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	<title>Belarus Archive - Demokratischer Salon:</title>
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	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
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		<title>Verkehrte Welten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 22 Mar 2026 10:16:30 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Verkehrte Welten Die Slavistin Sylvia Sasse über politische Kommunikation „Aneignung und Enteignung gehen Hand in Hand. So kann man sowohl die positiven Vorstellungen, die mit Widerstand und Opposition verbunden sind, als die eigenen ausgeben als auch dem Gegner beziehungsweise der Gegnerin genau das unterstellen, was man von sich selbst nicht preisgeben möchte.“ (Sylvia Sasse,  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Verkehrte Welten</strong></h1>
<h2><strong>Die Slavistin Sylvia Sasse über politische Kommunikation</strong></h2>
<p><em>„Aneignung und Enteignung gehen Hand in Hand. So kann man sowohl die positiven Vorstellungen, die mit Widerstand und Opposition verbunden sind, als die eigenen ausgeben als auch dem Gegner beziehungsweise der Gegnerin genau das unterstellen, was man von sich selbst nicht preisgeben möchte.“ </em>(Sylvia Sasse, in: Verkehrungen ins Gegenteil, Berlin, Matthes &amp; Seitz, 2023)</p>
<p>Die politischen Debatten unserer Zeit verstehen wir möglicherweise nur, wenn wir uns stets dessen bewusst sind, dass man dieselben Worte für einander diametral entgegenstehende Ziele einsetzen kann, für die Legitimierung einer liberalen Demokratie wie für die einer autoritären Diktatur. Einer der gängigen Begriffe, auf die soeben zitierte Bemerkung passt, ist der der <em>„Meinungsfreiheit“</em>, ein gängiges Verfahren die Täter-Opfer-Umkehr. Die Analyse der Strategien und Sprachspiele autoritärer Politiker, illiberaler Demokraten und ausgewiesener Diktatoren durchzieht die Forschungen der in Zürich lehrenden Slavistin und Literaturwissenschaftlerin <a href="https://www.slav.uzh.ch/de/seminar/mitarbeitende/litwiss/sylviasasse.html">Sylvia Sasse</a> wie ein roter Faden. Diese Analysen profitieren nicht nur von Philosophen wie Ludwig Wittgenstein oder John Searle, sondern auch von den in Deutschland weniger bekannten Konzeptualisten, mit denen sich Sylvia Sasse in ihrer literaturwissenschaftlichen Ausbildung intensiv befasste.</p>
<div id="attachment_7925" style="width: 222px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.junius-verlag.de/index.php?lang=0&amp;cl=search&amp;searchparam=Sylvia+Sasse+Michail+Bachtin+zur+Einf%C3%BChrung"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7925" class="wp-image-7925 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Michail-Bakhtin-Junius-Verlag-212x300.jpg" alt="" width="212" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Michail-Bakhtin-Junius-Verlag-200x283.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Michail-Bakhtin-Junius-Verlag-212x300.jpg 212w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Michail-Bakhtin-Junius-Verlag.jpg 300w" sizes="(max-width: 212px) 100vw, 212px" /></a><p id="caption-attachment-7925" class="wp-caption-text">Weitere Informationen über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Sylvia Sasse wurde im Jahr 1968 in Magdeburg geboren. Sie wurde im Jahr 1999 an der Universität Konstanz mit der Arbeit „Texte in Aktion – Sprech- und Sprachakte im Moskauer Konzeptualismus“ (München, Wilhelm Fink, 2003) promoviert, sechs Jahre später an der FU Berlin mit der Schrift „Gift im Ohr – Zur Philosophie des Beichtens und Gestehens in der russischen Literatur“ (München, Wilhelm Fink, 2009) habilitiert. Zu ihrer Ausbildung gehörten Stationen in St. Petersburg und Moskau, Belgrad, Dubrovnik, Prag und Jalta sowie an der Universität Berkeley. Nach einer Professur an der HU Berlin wechselte sie im August 2009 auf den Lehrstuhl für Slavistische Literaturwissenschaft an der Universität Zürich. Im Mittelpunkt ihrer Forschung stand insbesondere <a href="https://www.junius-verlag.de/Programm/Zur-Einfuehrung/Michail-Bachtin-zur-Einfuehrung.html">Michail Bachtin</a>, zu dessen Werk sie unter anderem eine Einführung veröffentlichte (Hamburg, Junius, 2018). In Aufsätzen und Interviews äußert sie sich regelmäßig zu aktuellen politischen Entwicklungen, beispielsweise zum russländischen Angriffskrieg gegen die Ukraine oder zum Auftreten von Donald Trump. Eine umfassende Analyse der Strategien autoritärer und totalitärer Politiker bietet sie in zwei Großessays, <a href="https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/verkehrung-ins-gegenteil.html">„Verkehrungen ins Gegenteil“</a> und <a href="https://www.diaphanes.net/titel/subversive-affirmation-5893">„Subversive Affirmation“</a> (Zürich, Diaphanes, 2024). Gemeinsam mit der Übersetzerin und Kulturvermittlerin <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/vom-ueberleben-der-belarusischen-kulturszene/">Iryna Herasimovich</a> gibt sie die Reihe <a href="https://www.33booksforanotherbelarus.ch/de">„33 Bücher für ein anderes Belarus“</a> heraus, sie war eine der Initiator:innen der Online-Zeitschrift „<a href="https://novinki.de/">Novinki“</a> und gibt gemeinsam mit mehreren Kolleg:innen die ebenfalls online erscheinende Zeitschrift <a href="https://geschichtedergegenwart.ch/">Geschichte der Gegenwart</a> heraus.</p>
<h3><strong>Literatur, Geschichte, Politik – untrennbare Geschwister</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie sind eine der Herausgeber:innen von zwei Online-Zeitschriften, Geschichte der Gegenwart und Novinki.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Das Projekt Novinki entstand vor etwa 20 Jahren aus einer Initiative der Slavistik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Wir wollten unsere Studierenden dazu bewegen, Texte zu verfassen, die nicht nur in der Schublade landen, sondern in denen sie ihre literaturwissenschaftlichen Kenntnisse für Gespräche, Reportagen, Rezensionen über Literatur aus Osteuropa nutzen können, die bisher nicht übersetzt wurde. Die Studierenden fanden die Idee toll und haben das Portal mitbegründet. Einige Gründer:innen sind später an andere Universitäten gewechselt und haben dort ebenfalls Redaktionen aufgemacht, zum Beispiel in Potsdam, in Zürich, in Wien, auch an der FU in Berlin. </em></p>
<p><em>Aber es ist weiterhin ein studentisches Projekt, immer verbunden mit Novinki-Seminaren an den jeweiligen Universitäten, manchmal auch gemeinsam von mehreren Hochschulen. Es läuft so gut, weil wir so viele sind. Ich bin selbst nicht mehr so sehr aktiv bei Novinki, das machen jetzt meine Assistierenden. </em><a href="https://www.slav.uzh.ch/de/seminar/mitarbeitende/litwiss/bickhardt.html"><em>Philine Bickhardt</em></a><em> bietet gerade ein Podcast-Seminar an, in dem sie Autorinnen aus Ost- und Südosteuropa, aus der Ukraine, aus Bosnien und aus Serbien vorstellen. Die Studierenden lernen so auch Texte zu verfassen, die für das Hören gedacht sind. Wir arbeiten dabei mit erfahrenden Journalist:innen zusammen, die uns im Hinblick auf die einzelnen Textformen beraten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie finanzieren Sie das Projekt?</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Überhaupt nicht. Wir machen es einfach aus dem laufenden Betrieb, weil es Seminare und Kurse im Rahmen des Studiums sind. Es gibt in den meisten Slavistiken Kurse für angewandte Slavistik, eine angewandte Literaturwissenschaft, die auch im Grunde für verschiedene wissenschaftliche oder journalistische Berufe vorbereitet. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und Geschichte der Gegenwart?</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Geschichte der Gegenwart haben wir 2016 gegründet, als Professor:innen aus den Geschichts- und Literaturwissenschaften. Es ging uns darum, mit unseren Fähigkeiten die Gegenwart zu lesen, zu analysieren und auch historisch einzuordnen. Wir wollten uns von den Formaten unabhängig machen, in denen wir in der Regel in den Medien auftauchen. Da haben wir vielleicht gerade einmal zwei oder drei Sätze und können die Überschriften ohnehin nicht bestimmen. Man ist immer die Stimme im Format eines anderen. </em></p>
<p><em>Unser Format kam sehr gut an. Wir haben Kolleg:innen angefragt, ob sie zu einem bestimmten Thema, zu dem sie gerade forschen, etwas in publizistischer Form schreiben wollten. Das war am Anfang gar nicht so einfach. Es ist schon eine Umstellung für Wissenschaftler:innen, einen Text auf vier Seiten mit etwa 12.000 Zeichen zu schreiben. Inzwischen haben wir jedoch sehr viele Einsendungen. Die Texte sind kurz und knapp und dennoch auf hohem wissenschaftlichem Niveau. Es ist ein Herzensprojekt. Wir publizieren jeden Sonntag. Wir machen das in unserer Freizeit und finanzieren eine Redakteurin über </em><a href="https://derkreativeflowblog.de/erfahrungsbericht-die-plattform-steady/"><em>Steady-Abos</em></a><em>. Die Redakteurin übernimmt die Korrespondenz mit den Autor:innen und das Proof-Reading. Wir lesen jeden Text mit dem Vier-Augen-Prinzip. Jeden Text lesen und kommentieren zwei Kolleg:innen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Müssen Sie auch Texte ablehnen?</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Sehr regelmäßig. Manchmal sind die Einsendungen viel zu lang oder ein Meinungsstück. Wir wollen Analysen. Inzwischen kann man einen GdG-Text vom Stil durchaus erkennen, ein klarer Gedanke auf vier Seiten, historisch und auch mit aktuellem Material belegt. Es geht uns nicht, um eine Popularisierung von Wissenschaft. Wir wollen mit dem Wissen aus der eigenen Forschung die Gegenwart lesen und einordnen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie verbinden Geschichte, Literatur, Künste, Filme, auch Pop-Kultur und Science Fiction. Meines Erachtens praktizieren Sie Geisteswissenschaften in ihrem besten Sinne.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>So sehe ich das auch. Es geht um Kontextualisierung, aber bei Novinki auch darum zu zeigen, welche Kontextualisierung die Künste selbst schon betreiben. Wir können als Wissenschaftler:innen von den Künsten lernen. Bei Geschichte der Gegenwart – das sagt schon der Titel – geht es darum, dass wir unsere Gegenwart nur verstehen können, wenn wir in die Geschichte hineinschauen. Das hat nicht nur damit zu tun, dass einige von uns Historiker:innen sind. In den Geisteswissenschaften arbeitet man nicht ohne historisches Wissen. Im besten Sinne des Wortes ein interdisziplinäres Projekt. </em></p>
<p><em>In den Redaktionssitzungen beraten wir gemeinsam, über welche Themen jetzt gerade geschrieben werden sollte. Diskurse verselbstständigen sich mitunter und existieren nur noch als Diskurs. Aber was sind die wirklich wichtigen Themen. Das wirkt sich auch auf das Binnenklima aus, weil wir als Wissenschaftler:innen in unseren Treffen eben nicht nur über administrative Dinge in der Universität diskutieren, sondern über die Rolle, die unsere Wissenschaft in der Gegenwart spielt.  </em></p>
<h3><strong>Die neue Belarusistik in Zürich</strong></h3>
<div id="attachment_7310" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://33booksforanotherbelarus.ch/de"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7310" class="wp-image-7310 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt-300x300.png" alt="" width="300" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt-66x66.png 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt-150x150.png 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt-200x200.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt-300x300.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt-400x400.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt.png 600w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-7310" class="wp-caption-text">Weitere Informationen über die Reihe der 33 Bücher für ein anderes Belarus erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Neben Studierenden und Wissenschaftler:innen arbeiten Sie mit einer dritten Gruppe zusammen, Intellektuelle, die aus autoritär oder totalitär regierten Ländern fliehen oder aus Ländern, die vom Krieg betroffen sind, und sich im Westen neu einrichten mussten. Eine Ihrer Mitarbeiterinnen ist Iryna Herasimovich, eine zentrale Figur der belarusischen Kulturszene im Ausland. Ich habe mich sehr gefreut, sie bereits <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/vom-ueberleben-der-belarusischen-kulturszene/">zwei Mal im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> in Interviews</a> vorstellen zu dürfen.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Iryna ist für uns ein Geschenk, mit all ihren Kompetenzen und ihrem Wissen über die belarusische Kulturszene. Wir sehen das als einen gegenseitigen Austausch, von dem wir beide profitieren. Iryna hat mit dafür gesorgt, dass wir jetzt in Zürich einen Hauch Belarusistik haben, die wir vorher nicht hatten. Sie arbeitet in einem meiner Forschungsprojekte über „Kunst und Desinformation“ und wir arbeiten gemeinsam an der Aktion </em><a href="https://www.33booksforanotherbelarus.ch/de"><em>„33 Bücher für ein anderes Belarus“</em></a><em>. Das ist eine Aktion, die die Publikation von Büchern in europäischen Verlagen ermöglicht, die in Belarus nicht mehr erscheinen konnten und können. Viele zwangsliquidierte Verlage hatten noch Bücher in ihrem Bestand, die schon übersetzt oder schon gesetzt waren, wir vermitteln diese Bücher an belarusische Exilverlage oder an hiesige Verlage. Iryna Herasimovich hatte die Idee, ich unterstütze sie bei der Realisierung. Inzwischen sind 13 Bücher in acht verschiedenen Ländern auf Belarusisch erschienen: Romane, Gedichtbände, Tagebücher, ein Kinderbuch. Wir haben das Glück, dass das </em><a href="https://www.goethe.de/prj/gex/de/index.html"><em>Goethe-Institut im Exil</em></a><em>, der </em><a href="https://www.gmfus.org/"><em>German Marshall Fund</em></a><em> oder die </em><a href="https://litar.ch/"><em>Litar-Stiftung</em></a><em> in Zürich uns ein wenig unter die Arme gegriffen haben. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Einrichtung einer eigenen Belarusistik kann man nicht hoch genug wertschätzen. Ähnliches gilt für die Ukrainistik. Ein großes Problem – das berichten mir auch Osteuropa-Historiker:innen – ist die Dominanz des Russischen.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Die Slavischen Seminare im deutschsprachigen Raum sind meist sehr klein. Eine Literaturwissenschaftlerin und ein Linguist müssen mehrere Sprachen oder Literaturen abdecken. Meist ist dies Ostslavistik plus eine andere Sprache beziehungsweise Literatur, zum Beispiel Polnisch oder Kroatisch. Ostslavistik beschränkte sich zumeist auf das Russische, und so war auch die Ausbildung oftmals nur Russisch plus&#8230; Dadurch entstand eine Slavistik, die vom Russischen dominiert war. Das betraf auch die Sprachausbildung, Belarusisch und Ukrainisch wurden kaum angeboten. Wer dann vielleicht eine wissenschaftliche Laufbahn anstrebte, sollte eine zweite Sprache lernen, aber diese dann aus der Süd- oder Westslavistik. So lernt man als zweite Sprache Polnisch oder Tschechisch, aber nie Belarusisch, auch nie Ukrainisch, weil man sonst nicht breit genug ausgebildet gewesen wäre und in der Ostslavistik Russisch geradezu gesetzt war. Das ändert sich zurzeit, aber auch nicht so schnell. Aber diejenigen, die aus der Ukraine und aus Belarus emigriert sind, sorgen jetzt dafür, dass neues Wissen in die Slavistik hineinkommt. Sie haben den Vorteil, dass sie alle zweisprachig sind. Es ist natürlich traurig, dass sich die Slavistik auf diesem Weg erweitern muss. Aber sie diversifiziert sich und es ist gut, dass die Slavistik breiter aufgestellt ist als sie das vor einigen Jahren noch war, dank der Kolleg:innen, die aus den beiden Ländern flüchten mussten.   </em></p>
<h3><strong>Wissenschaft und Pseudo-Wissenschaften</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Ungarn, in der Türkei, erst recht in Russland, jetzt auch in den USA werden Hochschulen unter Druck gesetzt. Andererseits waren Hochschulen nicht immer fortschrittlich gestimmt. Die Nazis konnten sich auf die Hochschulen verlassen, sie hatten schon vor 1933 große Mehrheiten unter den Studierenden. Manche Hochschulen arrangieren sich mit den jeweiligen Machthabern.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Ich bin Slavistin und beobachte das in Osteuropa seit Jahren. Ich denke aber nicht, dass wir von einem einheitlichen Bild sprechen können. Es war furchtbar, dass kurz nach dem Angriff Russlands am 24. Februar 2022 auf die Ukraine russische Universitäten einen Brief geschrieben haben, dass sie diesen Krieg – den sie natürlich nicht so bezeichneten – unterstützen. Das hat wiederum dazu geführt, dass wir unsere Verbindungen zu russischen Hochschulen sistiert haben. An diesem Beispiel kann man sehen, wie in schnellster Zeit Universitäten sich an die staatlichen Ideologien anpassen können. In den letzten Jahren haben auch viele Wissenschaftler:innen Russland verlassen. Dadurch wurden Stellen frei, auf die dann systemgerecht nachbesetzt werden konnte. Die repressive Politik ermöglichte neue Karrieren. In diesem Kontext muss man das sehen: Karrieremöglichkeiten entstehen durch Flucht und Repression! Publikationsmöglichkeiten verschwinden, die Zensur in Russland ist massiv. Selbst bei Publikationen von Exilverlagen, die noch in Russland drucken, hat man schon vor zwei Jahren gesagt, dass man unter solchen Bedingungen nicht mehr lange publizieren kann.</em></p>
<p><em>In Serbien sieht es anders aus. Hier sehen wir Protest seit dem Einsturz des Bahnhofsdaches in Novi Sad am 1. November 2024. Hier gingen und gehen Studierende, Dozent:innen, Professor:innen auf die Straße. Dabei standen nicht Universitätsangelegenheiten im Mittelpunkt, sondern die Korruption des politischen Systems. Das fand ich beeindruckend. Über ein halbes Jahr wurde gestreikt. Die Studierenden haben sich in eigenen demokratischen Gruppen organisiert. Wir konnten das sehr gut beobachten, weil wir in Zürich eine starke Südslavistik haben, in der es viel Zusammenarbeit mit serbischen Universitäten gibt. Es war auch in Serbien nicht so einfach, auf die Straße zu gehen. Das Regime von Vučić ist mit vielen Restriktionen und sehr gewaltsam gegen die Protestierenden vorgegangen.</em></p>
<p><em>Ich bin erstaunt, dass es in den USA so wenig Proteste gibt, obwohl dort die Einschränkungen im Wissenschaftsbetrieb massiv sind. Es gibt Einschränkungen auf allen Ebenen, bis in </em><a href="https://www.spiegel.de/kultur/donald-trump-diese-200-woerter-sollen-aus-us-regierungsdokumenten-verschwinden-a-7b7dc461-a924-4548-a083-b11c4843a651"><em>die Wortwahl</em></a> <em>hinein. Die Finanzierung einzelner Programme und Studiengänge wurde sistiert, ganze Fachbereiche der Universitäten drohte man einzustellen. Es gibt inzwischen an vielen Hochschulen Denunziation, selbst an so renommierten Hochschulen wie in Berkeley, indem Studierende und Professor:innen zum Beispiel als „antisemitisch“ angezeigt werden. Es gibt massive Eingriffe des Staates, aber mit für mich wenig sichtbaren Protesten.</em></p>
<p><em>In den letzten Jahren konnten wir schon sehr stark beobachten, wie in der rechtspopulistischen Ideologie mit „Verkehrungen ins Gegenteil“ gearbeitet wird, gerade auch im Hinblick auf Wissenschafts- und Meinungsfreiheit. Eines der ersten Statements in den USA war das „Restoring“ der Meinungsfreiheit nach der „Zensur“, die angeblich vorher stattgefunden hätte. Auf diesem Gedanken beruht die gesamte rechtspopulistische und rechtsextremistische Kommunikation. Das kann man in Russland beobachten, in Ungarn, in Polen, jetzt auch massiv in den USA. Das, was man selbst tut, die eigene Repression gegen Andersdenkende, wird als „Freiheit“ verkauft, während die Kritik der politischen Gegner an Populismus, Faschismus, Sexismus, Rassismus etc. als „Zensur“ betitelt wird.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dazu kommt, dass unter dem Label der <em>„Meinungsfreiheit“</em> wissenschaftlich unhaltbare Thesen verbreitet werden, nicht zuletzt im medizinischen Bereich unter einem Gesundheitsminister, der sich als ausgewiesener Impfgegner versteht und esoterische Heilmethoden propagiert. Oder Zuckerbergs Ankündigung, Beiträge nicht mehr löschen zu wollen, in denen die <em>„Unnatürlichkeit“</em> von Homosexualität verkündet werde.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Ja, das gehört auch in diese Kategorie. In den USA unterscheidet man auch „Free Speech“ und „Hate Speech“. Aber was was ist, das entscheidet dann Trump! Die eigene Meinung ist immer „Free Speech“, die Kritik des anderen „Hate Speech“. Auch der Einzug völlig pseudowissenschaftlicher Methoden hat Methode. Die Umstrukturierung der Wissenschaftslandschaft ist eines der ersten Projekte autokratischer Systeme. Inzwischen findet man in russischen Universitäten zum Beispiel ausgesprochene Quatsch-Wissenschaften. Mein Lieblingsbeispiel ist die „Destrukturologie“. Das ist eine angeblich forensische Linguistik, die an einer der Moskauer Universitäten gelehrt wird. Dort werden Gutachten erstellt, mit denen vor Gericht bewiesen werden soll, dass jemand eine „terroristische“ oder „extremistische“ „Ideologie“ vertritt. So werden auch Künstler:innen, die ein antiterroristisches feministisches Stück schreiben, von Gutachtern der „Destrukturologie“ analysiert, die dann zum Ergebnis kommen, dass diese Künstler:innen eigentlich „verkappte Terrorist:innen“ sind. Das Ziel ist, Feminismus als Terrorismus zu „desinterpretieren“. Die beiden Künstlerinnen </em><a href="https://www.deutschlandfunkkultur.de/russisches-gericht-verurteilt-theatermacherinnen-zu-sechs-jahren-haft-102.html"><em>Jewgenija Berkowich und Swetlana Petrijtschuk wurden zu sechs Jahren Straflager verurteilt</em></a><em>, unter anderem auf der Grundlage eines solchen pseudowissenschaftlichen Gutachtens.</em></p>
<h3><strong>„Opportunistische Synergien“</strong></h3>
<div id="attachment_7923" style="width: 176px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/verkehrung-ins-gegenteil.html?lid=2"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7923" class="wp-image-7923 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Verkehrungen-ins-Gegenteil-Matthes-Seitz-166x300.jpg" alt="" width="166" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Verkehrungen-ins-Gegenteil-Matthes-Seitz-166x300.jpg 166w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Verkehrungen-ins-Gegenteil-Matthes-Seitz-200x361.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Verkehrungen-ins-Gegenteil-Matthes-Seitz.jpg 277w" sizes="(max-width: 166px) 100vw, 166px" /></a><p id="caption-attachment-7923" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und es ist höchst gefährlich. Ich befürchte offen gestanden, dass sich die USA zu einer Theokratie entwickeln könnten, gerade aufgrund des hohen evangelikalen Einflusses auf die republikanische Partei. Dazu kommt inzwischen das evangelikale Bündnis mit einem sehr konservativen Verständnis von Katholizismus, für das beispielsweise der US-Vizepräsident und der Außenminister stehen. Man betrachtet sich als eine geschlossene Gruppe, die immer recht hat, also haben alle anderen unrecht. Vance und Rubio haben zuletzt versucht, Papst Leo XIV. zu erklären, dass sich Nächstenliebe nur auf das nähere Umfeld beziehe. Papst Leo widersprach, aber das hindert die beiden natürlich nicht, die ICE gegen alle einzusetzen, die ihrer Ansicht nach nicht in die USA hineingehören. Man muss sich auch nur die Bildungspolitik in Florida anschauen, wo zahlreiche Bücher durch das Engagement der „Moms for Liberty“ – da haben wir wieder die „Verkehrung in das Gegenteil“ aus Lehrplänen und Schulbibliotheken – verschwunden sind, allerdings mit dem Nebeneffekt, dass diese Bücher auf dem Markt sehr begehrt geworden sind. <em>   </em></p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Ja, mitunter klappt die Verkehrung ins Gegenteil nicht,</em> <em>weil natürlich auch die anderen nicht blöd sind und daraus einen PR-Gag machen konnten. Es sind allerdings inzwischen über 16.000 Titel, die in den unterschiedlichen Bundesstaaten verbannt worden sind. Interessant ist, dass es keine juristische, sondern eine politische Geste ist. Vor Gericht würde das nicht standhalten. Die Politik mischt sich seit Jahren massiv in die Bildungspolitik ein. Ungarn ist ein ganz guter Vergleichsfall, auch da wurden Bücher seit dem „Propaganda-Gesetz“ 2021, die zum Beispiel LGBTQ-Inhalte haben, in Plastikfolie eingeschweißt und durften nicht in der Nähe von Schulen oder Kirchen verkauft werden. </em></p>
