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	<title>Framing Archive - Demokratischer Salon:</title>
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	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
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		<title>Bildungsziele Debattenkultur und Weltfähigkeit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 24 Jul 2026 08:26:09 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Bildungsziele Debattenkultur und Weltfähigkeit Der Erziehungswissenschaftler Harry Harun Behr über (nicht nur) islamische Religionspädagogik „Das entscheidende Bildungsziel des Islams ist Weltfähigkeit. Das ist mein gedanklicher Vorwindkurs. Neulich will jemand wissen, wo denn die Ewigkeitsfähigkeit bleibe. Gute Frage. Der Islam richtet, wenn von Himmel und Erde die Rede ist, das Manifeste und das Arkane, das  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Bildungsziele Debattenkultur und Weltfähigkeit</strong></h1>
<h2><strong>Der Erziehungswissenschaftler Harry Harun Behr über (nicht nur) islamische Religionspädagogik</strong></h2>
<p><em>„Das entscheidende Bildungsziel des Islams ist Weltfähigkeit. Das ist mein gedanklicher Vorwindkurs. Neulich will jemand wissen, wo denn die Ewigkeitsfähigkeit bleibe. Gute Frage. Der Islam richtet, wenn von Himmel und Erde die Rede ist, das Manifeste und das Arkane, das Zähle und Erzählen aufeinander zu. Es geht um den Islam nicht nur als das muslimisch Eigene und proprietär Religiöse, sondern um eine Wissensordnung und Wissenskultur. Von dort entstammt der erzieherische Impetus zu Zivilisierung und Kultivierung.“</em> (Harry Harun Behr im Vorwort zu seinem Buch <a href="https://www.nomos-shop.de/de/p/islamische-religionspaedagogik-gr-978-3-7560-2347-9">„Islamische Religionspädagogik – Einführung“</a>, Baden-Baden, Nomos Verlagsgesellschaft, 2026)</p>
<div id="attachment_1385" style="width: 223px" class="wp-caption alignright"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1385" class="wp-image-1385 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/07/IMG_0731behr_hoch-002-213x300.jpg" alt="" width="213" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/07/IMG_0731behr_hoch-002-200x282.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/07/IMG_0731behr_hoch-002-213x300.jpg 213w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/07/IMG_0731behr_hoch-002-400x563.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/07/IMG_0731behr_hoch-002-600x845.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/07/IMG_0731behr_hoch-002-727x1024.jpg 727w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/07/IMG_0731behr_hoch-002-768x1081.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/07/IMG_0731behr_hoch-002-800x1126.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/07/IMG_0731behr_hoch-002-1091x1536.jpg 1091w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/07/IMG_0731behr_hoch-002-1200x1690.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/07/IMG_0731behr_hoch-002-1455x2048.jpg 1455w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/07/IMG_0731behr_hoch-002-scaled.jpg 1818w" sizes="(max-width: 213px) 100vw, 213px" /><p id="caption-attachment-1385" class="wp-caption-text">Harry Harun Behr, Foto: privat.</p></div>
<p>„<em>Weltfähigkeit“</em>, <em>„Zivilisierung“</em>,<em> „Kultivierung“</em> – diese Begriffe lassen den Islam und sicherlich auch manch andere Religion als Teil eines Zivilisationsprozesses sehen, durchaus im Sinne von Norbert Elias, der insbesondere steigende <em>„Affektkontrolle“</em> als Indikator zivilisatorischen Fortschritts beschrieb. Religionspädagogik analysiert jedoch nicht die langfristig wirksamen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen, auch wenn sie immer wieder auf diese reagieren wird, sondern zielt auf die persönliche Entwicklung eines jeden einzelnen Menschen. Harry Harun Behr benennt das Ziel: <em>„Narrative Identitätsherstellung (…) ist ein lebenslanger Prozess der Bewerkstelligung von Kohärenz zwischen der Magie der frühen Kindheit und der Klarheit des Alters.“</em></p>
<p>Ein solcher pädagogisch inspirierter und begleiteter Entwicklungsprozess sollte gegen identitäre Versuchungen schützen: <em>„Wenn identitäre Sprache auf religiöse Narrative zugreift, verbindet sich Religiosität mit dem romantischen Bedürfnis nach bewährter und moralischer Ordnung.“</em> Aber nicht nur der einzelne Mensch, auch die Religion selbst braucht Schutz. Eine zivilisierende Religionspädagogik entwickelt <em>„integrative und interdisziplinäre Ansätze“,</em> die Gemeinsamkeiten mit Demokratiepädagogik und – dies ist ein besonderes Anliegen von Harry Harun Behr – Philosophieunterricht findet. So könnte es möglich werden, über Bildungsprozesse eine offene, sich durch gegenseitigen Respekt auszeichnende Debattenkultur zu schaffen und zu stärken.</p>
<h3><strong>Entwicklung des Einzelnen – Entwicklung der Gesellschaft</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dein Plädoyer für ein Bildungsziel Weltfähigkeit ist ein hoher Anspruch für die Pädagogik wie für die gesellschaftliche Debattenkultur, in der es zurzeit nicht zum Besten steht. Du hättest es meines Erachtens auch für die Pädagogik in anderen Religionen schreiben können, für das Judentum, für das Christentum, sicherlich auch für manch andere Religion, die ihre Wurzeln nicht in der Region rund um Jerusalem hat. Du sagst, Religion, Religiosität, Spiritualität kann man nicht von oben verfügen, das muss jeder Mensch für sich entwickeln. Dein Buch zur „Islamischen Religionspädagogik“ bietet aus meiner Sicht in diesem Sinne eine attraktive liberale und demokratische Perspektive für Religion in unserer Zeit.</p>
<div id="attachment_8208" style="width: 203px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.nomos-shop.de/de/p/islamische-religionspaedagogik-gr-978-3-7560-2347-9"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8208" class="wp-image-8208 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/85-978-3-7560-2347-9-193x300.webp" alt="" width="193" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/85-978-3-7560-2347-9-193x300.webp 193w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/85-978-3-7560-2347-9-200x311.webp 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/85-978-3-7560-2347-9.webp 377w" sizes="(max-width: 193px) 100vw, 193px" /></a><p id="caption-attachment-8208" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Harry Harun Behr</strong>: <em>Das ist ein komplexer Einstieg, aber der Entwicklungsgedanke betrifft aus meiner Sicht zwei Bereiche. Das eine ist die Entwicklung des Subjekts über die Biografie hinweg, die Reifung, der Zuwachs, die zunehmende Erfahrung, zunehmende Trittsicherheit, sich durch die Welt, die Umwelt zu bewegen. Auf die Religionspädagogik bezogen gibt es den arabischen Begriff </em><em>tazkīya</em><em>. Der Aspekt von Bildung als Entwicklung ist jedoch zunächst ein pädagogischer Gedanke ohne Bezug auf Religion. Der zweite Aspekt ist ebenfalls ein pädagogischer Gedanke ohne Bezug auf Religion, die Entwicklung der Gesamtheit, der Gesellschaft, ich wage nicht zu sagen, der Menschheit insgesamt, das wäre mir zu populationsesoterisch – so nenne ich das mal. </em></p>
<p><em>Es geht um die Entwicklung des Einzelnen zum Besseren. Ich drücke das optimistisch aus, es kann ja auch alles schief gehen. Die Entwicklung des Einzelnen und die Entwicklung der Gesellschaft, in der der Einzelne lebt, beziehen sich aufeinander wie der rechte und der linke Schritt eines gemeinsamen Leibes – wenn man so will. Ich denke, das gestattet, dass wir, wenn wir von islamischer Religionspädagogik sprechen, erst einmal die Religion und den Islam weglassen können und von einem pädagogischen Konzept sprechen, das sich auch anders rahmen ließe als konfessionell.</em></p>
<p><em>Der Koran bringt dieses Wechselverhältnis von Subjekt und Gesellschaft auf den Punkt. </em><em>Interessanterweise argumentiert der Koran in 13:11 säkular, ohne direkten Bezug auf die Religion oder den Glauben, in arabischer Sprache: ʾinna llāha lā yuġayyiru mā bi-qawmin ḥattā yuġayyirū mā bi-ʾanfusihim, in meiner deutschen Übersetzung: „Die Lage eines Volkes, einer Nation, einer Gemeinschaft</em><em>, eines Stammes, sagen wir hier, die Lage eines Landes ändert sich nicht, bis jeder Einzelne anfängt, das zu ändern, was in seinem Herzen wohnt.“ Die wortgetreue Übersetzung wäre: „Gott ändert die Lage eines Volkes nicht, bis die Menschen ändern, was bei ihnen ist.“ Gemeint ist – wenn man in die Kommentare guckt – die Selbstregulierung des Subjekts, die Fähigkeit, sich selbst auf Ziele zuzubewegen, die dem Wohle des Ichs (</em><em>istiṣlāḥ</em><em>) und zum Wohle des anderen (</em><em>maṣlaḥa</em><em>) dienen. Selbst die Frage des Glaubens löst der Koran in Sure 31 Vers 12 in die Formel auf: „Wer glaubt, glaubt für sich selbst.“ Oder anders gesagt: „Zu seinem eigenen Vorteil.“ Der Koran wirft die gesamte Entwicklungsdynamik von Religion zunächst auf das Subjekt. </em></p>
<p><em>Karl Marx würde vielleicht widersprechen, denn erst, wenn sich die gesellschaftlichen Verhältnisse grundsätzlich ändern, wäre der Raum für den Einzelnen da, seine Potenziale zu entfalten. Das wäre von der dialektischen Gesellschaftstheorie her ein anderer Zugang, den es in der islamischen Tradition übrigens auch gibt. Es bleibt bei dem Wechselspiel ohne das Primat des einen über das andere, losgelöst von Religion. Der Koran bettet die zitierte Aussage aus Sure 31 zwar in die gesamte religiöse Botschaft ein, aber die Argumentation ist unabhängig von Religion zu sehen. </em></p>
<p><em>Geschichtlich gesprochen, verbindet der Koran eine religiöse Aspiration mit einer staatlich politischen Aspiration. Nehmen wir einmal Islam und Demokratie. Es sind drei Punkte. </em></p>
<ul>
<li><em>Der erste Punkt: Religiöse und politische Aspiration sind beide aus der Dystopie heraus geboren, aus einer Zerstörungserfahrung, der Erfahrung der Regellosigkeit. In der Regellosigkeit galt als einzige Regel das Recht des Stärkeren. Der Koran gruppiert dieses um andere Begriffe der Dystopie herum: fitna, die Versuchung, </em><em>fasād</em><em>, die Zerstörung, safak al-damm, das Blutvergießen, </em><em>ǧā</em><em>hilīya</em><em>, die Regellosigkeit.</em></li>
</ul>
<ul>
<li><em>Der zweite Punkt: Beide formulieren die Notwendigkeit, dass sich das Subjekt entwickelt, weil jedes System nur dann trägt, wenn die Individuen, die dieses System wollen, das System tragen. Der Souverän in der Demokratie ist das menschliche Subjekt. Und deshalb sind die Artikel des Grundgesetzes subjektive Rechte und keine kollektiven Rechte, keine Verbandsrechte, keine Rechte bestimmter Gruppen. Das ist ein besonderes Kennzeichen unseres Grundgesetzes, geboren aus den Erfahrungen im Nationalsozialismus.</em></li>
</ul>
<ul>
<li><em>Die dritte Gemeinsamkeit religiöser und politischer Aspiration ist das Versprechen einer besseren Zukunft für alle. Mich fasziniert im Islam, dass von einer besseren Zukunft für alle Menschen gesprochen wird, nicht nur für alle Muslime. Dies wird in einer Art eines zivilisatorischen Aufbaus entfaltet. Deshalb spreche ich von Weltfähigkeit. Religionspädagogisch kann ich nur sagen, Bildung und Erziehung in einer gut gerahmten Religion, ich hätte fast gesagt, in einer vernünftigen Religion, kann es schaffen, dass im kleinen experimentalen Raum der religiösen Gemeinschaft emblematisch Verhaltensweisen eingeübt werden können, die der gesamten Gesellschaft zugutekommen, Tugenden, Charaktereigenschaften des Guten, das sozial Gute, wie es in der Soziologie genannt wird, arabisch </em><em>al-maʿrūf</em><em>. Für dessen Begründung braucht man übrigens auch keine Religion. Auch das formuliert der Koran komplett im säkularen Zusammenhang. Es geht um das geteilte Wissen der Menschen darum, was gut und was richtig ist und was falsch. Ich habe das einmal in einem Aufsatz mit </em><a href="https://soztheo.de/personen/peter-l-berger/"><em>Peter L. Berger</em></a><em> als Third Scheme bezeichnet. So sehe ich das zurzeit.</em></li>
</ul>
<h3><strong>Der Islam – vom Menschen her gedacht</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In der fundamentalistischen Interpretation von Religion wird definiert, wie der Mensch zu sein habe, und dass alles, was dem entgegenstünde, eliminiert werden müsste. So sehen das auch alle anderen Systeme, die sich von der Demokratie ab- und autoritären oder gar totalitären Systemen zuwenden. Wer die vorgegebene Wahrheit in diesen Systemen verkündet, inszeniert sich selbst als unfehlbar. Entscheidend ist jedoch meines Erachtens, ob man sich als Mensch als fehlbar begreift. Dies gilt auch für Muhammad. Du zitierst Sure 73, in der von Muhammads Selbstzweifeln die Rede ist.</p>
<p><strong>Harry Harun Behr</strong>: <em>Es geht um die Empfindung der Unzulänglichkeit, der Verunsicherung Muhammads. Seine Ehefrau Chadidscha tröstet ihn, gibt ihm Worte der Zuversicht und des Trostes, aber auch eine Anleitung: Steh auf, wasch dich, reinige deine Kleidung, hoch mit dir, komm auf deine Beine, sozusagen nach viktorianischem Erziehungsideal „stiff upper lip“. </em></p>
<p><em>Das ist schwierig zu verstehen, denn die Muhammad-Bilder, die in einem ideologisierten Islam verbreitet sind, sind sehr ikonenhaft. Es gibt sozusagen das Attribut der</em> <em>ʿiṣma</em><em>, Muhammad wäre </em><em>maʿṣūm</em><em>, das heißt befreit von jedem Makel, er wäre Uswah, leuchtendes Vorbild. So wird er auch im Koran bezeichnet. Aber auch Ibrahim wird als Uswah bezeichnet und Ibrahim macht im Koran einen Fehler nach dem anderen. Von der Schrift her allein ist es ein schwieriges Label zu sagen, Muhammad wäre unfehlbar. Unfehlbarkeit ist eher ein katholischer Ausdruck, den man ohnehin nicht übertragen kann. Die theologische, ideologisierte Idee, dass es sozusagen eine brillante, strahlende Reinform des Islam gäbe, den vollkommenen Menschen im Rahmen der richtigen Religion, ist ein Bild, das es in vielen Ideologien, auch unabhängig von Religion gibt. Dieses Bild entsteht als menschliches Verlaufsmuster irgendwie aus einer grundlegenden Defizitannahme heraus. Das betrifft auch die Erziehung: Kindes- und Jugendalter werden in den verschiedenen Verhaltensstadien oft als defizitär gesehen, messbar an einem erreichbaren Stand. </em></p>
<p><em>Der Koran reißt dieses Kartenhaus ein. Als Muhammad gefragt wird, was die bei Gott angesehenste Religion sei, die Gott am meisten liebt, erwarten die Fragenden, dass er antwortet: Der Islam. Wenn man nur genug Islam inhaliert, frisst, wird man schon der richtige Mensch. Muhammad sagt jedoch lapidar: al-ḥanīfīya al-samḥa. Das heißt: Die Güte und die Toleranz. Er spiegelt zurück, was in den Herzen der Fragenden liegt. Warum stellt ihr diese Frage? Macht ihr eine Tür auf oder eine Tür zu? Er verunsichert die Fragenden, weil diese Attribute auch auf andere Glaubenssysteme anwendbar sind, auf die Entwicklungsstadien von defizitären, verunsicherten Mängelwesen hin zu dem, das der Koran imām nennt, ein Vorbild. </em></p>
<p><em>Die Kriterien für Vorbildhaftigkeit sind relational. Der Koran setzt sie nicht in Relation zu einem objektiven Sachanspruch, zu von außen gesetzten Normen, sondern in Relation zu dem Entwicklungspotenzial, das jeder einzelne Mensch hat. Und diese Entwicklungspotenziale sind unterschiedlich. Hier liegt der Ausgangspunkt zu einer religiösen Anthropologie. Wir denken den Islam vom Menschen aus. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was bedeutet das für Bildung und Erziehung?</p>
<p><strong>Harry Harun Behr</strong>: <em>Jedes Stadium, das ein Kind, ein Jugendlicher in der Entwicklung durchläuft, ist in sich genommen ein voll gültiges Stadium, ganz losgelöst von jeder Defizitannahme. Natürlich gibt es Störfaktoren wie Unreife, jugendliche Delinquenz. Vom Menschenbild her gedacht aber ist jedes Kind, jeder Jugendliche ein Mensch, der von Gott in dem Stadium für vollgültig erklärt wird, in dem er sich gerade befindet, in dem er gesehen wird.</em></p>
<p><em>Das Gesehen-Werden ist sehr wichtig. Wir haben zu dieser Frage über 100 muslimische Jugendliche im Rhein-Main-Gebiet interviewt. Die einen beten, die anderen nicht, die einen waren schon einmal in einer Moschee, die anderen nicht, die einen können den Koran lesen, die anderen nicht, die einen haben einen islamisch klingenden Namen, andere nicht. Wir haben gefragt, was war deine beste, was deine schlechteste Erfahrung in der Schulzeit? Durch die Antworten zieht sich ein roter Faden: Die schrecklichste Erfahrung war, dass ich von meiner Lehrerin, meinem Lehrer nicht als der Mensch gesehen wurde, der ich bin, sondern als der Mensch, für den sie mich halten, dass ich zur Projektionsfläche werde für etwas, das ich gar nicht bin, bis hin zum Spezieswesen Islam oder zum Spezieswesen Migrant. Das schönste Erlebnis war, wenn dieses Muster durchbrochen wurde. Es ist bedrückend, dass die Projektionserfahrung der Regelfall ist und die Durchbrechung in dieser unguten Matrix der Sonderfall. Dies führt allerdings auch dazu, dass einige dieser Kinder bildungsbeschleunigt durch die Schule kommen, zum Beispiel Lehrerin oder Lehrer werden wollen, weil sie gespürt haben, wie wichtig diese Erfahrung ist. </em></p>
<p><em>Religion is a remedy. Hier kann Religion – ich bleibe beim Islam, du weißt, dass ich auch als Jude sprechen kann – sehr sehr wichtig werden, weil sie ein stablisierendes Moment in die grundlegende Verunsicherung einführt, auf die du in Bezug auf Sure 73 hingewiesen hast, sodass Kinder und Jugendliche begreifen, dass sie von Gott gesehen werden, als die, die sie sind, als die, die sie sein wollen. Sie dürfen dies an Gott in ihren Bittgebeten adressieren, auch wie sie nicht sein wollen. Daran basteln junge Menschen, spätestens, wenn sie morgens vor dem Spiegel stehen und versuchen, sich eine complexion, ein Bild, eine Erscheinungsform zu geben, sodass sie sagen können, jetzt wird der Tag gut. Oder denken wir an das bei jungen Menschen verbreitete Gefühl, irgendwie im eigenen Körper nicht zuhause zu sein, zu dick, zu dünn, zu klein, zu groß, zu schwach, im falschen Geschlecht. Das sind Fragmentierungserfahrungen, die zu bewältigen Jugendliche im Sinne einer Re-Fragmentierung lernen müssen.</em></p>
<p><em>Der Islam ist in diesem Sinne eine pädagogisch und entwicklungsorientiert gedachte Religion. Es gibt natürlich auch andere Dinge, über die diese Erfahrung möglich ist, zum Beispiel die Kunst, die Musik, denn Entwicklungserfahrungen haben viel mit ästhetischer Erfahrung zu tun. Ich bleibe hier bei der Religion, weil sie die Verbindung zu einer sinnstiftenden höheren Ordnung herstellt, die mich sieht und in der ich mich geborgen fühlen darf, weil diese Ordnung entschieden hat, dass ich lebe, und irgendwann entscheiden wird, dass ich wieder aus diesem Leben gehen werde. Dieses Lebensgefühl ist für mich der tiefere Grund, dass ich einen Sinn im Religionsunterricht sehe, obwohl ich eigentlich lieber Philosophieunterricht als Religionsunterricht in der Schule sähe. Das wäre eine Religionspädagogik mit einem – wenn du so willst – gesellschaftstherapeutischen Impetus, ausgehend davon, je besser deine Entwicklung wird, desto besser für uns alle. </em></p>
<h3><strong>Das Recht auf Glück</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Projektionserfahrung, von der du sprichst, betrifft nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern mehr oder weniger alle Menschen, die in Deutschland – oder auch in benachbarten Ländern leben und Muslime sind oder für Muslime gehalten werden. Das Bild vom Islam ist – ich erlaube mir, es drastisch zu formulieren – in vielen medialen und politischen Debatten wieder auf dem Niveau der Kreuzzüge gelandet.</p>
<p><strong>Harry Harun Behr</strong>: <em>Höflich gesagt: Der Islam hat ein Imageproblem. Auf der anderen Seite muss man sagen, Musliminnen und Muslime verursachen auch Probleme, nach denen sie sich fragen lassen müssen. Positiv gewendet würde ich sagen, es ist auch eine gute Situation, weil alles offen ist, eine Situation der höchstmöglichen Kontingenz. Wenn alles in einem labilen und nicht in einem stabilen Gleichgewicht ist, es nach rechts wie nach links herunterkullern kann, liegt darin auch eine Chance. Ich sehe sie darin, dass Menschen, die von der Gesellschaft als muslimisch markiert und damit in eine Schublade gesteckt werden, eine Aufforderung spüren, sich zum Islam zu verhalten. Dies impliziert einen Bildungsanspruch, religiös informiert zu sein, islamische Dinge verstehen und einordnen zu können, sprechfähig zu sein zu diesen Themen, über die Vokabeln zu verfügen und den Mut zu haben, darüber zu sprechen, sei es, dass man sagt, ich bin bekennender Muslim, sei es, dass man sagt, der Islam hat für mich ausgedient. Ich nehme beide mit ins Boot. Es geht aber darüber hinaus. Es werden nicht nur Muslime in der Gesellschaft in eine Schublade gesteckt. In eine Schublade gesteckt werden Frauen, Kinder und Jugendliche, alleinerziehende Mütter, die Flaschensammler am Hauptbahnhof, sozial marginalisierte Menschen, denen unterstellt wird, sie würden die Sozialsysteme plündern, migrantisch gelesene Menschen, Ossis aus der Sicht von Wessis, Wessis aus der Sicht von Ossis und so weiter und so fort.</em></p>
<p><em>Wir haben es mit einem Regime von Markierungen zu tun, das zurzeit auch von der Bundesregierung bedient wird, indem sie nichts Besseres zu tun hat als die gesellschaftlichen Segmente gegeneinander aufzubringen und in Aufruhr zu versetzen: Rente versus Bafög, Mütterrente und all diese Dinge aus dem Wimmelbuch der Politik. Das ist blamabel und schrecklich angesichts dessen, dass wir bei WiIly Brandt und Helmut Schmidt erfahren durften, wie man die Gesellschaft als Ganze im Blick behält. Ich nenne die beiden jetzt einmal, weil ich als Junge mit ihnen meine ersten Erfahrungen in der Politik machte, abgesehen davon, dass alle in meiner Familie SPD-Wähler und Opel-Fahrer waren. </em></p>
<p><em>Das Entscheidende ist für mich, dass religiöse Bildung identitäre Muster, die Zugehörigkeit und Nicht-Zugehörigkeit definieren, aufbrechen kann, indem sie den Blick auf den Menschen richten, Ibn Arabi würde sagen, auf den Menschen mit seinem Anrecht auf Glück. Ibn Arabi war im Grunde der Erfinder des Individuums. Er war ein maßgeblicher Impulsgeber für die Renaissance und die abendländische Aufklärung.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der <em>„pursuit of happiness“</em>.</p>
<p><strong>Harry Harun Behr</strong>: <em>Das ist ein antikes Motiv aus Platons Politeia. Ibn Arabi greift es auf und sagt, dass jeder das Recht hat, ein glückliches Leben zu führen. Interessant ist, dass Muhammad, als er gefragt wurde, warum er da wäre, sagte: „Um euch glücklich zu machen und nicht unglücklich.“ So ähnlich drückt es auch der Koran in Sure 2 Vers 185 oder in Sure 20 Vers 2 aus. Als Dscha’far al-</em><em>Tayy</em><em>ā</em><em>r</em><em> vom äthiopischen Kirchenfürsten Ashama ibn-Abdschar gefragt wird, wer denn dieser Muhammad sei, antwortet er nicht, er sei der Gesandte Gottes, sondern sagt: „Wir lebten in der Regellosigkeit und er wurde geschickt, um uns zu lehren, Menschen zu sein.“ Diese Brechung von der konfessionellen Formatierung eines Religionsunterrichts auf das Weltganze, das Ganze der Gesellschaft, wenigstens im Hinblick auf die Kommune, in der man lebt, ist für mich ein ganz wichtiges Motiv in der Begründungslogik, warum religiöse Bildung und Erziehung für die Gesellschaft wichtig ist und nicht nur für die, die im Konfirmationsunterricht, im jüdischen Bethaus oder in der islamischen Gemeinde sitzen.</em></p>
<h3><strong>Das Recht auf Differenz – ein Recht auf Debatte</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die aktuellen negativen Projektionen auf den Islam sind leider mehrheitsfähig. Religionen müssen mit vielen Zuschreibungen leben, der Islam, das Judentum, auch das Christentum in seinen verschiedenen Ausprägungen. Beim Christentum haben wir in Deutschland (noch) eine Mehrheit gegenüber denjenigen, die keiner Religion angehören. Aber die Zuschreibungen werden auch aus bestimmten Kreisen bedient, beispielsweise von einem Pete Hegseth mit seinem Kreuzzugstattoo, der seine Religion zur einzig seligmachenden Religion erklärt. Ob er alles richtig versteht, lassen wir mal dahingestellt. Die Geschichte, wie er eine Pseudo-Bibelstelle aus Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“ für die Begründung seiner Sicht von Religion und Politik nutzte, obwohl es diese Stelle in der Bibel gar nicht gibt, spricht für ein gewisses Maß an Bildungsverwahrlosung. Aber solche Phänomene haben wir nun einmal bei Radikalen in allen Religionen und Ideologien. Ich erlebe das leider auch in Schulen. Da gibt es inzwischen junge männliche Muslime, die ihre Klassenkameraden, vorzugsweise auch ihre Schwestern mit allen möglichen Vorschriften schikanieren und terrorisieren, die sie für unverzichtbar muslimisch halten, beispielsweise im Hinblick auf Bekleidung, Ernährung, Fasten, woher sie diese auch immer haben, wohl eher nicht aus eigener Koran-Lektüre, sondern von selbsternannten islamistischen Influencern. Sie tragen natürlich zu dem Image-Problem des Islam bei, das du schon angesprochen hast. Aber wie gesagt, der Islam ist nicht die einzige Religion, die pervertierbar wäre. <a href="https://www.zeit.de/2026/29/pete-hegseth-doug-wilson-christlicher-nationalismus-usa">Siehe Pete Hegseth und seinen Pastor Doug Wilson</a>.</p>
<p><strong>Harry Harun Behr</strong>: <em>Wechseln wir mal von Hegseth auf den konvertierten Katholiken JD Vance. Vielleicht wird er ja der nächste Präsident der USA. Ich nehme einmal an, dass er daraufhin arbeitet. Aber mal schauen. Vance verweist auf Religion als Institution in einem politischen Diskurs im Interesse einer politischen Lobby, auch im Hinblick auf einen innerkirchlichen Diskurs. </em></p>
<p><em>Ich steige einmal von einer anderen Seite in deinen Impuls ein. </em><a href="https://www.fmsh.fr/en/researchers/francois-jullien"><em>François Jullien</em></a><em> hat dieses schöne Buch geschrieben: </em><a href="https://www.suhrkamp.de/buch/francois-jullien-es-gibt-keine-kulturelle-identitaet-t-9783518127186"><em>„Es gibt keine kulturelle Identität“</em></a><em> (deutsche Ausgabe in der edition suhrkamp). Jullien geht von den systemischen Theorien der Ressourcenorientierung aus. Er sagt, es gebe keine kulturelle Identität, sondern nur die bestmögliche Kultivierung im Sinne des sozialen Kapitals, durchaus im Sinne von Pierre Bourdieu. Das Recht auf Differenz ist daher ein zumindest demokratisches Erfordernis. Es bedeutet, dass Muslime unbehelligt ihre Religion ausüben dürfen. So steht es im Grundgesetz. Man darf ihnen nicht mit „Remigration“ drohen, sie durch ICE-Agents oder ähnliche Akteure unter Druck setzen oder, wie manche Politiker, nicht nur der AfD-Mann </em><a href="https://www.fnp.de/politik/interview-albrecht-glaser-werte-islam-sind-antiwestlich-10479873.html"><em>Albrecht Glaser</em></a><em>, behaupten, der Islam sei keine Religion, sondern eine politische Ideologie.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der erste, der diese Auffassung popularisierte, war nach meiner Erinnerung Geert Wilders in den Niederlanden. Er lieferte damit ein Argumentationsmuster für viele Rechtspopulisten und Rechtsextremisten in Europa. Leider nehmen auch manche Konservative und manche Sozialdemokraten dieses Nicht-Argument auf.</p>
<p><strong>Harry Harun Behr</strong>: <em>Es wäre ein schwerer Fehler, diese Auffassung nur auf die AfD zu schieben. Diesen ganzen Mist, der uns droht, schaffen wir auch ohne AfD.</em></p>
<p><em>Das Recht auf Differenz ist ein sehr schönes Recht, weil es so etwas wie lebensweltliche, religiöse, lebensstilorientierte Diversität und Vielfalt birgt und damit einen Aspekt der Freiheitlichkeit. Das Recht auf Differenz steht unter Druck. Uns muss gelingen, dies in die Debatte zu bringen. Zu viele Dinge werden einfach gesetzt und nicht in die Debatte geführt. Uns fehlt Debattenkultur. </em></p>
<p><em>Ich sage das als jemand, der im englischen Weymouth Ende der 1970er Jahre eine Secondary High besucht hat. Dort gab es einen Debattierklub, in dem wir lernten, unter bestimmten Hausregeln zu debattieren, in dem auch die Fetzen fliegen durften, aber nichts wurde auf den Schulhof getragen. Social Media gab es damals noch nicht, es galt die </em><a href="https://www.chathamhouse.org/about-us/chatham-house-rule"><em>Chatham House Rule</em></a><em>. Es galt, dass mögliche Verletzungen, mögliche Angriffe, Polemik, Ironie, aber auch Streit um die Sache in einem geschützten Format bleiben, in der Hoffnung, dass alle etwas mit nach Hause nehmen, das sie zum Nachdenken und zum Weiterverfolgen einer Debatte bringt. Dafür braucht man einen Regelapparat. </em></p>
<p><em>Seit dem 7. Oktober 2023 – zu diesem Datum muss ich nichts sagen – habe ich mich auf dem Campus intensiv damit beschäftigt. Ich habe mit </em><a href="https://www.juedische-allgemeine.de/unsere-woche/taeglich-fuer-empowerment-kaempfen/"><em>Sabena Donath</em></a><em>, Direktorin der </em><a href="https://www.zentralratderjuden.de/der-zentralrat/institutionen/juedische-akademie/"><em>Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden</em></a><em>, zusammengearbeitet. Wir haben mit unserem </em><a href="https://www.uni-frankfurt.de/108516808/Diversity"><em>Diversity Office</em></a><em> an der Universität Frankfurt ein Teach-and-Talk-Format aufgelegt, in dem wir 2024 bis ins Jahr 2025 ganz intensiv mit dem lehrenden Personal in der Universität in die Debatte eingestiegen sind. Wie funktioniert eine Debatte? Gibt es so etwas wie eine Didaktik der Debatte, der Befähigung zur Debatte?</em></p>
<p><em>Das vermisse ich. Ich beobachte auch auf dem Campus entweder allseitiges Schweigen aus Angst vor Markierung, oder Eskalation: Das Verstummen oder das Schreien. Das erinnert mich an Koran Sure 31 Vers 19: „Seid nicht wie die Esel!“ Die Leute fragten Muhammad, warum die Esel. Er antwortete, sie können nur stumm oder laut. Kommt miteinander ins Gespräch. </em></p>
<p><em>Gibt es für das Recht auf Differenz einen Resonanzraum? Das wäre ein Raum, der durch bestimmte Bezugspunkte, Koordinaten definiert ist. </em></p>
<ul>
<li><em>Das eine ist der Bezug zu Institutionen, zum Beispiel wenn es um die Einschränkung des Rechts auf Differenz durch eine bestimmte Regel gibt, die Schule, das Gericht, der Arbeitsplatz, Medien, Freibäder.</em></li>
</ul>
<ul>
<li><em>Das zweite ist die Bedeutung für den Einzelnen. Ich habe schon gesagt: Die Arbeit des Einzelnen an sich selbst ist eine Grundvoraussetzung für die positive Entwicklung der Gesellschaft. Es geht darum, dass ein solches Thema oder Motiv Relevanz hat. Ich beziehe mich auf Alfred Schütz und seine Theorie der Relevanz. Es geht um subjektive Relevanz.</em></li>
</ul>
<ul>
<li><em>Das dritte ist das Framing, die Frage, wo die Debatte stattfindet. Ein Debattierclub ist ein spezielles Framing, ein anderes wäre Markus Lanz, ein drittes der Mut von Lehrkräften, mit ihren Schülerinnen und Schülern in eine Diskussion zu gehen. Publikationen, Kommentare in Zeitungen sind weitere Formen eines solchen Framings. </em></li>
</ul>
<p><em>Es ist wichtig zu verstehen, dass solche Debatten in einem Resonanzraum stattfinden und dass man bestimmte Bedingungen dieses Resonanzraumes definieren kann und andere nicht. Was dann aber stattfindet, sind Markierungen. Es ist offensichtlich hilfreich in Debatten, anderen ein Label zu verpassen. Vorsicht! Das ist gefährlich, spätestens, wenn man selbst auch nicht in eine bestimmte Schublade gesteckt werden möchte.</em></p>
<p><em>Für diese Markierungen gibt es wiederum bestimmte Koordinaten, die immer wieder auftauchen. Man kann diese tausendfache Varietät von Markierungen, östlich, westlich, orientalisch, okzidentalisch, zivilisiert, unzivilisiert, christlich, muslimisch, jüdisch, männlich, weiblich, arm, reich, faul, fleißig, schön, hässlich, auf vier Aspekte konzentrieren: </em></p>
<ul>
<li><em>Das eine ist Identität, dass bestimmte Markierungen dem anderen als identitäres Proprium zugeschrieben werden können: Ihr seid einfach so. Ich bin halt so!</em></li>
</ul>
<ul>
<li><em>Das zweite ist territorial. Alles findet in territorialen Zuschreibungen statt. Das zeigen uns die rechten ethnopluralistischen Narrative vom Europa der Nationen: Frankreich den Franzosen, Deutschland den Deutschen und so weiter. Das bezieht sich auf Territorien, die mutmaßlich anders sein sollen als das mutmaßlich eigene. Ein wichtiger Begriff ist Grenze. Wir sprechen auch von Grenzregimen.</em></li>
</ul>
<ul>
<li><em>Das dritte ist Ideologie. Aus dem identitären und dem territorialen Merkmal wird eine ideologische Devianz oder Repräsentanz extrapoliert. Das ist ein Grund dafür, dass der Islam über politische Kategorien ins Gespräch gebracht wird: Politischer Islam, Clan-Islam, migrantischer Islam. Das dem Islam zugeschriebene Territorium ist der Orient – eine Orientalisierung, das wissen wir seit </em><a href="https://kolonialgeschichtema.com/edward-said-1935-2003-autor-und-kritiker-des-postkolonialismus/"><em>Edward Said</em></a><em>. Mit dieser Orientalisierung werden ideologische Begriffe verbunden wie undemokratisch, unfreiheitlich, antihumanistisch, frauenfeindlich und so weiter und so fort.</em></li>
</ul>
<ul>
<li><em>Das vierte Element ist englisch „affiliation“ oder „behaviour“, das Verhalten der Menschen. Das Zuspätkommen eines muslimischen Schülers wird völlig anders interpretiert als das Zuspätkommen von Inge oder Heinz. Auch wenn alle einfach verschlafen haben, wird bei dem muslimischen Schüler, wenn zum Beispiel Ramadan ist, direkt unterstellt, das hätte etwas mit dem Fasten zu tun: Ihr setzt halt andere Prioritäten, das ist bei euch nun einmal so.</em></li>
</ul>
<p><em>Solange diese vier Grundmuster unreflektiert bleiben, wird es schwierig, eine Debatte zu sortieren. Das ist enorm wichtig: Was ist ein relevanter Faktor? Welchen Faktor kann ich verändern? Ich kann ja nichts an einer Zuschreibung ändern, aber ich kann ins Gespräch über Verhalten kommen. Was könnte man am Verhalten verändern, damit dieser Triggerpunkt in der feindseligen Kulturalisierung entfällt? Die Hoffnung, dass man dies durch Assimilation erreichen könnte, dass beispielweise auch gläubige Muslime im Biergarten ein Weißbier trinken können, hat sich verfehlt. Das funktioniert einfach nicht. Die Rassifizierung bleibt. Wir wissen aus der Forschung, dass je stärker eine Hyperassimilierung ist, desto stärker sind die Ablehnungseffekte in der Konkurrenzsituation. Der Besuch eines Biergartens ist keine Konkurrenzsituation, aber die Wohnungssuche ist eine. Das führt ins Nichts. Für diese Erkenntnis brauchen wir keinen Islam. Das wissen wir aus der Gewaltforschung seit </em><a href="https://www.galtung-institut.de/de/home/johan-galtung/"><em>Johan Galtung</em></a><em> oder Gordon W. Allport, oder wir erfahren es regelmäßig aus der </em><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/rein-oder-raus-immer-rund-um-die-mitte/"><em>Bielefelder Mittestudie</em></a><em> oder der </em><a href="https://www.boell.de/de/leipziger-autoritarismus-studie"><em>Leipziger Autoritarismusstudie</em></a><em>. </em></p>
<p><em>Hier könnte eine gute islamische Religionspädagogik, die diese Diskursprinzipien und diese Orientierungspunkte auf in der Schrift gesättigte Bezugspunkte rückführt, bewirken, dass zumindest die betroffenen Muslime in der Lage sind, zu einer besseren Debattenkultur beizutragen. Denn der Koran </em><em>sagt in Sure 41 Vers 34: </em><em>ʾdfaʿ bi-llatī hiya ʾaḥsan, in deutscher Übersetzung: „Antworte auf eine bessere</em><em> Art und Weise!“ Das ist ein religiöses Gebot!</em></p>
<h3><strong>Regeln einer demokratischen Debattenkultur</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dieses Gebot sollte aus meiner Sicht für alle Fachdisziplinen gelten, für alle Unterrichtsfächer in der Schule, alle Diskursgelegenheiten in der Gesellschaft, ganz unabhängig von Religion. Du sagtest es zu Beginn unseres Gesprächs: Der Koran formuliert eine säkulare Botschaft, doch diese lässt sich religiös begründen. Letztlich ist es das, was du mit deiner Forderung nach einer umfassenden philosophischen Bildung und Ausbildung verbindest.</p>
<p><strong>Harry Harun Behr</strong>: <em>Das wäre ein guter Weg. Man könnte auch religionsbezogene Zusatzangebote in die Schule einführen. Man müsste die Hermetik von Schule öffnen und sie stärker mit außerschulischen Lernorten, beispielsweise der Kommune als Lernort zu vernetzen. Zur Kommune gehören die Religionsgemeinschaften ebenso wie die Geschäfte, die Arbeitgeber und die Dienstleister. </em><em>Benjamin Barber schrieb in seinem schönen Buch </em><a href="https://www.jstor.org/stable/j.ctt5vksfr"><em>„If Mayors Ruled the World – Dysfunctional Nations, Rising Cities”</em></a><em> über Community Development. </em><em>Einer meiner alten islamischen Lehrer in Indonesien, Muhammad Natsir, sagte: „Dakwah is Community Development“. Dakwah ist der islamische Begriff für den Ruf zum Islam. Er unterscheidet nicht zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen. Dafür wurde Natsir von konservativen Muslimen sehr angefeindet.</em></p>
<p><em>Man muss Religion nicht aus der Schule verbannen. Man könnte sie aber intelligenter integrieren, als Kernfach, das eben hilft, in einer übergeordneten Matrix. </em><a href="https://chomsky.info/"><em>Noam Chomsky</em></a><em> würde von einer tiefergelegenen Grammatik sprechen. Es gilt, die Kunst und Kompetenz der Debatte in die Schule zu integrieren. Das könnte Philosophieunterricht leisten, verbunden mit dem Kernwissen der philosophischen Grammatik, wie sie sich durch die Religionen zieht, die hier vor Ort bei uns von Belang sind, Christentum, Judentum und Islam.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Du zitierst <a href="http://www.cerep.ulg.ac.be/adichie/index.html">Chimamanda Ngozi Adichie</a> mit dem Satz aus <a href="https://www.ted.com/talks/chimamanda_ngozi_adichie_the_danger_of_a_single_story">„The Danger of a single story“</a>: <em>„Culture does not make people. People make culture.”</em> An einer anderen Stelle in deinem Buch über die Islamische Religionspädagogik beziehst du dich auf <em>„die alte Weisheit des commonwealth of Nations: There is no pluralism without a healthy amount of separatism.”</em> <em> </em></p>
<p><strong>Harry Harun Behr</strong>: <em>Das sind Antworten auf das Motiv der feindseligen Kulturalisierung. Wir müssen uns nur näher anschauen, was zurzeit im Kernland des Commonwealth auf den Straßen geschieht. Kultur ist etwas, das wir herstellen, nicht etwas, das Menschen mitbringen. Ich habe einmal Christian Wulff, als er Bundespräsident war, nach Bangladesch und nach Indonesien begleitet. In dem Flieger hatten wir 15 Stunden Zeit. Der Bundespräsident lud zum Gespräch und öffnete die ein oder andere Flasche kalten Weißweins. Es war ein offenes, entspannendes Gespräch. Es war vor 2015, aber es gab schon Flüchtende über das Mittelmeer. Er fragte mich, warum diese Menschen von Süd nach Nord oder Ost nach West zu uns kommen, ob es darin einen Sinn gebe. Ich habe geantwortet, wir haben vor 150 Jahren aus Mesopotamien das Ischtar-Tor nach Berlin geholt und im Pergamon-Museum aufgebaut. Jetzt kommen zu uns die Nachfahren der Menschen, die gewohnt waren, durch dieses Tor hindurchzugehen. Das Ischtar-Tor war ein Tor ohne Tore! Ob du durch dieses Portal hinein- oder hinausgehst, obliegt dir! Der Gesellschaft obliegt es, dir die Möglichkeit zu geben zu bleiben oder zu gehen. Das bringt der Koran in Sure 4 Vers 98 zum Ausdruck. Ich sagte, dass wir in einer segensreichen Zeit leben, weil der liebe Gott – ich wusste, dass Herr Wulff im Hinblick auf den „lieben Gott“ adressierbar ist – in seiner Gnade diese Menschen zu uns schickt, damit sie uns als Gesellschaft etwas geben, das wir zu verlieren drohen, nämlich im Falle der Bedrückung und des drohenden Scheiterns nicht anderen die Schuld zu geben, sondern an uns selbst zu arbeiten.</em></p>
<p><em>Der Regelfall in der Geschichte ist der, dass die Fluchtboote von Nord nach Süd und von West nach Ost fuhren. Das ist jetzt eine Ausnahmesituation. Muhammad würde so </em><em>anfangen: Sa ya</em><em>ʾ</em><em>t</em><em>ī</em><em> sanaw</em><em>ā</em><em>t. Es werden</em><em> Zeiten kommen – ich wage dies zu sagen –, dass die Fluchtmigration wieder von Europa wegführt, von Nord nach Süd und von West nach Ost. Das fand er total einleuchtend und sagte dann, was er noch bräuchte, wäre eine Sprache, die ihm hilft, dies in politisches Handeln zu übersetzen. Aber da habe er jede Hoffnung verloren.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist bedrückend. Mir haben viele Dinge, die Christian Wulff sagte, Hoffnung gegeben, Zuversicht, aber aus heutiger Sicht liegt die von dir zitierte Skepsis leider wohl näher.</p>
