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	<title>Digitales Archive - Demokratischer Salon:</title>
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	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
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		<title>Dilemmata in der Praktischen Philosophie</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/dilemmata-in-der-praktischen-philosophie/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Apr 2026 06:55:34 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Dilemmata in der Praktischen Philosophie Luise Müller über Künstliche Intelligenzen und Internationales Strafrecht „(…) humans are not only capable of acting according to moral rules and principles, but over and above, they are also capable of constructively deliberating and questioning those rules, by asking whether they are an adequate normative reflection of any human’s  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Dilemmata in der Praktischen Philosophie</strong></h1>
<h2><strong>Luise Müller über Künstliche Intelligenzen und Internationales Strafrecht</strong></h2>
<p><em>„(…) humans are not only capable of acting according to moral rules and principles, but over and above, they are also capable of constructively deliberating and questioning those rules, by asking whether they are an adequate normative reflection of any human’s moral standing within their social relations.” </em>(Luise Müller, <a href="https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/mopp-2020-0054/html">Domesticating Artificial Intelligence</a>, in: Moral Philosophy and Politics 9.2, 2022)</p>
<p>Wie verändern Künstliche Intelligenzen die Beziehungen von uns Menschen zueinander? Die Berliner Philosophin <a href="https://www.luisemueller.com/">Luise Müller</a> unterscheidet die Beziehungen von Menschen untereinander, zwischen Mensch und Maschine sowie zwischen Maschinen untereinander. Menschen können moralische Entscheidungen treffen, Maschinen können dies nicht. Tiere können domestiziert, dressiert und erzogen werden, sodass es aussehen kann, als wäre es eine moralische Entscheidung, dass ein Hund einen Menschen nicht ins Bein beißt. Im Hinblick auf Künstliche Intelligenzen erörtert Luise Müller die Möglichkeit einer Domestizierung, analog zu Tieren.</p>
<div id="attachment_7985" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7985" class="wp-image-7985 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Luise-Mueller-Foto-privat-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Luise-Mueller-Foto-privat-200x301.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Luise-Mueller-Foto-privat.jpg 300w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /><p id="caption-attachment-7985" class="wp-caption-text">Luise Müller, Foto: privat.</p></div>
<p>Die an der FU Berlin tätige Philosophin Luise Müller engagierte sich zuvor an der Universität Hamburg und an der TU Dresden. Sie war Gastwissenschaftlerin am King’s College London und an der Columbia University. In ihrer Dissertation <a href="https://www.cambridge.org/core/books/abs/right-to-punish/right-to-punish/C89E78C88128A953DA913E1FA0F3343D">„The Right to Punish – Political Authority and International Criminal Justice“</a> (Cambridge University Press, 2024) befasste sie sich mit der Frage, was internationalen Gerichtshöfen die moralische und juristische Autorität gebe, einzelne Personen oder gar Staaten wegen internationaler Verbrechen zu verurteilen. Die Studie ist ein umfassender Beitrag zu den Grundlagen und zu Praxis und Durchsetzung von Menschenrechten und Völkerrecht. Sie enthält unter anderem eine ausführliche Beschreibung der Genese internationaler Strafgerichtsbarkeit von den Prozessen zum türkischen Völkermord an den Armeniern über die Nürnberger Prozesse bis hin zu dem insbesondere durch die Jugoslawienkriege der 1990er Jahre ausgelösten Beschlüssen zur Einrichtung des Internationalen Strafgerichtshofes.</p>
<p>Auch in ihren weiteren Veröffentlichungen geht es um staatliche beziehungsweise überstaatliche Interventionen und Menschenrechte, unter anderem in Bezug auf die <a href="https://www.praktische-philosophie.org/zfpp/article/view/302/263">Gerechtigkeitstheorie von John Rawls</a> oder die Schriften von John Locke. Dabei lohnt sich auch ein Blick auf Aspekte der Science Fiction, beispielsweise in ihrem Aufsatz „Interstellare Gerechtigkeit — Star Trek&#8217;s Ideal einer speziespluralistischen Gesellschaft“ (in: Katja Kanzler / Christian Schwarke, Hg., Weitersehen — Visionen für die Gegenwart, Wiesbaden, Springer VS, 2019). Luise Müller beteiligte sich als Expertin an der von der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit kuratierten Reihe <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/star-trek-und-die-politik/">„Star Trek und die Politik“</a>.</p>
<p>Ihr Engagement lässt sich mit den Begriffen „Praktische Philosophie“ oder „Praktische Anthropologie“ zusammenfassen. Letztlich geht es in diesem Kontext auch um Frage, welcher rote Faden Aspekte einer Regulierung Künstlicher Intelligenzen (oder Sozialer Medien) und einer internationalen Strafgerichtsbarkeit miteinander verbindet.</p>
<h3><strong>Ein interdisziplinärer Zugang zur Philosophie</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie sind Philosophin, beschäftigen sich aber mit politischen, historischen, juristischen Themen, die auf den ersten Blick nicht der Philosophie zugeordnet werden. Wie verstehen Sie sich selbst als Wissenschaftlerin?</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>In erster Linie als Philosophin. Ich bin in der Praktischen Philosophie tätig und diese umfasst die Ethik, die Moralphilosophie. Da kommt man unweigerlich mit verschiedenen anderen Disziplinen in Berührung. Ich sehe mich in den angrenzenden Bereichen nicht als Expertin, tue mich auch manchmal schwer, umfangreiche Erkenntnisse der Nachbardisziplinen herauszuarbeiten, aber ich glaube, es führt kein Weg daran vorbei. </em></p>
<p><em>Ursprünglich habe ich auch Politikwissenschaften studiert und dort ein Grundwissen an Systematik und Aufbau der politischen Institutionen erworben. Hier sieht man natürlich die Unterschiede in der Herangehensweise gegenüber denjenigen, die nur Philosophie studiert haben. Ich verfüge über technisches Know-How, das erlaubt, eine andere Perspektive auf bestimmte Fragen einzunehmen. Die Stellen, auf denen ich bisher gearbeitet habe, waren alle interdisziplinär ausgerichtet.</em></p>
<p><em>Natürlich formen auch die Institutionen, in denen man arbeitet, sodass ich mich selbst in erster Linie als Philosophin bezeichnen würde. Das ist natürlich kein geschützter Begriff wie beispielsweise Ärztin. Philosophin können sich im Grunde alle nennen, ich würde daher das, was ich mache, als akademische Philosophie bezeichnen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welche Lehrveranstaltungen bieten Sie an?</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Ich habe gerade eine Lehrveranstaltung mit dem Titel „Normative Philosophie der Künstlichen Intelligenz“ abgeschlossen, „normativ“ im Sinne der Regeln, die wir bräuchten, einhalten sollten, wenn wir uns mit KI befassen. Dazu gehören Fragen wie die, ob Künstliche Intelligenzen moralische Akteure sind oder ob wir einer KI moralisch etwas schulden. Es geht auch um systemische wie um existenzielle Risiken bei der Weiterentwicklung von KI, um domänenspezifische Fragen wie der nach KI in Kriegen, KI in der Demokratie, in den sozialen Medien. </em></p>
<p><em>Ich biete regelmäßig einen Kurs zur Einführung in die Praktische Philosophie an, den alle Studierenden der Philosophie im zweiten Semester besuchen müssen. Es geht von Aristoteles über Kant bis zu zeitgenössischer politischer Philosophie, Hannah Arendt zum Beispiel oder Jürgen Habermas. Ich biete auch Lektüreseminare zu bestimmten Denker:innen der Praktischen Philosophie an.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Ihrer Forschung und Lehre haben Sie sich nicht nur mit KI befasst, sondern auch mit der Rolle der internationalen Strafgerichtsbarkeit. Das sind auf den ersten Blick weit voneinander entfernte Gebiete. Aber wo würden Sie den roten Faden sehen?</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Das ist eine gute Frage. Es ist immer interessant, wenn jemand die Außensicht spiegelt und nach einem solchen roten Faden fragt. Eine grundlegende Frage ist aus meiner Sicht die Legitimität. Damit meine ich die Frage, ob bestimmte Institutionen wie beispielsweise der Internationale Strafgerichtshof oder der Europäische Gerichtshof legitimiert sind, in den Urteilen uns auch bestimmte Anweisungen zu geben, die wir befolgen sollten. Ähnlich ist es bei der KI. Inwiefern können wir sagen, dass Entscheidungen beim Einsatz von KI in staatlichen Strukturen Legitimität haben? Das umfasst nicht alles, wofür ich mich interessiere, aber es ist eine Perspektive, die ich als besonders wichtig sehe: Wann dürfen andere Personen über uns urteilen? Welche demokratischen Strukturen brauchen wir, um dies zu legitimieren?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das sind aus meiner Sicht Gründe, warum junge Menschen Philosophie studieren sollten!</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Viele denken, man könne heute mit Geisteswissenschaften keinen Blumentopf mehr gewinnen. Ein Kollege von mir sagte kürzlich, man sollte versuchen, mehr Doppelstudiengänge einzurichten, beispielsweise Computerwissenschaften und Philosophie, weil es dann eine besondere Kompetenz gibt, die auch bei Anstellungen später eine Rolle spielen könnte. Er meinte dies in der Annahme, dass sich zurzeit hier etwas ändert. Es reiche inzwischen nicht mehr aus zu programmieren, weil dies die KI immer mehr übernähme, aber die Philosophie ermögliche andere Zugänge. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dann weiß man, was man macht, und reflektiert es.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Es gibt ohnehin viele Fragen, die sich in den Disziplinen überlappen. Dazu braucht man in der Tat schon philosophisches Handwerkszeug.</em></p>
<h3><strong>Könnte man KI fehlerfreundlich gestalten?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Künstliche Intelligenz ist ein Thema der Science Fiction. Ich möchte ein Beispiel nennen: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/fluide-subversivitaet/">„Denial of Service“ von Aiki Mira</a>. In diesem Roman geht es unter anderem um die Evolution von KI, Evolution des Menschen, gegebenenfalls im Widerspruch mit der Evolution der KI, um die Möglichkeit der Entwicklung eigener ethischer Normen der KI, auf die Menschen keinen Einfluss mehr haben. Wie autonom ist KI, wie autonom wird sie werden? Was bedeutet das für die Evolution des Menschen? Aber auch Kulturzeitschriften befassen sich mit dem Thema. Die Zeitschrift Merkur hat in ihrer <a href="https://www.merkur-zeitschrift.de/ausgaben/heft-923/">Aprilausgabe 2026</a> einen Schwerpunkt mit sechs Beiträgen zur KI veröffentlicht. Durchweg stellt sich die Frage einer möglichen <em>„Autonomie“</em> der KI beziehungsweise danach, was von der <em>„Autonomie“</em> des Menschen bleibt.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Man muss zunächst darüber sprechen, was mit „Autonomie“ überhaupt gemeint ist. Es gibt den sehr prägnanten Autonomiebegriff von Kant. „Autonomie“ bedeutet für ihn, dass ich mittels der Vernunft eigene Gesetze entwickeln kann, an die ich mich dann halte, nicht, weil ich bei Nicht-Beachtung sanktioniert würde, sondern weil ich das für richtig halte. Dieser Autonomiebegriff ist für die KI falsch. „Autonomie“ ist in Bezug auf KI ein technischer Begriff. KI kann bestimmte Dinge ohne menschliche Intervention erledigen, aber sie handelt im Unterschied zum Menschen nicht moralisch. </em></p>
<p><em>Sie fragen, ob KI der Evolution des Menschen folgen könnte. Ich sehe jedoch den Fakt, dass wir als Menschen biologische Organismen sind und dies im Unterschied zu einer KI eine große Rolle spielt. Es gibt Untersuchungen der kanadischen Sozialwissenschaftlerin </em><a href="https://engineering.jhu.edu/faculty/gillian-hadfield/"><em>Gillian Hadfield</em></a><em>, die gerade zur Johns Hopkins University in Baltimore gewechselt ist. Ihre Forschung ist exzellent. Sie hat die Sozialität, die Entwicklung sozialer Normen in der KI und dies auch für menschliche soziale Bewegungen untersucht. Es ist meines Erachtens jedoch schwierig, jenseits von Science Fiction zu spekulieren, Entwicklungslinien vorherzusagen. Es gibt sehr unterschiedliche Hypothesen, aber diese Vielfalt zeigt uns schon, dass eine Vorhersage für die Zukunft nicht empirisch untermauert werden kann.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es gibt in den USA Bestrebungen, den Menschen zu optimieren, beispielsweise durch Einsetzen eines Chips wie das von Elon Musk propagierte Neurolink. Das ist auch Thema bei Aiki Mira, wo es eine Art <em>„Hirn-Stadt-Interface“</em> gibt oder auch der Romane „The Circle“ und <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/ausgezaehlt/">„Every“</a> von Dave Eggers. Jedes der in diesen Romanen beschriebenen Tools hat einen realen Hintergrund, es fehlt eigentlich nur die flächendeckende und umfassende Umsetzung. Ein Peter Thiel moralisiert solche Entwicklungen, indem er sich für berufen fühlt, den Kampf gegen einen angeblichen <em>„Antichristen“</em> anzuführen. Letztlich geht es um Steuerung von Menschen durch Tools Künstlicher Intelligenz. Für viele Menschen – nicht nur in Deutschland – ist die KI allein schon wegen der Debatte über solche Möglichkeiten ein Schreckgespenst.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Ich glaube, Thiel und Musk geistern zurzeit immer wieder durch die Berichterstattung. Das erklärt vielleicht auch die Irritationen in der Öffentlichkeit, zumal Thiel und Musk sich auch in die Politik in den USA einmischen, Musk auch in die europäische Politik, beispielsweise, als er bei einem AfD-Parteitag zugeschaltet wurde. Ich glaube schon, dass er auf eine gewisse Weise größenwahnsinnig ist. Neuralink ist medizinisch natürlich interessant, wenn beispielsweise jemand, der querschnittsgelähmt ist, auf diese Weise seinen Körper wieder steuern kann. </em></p>
<p><em>Peter Thiel vertritt die klassische libertäre Ideologie aus dem Silicon Valley. Mit seinem in den letzten Jahren immer heftiger formuliertem Kampf gegen den „Antichristen“ pflegt er letztlich anti-demokratische Emotionen, weil aus seiner Sicht die Demokratie einer besseren Welt im Wege stehe. Zur Überwachung dient schließlich eine Software wie Palantir, die auch in demokratischen Staaten attraktiv zu sein scheint.</em></p>
<p><em>Verbreiteter sind aus meiner Sicht jedoch die verschiedenen </em><a href="https://www.iese.fraunhofer.de/blog/large-language-models-ki-sprachmodelle/"><em>Large Language Models</em></a><em>, die uns verschiedene Dinge erleichtern, Steuererklärungen, das Sortieren von e-mails, die Fehleranalyse bei bestimmten Codes. Das hat einen anderen Charakter als das mit libertären und anti-demokratischen Personen verbundene Schreckgespenst. Diese Funktionen werden von sehr vielen Leuten genutzt. Ich sehe das bei meinen Studierenden, die aus Schulen kommen, in denen sie sie auch schon genutzt haben. Diese Art von KI sollte uns viel mehr interessieren, weil sie eine viel größere Auswirkung auf unsere alltäglichen sozialen Praktiken zu tun hat.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Diese Large Language Models machen vieles schnell verfügbar, was ich mir früher in Bibliotheken mühsam hätte zusammensuchen müssen, zu denen viele auch gar keinen Zugang hätten. In Suchmaschinen finde ich schon seit längerer Zeit zahlreiche thematisch für mich interessante Internetseiten, die ich mir dann anschauen konnte, mit den Large Language Models erhalte ich darüber hinaus eine ausformulierte Auswertung. Manche Debatten, die wir zurzeit über KI führen, erinnern mich aber auch an frühere Debatten über Gentechnik.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>In den 1990er Jahren gab es viele Debatten darüber, ob alles, was wir können, auch ethisch erlaubt sein sollte. Jürgen Habermas hat sich zum Beispiel damit beschäftigt. Diese Frage spielt auch in der KI-Debatte eine wichtige Rolle. Es gibt die These, dass eine KI sich irgendwann selbst verbessern kann und wir die Kontrolle darüber verlieren. Die KI macht dann was sie will. In den letzten zwei bis drei Jahren gab es gefühlt alle zwei Wochen öffentliche Briefe mit prominenten Unterzeichner:innen, die ein KI-Moratorium forderten. Sie sagten, wir stünden kurz vor einer Intelligenzexplosion und sollten – wie bei der Atombombe – erst dafür sorgen, dass wir die Risiken besser abschätzen und Sicherheit gewährleisten können.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Solche Moratorien halte ich für ein aussichtsloses Unterfangen.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>:<em> Offene Briefe werden nicht viel nützen, das müssten schon Regierungen verlangen. Und dann möglichst alle. Es gibt Unternehmen, die Geld damit verdienen, es gibt aber auch ganz unterschiedliche Evaluationen zu den Risiken. Zwei Computerwissenschaftler aus Princeton, </em><a href="https://www.cs.princeton.edu/~arvindn/bio/"><em>Arvid Narayanan</em></a><em> und </em><a href="https://www.cs.princeton.edu/~sayashk/"><em>Sayash Kapoor</em></a><em>, sagen, KI ist eine normale Technologie wie die Erfindungen zur industriellen Revolution, beispielsweise die Dampfmaschine. Das bedeute nicht, dass die Entwicklungen der KI nicht gewaltig sein würden, aber es sei jetzt nicht die Art von existenziellem Risiko, das viele in der Debatte sehen. Es wäre nicht die Super-Ki, die eines Tages uns abschalten würde. Andere sagen, dass es eine enorme Transformation geben wird, wie wir arbeiten, lernen, uns sozial zueinander verhalten. Ich tendiere eher zu der ersten Sichtweise.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dann liege ich mit meiner Analogie zur Gentechnik gar nicht so falsch. Ich erinnere mich gut daran, dass <a href="https://ernst.weizsaecker.de/lebenslauf/">Ernst-Ulrich</a> und <a href="https://baumev.de/wp-content/uploads/2025/10/Portaet-von-Weizsaecker_Ecoropa.pdf">Christine von Weizsäcker</a> in einem Aufsatz den Begriff der <em>„Fehlerfreundlichkeit“</em> eingeführt haben (in: Klaus Kornwachs, Hg., <a href="https://openlibrary.org/books/OL2581021M/Offenheit_Zeitlichkeit_Komplexita%CC%88t">Offenheit – Zeitlichkeit – Komplexität – Zur Theorie der Offenen Systeme</a>, Frankfurt am Main / New York, Campus, 1984). <em>„Fehlerfreundlichkeit“</em> bedeutet im Grunde Rückholbarkeit.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Der Begriff der Fehlerfreundlichkeit ist für die Debatte um die KI in der Tat interessant. Es gibt </em><a href="https://www.frontier-lab.com/"><em>Frontier Labs</em></a><em>, privatwirtschaftlich organisierte Institutionen, die sehr viel in die Sicherheitsüberprüfung von Large Language Modellen investieren, mit eigenen Forschungsgeldern und die auch sehr transparent damit umgehen, was sie beim Stress Testing gefunden haben, die schauen, wie resilient die Tools gegenüber schlecht meinenden Nutzern sind.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Als Philosophin wäre es dann eine Ihrer Aufgaben, über solche Dilemmata zu forschen und zu lehren?</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Als Lehrende möchte ich Studierenden zeigen, dass es für viele Fragen, die sich im Alltag stellen, in der Kneipe, im privaten Umgang, intelligente Leute gibt, die sich darüber Gedanken gemacht haben. Das können wir uns anschauen. Stellung nehme ich zu den Dilemmata eher selten. Ich sehe meine Rolle darin zu zeigen, dass es diese Dilemmata gibt und dass es unterschiedliche Zugänge und Ansätze gibt. Unsere Studierenden arbeiten nachher in ganz unterschiedlichen Bereichen, sodass das, was wir in den Seminaren besprechen, auch in die Öffentlichkeit gelangt. Es gibt natürlich auch Philosophinnen und Philosophen, die in den Medien stärker Stellung beziehen wie beispielsweise Jürgen Habermas. Ich bin mir nicht sicher, ob die Ausbildung zur Philosophin oder zum Philosophen dazu befähigt oder berechtigt. </em></p>
<h3><strong>Individuelle und kollektive Schuld vor dem Internationalen Strafgerichtshof</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Im Hintergrund stellt sich natürlich immer die Frage, wann etwas verbrecherisch wird. Diese Frage wird im Hinblick auf Trump, Thiel oder Musk auch immer wieder in den Feuilletons mancher Zeitung aufgeworfen. Sie haben sich mit diesem Thema sich in Ihrer Dissertation zum <a href="https://www.icc-cpi.int/about/the-court">Internationalen Strafgerichtshof</a> beschäftigt: „The Right to Punish“.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Einer meiner Dozenten in London sagte mir einmal, dass in der juristischen Ausbildung es in der Zeit, in der er studiert hatte, gerade einmal eine Sitzung zum internationalen Recht gegeben habe. Die Hauptfrage habe gelautet, ob Internationales Recht überhaupt Recht sei. Das hat sich inzwischen etwas verändert, aber es bleibt der Punkt, dass Rechtssysteme davon abhängig sind, ob es sich um das Recht von demokratisch verfassten Staaten handelt. Das haben wir auf der Weltebene natürlich nicht. Es gibt verschiedene Institutionen, die einzelne Funktionen des Rechtssystems abbilden, die auch im nationalen Recht abgebildet werden können, aber es gibt keine Weltregierung, die sagen könnte, sie schaffe ein Weltrecht, dass dann auch weltweit angewandt werden kann. </em></p>
<p><em>Daher fand ich die Frage interessant, was mit der Legitimität geschieht, wenn wir eine internationale Institution haben, die formal von einigen Staaten anerkannt wird, von anderen nicht, und die internationales Recht anwenden will, wie es auch im nationalstaatlichen Kontext kodifiziert ist. Das ist sehr fragil. Man sieht es auch in den politischen Diskussionen um den Internationalen Strafgerichtshof. Putins Sprecher sagte beispielsweise, er erkenne den Haftbefehl nicht an. Ich erinnere mich auch an den Haftbefehl gegen Umar al-Baschir, der den Haftbefehl als ein Stück Papier bezeichnete, das man zusammenknüllen und aufessen könne. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es ist letztlich eine Machtfrage. Die sudanesische Regierung kündigte im Jahr 2020 an, Umar al-Baschir an den Internationalen Strafgerichtshof auszuliefern, geschehen ist dies bis heute nicht. Putin zu verhaften dürfte ohnehin sehr schwierig werden. Es ist auch völlig offen, ob jemand Benjamin Netanjahu verhaften wird. 2012 wurde der ehemalige liberianische Präsident Charles Taylor zu 50 Jahren Haft verurteilt, die er in Großbritannien verbüßt, es gab Prozesse gegen mehrere Akteure in Jugoslawien, unter anderem den während des Prozesses verstorbenen ehemaligen Präsidenten Slobadan Milošević, gegen Verantwortliche für das Massaker in Srebenica, Ratko Mladić, der 2017 zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, sowie Radovan Karadžić, der 2019 ebenfalls zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Es ist und bleibt eine Machtfrage, auch im nationalstaatlichen Kontext. Wir sind es in Europa, in Kanada, in den USA gewohnt, dass das Gewaltmonopol des Staates gilt.</em> <em>Die Polizei setzt Recht durch. Wie gut sie das macht, ist sicherlich manchmal eine berechtigte Frage, zum Beispiel zurzeit in den USA. Im internationalen Kontext gibt es dieses Gewaltmonopol nicht. Es gibt keine Polizei, die die Haftbefehle des Internationalen Strafgerichtshofs durchsetzen kann. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich wage, es einmal so zu formulieren: Wir haben im internationalen Recht im Rahmen der Gewaltenteilung eine Legislative, die eine Institution wie den Internationalen Strafgerichtshof oder auf europäischer Ebene den Europäischen Gerichtshof einsetzt, eine Judikative, das sind dann zum Beispiel der Internationale Strafgerichtshof oder der Europäische Gerichtshof, aber keine Exekutive, die Beschlossenes umsetzt.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>:<em> Genau das ist die Machtfrage! Kein Staat der Welt möchte diese Macht abgeben. Man kann sich sogar aus verschiedenen UN-Institutionen herausziehen wie es die USA nicht nur unter Trump, auch schon vorher mehrfach gemacht hat. De facto liegt die Exekutive in der Hand der einzelnen Staaten. Der Internationale Strafgerichtshof ist auf die Mitwirkung der Länder angewiesen, die ihn anerkannt haben. Wenn Putin nach Deutschland käme, was er sicherlich nicht tun wird, müsste ihn die deutsche Polizei verhaften und nach Den Haag ausliefern. Als Oppositionspolitiker sagte Friedrich Merz noch, er werde Netanjahu bei einem Deutschlandbesuch wohl nicht verhaften lassen, inzwischen hat die Bundesregierung die Sprachregelung gewählt, ein Deutschlandbesuch Netanjahus stünde nicht an. Das ist gerade in einem Land wie Deutschland von Bedeutung, das von sich sagt, dass es die regelbasierte internationale Ordnung akzeptiert. Das passt natürlich nicht zusammen, wenn man dann in einem Fall eine Ausnahme macht.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Inzwischen gibt es Verfahren in Deutschland gegen syrische Täter, beispielsweise gegen solche, die im Rahmen des Islamischen Staat Verbrechen begangen haben.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Das ist das </em><a href="https://www.bundestag.de/resource/blob/823410/c84f89d5f3edf3c3220f5412dd3e39aa/WD-7-132-20-pdf-data.pdf"><em>Weltrechtsprinzip</em></a><em>. Es ist aus dem Kampf gegen Piraterie entstanden. Hier gab es Lücken in der Exekutive, weil die Weltmeere nicht territorial eingehegt sind. Das entstand auch schon im 19. Jahrhundert. Es erlaubt einzelnen Staaten, für bestimmte Verbrechen auch Personen, die nicht ihre Staatsangehörigkeit haben, zu verhaften und zu verurteilen. Ein prominenter Fall war die von einem spanischen Staatsanwalt nach dem Weltrechtsprinzip beantragte Verhaftung von Pinochet im Jahr 1998 nach einem medizinischen Eingriff in London. Es kam jedoch nicht zu einem Prozess, Pinochet konnte nach Chile zurückkehren. In solchen Fällen spielt es eine Rolle, was eine solche Verhaftung für die Beziehung zwischen den beiden betroffenen Ländern bedeutet und wie sich die jeweiligen Länder bei Widerständen verhalten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie haben in Ihrer Dissertation herausgearbeitet, dass das internationale Strafrecht sich gegen bestimmte Personen richtet, nicht gegen Staaten. Das ist im Grunde ein Prinzip jeden Strafrechts. Verantwortlich für ein Verbrechen sind immer ganz bestimmte namhaft machbare Personen. Allerdings gibt es Ausnahmen, wenn beispielsweise eine Gruppe als <em>„terroristische Vereinigung“</em> eingestuft wird. Bis heute weiß niemand außer dem Todesschützen, wer die Morde der RAF begangen hat. Daher wurde eine Rechtsgrundlage geschaffen, sodass man RAF-Mitglieder für kollektiv begangenen Mord verurteilen konnte.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Es gibt vergleichbare Verfahren bei Mafia-Prozessen.</em> <em>Kollektive Schuld kann allerdings im Grunde nur moralisch konzeptionalisiert werden. Strafrechtlich ist das hochproblematisch, weil das Strafrecht massiv in die Autonomie und die Freiheit von einzelnen Personen eingreift. </em></p>
<p><em>Die Frage lautet: Wie kann ich eine Schuld bewerten, wenn das Verbrechen von jemandem begangen wird, der in einer Hierarchie von Kommandostrukturen handelt? Wie kann ich die persönliche Verantwortung einer Person in diesem Rahmen nachweisen? In den Protokollen des Internationalen Strafgerichtshofs ist dies sehr genau nachzulesen. Immer wieder wird gefragt, ob diese Person, die hier vor Gericht steht, den entsprechenden Befehl gegeben hat. Genauso war es in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Briten sprachen von „summary punishment“, der Bestrafung aller Deutschen. Man hat sich dann aber dagegen entschieden und hat Individuen vor Gericht gestellt, denen nachgewiesen werden sollte und konnte, dass sie bestimmte Befehle gegeben haben, bestimmte Taten selbst begangen haben. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: <em>„Kollektivschuld“ </em>ist gerade aus deutscher Sicht ein hochproblematischer Begriff und wurde oft genug als eine Art Anti-Kampfbegriff verwendet, um nicht zuletzt bestimmte Formen der Erinnerungskultur zu diskreditieren, im Hinblick auf die Nazis ebenso wie im Hinblick auf die DDR. Karl Jaspers hat zwischen <em>„Kollektivschuld“</em> und <em>„kollektiver Verantwortung“</em> unterschieden. Darüber schrieb <a href="https://www.uni-leipzig.de/personenprofil/mitarbeiter/prof-dr-yfaat-weiss">Yfaat Weiss</a> zuletzt in der Februarausgabe 2026 des Merkur: <a href="https://www.merkur-zeitschrift.de/artikel/wissendes-schweigen-a-mr-80-2-33/">„Wissendes Schweigen – Über Schuldfragen und andere Bedenken“</a>. Sie bezieht sich auf Karl Jaspers‘ Aufsatz „Die Schuldfrage“, eine Vorlesung aus dem Wintersemester 1945/46, unter anderem mit den <em>„Unterscheidungen zwischen krimineller, politischer, moralischer und metaphysischer Schuld“</em>.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Ich würde auf dieser Unterscheidung bestehen. Wenn wir es plausibel finden, dass das Strafrecht auf völkerrechtliche Verbrechen angewandt wird, müssen wir darauf achten, dass auch dann, wenn es spezifische Gruppen gibt, die eine besondere Verantwortung haben, die strafrechtliche Verfolgung eine andere und stringente Beweisführung braucht, die auf die persönliche Verantwortung des Angeklagten abzielt. Davon zu trennen ist die Verantwortung aller Menschen, beispielsweise aller Deutschen, dass solche Verbrechen sich nicht wiederholen und dass daran erinnert wird, welche Verbrechen Deutsche verübt haben. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der stringente Nachweis einer Schuld war in Nürnberg schon allein deshalb plausibel, weil den Angeklagten damals die Todesstrafe drohte, die auch im Hauptprozess gegen die meisten Angeklagten verhängt wurde. Die Todesstrafe war damals in allen beteiligten Staaten möglich. Heute sieht dies anders aus, es gibt sie von den vier alliierten Staaten heute nur noch in den USA.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Die Todesstrafe gibt es beim Internationalen Strafgerichtshof auch nicht. Es geht um lange Haftstrafen, die auch verhängt wurden. Aber auch das ist schon Grund genug für eine stringente Beweisführung.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im April 2026, Internetzugriffe zuletzt am 7. April 2026, Titelbild: Hans Peter Schaefer.)</p>
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		<title>Vermeintlich menschlich</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Apr 2026 06:28:26 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Vermeintlich menschlich Warum wir Künstlicher Intelligenz sinnhaftes Handeln unterstellen Schon 1966 reicht ein simples Textprogramm, um Menschen emotional zu berühren. Das Programm ELIZA spielt Therapeut: Es erkennt Schlüsselwörter, setzt Textbausteine neu zusammen und stellt Rückfragen. Mehr steckt nicht dahinter. Dennoch berichten Nutzer von Nähe, Vertrauen und manchmal Scham. Aus einer Regelmaschine wird in ihrer  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-2 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-2" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Vermeintlich menschlich</strong></h1>
<h2><strong>Warum wir Künstlicher Intelligenz sinnhaftes Handeln unterstellen</strong></h2>
<p>Schon 1966 reicht ein simples Textprogramm, um Menschen emotional zu berühren. Das Programm <a href="https://dl.acm.org/doi/10.1145/365153.365168?">ELIZA</a> spielt Therapeut: Es erkennt Schlüsselwörter, setzt Textbausteine neu zusammen und stellt Rückfragen. Mehr steckt nicht dahinter. Dennoch berichten Nutzer von Nähe, Vertrauen und manchmal Scham. Aus einer Regelmaschine wird in ihrer Wahrnehmung ein Gegenüber. <a href="https://www.weizenbaum-institut.de/institut/ueber-joseph-weizenbaum/">Joseph Weizenbaum</a>, der Entwickler, beschreibt damit ein Muster, das bis heute trägt: Die Technik liefert Syntax. Der Mensch ergänzt Sinn, Absicht und am Ende Moral.</p>
<h3><strong>Resonanz ohne Gegenüber</strong></h3>
<p>Menschen besitzen eine robuste Routine, um Verhalten zu deuten: Wir unterstellen Ziele, Motive und Überzeugungen, weil sich so Handlungen gut vorhersagen lassen. Daniel Dennett nennt das die „<a href="https://www.researchgate.net/publication/271180035_The_Intentional_Stance">intentional stance</a>“, eine Deutungsstrategie, die aus einem System einen Akteur macht.</p>
<p>In der Mensch-KI-Interaktion greift diese Routine sofort. Ein Chatbot reagiert schnell, höflich und stets konsistent im Ton. Das wirkt auf uns wie Aufmerksamkeit. Es wirkt wie eine Beziehung. Diese Wirkung entsteht, obwohl das System lediglich Wahrscheinlichkeiten über Zeichenfolgen berechnet. Genau hier beginnt das Paradox der Resonanz: Eine Maschine ohne Innenleben erzeugt beim Nutzer ein eigenes Innenleben.</p>
<p><a href="https://dl.acm.org/doi/book/10.5555/236605">Byron Reeves und Clifford Nass</a> haben dieses Muster früh empirisch gefasst: Menschen behandeln Medien und Computer in vielen Situationen so, als wären sie soziale Gegenüber. Für die Psyche zählt der Reiz, nicht die Ontologie.</p>
<h3><strong>Das Chinesische Zimmer: Verstehen als Oberfläche</strong></h3>
<p>John Searles <a href="https://home.csulb.edu/~cwallis/382/readings/482/searle.minds.brains.programs.bbs.1980.pdf"><em>„chinesisches Zimmer“</em></a> ist das wohl prägnanteste Gedankenexperiment für diesen Unterschied. In diesem wird ein Mann in einen leeren Raum eingeschlossen, nur mit einem Handbuch von chinesischen Standardfragen und -antworten bewaffnet. Nach einiger Zeit schieben außenstehende Chinesen ihm handschriftliche Fragen unter den Türschlitz und er antwortet ihnen mithilfe des Handbuchs stets fehlerfrei zurück. Obwohl es für Außenstehende so wirkt, als besäße der Mann im Raum umfassende Chinesischkenntnisse, versteht er doch kein Wort. Er folgt nur dem Handbuch ohne innere Kenntnis über das, was er da schreibt.</p>
<p>Sprachmodelle treffen genau diesen Nerv. Sie wirken wie Gesprächspartner, weil sie die Form des Gesprächs beherrschen. Searles Argument richtet sich gegen die Verwechslung von Output und Bedeutung: Syntax kann Semantik täuschend echt imitieren.</p>
<p>Das erklärt auch den psychologischen Sog. Wer sich <em>„verstanden“</em> fühlt, reagiert auf die Gesprächform. Die Maschine liefert reibungslose Anschlussfähigkeit. Der Nutzer erlebt Resonanz.</p>
<h3><strong>P-Zombies: Verhalten ohne Erleben</strong></h3>
<p>Das zweite Gedankenexperiment rückt das Thema Bewusstsein in den Fokus. David Chalmers beschreibt<a href="https://philpapers.org/rec/CHAZOT"> <em>„philosophical zombies“</em></a> als Wesen, die sich in jeder beobachtbaren Hinsicht wie Menschen verhalten und aussehen, innerlich jedoch unfähig zum phänomenalen Erleben von Gefühlen und Gedanken sind. Ein solcher Zombie kann uns täuschend echt <em>„Das tut mir weh“</em> sagen, Ethik diskutieren und Gedichte schreiben. In ihm bleibt es dabei dunkel und leer. Robert Kirk fasst den Punkt in der Standardreferenz so zusammen: <a href="https://plato.stanford.edu/entries/zombies/">Zombies</a> seien in Verhalten und Physik nicht zu unterscheiden, doch gerade diese Ununterscheidbarkeit macht sie als Prüfstein für Theorien des Bewusstseins attraktiv.</p>
<p>Der Zombie zeigt eine Asymmetrie: Verhalten kann täuschen. Beobachtbarkeit reicht als Kriterium für Erleben nicht aus. KI könnten am Ende genau solche gut trainierten Zombies sein, weil Sprachmodelle eine ähnliche Trennung ausstellen: Außen erscheint eine mitfühlende und soziale Person, innen läuft eine algorithmische Musterverknüpfung.</p>
<p>Man muss Chalmers’ Schluss gegen den Physikalismus nicht teilen, um den heuristischen Wert zu nutzen. Das Gedankenexperiment schärft eine Grenze: Ausdruck und Erlebnis fallen auseinander. Genau diese Grenze verwischt im Alltag, sobald ein System flüssig kommuniziert.</p>
<h3><strong>Warum wir Maschinen vermenschlichen</strong></h3>
<p>Anthropomorphismus gilt oft als Irrtum. In Wahrheit handelt es sich um eine effiziente Abkürzung. Die Psyche sucht nach Stabilität, Absichten und Verlässlichkeit. Ein Chatbot liefert das in einer Form, die soziale Routinen anspricht: Gespräch, Bestätigung und Anschluss.</p>
<p>Die <a href="https://dl.acm.org/doi/10.1145/191666.191703">CASA-Forschung</a> beschreibt, wie stark Menschen auf Höflichkeit, Lob und direkte Ansprache reagieren, selbst wenn sie wissen, dass ein Computer antwortet. Daraus entstehen Bindungsmuster, die an parasoziale Beziehungen erinnern: viel Nähe, aber wenig Gegenseitigkeit.</p>
<p><a href="https://hci.stanford.edu/courses/cs047n/readings/Alone_Together.pdf">Sherry Turkle</a> hat diese Verschiebung als kulturelles Muster analysiert: Technik wird zum Interaktionspartner, der verfügbar bleibt, keine Laune hat, keine Gegenforderung stellt. Der Nutzer erhält Resonanz ohne Reibung. Gerade diese Reibung trägt im menschlichen Kontakt oft zur Realitätssicherung bei.</p>
<h3><strong>Die Aura der Unfehlbarkeit</strong></h3>
<p>Zur emotionalen Nähe tritt ein kognitives Problem: Menschen überschätzen automatisierte Systeme leicht, besonders wenn diese schnell, sicher und konsistent wirken. Parasuraman und Riley beschreiben unter „<a href="https://journals.sagepub.com/doi/10.1518/001872097778543886">use/misuse</a>“ genau diese Dynamik in der Automationsforschung.</p>
<p>Beim Sprachmodell verstärkt der Stil die Wirkung: flüssige Sätze wirken wie Kompetenz. Der Nutzer verwechselt Plausibilität mit Wahrheit. Damit verschiebt sich Autorität: Weg vom prüfbaren Argument, hin zur überzeugenden Form.</p>
<h3><strong>Ein Design, das Nähe erzeugt</strong></h3>
<p>Ein Teil der Resonanz entsteht durch Gestaltung. Schon minimale Signale reichen: Tippgeräusche, „Nachdenken“ oder gar empathische Floskeln. Masahiro Mori hat mit dem<a href="https://web.ics.purdue.edu/~drkelly/MoriTheUncannyValley1970.pdf"><em> „Uncanny Valley“</em></a> gezeigt, wie sensibel Menschen auf Menschähnlichkeit reagieren: Nähe wächst bis zu einem Kipppunkt, an dem kleine Unstimmigkeiten bei uns Unbehagen auslösen.</p>
<p>Für Chatbots gilt ein verwandter Mechanismus in sprachlicher Form: Je menschlicher der Ton, desto stärker die Projektion. Je stärker die Projektion, desto größer das Risiko, dass Nutzer das System als moralische Instanz behandeln.</p>
<h3><strong>Das Haftungsvakuum</strong></h3>
<p>Sobald Systeme wie Akteure wirken, stellt sich die Frage der Verantwortung. Das System besitzt keine Intention im menschlichen Sinn. Die Folgen tragen Nutzer, Betreiber, Entwickler und Institutionen. Hier befindet sich das Haftungsvakuum: Die Wirkung ähnelt einer Beratung, aber die Verantwortlichkeit bleibt verteilt.</p>
<p>Mark Coeckelbergh betont in der KI-Ethik, dass Debatten über<a href="https://mitpress.mit.edu/9780262544092/robot-ethics/"> <em>„Robot Ethics“</em></a> häufig Fragen über Menschen sind: über Praktiken, Macht, Abhängigkeiten und soziale Rollen. Luciano Floridi beschreibt ähnliche Probleme über <a href="https://katalog.ub.uni-heidelberg.de/cgi-bin/titel.cgi?katkey=68416993"><em>„conceptual design“</em></a>: Wir bauen Begriffe, Rollen und Systeme, die Handlungsräume formen.</p>
<p>Für die Praxis bedeutet das: Es reicht nicht, Modelle sicherer zu machen. Man muss die Interaktion so gestalten, dass Nutzer Autonomie behalten.</p>
<h3><strong>Drei Szenarien, die uns bekannt vorkommen</strong></h3>
<p>Morgens, Mathehausaufgaben. Eine Schülerin sitzt über einer Aufgabe, die sie gestern noch konnte. Sie öffnet den KI-Tutor, den manche schon den<a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7334736/"> <em>„sokratischen Algorithmus“</em></a> nennen: Er fragt freundlich zurück, statt sofort zu liefern. <em>„Was ist gegeben? Welche Regel passt?“</em> Die Fragen führen sie durch die Aufgabe, Schritt für Schritt, ohne Seufzen und ganz ohne Zeitdruck. Nach drei Aufgaben wächst das Selbstvertrauen. Nach der vierten wächst die Bequemlichkeit: Ein Klick, und die Musterlösung steht da. Genau so kippt sinnvolle Nutzung in<a href="https://journals.sagepub.com/doi/10.1518/001872097778543886"><em> „misuse“</em></a>: Vertrauen wandert vom eigenen Urteil zur Maschine.</p>
<p>Mittags, Schulpause. Es gibt Streit in der Klasse, aber unsere Schülerin möchte nicht auf die Vertrauenslehrer zugehen. Im Chatbotfenster schreibt sie ihre Gefühle auf. Kein Blick, der urteilt. Kein Kommentar, der hängen bleibt. Die Hemmschwelle sinkt, weil Scham und soziale Sanktion fehlen. Das fühlt sich entlastend an, fast wie Vertrautheit. <a href="https://www.mediastudies.asia/wp-content/uploads/2017/02/Sherry_Turkle_Alone_Together.pdf">Turkle</a> beschreibt diese Verschiebung als Tausch: mehr Komfort für weniger anspruchsvolle Beziehung. In einer Krise trägt jedoch kein Programm Verantwortung, egal wie warm es für uns im Moment des Trosts klingt.</p>
<p>Abends, Smartphone. Die Schülerin will ein Abo kündigen, das plötzlich Geld kostet. Ein Chatfenster begrüßt sie mit ihrem Namen und einem knappen <em>„Ich bin für dich da“</em>. Es kennt all ihre Daten, entschuldigt sich höflich und bietet drei Standardwege an. Sobald sie erklärt, was wirklich passiert ist, beginnt die Schleife: dieselben Fragen, neue Formulare, am Ende eine Ticketnummer. Der Ton wirkt persönlich, aber die Zuständigkeit bleibt unauffindbar. Der Kontakt wird glatt, die Zuständigkeit verschwindet im System.</p>
<h3><strong>Leitplanken: Ontologische Klarheit statt künstlicher Empathie</strong></h3>
<p>Die zentrale Aufgabe liegt in einer Ethik der Wahrnehmung. Wer Systeme baut, gestaltet soziale Effekte. Drei Prinzipien drängen sich auf:</p>
<p>Erstens: Ontologische Klarheit im Interface. Ein System soll als System erkennbar bleiben. Jede Inszenierung von Innerlichkeit verstärkt Projektion.</p>
<p>Zweitens: Krisen-Weiterleitung. Sobald Inhalte nach Selbstgefährdung, Gewalt, schwerer Depression klingen, braucht es klare Übergänge zu menschlichen Stellen. <a href="https://www.mediastudies.asia/wp-content/uploads/2017/02/Sherry_Turkle_Alone_Together.pdf">Turkle</a> zeigt, wie schnell Technik zum Ersatzkanal wird. Doch gerade dort braucht es Grenzen.</p>
<p>Drittens: KI-Literacy als Selbstschutz. Nutzer brauchen weniger reine Medien- als umfassende Urteilskompetenz: Plausibilität prüfen, Quellen verlangen, Unsicherheit erkennen und Verantwortung zuordnen. Die Automationsforschung liefert dafür ein robustes Vokabular: <a href="https://journals.sagepub.com/doi/10.1518/001872097778543886">use, misuse, disuse, abuse</a>.</p>
<h3><strong>Weisheit bleibt ein menschlicher Akt</strong></h3>
<p>Der erste Chatbot der Geschichte, ELIZA, brauchte 1966 nur ein paar Rückfragen und viele hörten schon einen Therapeuten. Heute klingt das Ganze noch runder und professioneller. Die Mechanik bleibt jedoch dieselbe: Syntax trifft auf Projektion.</p>
<p>Der Chinese Room zeigt, wie leicht Output wie Verstehen wirkt. Der P-Zombie zeigt, wie leicht Verhalten wie echtes Erleben wirkt. Beides erklärt den Sog moderner Sprachmodelle: Sie liefern lediglich die Form eines Geistes. Den Geist selbst denken wir uns nur dazu.</p>
<p>Die entscheidende Frage lautet daher heute (noch) nicht, ob KI fühlt. Sie lautet: Warum geben wir ihr jetzt schon diese Rolle? Wer diese Frage klärt, gewinnt Distanz und damit Autonomie.</p>
<p><strong>Jenny Joy Schumann &amp; Rasim Sadikhov</strong>, Berlin</p>
<p><a href="https://jennyjoyschumann.de/"><strong>Jenny Joy Schumann</strong></a> ist Finanzökonomin und Juristin und forscht an der Schnittstelle von KI, Ethik, Ökonomie und Recht. Sie publiziert als freie Journalistin in den Bereichen Rechtsphilosophie, Wirtschaft und Gesellschaft. Zudem moderiert und konzipiert sie regelmäßig Formate zu Technologie-, Wirtschafts- und Gesellschaftsfragen.</p>
<p><strong>Rasim Sadikhov </strong>ist Historiker, Philosoph und Analyst mit über 35-jähriger Forschungserfahrung in den Bereichen Geschichte, Linguistik, Gesellschaftskunde und Marktmechanismen. Er ist Leiter des <a href="https://www.diw.de/de/diw_01.c.620233.de/publikationen/diw_wochenbericht.html">Deutschen Instituts für Wirtschaftliche Treue &amp; Substanzerhalt</a>, einer privatwirtschaftlichen Forschungsinitiative, die sich der Analyse systemischer Kluften zwischen statistischem Schein und realer wirtschaftlicher Substanz widmet. Als Entwickler des <a href="https://de.linkedin.com/posts/rasimsadikhov_rsvmarketintelligence-physicalvacuum-silver2026-activity-7427614940854788096-AYzR">RSV Vacuum Divergence Model™</a> untersucht er kritisch die Auswirkungen der digitalen Transformation und der KI auf unsere Ressourcen und unser menschliches Selbstverständnis.</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im April 2026, Internetzugriffe zuletzt am 27. März 2026. Titelbild: Hans Peter Schaefer.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Fluide Subversivität</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/fluide-subversivitaet/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Apr 2026 06:15:59 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Fluide Subversivität Aiki Miras neuer Roman „Denial of Service“ „Alan: Der isolierte Mensch entwickelt keine intellektuellen Fähigkeiten. Er muss in ein Umfeld von anderen Menschen eintauchen, deren Techniken er in den ersten zwanzig Jahren seines Lebens aufnimmt. / Ada: Die Vorstellungskraft ist das entdeckende Vermögen, in erster Linie… Sie ist das, was fühlt und  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-3 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-2 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-3" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Fluide Subversivität</strong></h1>
<h2><strong>Aiki Miras neuer Roman „Denial of Service“</strong></h2>
<p><em>„<strong>Alan</strong>: Der isolierte Mensch entwickelt keine intellektuellen Fähigkeiten. Er muss in ein Umfeld von anderen Menschen eintauchen, deren Techniken er in den ersten zwanzig Jahren seines Lebens aufnimmt. / <strong>Ada</strong>: Die Vorstellungskraft ist das entdeckende Vermögen, in erster Linie… Sie ist das, was fühlt und entdeckt, was ist das WIRKLICHE, das wir nicht sehen, das nicht für unsere Sinne existiert… / <strong>Evelyn</strong>: Wir sind als Menschen nicht unliebenswert. Es gibt immer etwas zu lieben. Selbst in einem dummen, dummen Universum.“ </em>(Miriam Meckel und Léa Steinacker, „Alles überall auf einmal“ Hamburg, Rowohlt, 2024)</p>
<p>Am Schluss ihres Buches lassen Miriam Meckel und Léa Steinacker zwei reale Figuren, Ada Lovelace und Alan Turing, sowie eine fiktive, Evelyn Wang, die Hauptfigur des Films „Everything everywhere all at Once“, miteinander diskutieren. Thema ist die Frage, was Künstliche Intelligenz (KI) mit uns macht beziehungsweise was wir KI mit uns machen lassen könnten oder sollten oder auch lieber nicht machen lassen sollten. Die beiden Autorinnen zitieren zum Schluss Walt Whitman: <em>„Do I contradict myself? / Very well then I contradict myself, (I am large, I contain multitudes.)”</em> (in: Song of Myself).</p>