<p><em>Es ist richtig, dass Sie es so deutlich benennen: Ohne diesen christlichen Fundamentalismus wären die Entwicklungen in den USA, aber auch die Macht von Putin in Russland so nicht möglich. Das Bündnis mit der russisch-orthodoxen Kirche hat Putin unglaublich viel Macht beschert. Ich bezeichne das in Anlehnung an die polnischen Sozial- und Geisteswissenschaftler:innen, </em><a href="https://geschichtedergegenwart.ch/autorin/agnieszkagraff/"><em>Agnieszka Graff</em></a> <a href="https://www.uni-goettingen.de/de/577872.html"><em>und </em><em>Elżbieta Korolczuk</em></a>,<em> als „opportunistische Synergie“. Religion und Politik spannen zusammen, um sich gegenseitig mehr Macht zu bescheren. Das ist auch in den USA zu beobachten, hinzukommen oft noch Firmen oder fundamentalistische Organisationen wie zum Beispiel Pro Life. In Russland zum Beispiel wurde 2022 der Krieg mit einer Plakatserie gegen Abtreibung beworben: „Beschütze mich heute, und ich werde dich morgen beschützen.“ Visualisiert wurde der Slogan auf der einen Seite mit dem Bauch einer Schwangeren und einem Ultraschallbild eines Fötus, auf der anderen Seite mit einem Soldaten mit Georgsband, über beide Bilder wird mittig das Z-Symbol gelegt. Die „eigenen Leute” zu schützen soll gelesen werden als: Den Fötus vor Abtreibung zu schützen lässt sich vergleichen mit einem Soldaten, der Russland vor Feinden verteidigt. Tatsächlich bedeutet es: Wenn du heute auf Abort verzichtest, kann dein Kind morgen an die Front gehen. Der christliche Fundamentalismus – in seinen unterschiedlichen Spielarten, katholisch, evangelikal, russisch-orthodox – geht mit den rechtspopulistischen Regierungen eine Allianz ein. Das wir meines Erachtens viel zu wenig diskutiert und von den Kirchen selbst zu wenig kritisiert.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Interessant ist, dass diese Bewegungen Genderthemen immer wieder als eine Art Einstiegsdroge nutzen. Robert Fico hat dieses Thema in der Slowakei genutzt, um für eine Verfassungsänderung die Opposition zu spalten und deren christlichen Teil für sich zu gewinnen. Ihre Kieler Kollegin Martina Winkler hat dieses <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/drehbuch-zur-demontage-der-demokratie/">„Drehbuch zur Demontage der Demokratie“</a> im Demokratischen Salon beschrieben. Der Kampf gegen Feminismus und Genderthemen wird erfolgreich als <em>„Verteidigung der Familienwerte“</em> verkauft. Auch das ist eine klassische Täter-Opfer-Umkehr.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Es ist die Einstiegsdroge, weil es eine Hysterie an der falschen Stelle erzeugt, es lenkt die Aufmerksamkeit von der eigentlichen Bedrohung ab. Putin hat kein Problem, im Krieg Tausende von Menschen töten zu lassen, gleichzeitig wird Abtreibung als unpatriotisch markiert mit dem Ergebnis, dass viele private Kliniken Abtreibungen nicht mehr durchführen. Trump hat kein Problem, Kriege zu beginnen, bei denen eine Mädchenschule im Iran als „Kollateralschaden“ geduldet wird, Frauen im eigenen Land nach dem Kippen von </em><a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/517442/50-jahre-roe-vs-wade-urteil-zum-us-abtreibungsrecht/"><em>„Roe vs. Wade“</em></a><em> 2022 in einigen US-Bundesstaaten sogar bei medizinischer Indikation von Abtreibungen die lebensnotwendige Hilfe verweigert. Dann stellt sich die Frage: Wo ist die Aufmerksamkeit größer? Welche Ereignisse werden zu Nachrichten, welche zu Medienkampagnen? Aufgesprungen sind die Medien auf angebliche permanente Cancel Culture und angebliche Bedrohung der Gesellschaft durch „Wokism“. Ich kann mich auf keine vergleichbare Aufmerksamkeit für den tatsächlich stattfindenden Bücherbann von rechts erinnern. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich fand die Analysen von Adrian Daub zu diesem Thema sehr hilfreich. Schon der Titel seines Buches ist deutlich: <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/adrian-daub-cancel-culture-transfer-t-9783518127940">„Cancel Culture Transfer – Wie eine moralische Panik die Welt erfasst“</a> (Berlin, edition suhrkamp, 2022). Liberale und Linke haben sich von dieser Panik überwältigen lassen und Rechtspopulisten all die Argumente geliefert, die diese brauchen, um ihre Art und Weise des Canceling – das sie natürlich nicht so nennen – im wahrsten Sinne des Wortes zu popularisieren.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Liberale Zeitungen, Boulevard-Presse etc. haben einfach mitgemacht, weil das Thema, wenn man es als Gefahr verkauft, Klicks generiert. Die Medien haben ihre Mitverantwortung am Aufbauschen von Cancel Culture und Wokeism, ein Thema, das eigentlich völlig vernachlässigbar wäre, nie kritisch reflektiert. Sie haben es geschafft, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit umzulenken und von den eigentlichen Problemen abzulenken. Nun versucht man, sich aus der Verantwortung heraus zu stehlen, indem die Verantwortung für die Verbreitung rechter Narrative nun auch noch der Linken zuschiebt: </em><a href="https://www.zeit.de/2025/37/politische-extreme-polarisierung-linke-afd-protest/komplettansicht"><em>„Welchen Anteil hat die politische Linke am Aufstieg der Rechten?“</em></a><em> hieß es am 28. August 2025 in Die ZEIT. Oder als Reaktion auf diesen Titel beim SWR eine Diskussion unter dem Titel: </em><a href="https://www.swr.de/kultur/gesellschaft/woke-und-weltfremd-ist-die-linke-schuld-am-rechtsruck-forum-2025-09-17-100.html"><em>„Woke und weltfremd – Ist die Linke schuld am Rechtsruck?“</em></a><em> und im Teaser: „Ist gesellschaftliche Spaltung der Preis für emanzipatorische Politik?“ Und dann im Schweizer Tagesanzeiger ein paar Wochen später: </em><a href="https://www.tagesanzeiger.ch/charlie-kirk-so-gefaehrlich-ist-die-radikale-linke-in-den-usa-152488322423"><em>„Ist die radikale Linke wirklich verantwortlich für den Anstieg der Gewalt in den USA?“</em></a><em>, die Frage wurde verbunden mit der Schuld am Mord an Charlie Kirk. Das ist eine permanente Ignoranz der eigenen medialen Rolle im Diskurs. Vielleicht hilft ein Blick nach Russland: Auch dort gibt es Kampagnen gegen Cancel Culture und Wokeism – als Merkmal des untergehenden und verkommenen Westens. Dies, ohne dass es in Russland jemals ein „Übermaß“ an Feminismus oder Gendertheorien gegeben hätte. Man kann also sogar die Gefahr von Cancel herausbeschwören, wenn in der eigenen Gesellschaft quasi jede andere Meinung verboten ist, es keine freien Medien gibt etc. Das ist eine perfekte Verkehrung ins Gegenteil.</em></p>
<h3><strong>Die Allianz von Kitsch und Macht</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Jonas Rosenbrück hat in seinem Essay <a href="https://www.merkur-zeitschrift.de/artikel/donald-trumps-maennerfantasien-a-mr-79-10-5/">„Donald Trumps Männerfantasien“</a> in der Oktoberausgabe 2025 des Merkur den US-Präsidenten als eine <em>„inkognito campy Drag Queen“</em> analysiert, die in der Inszenierung all die Gegensätze vereint, die er ablehnt: <em>„Wer Donald Trumps Verhältnis zum dichten Knotenpunkt ‚Geschlecht‘ verstehen will, muss genau dieses Paradox zu denken versuchen: Trumps Hypermaskulinität – seine gewalttätige, misogyne, sadistische, konventionell-patriarchale Männlichkeit – ist die intime Kehrseite seines permanenten Flirts mit der eigenen Feminisierung, Homoerotisierung und entmannenden Regression. Das Übertriebene und Extreme dieser Hypermaskulinität ist Kern und Ergebnis ihrer Kompensationsfunktion: Hier wird ein fundamentaler Mangel hysterisch überspielt.“</em></p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Eine klassische „Verkehrung ins Gegenteil“. Man könnte es mit Freud auch auf eine klassische „Hassprojektion“ zurückführen. Das, was ich in mir selbst nicht verdränge beziehungsweise nicht akzeptiere oder das, was die Gesellschaft in mir nicht akzeptieren würde, projiziere ich in die Gesellschaft als Hassobjekt hinein. Aber Drag Queens, das ist der Unterschied, benutzen die weiblichen Klischees, in die sie sich kleiden, als subversives Stilmittel. Ich würde das eine subversive Affirmation nennen, darüber habe ich ein Buch geschrieben. Trump findet den Kitsch, mit dem er sich umgibt, die Maga-Ästhetik, doch toll. Das ist keine Subversion, sondern totale Affirmation. All die goldenen Säulen, goldene Fahrstühle, riesige Prachtbauten, der Ballsaal im Weißen Haus und nun auch noch der Trumpfbogen in Washington, das ist ästhetischer Größenwahn, eine Form der Kompensation. Vladimir Nabokov hatte dafür </em><a href="https://www.rowohlt.de/buch/vladimir-nabokov-nikolai-gogol-9783498046545"><em>in seinem Buch über Gogol</em></a><em> einen Begriff verwendet, der sich nur sehr schwer aus dem Russischen ins Deutsche übersetzen lässt: „poshlost“, so etwas wie „veredelte Gewöhnlichkeit“. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Allianz von Kitsch und Macht. Passt auch auf Putin.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>:<em> Nabokov sah die Pošlost’ seiner Zeit in den beiden totalitären Systemen, in der stalinistischen Sowjetunion und im deutschen Faschismus ungehemmt zutage treten. Poshlost’ basierte damals auf einer doppelten Täuschung. Der goldige Glanz verdeckte den Terror, er legte eine goldige und gepflegte Schicht über das, was nicht gezeigt werden sollte. Die goldige Oberfläche täuschte mit ihrem Bling Bling und ihrer pseudohaften Moral aber nicht nur über den Terror hinweg, sondern täuschte auch vor, dass das Goldige der ästhetische Wunsch des Volkes sei. Heute ist Poshlost‘ als Stil, der Oligarchie-Kapitalismus und Autokratie verbindet, zurückgekehrt. Putin, Trump, Orbán und Erdoğan ähneln sich in ihrer Vorliebe für obszönen Prunk.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie sakralisieren es auch noch.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Sie sakralisieren sich auch selber. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das Genderthema, das Eintreten gegen Abtreibungen, gegen die Cancel Culture, wären sozusagen im marxistischen Sinne der Überbau, mit dem sie ihre Machtfantasien populär und akzeptabel machen. Ebenso ihr Männlichkeitsbild, das beispielsweise Hegseth zuletzt vor den versammelten Generälen malte, im Grunde alle frisch aus dem Body-Building-Studio, alle mit Sixpack und dicken Muskeln, alles Pose.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Der gesamte MAGA-Stil, die künstliche Männlichkeit und die künstliche Weiblichkeit, verdeckt nichts mehr, er ist Ausdruck ihrer Ideologie, drunter ist nichts. Nabokov war noch der Meinung in den 1930er Jahren, dass Pošlost’ dann besonders wirksam und bösartig sei, wenn das Falsche und Künstliche nicht gleich in die Augen springt. Trump hingegen trägt die Pošlost’ offen zur Schau, sie zeigt damit seine kapitalistisch autokratische Kompetenz.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die beste Karikatur dieses Stils sind einige Folgen der US-amerikanischen Serie „South Park“. Unter anderen taucht da Kristi Noem auf, die einerseits ständig Hunde erschießt, andererseits aber ebenso ständig ihr aufgespritztes Gesicht verliert, sodass eine ganze Gruppe von Kosmetiker:innen und Ärzt:innen ihr eine neue Botox-Dosis verpassen muss.</p>
<div id="attachment_7924" style="width: 198px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.diaphanes.net/projekt/suche"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7924" class="wp-image-7924 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Subversive-Affirmation-Diaphanes-188x300.jpg" alt="" width="188" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Subversive-Affirmation-Diaphanes-188x300.jpg 188w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Subversive-Affirmation-Diaphanes-200x320.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Subversive-Affirmation-Diaphanes-400x640.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Subversive-Affirmation-Diaphanes-600x959.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Subversive-Affirmation-Diaphanes-640x1024.jpg 640w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Subversive-Affirmation-Diaphanes-768x1228.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Subversive-Affirmation-Diaphanes-800x1279.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Subversive-Affirmation-Diaphanes.jpg 938w" sizes="(max-width: 188px) 100vw, 188px" /></a><p id="caption-attachment-7924" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch und die Autorin erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Interessant ist aus meiner Sicht, </em><a href="https://www.augsburger-allgemeine.de/politik/so-stellt-sich-demokrat-gavin-newsom-gegen-donald-trump-112574681"><em>wie der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom damit umgeht</em></a><em>, indem er etwas macht, das ich in „Subversive Affirmation“ beschrieben habe. Er kopiert AI-Bilder, die Trump von sich selbst macht. Newsom als King, Newsom mit Supermankörper und amerikanischer Flagge, Newsom im Dschungel halb nackt mit US-Flaggenunterhose über Melania im weißen Kleid, Newsom mit Engel Hulk Hogan, Kid Rock und Tucker Carlson, die ihre Hände auf seine Schultern legen und ihn segnen&#8230;. Und Newsom sieht ja auch noch richtig gut aus&#8230;. Newsom verwendet die Maga-Ästhetik, macht sie lächerlich und ruiniert sein Anliegen, besonders gut und männlich auszusehen, weil er, als Newsom, natürlich viel besser aussieht. Ich finde es bemerkenswert, dass Newsom dieses Verfahren, das Künstler:innen und Aktivist:innen seit den 1960er Jahren verwenden, nun in den politischen Diskurs einführt. Ich bin gespannt, wie sich das weiterentwickelt.     </em></p>
<h3><strong>Die Welt verkehrtherum erzählt</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ihre beiden Bücher „Verkehrungen ins Gegenteil“ und „Subversive Affirmation“ sind wissenschaftlich fundiert, aber zugleich politische Statements. Sie bieten Details und konkrete Beispiele, präsentieren diese aber immer so, dass Ihre Leser:innen die Strukturen erkennen.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Beide Bücher</em> <em>hängen eng miteinander zusammen, eigentlich sollten die Verkehrungen das letzte Kapitel im Buch über „Subversive Affirmation“ werden, aber dann habe ich zwei Bücher draus gemacht, um den Unterschied zu markieren. In „Subversive Affirmation“ beschäftige ich mit künstlerischen Strategien, die durch Affirmation oder Imitation dasjenige, was sie wiederholen, kritisieren wollen. In dem anderen Buch, den Verkehrungen, geht es mir darum, zu zeigen, dass diese Imitation auch gänzlich unkritisch, mit täuschender Absicht, als Masterplot von Desinformation erfolgen kann. Ich habe diese beiden Bücher in Form eines wissenschaftlichen Essays geschrieben. Die Verkehrungen habe ich anlässlich des russischen Angriffskriegs geschrieben, aber es ging mir darum zu zeigen, dass wir es mit einem globalen Verfahren zu haben. Ich halte die „Verkehrungen ins Gegenteil“ für das zurzeit typische Verfahren, mit dem populistische Politiker:innen und Autokraten versuchen, uns die Welt zu erzählen. Und zwar umgekehrt zu erzählen. </em></p>
<p><em>Diese „Verkehrungen ins Gegenteil“ funktionieren immer nach dem gleichen Muster: Ich projiziere auf meinen politischen Gegner, was ich selber tue, und eigne mir gleichzeitig dessen Vokabular an, mit dem ich dann meine eigenen Handlungen beschreibe. Dabei entsteht ein performativer Widerspruch, in dem mein eigenes Tun nicht mit dem übereinstimmt, was ich sage. Wenn sich aber Menschen nur auf die Aussagen von Politikern konzentrieren, auf die Ebene der Erzählungen, dann bekommen sie nicht das ganze Bild und identifizieren sich mit den Aussagen, obwohl die gleichen Politiker genau das Gegenteil tun. Wenn zum Beispiel Trump sagt, er stelle die Meinungsfreiheit wieder her, sagen viele: „Super!“ Sehen aber nicht, dass er gerade die Zensur anzieht. Oder wenn Vance in Europa warnt, dort wäre die Meinungsfreiheit in Gefahr, sagen viele: „Ja, darauf müssen wir wirklich achten!“ Sie fragen nicht, was derjenige tut, der diese Aussage macht.</em></p>
<p><em>Im Namen von Meinungsfreiheit zu sprechen, heißt aber nicht, auch Meinungsfreiheit zuzulassen. Auch Putin ist in seinen öffentlichen Aussagen für Meinungsfreiheit, die er, wie Vance, nicht bei sich, sondern in Europa gefährdet sieht. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie zitieren häufig George Orwell und seine Beschreibung der Phänomene „Doublethink“ und „Newspeak“. Interessant ist auch, dass die Gesellschaft, die Orwell in „1984“ beschreibt, in Ost und West ganz unterschiedlich zugeordnet wurde. Im Westen war es der Kommunismus sowjetischer Prägung, im Osten war es der angloamerikanische Kapitalismus. Es fällt vielen Leser:innen wohl schwer zu verstehen, dass Orwell eine Struktur beschrieb, die ganz unabhängig von den Inhalten der jeweiligen Ideologien funktioniert.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>:<em> Die heutige russische Auslandspropaganda ist geradezu besessen von Orwell. Da wird erzählt, es gäbe in Deutschland ein Wahrheitsministerium mit grünen Politiker:innen. Robert Habeck verkörperte in gewissem Maße das „Wahrheitsministerium“ schlechthin. Diejenigen, die sich russlandkritisch äußern, werden im Vokabular von Orwell beschrieben.</em> <em>Das sehen Sie aber zurzeit auch in den USA. Fox News bezeichnet alles, was von Biden oder den Demokraten kam, mit den Begriffen von Orwell. Orwell ging es um die Funktionsweise autokratischer Systeme, aber auch konkret um eine Kritik der Sowjetdiktatur. </em></p>
<p><em>Aber auch die Verkehrung, die Orwell beschreibt, wird in der aktuellen russischen Propaganda umgekehrt. Maria Sacharowa, die Sprecherin des Außenministeriums, wurde auf einer journalistischen Konferenz in Jekaterinenburg gefragt – ich paraphrasiere – es gebe Leute in Europa, die sagen, bei euch in Russland ist ja wieder „1984“ ausgebrochen. Sie antwortete, ja, das wäre natürlich eine große globale Lüge, denn Orwell habe nie Russland beziehungsweise die Sowjetunion beschrieben, sondern den westlichen Liberalismus. Es ist die Strategie der russischen Propaganda, Demokratien immer mit den Merkmalen von Autokratien oder totalitären Systemen zu beschreiben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eben dies hat der US-amerikanische Vizepräsident in seiner Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz getan.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Ja, das ist eine globale Strategie von denjenigen, die selbst Autokraten sein wollen oder es schon sind. Das finden wir auch in der Schweiz, die Schweizer SVP beschreibt die EU immer als Diktatur, und Orbán oder Vučić betrachten Vertreter aus derselben Partei als Pfeiler der Souveränität, Kritik an Zensur und Korruption kommt keine.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die wahre Diktatur will dann die Antifa errichten, was auch immer das für eine Organisation sein soll.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Oder die internationale feministische Bewegung&#8230; In Russland wurde diese sogar als terroristische Organisation eingestuft. Das ist überhaupt das Prinzip. In Russland werden Kritiker:innen des Systems wahlweise als „ausländische Agenten“, „Extremisten“ oder „Terroristen“ markiert. Die beiden Künstlerinnen, die für sechs Jahre ins Gefängnis gesteckt wurden, weil sie ein anti-terroristisches Stück geschrieben hatten, stehen auf der „Terrorliste“, während auf der anderen Seite die Taliban im letzten Jahr in Russland von der „Terrorliste“ genommen wurden. Eine weitere Beschuldigung ist: „Faschisten“. Das hat auch schon Stalin gemacht, seine politischen Gegner im Inland hat er ebenfalls als Faschisten bezeichnet. Nikolaj Bucharin, der 1937 in den Schauprozessen unter Stalin zum Tode verurteilt worden ist, wurde nicht nur als „Volksverräter“, sondern auch als „Faschist“ bezeichnet. Besonders beliebt war der Vorwurf gegenüber ukrainischen und belarusischen Oppositionellen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: <em>„Faschismus“</em> ist so etwas wie der ultimative Vorwurf, der sich allein daraus legitimiert, dass man ja schon im <em>„Großen Vaterländischen Krieg“</em> gegen die <em>„Faschisten“</em> gekämpft hat. Und da man heute in der Ukraine gegen den – so heißt es ja immer wieder – <em>„kollektiven Westen“</em> kämpft, können das alles natürlich nur <em>„Faschisten“</em> sein. In den Prozessen der 1930er Jahre haben die Angeklagten auch noch alle gestanden, dass sie <em>„Faschisten“</em> wären. Wie dies psychologisch funktioniert, ist nur sehr schwer erklärbar, zeigt aber, dass selbst die Gegner der offiziellen Politik offenbar einsehen, dass ihre Ankläger recht haben.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Die Geständnisse während der Schauprozesse wurden erzwungen, aber gerade Bucharin hat in seinem Schlusswort verdeutlicht, dass er einfach alles gesteht, was man verlange. Damit hat er das Verfahren auch gleich lächerlich gemacht. Im Faschismuvorwurf zeigt sich meines Erachtens auch ein Unterschied zwischen dem Trump- und dem Putinregime. Denn während das Putinregime konsequent die Verkehrung ins Gegenteil anwendet, indem sie ihren imperialen Krieg als Bekämpfung des Faschismus (auch des Faschismus in Europa) uminterpretiert, und sich selbst als antifaschistisch inszeniert, hat Trump, der schon lange Zeit vom Far Left Fascism redete, nun damit begonnen, den Antifaschismus zu kriminalisieren. Aufbauend auf der Antifa-Verordnung, die bereits ein breites Spektrum politischer Äußerungen ins Visier nimmt, weist die NSPM-7, das NATIONAL SECURITY PRESIDENTIAL MEMORANDUM-7, die Bundesbehörden an, Ermittlungen gegen eine Reihe von Identitäten und Ideologien zu priorisieren, die sie unter den Begriff „selbsternannter Antifaschismus“ „the umbrella of self-described ‘anti-fascism’” subsumiert. Dazu gehören „Antiamerikanismus, Antikapitalismus und Antichristentum, die Unterstützung des Sturzes der Regierung der Vereinigten Staaten, Extremismus in Bezug auf Migration, Rasse und Geschlecht sowie Feindseligkeit gegenüber Menschen, die traditionelle amerikanische Ansichten zu Familie, Religion und Moral vertreten“.</em></p>
<p><em>Selbst hat Trump kein Problem damit, als Faschist bezeichnet zu werden, weil er dies nur als linken Hate Speech wertet, wie vor einiger Zeit im Oval Office im Gespräch mit dem neuen Bürgermeister Zohran Mamdani vorgeführt.   </em></p>
<p><em>Das Ziel dieser Umkehrungen ist, die Verwendung des Begriffs „Faschismus“ unbrauchbar zu machen, die Bedeutung zu entleeren, umzukehren oder als Hate Speech aufzuladen und als Instrument des Terrors einzusetzen. Denn in den besetzten Gebieten der Ukraine, ich habe das in meinem Buch beschrieben, wird der Faschismusvorwurf als doppelte Demütigung verwendet, nicht nur, weil es sich bei der Aussage um eine Lüge handelt, sondern weil diese Aussage als Sprechakt einer permanenten Terrorisierung verwendet wird, als reines Machtinstrument: Terror, Vergewaltigung, Folter wird durch den Faschismusvorwurf gerechtfertigt. Für die Russ:innen hingegen soll der Sprechakt als Rechtfertigung für Krieg und Gewalt dienen, als emotionale Entlastung, die dem Widerstand gegen das eigene, mit faschistischen Argumenten operierende Regime vorbeugt.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im März 2026, Internetzugriffe zuletzt am 17. März 2026, Titelbild: Firouzeh Görgen-Ossouli, aus der Serie The Space I&#8217;m In.)</p>
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		<title>Was fehlt dem polnischen Denkmal in Berlin?</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/was-fehlt-dem-polnischen-denkmal-in-berlin/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 29 Oct 2025 07:17:48 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Was fehlt dem polnischen Denkmal in Berlin? „Den Opfern von Krieg, Besatzung und Rassenwahn 1939 – 1945“ Lange wurde darüber diskutiert, war es umstritten, nun aber ist es da: am 16. Juni 2025 wurde das polnische Denkmal enthüllt! Es gedenkt der polnischen Opfer in der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Und sogleich wird es schlecht  [...]</p>
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<h1><strong>Was fehlt dem polnischen Denkmal in Berlin?</strong></h1>
<h2><strong>„Den Opfern von Krieg, Besatzung und Rassenwahn 1939 – 1945“</strong></h2>
<p>Lange wurde darüber diskutiert, war es umstritten, nun aber ist es da: am 16. Juni 2025 wurde das polnische Denkmal enthüllt! Es gedenkt der polnischen Opfer in der Zeit des Zweiten Weltkrieges.</p>
<p>Und sogleich wird es schlecht gemacht. Es soll nur vorläufig sein, Platzhalter für etwas anderes, das eigentliche Denkmal, eingebettet in das „Deutsch-Polnische Haus“.</p>
<p>Dabei ist dieses Denkmal würdig und gut gestaltet – ein riesiger Stein, zentral und historisch gut ausgesucht, am Ort der ehemaligen Kroll-Oper, wo Hitler am 1. September 1939 den Krieg mit Polen verkündete. Ganz im Zentrum Berlins, in der Nähe des Kanzleramtes.</p>
<p>Weshalb soll es ein neues Denkmal geben? Weshalb soll das gerade aufgestellte temporär sein? Was fehlt ihm? Was steht dahinter? Soll das andere, neue, monumentaler sein? Gar in den Wettbewerb eintreten mit dem Holocaust-Denkmal? Das wäre in meinen Augen widersinnig und würde dem Anliegen des beabsichtigten Gedenkens nicht gerecht. Verstehen würde ich, wenn es den Wunsch gäbe, den – wie ich finde, sehr geeigneten – Stein um ein Kunstwerk zu ergänzen. Aber nicht, dies Denkmal durch ein neues zu ersetzen!</p>
<div id="attachment_7566" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7566" class="wp-image-7566 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7566" class="wp-caption-text">Die aktuelle Gedenktafel. Foto: NoRei.</p></div>
<p>Wenig zufriedenstellend dagegen ist in meinen Augen die Gedenkformel. Sie lautet: <em>„Den polnischen Opfern des Nationalsozialismus und den Opfern der deutschen Gewaltherrschaft in Polen 1939-1945“</em>. Doch wer ist gemeint? Es müssten doch alle Opfer der Zweiten Republik Polen sein, die nach dem Hitler-Stalin-Pakt am 1. September 1939 von Hitlerdeutschland überfallen wurde, und kurz danach, am 17. September, von Stalins Sowjetunion, die 52 % des polnischen Staatsgebiets besetzte. Es war gewissermaßen die vierte Teilung Polens. Im sowjetisch besetzten Gebiet lebten damals 13 Millionen polnische Staatsbürger, doch setzte sie sich folgendermaßen zusammen: fünf Millionen waren Ukrainer, drei Millionen Belarusen, zwei Millionen Juden und knapp drei Millionen waren ethnische Polen. Auch viele Deutsche lebten dort. Ab Juni 1941 kamen auch diese unter deutsche Besatzung. Wäre es nicht wichtig, dass die Gedenkformel sicht- und wahrnehmbar auch die Opfer dieser Minderheiten mit ihrer ethnischen Identität einbezieht – und dies auch in ihren eigenen Sprachen? Die Gedenkformel sollte deshalb dort außer Polnisch und Deutsch auch in Jiddisch, Ukrainisch, Belarussisch und Litauisch dort stehen.</p>
<p>Mein Vorschlag für diesen Text: <em>„Den Opfern von Krieg, Besatzung und Rassenwahn 1939 – 1945“</em>.</p>
<p>Es ist nun geplant, im Zentrum Berlins ein „Deutsch-Polnisches Haus“ zu schaffen. Hier soll an die polnischen Opfer durch Krieg und Besatzung erinnert werden, aber auch an die lange durchaus auch friedliche Beziehungsgeschichte zwischen Polen und Deutschen. Ausgangspunkt für diesen Plan ist die <a href="https://dserver.bundestag.de/btd/19/237/1923708.pdf">Bundestagsresolution vom 30. Oktober 2020</a> (Drucksache 19/23708), die für einen polnischen Lernort in Berlin mit einem polnischen Denkmal eintritt. Sie war die Initiative einiger einflussreicher Abgeordneter, nachdem der Bundestag drei Wochen vorher schon ein <a href="https://www.stiftung-denkmal.de/wp-content/uploads/2020_10_09_Beschlossen_1923126.pdf">Dokumentationszentrum zum Gedenken an die deutsche Besatzung in Europa und den Vernichtungskrieg im Osten</a> (Drucksache 19/23126) beschlossen hatte. Auch in diesem spielte Polen eine wichtige Rolle, aber eingebettet in die größere Dimension des umfassenderen Vernichtungskrieges im Osten…</p>
<p>Leider wurde es in der folgenden Legislaturperiode versäumt, beide Projekte zusammenzuführen und so wurden sie getrennt voneinander verfolgt, gewissermaßen im Wettbewerb miteinander, beide seit 2021 betreut von der beziehungsweise dem Bundeskulturbeauftragten. Wegen der außenpolitischen Bedeutung Polens trat das bilaterale Projekt mehr und mehr in den Vordergrund. Gleichzeitig gibt es aber in Polen deutlich weniger Interesse am „Deutsch-Polnischen Haus“ als am Denkmal.</p>
<p>Dieser bis heute im Vordergrund stehende bilaterale Ansatz birgt jedoch große Risiken und Widersprüche.</p>
<p>Das gilt einmal grundsätzlich:</p>
<p>Wichtiger Hintergrund beider Projekte war, dass sich in Deutschland die Erinnerung an den Nationalsozialismus immer mehr auf das Gedenken an den Holocaust beschränkte. So sollten endlich auch andere Dimensionen der NS-Verbrechen in die Erinnerung und in das Gedenken einbezogen werden. Das gilt für die Millionen Opfer des von Beginn an so geplanten Dokumentationszentrum zum Vernichtungskrieg und der mörderischen Besatzung in Polen, Belarus, der Ukraine und Russland, aber eben auch in Jugoslawien, besonders im heutigen Serbien. Die Initiatoren des bilateralen Projektes mit Polen argumentierten mit der besonderen Nachbarschaft und der längsten Besatzungszeit, eben vom September 1939 bis 1945.</p>
