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	<title>Brexit Archive - Demokratischer Salon:</title>
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	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
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		<title>Vorwärts immer, rückwärts nimmer?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 12 Oct 2022 14:23:57 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Vorwärts immer, rückwärts nimmer? Das große Nordsee-Archipel im Maelstrom des Post-Brexit “He who controls the past controls the future. He who controls the present controls the past.” (George Orwell, 1984) Nach drei Jahren pandemiebedingter Reiseabstinenz fällt schon beim Einchecken auf der Autofähre über den Kanal auf: die Insel hat eine neue Länderkennung. „UK“ klebt  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Vorwärts immer, rückwärts nimmer?</strong></h1>
<h2><strong>Das große Nordsee-Archipel im Maelstrom des Post-Brexit</strong></h2>
<p><em>“He who controls the past controls the future. He who controls the present controls the past.” </em>(George Orwell, 1984)</p>
<p>Nach drei Jahren pandemiebedingter Reiseabstinenz fällt schon beim Einchecken auf der Autofähre über den Kanal auf: die Insel hat eine neue Länderkennung. <em>„UK“</em> klebt jetzt statt <em>„GB“</em> auf den Hecks der Fahrzeuge. Bereits vor einem Jahr erfuhren Fahrer*innen, die mit dem eigenen auf der Insel registrierten Kraftfahrzeug ins Ausland reisten, dass sie ab sofort neue Länderkennzeichen benutzen müssen.</p>
<div id="attachment_2541" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2541" class="wp-image-2541 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/Graffiti-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/Graffiti-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/Graffiti-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/Graffiti-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/Graffiti-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/Graffiti-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/Graffiti-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/Graffiti-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/Graffiti-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/Graffiti-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-2541" class="wp-caption-text">© Beate Blatz</p></div>
<p>Aber warum? Politische Gründe, erklärt das Motorjournal Motor Easy. <em>„GB“</em> steht genau genommen nur für England, Schottland und Wales. <em>„UK“</em> hingegen schließt auch Nordirland mit ein. Der Stickerwechsel bekräftigt somit die Annexion des nördlichen Teils der irischen Insel bzw. der Zugehörigkeit dieses Territoriums zum <em>„Vereinigten“</em> Königreich. Die Erfahrung aus zahlreichen Gesprächen zeigt, dass beide Buchstabenkombinationen im Alltag synonym benutzt werden und doch: Ohne dass viel darüber gesprochen wird, bedeutet das ovale Stückchen selbstklebende Plastikfolie <em>„UK“</em> eine Bewusstseinsverschiebung weg vom politischen Konstrukt Great Britain hin zum Königreich, mit dem nach wie vor die alte Ordnung des Empire und der etablierten Machtverhältnisse auf dem Archipel konnotiert ist. Der Konvoi des premierministernden politischen Personals fährt in rasendem Tempo rückwärts.</p>
<h3><strong>Bleiben wir kurz bei Nordirland. Und dem Brexit.</strong></h3>
<p>Finton O’Toole, irischer Journalist, Literaturredakteur und Theaterkritiker, beschreibt in seiner Analyse der gegenwärtigen politischen Misere in der <a href="https://www.nybooks.com/articles/2022/09/22/the-partys-over-boris-johnson-conservative-party/">New York Review of Books vom 22. September 2022</a>, wie sehr sich viele der Brexitbefürworter*innen von der Optimismus ausstrahlenden Hemdsärmeligkeit eines Boris Johnson und der so attraktiven Aufregung, hatten hinreißen lassen, an einer Jahrhundertentscheidung teilzuhaben, der ganz großen Show. <em>„Die Party ist vorbei, aber die Zelte lassen sich nicht so leicht wieder einrollen“,</em> resümiert er.</p>
<p>Inzwischen ist aller Glanz abgefallen, Brexit kristallisiert sich jetzt auf politischer Ebene als Auseinandersetzung mit Brüssel über das Nordirlandprotokoll, von Johnson selbst verhandelt und mit großem Pomp als großer Deal verkauft, dann genauso effektvoll als europäische Zumutung wieder abgelehnt. Der Fall ist noch nicht geklärt. <em>„Nordirland Protokoll“</em> klingt technisch und menschenleer. Seit dem Brexit macht Nordirland wieder Schlagzeilen durch heftige gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen den Befürworter*innen und Gegner*innen einer irischen Wiedervereinigung. Über viele der  blutigen Scharmützel wird gar nicht berichtet, man munkelt: die Stimmung soll nicht weiter angeheizt werden. Im Hintergrund, auch das nicht mehr als unrecherchiertes Gespräch, wenn auch nicht ganz unwahrscheinlich im Brexitnachhall, sollen bereits Gespräche über Möglichkeiten und Wege einer Wiedervereinigung der Insel stattfinden.</p>
<p>Der Trend, allen Länderkennzeichen zum Trotz, geht deutlich weg vom <em>„United Kingdom“</em>. Dass Schottland ein neues Referendum anstrebt, ist bekannt. Und auch in Wales regt sich Unmut. Hier macht sich bemerkbar, was in anderen Gegenden auch spürbar ist. Als Folge der Thatcherjahre, der Schließung von Minen und Stahlwerken, der Zerschlagung von Infrastruktur haben ganze Landstriche nicht nur im Norden ihre Attraktivität für junge Leute verloren, die dort kein berufliches Auskommen – oder im Hype des Immobilienmarktes keinen bezahlbaren Wohnraum fanden.</p>
<div id="attachment_2535" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2535" class="wp-image-2535 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/Marktplatz-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/Marktplatz-200x300.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/Marktplatz-400x600.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/Marktplatz-600x900.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/Marktplatz-683x1024.jpg 683w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/Marktplatz-768x1152.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/Marktplatz-800x1200.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/Marktplatz-1024x1536.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/Marktplatz-1200x1800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/Marktplatz-1365x2048.jpg 1365w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/Marktplatz-scaled.jpg 1707w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /><p id="caption-attachment-2535" class="wp-caption-text">© Beate Blatz</p></div>
<p>Menschen mit finanziellen Möglichkeiten aus Südengland und London kaufen Häuser, nutzen diese als <em>„Second Homes“</em>, i.e. als Ferienhäuser. Das verändert ganze Kleinstädte, in denen immer weniger normales gesellschaftliches Alltagsleben stattfindet, wenn an jedem zweiten Haus der Hinweis auf eine Ferienhausagentur hängt. In Wales hat das noch sehr eigene Konsequenzen. Die Landesprache Welsh wird mit den Bewohner*innen, die mit dieser Sprache und Kultur aufgewachsen sind, auch vertrieben. Schon ist die Rede von einer stillen Kolonisation seitens <em>„der Engländer“</em>: <em>„‘It’s about keeping places alive“</em>’. (<a href="https://www.theguardian.com/uk-news/2022/oct/01/wales-radical-new-policy-second-homes">Steven Morris, Second homes. Radical steps in Wales to stop locals being priced out. The Guardian  October 1st, 2022</a>).</p>
<h3><strong>Eine Charakterfrage</strong></h3>
<p>Es ist, als wäre mit dem Tod der Queen ein Vorhang zur Seite gezogen worden. Langsam scheint sich die Schockstarre zu lösen, die Blumen und Trauerbekundungen um die Kriegerdenkmäler und Kirchen im ganzen Land sind abgeräumt. Da glänzt nichts mehr, und kein Trost ist in Sicht, dass es besser werden wird, wenig Zuversicht, wenig Aussicht auf Stabilität angesichts einer drohenden Versorgungs- und Energiekrise und einer nicht in demokratischen Wahlen bestimmten, irrlichternden Regierung.</p>