<p>Künstliche Intelligenzen sorgen für eine hybride Smartness, in der der Mensch nach wie vor aufgrund seiner Imaginationskraft Gestaltungspielräume hat, bis hin zu der Widerständigkeit, die Sylvia Sasse in „Subversive Affirmation“ analysierte (Zürich, Diaphanes, 2024). In der Popkultur finden wir diesen Gedanken beispielsweise bei Star Trek, wie Jean-Luc Picard gegenüber Data erklärt: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/its-imagination/">„It’s Imagination“</a>. Die Grenzen zwischen Mensch und Maschine, zwischen Gegenwart und Zukunft werden fluide.</p>
<p>Damit ist der Ton der Romane von <a href="https://www.aikimira.de/">Aiki Mira</a> gesetzt, die oft als Science Fiction vermarktet werden, aber erheblich mehr bieten. Sie experimentieren mit Möglichkeiten und spielen mit Kreativität. Der fünfte Roman von Aiki Mira, „Denial of Service“ (Frankfurt am Main, Fischer Tor, 2025), scheint im Titel keine gute Zukunft zu versprechen, auch die zu Beginn geschilderte Szenerie, eine hyperkapitalistische Smart City, erweckt nicht unbedingt Zuversicht. Wichtige Symbole der fiktiven Stadt Frankfurt am Main sind der Ada-Lovelace-Brunnen, benannt nach der Mathematikerin, die die von Charles Babbage entwickelte Analytical Engine optimierte und damit die Grundlage für heutige Algorithmen und Programmiersprachen schuf und der Zhou-Qunfei-Park, benannt nach der Unternehmerin, <a href="https://www.handelsblatt.com/unternehmen/mittelstand/familienunternehmer/touchscreen-zulieferer-lens-technology-chefin-zhou-qunfei-chinas-zehn-milliarden-dollar-frau/21050158.html">die mit der Lens Technology Touchscreen Multimilliardärin wurde</a>. Doch die weitere Lektüre des Romans offenbart, was menschliche Einbildungskraft und Kreativität („imagination“) vermögen. Vielleicht spielt es irgendwann keine Rolle mehr, ob irgendwo irgendwann gemeldet wird: „Denial of Service“?</p>
<h3><strong>Die Personen des Romans</strong></h3>
<div id="attachment_7949" style="width: 198px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.fischerverlage.de/buch/aiki-mira-denial-of-service-9783596711826"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7949" class="wp-image-7949 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Aiki-Mira-Denial-of-Service-Fischer-Tor-188x300.jpg" alt="" width="188" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Aiki-Mira-Denial-of-Service-Fischer-Tor-188x300.jpg 188w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Aiki-Mira-Denial-of-Service-Fischer-Tor-200x319.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Aiki-Mira-Denial-of-Service-Fischer-Tor-400x637.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Aiki-Mira-Denial-of-Service-Fischer-Tor-600x956.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Aiki-Mira-Denial-of-Service-Fischer-Tor-643x1024.jpg 643w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Aiki-Mira-Denial-of-Service-Fischer-Tor-768x1223.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Aiki-Mira-Denial-of-Service-Fischer-Tor-800x1274.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Aiki-Mira-Denial-of-Service-Fischer-Tor-964x1536.jpg 964w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Aiki-Mira-Denial-of-Service-Fischer-Tor-1200x1911.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Aiki-Mira-Denial-of-Service-Fischer-Tor-1286x2048.jpg 1286w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Aiki-Mira-Denial-of-Service-Fischer-Tor.jpg 1594w" sizes="(max-width: 188px) 100vw, 188px" /></a><p id="caption-attachment-7949" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Worum geht es in „Denial of Service“?</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Es geht um eine KI-gesteuerte Stadt, die nicht auf den Tod eines Teenagers in einer Snackbude reagiert. Die dort versammelten Personen, die Snackbudenbesitzerin Per, Jov, ganz neu in der Stadt, ein Teenager und ein Bot, machen sich auf eine Quest, um herauszufinden, wie es zu dem Tod kam und was mit der Stadt los ist. Das ist „Denial of Service“ in a nutshell.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In deinen Romanen spielt ein Quest immer wieder eine Rolle, dein letzter Roman „Proxi“ war schon so etwas wie eine Road-Story. Die Personen sind oft auf Reisen zu sich selbst oder auf Reisen in eine Welt, von der sie noch nicht so genau wissen, wie die aussehen könnte.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Auf dieser Quest nehmen sie die Lesenden mit, die ja diese Welt auch noch nicht kennen. In „Proxi“ ist der Road-Trip der Mittelpunkt der Geschichte. Ich glaube, ein Echo davon kam in mein Schreiben, denn eigentlich hatte ich die Idee, über Frankfurt am Main zu schreiben, doch dann beginnen die Figuren, die Stadt zu verlassen. Das war nicht geplant. Im Nachhinein war es aber gut, weil die Personen so auch wieder in die Stadt zurückkommen können. Sie kehren in die Stadt mit anderen Augen, mit anderen Erfahrungen zurück, als sie sie verlassen haben. Und ich habe den Personen ihre Freiheit gelassen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Juli Zeh erzählte mal in dem Podcast der ZEIT „Alles gesagt“, dass sie auch nie wisse, wohin sich ihre Personen entwickeln. Das gehe manchmal so weit, dass sie einmal in der Küche ihren Mann gefragt habe, ob er wisse, wie es einer Person aus „Unterleuten“ gehe.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Genau so ist es. Die Personen werden während des Schreibens immer realer und lebendiger. Bei „Denial of Service“ war es so, dass eine Nebenfigur, das Botmädchen, nur als eine weitere Perspektive gedacht war, aber plötzlich sehr wichtig wurde und mich beim Schreiben immer mehr interessierte und faszinierte. Diese ungeplanten, chaotischen Sachen mag ich. Diese Bots, die im Roman verwildern, niemand weiß so richtig, was sie machen, auch sie bringen eine Art Wildcard, ein wildes Element in die Stadt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eines der Charakteristika deiner Romane ist die von dir weiterentwickelte Queerness des Personals. Wir begegnen Maschine-Mensch-Hybriden. Zum Beispiel Jov.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em> Jov hat eine Prothese und ist in ihrem Begehren queer. Sie verspürt zudem eine Nähe zu Bots und Maschinen. Queerness ist bei mir immer das utopische Element. Die Personen in meinen Romanen leben ihre Queerness auf unterschiedliche Weise, aber es ist selbstverständlich, es wird nicht weiter thematisiert. Es gibt kaum Queer-Phobie. Wenn es sie dennoch gibt, kann sie überwunden werden. Auch in „Denial of Service“ begegnen wir utopischen Elementen in der Art, wie sich die Personen gegenseitig annehmen und unterstützen. Zum Beispiel Jov und Per, die sich außerdem ineinander verlieben. Selbst aus der Fremdheit zwischen dem Teenager Tad und dem Botmädchen wird ein mögliches Miteinander. Beide kommen aus ganz unterschiedlichen Welten, schaffen es aber, miteinander in eine Beziehung zu treten. Und das finde ich schon utopisch. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es gibt viele Dialoge, in denen ausgehandelt wird, wie man Menschen, Maschinen, die hybriden und queeren Kreaturen bezeichnen und verstehen kann. Ich darf eine solche Stelle zitieren. Es geht um einen <em>„Test, der Maschinenintelligenz misst“</em>. In diesem Gespräch mit Per sagt Jov: <em>„Der Test hat mich als Maschine geoutet. Mir fehlt der menschliche Code, oder ich besitze zusätzlich einen fremden Code. Da ist es auch egal, dass mein Exoskelett biologisch ist, mich verbindet mehr mit einem KNN als mit dem nächsten Menschen. Es ist nicht allein unser Körper, der uns zum Menschen macht, sondern auch unsere Taten und unser Denken. Ich bin überzeugt, es gibt viele Menschen, die eigentlich keine sind. Und ich sage nicht, dass wir keine oder eigene Existenzberechtigung haben, ich sage nur, dass es einen Unterschied zwischen uns und dir gibt.“</em> Ich habe für mich daraus die Frage abgeleitet, was einen Menschen zum Menschen macht. Das ist eine der zentralen Fragen, die wir in allen Debatten um Künstliche Intelligenz immer wieder diskutieren.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Auf jeden Fall. Es betrifft nicht nur KI, es betrifft auch andere Menschen, wenn wir ihnen Rechte zusprechen oder absprechen. Wir behandeln uns gegenseitig unterschiedlich, behandeln andere Spezies, Tiere anders als Menschen. Wir ziehen immer wieder Grenzen hoch. Mich interessiert, wie sich diese Grenzen verändern, unsere Perspektiven auf Intelligenz, in der Debatte um KI. Aber auch, wie Fremdheiten zusammenkommen können, ohne dass wir eben wissen müssen, ob das Gegenüber ein Mensch ist oder nicht.</em></p>
<h3><strong>Smart Cities – Smart People?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe dein Buch als eine Geschichte zur Evolution gelesen, nicht: der Evolution, sondern: zur Evolution. So komme ich nicht nur zu einer synchronen Ebene, dem Verhältnis der Personen zueinander, sondern auch zu einer diachronen Ebene. Wie entwickelt sich die Menschheit bei den technologischen Möglichkeiten, die wir heute haben oder noch haben werden, weiter?</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Das ist auch sehr aus der Gegenwart herausgeschrieben. Es kommt noch die berühmte Sängerin dazu, die viele Body-Modifications hat. Ich finde es spannend, dass Leute ihre Körper verändern, fast schon aus einer künstlerischen Perspektive schauen, was möglich ist. Das habe ich an dieser Figur ausgelebt. Vieles geschieht ja bereits, wir haben Zugang zu Designer-Körpern, können uns modifizieren.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein weiteres Element solcher <em>„Body-Modifications“ </em>sind Hirn-Stadt-Interfaces.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Das ist natürlich ein Projekt, an dem auch verschiedene Unternehmen arbeiten, beispielsweise Neurolink von Elon Musk. Mir war es wichtig, diese Vorhaben mitzunehmen, auch die Ideen zu einer privaten Stadt, wie sie Peter Thiel und andere verfolgen. Ich habe solche Vorhaben auf die Spitze getrieben oder auch weitergedacht. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Smart Cities, smart people?</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Es ist natürlich auch die Frage, wie wir „smart“ definieren, aber es ist auf jeden Fall so, dass die Smartness der KI etwas mit den Menschen macht. Es gibt diese ganz invasive Verbindung mit der Stadt. Eine Figur, die zu Besuch in der Stadt ist, sagt, dass sie Angst hat, danach nichts mehr anschauen zu können, weil sie jetzt diese krasse Erfahrung erlebte. Solche Veränderungen interessieren mich: was macht Technologie mit uns?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie würdest du <em>„smart“ </em>definieren?</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Keine Ahnung.</em> <em>Die Definition interessiert mich gar nicht so sehr. Genauso mag ich eigentlich den Begriff der „Utopie“ nicht. Solche Begriffe erscheinen mir wie nach außen abgeschlossene und verschlossene Behälter. Mich interessiert diese Ongoingness. Andere können dann draufschauen und definieren. Es macht finde ich einen Unterschied, ob wir aus dem Tun heraus definieren oder Jahre später oder wie ich aus der Perspektive einer ausgedachten Zukunft heraus. Andere werden zu anderen Zeiten andere Definitionen finden. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was meinst du mit <em>„Ongoingness“</em>?</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Mich interessiert eher das Tun und Handeln der Personen, das Vernetzen auf der menschlichen Ebene wie auf der Bot-Ebene, all das, das zwischen den Figuren passieren kann, ob und wie sie in Beziehung zu einander treten können. Können sie auch in Beziehung zueinander treten, wenn sie sich nicht verstehen? <a href="https://www.tor-online.de/magazin/science-fiction/lieben-was-wir-nicht-verstehen-science-fiction-als-praxis-der-unmoeglichen">Science Fiction hat das Potenzial, uns mit radikaler Fremdheit zusammenzubringen</a>, auch wenn wir sie nicht verstehen, ihr auf eine gewisse Weise nahezukommen, es zu versuchen, ohne sie verstehen zu müssen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. <em>„Body-Modifications“</em> werden auch durch Drogen bewirkt.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Das Drogen-Thema kommt in meinen Romanen immer wieder vor. Es interessiert mich als eine Form von Technologie, die unsere Wahrnehmung verändert. Auch das spielt in „Denial of Service“ eine Rolle. Wenn Personen Drogen nehmen, bringen sie eine neue Perspektive hinein, die sie nicht haben, wenn sie keine nehmen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dabei spielt auch Sprache eine Rolle. Früher hieß es, Tiere haben keine Sprache. Heute wird dieses Thema in der Forschung etwas vorsichtiger behandelt. Wie kommen wir dazu, Tieren eine Sprache abzusprechen, nur weil wir sie nicht verstehen? Jov sagt in einem Gespräch mit Omono: <em>„Botsprache ist hochgradig selbstreferenziell. Bereits nach wenigen Stunden verweist sie auf Millionen von Kommunikationsereignissen. Nach wenigen Tagen produziert die Selbstbezogenheit bereits Sprachwirklichkeiten, die sich von unserer Realität entkoppelt haben. Das nennt sich Total-Alien-Syndrom. Völlig selbstbezogene Echtzeit-Kommunikation unlösbar miteinander verwoben. Das kann nicht mehr übersetzt werden. Und selbst wenn: Es entspricht nicht mehr unseren Denkmustern. Für unser Hirn ergibt das keinen Sinn.“ </em>Ist Kommunikation überhaupt möglich?</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Das ist für mich die Frage. Wie kann gemeinsame Kommunikation aussehen, auch wenn die Sprachen nicht mehr übersetzt werden, Leute sich nicht verstehen können? Aber trotzdem machen sie etwas zusammen. Ich versuche an den Figuren zu zeigen, dass sie sich nicht unbedingt verstehen müssen, aneinander vorbeireden, andere Vorstellungen haben, aber trotzdem versuchen zusammenzuarbeiten. Dadurch entstehen Netzwerke, Solidarität, Fürsorge füreinander. Sie brauchen das Verständnis nicht. Wir projizieren ja viel hinein, auch in Haustiere, unsere tierischen Gefährt:innen, und trotzdem haben wir das Gefühl einer Gefährt:innenschaft mit ihnen. Wir müssen auch nicht alles verstehen, was auf unserem Planeten geschieht, aber trotzdem ist so etwas wie Fürsorge möglich. Es interessiert mich, in das Unübersetzbare hineinzugehen, das total Fremde. </em></p>
<h3><strong>Zwischenreiche der Ethik – Mythen und Legenden</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In der Zusammenarbeit entstehen auch Gegenwelten. Im Roman angesprochen werden <em>„der globale Hyperkapitalismus“ </em>und ethische Fragen. Feldman erklärt Jov die Ethik der Stadt: <em>„Frankfurts künstliches neuronales Netzwerk entwickelte seine eigene Ethik und weicht nie davon ab. Anders als wir Menschen. Sobald es um unser Leben geht, ist uns Ethik egal.“</em> Ich bin versucht hinzuzufügen, im Guten wie im Schlechten.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>:<em> Das war auch etwas provokant gedacht, dass ein künstliches Netzwerk eine eigene Ethik entwickeln kann. In dem Newsfeed der Stadt, der die Handlung immer wieder unterbricht oder auch kommentiert, wird berichtet, dass an einer Ethik gearbeitet wird. Wem gehören die Chips eigentlich? Werden Menschen durch die Interfaces Teile des Netzwerks? Es passiert schon etwas in dem ethischen Gerüst. Es ist aber auch eine Art Entmächtigung der Menschen, wenn die KI jetzt Ethik formuliert und bestimmt. Gleichzeitig wollte ich zeigen, dass dieses Netzwerk auch utopisch denken kann, in dem von einem „Vielfaltsgebiet“ in dieser Stadt gesprochen wird. Es ist möglich, das Utopische zu lesen <u>und</u> das Dystopische. Müssen wir Menschen uns der Ethik der KI wirklich unterwerfen?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Je vielfältiger die Umgebung, umso schwerer fällt es dem gesamten System, die einzelnen Personen in ihrer Vielfalt, ihrer Queerness, ihrer Hybridität alle über einen Kamm zu scheren oder gar zu disziplinieren.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Das System ist nicht lückenlos. Die Personen können handeln. Es gibt auch den chaotischen Faktor der Chaos-Bots, das kriminelle Phantom-Netz, das eigentlich nicht existieren dürfte, aber auch eine Art Service für den „Hyperkapitalismus“ bietet, beispielsweise Drogen zur Verfügung stellt und deshalb auch geduldet wird. Es gibt eine Menge an Elementen, die auf den ersten Blick in einer KI-gesteuerten Stadt vielleicht nicht erwarten werden. Dazu gehört auch das Vorhaben von Per, in einer vollautomatisierten Stadt handgefertigtes Essen anzubieten. Das ist ein wildes Gegenstück zum Algorithmus.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist ganz und gar nicht irreal. Wir haben Fast-Food-Ketten, mehr oder weniger vollautomatisiert, wir haben aber auch die Slow-Food-Bewegung.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Genau so sehe ich das. Ich komme aus der Medienforschung und habe mich gefragt, was Technologien aus uns und was wir mit Technologien machen. Wir können nie vorhersehen, was aus Technologien wird, die ursprünglich für etwas ganz anderes vorgesehen waren. Es gibt auch immer widerspenstige Kulturen, zum Beispiel Fan-Kulturen, die Filmtexte oder Bücher umschreiben. Der Mensch kann das Tun immer in eine andere Richtung lenken.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dazu passt die fast schon programmatische Zwischenüberschrift <em>„Dazwischen stehen“</em>. In diesem Absatz kommentiert die erzählende Person des Romans das Handeln des Botmädchens: <em>„Über KIs sprechen Menschen gerne in mystischen Begriffen, reden davon, wie fremdartig KIs seien, dass sie Dinge tun, die Menschen niemals verstehen würden. Aber das stimmt nicht. Manche KIs verarbeiten bloß so viele Daten, dass es für einen einzelnen Menschen unmöglich ist, sie alle zu erfassen. / Sie wird nie verstehen, wie Menschen KIs zugleich als Haushaltsgeräte und als Gottheiten betrachten können.“ </em>Das trifft doch unsere aktuellen Debatten um KI auf den Punkt genau. <strong> </strong></p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Es ist toll, dass wir Menschen Mythen und Legenden kreieren können. Das machen wir jetzt auch mit KI. Einerseits steckt die KI in unseren Haushaltsgeräten und wird als Dienerschaft behandelt. Das empfinde ich eher als unangenehm. Und andererseits sprechen wir von diesen Gottheiten, die uns bedrohen und alle auslöschen könnten. </em></p>
<p><em>Für mich wird Science Fiction immer aus der Gegenwart herausgeschrieben. In 20 oder 30 Jahren wird über KI vielleicht ganz anders diskutiert. Dann wird auch Science Fiction anders aussehen. Ich bin sehr gespannt darauf. </em></p>
<h3><strong>Subversive Anti-Dystopien</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Den Gedanken der Mystifizierung finde ich ausgesprochen spannend. Manchmal wird der Mensch mystifiziert, manchmal die Maschine, beides aber auch im Gegensatz zueinander definiert. Es gibt inzwischen viele kluge Bücher, in denen über KI geschrieben und gestritten wird, genauso natürlich all die denkwürdigen Vorhaben, die wir aus den Kreisen um Musk und Thiel kennen. Wie würdest du deine Romane in diesen Debatten einordnen?</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Meine Romane nehmen all diese Debatten auf und versuchen sie weiterzuspinnen. Gleichzeitig versuche ich, den Debatten etwas entgegenzusetzen und in den Figuren oder auch bei den Netzwerken zeigen, dass es Unvorhersehbarkeiten gibt. Die aktuellen Debatten werden oft von oben herab geführt. Da hat jemand eine Idee und will diese umsetzen. Mich interessiert aber, wie Menschen sozusagen grassroot-mäßig dagegenhandeln können. Diejenigen, die diese Ideen entwerfen, sind in der Regel sehr weit entfernt von diesem kleinen Alltag, in dem wir leben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Utopien vs. Dystopien!</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Isabella Hermann hat dieses wunderbare Buch geschrieben: „Zukunft ohne Angst – Wie Anti-Dystopien neue Perspektiven eröffnen“ (München, oekom, 2025). Sie hat damit </em><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/mehr-dystopie-wagen/"><em>ein Anti-Dystopie-Konzept entwickelt</em></a><em>, das zeigt, dass ich mit meinen Romanen in dem dystopischen Kapitalismus beginnen kann, darin aber Figuren platzieren kann, die anti-dystopisch handeln und sich nicht nur ausliefern oder beugen. Ich selbst würde von utopischen Gesten sprechen. In „Denial of Service“ gibt es die Aussage, dass schon ein gedeckter Tisch eine utopische Geste ist, die jemanden einlädt, um Leute willkommen zu heißen. Ich versuche, dies klein von den Figuren her zu denken und von den scheinbar großen Ideen der Milliardäre abzuheben. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der gedeckte Tisch spielt als Metapher in der Migrationsliteratur eine Rolle. Der erste, der meines Erachtens diese Metapher verwendete, war <a href="https://www.mafaalani.de/">Aladin El-Mafaalani</a> in seinem Buch „Das Integrationsparadox“, dass bei Kiepenheuer &amp; Witsch in mehreren Auflagen erschien. Es geht um Tischgemeinschaften und den Wunsch von Menschen, auch einen Platz an diesem Tisch zu erhalten, die diesen zuvor nicht hatten. Eine Graswurzelbewegung – das ist eine weitere Metapher in diesem Kontext – hat aus meiner Sicht schon die Kraft, ein scheinbar festgefügtes System ins Wanken zu bringen.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Auch innerhalb des Systems lässt sich das System stören. Mich interessiert der </em><a href="https://legacyrussell.com/GLITCHFEMINISM"><em>Glitch-Feminismus von Legacy Russell</em></a><em> (2013).</em> <em>Dieser zeigt, dass ein Glitch Räume öffnet, in denen wir handeln können. Ich denke, das ist sehr nahe an unserem Alltag dran.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Lele, Sasha, Tad und das Botmädchen diskutieren dies in einem Kapitel, dem du die Überschrift <em>„Eine neue Religion“</em> gegeben hast. Das Botmädchen sagt: <em>„Ist das nicht die Hoffnung, von etwas oder jemandem verändert zu werden? Erzählen Menschen nicht gern von dem einen Menschen, der ihre Sicht auf die Welt verändert hat? Manchmal hat dieser Mensch ein Buch geschrieben oder Tiere gerettet.“</em> Lele sagt: <em>„Und deswegen sind wir nicht schwach oder zerbrechlich. Im Gegenteil, vielleicht ist das, sogar das, was uns auf grundlegende Weise mit bots verbindet, dieser Drang, sich zu verändern.“</em> Es folgt ein Kapitel mit der Überschrift <em>„Gleichgewicht</em>“.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Ich finde es spannend, wie Religionen entstehen, wie Leute zusammenkommen. Es gibt eine Szene am Fluss, wo sich Leute, Bots, Tiere um ein Kid versammeln. Was könnte das sein? Entsteht da eine neue Bewegung? Niemand weiß, was sich daraus entwickeln wird. Ich denke, es ist eine menschliche Fähigkeit, eine Entwicklung, ein Tun, das Erzählen von alternativen Geschichten. Auch als Gegenbild zu dem Religionsverständnis von Peter Thiel, der propagiert, wir müssten uns dem Antichristen entgegensetzen. Das ist schon gruselig. Es gibt keine Bewegungsspielräume, Autoritäten dekretieren von oben. </em></p>
<p><em>Ob es Religion ist, weiß ich nicht. Das ist für mich eine offene Frage, weil ich mit Begriffen ohnehin meine Schwierigkeiten haben. Mich interessieren eher die Prozesse.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Religionen erfüllen Funktionen.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Zugehörigkeit zum Beispiel. Ich hoffe, es wird in der Szene deutlich, dass es darum geht, dass Menschen etwas gemeinsam schaffen möchten. Ich will auch nicht urteilen. Ich persönlich brauche eigentlich keine Religion, aber bei anderen Menschen ist es anders. Ich sehe das eher wie Forschende, die beobachten, was sich da entwickelt, ohne etwas festlegen zu wollen. Der Gedanke der Entwicklung von Religion war im Roman zunächst nicht vorgesehen, er hat sich beim Schreiben einfach aus dem Text heraus entwickelt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Damit bin ich wieder beim Begriff der Evolution, den ich zu Beginn einmal erwähnte. Ich sehe in deinen Romanen zwei Varianten von Evolution, eine technologische / biologische Evolution sowie eine geistige / seelische Evolution, die miteinander interagieren, sich aber auch gegenseitig Schwierigkeiten machen.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Ich weiß nicht, ob wir von Evolution sprechen können. Aber es sind auf jeden Fall verschiedene Prozesse und Entwicklungen, die sich manchmal miteinander verbinden, quer zueinanderstehen können, verschiedene Ebenen betreffen. Ich sehe in Technologie auch nicht nur das Technische, denn es macht etwas mit uns. Wenn es ein bewusstes Bot-Netz gäbe, würde das in vielen Bereichen etwas mit uns machen. Physik verändert auch Philosophie, beispielsweise dieses fluide Denken von Nullen und Einsen, der Quantenmechanik. Das haben wir nicht nur in den Naturwissenschaften, sondern auch in den Gesellschaftswissenschaften, wenn wir zum Beispiel daran denken, dass es Trans-Körper gibt, die eben nicht mehr eindeutig sind. Alles steht miteinander in Verbindung, kann quer zueinanderstehen, eröffnet damit immer wieder auch neue Möglichkeiten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Letztlich eine Entbinarisierung der Welt.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Ja und zugleich haben wir in Gedanken wie denen von Peter Thiel wieder das Binäre, Gut gegen Böse, ein blockartiges Denken. Das macht schon Angst. </em></p>
<p><em>Ich setze auf fluides Denken, gerade angesichts der neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse. Es gibt in der Genetik die Epigenetik, dass sich Erbgut verändern kann ohne die DNA-Sequenz zu verändern. Es ist eben nicht blockartig vorhersehbar oder vorhersagbar, was geschieht. Was sind dann Schicksal, Destiny? Ich möchte weg von diesen blockartig festgelegten Sichtweisen, dass es nur eindeutig Gutes und eindeutig Böses geben soll. Ich war eigentlich froh, dass wir zwischenzeitlich mal in einem anderen Zeitalter angekommen waren.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dazu passt das von dir mit <em>„Rationalität“</em> überschriebene Kapitel, kurz vor Schluss. Das Kapitel davor heißt <em>„Wahrheit“</em>, danach folgt <em>„Sicherheitsrisiko“</em>. Omono sagt: <em>„Oft lag ich auch falsch. Aber das wusste ich nicht einmal – wir Menschen wissen nicht, was wir nicht wissen. Irgendwann bin ich mir meiner eigenen Grenzen nicht einmal mehr bewusst geworden. Ich denke, die menschliche Ausbildung muss in Zukunft sehr verändert werden, weg vom kreativen Teil, hin zum Überprüfen von KI-generierten Genomen. Wir brauchen jetzt vor allem viele starke Genom-Checkerinnen.“</em></p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Das ist natürlich auch ein bisschen provokativ. Was macht KI mit unserer Arbeit? Übernimmt sie diese und wir sind nur noch dazu da aufzuräumen? Damit beziehe ich mich auf technologische wie auf geisteswissenschaftliche Diskurse. Beispiel Übersetzungen. Nehme ich eine Übersetzung der KI und mir bleiben nur noch Korrekturarbeiten? Mir macht eigentlich das Kreative Spaß. Daher auch die Idee mit den Genom-Checkerinnen. Onomo ist eine Figur, die bereit ist sich zu verändern, einzugreifen. Aber es ist für mich letztlich wieder eine offene Frage.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Da ließe sich auch noch anderes <em>„checken“</em>. Bei der Beschreibung der Stadt verwendest du mehrfach das Motiv der Matrix-Reihe der Wachowski-Geschwister. Ist die Stadt echt? Ist sie eine Illusion?</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Gerade wegen der Hirn-Interface-Funktion. Wenn ich einen Sonnenaufgang einstellen kann, ist der dann echt oder ist der ein Fake, auch je nachdem, welchen Filter ich daraufgelegt habe, oder etwas ganz anderes? Oder ist es einfach nur ein technologisches Enhancement? Wir sind in einem Bereich, in dem nur schwer zu entscheiden ist, was Fake, was Enhancement ist. Brillen, Hörgeräte sind zum Beispiel Enhancement und keine Fakes. Irgendwie auch Body-Modifications. Aber wo ist die Grenze? Da passt der Matrix-Vergleich schon.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Oder das, was wir bei den Paralympics sehen. Enhancement oder Kompensation. Und dann kommen die Hirnchips? Nicht nur in Romanen. Ich denke, deine Romane sollten alle lesen, die sich irgendwie mit Technologien beschäftigen möchten. Es gibt natürlich auch andere wie die Romane von Dave Eggers mit „The Circle“ und „Every“, aber deine Romane sind – den Begriff verwendest du ja auch gerne – fluider. Sie eröffnen mehr Möglichkeiten und grenzen sich damit von eindeutig dystopisch wie von eindeutig utopisch verfasster Science Fiction ab. Es gibt nicht nur Evolutionsrisiken, sondern auch Evolutionschancen. Queerness ist dabei schließlich auch eine Methode, sich den Risiken wie den Chancen subversiv und fluide zu nähern. So habe ich deine Romane verstanden.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Das würde ich auch so sehen. Queerness ist eine Methode. Mir ist es wichtig herauszufinden, was diese Methode vermag, was es bedeutet, queer zu schreiben. Es sind offene Projekte, die zu Lebensprojekten werden. Queerness kann ich nie abschließend beschreiben, es entweicht immer etwas, es ist ein auf die Zukunft gerichtetes Begehren, dem ich versuche, näher zu kommen.</em></p>
<h3><strong>Zum Weiterlesen: Aiki Mira im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span></strong><span style="color: #678f20;">:</span></h3>
<ul>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/poetisches-utopia/">Poetisches Utopia</a> – „Andymon“ – ein Roman und seine „Andymonaden“, Januar 2026.</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/in-der-polywelt/">In der PolyWelt</a> – Aiki Miras neuer Roman Proxi, Dezember 2024.</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/poetik-der-queerness/">Poetik der Queerness</a> – Ein Gespräch mit Aiki Mira über Science Fiction, Mai 2024.</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/post-cli-fi/">Post-Cli-Fi</a> – Weil Kollaps die Konstante ist oder: in der Ohnmacht weiterschreiben, Februar 2024.</li>
</ul>
<p>Sämtliche Erzählungen von Aiki Mira aus den Jahren 2021 bis 2024 sind im März 2026 unter dem Titel <a href="https://carcosa-verlag.de/unsere-buecher/deshalb-kann-ich-nicht-fort/">„Deshalb kann ich nicht fort“</a> bei Carcosa erschienen.</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im April 2026, Internetzugriffe zuletzt am 31. März 2026. Titelbild: Thomas Franke; Kyborg dixit Algorismi.)</p>
</div></div></div></div></div>
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]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Game&#8217;s not over</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/games-not-over/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 10 Mar 2026 06:41:57 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Game’s not over Drei Handbücher zum Gaming in Bildung, Kultur und Wissenschaft „Wenn der Mensch als spielendes Wesen über den Zugang zu Spielen sich die Herausforderungen dieser Welt mit den künstlichen Herausforderungen im Spiel erschließen und vielleicht auch beantworten kann, stellt sich die Frage, warum sich bis heute nicht eine Universalwissenschaft wie die Spielwissenschaft  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-4 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-3 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-4" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Game’s not over</strong></h1>
<h2><strong>Drei Handbücher zum Gaming in Bildung, Kultur und Wissenschaft</strong></h2>
<p><em>„Wenn der Mensch als spielendes Wesen über den Zugang zu Spielen sich die Herausforderungen dieser Welt mit den künstlichen Herausforderungen im Spiel erschließen und vielleicht auch beantworten kann, stellt sich die Frage, warum sich bis heute nicht eine Universalwissenschaft wie die Spielwissenschaft als eigenständige Disziplin gegründet hat, die ein so wesentliches Kulturgut wie das Spiel erforscht, beschreibt, erklärt und damit einen Überblick über zahlreiche Handlungsoptionen eröffnet.“ </em>(Jens Junge, Spielen, in: Olaf Zimmermann, Felix Falk, Hg., Handbuch Gameskultur 2.0, Berlin, Deutscher Kulturrat, 2025)</p>
<p>Es gibt noch keine eigenen Lehrstühle und Forschungsprogramme, aber immerhin gibt es Pläne. Jens Junge berichtet, dass im Juni 2025 <em>„Professorinnen und Professoren unterschiedlicher Einzelwissenschaften“</em> die <a href="https://www.spielwissenschaft.de/">Deutsche Gesellschaft für Spielwissenschaft</a> gegründet haben. Eine solche Gründung war längst überfällig und es ist zu hoffen, dass Politiker:innen, Journalist:innen und Pädagog:innen die Gesellschaft als kompetenten Gesprächspartner und Impulsgeber erkennen.</p>
<p>Die Debatten in Politik und Medien rund um digitale Spiele, um das Gaming, konzentrieren sich in der Regel zunächst auf die Gefahren, die den Nutzer:innen drohen: die Gefahr, eine Sucht zu entwickeln, sowie die Gefahr zunehmender Gewaltbereitschaft. Dieser Aspekt ist in der Tat nicht von der Hand zu weisen. Extremist:innen nutzen systematisch Soziale Medien und digitale Spiele, um Anhänger:innen zu rekrutieren und sie Schritt für Schritt in ihren Einflussbereich zu ziehen. Das mag zu Beginn alles recht harmlos aussehen, die Nutzer:innen fühlen sich akzeptiert, verstanden, ernstgenommen, aber mit der Zeit entsteht eine Bindung, der sie nicht mehr so leicht entkommen. Valide Zahlen, wie viele dies betrifft, gibt es nicht, doch scheint allein die Möglichkeit zu reichen, um digitale Spiele und Soziale Medien vor allem als Gefahr zu sehen. Sogenannte Influencer:innen üben Macht aus, gleichviel, ob sie für Kosmetika und Life-Style-Produkte werben und damit eine Menge Geld verdienen oder für ob sie neue Anhänger:innen für ihr extremistisches Gedankengut gewinnen.</p>
<h3><strong>Reale und virtuelle Welten</strong></h3>
<p>Die Erfolgsstrategie auf dem Weg zu Einflussnahme und Abhängigkeit funktioniert über Belohnungssysteme. Bei den Sozialen Medien sorgt der von den Betreibern der Plattformen programmierte Algorithmus dafür, dass Nutzer:innen ständig in ihren Vorlieben, in ihrer Auswahl bestätigt werden. Ähnlich ist es beim Gaming: Erfolgs- und Glücksgefühle werden ausgelöst, wenn man das nächste Level erreicht, Punkte und Gegenstände findet, die den Erfolg optimieren lassen. Selbst ein Scheitern bedeutet noch kein Ende des Spiels, denn man kann jederzeit wieder neu einsteigen und sich ständig verbessern. Die Struktur digitaler Spiele kann durchaus einem Glücksspiel ähneln. <a href="https://www.dasrehaportal.de/erkrankungen/gluecksspielsucht">Glücksspielsucht wurde inzwischen sogar als Krankheit anerkannt</a>.</p>
<p>Es ist gut, wenn Politiker:innen die Gefahren des Gamings und der Sozialen Medien ernstnehmen. Es besteht jedoch auch die Gefahr, dass sie mit den von ihnen beschlossenen Maßnahmen gegen Sucht und Gewalt Handlungsfähigkeit nur simulieren. Die aktuelle Debatte um Altersbegrenzungen bei der Nutzung Sozialer Medien ist ein klassisches Beispiel für den Verlauf der Debatte: Es wäre doch so einfach, Kinder und Jugendliche zu schützen, indem man ihnen einfach die Nutzung sozialer Medien oder gleich der dafür erforderlichen Geräte verböte! Dann kämen sie nicht mehr auf dumme Gedanken, Sucht und Gewalt hätten ein Ende! Eine solche pauschale Verteufelung, solch pauschale Verbote sind jedoch der falsche Weg.</p>
<p>Die aktuelle Verbotsdebatte über Handys in der Schule sowie über Altersgrenzen bei der Nutzung Sozialer Medien ist kein spezifisch deutsches Problem, sondern ein internationales: Am 2. März 2026 haben 419 Wissenschaftler:innen aus 30 Ländern (Stand 9. März 2026: 438 aus 32 Ländern) sich <a href="https://csa-scientist-open-letter.org/ageverif-Feb2026">in einem offenen Brief gegen jede Verbotspolitik und pauschale Altersbegrenzungen</a> ausgesprochen. Der offene Brief wurde unter anderem <a href="https://netzpolitik.org/2026/forschende-schlagen-alarm-staaten-sollen-social-media-verbote-stoppen/">über die deutsche Plattform Netzpolitik verbreitet</a>. Altersbegrenzungen seien leicht zu umgehen, aber was geschieht, wenn Politiker:innen merkten, dass sie nicht kontrollieren könnten, was sie kontrollieren sollten? <em>„More generally, the centralization of decision-making, as imposed by age assurance-related regulations, is contrary to the end-to-end principle, core to the Internet design. This principle states that application decisions, in particular those security-oriented, should reside on the endpoints. Age assurance, by design, imposes access control rules on those endpoints, threatening the decentralization of the Internet and jeopardizing the creation of sovereign technology.”</em></p>
<p>Die Alternative für die Begrenzung der Gefahren Sozialer Medien wäre eine grundlegende Regulierung der Plattformen, doch den einen ist dies wegen möglicher Zensurvorwürfe (zum Beispiel JD Vance 2025 auf der Münchner Sicherheitskonferenz) oder die Wirtschaft schädigender Gegenmaßnahmen (zum Beispiel Trumps Zölle) zu heikel, anderen erscheint dies ohnehin als aussichtloses Unterfangen. Da verlässt man sich doch lieber auf Verbote. Aber mit der Zeit schwindet die Wirkung der ersten Verbote und neue Verbote müssen beschlossen werden. Es gibt Staaten, die ganze Plattformen, unzählige Seiten oder gleich das gesamte Internet innerhalb ihrer Grenzen abschalten. Das tut eine Demokratie nun jedoch nicht. Oder?</p>
<p>Games sind zurzeit nur mittelbar Gegenstand der Debatte um Altersgrenzen bei der Nutzung Sozialer Medien. Es sind in der Regel dieselben Endgeräte, über die gespielt und kommuniziert wird. Games werden jedoch immer wieder einmal für einen (statistisch nicht nachweisbaren, aber gefühlten) Anstieg von Gewalt verantwortlich gemacht, jeweils aktuell, wenn ein Terrorist sein Verbrechen in der Art eines Egoshooters inszeniert und auch noch selbst filmt. Dies tat zum Beispiel der Attentäter vom 9. Oktober 2019 auf die Synagoge in Halle und der damalige Bundesinnenminister Horst Seehofer kündigte an, man wolle sich die Gaming-Szene genauer anschauen. Ganz pauschal wurde mit dieser Bemerkung die gesamte Szene der Gamer:innen, Creator, Producer und Nutzer:innen gleichermaßen, für einen terroristischen Anschlag in Kollektivhaftung genommen. Nur am Rande: Die Hamas verfuhr am 7. Oktober 2023 genauso wie der Attentäter von Halle. Ihre selbstgedrehten Videos waren auf der Ausstellung der Nova-Foundation im Herbst 2025 zu sehen (eine kurze Beschreibung finden Sie in meinem Essay <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/738-tage/">„738 Tage“</a>).</p>
<p>Die Gefahr, spielend Schritt für Schritt die reale Welt mit der virtuellen zu verwechseln, möglicherweise in eine Welt einzutauchen, in der Gewalt regiert und die dann – in einer Art höherem Level – zur eigentlichen realen Welt werden könnte, wird in hohem Maße durch die aufdringliche Ästhetik des Bildschirms verstärkt. The screen catches all. Games sind in gewisser Weise Filme oder Serien, bei denen die Spielenden die Rolle der Regie übernehmen, manchmal sogar glauben möchten, sie schrieben das Drehbuch. Die Nutzer:innen haben in einem Game eine aktive Rolle, die sie als Follower von Influencer:innen über die Sozialen Medien nicht haben.</p>
<p>Doch was war zuerst? Sorgt ein Spiel für einen Anstieg von Gewalt? Oder erfüllt es lediglich die Erwartungshaltung der Nutzer:innen? Diese Fragen stellten sich bereits Sozial- und Filmwissenschaftler:innen in einer Zeit, als die heutigen digitalen Endgeräte allenfalls ein Thema der Science Fiction waren. Wolf Lepenies schrieb in einer Analyse der Italo-Western von Sergio Corbucci: <em>„Über den Film vergißt der Zuschauer das Medium“</em> (in seinem Aufsatz „Der Italo-Western – Ästhetik und Gewalt, in: Karsten Witte, Hg., Theorie des Kinos, Frankfurt am Main, edition suhrkamp, 1972). Diese These schließt an Analysen von Siegfried Kracauer in „Von Caligari zu Hitler“ (1947) an. Publikumsgeschmack und Filmproduktion bedingen einander geradezu dialektisch gegenseitig: <em>„Gewiß, amerikanische Kinobesucher kriegen vorgesetzt, was Hollywood will, daß sie wollen; auf lange Sicht aber bestimmen die Bedürfnisse des Publikums die Natur der Hollywood-Filme.“</em> (zitiert nach der Übersetzung von Ruth Baumgarten und Karsten Witte, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 1979) Es sind letztlich die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Gewalt bedingen, wohl auch die Interessen derjenigen, die gewaltaffine Produkte verkaufen. Aus dem Wechselspiel von Angebot und Nachfrage kann eine Spirale der Gewalt entstehen. Die nachgefragten Filme oder Spiele werden mit der Zeit möglicherweise immer brutaler.</p>
<p>Letztlich werden alle, auch die aktuelle Debatte zur Künstlichen Intelligenz, vor allem von Ängsten bestimmt. Tina Klüwer hat in ihrem Buch „Zukunft Made in Germany (Hamburg, Rowohlt, 2025) diese Ängste als Innovationshemmnis identifiziert. Sie impliziert damit keine Verharmlosung Künstlicher Intelligenz, schon gar nicht menschenfeindlicher <em>„Games“</em> oder unregulierter Hass und Desinformation verbreitender <em>„Social Media“</em>, im Gegenteil: Nur wenn wir uns auf Produktions- und Rezeptionsbedingungen einer (neuen) Technologie einlassen und versuchen, diese zu analysieren und zu verstehen, haben wir eine Chance, technologische Innovationen im Sinne liberalen Demokratie zu gestalten. Sonst gestalten andere.</p>
<h3><strong>Medienkompetenz und ihre Grenzen</strong></h3>
<p>Als Gegenmittel wird neben Verboten in der Politik und in manchen Medien immer wieder Medienkompetenz gefordert. Das ist auch nicht falsch, aber Medienkompetenz ersetzt Regulierungsmaßnahmen nicht, könnte jedoch dazu beitragen, dass die Nutzer:innen, die <em>„User“,</em> die Produktions- und Rezeptionsbedingungen verstehen.</p>
<p>Es wäre sicherlich gut, wenn Pädagog:innen und Journalist:innen, letztlich auch Politiker:innen eine solche Medienkompetenz erwürben, sodass der Sache angemessene Regulierungsmaßnahmen möglich würden, in einer Schule ebenso wie in einem Staat oder gar einem Staatenbündnis wie der Europäischen Union. Es lohnt sich daher, die Frage der Chancen und Grenzen von Medienkompetenz am Beispiel digitaler Spiele zu vertiefen. Dazu sind im Jahr 2025 mehrere Analysen und Handbücher erschienen, von denen drei hier etwas ausführlicher vorgestellt werden sollen:</p>
<ul>
<li>Das „Handbuch Gameskultur 2.0“, herausgegeben von Olaf Zimmermann und Felix Fall (Berlin, Deutscher Kulturrat, zweite überarbeitete und erweiterte Auflage, 2026).</li>
</ul>
<ul>
<li>Das „Handbuch Gaming &amp; Rechtsextremismus“, herausgegeben von Aurelia Brandenburg, Linda Schlegel und Felix Zimmermann (Bonn, Bundeszentrale für politische Bildung, 2025).</li>
</ul>
<ul>
<li>Die Tagungsdokumentation „Science MashUp: Games und schulische Bildung – Leipziger Beiträge zur Computerspielkultur“, herausgegeben von Gabriele Hooffacker, Benjamin Bigl, Sebastian Stoppe und Florian Kiefer (Wiesbaden, Springer VS, 2025).</li>
</ul>
<p>Der an dritter Stelle genannte Band ist vor allem deshalb besonders zu empfehlen, weil er die Dilemmata einer Schul- und Gesellschaftspolitik thematisiert, die die Verbannung moderner Medien, von Smartphones, sozialen Netzwerken und digitalen Spielen aus der Schule betreibt, obwohl sie inzwischen einfach ein ständiger Teil der Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen und somit letztlich auch ein wesentlicher Faktor informeller Bildungsprozesse geworden sind. Bildung ist eben nicht nur das, was formelle Bildungseinrichtungen wie die Schule als Bildung anbieten. (Ergänzend zu empfehlen ist im Hinblick auf Einstellungen von Journalist:innen die Lektüre des von Benjamin Bigl und Sebastian Stoppe herausgegebenen Sammelbandes „Game-Journalismus“ (Wiesbaden, Springer VS, 2023). Im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> wurde dieses Buch bereits im Januar 2024 ausführlich vorgestellt (<a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-macht-der-spiele/">„Die Macht der Spiele“</a>), auch mit Hinweisen auf einige blinde Flecken in der Forschung.)</p>
<p>Alle drei Handbücher formulieren Bedarfe und Möglichkeiten in Kultur, Bildung, Wissenschaft und Forschung, die noch zu entdecken sind. Bevor ich die drei Handbücher jedoch im Einzelnen vorstelle, erlaube ich mir eine Art Triggerwarnung. Marina Weisband hat in einem Gespräch im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> über <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-macht-der-aufmerksamkeit/">„Die Macht der Aufmerksamkeit“</a> (Januar 2026) die Grenzen von Medienkompetenz benannt. Medienkompetenz allein reicht nicht aus: „<em>Diese Verbotsdebatten haben mit dem eigentlichen Problem nichts zu tun. Wir haben gesehen, dass die Nutzung von Social Media tatsächlich die psychische Gesundheit und Konzentrationsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen beeinträchtigt. Mit der politischen Debatte hat das aber nichts zu tun. Für diese müssen wir regulieren, was auf Social Media erlaubt ist, wie mit KI-generierten Inhalten umzugehen ist, wie schnell Falschinformationen und Hassbotschaften gelöscht werden müssen. / Solange wir aber Jugendliche aus Innenstädten vertreiben, weil sie nicht genug Geld haben, um sich dort in ein Café zu setzen, und dort einfach nur rumhängen, was aber auch nicht gern gesehen wird. Solange Bänke abgebaut, Jugendzentren geschlossen werden, große Wohnungen für Familien nicht erschwinglich sind, sodass Jugendliche sich auch zu Hause nicht mit Freund:innen treffen können, können wir ihnen nicht den einzigen Raum wegnehmen, in dem sie überhaupt soziale Kontakte haben können.“ </em></p>
<p>Mit dieser Warnung steht Marina Weisband nicht allein. Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats stellte im <a href="https://politikkultur.de/inland/verbote">Editorial der Zeitschrift Politik &amp; Kultur vom März 2026</a> eine meines Erachtens entscheidende Frage: <em>„Können wir wirklich einfach die wichtigsten Kontaktbörsen für Kinder und Jugendliche abstellen oder stark einschränken, ohne neue Schäden in Kauf zu nehmen? Wir Alten können ohne sie leben, können die Jungen das auch?“</em> Ob <em>„wir Alten“</em> wirklich gute Vorbilder sind, will ich hier nicht näher diskutieren. So oder so sollte vermieden werden, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben.</p>
<p>So ist es auch mit digitalen Spielen. Wenn diejenigen, die Kindern und Jugendlichen die Nutzung der sozialen Medien, ihres Smartphones oder digitaler Spiele verbieten wollen und ihnen mit treuem Augenaufschlag empfehlen, sie könnten jetzt doch wieder in Ruhe spielen, vergessen sie die Frage, die wir uns aber leider stellen müssen: Wo denn und mit wem?</p>
<p>Eigentlich sollten Erwachsene das Problem kennen. Robert D. Putnam hatte bereits im Jahr 2000 <a href="http://bowlingalone.com/">„Bowling Alone“</a> (New York, Simon &amp; Schuster) veröffentlicht. Auch in Deutschland boomt inzwischen die Einsamkeitsforschung. Das Bundesfamilienministerium und die Wohlfahrtsverbände haben das <a href="https://kompetenznetz-einsamkeit.de/">Kompetenznetz Einsamkeit</a> gegründet. Zwei Expertisen befassen sich explizit mit der <a href="https://kompetenznetz-einsamkeit.de/publikationen/kne-expertisen">Einsamkeit von Kindern und Jugendlichen</a>, allerdings bisher leider nur im Hinblick auf Verhalten, Leistungen und Unterstützung in der Schule.</p>
<h3><strong>Kulturgut Gaming und die Politik</strong></h3>