<p>Doch ist das historisch überzeugend?</p>
<p>Bezeichnend war, dass in den Gedenkreden am 1. September 2025 der Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 gar nicht erwähnt wurde. In Deutschland hat die Erinnerung an diese komplexe historische Verflechtung nazistischer und der Verbrechen der Sowjetunion keine Tradition &#8211; und vielfach weiß man auch wenig davon. Durch diesen Pakt und seine bis in die Gegenwart reichenden Folgen ist die Geschichte Polens, Finnlands, der baltischen Staaten, Moldaus und Rumäniens, aber eben auch der heute zu Belarus und der Ukraine gehörenden Territorien eng miteinander verbunden. Hier ein bilaterales deutsch-polnisches Haus zu planen, ist ein gewagtes Unterfangen (wären dort etwa die Verbrechen an den Ukrainern in Lemberg einbezogen – die in Kyjiw aber nicht…).</p>
<p>Dazu kommt die Darstellung der Verbrechen Stalins: Trägt nicht Deutschland durch diesen Pakt auch eine gewisse Mitverantwortung an den Verbrechen Stalins im von der Roten Armee besetzten östlichen Polen der Zweiten Republik seit 1939 (Gebiete, die die Sowjetunion nach 1945 behalten hat)? Dazu gehört der vieltausendfache Mord der polnischen Offiziere 1940, am bekanntesten die Massaker von Katyn?</p>
<p>Schwierige Fragen über Fragen…</p>
<p>Dazu kommt, dass ein bilaterales Projekt vermutlich auch ein Projekt beider Staaten wäre, wenn auch von Deutschland finanziert und in Berlin platziert. Doch ist das realistisch? Ich befürchte, das wird scheitern. Wer glaubt, dass sich ein offizielles deutsch-polnisches Team bilden lässt, das über die nächsten Jahre im Konsens ein Konzept erarbeitet, das dann auch umgesetzt wird, ist in meinen Augen ziemlich optimistisch oder gar fahrlässig blauäugig. Es gibt zwar das gute <a href="https://research.gei.de/de/projects/das-gemeinsame-deutsch-polnische-geschichtsbuch/">Beispiel des deutsch-polnischen Geschichtsbuches</a>, das in vier Bänden nach langen Jahren gemeinsamer Arbeit vorliegt und vielfach gerühmt wird. Doch war es von der PIS-Regierung in Polen jahrelang nicht zum Gebrauch zugelassen – und in Deutschland ebenfalls in Bayern nicht!</p>
<p>Ist es da nicht sinnvoller, das in der anderen Bundestagsresolution vom 9. Oktober 2020 beschlossene Projekt eines Dokumentationszentrums zum Vernichtungskrieg und zur deutschen Besatzung in Europa entschlossen in Angriff zu nehmen und hier – wie ursprünglich sowieso beabsichtigt – Polen einen angemessenen Platz zu geben? Es wäre ein deutsches Projekt, ein Lernort, der auch zuerst die deutsche Bevölkerung im Blick hat, da in Deutschland kaum jemand von dieser Geschichte des Nationalsozialismus weiß. Natürlich würden auch hier Fachleute aus den betroffenen östlichen Ländern zur Mitarbeit eingeladen werden, wobei die russischen oder belarusischen heute wohl im Exil leben.</p>
<p>Dies Dokumentationszentrum könnte dem polnischen Denkmal gegenüber gebaut werden, auf der anderen Straßenseite Richtung Reichstag – es würde nur die Rasenfläche ein Stück weit verringern. Hier fänden die Besucher des polnischen Denkmals die historischen Hintergründe und Zusammenhänge, die dies Denkmal begründen.</p>
<p>Gleichzeitig ist dieser Standort offen dafür, auch noch das tragische Schicksal anderer Völker mit einem eigenen Denkmal in den Blick zu nehmen. Angesichts des heutigen Krieges in der Ukraine und der ebenfalls in Millionen zählenden NS-Opfer in diesem Land – man geht von ca. acht Millionen aus – wäre hier demnächst an ein weiteres Denkmal für die ukrainischen Opfer zu denken. Mit Recht hat der ukrainische Botschafter schon mehrfach diesen Vorschlag gemacht.</p>
<p><strong>Markus Meckel</strong>, Berlin</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Oktober 2025, Internetzugriffe zuletzt am 27. Oktober 2025, Das Titelbild zeigt die am 16. Juni 2025 eingeweihte Gedenkstätte mit Stein und Tafel in der Heinrich-von-Gagern-Straße, an der Stelle der ehemaligen Kroll-Oper, in der Hitler am 1. September 1939 den Angriff auf Polen verkündete. In der Kroll-Oper tagte nach dem Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 der Reichstag. Foto: ReLo.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Kunst mit dem Körper</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/kunst-mit-dem-koerper/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 21 Aug 2025 12:51:12 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Kunst mit dem Körper Die Künstlerin und Kunstmanagerin Regina Hellwig-Schmid über Heldinnen „Wenn die russische Autorin Maria Stepanova darauf hinweist, dass Widerstand gegen den Krieg, den Russland in der Ukraine führt, nun bedeuten müsse, ‚sich von der Diktatur einer fremden Fantasie zu befreien‘, dann spielt sie darauf an, dass man aus dem putinschen Gaslighting  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-3 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-2 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-3" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Kunst mit dem Körper</strong></h1>
<h2><strong>Die Künstlerin und Kunstmanagerin Regina Hellwig-Schmid über Heldinnen</strong></h2>
<p><em>„Wenn die russische Autorin Maria Stepanova darauf hinweist, dass Widerstand gegen den Krieg, den Russland in der Ukraine führt, nun bedeuten müsse, ‚sich von der Diktatur einer fremden Fantasie zu befreien‘, dann spielt sie darauf an, dass man aus dem putinschen Gaslighting herauskommen müsse. Wie wir wissen, zwingt Putins Regime den russischen Bürger:innen nicht irgendeine Fantasie auf, sondern jene von einer verkehrten Welt, in der der Westen Russland hasse und erniedrige, in der Russland die Ukraine und Europa vom Faschismus befreien müsse.“ </em>(Sylvia Sasse, <a href="https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/verkehrung-ins-gegenteil.html?lid=2">Verkehrungen ins Gegenteil – Über Subversion als Machttechnik</a>, Berlin, Matthes &amp; Seitz, 2023)</p>
<p>Der zitierte Essay der Zürcher Slavistin <a href="https://www.slav.uzh.ch/de/seminar/mitarbeitende/litwiss/sylviasasse.html">Sylvia Sasse</a> dekonstruiert Strategien illiberaler, autoritärer und totalitärer Herrschaft. Das putinsche Russland ist nur ein Beispiel. Künstler:innen haben zwar nicht die Macht, aber die Fähigkeit, die totalitären <em>„Fantasien“</em>, von denen Sylvia Sasse mit <a href="https://www.woz.ch/2211/essay/der-untergang-des-denkbaren">Maria Stepanova</a> spricht, zu stören, zu dekonstruieren und einer liberalen, demokratischen, offenen und gerechten <em>„Fantasie“</em> Aufmerksamkeit zu verschaffen. Manche Künstler:innen werden mit ihrem Engagement selbst zu Held:innen, manche dokumentieren Held:innen.</p>
<div id="attachment_7406" style="width: 163px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7406" class="wp-image-7406 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Faltblatt_Heldinnen-153x300.jpg" alt="" width="153" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Faltblatt_Heldinnen-153x300.jpg 153w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Faltblatt_Heldinnen-200x391.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Faltblatt_Heldinnen-400x783.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Faltblatt_Heldinnen-523x1024.jpg 523w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Faltblatt_Heldinnen-600x1174.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Faltblatt_Heldinnen-768x1503.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Faltblatt_Heldinnen-785x1536.jpg 785w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Faltblatt_Heldinnen-800x1566.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Faltblatt_Heldinnen-1046x2048.jpg 1046w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Faltblatt_Heldinnen.jpg 1080w" sizes="(max-width: 153px) 100vw, 153px" /><p id="caption-attachment-7406" class="wp-caption-text">Plakat und Cover des Faltblatts der Ausstellung &#8222;Heldinnen / Sheroes&#8220; © Frauenmuseum Bonn.</p></div>
<p>„Heldinnen / Sheroes“ – das ist der Titel einer für das <a href="https://frauenmuseum.de/museum/ausstellungen/ueberblick/">Bonner Frauenmuseum</a> im Jahr 2025 von Marianne Pitzen und Regina Hellwig-Schmid kuratierten Ausstellung. Über 50 Künstlerinnen zeigen ihre Sicht auf Hunderte Frauen, die sich für die Demokratie, für die Freiheit, für Gerechtigkeit engagierten, dabei oft ihr Leben und ihre eigene Freiheit riskierten, 1848, im Kaiserreich, in der NS-Diktatur, in Russland, in Lateinamerika, in afrikanischen und in asiatischen Ländern. Unter ihnen sind Trägerinnen des Friedensnobelpreises wie <a href="https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/bertha-von-suttner/#biografie">Bertha von Suttner</a> und <a href="https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/presse/-/malala-friedensnobelpreis/276858">Malala Yousafzai</a> beziehungsweise des Alternativen Nobelpreises wie die Gründerin von <a href="https://medicamondiale.org/">medica mondiale</a> <a href="https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/monika-hauser/#biografie">Monika Hauser</a>. Unter den Künstlerinnen sind <a href="https://www.albertina.at/albertina-modern/ausstellungen/marina-abramovic/">Marina Abramović</a>, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/nichts-ist-fuer-mich-wie-es-scheint/">Firouzeh Görgen-Ossouli</a>, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-magie-von-licht-und-schatten/">Nicole Günther</a>, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/malintzin-uebersetzerin-kriegerin-politikerin/">Sandra del Pilar</a>, <a href="https://pussyriot.love/">Pussy Riot</a>, <a href="https://www.yasemin-yilmaz.de/">Yasemin Yilmaz, Zsuzsi</a> sowie viele weitere Künstlerinnen.</p>
<p>Die Regensburger Künstlerin <a href="http://regina-hellwig-schmid.de/">Regina Hellwig-Schmid</a> ist Gründerin und künstlerische Leiterin der <a href="https://www.donumenta.de/">donumenta</a>. Regensburg ist ihr Lebensmittelpunkt, ihr Atelier liegt direkt neben der Steinernen Brücke. Jede Woche fährt sie nach München, denn sie ist Präsidentin des <a href="https://www.kuenstlerverbund-hausderkunst.de/">Künstlerverbundes im Haus der Kunst München e.V.</a>, ein alteingesessener Verein, der sich bereits 1931 gegründet hatte. Im Jahr 1948 übernahm der Verein das Haus der Kunst von den Amerikanern. Es gibt dort ein vollständiges Archiv der Ausstellungen seit dieser Zeit, auch Film- und Fotodokumente aller Ausstellungen, die man somit alle digital nachstellen könnte, es gibt eine vollständige Sammlung der Klischees aller Ausstellungkataloge. Am 23. Juli 2025 wurde das Archiv an das Hauptstaatsarchiv übergeben und ist jetzt endlich der Öffentlichkeit und nicht zuletzt der Forschung zugänglich. Regina Hellwig-Schmid ist <a href="https://www.regensburger-tagebuch.de/2024/11/bericht-von-der-regensburger.html">Kulturpreisträgerin der Stadt Regensburg 2024</a> und Trägerin des <a href="https://netzwerk-ebd.de/projekte/preis-frauen-europas/">Preises „Frau Europas“ der EBD</a> (Europäische Bewegung Deutschland).</p>
<h3><strong>Kunstraum Osteuropa</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich möchte Sie als eine der führenden Expert:innen für Künstler:innen aus Ost- und aus Südosteuropa vorstellen.</p>
<div id="attachment_7407" style="width: 250px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7407" class="wp-image-7407 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Regina-Hellwig-Schmid-2025-Foto-privat-240x300.jpg" alt="" width="240" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Regina-Hellwig-Schmid-2025-Foto-privat-200x250.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Regina-Hellwig-Schmid-2025-Foto-privat-240x300.jpg 240w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Regina-Hellwig-Schmid-2025-Foto-privat-400x500.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Regina-Hellwig-Schmid-2025-Foto-privat-600x750.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Regina-Hellwig-Schmid-2025-Foto-privat-768x960.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Regina-Hellwig-Schmid-2025-Foto-privat-800x1000.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Regina-Hellwig-Schmid-2025-Foto-privat-819x1024.jpg 819w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Regina-Hellwig-Schmid-2025-Foto-privat-1200x1500.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Regina-Hellwig-Schmid-2025-Foto-privat-1229x1536.jpg 1229w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Regina-Hellwig-Schmid-2025-Foto-privat-1638x2048.jpg 1638w" sizes="(max-width: 240px) 100vw, 240px" /><p id="caption-attachment-7407" class="wp-caption-text">Regina Hellwig-Schmid © Stefan Baumgarth.</p></div>
<p><strong>Regina Hellwig-Schmid</strong>: <em>Ich arbeite seit etwa 1996 kontinuierlich im Donauraum. Dadurch habe ich viele Künstler:innen kennengelernt. Über die Zeit sind sie so stark in meinem Fokus verankert, dass ich manchmal schon die Sorge hatte im Westen nicht mehr so viel mitzubekommen. Diese Sorge habe ich heute nicht mehr. Ich habe mich aber in den letzten Jahren sehr oft in dem Kulturraum Donau mit seinen 14 Ländern aufgehalten, den ich nach wie vor als einen der spannendsten Kulturräume unserer Zeit empfinde und mit sehr vielen Künstler:innen aus dieser Region zusammengearbeitet.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Im Grunde sind das in etwa die Regionen des alten Kakaniens, bis hin zum Dnjestr, zum Dnjepr und noch weiter nach Osten, die Nordküste des Schwarzen Meeres, darunter auch ehemals osmanisch oder russisch beherrschte Gebiete. Bis hin nach Belarus, Armenien, Aserbeidschan. Vielleicht darf ich auf meine <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/vom-ueberleben-der-belarusischen-kulturszene/">Gespräche mit Iryna Herasimovich</a> verweisen, die in Zürich lebt, dort bei Sylvia Sasse promoviert und unter anderen das Projekt <a href="https://33booksforanotherbelarus.ch/de">„33 Bücher für ein anderes Belarus“</a> kuratiert.</p>
<p><strong>Regina Hellwig-Schmid</strong>: <em>Republik Moldawien, Ukraine, der gesamte Balkan. Seit Mitte der 1990er Jahre hat sich dort sehr sehr viel entwickelt und verändert, nicht alles zum Guten. 1996, als ich zum ersten Mal in Serbien war, war dort Krieg. Es war eine schreckliche und schwierige Zeit, die sich aber zu konsolidieren begann. Es gab einen Friedensschluss, das Dayton-Abkommen 1995. Damit war es möglich, in diesen Ländern überhaupt wieder zu reisen, mit all den Einschränkungen. Milošević wurde im Jahr 2000 abgesetzt und ein Jahr später nach Den Haag ausgeliefert.</em></p>
<p><em>Wir konzentrieren uns aber nicht auf die Politik, sondern auf die Kultur. Auch während des Krieges habe ich mich immer wieder mit den Künstler:innen getroffen, sie besucht, sie versorgt, mit für sie notwendigen Medikamenten zum Beispiel. Zunächst war ich vor allem im zerbrechenden Jugoslawien unterwegs. Danach bin ich auch nach Rumänien und in alle Donauländer bis in die Ukraine gereist. </em></p>
<p><em>Die Balkankriege, jetzt der Krieg in der Ukraine, prägen den Alltag der Menschen, den Alltag der Künstler:innen, die mit ihren Werken dezidiert zu den politischen Themen Stellung nehmen, wenn sie denn zu diesen Themen arbeiten. Ihre Werke sind meistens auch mit einer Botschaft verbunden, die uns etwas vermitteln wollen.</em></p>
<p><em>Als ich um etwa das Jahr 2000 unterwegs war, waren alle sehr begeistert von der Idee, möglichst bald zur Europäischen Union zu gehören. Zum Beispiel Rumänien. Das war für sie alle damals noch ein weites unerreichbares Ziel, der größte Traum, der dann im Jahr 2007 in Erfüllung gehen sollte. Es ist jedoch nicht nur so, dass man meinen könnte, es gäbe heute eine allgemeine Glückseligkeit. Dieses Gefühl hat sich verändert. Es gibt viel Rückwärtsgewandtheit. Einer der Gründe sind Herausforderungen, die man nicht so hatte, voraussehen und planen können.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zu den heutigen Herausforderungen gehören Positionierungen wie die der slowakischen Kulturministerin, die eine Art slowakischer Volkskultur fördern und alles andere mehr oder weniger zerstören will, auch wenn es eine solche slowakische Volkskultur wahrscheinlich nie gegeben hat. Ähnlich agieren inzwischen in fast allen EU-Staaten rechtspopulistische und rechtsextremistische Akteure. In diesen Rahmen gehört nicht zuletzt das Vorgehen verschiedener Staaten und Parteien gegen die LSBTTI*-Bewegung, allen voran in Ungarn.</p>
<p><strong>Regina Hellwig-Schmid</strong>: <em>Auch in Serbien. Es ist unvorstellbar. Homophob bis zum geht nicht mehr! All diese Entwicklungen erschrecken mich sehr. Ich hatte gerade in Regensburg einen Künstler aus Sarajewo, Bosnien-Herzegowina zu Gast, </em><a href="https://urban-nation.com/de/artist/bojan-stojcic/"><em>Bojan Stojčić</em></a><em>. Er sagte bei der Eröffnung der Ausstellung zu seinem Werk, dass in den letzten zehn Jahren eine Million Menschen aus Bosnien-Herzegowina ausgewandert sind. Das ist ein unglaublicher Brain-Drain, ein unglaublicher Verlust von Menschen in diesem Kulturraum. Dies bringt die Leute, nicht nur die, die geblieben sind, zur Verzweiflung. Die, die bleiben, das sind die, die nicht wegkönnen, weil sie das Geld nicht haben oder weil sie jemanden in der Familie versorgen oder pflegen müssen. Als Künstler:in hat man den Traum, dass man international erfolgreich werden möchte. Man möchte als Künstler:in gesehen werden, Karriere machen. Die wenigen Institutionen, die es in diesen Ländern gibt, haben kein Geld.</em></p>
<h3><strong>Der Kunstraum Osteuropa im Westen</strong></h3>
<div id="attachment_7401" style="width: 372px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7401" class="wp-image-7401 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Sejla-Kameric_Bosnian-Girl_Foto-Patrizia-Schmid-Fellerer-e1755780603378-277x300.jpeg" alt="" width="362" height="392" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Sejla-Kameric_Bosnian-Girl_Foto-Patrizia-Schmid-Fellerer-e1755780603378-200x216.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Sejla-Kameric_Bosnian-Girl_Foto-Patrizia-Schmid-Fellerer-e1755780603378-277x300.jpeg 277w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Sejla-Kameric_Bosnian-Girl_Foto-Patrizia-Schmid-Fellerer-e1755780603378-400x432.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Sejla-Kameric_Bosnian-Girl_Foto-Patrizia-Schmid-Fellerer-e1755780603378-600x649.jpeg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Sejla-Kameric_Bosnian-Girl_Foto-Patrizia-Schmid-Fellerer-e1755780603378-768x830.jpeg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Sejla-Kameric_Bosnian-Girl_Foto-Patrizia-Schmid-Fellerer-e1755780603378-800x865.jpeg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Sejla-Kameric_Bosnian-Girl_Foto-Patrizia-Schmid-Fellerer-e1755780603378.jpeg 874w" sizes="(max-width: 362px) 100vw, 362px" /><p id="caption-attachment-7401" class="wp-caption-text">Selja Kameric, Bosnian Girl. Foto: Patrizia Schmid-Fellerer.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Oder sie werden bei einer entsprechenden Regierungsübernahme wie in Ungarn oder in der Slowakei finanziell ruiniert, Ausstellungsmöglichkeiten werden zerstört, Museen und Galerien auf Kurs gebracht. Aber wo möchten die Künstler:innen hin, wenn sie ein anderes Land suchen? So gastfreundlich sind viele EU-Staaten und die USA ja nun auch nicht.</p>
<p><strong>Regina Hellwig-Schmid</strong>: <em>Die EU-Länder, die USA und Kanada sind nach wie vor Traumziele, nicht zuletzt Berlin.</em> <em>Ganz einfach, weil dort am meisten geschieht, weil Künstler:innen sich dort am ehesten vorstellen können, Erfolg zu haben, weil viele Kolleg:innen dort schon Erfolg oder zumindest große Freiheit hatten. Das ist schon ein Grund für den Wunsch, dort zu leben. Manche hatten vielleicht schon eine Einladung als Artist in Residence, haben ein Stipendium, und versuchen, dies zu verlängern, indem sie sich bei einem Kollegen einmieten. Aber sie scheitern oft trotzdem, selbst wenn sie in Berlin leben. Das bedeutet, dass sie dort von dem, was sie künstlerisch machen, nicht leben können. Wenn es nicht klappt, sind sie oft auch wieder schnell zurück in den Ländern, aus denen sie mit so viel Hoffnung aufgebrochen waren.</em></p>
<p><em>Etwa ein Drittel der Künstler:innen ist gegangen. Man muss wissen, sie gehen dorthin, wo schon jemand ist, wo es schon eine Diaspora gibt. Aus der Ukraine gehen sie zum Beispiel vorzugsweise nach Kanada. Dort gibt es eine große Community, die sie auffängt, aber irgendwann auch an ihre Grenzen kommt. Es ist auch dort nicht leicht zu leben, trotzdem ist es irgendwie schon schöner, wenn sie dem permanenten politischen Druck in ihrem eigenen Land entkommen können. </em></p>
<p><em>Geändert hat sich darüber hinaus schon die Freiheit der Künstler:innen, offen zu sein, und politisch. Das sind sie auch in Ungarn, auch wenn es gefährlich ist, das sind sie in Rumänien, das sind sie überall, wenn sie geblieben sind. Sie äußern sich klar politisch, gegen die Korruption, gegen illiberale Entwicklungen, gegen die Verbindungen zu Russland. Das konnten sie früher nicht. </em></p>
<p><em>Diejenigen, die geblieben sind, auch in Ungarn, sagen mir oft, es habe sich nicht so viel verändert, sie lebten ihr Leben weiter. Aber wenn sie auf die Straße gehen, gibt es schon viele Restriktionen, die in den verschiedenen Gruppen der Bevölkerung ankommen. Ich glaube nicht so ganz, dass sie tun können, was sie wollen. Es immer so ein bisschen das Gefühl, immer ein bisschen in Opposition zu dem zu sein, das Staatsdoktrin wäre. Manche kennen das noch von früher. Ihnen wird so noch schmerzlicher bewusst, welch ein Backlash das ist.</em></p>
<h3><strong>Unterstützung aus Deutschland</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welche Unterstützung bietet die deutsche Kulturpolitik? Beispielsweise die Goethe-Institute?</p>
<p><strong>Regina Hellwig-Schmid</strong>: <em>In den letzten Jahren nicht mehr allzu viel, die sind eingegrenzt und finanziell eingenordet worden. In all den Jahren zuvor, von 1996 an, hatte ich große Unterstützung durch die Goethe-Institute. Sie waren für mich eine wichtige Anlaufstelle, insbesondere in Budapest, damals in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre, während der Balkankriege. Der erste Weg war immer dorthin, um zu hören, was Sache ist, die Künstler:innen zu treffen und Unterstützung zu erhalten. Das ging sogar so weit, dass mich in der Ukraine damals ein Fahrer des Goethe-Instituts zu den Künstler:innen in die Ateliers gefahren hat. Ich konnte sogar im Institut übernachten. Es gab viel Unterstützung. Das ist heute kaum mehr denkbar.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die auswärtige Kulturpolitik in Deutschland ist ein Trauerspiel geworden. Ich erlaube mir, all die Initiativen beispielsweise von China mit den Konfuzius-Instituten oder auch von Russland mit dem immer noch offenen Russischen Haus in Berlin zu erinnern. Eigentlich müsste man die Aktivitäten der Goethe-Institute massiv ausbauen. Aber das ist eine andere Geschichte, die jetzt nur am Rande erwähnt werden soll.</p>
<p><strong>Regina Hellwig-Schmid</strong>: <em>Die Goethe-Institute bringen die deutsche Kultur in andere Länder. Das ist die eine Seite des Auftrags, aber ein anderer Ansatz als der, den unser Verein damals hatte. Wir wollten Künstler:innen nach Deutschland bringen, um die Kenntnis über die dortige Kunst in Deutschland zu verbreiten, Austausch und Kontakt zu schaffen. Ich hatte zum Beispiel auch Moldawien besucht, etwa um 2003 um Künstler:innen zu einem Festival nach Regensburg einzuladen. Das Goethe-Institut hat in Chişinău nur eine Dépendance, das eigentliche Institut ist in Bukarest, aber sie haben uns mit Dolmetscher:innen geholfen. </em></p>
<p><em>Ich könnte Ihnen unendlich viele Geschichten erzählen. Netzwerke von Künstler:innen, von denen viele früher im Untergrund gearbeitet hatten, waren immer aufzufinden, aber wir mussten bei den Kulturministerien vorsprechen, damit wir für die Künstler:innen Visa bekommen und sie reisen konnten. Dafür waren die Goethe-Institute von großer Hilfe. Auf die Kunst selbst gab keine Einflussnahme. Wir haben die Leute eingeladen, die wir für wichtig hielten. Es gab zu der Zeit immer wieder Förderungen großer Institutionen, Stiftungen und EU, es war eine Aufbruchstimmung.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und heute?</p>
<p><strong>Regina Hellwig-Schmid</strong>: <em>Es wird nicht schwieriger, Leute einzuladen, wenn man über die finanziellen Mittel verfügt, aber heute gibt es keine Aufbruchstimmung mehr. Damals habe ich auch sehr viel mit den Kulturinstituten und den Botschaften aller Donauländer in Berlin zusammengearbeitet. Manchmal ging es dann über die Diplomatenpost, sodass zum Beispiel Theatergruppen reisen konnten. Botschafter kamen auch immer zu den Eröffnungen. Heute ist eine solche Grassroot-Arbeit schon viel schwieriger geworden. </em></p>
<h3><strong>Politische Kunst ist performative Kunst</strong></h3>
<div id="attachment_7404" style="width: 342px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7404" class="wp-image-7404 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Ewa-Partum_Pirouette_Foto-Julia-Heintz-scaled-e1755781559751-300x200.jpg" alt="" width="332" height="221" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Ewa-Partum_Pirouette_Foto-Julia-Heintz-scaled-e1755781559751-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Ewa-Partum_Pirouette_Foto-Julia-Heintz-scaled-e1755781559751-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Ewa-Partum_Pirouette_Foto-Julia-Heintz-scaled-e1755781559751-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Ewa-Partum_Pirouette_Foto-Julia-Heintz-scaled-e1755781559751-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Ewa-Partum_Pirouette_Foto-Julia-Heintz-scaled-e1755781559751-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Ewa-Partum_Pirouette_Foto-Julia-Heintz-scaled-e1755781559751-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Ewa-Partum_Pirouette_Foto-Julia-Heintz-scaled-e1755781559751-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Ewa-Partum_Pirouette_Foto-Julia-Heintz-scaled-e1755781559751-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Ewa-Partum_Pirouette_Foto-Julia-Heintz-scaled-e1755781559751-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 332px) 100vw, 332px" /><p id="caption-attachment-7404" class="wp-caption-text">Ein Blick in die Ausstellungsräume von &#8222;Heldinnen&#8220; im Frauenmuseum. Im Mittelpunkt des Bildes ein Still des Videos &#8222;Pirouette&#8220; von Ewa Partum. Foto: Julia Heintz.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie sieht es mit den Inhalten aus? Gibt es Schwerpunkte in einzelnen Kunstsparten? Ich bewundere <a href="https://pussyriot.love/">Pussy Riot</a> sehr. In München, im Haus der Kunst, habe ich im Jahr 2024 die Ausstellung von Pussy Riot gesehen. Das Video <a href="https://www.youtube.com/watch?v=OfPyPB5rBiA&amp;list=RDOfPyPB5rBiA&amp;start_radio=1">„Swan Lake“</a> ist auch Teil der von Ihnen mit Marianne Pitzen gemeinsam kuratierten Heldinnen-Ausstellung im Bonner Frauenmuseum.</p>