<p><strong>Harry Harun Behr</strong>: <em>Ja, er war damit bezogen auf unser System und auf die Entwicklung zu etwas Besserem, die wir zu Beginn unseres Gesprächs formulierten, in dem Augenblick pessimistisch.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein auf den ersten Blick eher optimistisches Buch hat Parag Khanna geschrieben: <a href="https://www.paragkhanna.com/move/">„Move“</a> (<a href="https://www.rowohlt.de/buch/parag-khanna-move-9783737101158">die deutsche Ausgabe erschien 2021 bei Rowohlt</a>). Ich habe das Buch unter der Überschrift <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/zukunftschance-migration/">„Zukunftschance Migration“</a> besprochen. Khanna geht von einem durchschnittlichen Temperaturanstieg von etwa vier Grad Celsius bis zum nächsten Jahrhundertwechsel aus, viele Regionen werden unbewohnbar, aber die Menschen migrieren in Richtung der Pole und in Neuseeland, in der Antarktis, in Skandinavien, Sibirien, Kanada und Grönland entstehen große wohlhabende Städte. Dem entgegen steht der Widerstand vieler Menschen gegen jede Migration, die Eva von Redeker in ihrem Buch <a href="https://www.fischerverlage.de/buch/eva-von-redecker-dieser-drang-nach-haerte-9783103977240">„Dieser Drang nach Härte“</a> (Frankfurt am Main, S. Fischer, 2026) zu der These veranlasste, dass sich der neue Faschismus durch das Gefühl definiere, überall drohe die <em>„Plünderung“</em> eines Besitzes, obwohl dieser in Wirklichkeit nur ein <em>„Phantombesitz“</em> sei. Doch wem gehört <em>„unser Land“</em>? Die Antwort ließe sich in deiner Sicht des Ischtar-Tores im antiken Babylon finden.</p>
<p><strong>Harry Harun Behr</strong>: <em>Ja. In Sure 7 Vers 128 lässt Gott wen er will das Land erben.</em> <em>Das Thema der Debattenkultur haben wir in dem angesprochenen Teach-and-Talk-Format – da standen ja Israel und Gaza im Fokus – noch etwas regelhafter weitergeführt. Die Frage war, wie sich aus der Analyse Regeln und dann eine Strategie und einer Didaktik generieren ließen. Wir haben uns auf vier Bezugspunkte geeinigt. </em></p>
<ul>
<li><em>Das ist zuerst die Haltung des Subjekts, Haltung im Sinne der Frage, auf welcher Etappe ich mich zurzeit befinde und ob ich weiterkommen möchte oder nicht. Darunter haben wir die Bedeutung von Menschlichkeit, Gesetz und öffentlicher Ordnung subsummiert. Wir fanden es notwendig, ganz konkrete Items zu benennen und es nicht in einer abstrakten bildungstheoretischen Analyse zu belassen. Dazu gehört eine klare Absage an Hass und Gewalt, die von allen Diskursteilnehmern als eine Art Geschäftsordnung eingefordert wird.</em></li>
</ul>
<ul>
<li><em>Ein zweiter Punkt war, dass jemand, der etwas in eine Debatte einspeist, damit rechnen muss, dass er aufgefordert wird, die relevanten Fakten zu nennen und offenzulegen, woher eine Information kommt. Es geht um die Zuverlässigkeit von Informationen.</em></li>
</ul>
<ul>
<li><em>Das dritte ist die Perspektivität. Debattenbeteiligte müssen sich fragen lassen, warum sie gerade etwas sagen, was der Hintergrund ihres performativen Sprechakts ist und welche Zukunft man vor Augen hat. Wo würden wir in zehn, 20 oder 30 Jahren stehen?</em></li>
</ul>
<ul>
<li><em>Das vierte ist „compassion“, Emotionen, Leidenschaft, empathische Beteiligung zuzulassen und sie zunächst als gleichrangige Botschaft anzuerkennen und ihnen Geltung in der Debatte zu verschaffen.</em></li>
</ul>
<p><em>Diese vier Punkte, Haltung, Objektivität, Perspektivität und Empathie, schienen uns unverzichtbar. Das konnte man mit einem Bouquet an Blüten ausbauen, aber diese vier Punkte würden wir gerne curricular verankern. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das müsste doch zumindest an Hochschulen realisierbar sein.</p>
<p><strong>Harry Harun Behr</strong>: <em>Leider ist es schon an der Universität nur schwer realisierbar, aber die Forderung bleibt bestehen. Das ist es, das wir wollen und uns auch für die Schulen wünschen!</em></p>
<h3><strong>Harry Harun Behr im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon:</span> </strong></h3>
<ul>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/religionspolitische-visionen-und-diskurse/">Religionspolitische Visionen und Diskurse</a>, November 2023 (Gespräch),</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/von-religionen-und-fussballvereinen/">Von Religionen und Fußballvereinen</a>, September 2022 (Gespräch),</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/gott-liebt-die-anderen/">Gott liebt die Anderen</a>, Dezember 2021 (Besprechung des von Harry Harun Behr mit Bernd Schröder, Katja Boehme und Daniel Krochmalnik herausgegebenen Buches „Zukunftsfähiger Religionsunterricht zwischen tradierter Lernkultur, jugendlicher Lebenswelt und religiöser Positionalität“, Frank &amp; Thimme 2021),</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/jung-muslimisch-demokratisch/">Jung, muslimisch, demokratisch</a>, Juni 2022 (Besprechung der von Harry Harun Behr mit Meltem Kulaçatan durchgeführte DITIB-Jugendstudie 2021, Beltz Juventa 2022),</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/dynamische-religiositaet/">Dynamische Religiosität</a>, August 2021 (Gespräch),</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-sehnsucht-recht-zu-haben/">Die Sehnsucht recht zu haben</a>, Juni 2021 (unter anderem Besprechung des von Harry Harun Behr mit Meltem Kulaçatan herausgegebenen Buches „Migration, Religion, Gender und Bildung“, transcript, 2020).</li>
</ul>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juli 2026, Internetzugriffe zuletzt am 21. Juli 2026. Titelbild: Grablegemoschee Imam Schafii in Kairo, Foto: Harry Harun Behr.)</p>
</div></div></div></div></div>
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			</item>
		<item>
		<title>Die unerzählten Geschichten Buchenwalds</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-unerzaehlten-geschichten-buchenwalds/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Jul 2026 05:51:53 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die unerzählten Geschichten Buchenwalds Ein Essay anlässlich des Buches „Landschaft ohne Zeugen“ von Ines Geipel „Über die Shoa, die systematische Vernichtung von sechs Millionen Juden (die Zahl war in der Sowjetunion bis zu deren Ende in der breiten Öffentlichkeit unbekannt) wurde geschwiegen. An den Massengräbern der erschossenen Juden in Belorussland und der Ukraine standen  [...]</p>
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<h1><strong>Die unerzählten Geschichten Buchenwalds </strong></h1>
<h2><strong>Ein Essay anlässlich des Buches „Landschaft ohne Zeugen“ von Ines Geipel</strong></h2>
<p><em>„Über die Shoa, die systematische Vernichtung von sechs Millionen Juden (die Zahl war in der Sowjetunion bis zu deren Ende in der breiten Öffentlichkeit unbekannt) wurde geschwiegen. An den Massengräbern der erschossenen Juden in Belorussland und der Ukraine standen Tafeln, die an die <u>Opfer der deutsch-faschistischen Eroberer</u> erinnerten. Seit dem Sommer 1943 hatte das JAK Dokumente über die Ermordung der Juden in der besetzten Sowjetunion gesammelt. Ilja Ehrenburg und Wassili Grossmann gelang es dennoch nicht, ein geplantes <u>Schwarzbuch</u> zu veröffentlichen. Die Argumentation war die übliche: Das Schicksal der Juden darf gegenüber dem einfachen sowjetischen Bürger nicht hervorgehoben werden. Das spezifische Leid der Juden während des Zweiten Weltkriegs wurde weder in den Schulen und Hochschule noch in der Kunst thematisiert.“ </em>(<a href="https://www.hentrichhentrich.de/de/programm/produkt/die_drei_leben_des_meir_schwartz">Anja Schindler, Die drei Leben des Meir Schwartz – Das Schicksal meines Vaters</a>, Leipzig, Hentrich &amp; Hentrich, 2018)</p>
<p>Spuren, Geräusche, Schatten, Bilder erscheinen in Alpträumen, lassen nicht mehr in Ruhe schlafen, verhindern Vergessen, belasten ein Leben lang. Menschen, die Schlimmstes erlebt haben, Deportation, Folter, Hunger und Zwangsarbeit, den Tod anderer Menschen, aus der Familie, dem Freundes- und Bekanntenkreis, erleben immer wieder, dass andere meinen, es müsste doch endlich einmal ein Schlussstrich gezogen werden, das sei doch alles <em>„Geschichte“ – </em>eine euphemistische Formel dafür, dass man darüber eigentlich gar nicht mehr reden sollte. Ob eine solche Formel die persönliche oder gar die kollektive Psyche tatsächlich entlastet, darf bezweifelt werden. Wäre sie erfolgreich, sodass letztlich nur die Überlebenden und ihre Nachgeborenen mit ihrem Leid, ihrer Erinnerung allein blieben, gäbe es nicht immer von Neuem eine Debatte darüber, warum nicht endlich einmal Schluss sein möge, mit all diesen Beschuldigungen, Erinnerungen, Aufrufen zum gemeinsamen Gedenken.</p>
<h3><strong>Gesteuerte Aufmerksamkeit</strong></h3>
<p>Man mag in diesem Sinne den Namen „Buchenwald“ unterschiedlich belegen, als Ort der Shoah und des Terrors der Nazis gegen jede Opposition, als Gedenkstätte, die regelmäßig von Schulklassen aufgesucht wird, um dort mehr oder weniger freiwillig etwas über die Jahre zwischen 1933 und 1945 zu erfahren, oder auch als Ort einer staatlich gesteuerten Gedenk- und Geschichtspolitik, wie dies in DDR von Beginn an geschah. Buchenwald war der Ort, den Jugendliche vor allem aus dem Süden der DDR anlässlich ihrer Jugendweihe gemeinsam aufsuchten, um sich zum revolutionären und antifaschistischen Erbe der DDR zu bekennen. Der Besuch war Teil des Vorbereitungsjahres zur Aufnahme in die FDJ. Im Norden der DDR fuhr nach Sachsenhausen oder Ravensbrück.</p>
<p>Buchenwald war der ideologische und mystifizierte Ort, an dem sich sowjetisch-kommunistisches, antifaschistisches Gedenken über die vier Jahrzehnte der DDR kristallisierte. Ostdeutsche Unschuld stand westdeutscher Schuld gegenüber. In einem <a href="https://www.sueddeutsche.de/leben/deutschland-ns-vergangenheit-schweigen-familien-li.3499427">Gespräch vom 30. Juni 2026 mit der Süddeutschen Zeitung</a> sagte Ines Geipel: <em>„Im Osten gab es offiziell ja keine Nazi-Täter. Laut Staatsmythos hockten sie allesamt im Westen. Die DDR war damit ein lupenreines Opferkollektiv. Das war das große Entlastungsangebot der kommunistischen Staatspartei gegenüber der eigenen Bevölkerung. Bei Lichte besehen wurde es zur inneren DDR-DNA mit frappierender Langzeitwirkung. In der Realität jedoch waren mehr als 30 Prozent der Ostdeutschen am Kriegsende in Naziorganisationen gewesen, anderthalb Millionen in der NSDAP. Eine Belastung, die im Grunde die zweite deutsche Diktatur mit ermöglichte. Denn die kampferprobten, erfahrenen Kommunisten und SPDler aus der Weimarer Republik wurden oft genug durch Altnazis in der zwangsvereinten Partei ersetzt. Und Auschwitz? Das war einzig ein Problem des Westens.“ </em></p>
<p>Gefeiert und geehrt wurde der Widerstand der kommunistischen Häftlinge in Buchenwald, während alle anderen, nicht zuletzt auch die dort inhaftierten und ermordeten Jüdinnen und Juden in der DDR mehr oder weniger aus dem offiziellen Gedenken verschwanden. Aber auch die kommunistischen Häftlinge mussten sich der DDR- und Parteiführung beugen, die das Exil in Moskau überlebt hatte und jede innerparteiliche Opposition, gleichviel ob real existent oder nur vermutet, auszuschließen bestrebt war. Dabei half den <em>„Moskauern“</em> die Verstrickung der im Lager inhaftierten Kommunisten in Kollaborationen mit der SS. Im Lager regelten sie interne Auseinandersetzungen mit der SS, nicht zuletzt indem sie in den sogenannten <em>„Spritzkommandos“ </em>mordeten. Der bekannteste Überlebende der Buchenwalder Kommunisten war Walter Bartel, den die DDR- und SED-Führung zur Ikone ihres Bildes vom heldenhaften kommunistischen Widerstand in Buchenwald machte.</p>
<div id="attachment_8154" style="width: 194px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.fischerverlage.de/buch/ines-geipel-landschaft-ohne-zeugen-9783103977363"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8154" class="wp-image-8154 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-184x300.jpg" alt="" width="184" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-184x300.jpg 184w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-200x326.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-400x652.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-600x978.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-628x1024.jpg 628w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-768x1252.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-800x1304.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-942x1536.jpg 942w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-1200x1956.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-1256x2048.jpg 1256w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer.jpg 1514w" sizes="(max-width: 184px) 100vw, 184px" /></a><p id="caption-attachment-8154" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Ines Geipel hat mehrfach, 2019 in <a href="https://www.klett-cotta.de/produkt/ines-geipel-umkaempfte-zone-9783608115185-t-1196">„Umkämpfte Zone – Mein Bruder, der Osten und der Hass“</a>, 2026 in <a href="https://www.fischerverlage.de/buch/ines-geipel-landschaft-ohne-zeugen-9783103977363">„Landschaft ohne Zeugen – Buchenwald und der Riss der Erinnerung“</a> die Engführung von Erinnerungskultur in der DDR zum Thema gemacht. Am 19. März 2026 sprach sie bei der Vorstellung ihres Buches auf der Leipziger Buchmesse in einer Veranstaltung des Mitteldeutschen Rundfunks davon, es gebe <em>„eine Gravitation um diesen Ort“</em> und zitierte damit den Titel des ersten Kapitels: <em>„Gravitation in Kreisen“</em>. Sie sehe ihr Buch als eine Unterstützung der Gedenkstätten, die bei einer AfD-Regierung wohl geschlossen würden. Ein Motiv ihrer Recherchen und ihres Schreibens sie jedoch auch die Aussage gewesen, 1989 habe man der DDR auch noch den <em>„roten Antifaschismus genommen“</em>. Sie selbst schreibt als Nachfahrin von Tätern, des Vaters (in der DDR) und der Großväter (im NS-Deutschland). Sie kennt das Schweigen, Be- und Verschweigen in der Familie. Sie kennt die <em>„hochgradige Ambivalenz und Vielfalt der Opfer und die Vielfalt der Täter“</em>, in der NS-Zeit wie in der Zeit der SED-Herrschaft: <em>„Wir Ostdeutschen haben mit unserer belasteten Geschichte genauso eine Tätergeschichte wie der Westen.“</em></p>
<p>Manche versuchen, ihren Unwillen an einer offenen Auseinandersetzung mit der eigenen Täterschaft oder der Täterschaft ihrer Vorfahren zu kompensieren, indem sie die Gruppe, der sie selbst angehören, heroisieren oder die öffentliche Aufmerksamkeit einfach auf ein anderes Erinnerungsfeld umlenken, das doch – so werden sie nicht müde zu betonen – viel dringlicher wäre. <a href="https://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/rothberg_bpb_LESEPROBE.pdf"><em>„Multidirektionale Erinnerung“</em></a> lautet das von dem US-amerikanischen Literaturwissenschaftler Michael Rothberg in die Debatte eingeführte Zauberwort der Ab- und Umlenkung des Erinnerns. Jede Erinnerung hat selbstverständlich ihren Grund, ihre Berechtigung, doch gefährlich wird es, wenn Verbrechen gegeneinander aufgerechnet werden wie in den letzten Jahren die Verbrechen der Shoah mit den Verbrechen der deutschen Kolonialherrschaft und eine Art Hierarchie der Opfer, Hierarchie des Gedenkens entstehen soll, die sich letztlich in dem Anliegen begründet, dass das schon so lange Erinnerte, konkret die Shoah, mit der Zeit doch aus der allgemeinen öffentlichen Aufmerksamkeit verschwinden möge.</p>
<p>So geschah es nach 1945 schon sehr früh im sowjetischen Machtbereich, in der Sowjetunion, daher natürlich auch in der DDR: Nur der kommunistische Widerstand gegen die Nazis wurde als Gegenstand der Erinnerung akzeptiert. Jede andere Erinnerung, jedes andere Gedenken, wurde geradezu im doppelten Sinne des Wortes ausgeschlossen. Paul Merker wurde aus der SED ausgeschlossen, inhaftiert und verurteilt, weil er als einziger <em>„im Zentralkomitee und im Politbüro der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und späteren Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED)“</em> war, <em>„der die jüdische Frage in den Mittelpunkt der kommunistischen Theorie und Praxis setzen wollte und konnte.“</em> Die Verurteilung von Paul Merker vollzog sich im Rahmen von Stalins <em>„Kampagne gegen den ‚Kosmopolitismus‘“</em> sowie im Wissen um das Luxemburger Abkommen zwischen Israel und der Bundesrepublik Deutschland. Während Walter Ulbrecht und Wilhelm Pieck argumentierten, der Sieg über den Nationalsozialismus als <em>„Entschädigung“</em> der Juden zu werten wäre, wies Paul Merker darauf hin, dass Juden <em>„nur verfolgt wurden, da sie Juden waren“</em> und daher <em>„hätten sie die gleichen Anrechte auf eine Wiedergutmachung wie alle anderen Nationen.“</em> Das Urteil gegen Merker wurde 1956 aufgehoben, er <em>„durfte auch als Lektor in Berlin arbeiten“</em>. <a href="https://history.umd.edu/directory/jeffrey-herf">Jeffrey Herf</a> bezeichnet den <em>„Fall Merker“</em> als <em>„Wendepunkt im Verhältnis der DDR zur jüdischen Frage.“</em> (alle Zitate in diesem Absatz nach Jeffrey Herf, Ein antisemitisches Gerichtsurteil, in: Anetta Kahane / Martin Jander, Hg., <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/juden-in-der-ddr/">Juden in der DDR – Jüdisch sein zwischen Anpassung, Dissidenz, Illusionen und Repression</a>, Leipzig, Hentrich &amp; Hentrich, 2021)</p>
<p>Die AfD verfährt nach diesem sowjetisch-kommunistischem Muster, wenn sie die Zeit von 1933 bis 1945 aus dem nationalen Gedenken so weit wie möglich streichen will, zunächst wohl durch rhetorische Abwertung, schließlich im Falle einer Übernahme der Regierung mit der Streichung von Zuwendungen aus den Landeshaushalten für die Gedenkstätten. Sie will ausweislich ihres Wahlprogramms für Sachsen-Anhalt 2026 die Völkerschlacht von Leipzig des Jahres 1813 und die Reichsgründung von 1871 zum Momentum des Gedenkens erheben. Vorbild würde das deutsche Kaiserreich, möglicherweise mit dem Subtext eines antifranzösischen Ressentiments, das die Aussöhnung der Bundesrepublik Deutschlands und Frankreichs im Jahr 1963 konterkariert. Bismarck statt Adenauer? In dieser Absicht spiegelt sich durchaus die sowjetische Sicht des Gedenkens, die sich in der DDR durchsetzte. Die Shoah verschwindet aus dem offiziellen Gedenken. Dieses sollte ausschließlich dem kommunistischen Widerstand gelten<a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/sowjetische-protokolle/">. Der sich in der Regel als Antizionismus tarnende sowjetische Antisemitismus</a> konnte sich frei entfalten, weil die Shoah aus dem öffentlichen Gedenken mehr oder weniger eliminiert wurde.</p>
<h3><strong>Kollektive Verantwortung</strong></h3>
<div id="attachment_8155" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8155" class="wp-image-8155 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8155" class="wp-caption-text">Foto: NoRei.</p></div>
<p>„Landschaft ohne Zeugen“ hätte angesichts der Fülle des Materials eine 1.000seitige Monographie werden können, die nur noch von Spezialisten rezipiert worden wäre. Ines Geipel ist es jedoch gelungen, auf etwa 300 Seiten ein sehr gut lesbares, eingängiges und im besten Sinne aufklärerisches Buch zu schreiben. Ines Geipel erzählt die Geschichte des Erinnerns an die Shoah in der DDR als eine Geschichte, die alle, die in der DDR aufwuchsen, gleichermaßen prägte. Auf jeder Seite des Buches bietet sie zugleich unmittelbaren Einblick in ihre Quellen. Unter ihrem Text sehen wir – in grauen Kästen – Auszüge aus den Akten.</p>
<p>Es geht Ines Geipel nicht um eine Schuldzuweisung im Sinne einer angenommenen <a href="https://www.bpb.de/themen/antisemitismus/dossier-antisemitismus/was-heisst-antisemitismus/glossar-antisemitismus/559884/kollektivschuld/"><em>„Kollektivschuld“</em></a> <u>aller</u> Deutschen, gleichviel ob Ost oder West. Diese Abgrenzung ist meines Erachtens wichtig, weil sich die geschichtspolitischen Ansichten rechtspopulistischer und rechtsextremistischer Akteure immer wieder auf die Annahme beziehen, man wolle den Deutschen eine solche <em>„Kollektivschuld“</em> verordnen. Sie nutzen den Begriff der <em>„Kollektivschuld“</em> als Kampfbegriff, um ihre Gegner zu diffamieren. Sie spiegeln darin den antifaschistischen Anspruch von SED und DDR, die den Deutschen in der Bundesrepublik Deutschland eine <em>„Kollektivschuld“</em> zuwiesen, während die Deutschen in der DDR mit der sowjetischen Befreiung und der Staatsgründung am 7. Oktober 1949 per se auch von jeder Mitschuld befreit worden wären. Im sozialistischen, antifaschistischen <em>„Sein“</em> habe gemäß der berühmten Formel von Karl Marx das faschistische <em>„Bewusstsein“</em> keinen Ort mehr. Wer etwas anderes behaupte, könne nur als Agent des imperialistischen Westens und Wiedergänger der Nazis bewertet werden.</p>
<p>Ines Geipel differenziert die Frage der <em>„Schuld“</em> durchaus im Sinne der wegweisenden Vorlesung von Karl Jaspers aus dem Wintersemester 1945/1946 in Heidelberg: <a href="https://jaspers-stiftung.ch/de/karl-jaspers/die-schuldfrage">„Die Schuldfrage“</a>: Jaspers unterschied zwischen krimineller, politischer, moralischer und metaphysischer Schuld. Karl Jaspers schrieb allerdings auch: <em>„Ein Volk haftet für seine Staatlichkeit“</em>. Das wäre in etwa die <em>„politische Schuld“</em>, die die in einem verbrecherischen Staat lebenden Menschen miteinander teilen, auch wenn sie persönlich keine unmittelbar <em>„kriminelle“</em> Schuld träfe. Auftrag sei daher eine Art <em>„moralische Umkehr“</em>, die wiederum im <em>„metaphysischen“</em> Sinne, je nach religiöser Identität, vor Gott Bestand haben könne. Yfaat Weiss, Professorin für Jüdische Geschichte an der Hebräischen Universität in Jerusalem und Direktorin des Leibniz-Instituts für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow in Leipzig, reflektiert diese Frage der <em>„kollektiven Haftung“</em> in ihrem Essay <a href="https://www.merkur-zeitschrift.de/artikel/wissendes-schweigen-a-mr-80-2-33/">„Wissendes Schweigen – Über Schuldfragen und andere Bedenken“</a> (in: Merkur – Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, Februar 2026) im Hinblick auf die Geschichte der deutsch-israelischen Beziehungen seit der Staatsgründung bis hin zu Israel nach dem 7. Oktober. Zuschreibungen aus unterschiedlichen Perspektiven und Eingeständnisse von Schuld und Verantwortung konterkarieren einander. Möglicherweise wäre in diesem Rahmen eine kontrastive Analyse der emotionalen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Israel sowie der DDR und den arabischen Ländern ein spannendes Kapitel historischer Forschung, das noch geschrieben werden sollte. „Landschaft ohne Zeugen“ bietet eine Fülle von Anknüpfungspunkten für eine solche Analyse.</p>
<p>„Landschaft ohne Zeugen“ ist gerade wegen der offen an- und ausgesprochenen Vergangenheiten in der eigenen Familie ein höchst persönliches Buch. Zugleich lässt das Buch die persönlichen und kollektiven Verstrickungen jedes einzelnen Menschen in der Erinnerungs- und Geschichtspolitik der DDR deutlich erkennen. Wer in der DDR aufwuchs, sich arrangierte oder in Konflikt mit den Behörden kam, dürfte ähnliche Verstrickungen berichten können, vorausgesetzt man begänne nachzufragen und nachzuforschen. Vielleicht ist das persönliche Zeugnis sogar die einzig angemessene Form, sich einer Vergangenheit und ihren Geschichtsbildern, ihren psychischen Folgen wie ihren Untiefen zu nähern und zu stellen. Was erleben 13-, 14jährige junge Menschen, wenn sie sich anlässlich ihrer Jugendweihe auf der staatlich verordneten Busreise nach Buchenwald diesen Untiefen nähern, auf dem <em>„Zeitplateau“</em> der Vergangenheit? Schafft es Überblick? Oder bleibt nur das Eingeständnis des Unwissens, einer Art von Verlorenheit in einer Geschichte, in der man den eigenen Ort noch nicht gefunden hat? <em>„Das mit dem Zeitplateau. Ihm würden wir nicht mehr entkommen. Aber das wussten wir nicht. Woher hätten wir das wissen sollen. Vielleicht ist es von heute aus das klarste Gefühl für diesen Ort: dass wir nichts wussten, nichts wissen sollten, nicht konnten.“</em></p>
<h3><strong>Erinnern – ein schmerzhafter und nie abschließbarer Prozess</strong></h3>
<p>Schon der Titel des Buches beschreibt das Dilemma jeder Erinnerungskultur: Wer kann überhaupt noch etwas bezeugen? Viele Zeugen, Zeuginnen erzählen ihre Sicht der Dinge, oft unwissend, oft auch ungeachtet der eigenen Täterschaft oder der Täterschaften ihrer Eltern und Großeltern. Andere können nichts mehr bezeugen, weil ihre Lebensäußerungen, Tagebücher, Briefe, Protokolle aus Prozessen nur noch rudimentär oder gar nicht mehr vorhanden sind. Die Buchenwalderzählungen in der DDR sind ein Paradebeispiel einer solch selektiven Erinnerungskultur, offiziell wie halb offiziell. Im Untertitel des Buches erscheint das Dilemma, er erinnert an das Buch <a href="https://www.mitteldeutscherverlag.de/literatur/alle-titel-literatur/loest,-erich-durch-die-erde-ein-ri%C3%9F-ein-lebenslauf-detail">„Durch die Erde ein Riss“</a> von Erich Loest, der in der DDR inhaftiert wurde, weil er sich nicht dem Geschichts- und Erinnerungsdiktat der Partei unterwarf. Ohnehin ist Erich Loest für Ines Geipel eine wichtige Gewährsperson. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/keine-kerben-im-kolben/">Im Februar 2023 wurde sie mit dem Erich-Loest-Preis ausgezeichnet</a>. In ihrer Dankesrede zitierte sie einen Tagebucheintrag von Erich Loest aus dem Jahr 2008: „<em>Bei der Zusammenschau, der Deutung kommen wir nicht voran. Wir wursteln immer noch in der Frühphase der Zeitgeschichtsschreibung. Einfache Grundlagen bleiben ungefestigt.“</em></p>
<p>Erich Loest hatte sich in seinem Buch „Jungen, die übrig blieben“ (1950) mit seiner eigenen Vergangenheit in Hitlerjugend und in der Wehrmacht auseinandergesetzt, ein in der DDR nicht gerade populäres Projekt. Es gibt jedoch keine Zukunft ohne das Eingeständnis der eigenen Fehlbarkeit. Das sahen die Apologeten der staatlich fixierten Erinnerungs- und Geschichtspolitik anders. Ines Geipel beginnt konsequent mit ihrem eigenen Erleben als junges stotterndes Mädchen bei der Jugendweihe und – zwei Jahre später – ihrer Begegnung mit Walter Bartel höchstselbst, der staatlich inszenierten Ikone des kommunistischen Widerstands in Buchenwald: „<em>Ich weiß nicht mehr, wer ich mit 14 war. Natürlich weiß ich es. Blass, stotternd. Aber vielleicht ist das schon zu viel, vielleicht sollte ich es ruhiger angehen.“ </em>Die ersten Seiten des Buches lassen erahnen, wie schwer es ist, eine angemessene Sprache zu finden: <em>„In meiner Vorstellung drehten und wendeten sich die Wörter, wie ich wollte. Ich konnte mit ihnen jonglieren, sie hüpfen und tanzen lassen. Wo auch immer ich war, redete ich. Ich redete einfach durch. Direkt, impulsiv, auf der nicht abreißenden Wörterstraße entlang. So meine Vorstellung. In der Realität sah es anders aus. Da steckten die Wörter in mir fest. Sie wandten sich, kollerten, verklebten zu miesen Klumpen. Wenn sie irgendwann doch aus mir rauskamen, zerplatzten sie wie Knallbonbons. Es waren Luftstummel. Trümmerteile von dem, was mal meine Gedanken gewesen waren.“</em></p>
<p>Ines Geipel erfährt sich im Verlauf ihrer Recherchen und ihres Schreibens selbst, auch im Spiegel der wechselnden Identitäten ihres Vaters, der als Stasi-Agent im Ausland wirkte, ihrer Nazi-Großväter. Aber: „<em>Es gab mich und das Unflüssige, Verhakte. Das heißt ein paar Möglichkeiten, die Wörterfrage zu stellen und mit der nicht durchzukommen, sie nicht lösen zu können.“</em> Im Schreiben verflüssigt sich <em>„das Unflüssige“</em>, löst sich das <em>„Verhakte“</em>. Bei der Lektüre des Buches kann man Ines Geipel geradezu zusehen, wie sie recherchiert, versucht das Recherchierte zu ordnen, aufzuschreiben. Der <em>„Riss“</em> heilt nicht, aber er wird von Seite zu Seite klarer benannt. Er geht durch die ganze Familie, durch die einzelnen Menschen selbst, auch durch die Täter von und in Buchenwald, nicht nur die SS-Täter, auch die Buchenwald-Kommunisten in ihrer Konkurrenz zu den sogenannten <em>„Moskauern“</em>, den Kommunisten, die wie Walter Ulbricht in Moskau nicht nur die NS-Verfolgung, sondern auch den Terror und die Paranoia Stalins überlebt hatten. Die <em>„Moskauer“</em> übernahmen nach dem Sieg der Roten Armee in der sowjetischen Besatzungszone und der DDR die Herrschaft. Nur ihre Biographie zählte. Auch das gehört zu den Traumata in der DDR, die Andreas Petersen in seinem Buch <a href="https://andreaspetersen.ch/die-moskauer/">„Die Moskauer – Wie das Stalintrauma die DDR prägte“</a> sezierte.</p>
<p>Im Grunde blieb der SED-Nomenklatura gar nichts anderes übrig als sich von all denen abzugrenzen, die nicht in Moskau überlebt hatten, sondern an anderen Orten, auch von denen, die Konzentrationslager überlebten. Zumindest in der Anfangszeit. Erich Honecker, der 1971 mit Moskauer Unterstützung Walter Ulbricht ersetzte, war kein <em>„Moskauer“</em>, sondern hatte in einem deutschen Gefängnis überlebt. Ein fundamentales Misstrauen gegen wen auch immer war der Beweggrund der <em>„Moskauer“</em>, die Buchenwald-Kommunisten zu schikanieren. Unter den Opfern des Moskauer Exils waren viele deutsche Kommunistinnen und Kommunisten. Aber das zählte nicht. Sie wurden als angebliche Nazi-Agenten geführt.</p>
<h3><strong>Erlösungserzählungen</strong></h3>
<p>Wer bezeugt das Unsagbare, das Unbeschreibbare? <em>„Wie man es machen könnte, das Grauen so zu beschreiben, dass man weiterliest? Ich weiß es nicht. Ich glaube nicht, dass das geht.“ </em>Es geht! Ines Geipel schuf die Voraussetzungen. Sie arbeitete sich als Historikerin durch die Archive, suchte, was die Nazis nicht geschreddert, die SED nicht dem Vergessen anheimgegeben hatten, hinterfragte die Lücken. Wie in ihren anderen Büchern bringt sie den Inhalt der Kapitel in deren Titeln mit einem Wort auf den Punkt: <em>„Wundbrand“</em>,<em> „Gedächtnisbeton“</em>,<em> „Notsprache“</em>,<em> „Gedächtnissiegel“</em>. Sie verwendet oft polsyndetische Reihen, ohne Verb, Synonyme suchend, um den richtigen Begriff zu finden, den es vielleicht angesichts der Ungeheuerlichkeit der Vorgänge auch gar nicht geben kann, sich dem doch irgendwo erschließbaren wahren Sachverhalt geradezu spiralförmig nähernd, ihn umkreisend. Gelegentlich reihen sich Äußerungen aus den Akten unverbunden, dokumentarisch aneinander, Bruchstücke der Erinnerung, aus denen sich Schlussfolgerungen ziehen lassen, die je nach Vorgeschichte und Stimmung der Lesenden nicht immer die gleichen sein mögen: <em>„Wörter wie unbewohnbare Räume“, </em>„<em>Monumentenwörter“</em>,<em> „Zeichenzombis“</em>. Das Buch endet im Kapitel <em>„Gedächtnissiegel“</em> mit einem symbolisch deutbaren Schild: <em>„Ich will Richtung Mahnmal. Vorn an der äußersten Kante, am Rand des Steinfeldes, noch mal eine rauchen und ins Tal schauen. Auf dem Weg querstehend ein kleineres Gebäude. Im Fenster ein etwas in die Jahre gekommenes Schild: ‚Aus technischen Gründen bleibt die Ausstellung ‚Die Geschichte der Gedenkstätte Buchenwald‘ bis auf Weiteres geschlossen.“</em></p>
<p>Ein historisches Buch über Buchenwald mag sich an Vorbildern orientieren. Aber: <em>„Die Fakten zu registrieren reicht nicht, die öffentlichen Diskurse reichen nicht, Imre Kertész, Gyorgy Ligety, Claude Lanzmann reichen nicht. Wiederherstellen ist unmöglich, wiedergutmachen auch.“</em> Es gibt einen britischen Parlamentsbericht, der die frühe Legendenbildung in der DDR konstatiert: <em>„Der Bericht schildert, wie die Häftlinge selbst einen tödlichen Terror innerhalb des Nazi-Terrors organisierten.“</em> Was hatte es mit dem <em>„Spritzenkommando“</em> auf sich? Was hat es mit der <em>„Geschichte des ‚Abspritzens‘“</em> – der Injektion einer tödlichen Giftspritze – auf sich? Welche Häftlinge beteiligten sich? Zeugenaussagen gibt es. Ines Geipel zitiert eine Auswahl über mehrere Seiten. Ein zentrales Dokument ist die <em>„Akte Buchenwald“</em>, die <em>„Walter Bartel im Mai 1950 als Verteidigungs- oder eher Entlastungsschrift seines einstigen Lagergenossen Ernst Busse verfasst hatte. Der war Wochen zuvor, am 29. März 1950, von den Sowjets zu einer Besprechung in ihr Hauptquartier nach Karlshorst beordert worden. Von da war er nicht mehr zurückgekommen. Niemand wusste etwas. Das musste Walter Bartel zutiefst beunruhigt haben. Die Zeiten waren hochkarätig und undurchschaubar.“ </em>Es gab <em>„Säuberungen“</em> im Kreis der ehemaligen <em>„Lagerkommunisten“</em>, initiiert von den <em>„Moskauern“</em>. <em>„Widerstandsbiographie und Schuldbiographie“</em> vermischen sich.</p>
<p><a href="https://www.aufbau-verlage.de/aufbau-taschenbuch/nackt-unter-wolfen/978-3-7466-3026-7">„Nackt unter Wölfen“</a> von Bruno Apitz ist der vielleicht bekannteste Buchenwald-Roman. Bruno Apitz <em>„hatte Zeugnis ablegen und die Dilemmata um den roten Lagerwiderstand in den Roman aufnehmen wollen. (…) Keine reine Größe, nichts mit Heldenstatus, keine Siegerpose.“</em> Daraus wurde nichts. Der Roman hatte ein ähnliches Schicksal wie Stefan Heyms „Fünf Tage im Juni“, ursprünglicher Titel „Der Tag X“, über die Ereignisse rund um den 17. Juni 1953. <a href="https://www.quintus-verlag.de/Autoren/Krenzlin-Leonore/">Leonore Krenzlin</a> hatte sich schon 1965, <a href="https://www.edition-schwarzdruck.de/?p=6069">Dieter Schiller</a> 1990 zur wechselvollen Geschichte dieses Romans geäußert. Sie haben diese Texte in dem von ihnen gemeinsam herausgegebenen Band <a href="https://www.edition-schwarzdruck.de/?portfolio=rueckblick-auf-ein-verlorenes-land">„Rückblick auf ein verlorenes Land – Studien und Skizzen zur Literatur der DDR“</a> (Gransee, Edition Schwarzdruck, 2019) veröffentlicht. Der Beitrag von Leonore Krenzlin wurde für diesen Zweck aktualisiert. So berichtet sie in einer Fußnote: <em>„Wie Heym in seinen Erinnerungen berichtet, mußte jedoch die erste Auflage von 300000 Exemplaren eingestampft werden, weil er einen Text von Stalin aus dem Jahr 1925 zitiert hatte, in dem es hieß ‚Entweder wir, die ganze Partei, erlauben den parteilosen Bauern und Arbeitern, uns zu kritisieren, oder sie werden uns durch Aufstände kritisieren‘“</em>. Dies war jedoch nur ein Detail in der gesamten Zensurgeschichte des Romans.</p>
<p>Inzwischen gibt es von beiden Büchern (halbwegs) kritische Ausgaben, die die gestrichenen Stellen der ursprünglichen Fassungen und zum Teil den hochkomplizierten Prozess der Verhandlungen zwischen Autoren und Staat nutzen. Auf dieser Basis sollte auch die Neuverfilmung von „Nackt unter Wölfen“ im Jahr 2015 beruhen. Ein ausführlicher Vergleich wäre sicherlich von Interesse, um die verdeckten Botschaften verschiedener Phasen der Entstehung und Rezeption des Buches zu ermitteln (ein meines Erachtens durchaus angemessener Begriff). Ines Geipel bietet in ihrem Buch so ganz nebenbei einen Beitrag zur Geschichte der Zensur in der DDR anhand eines populären Romans. Mindestens genau so interessant wie das Aufgeschriebene ist eben das Nicht-Aufgeschriebene, ebenso interessant wie das Veröffentlichte das Nicht-Veröffentlichte.</p>
<p>„Fünf Tage im Juni“ war der Versuch eines realistischen, fast schon dokumentarischen Romans zur Zeitgeschichte, „Nackt unter Wölfen“ eher der Versuch einer Heldenerzählung aus einer gar nicht so weit zurückliegenden, aber immerhin durch die Gründung der DDR zu ihrem guten Ende gekommenen Vergangenheit. Ines Geipel beschreibt die Reaktion des zeitgenössischen Publikums: <em>„Das Publikum las ‚Nackt unter Wölfen‘ nicht als Fiktion, sondern als pure Realität, als Gefühlsschleuse in die faktische Welt des Lagers. Ein Erlösungsbuch, das das Bild von Buchenwald insbesondere in Ostdeutschland auf gravierende Weise prägte.“ </em>Die DDR-Rezeption setzte sich im vereinigten Deutschland fort, augenfällig in der Verfilmung des Romans im Jahr 2015. Ines Geipel bezieht sich auf <a href="https://www.bebra-wissenschaft.de/vzgesamt/titel/bruno-apitz.html">Lars Försters politische Biographie von Bruno Apitz</a>, die 2015 im Bebra-Verlag erschien: <em>„Nicht zuletzt wurde Bruno Apitz mitten in diesem Rezeptionsschub von Neuherausgabe, Film und Dokumentation mit Verve zum ‚Oppositionellen dreier deutscher Staaten‘ umgedeutet.“</em></p>
<p>Erlösung – das ist der Wunsch, das ist die Hoffnung, immer wieder, wenn es um Erinnerung oder Gedenken geht. Erlösung ist mehr als Versöhnung oder Wiedergutmachung, denn wer erlöst wird, braucht keine Versöhnung mehr und muss auch nichts mehr wiedergutmachen. Hier sollten ein Buch, ein Ort möglicherweise zu einer kollektiven Erlösung beitragen, die nicht mehr in Frage gestellt werden konnte. Dazu musste manches verschwiegen werden, so der Transport von 200 Kindern am 26. September 1944 nach Auschwitz, die dort ermordet wurden. Was geschah nun wirklich mit dem dreijährigen Kind im Roman, dem dreijährigen Stefan Jerzy Zweig? Er und elf andere Kinder waren aus einer Deportationsliste gestrichen worden, aus welchen Gründen auch immer: <em>„Erzählt wurde allein die heroische Kindsrettung, die ausschließlich der kommunistische Lagerwiderstand ermöglicht hatte. Eine Entkopplung vom Realen, ein Umschreiben, Amalgamieren, das das Kind zum Symbolkind und den Text zur idealen Projektionsfläche machte.“ </em>Nicht erzählt wird die Geschichte des sechzehnjährigen Sinto Willy Blum, der, als er von der bevorstehenden Deportation seines zehnjährigen Bruders Rudolf erfuhr, sich freiwillig ebenfalls für den Transport meldete.</p>
<p>Cheflektor des Romans war im Grunde irgendwie Walter Ulbricht höchstselbst, dem die bestallten Zensoren und schließlich der Autor sich selbst zensierend folgten: <em>„Die überreizte Macht in Berlin brauchte eine lupenreine Buchenwald-Version.“ </em>Die Stasi war mit ihrem <em>„Archiv zu NS- und Kriegsverbrechen“</em> und der 1967 gegründeten <em>„Abteilung 11“</em> absolute Herrscherin über die Quellen: Sie war <em>„zum alleinigen Gedächtniskontrolleur im Hinblick auf den Nationalsozialismus geworden. Sie entschied, wer sich erinnern durfte, wann man sich erinnern durfte.“ </em>Und die Bevölkerung der DDR machte mit: <em>„Die Ostdeutschen lasen sich mit ‚Nackt unter Wölfen‘ in einen solidarisch verbundene Opfergemeinschaft hinein, in der sich Schulddynamiken, Verstrickungen oder Widerspruch in einem blindgläubigen Nichts auflösten. Vom umstrittenen Tun der Lagerkommunisten war keine Rede mehr.“</em></p>
<p>Die Geschichte der beiden Romane und die Geschichte der Äußerungen der Erinnerungsikone Walter Bartel ähneln einander auffällig. Geschichte wird in ihren Erzählungen formatiert, normiert, sodass es immer schwerer wird, den realen Hintergrund zu erschließen, es sei denn, die Stasi und ihre Organe ließen nicht locker, um dann doch irgendwann irgendetwas zu finden, dass die Autoren vernichten konnte. Auch die Geschichten, in denen dies nicht gelang, sind Teil der Geschichte der DDR. Die Gruppe der KZ-Häftlinge war ein willkommenes Opfer. Ines Geipel referiert neben mehrere Biografien, die von Walter Bartel, Ernst Busse, Erich Reschke. Busse und Reschke wurden zu lebenslänglicher Haft verurteilt und <em>„am 11. Juni 1951 in die Sowjetunion deportiert.“</em> All dies geschah in der Zeit der Prozesse gegen Rudolf Slánsky in der Tschechoslowakei, gegen die angeblich gegen Stalin verschworenen Ärzte in der Sowjetunion.</p>
<p>Walter Bartel überlebte, er wurde nur degradiert. Doch mit der Zeit wurde er zur staatlich fixierten Stimme der Erinnerung, wie sie die SED wünschte: <em>„Ich sehe Walter Bartel 1976 vor uns auf der Bühne sitzen, höre seine Sätze. Was für eine brutal-surreale Welt hinter dem öffentlichen Heldenbild, denke ich. Was, wenn er angefangen hätte, über sein wirkliches Leben zu sprechen? Aber wie sprechen, was sprechen, bis wohin sprechen? Wie viel Erinnerung war ihm möglich? Welche? Die chronischen Verdächtigungen, die strittige Konfliktmasse, der unablässig bedrohte Status als Zeitzeuge. Wie das über Jahre aushalten? (…) Wer war dieser Mann?“</em> Zumindest lässt sich erahnen, wie er in der DDR überlebte: Letztlich wurde <em>„die Realität der Legende geopfert“</em>. So geschah es mit Buchenwald und der Shoah in der DDR, die DDR-Führung erzählte sich <em>„eine Geschichte wie aus einem Guss, unhintergehbar, kompakt. Mit ihr konnte man sich gut fühlen, vollständig.“</em></p>
<h3><strong>Die kurzen Sommer der Erinnerung</strong></h3>
<p>Es ist eine Stärke des Buches von Ines Geipel, dass es keine fertigen Antworten bietet, sondern eine Fülle von Fragen stellt, die sich eigentlich alle Deutschen stellen könnten, um sich ihrer Verantwortung in der Geschichte bewusst zu werden. Es sind Fragen, die sich nicht nur für kommunistische Überlebende stellen, sondern auch für die vielen andere, die nicht inhaftiert wurden, die im Alltag überlebten, weil sie nicht so genau hinschauten. Die Stiftung Topographie des Terrors hat im Jahr 2026 eine Sonderausstellung mit dem Titel <a href="https://www.topographie.de/ausstellungen/der-holocaust-was-wussten-die-deutschen">„Der Holocaust – Was wussten die Deutschen?“</a> konzipiert. Kurator war der Historiker Christian Schmittwilken. Es war nicht die erste Ausstellung dieser Art an diesem Ort, einem früheren Zentrum des nationalsozialistischen Terrors, an dem das Reichssicherheitshauptamt stand. Wer diese Ausstellung sieht, wer das Buch von Ines Geipel liest, wird Fragen über Fragen mit nach Hause nehmen, denen sich möglicherweise Deutsche, die im Westen, und Deutsche, die im Osten aufgewachsen sind, unterschiedlich stellen werden. Aber wie wäre es, wenn sich West- und Ostdeutsche darüber austauschten?</p>