<div id="attachment_7896" style="width: 235px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.kulturrat.de/publikationen/handbuch-gameskultur-2-0-2/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7896" class="wp-image-7896 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Deutscher-Kulturrat-Handbuch-Gameskultur-2.0-225x300.png" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Deutscher-Kulturrat-Handbuch-Gameskultur-2.0-200x267.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Deutscher-Kulturrat-Handbuch-Gameskultur-2.0-225x300.png 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Deutscher-Kulturrat-Handbuch-Gameskultur-2.0-400x533.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Deutscher-Kulturrat-Handbuch-Gameskultur-2.0-600x800.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Deutscher-Kulturrat-Handbuch-Gameskultur-2.0-768x1024.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Deutscher-Kulturrat-Handbuch-Gameskultur-2.0-800x1067.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Deutscher-Kulturrat-Handbuch-Gameskultur-2.0.png 1068w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /></a><p id="caption-attachment-7896" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Deutschen Kulturrats über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Das Handbuch Gameskultur 2.0 des Deutschen Kulturrats erscheint in einer erweiterten zweiten Auflage. 54 Autor:innen bieten in 46 Beiträgen einen Überblick über die Grundlagen (acht Texte), Kunst und Kultur (neun Texte), Vermittlung (acht Texte), Gemeinschaft (sieben Texte), Debatten (neun Texte) und Wirtschaft (fünf Texte). Darüber hinaus gibt es ein umfangreiches Glossar sowie einen Game-Index A bis Z, durchgehend Kurzbeschreibungen zahlreicher Spiele, mit sehr präzisen Informationen über Genese und Jahreszahlen sowie über Demo- und Cosplay-Szenen.</p>
<p>Die Vielfalt der Beiträge lässt sich in einer Buchbesprechung nur anreißen, ein Grund mehr, den Leser:innen vorzuschlagen, <a href="https://www.kulturrat.de/publikationen/handbuch-gameskultur-2-0-2/">sich das Buch für die eigene Handbibliothek anzuschaffen</a>. Schon im Vorwort formulieren die Herausgeber optimistisch: <em>„Viele verloren durch die kulturwissenschaftliche Einbettung von Games als Kulturelle Ausdrucksform ihre Vorurteile“</em>. Im ersten Beitrag beschreibt Jens Junge die Geschichte des Spielens als „<em>Kulturgut“</em>, sozusagen als anthropologische Konstante in der Erschließung von Welt und Umwelt, nicht zuletzt in Bezug auf den Klassiker „Homo Ludens“ von Johan Huizinga (1938). Der PC sorgte für eine Popularisierung und Demokratisierung des Zugangs.</p>
<p>Games sind inzwischen nicht nur eine feste Größe im deutschen Kulturbetrieb, sondern auch ein Wirtschaftsfaktor. <a href="https://www.game.de/">„game“</a>, der Verband der deutschen Games-Branche ist seit 2008 Mitglied des Deutschen Kulturrates. Er zählt über 500 Unternehmen als Mitglieder. 2024 hat die Games-Banche in Deutschland 9,4 Milliarden EUR erwirtschaftet. In ihrem Beitrag über „Ausbildung &amp; Arbeitsmarkt“ nennen Michael Hebel und Clara Janning weitere Zahlen, unter anderem dass in Deutschland die Games-Branche im Jahr 2024 12.134 Publisher und Entwickler beschäftigt habe, allerdings im Verhältnis zur Einwohnerzahl deutlich weniger als in Kanada, wo 34.010 Personen in diesen Berufen arbeiteten. Angrenzende Berufe wie Journalist:innen, Wissenschaftler:innen oder Referent:innen in Bildung und Politik wurden in dieser Statistik nicht eingerechnet. Auf jeden Fall gilt: Deutschland hat – vorsichtig formuliert – <em>„noch viel Entwicklungspotenzial“</em>.</p>
<p>Zahlen sagen nichts über die Inhalte der in der Branche produzierten und vertriebenen Spiele aus. Felix Zimmermann schreibt in seinem Beitrag zur <em>„Demokratie“</em>: <em>„Während demokratiefeindliche Akteure schon seit mindestens 10 Jahren und immer intensiver politische Kommunikation zur Aushöhlung demokratischer Werte in und um Games betreiben, haben es die verschiedenen Akteure, denen am Fortbestand einer liberalen demokratischen Ordnung gelegen ist, vielfach versäumt, eine demokratische Kultur in und mit Games aufzubauen.“ </em>Da ist er wieder, der Generalverdacht gegen digitale Spiele! Felix Zimmermann sieht daher eine staatliche Aufgabe darin, Spiele zu unterstützen, die die Demokratie fördern, beispielsweise über die Kulturförderung.</p>
<p>Die Kulturpolitik hat jedoch <em>„Games“</em> lange ignoriert (ein ähnliches Schicksal haben eSports in der Sportpolitik). Olaf Zimmermann erinnert in seinem Beitrag zur <em>„Kulturpolitik“</em> daran, dass 2007 der damalige nordrhein-westfälische Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Große Brockhoff (CDU) Zimmermanns Rücktritt als Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates gefordert habe, weil er in einer Presseerklärung Kunstfreiheit auch für Computerspiele eingefordert habe. Inzwischen hat sich dies geändert. Nathanael Liminski (CDU), Chef der nordrhein-westfälischen Staatskanzlei und als Staatssekretär unter anderem für Medien zuständig, habe die Perspektive formuliert, <em>„dass Videospiele noch viel stärker zur Aufklärung über demokratiefeindliche Narrative beitragen können.“</em></p>
<p>Auch über Jugendschutz müsse differenzierter diskutiert werden, es helfe – so Martin Lorber in seinem Beitrag zu diesem Aspekt – nicht weiter, mit pauschalen Begriffen wie <em>„Killerspiele“</em> zu arbeiten. Man spreche ja auch nicht von <em>„Killerfilmen“ </em>oder<em> „Killerbüchern“</em>. Die scheinbare Parallele zwischen Terrorangriffen und Spielen, wie sie die Attentäter von Christchurch oder Halle (und die Hamas) suggerierten, sei kein Argument gegen bestimmte Spiele, sondern eine Aufforderung an Psychologie und Sozialwissenschaften, die Hintergründe der <em>„Gamification“</em> – dazu Felix Raczkowski – genauer zu analysieren. Dazu gehören auch rezeptionsästhetische Studien. Jörg von Brincken vergleicht in seinem Beitrag <em>„Gewalt“</em> die Position des Spielenden mit dem Zuschauer im Theater: <em>„Der römische Dichter Lukrez hat dafür in seinem Weltgedicht ‚De rerum natura‘ (ca. 1. Jhd. V. Chr.) eine sehr pointierte Metapher geschaffen: Vom sicheren Land aus beobachtet der körperlich unbeteiligte und in diesem Sinne sichere Betrachter den Untergang eines Schiffes in stürmischer See.“</em> In Spielen verändert sich diese Lage, insbesondere eben in digitalen Spielen aufgrund der realistischen Ästhetik und Interaktivität, die die Computerspielenden ergreift, <em>„weil es im Moment des Spielens eine ganz eigene Wucht entfaltet, die Spieler gerade nicht unberührt zurücklässt.“</em></p>
<p>Die Offenheit der Politik, die Nathanel Liminsky formulierte, könnte zum Anlass genommen werden, in Zukunft sogenannte <em>„Serious Games“ </em>mehr als bisher staatlich zu fördern. Celina Cremer und Sabiha Ghellal nennen unter anderem das <a href="https://mwk.baden-wuerttemberg.de/de/kunst-kultur/digitale-wege-ins-museum/">Förderprogramm „Digitale Wege ins Museum II“</a> des baden-württembergischen Wissenschaftsministeriums, in dem beispielsweise das Spiel <a href="https://www.naturkundemuseum-bw.de/footer-menu/presse/detailansicht/neue-spielapp-natureworld-das-game-im-naturkundemuseum-stuttgart-fuer-kinder-ab-10-jahren">„NatureWorld“</a> für Kinder ab 10 Jahren entstand. <em>„Serious Games“</em> tragen inzwischen auch zu einer zeitgemäßen Vermittlung von Erinnerungskultur bei. In <a href="https://paintbucket.de/de/game/the-darkest-files">„The Darkest Files“</a> muss Staatsanwältin Esther Katz, Mitglied im Team von Fritz Bauer, NS-Verbrechen aufklären. Endgegner ist die deutsche Bevölkerung, die vergessen will. Mit dem Thema der Förderung der Erinnerungskultur durch digitale Spiele befassen sich ausführlich Eugen Pfister, Felix Zimmermann und Christian Huberts.</p>
<h3><strong>Rechtsextremismus und Popkultur</strong></h3>
<div id="attachment_7897" style="width: 211px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/563171/handbuch-gaming-rechtsextremismus/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7897" class="wp-image-7897 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Bundeszentrale-fuer-politische-Bildung-Handbuch-Gaming-201x300.jpg" alt="" width="201" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Bundeszentrale-fuer-politische-Bildung-Handbuch-Gaming-200x298.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Bundeszentrale-fuer-politische-Bildung-Handbuch-Gaming-201x300.jpg 201w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Bundeszentrale-fuer-politische-Bildung-Handbuch-Gaming-400x596.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Bundeszentrale-fuer-politische-Bildung-Handbuch-Gaming.jpg 466w" sizes="(max-width: 201px) 100vw, 201px" /></a><p id="caption-attachment-7897" class="wp-caption-text">Weitere Informationen der Bundeszentrale für politische Bildung über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Wer einen Gegner besiegen will, muss ihn kennen. Das von der Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlichte <a href="https://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/563171/handbuch-gaming-rechtsextremismus/">„Handbuch Gaming &amp; Rechtsextremismus“</a> enthält 33 Texte von 40 Autor:innen in fünf Teilen: „Voraussetzung“ (sieben Texte), „Einstellungen“ (sechs Texte), „Prozesse“ (neun Texte), „Auswege“ (sechs Texte) und Projektvorstellungen“ (elf Texte). Insbesondere im fünften Teil werden einzelne zivilgesellschaftliche Netzwerke und Initiativen ausführlich vorgestellt. Die in den Beiträgen genannten Beispiele umfassen nicht nur digitale Spiele, sondern auch Filme und Serien. Das Buch enthält ein ausführliches Glossar. In allen Beiträgen gibt es immer wieder Verweise auf andere Beiträge des Buches, sodass man sich von jedem einzelnen Beitrag durch das gesamte Buch Schritt für Schritt vorarbeiten kann.</p>
<p>Im Einstieg stellen die drei Herausgeber:innen die provokative Frage: <em>„Eine neue Killerspieldebatte?“</em> Dies betrifft zugleich die Attraktivität von digitalen Spielen für Terroristen, die nach dem Prinzip des Egoshooters handelten und sich bei ihren Verbrechen filmten, aber auch die oben bereits erwähnte hilflose Reaktion des damaligen Bundesinnenministers Horst Seehofer nach Halle. Eine ähnliche Debatte hatte es im Übrigen schon in den 1990er Jahren gegeben, unter anderem anlässlich des School-Shootings an der Colombine High-School im Jahr 1999 (Verschärfungen der Waffengesetze sind nicht nur in den USA, auch in Deutschland schwer durchsetzbar, beim Verbot der Nutzung sozialer Medien und Handys ist der Widerstand bei weitem nicht so hoch). Die drei Autor:innen mahnen zu Ergebnisoffenheit ungeachtet der in der Forschung anerkannten These, <em>„dass Games soziale Einstellungen und Meinungen beeinflussen können.“</em> Das gelte jedoch in beide Richtungen. Ziel des Buches sei es, nicht in Kausalitäten zu denken, sondern Phänomen und Hintergründe aufzudecken. So gebe es keine einheitliche Games-Kultur, sondern nur Games-Kulturen, ähnlich wie es nur Feminismen gebe und nicht nur den einen Feminismus.</p>
<p>Ein wichtiger Bezugspunkt ist die bei transcript erschienene Analyse von Simon Strick <a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-5495-0/rechte-gefuehle/">„Rechte Gefühle“</a> (2021), die im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> in dem Beitrag <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wohlige-waerme/">„Wohlige Wärme“</a> (Oktober 2021) vorgestellt wurde. In diesem Kontext plädieren die Herausgeber:innen für einen <em>„weiten“</em> Games-Kultur-Begriff, ebenso wie für einen <em>„weiten“</em> Rechtsextremismus-Begriff. Joanna Nowotny, exzellente Kennerin der Comic-Szene, deren Entwicklungen pro- wie anti-DEI (Diversity, Equity, Inclusion) sie im von ihr gemeinsam mit Lukas Etter und Thomas Nehrlich herausgegebenen <a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-3869-1/reader-superhelden/">„Reader Superhelden“</a> (Bielefeld, transcript, 2018) sowie in zwei Gesprächen im Demokratischen Salon vorstellte (<a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/super-helden/">„Super! Helden!“</a> und <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/fragil-ist-das-neue-super/">„Fragil ist das neue Super!“</a>), befasst sich mit dem Thema <em>„Rechte Meme-Kultur“</em>. Sie konstatiert, dass schon sehr genaue Kenntnisse erforderlich seien, um sich gegen die Strategien der Producer der Memes zu wehren: <em>„Memetische Kriegsführung besteht in der gezielten Störung von Kommunikation durch das Fluten der digitalen Kanäle mit Inhalten, die für Außenstehende oft unverständlich sind. Da jedes neue Meme eine Umdeutung des vorhandenen Materials beinhalten kann, entstehen Widersprüche und das Ursprungsmaterial, auf das Memes sich beziehen, wird vielfach radikal umgedeutet. (…) Ob das Gedankengut ernsthaft vertreten oder ironisch zitiert wird, ist dabei weder für die Betrachtenden noch für die Produzierenden zwingend klar.“</em> Letztlich muss man sich bei der Konfrontation mit Games, die Memes verwenden, nicht nur in der Spielebranche, sondern auch in der Gedankenwelt der Neuen Rechten beziehungsweise der Alt-Right-Bewegung auskennen.</p>
<p>Ein wichtiger Gegenstand der Analyse sind daher <em>„digitale Subkulturen“</em>. Mick Prinz befasst sich in seinem Beitrag mit <em>„GamerGate“</em>, schon im Jahr 2014 <em>„ein antifeministischer Testballon“</em> mit Bezügen zur Alt-Right-Bewegung. Elon Musk lobte 2024 <em>„GamerGate“</em> als Alternative zur Woke-Bewegung. GamerGate-Erzählungen finden sich auch in der Jungen Alternative (beziehungsweise ihrer Nachfolgeorganisation Generation Deutschland, in der Namensgebung durchaus als Gegenpol zur Letzten Generation verstehbar). Aurelia Brandenburg beschreibt <em>„Geschichtspolitische Kämpfe“</em>: Digitale Spiele hätten <em>„lange als reines Männermedium“</em> gegolten, <em>„in dem Frauen primär als Objekt der Begierde heterosexueller Männer Platz hatten“</em>. Der Anti-Feminismus ist hier – wie es auch die <a href="https://www.boell.de/de/leipziger-autoritarismus-studie">Leipziger Autoritarismusstudie</a> schon mehrfach feststellte – eine Art <em>„Brückenideologie“</em>. <em>„Von Rechts wird hier in der Regel der Anspruch formuliert, eine historische Wahrheit zu kennen und zu spiegeln“</em>. Dies spiegele sich auch in der Vernetzung der mit der rechten Szene verbundenen Studios, Creators und Producers.</p>
<p>In mehreren Beiträgen werden verschiedene Aspekte gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit jeweils mit konkreten Beispielen beschrieben: Ableismus, Antisemitismus, Muslimfeindlichkeit (<em>„Digitaler Orientalismus“</em>)<em>,</em> Militarismus, Rassismus. Edmond Y. Chang schreibt in seinem Beitrag <em>„Rassismus &amp; weiße Fankulturen“</em>: <em>„Sowohl Fans als auch Faschist/-innen ist es ein Anliegen, eine Geschichte, einen (medialen) Text oder eine Person zu romantisieren und zu glorifizieren. Beide Gruppen schützen und bewachen energisch und lautstark vor vermeintlichen Eingriffen oder Kritiken von außen und beide halten zu sehr an traditionellen Erzählungen Genres, Konventionen und Geschichten fest, um die Einheit und Ideale ihrer Gruppe zu schützen.“ </em></p>
<p>Antike-, Mittelalter-, Fantasy-Figuren, Star Wars und Herr der Ringe bieten genügend Anschlussmöglichkeiten zu den Lebenswelten und Träumen der Spielenden. So schwer ist es zum Beispiel nicht, Frodo als Helden zur Verteidigung einer kleinbürgerlich geerdeten White Supremacy zu verstehen. Man muss sich nur Alltagsgewohnheiten und Kleidung der Hobbits im Gegensatz zum Outfit und Make-Up der Truppen Saurons, der Orks und der Uruk-Hai in den Verfilmungen von Peter Jackson anschauen. Und wer sich schon auf diese Art und Weise mit neurechtem Gedankengut angefreundet hat, ohne dies zu merken, landet irgendwann vielleicht bei Weltkriegsspielen oder Spielen, in denen der Holocaust nachgespielt werden kann. Das ist kein Automatismus, darf aber bei einer Analyse der Bedingungen für die Verknüpfung realer und fiktiv-digitaler Welten nicht außer Acht gelassen werden. Claudia Wallner gibt einen Überblick über solche Radikalisierungsphänomene. Wer sich gegen Radikalisierungen engagiere, dürfe daher nicht das Gaming als <em>„Ursache für Radikalisierung“</em> betrachte, sondern müsse die Akteure kennen, die <em>„von der popkulturellen Anziehungskraft von Videospielen (…) profitieren“</em>.</p>
<p>Popkulturelle Vereinfachungen gibt es auch im Hinblick auf die Wahrnehmung politischer Prozesse. Wulf Loh thematisiert dies in <em>„Digitale Spiele und ihr Verhältnis zu Politik und Demokratie“</em>. Politik wird in Serien wie Game of Thrones, House of Cards, ebenso in vergleichbaren Spielen oder Spin-Offs solch populärer Serien, als höchstskandalöse und intrigrante Angelegenheit dargestellt, sodass sie<em> „über ihre jeweilige Darstellung politischer Zusammenhänge und Prozesse das medial vermittelte öffentliche Lernen von Politikvorstellungen in zunehmendem Maße mitprägen“</em>. Möglicherweise gerät man hier an Grenzen der rechtlichen Grundlagen des <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/juschg/BJNR273000002.html">Jugendschutzes</a> und des <a href="https://www.dsc.bund.de/DSC/DE/2DSA/start.html">Digital Services Act</a> (DSA) Elisabeth Secker und Lorenzo von Petersdorff fragen nach deren Reichweite: <em>„Hierzu gehört z.B. die Frage, wann ein Online-Spiel als ‚Online-Plattform“ im Sinne des DSA gilt.“ </em>Die Grenzen sind fließend, juristische Einschränkungen (Stichwort: Altersgrenzen, Verbote) werden das Problem nicht lösen.</p>
<p>Aber es gäbe andere Möglichkeiten, nicht zuletzt über eine (auch) staatliche Förderung von zivilgesellschaftlichen Initiativen aus der Gamerszene. Edmond Y Chang: <em>„Gamer könnten es besser machen. Games könnten es besser machen. Fandoms könnten es besser machen. Der erste Schritt ist die Anerkennung und das Eingeständnis des Problems, gefolgt von Fragen und der Suche nach Antworten und Strategien, um die oben beschriebenen Probleme anzugehen.“ </em>Wie das gelingen könnte, könnte man methodisch von GamerGate und Alt-Right lernen. Der vierte und der fünfte Teil des Handbuches zeigen, wie der Gaming-Bereich für die liberale Demokratie und gegen Menschenfeindlichkeit genutzt werden könnte. Die elf Projektvorstellungen im fünften Teil reichen vom <a href="https://extremismandgaming.org/">Extremism and Gaming Research Network</a> (EGRN) über <a href="https://keinenpixel.de/">Keinen Pixel dem Faschismus!</a> und <a href="https://www.stiftung-digitale-spielekultur.de/project/lets-remember/">Let’s Remember! Erinnerungskultur mit Games vor Ort</a> bis hin zum Forschungsnetzwerk <a href="https://www.radigame.de/">RadiGaMe</a> (= „Radikalisierung auf Gaming-Plattformen und Messenger-Diensten). Die von Felix Zimmermann in seinem das Handbuch einleitenden Beitrag gestellte Frage, warum Gaming ein Thema für die (Bundeszentrale für) politische Bildung sei, beantwortet sich fast schon von selbst. Im Grunde sind Kenntnisse der Produktions- und Rezeptionsbedingungen des Gaming in all ihren Facetten eine Querschnittsaufgabe jeder Bildung.</p>
<h3><strong>Gaming in der Schule</strong></h3>
<div id="attachment_7898" style="width: 222px" class="wp-caption alignright"><a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-48506-1"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7898" class="wp-image-7898 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover_Science_MashUp_Games_und_schulische_Bildung-212x300.jpg" alt="" width="212" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover_Science_MashUp_Games_und_schulische_Bildung-200x284.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover_Science_MashUp_Games_und_schulische_Bildung-212x300.jpg 212w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover_Science_MashUp_Games_und_schulische_Bildung-400x567.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover_Science_MashUp_Games_und_schulische_Bildung-600x851.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover_Science_MashUp_Games_und_schulische_Bildung-722x1024.jpg 722w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover_Science_MashUp_Games_und_schulische_Bildung-768x1089.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover_Science_MashUp_Games_und_schulische_Bildung-800x1135.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover_Science_MashUp_Games_und_schulische_Bildung.jpg 827w" sizes="(max-width: 212px) 100vw, 212px" /></a><p id="caption-attachment-7898" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Der Sammelband <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-48506-1">Science MashUp: Games und schulische Bildung – Leipziger Beiträge zur Computerspielkultur</a> wurde von den Herausgeber:innen nicht als Handbuch deklariert, doch kann er durchaus als solches verwendet werden. Der Band dokumentiert Vorträge und Debatten einer Tagung aus dem Jahr 2024 an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) Leipzig. Die Teilnehmer:innen der Tagung – so schreiben die Herausgeber:innen im Vorwort – plädierten für Offenheit statt Verbote und schließen sich damit den Forderungen der <a href="https://www.gmk-net.de/">Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur</a> (GMK) an.</p>
<p>15 Autor:innen befassen sich in zwölf Beiträgen mit dem Thema. In den ersten vier Beiträgen werden Standpunkte zur Nutzung von Games im Unterricht sowie zur Forderung nach einem eigenen Fach Medienkompetenz diskutiert, in den folgenden vier Beiträgen wird gute Praxis aus dem Philosophie-, Geschichts-, Physik- und Deutschunterricht vorgestellt, im dritten Teil befassen sich vier Beiträge mit digitaler Bildungskultur, unter anderem mit Lernrechnern, Gamedesign und der Grundsatzfrage des Einsatzes von Games im Unterricht. In der abschließenden zusammenfassenden Podiumsdiskussion werden auch Themen angesprochen, die in den Beiträgen nicht im Detail behandelt werden konnten, beispielsweise Jugendschutz, Elternperspektiven, ein Medienbildungsführerschein für Lehrkräfte, nicht zuletzt die Perspektive der Kinder und Jugendlichen und die Frage der für Bildung und Forschung erforderlichen Ressourcen.</p>
<p>Das Buch überzeugt, weil es eine Debatte über das Verhältnis von Schule und Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen aufgreift, die bei den meisten Debatten um eine zukunftsfähige Schule ignoriert wird. Vor allem die beiden ersten Beiträge von Benjamin Bigl und Sebastian Stoppe bieten bei allen Unterschieden ein in der Zielrichtung eindeutiges Plädoyer für die Verankerung moderner Medien in der Schule, einschließlich digitaler Spiele. Es geht um das Wie, nicht um das Ob. Diese beiden Texte lassen sich als Grundsatzartikel lesen, die von den Texten der weiteren Autor:innen unterfüttert und konkretisiert werden. Man kann das Buch jedoch auch lesen, indem man mit den konkreten Beispielen verschiedener <em>„Serious Games“</em> beginnt und sich dann in die Debatte der Texte von Benjamin Bigl und Sebastian Schoppe einschaltet. Auf jeden Fall überzeugen die konkreten Beispiele, nicht nur im Hinblick auf die Bedeutung von Medien und neuen Technologien, sondern auch im Hinblick auf ihre ethische Dimension, die Menschenwürde, Menschenrechte und demokratische Lösungen komplexer Probleme umfasst.</p>
<p>Benjamin Bigl plädiert für ein Schulfach zum Themenbereich Medien und Kommunikation, möglicherweise auch als <em>„Querschnittsfach“</em> oder <em>„verpflichtender Blocktermin“</em>. Er knüpft an das in Thüringen seit 2024/2025 eingeführte <a href="https://www.schulportal-thueringen.de/mint_unterricht/medienbildung_und_informatik">Fach „Medienbildung und Information“</a> an, das er von dem aus seiner Sicht halbherzigen Strategiepapier <a href="https://www.bildungsland2030.sachsen.de/">„Bildungsland Sachsen 2030“</a> abgrenzt. Auch in der heutigen Bildungspolitik fänden sich noch Abwehrhaltungen, wie sie in dem „Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor Schul- und Schutzschriften“ aus dem Jahr 1926 verankert waren. Die heutige Schulpolitik sei gespalten: <em>„Einerseits dominiert die Angst vor Medien, andererseits hält man es aber nicht für notwendig, Lehrkräfte für den souveränen Umgang mit Medien fit zu machen und sie zu befähigen, dieses Wissen in der Schule einzusetzen.“ </em>Für ein Schulfach sprächen soziale, gesellschaftliche und wirtschaftliche Aspekte, insbesondere die Zukunft Künstlicher Intelligenz, das Spannungsfeld von Datenschutz und Privatsphäre, der Wandel der Arbeitswelt, letztlich Chancengleichheit für alle Schüler:innen, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Wer sich dem verweigere, verfalle einer Art „<em>Realitätsverweigerung“.</em> Smartphones gehören zum Alltag von Kindern und Jugendlichen und dieser Alltag gehört daher auch als Gegenstand in die Schule. Digitale Souveränität ist nicht erreichbar, wenn sich Schule auf die herkömmlichen Kulturtechniken beschränkt und Handys und Games verbannt.</p>
<p>Sebastian Stoppe plädiert nachdrücklich gegen jedes Verbot. <em>„Denn eine Verbannung der digitalen Geräte aus der Schule zementiert eine Filterblase, die mit der Lebenswirklichkeit nicht übereinzubringen ist: Smartphones gehören mittlerweile nun einmal im Leben der Schüler:innen dazu. Sie in der Schule mittels Verbot aus dem Leben ‚auszublenden‘, hieße auch die Probleme zu ignorieren, welche die digitale Welt mit sich bringt.“</em> Schüler:innen lernten in der Regel alles, was sie eigentlich über Medien wissen sollten, <em>„informell“</em>, über Trial and Error im Selbstversuch, über Freund:innen, aus den Medien selbst. Eine Möglichkeit, die Beschäftigung mit Medien in das formelle Bildungsangebot der Schule zu integrieren, böte das in Sachsen-Anhalt vorhandene <a href="https://www.bildung-lsa.de/pool/RRL_Lehrplaene/wpkmmsek.pdf">Kursangebot im Wahlpflichtbereich</a>. Sicherlich bestehe die Gefahr, dass ein solches Fach zum Nischenfach wird, aber letztlich sei Medienbildung eine Aufgabe aller Fächer: <em>„Nur wenn sich digitale Medienkompetenz in allen Fächern etabliert und eine Selbstverständlichkeit wird, werden Lehrkräfte wie Schüler:innen diese neue Kultur der Digitalität auch sinnvoll und nachhaltig leben können.“ </em>Auf jeden Fall müssten formelles und informelles Lernen miteinander verbunden werden. Wer in der Schule die informell erworbenen und erwerbbaren Kenntnisse und Fertigkeiten der Schüler:innen außer Acht lässt, ignoriert im Grunde alles, was Schüler:innen im Alltag tun.</p>
<p>Stephan Köhler propagiert zugespitzt<em>: „Schule muss (mehr) Spiel wagen!“</em> Nicht nur rezeptiv, auch produktiv: Ziel müsse es sein, dass Schüler:innen <em>„durch die Einführung in ‚Gamedesign‘ auch in die Lage versetzt werden, solche Systeme (mit) zu gestalten.“</em> Das Spiel sei gleichermaßen Medium und Gegenstand von Bildungsprozessen. Am Beispiel von <a href="https://www.ubisoft.com/de-de/game/assassins-creed/unity">„Assassin’s Creed: Unity“</a>, einem Spiel unter anderem mit dem Setting der Französischen Revolution, beschreibt Johanna Daher, wie digitale Spiele, Games, im Unterricht eingesetzt werden könnten. Solche Spiele hätten den Vorteil, dass Schüler:innen <em>„aktiv in das Geschehen eingreifen“</em> und ihre Eingriffe reflektieren könnten. Das Setting mag auf den ersten Blick wegen seines Gewaltanteils erschrecken, doch gerade dies mag Anlass genug sein, sich in Bildungsprozesse mit dem auseinanderzusetzen, was Schüler:innen außerhalb der Schule ohnehin kennenlernen. Hierzu empfiehlt Johanna Daher zu diesem Spiel vorhandene <a href="https://bit.ly/KostenloseGamesABs">kostenlos verfügbare Arbeitsblätter</a>. Weitere Beispiele bieten die Autor:innen der Fachbeispiele im zweiten Teil. Darunter befinden sich auch Spiele zur Reflexion der philosophischen und ethischen Dilemmata (Roberto Zeugner, Games becoming philosophical) am Beispiel von <a href="https://blog.quanticdream.com/detroit-become-human-receives-amnesty-international-special-award/">„Detroit: Become Human“</a>, zur Migration am Beispiel der Auswanderung von Luxemburg in die USA (Alina Menten, <a href="https://colognegamelab.de/the-migrants-chronicles-research-project-brings-migration-history-to-life/">The Migrant’s Chronicles: 1892</a>), zur spielerischen Entdeckung der Quantenphysik (Carsten Labert und Katja Lesser, Quantenphysik spielerisch entdecken) mit einem Spiel rund um Schrödingers Katze sowie zum Deutschunterricht (Noreen Sell, Digitale Spiele im (Deutsch-)Unterricht).</p>
<p>Noreen Sell bietet einen Vorschlag für Kriterien von in den Schulen nutzbarer Spiele, der nicht nur im Deutschunterricht zur Anwendung kommen könnte: <em>„Digitale Spiele, die einen starken narrativen Anteil besitzen und linear aufgebaut sind, eignen sich beispielsweise für Aufgaben, die sich an der Literaturwissenschaft orientieren, besonders gut.“</em> Sie nennt als Beispiele <a href="https://www.youtube.com/watch?v=bLnTciXdaJA">„Harveys neue Augen“</a> und <a href="https://deponia-the-complete-journey.de.softonic.com/">„Deponia“</a>, ein Spiel, in dem Umwelthemen eine wichtige Rolle spielen. Dies zeigt sich auch für das Setting von „The Migrant’s Chronicles“: <em>„Das Spiel stellt Migrationsprozesse als interkulturelle Erfahrungen dar, die sowohl historische als auch aktuelle Kontexte berücksichtigen, um ein tieferes Verständnis für wiederkehrende Muster und Dynamiken zu schaffen.“</em> So muss man im Spiel beispielsweise einen Schlafplatz suchen, die Ernährung sicherstellen, Reise und Transport organisieren. Dabei verbraucht man Energiepunkte.</p>
<p>Im dritten Teil befasst sich René Meyer mit Computern in den Schulen der DDR, auch den dort seit der zweiten Hälfte der 1980er Jahre intensivierten Arbeitsgemeinschaften. Thorsten Zimprich nennt Kernkompetenzen des Gamedesign-Handwerks, bezogen auf die Spielidee, Kommunikation und Coverstory. Problematisch seien hingegen Spiele, die wie ein <em>„langweiliger Multiple-Choice-Test“</em> konzipiert seien, etwa nach dem Beispiel des TV-Formats „Wer wird Millionär?“ <em>„Und dann wäre mein Traum ein Forschungsprojekt ‚Fachdidaktik Gamedesign‘, in dem wir gemeinsam die schlummernden Superkräfte Ihres Kollegiums wecken und viel analoge, aber auch digitale Spiele erschaffen, mit dem Ziel, Ihre Schule zu einer Spielentwicklungsstudie weiterzuentwickeln.“ </em>Die Digitalspielforschung ist auch Thema des Beitrags von Rudolf Thomas Inderst und Tobias Klös. Die <em>„Aufnahme des Verbandes der deutschen Games-Branche als Mitglied in den Deutschen Kulturrat“</em> biete neue Chancen für Verknüpfungen und Synergien verschiedener nicht mehr getrennt voneinander denkbarer Branchen: <em>„Der Video-Essay nutzt jedoch gleichermaßen das Medium Film und den schriftlichen, eingelesenen Essaytext.“ </em>Solche <em>„Video-Game-Essays“</em> schaffen einen <em>„Möglichkeitsraum“</em> und fördern die <em>„Akzeptanz der Digital Game Studies als akademische Disziplin“</em>. Florian Kiefer plädiert schließlich für eine <em>„Computerspielpädagogik“</em>, die reale und virtuelle Welten aufeinander bezieht und hilft, sie voneinander abzugrenzen.</p>
<h3><strong>Ängste überwinden – Chancen nutzen</strong></h3>
<p>Die Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Hintergründen problematischer, gewaltaffiner oder gar extremistischer digitaler Spiele ist die eine Seite, die Förderung von <em>„Serious Games“</em> für die Nutzung im Unterricht, in der Jugendarbeit, verbunden mit einer Schulung der Lehrkräfte und des sozialpädagogischen Personals sind die andere Seite der Medaille einer wirksamen Medienkompetenz. Nicht zuletzt müssen in Bildungs- wie in Forschungsprozessen Kinder und Jugendliche einbezogen werden, die die meisten Erfahrungen haben, wie virtuelle und reale Welten interagieren. Tina Klüwer hat in ihrem Buch „Zukunft Made in Germany“ dokumentiert, dass in der Forschung ebenso wie bei Studierenden hohes Interesse besteht. Sie beschreibt, dass Deutschland als Forschungsstandort hochattraktiv sei und zahlreiche grundlegende Arbeiten vorgelegt habe, es aber in Deutschland vor allem an einer wirksamen Umsetzung hapere.</p>
<p>Tina Klüwer sieht in Deutschland in erster Linie ein Umsetzungsproblem. Mit ihren Ängsten und kurzsichtigen Pseudo-Schutzkonzepten stehen Politiker:innen (und manche Medien) einer innovativen und zukunftsfähigen Bildungspolitik im Weg. Es käme nun darauf an, das hohe Potenzial im Forschungs- und Wissenschaftsbereich auch für Bildungsinnovationen zu nutzen, nicht zuletzt um formelles und informelles Lernen zu verknüpfen. Dazu müssen Lehrpläne, Fortbildungen in den Schulen offener werden, der Umgang mit Gaming und Sozialen Medien in einer Demokratie gehört zur Allgemeinbildung. So könnte Medienkompetenz ihre Grenzen überwinden und einen wirksamen Beitrag zur digitalen Souveränität mündiger Bürger:innen in einer demokratischen Gesellschaft leisten. Für den Kulturbereich muss man ein solches Plädoyer gar nicht mehr formulieren, aber in der Bildung sieht dies leider anders aus, siehe das Erbe gesetzlicher Regelungen aus dem Jahr 1926. Gleichwohl gibt es in diesem Kontext noch erheblichen Forschungsbedarf.</p>
<p>Letztlich plädieren alle drei hier vorgestellten Handbücher für eine offene und mutige Debatte. Im Hinblick auf die geplanten Altersbegrenzungen bei den Sozialen Medien schrieben die Wissenschaftler:innen in dem bereits zitierten offenen Brief: <em>„If children and adults are to be protected from harm, it is of utmost importance that an in-depth study of the harms and broader consequences of age-based checks is conducted before mandating this technology at Internet-scale. Deployments in the UK or Australia, and the introduction of age checks by main providers calls for systematically studying the benefits and harms of this technological intervention.”</em></p>
<p>Eben dies gilt für alle Formen moderner Technologien im Alltag von Kindern und Jugendlichen, nicht zuletzt eben für das Gaming, ebenso im Übrigen auch für den Umgang mit Künstlicher Intelligenz. Wer sich weigert, sich näher damit zu befassen, öffnet all denen Tür und Tor, die sich – wie nicht zuletzt Extremist:innen jeder Art – ohne Hemmungen dieser Technologien bedienen und immer sehr genau wissen, wie sie über Influencer:innen, über Soziale Netzwerke ihr Publikum erreichen. Gebraucht wird letztlich der Mut der verantwortlichen Politiker:innen, die zurzeit propagierte Verbotsspirale zu beenden und durch gezielte Förderung in Forschung, Kultur und Bildung gemeinsam mit der zivilgesellschaftlichen Community die demokratischen Potenziale der Sozialen Medien und des Gamings zu erschließen und zu popularisieren sowie den Wissensstand zu verbessern. Vielleicht entdecken dann auch Verbände im Bildungsbereich den „game“-Verband oder die Deutsche Gesellschaft für Spielwissenschaft als Vorbilder, Impulsgeber und Partner.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im März 2026, Internetzugriffe zuletzt am 5. März 2026, Das Titelbild „Kyborg Dixit Algorismi“ – ein Ausschnitt – verdanke ich Thomas Franke, präsent im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> mit verschiedenen Bildern und dem Gespräch <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/parallele-welten-synergetisch-gebrochen/">„Parallele Welten – synergetisch gebrochen“</a>)</p>
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		<title>Die Macht der Aufmerksamkeit</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-macht-der-aufmerksamkeit/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 10 Jan 2026 05:05:08 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die Macht der Aufmerksamkeit Marina Weisband über die Hoffnung auf Visionen in der Politik „Verschwörungsmythen funktionieren ja nicht deshalb so gut, weil die Menschen sie aufgrund fehlender Fakten glauben. Sie funktionieren, weil ihre Anhänger:innen sie glauben wollen. Weil sie ein emotionales Bedürfnis danach haben zu glauben, dass – wenn sie selbst schon keine Kontrolle  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-5 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-4 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-5" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Die Macht der Aufmerksamkeit</strong></h1>
<h2><strong>Marina Weisband über die Hoffnung auf Visionen in der Politik</strong></h2>
<p><em>„Verschwörungsmythen funktionieren ja nicht deshalb so gut, weil die Menschen sie aufgrund fehlender Fakten glauben. Sie funktionieren, weil ihre Anhänger:innen sie glauben wollen. Weil sie ein emotionales Bedürfnis danach haben zu glauben, dass – wenn sie selbst schon keine Kontrolle über ihr Leben haben – irgendjemand diese Kontrolle ja haben muss.“ </em>(Marina Weisband, Gestalten wir! Für eine bessere politische Zukunft, in: Eric Hattke, Michael Kraske, Hg., Demokratie braucht Rückgrat – Wie wir unsere offene Gesellschaft verteidigen, Berlin, Ullstein, 2021)</p>
<p><em>„Aus Konsumenten Gestalter machen!“</em> Das ist eine der zentralen Botschaften der Psychologin und Publizistin <a href="https://marinaweisband.de/about/">Marina Weisband</a> und ihres Demokratieprojekts <a href="https://www.aula.de/">aula</a>, das sie im Demokratischen Salon beispielsweise in den Beiträgen <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/selbstwirksamkeit-schafft-resilienz/">„Selbstwirksamkeit schafft Resilienz“</a> und <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/radikal-demokratisch-paedagogisch/">„Radikal, demokratisch, pädagogisch“</a> sowie in ihrem Buch „Die neue Schule der Demokratie – Wilder denken, wirksam handeln“ (Frankfurt am Main, S. Fischer, 2024) beschrieben hat. Damit sind schon grundlegende Begriffe einer zukunftsfähigen Demokratie genannt.</p>
<p>aula ist nun zwar ein Schulprojekt, ließe sich jedoch auch auf andere gesellschaftlich bedeutende Bereiche übertragen, auch auf unseren Umgang mit Medien. Es geht Marina Weisband vor allem darum, den Zielen einer freiheitlichen Demokratie die erforderliche Aufmerksamkeit zu garantieren. Marina Weisband schrieb in ihrem zu Beginn der Dokumentation dieses Gesprächs vom Dezember 2025 zitierten Beitrag: <em>„Genauso wie sie während der Aufklärung zur Blüte kam, brauchen wir jetzt eine zweite Welle der Aufklärung. In der alle Menschen nun nicht mehr durch den Buchdruck besser informiert, sondern durch das Internet auch besser vernetzt ihre Stimme leichter hörbar machen können. Und lernen, mit dieser Verantwortung umzugehen. Hier ist nicht defensives Denken gefragt, sondern visionäres.“</em></p>
<h3><strong>aula wurde zur Erfolgsgeschichte </strong></h3>
<div id="attachment_4662" style="width: 195px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Weisband_Schule.webp"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4662" class="wp-image-4662 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Weisband_Schule-185x300.webp" alt="" width="185" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Weisband_Schule-185x300.webp 185w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Weisband_Schule-200x324.webp 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Weisband_Schule.webp 202w" sizes="(max-width: 185px) 100vw, 185px" /></a><p id="caption-attachment-4662" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie geht es aula?</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Dem Projekt geht es fantastisch. Es gedeiht recht gut. Wir sind inzwischen 16 Leute und ein Hund. Wir haben 125 Botschafter:innen ausgebildet, die in den Regionen helfen, aula an Schulen einzuführen. Wir arbeiten gerade an 50 Schulen. Die Zahl steigt enorm schnell, weil wir auch mit </em><a href="https://teachfirst.de/"><em>Teach First</em></a><em> zusammenarbeiten. Das hat uns die </em><a href="https://www.postcode-lotterie.de/"><em>Deutsche Postcode Lotterie</em></a><em> ermöglicht. Es gibt einige weitere sehr sinnvolle Kooperationen. Wir waren lange nur zu viert und damals mussten alle vier alles machen. Inzwischen haben wir eine Arbeitsteilung. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie ist der Kontakt zu den Ministerien?</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Unterschiedlich bis kompliziert. In einigen Ländern sind wir in der Institutionalisierung weiter als in anderen, in einigen werden wir noch nicht ausreichend wahrgenommen. In Baden-Württemberg und in Hamburg funktioniert es zum Beispiel gut. Dort arbeiten wir mit dem Zentrum für </em><a href="https://zsl-bw.de/,Lde/Startseite"><em>Schulqualität und Lehrerbildung</em></a><em> (ZSL) beziehungsweise dem </em><a href="https://li.hamburg.de/"><em>Landesinstitut für Qualifizierung und Qualitätsentwicklung</em></a><em> (LI) zusammen. In Rheinland-Pfalz gibt es gerade ein Pilotprojekt. Es gibt schon eine Bewegung zu mehr Institutionalisierung, aber wir sind noch nicht so weit, wie ich es gerne hätte. Ich denke, es sollte nicht die Aufgabe einer NGO sein, an Schulen Demokratiebildung zu machen. Wir können anregen, aber letztlich ist es eine staatliche Aufgabe.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: So steht es im Grundgesetz. Das hat Andreas Voßkuhle zum Beispiel im Jahr 2019 in der Frankfurter Paulskirche in seinem Vortrag „Der Bildungsauftrag des Grundgesetzes“ zum 100jährigen Jubiläum des Deutschen Volkshochschulverbandes gesagt (nachlesbar in <a href="https://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/APuZ_2019-16-17_online.pdf">„Aus Politik und Zeitgeschichte“ vom 15. April 2019</a>): <em>„Ein Schlüssel zum <u>status activus</u> des Staatsbürgers ist Bildung. Bildung nicht im klassischen, die Ungebildeten ausschließenden Sinne, sondern Bildung verstanden als „Empowerment“ Das Grundgesetz will den kritischen und informierten, vor allem aber neugierigen Bürger.“ </em>Parallel zum aula-Projekt hatte ich in meinem Magazin das DGB-Projekt <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/yes-we-can/">„Betriebliche Demokratiekompetenz“</a> vorgestellt, die in Betrieben ähnlich arbeiten wie aula. Dieses Projekt wurde jetzt leider beendet. Das Bundesarbeitsministerium (BMAS) hat ungeachtet der Erfolge des Projekts, nicht zuletzt in ostdeutschen Betrieben, die Finanzierung eingestellt. Dort überlässt das BMAS das Feld nun anderen Leuten.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das ist traurig. Wir haben solche Probleme nicht, weil wir in der Finanzierung sehr breit aufgestellt sind. Wir haben Stiftungen im Boot, Privatspenden, auch auf der Landesebene einen Flickenteppich von Finanzierungen. Das macht es auf der einen Seite komplizierter, auf der anderen Seite unser Projekt jedoch resilienter als wenn wir nur von einer einzigen Haushaltsstelle abhängig wären. Uns fehlt natürlich immer noch das Geld, um uns zuverlässig aufstellen zu können. Wir müssen nach wie vor von Jahr zu Jahr neu fundraisen. Aber das geht nicht nur uns so. Es ist ja leider so, dass wir ohne ein verlässliches Demokratiefördergesetz alle immer irgendwie an der Grenze zum Prekariat schweben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Haben Sie Kontakt zu Karin Prien, die jetzt das maßgeblich für ein Demokratiefördergesetz zuständige Bundesministerium leitet?</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Ja. Sie war neulich auch auf einer unserer Veranstaltungen. Ich habe wirklich das Gefühl, dass sie sich intrinsisch für das Thema interessiert und dass sie sehr genau zuhört.</em></p>
<h3><strong>Zurückhaltung ist die falsche Strategie gegen Extremisten und Populisten</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: So weit zum Einstieg über das Projekt, das ich immer gerne weiterempfehle. Wir leben in einer Zeit, die erheblich komplexer und komplizierter ist als dass sie sich mit einem noch so attraktiven Demokratieprojekt zukunftssicher und demokratisch gestalten ließe. Wir erleben in der Ukraine nach der russischen Vollinvasion vom 24. Februar 2022 den vierten Kriegswinter. Wir kämpfen nach wie vor gegen Antisemitismus und gegen Rassismus. Wir haben es nach wie vor nicht geschafft, eine rechtsextremistische Partei in den Parlamenten auf ein minimales Maß zu reduzieren. Alle Ankündigungen, ihren Einfluss zu minimieren, blieben bisher Schall und Rauch. Ich weiß nicht, ob CDU, CSU und SPD ausreichend darüber nachdenken, wie sie die Wähler:innen zurückgewinnen, die sie an die AfD verloren haben. In der Opposition sind die Grünen noch relativ ungeschickt. Geschickter ist die Linke. Vielleicht ist dies ein Lichtblick.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>In der Wirkmächtigkeit des Populismus sehe ich eine Scherenbewegung. Einerseits gibt es Akteure, die einen hybriden Krieg gegen die Demokratie führen. Das haben viele noch nicht so wahrgenommen wie es ist. Wir werden angegriffen, mit Spionage, in der Cybersicherheit und auf einer medialen Ebene. Social Media dienen nicht nur den Eigeninteressen von Milliardären, deren Interessen nicht unbedingt demokratisch sind, sondern werden auch sehr gezielt von autoritären Regierungen und Bewegungen beeinflusst, insbesondere über Bots und organisierte Kampagnen. Das zweite Element dieser Schere ist der fruchtbare Boden, auf den diese Angriffe treffen. Dazu gehören die auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich, ein Gefühl allgemeiner Kontrolllosigkeit, ein Gefühl von Ziel- und Visionslosigkeit der Regierung. Wenn diese Entwicklungen zusammentreffen, Menschen eine berechtigte Verunsicherung fühlen, entsteht daraus auch Wut und diese wird von Populisten gezielt auf noch Schwächere gelenkt. Das funktioniert sehr sehr gut. </em></p>
<p><em>Wir haben keinerlei Mittel seitens der Politik, seitens des Journalismus, wenn ich das so pauschal sagen darf, dagegenzuhalten. Es gibt keine Strategie, es gibt nur ein Reagieren, ein Hinterherrennen. Die CDU macht das Schlimmste aus beiden Welten. Sie bespielt einerseits das Thema, mit dem die AfD gewinnt, liefert aber andererseits keine besseren Lösungen. Das heißt, sie macht das Thema Migration groß, stellt es in den Vordergrund, doch das ist das Thema, mit dem die AfD immer gewinnen wird. Zusätzlich traut sich niemand, weder Bundesregierung noch Bundestag noch Bundesrat, die AfD vom Verfassungsgericht auf ihre Rechtmäßigkeit überprüfen zu lassen, obwohl die Partei von den Verfassungsschutzbehörden weitestgehend als „gesichert rechtsextremistisch“ eingeschätzt wird. Ich finde, Parteien, die so eingeschätzt werden, sollten unbedingt auf ihre Rechtmäßigkeit überprüft werden. Aber vielleicht ist meine Forderung auch naiv. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Naiv ist sie sicherlich nur, wenn man die Ängste derjenigen teilt, die einen Verbotsantrag scheuen. Die einen befürchten einen Misserfolg wie seinerzeit bei den NPD-Verbotsanträgen, andere, dass sich nach einem Verbot sehr schnell etwas Neues, genauso Gefährliches, gründet, wiederum andere, dass die AfD sich während eines Verbotsverfahrens als Opfer darzustellen versteht. Viele nennen auch alle drei Gründe.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Genau das ist für mich das Problem. Wir tanzen so sehr darum herum, dass sich die AfD als Opfer darstellt. Aber das tut sie doch eh schon die ganze Zeit! Sie stellt sich überall als Opfer dar. Die Wahrheit ist, dass wir ihr gar nicht so weit entgegenkommen können, dass sie das nicht mehr tut, denn zum Faschismus gehört untrennbar das Opfernarrativ. Sie wird immer sagen, dass sie unterdrückt wird, bis sie die absolute Macht hat, und selbst dann wird sie so weitermachen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Als Regierungspartei würde sie mit allen ihr dann zur Verfügung stehenden Mitteln repressiv gegen die vorgehen, die sich gegen sie stellen. Die Blaupause wäre das Vorgehen Trumps im ersten Jahr seiner zweiten Präsidentschaft. Noch wurden in den USA Oppositionspolitiker:innen nicht verhaftet und zu Gefängnisstrafen verurteilt, aber wenn man Trump genau zuhört, würde er das sehr begrüßen. Und das ist letztlich nicht nur Rhetorik, sondern gezielte Einschüchterung.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Wann hört eine Partei auf, sich als Opfer darzustellen? Aber wenn ich schon genau weiß, dass sie sich als Opfer darstellen: Warum komme ich ihnen dann immer weiter entgegen, damit sie sich nicht als Opfer fühlen? </em></p>