<p>Journalist*innen, Kommentator*innen, Analyst*innen versuchen nachzuvollziehen, wie ein ganzes Land so ohne Not an den Abgrund geriet. Fintan O’Toole zitiert Margaret Thatcher in seinem Artikel: „<em>Politics always reflects the character and caliber of those who practice it – and of those who choose them.“</em></p>
<p>In seinem 2021 erschienen und mit einem Epilog 2022 aktualisierten Buch „Broken Heartlands. A Journey through Labour’s Lost England“ geht Sebastian Payne, Whitehall Editor der Financial Times, in der Ursachenforschung, warum gerade traditionell der Labour Party zugeneigte Wähler*innen 2019 für Boris Johnson und die Tories stimmten, weit zurück bis in die Thatcherjahre.</p>
<p>Der Niedergang der Kohle- und Schwerindustrie in Nordengland begann bereits mit der Schließung von Gruben in den 1960er Jahren und wurde von der Regierung Thatcher zu Beginn der 1980er Jahre massiv und kompromisslos vorangetrieben. Streiks wurden mit brutalen Polizeieinsätzen beendet, die Gewerkschaften wurden kujoniert und entmachtet. Norman Tebbit, Thatchers Arbeitsminister, kommt bei Payne selbstkritisch zu Wort. Er räumt ein, man habe Betriebe und Minen geschlossen, ohne auch nur einen Gedanken an Umschulungsprogramme oder Umstrukturierung der Wirtschaft in den betroffenen Gebieten zu denken.</p>
<p>Den Menschen brach die Arbeit weg, genauso schlimm: die lang gewachsenen Gemeinschaften der Kumpels und Arbeiter, die Clubs, das soziale Leben, die Sozialkontrolle, als das brach auch weg. Man fühlte sich von <em>„London“</em> verraten und dann vergessen.</p>
<p>New Labour unter Tony Blair konnte kompensieren, aber nicht heilen. Labour beging den fatalen Fehler, Wahlkreise an Kandidat*innen für die Wahl zum Unterhaus zu übergeben, in denen sie keine Wurzeln hatten und in denen sie nicht einmal lebten. Die Tories, die keinen festen Stand in der Region hatten, setzten auf lokale Abgeordnete.</p>
<p>Der zweite große Fehler der Labour Party bestand in der Wahl des leitenden Personals. Jeremy Corbyn war alles andere als ein Sympathieträger und repräsentierte nur einen Flügel der Partei. Sein Radikalismus und Antisemitismus führte dazu, dass selbst traditionelle Labourwähler*innen lieber den Tory-Abgeordneten vor Ort wählten und damit Boris Johnsons Weg in Nr 10 ermöglichten. Geholfen hat das wenig.</p>
<p>Finton O’Toole benutzt die schöne Metapher der Pantomime, einer Mischung aus Komödie, Märchen und Musical, die traditionell und nur zur Vorweihnachtszeit zur Aufführung kommt.</p>
<p>Johnson ist ein Populist wie er im Buche steht. Und Johnson hat mit seinen Lügen, Geschichten und Inszenierungen vielleicht nicht an die Tradition der Pantomime angeknüpft, aber er hat eine schauspielerische Leistung vollbracht, die zumindest für die Saison verfing und begeisterte. Vielleicht sogar wieder verfängt.</p>
<h3><strong>Movin‘ Up?</strong></h3>
<p>Grade sind die beiden traditionellen Parteitage der Labour Party und der Tories in der letzten September- bzw. ersten Oktoberwoche zu Ende gegangen. Liz Truss hat sich für ihren Auftritt anlässlich der programmatischen Rede der Parteiführung den Hit <a href="https://www.youtube.com/watch?v=U50M7lT0NI0">„Movin On Up“ von M People</a> ausgesucht. Allerdings nur den auf ihr gleichnamiges Motto passenden Refrain: <em>“You’ve done me wrong, your time is up / You took a sip from the devil’s cup / You broke my heart, there’s no way back / Move right out of here, baby, go on pack your bags.”</em></p>
<div id="attachment_2536" style="width: 235px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2536" class="wp-image-2536 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/Leuchtturm_Nacht-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/Leuchtturm_Nacht-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/Leuchtturm_Nacht-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/Leuchtturm_Nacht-400x533.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/Leuchtturm_Nacht-600x800.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/Leuchtturm_Nacht-768x1024.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/Leuchtturm_Nacht-800x1067.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/Leuchtturm_Nacht-1152x1536.jpg 1152w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/Leuchtturm_Nacht-1200x1600.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/Leuchtturm_Nacht-1536x2048.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/Leuchtturm_Nacht-scaled.jpg 1920w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /><p id="caption-attachment-2536" class="wp-caption-text">© Beate Blatz</p></div>
<p>Weder hatte sie M People um Genehmigung gefragt noch kannte sie offensichtlich den Text und den Inhalt des Liedes. Es geht um einen beachtlichen Rausschmiss, das böse Ende einer Beziehung. Die Häme in den Medien kam prompt. Und das war noch freundlich.</p>
<p>In der Einschätzung der Regierungspolitik und des beeindruckenden Fehlstarts von Liz Truss lagen selbst Daily Telegraph und The Guardian auf einer Linie. Das muss man auch erst einmal hinkriegen: Liz Truss und ihr enger Freund und Schatzkanzler Kwasi Kwarteng entlassen erst gut eingearbeitetes Parlamentspersonal, das bis dahin für den reibungslosen Ablauf aller Verwaltungsaufgaben zwischen den Sitzungen sorgte. Dann verkündet der von seiner Allwissenheit und Allmacht am meisten überzeugte derzeitige Wirtschaftsminister Jacob Rees-Mogg, dass er mit sofortiger Wirkung alle Pläne zur Förderung fossiler Brennstoffe, auch durch Fracking, freigebe und umsetze. Und dann eröffnete Kwasi Kwarteng fast nebenbei sein Mini Budget, demnach der Spitzensteuersatz entfallen sollte und somit 5% der Ultrareichen mehr Geld in den Kassen haben sollten.</p>
<p><em>„Trickle down“</em> nannte das unselige fast wie Estragon und Wladimir in „Warten auf Godot“ ahnungslos absurd auftretende Paar Kwarteng/Truss ihre ökonomische Theorie, die nun zur Praxiserprobung am lebenden Organismus kommen sollte. Ronald Reagan und Margaret Thatcher lassen grüßen. Die Tragödie wiederholt sich als Farce. Die Theorie wurde weder international noch national verstanden, die Praxis noch viel weniger. Die Bank von England musste einspringen, um die Pensionsfonds zu sichern, das Pfund stürzte ins Bodenlose ab, der Immobilienmarkt geriet ins Wanken, der schon durch Brexit und Pandemie gebeutelte Mittelstand stand fassungslos, den eigenen Ruin vor Augen, das nationale Gesundheitssystem erklärte den Bankrott, man könne nicht einmal mehr die kaputten Dächer zentraler Krankenhäuser reparieren, geschweige denn mit der ohnehin schon dünnen Personaldecke die im Winter wieder steigenden Bedarfe decken. Man hatte auf Zuschüsse aus Steuergeldern gehofft. Das Gegenteil war nun eingetreten: Über 400 Milliarden Pfund, die durch nichts gedeckt waren, sollten für die <em>„Steuerreform“</em> für die Reichen zur Verfügung gestellt werden. Der National Trust als Bewirtschafter großer ökologisch und nachhaltiger Landgüter und ganzer Landschaften meldete Protest gegen die Pläne Mr Rees-Moggs an, das Krankenhauspersonal ruft – endlich – zum Streik auf. Die Lastwagenfahrer hatten ihren Streik wegen des Todes der Queen zurückgestellt.</p>
<p><em>„The prime minister’s mask has slipped. Her naked case for greed and selfishness will make enemies inside as well as outside her party.“ </em><a href="https://www.theguardian.com/commentisfree/2022/oct/05/liz-truss-conference-speech-tory-party">leitartikelt der Guardian am 5. Oktober 2022</a>. Einer der vielen Kommentare während des Maelstroms an Nachrichten, Katastrophenmeldungen und Analysen und in den Gesprächen in den Tagen nach dem Mini Budget: <em>„Liz Truss hat in ihren drei Wochen Amtszeit mehr für Labour getan als Tony Blair in seiner gesamten Amtszeit.“</em></p>