<p>Ines Geipel hat die Fragen dokumentiert, die sich denjenigen stellen, die in der DDR mit der dortigen offiziellen Buchenwald-Erzählung aufgewachsen sind. Es sind auch Fragen nach der Integrität der Staatsgründer, der Kommunisten der frühen DDR: Was ist mit den Kapos? Wer spielte welche Rolle? Wer kooperierte mit wem, welche Kommunisten kooperierten mit SS-Schergen? Die Buchenwald-Geschichte wird durch die Buchenwalderzählungen im Schweigen der Täter und der Opfer, in den Familien gebrochen und so sah sich die SED veranlasst, eine einzige staatlich verordnete Buchenwalderzählung zu propagieren, die Erzählung von kommunistischen Helden, die wiederum den eigenen DDR-Antifaschismus als unverrückbar, immer schon gepflegt fixierte und nach wie vor als Garantie des Erfolgs des sozialistischen deutschen Staates auf dem Weg zum Kommunismus gelten sollte.</p>
<p>Die Versuche, sich diesen Fragen zu entziehen oder sie gar nicht erst aufkommen zulassen, ähneln sich im Westen wie im Osten. Es gab unterschiedliche Strategien des Verschweigens. Es bleiben – so Ines Geipel – die Bilder der Eliminierung der Shoah aus dem kollektiven Gedächtnis, vergleichbare Wirkungen in Ost und West: <em>„Das Übertünchte, das Aufgesetzte. Im Westen die Quizsendungen, im Osten die kommunistische Aufladung. Dabei war die Erfahrungswelt der Deutschen bis Kriegsende erst einmal eine gemeinsame, geeinte. Unter Hitler hatten alle gelebt. Der Westen, der nach Hitler schneller dick wurde und offenbar früher bewegte Bilder hatte, zumindest als Familienkultur. Der Osten, der sich mit einer Doppelung rumzuschlagen hatte, mit einer scharfen Verdichtung, bei der eine Gesellschaft im Extrem auf eine andere Gesellschaft im Extrem gesetzt, geschoben wurde. Der politische Stauraum, das Komprimierte, die Schichten, die Schnitte, das vielfach Ausweglose der fünfziger Jahre des Ostens. Sein genuiner Basisraum, das Gesellschaftsbecken. Jede Akte, die ich im Archiv aus den fünfziger Jahren aufschlage, ist ein Angst-Text, ein Verlust-Text.“</em></p>
<p>Es ist jedoch nicht nur eine deutsche Geschichte. Die Geschichte von Buchenwald, die eine Geschichte des Umgangs mit den Verbrechen der Vergangenheit ist, hat auch eine internationale Dimension. Jorge Semprún, der als spanischer Kommunist (die Nazis nannten Leute wie ihn <em>„Rotspanier“</em>) Buchenwald überlebte, dem Kommunismus abschwor, viel gelesener Buchautor und spanischer Kulturminister wurde, sprach in seiner Rede zur Entgegennahme des <a href="https://stadt.weimar.de/de/weimar-preis.html">Weimar-Preises der Stadt Weimar</a> am 3. Oktober 1995 beispielhaft über das Schicksal der deutschen Schauspielerin <a href="https://www.memorial.de/themen-projekte/historische-aufarbeitung/gedenken-carola-neher">Carola Neher</a>. Sie wurde <em>„zu zehn Jahren Straflager verurteilt und verschwindet in den finsteren Tiefen des GULAG.“ </em>Dort starb sie am 26. Juni 1942. Es ließe sich auch auf Manès Sperbers Romantrilogie „Wie eine Träne im Ozean“ verweisen, in der das Elend der gegenseitigen Diffamierungen, Denunziationen, Morde unter kommunistischen Kämpfern, die eigentlich dasselbe Ziel verfolgen sollten, sinnfällig wird. Die Zeugnisse der Kommunisten, die von Stalins Leuten verfolgt wurden, erwecken in ihrem Beharren auf dem Führungsanspruch Stalins und der Kommunistischen Partei mitunter den Eindruck der Verstrickung in einer Art Theodizee.</p>
<p>Semprún hat seine Erinnerungen an das Ungeheuerliche ein Leben lang in seinen Büchern zu ordnen gesucht, Buchenwald war sein Lebensthema. Literarische Reminiszenzen gaben seinen Büchern eine Struktur, so Baudelaire, den Semprún in „Adieu, vive clarté“ (Paris, Gallimard, 1998) im Titel und in drei von vier Kapitelüberschriften zitiert. Die erste mag er als seinen Auftrag formuliert haben: <em>„J’ai plus de souvenirs que si j’avais mille ans“</em>. Das Buch endet mit den prophetischen Versen Baudelaires <em>„Bientôt nous plongerons dans les froides ténèbres: / Adieu, vive clarté de nos étés trop courts!“</em> (Die Verse entstammen den Gedichten <a href="https://www.poetica.fr/poeme-592/charles-baudelaire-chant-automne/">„Chant d’automne“</a> und <a href="https://fleursdumal.org/poem/159">„Spleen“</a> aus den „Fleurs du mal“.) Bleiben nur Gedichte, bleibt nur Literatur? Auch das Buch von Ines Geipel mag als Sachbuch gelten – es wurde auf der Leipziger Buchmesse für den Sachbuchpreis nominiert. Es bietet jedoch viel mehr, denn es vereinigt die Qualitäten eines Sachbuchs und eines literarischen Werks – der ohnehin merkwürdige Begriff der Belletristik passt hier allerdings nicht –, weil die Autorin die Ergebnisse ihrer Recherchen immer wieder selbst in Frage stellt, nicht im Grundsatz, wohl aber in den für die Würdigung einer Lebensgeschichte wichtigen Details.</p>
<p>Die Lebensgeschichte eines Walter Bartel darf durchaus als tragisch bezeichnet werden. Ich empfehle einen Besuch des Pariser Friedhofs du <a href="https://www.paris.fr/dossiers/bienvenue-au-cimetiere-du-pere-lachaise-47/">Père-Lachaise</a>. Ganz weit hinten rechts findet sich eine Mauer, an der die Aufständischen der Commune de Paris erschossen wurden, vor der heute die Mahnmale an die Konzentrations- und Vernichtungslager zu sehen sind. Auf der anderen Seite des Weges befinden sich die Gräber der Generalsekretäre der französischen kommunistischen Partei und kommunistischer Dichter wie beispielsweise Louis Aragon. Eine Idee, die humanistisch gedacht war, wurde zu einer menschenverachtenden und mörderischen Ideologie, die GULAG und Stasi hervorbrachte. Auch dies ist eine Tragik des 20. Jahrhunderts.</p>
<p>Verschwindet die Erinnerung – wie in den Baudelaire-Gedichten – in dem Dunkel eines ewig erscheinenden Winters? Ines Geipel bezieht sich auf <a href="https://edition-tiamat.de/unsere-autoren/gerber-jan">Jan Gerbers</a> Buch <a href="https://edition-tiamat.de/books/das-verschwinden-des-holocaust">„Das Verschwinden des Holocaust – Zum Wandel der Erinnerung“</a> (Berlin, Edition Tiamat, 2025): <em>„Jan Gerber verweist darauf, dass eine Voraussetzung der Universalisierung des Holocaust seine Entkernung war. Die Vernichtung der europäischen Juden wurde sowohl geographisch als auch historisch entkontextualisiert.“ </em>Dies vollzog die SED-Führung mit Buchenwald. Wer die Geschichte dieser Geschichtsklitterung verfolgt, sollte eigentlich auch erkennen, welche zerstörerischen Potenziale – Ines Geipel verweist ausdrücklich darauf – die Infragestellung der Singularität von Auschwitz aus welchen Gründen auch immer in sich birgt.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juni 2026, aktualisiert am 5. Juli 2026, Internetzugriffe zuletzt am 30. Juni 2026. Titelbild: Hans Peter Schaefer.)</p>
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		<title>Allein im Universum?</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/allein-im-universum/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Apr 2026 06:34:03 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Allein im Universum? Ausgewählte Spekulationen in Wissenschaft und Science Fiction „Das Universum ist ein gefährlicher, kalter Ort für alles, was denkt.“ (Jack McDevitt, Melville auf Iapetus, 1983) Sind wir allein im Universum? Warum finden wir keine Hinweise auf außerirdische Intelligenzen, denn beim Alter des Kosmos von 13,8 Milliarden Jahren würde selbst bei einer konservativen  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-3 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-2 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-3" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Allein im Universum?</strong></h1>
<h2><strong>Ausgewählte Spekulationen in Wissenschaft und Science Fiction</strong></h2>
<p><em>„Das Universum ist ein gefährlicher, kalter Ort für alles, was denkt.“ </em>(<a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/archaeologie-der-zukunft/">Jack McDevitt</a>, Melville auf Iapetus, 1983)</p>
<p>Sind wir allein im Universum? Warum finden wir keine Hinweise auf außerirdische Intelligenzen, denn beim Alter des Kosmos von 13,8 Milliarden Jahren würde selbst bei einer konservativen Einschätzung technologischer Möglichkeiten, dass Raumfahrt ohne überlichtschnelle Geschwindigkeiten auskommen müsste, die Besiedlung der kompletten Galaxis durch eine raumfahrende Zivilisation nicht mehr als zehn Millionen Jahre dauern. Einige der möglichen Antworten auf die Frage des Fermi-Paradoxon sind:</p>
<ul>
<li><strong>„</strong>Der Große Filter“<em>:</em> Gibt es eine Begrenzung in der Evolution intelligenter Zivilisationen, die eine technologische Weiterentwicklung zu einer raumfahrenden Spezies verhindert? Sprengen sich intelligente Zivilisationen in die Luft, bevor sie ihren Planeten verlassen?</li>
</ul>
<ul>
<li>Oder: <em>„Der galaktische Zoo“:</em> Die außerirdischen Zivilisationen beobachten uns schon seit langer Zeit und wollen nicht, dass wir unser Gehege verlassen. Werden wir nicht in den Kreis der hochstehenden galaktischen Zivilisationen aufgenommen, weil wir es nicht wert sind?</li>
</ul>
<h3><strong>Wo bleibt der Erstkontakt?</strong></h3>
<p>Im Jahre 2026 müssen wir feststellen, dass die Menschheit in der von uns vermessenen Weite und den unendlichen Zeiten des Universums völlig unbedeutend ist. Wir sind, in der Selbsterkenntnis, vom Status des zentralen intelligenten Beobachters der Vorgänge im Universum in die Rolle eines galaktischen Bakteriums zurückgefallen, das, wenn überhaupt, lediglich Bruchteile der Vorgänge im Universum erkennen kann und das über keinerlei Möglichkeiten verfügt, diese Vorgänge zu beeinflussen. Dieses galaktische Bakterium ist nicht einmal in der Lage, in die Weiten des Universums zu reisen und andere Intelligenzen zu treffen.</p>
<p>Während die Menschheit früher in ihrer Kulturgeschichte einen definierten Platz als Gesprächspartner von Gott oder Göttern besaß, ist sie heute jeglicher Kommunikation mit den möglichen Entitäten des Universums beraubt. Wir sind ein Nichts im Angesicht der Tiefe und der Zeiten im Universum. Diese Selbsterkenntnis ist der entscheidende Unterschied in der narrativen Erzählkunst der Science Fiction zu Beginn des 21. Jahrhunderts im Vergleich mit der des 20. Jahrhunderts.</p>
<p>Das Meisterwerk der Science-Fiction-Erzählkunst im beginnenden 21. Jahrhundert zu dieser radikalen Umformung ihrer Narrative ist die Trisolaris<em>&#8211;</em>Reihe („Remembrance of Earth´s Past“. (2006, 2008, 2010, deutsch:2016, 2018, 2019) von <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/kosmologische-science-fiction/">Cixin Liu</a>. Wer sich für die wissenschaftliche Seite der Frage „Allein im Universum?“ interessiert, ist bei diesem Buch gut aufgehoben: <a href="https://presseportal.zdf.de/biografien/uebersicht/lesch-prof-dr-harald">Harald Lesch</a>, <a href="https://haraldzaun.de/">Harald Zaun</a>: Die unheimliche Stille. Warum schweigen außerirdische Intelligenzen und Superzivilisationen? (Freiburg im Breisgau, Herder, 2023).</p>
<p>Das Thema des Erstkontakts der Menschheit mit außerirdischen Intelligenzen ist eines der großen Standards des Genres. Allerdings gibt es wenige neue Ansätze für diese Thematik und allgemein wird <em>„die unheimliche Stille“</em> thematisiert. Jack McDevitt hat sich auf seine besondere Weise mit dem Thema beschäftigt und viele gute neue Ideen für Erstkontakte verfasst. In einem seiner Romane startet der Erstkontakt durch ein riesiges Kunstwerk, das seine Protagonistin Priscilla Hutchins im Jahre 2197 auf dem Saturn Mond Iapetus entdeckt: <em>»Das Ding war aus Eis und Felsen gehauen. Es stand reglos auf der öden, schneebedeckten Ebene, ein Alptraum mit gebogenen Klauen und surrealistischen Augen, von hagerer, fließender Gestalt. Der Mund war leicht geöffnet, die Lippen gerundet, und ein eigenartiger, verlangender Ausdruck stand in seinem Gesicht.«</em></p>
<p>So beginnt Jack McDevitt mit „Gottes Maschinen“ (1996, „The Engines of God“, 1994) eine Reihe von Roman-Erzählungen über die Suche nach Lebewesen im All. Der Autor beschreibt viele Möglichkeiten des Scheiterns auf der Suche nach Leben im All und schreibt in seinem Journal 201 vom 15. Januar 2016, dass er seit Jahren versuche, eine brauchbare Kurzgeschichte über die Nicht-Existenz von intelligenten Aliens zu schreiben, dass er daran aber gescheitert sei.</p>
<p>Immerhin hat er es immer wieder versucht und dabei witzige, nachdenkenswerte und philosophisch tiefgründige Erzählungen abgeliefert. In der Kurzgeschichte <em>„Cosmic Harmony“</em> (2022) in dem Sammelband „Return to Glory“ (2022) schreibt er über einen Asteroiden, der unerwarteterweise auf die Erde zurast und durch eine Intervention von freundlichen Aliens abgewehrt wird. Diese funken an die Erde das Lied „Moon River“ zurück und die Protagonisten auf der Erde interpretieren dies als Lied, <em>„aufgeladen mit Leidenschaft“</em>, dass die Außerirdischen zur Erde gebracht hätte und dass diese dann bemerkt hätten, dass die Menschen in Schwierigkeiten waren. Was in dieser kurzen Zusammenfassung so simpel klingt, fügt sich im Text von Jack McDevitt als lyrische Kadenz eines Schriftstellers, der sein Handwerk versteht und die emotionale Kraft von Musik als intergalaktisches Kommunikationsmittel benutzt.</p>
<p>In der Kurzgeschichte „Tidal Effects“ (2022) in „Return to Glory“ (2022) geht Jack McDevitt den entgegengesetzten Weg und schreibt über das Alleinsein der Menschheit. Radioastronomen haben mit den besten Instrumenten der Menschheit keine Sauerstoffsignaturen auf anderen Planeten im All entdecken können und kommen deshalb zu dem Schluss, dass die Erde eine kosmische Anomalie sei. Es sähe so aus, dass wir tatsächlich allein seien. Diese Kurzgeschichte verbindet einen verzweifelten und gescheiterten Rettungsversuch beim Schwimmen im Meer mit der furchtbaren Wahrheit, dass die Menschheit keine Brüder im All findet. Diese kurze Geschichte erzählt eine große Angst, von der Arthur C. Clarke in einem Bonmot sagte, dass es zwei Möglichkeiten gäbe, die gleichermaßen erschreckend seien: Entweder sind wir allein im Universum – oder wir sind es nicht.</p>
<p>Jack McDevitt hat sich allerdings seine Hoffnung nach einem galaktischen Treffen mit Freunden aus dem All erhalten. Er schreibt in seinem Buch „The Long Sunset“ (2018): <em>„Was ich immer machen wollte, war, mit jemandem aus einer Millionen Jahre alten Zivilisation zusammenzusitzen und Ideen auszutauschen.“</em></p>
<h3><strong>Von-Neumann-Sonden</strong></h3>
<p>Der ungarisch-US-amerikanische Mathematiker John von Neumann (1903 bis 1957) hat in seinem Buch „Theory of Self-Reproducing Automata“ (1966) ein für die wissenschaftliche Kosmologie und die Science-Fiction-Literatur gleichermaßen interessantes Theoriekonzept vorgeschlagen, in dem er ein sich selbst reproduzierendes System von Maschinen beschreibt. Andere Forscher haben mit den sogenannten Von-Neumann-Sonden interstellare Besiedlungsmodelle aus den Annahmen von Von-Neumann entwickelt, so zum Beispiel Robert A. Freitas Jr. in seiner Studie: <a href="https://www.rfreitas.com/Astro/ReproJBISJuly1980.htm">„A Self-Reproducing Interstellar Probe“</a> (in: Journal of the British Interplanetary Society“, Vol. 33, 1980). Nach seinem Szenario könnte eine Raumsonde eine Maschine in ein anderes Sonnensystem bringen, die dort eine Fabrik auf einem Himmelskörper errichtet, die weitere Maschinen für ein benachbartes Sonnensystem herstellt und so eine Folge von sich selbst reproduzierenden Maschinen zur Besiedlung der gesamten Galaxis herstellt. Mit dieser kontinuierlichen Abfolge von Maschinenproduktion könnte die Galaxis in, kosmisch gesehen, relativ kurzer Zeit besiedelt werden.</p>
<p>Der US-amerikanische Physiker Frank J. Tipler argumentierte im Jahre 1981, dass es keine außerirdischen Zivilisationen gäbe, denn diese hätten mit Von-Neumann-Sonden das Universum, so alt wie es sei, längst besiedelt haben müssen. Wo sind sie alle? Dagegen argumentierten Carl Sagan und William Newman, dass intelligente Zivilisationen keine Von-Neumann-Sonden benutzen würden, weil diese die Gefahr mit sich brächten, alle verfügbaren Ressourcen im Universum unkontrolliert zu verbauen. Dies ist Stoff für zahlreiche interessante Erzählungen der Science-Fiction.</p>
<p>Robert A. Freitas Jr. hat in der schon zitierten Studie „A Self-Reproducing Interstellar Probe, in: Journal of the British Interplanetary Society“, sehr interessante ethische Schlussfolgerungen für den Einsatz von Von-Neumann-Sonden formuliert: <em>„Die mögliche Existenz von REPRO-ähnlichen Fahrzeugen in der Galaxie wirft eine Reihe grundlegender ethischer Fragen auf. Ist es moralisch richtig oder sogar fair, dass eine sich selbst reproduzierende Sternsonde in ein fremdes Sonnensystem eindringt und einen Teil der Masse und Energie dieses Systems für ihre eigenen Zwecke umwandelt? Hat eine intelligente Rasse rechtlich gesehen ‚Eigentum‘ an ihrer Heimat-Sonne und ihren Planeten? Macht es einen Unterschied, wenn die Planeten von intelligenten Wesen bewohnt sind, und wenn ja, gibt es eine untere Intelligenzschwelle, unterhalb derer ein System ethisch gesehen erobert oder angeeignet werden darf? Sollte es einen Unterschied machen, wenn die intelligenten Bewohner keine fortschrittliche Technologie besitzen oder wenn sie über eine solche verfügen? Sollte REPRO so programmiert werden, dass es bei der Entdeckung von Lebensformen oder Intelligenz angemessen reagiert, vielleicht ähnlich wie Asimovs Drei Gesetze der Robotik?</em></p>
<p><em>Rein materiell gesehen bedeutet die Anwesenheit eines einzigen REPRO in einem Sternsystem einen minimalen Massenverlust für die dortigen Bewohner. Eine typische Jupiteratmosphäre enthält genug Fusionsbrennstoff, um ~1013 sich selbst reproduzierende Raumschiffe zu füllen, und ein einziger großer Jupitermond (100 km Durchmesser) kann genug Molybdän enthalten, um ~105 REPRO-Maschinen zu bauen.</em></p>
<p><em>Selbst wenn jede FABRIK 10 bis 100 Nachkommen hervorbringt, ist der Massenverlust vernachlässigbar. Dennoch ist es höchst unwahrscheinlich, dass die Menschheit es freundlich aufnehmen würde, wenn ein außerirdisches Raumschiff auf einem der Jupitermonde Himalia oder Elara landen und sich dort vermehren würde, ohne zumindest zuerst unsere Erlaubnis einzuholen. Wahrscheinlich würden wir es als einen von Dysons „technologischen Krebsgeschwüren, die in der Galaxie ihr Unwesen treiben” betrachten und versuchen, es zu zerstören oder außer Gefecht zu setzen.“</em></p>
<p>In der Science-Fiction-Literatur finden sich viele gute Erzählungen über die Problematik des Einsatzes von Von-Neumann-Sonden<em>. </em><a href="http://dennisetaylor.org/">Denis E. Taylor</a> hat sich in dem Buch „Ich bin viele“ (2018) und den anderen Bänden seiner seiner Bobivers<em>e</em>-Buchreihe damit beschäftigt, <a href="https://www.andreaseschbach.de/">Andreas Eschbach</a> in „Herr aller Dinge“ (2011) und <a href="https://www.lesjohnsonauthor.com/">Les Johnson</a> gemeinsam mit <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/ben-bovas-grand-tour/">Ben Bova</a> in dem dritten Band der Outer-Planets-Trilogy, in „Pluto“ (2025), wobei hier zu bemerken ist, dass Les Johnson ein NASA-Technologe (und Autor) ist, der sich mit dem gegenwärtigen Stand der irdischen Raumfahrt sehr gut auskennt. Dieser Band ist eine Leseempfehlung für Menschen, die sich den gegenwärtigen Stand der Möglichkeiten der Erforschung der äußeren Planeten des Sonnensystems im Jahre 2025 interessant und spannend erzählen lassen wollen.</p>
<h3><strong>Ergebnisse und Spekulationen der kosmologischen Forschung</strong></h3>
<p>Die kosmologische Forschung fußt auf der Allgemeinen Relativitätstheorie von Albert Einstein aus dem Jahr 1915, diese ist die Grundlage der Kosmologie. Im Jahre 1929 stellt Edwin Hubble fest, dass das Universum expandiert, im Jahre 1965 wird die kosmische Hintergrundstrahlung entdeckt und damit die Theorie des Urknalls bestätigt. Im Jahre 2015 weisen Forscher erstmals Gravitationswellen nach, die von Einstein vorausgesagt worden waren. Im Jahre 2019 sieht die Welt das erste Foto eines Schwarzen Lochs, in der Galaxie M87, 53,5 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt. Die Diskussionen um die Struktur und die Zukunft des Universums nimmt Fahrt auf und führt in Dimensionen unfassbarer Möglichkeiten, bei denen Wissenschaft und Fiktion manchmal kaum noch zu unterscheiden sind.</p>
<p>Die Journalistin und promovierte Physikerin Marlene Weiß, Leiterin des Wissenschaftsressorts bei der Süddeutschen Zeitung, diskutiert in der Osterausgabe 2025 der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel: <a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/wissen/hologramm-quanten-gravitation-raumzeit-e005925/">„Und wenn wir in einem Hologramm leben?“</a> über eine Hypothese von Physikern, ob man das Universum als eine Projektion aus einer zweidimensionalen Oberfläche heraus verstehen könne. Dieser strittige Diskurs in der kosmologischen Fachwelt erinnert an die finale Zerstörung des Sonnensystems in dem dritten Band der Trisolaris-Reihe von Cixin Liu („Jenseits der Zeit“, 2019).</p>
<p>Wir können gegenwärtig sagen, wie alt und wie groß das Universum ist, haben aber keine technologische Möglichkeit gefunden, dies auch tatsächlich vor Ort erforschen zu können. Die Menschheit steht vor einem doppelten Dilemma: Wir wissen durch die Nutzung der Weltraumteleskope, insbesondere seit dem Einsatz des James-Webb-Teleskops, sehr viel über die Geschichte und die Beschaffenheit des Universums, können aber nicht direkt erkunden, was von unseren Theorien wirklich stimmt. Das Universum hat nach dem gegenwärtigen Stand der kosmologischen Forschung einen Durchmesser von 50 Milliarden Lichtjahren und wir verfügen über eine dreidimensionale Karte dieses riesigen Raums, werden allerdings nach dem momentanen Stand unserer Technologien niemals dort hinkommen, wo beispielsweise noch immer neue Sterne entstehen. Das Universum ist nicht fertig, sondern in ständiger Bewegung und Entwicklung.</p>
<p>Gleichzeitig stellen die Ergebnisse unserer präzisesten wissenschaftlichen Beobachtungsinstrumente wie die des James-Webb-Teleskop unsere Theorien auf den Kopf, denn sie geben Aufschluss darüber, dass sich das Universum tatsächlich schneller ausdehnt als ursprünglich berechnet. Manche Messergebnisse erweitern nicht nur unseren Horizont, sondern auch unsere Fragehaltung: Was passiert dort draußen, wo wir nicht – oder vielleicht niemals – hinkommen werden?</p>
<p>Selbst unsere Theoriebildung weist erhebliche Schwächen auf und <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/kosmologisch-denken/">wir sind nicht sicher, ob unsere Theorien über Dunkle Energie und Dunkle Materie richtig sind</a> oder ob sie lediglich einen momentanen Stand unserer erratischen Wissenschaft darstellen. Gegenwärtig werden kontroverse Theoriebildungen in der kosmologischen Wissenschaft diskutiert: brauchen wir neue Gesetze für die Schwerkraft? Als alternative Theorie zu Dunkler Materie wird die „Modified Newtonian Dynamics“, kurz MOND, diskutiert. Wer formuliert die allumfassende Weltformel, in der Gravitation und Quantenphysik, also die Vereinheitlichung des ganz Großen und des ganz Kleinen, verbunden sind?</p>
<p>Wir wissen viel und wir wissen nichts – was die Fragen nach den großen Zeiten und Räumen im Universum angeht. Man könnte sogar so weit gehen zu konstatieren, dass, je mehr wir wissen, wir gleichzeitig erkennen, dass wir eigentlich immer weniger wissen über die zentralen Vorgänge im Universum. Wir erkennen mit jeder neuen kosmologischen Einsicht unsere Begrenztheit, unsere Hilflosigkeit, unser Unbedeutend sein. Wir wissen nicht einmal, ob wir allein im Universum sind oder ob es dort draußen noch andere intelligente Lebewesen gibt.</p>
<p>Die Wissenschaft diskutiert zur Frage außerirdischer Intelligenz drei theoretische Paradigmen:</p>
<ul>
<li>Das Fermi-Paradoxon des Physikers Enrico Fermi aus dem Jahre 1950, in dem er erklärte, dass es bereits seit Millionen von Jahren technologisch hochstehende Zivilisationen im Universum geben müsste, die theoretisch in der Lage seien, die ganze Galaxis zu kolonisieren. Die Frage zu seinen Überlegungen ist: Wo sind sie alle?</li>
</ul>
<ul>
<li>Die Drake-Gleichung von Frank Drake aus dem Jahre 1961 über die Abschätzung der möglichen Anzahl technologischer Zivilisationen im Universum, die eine Anzahl technologisch hochstehende Zivilisationen im Universum mathematisch nachweist. Die Frage bleibt: Wo sind sie alle?</li>
</ul>
<ul>
<li>Das Anthropische Prinzip, nach dem das Universum so gemacht wurde, dass wir Menschen darin eine ideale Heimstatt vorfinden. Eine weite Auslegung wäre, dass wir Menschen das Universum irgendwann einmal nach unseren Vorstellungen werden gestalten können. Diese Überlegung klingt für manche Ohren eigentlich blasphemisch, denn sie besagt, dass es keinen Gott gibt und dass wir Menschen irgendwann einmal die Naturgesetze nach unseren Vorstellungen werden verändern können.</li>
</ul>
<p>Der Mensch als zukünftiger Gott und Gestalter von Raum und Zeit. Genau dies ist das neue eschatologische Narrativ der Science-Fiction im 21. Jahrhundert. Nicht das Erkennen der Naturgesetze steht im Mittelpunkt der neuen Science-Fiction Literatur, sondern deren Veränderung und die Schaffung neuer Universen mit neuen Naturgesetzen nach den eigenen Vorstellungen<em>.</em> Wie dies fiktiv funktionieren könnte, hat der deutsche Schriftsteller <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/science-fiction-instrument-der-erkenntnis/">Phillip P. Peterson</a> mit seiner Paradox-Reihe (2015, 2017, 2019) meisterhaft in Szene gesetzt.</p>
<p><strong>Fritz Heidorn</strong>, Oldenburg</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im April 2026, Internetzugriffe zuletzt am 12. März 2026, Titelbild: Large Hedron Collider, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Views_of_the_LHC_tunnel_sector_3-4,_tirage_2.jpg">View of the LHC tunnel sector 3-4</a>, Maximilien Brice (CERN), Wikimedia Commons – <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/">Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0</a>.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>&#8222;The Intent to Destroy a Group as Such&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 22 Mar 2026 10:43:35 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>„The Intent to Destroy a Group as Such” Ein Gespräch mit Medardus Brehl über Vergleichende Genozidforschung „Lemkin verfolgte die Spur, die ‚entscheidenden Schritte‘, die ein Muster ergaben. Der erste Schritt bestand gewöhnlich im Akt der Entnationalisierung: Individuen wurden staatenlos gemacht, indem man das Bund der Nationalitäten zwischen Juden und Staat durchtrennte, um ihnen so  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-4 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-3 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-4" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>„The Intent to Destroy a Group as Such”</strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit Medardus Brehl über Vergleichende Genozidforschung</strong></h2>
<p><em>„Lemkin verfolgte die Spur, die ‚entscheidenden Schritte‘, die ein Muster ergaben. Der erste Schritt bestand gewöhnlich im Akt der Entnationalisierung: Individuen wurden staatenlos gemacht, indem man das Bund der Nationalitäten zwischen Juden und Staat durchtrennte, um ihnen so den Schutz des Gesetzes teilweise aberkennen zu können. Darauf folgte die ‚Entmenschlichung‘, bei der man den Mitgliedern der ins Visier genommenen Gruppe die gesetzlichen Rechte ganz entzog. Dieses Zweistufen-Schema wurde überall in Europa angewandt. Der dritte Schritt war, die Nation ‚in einem geistigen und kulturellen Sinn‘ auszulöschen – Lemkin identifizierte Erlasse ab Anfang 1941, die auf die ‚völlige Vernichtung‘ der Juden in ‚allmählichen Schritten‘ hindeuteten.“ </em>(aus: Philipp Sands, Rückkehr nach Lemberg – Über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Frankfurt am Main, S. Fischer, 2018, englische Originalausgabe: East West Street – On the Origins of Genocide and Crimes Against Humanity, London, Weidenfeld &amp; Nicolson, 2016, deutsche Übersetzung von Reinhild Böhnke.)</p>
<p>Der Völkermord an den europäischen Jüdinnen und Juden war nicht Gegenstand der Nürnberger Prozesse. Der Begriff des Genozids wurde von dem Juristen <a href="https://www.gfbv.de/de/news/raphael-lemkin-der-initiator-der-konvention-gegen-voelkermord-1451/">Raphael Lemkin</a> (1900-1959) entwickelt. Lemkin gab wesentliche Impulse zur <a href="https://www.voelkermordkonvention.de/">UN-Völkermordskonvention</a>, die am 9. November 1948 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen beschlossen wurde und am 12. Januar 1951 in Kraft trat. Inzwischen wird der Begriff jedoch nicht nur im Völkerrecht, sondern auch als politischer Kampfbegriff verwendet, wie beispielsweise in letzter Zeit in Bezug auf das Vorgehen Israels in Gaza. Der Begriff spielt auch in Berichten über das Vorgehen in Myanmar gegen die Rohingya, das Vorgehen Russlands in der Ukraine, das Vorgehen der verfeindeten Armeen im Sudan eine Rolle.</p>
<div id="attachment_7928" style="width: 284px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7928" class="wp-image-7928 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-274x300.jpg" alt="" width="274" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-200x219.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-274x300.jpg 274w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-400x438.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-600x657.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-768x841.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-800x876.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-935x1024.jpg 935w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-1200x1314.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-1403x1536.jpg 1403w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-1871x2048.jpg 1871w" sizes="(max-width: 274px) 100vw, 274px" /><p id="caption-attachment-7928" class="wp-caption-text">Medardus Brehl. Foto: privat.</p></div>
<p>Ob der Begriff zu Recht verwendet wird, ist eine wichtige Frage auch der wissenschaftlichen Forschung, insbesondere der vergleichenden Genozidforschung. Die Ruhr-Universität Bochum beherbergt das einzigartige <a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/index.html.de">Institut für Diaspora- und Genozidforschung</a>, das die <a href="https://www.velbrueck.de/Programm/Philosophie/Zeitschrift-fuer-Genozidforschung-23-Jg-2025-Heft-1.html">Zeitschrift für Genozidforschung</a> herausgibt. Diese erschien zunächst bei Schöningh, inzwischen erscheint sie bei Velbrück in einer Print- und einer digitalen Ausgabe. Die interdisziplinär ausgerichtete Zeitschrift erreicht ein vielfältiges Publikum, Universitätsbibliotheken, Stadt- und Landesbibliotheken, aber auch Bibliotheken des Auswärtigen Amts, des EU-Parlaments und weitere politische Institutionen. Herausgeber:innen sind <a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/dabag.html.de">Mihran Dabag</a> und <a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/platt.html.de">Kristin Platt</a>, verantwortlicher Redakteur ist der Literaturwissenschaftler und Historiker <a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/brehl.html.de">Medardus Brehl</a>.</p>
<h3><strong>Diaspora- und Genozidforschung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auf den ersten Blick erscheint mir die Kombination von Diaspora- und Genozidforschung etwas ungewöhnlich. Oder täusche ich mich?</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Der Name des Instituts für Diaspora- und Genozidforschung folgt der Idee, dass Genozide Ereignisse sind, die sich schlecht durch Jahreszahlen abgrenzen lassen, sondern eine sich über mehrere Generationen erstreckende Vorgeschichte der Ausgrenzung, der Stigmatisierung, auch der Fragmentierung von Gesellschaften aufweisen. Genozide sind in der longue durée zu betrachten, mit ihrer Vorgeschichte und ihren Folgen. Man kann Genozide nicht isoliert betrachten. Es geht letztlich auch um die Fragen, wie sich soziale Strukturen nach einem Genozid, einem Völkermord verändern, wie soziale Gedächtnisse mit diesen Erfahrungen umgehen. Genozide hinterlassen fundamental veränderte Gesellschaften mit tiefen Einschnitten in die Geschichte und die sozialen Zusammenhänge der Täter- wie der Opfergesellschaft. </em></p>
<p><em>Diaspora ist nicht nur ein Migrationsthema. Nicht jede Migrationsgesellschaft ist auch eine Diasporagemeinschaft. Die Diasporaforschung befasst sich mit über Generationen spürbaren Nachwirkungen eines Völkermords und von Vertreibung in den Gemeinschaften der Überlebenden und ihrer Nachkommen. Die Traumaforschung befasst sich auch mit der Frage der transgenerationalen Traumatisierung solcher Gemeinschaften. Dahinter stecken die Erfahrung fundamentaler Verluste, der Gedanke einer Heimat, in die es kein Zurück mehr gibt, der Gedanke eines ewigen Exils und der damit verbundenen spezifischen sozialen Strukturen, Eliten und Institutionen nicht staatlicher Art mit verschiedenen religiösen und weltanschaulichen Bezugspunkten. Es geht um die spezifischen Erfahrungen von Gemeinschaften nach Vertreibung und Völkermord, um die Transformation von Gemeinschaften, die zwangsmigriert sind, „displaced“ wurden. Beispiele sind die Erfahrungen und die Geschichte der êzîdischen, der armenischen und der jüdischen Diaspora. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mit seinem interdisziplinären Ansatz ist das Institut für Diaspora- und Genozidforschung schon etwas Singuläres in Deutschland.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Das Institut ist im Jahr 1994 als freie Forschungseinrichtung entstanden. Es ging aus einem Arbeitsschwerpunkt an der Sektion für Sozialpsychologie und Sozialanthropologie an der Ruhr-Universität hervor. Das Projekt wurde von den beiden späteren Gründer:innen des Instituts durchgeführt, </em><a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/dabag.html.de"><em>Mihran Dabag</em></a><em> und </em><a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/platt.html.de"><em>Kristin Platt</em></a><em>. Es war ein Dokumentationsprojekt mit Interviews mit Überlebenden des Völkermords an den Armenier:innen. Mitte der 1980er und zu Beginn der 1990er Jahre wurden 134 lebensgeschichtliche Interviews in einem Umfang von zwei bis 16 Stunden durchgeführt. Daraus ging auch das Buch </em><a href="https://brill.com/display/book/edcoll/9783657784837/B9783657784837-s013.xml"><em>„Verlust und Vermächtnis – Überlebende des Genozids an den Armeniern erinnern sich“</em></a><em> (Paderborn, F. Schöningh, 2015) hervor. Das späte Datum der Veröffentlichung erklärt sich aus dem Umfang und Aufwand des Projekts. </em></p>
<p><em>Ziel der Gründung des Instituts war, das Projekt mit der Perspektive einer grundlegenden Diaspora- und Genozidforschung zu verstetigen. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es in Deutschland kein solches Forschungsfeld. Es gab noch bis vor Kurzem in Deutschland keinen Lehrstuhl, der sich dezidiert mit Völkermord- oder Diasporaforschung beschäftigte. Diese Themen fielen immer unter „Zeitgeschichte“ oder unter „Neuere und neueste Geschichte“. Das Institut sollte Anregungen aus den seit den 1970er Jahren in der anglo-amerikanischen Forschung entstanden Comparative Genocide Studies aufnehmen und diese mit der deutschen Forschung zu Nationalsozialismus und Holocaust verbinden. 1998 wurde das Institut wegen seines Erfolges zu einem An-Institut an der Universität Bochum. Es durfte die Einrichtungen und das Siegel der Universität nutzen, bekam jedoch noch keine Gelder vom Land. 1999 wurde das Institut in die Geschichtswissenschaftliche Fakultät eingegliedert, war damit einem Lehrstuhl gleichgestellt. 2018 /2019 gab es eine sehr erfolgreiche Evaluation. Dadurch erhielt das Institut den Status einer Zentralen Wissenschaftlichen Einrichtung der Universität Bochum. Es ist mit zwei Stellen ausgestattet.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das Institut arbeitet interdisziplinär.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Die Projektarbeitsgruppen, die wir in den letzten 25 Jahren eingerichtet hatten, waren immer interdisziplinär zusammengesetzt, weil wir uns auch mit den Kontexten beschäftigen. Es greifen verschiedene Dinge ineinander, Geschichtswissenschaften, Sozialwissenschaften, Sozialpsychologie, Literaturwissenschaften, Politikwissenschaften, Theologie. Wir arbeiten mit Personen aus der Friedens- und Konfliktforschung zusammen. Auch Aspekte der Wissensgeschichte, der Philosophie spielen eine Rolle. Ein Beispiel: Ein Projekt zu Zukunftsentwürfen und Gewalt in der Literatur der 1920er Jahre klingt zunächst eher literaturwissenschaftlich, war es im Kern auch, aber es haben auch Historiker:innen und Politikwissen- und Sozialwissenschaftler:innen mitgearbeitet, in der Kernarbeitsgruppe wie in erweiterten Arbeitsgruppen. Es geht dabei nicht um eine willkürliche Vermischung, sondern um Synergien. Wenn man aus unterschiedlichen disziplinären Blickwinkeln auf ein Thema schaut, vermag man gemeinsam auch die jeweiligen blinden Flecken zu beleuchten.</em></p>
<h3><strong>Die Zeitschrift für Genozidforschung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Zeitschrift ist das regelmäßige Publikationsorgan des Instituts. Sie erscheint zwei Mal im Jahr.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Die erste Ausgabe erschien 1999. Die Zeitschrift entstand mit dem Ziel, ein Ideenforum zu schaffen und die Disziplin der Genozidforschung in der deutschen Forschung bekannt zu machen. Sie war das erste deutschsprachige Periodikum, das sich ausschließlich der Vorgeschichte, den Durchführungsstrukturen und den Folgen von Genoziden gewidmet hat, um den Diskurs in Deutschland bekannt zu machen, zu evaluieren und weiter zu entwickeln. </em></p>
<p><em>Vielleicht ist folgender Hinweis wichtig für Ihre Leser:innen. Jeder in der Zeitschrift veröffentlichte Beitrag wird zuvor anonymisiert und von zwei Gutachter:innen, die nicht voneinander wissen, bewertet. Die Redaktion entscheidet also nicht alleine. Manchmal wird eine Überarbeitung erbeten, etwa ein Drittel der eingereichten Beiträge wird abgelehnt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Verfahren und Zahl der Ablehnungen verstehe ich als einen Indikator ebenso für die Qualität der Zeitschrift wie für ihre Attraktivität in der wissenschaftlichen Community. Es gibt in der Zeitschrift auch Schwerpunktthemen.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>In der Regel haben wir offene Hefte, die aber oft auch – wie in diesem Fall – ein Schwerpunktthema haben. Es gibt auch reine Themenhefte, die in der Regel von Gastherausgeber:innen gestaltet werden. Das nächste Heft hat das Thema „Praktiken und Semantiken der Gewalt im Spanischen Bürgerkrieg“. Das Thema mag manchen im Kontext der Genozidforschung verwundern, aber es geht um eliminatorische Gewalt gegen politische Gegner:innen. Es geht um Massaker der Falangisten beziehungsweise Nationalisten an Republikanern, es gab auch Massaker von Republikanern an Nationalisten oder von beiden Seiten Massaker an verdächtig erscheinenden Personen.</em></p>
<p><em>Wir verfolgen das Ziel, Diskurse der internationalen Genozidforschung in die bundesrepublikanische Forschung hineinzutragen und mit den etablierten Paradigmen zu verbinden. Inzwischen sind wir dazu übergegangen, die Zeitschrift auch international zu etablieren. Es gibt inzwischen englischsprachige Beiträge mit deutschsprachigen Abstracts, deutsche Beiträge haben englische Abstracts. Es gibt auch viele internationale Autor:innen, auch wenn der Kern nach wie vor deutschsprachige Autor:innen sind, so dass sich der Kreis zu den Comparative Genocide Studies schließt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie unterscheidet sich ihr Ansatz von den amerikanischen Comparative Genocide Studies?</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Die amerikanischen Comparative Genocide Studies hatten einen weitgehend sozialwissenschaftlich geprägten Ansatz. Es gab viel Konfliktsoziologie. Dies wollten wir mit der im Kern sehr historisch orientierten deutschen Forschung zum Nationalsozialismus und zum Holocaust verbinden. Es war nicht so einfach, einen Verlag zu finden. Die Gründer:innen mussten sich mit dem Verdacht auseinandersetzen, mit der Etablierung der Genozidforschung ginge eine Relativierung des Holocaust einher. </em></p>
<h3><strong>Zur Begriffsgeschichte des Genozids </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der Begriff des <em>„Genozids“</em> wird heutzutage inflationär verwandt. Daher denke ich, dass wir ihn präzisieren sollten. Ich habe dazu in Ihrer Zeitschrift eine mir sofort einleuchtende Definition gefunden: <em>„Staatlich legitimierte kollektive Gewalt.“</em></p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Und von staatlicher Seite durchgeführte kollektive Gewalt. Das unterscheidet einen Genozid auch von einem Pogrom. Es geht beim Genozid um die geplante Vernichtung einer Gruppe. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir müssen <em>„Genozid“</em> abgrenzen von <em>„Verbrechen gegen die Menschlichkeit“</em> (im Englischen <em>„Crimes against humanity“</em>) und von <em>„Kriegsverbrechen“</em>. Diese beiden Punkte waren Gegenstand der Nürnberger Prozesse, der Genozid an den europäischen Jüdinnen und Juden war es nicht.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Den juristischen Begriff von „Genozid“ hat Raphael Lemkin geprägt und damit die UN-Völkermordskonvention mitgeprägt. Hintergrund der Arbeiten von Raphael Lemkin waren zunächst der Völkermord an den Armenier:innen und die </em><a href="https://www.deutscharmenischegesellschaft.de/2021/03/25/doku-zur-ermordung-von-talat-pascha-durch-soghomon-tehlirian/"><em>Erfahrungen des Prozesses 1921 in Berlin gegen Soghomon Tehlerian</em></a><em>, der einen der Hauptverantwortlichen für den Völkermord, Talat Pascha, auf offener Straße ermordet hatte. Soghomon Thelerian wurde freigesprochen. Durch den Prozess wurde Raphael Lemkin, polnischer Jude aus dem damals polnischen Lemberg, auf das Problem aufmerksam, dass Gruppen und die Vernichtung von Gruppen im Völkerrecht nicht vorkommen. Er argumentierte, wir bräuchten auf der Ebene des internationalen Rechts einen entsprechenden Straftatbestand, damit die Täter verfolgt und bestraft werden können. Raphael Lemkin hat sich daher zunächst mit den Begriffen „Barbarei“ für die Vernichtung einer Gruppe und „Vandalismus“ für die Zerstörung ihrer kulturellen Grundlagen auseinandergesetzt. </em></p>