<h3><strong>Wo gibt es noch Begegnungsräume für Kinder und Jugendliche?</strong></h3>
<div id="attachment_1819" style="width: 243px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1819" class="wp-image-1819 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Spiegelung-c-Markus-C.-Hurek-233x300.jpg" alt="" width="233" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Spiegelung-c-Markus-C.-Hurek-200x258.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Spiegelung-c-Markus-C.-Hurek-233x300.jpg 233w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Spiegelung-c-Markus-C.-Hurek.jpg 400w" sizes="(max-width: 233px) 100vw, 233px" /><p id="caption-attachment-1819" class="wp-caption-text">Marina Weisband ,Spiegelung © Markus C. Hurek</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine wichtige Rolle spielen in all diesen Debatten die Social Media, die dafür verantwortlich gemacht werden, dass Kinder und Jugendliche antidemokratische Parteien und Organisationen bevorzugen oder gar gewalttätig werden. Australien und Neuseeland haben den Zugang für Jugendliche zu Social Media eingeschränkt. Es gibt jetzt eine Altersgrenze. Planungen für solche Altersgrenzen gibt es in Dänemark und Frankreich. Altersgrenzen werden inzwischen auch von Politiker:innen in Deutschland vorgeschlagen. Wie schätzen sie diese Initiativen ein?</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Im Hinblick auf die Frage der Radikalisierung verstehe ich nicht, dass man unter 16jährige in den Blick nimmt. Wie wäre es mit über 50jährigen oder auch anderen Altersgruppen, die genauso oder sogar noch anfälliger sind für Falschinformationen und Propaganda in den sozialen Netzwerken? Was erreichen wir, wenn sich diejenigen, die noch gar nicht wählen dürfen, nicht mehr auf Social Media beteiligen dürfen, sich dort nicht mehr mit ihren Freund:innen austauschen, nicht mehr das, was sie denken oder planen, auf Social Media äußern dürfen? Die Influencer, die Verschwörungstheorien über Social Media verbreiten, sind in der Regel schon lange keine Kinder oder Teenager mehr.</em></p>
<p><em>Eine Altersgrenze für Social Media und das ebenso diskutierte Verbot von Smartphones für Jugendliche und Kinder sind im Übrigen zwei verschiedene Dinge. Sie bewirken auch radikal Unterschiedliches. Aber könnten wir nicht kreativer sein? So viele Jugendliche sind nicht nur Verlierer, sondern auch Gewinner durch Social Media. Ich selbst war definitiv eine Gewinnerin. Wie wäre es, wenn es ein Verbot gäbe, Kinder und Jugendliche auf Social Media als Werbekunden anzusprechen, Werbung für sie auszuspielen?</em> <em>Dann wäre es für die Plattform sofort unattraktiv, rage baiting zu machen, es wäre unattraktiv, die Jugendlichen algorithmisch von der Plattform abhängig zu machen, es wäre unattraktiv, Influencer auszuspielen, die Dinge verkaufen wollen. Sobald ich die Finanzorientierung herausnehme, werden Plattformen gesünder. Das bedeutet natürlich immer noch, dass man sein Alter verifizieren muss. Aber im Gegensatz zu einem pauschalen Verbot des Zugangs für Jugendliche zu Social Media würde ein Werbeverbot ermöglichen, dass Jugendliche sich über Social Media austauschen und das in einer Offline-Welt, die nun wirklich nicht im Sinne von Jugendlichen gestaltet ist. </em></p>
<p><em>Diese Verbotsdebatten haben mit dem eigentlichen Problem nichts zu tun. Wir haben gesehen, dass die Nutzung von Social Media tatsächlich die psychische Gesundheit und Konzentrationsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen beeinträchtigt. Mit der politischen Debatte hat das aber nichts zu tun. Für diese müssen wir regulieren, was auf Social Media erlaubt ist, wie mit KI-generierten Inhalten umzugehen ist, wie schnell Falschinformationen und Hassbotschaften gelöscht werden müssen.</em></p>
<p><em>Solange wir aber Jugendliche aus Innenstädten vertreiben, weil sie nicht genug Geld haben, um sich dort in ein Café zu setzen, und dort einfach nur rumhängen, was aber auch nicht gern gesehen wird. Solange Bänke abgebaut, Jugendzentren geschlossen werden, große Wohnungen für Familien nicht erschwinglich sind, sodass Jugendliche sich auch zu Hause nicht mit Freund:innen treffen können, können wir ihnen nicht den einzigen Raum wegnehmen, in dem sie überhaupt soziale Kontakte haben können.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das wäre ein wichtiger Punkt in der leider verunglückten Stadtbilddebatte gewesen, über den wir hätten streiten können. Es ist ein Drama, dass Kommunen über viele öffentliche Räume gar nicht mehr verfügen, weil die Grundstücke ihnen nicht mehr gehören.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Wenn wir immer mehr öffentliche Räume ausverkaufen, immer mehr Räume für Menschen schließen, treiben wir sie in die Einsamkeit. Das ist dann aber nicht die Schuld von TikTok! Dann ist TikTok nur das Symptom. Wir gehen aber auf eine Welt zu, in der jede:r zweite Wähler:in über 50 Jahre alt ist. Ich habe inzwischen den Kaffee auf, wenn Leute, die erst Probleme für junge Leute schaffen, versuchen, diese Probleme zu lösen, indem sie sie noch weiter an Teilhabe hindern!</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: <a href="https://www.zeit.de/2025/47/angstraeume-kommunen-statbild-einzelhandel-buergermeister">In der ZEIT hatten drei baden-württembergische Bürgermeister Gelegenheit</a>, zur Stadtbilddebatte einen Vorschlag zu formulieren, der Innenstädte in der Tat attraktiver machen könnte. Sie schlugen vor, den Online-Handel höher zu besteuern als Geschäfte in den Innenstädten.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das ist vielleicht eine Lösung, aber andererseits ist es auch visionslos, wenn man meint, dass Leben in Innenstädten nur aus Handel besteht. Könnten wir nicht die Volkshochschule, eine Bibliothek, Einrichtungen, in denen man selbst kochen kann, echte und attraktive Begegnungsorte für Jugendliche und für Familien stärken? Es kann doch nicht sein, dass Karstadt der höchste meiner kommunalen Träume ist.  </em></p>
<h3><strong>Wir brauchen dezentrale und interoperable Plattformen</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Debatten um Social Media waren auch <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-freiheit-ist-konkret/">Thema meines Gesprächs mit Donata Vogtschmidt MdB</a>, die zwei Punkte benannte: Digitale Souveränität und Medienkompetenz. Das dürfte auch Ihren Positionen entsprechen.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Im Grunde ja, aber ich halte Medienkompetenz für den weit schwächeren Teil. Digitale Souveränität ist der stärkere. Ich möchte es in einem Satz zusammenfassen: Die klügsten Köpfe unseres Planeten sind damit beschäftigt, Aufmerksamkeit von allen zu ernten, um sie an Coca-Cola zu verteilen. Wir werden das Problem nicht beheben, indem wir versuchen, Achtklässlern beizubringen, eine Zweitquelle zu suchen. Medienkompetenz ist superwichtig, aber wir haben es ja nicht nur mit öffentlichen Medien zu tun. So ist die freie Medienlandschaft in großer Gefahr, weil soziale Netzwerke und größere Medienhäuser über Algorithmen gesteuert werden, um Aufmerksamkeit zu binden, und sehr reichen Menschen gehören, die ganz klare Interessen haben, zu denen nicht gehört, Menschen in demokratischen Austausch zu bringen. </em></p>
<p><em>Hier findet eine Massenbeeinflussung statt, die sich auch auf Wahlen auswirkt. Und wir sind machtlos, weil die Systeme nicht in Deutschland gehostet sind, weil sie nicht dezentral sind, weil sie Monopolstellungen haben. Wir sind Leuten ausgeliefert, die nach Mar A Lago pilgern und vor Trump knicksen, weil sie die Unterstützung des amerikanischen Staates brauchen, die alle unsere Daten sammeln, um Werbung an uns ausspielen. Das plakativste Beispiel ist Elon Musk. Ich bin ihm dankbar, dass er sich als plakatives Beispiel eignet. Ich bin nicht mehr auf X, weil ich gemerkt habe, dass jedes Mal, wenn ich über die Ukraine schreibe, gerade einmal 200 Leute meinen Post sehen, entgegen 20.000 Leuten, die ihn sonst sehen. </em></p>
<p><em>Gegen Algorithmen kann man nicht mit Medienkompetenz ankämpfen. Wir müssen darüber reden, warum wir eigentlich keine digitalen öffentlichen Räume haben. Ein Beispiel wäre </em><a href="https://joinmastodon.org/de"><em>mastodon</em></a><em>. Das ist eine dezentrale Plattform. Das heißt, ich kann einen Server haben, die ARD kann einen haben, der Chaos Computer Club. Diese Server können miteinander reden, aber unsere Daten liegen nur auf dem Server, dem ich vertraue, dessen Administrator ich kenne. Das heißt, mastodon kann niemals von einem Milliardär gekauft werden, weil es keine in sich geschlossene Plattform ist. Das heißt auch, niemand kann alle User-Daten von mastodon an eine Regierung ausliefern. </em></p>
<p><em>Der Staat, die EU müssen in solche dezentralen Netze investieren. Sie müssen von den großen Unternehmen fordern, dass sie interoperabel werden. Interoperabel bedeutet, dass ich auch Inhalte von instagram, facebook Dinge sehen kann, auch wenn ich nicht auf dieser Plattform bin. Es bedeutet auch, dass man auf instagram und anders wo sehen kann, was ich auf einer unabhängigen Plattform poste. Das würde die Monopolstellung dieser Plattformen brechen, das würde einen freien Markt und Konkurrenz herstellen. Eine Plattform, auf der wir demokratisch kommunizieren, muss uns gehören. Auf einer solchen Plattform gibt es keine Beeinflussungen von außen durch Algorithmen, keine finanziellen Abhängigkeiten von irgendeinem reichen Menschen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie bewerten Sie wikipedia?</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Wikipedia ist fantastisch. Es ist nicht ohne Schwächen. Aber insgesamt sorgt eine große Community mit gegenseitiger Kontrolle dafür, dass die Inhalte ausgewogen und auf jeden Fall faktenbasiert sind, weil es in jedem Fall so viele Nerds gibt, die darauf achten und Falsches sofort löschen. Ich habe versucht, meine eigene Wikipedia-Seite zu bearbeiten und dabei ein bisschen in den Maschinenraum geschaut und gesehen, wie schwer es ist, etwas zu schreiben, das nicht gut belegt ist, das möglicherweise färbend sein könnte. Es ist mir sogar verboten, meine eigene Seite zu bearbeiten. Das müssen immer Dritte machen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und was machen Sie, wenn Sie feststellen, dass einige Daten, die über Sie geschrieben sind, einfach sachlich falsch sind, möglicherweise auch einfach, weil die Quelle, auf die sich jemand bezieht, falsch ist? In harmlosen Fällen sind das dann falsche Jahreszahlen, falsche biografische Daten, es können aber auch verkürzte, möglicherweise sogar ins Gegenteil verkehrte Aussagen aus falsch zitierten Publikationen sein.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das lässt sich über die Diskussionsfenster korrigieren. Wikipedia ist sicherlich nicht frei von Fehlern. Aber wenn ich mir das Projekt von Elon Musk ansehe, das im Grunde eine über Grok veränderte Wikipedia-Kopie ist, auf der er nach Belieben alle Daten zurechtschönen kann, wo KI-Systeme wissenschaftliche Untersuchungen und Datenbanken ersetzen, zumal Menschen zunehmend ihre Informationen über Chatbots suchen, die jedoch die Inhalte wiedergeben ohne dass man auf die Seite klicken muss, die die eigentliche Quelle wäre. Werbezahlen, Klickdaten gehen damit auch verloren. Das bedeutet, dass sich die originalen Formate auf Dauer nicht mehr halten können. Und wenn Journalist:innen nicht mehr recherchieren können, weil ihr Geschäftsmodell durch KI nicht mehr funktioniert, bleiben wir mit nichts anderem zurück als einem statistischen Quatsch-Tool, das sich irgendetwas zurechtfantasieren muss. Das wäre das Ende eines verlässlichen Journalismus. </em></p>
<h3><strong>Meinungsfreiheit versus Faktenbasiertheit</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir sind damit auch bei der Debatte um die Meinungsfreiheit, die in den USA mit dem ersten Verfassungszusatz sehr hochgehalten wird. Von X oder Facebook werden inzwischen wissenschaftlich unhaltbare Aussagen als Meinungsfreiheit verteidigt. Fakten spielen keine Rolle mehr, sie sind letztlich nebensächlich. <a href="https://taz.de/US-Klimaforschung-unter-Beschuss/!6139913/">Wenn Trump beispielsweise das weltweit führende Klimaforschungsinstitut in Colorado schließen will</a>, weil er dessen Ergebnisse für <em>„Klima-Alarmismus“</em> hält, besteht irgendwann auch nicht mehr die Möglichkeit, valide Ergebnisse der Klimaforschung zu veröffentlichen. <a href="https://mwfk.brandenburg.de/sixcms/media.php/9/PM%20300%20Potsdam-Institut%20f%C3%BCr%20Klimafolgenforschung.pdf">In Brandenburg hat die AfD bereits beantragt, dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) die Landesfinanzierung zu entziehen</a>. Damit müsste das Institut schließen, weil die Finanzierungen des Bundes dann ebenfalls eingestellt werden müssten. Zuckerberg hat nach der Vereidigung von Trump im Januar 2025 gesagt, dass er in Zukunft eine Aussage wie die, dass Homosexualität eine Krankheit wäre, nicht mehr löschen werde. Der US-amerikanische Gesundheitsminister behauptet penetrant Zusammenhänge zwischen Impfungen und Autismus, die wissenschaftlich ebenso wenig haltbar sind.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Wenn wir uns auf diesen Streit einlassen – Meinungsfreiheit versus Faktenbasiertheit – haben wir verloren. Ich bin zu 100 Prozent für Meinungsfreiheit und ich bin zu 100 Prozent für Faktenbasiertheit. Wenn jemand sagt, die Welt ist flach, ist das keine Meinung. Der Faschist träumt in seinen feuchten Träumen davon, dass lles eine Meinung ist, weil er dann die Wirklichkeit so gestalten kann wie er will. So funktioniert Wahrheit im Faschismus. Sie wird immer konstruiert, es gibt keine objektive Wahrheit mehr. So kann Trump sagen, er hatte die größte Crowd aller Zeiten bei seiner Amtseinführung im Januar 2017. Wir fragen immer, wie er denn lügen könne, wo doch so offensichtlich sei, dass nicht stimmt was er sagt. Wir fragen das, weil wir nicht sehen, wie im Faschismus Wahrheit funktioniert. Es geht darum, dass man so loyal ist, dass man sagt, ja so war es, oder ob man ein „Feind“ ist. </em></p>
<p><em>Deshalb ist der vermeintliche Gegensatz zwischen Meinungsfreiheit und Faktenbasiertheit totaler Quatsch. Natürlich kann man sagen, man sei gegen Homosexualität. Niemand zwingt jemanden, homosexuell zu werden. Was man nicht sagen kann, ist, der Teufel hätte das so gemacht. Denn dafür gibt es keine Fakten. Man kann jedoch sagen: Ich glaube, dass der Teufel das so gemacht hat. Dann ist man in der Religionsfreiheit. Man kann sagen, meine Religion erlaubt mir nicht, dass gleichgeschlechtliche Partner einander heiraten. Aber man kann nicht biologische Fakten erfinden und sagen, die Welt ist flach und das ist eine Meinung. Es gibt keinen Widerspruch zwischen Meinungsfreiheit und Faktenbasiertheit. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es wird kompliziert, wenn unklar ist, wo Meinungsfreiheit aufhört und <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__130.html">„Volksverhetzung“ gemäß § 130 StGB</a> anfängt. Ronen Steinke stellt in seinem Buch <a href="https://www.piper.de/buecher/meinungsfreiheit-isbn-978-3-8270-1534-1">„Meinungsfreiheit“</a> (Berlin Verlag, 2026) unter andere konkrete Fälle vor, die die Frage aufwerfen, ob man bestimmte Äußerungen verurteilen lassen kann. Eines seiner Beispiele ist die SA-Parole „Alles für Deutschland“, für deren Verwendung der AfD-Vorsitzende in Thüringen strafrechtlich verurteilt wurde. Steinke verwies darauf, dass Cathy Hummels diesen Spruch bei einem internationalen Turnier auf den Fußball bezogen hatte, sehr wahrscheinlich unwissend, woher der Spruch überhaupt kommt. Höcke wusste das mit Sicherheit.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Hier sind wir in einem Bereich, in dem sich die Frage stellt, wo das Recht auf Meinungsfreiheit andere Rechte verletzt. In Deutschland haben wir gesagt, dass bestimmte faschistische Aussagen, die die Nazi-Zeit verherrlichen, nicht von den Freiheitsrechten gedeckt sind, weil Faschismus Menschenrechte verletzt und negiert, weil Faschismus Demokratie zerstört, weil Faschismus anderen Rechte wegnimmt. Mein Recht auf Privatsphäre endet ja auch, wenn ich ein Verbrechen begehe. Ein Richter kann entscheiden, hier hat Frau Weisband kein Recht auf Privatsphäre, hier kann ihre Wohnung durchsucht werden. Genauso endet Meinungsfreiheit dort, wo sie für andere gefährlich ist. Ein Richter muss jetzt auslegen, ob etwas darunterfällt oder nicht. Das ist die Aufgabe der Judikative.</em></p>
<h3><strong>Transparenz und Verantwortung </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auf EU-Ebene wird ebenso wie in den Mitgliedstaaten zurzeit heftig über Datenschutz gestritten. Die einen sehen Datenschutz als bürokratisches Hemmnis, andere legen die geltenden Regelungen, insbesondere die europäische <a href="https://dejure.org/gesetze/DSGVO">Datenschutzgrundverordnung</a> (DGSVO) sehr eng aus.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Datenschutz ist sehr wichtig, aber die DGSVO soll ein Ermöglichungsgesetz sein. Sie wird aber zu häufig als Verbotsgesetz vorgeschoben, weil jemand entweder keine Lust oder Angst hat, etwas zu entscheiden. Ein Beispiel: Manche behaupten, dass die Herausgabe einer Mailingliste verboten wäre. Wäre dies so, könnte man sich in Aktivitätsgruppen nicht mehr vernetzen. Ein professioneller Jurist wird jedoch sagen, für diese Vernetzung gibt es einen eindeutigen Verwendungszweck und die Teilnehmenden haben diesem zugestimmt. Solange ein solcher legitimer Verwendungszweck vorliegt, dürfen wir Daten verarbeiten. Aber wir haben in vielen Institutionen leider nur Halbprofis, die sagen, das ginge nicht, da würden personenbezogene Daten verarbeitet. E-mail-Adressen dürfen gespeichert werden, weil alles Andere unpraktikabel ist. </em></p>
<p><em>Ich selbst arbeite bei aula mit einer Plattform, die Daten von Schüler:innen verarbeitet. Ich sehe auch bei vielen beteiligten Lehrkräften Angst, das könne doch nicht erlaubt sein. Es ist erlaubt. Wir haben es intensiv prüfen lassen, Landesdatenschutzbeauftragte gefragt. Aber gerade Ministerien schieben gerne Datenschutz vor und belasten uns dann auch mit Nachfragen. Da fehlt noch dieses oder jenes Dokument, da bräuchten wir noch ein drittes Gutachten und so weiter. Das Ziel des Datenschutzes ist es jedoch nicht, dass Zivilleben nicht mehr stattfindet, dass wir uns nicht mehr vernetzen können. Das Ziel des Datenschutzes lautet, dass ich weiß, wer meine Daten wozu verarbeitet. Es geht um Transparenz.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie haben mehrfach in unserem Gespräch auf die Visionslosigkeit der Regierung oder auch in Kommunen von den dortigen Verwaltungen hingewiesen. Irgendwie ist es auch eine Visionslosigkeit der Parteiprogramme.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Dies sehe ich eigentlich in allen Parteien, vielleicht noch am wenigstens bei den Grünen und bei der Linken. Für mich vertreten die Grünen ein sozial progressives Gesellschaftsbild. Ich kann mir schon eine Stadt vorstellen, die nach den Vorstellungen der Grünen designt ist und wie die Menschen darin leben. Es fällt mir relativ leicht, hier eine Vision zu sehen. Sie wird nur unsagbar schlecht kommuniziert. Aber das Problem sehe ich bei anderen Parteien noch stärker. Was ist denn die Vision der SPD, was die der CDU? Ich weiß es nicht und ich glaube, dass es auch keine gibt. Viele Akteure sind in der Politik auf der Position, auf der sie sind, weil es die nächste logische Position ist, wenn sie in der Politik aufsteigen wollen. Das gilt nicht für Robert Habeck, aber bei vielen habe ich den Eindruck, dass sie da sind, wo sie sind, weil es der nächste Schritt in der Karriereleiter ist. Diesen Eindruck hatte ich sehr stark bei Olaf Scholz, der in der Ukrainefrage nicht dafür verantwortlich sein wollte, dass die Ukraine verliert, aber auch nicht dafür, dass Russland verliert. Die wesentliche Botschaft schien mir, dass er nicht verantwortlich sein wollte. Aber warum wird jemand Bundeskanzler, der nicht verantwortlich sein will?</em></p>
<p><em>Ich glaube, dass wir in den Parteien so viel Bürokratie haben, dass die Personen nicht nach oben kommen, die diese brennende Vision im Herzen haben. Es ist ja nicht so, dass wir keine Menschen in Deutschland haben, die diese Vision haben. Ich glaube aber, dass sich Macht nicht bei diesen Menschen konzentriert.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Aber vielleicht wollen diese Menschen auch nicht in die Politik?</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Sie wollen nicht in die Politik, weil diese so ist wie sie ist. Ich selbst bin aus der Politik rausgegangen, weil ich verstanden habe, dass ich das, was ich will, in diesem System überhaupt nicht erreichen kann, weil alles so von Verwaltung und Bürokratie zugebaut ist. Das ist so bei jeder Regierung. Ich kann keine ausnehmen. Jede Regierung verwaltet was da ist, aber wir bauen nichts. So wie mit der Infrastruktur ist es auch mit den Ideen. Wir verwalten Ideen, aber wir schaffen keine.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe seit Jahren immer mehr den Eindruck, dass man darüber streitet, was man abbaut, nicht aber über das, was man aufbaut.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Sehr präzise! Weil das Geld immer knapper wird oder zumindest vermeintlich knapper wird, ringt man um die Verteilung des Geldes, aber nicht darum, wofür wir es eigentlich bräuchten. Das ist meines Erachtens der Punkt!</em></p>
<p><em>Es ist so auch mit dem Datenschutz. Wir sprechen darüber, was der Datenschutz behindert, nicht aber was er ermöglicht. Den Datenschutz dann einfach abzuschaffen, wäre eine Kapitulation. Aber wie sähe ein Datenschutzgesetz aus, dass mich ermutigt, etwas zu tun, und das Transparenz herstellt? Wir sagen, wir brauchen weniger Gesetze, weniger Ausgaben, aber wir fragen nicht, wofür wir eigentlich Gesetze und Geld bräuchten.</em></p>
<h3><strong>Der Mamdani-Effekt</strong></h3>
<div id="attachment_7735" style="width: 394px" class="wp-caption alignright"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:NYS_Assemblymember_Mamdani_@_NYTWA_Rally_@_City_Hall_6.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7735" class="wp-image-7735 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/NYS-Assemblymember-Mamdan-@-NYTWA-Rally-@-City-Hall-6-Foto-InformedImages-Wikimedia-Commons-300x200.jpg" alt="" width="384" height="256" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/NYS-Assemblymember-Mamdan-@-NYTWA-Rally-@-City-Hall-6-Foto-InformedImages-Wikimedia-Commons-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/NYS-Assemblymember-Mamdan-@-NYTWA-Rally-@-City-Hall-6-Foto-InformedImages-Wikimedia-Commons-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/NYS-Assemblymember-Mamdan-@-NYTWA-Rally-@-City-Hall-6-Foto-InformedImages-Wikimedia-Commons-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/NYS-Assemblymember-Mamdan-@-NYTWA-Rally-@-City-Hall-6-Foto-InformedImages-Wikimedia-Commons-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/NYS-Assemblymember-Mamdan-@-NYTWA-Rally-@-City-Hall-6-Foto-InformedImages-Wikimedia-Commons-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/NYS-Assemblymember-Mamdan-@-NYTWA-Rally-@-City-Hall-6-Foto-InformedImages-Wikimedia-Commons-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/NYS-Assemblymember-Mamdan-@-NYTWA-Rally-@-City-Hall-6-Foto-InformedImages-Wikimedia-Commons-1024x682.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/NYS-Assemblymember-Mamdan-@-NYTWA-Rally-@-City-Hall-6-Foto-InformedImages-Wikimedia-Commons-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/NYS-Assemblymember-Mamdan-@-NYTWA-Rally-@-City-Hall-6-Foto-InformedImages-Wikimedia-Commons.jpg 1280w" sizes="(max-width: 384px) 100vw, 384px" /></a><p id="caption-attachment-7735" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:NYS_Assemblymember_Mamdani_@_NYTWA_Rally_@_City_Hall_6.jpg">Assemblyman Zohran Mamdani @ Taxi Workers Alliance Rally @ City Hall</a>, Foto: InformedImages. Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.en">Creative Commons Attribution 4.0 International license</a>.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Damit sind wir wieder bei Verfahren, wie sie aula in Schulen erprobt oder wie sie Bürgerräte nutzen. Bürgerräte auf kommunaler Ebene sind recht erfolgreich wie die Initiative <a href="https://www.mehr-demokratie.de/">Mehr Demokratie e.V.</a> dokumentiert. Der schwarz-rote Koalitionsvertrag sieht nun zwar die Fortsetzung <em>„zivilgesellschaftlicher Bürgerräte“</em> vor, doch die zuständige Stabsstelle der Bundestagsverwaltung wurde von der Bundestagspräsidentin jetzt aufgelöst. Jannis Koltermann kommentierte dies am 28. November 2025 in der FAZ: <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/buergerraete-gestoppt-warum-das-der-demokratie-schadet-110792662.html">„Unsere Demokratie muss sich reformieren“</a>. <em>„Bürgerräte sind daher keine Spinnerei der Ampelregierung, sondern der Versuch, Menschen an politischen Prozessen zu beteiligen, die sich sonst oft von ihnen ausgeschlossen fühlen, und sie im wechselseitigen Austausch Kompromisse finden zu lassen, wo der Parteienstreit eher die Polarisierung fördert. Dass der Bürgerrat zur Ernährung bislang kaum Gehör fand, spricht denn auch weniger gegen den Bürgerrat als gegen den Bundestag: Sowohl seine Funktionsweise als auch seine Ergebnisse sind von Wissenschaftlern positiv evaluiert worden.“ </em></p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Darf ich jetzt einmal böse sein? Warum zum Teufel soll ich mich für Demokratie einsetzen, wenn das mächtigste Organ der Demokratie dafür sorgt, dass ich es in Zukunft weniger kann? Wenn im Bundestag mehr Lobbyisten registriert sind als Abgeordnete? Und dann werden Mittel gerade für diejenigen eingestampft, die selbst nicht die Mittel haben, ihre Anliegen vorzubringen, Mittel für die Jugendarbeit, Mittel für Demokratieförderung. Und Nicht-Regierungsorganisationen, die sich für mehr Demokratie einsetzen, werden verteufelt. </em></p>
<p><em>Ich habe das Gefühl, dass Regierung und Bundestag an diesen Fragen offensichtlich einfach kein Interesse haben. Ich möchte ihnen das jedoch nicht unterstellen, ich möchte daran glauben, dass gewählte Politiker:innen sehr viel Interesse an der Beteiligung von Bürger:innen, an Demokratie haben. Natürlich ist es für Populisten zurzeit sehr einfach zu sagen, die da oben interessierten sich nicht. Meine gesamte Lebensaufgabe bestand und besteht darin, diese Dichotomie zwischen „Die da oben“ und „Die da unten“ aufzulösen. Es gibt in einer Demokratie nicht „die da oben“ und „die da unten“. In einer Demokratie sind wir alle Gestalter der Gesellschaft. Und manche sind so freundlich, dass sie das zu ihrem Beruf in Vollzeit machen, um sich tiefer in eine Materie einarbeiten zu können. Manche sind vor allem mit der Erziehung ihrer Kinder beschäftigt, andere mehr in einem Ehrenamt und manche gehen eben in den Bundestag und befassen sich dort mit den Gesetzen. Das ist eine Arbeitsteilung, aber die Gesellschaft gehört uns allen. Das ist für mich die Idee einer Demokratie.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dazu gehört aber auch die Möglichkeit zu verbindlicher Einflussnahme. Es reicht nicht aus, Entscheidungen der Politiker:innen im Bundestag zur Kenntnis zu nehmen. Darauf lassen sich die Leute ja auch immer weniger ein. Ergebnis sind dann oft wütende Proteste, aber keine neuen Formen der Demokratie.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das ist der Punkt! Wenn ich keine Gelegenheit zu verbindlicher Einflussnahme habe, ist es besser, ich habe gar keine Möglichkeiten der Einflussnahme. Der </em><a href="https://www.bundestag.de/parlament/buergerraete/buergerrat_th1"><em>Bürgerrat „Ernährung im Wandel“</em></a><em> war eine solche Pseudo-Einflussnahme. Das stärkt nur den Frust. Er hat 2024 seine Ergebnisse vorgelegt hatte. Diskutiert wurden die Ergebnisse im Bundestag nicht. </em></p>
<p><em>Wir haben international den Trend eines wachsenden Misstrauens in allerlei Institutionen der Demokratie. Wäre ich eine solche Institution – die ich nicht bin – dann würde ich mich doch an die Nase fassen und darüber nachdenken, was ich tun könnte, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen, um zu zeigen: Ich bin für euch da, nicht ihr für mich. Das passiert nicht, das ist es, das mich aufregt! Man rollt der AfD den roten Teppich aus, denn die muss nur sagen, die da sind nicht für euch da und wenn ihr den starken Onkel wählt, werden wir es denen da oben einmal richtig zeigen. Natürlich ist das nicht logisch, natürlich lügen sie, die AfD wird sich am allerwenigsten für ihre Wähler einsetzen. Aber die Geschichte kommt an, weil Institutionen keine oder zu wenig Bemühungen zeigen, sich als arbeitsteiliges Element unseres Staates zu verstehen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich denke, dass es schon einige Politiker:innen gibt, die in diese Richtung denken. Sehr positiv schätze ich zum Beispiel Felix Banaszak ein, der – wenn ich das so sagen darf – begriffen hat, woran die derzeitige Praxis der Demokratie krankt.</p>
<p><strong>Marina Weisband </strong>(im Ton jetzt viel versöhnlicher): <em>Ganz ganz viele. Heidi Reichinnek zum Beispiel auch. Ich sehe viele helle Lichter, aber ich mache mir die Sorge, wie überleben diese Politiker:innen im Politikbetrieb, ich fürchte, dass manche wieder frustriert rausgehen. Aber ich hoffe immer, dass es jemand schafft durchzubrechen.</em></p>
<p><em>Die nächste Welle wird eine Welle des linken Populismus sein. Es wird jemand sein, der es schafft, die Menschen mit der Idee zu einen, dass wir alle doch sehr legitime gemeinsame Bedürfnisse haben, das Bedürfnis nach Sicherheit, das Bedürfnis nach Absicherung, das Bedürfnis, gesehen zu werden, das Bedürfnis, Einfluss zu haben, das Bedürfnis nach Kontrolle. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sind wir dann bei Zohran Mamdani?</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Ja, wir sind dann bei Mamdani. Sein Erfolg hat mich überhaupt nicht überrascht. Es hat mich auch nicht überrascht, dass Trump ihn beim Besuch im Weißen Haus so gefeiert hat. Trump spricht die gleichen Urinstinkte an wie Mamdani. Trump lügt in den Fakten, aber er holt die Leute auf einer emotionalen Ebene ab. Das macht Mamdani auch, aber er hat eine bessere Politik: Seine Antworten würden tatsächlich die Probleme beheben, die dieser Wut zugrunde liegen. Trump richtet einfach nur die Wut auf andere. Das ist der Unterschied zwischen Trump und Mamdani. </em></p>
<p><em>Auf der emotionalen Ebene fehlt diese Ansprache im Stile Mamdanis in der deutschen Politik komplett. Immer wenn ich gegenüber Ministerien sage, für viele Menschen sei es schwer, eine bezahlbare Wohnung zu finden, sagt man mir, ja, wir machen doch schon so viel. Das holt mich aber emotional überhaupt nicht ab. Offensichtlich funktioniert es nicht! Offensichtlich ist doch grundsätzlich etwas kaputt, wenn in der Pandemie reiche Menschen immer reicher werden, wenn reiche Menschen zunehmend die Medien kontrollieren und damit auch Wahlen beeinflussen. Dann kann man doch nicht sagen, wir machen ja schon viel! Das ist nicht einmal ein Trostpflaster.</em></p>
<p><em>Warum gibt es bei Politiker:innen so wenig ehrliche Empörung, warum legen sie so wenig klar und deutlich dar, was sie vorhaben. Mamdani hat ähnliche Qualitäten wie Robert Habeck. Er ist ein großer Erklärer. Er erklärt Dinge auf eine einfache verständliche Art und Weise. Dann können Menschen erkennen, welche Optionen sie haben und warum sie sich für welche entscheiden können.</em></p>
<h3><strong>Mit Aufmerksamkeit gegen das Rotkäppchensyndrom</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es wäre viel gewonnen, wenn solche Erklärer mehr Gehör fänden. Dabei ist es meines Erachtens noch nicht einmal wichtig, ob dies über Social Media oder über klassische Medien erreicht wird.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Ich denke ohnehin, dass der Unterschied zwischen Social Media und klassischen Medien überschätzt wird. Beide haben Anreizstrukturen, die Werbung verkaufen wollen, beide existieren in der Aufmerksamkeitsökonomie, basieren auf menschlicher Psychologie. Viele der problematischen Mechanismen sind bei beiden problematisch. Solange wir kein Mediensystem haben, das grundlegend und in erster Linie das Ziel verfolgt, Demokratie zu stärken, hat die Demokratie ein Problem. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sind wir da nicht wieder bei dem Thema Medienkompetenz?</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Wie kann Medienkompetenz einen Anreiz schaffen, Medien auf die eine oder andere Art herzustellen? Wenn ich eine Zeitung habe, ist der erste Anreiz, mit dieser Zeitung Geld zu verdienen. Ich muss ja meine Mitarbeiter:innen bezahlen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und das wird immer schwerer, sodass viele Lokalzeitungen inzwischen identische Rubriken haben, beispielsweise bei Artikeln über die aktuelle Politik. Über diese Form der Medienkonzentration wissen viele Leser:innen nichts.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Informationsvermittlung ist ein zweiter Anreiz, aber der wird immer schwächer sein als der erste Anreiz. Ohne den ersten kann ich den zweiten Anreiz nicht verwirklichen. Da hilft Medienkompetenz nicht. Medienkompetenz kann nicht helfen, dass ich immer mehr Aufmerksamkeit auf negative und radikale Schlagzeilen richte. Das ist menschliche Psychologie: Wir haben uns aus Leuten entwickelt, die Angst vor Säbelzahntigern hatten, die auf Gefahren aus ihrer Umwelt reagieren mussten. Ich kann gar nicht so viel Medienkompetenz erwerben, dass ich eine positive Nachricht eher konsumiere als eine negative. Solange Medien einen Anreiz haben, mir das zu liefern, was ich am leichtesten konsumiere, weil sie ja Werbung verkaufen wollen, werden sie mir negative Nachrichten liefern. Die Regierung, die Welt sehen somit negativer aus als sie sind. Vielleicht funktioniert die Regierung eigentlich ganz hervorragend, aber wir werden es nicht erfahren. „Gesetz wurde beschlossen, Gesetz ist gut“ ist keine Nachricht.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Säbelzahntiger sind das Symbol der Bedrohungen der Urzeit, heute sind es die Wölfe. Ich nenne das einmal das Rotkäppchensyndrom. Wir werden vor allerlei Gefahren gewarnt, obwohl niemand genau weiß, wie groß diese Gefahr wirklich ist. Im Ergebnis überschätzen wir dann die Gefahren, die leicht darstellbar sind, und unterschätzen die komplexen Gefahren, beispielsweise die Folgen einer antidemokratischen, autoritären Politik.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Ich muss immer eine Gefahr präsentieren, das sprichwörtliche Haar in der Suppe suchen. Eine Ärztin hat heute 20 Leben gerettet, das ist keine Story. Ein Terrorist hat 20 Menschen getötet, das ist eine Story. </em></p>
<p><em>Gute Journalist:innen wissen das, aber sie haben auch Verleger und Chefredakteure, die ihnen sagen, das liest doch niemand und wir müssen dich bezahlen! Und damit bin ich wieder bei der Werbung, mit der sich die Medien finanzieren, bei der Abhängigkeit von Verkaufszahlen und von Klicks. Kein Maß an Kompetenz überwindet faule Anreizstrukturen. Bei einer genossenschaftlichen Zeitung wäre das vielleicht anders, aber eine Zeitung, die aus dem System ausbricht, würde heute sofort pleitegehen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Damit wären wir bei dem Problem von Kapitalismus schlechthin.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Ich würde nicht mehr von einem Kapitalismus-Problem sprechen, sondern von einem Korporatismus-Problem, wo sogar der freie Markt, der bisher eine heilige Kuh war, abgeschafft wird. Ich hatte nicht auf meiner Bingo-Karte, dass ich mich 2026 für den freien Markt einsetze. Wir haben inzwischen eine fiese Mischung von Monopolkräften und Politikern, die immer autoritärer werden. Noch nicht auf Deutschland bezogen, aber die Reise geht dorthin, wenn wir nicht umdenken. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir nannten eben einige Politiker:innen, die das wissen und versuchen, danach zu handeln. Bleibt die Frage, wie wir sie unterstützen könnten.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Durch Aufmerksamkeit. Politik funktioniert wie Medien durch Aufmerksamkeit. Je weniger darüber lästern, was Friedrich Merz mal wieder Dummes über ein anderes Land oder worüber auch immer gesagt hat, je mehr wir sagen, diese oder jene Person hat einen klugen Gedanken, hat hier ein kluges Interview gegeben, umso mehr stärken wir sie. Desto mehr mediale Aufmerksamkeit schaffen wir für diese Politiker:innen. Mediale Aufmerksamkeit ist in der Politik eben Werbung. </em></p>
<p><em>Ich kenne das ja selbst. Wenn ich früher hörte, dass jemand was Dummes gesagt hat, bin ich auch auf Twitter gegangen und habe kritisiert, was jemand da Dummes gesagt hat. Aber warum potenzieren wir die Aufmerksamkeit für dumme und böse Menschen? Warum machen wir nicht Menschen bekannter, die klug sind, die Visionen formulieren? Das würde ihnen mehr Macht geben, denn Aufmerksamkeit ist Macht. Das wäre eine Aufmerksamkeit, die von uns gesteuert wird! Wir verleihen diese Macht durch die Dinge, die wir lesen, die wir teilen, die wir erzählen. Wir gehen mit der Ressource der Aufmerksamkeit sehr unvorsichtig, sehr unbedacht um.    </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Januar 2026, Internetzugriffe zuletzt am 4. Januar 2026, Titelbild: Hans Peter Schaefer.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Ein philosophisches Genre</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 26 Nov 2025 07:21:10 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ein philosophisches Genre Lukas Dubro über Science Fiction aus China „Zwei Atomkriege in nur 30 Jahren hatten fast alles vernichtet. Trotzdem konnten sie die Welt ein weiteres Mal aus den Ruinen heben, und fürchteten fortan ihre eigenen Fähigkeiten. / Wir sind so mächtig, dass ein einziger Mensch die Welt zerstören kann, sagte Ruian. /  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-6 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-5 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-6" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Ein philosophisches Genre </strong></h1>
<h2><strong>Lukas Dubro über Science Fiction aus China</strong></h2>
<p><em>„Zwei Atomkriege in nur 30 Jahren hatten fast alles vernichtet. Trotzdem konnten sie die Welt ein weiteres Mal aus den Ruinen heben, und fürchteten fortan ihre eigenen Fähigkeiten. / Wir sind so mächtig, dass ein einziger Mensch die Welt zerstören kann, sagte Ruian. / Wir sind so impulsiv, dass ein einziger Streit einen Krieg auslösen kann, sagte Kyoko Yamashita. / Wir können die wahren gewalttätigen Neigungen in unseren Seelen nicht bändigen und lassen unsere Aggressionen auf andere niederprasseln. Es wäre also das Beste, wenn wir uns voneinander fernhalten würden, sagte Aixiia.“ </em>(Chi Hui, Der Algorithmus des Artifiziellen, in: Chi Hui, Das Erbe der Menschheit und andere Geschichten, Augsburg, MaroVerlag, 2022)</p>
<div id="attachment_7640" style="width: 206px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.maroverlag.de/kapsel/270-kapsel-05-der-einsiedler-9783875128574.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7640" class="wp-image-7640 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-196x300.jpg" alt="" width="196" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-196x300.jpg 196w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-200x306.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-400x612.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-600x919.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-669x1024.jpg 669w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-768x1176.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-800x1225.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-1003x1536.jpg 1003w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-1200x1837.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-1338x2048.jpg 1338w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-scaled.jpg 1672w" sizes="(max-width: 196px) 100vw, 196px" /></a><p id="caption-attachment-7640" class="wp-caption-text">Kapsel No. 5. Cover: Marius Wenker. Weitere Informationen des Verlags erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Science Fiction aus China wird in der Regel mit <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/kosmologische-science-fiction/">Cixin Liu</a> verbunden, dessen Trisolaris-Romane inzwischen auch verfilmt wurden. Eine erste Staffel erschien bei Netflix unter dem Titel „The Three Body Problem“, die zweite ist angekündigt. Aber es gibt in China noch viel mehr zu entdecken. Es ist das Verdienst eines jungen Teams, Lukas Dubro, Felix Meyer zu Venne, Chong Shen, Marius Wenker und Konrad B. Winkler, junge und aktuelle Autor:innen der chinesischen Science Fiction in der deutschen Öffentlichkeit bekannter zu machen. Vier Ausgaben der „Kapsel“ erschienen bei <a href="https://fruehwerk-verlag.de/kapsel-magazin">„Frue</a><a href="https://fruehwerk-verlag.de/kapsel-magazin">hwerk“</a>. Seit 2022 wird die <a href="https://kapsel-magazin.de/">Zeitschrift „</a><a href="https://kapsel-magazin.de/">Kapsel“</a> im <a href="https://www.maroverlag.de/">MaroVerlag</a> veröffentlicht. Dort erscheinen auch weitere Bände mit Erzählungen, die ebenso wie die Zeitschrift alle nicht nur literarisch, sondern auch künstlerisch ausgesprochen kreativ gestaltet werden, zuletzt im Oktober die Sammlung „Im Ozean ein Mutterschiff“ von Gu Shi, zuvor im Jahr 2023 die Sammlung „Das Erbe der Menschheit“ von Chi Hui, und Anfang des Jahres 2025 die dritte Auflage der Anthologie „Sechs Geschichten von heute über morgen“ mit unter anderem Xia Jia, Regina Kanyu Wang und Qiufan Chen. Alle Ausgaben der „Kapsel“ erscheinen zweisprachig, deutsch und chinesisch.</p>
<p>Fritz Heidorn hat im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> die chinesische Science Fiction in europäische und US-amerikanische Traditionen eingeordnet. Der Titel seines Essays <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-chinesische-spiegel/">„Der chinesische Spiegel“</a> zeigt bereits, dass die in der Science Fiction verhandelten Utopien und Dystopien sich weltweit ähneln, ungeachtet ihrer jeweils individuellen literarischen Gestaltung, mitunter transponiert in ferne Welten, oft genug auch als fast schon unabweisbar erscheinende Verlängerung des Heutigen in eine gar nicht so ferne Zukunft: Klimaschutz, Plastikmüll in den Meeren, künstliche Intelligenzen, die nach allen wissenschaftlich begründeten Wahrscheinlichkeiten durch das Eingreifen des Menschen selbst gefährdete Zukunft der Menschheit. Die zu Beginn zitierte Szene der Erzählung von Chi Hui mündet in die vielleicht grundsätzliche Frage, die wir Menschen uns angesichts der absehbaren Möglichkeiten, Risiken und Wahrscheinlichkeiten einer Welt, in der perfektionierte Artifizialität uns Menschen optimieren oder gar ersetzen könnte, stellen müssen: <em>„Sind wir dann … noch Menschen?“ </em>Eben diese Frage prägt auch die chinesische Science Fiction. Anlass genug, sich mit einem der Macher:innen der Publikationen der „Kapsel“ ausführlicher zu unterhalten.</p>
<h3><strong>Chinesische Science Fiction – eine höchst lebendige Szene</strong></h3>
<div id="attachment_7641" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7641" class="wp-image-7641 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel_LukasDubro_1-Foto_Yanina-Isla-e1764140719267-300x237.jpg" alt="" width="300" height="237" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel_LukasDubro_1-Foto_Yanina-Isla-e1764140719267-200x158.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel_LukasDubro_1-Foto_Yanina-Isla-e1764140719267-300x237.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel_LukasDubro_1-Foto_Yanina-Isla-e1764140719267-400x316.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel_LukasDubro_1-Foto_Yanina-Isla-e1764140719267.jpg 419w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7641" class="wp-caption-text">Lukas Dubro, Foto: Yanina Isla.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie ist das Kapsel-Projekt entstanden und wie haben Sie die Autor:innen aus China, deren Erzählungen Sie veröffentlichen, entdeckt?</p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Es war eine Folge von Zufällen. Ich habe Angewandte Literaturwissenschaft an der Freien Universität in Berlin studiert. Dort wird man sehr praxisnah an die Literatur herangeführt. Mit Marius Wenker, der unsere Kapsel-Hefte gestaltet, hatte ich bereits ein Fanzine über den Berliner Pop-Unterground gemacht, das „Cartouche“ hieß. Zu diesem Zeitpunkt las ich sehr gerne Science Fiction. Ich habe auch immer Sinologie studieren wollen, aber leider wegen des sehr hohen NC keinen Studienplatz erhalten, konnte aber wenigstens in einem Bachelor-Grundkurs ein wenig Chinesisch lernen. Hinzu kam, dass ich mich für chinesische Literatur interessierte und dass es so viele Möglichkeiten gab, günstig zu den abenteuerlichsten Themen zu publizieren. Und so kam ich auf die Idee, eine Zeitschrift für chinesische Science Fiction herauszugeben.</em></p>
<p><em>Als wir im Jahr 2015 mit der „Kapsel“ anfingen, gab es noch keine Übersetzungen chinesischer Science Fiction. Die deutschen Übersetzungen von Cixin Liu erschienen erst ab dem Jahr 2016 bei Heyne. Ich war  kein Experte für chinesische Literatur und somit auch nicht für chinesische Science Fiction. In der Mensa lernte ich über einen Freund aus dem Chinesisch-Kurs Chong Shen kennen, der sich von Anfang an bis heute an der Übersetzung der Texte beteiligt und damals auch bei der Konzeption und der Recherche half. Der nächste Zufall war, dass es zu diesem Zeitpunkt an der FU ein Seminar gab, geleitet von </em><a href="https://de.linkedin.com/in/frederike-schneider-vielsäcker"><em>Frederike Schneider-Vielsäcker</em></a><em>, die sich mit chinesischer Science Fiction befasst.</em></p>
<p><em>Ich hatte Chong damals gebeten, einen „Hilferuf“ abzusetzen, um eine chinesische Science-Fiction-Autorin zu finden. Das haben wir über Douban, das größte soziale Netzwerk</em><em> für Buch-, Film- und Musikliebhaber </em><em>in China, getan, wir wollten ein Magazin machen, könnte uns jemand eine Geschichte vorschlagen? Über Douban meldete sich dann eine Userin, die Mitglied eines Science-Fiction-Clubs in Shanghai war, den Regina Kanyu Wang mitgegründet hatte. Regina Kanyu Wang haben wir später in der sechsten Ausgabe der „Kapsel“ mit der Erzählung „Zhurong auf dem Mars“ ein eigenes Heft gewidmet. Die Userin sagte, sie habe gerade eine Arbeit über Chi Hui zu dem Thema Utopien in der Science Fiction geschrieben. Sie empfahl uns eine Geschichte von Chi Hui, die auch in „Das Erbe der Menschheit“ vorkommt: „Das Insektennest“. Wir haben dann den Kontakt zu Chi Hui hergestellt und sie für unsere erste Ausgabe über den Messenger QQ interviewt. Frederike half uns bei der Auswahl der Texte.</em></p>
