen Vorgang und zu einem Abenteuer mit nicht voraussehbaren Verzögerungen und Wendungen, etwa mit dem plötzlichen Vorziehen von anderen Titeln. Auch für die Verlage war es mit den Büchern immer eine Fahrt ins Ungewisse. Auf allen Ebenen konnte man Akteure beobachten, die versucht haben, mutig die Spielräume im Sinne dessen, was sie selbst als Freiheit begriffen hatten, in der Literatur auszuweiten, und andere, die sich strikt an irgendwelche Vorgaben gehalten haben, die mit bürokratischen Augen auf die Literatur geschaut haben. Von Dekade zu Dekade wurde in der DDR mehr möglich. Duckmäusertum, Beckmesserei und vorauseilender Gehorsam standen immer gegen Eigensinn bis hin zu Sturheit bei den Autoren sowie Mut und wahrgenommene Verantwortung bei Lektoren, Gutachtern und manchen Akteuren selbst in der Hauptverwaltung.</p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>, Berlin</p>
<h3><strong>Zum Weiterlesen</strong>:</h3>
<p>Die Romane und Essaybände von Angela &amp; Karlheinz Steinmüller sind <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=1336">im Memoranda-Verlag</a> erhältlich.</p>
<p>Karlheinz Steinmüller im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon:</span></p>
<ul>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-optimistische-skeptiker/">Der optimistische Skeptiker</a>, Juni 2023.</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/utopische-literatur-made-in-gdr/">Utopische Literatur Made in GDR</a>, Mai 2023.</li>
</ul>
<p>(Anmerkungen: Der Essay beruht auf einem Vortrag, den Karlheinz Steinmüller am 10. April 2025 unter dem Titel „Die befohlene Zukunft“ in der <a href="https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/start">Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur</a> gehalten hat. Anlass war eine Ergänzung von mehreren Tafeln zur Wanderausstellung <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/literaturland-ddr/">„Leseland DDR“</a> der Stiftung. Erstveröffentlichung als Essay im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> im Juli 2025, Internetzugriffe zuletzt am 14. Juli 2025. Das Titelbild wurde von Thomas Franke zur Verfügung gestellt, der eine große Zahl von Science-Fiction-Literatur illustriert hat. Es zeigt einen Ausschnitt aus der von Thomas Franke illustrierten Neuausgabe von Arno Schmidts „Die Gelehrtenrepublik“. Die Rechte für dieses Bild liegen beim Illustrator. Siehe hierzu auch das im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> erschienene Interview mit dem Titel <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/parallele-welten-synergetisch-gebrochen/">„Parallele Welten – Synergetisch gebrochen“</a>.)</p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/polen-in-der-ddr-eine-fallstudie/">Polen in der DDR &#8211; eine Fallstudie</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
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