<div id="attachment_2539" style="width: 235px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2539" class="wp-image-2539 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/UnionJack_Hunde-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/UnionJack_Hunde-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/UnionJack_Hunde-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/UnionJack_Hunde-400x533.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/UnionJack_Hunde-600x800.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/UnionJack_Hunde-768x1024.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/UnionJack_Hunde-800x1067.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/UnionJack_Hunde-1152x1536.jpg 1152w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/UnionJack_Hunde-1200x1600.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/UnionJack_Hunde-1536x2048.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/10/UnionJack_Hunde-scaled.jpg 1920w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /><p id="caption-attachment-2539" class="wp-caption-text">© Beate Blatz</p></div>
<p>Unter dem Druck der eigenen Partei, dem sich sogar ein Michael Gove, Brexit Hardliner und einer der Beförderer des Putsches gegen Teresa May, anschloss, musste Truss ihren im Guardian nun Kwasikaze Kwarteng titulierten Schatzkanzler zurückpfeifen.</p>
<p>Und dann dieser um Würde ringende Auftritt beim Parteitag mit dem musikalischen Fehlgriff, der aus der Fanfare ein Fanal machte. Liz Truss‘ Botschaft hieß hauptsächlich Wachstum. Für die Reichen. Dieser Eindruck blieb. Selten war eine Regierung so absolut auf einem anderen Planeten als das potentielle Wahlvolk, überhaupt, die Bevölkerung, der ein knallharter Winter bevorsteht.</p>
<p>Labour-Chef Keir Starmer konnte fast nichts falsch machen, stand am Ende des Tory Parteitages über 30 Prozentpunkte vor den Tories!</p>
<p>Keir Starmer hat nicht das Charisma eines politischen Visionärs, aber Labour ist entschlossen, Großbritanniens Wirtschaft nachhaltiger aufzustellen, Steuererleichtungen einzuführen für die, die sie wirklich brauchen, Sozial- und Gesundheitssysteme zu stabilisieren und auszubauen. Der Labour-Parteitag zeigte entschlossene Geschlossenheit, die Anhänger Corbyns und seines Flügels haben keine Bedeutung. Labour muss die Steilvorlage jetzt nutzen und sich ganz klar mit einem zukunftsfähigen und überzeugenden Programm für das gebeutelte Land positionieren.</p>
<p>Aber die nächsten Wahlen müssen erst im Januar 2025 stattfinden. Es steht der regierenden Partei zu, den Wahltermin zu bestimmen. Und mögen sie sich auch gerade auf offener Bühne selbst ad absurdum führen, dumm ist die älteste Partei auf der Insel nicht. Und Menschen vergessen schnell den Skandal von gestern angesichts der Versprechungen von heute, zumal, wenn diese gut inszeniert sind.</p>
<p>Das können nun wieder weder Liz Truss noch irgendjemand aus ihrer Crew: Arbeitsminister Rees-Mogg, Gesundheitsministerin Coffrey oder Innenministerin Braverman erst recht Schatzkanzler Kwarteng wirken laut, Truss-affin und vor allem von sich überzeugt, ohne wirklich fachlich oder politisch zu überzeugen. Truss selbst wirkt zunehmend als sei sie auf Abruf, ohne dass sie das schon selbst wüsste. Hält sie jetzt die Bühne frei, damit der premierministernde Schauspieler wieder auftreten kann?</p>
<p><em>“Life’s but a walking shadow, a poor player/That struts and frets his hour upon the stage/And then is heard no more; it is a tale/Told by an idiot, full of sound and fury/Signifying nothing”. </em>(Shakespeare Macbeth Akt V, Szene 5)</p>
<p><strong>Beate Blatz</strong>, Köln</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Oktober 2022, Internetzugriffe zuletzt am 10. Oktober 2022, Übersetzung der englischen Zitate durch die Autorin. Alle Fotos einschließlich des Titelbildes: Beate Blatz.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Don&#8217;t panic</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/dont-panic/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 07 Sep 2022 05:16:43 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Don’t panic! Land of Hope and Glory – eine ganz schlechte Aufführung „Hell is empty and all the devils are here.“ (William Shakespeare, The Tempest) Die Tories haben eine neue Partei„führung“ und Großbritannien eine neue Premierministerin. Von 81.000 der 172.000 Tory Mitglieder, mehrheitlich weißen, älteren Männer, auserkoren versucht sich nun Liz Truss zumindest bis  [...]</p>
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<h2><strong>Land of Hope and Glory – eine ganz schlechte Aufführung</strong></h2>
<p><em>„Hell is empty and all the devils are here.“</em> (William Shakespeare, The Tempest)</p>
<p>Die Tories haben eine neue Partei„führung“ und Großbritannien eine neue Premierministerin. Von 81.000 der 172.000 Tory Mitglieder, mehrheitlich weißen, älteren Männer, auserkoren versucht sich nun Liz Truss zumindest bis zur nächsten regulären General Election, spätestens im Januar 2025 ohne Mandat der Wahlberechtigten aus den 650 Wahlkreisen als Chefin im noch Vereinigten Königreich. Die Performance der Regierenden wirkt wenig beruhigend: die Furcht der Bevölkerung und die Warnung der Expert*innen vor einem sozialen und ökonomischen Gau angesichts hoher Energiepreise, absoluter Wasserknappheit, Pandemie und instabiler wirtschaftlicher und sozialer Versorgungslage drang nicht bis auf die Bühnen des Tory internen Wahlkampfes vor kleinem Publikum.</p>
<p>Politisch geschah – nichts, um wenigstens Vorbereitungen dafür zu treffen, den GAU zu verhindern. Großbritannien schlingerte und schlingert ohne merkliche Regierungstätigkeit immer weiter auf ein Desaster riesigen Ausmaßes zu.</p>
<h3><strong>Die große Show</strong></h3>
<div id="attachment_2182" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2182" class="wp-image-2182 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Landschaft_kaputt-300x218.jpg" alt="" width="300" height="218" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Landschaft_kaputt-200x145.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Landschaft_kaputt-300x218.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Landschaft_kaputt-400x291.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Landschaft_kaputt-600x436.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Landschaft_kaputt-768x558.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Landschaft_kaputt-800x581.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Landschaft_kaputt-1024x744.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Landschaft_kaputt-1200x872.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Landschaft_kaputt-1536x1116.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-2182" class="wp-caption-text">© Beate Blatz</p></div>
<p><em>„Don’t panic, don’t panic“</em>, ruft der schreckhafte Lance Corporal Jack Jones zu passenden und unpassenden Gelegenheiten in der britischen Fernsehserie „Dad’s Army“, die zwischen 1968 und 1977 in 80 Folgen und über neun Staffeln verteilt zum Familienprogramm gehörte: Im fiktiven südenglischen Städtchen Wilmington-on-Sea warten ein halbes Dutzend mehr oder eher weniger wehrtüchtiger zur British Homeguard rekrutierten Herren jeden Alters während des Zeiten Weltkriegs auf die Invasion der Deutschen, zu Lande, zu Wasser oder aus der Luft. Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst. Beunruhigend wie frustrierend: der Feind kommt nicht. Die Herren um den von sich so sehr überzeugten Cpt George Mainwaring (Arthur Lowe) exerzieren völlig sinnfrei und räumen mit beeindruckender Inkompetenz ständig dem selbstproduzierten Chaos hinterher.</p>
<p>Das politische Gerangel bei den Tories um die Macht in der Partei – und fast neben bei um nichts weniger als die Führung des noch United Kingdoms – erinnerte an die Konkurrenzkämpfe bei der Homeguard von Wilmington-on-Sea. Statt gegen eine deutsche Invasion muss das Land nun gegen Inflation, Pandemie, die Folgen des Brexits und das wie immer unverständige europäische Festland verteidigt werden, nach Lesart einiger führender Tories ohnehin die Wurzel allen Übels, dem das Archipel in der Nordsee ausgesetzt ist.</p>