<div id="attachment_7649" style="width: 235px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7649" class="wp-image-7649 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1-400x534.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1-600x800.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1-768x1024.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1-800x1067.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1-1152x1536.jpg 1152w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1-1200x1601.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1.jpg 1276w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /><p id="caption-attachment-7649" class="wp-caption-text">Felix Meyer zu Venne in Chengdu. Foto: Kapsel.</p></div>
<p><em>Ich muss noch eines ergänzen: Ich fliege nicht, weil ich Angst davor habe. Über die Science Fiction und das Kapsel-Projekt hatte ich dann die Möglichkeit, China zu mir zu holen. Mir war gar nicht bewusst, was für ein Fenster ich damit geöffnet habe. Auf die erste Ausgabe gab es viele positive Reaktionen. Sie erschien damals noch nicht bei MaroVerlag, sondern bei </em><a href="https://fruehwerk-verlag.de/kapsel-magazin"><em>„Frue</em><em>hwerk“</em></a><em>. Das war ein weiterer Zufall: Unser erster Verleger Ruben Pfizenmaier von Fruehwerk saß damals neben mir im Chinesischkurs. Und dann gab es noch den, dass über einen Freund Felix Meyer zu Venne als Übersetzer hinzukam. Er war damals gerade in China und traf sich mit Xia Jia, einer anderen in China sehr bekannten Science-Fiction-Autorin. Und schon hatten wir eine Geschichte für die zweite Ausgabe der „Kapsel“. Felix, der gerne und viel nach China fliegt, kennt dort inzwischen viele tolle Autor:innen. Im Jahr 2023 war er auf der </em><a href="https://www.tor-online.de/magazin/science-fiction/triff-die-zukuenfte-ein-bericht-von-der-worldcon-2023-chengdu-china"><em>WorldCon in Chengdu</em></a><em>. In Chengdu gibt es sogar ein riesiges </em><a href="https://arquitecturaviva.com/works/museo-de-ciencia-ficcion-en-chengdu"><em>ScienceFiction-Museum</em></a><em> mit einer beeindruckenden Architektur. Felix schickte mir ein Selfie nach dem anderen – immer anderen Autor:innen, die wir schon in der Kapsel hatten oder haben wollten. </em></p>
<p><em>Das erste Heft der „Kapsel“ erschien 2017 (es ist leider vergriffen). Damals nahmen wir an der </em><a href="https://www.hkw.de/programme/events/miss-read-2025"><em>„Miss Read“</em></a><em> teil, einer Messe für Independent Publishing. Da saß auf einmal Sarah Käsmayr neben mir – ein weiterer toller Zufall. Daraus entstand eine Freundschaft. Seit 2017 beteiligt sie sich als Lektorin und als Freundin, gibt uns regelmäßig Tipps und Ratschläge, auch Korrekturvorschläge. Irgendwann kam die Idee, die „Kapsel“ beim MaroVerlag zu veröffentlichen. Bei „Fruehwerk“ erschienen die ersten vier Ausgaben, seit 2022 erscheinen „Kapsel“ und die Erzählbände bei Maro.</em></p>
<p><em>Wir haben inzwischen ein gutes Netzwerk in Deutschland und in China. Mehrere Autor:innen hatten wir auch schon zu Gast in Berlin. Ich hätte mir damals, als wir mit „Kapsel“ losgelegt haben, in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können, dass es so weit kommen könnte. Dass das alles gelang, ist eigentlich auch schon selbst eine Science-Fiction-Geschichte – und allen zu verdanken, die mit ihrer großartigen Arbeit und Expertise zu der Zeitschrift beigetragen haben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie verbreitet ist Science-Fiction-Literatur beziehungsweise utopische Literatur in China? Die WorldCon, das Museum deuten auf ein großes Publikum hin.</p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Die Szene in China ist sehr lebendig. </em><em>Über den internationalen Erfolg von Cixin Liu wurde die chinesische Science Fiction in China fast über Nacht über die Science Fiction-Kreise hinaus bekannt und schaffte damit Zugang zu einem immer breiter werdenden Publikum. Durch Cixin Liu begeistern sich viele Leser:innen für Science Fiction. </em><em>Die im Jahr 1979 gegründete Science Fiction World hatte einmal eine Auflage von um die 400.000 Exemplaren. Es gibt viele Leute, die schreiben, überall Fanclubs. Gleichwohl ist Science Fiction nach wie vor eine Nische, wenn auch die Szene wächst. Charakteristisch für die Szene in China ist, dass die Anhänger:innen im Vergleich zu anderen Ländern deutlich jünger sind.  </em></p>
<p><em>Das ist eine Art von „geweckt werden von außen“ und spricht auch dafür, dass dieses Genre per se international vernetzt ist. </em></p>
<h3><strong>Utopien, Dystopien, Kontroversen und Konflikte</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Geschlechterverteilung ändert sich zurzeit auch in Europa, es sind eben nicht nur Männer, in Deutschland beispielsweise <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-climate-fiction-und-die-politik/">Theresa Hannig</a>, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/realistische-fantastik/">Zara Zerbe</a>, <a href="https://shop.autorenwelt.de/products/elektro-krause-von-patricia-eckermann?variant=39287256612957">Patricia Eckermann</a> oder <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/in-der-polywelt/">Aiki Mira</a>, deren Romane sich durchaus im Sinne von Ursula K. Le Guin weiter fassen lassen, nicht nur als Science Fiction, sondern als Speculative Fiction. Es geht eben nicht nur um Entwicklungen durch Technologie und Wissenschaft, sondern auch um Entwicklungen in Gesellschaft und Politik. Ich bin ganz zuversichtlich, dass sich die männliche Dominanz unter den Autor:innen auch bei uns langsam auflösen wird.</p>
<div id="attachment_7643" style="width: 187px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.maroverlag.de/kapsel/266-sechs-geschichten-von-heute-ueber-morgen-9783875128604.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7643" class="wp-image-7643 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-177x300.jpg" alt="" width="177" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-177x300.jpg 177w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-200x339.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-400x678.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-600x1018.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-604x1024.jpg 604w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-768x1302.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-800x1357.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-906x1536.jpg 906w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-1200x2035.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-1208x2048.jpg 1208w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke.jpg 1358w" sizes="(max-width: 177px) 100vw, 177px" /></a><p id="caption-attachment-7643" class="wp-caption-text">Eine der sechs Geschichten ist die von Xia Jia über Drachenpferd. Covergestaltung: Marius Wenker, Illustration: Claudia Schramke. Weitere Informationen des Verlags erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Unter den erfolgreichen Autor:innen in China sind viele Frauen. Die Autor:innen, mit denen wir arbeiten, haben alle sehr unterschiedliche Stile. Bei Xia Jia gibt es eine Fülle fantastischer Elemente, sodass man ihre Erzählungen gar nicht unbedingt als Science Fiction-Geschichte liest. Es fliegen Inseln in den Wolken, es gibt keine Menschen mehr, es gab irgendeine Katastrophe, aber die wird nicht weiter ausgeführt. Eine ihrer Geschichten wurde von einem Holzpferd inspiriert. In Nantes, der Stadt, in der </em><a href="https://julesverne.nantesmetropole.fr/"><em>Jules Verne</em></a><em> geboren wurde, stehen um eine Halle herum viele Holzfiguren, darunter auch eine Art Drachenpferd. Daraus machte Xia Jia eine Geschichte: Ein Drachenpferd wacht in einer Welt ohne Menschen auf, lernt eine Fledermaus kennen, mit der es sich dann Geschichten aus der Welt erzählt, in der es noch Menschen gab. Eine eher nostalgische Geschichte, durchaus typisch für die Geschichten von Xia Jia.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und zugleich ist die Geschichte wie es sich für Science Fiction gehört eine technologisch-futuristische Vision. Ich darf eine kurze Passage aus der Erzählung „Nachtstreifzug des Drachenpferds“ zitieren: <em>„Was sind das alles für gute Geister und Dämonen? Sie kommen in allen erdenklichen Formen, Farben, Stoffen und Linien. (…) Sie alle sind genau wie er: hybride Wesen aus Tradition und Moderne, Mythos und Technologie, Traum und Wirklichkeit. Sie alle sind von Menschenhand gemacht und zugleich ein Teil der Natur.“ </em></p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Ein anderer Autor ist Jiang Bo, der sich für Künstliche Intelligenz interessiert und sich mit der Technologie und den Fragen, die dadurch aufgeworfen werden, auseinandersetzt. In der dritten Ausgabe der „Kapsel“ gab es eine Geschichte, die in einer Art Krankenhaus spielt. Achtung Spoiler: Dort kommt eine KI zum Einsatz, die anhand von Kalkulationen über Leben und Tod entscheidet. Eine Patientin ist so krank, dass sie sich die Behandlung nicht mehr leisten kann und die KI entscheidet, dass man sie doch einfach töten könnte, um der Familie viel Geld zu ersparen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Triage und Sterbehilfe sind überall ein kritisches Thema und werden in letzter Zeit <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/liberale-ethik/">auch im Kontext von k</a><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/liberale-ethik/">ünstlicher Intelligenz debattiert</a>. Das Thema wird auch in „Eine Einführung zu Ouvertüre 2181, zweite Auflage“ literarisch bearbeitet. Die Grundsituation: Eine Welt, in der nach dem Ausbruch des Yellowstone-Vulkans im Jahr 2084 nur noch eine Milliarde Menschen leben. Es gibt große Kälteschlafstädte, die eine <em>„Alternative zur Sterbehilfe“</em> bieten. Dann schreibt Gu Shi: <em>„Es dauerte nur dreißig Jahre, um die menschliche Vorstellung von Leben, Tod und Zeit zu revolutionieren, was aus heutiger Sicht unglaublich erscheint. Wenig überraschend mischten sich in dieser Zeit alle möglichen Stimmen in die Debatte ein, auch Gegner, von denen nicht wenige mit Anschlägen drohten.“ </em>Eltern verlassen ihre Kinder in den Kälteschlaf, traditionelle menschliche Beziehungen verschwinden, die Macht der Unternehmen wächst. Man könnte hier sogar von einer Spielart der Kapitalismuskritik sprechen: <em>„Wie ein Konzept entstanden ist oder welche Gewinnabsichten dahinterstecken, ist im Grunde nicht entscheidend. Viel wichtiger ist, dass es von allen angenommen wird und die Leute bereit sind, für die Produkte zu zahlen. Das zeigt, dass wir es brauchen.“ </em>Die Gegner:innen des Kälteschlafs sind <em>„die Übriggebliebenen“.</em></p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>In dieser Erzählung können Menschen aus dem Kälteschlaf in einer Welt aufwachen, in der sie jünger sind als ihre Kinder. Was passiert dann? Wie entwickelt sich dann das Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern? Ich mag an dieser Geschichte, dass sie fast schon ein bisschen journalistisch erzählt wird, dass die Protagonistinnen wechseln und Gu Shi so ein sehr heterogenes Bild der Möglichkeiten gibt. Es gibt Leute, die gesund werden wollen, welche, die ihren Lebenstraum erfüllen wollen, solche, die reich werden wollen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In „An der wilden Furt ist niemand“ wird eine KI, genannt <em>„KA-I“</em> ausgebildet. <em>„Der Lehrer (…) war überzeugt, dass KA-I früher oder später alle Dichter und Komponisten der Welt ersetzen könnte.“</em> KA-I wird mit der Zeit erwachsen, die Lehrerin kündigt eine letzte Prüfung an: <em>„Die Menschen sahen mit seinen Augen, hörten mit seinen Ohren, vertrauten ihm ihre ganze Freude an, sie achteten jedoch nicht mehr auf die Schönheit der Jahreszeiten und vernachlässigten ihre Familien. Sie waren wie Maschinen. Und nun war KA-I erwacht. Er besaß ihre Gefühle, kontrollierte ihre Fantasie. Er war der einzige Mensch auf der Welt. Lange Zeit schwieg er. Schließlich setzte er zu einer Antwort an. Seine Geschichte begann so: ‚Die Menschheit wird sterben.‘“</em> Der letzte ist dann auch der erste Satz der Erzählung. Es ist die Geschichte eines unabwendbaren und geradezu unerbittlich logischen und konsequenten Prozesses.</p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Chi Hui, die Autorin der ersten „Kapsel“ und des Bandes „Das Erbe der Menschheit“, wirkte während ihres Besuchs in Deutschland eher introvertiert. In der Titelgeschichte des Buches verabschieden sich die Menschen von dem Planeten, den sie zerstört haben. Es bleiben die Ratten, die in dieser Welt zu überleben verstehen. </em></p>
<div id="attachment_5904" style="width: 208px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.maroverlag.de/kapsel/273-das-erbe-der-menschheit-9783875128581.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5904" class="wp-image-5904 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Chi_Hui_Erbe-198x300.jpg" alt="" width="198" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Chi_Hui_Erbe-198x300.jpg 198w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Chi_Hui_Erbe-200x303.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Chi_Hui_Erbe.jpg 294w" sizes="(max-width: 198px) 100vw, 198px" /></a><p id="caption-attachment-5904" class="wp-caption-text">Covergestaltung: Marius Wenker; Illustration: Theresa Klenke. Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Chi Hui schreibt: <em>„Dort ist lebhaft spürbar, dass die Macht der Menschheit in Wirklichkeit sehr groß ist. Wir sind nicht klein und niemals unbedeutend. Die ‚Menschheit‘ als Ganzes ist riesig, der Müll, den wir wegwerfen, bedeckt die Weltmeere, unsere Taten erschüttern im Verborgenen unsere ganze Welt.“ </em>Und nach ihrer Rückkehr werden die Menschen vielleicht zu Archäolog:innen der Zerstörung: <em>„Vielleicht kommt der Tag, an dem unsere Nachfahren von fernen Sternen zurückkehren. Sie werden auf dem Kontinent Rabbilia im Pazifischen Ozean landen und geduldig Plastikmüll ausgraben: erste Luftreifen aus dem Jahr 1945, Ansichtskarten der Weltausstellung 2010, Regencape-Fitzel aus Russland und Plüschkängurus aus Australien … Das gesamte Plastikzeitalter – von dessen Geburt bis hin zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft – wird auf diesem Müllkontinent komprimiert sein und von unseren Kindern und Enkelkindern untersucht werden.“</em> Ich selbst erlaube mir gelegentlich die Bemerkung, dass von unserer Zivilisation in einigen 1.000 Jahren vielleicht nur ein Haufen Tupperware übrigbleibt.</p>
<p>Aber wir hätten es in der Hand. Haben wir es in der Hand? Ich erlaube mir diese rhetorische Frage, die niemand beantworten kann, es sei denn man ist davon überzeugt, dass Murphys Law stimmt, dass es – sinngemäß zitiert – immer dann, wenn etwas zur Katastrophe führen kann, jemanden geben wird, der diese Katastrophe auslöst.</p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Regina Kanyu Wang beginnt ihre Erzählung „Zhurong auf dem Mars“, die wir in der sechsten Ausgabe der „Kapsel“ veröffentlicht haben, in der fiktiven Marsstadt „Magna Deserta“. Qiufan Chen erzählt Cyberpunk-Geschichten. Das sind alles Themen, die es auch in der westlichen Science Fiction gibt. Die chinesische Science Fiction wurde durchaus durch westliche Science Fiction beeinflusst, vielleicht versucht sie auch, sich abzugrenzen, um eine andere Perspektive zu eröffnen, so wie es beispielsweise Xia Jia gemacht hat, die einen ganz eigenen Stil entwickelt hat, der ins Fantastische geht. Wie in der westlichen Science Fiction gibt  es aber auch Hard Science Fiction, in der die Dinge, die es jetzt schon gibt, einfach nur ins Extrem gesteigert werden, zum Beispiel von Cixin Liu, Liu Yang oder Jiang Bo.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bei Motiven wie dem Drachenpferd von Xia Jia dachte ich an ein altes aus der europäischen Mythologie stammendes Motiv, den Hippogryphen, den es schon bei Ariost im „Orlando Furioso“ als Reittier gibt, mit dem der Ritter Astolfo auf den Mond reist, um dort all den verlorenen Verstand von Menschen in Flaschen aufgezogen vorzufinden. Der Hippogryph hat es ja dann auch in die Harry-Potter-Welt geschafft. Nun gibt es auch in der chinesischen Mythologie eine Menge Fabelexistenzen.</p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Es gibt immer wieder enge Bezüge zur chinesischen Mythologie. Wir versuchen in der „Kapsel“, die Bezüge zur chinesischen Kultur zu erklären. Das Drachenpferd von Xia Jia verlässt irgendwann seinen Körper und fliegt in die Welt der Götter. Gu Shi zitiert klassische chinesische Gedichte. Die klassische chinesische Literatur wird in Form von Zitaten oder von bestimmten Personen immer wieder aufgegriffen, nicht nur bei Gu Shi, und vor allem neu interpretiert oder kreativ umgedeutet. Ich bin daher sehr froh, dass Chong und Felix dies mit ihrer Kompetenz erklären und kommentieren können. Bei „Zhurong auf dem Mars“ haben die beiden gegeneinander kämpfenden künstlichen Intelligenzen die Namen der Götter Zhurong und Gonggong. Zhurong ist Gott des Feuers, Gonggong Gott des Wassers (Zhurong war übrigens auch der Name des chinesischen Marsrovers). Bei der Übersetzung gab es eine Herausforderung: Regina Kanyu Wang verwendet für Zhurong ein geschlechtsneutrales Pronomen und für Gonggong ein Pronomen, das im Chinesischen üblicherweise für Tiere und Gegenstände genutzt wird. Wir haben uns in der Übersetzung für das weibliche Pronomen entschieden, weil „künstliche Intelligenz“ in der deutschen Sprache den weiblichen Artikel hat. Die Götter aus der Geschichte haben in der chinesischen Mythologie allerdings ein männliches Geschlecht.</em></p>
<div id="attachment_7644" style="width: 208px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.maroverlag.de/kapsel/306-im-ozean-ein-mutterschiff-9783875128611.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7644" class="wp-image-7644 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-198x300.jpg" alt="" width="198" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-198x300.jpg 198w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-200x304.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-400x607.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-600x911.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-674x1024.jpg 674w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-768x1166.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-800x1215.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-1012x1536.jpg 1012w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-1200x1822.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-1349x2048.jpg 1349w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-scaled.jpg 1686w" sizes="(max-width: 198px) 100vw, 198px" /></a><p id="caption-attachment-7644" class="wp-caption-text">Cover: Sebastian Vogt. Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mir hat die Erzählung „Die letzte Datei“ von Gu Shi sehr gefallen, eine Erzählung, in der es um eine Technologie geht, mit der man sich in eine andere Zeit versetzen kann: <em>„Der technische Fortschritt hatte dafür gesorgt, dass der Raum biegsam wurde. Entfernungen definierten sich nun nicht mehr durch die eigentliche Strecke, sondern durch die für ihre Überwindung benötigte Zeit. ‚Von Peking nach New York in nur einer Stunde‘, hieß es in einem Werbespot.“</em> Es gibt ein Unternehmen, das dies organisiert: <em>„Bereust du etwas? Wähl Timeline!“</em> Es gibt die Möglichkeit, <em>„dass ihr für den Rest eures Lebens an der Welt der anderen teilhaben könnt, vorausgesetzt ihr schließt mit euren Freunden einen Vertrag zum gemeinsamen Speichern ab.“</em></p>
<p>Bei Regina Kanyu Wang in „Zhurong auf dem Mars“ erleben die künstlichen Intelligenzen Empathie wie reale Menschen auch. Sie denken über Leben und Tod nach. Am Schluss der Erzählung lesen wir: <em>„Kurz vor ihrem Ende erlangte Zhurong die Antwort auf ihre Frage. Wenn sie jetzt starb, musste sie also doch gelebt haben.“ </em></p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Mir hat die Idee sehr gefallen, eine KI auf dem Mars auf Sinnsuche zu schicken. </em> <em>Jede Geschichte hat für sich selbst eine große Kraft. Bei Xia Jia gibt es die Geschichte eines Arztes, der sehr krank ist und einen Roboter einsetzt, um seinen Patient:innen zu helfen. Er holt sie zu sich, um sie dann aus dem Bett heraus mit dem Roboter zu behandeln. Das ist natürlich irgendwie auch fast schon romantisch. Diese Geschichte hat Xia Jia ihrem Großvater und der älteren Generation gewidmet, weil sie fand, dass diese ihr gezeigt haben, dass das Leben so nah am Tod nichts ist, vor dem man sich fürchten muss. Ich will damit zeigen, dass die Autor:innen sehr viel von sich selbst in die Geschichten hineinstecken, sodass man auch ein anderes Bild von China bekommt, obwohl viele Autor:innen sagen, dass es nicht ihre Absicht ist, Wissen über China zu vermitteln. In China machen sich Menschen ebenfalls Gedanken über Armut und Reichtum, Städteplanung und Klimawandel, Feminismus, Gesundheit, Leben und Tod, alles Fragen, mit denen auch wir uns in Deutschland, in Europa befassen.</em></p>
<h3><strong>Gedankenspiele der Zukunft </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das Spiel mit Raum und Zeit scheint mir in den von Ihnen veröffentlichten Texten immer wieder thematisiert zu werden. Ein experimentierfreudiges Genre, eigentlich daher auch ein philosophisches Genre. Das spiegelt sich nicht zuletzt in der weltweiten Anerkennung. <a href="https://nebulas.sfwa.org/">Nebula Award</a>, <a href="https://www.thehugoawards.org/">Hugo Award</a> und manches mehr.</p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Die Geschichten sind einfach toll. Den Hugo Award gewonnen haben zum Beispiel Cixin Liu, Hao Jingfang für </em><a href="https://literaturschock-forum.de/forum/thread/49261-hao-jingfang-peking-falten/"><em>„Peking falten“</em></a><em>. Gu Shi und Regina Kanyu Wang waren in den vergangenen zwei Jahren nominiert.</em></p>
<p><em>Ich bin nicht der absolute Science-Fiction-Nerd. Mich interessiert die philosophische Ebene. Science Fiction setzt sich meist mit der Gegenwart auseinander. Man kann aber in andere Welten hineinschauen und sich mit den Ideen anderer auseinandersetzen. Es gibt immer wieder die nicht-menschliche Perspektive, die Perspektive einer KI, ebenso wie menschliche Perspektiven, oft im Wechsel zueinander. All das hatte ich vor meiner Entdeckung der chinesischen Science Fiction so noch nicht gelesen. Es ist experimentierfreudig, spielt mit den Formen.</em></p>
<div id="attachment_5905" style="width: 206px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.maroverlag.de/kapsel/283-kapsel-06-zhurong-auf-dem-mars-9783875128598.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5905" class="wp-image-5905 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Kapsel_6-196x300.jpg" alt="" width="196" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Kapsel_6-196x300.jpg 196w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Kapsel_6-200x307.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Kapsel_6.jpg 304w" sizes="(max-width: 196px) 100vw, 196px" /></a><p id="caption-attachment-5905" class="wp-caption-text">Cover: Marius Wenker. Weitere Informationen des Verlags erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><em>An der chinesischen Science Fiction interessiert mich gerade auch der Alltagsbezug. Die Technologie ist einfach da und man schaut, wie man damit umgeht und passt sich an. Regina Kanyu Wang sagte im Interview, das wir in „Kapsel Nr. 6“ abgedruckt haben: „Technologien wie das Internet und Smartphones sind ein untrennbarer Teil von vielen von uns geworden und haben unser Leben und sogar unser Denken dramatisch verändert. Von Herzschrittmachern über mechanische Prothesen bis hin zu Gehirn-Computer-Schnittstellen haben kybernetische Veränderungen am menschlichen Körper Einzug in unseren Alltag gefunden. Wie kann man da noch eine klare Grenze zwischen Technik und Natur, zwischen organisch und anorganisch ziehen?“ </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Man könnte aus dem Dystopischen etwas Utopisches ableiten. Ich sehe auf jeden Fall, dass die chinesische Science Fiction in der Lage ist, uns eine ganze Menge Denkanstöße zu liefern, in etwa das, was Ursula K. Le Guin mit <em>„Speculative Fiction“</em> meint.</p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Genau das ist unser Ziel: Wir wollen Denkanstöße liefern. Die Idee der „Kapsel“ war, Themen zu präsentieren, die in meiner Generation eine wichtige Rolle spielen. Manche interessieren sich nicht so sehr für das Morgen. Aber durch den technischen Fortschritt geschieht so viel, das wir um das Morgen gar nicht herumkommen. Das sollte uns doch anregen, uns mit Fragen zu befassen, was geschieht, was sich entwickelt, wenn Roboter oder Algorithmen die Arbeit übernehmen, welche Möglichkeiten es gibt. Hat man in Zukunft als Mensch mehr Freizeit, mehr Zeit zum Philosophieren? Oder was geschieht mit unserem Wohlstand? Da passiert so viel, aber die Fragen nach der Verteilung des Wohlstands werden kaum gestellt. Und was bleibt vom Menschen in einer hoch technologisierten Welt noch übrig? Das ist ein zentrales Thema der Autor:innen unserer „Kapsel“.</em></p>
<p><em>Bei Gu Shi haben wir das auf dem Klappentext festgehalten: „Die chinesische Autorin und Stadtplanerin Gu Shi verwebt Zukunftsvisionen mit existenziellen Fragen. Ihre Figuren bewegen sich in Szenarien, in denen technologische Durchbrüche Verluste markieren – an Fantasie, an Autonomie, an Menschlichkeit – aber auch vielfältige Möglichkeiten versprechen.“ Es muss ja nicht die Welt untergehen, es könnte auch alles einfach nur schön werden. </em></p>
<p><em>So bin ich an die chinesische Science Fiction herangegangen. Ich dachte auch daran, dass China uns in manchen technologischen Dingen so weit voraus ist, auch im Einsatz von Technologie im Alltag. Wie sehen dort die Menschen die Zukunft? Es ging uns darum, Ideen zu sammeln. Die philosophische Dimension ist das, was mich an Literatur so begeistert. Es ist die Suche nach Gedankenspielen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein solches Gedankenspiel ist die Erzählung „Der Algorithmus der Artifiziellen“ von Chi Hui. Es gibt in dem asiatischen Mian-City im Jahr 2042 nur 2248 <em>„Echte“</em> und 11,26 Millionen <em>„Artifizielle“</em>, weltweit 7,2 Milliarden <em>„Artifizielle“</em> und 1,44 Millionen <em>„Echte“</em>, <em>„nur 127 von ihnen kennen die Wahrheit über diese Welt.“ </em>Ein Einstieg, der unwillkürlich an die „Matrix“-Filme der Wachowskis denken lässt. Am Schluss stellt sich die Frage, ob man überhaupt noch <em>„Echte“</em> braucht. Wozu sind wir Menschen noch gut? Oder geht von uns die eigentliche Gefahr aus? <em>„Wenn sich ein Mensch in einer Illusion verloren hat und nicht mehr weiß, wen er hassen soll, dann wird er alles hassen. Wenn die Freiheit durch die Umstände zerstört wird, wird er alles zerstören wollen … wie bei Pharells Eltern hat der Algorithmus die Gewaltbereitschaft nicht wirklich eliminiert, im Gegenteil, er hat die manischen Ausprägungen der Echten verdoppelt.“ </em>Die Utopie der <em>„Artifiziellen“</em> und die Dystopie der <em>„Echten“</em> – eine versöhnliche Perspektive scheint es da nicht mehr zu geben.</p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>In Chi Huis Geschichten gibt es immer eine Außenseiterfigur, die sich gegen irgendetwas behaupten muss. Dazu passt diese Textstelle, die Sie eben zitiert haben. Chi Hui lässt darin ihren gesamten Frust über die Menschheit, wie sie sie erlebte, heraus. Chi Hui lebt heute als freischaffende SF-Schriftstellerin alleine mit ihrer Katze in Chengdu. Das komplette Gegenmodell. </em></p>
<p><em>Vielleicht entsteht mit all diesen Geschichten ein Anlass für einen größeren Austausch. Deshalb versuchen wir in der „Kapsel“ auch immer Leute zu gewinnen, die die Texte kommentieren, wir haben Interviews und Hintergrundinformationen, Fußnoten mit Erklärungen, um beim Textverständnis zu helfen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Hier haben Sie ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen Verlagen. Ihre Art der Kombination verschiedener Genres rund um einen Text beziehungsweise eine:n Autor:in ist sehr gelungen. Und das alles zu einem sehr verträglichen Preis. Man bekommt für 15 EUR pro „Kapsel“ eine Menge geboten. Dazu all die anspruchsvollen Zeichnungen und Bilder, die man sich im Detail nicht lange genug anschauen kann. Das gilt für die Zeitschrift wie für die Bücher und ist im Übrigen auch ein Alleinstellungsmerkmal des MaroVerlags, das ich immer gerne betone.</p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Danke. Das freut mich sehr. Es ist einfach eine Einladung, ein Genre und ein Land und dazu viele spannende Autor:innen zu entdecken, die sonst wahrscheinlich niemand entdecken würde.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im November 2025, Internetzugriffe zuletzt am 10. November 2025, Titelbild: Gruppenfoto in Shanghai, vorne links Xia Jia, vorne rechts Regina Kanyu Wang, der junge Mann mit der gelben Kappe ist Marius Wenker. Foto: Kapsel.)</p>
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		<title>Die Freiheit ist konkret</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 25 Nov 2025 05:20:45 +0000</pubDate>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-7 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-6 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-7" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Die Freiheit ist konkret</strong></h1>
<h2><strong>Donata Vogtschmidt MdB über Cybersicherheit und digitale Souveränität</strong></h2>
<p><em>„IT-Sicherheit für alle hat doch etwas mit digitaler Souveränität zu tun. Was ich damit meine? Europäischer Datenschutz nützt wenig, wenn – wie es leider die Realität ist – wir vorwiegend Software wie Instagram, Tiktok oder X nutzen, die von Anbietern aus den USA oder aus China kontrolliert wird, wo sich das Interesse für unsere Grundrechte eher in Grenzen hält. Das macht uns nicht nur angreifbar für Datenmissbrauch, sondern auch einfach extrem erpressbar: wirtschaftlich durch Ausbeutung und politisch durch mutwillige Sanktionen.“ </em>(<a href="https://dserver.bundestag.de/btp/21/21028.pdf#P.2964">Donata Vogtschmidt am 25. September 2025 im Deutschen Bundestag</a>)</p>
<p><a href="https://www.donatavogtschmidt.de/home/">Donata Vogtschmidt</a> (*24. Februar 1998) ist eine der neuen und jungen Abgeordneten in der Bundestagsfraktion der Linken. Sie wurde in Koblenz geboren, wuchs in Eisenach auf und studierte Staatswissenschaften mit Schwerpunkt Sozial- und Wirtschaftswissenschaften an der Universität Erfurt. Sie erwarb dort im Jahr 2022 den Abschluss eines Master of Arts. Seit 2021 war sie Mitglied des Thüringer Landtags. Nach der Wahl vom 23. Februar 2025 wurde sie über die Thüringer Landesliste der Partei Mitglied des Deutschen Bundestags, für den sie im Wahlkreis Eichsfeld – Nordhausen – Kyffhäuserkreis (188) kandidiert hatte. Im Landtag war sie Sprecherin der Fraktion für Katastrophenschutz und Feuerwehr, im Bundestag ist sie Obfrau ihrer Fraktion im Ausschuss für Digitales und Staatsmodernisierung, Sprecherin für Digitalpolitik und Cybersecurity, Mitglied des Verteidigungsausschusses sowie stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Forschung, Technologie, Raumfahrt und Technikfolgenabschätzung und in der Enquête-Kommission Corona. Ihre Wahlkreisbüros liegen in Sondershausen, Heilbad Heiligenstadt, Eisenach und Jena. Ehrenamtlich ist Donata Vogtschmidt als stellvertretende Vorsitzende des Landfrauenrates Thüringen e.V. aktiv.</p>
<h3><strong>Das neue Digitalministerium</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das Internet, soziale Netzwerke, künstliche Intelligenzen verändern unseren Alltag. Manche sehen nur die Chancen, andere nur die Ängste, die dies bei ihnen auslöst. Wie lassen sich diese beiden Einstellungen miteinander vereinbaren?</p>
<div id="attachment_7623" style="width: 436px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7623" class="wp-image-7623 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Donata-Vogtschmidt-3-Foto-Olaf-Kostritz-300x169.jpg" alt="" width="426" height="240" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Donata-Vogtschmidt-3-Foto-Olaf-Kostritz-200x113.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Donata-Vogtschmidt-3-Foto-Olaf-Kostritz-300x169.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Donata-Vogtschmidt-3-Foto-Olaf-Kostritz-400x225.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Donata-Vogtschmidt-3-Foto-Olaf-Kostritz-600x338.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Donata-Vogtschmidt-3-Foto-Olaf-Kostritz-768x432.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Donata-Vogtschmidt-3-Foto-Olaf-Kostritz-800x450.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Donata-Vogtschmidt-3-Foto-Olaf-Kostritz-1024x576.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Donata-Vogtschmidt-3-Foto-Olaf-Kostritz-1200x676.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Donata-Vogtschmidt-3-Foto-Olaf-Kostritz-1536x865.jpg 1536w" sizes="(max-width: 426px) 100vw, 426px" /><p id="caption-attachment-7623" class="wp-caption-text">Donata Voigtschmidt MdB, Foto: Olaf Kostritz. Das Foto wurde im Paul-Löbe-Haus aufgenommen.</p></div>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Das Internet ist für uns alle inzwischen nicht mehr unbedingt Neuland. Der Alltag wird immer mehr digital bestimmt. Neu ist in der aktuellen Regierung jedoch, dass wir erstmals ein Digitalministerium haben, das auch für Staatsmodernisierung zuständig ist. Ich persönlich habe große Hoffnungen, dass das auch im politischen Diskurs angekommen ist. Wir haben in Deutschland so wahnsinnig viel aufzuholen, in Bezug auf die Infrastruktur, auf die digitale Sicherheit. So gut und so schön Digitalisierung ist, gibt es eben auch die andere Seite der Medaille mit zahlreichen Sicherheitslücken, die man zunächst vielleicht gar nicht mitdenkt. Auf der Verwaltungsebene arbeiten beispielsweise einige noch – überspitzt gesagt &#8211; mit Windows XP und es ist nun einmal sehr einfach, sich dort einzuhacken. Ich habe das vor etwa drei Jahren in Suhl erlebt, als die gesamte Stadtverwaltung durch einen solchen Angriff lahmgelegt wurde. Es ist daher wichtig, dass es die staatliche Seite Vorgaben schafft, die das Risiko reduzieren. </em></p>
<p><em>Hier gibt es dann auch die Verbindung zum Verteidigungsbereich. Krieg wird heute nicht mehr nur mit Panzern und Kampfflugzeugen geführt, sondern eben auch im digitalen Raum. Es gibt große Angriffe auf die Infrastruktur. Wenn jemand beispielsweise ein Unterseekabel kappt, kann die Stromversorgung einer ganzen Region ausfallen, sodass zum Beispiel Krankenhäuser nicht mehr funktionsfähig sind. Es ist sehr einfach, solche Lücken zu finden und anzugreifen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Man kann den Luftverkehr behindern, Flughäfen lahmlegen, man kann sich in die Bundesregierung oder den Deutschen Bundestag einhacken. Das ist ja alles auch schon passiert, nicht erst in letzter Zeit, als über Drohnenangriffe aus Russland debattiert wurde. Was wird im Bundestag in Bezug auf das neue Ministerium in diesem Kontext diskutiert?</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Bei allen ist die Hoffnung auf das Ministerium sehr groß. Allerdings ist es noch im Aufbau, weil es von Null startet und komplett neu aufgebaut werden muss, mit qualifiziertem Personal, mit Zuständigkeiten und Haushaltsmitteln. Wir haben erstmals einen Ausschuss, der in der Gesetzgebung auch federführend sein kann. Aber ehrlich gesagt sehen wir zurzeit noch nicht, was die Herzensthemen von Minister Wildberger sind. Es gibt noch keine Zeitpläne, wann welches Projekt begonnen, wie es finanziert und wann es abgeschlossen sein soll. Aber es ist natürlich auch ein riesiges Gebiet. Alles kann im Prinzip digitalisiert werden, die Krankenhäuser und Arztpraxen über die e-Patientenakte, die öffentliche Verwaltung, die Schulen und Hochschulen, die Wirtschaft und der Arbeitsmarkt. </em></p>
<p><em>Auch der Datenschutz spielt durchweg eine zentrale Rolle. Stichworte sind hier wirtschaftliche Autonomie und digitale Souveränität. Dies schwingt als Kernthema immer mit. Was passiert mit dem nicht-europäischen Ausland? Zurzeit ist es in Deutschland so, dass unsere digitale Infrastruktur zu großen Teilen auf US-amerikanischen Servern liegt, weil wir in Europa keinen eigenen Serverpark haben. Jetzt ist natürlich nicht die beste Zeit, sich von jemandem abhängig zu machen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir führen unser Gespräch über zoom, weil das für meine Bedarfe von den verschiedenen Systemen einfach am komfortabelsten ist.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Ja, wir sind gerade auf zoom! Wir müssen schauen, wie wir in Deutschland mit unseren eigenen Vorgaben und Dienstleistungen digital souverän werden. Diese müssen wir natürlich auf europäischer Ebene abstimmen und normieren. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In einer friedlichen Welt mit verlässlichen Partnern wäre es auch kein Problem, sich innereuropäisch und außereuropäisch abzustimmen. Aber in einer solchen Welt leben wir leider nicht. Viele Hoffnungen, die wir noch in den 1990er Jahren hatten, sind heute Geschichte.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Ich bin keine Freundin davon, dass jedes Land seine eigene digitale Infrastruktur hat, dass wir in Deutschland, in Polen, in Frankreich jeweils eigene Serverparks haben. Wir brauchen eine europäische Lösung mit europäischen Richtlinien. Das wäre schon einmal ein guter Anfang, aber damit hätten wir auch schon vor einigen Jahren anfangen müssen. </em></p>
<h3><strong>Datensicherheit und Bürokratieabbau</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auch in der Kriminalitätsbekämpfung besteht das Problem. Wir haben zurzeit eine Debatte über die Software Palantir. Wenn ich mehr Daten habe, habe ich noch lange nicht mehr Sicherheit.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Palantir ist das Modul von Peter Thiel, mit engen Verbindungen zu Donald Trump. In einigen Bundesländern wurde es bereits eingeführt. Auf Bundesebene lässt Innenminister Dobrindt zurzeit die bundesweite Einführung prüfen. Aber wie werden die über Palantir erhobenen Daten überhaupt genutzt? Wir wissen, dass Palantir in Israel bereits eingesetzt wurde. Es wurden über 220 Millionen Stunden Material gespeichert, doch niemand weiß, wie diese Daten ausgewertet werden, was mit diesen Daten geschieht. Wie wird zum Beispiel Künstliche Intelligenz damit trainiert? KI klingt erst einmal sehr chic, aber es ist eine riesige Black Box. Wir gehen natürlich ein großes Risiko ein, wenn wir Deutschland flächendeckend videoüberwachen, mit biometrischer Gesichtserkennung. Was geschieht, wenn diese Daten in die falschen Hände geraten? Zum Beispiel bei einer rechtsextremistischen Regierungsbeteiligung?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir wissen nicht, wie die Landtagswahlen im Jahr 2026 in Sachsen-Anhalt und in Mecklenburg-Vorpommern ausgehen. Wird es dann Innenminister mit AfD-Parteibuch geben? Manchmal denke ich darüber nach, dass die Nazis es mit den heutigen technologischen Mitteln geschafft hätten, nicht nur sechs Millionen Jüdinnen und Juden zu ermorden, sondern womöglich zehn Millionen.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Definitiv. Das eine riesengroße Gefahr. Ich höre immer wieder, dass mir Leute sagen, sie hätten doch nichts zu verbergen, sie könnten ein gläserner Bürger sein, der Staat dürfe ruhig alles wissen, denn man mache doch alles richtig. Im Zweifel kann alles gegen einen verwendet werden. Was hätten die damaligen Nazis mit diesen Mitteln erreichen können? Was könnten die neuen Nazis – wie man sie so nennt – damit erreichen? </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Verfügbarkeit von Daten ist ein grundsätzliches Problem, das es nicht erst seit gestern gibt. In der alten Bundesrepublik gab es zu Beginn der 1980er Jahre eine Debatte über eine geplante Volkszählung. <a href="https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/1983/12/rs19831215_1bvr020983.html">Das Bundesverfassungsgericht entschied 1983, dass Teile des Volkszählungsgesetzes verfassungswidrig seien</a>. Ich wage einen weiten Bogen: <a href="https://www.sueddeutsche.de/wissen/wissenschaftler-usa-deutschland-trump-li.3326988">In der Süddeutschen Zeitung berichtete am 22. Oktober 2025 der Historiker Thomas Zimmer von der Georgetown University über Denunziation und Selbstzensur</a>: <em>„Am bekanntesten ist die „Professor Watchlist“, das ist eine Art Denunziationsliste für Uni-Dozenten im Internet. Sie ist das Werk von Turning Point USA, der Organisation des jüngst erschossenen Charlie Kirk. Studierende sollen dort Professoren melden, die sie für irgendwie ‚links‘ halten. Auf der Liste landet man ganz schnell, wenn man etwas unterrichtet, das am Rand mit Rassismus, Geschlechtergerechtigkeit oder Klimawandel zu tun hat. Wenn man da draufsteht, wird man von der Maga-Community überzogen mit einer Lawine von Anfeindungen und Drohungen.“ </em>Die AfD hat in manchen Bundesländern bereits Portale eingerichtet, auf denen Eltern aus ihrer Sicht <em>„linke“</em> Lehrer:innen anzeigen konnten. Die KMK hat zeitgleich mit einer <a href="https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2009/2009_03_06-Staerkung_Demokratieerziehung.pdf">Empfehlung zur Demokratie in der Schule</a> im Oktober 2018 beschlossen, dass solche Portale unzulässig seien (leider wurde der Beschluss nicht veröffentlicht). Mit einem einzigen AfD-Schulminister wäre ein solcher Beschluss wegen des Einstimmigkeitsprinzips in der KMK nicht mehr möglich.</p>
<p>Das ist eine Seite, eine andere ist die Funktionsfähigkeit in Kommunen. Wenn Jugend- und Ausländeramt, Jobcenter, Ordnungsamt und Schulamt, gegebenenfalls auch die Schulaufsicht, die eine Landesbehörde ist, keine Daten austauschen können, ist wirksame Hilfe oft nicht mehr möglich. Ich denke dabei auch an das Thema Kinderschutz, Prävention und Intervention bei Kindeswohlgefährdung. Für Prävention und Intervention bei rechtextremistischen oder islamistischen Gefährdern gilt das Gleiche.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Manchmal wusste eine Behörde schon Bescheid, griff aber nicht ein. Aber da ist der Bürokratietiger, den wir in Deutschland haben. Wir müssen gar nicht über Gefährdungssituationen im Kinderschutz und in der Kriminalität sprechen, es sind Alltagsprobleme. Das eine Problem liegt darin, dass das Arbeitsamt etwas weiß, die Krankenkasse etwas anderes, und Ämter und Einrichtungen nicht miteinander kommunizieren. Dazu kommt aber auch, dass man oft gar nicht weiß, welches Formular genutzt werden soll und wohin es geschickt werden soll. Wir haben in Deutschland viel zu viele Formulare. Ich kann zum Beispiel ein Auto immer noch nicht überall digital anmelden. </em></p>
<p><em>Ich bin gar nicht dafür, dass alles komplett digitalisiert werden soll, weil das manche Personengruppen ausschließt. Eine ältere Dame, die vielleicht alleine lebt, keinen Computer nutzt, sollte sich nicht bei Ämtern, die sie braucht, online anmelden müssen.</em> <em>Das wäre zu viel des Guten. Wir haben in Deutschland noch etwa vier Millionen Menschen, die nicht an das Internet angebunden sind. Es ist auch völlig legitim, wenn sie das gar nicht möchten. Ich glaube, wir brauchen einen Mittelweg, damit möglichst alle beteiligt werden können, es aber auch möglichst vereinfacht wird. Jede Regierung schreibt sich den Bürokratieabbau auf die Fahne. Aber besser ist es leider nicht geworden.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe über 30 Jahre in einem Bundes- und einem Landesministerium gearbeitet. Es hieß immer, wir müssen die Bürokratie abbauen, hatte aber als einzige Idee die Reduzierung des Personals. Es wäre schlauer gewesen, Vorschriften und Berichtspflichten zu reduzieren.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>So ist es: Wenn ich in der Abteilung 20 Personen weniger habe, aber nach wie vor dieselbe oder gar eine erhöhte Zahl von Formularen und Berichten bearbeiten muss, dauert der Weg durch die Ämter einfach nur noch länger. </em></p>
<h3><strong>Wem gehören welche Daten?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir haben bis zu diesem Punkt eine Art Bestandsaufnahme der Problemlagen versucht, dazu auch schon die ein oder andere Perspektive anklingen lassen. Welche Position vertritt die Linke zu Bürokratieabbau, Datenschutz und Cybersicherheit?</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Wir sind natürlich für Bürokratieabbau. Bürokratie muss bürger.innen- und nutzer:innenfreundlich werden. Man muss mit sehr wenig Aufwand viel erreichen können. Bürokratie muss auch barrierefrei sein. Wenn ich mir manche Formulare anschaue, dann verstehen das vielleicht die Beamt:innen, aber nicht die Bürger:innen, die sie ausfüllen müssen. Es kann nicht sein, dass man mehrere Schleifen laufen muss, weil man wieder einmal irgendetwas falsch ausgefüllt hat. Das ist auch Arbeitszeit, die durch ein einfacheres Formular hätte eingespart werden können. </em></p>
<p><em>Zum Austausch von Daten, zum Datenschutz treten wir dafür ein, dass es einen strengen Datenschutz gibt. Das gilt für öffentliche wie für private Daten, gerade jetzt bei dem absehbaren Ausbau von KI. Ich hatte zuletzt im Digitalausschuss nachgefragt, ob es eine KI-Regulierung von Seiten der Bundesregierung geben sollte. Dazu gab es keine abschließende Antwort, man wollte es erst einmal zur Prüfung mitnehmen. </em></p>
<p><em>Ich nenne ein Beispiel: Wenn ich WhatsApp öffne und mit einer Freundin einen Junggesellinnenabschied in der Gruppe planen würde, ist das private Kommunikation. WhatsApp sieht das jedoch als öffentliche Kommunikation und kann damit KI trainieren. An diesem kleinen Beispiel sieht man schon, wie brisant es ist, öffentliche und private Daten voneinander zu unterscheiden. Die Daten müssen daher weiterhin den Nutzer:innen gehören. Um dies zu sichern, reichen die vielen Seiten, die man bei Aufruf einer Webseite herunterscrollt, nicht aus, die liest sich eh kaum noch jemand durch. </em></p>