<p><strong>Regina Hellwig-Schmid</strong>: <em>Pussy Riot haben ein großes Anliegen. Sie sind Menschenrechtsaktivistinnen mit großen mutigen Ideen und Ausstrahlung. Ich kann mich noch an die Aktion „Wojna“ in Sankt Petersburg gegen Putins Krieg erinnern. Sie hätten schon früh ausreisen können, haben das nicht getan. Sie beziehen bei aller Gefahr Stellung, sagen und zeigen ihre Meinung. Sie wollen nicht nur erreichen, dass sich Menschen und Politiker ändern, sondern auch Menschen aufklären, damit sie sich ihnen anschließen können. Im Jahr 2025 gab es in Los Angeles die </em><a href="https://www.moca.org/index.php/program/nadya-tolokonnikova-police-state"><em>Performance „Police State“</em></a><em> von Nadeschda Tolokonnikowa, in der sie ihre Gefängniszeit nacherleben lässt. Pussy Riot gehen über ihre Grenzen hinaus, um performativ auf Dinge aufmerksam zu machen, die sie ungerecht finden, die sie nicht ertragen können und nicht ertragen wollen. Es geht um viel mehr als irgendwo auf einem Wahlzettel ein Kreuz zu machen. Mit Körpereinsatz, bis hin zum Risiko, verhaftet und gefoltert zu werden. Das tun Heldinnen eigentlich immer.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Performance „Police State“ fand in der Zeit statt, als Donald Trump die Nationalgarde und die Marines in Los Angeles aufmarschieren ließ. Nadeschda Tolokonnikowa führte die Performance im geschlossenen Museum fort. <a href="https://www.theguardian.com/artanddesign/2025/jun/15/pussy-riot-nadya-tolokonnikova-police-state">Der britische Guardian berichtete</a>. In Deutschland <a href="https://www.zeit.de/kultur/kunst/2025-06/nadya-tolokonnikova-pussy-riot-russland-moca">veröffentlichte die ZEIT ein Interview mit Nadeschda Tolokonnikowa</a> über die Performance. Sie sagte unter anderem: <em>„Mit einer großen Pussy-Riot-Crew von zwanzig Menschen war ich auch auf der großen ‚No Kings‘-Demo am vergangenen Samstag, alle in schwarzen Kleidern, vermummt mit unseren Skimasken. Wir trugen ein großes Transparent mit der Aufschrift: ‚It&#8217;s Beginning to Look a Lot Like Russia‘“. </em>Angelehnt – wie sie sagte – an Bing Crosbys <em>„It’s beginning to Look Like Chrismas”</em>. Die heutige USA erinnere sie an Russland im Jahr 2012. Aber es gibt noch andere, die ähnlich denken und arbeiten.</p>
<p><strong>Regina Hellwig-Schmid</strong>: <em>Wir könnten auch auf </em><a href="https://femen.org/about-us/"><em>„Femen“</em></a><em> verweisen, die ebenso offenen Protest machen, dies tun, indem sie ihren Körper einsetzen, ihren mit Parolen bemalten Oberkörper freilegen, um so Aufmerksamkeit für ihre Anliegen zu erreichen. Es gibt nicht so viele, aber einige Gruppierungen, auch in Israel gegründeten </em><a href="https://womeninblack.org/"><em>„Women in Black“</em></a><em>, die </em><a href="https://www.zeit.de/politik/ausland/2025-04/frauenrechte-argentinien-queerness-javier-milei-widerstand/komplettansicht"><em>„Mujeres“ in Argentinien</em></a><em> gegen die frauenfeindlichen Erlasse und Gesetze des argentinischen Präsidenten. Sie sind nicht so populär wie Pussy Riot, die nicht nur die Performances und Demonstrationen durchführen, sondern sie auch dokumentieren, sie generalstabsmäßig einer breiteren Öffentlichkeit bekanntmachen, auch über die sozialen Medien.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Politische Kunst ist in hohem Maße performativ.</p>
<p><strong>Regina Hellwig-Schmid</strong>: <em>Das würde ich auch so sagen. Es spielt sich darüber hinaus auch viel im Theater ab. Ich denke an das Theater als politische Institution, wie etwa das Gorki in Berlin, es geht nicht nur um die aktivistischen Performances und Interventionen auf der Straße, auf öffentlichen Plätzen. Ja und natürlich die Dokumentation, wie im Haus der Kunst, so dass die Performances über eine Momentaufnahme hinausgehen und weiterwirken können.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das, was <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-climate-fiction-und-die-politik/">„Letzte Generation“</a> machte, hätte man als Kunstaktion inszenieren und verstehen können. Auch wenn die Initiator:innen diesen Gedanken wohl nicht selbst hatten. Sie waren keine Künstler:innen, eben nur Aktivist:innen.</p>
<p><strong>Regina Hellwig-Schmid</strong>: <em>Das ist bei Pussy Riot anders. Ein Video wie „Swan Lake“ ist höchst künstlerisch konzipiert und inszeniert. Eine so starke Botschaft hatte „Letzte Generation“ für mich nicht. Es waren eher Schüler:innen und Student:innen wie wir früher auch, als wir auf Demonstrationen gingen. Etwas exzessiver, auch mit Körpereinsatz, aber ohne ein künstlerisches Movens. Das hat dann stattgefunden und das war es dann. Starke Botschaft ohne Zweifel.</em></p>
<p><em>Aber ein anderes Konzept und anderer Anspruch, der Anlass und die Bedingungen sind auch unterschiedlich.</em></p>
<p><em>Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie viele mich auf die Pussy-Riot-Ausstellung im Haus der Kunst angesprochen haben, weil sie – im Gegensatz zu anderen Künstler:innen – so will ich es jetzt einmal sagen – direkt bei den Menschen ankommen, die Bildsprache ist ziemlich eindeutig. Die sagen dann: Was die alles machen, so viel Mut. Manche haben selbst keine Stimme, aber dann erleben sie das!</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich fand in der Münchner Ausstellung die Räume im Keller des Hauses der Kunst sehr passend. Die erinnerten fast schon an Gefängniszellen. Mit separater Dusche. Wenn man in die Ausstellungsräume hineinkam, sah man erst die Duschen, direkt links, bevor man nach rechts in den Gang abbog, von dem aus man die verschiedenen Zellen mit den Stationen der Aktionen von Pussy Riot betreten konnte. Die Duschen gehörten nicht zur Ausstellung, aber irgendwie dann doch, gerade als man dann die Berichte und Bilder sah, in denen die Gruppe die Gefängniszeit nach dem <a href="https://www.youtube.com/watch?v=xhNTNszbyCk">Auftritt in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau</a> dokumentierte.</p>
<p><strong>Regina Hellwig-Schmid</strong>: <em>Es waren ja auch so etwas wie Gefängniszellen. Es waren Bunkerräume. Das Haus der Kunst ist eines der drei Häuser des von Hitler geschätzten Architekten Paul Ludwig Troost, Führerbunker (jetzt Musikhochschule), Verwaltungsgebäude (jetzt Zentralinstitut für Kunstgeschichte) und Haus der Kunst. Sie haben nahezu dieselben Grundrisse, dieselben Türklinken, dieselben Böden. Das Haus der Kunst hatte als einziges keine Bombenschäden. Auch die Bunker waren nicht zerstört. Es waren einzelne Zellen, weil da wohl die besonders wichtigen Leute untergebracht werden sollten, es waren keine Massenunterkünfte wie wir sie als eine Art Tiefgaragen in anderen Städten kennen.</em></p>
<h3><strong>Die Heldinnen</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Nach welchen Kriterien haben Sie die Künstlerinnen ausgesucht, die Sie in der Ausstellung „Heldinnen“ zeigen?</p>
<p><strong>Regina Hellwig-Schmid</strong>: <em>Meine Aufgabe in der Ausstellung Heldinnen/Sheroes war die Künstler:innen aus Osteuropa zu kuratieren.</em></p>
<p><em>Die Kriterien, die Heldinnen ausmachen, sind Mut, Selbstlosigkeit, Ethik, Ausdauer, Entschlossenheit und Inspiration. </em></p>
<p><em>Es ging mir darum, diejenigen künstlerischen Positionen zu zeigen, die dokumentarisch und performativ arbeiten, die sich geographisch und historisch zuordnen lassen. Auch darum, möglichst alle Altersgruppen zu zeigen. </em></p>
<p><em>Manchmal oder fast immer verschwimmt die klare Grenze zwischen Thema Heldinnen / Sheroes im und durch das Werk und der Heldin / Sheroe by herself. </em></p>
<div id="attachment_7399" style="width: 373px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7399" class="wp-image-7399" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Yevgenia-Belorusets_Die-Siege-der-Besiegten_Foto-Julia-heintz--300x200.jpg" alt="" width="363" height="242" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Yevgenia-Belorusets_Die-Siege-der-Besiegten_Foto-Julia-heintz--200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Yevgenia-Belorusets_Die-Siege-der-Besiegten_Foto-Julia-heintz--300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Yevgenia-Belorusets_Die-Siege-der-Besiegten_Foto-Julia-heintz--400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Yevgenia-Belorusets_Die-Siege-der-Besiegten_Foto-Julia-heintz--600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Yevgenia-Belorusets_Die-Siege-der-Besiegten_Foto-Julia-heintz--768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Yevgenia-Belorusets_Die-Siege-der-Besiegten_Foto-Julia-heintz--800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Yevgenia-Belorusets_Die-Siege-der-Besiegten_Foto-Julia-heintz--1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Yevgenia-Belorusets_Die-Siege-der-Besiegten_Foto-Julia-heintz--1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Yevgenia-Belorusets_Die-Siege-der-Besiegten_Foto-Julia-heintz--1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 363px) 100vw, 363px" /><p id="caption-attachment-7399" class="wp-caption-text">Jewhenija Bjelorussez, Die Siege der Besiegten. Foto: Julia Heintz.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Einen sehr beeindruckenden Ansatz sehen wir bei den Fotografien von <a href="https://www.hkw.de/programme/contributors/yevgenia-belorusets">Jewhenija Bjelorussez</a> der Bergarbeiterinnen in Lyssytchansk (Oblast Luhansk), die die Arbeit in den Bergwerken übernahmen, weil ihre Männer an der Front gegen die russländischen Invasoren kämpfen mussten.</p>
<p><strong>Regina Hellwig-Schmid</strong>:<em> Auch diese Dokumentation zeigt den körperlichen Einsatz von Frauen. Ich kenne die Künstlerin schon vom Maidan. Sie hat als Aktivistin immer auch Fotodokumentationen von Menschenrechtsverletzungen gemacht. Ich erinnere mich besonders an eine Dokumentation über eine Romacommunity. In Kyiv wurde einmal über Nacht eine Siedlung von Roma mit Bulldozern plattgemacht. Die Roma hatten dort aus Wellblech und anderen Materialien kleine Häuser gebaut. All diese Häuser hat sie fotografisch festgehalten.</em></p>
<p><em>Jewhenija Bjelorussez hat in Charkiv Interviews geführt: </em><a href="https://belorusets.com/work/victories-of-the-defeated"><em>„Die Siege der Besiegten“</em></a><em>. Es ging in dieser Dokumentation ebenso wie in Lyssytchansk um das Leben in den Bergwerken, das Leben im Widerstand im Donbass. Die Besetzung des Donbass wurde auch in den Familien ausgetragen. Die Menschen im Donbass sprechen überwiegend russisch, in den Familien leben Menschen aus Russland, aus der Ukraine zusammen. Die Künstlerin wollte auch die Verletzlichkeit der Frauen zeigen, die sie in den Waschräumen fotografiert hatte. Das eine ist der Widerstand: Wenn ihr unsere Männer nehmt, machen wir weiter. Es ging ja um die Versorgung der Stadt. Das ist auch eine Methode des Krieges, dass immer diese lebenswichtigen Dinge zerstört werden. Die Invasoren haben die Versorgungsleitungen, die Wasserversorgung zerstört. Auch das hat sie dokumentiert. Sie zeigt, wie findig die Menschen in ihrem Widerstand sind. Sie hat die Menschenrechtsverletzungen dokumentiert, auch die Zwangsrekrutierung der Soldaten. Die Künstlerin ist für mich auch persönlich eine Heldin, die immer wieder in die Region reist und ihr eigenes Leben riskiert.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie kam es zu dem Titel „Heldinnen“?</p>
<div id="attachment_7400" style="width: 423px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7400" class="wp-image-7400" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Laura-Sophia-Rentz_Staubfaengerin_Foto-Julia-Heintz-2-300x225.jpeg" alt="" width="413" height="310" /><p id="caption-attachment-7400" class="wp-caption-text">Laura-Sophie Renz, Still aus der Videoinstallation &#8222;Staubfängerin&#8220;. Foto: Julia Heintz.</p></div>
<p><strong>Regina Hellwig-Schmid</strong>: <em>Als Marianne Pitzen den Titel „Heldinnen“ vorschlug, war mein erster Gedanke, welche männlichen Helden ich kenne. Das waren Büsten und Staubfänger. </em>(lacht) <em>Das war wirklich das Erste, das mir einfiel. Laura-Sophie Renz, eine junge Bonner Künstlerin, hat im Jahr 2021 die Videoinstallation </em><a href="https://dasesszimmer.com/veranstaltung/vernissagen-in-der-passage-laura-rentz-thomas-metz-peter-szalc/"><em>„Staubfängerin“</em></a><em> gedreht, in der sie sich in Staub auflöst. Inszeniert wurde sie in einer seit Jahren leerstehenden Shopping-Mall in der Bonner Innenstadt. Auch sie hat mit dem Körper gearbeitet. Das ist eine Linie in meiner Kuration, dass fast alle mit dem Körper gearbeitet haben. Das ist der rote Faden.</em></p>
<p><em>So auch </em><a href="https://www.kunstforum.net/pressebereich/pressemitteilungen/article/my-touch-is-a-touch-of-a-woman"><em>Ewa Partum</em></a><em>. Sie</em> <em>gehörte zu den ersten, die im kommunistischen Polen Widerstand geleistet hat. Oder </em><a href="https://www.albertina.at/albertina-modern/ausstellungen/marina-abramovic/"><em>Marina Abramović</em></a><em>, </em><a href="https://taz.de/Kuenstlerin-Sejla-Kameric-ueber-Srebrenica/!6096279/"><em>Šejla Kamerić</em></a><em>, </em><a href="https://www.selmanselma.com/"><em>Selma Selman</em></a><em>, die an existenzielle Grenzen gingen. Bei Selma Selman sehen wir das Laufen über eine Brücke, bis zur Erschöpfung. Es ist nicht nur das Laufen, ein Laufen bis zum Zusammenbruch, eine Sprechperformance, bis die Stimme weg ist. Ewa Partum ist schon 1987 in Warschau nackt über die Straße gelaufen. Sie war und ist bis heute eine sehr wichtige Frau für den Feminismus, eine zentrale Figur in Polen. </em></p>
<p><em>Und </em><a href="https://www.vesna-pavlovic.com/vesna"><em>Vesna Pavlović</em></a><em>: Ich habe sie 1998 in Belgrad während des Krieges kennengelernt. Sie lehrt jetzt in den USA an der Vanderbilt University, ist nicht mehr zurückgegangen, nachdem sie aus Serbien herauskam. Sie hat die Aktionen der „Women in Black“ fotografisch dokumentiert. Die „Women in Black“ selbst habe ich in Kellern getroffen. Sie haben sich auf der Straße vor die Panzer von Milošević gelegt und viele Leute auf die Straße geholt, die gegen den Krieg waren. Sie waren keine Künstlerinnen. Die „Women in Black“ wurden 1983 in Israel gegründet. Ich hätte sie in der Bonner Ausstellung dabeigehabt, konnte sie jedoch leider nicht einladen. Eine der Gründerinnen der „Women in Black“ ist </em><a href="https://anschlaege.at/israel-tentifada/"><em>Hannah Safran</em></a><em>, die als Israelin auch gute Beziehungen zu Palästinenser:innen gepflegt hat. Sie war leider nicht mehr zu erreichen. Es ist so viel kaputtgemacht worden. Die „Women in Black“ sind in vielen Ländern aktiv und für mich ein Zeichen, eines heldenhaften Widerstands in Kriegszeiten. </em></p>
<p><em>Es braucht eine ungeheure Kraft, in einem Krieg zu kämpfen, wie in der Ukraine. Ich habe vor Kurzen eine ukrainische Künstlerin in Regensburg zu Gast gehabt, </em><a href="http://www.annazvyagintseva.com/"><em>Anna Zvyagintseva</em></a><em>. Sie hat eine berührende Installation gemacht: </em><a href="https://www.donumenta.de/world-heritage-revisited/air-interventionen-2025/anna-zvyagintseva/"><em>„Lampshade“</em></a><em>, eine Szenerie, im Puppenhausmodell, die ihre Eindrücke des Krieges zeigt. Sie lebt nach wie vor in Kyiv, verlässt das Land nur für Ausstellungen. Es sind nicht nur die Frauen, die vor dem Krieg geflüchtet sind und dachten, sie kämen bald wieder zurück, es sind auch die kriegsdienstleistenden Männer, darunter auch Künstler. Alle dachten, sie wären nur kurze Zeit an der Front, sind jedoch jetzt seit über drei Jahren dort. Zum Beispiel </em><a href="http://www.nikitakadan.com/"><em>Nikita Kadan</em></a><em>, ein berühmter Künstler, über den sie mir erzählt hat. Zunächst wurden die Prominentesten verschont, mittlerweile ist das nicht mehr möglich, alle müssen einer nach dem anderen an die Front, um die Verteidigung zu übernehmen. Sie sucht eine Sprache für die Auseinandersetzung mit dem Krieg, die nicht vordergründig politisch ist, sie arbeitet mit poetischen Bildern, die noch mehr schmerzen können. Sie stehen als Besucher:in der Ausstellung vor dieser Installation und können eigentlich nur weinen. Ich glaube keiner kann dies so mittelbar erleben, wenn er nur Zeitung liest. Die Künstlerinnen schaffen es, uns Dinge mit ihrer Kunst zu vermitteln, die man nicht anders beschreiben kann als mit und in der Kunst. </em></p>
<h3><strong>Konfrontation</strong></h3>
<div id="attachment_7497" style="width: 472px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7497" class="wp-image-7497 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-Max-Ernst-und-schwangere-Barbie-300x300.jpg" alt="" width="462" height="462" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-Max-Ernst-und-schwangere-Barbie-66x66.jpg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-Max-Ernst-und-schwangere-Barbie-150x150.jpg 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-Max-Ernst-und-schwangere-Barbie-200x200.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-Max-Ernst-und-schwangere-Barbie-300x300.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-Max-Ernst-und-schwangere-Barbie-400x400.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-Max-Ernst-und-schwangere-Barbie-600x600.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-Max-Ernst-und-schwangere-Barbie-768x768.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-Max-Ernst-und-schwangere-Barbie-800x800.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-Max-Ernst-und-schwangere-Barbie-1024x1024.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-Max-Ernst-und-schwangere-Barbie-1200x1200.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-Max-Ernst-und-schwangere-Barbie.jpg 1280w" sizes="(max-width: 462px) 100vw, 462px" /><p id="caption-attachment-7497" class="wp-caption-text">Corinna Heumann: Margaret Atwood, Max Ernst und schwangere Barbie &#8211; kopfüber</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Unmittelbare Konfrontation mit dem Unsagbaren? Exemplarisch sieht man es in der Ausstellung in der Installation von <a href="https://corinnaheumann.com/">Corinna Heumann</a> über „The Handmaid’s Tale“ von Margaret Atwood mit all den Barbie-Puppen, die sie detailliert verformt und seziert hatte.</p>
<p><strong>Regina Hellwig-Schmid</strong>: <em>So etwas Schreckliches habe ich bisher noch nicht gesehen. Ich habe mich erst danach mit den „Tradwives“ auseinandergesetzt. Erst wenn man diesen Zusammenhang kennt, wird man diese Installation verstehen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ebenso bedrückend und ernüchternd fand ich all die Eindrücke, die Besucher:innen auf eine große Wand in der zweiten Etage der Ausstellung geschrieben hatten. Auf der weiblichen Seite fand man die traditionellen Frauen zugeschriebenen Eigenschaften wie Hilfsbereitschaft, Pflege oder wie man heute sagt Care, Mütterlichkeit. Ich weiß natürlich nicht, wer das dahin geschrieben hat, vielleicht Teenager aus Schulklassen?</p>
<p><strong>Regina Hellwig-Schmid</strong>: Das weiß ich auch nicht. <em>Ich frage mich: Wie werden die an das Thema herangeführt? Das darf man nicht unterschätzen. Ich hatte zuletzt eine Führung im Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München. Es kommt sehr auf das Publikum an. Jede einzelne Person kann die gesamte Führung „steuern“. Da sind dann manche dabei, die sich noch an die Faschingsfeste im Haus der Kunst erinnern können. Mit einem solchen Hinweis kann das ganze Gespräch in eine andere Richtung laufen. Oder wenn ich mit älteren Frauen oder Schulklassen in die Ausstellung gehe, gibt es oft ganz erwartbare Reaktionen. Für mich ist eine Mutter per se keine Heldin. Natürlich gibt es Mütter, die ein heldenhaftes Leben führen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Nicht jede Mutter ist eine Heldin, es gibt aber Heldinnen, die auch Mütter sind.</p>
<p><strong>Regina Hellwig-Schmid</strong>: <em>Genau das. Das habe ich auch schon bei den ersten Gesprächen erlebt. Es gibt immer eine Tendenz, so zu sprechen, weil man es nicht anders weiß, es ist eine Art Hilflosigkeit, sich mit der Kunst auseinanderzusetzen. Es ist nicht Volkes Stimme, es ist die Stimme derjenigen, die bestimmte Eindrücke mitnehmen, diese aber nicht aus der Kunst heraus entwickeln. Es ist einfach die Frage, wer ist für dich eine Heldin? Den meisten fällt wahrscheinlich gar nichts anderes ein als die Mama oder die Oma.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Oder Heldinnen aus dem Kino, Wonder Woman zum Beispiel.</p>
<p><strong>Regina Hellwig-Schmid</strong>: <em>Die Fragestellung impliziert die Antwort. Aber was unterscheidet einen Helden von einer Heldin? Wie viele Tote oder geschlagene Schlachten muss ein Held auf seinem Revers haben, um ein „Held“ zu sein? </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht wird er ja so zum <em>„Staubfänger“</em>. Als Ausweis seiner Bedeutung.</p>
<p><strong>Regina Hellwig-Schmid</strong>: <em>Aber was müssen eigentlich Frauen tun? Können sie überhaupt Heldinnen werden? Und dann auch noch in der Kunst? Machen sie dort etwas Heldenhaftes? Oder schaffen sie mit ihrem Denken etwas Heldenhaftes und sind dann Heldinnen? Es ist natürlich sehr subjektiv, wen ich als Kuratorin als Heldin oder als Autorin eines heldenhaften Werkes verstehe. Letztlich ist es eine absolut subjektive und sehr kleine Auswahl. Klar war für meinen Beitrag der Schwerpunkt Osteuropa, klar waren es Künstlerinnen, die ich kenne und direkt ansprechen konnte und sich mit ihren Werken in mein Gedächtnis eingeschrieben haben&#8230; </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im August 2025, Internetzugriffe zuletzt am 5. August 2025. Titelbild: Pussy Riot, Swan Lake, Foto: Julia Heintz. Ich danke dem Frauenmuseum Bonn für die freundliche Bereitsstellung der Bilder aus der Ausstellung. )</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Vom Überleben der belarusischen Kulturszene</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 03 Jul 2025 02:46:02 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Vom Überleben der belarusischen Kulturszene Ein Gespräch mit der Übersetzerin Iryna Herasimovich Belarus wird in den deutschen Medien kaum noch erwähnt, allenfalls, wenn es um die russländische Bedrohung gegenüber den baltischen Staaten geht, weil es möglich wäre, dass zwischen Belarus und der Enklave Kaliningrad die sogenannte Suwałki-Lücke bei einem russländischen Angriff angegriffen und die  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-4 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-3 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-4" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Vom Überleben der belarusischen Kulturszene</strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit der Übersetzerin Iryna Herasimovich</strong></h2>
<p>Belarus wird in den deutschen Medien kaum noch erwähnt, allenfalls, wenn es um die russländische Bedrohung gegenüber den baltischen Staaten geht, weil es möglich wäre, dass zwischen Belarus und der Enklave Kaliningrad die sogenannte Suwałki-Lücke bei einem russländischen Angriff angegriffen und die baltischen Staaten von jeder Landverbindung zur Europäischen Union abgeschnitten werden könnten.</p>
<div id="attachment_7306" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7306" class="wp-image-7306 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Buchhandlung-zum-Zytglogge-Zuerich-33-Buecher-300x300.jpg" alt="" width="300" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Buchhandlung-zum-Zytglogge-Zuerich-33-Buecher-66x66.jpg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Buchhandlung-zum-Zytglogge-Zuerich-33-Buecher-150x150.jpg 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Buchhandlung-zum-Zytglogge-Zuerich-33-Buecher-200x200.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Buchhandlung-zum-Zytglogge-Zuerich-33-Buecher-300x300.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Buchhandlung-zum-Zytglogge-Zuerich-33-Buecher-400x400.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Buchhandlung-zum-Zytglogge-Zuerich-33-Buecher-600x600.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Buchhandlung-zum-Zytglogge-Zuerich-33-Buecher-768x768.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Buchhandlung-zum-Zytglogge-Zuerich-33-Buecher-800x800.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Buchhandlung-zum-Zytglogge-Zuerich-33-Buecher-1024x1024.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Buchhandlung-zum-Zytglogge-Zuerich-33-Buecher-1200x1200.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Buchhandlung-zum-Zytglogge-Zuerich-33-Buecher-1536x1536.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7306" class="wp-caption-text">Buchhandlung zum Zytglogge mit einer Auslage zu 33 Bücher für Belarus. Foto: Iryna Herasimovich.</p></div>
<p>Es ist etwa fünf Jahre her, dass viele Menschen gegen die Wahlfälschungen Lukaschenkas demonstrierten. Im Januar 2025 hat sich Lukaschenka erneut als Präsident bestätigen lassen. Proteste blieben aus, weil die meisten Oppositionellen entweder im Gefängnis sind oder im Ausland leben. Iryna Herasimovich, Übersetzerin, lebt und arbeitet seit 2021 in Zürich, promoviert bei der Slavistin <a href="https://www.slav.uzh.ch/de/seminar/mitarbeitende/litwiss/sylviasasse.html">Sylvia Sasse</a> und sorgt mit ihr und anderen Kolleginnen und Kollegen für die Herausgabe der Reihe <a href="https://www.33booksforanotherbelarus.ch/de">„33 Bücher für ein anderes Belarus“</a>, Bücher, die in belarusischer Sprache erscheinen, einige auch zweisprachig. Über die Aktion hatte Iryna Herasimovich bereits im Dezember 2022 im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> informiert: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/sehende-menschen-machen-mir-hoffnung/">„Sehende Menschen machen mir Hoffnung“</a>.</p>
<p>Im Frühjahr 2025 erschien das in der Reihe von ihr gemeinsam mit <a href="https://www.uni-bamberg.de/slavart/personen/dr-nadine-menzel/">Nadine Menzel</a> und <a href="https://www.zfl-berlin.org/people-detail/weller.html">Nina Weller</a> herausgegebene Buch <a href="https://www.33booksforanotherbelarus.ch/de/news/Nullpunkte">„Befragungen am Nullpunkt“</a> (Zürich, Edition Schublade). Das Buch wurde vom German Marshall Fund, dem Slavischen Seminar der Universität Zürich, dem Goethe-Institut sowie privaten Spendern finanziert (die Spenden-Kampagne wird auch für die weiteren geplanten Bände fortgesetzt, Bankverbindung auf der Internetseite). Als Projektpartner trat auch das <a href="https://www.akno.network/">Akademische Netzwerk akno e.V.</a> auf.</p>