<p>Allerdings kommen die aktuellen Darstellenden mit ihren schauspielerischen Leistungen nicht annähernd auf das Niveau von Arthur Lowe und seinen Kollegen. Niemand nimmt Liz Truss die Rolle der Eisernen Lady ab, niemand Rishi Sunak den netten Underdog mit Selfmade-Karriere. Rishi Sunak ist sein politisches Machtkalkül grade um die Ohren geflogen, er steht in der Partei da als Verräter, der Boris Johnson stürzte. Mal sehen, wo er als nächstes seine Pfründe zu sichern versucht.</p>
<p>Liz Truss, von der Remain-Befürworterin in Rekordzeit zur Brexiteer mutiert als es der Karriere förderlich war, kalkulierte und kalkuliert eiskalt die Chancen für den eigenen Aufstieg. Dabei scheint es kaum von Interesse zu sein, dass der eigentliche Sinn von politischem Handeln nicht in der persönlichen Bereicherung, sondern im Streben um das Wohl eines Staates und seiner Einwohner*innen besteht. Der premierministernde Mr Johnson hat vorgemacht, wie einzig und allein Narzissmus und absolute Skrupellosigkeit ausreichen, um in Number 10 einzuziehen. Das Wohl des Landes? Eine drohende wirtschaftliche Krise von gewaltigem Ausmaß, die längst auch den sogenannten Mittelstand existentiell bedroht? Alles nur Kulisse für die große Personality Show: Ignorieren aller möglicher sozioökonomischen Folgen bei gleichzeitiger Überzeugung von der eigenen Großartigkeit.</p>
<h3><strong>Can you hear me Major Truss?</strong></h3>
<p>Liz Truss, da kommt nichts Gutes auf das ohnehin schon völlig ausgedörrte und wortwörtlich an den Rändern in die See bröckelnde Archipel zu fürchten Leitmedien wie der New Statesman und der Guardian. Truss, Garant*in für die Fortsetzung der Radikalisierung, des Rassismus, der Diskriminierung und der Ausdünnung des Sozialsystems im Sinne der Kräfte um die ultrarechten Think Tanks und Seilschaften.</p>
<p>Weiß Liz Truss eigentlich, was sie tut und was im Land vor sich geht oder lebt sie in einer Paralellwelt? Marina Hyde hat es am 26. August 2022 im Guardian unter der Überschrift <a href="http://www.theguardian.com/commentisfree/2022/aug/26/liz-truss-price-cap-uk-omnicrisis">„Ground Control to Major Truss“</a> bitter so formuliert: Liz Truss leugne und verdränge die aktuelle brenzlige Situation wie ein schmächtiger Schiffsjunge, der auf der sinkenden Titanic Dienst tut und „den Sturm auf die Rettungsboote als Beweis für den Erfolg der von der Reederei angebotenen Landexkursionen“ erklärt.</p>
<div id="attachment_2183" style="width: 227px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2183" class="wp-image-2183 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Geschaeft_leer-217x300.jpg" alt="" width="217" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Geschaeft_leer-200x276.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Geschaeft_leer-217x300.jpg 217w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Geschaeft_leer-400x552.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Geschaeft_leer-600x828.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Geschaeft_leer-742x1024.jpg 742w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Geschaeft_leer-768x1060.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Geschaeft_leer-800x1104.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Geschaeft_leer-1113x1536.jpg 1113w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Geschaeft_leer-1200x1656.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Geschaeft_leer-1484x2048.jpg 1484w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Geschaeft_leer-scaled.jpg 1855w" sizes="(max-width: 217px) 100vw, 217px" /><p id="caption-attachment-2183" class="wp-caption-text">© Beate Blatz</p></div>
<p>Ganz schlechtes Theater. Andrew Marr vom <a href="https://www.newstatesman.com/">New States</a><a href="https://www.newstatesman.com/">man</a> wählt am 31. August die Überschrift <em>„</em><a href="https://www.newstatesman.com/politics/uk-politics/2022/08/andrew-marr-liz-truss-government-radical-right-wing"><em>A Liz Truss government means the return of the UK&#8217;s radical right wing“.</em> Er</a> sieht die Insel vor einem politischen Paradox: eine Regierung ohne Mandat aus einer General Election, die jetzt das, was immer sie für das Steuer hält, in die Hand nimmt. Sie ignoriert die Mehrzahl der Bevölkerung, die eine echte Wahl wollen. Die Bevölkerung – alles nur Statist*innen?</p>
<p>Bei einer neuen Wahl hätte Labour, zwar derzeit auch nicht gerade mit scharfen Profil und überzeugenden Konzepten unterwegs, die Nase vorne. Kaum anzunehmen, dass die Tories unter diesen Umständen eine General Election vor der Zeit ausrufen werden.</p>
<h3><strong>Es brennt auf allen Ebenen im ausgedörrten Land</strong></h3>
<p>Unterdessen steht zu befürchten, dass Liz Truss und ihre Getreuen keine schnellen und nachhaltigen Maßnahmen zu der drohenden Omnikrise finden geschweige denn zur Anwendung bringen werden. Es fällt, mit britischem Understatement formuliert, schwer zu glauben, dass diese neue Regierung auch nur ansatzweise ein vollständiges Bild dessen, was die Insel in den nächsten Monaten erwartet, vor Augen hat. Es brennt auf allen Ebenen. Und es ist keine Zeit mehr für lautes Geschrei und effekthascherischen Wettbewerb der schlechten Stand Up Comedians, die sich für Politiker*innen halten.</p>
<p>Die angekündigten Steuersenkungen werden denen, die durch die erwartete etwa 80%ige Erhöhung der Energiekosten und eine Inflation von vorausgesagten 18-20% um ihre Existenz gebracht werden, wenig helfen. Eine Energiepreisbremse liegt auf der Hand.</p>
<p>Boris Johnson setzt auf Atomkraft, hat den Bau neuer Atomkraftwerke angekündigt und besuchte als einer seiner letzten Amtshandlungen folgerichtig die seit Jahrzehnten umstrittene Anlage Sizewell in Suffolk. Großbritannien verfügt dabei durchaus über erhebliche Ressourcen an erneuerbarer Energie.</p>
<p>Und auch da geht kein Weiterso. Der ungewöhnlich trockene Sommer hat selbst Großbritannien, von Rudyard Kipling wegen seiner guten geographischen und metereologischen Lage angesichts der üppigen Flora gerade in Südengland als Garten Eden bezeichnet, in die Dürre getrieben. Nicht nur, weil der Regen fehlte, sondern auch, weil seit der Privatisierung der Wasserwirtschaft durch Margaret Thatcher die Ressourcen zu kommerziellen Zwecken konsequent rigoros ausgebeutet wurden.</p>
<p>Die gelinde gesagt fahrlässige Nachlässigkeit mit Umweltressourcen bzw. deren Folgen hat es in den letzten Wochen mit Bildern von fäkalienbeschmutzten Stränden in alle Gazetten gebracht. Privatisiert ruhig weiter ehemals staatlich geführte Betriebe. Auch Müll spült Geld in die Kassen.</p>
<p>Die Insel hat sich politisch und wirtschaftlich einigermaßen isoliert, aber die Dringlichkeit der Themen wie z.B.  Energie, Klima, nachhaltiges Wirtschaften, soziale Sicherung und Bildung, nicht zuletzt die durch den Krieg in der Ukraine sichtbar gewordene totale Verschiebung und Auflösung geopolitischer „Gewissheiten“ machen nicht an den Küsten Englands, Schottlands Wales und Irlands halt. Der Blick in den historischen Tunnel, an dessen Ende das Licht des Empires längst ausgeknipst ist, hilft bei der Wegeplanung aus der Krise hinaus überhaupt nicht.</p>
<p>Es steht nur zu befürchten, dass eine Regierung Truss alle Vorschläge, die von europäischer Seite zur gemeinsamen Lösung an „London“ herangebracht werden, ablehnt, ignoriert oder als Einmischung in die inneren Angelegenheiten Großbritanniens definiert, weil sie von der anderen Seite des Kanals kommen.</p>
<h3><strong>… und Boris liest Shakespeare</strong></h3>
<p>Der ehemals premierministernde Mr Johnson hat sich derweil nach Beendigung seiner Hochzeitsfeierlichkeiten eine neue Aufgabe gesucht. Es heißt, er schreibe ein Buch über William Shakespeare. Über Winston Churchill hat er ja schon geschrieben.</p>