<p><em>Raphael Lemkin hat lange an diesem Thema weitergearbeitet, es auf internationalen Völkerrechtssymposien vorgestellt, drang aber nicht durch. Im Jahr 1944 hat er im Auftrag der Alliierten ein Gutachten zur „Herrschaft der Achsenmächte im besetzten Europa“ (</em><a href="https://www.legal-tools.org/doc/b989dd/pdf"><em>„Axis Rule in Occupied Europe“</em></a><em>) geschrieben, in dem er zum ersten Mal den Genozidbegriff verwendet. Lemkin fasst den Genozidbegriff – meine Übersetzung – als „einen koordinierten Plan verschiedener Handlungen, der in der Absicht begangen wird, eine nationale Gruppe als solche zu zerstören“. Lemkin sagt, die Gewalt richte sich nicht gegen die Individuen in ihrer Individualität, sondern gegen die Individuen aufgrund ihrer Mitgliedschaft in einer Gruppe. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Beziehungsweise der ihnen zugeschriebenen Mitgliedschaft. Die Nazis fassten ihren Begriff, wer Jude sei, erheblich weiter als das Judentum selbst. Jude waren auch diejenigen, die oder deren Vorfahren irgendwann einmal zum Christentum konvertiert waren, Juden oder Jüdinnen waren im Unterschied zur Halacha auch all diejenigen, deren Väter keine Juden waren. Es reichte schon, unter den Großeltern jemanden zu haben, der als Jude oder Jüdin galt. Man stritt sich sogar unter Nazi-Juristen, wie weit die Definition reichen sollte.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Das war bei Raphael Lemkin noch kein Thema.</em> <em>Die UN-Völkermordskonvention kam dann aber auch aufgrund der Tatsache zustande, dass bei den Nürnberger Prozessen die Shoah nicht Gegenstand der Verhandlungen war. Es gab den Tatbestand nicht, somit konnte er auch nicht verhandelt werden. Daher kam man auf die Idee, einen entsprechenden Tatbestand im internationalen Strafrecht zu verankern. So entstand die Konvention im Jahr 1948.</em></p>
<p><em>Die meisten wissen nicht, was die Konvention als Völkermord bezeichnet. Viele denken, der Katalog der Maßnahmen sei die eigentliche Definition. Die Definition lautet jedoch: „the intent to destroy a group as such”, „die Absicht, eine Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören“. Das ist eine typisch juristische Definition. Man braucht ein objektives und ein subjektives Straftatbestandsmerkmal. Das subjektive ist „intent“, es muss jemand sein, der das will, das objektive, dass es eine Gruppe sein muss.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die juristische Seite ist eine Seite der Medaille, die historische und sozialwissenschaftliche eine andere. Natürlich bleibt es dieselbe Medaille.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Es gibt eine Vielzahl verschiedener Varianten. Der kleinste gemeinsame Nenner ist sicherlich die Absicht von staatlichen Akteuren oder quasi-staatlichen Akteuren – wie beispielsweise bei der Hamas oder dem Islamischen Staat –, die über Machtressourcen, einen Apparat der Mobilisierung und Medien der Stigmatisierung verfügen. Das gehört dazu, um eine Politik des Genozids als eine solche zu beschreiben und zu definieren. </em></p>
<h3><strong>Kann man Genozide miteinander vergleichen?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wer Genozide miteinander vergleicht, setzt sich dem Vorwurf aus zu relativieren. Vermutet wird der Aufbau von Opferkonkurrenzen oder Hierarchien. Das ist <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/umstrittene-erinnerung/">ein sehr kritisches und in den letzten Jahren im Kontext der Post-Colonial Studies kontrovers diskutiertes Thema insbesondere in der Erinnerungskultur</a>, zuletzt virulent angesichts der Streitigkeiten um das Konzept des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) zur Erinnerungskultur. Dem aktuellen Beauftragten wurde Ignoranz der deutschen Kolonialgeschichte vorgeworfen, seiner Vorgängerin Relativierung der Shoah.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Relationen zu benennen bedeutet nicht etwas zu relativieren. Man fragt oft nach der Singularität der Shoah. Singularität erweist sich jedoch erst in Abgrenzung von anderen Ereignissen. Jedes Ereignis ist für sich erst einmal singulär. Das bedeutet aber nicht, dass es keine Überschneidungen oder miteinander vergleichbare Strukturcharakteristika gibt. Mihran Dabag hat einmal gesagt, wir betreiben keine Fallvergleiche, sondern Strukturvergleiche. Wie verlaufen Prozesse der Segregation, welche Parallelen und welche Unterschiede lassen sich feststellen, die uns dann möglicherweise erst in die Lage zu versetzen, auch Tendenzen in gegenwärtigen Gesellschaften zu erkennen und zu beschreiben?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Literaturwissenschaftlerin <a href="https://www.buechner-verlag.de/autor/anne-d-peiter/">Anne Peiter</a> schreibt regelmäßig in Ihrer Zeitschrift. Sie veröffentlicht regelmäßig sehr anregende Beiträge zur vergleichenden Genozidforschung. Ich habe ein ausführliches Interview mit ihr veröffentlicht, Titel: „<a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/des-genocides-populaires/">Des génocides populaires“</a>, in dem sie Parallelen zwischen der Struktur und der Aufarbeitung des Tutsizids in Ruanda und der Shoah beschreibt. Sie hat beispielsweise eine ganze Reihe französischsprachiger Literatur mit Berichten von Überlebenden des Tutsizids analysiert, die ähnlich argumentieren wie in der deutschsprachigen Literatur zur Shoah.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Vergleich macht grundsätzlich Sinn, vor allem aber dann, wenn man in irgendeiner Weise Ähnlichkeiten und Differenzen von Strukturcharakteristika von Gewaltpolitiken sichtbar machen kann. Im Vergleich zeigt sich erst das Besondere der einzelnen genozidalen Akte. Es gibt Parallelen in der Shoah wie im Völkermord an den Armenier:innen oder beim Tutsizid in der Extegration innerhalb einer Gesellschaft im Vorlauf der eigentlichen genozidalen Handlungen und Maßnahmen. Natürlich gibt es auch viele Unterschiede. Das bedeutet aber nicht, dass die Feststellung ähnlicher Charakteristika eine Form der Relativierung wäre. Ein Vergleich trägt dazu bei, genozidale Prozesse überhaupt zu verstehen. Im Verlauf wie in der Erinnerung. </em></p>
<h3><strong>Resonanzräume der Erinnerung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Je nachdem, wie man sich erinnern möchte, wird der Begriff des „Genozids“ beliebig. Das ließe sich jedoch verhindern.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Die Idee der „Multidirektionalen Erinnerung“ des amerikanischen Literaturwissenschaftlers </em><a href="https://michaelrothberg.weebly.com/index.html"><em>Michael Rothberg</em></a><em> (die englische Ausgabe erschien bereits 2009, die deutsche erst 2024) wurde auch oft kritisiert. Aber man muss bedenken, dass die Anerkennung von Gewalt oft funktioniert, indem man sich auf ein anerkanntes Ereignis bezieht. Anne Peiter hat herausgearbeitet, wie sich Werke zur Erinnerung an den Tutsizid auf Werke der Erinnerung an die Shoah beziehen. Das ist auch Thema des Buches „Verlust und Vermächtnis“ von Kristin Platt und Mihran Dabag zum Völkermord an den Armenier:innen. Die Shoah ist ein Referenzpunkt, ebenso wie der Völkermord an den Tutsi oder der Völkermord an den Armenier:innen, um die eigene Erfahrung einzufangen und eine Sprache zu finden, die verstanden wird. Natürlich ist der Modus, in Ost- oder in Südafrika über die Erfahrungen des Genozids zu sprechen, nicht auf andere Erfahrungen anderswo übertragbar. </em></p>
<p><em>Vor diesem Hintergrund finde ich die Idee der „commemoration“ als wissenschaftliches Konzept interessant. Wenn das Ergebnis eines Vergleiches wäre, alles ist gleich, war der Vergleich verkehrt. Der Vergleich muss einen Mehrwert ergeben, mit Blick auf das Verglichene und letzten Endes auf die einzelnen Dinge, die in ein komparatives Verhältnis gestellt werden. Ein Vergleich muss Unterschiede und Besonderheiten sichtbar machen. Genau dies geschieht in Erzählungen von Überlebenden, auch in der Literarisierung in der zweiten und dritten Generation. Wenn beispielsweise Nachfahren der Überlebenden des Genozids an den Armenier:innen in den 1950er Jahren sich auf die Shoah beziehen, wird dies ein Resonanzraum, auch umgekehrt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Einen solchen Resonanzraum finden wir auch bei der Erinnerung beziehungsweise dem Traumatransfer in einer Gruppe. Benjamin Netanjahu bezog sich am 7. Oktober 2023 auf ein Pogrom des Jahres 1903 im russischen Kischinew (heute: Chișinău, Moldau) und das Gedicht von Chaim Nachman Bialik „In der Stadt des Tötens“. Darauf wies die Psychotherapeutin und Romanautorin Ayelet Gundar-Goshen im Nachwort zur deutschen Neuauflage mehrerer Texte des Autors hin (in: Chaim Nachman Bialik, <a href="https://www.beck-shop.de/bialik-wildwuchs/product/37479584">Wildwuchs – Erzählungen aus Wolhynien</a>, München, C.H. Beck, 2025). Genozide, Massaker, Pogrome tragen zur Identitätsbildung bei. Zumindest bei den Überlebenden und Nachfahren der Opfer.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>:<em> In der deutschen Erinnerungskultur spielt der Holocaust, die Shoah nicht die tragende Rolle, die Auschwitz spielt. Auschwitz ist eine zentrale Chiffre für die Identitätsbildung in der alten Bundesrepublik Deutschland. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Diese These vertritt Robert Menasse in seinem Roman „Die Hauptstadt“ (Berlin, Suhrkamp, 2017) für ganz Europa.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Ich sage es etwas polemisch: Die Bundesrepublik Deutschland hatte zwei Gründungserzählungen, das positive war die Währungsreform, das negative Auschwitz. Auschwitz spielt die Rolle der negativen Folie der eigenen Identität. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Joschka Fischer begründete die Beteiligung Deutschlands am NATO-Einsatz im Jugoslawien-Krieg mit der Verpflichtung nach Auschwitz.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Damit ist man am Ende auf der Ebene der Politisierung des Begriffs „Genozid“. Das ist kein Argument gegen die Richtigkeit einer Maßnahme, aber es zeigt, dass der Begriff inzwischen auch ein Begriff im politischen Kampf geworden ist, als maximale Skandalisierungschiffre. Sobald ich etwas als „Holocaust“ bezeichne, steigere ich diese Skandalisierung noch.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Den Begriff „Holocaust“ verwenden zum Beispiel radikale Tierschützer:innen und Abtreibungsgegner:innen.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Das ist höchst gefährlich, weil der Begriff damit ausgehöhlt wird. Man höhlt ihn aus als Instrument des internationalen Rechts zum Schutz der Existenz und Sicherheit von Gruppen. Der inflationäre Gebrauch der Begriffe „Holocaust“ oder „Genozid“ führt auch dazu, dass irgendwie alles zu „Holocaust“ und „Genozid“ wird. Das macht keinen Unterschied mehr. Deswegen bin ich immer sehr vorsichtig, vorschnell auf die Frage zu antworten, ob etwas ein Völkermord sei. Man muss sich die Dinge erst einmal sehr genau anschauen. Man muss alle Seiten hören und in ihrer Sprache kommunizieren. Die meisten, die heute über Israel oder Gaza sprechen, verstehen weder Hebräisch noch Arabisch.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Viele wussten bis vor Kurzem nicht, dass Ukrainisch eine eigene, sich vom Russischen unterscheidende Sprache ist. Umso wichtiger ist ein interdisziplinärer und – das möchte ich ergänzen, auch wenn es ein Wortspiel sein mag – disziplinierter Umgang mit Begriffen.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Der Begriff des Genozids ist selbst schützenswert, das Konzept als solches, sodass man es nicht inflationär entwerten darf.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Kann vergleichende Genozidforschung zur Prävention beitragen, vielleicht im Sinne eines Frühwarnsystems?</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Es ist immer sehr vollmundig zu sagen, Genozidforschung wolle dazu beitragen, Genozidprävention zu betreiben. Wenn man sieht, dass Gesellschaften von starken segregativen Diskursen bestimmt sind, von Diskursen der Ausgrenzung, der Dehumanisierung, muss das nicht zwangsläufig dazu führen, dass am Ende eine Massenvernichtung stattfindet, aber es sind zumindest Indikatoren, die man in irgendeiner Form extrapolieren kann.</em></p>
<h3><strong>Entscheidend sind die Täter</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir haben Genozid als <em>„staatlich legitimierte kollektive Gewalt und von staatlicher Seite durchgeführte kollektive Gewalt</em>“ definiert.</p>
<p>Ich möchte diese Definition zunächst auf Gaza anwenden. Das bedeutet meines Erachtens, dass das, was die Hamas in ihrer Charta aufgeschrieben und was der Iran plant und mit der bis 2040 laufenden Uhr auf dem Palästina-Platz in Teheran dokumentiert, den Tatbestand des Völkermords erfüllt, das, was die israelische Regierung beziehungsweise die israelischen Verteidigungskräfte machen, nicht, sehr wohl aber das, was Minister wie Itamar Ben Gvir und Bezalel Smotrich äußern.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>:<em> Das ist eine hervorragende Differenzierung, die viel zu selten gemacht wird. Die Hamas erklärt in ihrem Statut, dass ihr Ziel die Vernichtung Israels ist. Das ist eine ganz klar erklärte genozidale Absicht. Das gilt auch für die Islamische Republik Iran. Auf der anderen Seite: Eine Vernichtung der Palästinenser ist nicht israelische Staatsdoktrin. Es gibt jedoch Mitglieder der israelischen Regierung, die ganz klar eine genozidale Absicht äußern. </em></p>
<p><em>Damit kommen wir zu dem nächsten Punkt, den auch viele vergessen. Der Staat Israel kann gar nicht für einen Völkermord verantwortlich sein. Strafrechtlich verfolgt werden können nur Individuen. Man kann Benjamin Netanjahu anklagen, aber nicht den Staat Israel, man konnte Slobodan Milošević anklagen, nicht aber den damaligen Staat Jugoslawien. Man kann auch keine Parteien anklagen, nur Individuen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das entspricht im Großen und Ganzen dem deutschen Strafrecht. Angesichts der RAF hat man allerdings eine kollektive Verantwortung ins Strafrecht eingefügt, weil man damals nicht wusste, wer auf wen geschossen hat. Auch heute noch schweigen die Mitglieder der RAF.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Das wäre die Brücke über die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, die auch bei der Mitgliedschaft in der NSDAP oder in SS und SA herangezogen werden konnte. Es ist in diesem Kontext interessant, dass in der gesamten Debatte um Gaza die genozidale Absicht der Hamas fast überhaupt nicht thematisiert, sondern als antikoloniale Selbstermächtigung verharmlost wird. Diese Differenzierung ist wichtig. Bei der Bewertung all dessen, was in Gaza geschehen ist und geschieht, sind viele, die eine pauschale Palästinasolidarität postulieren, sehr blind. Auf beiden Augen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Blindheit verschärft sich, wenn Jüdinnen und Juden weltweit für das Vorgehen des Staates Israel in Gaza in Mitverantwortung genommen werden, ungeachtet der Frage, ob sie israelische Staatsbürger:innen sind und ebenso ungeachtet der Frage, wie sie selbst zu Netanjahu und seinen rechtsextremen Koalitionspartnern stehen.</p>
<p>Ein anderer Fall, an dem wir die von uns unterstützte Definition des Genozids anwenden könnten, wäre das Vorgehen Russlands in der Ukraine. Ich denke, dass es die Kriterien eines Völkermords erfüllt. Putin behauptet zwar, er habe auf einen Völkermord an Russen im Donbass reagiert, doch lässt sich kein Beleg finden, dass die ukrainische Regierung dies in irgendeiner Weise beabsichtigt. Auf der anderen Seite verlangt Putin die Auslöschung der ukrainischen Nation, der ukrainischen Kultur, der Sprache, zwangsassimiliert Menschen in den besetzten Gebieten, nach Russland entführte Kinder, die dort zur Adoption freigegeben werden. In seinen Reden oder noch schärfer in Reden Dmitri Medwedews. Die „Blätter für deutsche und internationale Politik“ dokumentierten in ihrer Ausgabe vom Juni 2024 einen Beitrag von Medwedew mit dem Titel <a href="https://www.blaetter.de/ausgabe/2024/juni/dokumentiert-russlands-historische-mission">„Russlands historische Mission“</a>, in dem er <em>„die Entnazifizierung des erfundenen Gebiets, das sich ‚ukrainischer Staat‘ nennt“ </em>forderte. Ich sehe hier neben der Täter-Opfer-Umkehr eine eindeutig genozidale Absicht. Es soll nach Ende der sogenannten <em>„Spezialoperation“</em> keine Ukraine und keine Ukrainer:innen mehr geben.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Bleiben wir erst einmal bei den Kriegshandlungen. Es gibt keinen Krieg ohne Kriegsverbrechen. Nicht jedes Massaker ist ein Völkermord. Man darf auch nicht glauben, ein Massaker wäre schlimmer, wenn man es als „Völkermord“ etikettieren könnte. Begrenzte Massaker haben dieselbe Qualität. </em></p>
<p><em>Die Behauptung der Nicht-Existenz eines ukrainischen Volkes könnte man als Indiz für eine genozidale Absicht nehmen. Man hat mit Sicherheit einen genozidalen Diskurs. Das sehe ich auch in Bezug auf einige Mitglieder der israelischen Regierung, die behaupten, es gäbe kein palästinensisches Volk. Darüber sprachen wir.</em></p>
<p><em>Ein interessanter Fall ist Srebenica. Es geht um die Ermordung von etwa 8.000 Männern, die Frauen und Kinder wurden deportiert. Man könnte fragen, wie dies ein Völkermord sein könnte. Man muss letzten Endes sehen, dass Gewaltmaßnahmen jenseits von ihrer manifesten Praxis eine erhebliche kommunikative Funktion haben. Diese hatte das Massaker der Hamas auf jeden Fall. Deshalb haben die Täter das auch so ausführlich dokumentiert und gestreamt. Es war eine Botschaft der Vernichtung. Genauso war das Massaker in Srebenica eine Botschaft. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In meinem Essay <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/738-tage/">„738 Tage“</a> habe ich unter anderem die Ausstellung der Nova-Foundation beschrieben, die Originalvideos, -telefonate und -orte des Massakers in ergreifender Weise dokumentierte. Darunter war auch das Video mit der ermordeten nackten Shani Louk auf einem Pick-Up und um sie herumsitzenden Hamas-Terroristen, die Allah lobten. In einem anderen Video hörte man Hamas-Terroristen rufen, dass sie an diesem Tag ins Paradies kämen, weil sie so viele Juden getötet hätten.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Aus diesem Grund bin ich auch der Meinung, dass Srebenica einen genozidalen Charakter hatte, ungeachtet der scheinbar begrenzten Gewalt, die es aber darauf anlegt, entgrenzt zu werden. Das ist die Semantik dieser Tat. Auch die Absicht, „intent“ wird damit explizit ausgesprochen, dass es die Absicht sei, dass dies allen passiert. Das war am 7. Oktober genauso. </em></p>
<h3><strong>Die Debatten um die Anerkennung eines Völkermords am Beispiel Armenien</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In der ersten Ausgabe Ihrer Zeitschrift für das Jahr 2026 geht es unter anderem um Armenien. Thema sind auch die deutsche Mitschuld und die nach wie vor fehlende Anerkennung des Völkermords durch den türkischen Staat. Es gab von der Türkei heftig kritisierte Parlamentsbeschlüsse, <a href="https://dserver.bundestag.de/btd/18/086/1808613.pdf">in Deutschland am 2. Juni 2016</a>, <a href="https://www.assemblee-nationale.fr/11/ta/ta0611.asp">in Frankreich schon am 18. Januar 2001</a>, die das Massaker an den Armenier:innen als Völkermord anerkannten. Ich wage aber auch die These, dass der Zeitpunkt zumindest des deutschen Beschlusses durchaus etwas damit zu tun hatte, dass man Erdoğan – vorsichtig gesprochen – Grenzen setzen wollte. Aber vielleicht wollte man auf diese Weise auch nur die eigene Mitschuld vergessen lassen. Das mag auch für die späte Anerkennung des Holodomor in der Ukraine und in Kasachstan <a href="https://dserver.bundestag.de/btd/20/046/2004681.pdf">am 30. November 2022 durch den Deutschen Bundestag</a> gelten. Ohne die russische Vollinvasion vom 24. Februar 2022 wäre es möglicherweise nicht so weit gekommen und die Ukraine wäre in Deutschland weiterhin im Sinne von Martin Schulze Wessel <a href="https://www.chbeck.de/schulze-wessel-uebersehene-nation/product/36959121">„Die übersehene Nation“</a> geblieben (München, C.H. Beck, 2025). Über Kasachstan redet man zurzeit nach wie vor nicht.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Bei Ihnen schwang ein wenig mit, dass die Anerkennung des Völkermords an den Armenier:innen politisch instrumentalisiert wurde. Ich sehe das ehrlich gesagt nicht so. Man muss meines Erachtens zwei Dinge beachten. Einmal: Warum leugnet die Türkei diesen Völkermord heute noch so vehement? Die Türkei wurde 1923 gegründet, bis dahin bestand das Osmanische Reich fort. Es gab die Istanbuler Prozesse, die von Osmanen geführt wurden, in denen eine Reihe der Akteure verurteilt worden.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Somit gab es damals eine Anerkennung der Schuld.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Darüber gab es im Osmanischen Reich einen großen Diskurs. Die Jungtürken-Bewegung, die seit 1913 allein den osmanischen Staat steuerte und den Völkermord plante und durchführte, galt als die größte Schande für die muslimischen Osmanen. Das wurde in Zeitungen diskutiert. Die Hauptverantwortlichen, das Triumvirat von Enver Pascha, Talat Pascha und Cemal Pascha, wurden in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Talat Pascha flüchtete mit deutscher Hilfe nach Berlin, Enver Pascha flüchtete über Berlin nach Turkmenistan, Cemal Pascha nach Georgien. Das Deutsche Reich half ihnen, sich der Strafverfolgung zu entziehen. Dies geschah in der Übergangszeit vom Kaiserreich zur Weimarer Republik, maßgeblich gesteuert von Hans von Seekt, der dann 1920 bis 1926 die Heeresleitung der Reichswehr innehatte.</em></p>
<p><em>Mit dem sogenannten türkischen Befreiungskrieg durch Kemal Atatürk veränderte sich die Situation. Man versuchte, die Geschichte hinter sich zu lassen. Seit 1923 wird versucht, ein nationalpolitisches Identitätsnarrativ zu etablieren, aus eigener Kraft hätten es die Türken geschafft, den altmodischen imperialen osmanischen Staat hinter sich zu lassen und einen modernen türkischen Staat zu gründen. Die ethnische Homogenisierung Anatoliens sei sozusagen die Grundbedingung dafür gewesen, den türkischen Nationalstaat zu schaffen. Dieses Narrativ gilt bis heute. In eine solche   „Erfolgsgeschichte der Türkei“ lässt sich der Völkermord an den Armenier:innen, an der assyrisch-armenischen, an der pontischen Bevölkerung im Schwarzmeergebiet, an der christlichen Bevölkerung im osmanischen Reich also schlecht erzählen. Das passte nicht hinein. Seit 1938, Jahr des Massakers in Dersim, dann nach 1945 hat die Türkei sich sehr empfindlich gezeigt und immer heftig reagiert, wenn jemand den Völkermord an den Armenier:innen thematisiert hat.  </em></p>
<p><em>Mihran Dabag hat 1984 in Bonn die erste Konferenz zu diesem Völkermord durchgeführt. Es gab extreme Interventionen der Türkei, massive Morddrohungen nationalistischer Organisationen in der Türkei gegen Organisator:innen und Referent:innen. Die Konferenz fand unter dem Schutz des Bundesgrenzschutzes statt, mit einem über dem Tagungsgebäude kreisenden Hubschrauber. Als wir dann 2005 eine Handreichung für die Schulen im Land Brandenburg vorbereiteten, in der unter anderem der Völkermord an den Armenier:innen thematisiert werden sollte, hat die türkische Botschaft interveniert. Das Land Brandenburg knickte ein und wir mussten eine gekürzte Handreichung veröffentlichen.</em></p>
<p><em>Ich sehe zwei Gründe, warum die Anerkennung des Völkermords an den Armenier:innen in Deutschland so lange gedauert hat. Das eine ist die Sorge der Relativierung der Shoah durch die Anerkennung eines weiteren Völkermords. Das war auch von Ernst Nolte im Historikerstreit so beabsichtigt. Er wollte die Shoah in der Tat relativieren, indem er Vorbilder benannte. Der zweite Punkt ist die Tatsache, dass die Türkei ein wichtiger Bündnispartner in der NATO ist. Die Türkei hatte auch einen immer größeren türkischen Bevölkerungsanteil in Deutschland, der auch eine große Wählergruppe bildet. </em></p>
<p><em>Ich bin seit 2001 an der Universität Bochum. Bei den jungen türkischstämmigen Studierenden ändert sich inzwischen etwas. Sie sind interessiert, gehen zunehmend kritisch mit der Geschichte in der Türkei um. Die Anerkennung im Deutschen Bundestag hat somit etwas bewirkt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es ist spekulativ, aber ich kann mir vorstellen, dass auch der <a href="https://www.youtube.com/watch?v=5XuABgQIVNs">Film „The Cut“ von Fatih Akin</a> (2014) eine Rolle für diese Entwicklung gespielt hat.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Auf jeden Fall.      </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Berlin erlebte ich bei einer Veranstaltung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur etwa auch um die Mitte der 2010er Jahre einmal, dass der Leiter einer türkischen Schule sagte, er habe in Deutschland gelernt, dass man sich mit einem Bekenntnis zu den Verbrechen der Vergangenheit und ihrer Aufarbeitung nicht beschmutze, sondern ehrlich mache. Diese Auffassung haben sicherlich nicht alle Eltern seiner Schüler:innen geteilt.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Sie kennen den </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Artikel_301_(t%C3%BCrkisches_Strafgesetzbuch)#Geschichte_und_Wortlaut"><em>Artikel 301 des türkischen Strafgesetzbuchs: „Beleidigung des Türkentums“</em></a><em>. Es gibt in türkischen Schulbüchern bis heute Aufforderungen an Schüler:innen, in Aufsätzen die Gräuel der armenischen Bevölkerung gegen Türken zu beschreiben. Man muss schon davon ausgehen, dass solche Geschichtsbilder in der türkischen Community eine Rolle spielen. Das ist ja auch nicht verwunderlich.</em></p>
<p><em>Aber es hat sich auch im Verhalten etwas verändert. Vor zehn Jahren gab es bei Vorträgen, die wir zum Thema hielten, noch organisierte Störer, die im Saal verteilt mit vorbereiteten Fragen eingriffen. Das gibt es nicht mehr.</em></p>
<h3><strong>Verschleppte Anerkennung am Beispiel Namibia </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Deutschland versuchen nach wie vor viele interessierte Menschen den deutschen Völkermord an den Ovoherero und Nama kleinzureden. Im aktuell vorliegenden Konzept des Beauftragten für Kultur und Medien kommt die Kolonialgeschichte nicht mehr vor. Sie soll in einem späteren Konzept gesondert thematisiert werden. Christiane Bürger und Sahra Rausch veröffentlichten 2025 im Augsburger MaroVerlag das von Tuaovisiua Betty Katuuo kongenial illustrierte MaroHeft. <a href="https://www.maroverlag.de/marohefte/279-der-prozess-9783875126297.html">„Der Prozess – Wie der deutsche Völkermord an den Herero und Nama nicht vor Gericht kam“</a>. Der Streit um Entschädigungen zwischen Deutschland und Namibia ist endlos. Das einzige Museum zum diesem Völkermord betreibt in Swakopmund (Namibia) Laidlaw Peringanda auf zwölf Quadratmetern. Joshua Beer berichtete am 15. Januar 2026 in der Süddeutschen Zeitung über die Konflikte um dieses Museum: <a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/gesellschaft/namibia-swakopmund-kolonialismus-genozid-museum-e824362/">„Das Genozidmuseum im deutschen Idyll von Afrika“</a>. Das ist die eine Seite, die andere bilden Versuche, jede Beschäftigung mit diesem Völkermord als Relativierung der Shoah oder gar als Antisemitismus zu brandmarken. In Swakopmund kommt auch gelegentlich jemand von der AfD vorbei und legt Blumen am Grab eines Verantwortlichen für den Völkermord nieder. In Deutschland gibt es wie in Frankreich oder in Großbritannien auch Positionen, in denen die Kolonialpolitik als Zivilisationsprojekt gelabelt wird.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>:<em> Leider hat die Zunft der Historiker:innen bis in die 1980er Jahre hinein genau dies propagiert. Der Kolonialismus habe Zivilisation und Technologie in die Welt getragen und dann gab es eben ein paar Kollateralschäden. Ich habe selbst viel zum Völkermord in Südwestafrika gearbeitet. Wenn man sich Lexika anschaut, die nach 1945 bis weit in die 1960er und 1970er Jahre hinein den Völkermord gar nicht erwähnten. Da hieß es dann, dass die Herero im Aufstand von 1904 ihre Stammesstruktur verloren hätten. Da ist die Schuld schon klar benannt: Dumm gelaufen, ließe sich sagen. Es ist erst sehr spät erforscht worden, dass dort eine systematische Ermordungsstrategie gefahren worden ist. </em></p>
<p><em>Ich denke, man muss die Akteure – es ist hier ein richtiges Maskulinum, denn es waren fast alles Männer – des Kolonialismus benennen und auch Straßennamen entehren. Es gibt natürlich auch Aktivist:innen, die keinen Kant mehr lesen wollen, weil bei ihm rassistische Textstellen zu finden sind. Dann wird es schwierig, denn wir müssten letztlich die gesamte Diskursgeschichte bis in die 1990er Jahre abschaffen oder überall Triggerwarnungen anbringen. Wenn von mir verlangt wird, bei einem Seminar zu genozidaler Gewalt eine Triggerwarnung anzubringen, dass es hier um Gewalt geht, geht mir das zu weit. Es gibt ein paar Leute, die das gerne so hätten. Von einer Kollegin in Paderborn weiß ich, dass es dort so üblich ist, aber ehrlich gesagt weiß ich doch bei einer Seminarankündigung zum Thema Genozid oder zum Lagersystem des Nationalsozialismus, dass es da um Gewalt geht. </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im März 2026, Internetzugriffe zuletzt am 25. Februar 2026, Titelbild: NoRei<em>.</em>)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Verkehrte Welten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 22 Mar 2026 10:16:30 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Verkehrte Welten Die Slavistin Sylvia Sasse über politische Kommunikation „Aneignung und Enteignung gehen Hand in Hand. So kann man sowohl die positiven Vorstellungen, die mit Widerstand und Opposition verbunden sind, als die eigenen ausgeben als auch dem Gegner beziehungsweise der Gegnerin genau das unterstellen, was man von sich selbst nicht preisgeben möchte.“ (Sylvia Sasse,  [...]</p>
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<h1><strong>Verkehrte Welten</strong></h1>
<h2><strong>Die Slavistin Sylvia Sasse über politische Kommunikation</strong></h2>
<p><em>„Aneignung und Enteignung gehen Hand in Hand. So kann man sowohl die positiven Vorstellungen, die mit Widerstand und Opposition verbunden sind, als die eigenen ausgeben als auch dem Gegner beziehungsweise der Gegnerin genau das unterstellen, was man von sich selbst nicht preisgeben möchte.“ </em>(Sylvia Sasse, in: Verkehrungen ins Gegenteil, Berlin, Matthes &amp; Seitz, 2023)</p>
<p>Die politischen Debatten unserer Zeit verstehen wir möglicherweise nur, wenn wir uns stets dessen bewusst sind, dass man dieselben Worte für einander diametral entgegenstehende Ziele einsetzen kann, für die Legitimierung einer liberalen Demokratie wie für die einer autoritären Diktatur. Einer der gängigen Begriffe, auf die soeben zitierte Bemerkung passt, ist der der <em>„Meinungsfreiheit“</em>, ein gängiges Verfahren die Täter-Opfer-Umkehr. Die Analyse der Strategien und Sprachspiele autoritärer Politiker, illiberaler Demokraten und ausgewiesener Diktatoren durchzieht die Forschungen der in Zürich lehrenden Slavistin und Literaturwissenschaftlerin <a href="https://www.slav.uzh.ch/de/seminar/mitarbeitende/litwiss/sylviasasse.html">Sylvia Sasse</a> wie ein roter Faden. Diese Analysen profitieren nicht nur von Philosophen wie Ludwig Wittgenstein oder John Searle, sondern auch von den in Deutschland weniger bekannten Konzeptualisten, mit denen sich Sylvia Sasse in ihrer literaturwissenschaftlichen Ausbildung intensiv befasste.</p>
<div id="attachment_7925" style="width: 222px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.junius-verlag.de/index.php?lang=0&amp;cl=search&amp;searchparam=Sylvia+Sasse+Michail+Bachtin+zur+Einf%C3%BChrung"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7925" class="wp-image-7925 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Michail-Bakhtin-Junius-Verlag-212x300.jpg" alt="" width="212" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Michail-Bakhtin-Junius-Verlag-200x283.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Michail-Bakhtin-Junius-Verlag-212x300.jpg 212w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Michail-Bakhtin-Junius-Verlag.jpg 300w" sizes="(max-width: 212px) 100vw, 212px" /></a><p id="caption-attachment-7925" class="wp-caption-text">Weitere Informationen über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Sylvia Sasse wurde im Jahr 1968 in Magdeburg geboren. Sie wurde im Jahr 1999 an der Universität Konstanz mit der Arbeit „Texte in Aktion – Sprech- und Sprachakte im Moskauer Konzeptualismus“ (München, Wilhelm Fink, 2003) promoviert, sechs Jahre später an der FU Berlin mit der Schrift „Gift im Ohr – Zur Philosophie des Beichtens und Gestehens in der russischen Literatur“ (München, Wilhelm Fink, 2009) habilitiert. Zu ihrer Ausbildung gehörten Stationen in St. Petersburg und Moskau, Belgrad, Dubrovnik, Prag und Jalta sowie an der Universität Berkeley. Nach einer Professur an der HU Berlin wechselte sie im August 2009 auf den Lehrstuhl für Slavistische Literaturwissenschaft an der Universität Zürich. Im Mittelpunkt ihrer Forschung stand insbesondere <a href="https://www.junius-verlag.de/Programm/Zur-Einfuehrung/Michail-Bachtin-zur-Einfuehrung.html">Michail Bachtin</a>, zu dessen Werk sie unter anderem eine Einführung veröffentlichte (Hamburg, Junius, 2018). In Aufsätzen und Interviews äußert sie sich regelmäßig zu aktuellen politischen Entwicklungen, beispielsweise zum russländischen Angriffskrieg gegen die Ukraine oder zum Auftreten von Donald Trump. Eine umfassende Analyse der Strategien autoritärer und totalitärer Politiker bietet sie in zwei Großessays, <a href="https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/verkehrung-ins-gegenteil.html">„Verkehrungen ins Gegenteil“</a> und <a href="https://www.diaphanes.net/titel/subversive-affirmation-5893">„Subversive Affirmation“</a> (Zürich, Diaphanes, 2024). Gemeinsam mit der Übersetzerin und Kulturvermittlerin <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/vom-ueberleben-der-belarusischen-kulturszene/">Iryna Herasimovich</a> gibt sie die Reihe <a href="https://www.33booksforanotherbelarus.ch/de">„33 Bücher für ein anderes Belarus“</a> heraus, sie war eine der Initiator:innen der Online-Zeitschrift „<a href="https://novinki.de/">Novinki“</a> und gibt gemeinsam mit mehreren Kolleg:innen die ebenfalls online erscheinende Zeitschrift <a href="https://geschichtedergegenwart.ch/">Geschichte der Gegenwart</a> heraus.</p>
<h3><strong>Literatur, Geschichte, Politik – untrennbare Geschwister</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie sind eine der Herausgeber:innen von zwei Online-Zeitschriften, Geschichte der Gegenwart und Novinki.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Das Projekt Novinki entstand vor etwa 20 Jahren aus einer Initiative der Slavistik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Wir wollten unsere Studierenden dazu bewegen, Texte zu verfassen, die nicht nur in der Schublade landen, sondern in denen sie ihre literaturwissenschaftlichen Kenntnisse für Gespräche, Reportagen, Rezensionen über Literatur aus Osteuropa nutzen können, die bisher nicht übersetzt wurde. Die Studierenden fanden die Idee toll und haben das Portal mitbegründet. Einige Gründer:innen sind später an andere Universitäten gewechselt und haben dort ebenfalls Redaktionen aufgemacht, zum Beispiel in Potsdam, in Zürich, in Wien, auch an der FU in Berlin. </em></p>
<p><em>Aber es ist weiterhin ein studentisches Projekt, immer verbunden mit Novinki-Seminaren an den jeweiligen Universitäten, manchmal auch gemeinsam von mehreren Hochschulen. Es läuft so gut, weil wir so viele sind. Ich bin selbst nicht mehr so sehr aktiv bei Novinki, das machen jetzt meine Assistierenden. </em><a href="https://www.slav.uzh.ch/de/seminar/mitarbeitende/litwiss/bickhardt.html"><em>Philine Bickhardt</em></a><em> bietet gerade ein Podcast-Seminar an, in dem sie Autorinnen aus Ost- und Südosteuropa, aus der Ukraine, aus Bosnien und aus Serbien vorstellen. Die Studierenden lernen so auch Texte zu verfassen, die für das Hören gedacht sind. Wir arbeiten dabei mit erfahrenden Journalist:innen zusammen, die uns im Hinblick auf die einzelnen Textformen beraten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie finanzieren Sie das Projekt?</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Überhaupt nicht. Wir machen es einfach aus dem laufenden Betrieb, weil es Seminare und Kurse im Rahmen des Studiums sind. Es gibt in den meisten Slavistiken Kurse für angewandte Slavistik, eine angewandte Literaturwissenschaft, die auch im Grunde für verschiedene wissenschaftliche oder journalistische Berufe vorbereitet. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und Geschichte der Gegenwart?</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Geschichte der Gegenwart haben wir 2016 gegründet, als Professor:innen aus den Geschichts- und Literaturwissenschaften. Es ging uns darum, mit unseren Fähigkeiten die Gegenwart zu lesen, zu analysieren und auch historisch einzuordnen. Wir wollten uns von den Formaten unabhängig machen, in denen wir in der Regel in den Medien auftauchen. Da haben wir vielleicht gerade einmal zwei oder drei Sätze und können die Überschriften ohnehin nicht bestimmen. Man ist immer die Stimme im Format eines anderen. </em></p>
<p><em>Unser Format kam sehr gut an. Wir haben Kolleg:innen angefragt, ob sie zu einem bestimmten Thema, zu dem sie gerade forschen, etwas in publizistischer Form schreiben wollten. Das war am Anfang gar nicht so einfach. Es ist schon eine Umstellung für Wissenschaftler:innen, einen Text auf vier Seiten mit etwa 12.000 Zeichen zu schreiben. Inzwischen haben wir jedoch sehr viele Einsendungen. Die Texte sind kurz und knapp und dennoch auf hohem wissenschaftlichem Niveau. Es ist ein Herzensprojekt. Wir publizieren jeden Sonntag. Wir machen das in unserer Freizeit und finanzieren eine Redakteurin über </em><a href="https://derkreativeflowblog.de/erfahrungsbericht-die-plattform-steady/"><em>Steady-Abos</em></a><em>. Die Redakteurin übernimmt die Korrespondenz mit den Autor:innen und das Proof-Reading. Wir lesen jeden Text mit dem Vier-Augen-Prinzip. Jeden Text lesen und kommentieren zwei Kolleg:innen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Müssen Sie auch Texte ablehnen?</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Sehr regelmäßig. Manchmal sind die Einsendungen viel zu lang oder ein Meinungsstück. Wir wollen Analysen. Inzwischen kann man einen GdG-Text vom Stil durchaus erkennen, ein klarer Gedanke auf vier Seiten, historisch und auch mit aktuellem Material belegt. Es geht uns nicht, um eine Popularisierung von Wissenschaft. Wir wollen mit dem Wissen aus der eigenen Forschung die Gegenwart lesen und einordnen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie verbinden Geschichte, Literatur, Künste, Filme, auch Pop-Kultur und Science Fiction. Meines Erachtens praktizieren Sie Geisteswissenschaften in ihrem besten Sinne.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>So sehe ich das auch. Es geht um Kontextualisierung, aber bei Novinki auch darum zu zeigen, welche Kontextualisierung die Künste selbst schon betreiben. Wir können als Wissenschaftler:innen von den Künsten lernen. Bei Geschichte der Gegenwart – das sagt schon der Titel – geht es darum, dass wir unsere Gegenwart nur verstehen können, wenn wir in die Geschichte hineinschauen. Das hat nicht nur damit zu tun, dass einige von uns Historiker:innen sind. In den Geisteswissenschaften arbeitet man nicht ohne historisches Wissen. Im besten Sinne des Wortes ein interdisziplinäres Projekt. </em></p>
<p><em>In den Redaktionssitzungen beraten wir gemeinsam, über welche Themen jetzt gerade geschrieben werden sollte. Diskurse verselbstständigen sich mitunter und existieren nur noch als Diskurs. Aber was sind die wirklich wichtigen Themen. Das wirkt sich auch auf das Binnenklima aus, weil wir als Wissenschaftler:innen in unseren Treffen eben nicht nur über administrative Dinge in der Universität diskutieren, sondern über die Rolle, die unsere Wissenschaft in der Gegenwart spielt.  </em></p>