<p>„Befragungen am Nullpunkt“ bietet in deutscher und in belarusischer Sprache einen hervorragenden Überblick, Porträts, Gespräche mit Kunstschaffenden über die Literatur-, Theater und Kunstszene in und aus Belarus, durchweg von verschiedenen Künstler:innen begleitet. Die Gestalterin Antanina Slabodchykava hat aus den Werken belarusischer Kunstschaffenden eine Art visuellen Kommentar zu den Texten gemacht.</p>
<p>Im Vorwort schreiben die Herausgeberinnen: <em>„Dieses Heft ist eine Einladung, sich auf das unebene Terrain einer Kulturszene in existenzieller Not zu bewegen.“</em> Dazu dienen auch historische Beiträge zur belarusischen Kunst in den 1980er und 1990er Jahren, der Hinweis auf Stalin, der am 30. August 1937 in Minsk 130 Dichter, Wissenschaftler, Kulturschaffen erschießen ließ. Zum Verständnis der heutigen Situation ist es unabdingbar, die Netzwerke und Entwicklungen, die Kontinuitäten und Diskontinuitäten sichtbar zu machen, es geht nicht nur um Momentaufnahmen. Es gab in den 1990er Jahren auch Unterstützung von außen, beispielsweise über die <a href="https://www.opensocietyfoundations.org/who-we-are">Stiftungen von George Soros</a>, der in allen ehemaligen Sowjetrepubliken Zentren für zeitgenössische Kunst eingerichtet hatte, außer in Belarus. 1999 entstand die „Assoziation für zeitgenössische Kunst“, 2002 das <a href="https://www.eurozine.com/journals/partisan/">Kunstmagazin pARTisan</a>. Historische und aktuelle Entwicklungen werden im Kontext reflektiert und sichtbar, gerade auch in Relation zu den Entwicklungen in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken. Die Publizistin <a href="https://freischreiber.de/profiles/peggy-lohse/">Peggy Lohse</a> zitiert einen der belarusischen Autoren mit den Worten: <em>„Jegliche seriöse Kunst ist immer Protestkunst, sogar Lyrik ist Protest.“</em></p>
<h3><strong>Lukaschenka laviert</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Belarus ist in den westlichen Ländern weitgehend aus der Aufmerksamkeit verschwunden. Man konzentriert sich zurzeit vor allem auf die Ukraine, im Wechsel mit der Lage in Israel und Gaza.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Das sind auch wichtige Themen, keine Frage. Aber es tut mir sehr weh, dass Belarus in Westeuropa so gut wie vom Radar verschwunden ist. Wenn das Thema auftaucht, wird es vom Krieg Russlands gegen die Ukraine überschattet. So geht verloren, dass die Repressionen in Belarus immer noch auf Hochtouren laufen. Das eine darf auf keinen Fall gegen das andere ausgespielt werden.</em></p>
<p><em>Lukaschenka </em>„<em>handelt“ mit Gefangenen. Er verwendet die Gefangenen, um Signale in den Westen zu schicken. So begnadigt er immer wieder Gefangene, oft Mütter mit Kindern, Ende Juni auf Druck der USA gemeinsam mit 14 weiteren Gefangenen sogar Siarhei Tsichanousky, den Ehemann der 2020 für ihn angetretenen Präsidentschaftskandidatin Sviatlana Tsichanouskaja. Man weiß aber nicht, wer auf welchen Listen steht. Gerade habe ich noch einen </em><a href="https://css.ethz.ch/en/publications/belarus-analytical-digest/details.html?id=/n/o/0/0/no_002_state_repression_in_belarusnr_002"><em>Artikel von </em></a><a href="https://css.ethz.ch/en/publications/belarus-analytical-digest/details.html?id=/n/o/0/0/no_002_state_repression_in_belarusnr_002"><em> Boris Ginzburg</em></a><a href="https://css.ethz.ch/en/publications/belarus-analytical-digest/details.html?id=/n/o/0/0/no_002_state_repression_in_belarusnr_002"><em> redigiert, der von einer „Signaldiplomatie“ Lukaschenkas spricht</em></a><em>, der dem Westen, Europa und den USA, Signale senden wolle, dass er dialogbereit ist. Aber man muss sich darüber im Klaren sein, dass die Repressionen damit nicht gestoppt sind. Die Signale werden wahrgenommen. Europa will jedoch nicht zulassen, dass sich Lukaschenka Europa annähert. Einerseits ist es gut, dass Europa konsequent in der Distanz zu Lukaschenka ist, weil man damit die Unzulässigkeit der Gewalt unterstreicht, andererseits drängt die Standhaftigkeit Europas Lukaschenka immer stärker in Putins Arme.</em></p>
<p><em>Wir haben einen sehr komplizierten Fall eines kolonial-diktatorischen Repressionsgeflechts. „Kolonial-diktatorisch“, das ist ein Begriff, den ich unter anderem in meiner Dissertation herauszuarbeiten versuche und den ich hier das erste Mal öffentlich nenne. Da sind zum einen die internen Repressionen in Belarus. Und Lukaschenka, der die Diktatur als eine nicht nur akzeptable, sondern in der jetzigen chaotischen Welt sogar erstrebenswerte Staatsform propagiert. </em><a href="https://geschichtedergegenwart.ch/demokratie-als-chaos-diktatur-als-ordnung-ueber-das-rebranding-von-diktatur/"><em>Sylvia Sasse und ich haben einen längeren Artikel über die Erzählung von Diktatur als stabiler Ordnung geschrieben</em></a><em>.</em></p>
<p><em>Zum anderen steht Lukaschenka selbst unter großem Druck durch Russland und Putin. Nicht alle, die gegen Lukaschenka sind, haben immer die Gefahr der wie auch immer gearteten Vereinnahmung gesehen, die kulturell, wirtschaftlich und politisch funktioniert und seitens Russlands die ganze Zeit da war. Einige fanden das Regime in Belarus zwar schlimm, reproduzierten aber das Muster, bei dem Russland ein Zentrum und Belarus eine Peripherie ist. Ein sehr einfaches Beispiel: Während der Revolution haben viele Protestierende aus russischen Medien die Informationen bezogen oder die Analysen der belarusischen Situation bevorzugt, die aus Russland kamen.</em></p>
<p><em>Andererseits gibt es auch Menschen, die zwar gegen Lukaschenka sind, aber ihn immer noch besser finden als jemanden, der voll und ganz ein Handlanger Moskaus sein wird. Lukaschenka will nicht in die absolute Abhängigkeit von Putin geraten. Das wird oft übersehen. Er wird als treuer Vasall Putins dargestellt, doch dies stimmt nicht. Seine Leitidee ist die eigene Macht und für diese ist Putin ebenfalls eine Gefahr. Man kann das unter anderem daran sehen, wie Lukaschenka die Nähe zu Russland deklariert, aber gleichzeitig die Fusion der beiden Länder zu einem Unionsstaat seit vielen Jahren hinauszögert oder pro-russische Aktivistinnen und Aktivisten verhaften lässt. Es gibt eine merkwürdige Gruppe pro-russischer Aktivistinnen und Aktivisten in Belarus, von denen sich nicht sagen lässt, ob es sich um Leute vom russischen Geheimdienst, vom FSB, handelt oder ob sie eigenständig handeln. Sie übernehmen die Rolle besorgter Bürgerinnen und Bürger und haben ziemlich viel Einfluss. Das kommt noch aus der sowjetischen Tradition: dass es in den Zeitungen zuerst Artikel (oft) von namenlosen Vertreter:innen des Volkes erscheinen, die sich über dieses oder jenes beklagen, worauf die Behörden dann „reagieren”. „Die Vertreter:innen des Volkes” waren aber Teil der staatlichen Inszenierung und schufen nur äußerliche Anstöße beziehungsweise Rechtfertigungen für Hetzkampagnen, die sowieso schon geplant waren. Dieses Muster der besorgten Bürger:innen, die sich um Ordnung im Land bemühen, kann man auch bei den pro-russischen Aktivist:innen in Belarus beobachten.</em></p>
<p><em>Da diese Aktivist:innen immer wieder auch belarusische Behörden beschuldigen, sie wären nicht pro-russisch genug oder nicht treu genug gegenüber dem sowjetischen Erbe etwa des Sieges im Grossen Vaterländischen Krieg, stellt sich die Frage, in wessen Interessen diese Menschen eigentlich handeln. </em></p>
<p><em>Das sind nur einige Akteur:innen und Themen des höchst komplexen, unübersichtlichen und intransparenten Repressionsgeflechts, das von der staatlichen Propaganda und Desinformation, sowohl russischer als auch belarusischer, verstärkt bzw. vernebelt wird. Das ist – auch mit der Unsichtbarkeit nach außen – ein sehr gefährliches Gemisch. Viele stellen sich ein autoritäres oder diktatorisches Regime als Übermaß an Kontrolle und (erzwungener) Ordnung vor, in Wirklichkeit ist es aber ein großes unübersichtliches Chaos, Sylvia Sasse analysiert das zum Beispiel sehr eindrücklich in ihrem Artikel noch aus dem Jahr 2017, ich würde ihn gern auch beziehungsweise vor allem heute zur (Re)lektüre empfehlen:</em><a href="https://geschichtedergegenwart.ch/autoritaere-unordnung/"><em> Autoritäre Unordnung – Geschichte der Gegenwart.</em></a><em> Wir sehen heute in vielen Ländern das Aufkommen von Politikern, die wie von Donald Trump vorgeben, sich um “Ordnung” zu bemühen, aber Chaos stiften.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe den Eindruck, dass es ein großer Erfolg für Lukaschenka ist, dass er in der Ukraine keine belarusischen Truppen einsetzen muss. Es gibt lediglich gemeinsame Manöver des belarusischen und russländischen Militärs. Belarusische Truppen hätten eigentlich näher gelegen als Truppen aus Nordkorea. Lukaschenka hält eine gewisse Eigenständigkeit aufrecht, indem er intern eine hohe Repression aufrechterhält.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Es wird ihm tatsächlich zugutegehalten, dass belarusische Truppen nicht am Krieg in der Ukraine beteiligt sind. Belarus wurde zumindest de jure nicht von Russland eingenommen. Man spricht allerdings von einer schleichenden Annexion durch Russland. Es gibt Stimmen, die sagen, dass Putin Belarus als ein quasi neutrales Land für den Rückzug seiner Truppen braucht, als Pufferzone, auch als Umwegland wegen der wirtschaftlichen Sanktionen, die sich für beide Länder unterscheiden. Es könnte somit in Putins Interesse liegen, dass Belarus eine scheinbar neutrale Zone bleibt. Es könnte auch ein Verdienst Lukaschenkas sein. Aber niemand weiß, welchen Spielraum er wirklich hat. Man kann beobachten, dass er symbolische Zugeständnisse an Putin macht, indem er zum Beispiel zur Militärparade am 9. Mai nach Moskau fährt und die eigene belarusische Parade dafür verlegt.</em></p>
<h3><strong>„Der Zwang, sich mit sich selbst zu beschäftigen“</strong></h3>
<div id="attachment_7310" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.33booksforanotherbelarus.ch/de/books/Nullpunkt"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7310" class="wp-image-7310 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt-300x300.png" alt="" width="300" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt-66x66.png 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt-150x150.png 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt-200x200.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt-300x300.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt-400x400.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt.png 600w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-7310" class="wp-caption-text">Mit einem Klick auf das Bild erhalten Sie weitere Informationen über das Buch.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Einer der Autoren in „Befragungen am Nullpunkt“ sagte, er sei nicht im <em>„Exil“</em>, sondern befinde sich <em>„auf einer kreativen Dienstreise“</em>. Die Einreise beziehungsweise Rückreise von Kunstschaffenden, die das Land nach der Niederschlagung des Aufstands verlassen haben, ist nach wie vor äußerst gefährlich.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>:<em> Genau. Das kann man auf eigene Gefahr machen. Es ist eine Lotterie. Es wird immer riskanter, nach Belarus zu fahren. Viele, die längere Zeit nicht in Belarus waren, werden bei der Einreise extrem stark kontrolliert, befragt. Es gibt auch Fälle, dass Menschen verhaftet wurden, weil es ein bestimmtes Foto im Handy gab. Sie verschwanden und niemand wusste, wo sie waren. Es gibt einige, die über Russland einzureisen versuchen, denn es gibt in Belarus und in Russland unterschiedliche schwarze Listen, aber man weiß nicht, ob man auf einer oder sogar auf beiden Listen steht. Nicht alle schwarzen Listen sind publik, das ist noch ein Beispiel dafür, wie in einem diktatorischen System Intransparenz, Diffusität und Chaos produziert werden. Man kann nicht wirklich durchblicken und so hat man das Gefühl, ausgeliefert zu sein. </em></p>
<p><em>Es ist zum belarusischen Volkssport geworden, sich selbst zu googeln, um herauszufinden, womit man dem Sicherheitsdienst aufgefallen sein könnte, um die Gefahren abzuschätzen. Im Grunde ist das eine investigative Arbeit gegen sich selbst. Sylvia Sasse formulierte das sehr treffend als den „Zwang, sich mit sich selbst zu beschäftigen“. Wenn ich zum Beispiel meinen Namen eingebe, finde ich jede Menge Artikel und Bilder. Da habe ich mal über den Krieg in der Ukraine geschrieben, mal kommentiere ich Proteste in Belarus, mal trete ich mit jemandem auf, der oder die bereits den durchaus ehrenwerten Titel eines „Extreminsten oder einer Extremistin” trägt. All das sieht auch der Sicherheitsdienst auf den ersten Blick. Wer mich an der Grenze googelt, findet sehr viel über mich. Einiges von dem, was ich schreibe und veröffentliche, könnte in Belarus als „Extremismus“ eingestuft werden. Im entsprechenden Gesetz gehört zu den „extremistischen Tätigkeiten” unter anderem „die Verbreitung von wissentlich falschen Informationen über die politische, wirtschaftliche, soziale, militärische oder internationale Lage der Republik Belarus, die Rechtslage der Bürger in der Republik Belarus, die die Republik Belarus diskreditieren”. Sie ahnen schon, wer entscheidet, welche Informationen richtig und welche falsch sind…</em></p>
<p><em>Wie viele Jahre Haft man dafür bekommt, kann man nur raten. Dabei darf man nicht vergessen, dass belarusische Gefängnisse nach wie vor Folteranstalten sind. Menschen sterben, medizinische Hilfe wird verweigert. Man weiß nicht, ob man gesund oder gar lebend herauskommt. </em></p>
<p><em>Nach der sowjetischen Tradition kommt außerdem noch Sippenhaftung dazu. Familienangehörige, Verwandte werden befragt, verhört, festgenommen. </em></p>
<p><em>Das alles hat man im Hinterkopf bei jeder Aktion, die mit Belarus verbunden ist, und erwägt alles ganz kleinschrittig. </em></p>
<p><em>Ursprünglich war zum Beispiel geplant, das Buch „Befragungen am Nullpunkt“ auch online auf der Seite der Leipziger Universität zu veröffentlichen. Das haben wir auf Anfrage eines Autors aus Sicherheitsgründen nicht getan. In Papierform ist das Buch einfach schwerer zu erhalten. Auch für die Behörden in Belarus. </em></p>
<p><em>Bei jedem Buch unserer Aktion „33 Bücher für ein anderes Belarus” planen wir unsere Schritte immer auch im Hinblick darauf, was das für die Sicherheit der Autor.innen und anderer Beteiligter bedeutet, das letzte Wort haben aber immer die Autor:innen: Wir wollen einerseits niemanden gefährden, andererseits aber auch niemanden bevormunden. Noch aus meiner Zeit in Belarus weiß ich, wie unangenehm es war, irgendwo nicht eingeladen zu werden, weil man mich nicht gefährden wollte, und dann sprachen andere Menschen für mich, die vielleicht zur Zeit der Revolution gar nicht im Land waren. Sicherheit ist wichtig, aber auch die Integrität der Menschen und ihr Recht, selbst zu entscheiden, wann sie sprechen und was sie in diesem Zusammenhang in Kauf nehmen wollen. Derzeit haben wir e</em><a href="https://www.33booksforanotherbelarus.ch/de/books/Tagebuch-2021-2022"><em>in anonymes Tagebuch</em></a><em> aus Belarus im Druck. Die Autorin bleibt bewusst in Belarus und fordert Respekt für ihre Entscheidung ein. Es ist ihr enorm wichtig, Zeugenschaft über ihre Erfahrungen abzulegen. Ich habe an dem Buch als Lektorin mitgearbeitet und sehr genau den ganzen Prozess verfolgt: Wie die einzelnen Tagebucheinträge möglichst genau so behalten, wie sie waren, aber niemanden dabei gefährden? Die Situation im Land hat sich in diesen zwei Jahren, als das Buch in Vorbereitung war, noch einmal verschärft. Die Autorin hat sich entschieden, nichts am Text zu ändern, ihren Namen aber nicht zu nennen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht darf ich in dem Zusammenhang auf einen Band mit Erzählungen von Frauen aus Afghanistan verweisen, das <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/weltliteratur-im-exil/">im Rahmen von „Weiter Schreiben“</a> herausgegeben wurde, ein Programm, an dem Sie sich auch beteiligen. Das Buch erhielt mehrere Auszeichnungen. Mehrere Autorinnen veröffentlichen anonym, nicht nur Autorinnen, die noch in Afghanistan sind, auch einige, die in westlichen Ländern, beispielsweise in Schweden, leben, die aber ihre Familienangehörigen in Afghanistan nicht gefährden wollen.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Wir haben auch diskutiert, ob wir in unserem eben von mir beschriebenen Fall ein Pseudonym verwenden sollten, aber die Autorin sagte, das wolle sie nicht, weil sie dazu gezwungen wäre. So bleibt es bei der Anonymität. Wir machen die Abwesenheit des Namens ganz bewusst sichtbar. </em></p>
<p><em>Die Repressionen sind übrigens ein sehr dynamischer Prozess, es kommt immer wieder etwas Neues dazu.</em></p>
<p><em>Gerade haben wir erfahren, dass der Instagram-Account des Verlags Skaryna der belarusischen Diaspora in London für „extremistisch” erklärt worden ist. Es wird nicht der gesamte Verlag für „extremistisch“ erklärt, sondern es geschieht in Schritten. Es fängt mit einem Instagram-Account an, dann kommt der youtube-Account hinzu, dann ein einzelnes Buch. Es ist kein Automatismus, dass ein Buch, das auf einem als „extremistisch“ markierten Account beworben wird, dann auch gleich „extremistisch“ ist. Das ist dann Auslegungssache der Vertreter der jeweiligen Behörden, auf die man trifft, der Polizisten, der Grenzbeamten. Dieses Vorgehen ist im Sinne der Diffusität, von der ich sprach, eine besondere Schikane. Man kann sich schon fragen, warum nicht gleich alle Internetauftritte eines Verlags für „extremistisch“ erklärt werden, obwohl dort dieselben Informationen zu finden sind. Die Behörden nutzen den Interpretationsspielraum als Spielfläche der Macht.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: So wird Schein-Sicherheit erzeugt, obwohl eigentlich alle wissen, dass mit dem ersten Verbot, der ersten Markierung eines Textes, eines Auftritts als <em>„extremistisch“</em> die nächsten Markierungen und Verbote folgen werden. Und es sorgt natürlich für Einschüchterung. Man weiß nie, ob das, was man sagt, ignoriert wird, eine kleine Geldstrafe nach sich zieht oder 15 Jahre Gefängnis.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>:<em> Inzwischen ist es für die meisten klar, dass es keine Nischen der Sicherheit gibt. Aber man verschwendet trotzdem viel Energie dafür herauszufinden, welche Logik dahintersteckt. Die Logik ist aber eigentlich ganz einfach. Es ist Willkür.</em></p>
<div id="attachment_7309" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7309" class="wp-image-7309 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Iryna-Herasimovich--scaled-e1752986765932-300x246.jpg" alt="" width="300" height="246" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Iryna-Herasimovich--scaled-e1752986765932-200x164.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Iryna-Herasimovich--scaled-e1752986765932-300x246.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Iryna-Herasimovich--scaled-e1752986765932-400x328.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Iryna-Herasimovich--scaled-e1752986765932-600x492.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Iryna-Herasimovich--scaled-e1752986765932-768x630.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Iryna-Herasimovich--scaled-e1752986765932-800x656.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Iryna-Herasimovich--scaled-e1752986765932-1024x840.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Iryna-Herasimovich--scaled-e1752986765932-1200x984.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Iryna-Herasimovich--scaled-e1752986765932-1536x1260.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7309" class="wp-caption-text">Iryna Herasiovich mit dem Buch von Zmicier Vishnioŭ, Ich bin das Fleisch, das Zmicier zubereitet hat. Foto: Privat.</p></div>
<p><em>Es geht so weit, dass auch alle Follower auf den verschiedenen Accounts mitbetroffen sein können. Wer irgendetwas – beispielsweise von dem Verlag, den ich eben erwähnte – geteilt hat oder auch einfach das Buch gekauft hat, ist in Gefahr. Unsere Aktion „33 Bücher für ein anderes Belarus” hat mit dem Skaryna-Verlag zusammen den </em><a href="https://www.33booksforanotherbelarus.ch/de/books/ich-bin-das-fleisch-das-zmicier-zubereitet-hat"><em>Roman von Zmicier Vishnioũ</em></a><em><u> „Ich bin das Fleisch, das Zmicier zubereitet hat” veröffentlicht</u></em><em>, jetzt dürfen wir raten, inwieweit unsere Aktion auch mitbetroffen sein kann. Das Buch ist ja (noch) nicht „extremistisch”. Es ist wie ein Spiel, bei dem man mitspielen muss, aber die Regeln nicht kennt, genauer gesagt, die Regeln werden ständig umgeschrieben – nie zu unseren Gunsten. </em></p>
<p><em>Wir suchen übrigens nach einem deutschsprachigen Verlag für diesen wagemutigen Roman über das Exil und die Diktatur, über die Unmöglichkeit der Rückkehr und die Unmöglichkeit, alles auf einmal hinter sich zu lassen. Eine großartige Kombination aus dem Phantastischen und dem Dokumentarischen, die auch die Absurdität der Diktatur sehr gut aufgreift.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Wie absurd das alles ist, beschrieb kürzlich Wolfgang Both in einem in meinem Magazin veröffentlichten Artikel über George Orwells Buch „1984“: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wie-george-orwells-1984-fast-in-der-ddr-erschienen-waere/">„Wie George Orwells ‚1984‘ fast in der DDR erschienen wäre“</a>. Er beschreibt die Geschichte von Anfang an, mit all den Schikanen, der Verurteilung von Menschen, die das Buch aus dem Westen geschmuggelt oder anderweitig gekauft hatten, von Tarnschriften, bei denen man erst auf der zweiten Seite sah, was sich wirklich dahinter verbarg, bis hin zu den letzten Zuckungen des DDR-Regimes im Jahr 1989. Eine Reportage aus dem Nähkästchen einer Diktatur.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Das ist genau diese Diffusität und Intransparenz, die wir in Belarus erleben.</em></p>
<h3><strong>„Unterschiedliches zur Sprache bringen“</strong></h3>
<div id="attachment_7312" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.33booksforanotherbelarus.ch/de/books/Nullpunkt"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7312" class="wp-image-7312 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-u.a.-Befragungen-am-Nullpunkt-300x300.jpg" alt="" width="300" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-u.a.-Befragungen-am-Nullpunkt-66x66.jpg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-u.a.-Befragungen-am-Nullpunkt-150x150.jpg 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-u.a.-Befragungen-am-Nullpunkt-200x200.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-u.a.-Befragungen-am-Nullpunkt-300x300.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-u.a.-Befragungen-am-Nullpunkt-400x400.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-u.a.-Befragungen-am-Nullpunkt-600x600.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-u.a.-Befragungen-am-Nullpunkt-768x768.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-u.a.-Befragungen-am-Nullpunkt-800x800.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-u.a.-Befragungen-am-Nullpunkt-1024x1024.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-u.a.-Befragungen-am-Nullpunkt-1200x1200.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-u.a.-Befragungen-am-Nullpunkt-1536x1536.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-7312" class="wp-caption-text">Befragungen am Nullpunkt, ein Blick ins Buch. Weitere Informationen zum Buch erhalten Sie auch über einen Klick auf das Bild. Foto: Iryna Herasimovich.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das Buch „Befragungen am Nullpunkt“ ist ein ausgezeichneter „Tour d’horizon“ durch die aktuelle belarusische Kulturszene, in Belarus, im Exil beziehungsweise auf den erzwungenen <em>„kreativen Dienstreisen“</em>.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Dieses Buch ist unter anderem mein persönlicher Versuch, die Szene zu retten, zu der ich gehörte und immer noch gehöre, obwohl es sie in der früheren Form gar nicht mehr gibt. Ich bin meinen Mitherausgeberinnen Nadine Menzel und Nina Weller, dem Verlag Schublade und allen Beteiligten und Fördern unendlich dankbar, dass wir diesen Rettungsversuch zusammen unternehmen konnten, dass ihnen diese Szene genauso wichtig ist wie mir. Das war eine sehr bereichernde Arbeit, weil viele Perspektiven, von belarusischen Kunstschaffenden, den Studierenden und Forschenden der Universität Leipzig und Viadrina zusammenkamen. Das Zusammenkommen von verschiedenen Perspektiven kann man gerade im Falle von Belarus, diesem Raum, der immer noch viel zu oft übersehen wird, gar nicht hoch genug schätzen. Das genaue Hinschauen von verschiedenen Perspektiven aus rettet diesen Raum, diese Erfahrungsgemeinschaft. Mit dem Begriff „Erfahrungsgemeinschaft” haben wir viel beim Workshop “Diffuse Zonen. Belarusische Kunst zwischen Widerstand und Konformismus” gearbeitet, den ich im Rahmen des SNF-Forschungsprojektes “Künste und Desinformation”, bei dem ich mitarbeite, organisieren konnte. Es ging darum, was wir als belarusische Kunstschaffende miteinander teilen, unabhängig davon, welche Sprache wir sprechen oder welcher Generation wir angehören: Das sind eben die Erfahrungen, in einem autoritären bzw. diktatorischen System, aber gleichzeitig im Schatten des imperialen Russlands und in der Unsichtbarkeit unabhängige Kunst zu machen. Wenn man von den Erfahrungsgemeinschaften her denkt, zeigen sich unerwartete Parallelen zu anderen Erfahrungsgemeinschaften. Die Erfahrung der Unsichtbarkeit kennen Menschen aus Russland zum Beispiel kaum, dafür aber Transpersonen, auch in westeuropäischen Ländern. </em></p>
<p><em>Für mich sind sowohl der genannte Workshop als auch das Buch „Befragungen am Nullpunkt” wie auch die Aktion „33 Bücher für ein anderes Belarus” Versuche, die „Erfahrungsgemeinschaft“ nicht nur zu erhalten, sondern auch zu erweitern, zu öffnen und nach Möglichkeit mit den anderen Erfahrungsgemeinschaften zu verknüpfen. Sowohl das Buch als auch der Workshop waren gesprächsorientiert. Meine tiefe Überzeugung ist, dass das Gespräch zu <u>der</u> Gattung unserer Zeit werden muss. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Genau das machen wir beide gerade. (Beide lachen)</p>