<div id="attachment_2184" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2184" class="wp-image-2184 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Flagge-300x199.jpg" alt="" width="300" height="199" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Flagge-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Flagge-300x199.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Flagge-400x266.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Flagge-600x399.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Flagge-768x511.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Flagge-800x532.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Flagge-1024x681.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Flagge-1200x798.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Flagge-1536x1021.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-2184" class="wp-caption-text">© Beate Blatz</p></div>
<p>Ausgerechnet Shakespeare. Der große Theatermensch Peter Brook sieht in Shakespeare den einzigartigen Menschenkenner, der alle Nuancen menschlicher Fähigkeiten und Schwächen mit großer Hingabe beobachtet und benannt hat, mit einer Wort- und Analysekraft, die auch nach Jahrhunderten Gültigkeit und Strahlkraft hat.</p>
<p>Zweifelsohne sind Shakespeares Stücke und die darin handelnden Figuren nach wie vor schlüssig und gültig, wenn es darum geht, Krisen und den Zusammenbruch von Wertvorstellungen und Weltbildern und die Torheit und Hybris von Regierenden verstehen zu wollen. Theater, das war zu Shakespeares Zeiten authentische Darstellung von Leben und Zeitläuften. Da wurde mit Herzblut und allen Kräften auf die Bühne gebracht, was die Menschen in der Zeitenwende vor 400 Jahren umtrieb. Über Shakespeares Verständnis von Theater schreib Peter Brook schon im Jahr 1996 in <a href="https://archive.org/details/emptyspace0000broo_b6d2">„The Empty Space“</a>: <em>„Drama, Schauspielen, das war ein sich Aussetzen, Konfrontation, es enthielt Widerspruch und führte zu Analyse, Involviertheit und Erkenntnis, um dann schließlich wach zu machen und zu Verständnis und verstehen zu führen.“ </em>Ein Orkan zieht auf über dem Archipel, der Sturm wird auch den Kontinent nicht ungeschoren lassen. „<em>Im Januar werden wir nicht mehr funktionsfähig sein – gerade rechtzeitig, um unseren Oligarchen-Faschisten die heimliche Einführung von „Freihäfen“ oder „Charter Cities“ zu ermöglichen,“</em> prognostiziert <a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/grossbritannien-liz-truss-kommentar-1.5651206">A.L. Kennedy am 6. September 2022 in ihrem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung.</a></p>
<p><a href="https://www.blaetter.de/ausgabe/2022/september/grossbritannien-vor-dem-winter-des-aufruhrs">Annette Dittert zeichnet in ihrem Essay für die „Blätter für deutsche und internationale Politik“ im September 2022 ein ähnlich düsteres Bild</a>: <em>„Der für einen kurzen Moment möglich scheinende Selbstreinigungsprozess der Partei ist damit längst verspielt. Und das in einer Situation, in der die Insel im Herbst in eine Wirtschaftskrise schlittern wird, neben der die deutschen Ängste vor höheren Energiepreisen wie müde Luxusprobleme wirken. Eine Krise, die ganz wesentlich auf das Konto der seit zwölf Jahren regierenden Tory-Partei geht und die Liz Truss sogar noch auf die Spitze treiben dürfte, wenn sie bei ihren jetzigen Ankündigungen bleibt, die vor allem weitere Steuererleichterungen für Besserverdienende versprechen.“ </em>Und für diese Steuererleichterungen sollen sogar neue Schulden aufgenommen werden!</p>
<p>Bislang konnte man davon ausgehen, dass sich die Menschen auf der Insel eher in eine Schlange stellen, höchstens leise murrend eine Tasse Tee aufbrühen. Öffentlicher Protest ist eher unbritisch. Noch. Liz Truss, die neue Margaret Thatcher? Man denke an die endlosen Streiks, die erbitterten Aufstände in den Kohlegebieten im Norden des Landes, an die nach gewaltsamen Demonstrationen gegen die Poll Tax zerstörten und geplünderten Geschäfte auf der Charing Cross Road in London. Ein Sturm zieht auf: <em>„Hell is empty all devils are here.“</em></p>
<p><strong>Beate Blatz</strong>, Köln</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im September 2022, Übersetzungen aus dem Englischen von der Autorin, alle Internetzugriffe zuletzt am 7. September 2022. Rechte aller Bilder einschließlich des Titelbildes bei der Autorin.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Rule Britannia</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 03 Jul 2022 16:23:13 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Rule Britannia Oder die Macht der Vorstellung - fast schon ein Nachruf? „Rule Britannia! Britannia rule the waves, / Britons never will be slaves” (Text: James Thomson und David Mallet, Musik: Thomas Augustine Arne). Dieses Lied kennen in England alle. Es ist etwas mehr als 280 Jahre alt und gilt als inoffizielle Nationalhymne. Der  [...]</p>
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<h2><strong>Oder die Macht der Vorstellung &#8211; fast schon ein Nachruf?</strong></h2>
<p><em>„Rule Britannia! Britannia rule the waves, / Britons never will be slaves” </em>(Text: James Thomson und David Mallet, Musik: Thomas Augustine Arne).</p>
<p>Dieses Lied kennen in England alle. Es ist etwas mehr als 280 Jahre alt und gilt als inoffizielle Nationalhymne. Der zitierte Refrain folgt nach der ersten Strophe als Gesang der Schutzengel. Aber Boris Johnson kennt sich auch in der sakralen Architektur aus: <em>„Wir sind der fliegende Pfeiler in der gotischen Architektur. Sie stützen das Gebäude von außen“. </em>Das sagte er in einem <a href="https://www.sueddeutsche.de/meinung/lexikon-fliegender-pfeiler-1.5608007">Interview mit der Süddeutschen Zeitung am 23. Juni 2022</a>. Das ist ja mal eine Aussage! So also sieht Mr Johnson die Rolle Englands – aber wer ist jetzt genau „wir“? Großbritannien? United Kingdom? Inklusive Nordirland? gegenüber <em>„Europe“</em>?</p>
<h3><strong>Was dachte Mr Johnson in Salisbury?</strong></h3>
<p>Was hat sich der premierministernde Mr Johnson bei diesem Bonmot wohl gedacht? Ist er selbst darauf gekommen, als er vor der Kathedrale von Salisbury stand?</p>
<p>Die, die diese großartige Kathedrale bauten, und es waren mehrere Generationen, hatten erst relativ spät erkannt, dass der Vierungsturm extrem einsturzgefährdet war. Die Fundamente der Kathedrale sind auf Sand errichtet, die Wände drohten unter dem Gewicht des mächtigen Turmes wegzubrechen. Das Desaster konnte durch geschickt korrigierte Säulenführung in der Vierung innen und – eben durch diese elegant und filigran wirkenden Stützpfeiler außen in einer meisterlichen Leistung von Ingenieurskunst, Bauleitung und praktischer Umsetzung durch erfahrene Bauleute verhindert werden.</p>
<div id="attachment_2022" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2022" class="wp-image-2022 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Beachy-Head-Kent188-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Beachy-Head-Kent188-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Beachy-Head-Kent188-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Beachy-Head-Kent188-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Beachy-Head-Kent188-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Beachy-Head-Kent188-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Beachy-Head-Kent188-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Beachy-Head-Kent188-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Beachy-Head-Kent188-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Beachy-Head-Kent188-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-2022" class="wp-caption-text">Beachy Head, Sussex © Beate Blatz</p></div>
<p>Warum jetzt dieser gewagte Ausflug in die sakrale Architektur? Mr Johnson ist geübt darin, Ikonographien und Narrative zu bedienen, vor allem Ikonen und Erzählungen, die das Archipel in der Nordsee zumindest für einen Teil seiner Bewohner*innen zu <em>„Britannia“</em> machen. Die <em>„fliegenden“ </em>Pfeiler, unverzichtbar für das Gesamtgebäude, aber außen anliegend, werden so zu einem Hinweis auf Mr Johnsons großes Vorbild Winston Churchill.</p>