<h3><strong>Die neue Belarusistik in Zürich</strong></h3>
<div id="attachment_7310" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://33booksforanotherbelarus.ch/de"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7310" class="wp-image-7310 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt-300x300.png" alt="" width="300" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt-66x66.png 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt-150x150.png 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt-200x200.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt-300x300.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt-400x400.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt.png 600w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-7310" class="wp-caption-text">Weitere Informationen über die Reihe der 33 Bücher für ein anderes Belarus erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Neben Studierenden und Wissenschaftler:innen arbeiten Sie mit einer dritten Gruppe zusammen, Intellektuelle, die aus autoritär oder totalitär regierten Ländern fliehen oder aus Ländern, die vom Krieg betroffen sind, und sich im Westen neu einrichten mussten. Eine Ihrer Mitarbeiterinnen ist Iryna Herasimovich, eine zentrale Figur der belarusischen Kulturszene im Ausland. Ich habe mich sehr gefreut, sie bereits <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/vom-ueberleben-der-belarusischen-kulturszene/">zwei Mal im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> in Interviews</a> vorstellen zu dürfen.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Iryna ist für uns ein Geschenk, mit all ihren Kompetenzen und ihrem Wissen über die belarusische Kulturszene. Wir sehen das als einen gegenseitigen Austausch, von dem wir beide profitieren. Iryna hat mit dafür gesorgt, dass wir jetzt in Zürich einen Hauch Belarusistik haben, die wir vorher nicht hatten. Sie arbeitet in einem meiner Forschungsprojekte über „Kunst und Desinformation“ und wir arbeiten gemeinsam an der Aktion </em><a href="https://www.33booksforanotherbelarus.ch/de"><em>„33 Bücher für ein anderes Belarus“</em></a><em>. Das ist eine Aktion, die die Publikation von Büchern in europäischen Verlagen ermöglicht, die in Belarus nicht mehr erscheinen konnten und können. Viele zwangsliquidierte Verlage hatten noch Bücher in ihrem Bestand, die schon übersetzt oder schon gesetzt waren, wir vermitteln diese Bücher an belarusische Exilverlage oder an hiesige Verlage. Iryna Herasimovich hatte die Idee, ich unterstütze sie bei der Realisierung. Inzwischen sind 13 Bücher in acht verschiedenen Ländern auf Belarusisch erschienen: Romane, Gedichtbände, Tagebücher, ein Kinderbuch. Wir haben das Glück, dass das </em><a href="https://www.goethe.de/prj/gex/de/index.html"><em>Goethe-Institut im Exil</em></a><em>, der </em><a href="https://www.gmfus.org/"><em>German Marshall Fund</em></a><em> oder die </em><a href="https://litar.ch/"><em>Litar-Stiftung</em></a><em> in Zürich uns ein wenig unter die Arme gegriffen haben. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Einrichtung einer eigenen Belarusistik kann man nicht hoch genug wertschätzen. Ähnliches gilt für die Ukrainistik. Ein großes Problem – das berichten mir auch Osteuropa-Historiker:innen – ist die Dominanz des Russischen.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Die Slavischen Seminare im deutschsprachigen Raum sind meist sehr klein. Eine Literaturwissenschaftlerin und ein Linguist müssen mehrere Sprachen oder Literaturen abdecken. Meist ist dies Ostslavistik plus eine andere Sprache beziehungsweise Literatur, zum Beispiel Polnisch oder Kroatisch. Ostslavistik beschränkte sich zumeist auf das Russische, und so war auch die Ausbildung oftmals nur Russisch plus&#8230; Dadurch entstand eine Slavistik, die vom Russischen dominiert war. Das betraf auch die Sprachausbildung, Belarusisch und Ukrainisch wurden kaum angeboten. Wer dann vielleicht eine wissenschaftliche Laufbahn anstrebte, sollte eine zweite Sprache lernen, aber diese dann aus der Süd- oder Westslavistik. So lernt man als zweite Sprache Polnisch oder Tschechisch, aber nie Belarusisch, auch nie Ukrainisch, weil man sonst nicht breit genug ausgebildet gewesen wäre und in der Ostslavistik Russisch geradezu gesetzt war. Das ändert sich zurzeit, aber auch nicht so schnell. Aber diejenigen, die aus der Ukraine und aus Belarus emigriert sind, sorgen jetzt dafür, dass neues Wissen in die Slavistik hineinkommt. Sie haben den Vorteil, dass sie alle zweisprachig sind. Es ist natürlich traurig, dass sich die Slavistik auf diesem Weg erweitern muss. Aber sie diversifiziert sich und es ist gut, dass die Slavistik breiter aufgestellt ist als sie das vor einigen Jahren noch war, dank der Kolleg:innen, die aus den beiden Ländern flüchten mussten.   </em></p>
<h3><strong>Wissenschaft und Pseudo-Wissenschaften</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Ungarn, in der Türkei, erst recht in Russland, jetzt auch in den USA werden Hochschulen unter Druck gesetzt. Andererseits waren Hochschulen nicht immer fortschrittlich gestimmt. Die Nazis konnten sich auf die Hochschulen verlassen, sie hatten schon vor 1933 große Mehrheiten unter den Studierenden. Manche Hochschulen arrangieren sich mit den jeweiligen Machthabern.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Ich bin Slavistin und beobachte das in Osteuropa seit Jahren. Ich denke aber nicht, dass wir von einem einheitlichen Bild sprechen können. Es war furchtbar, dass kurz nach dem Angriff Russlands am 24. Februar 2022 auf die Ukraine russische Universitäten einen Brief geschrieben haben, dass sie diesen Krieg – den sie natürlich nicht so bezeichneten – unterstützen. Das hat wiederum dazu geführt, dass wir unsere Verbindungen zu russischen Hochschulen sistiert haben. An diesem Beispiel kann man sehen, wie in schnellster Zeit Universitäten sich an die staatlichen Ideologien anpassen können. In den letzten Jahren haben auch viele Wissenschaftler:innen Russland verlassen. Dadurch wurden Stellen frei, auf die dann systemgerecht nachbesetzt werden konnte. Die repressive Politik ermöglichte neue Karrieren. In diesem Kontext muss man das sehen: Karrieremöglichkeiten entstehen durch Flucht und Repression! Publikationsmöglichkeiten verschwinden, die Zensur in Russland ist massiv. Selbst bei Publikationen von Exilverlagen, die noch in Russland drucken, hat man schon vor zwei Jahren gesagt, dass man unter solchen Bedingungen nicht mehr lange publizieren kann.</em></p>
<p><em>In Serbien sieht es anders aus. Hier sehen wir Protest seit dem Einsturz des Bahnhofsdaches in Novi Sad am 1. November 2024. Hier gingen und gehen Studierende, Dozent:innen, Professor:innen auf die Straße. Dabei standen nicht Universitätsangelegenheiten im Mittelpunkt, sondern die Korruption des politischen Systems. Das fand ich beeindruckend. Über ein halbes Jahr wurde gestreikt. Die Studierenden haben sich in eigenen demokratischen Gruppen organisiert. Wir konnten das sehr gut beobachten, weil wir in Zürich eine starke Südslavistik haben, in der es viel Zusammenarbeit mit serbischen Universitäten gibt. Es war auch in Serbien nicht so einfach, auf die Straße zu gehen. Das Regime von Vučić ist mit vielen Restriktionen und sehr gewaltsam gegen die Protestierenden vorgegangen.</em></p>
<p><em>Ich bin erstaunt, dass es in den USA so wenig Proteste gibt, obwohl dort die Einschränkungen im Wissenschaftsbetrieb massiv sind. Es gibt Einschränkungen auf allen Ebenen, bis in </em><a href="https://www.spiegel.de/kultur/donald-trump-diese-200-woerter-sollen-aus-us-regierungsdokumenten-verschwinden-a-7b7dc461-a924-4548-a083-b11c4843a651"><em>die Wortwahl</em></a> <em>hinein. Die Finanzierung einzelner Programme und Studiengänge wurde sistiert, ganze Fachbereiche der Universitäten drohte man einzustellen. Es gibt inzwischen an vielen Hochschulen Denunziation, selbst an so renommierten Hochschulen wie in Berkeley, indem Studierende und Professor:innen zum Beispiel als „antisemitisch“ angezeigt werden. Es gibt massive Eingriffe des Staates, aber mit für mich wenig sichtbaren Protesten.</em></p>
<p><em>In den letzten Jahren konnten wir schon sehr stark beobachten, wie in der rechtspopulistischen Ideologie mit „Verkehrungen ins Gegenteil“ gearbeitet wird, gerade auch im Hinblick auf Wissenschafts- und Meinungsfreiheit. Eines der ersten Statements in den USA war das „Restoring“ der Meinungsfreiheit nach der „Zensur“, die angeblich vorher stattgefunden hätte. Auf diesem Gedanken beruht die gesamte rechtspopulistische und rechtsextremistische Kommunikation. Das kann man in Russland beobachten, in Ungarn, in Polen, jetzt auch massiv in den USA. Das, was man selbst tut, die eigene Repression gegen Andersdenkende, wird als „Freiheit“ verkauft, während die Kritik der politischen Gegner an Populismus, Faschismus, Sexismus, Rassismus etc. als „Zensur“ betitelt wird.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dazu kommt, dass unter dem Label der <em>„Meinungsfreiheit“</em> wissenschaftlich unhaltbare Thesen verbreitet werden, nicht zuletzt im medizinischen Bereich unter einem Gesundheitsminister, der sich als ausgewiesener Impfgegner versteht und esoterische Heilmethoden propagiert. Oder Zuckerbergs Ankündigung, Beiträge nicht mehr löschen zu wollen, in denen die <em>„Unnatürlichkeit“</em> von Homosexualität verkündet werde.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Ja, das gehört auch in diese Kategorie. In den USA unterscheidet man auch „Free Speech“ und „Hate Speech“. Aber was was ist, das entscheidet dann Trump! Die eigene Meinung ist immer „Free Speech“, die Kritik des anderen „Hate Speech“. Auch der Einzug völlig pseudowissenschaftlicher Methoden hat Methode. Die Umstrukturierung der Wissenschaftslandschaft ist eines der ersten Projekte autokratischer Systeme. Inzwischen findet man in russischen Universitäten zum Beispiel ausgesprochene Quatsch-Wissenschaften. Mein Lieblingsbeispiel ist die „Destrukturologie“. Das ist eine angeblich forensische Linguistik, die an einer der Moskauer Universitäten gelehrt wird. Dort werden Gutachten erstellt, mit denen vor Gericht bewiesen werden soll, dass jemand eine „terroristische“ oder „extremistische“ „Ideologie“ vertritt. So werden auch Künstler:innen, die ein antiterroristisches feministisches Stück schreiben, von Gutachtern der „Destrukturologie“ analysiert, die dann zum Ergebnis kommen, dass diese Künstler:innen eigentlich „verkappte Terrorist:innen“ sind. Das Ziel ist, Feminismus als Terrorismus zu „desinterpretieren“. Die beiden Künstlerinnen </em><a href="https://www.deutschlandfunkkultur.de/russisches-gericht-verurteilt-theatermacherinnen-zu-sechs-jahren-haft-102.html"><em>Jewgenija Berkowich und Swetlana Petrijtschuk wurden zu sechs Jahren Straflager verurteilt</em></a><em>, unter anderem auf der Grundlage eines solchen pseudowissenschaftlichen Gutachtens.</em></p>
<h3><strong>„Opportunistische Synergien“</strong></h3>
<div id="attachment_7923" style="width: 176px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/verkehrung-ins-gegenteil.html?lid=2"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7923" class="wp-image-7923 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Verkehrungen-ins-Gegenteil-Matthes-Seitz-166x300.jpg" alt="" width="166" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Verkehrungen-ins-Gegenteil-Matthes-Seitz-166x300.jpg 166w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Verkehrungen-ins-Gegenteil-Matthes-Seitz-200x361.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Verkehrungen-ins-Gegenteil-Matthes-Seitz.jpg 277w" sizes="(max-width: 166px) 100vw, 166px" /></a><p id="caption-attachment-7923" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und es ist höchst gefährlich. Ich befürchte offen gestanden, dass sich die USA zu einer Theokratie entwickeln könnten, gerade aufgrund des hohen evangelikalen Einflusses auf die republikanische Partei. Dazu kommt inzwischen das evangelikale Bündnis mit einem sehr konservativen Verständnis von Katholizismus, für das beispielsweise der US-Vizepräsident und der Außenminister stehen. Man betrachtet sich als eine geschlossene Gruppe, die immer recht hat, also haben alle anderen unrecht. Vance und Rubio haben zuletzt versucht, Papst Leo XIV. zu erklären, dass sich Nächstenliebe nur auf das nähere Umfeld beziehe. Papst Leo widersprach, aber das hindert die beiden natürlich nicht, die ICE gegen alle einzusetzen, die ihrer Ansicht nach nicht in die USA hineingehören. Man muss sich auch nur die Bildungspolitik in Florida anschauen, wo zahlreiche Bücher durch das Engagement der „Moms for Liberty“ – da haben wir wieder die „Verkehrung in das Gegenteil“ aus Lehrplänen und Schulbibliotheken – verschwunden sind, allerdings mit dem Nebeneffekt, dass diese Bücher auf dem Markt sehr begehrt geworden sind. <em>   </em></p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Ja, mitunter klappt die Verkehrung ins Gegenteil nicht,</em> <em>weil natürlich auch die anderen nicht blöd sind und daraus einen PR-Gag machen konnten. Es sind allerdings inzwischen über 16.000 Titel, die in den unterschiedlichen Bundesstaaten verbannt worden sind. Interessant ist, dass es keine juristische, sondern eine politische Geste ist. Vor Gericht würde das nicht standhalten. Die Politik mischt sich seit Jahren massiv in die Bildungspolitik ein. Ungarn ist ein ganz guter Vergleichsfall, auch da wurden Bücher seit dem „Propaganda-Gesetz“ 2021, die zum Beispiel LGBTQ-Inhalte haben, in Plastikfolie eingeschweißt und durften nicht in der Nähe von Schulen oder Kirchen verkauft werden. </em></p>
<p><em>Es ist richtig, dass Sie es so deutlich benennen: Ohne diesen christlichen Fundamentalismus wären die Entwicklungen in den USA, aber auch die Macht von Putin in Russland so nicht möglich. Das Bündnis mit der russisch-orthodoxen Kirche hat Putin unglaublich viel Macht beschert. Ich bezeichne das in Anlehnung an die polnischen Sozial- und Geisteswissenschaftler:innen, </em><a href="https://geschichtedergegenwart.ch/autorin/agnieszkagraff/"><em>Agnieszka Graff</em></a> <a href="https://www.uni-goettingen.de/de/577872.html"><em>und </em><em>Elżbieta Korolczuk</em></a>,<em> als „opportunistische Synergie“. Religion und Politik spannen zusammen, um sich gegenseitig mehr Macht zu bescheren. Das ist auch in den USA zu beobachten, hinzukommen oft noch Firmen oder fundamentalistische Organisationen wie zum Beispiel Pro Life. In Russland zum Beispiel wurde 2022 der Krieg mit einer Plakatserie gegen Abtreibung beworben: „Beschütze mich heute, und ich werde dich morgen beschützen.“ Visualisiert wurde der Slogan auf der einen Seite mit dem Bauch einer Schwangeren und einem Ultraschallbild eines Fötus, auf der anderen Seite mit einem Soldaten mit Georgsband, über beide Bilder wird mittig das Z-Symbol gelegt. Die „eigenen Leute” zu schützen soll gelesen werden als: Den Fötus vor Abtreibung zu schützen lässt sich vergleichen mit einem Soldaten, der Russland vor Feinden verteidigt. Tatsächlich bedeutet es: Wenn du heute auf Abort verzichtest, kann dein Kind morgen an die Front gehen. Der christliche Fundamentalismus – in seinen unterschiedlichen Spielarten, katholisch, evangelikal, russisch-orthodox – geht mit den rechtspopulistischen Regierungen eine Allianz ein. Das wir meines Erachtens viel zu wenig diskutiert und von den Kirchen selbst zu wenig kritisiert.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Interessant ist, dass diese Bewegungen Genderthemen immer wieder als eine Art Einstiegsdroge nutzen. Robert Fico hat dieses Thema in der Slowakei genutzt, um für eine Verfassungsänderung die Opposition zu spalten und deren christlichen Teil für sich zu gewinnen. Ihre Kieler Kollegin Martina Winkler hat dieses <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/drehbuch-zur-demontage-der-demokratie/">„Drehbuch zur Demontage der Demokratie“</a> im Demokratischen Salon beschrieben. Der Kampf gegen Feminismus und Genderthemen wird erfolgreich als <em>„Verteidigung der Familienwerte“</em> verkauft. Auch das ist eine klassische Täter-Opfer-Umkehr.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Es ist die Einstiegsdroge, weil es eine Hysterie an der falschen Stelle erzeugt, es lenkt die Aufmerksamkeit von der eigentlichen Bedrohung ab. Putin hat kein Problem, im Krieg Tausende von Menschen töten zu lassen, gleichzeitig wird Abtreibung als unpatriotisch markiert mit dem Ergebnis, dass viele private Kliniken Abtreibungen nicht mehr durchführen. Trump hat kein Problem, Kriege zu beginnen, bei denen eine Mädchenschule im Iran als „Kollateralschaden“ geduldet wird, Frauen im eigenen Land nach dem Kippen von </em><a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/517442/50-jahre-roe-vs-wade-urteil-zum-us-abtreibungsrecht/"><em>„Roe vs. Wade“</em></a><em> 2022 in einigen US-Bundesstaaten sogar bei medizinischer Indikation von Abtreibungen die lebensnotwendige Hilfe verweigert. Dann stellt sich die Frage: Wo ist die Aufmerksamkeit größer? Welche Ereignisse werden zu Nachrichten, welche zu Medienkampagnen? Aufgesprungen sind die Medien auf angebliche permanente Cancel Culture und angebliche Bedrohung der Gesellschaft durch „Wokism“. Ich kann mich auf keine vergleichbare Aufmerksamkeit für den tatsächlich stattfindenden Bücherbann von rechts erinnern. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich fand die Analysen von Adrian Daub zu diesem Thema sehr hilfreich. Schon der Titel seines Buches ist deutlich: <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/adrian-daub-cancel-culture-transfer-t-9783518127940">„Cancel Culture Transfer – Wie eine moralische Panik die Welt erfasst“</a> (Berlin, edition suhrkamp, 2022). Liberale und Linke haben sich von dieser Panik überwältigen lassen und Rechtspopulisten all die Argumente geliefert, die diese brauchen, um ihre Art und Weise des Canceling – das sie natürlich nicht so nennen – im wahrsten Sinne des Wortes zu popularisieren.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Liberale Zeitungen, Boulevard-Presse etc. haben einfach mitgemacht, weil das Thema, wenn man es als Gefahr verkauft, Klicks generiert. Die Medien haben ihre Mitverantwortung am Aufbauschen von Cancel Culture und Wokeism, ein Thema, das eigentlich völlig vernachlässigbar wäre, nie kritisch reflektiert. Sie haben es geschafft, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit umzulenken und von den eigentlichen Problemen abzulenken. Nun versucht man, sich aus der Verantwortung heraus zu stehlen, indem die Verantwortung für die Verbreitung rechter Narrative nun auch noch der Linken zuschiebt: </em><a href="https://www.zeit.de/2025/37/politische-extreme-polarisierung-linke-afd-protest/komplettansicht"><em>„Welchen Anteil hat die politische Linke am Aufstieg der Rechten?“</em></a><em> hieß es am 28. August 2025 in Die ZEIT. Oder als Reaktion auf diesen Titel beim SWR eine Diskussion unter dem Titel: </em><a href="https://www.swr.de/kultur/gesellschaft/woke-und-weltfremd-ist-die-linke-schuld-am-rechtsruck-forum-2025-09-17-100.html"><em>„Woke und weltfremd – Ist die Linke schuld am Rechtsruck?“</em></a><em> und im Teaser: „Ist gesellschaftliche Spaltung der Preis für emanzipatorische Politik?“ Und dann im Schweizer Tagesanzeiger ein paar Wochen später: </em><a href="https://www.tagesanzeiger.ch/charlie-kirk-so-gefaehrlich-ist-die-radikale-linke-in-den-usa-152488322423"><em>„Ist die radikale Linke wirklich verantwortlich für den Anstieg der Gewalt in den USA?“</em></a><em>, die Frage wurde verbunden mit der Schuld am Mord an Charlie Kirk. Das ist eine permanente Ignoranz der eigenen medialen Rolle im Diskurs. Vielleicht hilft ein Blick nach Russland: Auch dort gibt es Kampagnen gegen Cancel Culture und Wokeism – als Merkmal des untergehenden und verkommenen Westens. Dies, ohne dass es in Russland jemals ein „Übermaß“ an Feminismus oder Gendertheorien gegeben hätte. Man kann also sogar die Gefahr von Cancel herausbeschwören, wenn in der eigenen Gesellschaft quasi jede andere Meinung verboten ist, es keine freien Medien gibt etc. Das ist eine perfekte Verkehrung ins Gegenteil.</em></p>
<h3><strong>Die Allianz von Kitsch und Macht</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Jonas Rosenbrück hat in seinem Essay <a href="https://www.merkur-zeitschrift.de/artikel/donald-trumps-maennerfantasien-a-mr-79-10-5/">„Donald Trumps Männerfantasien“</a> in der Oktoberausgabe 2025 des Merkur den US-Präsidenten als eine <em>„inkognito campy Drag Queen“</em> analysiert, die in der Inszenierung all die Gegensätze vereint, die er ablehnt: <em>„Wer Donald Trumps Verhältnis zum dichten Knotenpunkt ‚Geschlecht‘ verstehen will, muss genau dieses Paradox zu denken versuchen: Trumps Hypermaskulinität – seine gewalttätige, misogyne, sadistische, konventionell-patriarchale Männlichkeit – ist die intime Kehrseite seines permanenten Flirts mit der eigenen Feminisierung, Homoerotisierung und entmannenden Regression. Das Übertriebene und Extreme dieser Hypermaskulinität ist Kern und Ergebnis ihrer Kompensationsfunktion: Hier wird ein fundamentaler Mangel hysterisch überspielt.“</em></p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Eine klassische „Verkehrung ins Gegenteil“. Man könnte es mit Freud auch auf eine klassische „Hassprojektion“ zurückführen. Das, was ich in mir selbst nicht verdränge beziehungsweise nicht akzeptiere oder das, was die Gesellschaft in mir nicht akzeptieren würde, projiziere ich in die Gesellschaft als Hassobjekt hinein. Aber Drag Queens, das ist der Unterschied, benutzen die weiblichen Klischees, in die sie sich kleiden, als subversives Stilmittel. Ich würde das eine subversive Affirmation nennen, darüber habe ich ein Buch geschrieben. Trump findet den Kitsch, mit dem er sich umgibt, die Maga-Ästhetik, doch toll. Das ist keine Subversion, sondern totale Affirmation. All die goldenen Säulen, goldene Fahrstühle, riesige Prachtbauten, der Ballsaal im Weißen Haus und nun auch noch der Trumpfbogen in Washington, das ist ästhetischer Größenwahn, eine Form der Kompensation. Vladimir Nabokov hatte dafür </em><a href="https://www.rowohlt.de/buch/vladimir-nabokov-nikolai-gogol-9783498046545"><em>in seinem Buch über Gogol</em></a><em> einen Begriff verwendet, der sich nur sehr schwer aus dem Russischen ins Deutsche übersetzen lässt: „poshlost“, so etwas wie „veredelte Gewöhnlichkeit“. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Allianz von Kitsch und Macht. Passt auch auf Putin.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>:<em> Nabokov sah die Pošlost’ seiner Zeit in den beiden totalitären Systemen, in der stalinistischen Sowjetunion und im deutschen Faschismus ungehemmt zutage treten. Poshlost’ basierte damals auf einer doppelten Täuschung. Der goldige Glanz verdeckte den Terror, er legte eine goldige und gepflegte Schicht über das, was nicht gezeigt werden sollte. Die goldige Oberfläche täuschte mit ihrem Bling Bling und ihrer pseudohaften Moral aber nicht nur über den Terror hinweg, sondern täuschte auch vor, dass das Goldige der ästhetische Wunsch des Volkes sei. Heute ist Poshlost‘ als Stil, der Oligarchie-Kapitalismus und Autokratie verbindet, zurückgekehrt. Putin, Trump, Orbán und Erdoğan ähneln sich in ihrer Vorliebe für obszönen Prunk.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie sakralisieren es auch noch.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Sie sakralisieren sich auch selber. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das Genderthema, das Eintreten gegen Abtreibungen, gegen die Cancel Culture, wären sozusagen im marxistischen Sinne der Überbau, mit dem sie ihre Machtfantasien populär und akzeptabel machen. Ebenso ihr Männlichkeitsbild, das beispielsweise Hegseth zuletzt vor den versammelten Generälen malte, im Grunde alle frisch aus dem Body-Building-Studio, alle mit Sixpack und dicken Muskeln, alles Pose.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Der gesamte MAGA-Stil, die künstliche Männlichkeit und die künstliche Weiblichkeit, verdeckt nichts mehr, er ist Ausdruck ihrer Ideologie, drunter ist nichts. Nabokov war noch der Meinung in den 1930er Jahren, dass Pošlost’ dann besonders wirksam und bösartig sei, wenn das Falsche und Künstliche nicht gleich in die Augen springt. Trump hingegen trägt die Pošlost’ offen zur Schau, sie zeigt damit seine kapitalistisch autokratische Kompetenz.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die beste Karikatur dieses Stils sind einige Folgen der US-amerikanischen Serie „South Park“. Unter anderen taucht da Kristi Noem auf, die einerseits ständig Hunde erschießt, andererseits aber ebenso ständig ihr aufgespritztes Gesicht verliert, sodass eine ganze Gruppe von Kosmetiker:innen und Ärzt:innen ihr eine neue Botox-Dosis verpassen muss.</p>
<div id="attachment_7924" style="width: 198px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.diaphanes.net/projekt/suche"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7924" class="wp-image-7924 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Subversive-Affirmation-Diaphanes-188x300.jpg" alt="" width="188" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Subversive-Affirmation-Diaphanes-188x300.jpg 188w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Subversive-Affirmation-Diaphanes-200x320.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Subversive-Affirmation-Diaphanes-400x640.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Subversive-Affirmation-Diaphanes-600x959.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Subversive-Affirmation-Diaphanes-640x1024.jpg 640w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Subversive-Affirmation-Diaphanes-768x1228.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Subversive-Affirmation-Diaphanes-800x1279.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Subversive-Affirmation-Diaphanes.jpg 938w" sizes="(max-width: 188px) 100vw, 188px" /></a><p id="caption-attachment-7924" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch und die Autorin erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Interessant ist aus meiner Sicht, </em><a href="https://www.augsburger-allgemeine.de/politik/so-stellt-sich-demokrat-gavin-newsom-gegen-donald-trump-112574681"><em>wie der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom damit umgeht</em></a><em>, indem er etwas macht, das ich in „Subversive Affirmation“ beschrieben habe. Er kopiert AI-Bilder, die Trump von sich selbst macht. Newsom als King, Newsom mit Supermankörper und amerikanischer Flagge, Newsom im Dschungel halb nackt mit US-Flaggenunterhose über Melania im weißen Kleid, Newsom mit Engel Hulk Hogan, Kid Rock und Tucker Carlson, die ihre Hände auf seine Schultern legen und ihn segnen&#8230;. Und Newsom sieht ja auch noch richtig gut aus&#8230;. Newsom verwendet die Maga-Ästhetik, macht sie lächerlich und ruiniert sein Anliegen, besonders gut und männlich auszusehen, weil er, als Newsom, natürlich viel besser aussieht. Ich finde es bemerkenswert, dass Newsom dieses Verfahren, das Künstler:innen und Aktivist:innen seit den 1960er Jahren verwenden, nun in den politischen Diskurs einführt. Ich bin gespannt, wie sich das weiterentwickelt.     </em></p>
<h3><strong>Die Welt verkehrtherum erzählt</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ihre beiden Bücher „Verkehrungen ins Gegenteil“ und „Subversive Affirmation“ sind wissenschaftlich fundiert, aber zugleich politische Statements. Sie bieten Details und konkrete Beispiele, präsentieren diese aber immer so, dass Ihre Leser:innen die Strukturen erkennen.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Beide Bücher</em> <em>hängen eng miteinander zusammen, eigentlich sollten die Verkehrungen das letzte Kapitel im Buch über „Subversive Affirmation“ werden, aber dann habe ich zwei Bücher draus gemacht, um den Unterschied zu markieren. In „Subversive Affirmation“ beschäftige ich mit künstlerischen Strategien, die durch Affirmation oder Imitation dasjenige, was sie wiederholen, kritisieren wollen. In dem anderen Buch, den Verkehrungen, geht es mir darum, zu zeigen, dass diese Imitation auch gänzlich unkritisch, mit täuschender Absicht, als Masterplot von Desinformation erfolgen kann. Ich habe diese beiden Bücher in Form eines wissenschaftlichen Essays geschrieben. Die Verkehrungen habe ich anlässlich des russischen Angriffskriegs geschrieben, aber es ging mir darum zu zeigen, dass wir es mit einem globalen Verfahren zu haben. Ich halte die „Verkehrungen ins Gegenteil“ für das zurzeit typische Verfahren, mit dem populistische Politiker:innen und Autokraten versuchen, uns die Welt zu erzählen. Und zwar umgekehrt zu erzählen. </em></p>
<p><em>Diese „Verkehrungen ins Gegenteil“ funktionieren immer nach dem gleichen Muster: Ich projiziere auf meinen politischen Gegner, was ich selber tue, und eigne mir gleichzeitig dessen Vokabular an, mit dem ich dann meine eigenen Handlungen beschreibe. Dabei entsteht ein performativer Widerspruch, in dem mein eigenes Tun nicht mit dem übereinstimmt, was ich sage. Wenn sich aber Menschen nur auf die Aussagen von Politikern konzentrieren, auf die Ebene der Erzählungen, dann bekommen sie nicht das ganze Bild und identifizieren sich mit den Aussagen, obwohl die gleichen Politiker genau das Gegenteil tun. Wenn zum Beispiel Trump sagt, er stelle die Meinungsfreiheit wieder her, sagen viele: „Super!“ Sehen aber nicht, dass er gerade die Zensur anzieht. Oder wenn Vance in Europa warnt, dort wäre die Meinungsfreiheit in Gefahr, sagen viele: „Ja, darauf müssen wir wirklich achten!“ Sie fragen nicht, was derjenige tut, der diese Aussage macht.</em></p>
<p><em>Im Namen von Meinungsfreiheit zu sprechen, heißt aber nicht, auch Meinungsfreiheit zuzulassen. Auch Putin ist in seinen öffentlichen Aussagen für Meinungsfreiheit, die er, wie Vance, nicht bei sich, sondern in Europa gefährdet sieht. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie zitieren häufig George Orwell und seine Beschreibung der Phänomene „Doublethink“ und „Newspeak“. Interessant ist auch, dass die Gesellschaft, die Orwell in „1984“ beschreibt, in Ost und West ganz unterschiedlich zugeordnet wurde. Im Westen war es der Kommunismus sowjetischer Prägung, im Osten war es der angloamerikanische Kapitalismus. Es fällt vielen Leser:innen wohl schwer zu verstehen, dass Orwell eine Struktur beschrieb, die ganz unabhängig von den Inhalten der jeweiligen Ideologien funktioniert.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>:<em> Die heutige russische Auslandspropaganda ist geradezu besessen von Orwell. Da wird erzählt, es gäbe in Deutschland ein Wahrheitsministerium mit grünen Politiker:innen. Robert Habeck verkörperte in gewissem Maße das „Wahrheitsministerium“ schlechthin. Diejenigen, die sich russlandkritisch äußern, werden im Vokabular von Orwell beschrieben.</em> <em>Das sehen Sie aber zurzeit auch in den USA. Fox News bezeichnet alles, was von Biden oder den Demokraten kam, mit den Begriffen von Orwell. Orwell ging es um die Funktionsweise autokratischer Systeme, aber auch konkret um eine Kritik der Sowjetdiktatur. </em></p>
<p><em>Aber auch die Verkehrung, die Orwell beschreibt, wird in der aktuellen russischen Propaganda umgekehrt. Maria Sacharowa, die Sprecherin des Außenministeriums, wurde auf einer journalistischen Konferenz in Jekaterinenburg gefragt – ich paraphrasiere – es gebe Leute in Europa, die sagen, bei euch in Russland ist ja wieder „1984“ ausgebrochen. Sie antwortete, ja, das wäre natürlich eine große globale Lüge, denn Orwell habe nie Russland beziehungsweise die Sowjetunion beschrieben, sondern den westlichen Liberalismus. Es ist die Strategie der russischen Propaganda, Demokratien immer mit den Merkmalen von Autokratien oder totalitären Systemen zu beschreiben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eben dies hat der US-amerikanische Vizepräsident in seiner Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz getan.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Ja, das ist eine globale Strategie von denjenigen, die selbst Autokraten sein wollen oder es schon sind. Das finden wir auch in der Schweiz, die Schweizer SVP beschreibt die EU immer als Diktatur, und Orbán oder Vučić betrachten Vertreter aus derselben Partei als Pfeiler der Souveränität, Kritik an Zensur und Korruption kommt keine.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die wahre Diktatur will dann die Antifa errichten, was auch immer das für eine Organisation sein soll.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Oder die internationale feministische Bewegung&#8230; In Russland wurde diese sogar als terroristische Organisation eingestuft. Das ist überhaupt das Prinzip. In Russland werden Kritiker:innen des Systems wahlweise als „ausländische Agenten“, „Extremisten“ oder „Terroristen“ markiert. Die beiden Künstlerinnen, die für sechs Jahre ins Gefängnis gesteckt wurden, weil sie ein anti-terroristisches Stück geschrieben hatten, stehen auf der „Terrorliste“, während auf der anderen Seite die Taliban im letzten Jahr in Russland von der „Terrorliste“ genommen wurden. Eine weitere Beschuldigung ist: „Faschisten“. Das hat auch schon Stalin gemacht, seine politischen Gegner im Inland hat er ebenfalls als Faschisten bezeichnet. Nikolaj Bucharin, der 1937 in den Schauprozessen unter Stalin zum Tode verurteilt worden ist, wurde nicht nur als „Volksverräter“, sondern auch als „Faschist“ bezeichnet. Besonders beliebt war der Vorwurf gegenüber ukrainischen und belarusischen Oppositionellen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: <em>„Faschismus“</em> ist so etwas wie der ultimative Vorwurf, der sich allein daraus legitimiert, dass man ja schon im <em>„Großen Vaterländischen Krieg“</em> gegen die <em>„Faschisten“</em> gekämpft hat. Und da man heute in der Ukraine gegen den – so heißt es ja immer wieder – <em>„kollektiven Westen“</em> kämpft, können das alles natürlich nur <em>„Faschisten“</em> sein. In den Prozessen der 1930er Jahre haben die Angeklagten auch noch alle gestanden, dass sie <em>„Faschisten“</em> wären. Wie dies psychologisch funktioniert, ist nur sehr schwer erklärbar, zeigt aber, dass selbst die Gegner der offiziellen Politik offenbar einsehen, dass ihre Ankläger recht haben.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Die Geständnisse während der Schauprozesse wurden erzwungen, aber gerade Bucharin hat in seinem Schlusswort verdeutlicht, dass er einfach alles gesteht, was man verlange. Damit hat er das Verfahren auch gleich lächerlich gemacht. Im Faschismuvorwurf zeigt sich meines Erachtens auch ein Unterschied zwischen dem Trump- und dem Putinregime. Denn während das Putinregime konsequent die Verkehrung ins Gegenteil anwendet, indem sie ihren imperialen Krieg als Bekämpfung des Faschismus (auch des Faschismus in Europa) uminterpretiert, und sich selbst als antifaschistisch inszeniert, hat Trump, der schon lange Zeit vom Far Left Fascism redete, nun damit begonnen, den Antifaschismus zu kriminalisieren. Aufbauend auf der Antifa-Verordnung, die bereits ein breites Spektrum politischer Äußerungen ins Visier nimmt, weist die NSPM-7, das NATIONAL SECURITY PRESIDENTIAL MEMORANDUM-7, die Bundesbehörden an, Ermittlungen gegen eine Reihe von Identitäten und Ideologien zu priorisieren, die sie unter den Begriff „selbsternannter Antifaschismus“ „the umbrella of self-described ‘anti-fascism’” subsumiert. Dazu gehören „Antiamerikanismus, Antikapitalismus und Antichristentum, die Unterstützung des Sturzes der Regierung der Vereinigten Staaten, Extremismus in Bezug auf Migration, Rasse und Geschlecht sowie Feindseligkeit gegenüber Menschen, die traditionelle amerikanische Ansichten zu Familie, Religion und Moral vertreten“.</em></p>
<p><em>Selbst hat Trump kein Problem damit, als Faschist bezeichnet zu werden, weil er dies nur als linken Hate Speech wertet, wie vor einiger Zeit im Oval Office im Gespräch mit dem neuen Bürgermeister Zohran Mamdani vorgeführt.   </em></p>
<p><em>Das Ziel dieser Umkehrungen ist, die Verwendung des Begriffs „Faschismus“ unbrauchbar zu machen, die Bedeutung zu entleeren, umzukehren oder als Hate Speech aufzuladen und als Instrument des Terrors einzusetzen. Denn in den besetzten Gebieten der Ukraine, ich habe das in meinem Buch beschrieben, wird der Faschismusvorwurf als doppelte Demütigung verwendet, nicht nur, weil es sich bei der Aussage um eine Lüge handelt, sondern weil diese Aussage als Sprechakt einer permanenten Terrorisierung verwendet wird, als reines Machtinstrument: Terror, Vergewaltigung, Folter wird durch den Faschismusvorwurf gerechtfertigt. Für die Russ:innen hingegen soll der Sprechakt als Rechtfertigung für Krieg und Gewalt dienen, als emotionale Entlastung, die dem Widerstand gegen das eigene, mit faschistischen Argumenten operierende Regime vorbeugt.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im März 2026, Internetzugriffe zuletzt am 17. März 2026, Titelbild: Firouzeh Görgen-Ossouli, aus der Serie The Space I&#8217;m In.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Eine Reise in die Dunkelheit der Zeit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 17 Feb 2026 07:29:01 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Eine Reise in die Dunkelheit der Zeit Die Landschaften der ukrainischen Fotografin Yana Kononova „Mitunter halte ich inne, verlangsame mich, um das zu Ende zu schreiben, was ich auf dem Papier begonnen habe.“ (Yana Kononova) Die ukrainische Fotografin Yana Kononova realisiert in ihrer Arbeit eine systematische Verlangsamung, denn nur so ließe sich wahrnehmen, was  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-6 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-5 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-6" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Eine Reise in die Dunkelheit der Zeit</strong></h1>
<h2><strong>Die Landschaften der ukrainischen Fotografin Yana Kononova </strong></h2>
<p><em>„Mitunter halte ich inne, verlangsame mich, um das zu Ende zu schreiben, was ich auf dem Papier begonnen habe.“ </em>(Yana Kononova)</p>
<p>Die ukrainische Fotografin Yana Kononova realisiert in ihrer Arbeit eine systematische Verlangsamung, denn nur so ließe sich wahrnehmen, was sich in der endlosen Gleichförmigkeit nomadischer Bewegung gewöhnlich verbirgt. Die Brutalität des Krieges übersetzt sich in Fotografie, in Kunst, wird erfahrbar über eine Reise ins Unfassbare, ins Unsagbare, jenseits der Schwellen unserer Wahrnehmung. Medium der Kunst ist und bleibt der eigene Körper.</p>
<h3><strong>Interpretation und Erfahrung</strong></h3>
<div id="attachment_7841" style="width: 235px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7841" class="wp-image-7841 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Foto-privat-225x300.png" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Foto-privat-200x267.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Foto-privat-225x300.png 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Foto-privat-400x533.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Foto-privat-600x800.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Foto-privat-768x1024.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Foto-privat-800x1067.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Foto-privat.png 1044w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /><p id="caption-attachment-7841" class="wp-caption-text">Yana Kononova. Foto: privat.</p></div>
<p>In seinem Essay „<a href="https://www.sfkb.at/books/was-ist-ein-dispositiv/">Was ist ein Dispositiv?</a>“ formuliert der italienische Philosoph Giorgio Agamben ein methodologisches Prinzip, dem er in seiner Forschung zu folgen sucht. In groben Zügen lautet dieses Prinzip: Innerhalb des Textes (des Kontexts, des Ereignisses oder des Topos), der Gegenstand der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit ist, gilt es zunächst ein bestimmtes <em>„philosophisches Element“</em> zu identifizieren (in <a href="https://books.google.de/books?id=04lFAQAAMAAJ&amp;printsec=frontcover&amp;hl=de#v=onepage&amp;q&amp;f=false">Ludwig Feuerbachs</a> Sinne: ein entwicklungsfähiges Moment, das Weiterdenken ermöglicht), also einen wesentlichen konstitutiven Bestandteil, um innerhalb seiner Grenzen sein Entwicklungspotenzial und seine Empfänglichkeit für Weiterführungen zu erkennen.</p>
<p>Schreitet man in Interpretation und Entfaltung eines Autorentextes voran, nähert man sich allmählich einem Punkt, an dem die unternommene hermeneutische Anstrengung nicht nur die Prinzipien der Hermeneutik selbst unterläuft, sondern zugleich an die <em>„unvermeidlichen äußersten Grenzen“</em> führt, an sich verengende, zuschnürende Grenzlinien, an denen es nicht mehr möglich ist, zwischen Autor und Interpret zu unterscheiden. An diesem Punkt gerät man in eine Zwickmühle. In diesem Moment zerfällt die Illusion, und es stellt sich eine nüchterne Einsicht ein, die Einsicht in die Vergeblichkeit, diese Kontinuität aufrechtzuerhalten und damit die eigene Denkfreiheit einzuschränken. Man ist schließlich dazu bestimmt, den Text in Ruhe zu lassen – und den eigenen Weg fortzusetzen.</p>