<p>Dazu passt auch, dass Sie in dem Buch einige Texte und Bilder zur Gattung Theater vorstellen. Theater ist vielleicht die Gattung, in der Gespräche und Perspektivwechsel offensichtlich immer eine zentrale Rolle spielen. Gleichviel in welcher Form, auch das Puppenspiel.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Ja, das Theater ist untrennbar mit dem Perspektivwechsel verbunden. Jeder Gang auf die Bühne bedeutet einen Perspektivwechsel. Als Zuschauerin erkläre ich mich bereit, die mir (auch ganz buchstäblich räumlich) angebotene Perspektive einzunehmen. Ob ich diese beibehalte, ist offen, aber zunächst nehme ich sie einmal ein und schaue. Das Schöne am Theater ist, dass das Angebot, eine bestimmte Perspektive einzunehmen, ganz offen stattfindet. In einer Diktatur wird einem auch eine Perspektive zugewiesen, dies allerdings versteckt. Das Theater der Diktatur gibt sich als solches nicht zu erkennen. </em></p>
<p><em>Aber zurück zum Buch: Was ich noch am Theater faszinierend finde, ist seine Gebundenheit an die Zeit. In unserem Band geht es unter anderem um eine Inszenierung von Jura Dziwakoũ. 2022 inszenierte er die Erzählung „Nastja” des russischen Autors Vladimir Sorokin. Er inszenierte sie in Polen unter anderem mit ukrainischen Schauspieler:innen. Allein die Konstellation von Stoff, Ort und Personen sorgte für viele Gespräche, es blieb aber nicht bei den Gesprächen, sondern sie ginge auch in Handlungen über. Die Möglichkeit des gemeinsamen Handelns ist das, was Jura Dziwakoũ am Theater am meisten schätzt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich darf Jura Dziwakoũ zitieren. Er sagt, er wolle im Theater <em>„Unterschiedliches übereinander zur Sprache bringen, ganz Unterschiedliches. So erforschen wir uns selbst, die anderen, den Raum, die Prozesse.“</em></p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Diese Aussage sehe ich als eine Leitlinie des gesamten Buches. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Ihrem Gespräch mit Jura Dziwakoũ sagen Sie: <em>„Wenn man die ganze Zeit darauf achtet, dass nichts Schlimmes passiert und nichts riskiert, dann passiert gar nichts.“ </em>Ihre Kollegin <a href="https://secondaryarchive.org/artists/antonina-slobodchikova/">Antanina Slabochykava</a> kommentiert: <em>„Das ist so schrecklich“</em>. Und Sie sagen: <em>„Ganz schrecklich.“</em></p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Man muss sich auf die Reise begeben. Es ist irgendwie eine typische Heldenreise, zu der man aufbrechen muss.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die <em>„kreative Dienstreise“</em>!</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: (Lacht) <em>Ja, genau. Man kann hoffen, dass diese erzwungenen kreativen Durchreisen, auf denen sich viele belarusische Kunstschaffende gerade befinden, zu „Heldenreisen”, wie sie in den Theorien zu der Märchen- und Mythosstruktur. Da ist es auch oft eine Schädigung, die die Abenteuerreise auslöst, und die Helden kehren mit „Schätzen” zurück. </em></p>
<p><em>Im antiken Roman fielen die Abenteuerreisen der Helden aus der Zeit zurück, wenn sie am Ziel ankamen, waren sie nicht gealtert, es war gar keine Zeit vergangen. In der Realität ist es umgekehrt: Eine Rückkehr ist eigentlich unmöglich. Sowohl die Menschen, die weggegangen sind, wie auch diejenigen, die geblieben sind, werden sich durch ihre Erfahrungen sehr stark verändert haben. Es werden andere Menschen sein und ein anderes Land. Wenn jemand sich aber gar nicht verändert, einfriert, die neuen Erfahrungen gar nicht an sich heranlässt, ist es viel tragischer. </em></p>
<p><em>Mein Leben in Zürich und speziell meine Arbeit am Slavischen Seminar sehe ich übrigens gar nicht als Dienstreise, sondern eher als Ankommen. Ich habe das Gefühl, endlich einen Raum gefunden zu haben, in dem ich mit allen meinen Themen, sei es belarusische Kunstszene oder Übersetzung, präsent sein kann. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In dem Buch „Befragungen am Nullpunkt” entstehen auch durch die unterschiedlichen Farben neue Perspektiven. Die deutschsprachigen Texte sind in roter Farbe, die belarusischsprachigen in schwarz abgedruckt. Immer wieder auch einige Textpassagen im Großdruck, geradezu als Bojen im Meer der Eindrücke.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Wir haben viel Liebe hineingesteckt. Die visuelle Gestaltung, bei der die Bilder mal als visuelle Kommentare, mal als selbständige parallele Statements gedacht sind, hat Antanina Slabodchykava konzipiert. Man bekommt mit dem Buch eigentlich einen ziemlich spannenden Katalog mit Werken belarusischer Kunstschaffender aus verschiedenen Jahren. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie wird das Buch „Befragungen am Nullpunkt“ aufgenommen?</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Bisher habe ich nur Reaktionen aus dem engeren Kreis erhalten. Vor allem aus dem universitären Bereich. Es gibt immer mehr Kolleg:innen, für die Belarus zum Interessengebiet wird – auch hier in Zürich. Das Buch wird da sofort in die Arbeit integriert. Auch für die belarusische Kunstszene ist es zweifelsohne ein Ereignis. Es muss aber anscheinend noch einiges passieren, bis ein solches Buch die Chance hat, in einer deutschsprachigen Zeitung ganz normal rezensiert zu werden.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine solche Rezension ist jetzt auch unser Gespräch.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: A<em>bsolut! Und dabei eine, die das Buch in einen viel breiteren Kontext stellt.</em> <em>Ich bin da sehr dankbar. Ich bin leider nicht verwöhnt. Man muss beim Thema Belarus immer damit rechnen, dass es längere Zeit dauert, bis man auf das Interesse stößt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie geht es mit der Aktion „33 Bücher für ein anderes Belarus” weiter? Vielleicht erzählen Sie ein wenig über die Bücher, die Sie schon verlegt haben?</p>
<div id="attachment_7307" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7307" class="wp-image-7307 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Minskaja-Skola-Wespennest-300x300.jpg" alt="" width="300" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Minskaja-Skola-Wespennest-66x66.jpg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Minskaja-Skola-Wespennest-150x150.jpg 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Minskaja-Skola-Wespennest-200x200.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Minskaja-Skola-Wespennest-300x300.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Minskaja-Skola-Wespennest-400x400.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Minskaja-Skola-Wespennest-600x600.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Minskaja-Skola-Wespennest-768x768.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Minskaja-Skola-Wespennest-800x800.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Minskaja-Skola-Wespennest-1024x1024.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Minskaja-Skola-Wespennest-1200x1200.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Minskaja-Skola-Wespennest-1536x1536.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7307" class="wp-caption-text">Minskaja Škola und die Zeitschrift Wespennest. Foto: Iryna Herasimovich.</p></div>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: Gerade ist <em>das achte Buch erschienen. Es ist der fünfte </em><a href="https://www.33booksforanotherbelarus.ch/de/news/News-Minsker-Schule"><em>Almanach der Minsker Schule</em></a><em>, eine Kooperation des Herausgebers Dmitri Strozew mit Andrea Zederbauer von der österreichischen Zeitschrift </em><a href="https://wespennest.at/"><em>Wespennest</em></a><em>. Die Minsker Schule befasst sich unter anderen mit den unterschiedlichen Sprachen in Belarus, das Belarusische, das Jiddische, das Polnische, das Russische. Das Heft widmet sich dem Dialog der belarusischen Autor:innen untereinander sowie dem Dialog mit Literaturszenen anderer Länder, insbesondere der Ukraine und Israel. Wir sind sehr stolz auf diese Kooperation mit Wespennest. Wespennest gehört zu den Partnern, die sehr gut verstanden haben, worum es bei unserem Projekt geht. Es gibt in der Zeitschrift “Wespennest” eine eigene Reportage von Dmitri Strozew. Und die Namen von den beiden Partnern erscheinen auf den beiden Covern. Solche sichtbaren Zeichen von Kooperation bewegen uns sehr. Das kommt nicht jeden Tag vor.</em></p>
<p><em>Wir haben auch das </em><a href="https://www.33booksforanotherbelarus.ch/de/books/ostap-slyvynsky-das-worterbuch-des-krieges#about_book"><em>„Wörterbuch des Krieges“</em></a><em> von Ostap Slyvynsky (deutsche Ausgabe: Berlin, fototapeta, 2023) veröffentlicht, die erste Übersetzung aus dem Ukrainischen. </em><a href="https://www.wordsforwar.com/ostap-slyvynsky-bio"><em>Ostap Slyvynsky</em></a><em> kommt aus Lviv. Er hat dort Geschichten gesammelt, weil er beschlossen habe er könne jetzt keine Gedichte schreiben, aber er wolle seine Stimme den Menschen geben, die ihre Erfahrungen mitteilen wollen. Es ist ein sehr schmerzender offener Erfahrungsraum, der jeweils an den einzelnen Wörtern festgemacht wird. Das Buch zeigt, wie der Krieg die Bedeutung einzelner Wörter verändert.</em></p>
<div id="attachment_7308" style="width: 247px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7308" class="wp-image-7308 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Der-mazedonische-Verleger-Robert-Alagjozovski-mit-dem-Buch-von-Akudovich--237x300.jpg" alt="" width="237" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Der-mazedonische-Verleger-Robert-Alagjozovski-mit-dem-Buch-von-Akudovich--200x253.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Der-mazedonische-Verleger-Robert-Alagjozovski-mit-dem-Buch-von-Akudovich--237x300.jpg 237w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Der-mazedonische-Verleger-Robert-Alagjozovski-mit-dem-Buch-von-Akudovich--400x506.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Der-mazedonische-Verleger-Robert-Alagjozovski-mit-dem-Buch-von-Akudovich--600x759.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Der-mazedonische-Verleger-Robert-Alagjozovski-mit-dem-Buch-von-Akudovich--768x972.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Der-mazedonische-Verleger-Robert-Alagjozovski-mit-dem-Buch-von-Akudovich--800x1012.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Der-mazedonische-Verleger-Robert-Alagjozovski-mit-dem-Buch-von-Akudovich-.jpg 806w" sizes="(max-width: 237px) 100vw, 237px" /><p id="caption-attachment-7308" class="wp-caption-text">Robert Alagjozovski, Herausgeber des belarusischen Autors Valjancin Akudovich. Foto: Goten Publishing.</p></div>
<p><em>Und sehr stolz sind wir auch auf das Buch </em><a href="https://www.33booksforanotherbelarus.ch/de/books/Das-Rascheln-des-Schweigens#about_book"><em>„Das Rascheln des Schweigens“</em></a><em> von Valjancin Akudovič. Ein nordmazedonischer Verlag, Goten Publishing, gibt ein belarusisches Buch heraus. Das Buch behandelt die belarusische Identität, die Frage, wie man sich selbst verorten kann, zwischenmenschlich, politisch, kulturell, ohne vielleicht unbedingt auf nationale Kategorien zurückzugreifen. Akudovič ist ein sehr bekannter Autor in Belarus. Sein programmatischer Essay heißt “Eines Morgens im eigenen Land erwachen” kennen sehr viele Wie kann man ein Land, das zwar unerwartet entsteht, aber doch ein unverkennbar eigenes ist, in die eigene Biografie einschreiben. Das ist auch in Nordmazedonien ein Thema.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Darf ich die <a href="https://33booksforanotherbelarus.ch/de/books/Verkehrungen">„Verkehrungen ins Gegenteil“</a> von Sylvia Sasse hervorheben (deutsche Ausgabe: Berlin, Matthes &amp; Seitz, 2023)? Das ist ein hervorragendes Buch, meines Erachtens eines der besten Bücher, die über die leidigen Themen der Identitätspolitik, der Okkupation von Sprache beziehungsweise der Täter-Opfer-Umkehr von Sprache geschrieben wurden. Im Grunde bietet es eine zeitgemäße Ausformung des „Newspeak“ von George Orwell.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Dieses außerordentlich wichtige Buch übersetzen wir jetzt ins Russische, geben es aber im belarusischen Verlag Lohvinaŭ heraus. Wir denken, dass das Zielpublikum zu einem großen Teil russischsprachig ist. </em></p>
<h3><strong>Überleben in der Diaspora</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In einem Text von „Befragungen am Nullpunkt“ spricht einer der Autoren ausdrücklich über <em>„Identitätsbildung“</em> durch Kultur, in Verbindung mit <em>„Illusionen der Globalisierung“</em>. Es gebe keine Teleologie, sondern <em>„konkurrierende Systeme“. </em>Es sei notwendig, <em>„dass die Abkapselung der Nationen durch die horizontalen Verbindungen zwischen den Kulturen der Gemeinschaften durchbrochen wird, die gemeinsame Werte und Vorstellungen teilen.“</em> Das hat schon etwas Dialektisches im Hinblick auf die Globalisierung, die im Zuge des Isolationismus verschiedener Kulturen, nicht zuletzt in Russland, Belarus und anderen Diktaturen, zurzeit mit noch offenem Ergebnis auch in den Debatten in den USA, in sehr schwierige illiberale, anti-liberale und autoritäre bis totalitäre Fahrwasser geraten ist. Wenn ich diese Metapher verwenden darf. Aber einer der Autoren im Buch sagt auch: <em>„Selbst in den düstersten totalitären Regimen wird Kultur nicht monolithisch sein.“</em></p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Das ist wahr, und es ist ganz wichtig, sich um die feinen Unterschiede zu bemühen. Deswegen interessieren mich unter anderem auch „diffuse Zonen”: die Zonen des Zusammen- und Aufeinanderwirkens der staatlichen und der unabhängigen Kulturszene, sei es im Bereich der Narrative oder der Institutionen. </em></p>
<p><em>Belarus wird außerdem oft auch kulturell in einem Monolith mit Russland gedacht. Immer wieder finde ich mich in den Situationen wieder, wenn ich etwas über Belarus erzähle und als Reaktion „ja, in Russland ja auch…” erhalte, als würden die Situationen nahtlos ineinander übergehen. Aber selbst auf der Ebene der staatlichen Repressionen ist die Lage unterschiedlich: In Russland geht erstaunlicherweise noch mehr als in Belarus. Ich staune, wenn ich höre, dass etwa das Buch von Maria Stepanova, auf Deutsch </em><a href="https://www.perlentaucher.de/buch/maria-stepanova/der-absprung.html"><em>„Der Absprung“</em></a><em> (Berlin, Suhrkamp, 2024), oder das Tagebuch von </em><a href="https://www.podcast.de/episode/635108127/vom-ende-der-welt"><em>Natalja Kljutscharjowa</em></a><em> <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/natalja-kljutscharjowa-tagebuch-vom-ende-der-welt-t-9783518127810">„Tagebuch vom Ende der Welt“</a> (Berlin, edition suhrkamp, 2023) in Russland zwar unter der Hand vertrieben und mit geschwärzten Wörtern, aber doch erscheinen können. In Belarus werden nicht einzelne Wörter oder Sätze geschwärzt, sondern ganze Verlage zwangsliquidiert. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Beide Autorinnen, die Sie nannten, leben inzwischen in Deutschland. Die Spielräume werden immer enger. In Russland werden die Gesetze gegen sogenannte <em>„ausländische Agenten“</em> immer weiter verschärft. Und andere Länder nehmen sich das inzwischen zum Vorbild, zum Beispiel Georgien, Ungarn, auch die Slowakei. Aber kann man sagen, dass die Kultur aus Belarus zurzeit vor allem im Ausland, in der Diaspora überlebt?</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Jein. Einerseits schon. Aber es sind noch viele im Land. Es sind nicht alle ausgereist. Ich kenne mehrere Autorinnen und Autoren, die in Belarus bleiben wollen, mit ihren Themen, ihrer Geschichte, dort Widerstand leisten. Wir dürfen sie nicht vergessen, wenn wir über die Kultur in und aus Belarus sprechen. Belarus ist ein ziemlich isoliertes Land. Es ist so gut wie unmöglich, ein Visum zu bekommen, nicht nur wegen der Lage im Land, sondern auch wegen der Sanktionen. Um einen Termin bei der deutschen Botschaft zu bekommen, muss man mindestens ein bis zwei Jahre warten. Ansonsten geht es noch in der italienischen Botschaft, aber auch das ist nicht so einfach. Es sind wiederum sehr intransparente Prozesse. In der Protestbewegung gab es viele Menschen, die mit dem System nicht einverstanden waren. Viele andere solidarisierten sich mit der Protestbewegung, mussten aber bleiben. Einige haben kranke Eltern, um die sie sich kümmern müssen, oder Kinder. Sie brauchen Wege, um auszureisen, aber nicht alle haben diese Wege.</em></p>
<p><em>Es ist auch nicht so, dass die Menschen hier in Westeuropa mit offenen Armen empfangen werden. Es gibt hier selten offenen Türen. Es ist schwer, sich in einem fremden Land etwas aufzubauen, vor allem wenn man die Sprache nicht kennt. Es gibt Künstler, die in einer Fabrik oder auf einer Baustelle arbeiten müssen, um zu überleben. Einer der Künstlerfreunde sagte neulich, er müsse bald Taxi fahren, und das war nur halb im Scherz. Sie versuchen, etwas aufzubauen. </em></p>
<p><em>Vieles hängt von Menschen ab, auf die man in den jeweiligen Ländern trifft. Für manche ist Belarus Ko-Aggressor mit Russland, mitschuldig am Krieg in der Ukraine. Man hat dann eher wenig Aufmerksamkeit dafür, dass Menschen aus Belarus, die hier im Westen sind – nicht alle –, selbst Betroffene sind. Ich habe einen belarusischen Pass, aber ein solcher Pass ist auch ein Instrument für Schikanen. Es gilt zum Beispiel nur eine Vollmacht, die in Belarus erstellt wird.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie haben nur einen belarusischen Pass?</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Ja. In der Schweiz habe ich eine </em><a href="https://einwandern-schweiz.ch/arbeiten-in-der-schweiz/b-bewilligung-schweiz-ein-umfassender-ratgeber/"><em>B-Bewilligung</em></a>.<em> Die Bewilligung ist an meinen Vertrag mit der Universität Zürich gebunden. Abgesichert bin ich nicht. Wenn der Vertrag ausläuft, muss ich eine neue Anbindung, ein neues Projekt suchen. Aber ich habe, wie gesagt, das Glück, am Slawischen Seminar ein Umfeld gefunden zu haben, in dem ich mich sehr willkommen fühle, daher bin ich eher zuversichtlich. </em></p>
<p><em>Wer die Sprache nicht beherrscht, hat es viel schwerer. Es gibt prominente Persönlichkeiten unter den Kunstschaffenden, die ihr gesamtes Umfeld verloren haben, aber auch keine enge Anbindung an eine Institution in Westeuropa gefunden haben. Das ist schon ziemlich tragisch.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juni 2025, Internetzugriffe zuletzt am 30. Juni 2025. Titelbild: Hans Peter Schaefer aus der Serie „Deciphering Photographs“.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>&#8222;Sehende Menschen machen mir Hoffnung&#8220;</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/sehende-menschen-machen-mir-hoffnung/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 03 Dec 2022 09:59:45 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>„Sehende Menschen machen mir Hoffnung“ Ein Gespräch mit der belarussischen Übersetzerin und Kulturvermittlerin Iryna Herasimovich „Von den Ukrainern, den Russinnen und den Belarussen zu sprechen, verdeckt aus meiner Sicht das Wesen dieses Krieges. Dies ist ein Krieg einer imperialen Macht gegen die pluralistische, freiheitliche Demokratie. So gesehen sind die Revolution in Belarus, die oppositionellen  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-5 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-4 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-5" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>„Sehende Menschen machen mir Hoffnung“</strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit der belarussischen Übersetzerin und Kulturvermittlerin</strong> <strong>Iryna Herasimovich</strong></h2>
<p><em>„</em><em>Von <u>den</u></em> <em>Ukrainern, <u>den</u></em> <em>Russinnen und <u>den</u></em> <em>Belarussen zu sprechen, verdeckt aus meiner Sicht das Wesen dieses Krieges. Dies ist ein Krieg einer imperialen Macht gegen die pluralistische, freiheitliche Demokratie. So gesehen sind die Revolution in Belarus, die oppositionellen Proteste in Russland und der Kampf gegen Putins Angriffskrieg in der Ukraine Glieder von ein und derselben Kette. Immer wieder habe ich den Satz gehört: ‚Wie können wir euch helfen?‘ Dabei wäre die größte Hilfe, nicht mehr in den Kategorien <u>wir</u></em> <em>und <u>ihr</u></em> <em>zu denken.“ </em>(Iryna Herasimovich, <a href="https://www.republik.ch/2022/03/09/im-dazwischen-von-iryna-herasimovich">„Im Dazwischen“</a>, in: Republik 9. März 2022, mit Bildern von Christian Grund)</p>
<p>Wer ist in Europa eigentlich wer? Wer sind <em>„wir“</em>, wer sind <em>„die anderen“</em>. Was geschieht, was geschah jenseits, das heißt im westlichen Denken immer östlich von Oder, Bug und Dnister? Sofern jemand in Deutschland weiß, durch welche Länder und an welchen Grenzen Bug und Dnister fließen. Es hat sich mit dem 24. Februar 2022 schon etwas verändert, weil man auch in Deutschland zu merken begann, dass die Warnungen aus Polen und den baltischen Staaten vor einer russischen Bedrohung, die man zuvor nicht hören wollte, sich bewahrheiteten.</p>
<div id="attachment_2639" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2639" class="wp-image-2639 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Veranstaltung-Schweigen-das-in-den-Ohren-brennt-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Veranstaltung-Schweigen-das-in-den-Ohren-brennt-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Veranstaltung-Schweigen-das-in-den-Ohren-brennt-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Veranstaltung-Schweigen-das-in-den-Ohren-brennt-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Veranstaltung-Schweigen-das-in-den-Ohren-brennt-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Veranstaltung-Schweigen-das-in-den-Ohren-brennt-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Veranstaltung-Schweigen-das-in-den-Ohren-brennt-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Veranstaltung-Schweigen-das-in-den-Ohren-brennt-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Veranstaltung-Schweigen-das-in-den-Ohren-brennt-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Veranstaltung-Schweigen-das-in-den-Ohren-brennt-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-2639" class="wp-caption-text">Veranstaltung &#8222;Schweigen das in den Ohren brennt&#8220; am 27. November 2022. Von links nach rechts: Iryna Herasimovich, Yirgalem Fisseha Mebrahtu, Sabina Brilo, Zmicier Vischniou, Foto: Nikita Fedosik</p></div>
<p>Manche Zögerlichkeiten in der deutschen Politik lassen sich vielleicht gerade daraus erklären, dass man es bei allen rhetorischen Bekenntnissen zur Ukraine eigentlich noch immer nicht glauben möchte, aber die Fakten sprechen eine deutliche Sprache. Doch was ist mit Belarus? Im Sommer 2020 gab es zahlreiche Berichte in den deutschen Medien über die belarussische Opposition, über den Wahlbetrug des herrschenden Diktators Aljaksandr Lukaschenka, doch mit der Zeit verschwand diese Aufmerksamkeit.</p>
<p>Jetzt – im Herbst 2022 – denkt man bei Nachrichten aus dem Osten vielleicht an Polen und die baltischen Staaten, vor allem aber an die Ukraine. Doch was ist mit Belarus? Darüber habe ich mit Iryna Herasimovich gesprochen, die im Jahr 1978 in Belarus geboren wurde, dort Deutsch lernte und studierte, sich in der alternativen belarussischen Kulturszene engagierte, dann aber im Jahr 2021 in die Schweiz emigrierte. Dort arbeitet sie inzwischen am Slavischen Seminar der Universität Zürich. Den Kontakt vermittelte mir Ines Geipel, die ein <a href="https://www.emma.de/artikel/die-rolle-der-frauen-belarus-338829">Interview mit Iryna Herasimovich am 6. August 2022 in der „Emma“</a> veröffentlicht hat. In diesem Gespräch sagte Iryna Herasimovich, dass es um mehr gehe als nur um die Frage der staatlichen Gewalt: <em>„Meine große Hoffnung ist, dass die belarussische Gesellschaft, wenn sie überlebt, sensibler in Bezug auf jede Art von Gewalt sein wird. Nicht nur in Bezug auf die staatliche Gewalt, sondern auch in Bezug auf die private Gewalt. Das hängt ja zusammen.“ </em></p>
<p>Schließlich geht es um Sichtbarkeit. Dies benennt Iryna Herasimovich am Schluss des Textes „Im Dazwischen“ als die eigentliche Aufgabe ihrer Arbeit im Exil: <em>„</em><em>Diesen Text zu schreiben, war für mich ein Wagnis. Der Krieg in der Ukraine hat auch mich sprachlos gemacht. Ich bin dieser Sprachlosigkeit noch längst nicht entkommen, aber ich kann sie sichtbar machen und teilen. Vielleicht hilft das nicht nur mir.“</em></p>
<h3><strong>Büchners Woyzeck und der Weg nach Zürich</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Seit etwa einem Jahr leben Sie in Zürich. Sie sind nicht mehr nach Belarus zurückgekehrt. Sie sind Übersetzerin, Dramaturgin, Kuratorin und knüpfen in Zürich an Ihre vorangegangene Tätigkeit als Übersetzerin deutschsprachiger Literatur ins Belarussische an.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Ich komme aus Belarus und lebe jetzt seit etwas mehr als einem Jahr in der Schweiz. 2021 habe ich Belarus verlassen. Ich bin eigentlich nicht zurückgegangen, nachdem es zu der erzwungenen Flugzeuglandung zur </em><a href="https://www.dw.com/de/belarus-f%C3%A4ngt-flugzeug-ab-und-nimmt-aktivist-fest/a-57636232"><em>Verhaftung von Roman Protassewitsch</em></a><em> kam. Es war für mich zu riskant. Ich hatte das Gefühl, jetzt ist alles möglich. Weil ich die Ereignisse in Belarus von Anfang an kommentiert habe, habe ich beschlossen, nicht zurückzugehen. In Belarus war ich in der alternativen Kulturszene unterwegs, als Übersetzerin, als Kuratorin. Ich habe verschiedene Ausstellungen kuratiert. Ich habe mit Theaterleuten zusammengearbeitet, Projekte gemacht wie eine Theatersommerschule, auch als Übersetzerin und als Dramaturgin bei den Aufführungen mitgemacht. Das war spartenübergreifend.</em></p>
<p><em>Studiert habe ich in Minsk Deutsch als Fremdsprache (DaF) und Literaturwissenschaft. Ich habe ein paar Jahre an unterschiedlichen Hochschulen Deutsch unterrichtet, Deutsch als Fremdsprache. Ich war wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Deutschlandstudien. Seit 2009 bin ich freiberuflich in Minsk tätig. Jetzt arbeite ich an der Universität Zürich. Seit dem 1. August 2022 habe ich eine Forschungsstelle im Forschungsprojekt „Kunst und Desinformation“. Ich arbeite nach wie vor auch freiberuflich als Referentin, als Autorin. Ich schreibe für verschiedene Zeitungen, bin aber vor allem Übersetzerin. Ich habe zeitgenössische Autor:innen aus dem deutschsprachigen Bereich ins Belarussische übersetzt, beispielsweise </em><a href="https://www.lukasbaerfuss.ch/"><em>Lukas Bärfuss</em></a><em>, </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Jonas_L%C3%BCscher"><em>Jonas Lüscher</em></a><em>, </em><a href="http://www.ilmarakusa.info/"><em>Ilma Rakusa</em></a><em>, </em><a href="https://franzhohler.ch/"><em>Franz Hohler</em></a><em>, viele Schweizer, daher auch meine Verbindungen in die Schweiz. Ich habe </em><a href="https://michael-kumpfmueller.de/autor/"><em>Michael Kumpfmüller</em></a><em>, auch den Woyzeck von Georg Büchner ins Belarussische übersetzt. </em></p>