<p>Winston Churchill schrieb am 15. Februar 1930 in der Saturday Evening Post: <em>“We see nothing but good and hope in a richer, freer, more contented European Communality. But we have our own dream and our own task. We are with Europe, but not of it. We are linked but not compromised. We are interested and associated but not absorbed.” </em>(<a href="https://encompass-europe.com/comment/churchill-and-the-european-union">zitiert nach David Poyser, Churchill and the European Union, August 2020</a>).</p>
<p>Dieses Zitat wurde vor allem seitens der Vote Leave Campaigner und später der parlamentarischen Wortführer für den Brexit immer wieder bemüht, um die Eigenständigkeit der Insel, aber auch eine korrigierende und supervidierende Rolle gegenüber dem Kontinent zu demonstrieren. Man weiß ja, wie Demokratie geht, man hat sie ja erfunden: schließlich ist The Parliament eines der ältesten der Welt.</p>
<div id="attachment_2025" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Chartwell-House-Landsitz-von-Sir-Winston-Churchill193-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2025" class="wp-image-2025 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Chartwell-House-Landsitz-von-Sir-Winston-Churchill193-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Chartwell-House-Landsitz-von-Sir-Winston-Churchill193-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Chartwell-House-Landsitz-von-Sir-Winston-Churchill193-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Chartwell-House-Landsitz-von-Sir-Winston-Churchill193-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Chartwell-House-Landsitz-von-Sir-Winston-Churchill193-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Chartwell-House-Landsitz-von-Sir-Winston-Churchill193-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Chartwell-House-Landsitz-von-Sir-Winston-Churchill193-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Chartwell-House-Landsitz-von-Sir-Winston-Churchill193-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Chartwell-House-Landsitz-von-Sir-Winston-Churchill193-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Chartwell-House-Landsitz-von-Sir-Winston-Churchill193-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-2025" class="wp-caption-text">Chartwelll House, Landsitz von Sir Winston Churchill © Beate Blatz</p></div>
<p>Wie Churchill sein Statement gemeint hat, bleibt umstritten. In seiner <a href="https://worldviews.gei.de/open/DE_1976_TenbrockEtal_GeschichtlGrundlagen_401_402/9/ger/">Rede vom 19. September 1946</a> in der Universität Zürich sprach er sich für die United States of Europe aus und stellte sich damit in eine bereits Mitte des 19. Jahrhunderts dokumentierte Tradition. Die Beweggründe für den Wunsch nach einem Vereinten Europa waren sicher durch die Zeitläufte von unterschiedlichen Motiven geprägt. Churchill sah ein Vereintes Europa nach dem Zweiten Weltkrieg als Bollwerk zwischen den Einflusssphären der Vereinigten Staaten von Amerika und Russlands. Der Aufstieg der USA ging einher mit dem unaufhaltsamen Niedergang der Rolle Großbritanniens in der Weltpolitik und der Auflösung des Empires. Das sollte man vor Augen haben. Es ist überliefert, dass Churchill ein Vereintes Europa natürlich unter Führung Großbritanniens sah.</p>
<p>Großbritannien trat erst 1973 der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft bei. Ganz freiwillig und von allseits großer Begeisterung begleitet war dieser Schritt auch dann nicht. Der <em>„Verlust“</em> der Kolonien durch deren Unabhängigkeit vom <em>„Mutterland“</em> führte in Großbritannien zu erheblichen wirtschaftlichen Einbrüchen und zu Versorgungsschwierigkeiten, vor allem auch im Dienstleistungsbereich. Angesichts dieser Tatsache schien es ratsam, sich der Europäischen Gemeinschaft einzufügen. Mit großem Bewusstsein für die eigene nationale Identität.</p>
<p>Und da sind wir bei des Pudels Kern oder einer der zentralen Ikonen alias Nebelkerzen der regierenden Bilderproduzent*innen. Was ist diese „nationale Identität“? Britannien? Groß Britannien? Ein Narrativ. Ein Konstrukt. <em>„Nations themselves are narrations“</em>, schreibt Edward Said in “Culture and Imperialism” (New Yorik 1993).</p>
<p>Und Laurie Pennie bringt es in ihrem im Juni 2020 veröffentlichten <a href="https://longreads.com/2020/06/18/the-long-con-of-britishness/">Essay „Tea, Biscuits, and Empire: The Long Con of Britishness“</a> auf den Punkt: <em>“This is a story about a border war. Specifically a border war between two nations that happen, at least in theory, to be precisely the same place. One of them is Britain, a small, soggy island whose power on the world stage is declining, where poverty, inequality, and desaster nationalism are rising, where the government has mangled its response to a global pandemic so badly that it’s making some of us nostalgic for the days when all we did was panic about Brexit. The other is BRITAIN! &#8211; a magical land of round tables, and boy wizards and enchanted swords and moral decency, where the sun never sets on an Empire run by gentlemen, where witty people wear frocks and top hats and decide the fate of nations over tea and biscuits.”</em></p>
<h3><strong>Der Brexit – eine gut geplante Kampagne</strong></h3>
<p>Der Brexit! War nur der Anfang! Er bediente die Identitätskrise eines Landes, oder besser einer Regierung, zunächst der Regierung David Camerons, dem es gelang, einen innerparteilichen Auflösungsprozess zu einem europäischen Problem zu machen, indem er 2015 ein Referendum zur EU-Mitgliedschaft versprach. Wir erinnern uns: Nigel Farages UKIP fischte den Tories auf der rechten Seite die Wähler*innen weg, mit dreist nationalistischen, rassistischen und die Realität einer multikulturellen Gesellschaft negierenden Kampagne. Nigel Farage vor Postern mit Flüchtenden, die wie die Welle eines Tsunami zu Tausenden erst nach Europa einwandern und dann die Insel überschwemmen würden, Nigel Farage jovial mit einem Pint in den Pubs, mit Matteo Salvini, mit Steve Bannon.</p>
<div id="attachment_2023" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Dorfladen-Alfriston-Kent190-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2023" class="wp-image-2023 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Dorfladen-Alfriston-Kent190-300x169.jpg" alt="" width="300" height="169" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Dorfladen-Alfriston-Kent190-200x113.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Dorfladen-Alfriston-Kent190-300x169.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Dorfladen-Alfriston-Kent190-400x225.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Dorfladen-Alfriston-Kent190-600x338.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Dorfladen-Alfriston-Kent190-768x432.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Dorfladen-Alfriston-Kent190-800x450.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Dorfladen-Alfriston-Kent190-1024x576.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Dorfladen-Alfriston-Kent190-1200x675.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Dorfladen-Alfriston-Kent190-1536x864.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-2023" class="wp-caption-text">Dorfladen in Alfriston, Kent © Beate Blatz</p></div>
<p>Wer sich 2015 auf der Insel bewegte, konnte Nigel Farage und seiner UKIP nicht einmal im kleinsten Dorf am Rande von Cornwall entkommen, wo sein Wahlprogramm den Untergang der bekannten Welt auf der Tür zum Lebensmittelladen verkündete. David Cameron stand unter Zugzwang, versprach für den Fall der Wiederwahl der Tories in die Regierungsverantwortung das Referendum – und trat sofort nach Bekanntgabe des Wahlerfolgs von allen Ämtern zurück, als es Ernst wurde. Theresa May, die nächste Premierministerin, einst Befürworterin der Fortsetzung der Mitgliedschaft in der EU, wurde zur unglücklich agierenden „Lady Gaga“ eines Deals, den sie nie gewollt hatte, und eines öffentlichen Spektakels, in dem sie einfach keine Chance hatte. Im Hintergrund wurde eine ganz andere, lange vorher gesetzte Agenda verfolgt, die der Vorherrschaft weißer patriarchaler Männer aus der Oberschicht.</p>