<p>Doch was geschieht, wenn wir es mit einem Gegenstand künstlerischen Ausdrucks zu tun haben, der nicht nur durch <em>„Dinge“</em> spricht – durch ihre entfremdete, verstümmelte Form –, sondern der zugleich in der Lage ist, sich selbst als ein <em>„Subjekt der Sprache“</em> zu erkennen und zu artikulieren – im Sinne <a href="https://web.vu.lt/flf/n.kersyte/files/2023/02/Benveniste-Emile_Subjectivity-in-Language.pdf">Émile Benvenistes</a>? Dieses <em>„Subjekt der Sprache“</em> ist keineswegs bloß eine persönliche Marotte, sondern Ausdruck einer fest etablierten Tendenz der Kunst, zunehmend selbstreflexiv zu werden und auf sich selbst zu verweisen, um auf diese Weise ihre eigene <em>„Kontinuität“</em> in der Zeit zu sichern, sich an unterschiedlichen Punkten von Zeit und Raum, in Vergangenheit und Gegenwart, zu identifizieren.</p>
<p>Solche Äußerungen haben die Gestalt sorgfältig ausgearbeiteter Texte, <em>„arbeitender“</em> Hypothesen oder ausführlicher Kommentare angenommen, sowohl praktischer als auch theoretischer Art, in denen sich bereits ein Wissen um die eigenen Systeme und Positionen herausgebildet hat. Dies hat es nicht nur ermöglicht, nach Vervollkommnung der ästhetischen Praxis zu streben, sondern sich der Welt zugleich mit einer <em>„wahren“</em> Identität zu präsentieren. So oder so finden wir uns bereits eingeschlossen in ihrem engen theoretischen <em>„Ghetto“</em> und sind gezwungen, an den <em>„Grenzen“</em> der künstlerischen Selbstreferenz zu theoretisieren, in einem unablässigen Dialog zu verharren, um diese Grenzen weiter zu verschieben, zu prüfen und aus dieser in sich geschlossenen <em>„Geografie des Peripheren“ </em>ihre Mehrdimensionalität und ihre bislang nicht unterscheidbare Bedeutung herauszuarbeiten.</p>
<p>Einen solchen Dialog mit der fotografischen Künstlerin und Forscherin Yana Kononova aufzubauen – dies ist vielleicht die Aufgabe, die auf den folgenden Seiten vor uns liegt.</p>
<h3><strong>Was bleibt vom Krieg?</strong></h3>
<div id="attachment_7842" style="width: 270px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7842" class="wp-image-7842 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Photo-by-Odesa-regional-emergency-service-260x300.png" alt="" width="260" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Photo-by-Odesa-regional-emergency-service-200x231.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Photo-by-Odesa-regional-emergency-service-260x300.png 260w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Photo-by-Odesa-regional-emergency-service-400x462.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Photo-by-Odesa-regional-emergency-service-600x693.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Photo-by-Odesa-regional-emergency-service-768x887.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Photo-by-Odesa-regional-emergency-service-800x924.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Photo-by-Odesa-regional-emergency-service-886x1024.png 886w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Photo-by-Odesa-regional-emergency-service.png 1080w" sizes="(max-width: 260px) 100vw, 260px" /><p id="caption-attachment-7842" class="wp-caption-text">Foto: Regionaldienststelle des Staatlichen Dienstes der Ukraine für Notfallsituationen in Odesa.</p></div>
<p>Im Jahr 2022 verbreiteten ukrainische Medien weithin ein Foto eines zehnjährigen Jungen, der bei einem Raketenangriff auf Odesa ums Leben gekommen war – ein Junge, der der Weltöffentlichkeit in einer Aufnahme des regionalen Katastrophendienstes von Odesa erschien. Sein Schicksal grenzte an das Unvorstellbare: In embryonaler Haltung lag er erstarrt da, nahezu ununterscheidbar zwischen den <em>„Überresten“</em> aus Beton, Staub und Armierungseisen, das Gesicht teilweise von den Händen bedeckt, der linke Fuß angespannt, als halte er dem Schmerz stand. Beim Anblick der Fotografie dieses namenlosen zehnjährigen Jungen ist es unmöglich, nicht an jene Kriegssequenzen zu denken, die Yana Kononova im selben Zeitraum mit ihrer Kamera festgehalten hat.</p>
<p>So ungewöhnlich mein Versuch auch erscheinen mag, das Potenzial der Sprache in einem Zustand der <em>„Sprachlosigkeit“</em> zu nutzen, möchte ich dennoch anhand eines einzigen Beispiels jene Verfassung zu vermitteln versuchen, die mich und meine Landsleute bereits in den ersten Tagen der russischen Aggression erfasst hat: das, was manche Philosophen als eine <em>„Grenzerfahrung“</em> bezeichnet haben. Die Grenzerfahrung bezeugt, dass sich in ihr ein <em>„Subjekt der Sprache“</em> schlicht nicht konstituieren kann: zu zahlreich sind die tragischen Ereignisse, die fortwährend die Möglichkeiten des Sprechens erproben, und zu groß ist die Unfähigkeit, einen reflektierenden Blick auf das Erlebte zu etablieren. Die Grenzerfahrung – als äußerster Punkt des Lebens, der sich jedes Mal dem Unerträglichen, dem Unlebbaren nähert – ist, um mit <a href="http://palimpsestes.fr/textes_philo/bataille/experience-interieure.pdf">Georges Bataille</a> zu sprechen, <em>„eine Reise an die äußerste Grenze des menschlich Möglichen“</em> (<em>„un voyage au bout du possible de l’homme“</em>).</p>
<p><em>„Dieses Foto müsste auf den Titelseiten der Nachrichten auf der ganzen Welt erscheinen“</em>, schrieb eine Bekannte verzweifelt in den sozialen Netzwerken, während sie versuchte, sich die letzten drei Minuten im Leben des Jungen vorzustellen. <em>„Wenn sein Kopf unter den Betontrümmern eingeklemmt war, dann hat er drei Minuten lang entweder Staub in die Lungen eingeatmet oder konnte schlicht den Mund nicht öffnen. Zehn Jahre alt. Keine Lebenserfahrung, die ihn auch nur im Geringsten mental oder emotional darauf hätte vorbereiten können, dass so etwas irgendwann geschehen könnte. Sein ganzes Leben lag noch vor ihm. Zehn Jahre … Wenn er nur teilweise verschüttet war, sich nicht bewegen konnte, aber noch atmete, dann wartete er geduldig auf Hilfe. Vielleicht hörte er das Geräusch der Maschinen, die Stimmen der Retter, das Krachen der Trümmer. Im 21. Jahrhundert lag er unter den Ruinen und flehte Gott und seine Eltern an, ihn zu retten. Er wusste nicht, ob sie lebten oder tot waren – oder ob er ihren Tod mit angesehen hatte. Er hatte schon oft gesehen, wie Menschen gerettet wurden; er glaubte an seine Rettung. Irgendwo in der Nähe lag eine Flasche Wasser und sogar ein Mobiltelefon. Das war keine entlegene Wildnis … Er schrie, schluchzte, erstickte vor Angst, riss sich zusammen, schrie erneut. Dann Verzweiflung, augenblicklich abgelöst von der tierischen Angst des Sterbens … Und so im Kreis – die Kreise, die ihm bestimmt waren …“</em></p>
<h3><strong>Kunst ist Grenzüberschreitung </strong></h3>
<p>Jedes Mal, wenn wir versuchen, uns auf ein bestimmtes theoretisches Werk zu konzentrieren und dabei in den „<em>rauen Zugriff der Interpretation</em>“ geraten (<em>„the rough grip of interpretation“</em>, Susan Sontag, „<a href="https://static1.squarespace.com/static/54889e73e4b0a2c1f9891289/t/564b6702e4b022509140783b/1447782146111/Sontag-Against+Interpretation.pdf">Against Interpretation</a>“, 1966), erweisen sich dessen Quellen letztlich als Elemente unserer eigenen Erfahrung. Eine Grenzerfahrung kann sich in jedem Erkenntnisfeld verkörpern und dessen Belastbarkeit auf die Probe stellen – dort, wo das Subjekt einen derart kritischen Punkt erreicht, dass sich Subjektivität selbst in etwas grundlegend Anderes verwandelt. Giorgio Agamben war der Auffassung, dass es heute, in dieser Welt zu leben – anders gesagt: dem Raum des Zeitgenössischen anzugehören – bedeutet, den Einzelnen mit Umständen des Leidens zu konfrontieren, die mitunter gänzlich unerträglich sind. Darin besteht die Aporie des Seins-an-der-Grenze. Agambens Diagnose, vor weniger als zwanzig Jahren formuliert, hat nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Das Leben im <em>„Ausnahmezustand“</em>, wie Walter Benjamin kurz vor seinem Tod im Jahr 1940 in „<a href="https://www.burg-halle.de/home/129_baetzner/SoSe_2017/benjamin_Ueber_den_Begriff_der_Geschichte.pdf">Über den Begriff der Geschichte</a>“ schreibt, ist zur dominanten Form des Lebens geworden – eher zur Regel als zur Ausnahme.</p>
<p>Zwischen Sinnvermutungen und der Unmöglichkeit, zu einem kohärenten abschließenden Urteil über die äußersten Grenzen des Möglichen zu gelangen, hin- und hergerissen, schrieb <a href="http://palimpsestes.fr/textes_philo/bataille/experience-interieure.pdf">Georges Bataille</a> in „L’Expérience intérieure“ (1943): <em>„Erfahrung ist – in Fieber und Angst – das Infragestellen (die Erprobung) dessen, was ein Mensch vom Sein weiß. Welche Wahrnehmung er in diesem Fieber auch immer haben mag, er kann nicht sagen: ‚Ich habe dies gesehen, was ich gesehen habe, ist so und so‘; er kann nicht sagen: ‚Ich habe Gott gesehen, das Absolute oder den Grund der Welten‘, sondern nur: ‚Was ich gesehen habe, entzieht sich dem Verstehen.‘“</em> (<em>„L’expérience est la mise en question (à l’épreuve), dans la fièvre et l’angoisse, de ce qu’un homme sait du fait d’être. Que dans cette fièvre il ait quelque appréhension que ce soit, il ne peut dire : ‚j’ai vu ceci, ce que j’ai vu est tel‘ ; il ne peut dire : ‚j’ai vu Dieu, l’absolu ou le fond des mondes‘, il ne peut que dire ‚ce que j’ai vu échappe à l’entendement‘“</em>).</p>
<p>Für Künstler:innen, deren natürlicher Lebensfluss von der Zeit zerrissen worden ist, wird jede künstlerische Geste zu einer <em>„Grenz“</em>-Äußerung über die gelebte Erfahrung von Trauma, zu einer Form der Zeugenschaft – einer Form, die unter den Bedingungen eines nicht endenden Ausnahmezustands von entscheidender Bedeutung ist. Genau auf dieser Ebene der Grenzerfahrung, indem sie ihre Existenz den Umständen von Zeit und Ort unterordnet, ist die fotografische Künstlerin Yana Kononova verortet. Dort begegnet uns auch Kononova als Theoretikerin, konfrontiert mit einer der grundlegenden nietzscheanischen Möglichkeiten (oder Notwendigkeiten): der Neubestimmung und Neuerfahrung ethischer und ziviler Verantwortung im Prozess des persönlichen Werdens.</p>
<p>Kononova versucht nicht, gegen Gewalt und Schmerz Krieg zu führen; im Gegenteil, sie lockert dieses Gewebe und <em>„fabriziert“</em> gleichsam eine Art Falle, in der sich all unsere unwiederbringliche Verzweiflung und unsere quälende Erfahrung sammeln lassen. In ihren Fotografien haben die Schrecken des Krieges eine affirmative grammatische Form angenommen.</p>
<p>Vielleicht ist unsere Theorie nicht vollständig ausgearbeitet und ihrer Natur nach instabil; sie trägt eine gewisse Unabgeschlossenheit und Unordnung in sich. Der Schmerz ist zu unwiederbringlich, die Erfahrung zu extrem, die Möglichkeit des Ausdrucks zu sehr eingeschränkt. Doch wie Agamben – der uns seit der ersten Seite begleitet – betont hat, muss Theorie bisweilen ihre eigene Unzulänglichkeit offenlegen.</p>
<p><em>„Kunst ist nie vollendet, nur aufgegeben“</em> – eine von Giacometti bevorzugte, auf Leonardo da Vinci zurückgehende Maxime, die Agamben vielfach aufgreift. Die fotografische Künstlerin Yana Kononova bricht in die Dunkelheit ihrer Zeit auf. Wir sind gezwungen, unseren theoretischen Zufluchtsort zu verlassen – und ihr zu folgen.</p>
<h3><strong>Inselexistenzen</strong></h3>
<div id="attachment_7843" style="width: 291px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7843" class="wp-image-7843 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-In-the-studio-c-Yana-Kononova-227x300.png" alt="" width="281" height="371" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-In-the-studio-c-Yana-Kononova-200x264.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-In-the-studio-c-Yana-Kononova-227x300.png 227w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-In-the-studio-c-Yana-Kononova-400x528.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-In-the-studio-c-Yana-Kononova-600x792.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-In-the-studio-c-Yana-Kononova.png 720w" sizes="(max-width: 281px) 100vw, 281px" /><p id="caption-attachment-7843" class="wp-caption-text">Yana Kononova in ihrem Studio © Yana Kononova.</p></div>
<p>Kononova ist eine Künstlerin, die sich in einer unruhigen Statik aus Bewegungen und Verlagerungen verortet. Geschlossene, abgeschlossene Räume üben auf sie keinerlei Faszination aus. Was für andere als ein Labor der Kunst dienen mag, ist für Kononova eine transitorische, liminale Zone – ein Ort, der den Landschaftsformen und Ökosystemen, die ihr Kameraobjektiv mit solcher Sorgfalt erfasst und verwandelt, eher feindlich gesinnt ist. Hier widmet sich Kononova eingeübten technischen und quasi-prozeduralen Routinen, die <a href="https://suspilne.media/culture/723727-ultimatum-rosii-nagadue-meni-pro-demona-v-masini-kolonka-fotografki-ani-kononovoi/">in ihren Worten</a> eine Art <em>„Verschwörung mit dem Material“</em> darstellen, dessen innere Spannung oder Logik freigelegt werden muss.</p>
<p>Das kreative Leben entfaltet sich jenseits der Grenzen des Atelierraums. Anstelle antiseptischer Laborsituationen bevorzugt Kononova Orte, die von menschlichen Eingriffen gezeichnet sind, ebenso wie schwer zugängliche <em>„periphere“</em> Kontinente, wenig erforschte oder <em>„unsichtbare“</em> Ökologien, die gerade deshalb oft der genauen Aufmerksamkeit entgehen, weil sie nicht als privilegierte Räume der Erholung, des gesteigerten ästhetischen Genusses oder der Ruhe fungieren. (Hier und im Folgenden beziehe ich mich auf theoretische Notizen von Yana Kononova, die sie mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.) <em>„Periphere“</em> Geografien und <em>„verborgene“</em> Ontologien schaffen einen eigentümlichen Raum der Aktualität – einen Raum, der begünstigt, was Walter Benjamin in „Über den Begriff der Geschichte“ einst als <em>„Jetztzeit“</em> bezeichnete, eingefangen in seinen faktischen Formen und Erscheinungen.</p>
<p>Dies sind jene Orte, zu denen die Künstlerin gewöhnlich aufbricht, auf der Suche nach Zeit – nach verlorener oder noch nicht gefundener Zeit; Orte, an denen alles vereinfacht ist, auf klare und transparente Konturen reduziert.</p>
<p>Alles begann mit einer Insel. Diese Geschichte beginnt – wie viele gute Geschichten – mit der aserbaidschanischen Insel Pirallahi, wo das Schicksal unsere Protagonistin mit dem Glück verband, geboren zu werden. Jedes Mal, wenn wir vom Phänomen der Insel sprechen, begegnen wir der Erfahrung der Flucht. Gauguin ist buchstäblich auf eine Insel geflohen. Rilkes ewige Sehnsucht nach insularen Kräften und seine Fähigkeit, den Menschen selbst als Insel zu denken – verurteilt zum wunderbaren und zugleich quälenden Glück der Einsamkeit. Der allwissende Insulaner Borges war überzeugt<em>: „Es gibt nur vier Geschichten. Und wie viel Zeit uns auch bleiben mag, wir werden sie immer wieder neu erzählen – in der einen oder anderen Form.“</em> (<em>„Cuatro son las historias. Durante el tiempo que nos queda seguiremos narrándolas, transformadas.“</em>) So formuliert er es 1972 in seinem Essay „<a href="https://borgestodoelanio.blogspot.com/2014/05/jorge-luis-borges-los-cuatro-ciclos.html">Los cuatro ciclos</a>“ („Die vier Zyklen“) im Band „El oro de los tigres“ („Das Gold der Tiger“). Eine von ihnen handelt von der ewigen Rückkehr zur Insel.</p>
<p>Auf die Frage „<em>Welche Wesen leben auf einsamen Inseln?</em>“ gab Gilles Deleuze in „L’Île déserte et autres textes“ (2002) die einzig mögliche <a href="http://www.lieux-dits.eu/Presence/gilles_deleuze.htm">Antwort</a>: <em>„Dort leben bereits Menschen – aber ungewöhnliche Menschen, absolut getrennte, absolute Schöpfer; kurz: eine Idee der Menschheit, ein Prototyp, ein Mann, der beinahe ein Gott wäre, eine Frau, die eine Göttin wäre, ein großer Amnesiker, ein reiner Künstler, ein Bewusstsein von Erde und Ozean, ein gewaltiger Wirbelsturm, eine schöne Hexe, eine Statue von der Osterinsel.“</em> (<em>„Si bien qu’à la question chère aux explorateurs anciens ‚quels êtres existent sur l’île déserte?‘, la seule réponse est que l’homme y existe déjà, mais un homme peu commun, un homme absolument séparé, absolument créateur, bref une Idée d’homme, un prototype, un homme qui serait presque un dieu, une femme qui serait une déesse, un grand Amnésique, un pur Artiste, conscience de la Terre et de l’Océan, un énorme cyclone, une belle sorcière, une statue de l’Île de Pâques.“)</em></p>
<p>Eines wird deutlich: Auf einer <em>„kleinen Insel“</em> kann ein <em>„großes Weltbild“</em> Wurzeln schlagen.</p>
<p>Im Fall Kononovas ist die Insel ein ihr durch die Geburt zugewiesener Lebensraum, kein Ort der Flucht; ein Landfragment, von den Elementen umgeben und mit ihnen in einem fortwährenden, offenen Dialog stehend. Die eigentümliche Insel Pirallahi erbebte unter allem, was aus der herannahenden Welt auf sie zukam: unter Wolken und blauem Himmel am Tag, unter leuchtenden Sternansammlungen und der Milchstraße in der Nacht, unter scheuen Fröschen und grauem Staub, der von den seit Langem gezähmten lokalen Winden des Kaspischen Meeres – Chasri und Gilawar – hierhergetragen wurde und scheinbar ziellos zwischen dem Aufprall der Wellen, dem Dröhnen der Brandung und der Sonne wanderte, die in megalithische Spalten hinabsank.</p>
<p>Die alten Geschichten der Insel berichten, dass Pirallahi einst zu den bedeutendsten <em>„heiligen Stätten“</em> an der Westküste des Kaspischen Meeres zählte und dass die Heiligtümer der Halbinsel weit älter seien als der Islam und bis in die Zeiten des Zoroastrismus zurückreichten. Mit dem mächtigen Ölboom jedoch kam die Zeit über Pirallahi: Sie floss nicht mehr, sondern raste ungebremst über die unbefestigten Gehwege und Landstraßen der Insel hinweg. Heute brechen wir auf zur Insel der Bohrtürme, wo Kononovas <a href="https://suspilne.media/culture/723727-ultimatum-rosii-nagadue-meni-pro-demona-v-masini-kolonka-fotografki-ani-kononovoi/">Notizen</a> uns als verlässlicher Leitfaden in der Begegnung mit Pirallahi dienen werden: <em>„Öl und Gas waren tief in der Kultur und im Bewusstsein der Menschen verankert, die in dieser Region des Kaspischen Meeres lebten. Erdgasquellen wurden entzündet, um in zoroastrischen Tempeln ewige Flammen zu erzeugen. Öl und Teer dienten zur Imprägnierung von Holz, wurden als Brennstoff verbrannt und auch als Salbe für Menschen und Kamele verwendet. Die Förderung erfolgte aus von Hand gegrabenen Schächten, und als die erste Ölbohrung niedergebracht wurde, sammelte man das Öl in ledernen Eimern. Bis in die 1880er Jahre war die Halbinsel Abscheron im Kaspischen Meer ein Wald aus Bohrtürmen, von denen jeder von einer Konstruktion gekrönt war, sodass das Ölfeld den Eindruck einer Stadt aus Pyramiden vermittelte.“</em></p>
<p>In dieser Verwandtschaft zwischen dem Menschen und seinem Geburtsort liegt etwas Geheimnisvolles, ja beinahe Mystisches; einer alten Vorstellung zufolge wird sie vom <em>genius loci</em>, dem Geist des Ortes, bestimmt, der geistige, spirituelle und emotionale Phänomene an eine materielle, für die Außenwelt aufnahmefähige Umgebung bindet. An der Schnittstelle zwischen der Künstlerin und dem Ort ihres Lebens und ihrer künstlerischen Praxis entsteht eine neue, zuvor unbekannte Realität: eine mehrdimensionale, eigensinnige metageografische Grammatik voller wirbelnder Interdisziplinarität. Sie führt das Denken der <em>„Insel“</em> mit der Geografie großer Kontinente zusammen; durch Bewegungen und Verlagerungen der Forschung wird sie fortwährend verändert, erweitert, transformiert – <em>„nomadisch“</em> –, vervielfältigt sich innerhalb offenerer mental-geografischer Räume.</p>
<p>Im Bewusstsein Kononovas existiert die Insel als eine Art mobiles Symbol, kaum noch der tatsächlichen <em>„objektiven“</em> Topografie verpflichtet, sondern sich vielmehr als eine eigentümliche symbolische Topografie entfaltend, gespeichert in den Archiven des Gedächtnisses, in Notizbüchern und fotografischen Berichten – <em>„gemäß den strengen und notwendigen Gesetzen der metageografischen Imagination“</em> (John Dixon Hunt, <a href="https://www.researchgate.net/publication/388659880_Genius_loci_An_essay_on_the_meanings_of_place_John_Dixon_Hunt_Reaktion_Books_London_2022_208_pp_ISBN_978_1_78914_608_0_hbk">Genius Loci: An Essay on the Meanings of Place</a>, 2022). Eines ist klar: Alle Topografien, die Kononova erfasst, werden auf der Grundlage des denkbaren Raums der Insel wahrgenommen, interpretiert, vermessen und sogar imaginiert – mit all ihren launischen und zugleich sinnhaften Transformationen: <em>„Ich kehre zurück und suche Verbündete in Quellen wie der Ökopoesie, der Philosophie und der Bildenden Kunst, im artikulierten romantischen Wert von Landschaft und Sensibilität. Vielleicht hängt dies mit meiner einsamen Kindheit auf einer Insel im Kaspischen Meer in Aserbaidschan zusammen, deren Kultur durch die Erdölförderung geprägt war. Dort erlebte ich intensive Begegnungen mit Klima und Geologie, verflochten mit Literatur, da ich in der sowjetischen Tradition erzogen wurde, Kinder in die englische romantische Literatur des 19. Jahrhunderts eintauchen zu lassen – Conan Doyle, Jack London und andere. Ich kehre zu dieser Geschichte zurück, um über sie hinauszugehen, auf der Suche nach neuen Wegen, Landschaft und ästhetische Erfahrung zu thematisieren, wobei ich romantische Klischees bewusst vermeide. Romantische Motive, etwa der Zusammenbruch, dienen meinen Arbeiten oft als Ausgangspunkt.“</em></p>
<h3><strong>Assoziative Suche</strong></h3>
<p>Allmählich wird deutlich, dass das entscheidende Paradigma in Kononovas gesamtem künstlerischem Arbeiten diese diskontinuierliche, fragmentarische und scheinbar unvollständige Einheit von Beziehungen ist – übertragen in die Sphäre einer strengen, unerbittlichen räumlichen Nostalgie, in die assoziative Suche nach anderen Landschaften, die unserem Gedächtnis die Fähigkeit verleihen, Zeit zu bezeugen: all das, was materiell geworden ist und sich ausschließlich der Wahrnehmung erschließt.</p>
<p>In Bezug auf Erwin Straus’ unschätzbare Erfahrung, dargelegt in seinem Buch <a href="https://www.cambridge.org/core/journals/philosophy-of-science/article/abs/erwin-straus-the-primary-world-of-senses-a-vindication-of-sensory-experience-translated-by-jacob-needleman-new-york-the-free-press-of-glencoe-1963-xvi428-pp-825/434A2B6826A04BCFAEC71F986C149319">„The Primary World of Senses: A Vindication of Sensory Experience“</a> (1963), hält Georges Didi-Huberman in „Génie du non-lieu. Air, poussière, empreinte, hantise“ (2001) fest, dass <em>„wahrnehmen nicht heißt zu wissen, sondern dem Wahrgenommenen seine Kraft und sein Geheimnis zu belassen“</em>. Sich der Wahrnehmung zu überlassen bedeutet daher, eines festen Standpunkts beraubt zu werden: Denn wir nehmen Raum wahr, um <em>„seine Perspektive zu kennen“</em>, oder wir empfinden einen Ort, um seine Immanenz und Undurchdringlichkeit zu erfahren. Mehr noch, so Didi-Huberman, ist <em>„Wahrnehmung keineswegs eine ‚innere Form‘ des Wissens“</em>. Sie gehört notwendigerweise zur ästhetischen Ordnung der Erkenntnis: <em>„Wahrnehmen heißt, in Kontakt zu treten … aber wahrnehmen heißt zugleich, Distanz zu erfahren.“</em></p>
<p>Gerade hier offenbarte sich das Genie von Straus – in seinem Verständnis der Distanz als einer raumzeitlichen Form des Wahrnehmens überhaupt. Bei Georges Didi-Huberman heißt es, die taktile Empfindung selbst werde <em>„durch eine Annäherung eingeleitet, die im Leeren beginnt und dort endet, wo sie sich erneut im Leeren wiederfindet“</em>. Wir <em>„haben“</em> Empfindungen also nicht; streng genommen ist jede Empfindung eine Bewegung, die uns unaufhörlich vom Objekt der Berührung in die Distanz trägt. Der daraus hervorgehende Zustand erkennt keine objektivierbaren Grenzen mehr an; er berücksichtigt nicht einmal die gewohnte räumliche Unterscheidung zwischen Innen und Außen. Kurz gesagt: Wahrnehmen – sowohl im Sinne der Perzeption als auch der Repräsentation – gehört nicht der Ordnung des Raums an, sondern jener des Ortes.</p>
<div id="attachment_7844" style="width: 251px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7844" class="wp-image-7844 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Peat-Ontologies-1-241x300.png" alt="" width="241" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Peat-Ontologies-1-200x249.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Peat-Ontologies-1-241x300.png 241w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Peat-Ontologies-1-400x497.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Peat-Ontologies-1-600x746.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Peat-Ontologies-1-768x955.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Peat-Ontologies-1.png 785w" sizes="(max-width: 241px) 100vw, 241px" /><p id="caption-attachment-7844" class="wp-caption-text">Yana Kononova, aus der Serie <a href="https://www.yanakononova.com/peatontologies">Peat Ontologies</a>. © Yana Kononova.</p></div>
<p>Vor diesem Hintergrund sind Kononovas fotografische Arbeiten nicht nur – und nicht in erster Linie – ein Abdruck realer Zeit, sondern vielmehr eine bedingte Projektion eines mentalen Bildes, eines inneren Blicks, einer (sinnlichen) Imagination, die durch Prismen von Empfindungen, Gedanken, Erinnerungen und Assoziationen gebrochen wird – temporalisiert und erfahren im Kontext ihrer eigenen Lebensgeschichte. Auf diese Weise entsteht und formt sich eine Einheit von empirischem Raum und Zeit, eine ästhetische Erfahrung, die Kononova als eine <em>„Erfahrung des Reichtums einer Anwesenheit, die nicht mehr ist“</em>, lebt.</p>
<p>Doch neben den Empfindungen einer feineren, immateriellen Ordnung, die uns anvertraut sind, konfrontieren Kononovas Arbeiten die Welt mit einer intensiven, taktilen und nahezu unheimlichen Visualität. Jedes sichtbare Objekt, das von ihrer sensiblen Kamera erfasst wird – so ruhig und neutral es nach außen hin auch erscheinen mag –, erscheint als eine unausweichliche Modalität des Sichtbaren, die uns dazu auffordert, genauer hinzusehen und zu fühlen. Diese „<em>unausweichliche Modalität des Sichtbaren</em>“ („<em>l’inéluctable modalité du visible</em>“), an die Didi-Huberman in „<a href="https://www.leseditionsdeminuit.fr/livre-Ce_que_nous_voyons,_ce_qui_nous_regarde-2041-1-1-0-1.html">Ce que nous voyons, ce qui nous regarde</a>“ (1992) im Anschluss an Joyce („<em>ineluctable modality of the visible</em>“ in „Ulysses“) anknüpft, <em>„verwandelt jede optische Fläche, die wir sehen, in eine visuelle Kraft, die zu uns zurückblickt, insofern sie ein anadyomenes, rhythmisches Spiel von Oberfläche und Tiefe, von Ebbe und Flut, von Erscheinen und Verschwinden freisetzt“</em>.</p>
<p>Mit anderen Worten: Das, was wir sehen, und das, was uns anblickt, ist dazu bestimmt, die Frage nach dem Inneren und nach dem, was unser Sehen ausmacht, aufzuwerfen – <em>„indem es an die Berührung, an die Zärtlichkeit appelliert“</em>. Kononova selbst formuliert es so: <em>„Ich suche nach den taktilen Qualitäten des fotografischen Bildes und verweile an der Schwelle zwischen der materiellen Sensibilität der fotografischen Oberfläche und dem Akt der Repräsentation. Dieses Spektakel begreife ich nicht als Form der Unterhaltung, sondern als Behältnis für die verborgene Übertragung von Schmerz, für die Folgen von Gewalt, Konflikt oder Spannung, die die Landschaft prägen.“</em></p>
<p>Mit geradezu evangelischer Beharrlichkeit <em>„befreit“</em> Kononova das fotografische Bild von der demütigenden Reduktion auf Selbstverständlichkeit oder sentimentale Projektion; ebenso wenig geht es ihr um die Konstruktion eines existentialistischen Raums. Vielmehr scheint das Werk die Macht der visuellen Repräsentation weiter auszuloten – eine Macht, die nicht nur der Montage als entscheidendem epistemologischem Instrument zukommt, sondern, <a href="https://www.leseditionsdeminuit.fr/livre-Ce_que_nous_voyons,_ce_qui_nous_regarde-2041-1-1-0-1.html">Didi-Huberman</a> folgend, auch der dem Medium eigenen Fähigkeit, Tiefe zu erschließen, das Sichtbare mit dem Unsichtbaren in Beziehung zu setzen und jene <em>„isolierte, vollkommene und ‚abgesonderte‘ visuelle Fülle“</em> zu vermitteln, die dem Bild innewohnt, das uns anblickt.</p>
<h3><strong>Kunst mit dem Körper</strong></h3>
<div id="attachment_7845" style="width: 372px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7845" class="wp-image-7845" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Peat-Ontologies-3-300x241.png" alt="" width="362" height="291" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Peat-Ontologies-3-177x142.png 177w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Peat-Ontologies-3-200x161.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Peat-Ontologies-3-300x241.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Peat-Ontologies-3-400x322.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Peat-Ontologies-3-600x483.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Peat-Ontologies-3-768x618.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Peat-Ontologies-3-800x643.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Peat-Ontologies-3-1024x823.png 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Peat-Ontologies-3.png 1052w" sizes="(max-width: 362px) 100vw, 362px" /><p id="caption-attachment-7845" class="wp-caption-text">Yana Kononova, aus der Serie <a href="https://www.yanakononova.com/peatontologies">Peat Ontologies</a>. © Yana Kononova.</p></div>
<p>Kurz nach meiner Rückkehr aus Kyjiw verlagerte sich meine Kommunikation mit Yana auf Telefongespräche. <em>„Mich interessiert ein bestimmtes Kraftfeld, die Weisen der Selbstproblematisierung der Landschaft ebenso wie deren Konstruktion“</em>, erhielt ich per SMS eine knappe Skizze ihrer Überlegungen. <em>„Gerade deshalb spreche ich von der Performativität der Landschaft, weil ich davon ausgehe, dass sich ihre Bedeutung aus den Weisen ihres Handelns heraus bildet; ich konstituiere sie als eine Art Bühnenraum, um den Betrachtenden die Möglichkeit zu geben, einzutauchen, ihn gleichsam als Phantom zu betreten. Aus diesem Eintauchen heraus soll sich ein bestimmter Bann, ein Gefühl des Verlorenseins einstellen.“</em></p>
<p>Die Gegenstände ihres Forschungsinteresses, wie sie im Medium sichtbar werden, sind zu konkret, zu materiell und zugleich zu verstörend, um etwas Unausweichliches, Abschließendes zu bezeichnen; sie lassen das Ende offen und laden die Betrachtenden zu einer Nähe zum Medium ein – dazu, die eigene Version dessen, was wir sehen, in dem, was uns anblickt, gleichsam berührt, denkend, fühlend und reflektierend zu durchdringen. Entsprechend erzeugt die Materialität eine Botschaft, die uns immer wieder von der Kraft des Ausdrucks überzeugt, in uns eindringt und Besitz von uns ergreift.</p>
<p>Die Arbeiten bemessen sich an Taktilität und körperlicher Nähe; sie verlangen nach leiblicher Beteiligung – etwa in der technischen Vorbereitung der analogen Kamera für die Aufnahme oder in jenen Manipulationen der Bildkader, die Kononova mit großer Sorgfalt vornimmt und die sie durch mühevolle, intensive und langandauernde Arbeit mit der Fotografie zutiefst persönlich werden lässt. Sie wählt die schwierigsten Trajektorien und nähert sich, die Kamera in der Hand, den Objekten ihrer Feldforschung – Geografien mit komplexem Schicksal und komplexer Zeitlichkeit – bis auf geringste Distanz, um sie zu erfassen und uns in sie hineinzuziehen: in die Tiefe der Erzählung, an jenen Ort, an dem <em>„das Erhabene mit dem Fremden kollidiert“</em> (aus Forschungsnotizen, die Yana Kononova der Autorin zur Verfügung gestellt hat), und uns etwas Flüchtiges, zugleich aber Wesentliches offenbart.</p>
<p>Ihre <em>„letzte“</em> Visualität und ihre Fähigkeit zur Ontologisierung verdanken Kononovas Arbeiten vielleicht am meisten dem belgischen Romantiker und Misanthropen <a href="https://www.artforum.com/features/sermon-on-the-mound-thierry-de-cordier-201272/">Thierry De Cordier</a>, aus dessen Werk sie schöpft. Alle unsere Überlegungen zu einer den Blick bannenden Visualität brachte <a href="https://utopiaparkway.wordpress.com/tag/thierry-de-cordier/">De Cordier</a> auf ein einziges Wort: <em>„Arbeit“</em>. <em>„An einem Bild, das funktioniert, ist nichts Gefälliges (sonst ist es bloß ein Bild oder etwas Dekoratives). Funktionsweisen, nichts als Funktionsweisen. Nicht die Landschaft als solche, nicht ihre Darstellung, sondern einzig die Art und Weise, wie sie funktioniert. Für mich ist das das eigentliche Wesen der Malerei. Etwas anderes als der hochgradig suggestive Charakter eines romantischen Bildes.“</em></p>
<p>Vor seinen hypnotischen Arbeiten wurde dem sensiblen Betrachter unmissverständlich klar, dass es hier keineswegs um Romantik ging. <a href="https://ensembles.org/actors/thierry-de-cordier">Hans Willemse</a> beobachtet: De Cordiers Blick war stets in den Boden gedrückt, und die künstlerische Erfahrung beugte sich immer dem <em>„Material der Erde“</em>, während der Geist seiner Arbeiten gleichsam in einer <em>„romantischen, literarischen Wolke“</em> schwebte, die längst in die Poren der Werke eingesickert war. Dieselbe Erhabenheit und dieselbe <em>„irdische Erfahrung“</em> sind bei Kononova miteinander verschränkt, monolithisch, scheinbar auf das unendlich Kleine konzentriert, in sich selbst geschlossen.</p>
<h3><strong>Schwellen</strong></h3>
<div id="attachment_7850" style="width: 396px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7850" class="wp-image-7850" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Thresholds-1-300x200.png" alt="" width="386" height="257" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Thresholds-1-200x133.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Thresholds-1-300x200.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Thresholds-1-400x267.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Thresholds-1-600x400.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Thresholds-1-768x512.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Thresholds-1-800x533.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Thresholds-1-1024x683.png 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Thresholds-1.png 1185w" sizes="(max-width: 386px) 100vw, 386px" /><p id="caption-attachment-7850" class="wp-caption-text">Yana Kononova, aus der Serie Thresholds. © Yana Kononova.</p></div>
<p>Kononovas Reiserouten sind essayistisch (hier beziehe ich mich auf Marc Augés Konzept der <em>„Nicht-Orte“</em> in „<a href="https://www.scribd.com/document/536332304/Marc-Auge-1992-Non-Lieux-English">Non-lieux</a>“, 1992). Jedes Mal, wenn sie aufbricht, um das Verschwinden lebenswichtiger Biotope zu erkunden und zu dokumentieren, finden diese Erfahrungen unmittelbar Eingang in die Sprache und verwandeln sich in kurze Erzählungen und Zeugnisse, die sorgfältig in ihren Feldnotizbüchern festgehalten werden: <em>„Meine Expeditionen betreffen überwiegend den südlichen Teil des Moors, der als erster unter dem Torfabbau gelitten hat. Vielleicht rührt die besondere Exotik dieser Wälder – ihre Fremdheit – aus ihrer doppelten Natur. Das Moor weist wiederkehrende Muster auf, die künstlichen Ursprungs zu sein scheinen; zugleich ist dieses organisierte Chaos aus schwammigen Labyrinthen vollkommen unmenschlich. Es entstand ein tiefes Verständnis dafür, wie die leibliche Erfahrung des Durchquerens des Moors sämtliche kulturellen Klischees, Aberglauben und Mythen, die es umgeben, zu zerschlagen vermag.“</em></p>
<p>Es erscheint berechtigt, dieses eigentümliche, in das Objektiv projizierte Terrain als ein dialektisches zu begreifen, das Kononova sichtbar macht: ein Ort, der sich unaufhörlich verändert und verwandelt, der verbirgt und zugleich auf Tiefe verweist. Wir sind bereits eingeladen, in diese eigenständige, kalligrafische und düstere organische Materie des Bildraums einzutreten, und das, was wir als inneren Raum erfassen, erscheint uns weder zwanghaft fokussiert noch homogen oder abstrakt. Indem wir der übrigen Welt den Rücken kehren, erfahren wir ein beinahe schwindelerregendes Gefühl, uns <em>„</em><a href="https://www.uhi.ac.uk/en/archaeology-institute/our-research/research-projects/oceanoftime/blog/deep-time-materials-peat.html"><em>von Angesicht zu Angesicht mit etwas zu befinden, das tief unter der Oberfläche liegt, tief unter der Gegenwart</em></a><em>“</em>.</p>
<p>Das Irdyń-Moor (Irdyn-Sumpfland, Irdyńskie Błota) ist kein Topos im herkömmlichen Sinne des Wortes, sondern vielmehr ein nicht vom Menschen gemachter Ort, ja ein <em>„Nicht-Ort“</em>, der seine eigenen Gesetze diktiert und über ein eigenes <em>„Ego“ </em>verfügt. Hier ist alles der Zeit unterworfen: Das Alter des Torfs lässt sich – wie das von Bäumen oder Gletschern – in Jahrtausenden messen, doch sein Verschwinden kann jederzeit eintreten und zwingt uns, die Fragilität unserer Beziehung zu diesem scheinbar unproduktiven Teil der Erde zu spüren.</p>
<p>Die Serie <em>Thresholds</em> (2024) umfasst Kompositionen, die über drei Jahre Krieg hinweg entstanden sind – durch das Zusammenfügen, Verbinden und Verschmelzen raumzeitlicher Landschaftsfragmente, festgehalten auf dichtem Schwarzweiß-Zelluloid, dem für Kononova wichtigsten Informationsträger. In dieser collageartigen <em>„Verwirrung“</em> lässt sich noch die insulare Identität des Donaudeltas erkennen, dicht überwuchert von majestätischen Weiden, wo vor Beginn der russischen Aggression Büffel und Löwen – Relikttiere, die zu Bewohnern der Insel wurden – angesiedelt worden waren; zugleich jedoch gleitet der Blick weiter zu Landschaften, die durch militärische Gewalt zerschnitten und vernarbt sind, übereinandergeschichtet zu barbarischen Szenen der Zerstörung, zu tödlichen Fragmenten geschmolzenen Metalls.</p>
<p>„<em>Ebenfalls präsentiert werden hier Territorien, die in sowjetischer Zeit im Rahmen eines ambitionierten Projekts planetarischer Industrialisierung überflutet wurden – infolge des Baus von Wasserkraftwerken entlang des Dnipro. Hinzu kommen Landschaften, die nach der Zerstörung des Kachowka-Staudamms durch russische Truppen und der darauffolgenden Absenkung des Kachowka-Stausees freigelegt wurden. Schließlich bestehen die zentralen Elemente des Dioramas Belagerung von Ismail aus Fragmenten, die von der Erstürmung der osmanischen Festung Ismail durch das Russische Reich berichten – einem Ereignis, das in Massakern und Plünderungen endete. Diese Fotografien entstanden in einer Kapelle auf dem Gelände des Museums in der Stadt Ismail, die heute unter ukrainischer Hoheit steht</em>“ (aus Kononovas Forschungsnotizen).</p>
<p>Die faszinierend synkopierten Landschaften scheinen zwischen diskursiver Barbarei und poetischer Überhöhung gefangen, zwischen erdverbundenem Traditionalismus und einem romantischen Dunst. Auf den ersten Blick verdunkelt dies die Wahrnehmung ihrer Arbeiten, doch Kononova versteht es, Schönheit und emotionale Widerständigkeit freizulegen, die sich im Staub, in der Erosion, im Verfall und in den Ruinen einer Welt manifestieren, die in die letzten Phasen eines permanenten Ausnahmezustands treibt. Ein solcher Ansatz mag bisweilen affektiert erscheinen, doch er ist ebenso bewusst gesetzt wie eine <em>„Kraftlinie“ </em>im dynamischen Geheimnis der Fragmente, haptisch und taktil, die dazu neigen, sich mit erschreckender Effizienz zu Ballungen zu verdichten und sich ineinander auszudehnen, im Einvernehmen mit <em>„der klassischen Geometrie mittelalterlicher Altäre und zugleich mit dem romantischen Motiv eines Friedhofseingangs“</em> (aus Kononovas Forschungsnotizen).</p>
<p>Die Grenzen selbst sind radikal aufgebrochen, zerschnitten, mitunter verschränkt und ineinander verschoben; sie gleichen vielmehr Intensitätsverschiebungen, <em>„Schwellen“</em>, die in nebelhafte Felder des Kontextuell-Schizophrenen oder des Fantastischen führen, mit denen diese Collage einer <em>„zeitgenössischen Geohistorie“</em> (um Kononova zu zitieren) konspiriert. Und doch besitzt Kononova den Willen und den Intellekt, diese unbändigen Intensitäten zu bändigen und auszubalancieren – gleichsam im Leeren schwebend, <em>„nun endlos hervorbringend, nun zusammenbrechend und eruptierend in beständigen Versuchen, das verschobene Zentrum der gesamten Komposition zu kontrollieren“</em>. Und dennoch wirkt dieser Ansatz <em>„befreiend“</em>.</p>
<h3><strong>Metaphern eines Bruchs</strong></h3>
<div id="attachment_7847" style="width: 374px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7847" class="wp-image-7847" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-2-300x240.png" alt="" width="364" height="291" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-2-177x142.png 177w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-2-200x160.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-2-300x240.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-2-400x320.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-2-600x481.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-2-768x615.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-2-800x641.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-2-1024x820.png 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-2-1200x961.png 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-2.png 1206w" sizes="(max-width: 364px) 100vw, 364px" /><p id="caption-attachment-7847" class="wp-caption-text">Yana Kononova, aus der Serie Radiations of War. © Yana Kononova.</p></div>