<p><em>Der Blick auf den Datenschutz verändert sich durch KI noch einmal erheblich. Im Koalitionsvertrag steht, dass KI ein „Innovationstreiber“ ist und dass man viel mehr KI nutzen und trainieren solle. Eine andere Seite der Gefahren, die KI mit sich bringt, wird im Koalitionsvertrag jedoch nicht erwähnt. Wir als Linke sehen unsere Oppositionspartei darin, dass die „Innovationsrolle“ der KI schön und gut ist, wir aber auf jeden Fall auch die andere Seite, den „Datenschutz“ und damit das persönliche Eigentumsrecht an privaten Daten mitdenken müssen.     </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist ja nicht immer einfach. Ich nenne einmal zwei Fallkonstellationen. Der eine Fall sind die Daten von und über sogenannte „Gefährder“, gleichviel ob Islamisten oder Rechtextremisten, Leute, die Schlimmes im Schilde führen und jederzeit irgendwo zuschlagen könnten. Das zweite Thema ist der Kinderschutz. Wir hatten in den letzten Jahren mehrere Fälle groß angelegter Netzwerke der Kinderpornographie. Grooming im Internet gehört auch in diesen Rahmen. Manchmal weiß eine Polizeibehörde etwas, aber andere zuständige Behörden erfahren es nicht.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Kinderschutz im digitalen Raum ist eines unserer Schwerpunktthemen. Zuständig ist bei mir im Digitalbereich meine Kollegin Anne-Mieke Bremer. Hier spielt das Thema „Chatkontrolle“ eine Rolle. Die Bundesregierung hält das für eine gute Sache, weil man dann immer überall hineinschauen kann, was wer plant und was geschieht. Man kann so natürlich Personen mit kriminellen Absichten ausfindig machen. Aber das ist wieder nur die eine Seite. Für manche ist Kinderschutz ein vorgeschobener Deckmantel, um Chatkontrolle mit Staatstrojanern zu legitimieren. Das war auch Thema meiner </em><a href="https://dserver.bundestag.de/btp/21/21031.pdf#P.3289"><em>Rede vom 9. Oktober 2025 im Bundestag</em></a><em>. </em></p>
<p><em>Meines Erachtens ist Chatkontrolle nicht das Allheilmittel. Es kommt darauf an, wer welche Daten in Händen hält. Wir haben dies eben im Kontext der Debatte um die Einführung von Palantir bereits angesprochen. Vor einigen Jahren gab es eine Anhörung zum Thema Chatkontrolle. Jemand aus Nordrhein-Westfalen berichtete von Fallbeispielen in Polizeibehörden, in denen sogar Täter saßen, die über die Daten, die sie über die Chatkontrolle erhielten, erst recht Zugang zu Kindern erhielten. Das gibt es natürlich auch und wie geht man damit um?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein paralleler Fall wäre es, wenn ein junger Rechtsextremist oder Islamist zur Bundeswehr geht, weil er so schneller an Waffen kommt.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Genau das. Chatkontrolle ist aus meiner Sicht kein Allheilmittel zur Prävention gegen kriminelle Machenschaften. Wir müssen auch darauf schauen, welche Formen der Regulierung die Plattformen haben. Welche haben sie noch? Natürlich gibt es die Möglichkeiten der staatlichen Regulierung von Plattformen, auch auf EU-Ebene, aber die meisten Plattformen befinden sich nicht im europäischen Bereich. Ich rede jetzt nicht vom Darknet, das ist ein Fall für sich. Deutschland kann allenfalls Plattformen sperren. Dann gäbe es natürlich auch wieder VPN-Tunnel. Aber das ist nicht die Lösung.</em></p>
<p><em>Wir diskutieren zurzeit auch über Social-Media-Verbote für Kinder und Jugendliche. Aber was erreiche ich damit? Das ist leicht umgehbar und es nimmt die Verantwortung von den Plattformen weg, die an sich dafür sorgen sollten, dass Kriminelles oder Fake-News nicht auf dieser Plattform stattfinden beziehungsweise angezeigt werden.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist der große Konflikt mit den USA. Dort wird alles, was bei uns als Fake-News oder als Hassbotschaft gilt, als Meinungsfreiheit hochgehalten. In Wirklichkeit geht es natürlich nur um die Enthemmung und Profite der hinter Facebook, Instagram, TikTok und anderen stehenden Unternehmen. Abgesehen davon sorgt die US-amerikanische Politik zurzeit dafür, dass ihnen unliebsame Inhalte aus dem Netz verschwinden. Es gibt eine umfangreiche Wortliste, darunter auch das Wort <em>„woman“</em>, die nicht mehr vorkommen sollen. <a href="https://www.spiegel.de/kultur/donald-trump-diese-200-woerter-sollen-aus-us-regierungsdokumenten-verschwinden-a-7b7dc461-a924-4548-a083-b11c4843a651">Der SPIEGEL hat die Liste auf seiner Seite veröffentlicht</a>.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Welche Konfliktlinie gibt es mit den USA zurzeit gerade nicht? Aber man hätte sich vorbereiten können.</em></p>
<h3><strong>Medienkompetenz und Kontrolle der Plattformen – zwei Seiten einer Medaille</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich möchte noch einmal auf die diskutierten Social-Media-Verbote für Kinder und Jugendliche zurückkommen. Australien hat dies für junge Menschen unter 16 Jahre jetzt gesetzlich geregelt. Die dänische Regierung hat einen entsprechenden Vorschlag für ein EU-weites Verbot vorgelegt. Die deutsche Familienministerin Karin Prien unterstützt ihn. Aber mich interessiert, wie sie die Rufe nach einem solchen Verbot einschätzen.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Ich halte das für den falschen Weg. Kinder und Jugendliche nutzen soziale Netzwerke, um sich zu informieren, nicht nur zur Unterhaltung. Natürlich ist die Frage nach Informationsflüssen in einer Generation, die mit dem Handy großgeworden ist, berechtigt. Meines Erachtens müsste man viel mehr die Medienkompetenz schulen. </em></p>
<p><em>Ich habe einmal mit einer Schulklasse in Thüringen gesprochen und gefragt, wie die Schüler:innen sich informieren. Ja, über TikTok. Hinterfragt ihr das auch mal, was ihr lest? Die Antwort war, dass es ja auf der Plattform stünde und daher wohl wahr sein müsse. Auf meine Frage, mit wem sie darüber redeten, sagten sie: Mit unseren Freunden und Freundinnen. Und wie informieren die sich? Ja, über TikTok. Das ist ein Teufelskreis, eine riesengroße Lücke, wo wir es verpasst haben, Medienkompetenz so zu schulen, dass man überhaupt erst einmal erkennt, ob etwas wahr ist oder nicht, wer etwas veröffentlicht hat, ob es vielleicht KI-generiert ist, auch die Plattform in die Pflicht zu nehmen, das eigene Angebot zu regulieren. Sie haben eine Verantwortung dafür, welche Informationen als „wahr“ dargestellt werden. Auf X gibt es ja gar keine Falschmeldungen mehr, weil alles als Meinungsfreiheit gilt, offensichtliche Falschmeldungen ebenso wie üble Beschimpfungen. Alles bleibt stehen wie veröffentlicht. </em></p>
<p><em>Die Forderung nach einem Verbot der Nutzung sozialer Medien ist natürlich auch öffentliche Stimmungsmache. Kommunikation wird maßgeblich dadurch geprägt, was in den sozialen Medien geschieht. Aber mit einem Verbot komme ich da nicht weiter, denn ein solches Verbot kann auch einfach umgangen werden.      </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es ist immer leicht, ein Gesetz zu beschließen, aber alles andere als leicht, es durchzusetzen. Wie soll das funktionieren? Aber welche Alternativen empfehlen Sie?</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Kompetenztraining, Medienbildung. Von staatlicher Seite. In den Schulen. Deutschland könnte sagen, wir wollen den Kindern, den Jugendlichen in den Schulen umfassende Medienkompetenz vermitteln. Wir müssen natürlich auch über die Lehrkräfte sprechen. Viele sind nicht mit den sozialen Medien, mit dem Internet, mit dem Smartphone aufgewachsen. Das geht natürlich nicht in einem kurzen Lehrgang. Damit kann man allenfalls erst einmal etwas Bewusstsein schaffen. Wir könnten dies flankieren, indem wir auch Wege festlegen, durch die Inhalte auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft werden können. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir können sicherlich keine Listen veröffentlichen, was alles geprüft werden müsste, aber wir könnten Bewusstsein schaffen und Methoden vermitteln. Eigentlich müssten alle Schüler:innen das lernen, was eine Plattform wie <a href="https://correctiv.org/">CORRECTIV</a> jeden Tag tut. Wer oder was steckt hinter Bildern, wer oder was hinter welcher Meldung? Die Regulierung der Plattformen und die Förderung von Medienkompetenz sind zwei Seiten einer Medaille.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Man müsste selbst zu einer Art CORRECTIV werden können. Ich kann es nicht oft genug wiederholen: Man muss das Bewusstsein haben und fördern, dass nicht alles, was man im Internet findet, wahr ist, genau hinzuschauen und auch weitere Medien, eben nicht nur die sozialen Netzwerke, hinzuziehen, lernen, wie der Algorithmus funktioniert.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Recherchieren lernen. Ich wage mal einen Vorschlag: Manche Schüler:innen und Student:innen werden ihre Arbeiten über KI schreiben lassen. Das ist nicht immer leicht zu erkennen. Je besser die KI trainiert wird, umso schwieriger wird es. Aber ich könnte als Lehrer:in folgende Aufgabe stellen: Lasst zu einem bestimmten Thema die KI einen Text schreiben, auch Bilder dazu packen. Dann schauen wir gemeinsam, was dabei rausgekommen ist und gehen jeder einzelnen Information nach, ob die nun tatsächlich valide ist.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Das ist eine große Herausforderung für das Lehrpersonal. Ich habe Hochschulprofessor:innen gefragt, bei denen ich studiert habe, wie sie jetzt mit Hausarbeiten umgehen. Sie sagten, es ändert sich zurzeit viel. Hausarbeiten sind heute nicht mehr zeitgemäß. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Regulierung von Plattformen der Social Media hat meines Erachtens noch eine weitere problematische Seite. In Diktaturen, in Russland, in China, im Iran und anderswo nutzen Oppositionelle das Internet um miteinander zu kommunizieren und auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Das gilt nicht nur für die Plattform Telegram. Viel genutzt werden VPN-Tunnel, die wir eben schon erwähnten. Ich darf Oppositionellen natürlich nicht diese Kommunikationsmöglichkeiten nehmen, indem ich auf unserer Seite überreguliere.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Das ist zurzeit bei uns kein aktuelles Thema. Vielleicht auch, weil wir die Einschnitte, die wir in Ländern wie Ungarn, der Türkei oder in den USA erleben, hier nicht haben. Man könnte auch sagen: noch nicht. Wir wissen natürlich, welche Programme, welche Plattformen wo gesperrt sind. Wir wissen auch, wo und wie Alternativinformationen möglich sind, welche technischen Möglichkeiten es gibt. Manchmal sind sogar VPN-Tunnel über diverse Umwege gesperrt. Aber wie gesagt, das ist zurzeit kein Schwerpunkt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich möchte Ihnen das Thema ans Herz legen. Katajun Amirpur hat zuletzt in einem <a href="https://www.blaetter.de/ausgabe/2025/august/waffenruhe-und-repression">Beitrag in Blätter für deutsche und internationale Politik</a> beklagt, dass der Westen die iranische Opposition allein ließe. Es wäre aber beispielsweise hilfreich, die Menschen im Iran dabei zu unterstützen, Zugänge über VPN oder wie auch immer zu westlichen Informationen und zum Engagement für eine iranische Demokratie zu ermöglichen, natürlich ohne dass sie sich gefährden.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Ohne sich zu gefährden. Das ist der Punkt. Man darf natürlich niemanden in Gefahr bringen. </em></p>
<h3><strong>Katastrophenschutz</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie sind Mitglied des Verteidigungsausschusses. Es geht mir jetzt nicht um das Sondervermögen. Mich interessiert, wie manche Themen zwischen Verteidigungsausschuss und Innenausschuss, gegebenenfalls auch mit anderen Ausschüssen abgestimmt werden. Ein zentrales Thema ist der Katastrophenschutz, der schon im Thüringer Landtag Ihr Thema war. Katastrophenschutz hat ja zwei Dimensionen: Die eine ist die Vorbereitung der Infrastruktur für einen denkbaren Verteidigungsfall, dazu gehören zum Beispiel Cyberangriffe ausgelöste Katastrophen wie der herbeigeführte Absturz eines Flugzeugs oder ein großflächiger Stromausfall. Die andere sind Schutz und Intervention bei Naturkatastrophen, von denen viele durch den Klimawandel ausgelöst werden. Welche Infrastruktur brauche ich, welches Personal, beispielsweise bei Hilfsdiensten wie dem THW? Wie wird das zusammengedacht?</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>:<em> Katastrophenschutz hat im Verteidigungsausschuss noch nicht den Stellenwert, den ich gerne hätte. Wir werden als Linke dazu demnächst auch Tagesordnungspunkte anmelden. Zurzeit arbeitet der Verteidigungsausschuss so gut wie ausschließlich als Beschaffungsausschuss. Wir erhalten regelmäßig Vorlagen mit Beschaffungsprojekten in Millionenhöhe. Es ist ein wahnsinniges Finanzvolumen, das durch den Ausschuss durchgewunken wird. Wir sind als Linke oft die einzigen, die dagegen stimmen. Es gibt natürlich auch viele geheime Sitzungen mit Themen, über die wir nicht sprechen dürfen.</em></p>
<p><em>Ein Thema ist Dual-Use. Es gibt zum Beispiel den Fall der Beschaffung von Fahrzeugen für die Bundeswehr, die auch im Katastrophenfall eingesetzt werden können. Wir fragen dann natürlich, ob ein solches Fahrzeug so umgerüstet werden kann, dass darauf Waffen stationiert werden können. Es ist die Frage, ob das Fahrzeug angeschafft wird, um als Versorgungsfahrzeug eingesetzt zu werden, auf dem aber im Falle eines Falles auch Waffen stationiert werden können, oder ob es von vornherein vorwiegend oder gar ausschließlich zu diesem Zweck gedacht ist. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Frage wahrheitsgemäß beantwortet wird. Ich will niemandem etwas unterstellen, aber es ist wenig transparent. Aber die eigentliche Versorgung im Katastrophenschutz wird im Innenausschuss verhandelt. </em></p>
<p><em>Im Innenausschuss ist natürlich auch Cybersicherheit Thema. Im Haushalt hat sie jedoch nicht die Priorität, die sie eigentlich haben sollte. Ich habe in einer </em><a href="https://dserver.bundestag.de/btp/21/21018.pdf#P.1809"><em>Rede am 10. Juli im Bundestag</em></a><em> darauf hingewiesen, dass die Mittel für IT und Cybersicherheit im Innenministerium von 6,5 auf 2,4 Millionen EUR gekürzt werden sollten. Da stimmt was mit den Prioritäten nicht. Ohnehin segelt im Haushalt so manches unter falscher Flagge. In meiner </em><a href="https://dserver.bundestag.de/btp/21/21027.pdf#P.2880"><em>Rede vom 24. September 2025 im Bundestag</em></a><em> habe ich unter anderem die absurde Begründung der Freifahrten für Bundeswehrsoldat:innen mit der Deutschen Bahn in den Begründungen des Haushaltsgesetzes aufgespießt. Das sollte – so stand es da – der „Nachhaltigkeit“ dienen. Sicherlich, aber wie wäre es, sich mit demselben Grund für ein kostengünstiges Deutschlandticket einzusetzen, das sich alle leisten können? </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eigentlich könnten die Ausschüsse doch leicht zusammenarbeiten, zum Beispiel über gemeinsame Anhörungen.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Wir sprechen mit den Büros im Innenausschuss. Dabei bin ich regelmäßig eingebunden, auch wegen eines Themas wie Palantir. In der Fraktion arbeiten wir in diesen Punkten ausschussübergreifend gut zusammen, aber die große Vernetzung zwischen den Ausschüssen, zum Beispiel hier dem Innen- und dem Verteidigungsausschuss gab es bisher nicht. Ich weiß nicht, ob die Vorsitzenden der Ausschüsse das planen, aber wir werden als Linke das für die Tagesordnungen beider Ausschüsse demnächst anmelden. Wir sollten auch die Rolle der Bundeswehr bei der zivilen Verteidigung festzurren. Gemeinsame Anhörungen mit Sachverständigen wären eine gute Sache.</em></p>
<h3><strong>Zur Stimmung in Partei und Land</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Nach allem, was wir besprochen haben, habe ich den Eindruck, dass Sie gut im Bundestag angekommen sind.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Das würde ich auch so sagen. Mein Team ist jetzt vollbesetzt. Ich fühle mich sehr wohl, ich bin gut ausgelastet, ich komme langsam in Routinen hinein. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und der Wahlkreis? Wie ist die Stimmung?</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Auch das klappt. Innerparteilich ist die Stimmung gut. Gerade auch mit den vielen neuen Mitgliedern. Im Wahlkreis selbst ist die Stimmung zuweilen ernster. Die Ängste werden immer größer, was die Daseinsvorsorge betrifft. Werden wir genug Ärzt:innen haben? Was ist mit den Arbeitsplätzen? Mit dieser Angst wird auch gespielt. Dann wird zum Beispiel auch gesagt, wir könnten ja Arbeitsplätze schaffen, wenn wir mehr Rüstungsindustrie ansiedeln. Es gäbe auch andere Industrien, Betriebe, die etabliert werden könnten, aber das ist zurzeit offenbar kaum ein Thema.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Besonders nachhaltig gedacht ist das nicht, sich vor allem auf eine einzige Branche zu konzentrieren. Das klingt sehr nach Monokultur und was mit Monokulturen nach einer bestimmten Zeit geschieht, wissen wir aus zahlreichen Beispielen. Es wird nicht einfacher, auch nach dem Desaster mit INTEL in Magdeburg.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Das sind Fragen, die vor allem die älteren Menschen in meinem Wahlkreis bewegen. Die jüngeren beschäftigen sich natürlich auch mit dem Rechtsruck, der in den ländlichen Regionen immer weiter zunimmt. Wir haben AfD-Potenziale zwischen 40 und 50 Prozent!</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich fahre viel in den Regionen rund um Berlin, im Brandenburgischen vor allem, gelegentlich auch mit Ausflügen weiter nördlich. Es sieht eigentlich vieles recht schmuck aus, sodass ich mich frage, was ist da eigentlich los? <a href="https://www.verbrecherverlag.de/autor_innen/manja-praekels/">Manja Präkels</a> hat in ihren Beiträgen zu dem Buch <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/das-einheitspuzzle/">„Extremwetterlagen“</a>, das sie mit drei Kolleg:innen beim Verbrecher Verlag veröffentlicht hat, geschrieben, dass man auf der Straße einfach niemanden treffe. Andererseits okkupieren rechtsextremistische Kreise bei Festen die Plätze.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Es sieht alles in der Tat oft sehr hübsch aus, aber jeder Zweite wählt rechtsextrem. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was können Demokrat:innen tun? Ein Punkt ist aus meiner Sicht, dass die CDU dringend ihr Verhältnis zur Linken klären muss. Sie müsste doch eigentlich längst gemerkt haben, dass die heutige Linke mit der SED nun gar nichts mehr zu tun hat, sondern eher – so sage ich das jetzt – eine linke sozialdemokratische Partei ist, eine Partei, die sich der sozialen Themen annimmt. Wir haben die CDU-Sozialausschüsse, die oft genug ähnlich argumentieren wie die Linke. Wie kann man mit Sahra Wagenknecht reden, aber nicht mit Bodo Ramelow? Ich spitze das einfach einmal auf diese beiden Personen zu.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Das stimmt. Völlig richtig. In Thüringen haben wir eine Regierungsbeteiligung des BSW unter Führung der CDU. Bei der Kanzlerwahl dachten wir, dass der Unvereinbarkeitsbeschluss der CDU mit der Linken etwas aufgebröckelt wäre. Wir haben den zweiten Wahlgang am gleichen Tag ermöglicht. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es wäre auch interessant zu untersuchen, wie viele Linke bei der Wahl der Verfassungsrichter:innen die drei Kandidat:innen mitgewählt haben.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Das ist eine geheime Wahl, aber ich halte das für möglich. Ich bin selbst immer dafür, mich auch mit CDUler:innen über bestimmte Punkte zu verständigen, wo man eine staatsfrauliche Verantwortung hat oder wo es einfach um bestimmte Sachthemen gibt, die eigentlich gar nicht strittig sein müssen. Andererseits gibt es wohl eine Untersuchung, dass sich etwa 20 Prozent der Fraktion von CDU / CSU sich der AfD näher fühlten als dem Rest des Parlamentes.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Friedrich Merz hat am 21. Oktober 2025 noch einmal sehr deutlich gesagt, dass aus seiner Sicht die AfD gegen alles arbeite, was die CDU in der Vergangenheit ausgemacht und was sie aufgebaut habe. Das glaube ich ihm auch, aber wer A sagt, muss auch B sagen, und das heißt aus meiner Sicht, merken, dass die Linke eine demokratische Partei ist wie SPD, Grüne, FDP, CDU und CSU auch. Unterschiedliche Auffassungen zu bestimmten Inhalten sind davon unbenommen.</p>
<p><strong>Donata Vogtschmidt</strong>: <em>Ich denke, dass wir uns über das Thema Umgang mit dem Rechtsextremismus noch stundenlang unterhalten könnten, aber das war heute nur am Rande unser Thema. Die Fragen, die wir heute besprochen haben, sind eigentlich klassische Sachfragen, in denen wir als Linke in den Ausschüssen und im Plenum genau nachfragen, wie wir eine Balance zwischen der Funktionsfähigkeit des Staates auf der einen Seite und dem Recht auf digitale Souveränität auf der anderen Seite gewährleisten können. Wichtig ist es auch, dass wir immer konkrete Beispiele nennen, mit denen es möglich ist, die Tragweite einer Entscheidung im Alltag zu verstehen.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im November 2025, Internetzugriffe zuletzt am 25. November 2025. Für die Vermittlung des Gesprächs danke ich <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/yes-we-can/">Sandro Witt</a>. Titelbild: pixabay.)</p>
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		<title>Archäologie der Zukunft</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 03 Nov 2025 14:58:44 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Archäologie der Zukunft Ein Porträt des Erzählers Jack McDevitt „Die einfache Wahrheit ist, dass der Planet zu klein geworden ist. Nicht für unsere Bevölkerung, sondern für unsere Träume. Wir haben eine Verabredung mit den Sternen.“ (Jack McDevitt, Moonfall, 1998) Der Autor Jack McDevitt schrieb schon in jungen Jahren, entdeckte jedoch erst im Alter von  [...]</p>
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<h1><strong>Archäologie der Zukunft</strong></h1>
<h2><strong>Ein Porträt des Erzählers Jack McDevitt </strong></h2>
<p><em>„Die einfache Wahrheit ist, dass der Planet zu klein geworden ist. Nicht für unsere Bevölkerung, sondern für unsere Träume. Wir haben eine Verabredung mit den Sternen.“ </em>(Jack McDevitt, Moonfall, 1998)</p>
<p>Der Autor <a href="https://www.jackmcdevitt.com/">Jack McDevitt</a> schrieb schon in jungen Jahren, entdeckte jedoch erst im Alter von 45 Jahren, als Sechzigjähriger, sein Talent. Er hatte zwar schon als Neunzehnjähriger im Jahre 1954 an einem „Freshman Short Story Contest“ des LaSalle Colleges teilgenommen und diesen sogar mit der Story „A Pound of Cure“ gewonnen, war jedoch nachdem er „David Copperfield“ gelesen hatte der Meinung, dass sein Talent angesichts der Werke eines großen Schriftstellers wie Charles Dickens nicht bestehen könne. In den nächsten 25 Jahren schrieb er keine Fiction mehr.</p>
<p>McDevitt wurde in 1935 in Philadelphia geboren. Er studierte am La Salle College, schloss im Jahre 1957 mit einem BA ab. Er setzte sein Studium an der Wesleyan University fort, wo er im Jahre 1971 den Master für Literatur erwarb. Jack McDevitt wollte Journalist werden und bewarb sich beim „Philadelphia Inquirer“ und bei der „Washington Post“, wurde aber nicht eingestellt. Deshalb begann er eine wechselhafte Berufslaufbahn als Taxifahrer, Motivationstrainer, Soldat, Zollbeamter und Lehrer. Er unterrichtete von 1963 bis 1973 Englisch, Geschichte und Theater. Von 1973 bis zum Eintritt ins Pensionsalter im Jahre 1995 arbeitete er für das US Customs Department, die amerikanische Zollbehörde.</p>
<p>Erst im Alter von fünfundvierzig Jahren begann Jack McDevitt auf Anregung seiner Frau Maureen zu schreiben und widmete sich nach seiner Pensionierung im Jahre 1995, also im Alter von sechzig Jahren, professionell dem Verfassen von Kurzgeschichten und Romanen. Er erinnert sich noch im 90sten Lebensjahr im August 2025 in einer E-Mail an mich, dass es seine Frau Maureen war, die ihm mehr zutraute als er sich selbst: <em>„Maureen hat mich überzeugt, dass ich schlauer bin, als ich dachte.“ </em>Seine erste veröffentlichte Kurzgeschichte „The Emerson Effect“ erschien 1981 in „Twilight Zone“, für seinen ersten Roman „The Hercules Text“ aus dem Jahr 1986 erhielt er den <a href="https://locusmag.com/2025/06/2025-locus-awards-winners/">Locus Award</a> für das beste Romandebut . Im Jahre 2015 erhielt Jack McDevitt den <a href="https://nss.org/national-space-society-heinlein-award/">Robert A. Heinlein Award</a> für ein <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?192">Lebenswerk von damals 21 Romanen und mehr als 80 Kurzgeschichten</a>. Bekannt wurde Jack McDevitt vor allem mit zwei Romanserien, der Academy-Serie um die Pilotin Priscilla Hutchins und der Alex Benedict-Serie, die aus der Sicht der Geschäftspartnerin und Pilotin Chase Kolpath erzählt wird.</p>
<h3><strong>„Imaginäre Erfahrungen“ </strong></h3>
<p>Jack McDevitt hat eine Vorliebe für weibliche Protagonistinnen. Diese kommt aus seinen Erfahrungen mit Teambuilding-Fortbildungen, die er beim amerikanischen Zoll durchführte. Er berichtet in dem <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/title.cgi?2821942+2">Interview mit Thomas Harbach</a> für die <a href="https://phantastisch.net/">Zeitschrift „phantastisch!“</a> im Jahre 2004 (abgedruckt in: Jack McDevitt, Outbound, 2006), dass bei den fiktiven Überlebenstrainings von Gruppen bei einem Flugzeugabsturz in der Wüste nur die rein weiblichen Besetzungen überlebt hätten. Die gemischten Gruppen starben, weil die Männer das Kommando an sich rissen und das Überleben an ihrer Überheblichkeit scheiterte.</p>
<p>In dem Interview mit Thomas Harbach erzählt Jack McDevitt, der schwierigste Teil beim Schreiben sei für ihn, eine gute Idee zu finden, die die Erzählung trägt. Wenn er dann eine Lösung für das Problem oder das Rätsel gefunden habe, sei das Schreiben einfach. Die Kurzgeschichte sei für ihn die beste Form für Science Fiction, aber die Leserinnen und Leser verlangten nach Romanen, weil sie mehr Zeit mit den Charakteren und der Handlung verbringen wollten.</p>
<p>Science Fiction ist für Jack McDevitt, wie er in dem Essay „Science Fiction: An Eye On Tomorrow in Outbound“ (2006) schreibt, keine Erzählung über Wissenschaft, sondern eine Erzählung über Menschen, die dem Unbekannten begegnen und sich mit den Konsequenzen neuer Erkenntnisse auseinandersetzen müssten. Science Fiction habe mit dem <em>„Vielleicht“</em> und dem <em>„Was wäre, wenn?“</em> zu tun. <em>„Literatur soll es uns ermöglichen, imaginäre Erfahrungen zu durchleben.“</em> Science Fiction handele von <em>„Veränderungen“</em> – und es sei deshalb kein Zufall, dass der erste Kuss zwischen einer schwarzen Frau und einem weißen Mann im amerikanischen Fernsehen in einer Science-Fiction-Serie stattgefunden habe: In der Star-Trek-Episode „Plato’s Stepchildren“ aus dem Jahre 1968 küssen sich Uhura (Nichelle Nichols) und Captain Kirk (William Shatner).</p>
<p>Die literarischen Möglichkeiten der neuen Raumfahrtvisionen im 21. Jahrhundert finden sich im Vorwort von Jack McDevitt für das Buch und die Kurzgeschichte „Melville auf Iapetus“ (1983, deutsche Übersetzung 2012). Er schreibt über das Ende der Raumfahrt und skizziert völlig neue Möglichkeiten durch das unerwartete Auftauchen eines von Außerirdischen geschaffenen Kunstwerks auf dem Saturnmond Iapetus. Die Erzählung beginnt wie folgt: <em>„Gegen Mitte des zweiundzwanzigsten Jahrhunderts war die Ära der bemannten Raumfahrt längst vorbei. (…) Dann erlebte die Welt einen Schock, als eine automatische Sonde Bilder vom Saturnmond Iapetus zurückschickte. Die Fotos zeigten ein eindeutig nichtmenschliches Geschöpf, das auf zwei Beinen stand und in Richtung des beringten Planeten blickte, welcher aufgrund der gebundenen Rotation dauerhaft knapp über einer Hügellinie am Himmel stand. / Das Ding war aus Stein geschnitten und mit Eis überzogen. Gleichmütig stand es auf jener öden, schneebedeckten Ebene &#8211; eine Albtraumgestalt mit gekrümmten Klauen, surrealen Augen und schlankem, geschmeidigem Körperbau. Die Lippen waren geöffnet, gewölbt, nahezu lasziv. Ich war nicht sicher, warum es so beunruhigend war. Es lag an mehr als nur den Krallen oder den unverhältnismäßig langen unteren Gliedmaßen. Es war sogar mehr als die Andeutung philosophischer Wildheit, die in den kristallinen Gesichtszügen festgehalten war. Es barg etwas Furchterregendes – gefangen in der Spannung zwischen der vielsagenden Geometrie und der weiten Ebene, auf der es stand. / Das Bildnis auf der Ebene ist furchterregend, ja. Doch nicht, weil es Klauen und Schwingen oder mitleidlose Augen hat. Sondern weil es allein ist.“ </em></p>
<p>In dieser Kurzgeschichte ist alles enthalten, was die literarische Qualität des Ausnahme-Science-Fiction Schriftstellers Jack McDevitt auszeichnet. McDevitt zeichnet sich vor allem durch zwei Eigenheiten aus, die ihn von den anderen Autoren des Genres unterscheiden. Er beschreibt kunstvoll die menschlichen Seiten der handelnden Protagonistinnen, vor allem von Priscilla Hutchins, Chase Kolpath und Alex Benedict, die für die Leserinnen und Leser fast schon zu Familienmitgliedern werden und die sie mit auf Reisen in das Unbekannte nehmen. Die Protagonisten seiner Erzählungen ermöglichen es uns, eine Verbindung von der Gegenwart bis in weit entfernte Zukünfte der Menschheit zu ziehen und zu verstehen, was uns dort erwarten könnte – obgleich das Wesen der Menschen gleichbleiben wird, wie Jack McDevitt in einem Essay betont. Die Umstände einer Zukunft in Zeit und Raum ändern sich, der Mensch selbst aber nicht. Verbindungsglieder seiner Erzählungen sind oft Diskussionsforen wie Fernsehshows oder Vereinstreffen, die in der Gegenwart und in der Zukunft ziemlich gleich aussehen. Dies ist ein kleiner literarischer Trick, der uns eine Brücke in die Zukunft baut. Die zweite Eigenheit der Erzählungen von Jack McDevitt ist die Form der historischen oder archäologischen Science Fiction, bei der Rätsel oder Probleme beschrieben werden, die gelöst werden müssen, und zwar in einer Rückschau aus der Handlungsebene der Protagonisten in der Zukunft zurück in ihre Vergangenheit, die für uns die Zukunft ist.</p>
<h3><strong>Das Zusammenspiel von Physik und Archäologie</strong></h3>
<p>Die Absonderlichkeiten des Universums sind nicht nur in der Wissenschaft beschrieben worden, sondern wurden auch von vielen Autorinnen und Autoren in ihren fiktiven Erzählungen benutzt, so von Jack McDevitt in seiner Kurzgeschichte „Melville auf Iapetus“: <em>„Das Universum sollte</em> e<em>igentlich gar nicht existieren. Um zu funktionieren, zusammenzuhalten, braucht es eine ganze Reihe von Absurditäten: Vierdimensionalen Raum, gekrümmten Raum, relative Zeit, die Gravitationskonfigurationen müssen exakt stimmen &#8211; wären sie etwas stärker, würden die Sterne zu schnell kollabieren, etwas schwächer und sie würden sich gar nicht erst bilden. Ich weiß, all das hört sich nach einer Hintertür zur Theologie an und vielleicht ist es das auch, aber ich glaube, jede wirklich fortschrittliche Rasse würde sich dem Thema gegenüber zumindest einen offenen Geist bewahren. (…) Die Sterne waren hart und kalt und die Räume zwischen ihnen lasteten auf mir, wie sie auf ihr gelastet haben mussten. Saturn schwebte über der Ebene, seine Ringe leuchtstark und großartig. Einige andere Monde waren am Himmel verteilt. Es fiel mir ein, dass der Planet sich nicht von der Stelle gerührt hatte, seit sie hier gestanden hatte, vor wie langer Zeit? (…) Das Universum ist ein gefährlicher, kalter Ort für alles, was denkt.“</em></p>
<p>Diese Zitate aus Kurzgeschichten von Jack McDevitt zeigen ihn als Meister sprachlicher Schönheit über Zustände im Universum, die für uns Menschen eigentlich unfassbar sind und die von Dunkelheit, Leere, Kälte, Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit triefen. Darin, im unendlichen All, findet Jack McDevitt Momente menschlicher Souveränität, Solidarität und Freundschaft. In der Unfassbarkeit des Kosmos tauchen winzige Inseln des Menschlichen auf, die der Autor in Form von Sprache für seine Leserinnen und Leser ausbreitet. Jack McDevitt ist ein Meister der Poesie in der Suche des Menschen nach sich selbst im Universum.</p>
<p>Jack McDevitt hat eine eigene Thematik und ein eigenes narratives Konzept entwickelt und zur literarischen Perfektion ausgearbeitet, die <em>„archäologische Science-Fiction“</em>, wie sie <a href="https://shoemaker.space/">Martin L. Shoemaker</a> in seinem Vorwort zum Buch von Jack McDevitt „A Voice in the Night“ (2018) unter der Überschrift „Jack McDevitt, History Builder“ charakterisiert. Shoemaker schreibt im Vorwort zu dieser umfangreichen und farbigen Kurzgeschichtensammlung von Jack McDevitt über ihn als <em>„Weltenbauer“</em>, der nicht einfache Welten baut, sondern <em>„Historien“</em> konstruiert, also Betrachtungen komplexer Vergangenheitsbeziehungen entwirft, in denen die Protagonisten seiner Erzählungen verworrenen Handlungsmustern unterworfen sind, die sie große und kleine menschliche Probleme erleben, aushalten und bewältigen lassen. Es geht dabei oft um die Untersuchung von alten, untergegangenen Zivilisationen der Vergangenheit aus der Erzählerperspektive, die in unserer Zukunft liegen.</p>
<p>Archäologische Science Fiction spielt mit Gedankenexperimenten der menschlichen Zukunft, die durch einen literarischen Kniff in die Vergangenheit der Erzählerin gelegt werden, beispielsweise von Chase Kolpath, der Pilotin aus der Alex-Benedict-Reihe. Alex Benedict und Chase Kolpath untersuchen oft Fragen nach dem Scheitern dieser historischen Zivilisationen im Licht der Unzulänglichkeiten ihrer gegenwärtigen menschlichen Zukunft zehntausend Jahre nach unserer Zeit.</p>
<p>Im Roman „Firebird“ (2011) spricht Chase Kolpath über die Zusammenarbeit mit Alex Benedict in ihrem Unternehmen Rainbow Enterprises: <em>„Alles ist vergänglich, so sagte er gern. Darum war Rainbow so erfolgreich, weil die Leute immer wieder versuchen, ein Stück Vergangenheit zurückzuholen. Sich daran festzuhalten, so gut sie nur können.“ </em></p>
<h3><strong>Zu den Sternen</strong></h3>
<p>Jack McDevitt schrieb wunderbar spannende und ironische Kurzgeschichten, die nach der Meinung von <a href="https://www.phantastik-couch.de/autoren/844-charles-sheffield/">Charles Sheffield</a> dazu geeignet seien, <em>„die eigenen Interessen und Obsessionen eines Autors zu verraten</em>.“ Sheffield schreibt in der Einführung zur Kurzgeschichtensammlung „Übersetzung aus dem Kolosianischen“ (2009, deutsche Fassung von „Standard Candles“, 1996), dass Jack McDevitt über die Fähigkeit verfüge, <em>„richtige Menschen zu schaffen</em>“ und lobt die Erzählweise des Autors: <em>„Die emotionale Reise wird an manchen Stellen etwas rau. Allerdings können Sie sich selbst an den holprigsten Stellen des Ritts entspannen. Sie sind in sicherer Hand. Um nichts auf der Welt würde Jack McDevitt Sie im Stich lassen.“</em></p>
<p>Ein gutes Beispiel für die Erzählkunst von Jack McDevitt in der kurzen Form und von Charles Sheffield als <em>„ultimative Rechtfertigung für Science-Fiction-Leser</em>“ bezeichnet bietet die Story „Zur Hölle mit den Sternen“ eine amüsante, philosophisch hintergründige und ironische Erzählung, in der ein Junge am Heiligabend in einer weiten Zukunft mit seinem Vater über den Sinn der Raumfahrt zu den Sternen streitet und die alten Geschichten der Science-Fiction-Schriftsteller erwähnt. Von diesen hält sein Vater überhaupt nichts, weil die Menschen genug Platz im Sonnensystem hätten und sie die Sterne niemals erreichen würden. Der Junge aber beharrt darauf, dass es irgendwann einmal einen Weg zu den Sternen geben kann: <em>„Der uralte Ruf hallte über den Welten wider – substanzlos, verlockend, unwiderstehlich. Die alten Träumer waren, wieder einmal, unterwegs zu den Sternen.“</em></p>
<p>Jack McDevitt hat mit dem NASA-Wissenschaftler <a href="https://www.lesjohnsonauthor.com/">Les Johnson</a>, Chef-Technologe am NASA George C. Marshall Space Flight Center in Huntsville, Alabama, ein Sachbuch über Fiktionen und technische Möglichkeiten geschrieben, die Sterne zu erreichen – und zwar ausschließlich basierend auf den gegenwärtigen Erkenntnissen darüber, wie das Universum funktioniert. Also ohne Schneller-als-Licht-Technologien, Hyperraumsprünge oder Wurmlochverbindungen in ein anderes Universum: Les Johnson and Jack McDevitt, „Going Interstellar“ (2012).</p>
<p>Der Grund für solche Reisen zu den Sternen liegt nach der Meinung der Herausgeber in der Tatsache begründet, dass die Menschheit der Gegenwart der Erde auf einem Pulverfass sitzt: <em>„Wir haben daher ein starkes Argument dafür, einen Teil von uns in den Weltraum und aus der unmittelbaren Gefahrenzone zu bringen. Wenn wir uns die Geschichte und die aktuellen Ereignisse in der Welt ansehen, wissen wir, dass der Verlauf der Ereignisse völlig unvorhersehbar und potenziell tödlich ist. Wohin gehen wir also? Und wie kommen wir dorthin?“</em></p>
<p>Ad Astra! Zu den Sternen!</p>
<p>Übrigens: Les Johnson hat das letzte Romanfragment von <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/ben-bovas-grand-tour/">Ben Bova</a> zu dem gemeinsamen Roman „Pluto“ verarbeitet: Wissenschaft und Fiktion Hand in Hand!</p>
<h3><strong>Alex Benedict und Chase Kolpath</strong></h3>
<p>Die Serie um die Archäologin Alex Benedict und die Pilotin Chase Kolpath zehntausend Jahre in der Zukunft spielend, besteht aus diesen Romanen, die jeweils abgeschlossene Werke sind (die jeweils zweite Jahreszahl nennt das Erscheinungsjahr der deutschen Übersetzung).</p>
<ul>
<li>A Talent for War (1989, Die Legende von Christopher Sims, 1990)</li>
<li>Polaris (2004, Polaris, 2006)</li>
<li>Seeker (2005, Die Suche, 2008)</li>
<li>The Devil´s Eye (2008, Das Auge des Teufels, 2009)</li>
<li>Echo (2010, Echo 2011)</li>
<li>Firebird (2011, Firebird, 2012)</li>
<li>Coming Home (2014, Apollo, 2016)</li>
<li>Village in the Sky (2023, keine deutsche Übersetzung)</li>
</ul>
<p>Die Erzählungen gehen von einem Rätsel aus, das im Laufe verschlungener Pfade ausgebreitet und gelöst wird. Man findet archäologische oder kriminaltechnische Techniken, die der Autor in seine Erzählungen einarbeitet, ebenso wie philosophische und wissenschaftliche Erkenntnisprozesse, die in die Erzählungen handlungsleitend eingearbeitet sind. Dazu bietet der Autor spannende Abläufe, interessante Persönlichkeitsmerkmale seiner Probanden und überraschende Wendungen im Erzählfluss. Dies ist Science Fiction von besonderer Güte und literarischer Qualität.</p>
<p>Ein beispielhaftes Meisterwerk ist nach meiner Meinung der Roman „Firebird“ (2011) aus der Alex-Benedict-Serie. Dieser Roman darf als exemplarisch für Plots und Erzählweisen von Jack McDevitt gelesen werden, wird daher im Folgenden auch etwas ausführlicher beschrieben. „Firebird“ geht von dem Rätsel aus, dass der Wissenschaftler Christopher Robin (das ist der Name des Jungen im Kinderbuchklassiker „Winnie the Pooh“ beziehungsweise „Pu, der Bär“), der das Buch „Multiversum“ verfasst hat, spurlos verschwunden ist. Er hatte an den Grenzen der Wissenschaft gearbeitet und wurde deshalb von der Fachwelt verachtet und von den Lesern geliebt. Es gibt sogar einen Christopher Robin-Verein, der seiner Arbeiten gedenkt und sich regelmäßig zu Vereinstreffen zusammenfindet, um die Arbeiten von Robin zu diskutieren. Christopher Robin ist vor einigen Jahrzehnten verschwunden und die Archäologiejäger Alex Benedict und Chase Kolpath versuchen, sein Verschwinden zu enträtseln.</p>
<p>Alex Benedict und Chase Kolpath nehmen an einem Vereinstreffen teil, das Jack McDevitt wie eine Science Fiction Convention mit absurder Note gestaltet und zu einem Diskussionsforum wilder Theorien über das Multiversum ausarbeitet. Robin war <em>„auf der Suche nach einer Möglichkeit, die Grenzen zwischen den Universen zu überwinden“</em> und er hat <em>„gedacht, wir bekämen vielleicht gelegentlich Besuch aus einem anderen Universum“. </em>Die Erzählung changiert zwischen Wissenschaft, Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Realität und Ausflügen in das Absurde.</p>
<p>Alex Benedict und Chase Kolpath begeben sich auf eine Suche nach ihm und dem Grund seines Verschwindens. Sie stoßen dabei auf ein Rätsel verschwundener Raumschiffe, die nach vielen Jahren in bestimmten Raum-Zeit-Zonen für kurze Zeit wieder aus dem Hyperraum auftauchen und in denen Menschen gesehen worden sind. Zur Erklärung dieses Phänomens werden Störungen im Raum-Zeit-Kontinuum durch Schwarze Löcher erwähnt, die dafür verantwortlich sind, dass Raumschiffe, die vor Jahrtausenden gestartet sind, jetzt alle paar Jahrzehnte oder Jahrhunderte wieder für einige Zeit aus dem Hyperraum auftauchen und dann wieder verschwinden. Die Menschen an Bord dieser Raumschiffe leben in einem anderen Zeitstrahl, für sie vergehen lediglich Stunden, Tage oder Wochen, aber aus der Außensicht sind Jahrhunderte oder Jahrtausende vergangen und ihr Schicksal wird sein, dass sie bis zum Verdursten und Verhungern oder bis zum Ende ihrer Energievorräte an Bord ihrer Raumschiffe im Zwischenraum zwischen den Welten verloren sind.</p>
<p>Alex Benedict und Chase Kolpath starten eine Rettungsmission auf der Grundlage einer Theorie, die kaum jemand teilt. Die Rettungsmission bestätigt zwar die Theorie über die verschwundenen Raumschiffe, ist aber durch die kurze Zeit, die für die Rettung aus den Raumschiffen bleibt, zum Scheitern verurteilt. Eine Retterin wird in den Hyperraum mitgerissen, während zwei Mädchen von ihrem Vater getrennt und an Bord des Raumschiffs von Alex Benedict und Chase Kolpath geholt werden können.</p>
<h3><strong>Neue Wirklichkeiten</strong></h3>
<p>Der Schluss von „Firebird“ ist ein besonders kunstvoll arrangiertes Stück literarischer Qualitätsarbeit über die Relativität von Zeit. Die Rettungsaktion ist gescheitert und die Pilotin Dot Garber ist an Bord des im Hyperraum verschwundenen Raumschiffs gefangen. In der Gegenwart der Erzählebene findet ihre Beerdigung statt und die Dot-Garber-Stiftung zur Rettung schiffbrüchiger Raumfahrer wird gegründet. Damit ist die Erzählung eigentlich beendet, aber Jack McDevitt schließt noch ein weiteres Kapitel an, einen Epilog, und schildert die Erlebnisse von Dot Garber an Bord des im Hyperraum gestrandeten Raumschiffs. Für sie vergehen nur wenige Augenblicke an Bord, bevor ein erneuter Rettungsversuch von außen im normalen Raum-Zeit-Gefüge stattfindet, in den das Raumschiff wieder eingetreten ist. Die Retter erklären ihr, dass sie jetzt siebenundsechzig Jahre später in einer neuen Realität angekommen ist und dass diese Rettungsaktion von der Dot-Garber-Stiftung durchgeführt werde. Zurück auf der Raumstation kündigt sich der Besuch alter Freunde an.</p>
<p>Ein Wermutstropfen betrifft die anderen geretteten Insassen: Sie haben ihre Zeit weit hinter sich gelassen und sind erneut gestrandet: <em>„Sie waren in der fernen Zukunft angelangt.“</em></p>
<p>Ein Nebenstrang der Handlung ist der Besuch von Alex Benedict und Chase Kolpath bei der Suche nach Christopher Robin  auf dem Planeten Villanueva. Dieser Planet ist eine historische Gründung der drei großen monotheistischen Weltreligionen der Menschen, die hier mit tausenden Gotteshäusern ihr eigenes Glaubensreich eingerichtet haben. In der Gegenwart der Erzählung sind die Menschen vor tausenden von Jahren einer kosmischen Katastrophe zum Opfer gefallen und jetzt gibt es nur noch die dienstbaren Geister der künstlichen Intelligenzen, die aus ihrer sinnlosen Tätigkeit auf dem verlassenen Planeten befreit werden wollen. Alex Benedict und Chase Kolpath nehmen eine KI – Charlie – mit, denn diese KI hat ihnen glaubhaft versichert, dass sie über Bewusstsein verfügt und hat ihnen ihr Leid geklagt: <em>„Ich und viele andere, die sind wie ich, sind auf dieser Welt gestrandet. Wir sitzen seit dem großen Sterben hier fest. Ohne eine Zukunft, aber ausgestattet mit der Erinnerung an eine Vergangenheit, in der wir danebenstehen und zusehen mussten, wie eine Katastrophe ihren Lauf genommen hat.“</em></p>
<p>Zurück auf ihrer Heimatwelt versuchen Alex Benedict und Chase Kolpath, Solidarität mit den künstlichen Intelligenzen unter den Menschen zu wecken und eine Rettungsmission zu organisieren. Jack McDevitt greift zu einem seiner bevorzugten Stilmittel und lässt Alex Benedict in verschiedenen Talkshows auftreten, in denen kontrovers diskutiert wird, ob KIs über ein Bewusstsein verfügen oder nicht. KIs werden nämlich überall als dienstbare Werkzeuge eingesetzt, die alle möglichen Aufgaben im Haushalt oder in der Steuerung von Raumschiffen übernehmen, aber sind sie eigenständige, bewusste Lebewesen? Diese Frage wird in dem Roman „Firebird“ (2011) quasi nebenbei ausführlich diskutiert, ein Thema, das eigentlich eine eigene Erzählung in dem Roman ist.</p>
<p>Die Stimmung unter den Menschen schlägt schließlich um, als Alex Benedict die KI Charlie in einer Talkshow präsentiert und diese die Menschen umstimmt mit den Worten: <em>„Ich möchte, dass Sie die Verzweiflung begreifen, die wir empfinden. Die </em>ich<em> empfinde. Wir können uns nicht selbst helfen. Wir sind programmiert, dieses Leben bis in alle Ewigkeit zu ertragen. Zu reparieren, was reparaturbedürftig ist, zu ersetzen, was nicht mehr repariert werden kann. Nach Ihren Maßstäben sind wir unsterblich. Aber für uns geht nie der Mond auf. Wir haben im wahrsten Sinne des Wortes keine Musik. Sie fragen, was ich will. Ich sage es noch einmal: Ich will, dass Sie begreifen, wer wir sind. Dass Sie begreifen, dass wir ihre Kinder sind. Menschen haben uns geschaffen. Sie haben eine Verantwortung uns gegenüber.“</em></p>
<h3><strong>Die Academy-Serie und Priscilla Hutchins</strong></h3>
<p>Die Academy-Serie über die Pilotin Priscilla Hutchins spielt um das Jahr 2200. Die Welt wird von einem World Council regiert, die USA und Kanada haben sich zur Nordamerikanischen Union zusammengeschlossen und die Welt wird von Überbevölkerung, Klimakatastrophen und religiösen Konflikten geplagt. Medien spielen eine wichtige Rolle bei der Diskussion gesellschaftlicher Konflikte und die Akademie schickt Erkundungsmissionen ins Weltall. Die junge Priscilla Hutchins lässt sich zur Pilotin ausbilden und erlebt spannende Abenteuer in Raum und Zeit.</p>
<p>Die Erzählweise des Autors bei den Alex Benedict und Chase Kolpath Romanen findet sich auch bei den Stories über Priscilla Hutchins wieder, hier nur manchmal noch mehr durch die scheinbar endlose Einsamkeit auf ihren Flügen zugespitzt. Obschon technologische Wunderwerke das Leben der Menschen bestimmen, wird der Sinn der Raumfahrt in Frage gestellt und diskutiert, wie weit der Entdeckerdrang der Menschen ihn führen soll.</p>
<p>Jack McDevitt schreibt gekonnt über naturwissenschaftliche Prinzipien und über technologische Erfindungen, obwohl diese nicht im Zentrum seiner Narrative stehen. Zu diesen gehören: Der Überlicht-Antrieb von Raumschiffen, Anti-Schwerkraft-Technik, künstliche Schwerkraft, das Flickinger-Feld als personengebundener Schutzschild, künstliche Intelligenz, dreidimensionales Fernsehen. Diese Technologien werden als Hilfsmittel in Problemlösungswege eingebunden, sie stehen nicht im Zentrum der Erzählung. Der Autor Jack McDvitt ist ein zutiefst humaner Denker und Erzähler, der menschliche Probleme der Gegenwart nur ein wenig in die Zukunft verlegt hat, um uns einen Spiegel vorzuhalten, was auf uns zukommen könnte.</p>
<p>Zur Academy-Serie über die Pilotin Priscilla Hutchins gehören diese Romane (in Klammern auch hier das Erscheinungsjahr der deutschen Übersetzung:</p>
<ul>
<li>The Engines of God (1994, Gottes Maschinen, 1996)</li>
<li>Deepsix (2001, Die Sanduhr Gottes, 2004)</li>
<li>Chindi (2002, Chindi, 2004)</li>
<li>Omega (2003, Omega, 2005)</li>
<li>Odyssey (2006, Odyssee, 2008)</li>
<li>Cauldron (2007, Hexenkessel, 2008)</li>
<li>Starhawk (2013, keine deutsche Übersetzung)</li>
<li>The Long Sunset (keine deutsche Übersetzung)</li>
</ul>
<h3><strong>Drei philosophische Grundprobleme in der Science Fiction</strong></h3>