<p>Die Kampagne, als deren Gesicht Mr Johnson ausgesucht wurde, hat ihre Wurzeln im 1955 gegründeten Institute of Foreign Affairs, zu dem, ah ja, Jacob Rees-Moog, Dave Davies und Gisela Stuart gehör(t)en. Systematisch wurden Parteispenden für die Conservatives gesammelt, umgeleitet, propagandistische Beeinflussung strategisch geplant und durchgeführt. Die 1983 gegründete und sinnigerweise European Research Group genannte Tory Guerilla Gruppe gegen konstruktive Politik mit der EU weist fast identisches Personal auf: Michael Gove, Jacob Rees-Moog, Gisela Stuart und Daniel Hanan. Und auch Dominic Cummings, inzwischen geschasster Berater von Mr. Johnson mischt mit. Kurze Rückschläge im Gesamtplan werden hingenommen.</p>
<p>Zwei Iren und eine Schottin seien hier stellvertretend für all die genannt, die versuchen, das Geschehen auf der Insel zu verfolgen, zu analysieren und die Zeitläufte doch noch zu beeinflussen, genannt und empfohlen, alle mit durchaus drastischem Statement schon im Titel: Peter Geoghegan, „Democracy for Sale – Dark Money and Dirty Politics“, Finton O’ Toole „Three Years in Hell – The Brexit Chronicles“ (beide Bücher erschienen 2020 in London) sowie die Essays von <a href="http://www.a-l-kennedy.co.uk/">A.L. Kennedy</a>, aus denen ich noch zitieren werde.</p>
<p>Die Kampagne der Vote Leaver folgte planmäßig dem simplen wie erfolgreichen Rezept: vereinfache was kompliziert ist mit Hilfe wenigen eingängigen Schlagworten <em>(vor dem Votum: „Get Back Control“, nach dem Votum: „Get Brexit Done!“</em>), meide Erklärungen und Transparenz, das ist zu kompliziert, bleibe im Vagen, aber den Zuhörenden zugewandt, nutze Ikonen und Erzählungen, die alle sofort verstehen (roter Bus gleich geniales und über Jahrzehnte verlässliches Transportmittel nicht nur in London, das Nationale Gesundheitssystem NHS gleich in den 1930er und 1950er Jahren bahnbrechendes und weltführendes Gesundheitssystem und nun von der EU bedroht), nutze die Facebookschwärme und alle Medien, denn was alle sehen und hören, kann doch nicht falsch sein.</p>
<p>Manch eine*r, die staunend vor einem der vielen Bildschirme saß oder durch die Einkaufszonen ging, mag sich über die knalligen Broschüren und effekthaschenden, aber inhaltsleeren Auftritte von Mr Johnson und Mr Farage (die keine Freunde wurden) und ihrer Mitstreiter*innen an den großen Sohn der Insel, Edward Blair alias George Orwell, erinnert gefühlt haben. 1984 war auf einmal sehr real. Und doch: Niemand hat wirklich geglaubt, dass so ein Mist tatsächlich durchkommen würde. Aber <a href="https://www.welt.de/politik/ausland/article156576085/Unfassbar-niedrige-Wahlbeteiligung-junger-Briten.html">37,4% der wahlberechtigten Bürger*innen</a> haben das Ergebnis, knapp wie es war, entschieden. Die jungen Brit*innen blieben zu Hause, die alten wählten, allen voran die älteren Engländer*innen.</p>
<p>Und Laurie Pennie hat leider Recht: der Brexit war ein Spaziergang verglichen mit dem, was nach dem Referendum kam. Die Inszenierung hatte ein dankbares und laut applaudierendes Publikum gefunden. Und wurde fortgesetzt wie eine schlechte Sitcom. Die Inhalte: Großbritannien, Make Britain Great Again, Britishness, Buy British, das Empire, Land of Hope and Glory. Man muss nur erstmal den Brexit schaffen. Der Feind kommt von außen, wie seit tausend Jahren immer vom Kontinent.</p>
<h3><strong>The Empire is back, really?</strong></h3>
<p>Während die eine Hälfte der Inselbewohner*innen fahnenschwenkend alte <em>„Traditionen“</em> beschwört, schlägt die andere Hälfte die Hände vors Gesicht und versucht, sich aus der Schockstarre zu lösen.</p>
<div id="attachment_2024" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Kirchhof-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2024" class="wp-image-2024 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Kirchhof-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Kirchhof-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Kirchhof-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Kirchhof-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Kirchhof-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Kirchhof-768x513.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Kirchhof-800x534.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Kirchhof-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Kirchhof-1200x801.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Kirchhof-1536x1025.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-2024" class="wp-caption-text">Kirche in Fritton, Norfolk, Bauphasen vom 9. bis zum 14. Jahrhundert, angelsächsisch im Chor, in der Apsis normannisch © Beate Blatz</p></div>
<p>Großbritannien? Ein Narrativ. Das Empire – ebenso ein Narrativ wie das von Edward Elgar komponierte Kirchenlied „Land of Hope and Glory“, das neben „God Save the Queen“, „Jerusalem“ und „Rule Britannia“ zum festen Bestand des Liedgutes auf der Insel gehört und so etwas wie eine weitere Nationalhymne darstellt. Eine treffende Beschreibung der Wirksamkeit dieses Liedgutes bieten Danny Dorling und Sally Tomlinson in „Rule Britannia – Brexit and the End of Empire” (London 2019).</p>
<p>Großbritannien? De facto handelt es sich geographisch um je nach Zählung vier bis fünf unterschiedlich große Inseln eines Archipels in Nordsee bzw. Nordatlantik. Geologisch gehört dieses Archipel zur Eurasischen Platte.</p>
<p>Politisch gesehen besteht das United Kingdom seit dem <a href="https://www.parliament.uk/about/living-heritage/evolutionofparliament/legislativescrutiny/act-of-union-1707/">Act of Union 1707</a>. 1740 schrieb ein Schotte, Thomas Arne, die Hymne „Rule Britannia“ und kassierte dafür eine Pension von 100 Pfund jährlich vom Prince of Wales, der damals Friedrich Ludwig von Braunschweig-Lüneburg hieß. Soviel zur historischen Dekonstruktion von Bildern und Vorstellungen zu Britishness.</p>
<p>Das Empire, zusammengeraubt und geschossen, hatte seine größte Ausdehnung 1830. Die Geschichte des Empires ist die Geschichte von Ausbeutung, Plünderung, von willkürlich gezogenen Grenzen und von Sklavenhandel. Da war dieses Empire nicht allein, Frankreich, Belgien, die Niederlande, Deutschland und Italien, Spanien und Portugal bereicherten sich auf ähnliche Weise.</p>
<p>Nach der Auflösung des Empires, die nach dem Zweiten Weltkrieg ziemlich schnell erfolgte, sollte der Commonwealth of Nations die Tradition und die Verbindungen aufrecht halten. Die Überlegenheit der weißen <em>„Rasse“</em> war damit natürlich nicht in Frage gestellt.</p>
<p>Und das ist der Zwiespalt, in dem sich die Insel seit Jahrzehnten befindet: wem gehören die Erinnerungen, die Geschichte, die Tradition, wer hat die Deutungshoheit und die Macht zur Durchsetzung von Bildern, die politische Entscheidungen beeinflussen?</p>
<p>Mr Johnson und die Seinen, die in den Genuss einer adeligen Abstammung und einer das Establishment stabilisierenden Bildung gekommen sind lassen die alten <em>„Traditionen“</em> wieder hervorkommen und inszenieren mit den bekannten und leider in den Schulcurricula weitergegebenen Requisiten ein gefährliches Spektakel. Und sie kommen damit durch – so schreibt es Owen Jones in „The Establishment – And how they get away with it” (London 2015).</p>
<p><a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/abschiebung-grossbritannien-johnson-1.5605004">A.L. Kennedy spricht am 20. Juni 2022 in seinem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung vom <em>„sanften Putsch“</em></a> – durchaus ein Gegensatz zu Donald Trumps capitolstürmenden Truppen vom 6. Januar 2020 –, der durch den premierministernden Mr Johnson und seine Partygenoss*innen – die deutsche Übersetzung schafft die schöne Doppelbedeutung von „Party“ leider nicht – das <em>„wahre und alte Gesicht“</em> des Empire wieder zum Vorschein bringt. Die treffende Überschrift der Autorin: „1:0 für Team Chaos“.</p>