<p>Kononovas Landschaften – seien es jene, die in ihren eschatologischen Visionen erscheinen, oder jene, die sie gemeinsam mit den Streitkräften <em>„patrouilliert“</em> – sind heute übersät mit Mauerfragmenten, mit den verwesenden Körpern von Menschen und Tieren, mit aschgrauen Ödlandschaften. Die zerstörten Städte, in denen sie Halt macht, sind von der gespenstischen Präsenz jener bewohnt, denen es gelungen ist, den Schlingen der genozidalen Armee zu entkommen. Wie viele andere Intellektuelle, die sich unter Gefährdung des eigenen Lebens in Kriegsgebiete begeben, ist sie von einem Verantwortungsgefühl und vom Glauben an den Sieg der Gerechtigkeit, an die Unvermeidlichkeit der Vergeltung durchdrungen; unbeirrbar legt sie sich selbst die Pflicht auf, andere über das Geschehen zu informieren.</p>
<p>Mit dem Beginn der großangelegten Invasion wurde die Feldforschung an Orten, die die Schrecken russischer Kriegsverbrechen erlebt hatten, für Kononova zu etwas Gewöhnlichem, ja zu etwas <em>„Prozeduralem“.</em></p>
<p>Um Kononovas Installation <em>Izyum Forest</em> zu sehen, musste ich die „<em>Disjunktionen“</em> zwischen dem Festland und den Inseln Venedigs überwinden, mich mühsam im Raum der <em>„Stadt auf dem Wasser“ </em>orientieren, um schließlich den Ausstellungspavillon des PinchukArtCentre zu erreichen und – dem Algorithmus einer langsamen Betrachtung des Panoramas folgend – meinen Blick gleichsam <em>„freizulegen“</em>. Im frühen Herbst 2022 erfüllte der Geruch des Todes die Luft des Waldes von Izyum, und als die Massenexhumierungen begannen, war er so dicht, dass er sämtliche anderen Düfte früheren Lebens vollständig verdrängte. Der Septembernebel schien wie aus dem Nichts zu kommen, verdichtete sich in dieser friedhofsartigen Stille und kroch selbst in Räume vor, die zuvor abwesend gewirkt hatten.</p>
<p>Die Szenografie einer sich <em>„entfaltenden Zeit“</em> (um sich auf einen Begriff von Georges Didi-Huberman in <a href="https://www.leseditionsdeminuit.fr/livre-Devant_l%E2%80%99image-2040-1-1-0-1.html">„Devant l’image – Question posée aux fins d’une histoire de l’art“</a>, 1990, zu beziehen; „<em>le déploiement du temps“</em>) verstärkte den Eindruck einer gespenstischen Präsenz in diesem bühnenhaften Raum, in dem die Exhumierenden, in Polyethylen gehüllt, über die Betrachtenden hinweg oder durch sie hindurchzublicken schienen, als nähmen sie sie überhaupt nicht wahr.</p>
<p>Kononova kommt mühelos ohne jene <em>„rudimentären“</em> Bequemlichkeiten des Sehens aus, wie sie ein glatt sich entfaltendes Panorama eines Ereignisses oder die Möglichkeit bieten, den Blick ununterbrochen über eine Oberfläche gleiten zu lassen. Stattdessen <a href="https://elle.ua/stil-zhizni/afisha/yana-kononova/">setzt sie auf die Gebrochenheit der Wahrnehmung</a>, auf Risse und Inkongruenzen als Metaphern eines raumzeitlichen Bruchs, an dem <em>„die Bewegungen, Gesten oder die Kommunikation von jemandem abgeschnitten werden“</em> und in dessen Folge die Zeitlichkeit selbst fragmentarisch wird: <em>„Es war wichtig, die Inkongruenzen zwischen den Teilen des Panoramas zu belassen … Auf diese Weise wollte ich die Fragmentarität unserer Wahrnehmung artikulieren, die Unfähigkeit, ein tragisches Ereignis vollständig anzunehmen und zu begreifen.“</em></p>
<p>Alle Körper, alles, was von ihnen geblieben war, ihre Spuren, Namen und Geschichten, wurden ausgelöscht, in weiches Polyethylen gehüllt. Der Tod liegt hier jenseits des Sichtbaren, im Bereich des Symbolischen, verhüllt von einem <em>„poetischen“</em> oder <em>„abstrakten“</em> Bildsystem. Er ist durch nichts <em>„markiert“</em> – und doch lässt sich seine verborgene Präsenz in ihrer ganzen Fülle und Tragik in den Gesichtern der Sanitäter:innen lesen: jener Menschen, die mit den Toten konfrontiert sind und um Identifikation und Erinnerung bitten.</p>
<div id="attachment_7848" style="width: 251px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7848" class="wp-image-7848 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-1-241x300.png" alt="" width="241" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-1-200x249.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-1-241x300.png 241w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-1-400x497.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-1-600x746.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-1-768x955.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-1-800x995.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-1-824x1024.png 824w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-1.png 1200w" sizes="(max-width: 241px) 100vw, 241px" /><p id="caption-attachment-7848" class="wp-caption-text">Yana Kononova, aus der Serie Radiations of War. © Yana Kononova.</p></div>
<p><em>„Vor der Invasion“</em>, gibt Kononova zu,<em> „hatte ich keinerlei Erfahrung als Kriegsreporterin, und so wurden diese Reisen für mich zu einer intimen, unmittelbaren Begegnung mit dem Schmerz. Der Krieg schien Löcher in die Erde gerissen zu haben, durch die der Schmerz in einem endlosen Strom hervorquoll, das Planetarische und das Menschliche des Daseins miteinander verschmolz und ein unauflösliches Band zwischen den Lebenden und jenen schuf, die eines schrecklichen, ungerechten Todes gestorben sind.“</em></p>
<p>Als fotografische Zeugin erkundet Kononova Territorien an den äußersten Grenzen der Gewalt – in jener Gestalt, in der sie als Anrede oder Appell erscheint: als Versuch, eine emotionale und moralische Reaktion auf das Gesehene hervorzurufen, es über das <em>„Gewöhnliche“</em>, das Gewohnte hinauszuführen und <em>„gängige Vorstellungen von Gerechtigkeit und Vergeltung infrage zu stellen“</em>.</p>
<p>So verwandelt sich die Insel der Herkunft – als eines der Objekte von Kononovas künstlerischen Untersuchungen, die Insel mit ihren jahrhundertealten Transformationen und Metamorphosen – in eine erhabene Metapher nationaler wie auch planetarischer Zeugenschaft: in dem Moment, in dem jede <em>„regionale“</em> Katastrophe, jeder Akt der Gewalt in aller Schärfe sichtbar wird und Sorge um das Schicksal der gesamten Menschheit hervorruft. Die Künstlerin beobachtet weiter, hält fest, legt Zeugnis ab, warnt – und erinnert uns daran, dass die heutigen Kriegsverbrechen aufgehalten und beseitigt werden müssen, bevor sie sich in eine irreversible Bedrohung der modernen Zivilisation verwandeln.</p>
<p><strong>Lesia Smyrna, Kyjiw</strong></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung der deutschen Fassung im Februar 2026, Übersetzung aus dem Ukrainischen: Pavlo Shopin, Drahomanow Universität Kyjiw. Eine englische Fassung des Beitrags erschien in der Zeitschrift <a href="https://krytyka.com/en/articles/a-journey-into-the-darkness-of-time">Krytyka</a>. Titelbild: Yana Kononova, aus der Serie Thresholds. Für alle Bildnachweise einschließlich des Titelbilds gilt © Yana Kononova. Wir danken Lesia Smyrna und Yana Kononova für die Überlassung der Bilder auch für die deutsche Fassung. Die für die Entstehung des Beitrags erforderliche Forschung wurde vollständig vom Austrian Science Fund (FWF) gefördert (Grant-DOI: 10.55776/V1034). Für Zwecke des Open Access hat die Autorin eine CC-BY-Lizenz auf alle aus dieser Einreichung hervorgehenden akzeptierten Manuskriptfassungen angewandt. Alle Internetzugriffe zuletzt am 5. Februar 2026.)</p>
<h3><strong>Zum Weiterlesen:</strong></h3>
<p>Lesia Smyrna, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/jenseits-der-zaertlicheit/">Jenseits der Zärtlichkeit – Gedanken über die Zukunft eines Gefühls nach Butscha</a>, deutsche Fassung im Dezember 2025 im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> (dort auch weitere Informationen zur Autorin).</p>
<p>Lesia Smyrna, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-autonome-republik-mascha-kulikovska">Die Autonome Republik Mascha Kulikovska – Feministin, Rebellin, Konzeptkünstlerin, Performerin</a>, deutsche Fassung im Dezember 2025 im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon.</span></p>
<p>Corinna Heumann, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/atwoodian-utopias">Atwoodian Utopias – Zerbrechliche Menschlichkeit – nicht nur ein Kunstprojekt</a>, erschienen im September 2025 im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon.</span></p>
<p><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/kunst-mit-dem-koerper/">Kunst mit dem Körper</a> – Die Künstlerin und Kulturmanagerin Regina Hellwig-Schmid über Heldinnen, anlässlich einer Ausstellung im Frauenmuseum Bonn, erschienen im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> im August 2025.<u></u></p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Die Macht der Aufmerksamkeit</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-macht-der-aufmerksamkeit/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 10 Jan 2026 05:05:08 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die Macht der Aufmerksamkeit Marina Weisband über die Hoffnung auf Visionen in der Politik „Verschwörungsmythen funktionieren ja nicht deshalb so gut, weil die Menschen sie aufgrund fehlender Fakten glauben. Sie funktionieren, weil ihre Anhänger:innen sie glauben wollen. Weil sie ein emotionales Bedürfnis danach haben zu glauben, dass – wenn sie selbst schon keine Kontrolle  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-7 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-6 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-7" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Die Macht der Aufmerksamkeit</strong></h1>
<h2><strong>Marina Weisband über die Hoffnung auf Visionen in der Politik</strong></h2>
<p><em>„Verschwörungsmythen funktionieren ja nicht deshalb so gut, weil die Menschen sie aufgrund fehlender Fakten glauben. Sie funktionieren, weil ihre Anhänger:innen sie glauben wollen. Weil sie ein emotionales Bedürfnis danach haben zu glauben, dass – wenn sie selbst schon keine Kontrolle über ihr Leben haben – irgendjemand diese Kontrolle ja haben muss.“ </em>(Marina Weisband, Gestalten wir! Für eine bessere politische Zukunft, in: Eric Hattke, Michael Kraske, Hg., Demokratie braucht Rückgrat – Wie wir unsere offene Gesellschaft verteidigen, Berlin, Ullstein, 2021)</p>
<p><em>„Aus Konsumenten Gestalter machen!“</em> Das ist eine der zentralen Botschaften der Psychologin und Publizistin <a href="https://marinaweisband.de/about/">Marina Weisband</a> und ihres Demokratieprojekts <a href="https://www.aula.de/">aula</a>, das sie im Demokratischen Salon beispielsweise in den Beiträgen <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/selbstwirksamkeit-schafft-resilienz/">„Selbstwirksamkeit schafft Resilienz“</a> und <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/radikal-demokratisch-paedagogisch/">„Radikal, demokratisch, pädagogisch“</a> sowie in ihrem Buch „Die neue Schule der Demokratie – Wilder denken, wirksam handeln“ (Frankfurt am Main, S. Fischer, 2024) beschrieben hat. Damit sind schon grundlegende Begriffe einer zukunftsfähigen Demokratie genannt.</p>
<p>aula ist nun zwar ein Schulprojekt, ließe sich jedoch auch auf andere gesellschaftlich bedeutende Bereiche übertragen, auch auf unseren Umgang mit Medien. Es geht Marina Weisband vor allem darum, den Zielen einer freiheitlichen Demokratie die erforderliche Aufmerksamkeit zu garantieren. Marina Weisband schrieb in ihrem zu Beginn der Dokumentation dieses Gesprächs vom Dezember 2025 zitierten Beitrag: <em>„Genauso wie sie während der Aufklärung zur Blüte kam, brauchen wir jetzt eine zweite Welle der Aufklärung. In der alle Menschen nun nicht mehr durch den Buchdruck besser informiert, sondern durch das Internet auch besser vernetzt ihre Stimme leichter hörbar machen können. Und lernen, mit dieser Verantwortung umzugehen. Hier ist nicht defensives Denken gefragt, sondern visionäres.“</em></p>
<h3><strong>aula wurde zur Erfolgsgeschichte </strong></h3>
<div id="attachment_4662" style="width: 195px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Weisband_Schule.webp"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4662" class="wp-image-4662 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Weisband_Schule-185x300.webp" alt="" width="185" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Weisband_Schule-185x300.webp 185w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Weisband_Schule-200x324.webp 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Weisband_Schule.webp 202w" sizes="(max-width: 185px) 100vw, 185px" /></a><p id="caption-attachment-4662" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie geht es aula?</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Dem Projekt geht es fantastisch. Es gedeiht recht gut. Wir sind inzwischen 16 Leute und ein Hund. Wir haben 125 Botschafter:innen ausgebildet, die in den Regionen helfen, aula an Schulen einzuführen. Wir arbeiten gerade an 50 Schulen. Die Zahl steigt enorm schnell, weil wir auch mit </em><a href="https://teachfirst.de/"><em>Teach First</em></a><em> zusammenarbeiten. Das hat uns die </em><a href="https://www.postcode-lotterie.de/"><em>Deutsche Postcode Lotterie</em></a><em> ermöglicht. Es gibt einige weitere sehr sinnvolle Kooperationen. Wir waren lange nur zu viert und damals mussten alle vier alles machen. Inzwischen haben wir eine Arbeitsteilung. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie ist der Kontakt zu den Ministerien?</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Unterschiedlich bis kompliziert. In einigen Ländern sind wir in der Institutionalisierung weiter als in anderen, in einigen werden wir noch nicht ausreichend wahrgenommen. In Baden-Württemberg und in Hamburg funktioniert es zum Beispiel gut. Dort arbeiten wir mit dem Zentrum für </em><a href="https://zsl-bw.de/,Lde/Startseite"><em>Schulqualität und Lehrerbildung</em></a><em> (ZSL) beziehungsweise dem </em><a href="https://li.hamburg.de/"><em>Landesinstitut für Qualifizierung und Qualitätsentwicklung</em></a><em> (LI) zusammen. In Rheinland-Pfalz gibt es gerade ein Pilotprojekt. Es gibt schon eine Bewegung zu mehr Institutionalisierung, aber wir sind noch nicht so weit, wie ich es gerne hätte. Ich denke, es sollte nicht die Aufgabe einer NGO sein, an Schulen Demokratiebildung zu machen. Wir können anregen, aber letztlich ist es eine staatliche Aufgabe.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: So steht es im Grundgesetz. Das hat Andreas Voßkuhle zum Beispiel im Jahr 2019 in der Frankfurter Paulskirche in seinem Vortrag „Der Bildungsauftrag des Grundgesetzes“ zum 100jährigen Jubiläum des Deutschen Volkshochschulverbandes gesagt (nachlesbar in <a href="https://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/APuZ_2019-16-17_online.pdf">„Aus Politik und Zeitgeschichte“ vom 15. April 2019</a>): <em>„Ein Schlüssel zum <u>status activus</u> des Staatsbürgers ist Bildung. Bildung nicht im klassischen, die Ungebildeten ausschließenden Sinne, sondern Bildung verstanden als „Empowerment“ Das Grundgesetz will den kritischen und informierten, vor allem aber neugierigen Bürger.“ </em>Parallel zum aula-Projekt hatte ich in meinem Magazin das DGB-Projekt <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/yes-we-can/">„Betriebliche Demokratiekompetenz“</a> vorgestellt, die in Betrieben ähnlich arbeiten wie aula. Dieses Projekt wurde jetzt leider beendet. Das Bundesarbeitsministerium (BMAS) hat ungeachtet der Erfolge des Projekts, nicht zuletzt in ostdeutschen Betrieben, die Finanzierung eingestellt. Dort überlässt das BMAS das Feld nun anderen Leuten.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das ist traurig. Wir haben solche Probleme nicht, weil wir in der Finanzierung sehr breit aufgestellt sind. Wir haben Stiftungen im Boot, Privatspenden, auch auf der Landesebene einen Flickenteppich von Finanzierungen. Das macht es auf der einen Seite komplizierter, auf der anderen Seite unser Projekt jedoch resilienter als wenn wir nur von einer einzigen Haushaltsstelle abhängig wären. Uns fehlt natürlich immer noch das Geld, um uns zuverlässig aufstellen zu können. Wir müssen nach wie vor von Jahr zu Jahr neu fundraisen. Aber das geht nicht nur uns so. Es ist ja leider so, dass wir ohne ein verlässliches Demokratiefördergesetz alle immer irgendwie an der Grenze zum Prekariat schweben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Haben Sie Kontakt zu Karin Prien, die jetzt das maßgeblich für ein Demokratiefördergesetz zuständige Bundesministerium leitet?</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Ja. Sie war neulich auch auf einer unserer Veranstaltungen. Ich habe wirklich das Gefühl, dass sie sich intrinsisch für das Thema interessiert und dass sie sehr genau zuhört.</em></p>
<h3><strong>Zurückhaltung ist die falsche Strategie gegen Extremisten und Populisten</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: So weit zum Einstieg über das Projekt, das ich immer gerne weiterempfehle. Wir leben in einer Zeit, die erheblich komplexer und komplizierter ist als dass sie sich mit einem noch so attraktiven Demokratieprojekt zukunftssicher und demokratisch gestalten ließe. Wir erleben in der Ukraine nach der russischen Vollinvasion vom 24. Februar 2022 den vierten Kriegswinter. Wir kämpfen nach wie vor gegen Antisemitismus und gegen Rassismus. Wir haben es nach wie vor nicht geschafft, eine rechtsextremistische Partei in den Parlamenten auf ein minimales Maß zu reduzieren. Alle Ankündigungen, ihren Einfluss zu minimieren, blieben bisher Schall und Rauch. Ich weiß nicht, ob CDU, CSU und SPD ausreichend darüber nachdenken, wie sie die Wähler:innen zurückgewinnen, die sie an die AfD verloren haben. In der Opposition sind die Grünen noch relativ ungeschickt. Geschickter ist die Linke. Vielleicht ist dies ein Lichtblick.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>In der Wirkmächtigkeit des Populismus sehe ich eine Scherenbewegung. Einerseits gibt es Akteure, die einen hybriden Krieg gegen die Demokratie führen. Das haben viele noch nicht so wahrgenommen wie es ist. Wir werden angegriffen, mit Spionage, in der Cybersicherheit und auf einer medialen Ebene. Social Media dienen nicht nur den Eigeninteressen von Milliardären, deren Interessen nicht unbedingt demokratisch sind, sondern werden auch sehr gezielt von autoritären Regierungen und Bewegungen beeinflusst, insbesondere über Bots und organisierte Kampagnen. Das zweite Element dieser Schere ist der fruchtbare Boden, auf den diese Angriffe treffen. Dazu gehören die auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich, ein Gefühl allgemeiner Kontrolllosigkeit, ein Gefühl von Ziel- und Visionslosigkeit der Regierung. Wenn diese Entwicklungen zusammentreffen, Menschen eine berechtigte Verunsicherung fühlen, entsteht daraus auch Wut und diese wird von Populisten gezielt auf noch Schwächere gelenkt. Das funktioniert sehr sehr gut. </em></p>
<p><em>Wir haben keinerlei Mittel seitens der Politik, seitens des Journalismus, wenn ich das so pauschal sagen darf, dagegenzuhalten. Es gibt keine Strategie, es gibt nur ein Reagieren, ein Hinterherrennen. Die CDU macht das Schlimmste aus beiden Welten. Sie bespielt einerseits das Thema, mit dem die AfD gewinnt, liefert aber andererseits keine besseren Lösungen. Das heißt, sie macht das Thema Migration groß, stellt es in den Vordergrund, doch das ist das Thema, mit dem die AfD immer gewinnen wird. Zusätzlich traut sich niemand, weder Bundesregierung noch Bundestag noch Bundesrat, die AfD vom Verfassungsgericht auf ihre Rechtmäßigkeit überprüfen zu lassen, obwohl die Partei von den Verfassungsschutzbehörden weitestgehend als „gesichert rechtsextremistisch“ eingeschätzt wird. Ich finde, Parteien, die so eingeschätzt werden, sollten unbedingt auf ihre Rechtmäßigkeit überprüft werden. Aber vielleicht ist meine Forderung auch naiv. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Naiv ist sie sicherlich nur, wenn man die Ängste derjenigen teilt, die einen Verbotsantrag scheuen. Die einen befürchten einen Misserfolg wie seinerzeit bei den NPD-Verbotsanträgen, andere, dass sich nach einem Verbot sehr schnell etwas Neues, genauso Gefährliches, gründet, wiederum andere, dass die AfD sich während eines Verbotsverfahrens als Opfer darzustellen versteht. Viele nennen auch alle drei Gründe.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Genau das ist für mich das Problem. Wir tanzen so sehr darum herum, dass sich die AfD als Opfer darstellt. Aber das tut sie doch eh schon die ganze Zeit! Sie stellt sich überall als Opfer dar. Die Wahrheit ist, dass wir ihr gar nicht so weit entgegenkommen können, dass sie das nicht mehr tut, denn zum Faschismus gehört untrennbar das Opfernarrativ. Sie wird immer sagen, dass sie unterdrückt wird, bis sie die absolute Macht hat, und selbst dann wird sie so weitermachen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Als Regierungspartei würde sie mit allen ihr dann zur Verfügung stehenden Mitteln repressiv gegen die vorgehen, die sich gegen sie stellen. Die Blaupause wäre das Vorgehen Trumps im ersten Jahr seiner zweiten Präsidentschaft. Noch wurden in den USA Oppositionspolitiker:innen nicht verhaftet und zu Gefängnisstrafen verurteilt, aber wenn man Trump genau zuhört, würde er das sehr begrüßen. Und das ist letztlich nicht nur Rhetorik, sondern gezielte Einschüchterung.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Wann hört eine Partei auf, sich als Opfer darzustellen? Aber wenn ich schon genau weiß, dass sie sich als Opfer darstellen: Warum komme ich ihnen dann immer weiter entgegen, damit sie sich nicht als Opfer fühlen? </em></p>
<h3><strong>Wo gibt es noch Begegnungsräume für Kinder und Jugendliche?</strong></h3>
<div id="attachment_1819" style="width: 243px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1819" class="wp-image-1819 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Spiegelung-c-Markus-C.-Hurek-233x300.jpg" alt="" width="233" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Spiegelung-c-Markus-C.-Hurek-200x258.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Spiegelung-c-Markus-C.-Hurek-233x300.jpg 233w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Spiegelung-c-Markus-C.-Hurek.jpg 400w" sizes="(max-width: 233px) 100vw, 233px" /><p id="caption-attachment-1819" class="wp-caption-text">Marina Weisband ,Spiegelung © Markus C. Hurek</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine wichtige Rolle spielen in all diesen Debatten die Social Media, die dafür verantwortlich gemacht werden, dass Kinder und Jugendliche antidemokratische Parteien und Organisationen bevorzugen oder gar gewalttätig werden. Australien und Neuseeland haben den Zugang für Jugendliche zu Social Media eingeschränkt. Es gibt jetzt eine Altersgrenze. Planungen für solche Altersgrenzen gibt es in Dänemark und Frankreich. Altersgrenzen werden inzwischen auch von Politiker:innen in Deutschland vorgeschlagen. Wie schätzen sie diese Initiativen ein?</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Im Hinblick auf die Frage der Radikalisierung verstehe ich nicht, dass man unter 16jährige in den Blick nimmt. Wie wäre es mit über 50jährigen oder auch anderen Altersgruppen, die genauso oder sogar noch anfälliger sind für Falschinformationen und Propaganda in den sozialen Netzwerken? Was erreichen wir, wenn sich diejenigen, die noch gar nicht wählen dürfen, nicht mehr auf Social Media beteiligen dürfen, sich dort nicht mehr mit ihren Freund:innen austauschen, nicht mehr das, was sie denken oder planen, auf Social Media äußern dürfen? Die Influencer, die Verschwörungstheorien über Social Media verbreiten, sind in der Regel schon lange keine Kinder oder Teenager mehr.</em></p>
<p><em>Eine Altersgrenze für Social Media und das ebenso diskutierte Verbot von Smartphones für Jugendliche und Kinder sind im Übrigen zwei verschiedene Dinge. Sie bewirken auch radikal Unterschiedliches. Aber könnten wir nicht kreativer sein? So viele Jugendliche sind nicht nur Verlierer, sondern auch Gewinner durch Social Media. Ich selbst war definitiv eine Gewinnerin. Wie wäre es, wenn es ein Verbot gäbe, Kinder und Jugendliche auf Social Media als Werbekunden anzusprechen, Werbung für sie auszuspielen?</em> <em>Dann wäre es für die Plattform sofort unattraktiv, rage baiting zu machen, es wäre unattraktiv, die Jugendlichen algorithmisch von der Plattform abhängig zu machen, es wäre unattraktiv, Influencer auszuspielen, die Dinge verkaufen wollen. Sobald ich die Finanzorientierung herausnehme, werden Plattformen gesünder. Das bedeutet natürlich immer noch, dass man sein Alter verifizieren muss. Aber im Gegensatz zu einem pauschalen Verbot des Zugangs für Jugendliche zu Social Media würde ein Werbeverbot ermöglichen, dass Jugendliche sich über Social Media austauschen und das in einer Offline-Welt, die nun wirklich nicht im Sinne von Jugendlichen gestaltet ist. </em></p>
<p><em>Diese Verbotsdebatten haben mit dem eigentlichen Problem nichts zu tun. Wir haben gesehen, dass die Nutzung von Social Media tatsächlich die psychische Gesundheit und Konzentrationsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen beeinträchtigt. Mit der politischen Debatte hat das aber nichts zu tun. Für diese müssen wir regulieren, was auf Social Media erlaubt ist, wie mit KI-generierten Inhalten umzugehen ist, wie schnell Falschinformationen und Hassbotschaften gelöscht werden müssen.</em></p>
<p><em>Solange wir aber Jugendliche aus Innenstädten vertreiben, weil sie nicht genug Geld haben, um sich dort in ein Café zu setzen, und dort einfach nur rumhängen, was aber auch nicht gern gesehen wird. Solange Bänke abgebaut, Jugendzentren geschlossen werden, große Wohnungen für Familien nicht erschwinglich sind, sodass Jugendliche sich auch zu Hause nicht mit Freund:innen treffen können, können wir ihnen nicht den einzigen Raum wegnehmen, in dem sie überhaupt soziale Kontakte haben können.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das wäre ein wichtiger Punkt in der leider verunglückten Stadtbilddebatte gewesen, über den wir hätten streiten können. Es ist ein Drama, dass Kommunen über viele öffentliche Räume gar nicht mehr verfügen, weil die Grundstücke ihnen nicht mehr gehören.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Wenn wir immer mehr öffentliche Räume ausverkaufen, immer mehr Räume für Menschen schließen, treiben wir sie in die Einsamkeit. Das ist dann aber nicht die Schuld von TikTok! Dann ist TikTok nur das Symptom. Wir gehen aber auf eine Welt zu, in der jede:r zweite Wähler:in über 50 Jahre alt ist. Ich habe inzwischen den Kaffee auf, wenn Leute, die erst Probleme für junge Leute schaffen, versuchen, diese Probleme zu lösen, indem sie sie noch weiter an Teilhabe hindern!</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: <a href="https://www.zeit.de/2025/47/angstraeume-kommunen-statbild-einzelhandel-buergermeister">In der ZEIT hatten drei baden-württembergische Bürgermeister Gelegenheit</a>, zur Stadtbilddebatte einen Vorschlag zu formulieren, der Innenstädte in der Tat attraktiver machen könnte. Sie schlugen vor, den Online-Handel höher zu besteuern als Geschäfte in den Innenstädten.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das ist vielleicht eine Lösung, aber andererseits ist es auch visionslos, wenn man meint, dass Leben in Innenstädten nur aus Handel besteht. Könnten wir nicht die Volkshochschule, eine Bibliothek, Einrichtungen, in denen man selbst kochen kann, echte und attraktive Begegnungsorte für Jugendliche und für Familien stärken? Es kann doch nicht sein, dass Karstadt der höchste meiner kommunalen Träume ist.  </em></p>
<h3><strong>Wir brauchen dezentrale und interoperable Plattformen</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Debatten um Social Media waren auch <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-freiheit-ist-konkret/">Thema meines Gesprächs mit Donata Vogtschmidt MdB</a>, die zwei Punkte benannte: Digitale Souveränität und Medienkompetenz. Das dürfte auch Ihren Positionen entsprechen.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Im Grunde ja, aber ich halte Medienkompetenz für den weit schwächeren Teil. Digitale Souveränität ist der stärkere. Ich möchte es in einem Satz zusammenfassen: Die klügsten Köpfe unseres Planeten sind damit beschäftigt, Aufmerksamkeit von allen zu ernten, um sie an Coca-Cola zu verteilen. Wir werden das Problem nicht beheben, indem wir versuchen, Achtklässlern beizubringen, eine Zweitquelle zu suchen. Medienkompetenz ist superwichtig, aber wir haben es ja nicht nur mit öffentlichen Medien zu tun. So ist die freie Medienlandschaft in großer Gefahr, weil soziale Netzwerke und größere Medienhäuser über Algorithmen gesteuert werden, um Aufmerksamkeit zu binden, und sehr reichen Menschen gehören, die ganz klare Interessen haben, zu denen nicht gehört, Menschen in demokratischen Austausch zu bringen. </em></p>
<p><em>Hier findet eine Massenbeeinflussung statt, die sich auch auf Wahlen auswirkt. Und wir sind machtlos, weil die Systeme nicht in Deutschland gehostet sind, weil sie nicht dezentral sind, weil sie Monopolstellungen haben. Wir sind Leuten ausgeliefert, die nach Mar A Lago pilgern und vor Trump knicksen, weil sie die Unterstützung des amerikanischen Staates brauchen, die alle unsere Daten sammeln, um Werbung an uns ausspielen. Das plakativste Beispiel ist Elon Musk. Ich bin ihm dankbar, dass er sich als plakatives Beispiel eignet. Ich bin nicht mehr auf X, weil ich gemerkt habe, dass jedes Mal, wenn ich über die Ukraine schreibe, gerade einmal 200 Leute meinen Post sehen, entgegen 20.000 Leuten, die ihn sonst sehen. </em></p>
<p><em>Gegen Algorithmen kann man nicht mit Medienkompetenz ankämpfen. Wir müssen darüber reden, warum wir eigentlich keine digitalen öffentlichen Räume haben. Ein Beispiel wäre </em><a href="https://joinmastodon.org/de"><em>mastodon</em></a><em>. Das ist eine dezentrale Plattform. Das heißt, ich kann einen Server haben, die ARD kann einen haben, der Chaos Computer Club. Diese Server können miteinander reden, aber unsere Daten liegen nur auf dem Server, dem ich vertraue, dessen Administrator ich kenne. Das heißt, mastodon kann niemals von einem Milliardär gekauft werden, weil es keine in sich geschlossene Plattform ist. Das heißt auch, niemand kann alle User-Daten von mastodon an eine Regierung ausliefern. </em></p>
<p><em>Der Staat, die EU müssen in solche dezentralen Netze investieren. Sie müssen von den großen Unternehmen fordern, dass sie interoperabel werden. Interoperabel bedeutet, dass ich auch Inhalte von instagram, facebook Dinge sehen kann, auch wenn ich nicht auf dieser Plattform bin. Es bedeutet auch, dass man auf instagram und anders wo sehen kann, was ich auf einer unabhängigen Plattform poste. Das würde die Monopolstellung dieser Plattformen brechen, das würde einen freien Markt und Konkurrenz herstellen. Eine Plattform, auf der wir demokratisch kommunizieren, muss uns gehören. Auf einer solchen Plattform gibt es keine Beeinflussungen von außen durch Algorithmen, keine finanziellen Abhängigkeiten von irgendeinem reichen Menschen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie bewerten Sie wikipedia?</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Wikipedia ist fantastisch. Es ist nicht ohne Schwächen. Aber insgesamt sorgt eine große Community mit gegenseitiger Kontrolle dafür, dass die Inhalte ausgewogen und auf jeden Fall faktenbasiert sind, weil es in jedem Fall so viele Nerds gibt, die darauf achten und Falsches sofort löschen. Ich habe versucht, meine eigene Wikipedia-Seite zu bearbeiten und dabei ein bisschen in den Maschinenraum geschaut und gesehen, wie schwer es ist, etwas zu schreiben, das nicht gut belegt ist, das möglicherweise färbend sein könnte. Es ist mir sogar verboten, meine eigene Seite zu bearbeiten. Das müssen immer Dritte machen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und was machen Sie, wenn Sie feststellen, dass einige Daten, die über Sie geschrieben sind, einfach sachlich falsch sind, möglicherweise auch einfach, weil die Quelle, auf die sich jemand bezieht, falsch ist? In harmlosen Fällen sind das dann falsche Jahreszahlen, falsche biografische Daten, es können aber auch verkürzte, möglicherweise sogar ins Gegenteil verkehrte Aussagen aus falsch zitierten Publikationen sein.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das lässt sich über die Diskussionsfenster korrigieren. Wikipedia ist sicherlich nicht frei von Fehlern. Aber wenn ich mir das Projekt von Elon Musk ansehe, das im Grunde eine über Grok veränderte Wikipedia-Kopie ist, auf der er nach Belieben alle Daten zurechtschönen kann, wo KI-Systeme wissenschaftliche Untersuchungen und Datenbanken ersetzen, zumal Menschen zunehmend ihre Informationen über Chatbots suchen, die jedoch die Inhalte wiedergeben ohne dass man auf die Seite klicken muss, die die eigentliche Quelle wäre. Werbezahlen, Klickdaten gehen damit auch verloren. Das bedeutet, dass sich die originalen Formate auf Dauer nicht mehr halten können. Und wenn Journalist:innen nicht mehr recherchieren können, weil ihr Geschäftsmodell durch KI nicht mehr funktioniert, bleiben wir mit nichts anderem zurück als einem statistischen Quatsch-Tool, das sich irgendetwas zurechtfantasieren muss. Das wäre das Ende eines verlässlichen Journalismus. </em></p>
<h3><strong>Meinungsfreiheit versus Faktenbasiertheit</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir sind damit auch bei der Debatte um die Meinungsfreiheit, die in den USA mit dem ersten Verfassungszusatz sehr hochgehalten wird. Von X oder Facebook werden inzwischen wissenschaftlich unhaltbare Aussagen als Meinungsfreiheit verteidigt. Fakten spielen keine Rolle mehr, sie sind letztlich nebensächlich. <a href="https://taz.de/US-Klimaforschung-unter-Beschuss/!6139913/">Wenn Trump beispielsweise das weltweit führende Klimaforschungsinstitut in Colorado schließen will</a>, weil er dessen Ergebnisse für <em>„Klima-Alarmismus“</em> hält, besteht irgendwann auch nicht mehr die Möglichkeit, valide Ergebnisse der Klimaforschung zu veröffentlichen. <a href="https://mwfk.brandenburg.de/sixcms/media.php/9/PM%20300%20Potsdam-Institut%20f%C3%BCr%20Klimafolgenforschung.pdf">In Brandenburg hat die AfD bereits beantragt, dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) die Landesfinanzierung zu entziehen</a>. Damit müsste das Institut schließen, weil die Finanzierungen des Bundes dann ebenfalls eingestellt werden müssten. Zuckerberg hat nach der Vereidigung von Trump im Januar 2025 gesagt, dass er in Zukunft eine Aussage wie die, dass Homosexualität eine Krankheit wäre, nicht mehr löschen werde. Der US-amerikanische Gesundheitsminister behauptet penetrant Zusammenhänge zwischen Impfungen und Autismus, die wissenschaftlich ebenso wenig haltbar sind.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Wenn wir uns auf diesen Streit einlassen – Meinungsfreiheit versus Faktenbasiertheit – haben wir verloren. Ich bin zu 100 Prozent für Meinungsfreiheit und ich bin zu 100 Prozent für Faktenbasiertheit. Wenn jemand sagt, die Welt ist flach, ist das keine Meinung. Der Faschist träumt in seinen feuchten Träumen davon, dass lles eine Meinung ist, weil er dann die Wirklichkeit so gestalten kann wie er will. So funktioniert Wahrheit im Faschismus. Sie wird immer konstruiert, es gibt keine objektive Wahrheit mehr. So kann Trump sagen, er hatte die größte Crowd aller Zeiten bei seiner Amtseinführung im Januar 2017. Wir fragen immer, wie er denn lügen könne, wo doch so offensichtlich sei, dass nicht stimmt was er sagt. Wir fragen das, weil wir nicht sehen, wie im Faschismus Wahrheit funktioniert. Es geht darum, dass man so loyal ist, dass man sagt, ja so war es, oder ob man ein „Feind“ ist. </em></p>
<p><em>Deshalb ist der vermeintliche Gegensatz zwischen Meinungsfreiheit und Faktenbasiertheit totaler Quatsch. Natürlich kann man sagen, man sei gegen Homosexualität. Niemand zwingt jemanden, homosexuell zu werden. Was man nicht sagen kann, ist, der Teufel hätte das so gemacht. Denn dafür gibt es keine Fakten. Man kann jedoch sagen: Ich glaube, dass der Teufel das so gemacht hat. Dann ist man in der Religionsfreiheit. Man kann sagen, meine Religion erlaubt mir nicht, dass gleichgeschlechtliche Partner einander heiraten. Aber man kann nicht biologische Fakten erfinden und sagen, die Welt ist flach und das ist eine Meinung. Es gibt keinen Widerspruch zwischen Meinungsfreiheit und Faktenbasiertheit. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es wird kompliziert, wenn unklar ist, wo Meinungsfreiheit aufhört und <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__130.html">„Volksverhetzung“ gemäß § 130 StGB</a> anfängt. Ronen Steinke stellt in seinem Buch <a href="https://www.piper.de/buecher/meinungsfreiheit-isbn-978-3-8270-1534-1">„Meinungsfreiheit“</a> (Berlin Verlag, 2026) unter andere konkrete Fälle vor, die die Frage aufwerfen, ob man bestimmte Äußerungen verurteilen lassen kann. Eines seiner Beispiele ist die SA-Parole „Alles für Deutschland“, für deren Verwendung der AfD-Vorsitzende in Thüringen strafrechtlich verurteilt wurde. Steinke verwies darauf, dass Cathy Hummels diesen Spruch bei einem internationalen Turnier auf den Fußball bezogen hatte, sehr wahrscheinlich unwissend, woher der Spruch überhaupt kommt. Höcke wusste das mit Sicherheit.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Hier sind wir in einem Bereich, in dem sich die Frage stellt, wo das Recht auf Meinungsfreiheit andere Rechte verletzt. In Deutschland haben wir gesagt, dass bestimmte faschistische Aussagen, die die Nazi-Zeit verherrlichen, nicht von den Freiheitsrechten gedeckt sind, weil Faschismus Menschenrechte verletzt und negiert, weil Faschismus Demokratie zerstört, weil Faschismus anderen Rechte wegnimmt. Mein Recht auf Privatsphäre endet ja auch, wenn ich ein Verbrechen begehe. Ein Richter kann entscheiden, hier hat Frau Weisband kein Recht auf Privatsphäre, hier kann ihre Wohnung durchsucht werden. Genauso endet Meinungsfreiheit dort, wo sie für andere gefährlich ist. Ein Richter muss jetzt auslegen, ob etwas darunterfällt oder nicht. Das ist die Aufgabe der Judikative.</em></p>
<h3><strong>Transparenz und Verantwortung </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auf EU-Ebene wird ebenso wie in den Mitgliedstaaten zurzeit heftig über Datenschutz gestritten. Die einen sehen Datenschutz als bürokratisches Hemmnis, andere legen die geltenden Regelungen, insbesondere die europäische <a href="https://dejure.org/gesetze/DSGVO">Datenschutzgrundverordnung</a> (DGSVO) sehr eng aus.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Datenschutz ist sehr wichtig, aber die DGSVO soll ein Ermöglichungsgesetz sein. Sie wird aber zu häufig als Verbotsgesetz vorgeschoben, weil jemand entweder keine Lust oder Angst hat, etwas zu entscheiden. Ein Beispiel: Manche behaupten, dass die Herausgabe einer Mailingliste verboten wäre. Wäre dies so, könnte man sich in Aktivitätsgruppen nicht mehr vernetzen. Ein professioneller Jurist wird jedoch sagen, für diese Vernetzung gibt es einen eindeutigen Verwendungszweck und die Teilnehmenden haben diesem zugestimmt. Solange ein solcher legitimer Verwendungszweck vorliegt, dürfen wir Daten verarbeiten. Aber wir haben in vielen Institutionen leider nur Halbprofis, die sagen, das ginge nicht, da würden personenbezogene Daten verarbeitet. E-mail-Adressen dürfen gespeichert werden, weil alles Andere unpraktikabel ist. </em></p>
<p><em>Ich selbst arbeite bei aula mit einer Plattform, die Daten von Schüler:innen verarbeitet. Ich sehe auch bei vielen beteiligten Lehrkräften Angst, das könne doch nicht erlaubt sein. Es ist erlaubt. Wir haben es intensiv prüfen lassen, Landesdatenschutzbeauftragte gefragt. Aber gerade Ministerien schieben gerne Datenschutz vor und belasten uns dann auch mit Nachfragen. Da fehlt noch dieses oder jenes Dokument, da bräuchten wir noch ein drittes Gutachten und so weiter. Das Ziel des Datenschutzes ist es jedoch nicht, dass Zivilleben nicht mehr stattfindet, dass wir uns nicht mehr vernetzen können. Das Ziel des Datenschutzes lautet, dass ich weiß, wer meine Daten wozu verarbeitet. Es geht um Transparenz.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie haben mehrfach in unserem Gespräch auf die Visionslosigkeit der Regierung oder auch in Kommunen von den dortigen Verwaltungen hingewiesen. Irgendwie ist es auch eine Visionslosigkeit der Parteiprogramme.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Dies sehe ich eigentlich in allen Parteien, vielleicht noch am wenigstens bei den Grünen und bei der Linken. Für mich vertreten die Grünen ein sozial progressives Gesellschaftsbild. Ich kann mir schon eine Stadt vorstellen, die nach den Vorstellungen der Grünen designt ist und wie die Menschen darin leben. Es fällt mir relativ leicht, hier eine Vision zu sehen. Sie wird nur unsagbar schlecht kommuniziert. Aber das Problem sehe ich bei anderen Parteien noch stärker. Was ist denn die Vision der SPD, was die der CDU? Ich weiß es nicht und ich glaube, dass es auch keine gibt. Viele Akteure sind in der Politik auf der Position, auf der sie sind, weil es die nächste logische Position ist, wenn sie in der Politik aufsteigen wollen. Das gilt nicht für Robert Habeck, aber bei vielen habe ich den Eindruck, dass sie da sind, wo sie sind, weil es der nächste Schritt in der Karriereleiter ist. Diesen Eindruck hatte ich sehr stark bei Olaf Scholz, der in der Ukrainefrage nicht dafür verantwortlich sein wollte, dass die Ukraine verliert, aber auch nicht dafür, dass Russland verliert. Die wesentliche Botschaft schien mir, dass er nicht verantwortlich sein wollte. Aber warum wird jemand Bundeskanzler, der nicht verantwortlich sein will?</em></p>