<p><em>Zurzeit bin ich mittendrin in einem Rechercheprojekt. Ich möchte eine Doktorarbeit über die Woyzeck-Rezeption in Osteuropa schreiben. Das ist an der Universität Zürich möglich. Mich interessiert sehr, warum der Woyzeck so in Osteuropa herumgeistert. In Belarus gab es vier Aufführungen, ganz viele in der Ukraine, in Russland, in Serbien, in Bulgarien. Ich habe selbst am Woyzeck gearbeitet, er wurde dann 2017 aber vom Spielplan abgesetzt. Der Intendant nannte das Stück ein „Teufelswerk“. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Nannte er einen Grund?</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Dazu hat er nichts Plausibles gesagt. Das möchte ich bei meiner Recherche noch herausfinden, warum der Woyzeck so eine Wirkung hat. Vielleicht, weil Woyzeck so unideologisch ist? Büchner hat im Woyzeck keine ideologische Basis, er hat keinen Standpunkt, von dem aus er bewertet.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Meines Erachtens liegt die Ideologie mehr in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Büchner entlarvt Gewaltbeziehungen, beispielsweise in den Szenen mit dem Arzt oder dem Hauptmann.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Ja, das stimmt. Aber die Frage ist auch, wo ist diese Gewalt, ist sie in uns, zwischen uns? So wie </em><a href="https://www.youtube.com/watch?v=fz6YLVP1CrQ"><em>Lukas Bärfuss in seiner Büchner-Rede</em></a><em> sagte, es ist zwischen uns? Woher kommt das? Oder ist es etwas genuin Menschliches, etwas, das wir gar nicht loswerden können? Wann wird das eingeschaltet? Woyzeck ist in Osteuropa, im slawischen Raum, vor allem interessant, wenn es zu Krisensituationen kommt, zum Beispiel in der Wendezeit oder auch nach den Protesten in Belarus. Viele von den Theatermacher:innen, die sich am ersten Woyzeck beteiligt haben, haben 2020 aus Protest des Janka-Kupala-Theater verlassen. Bereits im Herbst 2020 inszenierten sie einen neuen Woyzeck, diesmal in der Regie von Raman Padaliaka. </em><a href="https://youtu.be/L5-T386CgXE"><em>Dieser Woyzeck hatte einen unmittelbaren Bezug zu den Protesten.</em></a></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Warum gerade der Woyzeck?</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Ich kann die Frage noch nicht beantworten. Vielleicht, weil in diesem Stück so explizit die Frage nach Macht und Gewalt verhandelt wird. Vielleicht weil das Fragmentarische ziemlich genau den Zusammenbruch auffängt. Ich möchte natürlich auch die Übersetzungen analysieren, denn es ist eine große Herausforderung, diesen Text zu übersetzen. Es ist eine gebrochene Sprache. Was macht man mit den Lakunen und dem Fragmentarischen</em>, <em>den Doppeldeutungen, was ist da möglich, überhaupt wie diese Sprache funktioniert. Georg Büchner provoziert, er sticht in uns mit seinen Sätzen und befördert dabei Fragen über Fragen an das Tageslicht, die man immer wieder neu beantworten muss, aber nie vollständig beantworten kann. Eine Krise, eine gesellschaftliche wie persönliche ist die Zeit der Befragungen, vielleicht wendet man sich deswegen an Woyzeck in Krisenzeiten? Ich bin dabei, das herauszufinden.</em></p>
<h3><strong>Im Halb-Untergrund</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Darf ich fragen, wer Ihre Übersetzungen abnimmt?</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Das ist eine gute Frage. Ich übersetze ja ins Belarussische. Die alternative Kulturszene hat seit der Wendezeit, auch schon davor, vor allem auf Belarussisch funktioniert. Das Belarussische war in der sowjetischen Zeit eine Sprache des Widerstands gegen das sowjetische System, gegen dieses imperiale Russland, gegen die Russifizierung. Man muss auch wissen, dass Belarussisch in den 1930er Jahren künstlich an das Russische herangebracht wurde, die Texte wurden umgeschrieben, es gab neue Wörterbücher. Es gibt heute drei Varianten der belarussischen Sprache, die vorreformierte, die nachreformierte und die neue. Diese Thematik hat viele Spannungen, Reibungen. Belarussische Dialekte werden eher in den Dörfern gesprochen, ausgenommen in der alternativen Kulturszene, die eher auf Belarussisch funktioniert. Es gibt auch eine Mischvariante zwischen Russisch und Belarussisch, genannt Trasjanka vom „dreschen&#8220;, also gedroschene Sprache. Aber auch diese Situation ist nicht statisch, sondern verändert sich. </em></p>
<p><em>Ich habe mit kleinen unabhängigen Verlagen gearbeitet, von denen es heute kaum noch einen gibt, keinen, der ungestört arbeiten kann, auch weil alles sehr intransparent ist. Einem (Verlag) ist die Lizenz entzogen worden, bei einem anderen sind die Konten blockiert, einer war im Gefängnis, einige mussten das Land verlassen, um nicht ins Gefängnis zu kommen. Zurzeit könnte ich solche Bücher, wie ich sie früher gemacht habe, nicht mehr machen. Es waren keine großen Auflagen, aber in besseren Zeiten wurden sie ganz normal in Buchhandlungen verkauft. Nicht ganz so normal, denn die Bücher aus unabhängigen Verlagen standen viel zu oft ganz unten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: So eine Art „Bückware“? Man musste wissen, dass es sie gibt?</p>
<div id="attachment_2638" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2638" class="wp-image-2638 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Woyzeck175-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Woyzeck175-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Woyzeck175-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Woyzeck175-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Woyzeck175-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Woyzeck175-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Woyzeck175-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Woyzeck175-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Woyzeck175.jpg 1200w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-2638" class="wp-caption-text">Szene aus Woyzeck, Foto: Varvara und Siarhei Miadzevedzieu.</p></div>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Ja, eher für Insider, Menschen, die sich für die unabhängige Kulturszene interessierten. Wir hatten aber auch Lesungen, an denen ganz viele Menschen teilnahmen, auch sehr unterschiedliche. Ich erinnere mich an Lesungen mit Jonas Lüscher, in Minsk, in Witebsk, dort waren wir im Rathaus. Es war ein buntes gemischtes Publikum.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es gab somit vor der offenkundigen Wahlfälschung und den folgenden Protesten in Belarus ein vielfältiges Kulturleben, nicht als Mainstream, aber aktiv und in den Kreisen bekannt, die sich für diese Kulturszene interessierten. Oder überschätze ich das?</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Im Untergrund. Es war so ein Halb-Untergrund. Immer wieder kam die Frage, darf man überhaupt mit den staatlichen Institutionen arbeiten und wenn ja wie. Zwei Positionen waren am meisten verbreitet, die einen sagten, wir wollen mit den staatlichen Institutionen gar nichts zu tun haben, die anderen wollten über die Zusammenarbeit dieses scheinbar monolithische Gebilde des Staates ein wenig lockern. Es gab natürlich auch welche dazwischen, wie auch solche Menschen, die sich nicht viele Gedanken darüber gemacht haben. Es war ja auch dort nicht so einheitlich. Man muss es sich so vorstellen, es war nicht so streng. Bei den Protesten hat man ja auch gesehen, dass viele Künstlerinnen und Künstler, die in staatlichen Institutionen gearbeitet haben, gegen die Gewalt aufgetreten sind und dann auch das Land verlassen mussten.</em></p>
<p><em>Ich spreche von Untergrund in folgenden Kontexten: erstens hatten wir keine staatliche Unterstützung, gerade diejenigen, die in der alternativen Szene waren, wir kannten auch die „Regeln“ nicht, und es konnte sein, dass man die „Regeln“, die man nicht kannte, verletzte, dann gab es Konsequenzen. Ich habe beispielsweise ein Projekt zu Kunst im öffentlichen Raum für das Goethe-Institut kuratiert, bei dem</em> <em>ein Künstler mit Würfeln mit dem Titel „Personalmonument“ arbeitete. Er wollte erforschen, wie ein Gegenstand im öffentlichen Raum, der kontrolliert ist, mit Inhalten gefüllt wird. Es waren vier Würfel, die er in der Stadt aufgestellt hatte, er beobachtete, wie die Passanten auf diese Würfel reagierten. Auf dem Oktoberplatz, auf dem Kundgebungen stattfanden, wurde er wurde verhaftet, war auf der Polizeistation, kam wieder heraus, es gab eine Gerichtsverhandlung. Er wurde sogar freigesprochen, kein Straftatbestand lag vor. </em></p>
<p><em>Aber durch die Reaktionen des Goethe-Instituts, das sich von dieser Geschichte eher distanziert hat, und einiger Kolleg:innen aus der Kulturszene habe ich gelernt, dass die Willkür des Staates funktioniert, in vielem gerade deswegen, weil es Leute gibt, die versuchen, alles richtig zu machen und sich rauszuhalten.</em></p>
<p><em>Das war 2012. Diese Situation hat für mich eine gewisse Wende markiert. Ich war von vielen Kolleg:innen enttäuscht und hatte danach viel weniger Illusionen. Ich habe verstanden, dass das Staatssystem unter anderem durch die kleinen Schritte der Menschen, durch kleine Verschiebungen so produktiv wird: jemand will nicht auffallen, ein anderer bangt um die Förderung, jemand ist überzeugt, dass man am besten vorsichtig sein soll und selber schuld ist, wenn man es nicht ist. Es sind keine großen Entscheidungen, sondern eben kleine Verschiebungen in den Einschätzungen und im Handeln, verschwiegene Konflikte, Verzicht auf die eigene Sensibilität und das kritische Denken &#8211; das alles stärkt letztendlich das System.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Schikanen und Einschüchterungen.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Ja, und auch vorauseilender Gehorsam, nicht dahinterstehen, sich die Sache schönreden, all diese Verschiebungen, diese Selbst-Manipulationen. Die finde ich ganz schlimm. Es war 2020, da war ich noch in Belarus, da habe ich Brecht übersetzt, für das Janka Kupala Theater, das jetzt auch Belarus verlassen musste, es war das Stück „Furcht und Elend des Dritten Reiches“. Es wurde auf youtube aufgeführt, dann auch mit einer richtigen Premiere in Augsburg, am Vorabend des Krieges, am 23. Februar 2022.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es wurde nicht in Belarus aufgeführt?</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <a href="https://www.youtube.com/@kupalaucy"><em>Auf youtube</em></a><em>. </em><em>Der Link wird allerdings nur an bestimmten Tagen für einige Stunden zugänglich. Am ersten Abend gab es 30.000 Zuschaltungen! Ich habe die Kommentare verfolgt und habe Gänsehaut bekommen, weil die Menschen so gut die Parallelen gesehen haben. Gerade bei Brecht. Das war unheimlich und ich habe zugleich Hoffnung. Sehende Menschen machen mir Hoffnung. </em></p>
<h3><strong>Sprachspiele mit Adrenalin</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Minsk haben Sie am Institut für Deutschlandstudien gearbeitet. Davor haben Sie an der Linguistischen Universität in Minsk deutsche Sprache und Literatur studiert. Haben Sie dort Deutsch gelernt oder schon vorher?</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>:<em> Ich habe in der Schule Deutsch gelernt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie kam es dazu, dass Sie schon in der Schule Deutsch lernten?</p>
<div id="attachment_2632" style="width: 235px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2632" class="wp-image-2632 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Artikel-in-der-NZZ-Doppelportraet-mit-Jonas-Luescher-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Artikel-in-der-NZZ-Doppelportraet-mit-Jonas-Luescher-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Artikel-in-der-NZZ-Doppelportraet-mit-Jonas-Luescher-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Artikel-in-der-NZZ-Doppelportraet-mit-Jonas-Luescher-400x533.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Artikel-in-der-NZZ-Doppelportraet-mit-Jonas-Luescher-600x800.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Artikel-in-der-NZZ-Doppelportraet-mit-Jonas-Luescher.jpg 768w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /><p id="caption-attachment-2632" class="wp-caption-text">Doppelportrait Iryna Herasimovich und Jonas Lüscher in der NZZ. Foto: privat.</p></div>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Ich bin eigentlich eher zufällig in diesen Bereich hineingerutscht. Ich bin in einem Dorf aufgewachsen. Deutsch war in der Sowjetunion eine Sprache, die in Dorfschulen unterrichtet wurde. Wir hatten russischsprachigen Unterricht, aber Deutsch als Fremdsprache. In den städtischen Schulen wurde eher Englisch als Fremdsprache unterrichtet. Deutsch war in meiner Schule Pflichtfach. Mir war klar, dass ich etwas mit Sprache machen wollte, auch etwas mit Kunst, denn ich hatte auch eine Kunstschule besucht. Ich war da unentschieden. </em></p>
<p><em>In Belarus ist es schon so, dass man nach der Schule ein Studium braucht. Es ist untypisch, dass man eine Zeit lang etwas anderes macht. So wurde es die Linguistische Universität. Ich habe sie allerdings nicht besonders gemocht, mich dort unwohl gefühlt, es war so hierarchisch, überhaupt nicht lebendig. Später habe ich festgestellt, man kann in einer solchen Situation nicht gut sprechen, weil man ständig korrigiert, ständig bewertet wird. Nach der Uni konnte ich nicht gut sprechen. Ich habe mich sehr unsicher gefühlt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das hat sich ja nun geändert!</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Ja, weil ich deutsche Kollegen hatte, Schweizer:innen, Österreicher:innen, damit auch immer mehr Bezug, immer mehr Freunde. Ich habe viel gelesen, auch den Unterricht geschwänzt und bin in die Bibliothek gegangen. Im ersten Studienjahr mussten wir in der österreichischen Bibliothek helfen, die Bücher zu sortieren, die neu angekommen waren. Da habe ich die Konkrete Poesie für mich entdeckt, </em><a href="http://www.gomringer.de/"><em>Eugen Gomringer</em></a><em>, </em><a href="https://www.ernstjandl.com/"><em>Ernst Jandl</em></a><em> und andere. Die kannte ich vorher nicht. Das hat mich extrem fasziniert, was man alles mit Sprache machen kann. Ich habe mir die Seiten herauskopiert und sie hingen dann bei mir im Zimmer, weil ich das so faszinierend fand, dass es erlaubt ist, so zu schreiben. Die sowjetische Tradition, das ist das, was man so in der sowjetischen Schule mitbekommt, das ist sehr gradlinig. Man hat eine Bahn, die fährt man dann, man hat auch wenig Möglichkeiten, Sprache als Material, als etwas Greifbares auszuprobieren. Das literarische Übersetzen war für mich schon sehr früh faszinierend, aber ich habe mir nicht vorstellen können, dass ich das kann. Die Literaturübersetzer waren für mich Halbgötter. </em></p>
<div id="attachment_2642" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2642" class="wp-image-2642 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Essay-im-Magazin-der-Muenchner-Kammerspiele-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Essay-im-Magazin-der-Muenchner-Kammerspiele-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Essay-im-Magazin-der-Muenchner-Kammerspiele-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Essay-im-Magazin-der-Muenchner-Kammerspiele-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Essay-im-Magazin-der-Muenchner-Kammerspiele-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Essay-im-Magazin-der-Muenchner-Kammerspiele-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Essay-im-Magazin-der-Muenchner-Kammerspiele-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Essay-im-Magazin-der-Muenchner-Kammerspiele-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Essay-im-Magazin-der-Muenchner-Kammerspiele-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Essay-im-Magazin-der-Muenchner-Kammerspiele-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-2642" class="wp-caption-text">Essay im Magazin der Münchner Kammerspiele. Foto: privat.</p></div>
<p><em>Es hab eine zuerst sowjetische und später russische Literaturzeitschrift, die ich richtig gut fand, sie heißt </em><a href="http://inostranka.ru/"><em>„Ausländische Literatur“</em></a><em>, sie hatte gute Übersetzungen von ganz verschiedenen Autoren veröffentlicht. Das war für mich der Ausgangspunkt. Viel später, etwa 2005, war ich bei meiner Freundin Ute Siebert und habe bei ihr im Regal Bücher einer plattdeutschen Dichterin entdeckt, </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Greta_Schoon"><em>Greta Schoon</em></a><em>. Die Bilder waren so vertraut, sie könnten so in belarussischen Gedichten vorkommen. Und ich wusste plötzlich, wie diese Gedichte auf Belarussisch sein könnten. Ich habe die Gedichte von Greta Schoon übersetzt, habe eine Veranstaltung vorgeschlagen. Wir haben über kleine Sprachen gesprochen: „Kleine Sprachen – keine Sprachen“, Plattdeutsch, Belarussisch. Greta Schoon wurde in die Ecke Heimatlyrik gedrängt, obwohl sie überhaupt nicht so ist. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Solche Literatur kommt schnell in eine Nische, das wird dann ganz gerne so gemacht.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Das sind diese Zuschreibungen. Die Zuschreibung ist dann auch die, dass man, wenn man aus Belarus kommt, sofort in so einer Nische ist, eine aus der letzten Diktatur Europas, eine von den Revolutionär:innen und so weiter.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und jetzt hat sich auch Russland wieder in eine Diktatur verwandelt, obwohl sich sicherlich darüber nachdenken lässt, was wir vorher gesehen haben und was nicht. Aber wie kamen Sie zu den Autor*innen, die Sie aus dem Deutschen ins Belarussische übersetzt haben?</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Ich habe sehr oft Autorinnen, Autoren vorgeschlagen, was die Literatur angeht. Im Theater waren es öfter Anfragen. Ich habe viele gute Sachen gemacht, </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dea_Loher"><em>Dea Loher</em></a><em> zum Beispiel. Sie ist eine Theaterautorin, die ich sehr mag. Sie arbeitet sehr intensiv mit der Sprache, charakterisiert ihre Figuren durch die Sprache. Das kann man im Belarussischen sehr gut machen, weil die Sprache viele Register hat. Ich kann das Hochbelarussische wählen, ich kann die Dialekte wählen, ich kann sie mischen, ich kann etwas kreïren, ich kann die Trassjanka wählen. Es ist eine Sprache zwischen dem Russischen und dem Belarussischen. Das kommt daher, dass die Menschen, die aus den Dörfern in die Städte gezogen sind, vor allem in der Nachkriegszeit, versucht haben, schnell Russisch zu lernen. Das ist nicht gelungen. Sie sind irgendwann eingefroren. Es klingt sehr ungebildet. Es ist auch ein Charakteristikum, wenn man Trassjanka spricht. Aber es gibt auch manche Sätze, die man besser auf Trassjanka sagen würde. </em></p>
<p><em>Sie sehen, es ist immer die Spannung, wie übersetze ich, wie arbeite ich mit den Texten. Das ist etwas, was mich nicht nur als Leserin, auch als Übersetzerin herausfordert. Es muss ein Spiel sein. Ich will versuchen, das Gleiche in meiner Sprache zu machen. Ob ich das schaffe oder nicht. Es ist immer mit etwas Adrenalin verbunden.</em></p>
<h3><strong>Feministische Bilder – feministische Wirklichkeiten</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie konstruieren mit der Übersetzung vielleicht auch jeweils eine andere Wirklichkeit. Das ist mir schon bei der Lektüre Ihres Essays „Die Kraft des Unwissens“ in dem Buch „Belarus – Das weibliche Gesicht der Revolution“ (edition. fotoTAPETA_Flugschrift, 2020, 2021 in einer zweiten Auflage erschienen) aufgefallen. Sie deuten die Konstruktion einer Wirklichkeit an, bei der niemand weiß, wie sie mal aussehen wird und auch nicht, wie man sie – von innen wie von außen gesehen – verstehen soll. Ein Punkt ist das Thema Feminismus. In dem Buch hat mich auch ein Essay von <a href="http://gender-route.org/">Irina Solomatina</a> mit dem Titel „Die Revolution hat kein weibliches Gesicht“ beeindruckt. Das passte gut dazu, dass ich wenige Tage zuvor das Buch von Olga Shparaga „Die Revolution hat ein weibliches Gesicht – Der Fall Belarus“ gelesen hatte (Berlin, edition suhrkamp, 2021). Zwei Titel, die sich widersprechen? Oder zeigen sie vielleicht zwei Seiten einer Medaille? Über das Thema des Feminismus in der belarussischen Revolution – oder wenn man so will – Revolte lässt sich ja auch sehr unterschiedlich nachdenken.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong><em>: Ich glaube, das ist auch sehr uneindeutig. Es wird sehr wenig beachtet, dass in Belarus wie bei jeder Krise sehr unterschiedliche Aspekte sichtbar geworden sind. Es ist sehr ambivalent. Einerseits: die Frauen waren auf der Straße. Ja, sie waren auf der Straße. Die Motivation, auf die Straße zu gehen, war sehr unterschiedlich. Wir finden Frauen, die aus feministischen Motiven auf die Straße gehen, wir finden aber auch Frauen, die für ihre Männer gehen. Es ist sehr vielfältig.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Inwiefern?</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Weil die Wirklichkeit so unterschiedlich ist. Es gibt in Belarus Feministinnen, auch sehr traditionell gesinnte Frauen. </em><a href="https://tsikhanouskaya.org/en/"><em>Sviatlana Tsikhanouskaya</em></a><em> hat Frauen angesprochen, die sehr traditionell gesinnt sind, geradezu archaisch. Sie sagte ursprünglich, ich beteilige mich an dieser Wahl, weil ich meinen Mann liebe. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Deutschland machten ihr das manche zum Vorwurf, sie habe nicht das richtige feministische Bewusstsein.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Ich würde ihr feministisches Bewusstsein auch in Frage stellen. Ich habe aber keine Antwort. Ich sehe nur, dass es komplexer ist. Ich mag auch gar nicht die Rede von den schönen Frauen von Belarus. Es ist doch egal, wie sie aussehen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und was heißt schon <em>„schön“</em>? Man geht dem Frauenbild eines Lukaschenka sogar noch auf den Leim. Das ist Verkitschung. So ähnlich wie in manchen Hollywood-Filmen, wenn dort eine Jüdin vorkommt. Liz Taylor spielte einmal eine Jüdin, da war sie die <em>„schöne Jüdin“</em>. Und diese Verkitschung, die in diesem Fall nur die Kehrseite von Antisemitismus ist, gab es nicht nur dort. So war das dann mit den belarussischen Frauen, die in den westlichen Medien präsentiert wurden. Das Gegenbild wäre dann eine Frau mit Maschinengewehr gewesen, genauso klischeehaft.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Genau. Kein Klischee kann die Wirklichkeit abdecken. Ich wollte nur sagen, es ist auch so, dass es diese Frauen, die diesem Klischee entsprechen würden, tatsächlich gab. Es gab diese Frauen, die barfuß mit offenen Haaren demonstrierten, aber es gab auch andere. Aber so ist die Presse: die interessiert sich viel zu oft für eindeutige Bilder und Erzählungen, die leicht Emotionen hervorrufen und eigentlich nach den Mustern der Pop-Kultur funktionieren.</em> <em>Ich finde das entsetzlich. Einerseits kann man natürlich nicht alles wissen, es ist auch diese Aufmerksamkeitsökonomie, aber anderseits: diese Selbstverständlichkeit, mit der diese Klischees verbreitet werden. Es gibt manche Journalisten, die dann von diesen Klischees ausgehend von oben herab die Fragen stellen. Da möchte man sich die Ohren zuhalten. Beispielsweise die Frage, sind denn alle Männer für Lukaschenka? Naja, okay </em>(schaut ziemlich widerwillig)<em>. Kann man sich irgendein Land vorstellen, in dem ALLE Männer oder Frauen für oder gegen etwas wären? Wie kann man so eine Frage nur formulieren? Das geht nur, wenn man sich nicht wirklich einen lebendigen, realen Raum vorstellt, sondern auf der Ebene von flachen Bildern bleibt. Das ist für mich ein Denken aus dem Kalten Krieg, wo man in binären Oppositionen denkt, es gibt den Westen, es gibt den Osten. Und wenn man sich mit dem Osten beschäftigt, muss es klare Konturen haben. Aber wenn es etwas komplexer wird, ist die Presse viel zu oft überfordert. </em></p>
<h3><strong>August 2020 </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Ihrem Text, den ich eben genannt habe, haben Sie versucht, die genannten Klischees zu dekonstruieren. Darf ich fragen, wie Sie die Zeit erlebt haben?</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Vor den Wahlen gab es große Begeisterung. Viele hatten auch große Hoffnung, dass sich die Situation tatsächlich verändern kann. Es war aber auch sehr angespannt. Im Westen ist auch nicht wirklich</em> <em>angekommen, dass sich die alte Opposition an den Wahlen kaum beteiligt hatte, weil sie die Gefahr erkannten, dass Russland die Situation beeinflussen kann. Die Einstellung zu Russland war ein heißes Thema von Beginn an. Die einen wollten den großen Nachbarn nicht wirklich wahrnehmen und betonten, das sei interne belarussische Angelegenheit. Die anderen fanden dieses Ausblenden völlig naiv und machten darauf aufmerksam, dass Russland keineswegs auf seinen Einfluss in Belarus verzichten wird. Immer wieder gab es im Freundeskreis gerade unter Künstlern</em> <em>Konflikte, weil die einen in dieser Euphorie waren und andere, die wenigsten, sehr vorsichtig waren. Ich war sehr hin- und hergerissen: Einerseits war die von Russland ausgehende Gefahr für mich sichtbar, andererseits war es klar, dass die Menschen dieses System satthatten. Wie satt die Menschen diese Macht haben, ist mir bei den Schmarotzerprotesten 2017 klar geworden. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Lukaschenka wollte alle Menschen, die nicht arbeiteten, enorm hoch besteuern.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Ich habe das sehr genau wahrgenommen, weil ich eine deutsche Journalistin als Dolmetscherin begleitet habe. Mir war klar, das legt sich nicht. Es ging um die letzte Würde, es war die Not, es ging so nicht weiter. Die meisten Menschen waren nicht ideologisch angehaucht, es gab keine Programme, sondern eben die Not am eigenen Leben, die Einsicht, dass es so nicht weitergehen kann. 2020 kam die Pandemie dazu. Es wurde unübersehbar, wie wenig der Staat sich um die Menschen kümmert. Die Menschen haben sich aber sehr gut selbst organisiert. Die Tage um die Wahl herum: ich bin wählen gegangen, obwohl klar war, es sind gefälschte Wahlen. Ich habe im Dorf, wo ich ein Haus habe, meinen Wahlzettel abgegeben und in diesem Dorf soll offiziell Tsikhanouskaya gewonnen haben. Die drei Tage nach den Wahlen waren ein Horror. Wir hatten kein Internet, der Mobilfunk war überlastet, wir wussten nicht, wo die Menschen sind, was vor sich geht. Es gab große Unsicherheit. </em></p>