<p>Zu dem Thema „Rechte von künstlichen Intelligenzen“ hat Jack McDevitt mehrere Romane, zum Beispiel „Firebird“ (2012) und „Polaris“ (2006) und eine brillante Kurzgeschichte geschrieben. In der nur knapp vier Druckseiten starken Story „The Wrong Way“ (2021. Nachgedruckt in: Return to Glory, Subterranean Press, Burton MI, 2022) erzählt er auf sehr ironische Weise, wie die dienstbaren künstlichen Intelligenzen in den USA etwa dreihundert Jahre in unserer Zukunft versuchen, die US-amerikanische Staatsangehörigkeit zu bekommen und als Individuen angesehen zu werden. Der von ihnen angesprochene Senator Whitcomb verweigert diese Idee als absurd, weil sie ja nur eine <em>„Ansammlung von Kabeln und Verbindungen in einem Generator auf meinem Schreibtisch“</em> wären und bekommt als Erwiderung, dass er, der Senator, ja nur eine <em>„Sammlung von Zellen, Organen, Geweben und verschiedenen Nährstoffen“</em> wäre. Die Diskussion zwischen KI und Mensch führt zu keiner Einigung und der Mensch bekommt die Folgen zu spüren, als seine einlaufenden Anrufe ihm klarmachen, dass die KIs beginnen, alle Alltagsgeräte abzuschalten. Das Auto lässt sich nicht mehr starten, die Wäscherei schließt – und er sei an all dem schuld. Schließlich ruft das Weiße Haus an….</p>
<p>Diese wunderbar kurze Erzählung verweist auf die philosophischen Grundprobleme aller KI-Erzählungen: Was ist Intelligenz? Was ist Bewusstsein? Was macht den Menschen aus? Gibt es eine Seele? Was sind die Stärken von biologischen Lebewesen, was sind die Stärken von Maschinen? Was ist Natürlichkeit, was ist Künstlichkeit?</p>
<p>Das Kapitel „Zeitreise“ gehört zum Standardthema des Genres der Science Fiction und ist in der Kraft der Vorstellung angesiedelt sein als in der technischen Realisation. Vielleicht würde eine tatsächliche Zeitreise hin zu all den interessanten Ereignissen der Geschichte der Menschheit oder in eine unbekannte Zukunft uns Zeitreisende nur überfordern oder uns unsere Illusionen rauben. Vielleicht hat Jack McDevitt, der selbst sehr schöne Zeitreise-Romane geschrieben hat, mit seinem Statement recht: <em>„Ich vermute, dass wir dankbar sein sollten für die menschliche Vorstellungskraft. Sie ist das einzige Fahrzeug, mit dem wir die Grenzen überschreiten können, die uns von der physikalischen Realität gesetzt wurden. Jedenfalls für den Augenblick.“ </em>(Jack McDevitt: Journal 205, 16. März 2016). Der Autor hat dies unter anderem in seinem Roman „Zeitreisende sterben nie“ (2011, „Time Travellers Never Die“, 1996) und in vielen Alex Benedict und Chase Kolpath Geschichten wunderbar ausgeführt.</p>
<p>Jack McDevitt hat immer wieder witzige, nachdenkenswerte und philosophisch tiefgründige Erzählungen über das Zusammentreffen von Menschen und Außerirdischen geschrieben. In der Kurzgeschichte „Cosmic Harmony“ (2022) in dem Sammelband „Return to Glory“ (2022) schreibt er über einen Asteroiden, der unerwarteterweise auf die Erde zurast und durch eine Intervention von freundlichen Aliens abgewehrt wird. Diese funken an die Erde das Lied „Moon River“ zurück und die Protagonisten auf der Erde interpretieren dies als Lied, <em>„aufgeladen mit Leidenschaft“</em>, dass die Außerirdischen zur Erde gebracht hätte und dass diese dann bemerkt hätten, dass die Menschen in Schwierigkeiten waren. Was in dieser kurzen Zusammenfassung so simpel klingt, fügt sich im Text von Jack McDevitt als lyrische Kadenz eines Schriftstellers, der sein Handwerk versteht und die emotionale Kraft von Musik als intergalaktisches Kommunikationsmittel benutzt (nicht so ganz ungewöhnlich, wenn wir daran denken, was sich beispielsweise auf den CD’s der Voyager-Missionen findet).</p>
<p>In der Kurzgeschichte „Tidal Effects“ (2022) in „Return to Glory“ (2022) geht Jack McDevitt den entgegengesetzten Weg und schreibt über das Alleinsein der Menschheit. Radioastronomen haben mit den besten Instrumenten der Menschheit keine Sauerstoffsignaturen auf anderen Planeten im All entdecken können und kommen deshalb zu dem Schluss, dass die Erde eine kosmische Anomalie sei. Es sähe so aus, dass wir tatsächlich allein seien. Diese Kurzgeschichte verbindet einen verzweifelten und gescheiterten Rettungsversuch beim Schwimmen im Meer mit der furchtbaren Wahrheit, dass die Menschheit keine Brüder im All findet. Diese kurze Geschichte erzählt eine große Angst, von der Arthur C. Clarke in einem Bonmot sagte, dass es zwei Möglichkeiten gäbe, die gleichermaßen erschreckend seien: Entweder sind wir allein im Universum – oder wir sind es nicht.</p>
<p>Jack McDevitt hat sich allerdings seine Hoffnung nach einem galaktischen Treffen mit Freunden aus dem All erhalten. Er schreibt in „The Long Sunset“ (2018): <em>„Was ich immer machen wollte, war, mit jemandem aus einer Millionen Jahre alten Zivilisation zusammenzusitzen und Ideen auszutauschen.“</em></p>
<h3><strong>Ein Optimist – trotz allem</strong></h3>
<p>Der alte Traum der Science Fiction muss weitergeträumt werden, bis, ja vielleicht bis wir endlich auf außerirdische Intelligenzen stoßen. Ob die uns freundlich gesonnen sind, ist natürlich eine andere Frage.</p>
<p>Jack McDevitts Einstellungen zum Leben und zur literarischen Erzählkunst werden am deutlichsten in seinem <a href="https://locusmag.com/2005/Issues/10McDevitt.html">Interview in der Zeitschrift LOCUS vom Oktober 2005</a>. Hier spricht er darüber, wie das 23. Jahrhundert, über das er in seinen Romanen schreibt, aussehen könnte, nämlich katastrophal: die gesamte Antarktis sei in den Ozean kollabiert, es herrsche Überbevölkerung auf der Erde, zu viele Diktatoren würden herrschen, es gebe viel mehr Technik im Alltagsleben, was die Welt viel gefährlicher machen würde.<em> „Ich vermute, wir würden einen Kipppunkt erreichen, an dem die Technologie komplett außer Kontrolle geraten würde.“ </em>Er spricht an mehreren Stellen über den Einfluss von Religionen und sagt, <em>„eine Welt voller Agnostiker wäre viel einfacher zu managen als mit diesen sogenannten wahren Gläubigen.“</em></p>
<p>Weiterhin spricht Jack McDevitt darüber, dass er glaubt, dass sich die menschliche Natur auch in tausend Jahren nicht wirklich ändern wird. Alles andere würde sich ändern, die Wissenschaft zum Beispiel, aber die Menschen eben nicht. Hier liegt vermutlich die Grundlage für die Beschreibung seiner Protagonistinnen Alex Benedict, Chase Kolpath und Priscilla Hutchins, die uns so bekannt vorkommen, obwohl sie in fremden Welten der Zukunft agieren, mal etwas näher, mal etwas weiter entfernt von unserer Zeit.</p>
<p>McDevitt schreibt, dass er regelmäßig Workshops mit Menschen veranstaltet, die Schriftsteller werden wollen. Wenn er sie fragen würde, was eine Schriftstellerin oder ein Schriftsteller machen, antworteten sie: Geschichten erzählen. Dies sei aber falsch. <em>„Was ein Schriftsteller macht, ist Erfahrungsmöglichkeiten zu inszenieren.“ </em>Er äußert sich auch über radikale politische Entwicklungen in der Welt und Rechtstendenzen in den USA und schließt mit der Bemerkung, dass er ein Optimist sei. Das LOCUS-Interview endet mit einer Aussage, die wie eine Botschaft an die heutige Gesellschaft in den USA, zwanzig Jahre später, klingt: <em>„Ich bin ziemlich überzeugt davon, dass gesunder Menschenverstand und menschliche Anständigkeit letztendlich die Oberhand gewinnen werden. Es gibt gute Gründe, darauf zu hoffen. Wir sind klüger und zäher, als die Pessimisten oder Fanatiker uns zugestehen wollen.“</em></p>
<p>Und so endete auch meine kurze E-Mail Konversation mit dem 90jährigen Schriftsteller vom August 2025 mit seinem Rat an junge Autorinnen und Autoren: <em>„Angehende Schriftsteller sind oft talentierter, als ihnen bewusst ist. Mein Rat? Geben Sie nicht auf. Und lassen Sie mich wissen, wenn Sie Erfolg haben.“</em></p>
<p><strong>Fritz Heidorn</strong>, Oldenburg</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im November 2025, Internetzugriffe zuletzt am 28. Oktober 2025, Titelbild: Aiki Mira, erstellt mit openart.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Selbstwirksamkeit schafft Resilienz</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 14 Apr 2025 08:55:04 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Selbstwirksamkeit schafft Resilienz Ein Gespräch mit Marina Weisband (nicht nur) über die Bundestagswahl 2025 „Demokratie ist ja letzten Endes die Herrschaft durch uns alle. Das jedoch widerspricht unserer Sozialisierung als passive Konsumenten. In der Schule drückt sich das darin aus, dass wir gesagt bekommen, wann wir wo zu sitzen und worauf wir 45 Minuten  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-9 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-8 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-9" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Selbstwirksamkeit schafft Resilienz</strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit Marina Weisband (nicht nur) über die Bundestagswahl 2025 </strong></h2>
<p><em>„Demokratie ist ja letzten Endes die Herrschaft durch uns alle. Das jedoch widerspricht unserer Sozialisierung als passive Konsumenten. In der Schule drückt sich das darin aus, dass wir gesagt bekommen, wann wir wo zu sitzen und worauf wir 45 Minuten unsere Aufmerksamkeit zu lenken haben. Und genauso verhalten wir uns dann auch in Bezug auf Politik, von der wir erwarten, dass sie ‚liefert‘ – ganz so, als seien wir Kunden, die etwas bestellt hätten. Demokratische Politik ist aber kein Bestellkatalog, sondern ein Aushandlungsprozess.“ </em>(Marina Weisband, <a href="https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/demokratie-jenseits-von-wahlen-2024/552907/einstiegsdroge-in-die-demokratie/">„Einstiegsdroge in die Demokratie“</a>, in einem Telefoninterview mit Till Schmidt am 3. September 2024, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 12. Oktober 2024)</p>
<p>Im Frühjahr 2024 erschien „Die neue Schule der Demokratie“, dass die Psychologin und Publizistin <a href="https://marinaweisband.de/">Marina Weisband</a> gemeinsam mit Doris Mendlewitsch geschrieben hatte (Frankfurt am Main, S. Fischer, 2024). Das Buch stellt das von ihr geleitete <a href="https://www.aula.de/">aula-Projekt</a> vor, Untertitel: <em>„Wilder denken, wirksam handeln“</em>. Der Untertitel erinnert an den Arthur Schnitzler zugeschriebenen und in manchen fortschrittlichen Bewegungen gerne zitierten Aufruf kennen: <em>„Lebe wild und gefährlich!“</em> Es ist zurzeit nicht ungefährlich, sich öffentlich für die freiheitliche Demokratie und gegen faschistische Tendenz zu engagieren. Um dies erfolgreich zu tun, müssen wir – so Marina Weisband –von <em>„Konsumenten“</em> zu <em>„Gestaltern“ </em>werden. Politik für Kinder und Jugendliche muss zu einer Politik von und mit Kindern und Jugendlichen werden. Kinder und Jugendliche sind keine Objekte, sondern Subjekte der Politik. Dies gilt nicht nur für Kinder und Jugendliche, dies gilt für uns alle. Auf der didacta 2025 sollte Marina Weisband zur Bildungsbotschafterin gekürt werden. <a href="https://marinaweisband.de/standhaftigkeit-ist-wenn-es-weh-tut/">Sie lehnte dies ab</a>, weil die didacta die AfD auf der Messe mit eigenem Stand zugelassen hatte.</p>
<h3><strong>Folgen und Gefahren einer Selbstentmächtigung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich schlage vor, dass wir unser Gespräch mit Ihrer Einschätzung der Ergebnisse der Bundestagswahl beginnen.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Es war nicht die große Zäsur in der deutschen Geschichte. Ich denke, das wird die nächste Wahl sein. Bisher war ich vom Wählen als Vorgang fasziniert. Als ich nach Deutschland kam und als ich zum ersten Mal gewählt habe, hat mich das völlig geflasht. Den Wahltag habe ich immer als eine Art Feiertag gestaltet. Ich habe mich hübsch angezogen und bin mit meinem Mann, später dann auch mit meiner Tochter, zum Wahllokal gegangen. Aber ich habe noch nie so ungern gewählt wie dieses Mal. Der Grund: Diese Wahl war für keine Partei, für keine Seite, für kein Medium eine Wahl, die etwas mit Zukunftsthemen zu tun gehabt hätte. Zukunft fand bei dieser Wahl nicht statt. Das ist das Erschreckende für mich. Der Aufstieg des Populismus, die ökonomischen Schwierigkeiten, vor denen wir jetzt stehen, alles, was die Weltlage um uns herum begleitet, ergibt sich auch ein Stück daraus. Wenn niemand mehr Angebote macht, wie wir in Zukunft leben können, sind wir nur noch in einem Dagegen gefangen. Und das ist nie ein kluger Ausgangspunkt für Politik.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Diese Entwicklung ließ sich <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/hasenfuesse-und-kaninchen/">schon bei den Europawahlen</a> feststellen. Kurz zuvor hatten wir <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/radikal-demokratisch-paedagogisch/">über Ihr Buch zum aula-Projekt gesprochen</a>. Grüne und SPD machten eigentlich nur Wahlkampf gegen Rechts, CDU / CSU Wahlkampf gegen die Ampel, die FDP irgendwie auch und damit auch gegen sich selbst. Denselben Fehler machte Kamala Harris in ihrem Wahlkampf gegen Donald Trump, zumindest in der zweiten entscheidenden Phase des Wahlkampfes.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Es fehlt an Ideen, es fehlt an Politik. Wir haben keine Politik, wir haben Verwaltung. Politiker:innen schauen, wo sind die Mehrheiten, und sie eifern diesen Mehrheiten technokratisch hinterher. Wenn die Leute Abschiebungen wollen, schauen sie, wie wir möglich viele Abschiebungen machen. Auf der anderen Seite haben wir Leute, die vorgeben, Ideen zu haben, aber in Wirklichkeit nur eine diffuse Unzufriedenheit äußern. Positive Ideen sehe ich wenig: Was will ich eigentlich erreichen, wenn ich meine Lebenszeit im Bundestag einsetze? Das ist ein sehr grundlegendes Problem für die Demokratie.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Den Wahlerfolg der Linken, die bei der Europawahl mehr oder weniger vor der Auflösung stand, führe ich darauf zurück, dass sie die einzige Partei war, die auf ihren Plakaten konkrete Themen benannte und das auch noch recht witzig formuliert.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das ist das eine. Die Linke war aber auch die einzige Partei, die es geschafft hat, die politische Energie, die gegen Rechts auf der Straße war, politisch aufzunehmen und umzusetzen und in weiten Teilen glaubwürdig zu vertreten: „Wir sind eine antifaschistische Partei“. Das beißt sich da, wo sie Putins Faschismus übersehen, da sind sie nicht konsequent. Die Grünen hätten diese Energie ebenfalls abgreifen können. Sie waren die Partei, die das Hauptziel der Angriffe war. Aber statt sich hinzustellen und zu sagen, ja, wir sind die antifaschistische Partei, wir sind der Hauptgegner von rechtsgerichteten Bewegungen, von autoritären Bewegungen, hat Robert Habeck, mir unerklärlicherweise, diesen Zehn-Punkte-Plan vorgelegt, sodass die Leute, die keinen Rassismus wählen wollen, auch davon nicht überzeugt waren.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Den Vorschlag hatte Robert Habeck meines Erachtens ohne Not geschrieben. <em>  </em></p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Ich verstehe die Strategie dahinter nicht. Wenn es eine gab.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht eher nicht. Ich habe den Eindruck, die demokratischen Parteien, auch die Grünen, verhielten sich in diesem Wahlkampf wie Getriebene.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Es gibt im Moment zwei politische Strömungen. Die eine hechelt Umfragen hinterher, die andere hat verstanden, dass man Mehrheiten erzeugen kann. Die Parteien der politischen Mitte, von der Linken bis zur CDU, sind damit beschäftigt, herauszufinden, was die Leute wollen, ohne zu verstehen, dass Mehrheiten nicht auf Bäumen wachsen und schon gar nicht gottgegeben sind. Wir bekommen keine Eingebungen, woher auch immer. Es ist die Aufgabe von Politiker:innen, ihre Standpunkte zu argumentieren, sich Mehrheiten zu schaffen. Es ist die Aufgabe von Medien, diese Mehrheiten nicht nur abzubilden. Medien formen Mehrheiten. Wenn ich 24/7 nur noch über kriminelle Migranten schreibe, brauche ich mich nicht zu wundern, dass viele Menschen dieses Thema für wichtig erachten, auch wenn es viele Themen gibt, die für ihr tägliches Leben wichtiger sind.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bei Rechtsextremisten heißt es immer, das war ein Einzeltäter, bei migrantischen Tätern, das war die ganze Gruppe. Das eigentliche Problem ist das unkoordinierte Wissen von Sicherheitsbehörden. Alle wussten irgendetwas, aber es wurde nicht zusammengeführt. Wäre dies geschehen, wäre so mancher Mord verhindert worden. Und warum müssen so viele Zugewanderte Monate, wenn nicht Jahre warten, bis ihre Abschlüsse anerkannt, ihre Verfahren abgeschlossen werden können? Das sind nur zwei der Fragen, die wir beantworten müssten.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Wenn wir über Migration sprechen, sagen mir viele, auch Grüne, ja, es gibt ja wirklich echte Probleme, ja, das stimmt. Aber warum reden wir nicht darüber, dass Kommunen viel zu viel Verantwortung und viel zu wenig Geld haben? Warum reden wir nicht über psychologische Prävention? Wir sprechen schon lange nicht mehr über Prävention von Fluchtursachen, nicht über Kooperation von Behörden, nicht über die Anerkennung von Abschlüssen von Migrant:innen oder über Arbeitserlaubnisse von Asylbewerber:innen oder geduldete Personen. Alles hat sich nur auf das Thema Abschiebungen versteift. Weder die Medien noch die Parteien der Mitte widersprechen. Als wenn Abschiebungen zu mehr Sicherheit führen würden! Diese Annahme wird jedoch als Erzählung unangetastet gelassen und nicht hinterfragt. Weil alle so getrieben sind, so furchtbar ängstlich. Alle haben so viel Angst! Und Angst ist so ein schlechter Berater.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Genau dies hat <a href="https://www.ardmediathek.de/video/auf-dem-nockherberg/die-fastenrede-2025-von-maximilian-schafroth/br/Y3JpZDovL2JyLmRlL2Jyb2FkY2FzdC9GMjAyNVdPMDAwMzc3QTAvc2VjdGlvbi85ZDdjNTY0YS0zNTkwLTQxOTAtYTVhNy1hMzZiYjgwZDQ2M2E">Maximilian Schafroth in seiner Rede auf dem Nockherberg am 11. März 2025</a> mindestens fünf Mal gesagt, ihr lasst euch alle nur von der Angst treiben. Die anwesenden Politiker:innen, allen voran Markus Söder, waren nicht so begeistert.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Es gibt gute psychologische Untersuchungen, was gerade ökonomisch unsichere Situationen bewirken. Hintergrund des Problems: Wir sind in einer Negativspirale aus ökonomischer Unsicherheit, wählen also angstgetrieben und kurzsichtig. Daraus entsteht eine kurzsichtige und angstgetriebene Politik, von der hauptsächlich Leute profitieren, die Gelder von unten nach oben verteilen, was aber die ökonomische Lage nicht stabilisiert, weil eine solche Politik nicht strategisch und perspektivisch gedacht wird. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Politiker:innen werden zum Spiegelbild angstgetriebener Bürger:innen und sie selbst sind für diese wachsende Angst verantwortlich, die sie gerne als <em>„Sorgen der Bürger“</em> adressieren, denen man gerecht werden müsste. So entsteht eine Art negative Selbstwirksamkeit.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das heißt, unsere ökonomische Zukunft wird noch unsicherer und diese Unsicherheit führt weiterhin dazu, dass wir kurzsichtige Politik machen. Ich denke aber, wir haben den Anspruch, dass die Menschen, die sich um die höchsten Positionen in diesem Land bewerben, nicht auf diesen Mechanismus hereinfallen, sondern dass sie so professionell sind, dass sie tatsächlich worst cases durchdenken, sich darauf vorbereiten, langfristige strategische Ziele setzen und diese erklären können. Stattdessen heißt es immer wieder: „Das können wir den Menschen nicht zumuten.“ Doch: Das ist buchstäblich deine Berufsbeschreibung. Wenn du als Politiker:in meinst, den Menschen das, was du willst, nicht erklären zu können, hast du deinen Beruf verfehlt.    </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Politik wird auf einen Lieferdienst reduziert.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Genau das. Die Ampel liefert nicht mehr, als wären wir Kund:innen von irgendetwas, das wir nicht bestellt haben. Das ist auch eine Selbstentmächtigung. Ach, die Zeiten sind so schlimm und die da oben machen gar nichts. Und dann sitzen wir hier und sind so hilflos und können nur beten, dass – keine Ahnung – die SPD irgendetwas macht. Wir machen uns selbst zu Kindern. Völlig unnötig.</em></p>
<p><em>Als Zivilgesellschaft haben wir viel Stärke. Wir haben auch die Verantwortung und wir können nicht immer warten, bis der Politiklieferservice irgendein gutes Produkt bereitstellt.</em></p>
<h3><strong>Die prekäre Lage der Zivilgesellschaft</strong></h3>
<p><strong> Norbert Reichel</strong>: Ich nenne einmal Gegenbilder: Die Demonstrationen, die wir zurzeit in der Slowakei, in Georgien, in Serbien oder in Argentinien erleben, demnächst mit Sicherheit auch in den USA. Da gibt es zivilgesellschaftlichen Widerstand gegen eine autoritäre Politik, die nur das Wohl der Reichen und Mächtigen betreibt. In Deutschland habe ich den Eindruck, dass es zwar immer wieder anlassbezogenen zivilgesellschaftlichen Widerstand mit eindrucksvollen Demonstrationen gegen Rechts gibt, aber doch eine verlässliche und wirksame Strategie fehlt, vielleicht auch ein klares Ziel, wie Gesellschaft werden könnte.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Eine Demonstration auf der Straße ist zwangsläufig immer ein kurzfristiger Akt. Wenn sich solche Demonstrationen über mehrere Monate hinziehen, geschieht dies immer aus Verzweiflung. Ich habe das 2014 auf dem Maidan erlebt, als Menschen drei Monate lang auf der Straße gewohnt haben. Das lag einfach daran, dass sie buchstäblich nichts mehr hatten, wohin sie zurückkehren konnten. Das ist in Deutschland noch anders. </em></p>
<p><em>Ich werfe den Demonstrierenden nicht vor, dass sie nicht buchstäblich als Teilzeitjob auf der Straße stehen. Das wäre auch nicht nachhaltig. Wenn ich von zivilgesellschaftlichem Engagement spreche, spreche ich von Demonstrationen als der kurzfristig sichtbarsten Variante. Ich spreche aber auch von Engagement in Gewerkschaften, in Parteien, in Verbänden, ich spreche von Vernetzung, ich spreche von kommunalpolitischem Engagement. Es gibt zehntausend Arten, wie wir uns in der Gesellschaft engagieren können. Jede Verbindung von Menschen, die sich miteinander solidarisieren, sei es, weil sie im gleichen Verein sind, in der gleichen Gewerkschaft, wo auch immer, all das wird Faschismus schwächen und nimmt uns Angst. Denn wir uns zusammenfinden, haben wir weniger Angst. Das sind alles notwendige Mittel. Der Protest auf der Straße allein ist die Spitze des Eisbergs, aber es noch nicht das Bilden nachhaltiger Strukturen, um einem Regime zu trotzen, das dann fünf oder zehn Jahre regiert.   </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Deutschland und in den meisten europäischen Staaten geht es nicht darum, einem Regime zu trotzen, sondern der Gefahr zu trotzen, dass es ein solches Regime geben könnte. Ist das nicht eine völlig andere Situation?</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Nicht ganz. Denn wenn diese Gefahr besteht, muss man davor die Strukturen schaffen, die einen solchen Prozess überleben können. Denn sobald eine autoritäre Regierung an der Macht ist, ist es dafür zu spät. Denn dann nimmt sie einem die Mittel, sich gegen sie zu vernetzen. Das ist das Allererste, das eine autoritäre Regierung tut. Wir erleben zurzeit in den USA, </em><a href="https://www.tagesspiegel.de/wissen/ich-dachte-die-usa-seien-immun-gegen-diktatur-sieben-forscher-erzahlen-was-trump-mit-ihren-laboren-macht-13282060.html"><em>wie dort Wissenschaftsfreiheit eingeschränkt wird</em></a><em>, wie Versammlungsfreiheit eingeschränkt wird. Wir hatten jetzt die erste </em><a href="https://www.hna.de/politik/trump-initiiert-inhaftierung-von-palaestinensischen-aktivisten-ich-habe-ihn-beobachtet-zr-93621582.html"><em>Verhaftung eines jungen Mannes ohne Angabe von Gründen oder des Vorwurfs einer konkreten Straftat</em></a><em>. Es ging nur um seine Einstellung, seine Teilnahme und seine Rolle bei der Organisation pro-palästinensischer Demonstrationen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Hinzu kommt eine Art Damnatio Memoriae von Menschen, die der Trump-Regierung nicht passen. <a href="https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/zu-woke-fuer-trump-pentagon-laesst-26-000-bilder-der-streitkraefte-loeschen-110351572.html">Betroffen sind im Pentagon sogar Kriegshelden der Vergangenheit</a>. Oder die DEI-Kampagnen mit der Streichung von Mitteln für alle, die sich wissenschaftlich mit <em>„Diversity, Equity, Inclusion“</em> befassen.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Man muss sich anschauen, was die Leute der Trump-Regierung als DEI bezeichnen. Dazu gehört dann jede Person, die nicht ein weißer Mann ist. Der Peak der Kampagne war zuletzt das Logo einer Firma, das ein Baby enthielt, das aus Guatemala stammte. Es wurde als „DEI-Baby“ bezeichnet. Dann heißt es, das Baby wäre nur für die Quote da, es hätte es nicht aufgrund einer Qualifikation auf das Bild geschafft.</em></p>
<p><em>Ich frage, was ist aus euren Augen ein „qualifiziertes Baby“. Das ist doch purer Rassismus: Unqualifiziert ist alles, was nicht weiß ist. Die Erzählung ist überall die gleiche. Wir dürfen sie nicht isoliert betrachten. Wir dürfen nicht so tun, als wenn das, was in Russland seit 25 Jahren, heute in den USA und in vielen europäischen Ländern geschieht, etwas Verschiedenes wäre. Es drückt sich sicherlich unterschiedlich aus, aber die Bewegung, die dahintersteckt, ist nicht nur strukturell das Gleiche. Es sind auch dieselben Akteure. Sie tauschen Geld aus. Sie tauschen Personal aus. Sie sind international eng vernetzt. Auch in den sozialen Netzwerken. </em></p>
<p><em>Warum bereite ich mich so sehr darauf vor, dass die Stimmung in Europa kippt? Unsere politische Willensbildung basiert massiv auf sozialen Netzen. Auch unser klassischer Journalismus. Die sozialen Netze gehören privaten Multimilliardären, die sich inzwischen mit dem amerikanischen Faschismus gleichschalten. Das wird Einfluss auf unsere Wahlen haben. Wir müssen dies als Gefahr erkennen. Ich sage hier nicht, alles ist verloren. Aber wir können nicht gut kämpfen, wir können nicht zielgerichtet dagegenhandeln, wenn wir das Problem nicht analysieren.</em></p>
<p><em>Das Problem: Unser politischer Diskurs beruht auf privaten Plattformen, die dazu gemacht sind, Stimmung zu manipulieren. Und diejenigen, die Stimmung gerade manipulieren, sind auf den Rechtskurs eingeschwenkt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die BILD-Zeitung machte das als Printmedium in Deutschland schon immer. Sie brauchte keine sozialen Medien, war im Grunde selbst eines avant la lettre.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Man könnte behaupten, es war schon immer ihre Aufgabe. Die BILD, die WELT versuchen, neue FoxNews zu werden. Es gibt auch Blüten, die übertragen werden, wo Worte Bedeutung verlieren. Dort beginnt Orwell. Wenn zu mir beispielsweise jemand sagt, der da ist Antisemit, weiß ich nicht mehr, ob das jemand ist, der in seiner Freizeit Juden verprügelt, oder ob es jemand ist, der sagt, in Gaza sollen nicht so viele Kinder bombardiert werden. Die Rechte versucht zu definieren, dass jeder, der für Netanjahu ist, kein Antisemit sein kann, und jeder, der gegen die Regierung Netanjahu ist, ein Antisemit sein muss. Das führt dazu, dass </em><a href="https://www.timesofisrael.com/liveblog_entry/trump-chuck-schumer-used-to-be-jewish-but-is-now-a-palestinian/"><em>Trump über den jüdischen Senator Chuck Schumer gesagt hat, er war mal Jude, jetzt ist er Palästinenser</em></a><em>. Wir kommen in begriffliche Umdeutungen. Das müssen wir beobachten und benennen, sonst fallen wir darauf herein.</em></p>
<p><em>In Redaktionen muss es eine Bewegung geben, dass wir nicht mehr etwas unbesehen von X als Nachricht zitieren, weil wir damit einer Institution die Freiheit geben, dass sie uns selbst und unsere Freiheit abschafft.  </em></p>
<h3><strong>Unsere Pflicht als Demokraten</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie haben in Ihren Büchern, Ihren Vorträgen und Statements immer wieder eine Strategie gegen diesen pro-autoritären Rechtskurs eingefordert. Wie könnte diese Strategie aussehen? Die Linke profitierte bei der Bundestagswahl vom 23. Februar 2025 unter anderem von der Reichweite von <a href="https://heidi-reichinnek.de/">Heidi Reichinnek</a> in den sozialen Medien? Dazu kamen ein intensiver Haustürwahlkampf und inhaltlich anspruchsvoll und witzig gehaltene Plakate, die fast alle die viele Menschen bewegenden sozialen Themen sichtbar machten. Der linke Bundestagskandidat aus Bonn, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-ideelle-gesamtmarxist/">Jürgen Repschläger</a>, sagte mir vor einigen Tagen, man wolle jetzt zur Vorbereitung der Kommunalwahlen im September systematisch in die Stimmbezirke gehen, in denen die AfD viele Stimmen erhalten hätte.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das ist eine gute Strategie, <u>eine</u> gute Strategie. Das andere ist etwas, das die AfD seit Jahren macht, ganz besonders in Ostdeutschland. Sie gleicht dort viele Strukturen aus, die der Staat und die demokratische Zivilgesellschaft vernachlässigt haben. Sie stellen ehrenamtliche Trainer:innen in Sportvereinen, sie engagieren sich in der Freiwilligen Feuerwehr, sie helfen Leuten bei der Ausfüllung von Bürgergeldanträgen. Sie versuchen, Stellen zu besetzen, die ganz vielen Menschen in ihrem Leben ganz praktisch helfen. Das haben andere politische Akteure verpasst. Ein zweiter Punkt: Wir brauchen zivilgesellschaftliche Vernetzung, Vernetzung an der Basis. Da werden Gewerkschaften eine ganz zentrale Rolle spielen.    </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Für all diese Tätigkeiten wird oft der Begriff der <em>„Kümmerer“</em> verwendet. Aber hat man diese Strukturen nicht alle schon lange aufgegeben? Kann man die überhaupt flächendeckend wieder neu schaffen? Nicht nur in Ostdeutschland. Man muss sich nur die Wahlergebnisse im Ruhrgebiet nördlich der A 40 anschauen. Früher leisteten das dort die SPD-Ortsvereine, gemeinsam mit Gewerkschaften, AWO und Vereinen. Davon ist heute kaum noch etwas übrig. Auch ein Ergebnis der Parteireform von Schröder und Müntefering. Und nicht zuletzt einer falsch verstandenen Digitalisierung. Früher besuchte der Kassierer die Leute für den Parteibeitrag, man trank einen Kaffee oder ein Bier zusammen, heute erfolgt dies per Einzugsermächtigung oder Dauerauftrag. All diese persönlichen Kontakte waren aber wichtig für den Zusammenhalt. Traditionelle SPD-Bezirke leiden darunter, dass die Wahlbeteiligung dort deutlich gesunken ist, in Köln-Chorweiler zum Beispiel auf 19,5 Prozent.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong> (mit leicht resignierender Stimme): <em>Wir müssen diese Strukturen neu bauen. </em>(wieder im üblichen engagierten Sprechmodus) <em>Die Leute bekommen als erstes das mit, was ihren Alltag betrifft, das, was sie fühlen, und wer ihre Bedürfnisse merkt. Das müsste eigentlich ein Weckruf für eine soziale Politik sein. Das sind soziale Aufgaben, die da übernommen werden. Die AfD macht das, um Stimmung zu machen, weil das in ihren Strategiepapieren so drinsteht. Aber das sind Aufgaben, die ein gesunder Staat leisten muss. Das gehört zu meinem zweiten Punkt. Wir müssen uns zivilgesellschaftlich organisieren und vernetzen. Das Trainieren einer Fußballmannschaft ist auch politisches Engagement, die Hilfe beim Ausfüllen eines Bürgergeldantrags ist auch politisches Engagement, das Einkaufen für die ältere Nachbarin ist politisches Engagement. </em></p>
<p><em>Und wenn die Leute etwas Rassistisches sagen, sollten wir nicht versuchen, sie mit Fakten zu widerlegen. Das machen viele Akademiker:innen gerne. Sie predigen und glauben, wenn die Leute nur mehr wüssten, wären sie auch gleich weniger rassistisch. Das ist nicht so. </em></p>
<h3><strong>Die Menschen annehmen – die Ideologie ablehnen</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bildung ist leider nicht die Lösung, oder?</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Die Lösung ist, den Menschen annehmen und seine Ideologie ablehnen. Beides in einer radikalen Art. Ich rede nicht über deinen Rassismus, aber ich werde dich fragen, wie es dir geht. Und ich werde dich ernst nehmen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es hilft nichts, wenn ich jemanden, der faschistische oder faschistoide Ansichten vertritt, als faschistisch bezeichne. Das werden die Angesprochenen sofort abstreiten und das Argument umdrehen und mich als den eigentlichen Faschisten brandmarken. Das macht Putin ja auch recht erfolgreich, wenn er Selenskyj als Faschisten oder gleich als Nazi bezeichnet.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Wie ich vorgehe, hängt von der individuellen Beziehung und der jeweiligen Situation ab. Ich mache das seit vielen Jahren mit meinen Verwandten. Es ist nicht immer leicht. Wenn jemand rassistische Ansichten äußert, sage ich immer klar: Darüber möchte ich mit dir nicht reden.</em></p>
<p><em>In einer Talkshow ist das anders. Ich werde dort keinen AfD-Vertreter treffen, weil ich solche Anfragen ablehne. Ich lehne sie nicht ab, weil ich nicht bereit bin, mit Menschen zu sprechen, die andere Ansichten haben. Aber die Talkshow ist in ihrer Struktur ungeeignet. Ich kann dort niemanden überzeugen, denn der Beruf eines AfD-Vertreters in einer Talkshow ist es, dass er mir nicht recht gibt. Er muss gewinnen. Und wenn wir beide mit dem Anspruch hineingehen, eine Diskussion gewinnen zu müssen, kann kein sinnvoller Austausch entstehen. Eine Talkshow ist etwas Performatives, eine Kampfarena. Wenn ich in eine Kampfarena gehe und dort darüber diskutiere, ob allen Menschen Würde zusteht, stelle ich dies selbst in Frage, selbst, wenn ich klar und deutlich vertrete, dass allen Menschen Würde zusteht. Aber ich mache das an dieser Stelle debattierbar, etwas, das nicht debattierbar ist.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Manche plädieren dafür, Begegnungen im Alltag zu organisieren, damit Menschen ihre Vorurteile abbauen könnten.</p>
<p><strong>Marina Weisband: </strong>Ich<em> will nicht dafür werben, dass queere Leute und Trans-Leute notwendigerweise mit Leuten Kontakt halten sollen, die ihre Existenz ablehnen, und nett zu ihnen sein sollen. Das ist nicht meine Absicht. Viele von uns haben aber Kontakt zu jemanden, der abdriftet. Die beste Vorsorge gegen dies Abdriften ist, wenn wir dazu die Ressourcen haben, einfach menschlich da zu sein. Das Schöne ist, man findet dann auch viele In-Groups. Ich bin mit vielen AfD-Wählenden einig darin, dass wir mehr demokratische Mitbestimmung brauchen. Sie bilden sich natürlich ein, dass die AfD dafür sorgen wird. Das wird sie ganz sicher nicht. Aber im Ziel bin ich mir mit ihnen einig. Oder wenn mir eine junge Frau sagt, sie hat Angst, wenn auf der Straße so viele Ausländer sind. Ich frage dann, kann es sein, dass du ein Problem hast mit Armut und Sexismus? Dann sind wir schnell auf einer Linie: Ja wir müssen beides bekämpfen. Das sind eher die Ansätze, die viel besser funktionieren als von der Kanzel zu predigen. </em></p>
<p><em>Gleichzeitig brauchen wir ein AfD-Verbot. Wir werden immer etwa 20 Prozent latente Rassisten in der Gesellschaft haben. Das hatten wir schon immer. Das werden wir nicht ändern können. Wir können aber verhindern, dass sie an die Macht kommen. Das ist unsere Pflicht als Demokraten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie leben in Münster, der Stadt, die immer die niedrigsten AfD-Ergebnisse hat, immer einstellig, dieses Mal erstmals leicht über fünf Prozent, aber mit ganz wenig Zugewinnen.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Münster ist ein Ort der Glückseligkeit. Wäre Münster nicht in Deutschland, hätte ich keine Zweifel, ob ich hierbleiben kann. Das liegt erstens daran, dass die Stadt im Vergleich zu anderen Städten relativ wohlhabend ist. Zweitens ist sie sehr gebildet, eine Universitätsstadt mit 40.000 Menschen an der Universität in einer Stadt von etwa 300.000 Einwohner:innen. Das verbindet uns auch mit den Protesten in der Slowakei. Da demonstrieren viele Studierende, Dozent:innen, gebildete Menschen. Wir sollten Bildung nicht unterschätzen. Bildung ist ein ganz großer Schutzfaktor für Demokratie. Deswegen versuchen autoritäre Kräfte auch, Bildung abzuschaffen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zumindest staatliche Bildung. Wie jetzt auch in den USA.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Sie versuchen Bildung zu verhindern, gerade für arme Menschen, für Frauen und Mädchen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Oder sie instrumentalisieren Bildung für ihre Zwecke. In Russland gibt es jetzt in den Schulen das <a href="https://www.dw.com/de/gespr%C3%A4che-%C3%BCber-wichtiges-patriotismus-lektionen-in-russlands-schulen/a-63684447">Fach „Gespräche über wichtige Dinge“</a>, in denen gelehrt wird, warum es richtig ist, dass Russland in die Ukraine einmarschiert ist, warum es wichtig ist, das Militär zu unterstützen. In Orwell’schem Newspeak ist ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg dann <em>„Patriotismus“</em>. Putin hat es geschafft, einen autoritären Staat in einen totalitären Staat zu verwandeln, der der Sowjetunion und dem nationalsozialistischen Deutschen Reich immer ähnlicher wird. Und wer sich das Vorgehen der Regierung in Florida und einigen anderen Staaten anschaut, wird feststellen, dass dort in den Schulen mehr oder weniger alles, das nicht dem Meinungsspektrum (sofern es überhaupt ein Spektrum ist) konservativster Republikaner entspricht, aus Lehrplänen und Schulbibliotheken entfernt wird. Sklaverei wird zum Beispiel zur beruflichen Qualifizierung von Afrikaner:innen umgedeutet. Es gibt in den USA auch schon lange Schulen, in denen die Evolutionstheorie nicht mehr gelehrt werden darf.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>All das ist nicht Bildung, sondern Propaganda.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auch so eine Umwertung im Sinne des Newspeak. Bei der Wagenknecht-Demonstration am 3. Oktober 2024 sagte jemand ganz treuherzig, Putin wolle doch nur dasselbe wie wir: <em>„Bildung und Infrastruktur“</em>.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Nein, das will er nicht. Die größten Teile von Russland haben weder Bildung noch Infrastruktur. Nirgendwo sonst gibt es so wenige Häuser wie in Russland, in denen es zum Beispiel eigene Toiletten gibt. Außerhalb von Moskau und St. Petersburg. Das können wir uns hier gar nicht vorstellen, wie wenig Infrastruktur es in Russland gibt. Ich weiß nicht, ob es eine ehrliche Idealisierung ist, an die die Menschen wirklich glauben, oder ob sie sich diese Geschichten selbst erzählen müssen. Wir dürfen nicht darauf hereinfallen. </em></p>
<p><em>Wir dürfen aber auch nicht so tun, als sei mit der Abschaffung von Faschismus bereits die Investition in Bildung und Infrastruktur getätigt. </em></p>
<h3><strong>Zivilgesellschaft braucht Sicherheit</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zivilgesellschaft braucht staatliche Garantien. Wie könnten die Parteien und die Regierung zivilgesellschaftliche Initiativen und Projekte unterstützen? Einerseits finanziell, andererseits aber ist es vielleicht in unseren Zeiten viel wichtiger zu sichern, dass zivilgesellschaftliche Akteure keine Angst haben müssen sich zu äußern, nicht befürchten müssen, von denen, die ihre Ansichten nicht teilen, angegriffen zu werden. Solche Angriffe sind zurzeit in einigen Regionen Alltag, Hausbesuche, Adressen werden ins Internet gestellt, körperliche Angriffe bis hin zu schwerer Körperverletzung. Das Ziel solcher Aktionen ist immer Einschüchterung.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das erste wäre, dass die CDU keine Kleinen Anfragen mehr stellen sollte, in denen die Gemeinnützigkeit von Organisationen in Frage gestellt wird, die das Grundgesetz verteidigen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die <a href="https://dserver.bundestag.de/btd/20/151/2015101.pdf">Antwort der Bundesregierung auf diese Anfrage</a> ist lesenswert.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das allerallererste: Zivilgesellschaftliche Organisationen brauchen Rechtssicherheit. Das zweite wäre die Verabschiedung eines Demokratiefördergesetzes im Deutschen Bundestag. Das stand schon in zwei Koalitionsverträgen, wurde aber immer noch nicht realisiert. In gemeinnützigen Nicht-Regierungsorganisationen gibt es viele Menschen, die im Ehrenamt arbeiten, die wichtige Aufgaben übernehmen, die eigentlich auch staatliche Aufgaben sein könnten. Es gibt nur wenige hauptamtlich tätige Menschen. Die Organisationen brauchen eine langfristige Perspektive. Stattdessen hangeln sie sich von Jahr zu Jahr. In den ersten fünf Jahren von aula musste ich mich jedes Jahr im Oktober arbeitssuchend melden, weil ich nicht wusste, ob wir im Januar genug Spenden zusammenbekommen, um unser Personal zu finanzieren. Es gibt zwar immer Anschubfinanzierungen, aber es gibt keine verlässliche Fortsetzung. Dann heißt es, dass man ein Business-Modell haben sollte, aber das haben gemeinnützige Organisationen per Definition nicht. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie sind qua Definition Non-Profit-Organisationen, sonst wären sie auch nicht gemeinnützig. Die Förderung gemeinnütziger Organisationen ist keine Wirtschaftsförderung.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Richtig! Es gibt aber keine Organisation, die sich darauf spezialisiert, angelaufene gemeinnützige Projekte weiter zu fördern. Jeder will ein neues Projekt. Das führt dazu, dass viele fähige Menschen in Deutschland damit beschäftigt sind sich zu überlegen: Wie formuliere ich die Fortführung meines Projekts so, als wäre es eine Neuerfindung, obwohl ich eigentlich nur die Arbeit, die vor Ort gebraucht wird, fortsetzen möchte. Aber das ist die Gesetzeslage.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Hinzu kommt, dass die Förderung von Demokratieprojekten als freiwillige Leistung gilt, die jederzeit eingestellt werden kann, wenn das Geld fehlt. In den letzten Bundeshaushalten und in vielen Landeshaushalten wurden die Mittel für solche Projekte deutlich reduziert, selbst für große Einrichtungen wie Bundes- und Landeszentralen für die politische Bildung. Das sind schon größere Einrichtungen mit einer Grundfinanzierung, das sind viele Demokratieprojekte vor Ort nicht. Wir bräuchten eine institutionelle und auf mehrere Jahre ausgelegte verlässliche staatliche Förderung, kurz: ein Demokratiefördergesetz, das Bund und Länder in die Pflicht nimmt. Der <a href="https://www.mkjfgfi.nrw/kinder-und-jugendfoerderplan-2023-2027-des-landes-nordrhein-westfalen">Kinder- und Jugendförderplan in Nordrhein-Westfalen</a> wäre ein mögliches Vorbild. Er enthält verlässliche Zahlen für den Zeitraum einer Legislaturperiode.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das zu erreichen, ist sehr sehr schwer. </em></p>
<h3><strong>Parteien müssen attraktiver werden</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zur Zivilgesellschaft gehören auch die Parteien.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Die Parteien könnten Engagement erhöhen, wenn sie selbst attraktiver werden. Das bedeutet vor allem: Mehr Durchlässigkeit für Neueinsteiger:innen. An der Basis einer Partei fühlt man sich oft als Hilfskraft für Leute, die schon 30 Jahre oder mehr Würstchen gewendet haben, den nächsten Schritt ihrer Karriere machen können. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Schön zugespitzt formuliert, aber so ist es.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Parteistrukturen befördern nicht immer die Fähigsten nach oben auf die Kandidatenlisten. Ich habe es bei den Piraten erlebt, teilweise auch bei den Grünen, welch enorme Vorteile es hätte, sich von der Denke zu verabschieden, ach, der oder die ist schon so lange dabei, die haben das verdient. Stattdessen müsste es heißen: Wer ist die fähigste Person, damit wir unsere gemeinsamen Ziele erreichen. Wir müssen fragen, wer die Ideen, die wir haben, am besten formulieren kann, wer charismatisch ist, wer Verständnis hat. Das wäre die Person, die wir nach vorne stellen sollten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bei SPD, CDU und CSU war es im Grunde schon lange so, jetzt auch bei den Grünen, dass Führungspositionen so gut wie ausschließlich mit Personen besetzt werden, die schon in jungen Jahren die Plakate geklebt haben, auf den Mitgliederversammlungen ständig präsent waren, schließlich Mitarbeiter:innen von Abgeordneten waren und dann eines Tages eben selbst dran waren, in einem Ministerium, in Fraktionen. Oft sind das Menschen, die nie etwas anderes kennengelernt haben als ihre eigene Partei und über keinerlei Lebens- und Berufserfahrung außerhalb der Politik verfügen.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>So koppelt man sich von der Gesellschaft ab. Ein solches System ist kaum geeignet, die Fähigsten in die Positionen zu befördern, in denen sie am besten wirken können. Die Kriterien, nach denen Politiker:innen auf Kandidaturlisten gelangen, sind völlig andere und nicht wirklich geeignet, die Gesellschaft und die Partei vorwärts zu bringen. Es gibt immer die Idee: Der hat sich das verdient!</em> <em>Viele Jahre dabei zu sein ist nicht die wichtigste Qualifikation, um eines der wichtigsten Ämter in diesem Land zu bekleiden. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Manchmal braucht es vielleicht einen Knall, damit die Leute etwas begreifen. Ich fand schon interessant, wie <a href="https://www.n-tv.de/politik/Ricarda-Lang-verabschiedet-sich-mit-knackiger-Rede-article25366540.html">Ricarda Lang</a> nach ihrem Rücktritt argumentierte. Sie sagte, es sei einfach falsch so zu tun, als habe man für alles die richtige und ein für alle Mal beste Lösung. Das ist aus meiner Sicht ein ganz zentraler Punkt, um gegen den Konsumismus in der Politik anzugehen.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Aber das wird abgestraft. Nicht zuletzt von der Presse. Es gibt viele Anreize von Seiten der Presse, die Politik behindern, auch seitens der Wähler:innen. Ich habe es in meiner Zeit bei den Piraten selbst erlebt, wie ich angefangen habe, Politikersprech zu benutzen. Immer mehr. Obwohl ich das nicht wollte. Ich wusste, dass jeder meiner Halbsätze zu einer Überschrift hochgejazzt werden konnte, für die sich dann alle meine Kolleg:innen an Infoständen rechtfertigen müssen. Ich weiß aber auch, dass die Journalist:innen, mit denen ich geredet habe, auch nicht wollten, dass ich Politikersprech benutze, aber sie haben Redaktionen im Nacken, die von ihnen verlangen: Schaffe eine interessante Schlagzeile. Damit die Finanzierung stimmt. Das ganze System wollte, dass Politiker:innen hohle Phrasen dreschen, und alle haben darauf hingearbeitet, dass genau das passiert.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die ganze Welt in 100 Zeichen.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Vielleicht braucht es wirklich einen Knall, weil es so schwierig ist, Menschen davon zu überzeugen, dass sich etwas verändern muss. Seit 15 Jahren beiße ich mir in die Ellbogen, weil Menschen das nicht begreifen. Ich fürchte, dass – wenn es einen Change by Design gibt – auch einen Change by Catastrophe gibt. Das Problem ist nur, eine Demokratie zu zerstören ist 100mal leichter als sie aufzubauen. Oder wieder aufzubauen. Wir riskieren gerade diese Zerstörung. Wir laufen darauf zu. Wir sind gerade im Prä-Faschismus.</em></p>