<div id="attachment_2026" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Post_Office-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2026" class="wp-image-2026 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Post_Office-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Post_Office-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Post_Office-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Post_Office-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Post_Office-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Post_Office-768x513.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Post_Office-800x534.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Post_Office-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Post_Office-1200x801.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Post_Office-1536x1025.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-2026" class="wp-caption-text">Post Office in Moulton, Essex © Beate Blatz</p></div>
<p>Die Grundidee der Inszenierungen folgt, wie schon in Sachen Brexit, dem Muster <em>„Make Britain Great Again“</em>. Mr Johnson und die Seinen, machen die Regeln und können sie wie Heinrich der VIII. jederzeit brechen. <em>„Great“</em> und reich werden dabei nur die Partypeople, dem National Health Service fehlt inzwischen nicht nur das Geld, sondern auch das Personal, in vielen Familien wird das Haushaltsgeld knapp, die Supermärkte können ihr Sortiment nicht bereithalten.</p>
<p>Der regierenden Clique ist das egal. Niemand tritt zurück. Niemand übernimmt wirklich Verantwortung, es sei denn am Rednerpult. Wie gefährlich und Menschen verachtend dieses Regierungsspiel ist, zeigt sich in der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit ihrer Mitglieder, allen voran Innenministerin Priti Patel, deren indischstämmige Eltern in den 1960er Jahren aus Uganda nach Hertfordshire migrierten. Priti Patel unterzeichnete am 17. Juni 2022 die Ausweisung Julian Assanges in die USA.</p>
<h3><strong>Brandgefährlich</strong></h3>
<p>Das Feuer im Grenfell Tower vom 14. Juni 2017: <em>„The trauma is still there’: Horror over fire in high rise flats near Grenfell Tower“</em> – so schrieb <a href="https://www.independent.co.uk/news/uk/home-news/grenfell-tower-fire-what-happened-b2098188.html">The Independent</a> – war bereits mahnendes Zeichen für den Umgang einer Gesellschaft mit ihren Mitgliedern, zu denen sich auch die Citizens des Commonwealth zählen konnten. Bis spätestens der <a href="https://www.jcwi.org.uk/windrush-scandal-explained">Windrush Scandal</a> 2018 auch das Narrativ des fürsorglichen Commonwealths endgültig zerstörte. Menschen, die schon Jahrzehnte im Vereinigten Königreich lebten, mussten ihre Existenz mit kaum erbringbaren Auflagen beweisen, für jedes Jahr.</p>
<p>Nun also der Ruanda Coup. Das UK zahlt 120 Millionen Pfund an Ruanda, in dem alles andere als Frieden herrscht, um unerwünschte Zufluchtsuchende aufzunehmen. A.L. Kennedy: <em>„Um die ‚schrecklichen Menschenschmuggler‘ zu besiegen, werden wir zu noch schrecklicheren Menschenschmugglern.“</em> Ins Ruanda von Paul Kagame: die Anträge sollen dann dort bearbeitet werden. Man könnte es für eine böse Farce halten. Es ist bitterer Ernst und betraf mehr als 100 Menschen. Für viele konnte der Abschiebestopp mittels Einlegen von Rechtsmitteln erwirkt werden. Im Flieger, der für die Abschiebung bereitstand, saßen zum Schluss immer noch sieben Menschen. Es gab Demonstrationen, Prince Charles, die britischen Grünen, der UNHCR, einige Grenzbeamte und hochrangige Geistliche der Church of England setzten sich für die von der Abschiebung Betroffenen ein. Die ganze Dramatik schildert A.L. Kennedy in ihrem bereits zitierten Essay „1:0 für Team Chaos“. Erst als sich der Europäische Gerichtshof einschaltete, konnten die sieben das startbereite Flugzeug verlassen. Ihr weiteres Schicksal bleibt offen. Nur am Rande: die Ruanda-Idee hat Vorbilder, manche erinnern sich vielleicht daran, was hinter dem sogenannten „Madagaskar-Plan“ stand, manche wissen, auf welche Inseln Australien oder Dänemark Geflüchtete deportierten.</p>
<p>A.L. Kennedy analysiert scharf und unerbittlich: Die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes basiert auf der Europäischen Menschenrechtskonvention und den dort getroffenen Vereinbarungen, die das Vereinigte Königreich 1950 in Rom mitunterzeichnete.</p>
<p>Mr Johnson ist das offenbar völlig entfallen. Stattdessen beobachten wir einen premierministernden, rechtmäßig wegen der Übertretung der Gesetze während des Lockdowns verurteilten Politiker, dem nach dem nur knapp gescheiterten Misstrauensvotum seitens der eigenen Partei und dem Verlust zweier bislang sicherer Sitze bei Nachwahlen das Wasser bis zum Halse steht. Da kommt der Feind am besten von außen, damit das Licht und die Aufmerksamkeit woandershin fällt. Und wieder greift die Inszenierung vom übellaunigen und übergriffigen Europa, diesmal in der Gestalt des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte. Es braucht nicht einmal mehr die große Kulisse, allein das Wort „Europa“ oder „europäisch“ reicht inzwischen, um die getreuen Gazetten in Stellung zu bringen und die Volksseele zum Kochen.</p>
<div id="attachment_2027" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Briefkasten-aus-der-Zeit-Georg-V-Milton-Abbas-Dorset189-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2027" class="wp-image-2027 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Briefkasten-aus-der-Zeit-Georg-V-Milton-Abbas-Dorset189-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Briefkasten-aus-der-Zeit-Georg-V-Milton-Abbas-Dorset189-200x300.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Briefkasten-aus-der-Zeit-Georg-V-Milton-Abbas-Dorset189-400x600.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Briefkasten-aus-der-Zeit-Georg-V-Milton-Abbas-Dorset189-600x900.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Briefkasten-aus-der-Zeit-Georg-V-Milton-Abbas-Dorset189-683x1024.jpg 683w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Briefkasten-aus-der-Zeit-Georg-V-Milton-Abbas-Dorset189-768x1152.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Briefkasten-aus-der-Zeit-Georg-V-Milton-Abbas-Dorset189-800x1200.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Briefkasten-aus-der-Zeit-Georg-V-Milton-Abbas-Dorset189-1024x1536.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Briefkasten-aus-der-Zeit-Georg-V-Milton-Abbas-Dorset189-1200x1800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Briefkasten-aus-der-Zeit-Georg-V-Milton-Abbas-Dorset189-1365x2048.jpg 1365w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Briefkasten-aus-der-Zeit-Georg-V-Milton-Abbas-Dorset189-scaled.jpg 1707w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /></a><p id="caption-attachment-2027" class="wp-caption-text">Briefkasten aus der Zeit Georg V., Milton Abbas, Dorset © Beate Blatz</p></div>
<p>Fliegender Pfeiler an Kathedralen? Mr Johnson fuhr während der Brexitkampagne mit einem Bulldozer durch eine Wand, die solide aussehen sollte, aber nur aus Styroporblöcken bestand. Sollte das eine Anspielung auf die Berliner Mauer sein, Freiheit für das Volk?</p>
<p>Das sind alles eingängige große Bilder, die nie und nirgendwo wirklich passen. Aber immer rufen sie irgendwelche Assoziationen hervor, die sich das Publikum dann im eigenen Kopf zurechtstellt. Leichtes Spiel für jemanden, der mit Geschichten und Bildern sein Geld verdient, der allerdings aus seinem Job beim DailyTelegraph flog, weil seine Geschichten doch zu hohl waren.</p>
<p>Die Insel ist auf dem besten Weg von einer geachteten und viel kopierten parlamentarischen Demokratie zu einem totalitären Versuchslabor zu werden. Es sei denn, es gelingt, diese Regierung abzuwählen.</p>
<p>A.L.Kennedy: <em>„Nur Widerstand kann uns noch retten.“</em></p>
<p><strong>Beate Blatz</strong>, Köln</p>
<p>(Anmerkung: Erstveröffentlichung im Juli 2022, alle Internetzugriffe zuletzt am 3. Juli 2022, die Rechte der Bilder einschließlich des Titelbildes liegen bei der Autorin.)</p>
</div></div></div></div></div>
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