<div id="attachment_2633" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2633" class="wp-image-2633 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Belarussisches-Schaufenster-in-der-Buchhandlung-zum-Zytglogge-in-Bern-2020-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Belarussisches-Schaufenster-in-der-Buchhandlung-zum-Zytglogge-in-Bern-2020-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Belarussisches-Schaufenster-in-der-Buchhandlung-zum-Zytglogge-in-Bern-2020-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Belarussisches-Schaufenster-in-der-Buchhandlung-zum-Zytglogge-in-Bern-2020-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Belarussisches-Schaufenster-in-der-Buchhandlung-zum-Zytglogge-in-Bern-2020-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Belarussisches-Schaufenster-in-der-Buchhandlung-zum-Zytglogge-in-Bern-2020-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Belarussisches-Schaufenster-in-der-Buchhandlung-zum-Zytglogge-in-Bern-2020-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Belarussisches-Schaufenster-in-der-Buchhandlung-zum-Zytglogge-in-Bern-2020-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Belarussisches-Schaufenster-in-der-Buchhandlung-zum-Zytglogge-in-Bern-2020-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Belarussisches-Schaufenster-in-der-Buchhandlung-zum-Zytglogge-in-Bern-2020-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-2633" class="wp-caption-text">Belarussische Auslage im Berner Buchladen zum Zytglogge, Foto: privat.</p></div>
<p><em>Ich habe die Ereignisse, die Situation, den Kontext kommentiert. Mein erstes Interview war am 10. August 2022 und die Journalisten vom Deutschlandfunk haben mir von Berlin aus erzählt, was in Minsk läuft. Weil sie die Nachrichten lesen konnten, die ich wegen des fehlenden Internets nicht lesen konnte. Es erscheint mir jetzt fast heldenhaft, damals war ich mir der Gefahr doch nicht ganz bewusst. Ich war mit Künstlern zusammen, bei künstlerischen Aktionen. Das Nein zur Gewalt war eindeutig und entschieden, es war eine besondere Ernsthaftigkeit in jedem Gespräch, sie lag in der Luft, andererseits war das wie </em><em>Karneval, die Heiterkeit, der Aufschwung, die gefühlte Umkehrung der Machtverhältnisse.</em></p>
<p><em>Es waren dann auch viele dabei, die vor den Wahlen nicht dabei waren. Auch viele, die an staatlichen Kulturinstitutionen arbeiteten, die Musiker:innen aus dem Opernhaus, ein staatlich subventioniertes Haus, sie leben gut, sie haben gegen die Gewalt gesungen, auch das Janka Kupala Theater, wo dann später Brecht inszeniert wurde, fast das ganze Ensemble hat gekündigt, weil sie gegen die Gewalt aufgetreten sind. Das war ein staatliches Theater. Es macht mir für die Zukunft schon Hoffnung, dass die Toleranzschwelle für Gewalt so niedrig ist, dass die Leute bereit sind, gegen die Gewalt aufzustehen.</em></p>
<p><em>Ich war September, Oktober, bis etwa Mitte November in der Stadt. Es wurde immer düsterer, immer gefährlicher. Ich habe irgendwann verstanden, dass ich nicht arbeiten konnte. Wenn Sie beim Einkaufen immer an ein paar Patrouillen vorbeikommen, können Sie nicht an einem Text arbeiten. Die Stimmung war beklemmend. Ich bin dann ins Dorfhaus gefahren und habe dort überwintert.</em></p>
<h3><strong>Exil</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie weit ist das von Minsk entfernt?</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Etwa 300 Kilometer. Es ist das Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Es war eigentlich gar nicht für einen längeren Aufenthalt geeignet. Ich habe erst einmal mit Holz geheizt. Aber ich habe mich etwas sicherer gefühlt und konnte arbeiten. Im März 2021 war ich dann in Deutschland und habe dort an einer Diskussion teilgenommen, in Bonn in der Bundeskunsthalle. Ich weiß noch, wie ich auf dem Flughafen in Minsk nach der Diskussion ankam. Es sind schon Leute auf dem Flughafen verhaftet worden. Ich stand da mit laufendem Handy bei der Kontrolle, eine Freundin war mit mir verbunden, damit man weiß, falls ich verhaftet werde. Das war kein gutes Gefühl. Das Leben in ständiger Angst tut nicht gut. </em></p>
<div id="attachment_2635" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2635" class="wp-image-2635 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Mit-Valerian-Maly-im-Literaturhaus-Zuerich-2021-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Mit-Valerian-Maly-im-Literaturhaus-Zuerich-2021-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Mit-Valerian-Maly-im-Literaturhaus-Zuerich-2021-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Mit-Valerian-Maly-im-Literaturhaus-Zuerich-2021-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Mit-Valerian-Maly-im-Literaturhaus-Zuerich-2021-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Mit-Valerian-Maly-im-Literaturhaus-Zuerich-2021-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Mit-Valerian-Maly-im-Literaturhaus-Zuerich-2021-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Mit-Valerian-Maly-im-Literaturhaus-Zuerich-2021-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Mit-Valerian-Maly-im-Literaturhaus-Zuerich-2021-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Mit-Valerian-Maly-im-Literaturhaus-Zuerich-2021-1536x1152.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Mit-Valerian-Maly-im-Literaturhaus-Zuerich-2021.jpg 1600w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-2635" class="wp-caption-text">Mit Valerian Maly im Literaturhaus Zürich, Foto: privat.</p></div>
<p><em>Ich brauchte eine Auszeit und das </em><a href="https://www.looren.net/"><em>Übersetzerhaus Looren</em></a><em> in der Schweiz, mit dem ich seit einigen Jahren verbunden bin, gab mir diese Möglichkeit. Mitten in diesem Arbeitsaufenthalt kam es zu der gezwungenen Flugzeuglandung, die Situation ist noch beklemmender und unübersichtlicher geworden, und ich habe mich spontan dafür entschieden, nicht zurück nach Belarus zu gehen. Ohne Unterstützung von Kolleg:innen und Freund:innen in der Schweiz wäre das natürlich undenkbar, ich kann mich glücklich schätzen, dass ich diese Menschen um mich herum in dieser Zeit hatte. Wieder mal konnte ich mich davon überzeugen, wie wichtig, ja tragend für unser Leben die Verbindungen von Mensch zu Mensch sind. Ein Jahr konnte ich im Übersetzerhaus bleiben, seit Anfang Juli 2022 hatte ich eine Wohnung in der Nähe von Zürich. </em></p>
<p><em>Jetzt lebe ich wie in zwei Realitäten, die füreinander kaum durchlässig sind. Ich versuche das zusammenzustricken, aber das ist </em>(sie spricht emotional sehr angefasst) <em>eine große Herausforderung. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Thomas Mann hat in seinem Exil in Pacific Palisades gesagt, wo er sei, da sei die deutsche Kultur.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Und Lion Feuchtwanger schrieb, Exilerfahrungen können</em> <em>stärker machen oder schwächer. Das kann ich bestätigen. Es kommen so viele Entscheidungen hinzu, die man sonst nicht kennt. Man hat keine Routine, man hat keinen Alltag. Aber wir hatten auch in Belarus überhaupt keine Routine, keinen Alltag. Diese Situation seit etwa drei Jahren, in der wir ohne Routine, ohne Alltag leben, ist schon sehr belastend.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Haben Sie Kontakt zu anderen Menschen, die aus Belarus geflüchtet sind?</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Ich habe Kontakt zu engen Freunden, weniger zu Diasporas. Einerseits machen sie einiges für die Sichtbarkeit von Belarus, andererseits ist solch eine Sichtbarkeit nach meinem Gefühl oft plakativ, dekorativ, befasst sich nicht mit den Widersprüchen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das kann ich nachvollziehen. Es ist dann wieder diese Verkitschung, von der wir sprachen, auch wenn sich diese Verkitschung mehr noch in der Rezeption geschieht als bei denen, die ihr Gegenstand sind. Das ist meines Erachtens auch ein Problem des weiteren Schicksals der Proteste von 2020 im Westen. Inzwischen gibt es noch das ein oder andere Interview mit Sviatlana Tsikhanouskaya, aber das war es dann auch. Im Westen herrscht doch inzwischen große Gleichgültigkeit. Belarus spielt eigentlich nur noch eine Rolle als Vasallenstaat Putins. Wer dort in den Gefängnissen sitzt, wer ins Exil musste, wer sich verstecken muss, all das ist in den westlichen Medien kaum Thema, zumindest nicht in den Medien des Mainstreams. Es gibt zum Glück ja durchaus auch einige sehr interessante Bücher, die hoffentlich von vielen Menschen gelesen werden, beispielsweise „Die Frauen von Belarus – Von Revolution, Mut und dem Drang nach Freiheit“ von <a href="https://www.zeit.de/autoren/B/Alice_Bota/index.xml">Alice Bota</a>, (Berlin Verlag 2021).</p>
<div id="attachment_2636" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2636" class="wp-image-2636 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Mit-Lukas-Baerfuss-und-Artur-Klinau-in-Minsk-2015-Foto-Max-Korostelyov-1-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Mit-Lukas-Baerfuss-und-Artur-Klinau-in-Minsk-2015-Foto-Max-Korostelyov-1-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Mit-Lukas-Baerfuss-und-Artur-Klinau-in-Minsk-2015-Foto-Max-Korostelyov-1-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Mit-Lukas-Baerfuss-und-Artur-Klinau-in-Minsk-2015-Foto-Max-Korostelyov-1-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Mit-Lukas-Baerfuss-und-Artur-Klinau-in-Minsk-2015-Foto-Max-Korostelyov-1-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Mit-Lukas-Baerfuss-und-Artur-Klinau-in-Minsk-2015-Foto-Max-Korostelyov-1-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Mit-Lukas-Baerfuss-und-Artur-Klinau-in-Minsk-2015-Foto-Max-Korostelyov-1-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Mit-Lukas-Baerfuss-und-Artur-Klinau-in-Minsk-2015-Foto-Max-Korostelyov-1-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Mit-Lukas-Baerfuss-und-Artur-Klinau-in-Minsk-2015-Foto-Max-Korostelyov-1-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Mit-Lukas-Baerfuss-und-Artur-Klinau-in-Minsk-2015-Foto-Max-Korostelyov-1-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-2636" class="wp-caption-text">Mit Lukas Bärfuss und Artur Klinaũ in Minsk, Foto: privat.</p></div>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Das ist ein gutes Buch. Ein anderes sehr gutes Buch, das ich sehr wichtig finde, ist das Buch eines guten Freundes von mir, von </em><a href="https://www.suhrkamp.de/buch/artur-klinau-acht-tage-revolution-t-9783518127728"><em>Artur Klinaũ, „Acht Tage Revolution“</em></a><em> (die deutsche Ausgabe erschien 2021 in der edition suhrkamp).</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zurzeit droht allen, die sich kritisch gegenüber der belarussischen Regierung äußern oder bei Lukaschenka den Eindruck erwecken, sie täten dies, Verhaftung, Folter, Gefängnisstrafen.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Nicht nur, wenn jemand etwas macht. Manchmal ist es einfach Pech, zum Beispiel weil jemand eine ungünstige Farbkombination trägt. Viele werden wegen ihrer Kommentare im Internet verhaftet. Es ist wirklich absurd: zuletzt behauptete jemand, der verhaftet wurde, er habe im Auftrag des Geheimdienstes gehandelt, aber er wurde trotzdem zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Und man weiß nicht, was von all dem wahr ist. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ist es möglich, die Zeit vor der Auflösung der Sowjetunion und die Zeit danach, auch die heutige Zeit miteinander zu vergleichen?</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Jein. Das sind völlig verschiedene Situationen, auch weil wir heutzutage Internet haben. Dessen Bedeutung dürfen wir nicht unterschätzen, nicht für die Vernetzung, nicht für die Literatur. Die Verbindungen zwischen unterschiedlichen Räumen sind ohnehin viel stärker. Aber ich möchte sagen, dass damals in der sowjetischen Zeit mehr möglich war als heute, damit meine ich die späte Sowjetunion, nicht die stalinistische Sowjetunion. So krass wie heute war es nicht. Es ist heute viel brutaler. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gibt es noch Ausweichmöglichkeiten?</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>In Belarus ist das gar nicht möglich. Ich beobachte jetzt, dass eine massive Zerstörung des Kulturraums Belarus im Gang ist. Andererseits stimmt die Auffassung, dass alle ausgereist sind, nicht. Viele sind noch im Land und arbeiten auch im Land. Es ist ihnen gegenüber nicht gerecht zu sagen, dass alle ausgereist wären, die gegen das System sind. Die, die dageblieben sind, sehen ihre Arbeit auch als eine Art Widerstand. Ich kenne einige solche Menschen. Ich habe gerade ein Tagebuch einer belarussischen Schriftstellerin aufgearbeitet, auch LGBT-Aktivistin. Sie wird bleiben. Sie ist immer mit der Frage befasst, soll ich gehen, soll ich bleiben. </em></p>
<div id="attachment_2637" style="width: 235px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2637" class="wp-image-2637 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Mit-dem-Verleger-Zmicier-Vishniou-in-Minsk-2019-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Mit-dem-Verleger-Zmicier-Vishniou-in-Minsk-2019-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Mit-dem-Verleger-Zmicier-Vishniou-in-Minsk-2019-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Mit-dem-Verleger-Zmicier-Vishniou-in-Minsk-2019-400x533.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Mit-dem-Verleger-Zmicier-Vishniou-in-Minsk-2019-600x800.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Mit-dem-Verleger-Zmicier-Vishniou-in-Minsk-2019-768x1024.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Mit-dem-Verleger-Zmicier-Vishniou-in-Minsk-2019-800x1066.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Mit-dem-Verleger-Zmicier-Vishniou-in-Minsk-2019-1152x1536.jpg 1152w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Mit-dem-Verleger-Zmicier-Vishniou-in-Minsk-2019-1200x1600.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Mit-dem-Verleger-Zmicier-Vishniou-in-Minsk-2019.jpg 1510w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /><p id="caption-attachment-2637" class="wp-caption-text">Mit dem Verleger Zmicier Vishniou in Minsk, Foto: privat.</p></div>
<p><em>Ich betreue zurzeit auch den belarussischen Teil des Projekts </em><a href="https://weiterschreiben.jetzt/"><em>„Weiter Schreiben“</em></a><em>. Wir haben im Juli 2022 einen Text von </em><a href="https://weiterschreiben.jetzt/kuenstlerinnen/autorinnen/zmicier-vishniou/"><em>Zmicier Vishniou</em></a><em> veröffentlicht. Er ist Verleger und Autor, er lebt jetzt in Berlin. Sein Verlag hat die Lizenz verloren. Wenn man einen Verlag gründet, muss man eine Prüfung beim Informationsministerium ablegen. So bekommt man die Lizenz. Das hat er auch vor Jahren gemacht. Noch vor der Revolution, vor etwa drei Jahren, hat er die Lizenz verlängern müssen. Sie haben die Lizenz verlängert, doch dann hieß es im Nachhinein, er hätte bei der Verlängerung die Prüfung noch einmal ablegen müssen. Das hatte man ihm damals nicht gesagt. So hat man ihm die Lizenz entzogen. Er hatte versucht, sich zur Prüfung anzumelden, aber er bekam die Anmeldung nicht. Jetzt möchte er den Verlag liquidieren lassen, aber sie verzögern die Liquidierung, sodass er weiter für die Räume, die Buchhandlung bezahlen muss. Er hat dafür bereits Schulden angehäuft. </em></p>
<h3><strong>Wider die „Selbstverständlichkeit des Unwissens“</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das sind die Schikanen im Alltag, um jemanden mundtot zu machen.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Ich würde schon von der Notwendigkeit sprechen, die Literatur und die Kunst zu retten. </em><em>Ich arbeite zurzeit an einer Aktion, die hoffentlich in den nächsten Monaten anläuft. Ich bereite die Aktion gemeinsam mit Lukas Bärfuss und </em><a href="https://geschichtedergegenwart.ch/herausgeberin/sylvia-sasse/"><em>Sylvia Sasse</em></a><em> vor, das ist die Professorin am Slavischen Seminar, wo ich arbeite. Die Aktion heißt „33 Bücher für das andere Belarus“. Wir wählen 33 Bücher aus, die in Belarus nicht erscheinen können, und wollen europäische Verlage motivieren, je ein Buch zu machen. In belarussischer Sprache. Das sind zum Teil schon gesetzte Bücher, die bei belarussischen Verlagen erscheinen sollten, aber nicht gedruckt werden können. Dabei sind auch Kinderbücher. Kinderbücher auf Belarussisch sind besonders wichtig, weil es kaum Kindergärten und Schulen gibt, in denen Belarussisch unterrichtet wird. </em></p>
<p><em>Das sind sehr unterschiedliche Bücher, zum Beispiel eine kommentierte Ausgabe von Ihnat Abdziralowitsch, ein ganz wichtiger Philosoph vom Anfang des 20. Jahrhunderts, auf den sich auch die Revolutionsbewegung berief, vor allem auf sein Konzept der „Fließenden Form“. Das ist eine Form, die keine klaren Konturen hat, eine Form, die sich ständig verändert, aber doch eine Form bleibt. Ein Heldenepos aus dem Mittelalter, zwei Kunstbände, vorbereitet von Artur Klinaũ, über die Kunst der 1990er und 2000er Jahre, Lyrik, Romane. Unter den ersten Büchern planen wir eine Übersetzung aus dem Ukrainischen: „</em><a href="https://www.toledo-programm.de/cities_of_translators/4156/wrterbuch-des-krieges"><em>Wörterbuch des Krieges</em></a><em>” von Ostap Slyvynsky Wir haben für die Seite auch ein </em><em>Logo entwickelt. </em></p>
<p><em>Wir sehen dieses Projekt unter anderem als Modell für andere Räume, in denen Bücher nicht erscheinen dürfen. Das wäre tätige Solidarität, denn oft sind Solidaritätsbekundungen eher dekorativ, man hängt eine Flagge auf, das sieht schön aus, bewirkt aber vielleicht doch nicht so viel.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: So wie zurzeit in Deutschland an Rathäusern und an vielen anderen Orten ukrainische Flaggen hängen. Manche haben auch ukrainische Anstecker am Revers, einige auch verkehrt herum.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong> (lacht): <em>Einerseits ist das gut. Aber ich sehe das auch</em> <em>kritisch. Es erzeugt das Gefühl, wir haben schon etwas getan, wir haben uns eingesetzt, wenn ich eine ukrainische Flagge auf meinem Facebook-Konto platziere. Das hat mich schon im belarussischen Kontext geärgert, will man etwas Konkretes, dann ist das schwierig, weil die Planungen für das Jahr angeblich schon abgeschlossen sind.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong><em>: </em>Ich nehme an, Spenden sind willkommen.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Das ist ein guter Ansatz, ganz konkret zu helfen, ein konkretes Projekt auszusuchen, das man unterstützen möchte. Zum Beispiel, ich mache gerade mit zwei Kolleginnen ein Heft „Befragungen am Nullpunkt“, Interviews mit belarussischen Kulturschaffenden, auch mit Texten von Deutschen, mit Dozent:innen und Student:innen. Das ist aus einem Kurs entstanden. Es wird auf belarussisch und deutsch erscheinen. Wir haben da ein paar Spenden bekommen, über die wir uns sehr gefreut haben, weil wir dadurch ganz konkrete Möglichkeiten bekommen haben, wie einen Text mehr übersetzen zu lassen. Mit diesem Heft versuchen wir, viele Facetten des Kulturlebens in Belarus aufzugreifen, es ist mehrdimensional, nur so kann man einen Kulturraum sichtbar machen. Kein Land der Welt verdient es, monothematisch zu sein. </em></p>
<p><em>Kurz nach meiner Ankunft in der Schweiz habe ich einen Text in der </em><a href="https://www.woz.ch/"><em>WOZ</em></a><em> über die Frage geschrieben, ob Belarus sichtbarer wird, wenn es sich von einem weißen in einen weiß-roten Fleck verwandelt. </em></p>
<div id="attachment_2631" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2631" class="wp-image-2631 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Die-dritte-ViceVersa-Deutsch-Belarussische-Uebersetzerwerkstatt-in-Kaptaruny-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Die-dritte-ViceVersa-Deutsch-Belarussische-Uebersetzerwerkstatt-in-Kaptaruny-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Die-dritte-ViceVersa-Deutsch-Belarussische-Uebersetzerwerkstatt-in-Kaptaruny-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Die-dritte-ViceVersa-Deutsch-Belarussische-Uebersetzerwerkstatt-in-Kaptaruny-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Die-dritte-ViceVersa-Deutsch-Belarussische-Uebersetzerwerkstatt-in-Kaptaruny-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Die-dritte-ViceVersa-Deutsch-Belarussische-Uebersetzerwerkstatt-in-Kaptaruny-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Die-dritte-ViceVersa-Deutsch-Belarussische-Uebersetzerwerkstatt-in-Kaptaruny-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Die-dritte-ViceVersa-Deutsch-Belarussische-Uebersetzerwerkstatt-in-Kaptaruny-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Die-dritte-ViceVersa-Deutsch-Belarussische-Uebersetzerwerkstatt-in-Kaptaruny-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Die-dritte-ViceVersa-Deutsch-Belarussische-Uebersetzerwerkstatt-in-Kaptaruny-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-2631" class="wp-caption-text">Die dritte vice-versa deutsch-belarussische Übersetzerwerkstatt in Kaptaruny, Foto: privat.</p></div>
<p><em>Wie wichtig es ist, diesen auseinanderfallenden Raum zu sammeln, Erfahrungen zu fixieren, habe ich auch im Rahmen des Projektes „</em><a href="https://www.toledo-programm.de/cities_of_translators/3135/minsk"><em>Minsk – City of Translators</em></a><em>“ des TOLEDO-Programms erkannt. Als ich die Anfrage bekam, Minsk als eine Übersetzerstadt darzustellen, dachte ich zuerst, das sei nicht die richtige Zeit. Es stellte sich aber heraus, dass das Bedürfnis unglaublich groß ist, den Kulturraum in Erzählungen festzuhalten, der vom Verschwinden bedroht ist. Vielleicht retten wir so dieses Netz an Beziehungen und Erzählungen, das eine Kultur ausmacht. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich befürchte, dass Belarus in der deutschen Öffentlichkeit – sicher auch in anderen westlichen Öffentlichkeiten – durch den Krieg um die Ukraine an Aufmerksamkeit verliert. Es bewahrheitet sich wieder ein alter Post-DDR-Witz: ein Mensch aus dem Osten sagt, man habe immer nach Westen geschaut, ein Mensch aus dem Westen antwortet, wir auch. Naja, jetzt schaut man auf die Ukraine, aber wo schaut man sonst hin? Vielleicht muss man aber einfach vieles wissen, was man nicht weiß, um die Blickrichtung zu ändern.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong> (lacht): <em>Das ist genau das, was mich stört. Die Selbstverständlichkeit des Unwissens, der Ignoranz, das ist wohl etwas, das geht gar nicht </em>(schüttelt den Kopf)<em>. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht muss man auch eine ganze Menge wissen um zu wissen was man nicht weiß. Beispielsweise darüber, dass es eine russische, eine belarussische Opposition gibt und wie vielfältig die ist. Selbst in der Ukraine haben wir ein differenziertes oder – besser gesagt – zu differenzierendes Bild. Da gibt es Absurditäten: wenn ich nicht mehr Tschaikowsky hören will, wie ich das in der Ukraine vielleicht noch verstehen kann, aber nicht in Deutschland, und dann Richard Wagner in Bayreuth höre, ist das schon von einer höheren Absurdität.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Und vor allem bringen all die Verbote nicht viel, wenn es darum geht, weg von der Fokussierung auf die russische Kultur zu kommen. Jetzt ist aber höchste Zeit, auch andere Kulturräume in diesem Teil der Welt wahrzunehmen, andere Erfahrungen zu Sprache kommen zu lassen.</em></p>
<div id="attachment_2629" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2629" class="wp-image-2629 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Dreharbeiten-fuer-Minsk.-City-of-Translators-Schweiz-2021-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Dreharbeiten-fuer-Minsk.-City-of-Translators-Schweiz-2021-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Dreharbeiten-fuer-Minsk.-City-of-Translators-Schweiz-2021-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Dreharbeiten-fuer-Minsk.-City-of-Translators-Schweiz-2021-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Dreharbeiten-fuer-Minsk.-City-of-Translators-Schweiz-2021-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Dreharbeiten-fuer-Minsk.-City-of-Translators-Schweiz-2021-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Dreharbeiten-fuer-Minsk.-City-of-Translators-Schweiz-2021-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Dreharbeiten-fuer-Minsk.-City-of-Translators-Schweiz-2021-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Dreharbeiten-fuer-Minsk.-City-of-Translators-Schweiz-2021-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Dreharbeiten-fuer-Minsk.-City-of-Translators-Schweiz-2021-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-2629" class="wp-caption-text">Während der Dreharbeiten zu &#8222;Minsk &#8211; City of Translators&#8220;, Foto: privat.</p></div>
<p><em>Wenn Sie versuchen, eine Vorlesung über die belarussische Literatur zu machen, wird es Ihnen nicht gelingen, weil Sie keine Übersetzungen haben. Die Russlandlastigkeit der Slawistik in den deutschsprachigen Ländern ist ein Problem. Im diesem Semester biete ich an der Universität Zürich ein </em><a href="https://www.slav.uzh.ch/de/studium/Lehrprojekte/Belarussisch-Kolloquium.html"><em>Belarussisch-Kolloquium</em></a><em> an, mit Übersetzer-, Sprachlerngruppen, Vorträgen, auch von Belarussen. Zusammen mit vielen anderen Kolleg:innen beteilige ich mich an der Ringvorlesung mit dem Titel „</em><a href="https://www.uzh.ch/cmsssl/de/outreach/events/rv/2022hs/ukraine.html"><em>Den Krieg dokumentieren: Ukraine 2014 &#8211; 2022</em></a><em>“. Letztes Jahr war das die Ringvorlesung </em><a href="https://www.slav.uzh.ch/de/forschung/Ringvorlesung-Belarus.html"><em>„Belarus bewegt”.</em></a></p>
<p><em>Was Sylvia Sasse in Zürich macht, ist beeindruckend. Das ist die Richtung, in die ich gerne gehen würde. Ich habe mir früher nicht vorstellen können, irgendwann im akademischen Bereich tätig zu sein, aber am Slavischen Seminar fühle ich mich sehr wohl, weil es eben vor allem dank Sylvia Sasse nicht nur akademisch ist, sondern immer in Verbindung mit der Lebenswirklichkeit. Das ist ein Eintauchen in die Themen und Fragestellungen, die mich eh nicht loslassen. Das so ein Eintauchen institutionell verankert sein kann, ist für mich und, ich glaube, es ist auch für viele andere ein großer Gewinn. </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Dezember 2022, Internetzugriffe zuletzt am 30. November 2022. Die belarussischen Namen habe ich in der jeweiligen belarussischen Fassung zitiert, nicht in der oft üblichen russischen Version. Titelbild: Arina Nâbereshneva, Submissive Chain Swallowing, das Bild wurde mir von Katja Makhotina zur Verfügung gestellt, Rechte bei der Künstlerin.)</p>
</div></div></div></div></div>
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