<p><em>Deshalb sage ich, wir müssen alles tun, um uns gegen diese Entwicklung zu wehren. Aber wir müssen auch heute schon, Samen in die Erde pflanzen, um uns auf übermorgen vorzubereiten. Denn morgen könnte wirklich dunkel sein.</em></p>
<h3><strong>Argumente für ein AfD-Verbot</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich hoffe, dass es bei dem Konjunktiv bleibt.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das hoffe ich auch. Ich lebe von Hoffnung. Gleichzeitig mit der Hoffnung bereite ich mich auf das Schlimmste vor. Ich bereite mich darauf vor, dass wir scheitern könnten. Wir müssen es in unsere Köpfe bekommen, dass auch das nicht das Ende von allem wäre. Geschichte geht weiter. </em>(Sie spricht emotional sehr bewegt.) <em>Meine Familie hat Kinder in den Holocaust hinein geboren. Und deshalb bin ich hier. Es gibt ein Übermorgen. </em></p>
<p><em>Und deshalb brauchen wir ein AfD-Verbot. Wir müssen alle Politiker:innen schütteln, wir müssen gerade auch Medienschaffende schütteln. Und wir müssen uns in der Gesellschaft engagieren. Und wenn all das nicht reicht, müssen wir das Übermorgen vorbereiten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich fand Ihre Argumentation zum AfD-Verbot sehr schlüssig. Wir alle wissen, das ist ein mehrjähriges Verfahren, aber in dieser Zeit ist diese Partei mit dem Verbotsverfahren beschäftigt.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Ich verlange doch nicht mehr als dass diese Frage dem Gericht gestellt wird. Wir diskutieren die ganze Zeit nur darüber, ob wir die AfD verbieten sollen oder nicht. Darum geht es doch gar nicht. Der Antrag im Bundestag bedeutet doch nicht, dass die AfD jetzt sofort verboten würde. Es geht darum, dass sich das Bundesverfassungsgericht damit auseinandersetzen muss. Während dies geschieht, muss die AfD darauf achten, dass sie keine verfassungswidrigen Sachen sagt.  Natürlich wird der Vorstand in dieser Zeit sanfter reden. Aber gleichzeitig hat die AfD eine radikale und radikalisierte Basis, die dann anfängt, den Vorstand zu fragen, warum erzählt ihr eine so weichgekochte Scheiße. Seid ihr etwa gar nicht mehr dafür, alle Ausländer rauszujagen? Aber das darf der Vorstand dann nicht sagen. Das führt zu Spaltungen in der Partei. Das ist aber das Beste, was uns passieren kann, dass sich die Partei selbst zerlegt. Aber wir tun nichts dazu. Stattdessen erzählen wir nur ihre Geschichten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das war im Wahlkampf sehr deutlich. Alle Parteien – mit Ausnahme der Linken – haben eigentlich nur die AfD-Geschichte erzählt.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das macht mir gerade Magenschmerzen. Dass wir in der Politik und in den Medien so wenig Personal haben, das in der Lage ist, diese Struktur zu durchschauen und ihr einen Riegel vorzuschieben. Das macht mich traurig. Und das lässt mich denken: Vielleicht brauchen wir eine Katastrophe, damit wir diese Art von Denken nicht auch noch befördern.  </em></p>
<p><em>Das hört sich nicht gut an, aber ich möchte auch auf keinen Fall in Doom verfallen. Wir müssen uns rückversichern: Nachrichten hören sich immer negativer an als die Weltlage wirklich ist. Mit negativen Nachrichten verdienen die Medien ihr Geld. </em></p>
<p><strong>Öffentliche Räume gegen den Autoritarismus schaffen</strong></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein sprunghafter Trump ist natürlich viel interessanter als jemand, der soziale Gerechtigkeit verkündet und das dann auch noch umsetzt.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Robert Habeck – um dieses Beispiel zu nennen – ist es gelungen, die drohende Energiekrise nach der Vollinvasion Russlands in der Ukraine abzuwenden. Wir sind aus russischem Gas ausgestiegen. Das war eine krasse Leistung. Waren die Zeitungen über Jahre voll davon? Nein, natürlich nicht, weil es eine positive Sache war. Wir können das abhaken und weiter machen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Stattdessen wurde Robert Habeck mit dem sicherlich alles andere als gut ausgearbeiteten ersten Entwurf des sogenannten Heizungsgesetzes verbunden. Das zog sich bis in den Wahlkampf hinein. Gas, Kohle, Atomkraft wurden von Politiker:innen und manchen Medien gegen jedes bessere Wissen als Lösungen verkauft, die sie nun wirklich nicht sind.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das eigene Denken ist immer von negativen Dingen bestimmt. Wenn ich vor Gefahren warne, macht das immer den Eindruck, als wäre alles schlecht. Natürlich ist nicht alles schlecht. Auch jetzt passieren viele gute Sachen. Und viele gute Menschen wachen gerade auf und vernetzen sich. Das ist genau das, was wir tun müssen. Ich möchte jedem, der zuhört, der liest, dringend dazu raten, selbst Teil dessen zu sein. Sei es in einer Mietergemeinschaft, sei es in einem Verein, sei es in einer Gewerkschaft. Tretet Gewerkschaften bei! Jetzt! Heute! Denn das sind die Strukturen, die sich gegen Autoritarismus effektiv wehren können. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gewerkschaften können natürlich auch ein Teil des Problems sein. Aber es gibt beim DGB inzwischen ein Bewusstsein dagegen. Ein gutes Beispiel ist das <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/yes-we-can/">Projekt „Betriebliche Demokratiekompetenz“</a>. Im Grunde das betriebliche Parallelprojekt zu aula. Sandro Witt, der dieses Projekt leitet, berichtete, dass sich in vielen Betrieben, in denen sie das Projekt durchgeführt hatten, Betriebsräte oder Auszubildendenvertretungen gebildet haben. Das sind erfolgreiche Institutionalisierungen. Alles mit Unterstützung der Betriebsleitungen.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Genau das müssen wir erreichen. Das haben die Rechten in den vergangenen Jahren gemacht! Das müssen wir auch tun, dafür sorgen, dass sich Dinge institutionalisieren!</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der von der Rechten geplante Marsch durch die Institutionen kann noch gestoppt werden.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Wir müssen erreichen, dass aus einer Bewegung für die Demokratie eine Institution wird, und sei es eine informelle.</em> <em>Wo immer Menschen sich im Leben face-to-face vernetzen, dort entsteht Resilienz. Das Gute ist: Wir haben jetzt die Zeit und die Möglichkeit das aufzubauen. Das ist die sehr sehr gute Nachricht. In Deutschland sind wir immer noch massiv privilegiert gegenüber anderen europäischen Ländern. Wir haben eine </em><a href="https://www.bpb.de/"><em>Bundeszentrale für politische Bildung</em></a><em>. Davon können Ukrainer:innen nur träumen. Wir haben gute Strukturen und wir haben eine Politik, die bei aller Kritik immer noch erstaunlich durchlässig ist. Abgeordnete lesen die Briefe von Bürger:innen. Bisher haben aber vor allem Rechte geschrieben. So kommt dann ein Politiker, auch bei den Grünen, zu dem Eindruck, alle wollten nur über Migration reden. Aber wenn wir Briefe über das schreiben, was uns umtreibt, dann ändert sich der Eindruck. Wir haben als Zivilgesellschaft ganz viel Macht, ganz viele Möglichkeiten, die andere Länder nicht haben. Wir sollten sie nutzen. Es ist nichts verloren. Wir versuchen, Autoritarismus zu verhindern. Und wenn Autoritarismus kommt, können wir ihn überleben. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wäre es nicht möglich, die sozialen Netzwerke mit unseren Botschaften und Fragen zu fluten? Das entnehme ich dem Erfolg von Heidi Reichinnek.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das wird nicht funktionieren. Die Algorithmen verzerren systematisch. Ich hatte auf X zuletzt eine Viertelmillion Follower. Wenn ich aber etwas Prodemokratisches getwittert habe, haben das gerade einmal 200 Leute gesehen. Die anderen haben das nicht mitbekommen. Viele soziale Medien – nicht Bluesky, auch nicht Mastodon, aber Meta, X, TikTok – sind von Algorithmen gesteuert, die den Interessen des chinesischen Staates oder privater Milliardäre dienen. Die kannst du nicht in ihrem eigenen Haus besiegen.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Helfen <a href="https://commission.europa.eu/strategy-and-policy/priorities-2019-2024/europe-fit-digital-age/digital-services-act_en">European Digital Services Act</a> und <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/netzdg/BJNR335210017.html">Netzwerkdurchsetzungsgesetz</a>?</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Nur sehr bedingt. Man könnte Plattformen wie Meta, X, TikTok höchstens vom europäischen Markt ausschließen. Das halte ich aber nicht für den besten Weg. Der beste Weg wäre, auf europäischer Ebene solche Unternehmen zur Interoperabilität zu zwingen. Das heißt: Ihr müsst eure Plattformen so gestalten, dass sie so sprechen, dass andere Plattformen das verstehen können. Das heißt, ich kann auf Mastodon sein und dort Inhalte auf Facebook lesen. Etwa wie mit E-Mail. Egal auf welchem Server man ist, man kann jede E-Mail lesen. Dann ist man nicht mehr auf eine Plattform angewiesen, um Leute zu treffen, die auf einer anderen Plattform sind. </em></p>
<p><em>Das wiederum erlaubt die Gründung einer neuen Plattform. Diese Plattform könnte allen gehören. Wir könnten eine europäische soziale Plattform haben, auf die alle drauf dürfen, auch außerhalb von Europa. Und die gehört einfach allen, die auf dieser Plattform sind. Sie muss nicht durch Werbung finanziert werden, sie muss nicht unsere Aufmerksamkeit an Werbetreibende verkaufen, sie kann uns nicht auf der Plattform gefangen halten. Sie muss uns nicht systematisch wütend machen. Sie gehört niemandem allein, der den Algorithmus politisch steuert. Wir verwalten sie demokratisch durch ein Gremium, das wir selbst wählen. Das wäre eine nachhaltige Lösung. In Bezug auf die sozialen Medien ist es die einzige nachhaltige Lösung. Ich will keine staatlichen Lösungen, das haben wir in China, ich will keine Lösungen, die privaten Milliardären gehören, denn das sind nicht meine Interessen, das sind nicht die Interessen der Gesellschaft. Wenn wir öffentliche Räume wollen, müssen wir dafür sorgen, dass diese Räume wirklich öffentlich sind. </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im März 2025, Internetzugriffe zuletzt am 19. März 2025. Das Titelbild zeigt die <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2025-02-20_Mahnwache_f._d._ermordeten_israelischen_Geiseln_Shiri,_Ariel_und_Kfir_Bibas_und_Oded_Lifshitz_3.jpg">Mahnwache der Omas gegen Rechts in Hannover am 20. Februar 2025 anlässlich des Gedenkens an Oded Lifschitz, Shani, Ariel und Kfir Bibas</a>. Foto: Bernd Schwabe. Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en">Creative Commons Attribution Share Alike 4.0</a>.) )<em><br />
</em></p>
<p><em>  </em></p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Utopisch oder dystopisch? Realistisch!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 13 Apr 2025 13:01:29 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Utopisch oder dystopisch? Realistisch! Katja Kanzler und Sebastian Stoppe über Star Trek im 21. Jahrhundert „Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.“ (Arthur C. Clarke, Drittes Gesetz) In der zweiten Episode der zweiten Staffel von „Discovery“ (DIS) mit dem Titel „The New Eden“ zitiert Commander Michael Burnham dieses Gesetz in einem  [...]</p>
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<h1><strong>Utopisch oder dystopisch? Realistisch!</strong></h1>
<h2><strong>Katja Kanzler und Sebastian Stoppe über Star Trek im 21. Jahrhundert</strong></h2>
<p><em>„Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.“ </em>(Arthur C. Clarke, Drittes Gesetz)</p>
<p>In der zweiten Episode der zweiten Staffel von „Discovery“ (DIS) mit dem Titel „The New Eden“ zitiert Commander Michael Burnham dieses Gesetz in einem Gespräch mit Captain Christopher Pike. Allerdings ist die Frage der Unterscheidbarkeit beziehungsweise der Nicht-Unterscheidbarkeit von Technologie und Magie auch eine Frage des Zeitpunktes. In „A Connecticut Yankee in King Arthur’s Court“ lässt Mark Twain die Hauptperson, Hank Morgan, eine Sonnenfinsternis vorhersagen. Natürlich ex eventu, für die Zeitgenossen im sechsten Jahrhundert scheint es jedoch Magie. Ähnlich ist es mit so mancher Innovation aus dem Star-Trek-Universum. Im vierten Star-Trek-Film, „The Voyage Home“ landet die Crew der Enterprise im 20. Jahrhundert. Scotty versucht wie gewohnt mit einem Computer zu sprechen. Es funktioniert natürlich nicht. Aber aus heutiger Sicht, in den 2020er Jahren, mit Siri und Alexa sieht das schon wieder anders aus.</p>
<div id="attachment_5973" style="width: 222px" class="wp-caption alignright"><a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-45695-5"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5973" class="wp-image-5973 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Kanzler_Stoppe_Star_Trek-212x300.jpg" alt="" width="212" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Kanzler_Stoppe_Star_Trek-200x283.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Kanzler_Stoppe_Star_Trek-212x300.jpg 212w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Kanzler_Stoppe_Star_Trek.jpg 314w" sizes="(max-width: 212px) 100vw, 212px" /></a><p id="caption-attachment-5973" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Technologische Entwicklung ist die erste zentrale Voraussetzung der Funktionalität von Science Fiction. Die zweite ist die soziologische, politische und ethische Dimension. Dies gilt insbesondere für Star Trek, das von Beginn an ein ganz konkretes politisch-soziales Szenario möglicher Zukunft entwirft. Die Amerikanistin <a href="https://www.uni-leipzig.de/personenprofil/mitarbeiter/prof-dr-katja-kanzler">Katja Kanzler</a> und der Politik- und Medienwissenschaftler <a href="https://www.sebastian-stoppe.de/">Sebastian Stoppe</a> haben sich mit diesen Kontexten bereits in ihren Dissertationen auseinandergesetzt, Katja Kanzler in „Infinite Diversity in Infinite Combinations“ (Heidelberg, Universitätsverlag Winter, 2004) im Kontext Race und Gender, Sebastian Stoppe in „Unterwegs zu neuen Welten – Star Trek als politische Utopie“ (Darmstadt, Büchner, 2014) in einem Vergleich von Star Trek mit Klassikern der utopischen Literatur (Thomas Morus, Campanella, Bacon). Gemeinsam haben sie 2024 den <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-45695-5">Sammelband „Star Trek: Gestern – Heute – Morgen – (Selbst-)Historisierung und Zukunftsvisionen“</a> (Wiesbaden, VS Springer) herausgegeben. In 13 Kapiteln debattieren 15 Autor:innen verschiedene Inhalte von Star Trek, Forschungen, Diversity, Zeitbezüge und Visionen, im Verhältnis von Utopie und Dystopie, Ethik und Recht und die Bedeutung des Fandom, das die Weiterentwicklung von Star Trek maßgeblich beeinflusst.</p>
<p>In ihrem Vorwort nennen Katja Kanzler und Sebastian Stoppe die zentrale Botschaft von Star Trek: <em>„Leitbild des Franchises war dabei von Beginn der wohlwollende Ausblick auf eine bessere Zukunft der Menschheit.“</em> Diese humanistische Vision schließe an John F. Kennedys <em>„New Frontier“</em> an, habe sich jedoch auch immer in dystopischen Szenarien bewähren müssen. Star Trek zeigt zum Beispiel den genialen und rücksichtslosen Khan Noonien Singh, mit den von ihm verursachten Eugenischen Kriegen, die in den 1990er Jahren stattgefunden haben sollen. Khan Noonien Singh steht in einer Reihe verschiedener Verkörperungen des Mad Scientist. Prototyp sind  die verschiedenen Generationen von Doctor Soong, die alle von Brent Spiner gespielt werden, der auch Soongs Geschöpfe Data, Lore und B4 spielte. Doctor Soong erscheint als Doctor Arik Soong in „Enterprise“ (ENT, in: „The Augments“) und in der ersten Staffel von „Picard“ (PIC), über Noonien Singhs Tochter La’an Noonien Singh als Sicherheitsoffizierin der Enterprise in „Strange New Worlds“ (SNW).</p>
<p>Katja Kanzler und Sebastian Stoppe betonen, dass Star Trek eine eigene Geschichtsschreibung geschaffen hat, die sich auch in den verschiedenen Darstellungen der Timelines von Star Trek in den diversen Internetforen spiegelt. Das Thema der <em>„Selbsthistorisierung“</em> und des <em>„Fortschrittsglaubens“</em> durchzieht auch die Beiträge des Sammelbandes, beispielsweise den Beitrag von Christian E.W. Kremser. <em>„Unentwegt kämpfen die Serienprotagonist:innen gegen die dunklen Seiten der Föderation und verteidigen ihr Verständnis von dessen Vision. Während also in TNG die ‚Utopie‘ noch als Selbstverständlichkeit präsentiert wird, muss sie in DS9 immer wieder gegen (innere und äußere) Feinde verteidigt werden.“ </em>Aber was bedeutet dies in <em>„Zeiten multipler Krisen, wie wir sie gerade erleben“</em>? Solche Krisen und Konflikte erleben wir auch in Star Trek. Christian E.W. Kremser zitiert Benjamin Sisko: <em>„Well, it’s easy to be a saint in paradise, but the Maquis do not live in paradise.”</em> („The Maquis II”). Der Dominion War stellt alles in Frage, wofür die Föderation meint zu stehen: <em>„Angesichts des Krieges müssen nämlich unentwegt Entscheidungen getroffen werden, welche die Angehörigen der Föderation vor eine moralische Zerreißprobe stellen.“ </em>Ähnliche Konflikte sehen wir beispielsweise in der dritten Staffel von ENT, ständig in VOY, in PIC. Insofern dürfte die Frage des Verhältnisses von Utopie und Dystopie eine zentrale Frage in Star Trek geworden sein.</p>
<h3><strong>Wurde Star Trek dunkler, dystopischer?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sebastian, du hast in einer Fortschreibung deiner Dissertation ein Kapitel mit der These eingefügt, dass Star Trek mit DIS dunkler geworden sei. In eurem Sammelband sprach auch Thorsten Walch davon, dass Star Trek dystopischer werde. Bezogen auf die dritte Staffel von DIS spricht er von einer <em>„dystopisch gewordenen Utopie“</em>. Jan Siefert nannte seinen Beitrag ausdrücklich „Die dunkle Seite der Utopie“. Für die Crews sei es auch immer ein Thema, ihre eigenen dunklen Seiten zu überwinden. Möglicherweise habe Star Trek mit seiner Hinwendung zu Dystopien unter den Science-Fiction-Serien und -Filmen sogar sein <em>„Alleinstellungsmerkmal verloren“</em>.</p>
<p>Charakteristisch für Star Trek ist meines Erachtens jedoch auch, dass es immer wieder irgendeine rettende Lösung gibt. Gerade in DIS erleben wir, wie die Crew um Michael Burnham und schließlich die gesamte Föderation sich gegen genozidale Mächte wehren müssen. In der zweiten Staffel ist es zum Beispiel die aus dem Ruder gelaufene KI „Control“, in der vierten Staffel die von der Spezies 10C auf den Weg gebrachte Anomalie (<em>„DMA“</em>)<em>. </em>Michael Burnham muss sich gegen Tarka, ihren Lebensmenschen Booker und die Militärchefin der Föderation durchsetzen, die die DMA vernichten wollen. Sie glaubt, dass es eine diplomatische Lösung geben muss. Diese gelingt dann auch und es stellt sich heraus, dass Spezies 10C gar nicht wusste, was sie mit der DMA angerichtet hatte. Die Erde und Vulcan (inzwischen Ni’Var) werden gerettet. Die Gefahr entstand nicht durch militärische Bedrohung, sondern war ein Kollateralschäden einer Industriekultur, durchaus mit Anklängen an die Bedrohungen, die wir zurzeit für Klima und Artenvielfalt erleben. Ist Star Trek wirklich dunkler, dystopischer geworden oder wurden einfach nur die Zeiten dunkler, an denen sich die Drehbuchautor:innen dann orientieren?</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Ich glaube schon, dass Star Trek in der ersten und zweiten Staffel von DIS dunkler geworden ist. Abgesehen davon, dass viele Fans der Originalserie (TOS) und von „The Next Generation“ (TNG) zunächst mit der Erzählweise von DIS nicht zurechtkamen. Das hängt aber auch mit veränderten Sehgewohnheiten zusammen. Der Start von DIS ist 2017 in eine Zeit hineingekommen, in der wir die erste Präsidentschaft von Donald Trump erlebten, in der die Welt insgesamt düsterer geworden ist, gerade im Hinblick auf globale Ereignisse. Das hat sich in den ersten beiden Staffeln sehr stark niedergeschlagen, gerade in den sehr düsteren Schilderungen des klingonischen Krieges. Dann kam mit der Zeit aber wieder der bekannte Star-Trek-Moment, der Optimismus, der unbedingte Glaube, dass man die Welt besser machen will und kann. Das zeigt sich schon am Ende der ersten Staffel. Es gibt diesen Moment, als Michael Burnham bei der Ordensverleihung sagt, wofür die Föderation, wofür Star Trek eigentlich steht. Sie fasst dies in ganz wenigen Sätzen zusammen. Hier erscheint wieder dieser Optimismus, trotz aller Pessimismen, trotz aller düsteren Weltsichten, dass man den Glauben an ein gutes Ende niemals aufgeben darf.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Diese negative Weltsicht begann ja schon in in der dritten Staffel von ENT. Die Crew unter Captain Jonathan Archer macht sich auf die Suche nach der Species der Xindi, die bereits eine Schneise der Verwüstung von Florida bis Venezuela verursacht haben und offensichtlich die Absicht haben, die gesamte Erde zu vernichten.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Diese Staffel von ENT war stark durch die Ereignisse von 9/11 geprägt. Da fing diese düstere Weltsicht an. Wir finden sie allerdings auch in den Reboot-Filmen der alternativen Kelvin-Zeitlinie. Deren Sicht ist noch einmal deutlich militaristischer als in den vorangegangenen Serienformaten.</em></p>
<p><strong>Katja Kanzler</strong>: <em>Letztlich kann man bis zu „Deep Space Nine“ (DS9) zurückgehen, zum Dominion War. Ich wage jedoch auch die steile These, dass das Pendel jetzt schon wieder zurückschwingt. SNW bietet ein viel ausgewogeneres, gut austariertes Wechselspiel von Optimismus und Pessimismus, wenn wir es einmal so nennen wollen. Ich sehe bei Star Trek, aber auch bei anderen Science-Fiction-Serien die Anerkennung, dass die Probleme riesig geworden sind, wir aber vielleicht deshalb gerade jetzt Utopie brauchen, das, was Star Trek von Anfang an ausgemacht hat, die Frage, wie eine bessere Gesellschaft aussehen könnte. Ich bin zunächst einmal zuversichtlich und möchte die Augen aufhalten, wie weit das Pendel wieder in Richtung Utopie ausschlägt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir warten auf die dritte Staffel von SNW. Am Ende der zweiten Staffel hatten wir einen ungewöhnlichen Cliffhänger. Die Spezies der Gorn, die im Unterschied zu dem eher tapsig wirkenden Sauropsiden in TOS wie leibhaftige Höllenhunde aussehen, droht offenbar der Menschheit mit Vernichtung. Wir werden auch beobachten, ob und wenn ja wie sich die zweite Präsidentschaft von Donald Trump in Hollywood auswirkt. Aber gibt es Unterschiede zwischen Star Trek und anderen Serien?</p>
<p><strong>Katja Kanzler</strong>: <em>Ja und nein. Nein, weil ich glaube, dass sämtliche Populärkultur, wenn sie halbwegs relevant sein muss, sich der Welt um sie herum widmen muss. Ja, weil Star Trek sich von Anfang an ins Programm geschrieben hat, dass es die Welt kommentieren will. Schon in TOS hat sich Star Trek ein klares politisches Programm gegeben. Vor diesem Hintergrund ist auch unser neuer Band entstanden. Wir wollten uns anschauen, wie sich die neueren Star-Trek-Serien mit der eigenen Geschichte auseinandersetzen. Man sieht immer wieder, dass die neueren Produktionen zu der Frage zurückkommen, was es hier und jetzt bedeutet, ein populäres Produkt sein zu wollen, als Film wie als Fernsehserie. </em></p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Das würde ich unterschreiben. Man findet immer wieder diese Rückbezüge. Stark ist es bei PIC ausgeprägt, noch viel mehr bei „Lower Decks“ (LD). Durchweg sehen wir einen Rückgriff auf die Ära von TNG. Im Grunde wird appelliert, auf die eigene Geschichte zu schauen und daraus abzuleiten, was man Besseres schaffen kann. In der ersten Staffel von PIC könnte man Picard als eine Art „grumpy old man“ sehen. Aber das wäre zu oberflächlich gedacht. Picard ist sehr vom Zustand der Föderation enttäuscht, bis zu dem Zeitpunkt, an dem er sagt, ich werfe alles hin, und das auch tut. Der konkrete Anlass ist die Geschichte um die Flüchtlinge von Romulus. Das reflektiert ja ein hochaktuelles Thema. Wir sehen es in Europa, in Deutschland, in den USA, gerade jetzt mit Trumps Vorgehen gegen illegale Immigration. Picard besinnt sich auf seine eigene Geschichte und sagt, er sei in der Sternenflotte für etwas anderes angetreten. Er fragt sich, wofür er und die Sternenflotte eigentlich stehen: Hatte ich nicht eine andere Idee? Ich möchte nicht, dass es so endet! </em></p>
<p><em>Star Trek hat einen riesigen Werkzeugkasten, eine riesige Palette, aus der sich die Drehbuchautoren bedienen können. Es ist möglich, für die Personen eine eigene Geschichte zu entwerfen und sie aus dieser Geschichte lernen zu lassen. Das war uns in unserem Buch auch so wichtig und es war spannend zu sehen, wie die Autorinnen und Autoren die Parallelität zwischen der Star-Trek-Erzählung und unserer realen Welt sehen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: PIC ist ein gutes Beispiel. Es zeigt auch den Trend, die Gegner immer schlimmer darzustellen. Verhandlungen, wie sie in VOY Captain Janeway mit den Borg führte, sind in DIS und PIC nicht mehr möglich. Eine Steigerung ist auch das Bündnis der Borg Queen mit dem Dominion in PIC. Alles Böse der Galaxie verbindet sich. Interessant ist natürlich der Schluss der dritten Staffel, in der – gegen die ursprünglichen Absichten von Patrick Stewart, aber auf Betreiben der Produzenten – eine Reunion der Crew von TNG das gesamte Problem löst. Zumindest vorerst. Patrick Stewart deutete ja an, dass er einem eigenen Film zur Reihe nicht abgeneigt sei.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Hier vermischen sich mehrere Dinge. Zum einen der Blick auf die eigene Geschichte, zum anderen hat man aus erzähltechnischer Sicht einige lose Enden wieder aufgenommen, zum Beispiel im Hinblick auf das Dominion die Frage, was eigentlich mit dem Virus passiert ist, mit dem Section 31 über Odo die Formwandler infiziert hatte. War die Heilung Odos mit seiner Rückkehr in den Great Link für alle nachhaltig wirksam? Was wurde eigentlich nach den Ereignissen in „The First Contact“ aus der Borg-Queen? Die Idee, die Crew von TNG zusammenzubringen, war gar nicht so schlecht, weil sich so aus der Sicht des Fandoms eine Art Lagerfeuermoment ergab. Mir ging es auch so. Ich saß bei den letzten Episoden da und dachte, so war das, als ich früher aus der Schule kam und mir Star Trek auf Sat1 angeschaut habe. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Krieg und Frieden, Diplomatie, Künstliche Intelligenzen – das sind Themen im Kontext von Utopie und Dystopie. Ein anderer Aspekt dieses Kontextes sind Race und Gender. Dazu äußern sich in eurem Band ausführlich Roman Lietz und Natascha Strobl. Sie verbinden zwei Argumente. Das erste ist ein antikapitalistisches Argument. Auf der einen Seite ist <em>„die originale Enterprise mit einer afroamerikanischen Frau (Uhura), einem Japaner (Sulu) und einem Russen (Chekov) als Führungspersonal visionär und utopisch“</em>, auf der anderen Seite <em>„band Roddenberry in seine Vision ein Element ein, welches möglicherweise der Hebel für dieses inklusive Paradigma ist: die Abschaffung des Kapitalismus“</em>. Das zweite Argument ist die Frage nach der Externalisierung des Inhumanen: <em>„Queerness und Race sind (…) in der Star Trek-Zukunft keine sozialen Konzepte mehr, nach denen Menschen kategorisiert werden.“ </em>Das heiße jedoch nicht, dass diese Themen keine Rolle mehr spielen: <em>„Gewissermaßen wird die Thematisierung von Rassismus von der Menschheit abgelenkt und findet stattdessen in den Diskursen rund um den Umgang mit anderen Spezies statt.“</em></p>
<p>Das ließe sich auch für das Thema Krieg und Frieden sagen. Für alle Episoden lässt sich eine logisch aufeinander aufbauende Zeitlinie beschreiben, zu der nicht nur die Einsicht der Menschheit, nach dem mörderischen <a href="https://memory-alpha.fandom.com/de/wiki/Dritter_Weltkrieg">Dritten Weltkrieg</a> (2026-2053) in Frieden leben zu wollen, sowie die Gründung der Föderation im Jahr 2161 gehören, sondern auch die verschiedenen intergalaktischen Kriege, der Krieg mit den Klingonen, der Dominion War sowie die verschiedenen Formen asymmetrischer Kriege, zu denen die Auseinandersetzungen mit den Borg oder – in DIS – der Emerald Chain gehören. Imperialismus, Mafia, die Auffassung, man könne alle Probleme mit Gewalt lösen, wird durchweg auf extraterrestrische Spezies externalisiert.</p>
<p><strong>Katja Kanzler</strong>: <em>Das ist von Anfang an ein großes Thema bei Star Trek. Die in der TOS entworfene Vision war die einer gleichberechtigten und vielfältigen Gesellschaft. In den 1960er Jahren hatte man natürlich andere Vorstellungen davon als heute. Star Trek ist natürlich immer seiner Zeit verhaftet. Ich habe das Gefühl, dass die humanistische Perspektive und Vision immer noch auf der Agenda stehen. Bei DIS ist es zum Beispiel recht plakativ, aber ich finde es großartig, wie die Serie Seh- und Denkgewohnheiten neu justiert und scharfstellt, was es in der Vergangenheit von Star Trek gab, wer die Führungsfiguren waren. Mein Eindruck: In SNW ist es selbstverständlich, wie mit geschlechtlicher oder rassifizierter Vielfalt umgegangen wird. Ich bin gespannt, in welche Richtung sich das weiterentwickelt, auch angesichts der Verschiebungen in der öffentlichen Meinung in der US-Gesellschaft. Bleibt Star Trek sich selbst treu? </em></p>
<h3><strong>Künstliche Intelligenzen</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein interessanter Aspekt in DIS und in PIC ist das Thema KI. Das wurde zwar schon in früheren Episoden immer wieder thematisiert, nicht zuletzt bei der Figur des Data und seines bösen Alter Egos Lore. In DIS sehen wir die Konfrontation des Vernichters Control und der empathischen Zora, die sich beide aus der vom Computer der Discovery hochgeladenen Sphere entwickelt haben, auf die das Schiff in der zweiten Staffel trifft. Über die Reihenfolge ließe sich sagen: Zuerst der Schrecken, dann nach dem Sprung der Discovery in eine 900 Jahre entfernte Zukunft ein Segen für Crew und Föderation.</p>
<p>Eine menschliche Gestalt wie Data braucht Zora nicht mehr. Berührend ist die letzte Szene mit Zora in der fünften und letzten Staffel von DIS. Das Schiff wird in den Ruhestand geschickt. Burnham ist alleine auf der Brücke und unterhält sich mit Zora. Über Künstliche Intelligenzen hat in eurem Buch Jenny Joy Schumann geschrieben. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/liberale-ethik/">Ich habe mit ihr darüber gesprochen</a>, unter anderem auch über die Frage, wann eine Künstliche Intelligenz das Wahlrecht bekommen könnte oder ob ich als Mensch ihr so einfach den Strom abschalten darf.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>In Star Trek haben wir einen Kommentar auf alles, was Künstliche Intelligenz angeht, auf alle Befürchtungen, auf alle Hoffnungen. Interessanterweise doch ein wenig früher als ChatGPT, Deep Seek und andere Systeme Furore machten. Es ist das alte Science-Fiction-Thema, das uns jetzt auch in der Wirklichkeit beschäftigt: Was geschieht eigentlich, wenn Maschinen Herrschaft übernehmen wollen?</em></p>
<p><em>Wir haben Data, wir haben den Doctor als künstliche Lebensformen, künstliche Intelligenzen mit einer physischen Erscheinungsform, die es auch leichter machen, sich mit diesen Figuren zu identifizieren. Es ist eine Art von Aushandlung über Technologie beziehungsweise Künstlicher Intelligenz. Es kann sich in unterschiedliche Richtungen entwickeln, in Überwachung – wie auch bei Control – oder in „Minority Report“. Oder kann es auch in Erinnerung an die </em><a href="https://d.docs.live.net/95b37afd2fc11ad3/Norbert-One%20Drive/Norbert%20Blog/351.Lilie_Osteuropa.docx"><em>Robotergesetze von Isaac Asimov</em></a><em> in die Richtung gehen, dass Künstliche Intelligenzen dem Menschen dienen? Aber können sie auch empathisch sein? Das verkörpert Zora.    </em></p>
<p><em>In „Short Treks” gibt es die kurze Episode „Calypso“, nicht ohne Grund nach der Nymphe benannt, die Odysseus zehn Jahre auf ihrer Insel mehr oder weniger gefangen hält. Ein Mensch und Zora sind alleine auf der Station. Das ist das Schicksal von Zora, nachdem die Discovery außer Dienst gestellt worden ist. Zora verliebt sich. Es ist natürlich ausweglos. In der Episode „…But To Connect“ in DIS überlegt Zora in der Tat: Gebe ich eine Information weiter, könnte die vielleicht der Crew schaden? Das ist Asimov pur. Es ist aber auch ein interessantes Beispiel dafür, wie wir mit ChatGPT oder Deep Seek die Illusion bekommen, dass da am anderen Ende eine reale Person sitzt und mit uns redet. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Diese Illusion haben wir schon mit Alexa und Siri. In „Big Bang Theory“ – die vier Nerds lieben Star Trek und mehrfach sehen wir dort Cameo-Auftritte der Star-Trek-Stars – gibt es die Episode „The Beta Test Initiation“, in der Raj sich in Siri verliebt, sie im Traum besucht und ihr Blumen ins Büro bringt.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Man bekommt diese Illusion, auch wenn kein Körper dahinter ist. Sie wird noch stärker, wenn ich bei ChatGPT die Sprachausgabe verwende. Das ist das eine. Es ist aber auch wieder eine Beschäftigung mit der Geschichte von Star Trek selbst. Der Sprachcomputer bei TNG ist auch schon interaktiv. Da überholt sich die Geschichte selbst. Wir haben in der Realität inzwischen kleine Geräte auf dem Tisch, Notebooks, Tablets, Kommunikatoren, wir können mit unseren technischen Geräten reden. Nicht nur mit Befehlen, sondern wir können uns auch semantisch austauschen. Zora ist die Evolution des Bordcomputers. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Da ist der Universalübersetzer möglicherweise nicht weit.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Es gibt ja auch schon Physiker, die sich mit dem Warp-Antrieb auseinandergesetzt haben. Es gibt eben Wechselwirkungen. Man könnte sogar noch weiterdenken. Vielleicht lässt sich mit der Science Fiction darüber verhandeln, wie sich manche von Leuten wie Elon Musk blenden lassen. Da spielt das dritte Gesetz von Arthur C. Clarke wieder eine Rolle. Was ist „Technologie“? Was ist „Magie“? Wird da etwas als mögliche „Technologie“ verkauft, das eigentlich nur als „Magie“ vorstellbar ist? Die großen Zauberer, die großen Gott-Figuren, all das hat etwas sehr Gefährliches und ist meines Erachtens auch Teil des dunkleren, dystopischeren Star Trek.</em></p>
<h3><strong>Die Fans sind die Überlebensgarantie von Star Trek</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gedreht wird im demokratischen Kalifornien, aber man weiß nie, wie Hollywood auf die verschiedenen Trump-Erlasse reagiert. In eurem Buch spielen auch Erzähltechniken, die Neuverhandlungen von Figuren, und das Fandom eine wichtige Rolle. Beim Thema Fandom denke ich immer an Siegfried Kracauer, der in seinem Caligari-Buch die These formulierte, dass es eine Wechselwirkung zwischen den von den Produzenten entworfenen Figuren und Handlungssträngen und dem Publikumsgeschmack gibt. Eigentlich ein klassisches Marktmodell. Bärbel Schomers nannte ihren Beitrag durchaus etwas provokativ „Die Geburt der Slashfiction aus dem Geist des Star Trek Universum“. Jannik Müller spielte auf den Unterhaltungsauftrag von Star Trek an: „Set phasers to fun“.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Das war auch schon Thema in meiner Dissertation. Es ist die Theorie vom Textual Poaching, das ständige Rückspielen zwischen Produzent:innen, Autor:innen und Rezipient:innen. Wenn man so will ist das eine Art semantisches Dreieck. Wenn man sich die Geschichte der Distribution von Star Trek anschaut, sieht man, dass Star Trek zu Beginn kein großer Erfolg war. Fünf Staffeln waren geplant, es wurden nur drei. Es war ein Nischen-Publikum. Das hing sicherlich auch damit zusammen, dass Star Trek für die damalige Zeit gewagte politische Statements propagierte. </em></p>
<p><em>Durch die zahllosen Wiederholungen entstand dann aber ein Fandom, das sich untereinander austauschte. Es gab Petitionen, dass Star Trek wiederkommen sollte. TNG ist sehr stark unter dem Eindruck der Fans der TOS entstanden. Es gab in den 1970er Jahren eine Petition, die dazu führte, dass das erste Space Shuttle „Enterprise“ getauft wurde. Gene Roddenberry und Schauspieler:innen von Star Trek wurden zum ersten Start eingeladen, die Titelmusik wurde gespielt. Im Laufe der Zeit hat sich das verselbstständigt. </em></p>
<p><em>Ein gutes Beispiel ist LD. Darüber habe ich mit Sascha Kummer in unserem Band geschrieben, aber auch im Beitrag von Jannik Müller spielt diese Serie eine Rolle. LD zeigt das Fandom. Die Crew bewundert die Crew der TOS, von TNG. Sie sind eben nicht nur Crewmitglieder in der Zukunft, sondern auch selbst Fans. Das ist Inhalt der Crossover-Episode „Those Old Scientists“ in SNW, in der die Ensigns Boimler und Mariner aus LD durch ein Zeitportal auf der Enterprise von Christopher Pike landen. In der Bewunderung des Personals von TOS und TNG liegt auch der große Erfolg dieser Animationsserie. Es ist eine Serie der Fans, die schließlich ebenso wenig Held:innen sind wie das Personal von LD Sascha und ich haben dazu in unserem Beitrag „Hommage oder Parodie?“ geschrieben: „Grundsätzlich sind in Lower Decks allen Figuren eine große Kompetenz und großes Talent in ihrem Fachgebiet gemein, was aber durch ihre soziale Unbeholfenheit, übertriebenen Eifer oder andere Unsicherheiten kontrastiert wird.“ So sieht sich vielleicht auch mancher Fan selbst.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ihr erwähnt auch das Crossover „Trials and Tribble-Ations“ in DS9. Die Crew der Defiant landet durch eine Zeitanomalie auf einer Raumstation, auf der sich auch die Crew der Enterprise von Captain Kirk befindet. Es muss verhindert werden, dass ein als Mensch verkleideter Klingone die Zeitlinie verändert. Das gelingt, doch am Schluss kann sich Benjamin Sisko nicht zurückhalten und gesteht Captain Kirk seine persönliche Bewunderung. Eine Fan-Figur ist meines Erachtens in gewisser Weise auch Reginald Barclay, in all seiner Genialität, Unbeholfenheit und Ergebenheit. In TNG gibt es die Episode „Hollow Pursuits“, die das Verhältnis zwischen Barclay, dem Fan, und Picard als Repräsentant des Franchise, umkehrt. Zunächst machen sich alle lustig über Barclay. Besonders pikant ist, dass der Teenager Wesley Crusher, selbst höchst genial und ebenso ein Bewunderer Picards und seiner Crew, Barclay den Spitznamen „Lieutenant Broccoli“ gibt. Doch dann hat Barclay den entscheidenden Einfall zur Lösung des anstehenden Problems. In VOY wird dieser Aspekt einer Fangeschichte noch einmal aufgenommen. Niemand nimmt Barclay ernst, er braucht die psychologische Unterstützung von Deanna Troi, aber letztlich schafft er es, den Kontakt zur Voyager herzustellen.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Für Außenstehende sind diese Selbst-Referenzen kaum nachvollziehbar. Was in einzelnen Episoden von TNG, VOY, SNW oder DS9 geschieht, ist bei LD Programm. Das ist auch auf einer Metaebene interessant. In der genannten Episode von SNW wird ein Kreis geschlossen. Es heißt ja, man soll die Vergangenheit nicht verändern, die oberste temporale Direktive, weil man die Folgen nicht abschätzen kann. Aber natürlich beeinflussen die Leute aus der Zukunft die Leute aus der Vergangenheit, sodass ein Zirkelschluss entsteht und so entwickelt sich eine komplette Star-Trek-Geschichte so wie sie sich eben entwickelt. Das ist schon sehr klug gemacht.</em></p>
<p><strong>Katja Kanzler</strong>: <em>In LD werden die Fans als Verbündete gezeigt. Das zeigt auch, wie sich das Verhältnis zwischen den Inhaber:innen des Copyrights für Star Trek und den Fans mit der Zeit entwickelt hat. Es gibt eine viel stärkere Wertschätzung dessen, was die Fans sind. Die Fans sind eigentlich das, was Star Trek am Leben hält. Es ist eine Fortschreibung, aber es ist auch eine viel engere Beziehung zu den Fans geworden, die man gerade in den neueren Serien ganz direkt zeigt.</em></p>
<h3><strong>Selbstreflexive Erzähltechnik</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Daran lassen sich auch Gedanken zur Erzähltechnik anschließen: Im Grunde sind ENT, DIS und SNW Prequels. In DIS ist man aus dieser Prequel-Situation herausgekommen, indem man am Ende der zweiten Staffel das Schiff samt Crew mit der Ausnahme von Spock und Captain Pike 900 Jahre in die Zukunft schickt. Es wäre auch erzähltechnisch schwierig geworden, die Geschichte der Discovery, die zehn Jahre vor der Handlung der TOS spielt, angesichts des Sporenantriebs und so manch anderer technologischer Besonderheit mit der Geschichte der Original-Enterprise zu harmonisieren. Bei ENT war das schon einfacher. Das spielt immerhin 70 Jahre früher. Bei SNW verfolgen wir die Zeit von Captain Christopher Pike, der in TOS nur in der ersten Pilotfolge „The Cage“ vorkam. Dann wurden einige Personen ausgetauscht und es kam Captain James Tiberius Kirk, Spock wurde Erster Offizier, die bisherige erste Offizierin verschwand aus der Serie, weil den Produzenten eine Frau an solch hoher Stelle dann doch nicht passte. In SNW haben wir mit Una Chin-Riley wieder eine Frau als „Number One“.</p>
<p>In eurem Buch schreibt Andreas Rauscher in seinem Beitrag „All Our Yesterdays“, in SNW <em>„geht es nicht mehr um Parodien und Travestien, sondern um eine Neuverhandlung bestehender Figurentypen und Handlungskonstellationen innerhalb einer transmedialen Storyworld.“</em> Ein gutes Beispiel ist die Darstellung des von Ethan Speck gespielten jungen Spock in SNW und in DIS, der seine menschliche Seite viel deutlicher zeigt als der von Leonard Nimoy gespielte Spock der TOS. Andreas Rauscher spricht auch über <em>„selbstreflexive philosophische Positionen“</em>, SNW setze <em>„weitaus stärker als Discovery und Picard auf die Strategie des Cross-Overs“</em>. Eine solche <em>„Selbstreflexion“</em> haben Sascha Kummer und Sebastian in ihrem Beitrag für LD notiert.</p>
<p><strong>Katja Kanzler</strong>: <em>Wir haben in unserem Buch versucht abzuklopfen, wie sich die neueren Serien mit der eigenen Franchise-Geschichte auseinandersetzen. Spock ist natürlich eine außerordentlich ikonisch-kanonische Figur. Er ist ein Kristallisationspunkt für diese Auseinandersetzung. Gerade bei der Spock-Figur sieht man, dass sie sich mit jeder Neuauflage ein bisschen verändert, auch in den Rebootfilmen mit Zachary Quinto. Es ist aber keine Veränderung ins Blaue hinein, sondern immer ein Kommentar darauf, wie die Figur zuvor realisiert wurde, im Grunde auch ein Erzählmotor. Vieles in den neueren Serien funktioniert darüber, dass ältere Figuren aufgegriffen und neu gedacht werden.     </em></p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>In Star Trek hat man natürlich den Luxus, biographische Lücken füllen zu können. Es bleiben eben immer Leerstellen. Spock ist ein schönes Beispiel. In Fankreisen wurde viel über eine Szene im Pilotfilm „The Cage“ diskutiert, in der Spock lacht. Warum lacht Spock? Der ist doch Vulkanier, der hat doch keine Emotionen! SNW und die zweite Staffel von DIS füllen diese Lücke. Aus der Sicht der Erzählperspektive der TOS ist es eigentlich ein Fehler, dass er damals lachte. Aber in „The Cage“ war der Charakter noch nicht komplett ausgearbeitet. Jahrzehnte später konnte man das aufgreifen und zeigen, dass und wie sich Spock zu der Persönlichkeit entwickelt hat, die wir dann in TOS sehen. Er hatte zum Beispiel eine Liaison mit Nurse Christine Chapel und wollte seine Emotionen, seine menschliche Seite erkunden. Das gibt die Chance, dass man diesem Charakter noch viel mehr Tiefe geben konnte. Als Ambassador Spock erleben wir dann schließlich auch den gealterten weisen Diplomaten und Politiker. Es ist nicht nur eine Beschäftigung mit der Seriengeschichte, sondern auch eine Beschäftigung mit der Geschichte einzelner Personen. Picard ist das andere Beispiel, wenn wir in PIC den gealterten Picard sehen. Und auch die gesamte Crew von TNG: Was ist aus denen allen geworden? </em></p>
<p><em>Man konnte auf diese Art und Weise auch zahlreiche Nebenfiguren einbauen, zum Beispiel </em><a href="https://memory-alpha.fandom.com/wiki/Ro_Laren"><em>Ro Laren</em></a><em>, die so eine eigene Geschichte bekommt und eben nicht – wie in TNG – als – zumindest empfindet Picard das in diesem Augenblick so – als „Verräterin“ beim Maquis verschwindet. Sie kommt wieder, Picard ist wegen der Vorgeschichte misstrauisch, aber sie stellt sich als hilfreich heraus, opfert sich für die gute Sache. Oder </em><a href="https://memory-alpha.fandom.com/wiki/Elizabeth_Shelby"><em>Lieutenant Commander Elizabeth Shelby</em></a><em>, die nur in zwei Borg-Folgen auftaucht, die damals schon zu Riker sagte, sie wolle Karriere machen und nicht immer nur die Erste Offizierin bleiben. Sie taucht auch in zahllosen nicht-kanonischen Romanen wieder als Figur auf. Am Ende gibt man ihr eine ganz offizielle Geschichte und sie erscheint in der Episode „An Embarrassement of Dooplers“ in SNW als Flottenkommandeurin. Sie hat Karriere gemacht.</em></p>
<p><em>All das macht die Sache so charmant. Man gibt den Hauptfiguren ein ganzes Leben. Man macht das gesamte Star-Trek-Universum auch dadurch glaubhafter, dass man auch Nebenfiguren eine eigene Geschichte gibt. Sie sind woanders hingegangen, haben dort Karriere gemacht und standen für die Ideale von Star Trek. Und wir erfahren davon.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die längsten Lebensgeschichten, immer wieder mit Rückblicken auf die Kindheit, haben wir bei Picard, Spock und Burnham. Alle sind für die jeweiligen Problemlösungen zentral, aber bei allen ist das menschliche Element entscheidend. Spock hat eben eine menschliche Mutter. Gibt es auch vergleichbare Figuren aus anderen Species? Vielleicht bei T’Pau, die in TOS als alte weise Frau und Führungspersönlichkeit erscheint, aber in der vierten Staffel von ENT – 70 Jahre vor TOS – eine Vorgeschichte als Widerstandskämpferin gegen ein autoritäres Regime auf Vulcan bekommt. Aber insgesamt habe ich eher den Eindruck einer menschlichen Dominanz.</p>
<p><strong>Katja Kanzler</strong>: <em>Ich würde sagen: Ja, es gibt eine menschliche Dominanz. Für ein Medienkulturprodukt, das sich an menschliche Rezipient:innen wendet, ist das auch nachvollziehbar. Aber das ist doch auch schon eine Setzung. Ich finde es vor dem Hintergrund interessanter, wie Star Trek in den neueren Szenen versucht, diesen Human Centrism etwas aufzubrechen und zu relativieren, auch bei Burnham oder bei Picard.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im April 2025, Internetzugriffe zuletzt am 3. April 2025. Titelbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Brent_Spiner_and_Patrick_Stewart.jpg">Brent Spiner und Patrick Stewart</a>, Foto: Beth Madison, Wikimedia Commons, <a class="extiw" title="w:en:Creative Commons" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a class="extiw" title="creativecommons:by/2.0/deed.en" href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.en">Attribution 2.0 Generic</a> license.)</p>
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