<p><em>Ich glaube, dass wir in den Parteien so viel Bürokratie haben, dass die Personen nicht nach oben kommen, die diese brennende Vision im Herzen haben. Es ist ja nicht so, dass wir keine Menschen in Deutschland haben, die diese Vision haben. Ich glaube aber, dass sich Macht nicht bei diesen Menschen konzentriert.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Aber vielleicht wollen diese Menschen auch nicht in die Politik?</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Sie wollen nicht in die Politik, weil diese so ist wie sie ist. Ich selbst bin aus der Politik rausgegangen, weil ich verstanden habe, dass ich das, was ich will, in diesem System überhaupt nicht erreichen kann, weil alles so von Verwaltung und Bürokratie zugebaut ist. Das ist so bei jeder Regierung. Ich kann keine ausnehmen. Jede Regierung verwaltet was da ist, aber wir bauen nichts. So wie mit der Infrastruktur ist es auch mit den Ideen. Wir verwalten Ideen, aber wir schaffen keine.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe seit Jahren immer mehr den Eindruck, dass man darüber streitet, was man abbaut, nicht aber über das, was man aufbaut.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Sehr präzise! Weil das Geld immer knapper wird oder zumindest vermeintlich knapper wird, ringt man um die Verteilung des Geldes, aber nicht darum, wofür wir es eigentlich bräuchten. Das ist meines Erachtens der Punkt!</em></p>
<p><em>Es ist so auch mit dem Datenschutz. Wir sprechen darüber, was der Datenschutz behindert, nicht aber was er ermöglicht. Den Datenschutz dann einfach abzuschaffen, wäre eine Kapitulation. Aber wie sähe ein Datenschutzgesetz aus, dass mich ermutigt, etwas zu tun, und das Transparenz herstellt? Wir sagen, wir brauchen weniger Gesetze, weniger Ausgaben, aber wir fragen nicht, wofür wir eigentlich Gesetze und Geld bräuchten.</em></p>
<h3><strong>Der Mamdani-Effekt</strong></h3>
<div id="attachment_7735" style="width: 394px" class="wp-caption alignright"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:NYS_Assemblymember_Mamdani_@_NYTWA_Rally_@_City_Hall_6.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7735" class="wp-image-7735 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/NYS-Assemblymember-Mamdan-@-NYTWA-Rally-@-City-Hall-6-Foto-InformedImages-Wikimedia-Commons-300x200.jpg" alt="" width="384" height="256" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/NYS-Assemblymember-Mamdan-@-NYTWA-Rally-@-City-Hall-6-Foto-InformedImages-Wikimedia-Commons-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/NYS-Assemblymember-Mamdan-@-NYTWA-Rally-@-City-Hall-6-Foto-InformedImages-Wikimedia-Commons-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/NYS-Assemblymember-Mamdan-@-NYTWA-Rally-@-City-Hall-6-Foto-InformedImages-Wikimedia-Commons-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/NYS-Assemblymember-Mamdan-@-NYTWA-Rally-@-City-Hall-6-Foto-InformedImages-Wikimedia-Commons-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/NYS-Assemblymember-Mamdan-@-NYTWA-Rally-@-City-Hall-6-Foto-InformedImages-Wikimedia-Commons-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/NYS-Assemblymember-Mamdan-@-NYTWA-Rally-@-City-Hall-6-Foto-InformedImages-Wikimedia-Commons-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/NYS-Assemblymember-Mamdan-@-NYTWA-Rally-@-City-Hall-6-Foto-InformedImages-Wikimedia-Commons-1024x682.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/NYS-Assemblymember-Mamdan-@-NYTWA-Rally-@-City-Hall-6-Foto-InformedImages-Wikimedia-Commons-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/NYS-Assemblymember-Mamdan-@-NYTWA-Rally-@-City-Hall-6-Foto-InformedImages-Wikimedia-Commons.jpg 1280w" sizes="(max-width: 384px) 100vw, 384px" /></a><p id="caption-attachment-7735" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:NYS_Assemblymember_Mamdani_@_NYTWA_Rally_@_City_Hall_6.jpg">Assemblyman Zohran Mamdani @ Taxi Workers Alliance Rally @ City Hall</a>, Foto: InformedImages. Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.en">Creative Commons Attribution 4.0 International license</a>.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Damit sind wir wieder bei Verfahren, wie sie aula in Schulen erprobt oder wie sie Bürgerräte nutzen. Bürgerräte auf kommunaler Ebene sind recht erfolgreich wie die Initiative <a href="https://www.mehr-demokratie.de/">Mehr Demokratie e.V.</a> dokumentiert. Der schwarz-rote Koalitionsvertrag sieht nun zwar die Fortsetzung <em>„zivilgesellschaftlicher Bürgerräte“</em> vor, doch die zuständige Stabsstelle der Bundestagsverwaltung wurde von der Bundestagspräsidentin jetzt aufgelöst. Jannis Koltermann kommentierte dies am 28. November 2025 in der FAZ: <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/buergerraete-gestoppt-warum-das-der-demokratie-schadet-110792662.html">„Unsere Demokratie muss sich reformieren“</a>. <em>„Bürgerräte sind daher keine Spinnerei der Ampelregierung, sondern der Versuch, Menschen an politischen Prozessen zu beteiligen, die sich sonst oft von ihnen ausgeschlossen fühlen, und sie im wechselseitigen Austausch Kompromisse finden zu lassen, wo der Parteienstreit eher die Polarisierung fördert. Dass der Bürgerrat zur Ernährung bislang kaum Gehör fand, spricht denn auch weniger gegen den Bürgerrat als gegen den Bundestag: Sowohl seine Funktionsweise als auch seine Ergebnisse sind von Wissenschaftlern positiv evaluiert worden.“ </em></p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Darf ich jetzt einmal böse sein? Warum zum Teufel soll ich mich für Demokratie einsetzen, wenn das mächtigste Organ der Demokratie dafür sorgt, dass ich es in Zukunft weniger kann? Wenn im Bundestag mehr Lobbyisten registriert sind als Abgeordnete? Und dann werden Mittel gerade für diejenigen eingestampft, die selbst nicht die Mittel haben, ihre Anliegen vorzubringen, Mittel für die Jugendarbeit, Mittel für Demokratieförderung. Und Nicht-Regierungsorganisationen, die sich für mehr Demokratie einsetzen, werden verteufelt. </em></p>
<p><em>Ich habe das Gefühl, dass Regierung und Bundestag an diesen Fragen offensichtlich einfach kein Interesse haben. Ich möchte ihnen das jedoch nicht unterstellen, ich möchte daran glauben, dass gewählte Politiker:innen sehr viel Interesse an der Beteiligung von Bürger:innen, an Demokratie haben. Natürlich ist es für Populisten zurzeit sehr einfach zu sagen, die da oben interessierten sich nicht. Meine gesamte Lebensaufgabe bestand und besteht darin, diese Dichotomie zwischen „Die da oben“ und „Die da unten“ aufzulösen. Es gibt in einer Demokratie nicht „die da oben“ und „die da unten“. In einer Demokratie sind wir alle Gestalter der Gesellschaft. Und manche sind so freundlich, dass sie das zu ihrem Beruf in Vollzeit machen, um sich tiefer in eine Materie einarbeiten zu können. Manche sind vor allem mit der Erziehung ihrer Kinder beschäftigt, andere mehr in einem Ehrenamt und manche gehen eben in den Bundestag und befassen sich dort mit den Gesetzen. Das ist eine Arbeitsteilung, aber die Gesellschaft gehört uns allen. Das ist für mich die Idee einer Demokratie.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dazu gehört aber auch die Möglichkeit zu verbindlicher Einflussnahme. Es reicht nicht aus, Entscheidungen der Politiker:innen im Bundestag zur Kenntnis zu nehmen. Darauf lassen sich die Leute ja auch immer weniger ein. Ergebnis sind dann oft wütende Proteste, aber keine neuen Formen der Demokratie.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das ist der Punkt! Wenn ich keine Gelegenheit zu verbindlicher Einflussnahme habe, ist es besser, ich habe gar keine Möglichkeiten der Einflussnahme. Der </em><a href="https://www.bundestag.de/parlament/buergerraete/buergerrat_th1"><em>Bürgerrat „Ernährung im Wandel“</em></a><em> war eine solche Pseudo-Einflussnahme. Das stärkt nur den Frust. Er hat 2024 seine Ergebnisse vorgelegt hatte. Diskutiert wurden die Ergebnisse im Bundestag nicht. </em></p>
<p><em>Wir haben international den Trend eines wachsenden Misstrauens in allerlei Institutionen der Demokratie. Wäre ich eine solche Institution – die ich nicht bin – dann würde ich mich doch an die Nase fassen und darüber nachdenken, was ich tun könnte, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen, um zu zeigen: Ich bin für euch da, nicht ihr für mich. Das passiert nicht, das ist es, das mich aufregt! Man rollt der AfD den roten Teppich aus, denn die muss nur sagen, die da sind nicht für euch da und wenn ihr den starken Onkel wählt, werden wir es denen da oben einmal richtig zeigen. Natürlich ist das nicht logisch, natürlich lügen sie, die AfD wird sich am allerwenigsten für ihre Wähler einsetzen. Aber die Geschichte kommt an, weil Institutionen keine oder zu wenig Bemühungen zeigen, sich als arbeitsteiliges Element unseres Staates zu verstehen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich denke, dass es schon einige Politiker:innen gibt, die in diese Richtung denken. Sehr positiv schätze ich zum Beispiel Felix Banaszak ein, der – wenn ich das so sagen darf – begriffen hat, woran die derzeitige Praxis der Demokratie krankt.</p>
<p><strong>Marina Weisband </strong>(im Ton jetzt viel versöhnlicher): <em>Ganz ganz viele. Heidi Reichinnek zum Beispiel auch. Ich sehe viele helle Lichter, aber ich mache mir die Sorge, wie überleben diese Politiker:innen im Politikbetrieb, ich fürchte, dass manche wieder frustriert rausgehen. Aber ich hoffe immer, dass es jemand schafft durchzubrechen.</em></p>
<p><em>Die nächste Welle wird eine Welle des linken Populismus sein. Es wird jemand sein, der es schafft, die Menschen mit der Idee zu einen, dass wir alle doch sehr legitime gemeinsame Bedürfnisse haben, das Bedürfnis nach Sicherheit, das Bedürfnis nach Absicherung, das Bedürfnis, gesehen zu werden, das Bedürfnis, Einfluss zu haben, das Bedürfnis nach Kontrolle. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sind wir dann bei Zohran Mamdani?</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Ja, wir sind dann bei Mamdani. Sein Erfolg hat mich überhaupt nicht überrascht. Es hat mich auch nicht überrascht, dass Trump ihn beim Besuch im Weißen Haus so gefeiert hat. Trump spricht die gleichen Urinstinkte an wie Mamdani. Trump lügt in den Fakten, aber er holt die Leute auf einer emotionalen Ebene ab. Das macht Mamdani auch, aber er hat eine bessere Politik: Seine Antworten würden tatsächlich die Probleme beheben, die dieser Wut zugrunde liegen. Trump richtet einfach nur die Wut auf andere. Das ist der Unterschied zwischen Trump und Mamdani. </em></p>
<p><em>Auf der emotionalen Ebene fehlt diese Ansprache im Stile Mamdanis in der deutschen Politik komplett. Immer wenn ich gegenüber Ministerien sage, für viele Menschen sei es schwer, eine bezahlbare Wohnung zu finden, sagt man mir, ja, wir machen doch schon so viel. Das holt mich aber emotional überhaupt nicht ab. Offensichtlich funktioniert es nicht! Offensichtlich ist doch grundsätzlich etwas kaputt, wenn in der Pandemie reiche Menschen immer reicher werden, wenn reiche Menschen zunehmend die Medien kontrollieren und damit auch Wahlen beeinflussen. Dann kann man doch nicht sagen, wir machen ja schon viel! Das ist nicht einmal ein Trostpflaster.</em></p>
<p><em>Warum gibt es bei Politiker:innen so wenig ehrliche Empörung, warum legen sie so wenig klar und deutlich dar, was sie vorhaben. Mamdani hat ähnliche Qualitäten wie Robert Habeck. Er ist ein großer Erklärer. Er erklärt Dinge auf eine einfache verständliche Art und Weise. Dann können Menschen erkennen, welche Optionen sie haben und warum sie sich für welche entscheiden können.</em></p>
<h3><strong>Mit Aufmerksamkeit gegen das Rotkäppchensyndrom</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es wäre viel gewonnen, wenn solche Erklärer mehr Gehör fänden. Dabei ist es meines Erachtens noch nicht einmal wichtig, ob dies über Social Media oder über klassische Medien erreicht wird.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Ich denke ohnehin, dass der Unterschied zwischen Social Media und klassischen Medien überschätzt wird. Beide haben Anreizstrukturen, die Werbung verkaufen wollen, beide existieren in der Aufmerksamkeitsökonomie, basieren auf menschlicher Psychologie. Viele der problematischen Mechanismen sind bei beiden problematisch. Solange wir kein Mediensystem haben, das grundlegend und in erster Linie das Ziel verfolgt, Demokratie zu stärken, hat die Demokratie ein Problem. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sind wir da nicht wieder bei dem Thema Medienkompetenz?</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Wie kann Medienkompetenz einen Anreiz schaffen, Medien auf die eine oder andere Art herzustellen? Wenn ich eine Zeitung habe, ist der erste Anreiz, mit dieser Zeitung Geld zu verdienen. Ich muss ja meine Mitarbeiter:innen bezahlen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und das wird immer schwerer, sodass viele Lokalzeitungen inzwischen identische Rubriken haben, beispielsweise bei Artikeln über die aktuelle Politik. Über diese Form der Medienkonzentration wissen viele Leser:innen nichts.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Informationsvermittlung ist ein zweiter Anreiz, aber der wird immer schwächer sein als der erste Anreiz. Ohne den ersten kann ich den zweiten Anreiz nicht verwirklichen. Da hilft Medienkompetenz nicht. Medienkompetenz kann nicht helfen, dass ich immer mehr Aufmerksamkeit auf negative und radikale Schlagzeilen richte. Das ist menschliche Psychologie: Wir haben uns aus Leuten entwickelt, die Angst vor Säbelzahntigern hatten, die auf Gefahren aus ihrer Umwelt reagieren mussten. Ich kann gar nicht so viel Medienkompetenz erwerben, dass ich eine positive Nachricht eher konsumiere als eine negative. Solange Medien einen Anreiz haben, mir das zu liefern, was ich am leichtesten konsumiere, weil sie ja Werbung verkaufen wollen, werden sie mir negative Nachrichten liefern. Die Regierung, die Welt sehen somit negativer aus als sie sind. Vielleicht funktioniert die Regierung eigentlich ganz hervorragend, aber wir werden es nicht erfahren. „Gesetz wurde beschlossen, Gesetz ist gut“ ist keine Nachricht.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Säbelzahntiger sind das Symbol der Bedrohungen der Urzeit, heute sind es die Wölfe. Ich nenne das einmal das Rotkäppchensyndrom. Wir werden vor allerlei Gefahren gewarnt, obwohl niemand genau weiß, wie groß diese Gefahr wirklich ist. Im Ergebnis überschätzen wir dann die Gefahren, die leicht darstellbar sind, und unterschätzen die komplexen Gefahren, beispielsweise die Folgen einer antidemokratischen, autoritären Politik.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Ich muss immer eine Gefahr präsentieren, das sprichwörtliche Haar in der Suppe suchen. Eine Ärztin hat heute 20 Leben gerettet, das ist keine Story. Ein Terrorist hat 20 Menschen getötet, das ist eine Story. </em></p>
<p><em>Gute Journalist:innen wissen das, aber sie haben auch Verleger und Chefredakteure, die ihnen sagen, das liest doch niemand und wir müssen dich bezahlen! Und damit bin ich wieder bei der Werbung, mit der sich die Medien finanzieren, bei der Abhängigkeit von Verkaufszahlen und von Klicks. Kein Maß an Kompetenz überwindet faule Anreizstrukturen. Bei einer genossenschaftlichen Zeitung wäre das vielleicht anders, aber eine Zeitung, die aus dem System ausbricht, würde heute sofort pleitegehen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Damit wären wir bei dem Problem von Kapitalismus schlechthin.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Ich würde nicht mehr von einem Kapitalismus-Problem sprechen, sondern von einem Korporatismus-Problem, wo sogar der freie Markt, der bisher eine heilige Kuh war, abgeschafft wird. Ich hatte nicht auf meiner Bingo-Karte, dass ich mich 2026 für den freien Markt einsetze. Wir haben inzwischen eine fiese Mischung von Monopolkräften und Politikern, die immer autoritärer werden. Noch nicht auf Deutschland bezogen, aber die Reise geht dorthin, wenn wir nicht umdenken. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir nannten eben einige Politiker:innen, die das wissen und versuchen, danach zu handeln. Bleibt die Frage, wie wir sie unterstützen könnten.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Durch Aufmerksamkeit. Politik funktioniert wie Medien durch Aufmerksamkeit. Je weniger darüber lästern, was Friedrich Merz mal wieder Dummes über ein anderes Land oder worüber auch immer gesagt hat, je mehr wir sagen, diese oder jene Person hat einen klugen Gedanken, hat hier ein kluges Interview gegeben, umso mehr stärken wir sie. Desto mehr mediale Aufmerksamkeit schaffen wir für diese Politiker:innen. Mediale Aufmerksamkeit ist in der Politik eben Werbung. </em></p>
<p><em>Ich kenne das ja selbst. Wenn ich früher hörte, dass jemand was Dummes gesagt hat, bin ich auch auf Twitter gegangen und habe kritisiert, was jemand da Dummes gesagt hat. Aber warum potenzieren wir die Aufmerksamkeit für dumme und böse Menschen? Warum machen wir nicht Menschen bekannter, die klug sind, die Visionen formulieren? Das würde ihnen mehr Macht geben, denn Aufmerksamkeit ist Macht. Das wäre eine Aufmerksamkeit, die von uns gesteuert wird! Wir verleihen diese Macht durch die Dinge, die wir lesen, die wir teilen, die wir erzählen. Wir gehen mit der Ressource der Aufmerksamkeit sehr unvorsichtig, sehr unbedacht um.    </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Januar 2026, Internetzugriffe zuletzt am 4. Januar 2026, Titelbild: Hans Peter Schaefer.)</p>
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		<title>Jenseits der Zärtlichkeit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 20 Dec 2025 15:33:19 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Jenseits der Zärtlichkeit Gedanken über die Zukunft eines Gefühls nach Butscha „Möge die Hand, die diese Zärtlichkeit schreibt, niemals erzittern.“ Der Legende nach entdeckte ein kundiger Forscher der altkirchlichen Baukunst mit wachem, forschendem Blick an der Wand einer der Kyjiwer Kathedralen diese merkwürdige Inschrift in altslawischer Schrift – hinterließ jedoch lediglich eine mündliche Überlieferung  [...]</p>
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<h1><strong>Jenseits der Zärtlichkeit</strong></h1>
<h2><strong>Gedanken über die Zukunft eines Gefühls nach Butscha</strong></h2>
<p><em>„Möge die Hand, die diese Zärtlichkeit schreibt, niemals erzittern.“</em></p>
<p>Der Legende nach entdeckte ein kundiger Forscher der altkirchlichen Baukunst mit wachem, forschendem Blick an der Wand einer der Kyjiwer Kathedralen diese merkwürdige Inschrift in altslawischer Schrift – hinterließ jedoch lediglich eine mündliche Überlieferung davon, ohne je zu erklären, ob es sich um ein Zitat aus einer Chronik oder um die schöpferische Erfindung eines der Restauratoren handelte.</p>
<p>Als ich über diesen legendären Satz nachdachte, der uns durch die Jahrhunderte hindurch erreicht hat und die Vorstellungskraft beflügelt, näherte ich mich seiner klaren und wohlwollenden Bedeutung mit besonderer Ehrfurcht. Wir wissen nicht, wer diese Botschaft an die Welt hinterlassen hat – wer hier so stoisch Fürsorge, ja eher noch Sorge, in Gestalt von Zärtlichkeit bekundete, wessen wachsames Herz nach diesem „letzten“ intimen Gefühl fragte, das uns anvertraut ist – als einzig mögliche Absolution für ein unmögliches Universum.</p>
<p>Dieser Bote besitzt keine Biografie außer dieser einen Spur, die er am Körper einer alten Kathedrale hinterlassen hat – ein flüchtiges Zeichen seiner Anwesenheit in der Welt, ein Abbild eines Gebets, eine Art Hilferuf, der nicht an uns, sondern an Gott gerichtet ist. Höchstwahrscheinlich hatte der Bittende niemals die Absicht, dass diese Zeilen von neugierigen Müßiggängern wie Ihnen oder mir gelesen würden, sondern hoffte vielmehr, dass seine Ängste, Sorgen und Befürchtungen vom Schöpfer vernommen würden.</p>
<p>Es ist nichts Geringeres als der schüchterne Versuch, die Welt an etwas Wichtiges zu erinnern – vielleicht an das Wichtigste überhaupt. An etwas, das danach verlangt, freigesetzt zu werden, um in die wirkliche Welt zurückzukehren und dort seinen ihm gebührenden, engagierten Platz einzunehmen. In den Tiefen der Zeit verloren, bezeugt diese Inschrift, dass in dieser Welt etwas Unruhiges fortbesteht – etwas, das niemals Frieden kennt: die Zärtlichkeit.</p>
<h3><strong>Krise der Zärtlichkeit?</strong></h3>
<p>Wer kümmert sich in unseren gnadenlosen Zeiten noch um Zärtlichkeit, mögen Sie fragen – wenn das Blut unschuldiger Opfer vergossen wird, wenn globale Katastrophen wüten, wenn Bomben explodieren und ganze Städte wieder zu Staub werden. Zärtlichkeit erscheint allzu indirekt, allzu vermittelt, allzu unzeitgemäß, allzu flüchtig, um uns mit brutaler Unmittelbarkeit zu überwältigen. Sie sucht ihre Erfüllung in der Welt der Menschen und der Dinge, wie eine Materie, die geformt werden will. Ihr tiefstes Verlangen ist es, in der Welt eine positive Gestalt anzunehmen – im Widerstand gegen das Böse, die Gewalt und die Absurdität der Existenz; mit anderen Worten: von der Welt hervorgebracht zu werden. Ihrem Wesen nach widersetzt sie sich der Unpersönlichkeit und der Rationalität. All ihre Erscheinungsformen sind Ausdruck des Geheimnisses der Verknüpfung – oder, wie Nietzsche in „Jenseits von Gut und Böse“ nahelegt, ihrer verfänglichen Verwandtschaft (<em>„Es wäre sogar noch möglich, dass was den Werth jener guten und verehrten Dinge ausmacht, gerade darin bestünde, mit jenen schlimmen, scheinbar entgegengesetzten Dingen auf verfängliche Weise verwandt, verknüpft, verhäkelt, vielleicht gar wesensgleich zu sein.“</em>) – mit scheinbar Gegensätzlichem: mit Dingen, die mit ihr verbunden und vereint sind, vielleicht sogar ihrem Wesen nach mit ihr identisch. Ihre seltsamen, mitunter widersprüchlichen Konturen greifen ineinander und bereichern einander …</p>
<p>Zunächst wollen wir versuchen, zu bestimmen, was Zärtlichkeit eigentlich ist. Hat das Thema der Zärtlichkeit – das wir aus den Liebkosungen unserer Eltern geerbt haben und das gemeinhin mit mütterlicher Fürsorge identifiziert wird – seine Aktualität verloren? Haben wir es hier nicht mit etwas Äußerlichem, etwas Oberflächlichem zu tun, das in einem gewissen Abstand zur Ereignishaftigkeit jener Spuren und Anachronismen steht, die von der Moderne und der Kraft unserer Überzeugungen auszumerzen gezwungen werden? Es lohnt sich festzuhalten, dass Zärtlichkeit von uns weniger als eine ethische – geschweige denn ontologische – Gegebenheit begriffen, imaginiert und erfahren wird, sondern vielmehr als eine unerfüllte Aufgabe.</p>
<p>Und der Prozess der Kultivierung von Zärtlichkeit (in Anlehnung an einen Hinweis der „vegetativen“ Philosophin Luce Irigaray), der einen universellen Charakter annimmt, ist unausweichlich dazu verpflichtet, in unterschiedliche Bereiche des gesellschaftlichen Lebens einzudringen – einschließlich der politischen Sphäre mit ihren oft gewaltsamen Erfahrungen und der traumatischen Beschaffenheit ihrer Folgen. Zugleich ist dies die Verpflichtung, das zurückzuweisen und offenzulegen, was sich hinter der Maske der Ungerechtigkeit verbirgt – all das, was als repressiver, heuchlerischer Mechanismus der Kontrolle über das menschliche Bewusstsein und über schöpferische Impulse funktioniert.</p>
<p>Gerade dieser Charakter der <em>„Zärtlichkeit“</em>, in einem kämpferisch-nietzscheanischen Sinne verstanden, ist es jedoch, der dazu aufgerufen ist, sich gegen die bisweilen hoffnungslos verstümmelten, bis zur Unkenntlichkeit entstellten Lebensformen zu erheben und uns dazu zwingt, darüber nachzudenken, wie diese im Sinne zeitgenössischer humanistischer Bestrebungen korrigiert werden können.</p>
<h3><strong>Kontexte und Widersprüche</strong></h3>
<p>Die Literatur ist reich an Beispielen menschlicher Zärtlichkeit – von den erhabenen, romantischen, sentimentalen Vorstellungen früherer Zeiten bis hin zu den intensiven, mitunter schmerzhaften Erkundungen zeitgenössischer Autor:innen. Unsere Zivilisation zeichnet sich dadurch aus, dass sie über Zärtlichkeit und Gefühle reflektiert, wobei sie meist von paarigen, nicht widersprüchlichen Begriffen ausgeht, die Zusammenhänge bejahen: Zärtlichkeit/Begehren, Zärtlichkeit/Fürsorge, Zärtlichkeit/Körperlichkeit, Zärtlichkeit/Mutterschaft, Zärtlichkeit/Weiblichkeit, Zärtlichkeit/Melancholie. Daneben finden sich jedoch auch ausgesprochen räuberische, anarchische Paarungen: Zärtlichkeit/Grausamkeit, Zärtlichkeit/Tyrannei, Zärtlichkeit/Tabu.</p>
<p>Dieser einfachen Einheit beraubt, sind diese Gegensätze – zwischen denen eine gewisse Spannung besteht – <a href="https://www.semiotexte.com/fatal-strategies">nach Jean Baudrillard</a> gerade deshalb dazu fähig, eine größere differentielle Energie hervorzubringen, die Dinge strenger und komplexer zu ordnen und die Welt zu organisieren. Mitunter scheint es, als gehörten sie derselben Welt an: Zärtlichkeit schlägt im selben Maß in Zorn um, wie Zorn zu Zärtlichkeit wird. Und dort, wo die Wahrheit aufhört, Widerstand zu leisten, oder wo sie sich vernünftig <em>„mäßigt“</em>, schlägt das Pendel unweigerlich in die entgegengesetzte Richtung aus, und wir sehen mit eigenen Augen, wie Zärtlichkeit ihre Authentizität verliert, Barmherzigkeit zu maßvoller Gerechtigkeit wird und – so <a href="https://theimaginativeconservative.org/2016/09/tyranny-tenderness-dwight-longenecker.html">Dwight Longecker in „The Tyranny of Tenderness“</a> – Mitgefühl seiner Moralität und seines Sinns beraubt ist.</p>
<p>Tatsächlich lenken scharfsinnige Geister unsere Aufmerksamkeit darauf, dass es gerade im Bereich dieser Nähe zur Zärtlichkeit ist, wo die schrecklichsten wie auch die schönsten Dinge geschehen. Einfach gesagt: Alle Versuche, Zärtlichkeit zu definieren, greifen zwangsläufig auf unvermeidliche Widersprüche, ja sogar Paradoxien zurück. Unter Berücksichtigung dieses widersprüchlichen Bündnisses werden wir im Folgenden nur einige der möglichen Beispiele anführen. Doch verlangen Sie von der Autorin beziehungsweise dem Autor keine vollständig ausgearbeiteten Argumente: Wir bewegen uns hier auf unsicherem theoretischem Terrain, ohne klare prozedurale Lösungen in Bezug auf die Zärtlichkeit in Aussicht.</p>
<p>Denn alles, was <em>„jenseits“</em> der wortkargen, zurückhaltenden, unterdrückten Form ihres Daseins liegt, ist weitaus klarer, stärker differenziert, evidenter und sehr viel besser in den linearen Formen des Diskurses ausdrückbar. Zunächst ist festzuhalten, dass der vorliegende Essay keineswegs den Anspruch erhebt, eine umfassende oder auch nur konsistente Reflexion über die Zärtlichkeit zu bieten. Für Leser:innen, die ein solches Bedürfnis haben, gibt es vielleicht das Buch des amerikanischen Philosophen David Farrell Krell, das derzeit gründlichste Buch zu diesem Thema: „<a href="https://sunypress.edu/Books/T/The-Cudgel-and-the-Caress">The Cudgel and the Caress: Reflections on Cruelty and Tenderness</a>“, das die griechische Tragödie und die griechische Epik aus der Perspektive von Erzählern untersucht, die auf das Thema der Zärtlichkeit eingestimmt sind – Freud, Nietzsche, Derrida und andere Philosoph:innen.</p>
<p>Beiläufig sei erwähnt, dass dieses Buch aus dem Scheitern des Autors hervorgegangen ist – aus seiner in frühen Essays gemachten Erfahrung, überhaupt nichts über Zärtlichkeit sagen zu können. Darüber hinaus müssen wir uns auf bestimmte aporetische Momente konzentrieren, die uns später helfen werden zu verstehen, was mit der Zärtlichkeit im Feld der ukrainischen Kunst im Krieg geschieht – und auch, ob wir nicht den einzig möglichen Befund anerkennen müssen: dass die Zärtlichkeit heute zu nichts anderem verurteilt ist als zur Magie ihres eigenen Verschwindens. Wir erlauben uns, dieses Problem in der Form gänzlich fragmentarischer Gedanken und Beobachtungen zu <em>„entfalten“</em>; dies wird es der Leserschaft zwar nicht ermöglichen, eine kohärente Vorstellung vom Gegenstand unseres Interesses zu gewinnen, wohl aber dazu beitragen, diejenige – zumindest ein wenig – zu justieren, die sich andernfalls auf konventionelle Weise einstellen würde.</p>
<p>Ich weiß nicht, ob <a href="https://archive.org/details/tractatuslogicop1971witt">Ludwig Wittgenstein</a> recht hatte, als er sagte, dass wir, um dem Denken eine Grenze zu ziehen, fähig sein müssten, auf beiden Seiten dieser Grenze zu denken – was per definitionem schlicht unmöglich ist. Doch wir müssen uns dieser <em>„Unmöglichkeit“</em> stellen und versuchen, beide Seiten der Argumentation zu entfalten, um einen Horizont zu eröffnen, der andernfalls die sich dahinter erstreckende Landschaft zu verbergen scheint.</p>
<p>Sorgfältig über Zärtlichkeit nachzudenken heißt daher, jenseits von Zärtlichkeit zu denken – in einem kollektiven Sinne, in dem das Andere, das Fremde, die vorgegebene Harmonie destabilisiert. Auch <a href="https://archive.org/details/statesoftheoryhi0000unse">Jacques Derrida</a> hat deutlich gemacht, dass „<em>Kräfte niemals ohne Repräsentationen wirksam werden, ohne Spiegelbilder, ohne Phänomene der Brechung und Beugung, ohne Reflexion oder Wiederaneignung unterschiedlicher oder entgegengesetzter Kräfte, ohne Identifikation mit dem Anderen oder mit dem Gegner usw. – ohne diese ganze Vielzahl von Strukturen, die jede identifizierbare Kraft teilen, sie de-identifizieren und sie im Prozess ihrer eigenen Dissemination verschieben.“</em></p>
<h3><strong>Die Welt der kleinen Dinge</strong></h3>
<p>In diesem dicht gedrängten Feld unzähliger Kräfte – in dem es nicht mehr möglich ist, ihre Anzahl oder ihre sich ständig verändernden Proportionen zu erfassen – hat die Zärtlichkeit ihren Ort. Unter den Bedingungen des Ausnahmezustands sorgfältig über Zärtlichkeit nachzudenken heißt – so <a href="https://www.pdcnet.org/8525763B0050E6F8/file/5A0230445281C62B852581F70060C9E2/$FILE/techne_2017_0021_0002_0275_0293.pdf">Bernard Stiegler in seinem Aufsatz „What is Called Caring?“</a> –, die Grenzerfahrung ihres Seins zu denken – nicht sich selbst überlassen, sondern geöffnet auf die Verbindung mit einem anderen ontologischen Anfang, einem Anfang, der nicht getrennt ist von der bedrückenden Präsenz des Schreckens der Gewalt, der, wie so oft, bereits vorausgeeilt ist.</p>
<p>Dies ist die Aporie und das Kopfschmerz verursachende Moment dieser Grenzerfahrung: ein ungleiches Verhältnis zwischen dem Wohlwollenden und dem Böswilligen, die sich der Welt in unterschiedlicher Intensität darbieten.</p>
<p>Der Versuch, Zärtlichkeit in die Formen der Identität einzuschließen, erlaubte es Hannah Arendt, sowohl die Wünschbarkeit als auch die Fremdheit dieses berührenden Gefühls zaghaft zu erspüren. In <a href="https://download.klostermann.de/leseprobe/9783465041962_leseprobe.pdf">einem Brief</a> an Heidegger aus dem Jahr 1925, düster mit <em>„Schatten“</em> überschrieben, spricht die träumerische Studentin Arendt von einer spürbaren <em>„</em><em>Zärtlichkeit zu den Dingen der Welt</em><em>“</em>. Arendts Gedankengang – in seiner Plötzlichkeit und Unstetigkeit – steht dem Leben näher als der Philosophie: <em>„</em><em>Denn Fremdheit und Zärtlichkeit drohten ihr schon früh eins und identisch zu werden. Zärtlichkeit bedeutete scheue, zurückgehaltene Zuneigung, kein Sich-Geben, sondern ein Abtasten, das Streicheln, Freude und Verwundern an fremden Formen war.</em><em>“</em></p>
<p>Sie schreibt auch von einem anhaltenden, beinahe greifbaren Gefühl der Sehnsucht, das die Energie, die Aufmerksamkeit und den Rhythmus ihres Lebens leitete, wann immer sie sich dem hingab, was gewöhnlich als <em>„der Prozess des Denkens“</em> bezeichnet wird. Mitunter wurde dieses sehnsuchtsvolle Verlangen nach etwas oder jemandem, nach dem Verschwundenen, dem Nicht-Verwirklichten, dem Unmöglichen<em>, „von einer Angst vor der Wirklichkeit überwältigt – einer sinnlosen, grundlosen, leeren Angst, die mit ihrem blinden Blick alles ins Nichts verwandelte, jener Angst, die selbst Wahnsinn, Freudlosigkeit, Trauer und Vernichtung ist.“</em></p>
<p>Arendts Zärtlichkeit ist ein Zustand, der <em>„strukturell“</em> – im Sinne einer nicht systematisch ausgearbeiteten, gleichsam <em>„abwesenden“</em> Struktur nach Umberto Ecos „<a href="https://www.abebooks.it/9788845207112/struttura-assente-Eco-Umberto-8845207110/plp">La struttura assente</a>“ – neben anderen Zuständen verortet ist und sich zugleich von ihnen absetzt. Es scheint, dass sie später so etwas wie eine Ethik der Zärtlichkeit vorgeschlagen hat – verstanden als Selbstvervollkommnung durch den Akt der Zärtlichkeit –, doch hat sie Zärtlichkeit weder als eine Vielzahl von Erscheinungsformen menschlichen Zusammenlebens noch als kollektives Streben und als eine Weise des In-der-Welt-Seins verstanden oder analysiert.</p>
<p>Wenn ich heute zu Hannah Arendt zurückkehre, insbesondere zu <a href="https://archive.org/details/dli.ernet.528547">„The Human Condition“</a>, kann ich nicht umhin, mich zu fragen: Endete ihr Verständnis von Zärtlichkeit tatsächlich bei ihrer persönlichen Beziehung zur Welt und blieb es damit als unpolitisch identifiziert und definiert, oder interessierte sie sich dennoch für das Potenzial und die Wirkmacht geteilter Zärtlichkeit – für ihr Übergehen in die Welt der Dinge und der anderen Menschen? Indem sie der Zärtlichkeit half, ihren Weg in die Welt zu finden, bemerkte sie, wie die Franzosen mit ihrer beispielhaften Familienstruktur den Ruf erlangt hatten,<em> „happy among ‚small things,’ within the space of their own four walls, between chest and bed, table and chair, dog and cat and flowerpot, extending to these things a care and tenderness which, in a world where rapid industrialization constantly kills off the things of yesterday to produce today’s objects, may even appear to be the world’s last, purely humane corner</em>” („<em>glücklich unter den </em><em>‚</em><em>kleinen Dingen‘ zu sein, im Raum der eigenen vier Wände, zwischen Kommode und Bett, Tisch und Stuhl, Hund und Katze und Blumentopf, und diesen Dingen eine Sorgfalt und Zärtlichkeit zuzuwenden, die in einer Welt, in der die rasche Industrialisierung die Dinge von gestern ständig tötet, um die Gegenstände von heute hervorzubringen, vielleicht als die letzte, rein menschliche Ecke der Welt erscheinen mag</em>“).</p>
<p>Die Welt dieser <em>„kleinen Dinge“</em> entzieht sich dem vereinfachenden, vertrauten Blick, besitzt jedoch eine <em>„versammelnde Kraft“</em>: Sie ist wohlgeordnet und behaglich, ohne innere Risse, Brüche oder Zonen des Schweigens; sie ist gewöhnlich in ihrer Gewöhnlichkeit, alltäglich in ihrer Alltäglichkeit und sogar banal in ihrer Banalität. Hier mag die Leserin oder der Leser vielleicht die eindrücklichste, im wörtlichsten Sinne überzeugende Illustration von Arendts These über die <em>„Gemeinschaft der Welt“</em> erkennen.</p>
<p>Eine solche Verbindung zu finden, die sich als stark genug erweisen könnte – dies ist, so ließe sich argumentieren, eine der wesentlichen Bewegungsrichtungen der zeitgenössischen ukrainischen Kunst: eine Art Rückzug aus einer unbewohnbaren umgebenden Welt oder eine Kompensation für sie. Eine spezifische, verdichtete Absolutsetzung des <em>„Kleinen“</em>, des Minimalen, Kargen und Stillen, des Unsichtbaren; die Suche nach einem <em>„Zufluchtsort“</em>, um zu retten, was noch zu retten ist – darüber nicht zu schweigen, darum ringen ukrainische Künstlerinnen und Künstler im Krieg. Genau hier vollzieht sich der Durchbruch zur Authentizität, ein Durchbruch, der eine explosive Kraft annimmt, frei von Fatalismus, Defätismus und – unmissverständlich – Zynismus.</p>
<h3><strong>Gemeinsames Unglück?</strong></h3>
<p>Doch im Leben gibt es das Grauen, eine „Mauer“ – im <a href="http://www.elimeyerhoff.com/books/Deleuze/Deleuze%20-%20Logic%20of%20sense.pdf">deleuzianischen</a> Horizont von Grenze und Oberfläche –, oder schlimmer noch: die Unwilligkeit der Welt, Verbrechen angemessen zu verurteilen, eine Bereitschaft, Unmenschlichkeit zu rechtfertigen, Länder, Kulturen und Kontinente gegeneinander auszuspielen, die Hoffnung auf eine wechselseitige Bewegung aufeinander zu untergraben und die Erfahrung der Verteidiger mit jener der Aggressoren gleichzusetzen. All dies zwingt uns dazu, „<em>Schreie, Übelkeit und Verzweiflung in diplomatische Formulierungen und Bitten an internationale Medien zu verpacken und sie daran zu erinnern, dass die Erfahrungen von Ukrainer:innen und Russ:innen in diesem Genozid nicht miteinander vergleichbar sind</em>.“</p>
<p>Die zitierten Zeilen aus einem jüngsten Artikel im Guardian sind die Antwort und der Zorn des ukrainischen Intellektuellen <a href="https://www.theguardian.com/commentisfree/2025/feb/26/world-russia-ukraine-bucha-izium-atrocities">Oleksandr Mykhed</a> auf eine weitere ambitionierte, beiläufig hingeworfene Bemerkung des <a href="https://www.kyivpost.com/uk/post/33221"><em>„Putin-kritischen“</em> Russen</a>, des Schriftstellers und Pazifisten Boris Akunin, der behauptete, wir erlebten den dritten Jahrestag <em>„unseres gemeinsamen Unglücks“</em>. Hier hätte Akunin Tolstois Selbstbeschreibung als Schriftsteller verdient, der sich selbst lediglich als <em>„</em><a href="https://rvb.ru/tolstoy/01text/vol_22/1499.htm"><em>einen Jungen, einen Schüler, und noch dazu einen schlechten, wenig fleißigen Schüler“</em></a> in Fragen der moralischen Vervollkommnung sah – weil er <a href="https://www.100bestbooks.ru/read_book.php?item_id=8234">mit allen Lastern der Welt <em>„begabt“</em> gewesen sei</a>. Es scheint, dass der <em>„begabte“</em> Akunin, ohne nennenswerte Erfolge <em>„in der Sache der moralischen Vervollkommnung“</em>, sich nun, am dritten Jahrestag der monströsen genozidalen russischen Aggression, daran erinnern lassen muss, dass Unglück keinen gemeinsamen Körper hat: Es entfaltet sich und strahlt aus in konkreten geografischen Koordinaten, ist unauflöslich an Orte gebunden und in die Haut jener Ukrainer:innen eingeschrieben, die ihre Angehörigen auf dem Schlachtfeld oder infolge grausamer Raketenangriffe auf zivile Infrastruktur verloren haben. Es kann nicht geteilt werden; folglich kann es nicht als gemeinsam bezeichnet werden.</p>
<p>Die <em>„Gemeinschaft der Welt“</em> bricht hier wie ein Kartenhaus zusammen, wendet sich ab, und für eine Ordnungsenthusiastin wie Hannah Arendt lässt sich in ihr weder Übereinstimmung finden noch Frieden …</p>
<p>Im Vergleich zu Arendts epischer Gelassenheit ist Baudrillards Haltung – <a href="https://books.google.gm/books?id=O0UOPAn2hJwC&amp;printsec=frontcover#v=onepage&amp;q&amp;f=false">so Lewis Call in „Postmodern Anarchism“</a> – durch und durch anarchistisch, und in seinem bekannten Werk „<a href="https://www.semiotexte.com/fatal-strategies">Les stratégies fatales</a>“ („Die fatalen Strategien“) schlägt er einen Ton energischer Empörung an. Er greift eine rücksichtslose, desorientierte, unterdrückende Realität (oder Hyperrealität) an, die auf uns einwirkt und uns niederdrückt, und behauptet, dass <em>„die Dinge einen Weg gefunden haben, einer Dialektik des Sinns zu entgehen, die sie zu langweilen begann: indem sie sich endlos vervielfältigen, ihr Potenzial steigern, sich selbst in einer Bewegung zur Grenze hin überbieten – eine Obszönität, die fortan zu ihrer immanenten Finalität und sinnlosen Vernunft wird.“</em></p>
<p>Die Realität ist nicht länger das, was wir von ihr erwarten; alles löst sich in Simulation auf: Das Soziale wird von den Massen absorbiert und gewinnt seine eigene Finalität in einer Hyperfinalität; die Sexualität löst sich nicht in Sublimierung auf, sondern nimmt vielmehr eine weit hypertrophiertere <em>„Kontur“</em> in der Pornografie an. Dinge, Bedeutungen, Körper und Gefühle haben die Gestalt einer <em>„angeborenen Katastrophe“</em> angenommen, und die Dinge selbst sind keine Dinge mehr, sondern <em>„Exemplare“</em> in ihrer fatalen Grenzenlosigkeit – in Simulation aufgelöst, entleert ihrer <em>„sichtbaren und allzu auffälligen Form, ihres Spektakels“</em>.</p>
<p>Alle Strukturen werden nach außen gekehrt, zur Schau gestellt; alle Handlungen werden sichtbar und sind in diesem Sinne <em>„hyperfinal“</em>. Das Große und das Unbedeutende, das Gute und das Böse, das Moralische und das Verderbte verstricken sich ineinander; Liebe und Zärtlichkeit geben ihre Kraft an Schrecken und Gewalt ab und schrumpfen unter deren Druck. Dies ist die totale, alles verschlingende Obszönität, die der fortgesetzten Zerstörung und dem Zusammenbruch der Dinge freien Lauf lässt.</p>
<p>Für diesen Zustand der Welt – in dem alle ethischen Ordnungen und grundlegenden Begriffe keinen Platz mehr haben, in dem sie keine Regeln des Lebens mehr begründen und dem Monströsen keinen Widerstand entgegensetzen, uns damit erneut zwingen, die Gültigkeit radikaler Ansprüche auf Gerechtigkeit, Vergeltung und Reue zu hinterfragen – gibt es keinen angemessenen Namen mehr. Die Grenze ist der erste Name, den Bataille diesem Schrecken gibt. Der Rand – <em>„ein einzigartiges Oberflächen-Ereignis“</em> –, der bei <a href="https://cup.columbia.edu/book/the-logic-of-sense/9780231059831/">Deleuze</a> fest und real gezogen wird, nun aber durch uns hindurch, durch das Blut der Frontlinien und Ruinen, ist der zweite Name. Und dann – im Schwellenraum der Grenzerfahrung – treten Aristoteles’ <em>„Zorn“</em>, Artauds durchdringender <em>„Schrei“</em> oder Gielens <em>„Akt der Gerechtigkeit“</em> im Namen der Gerechtigkeit hinzu und markieren den Weg, der es uns erlaubt, die unbeantwortbare und <em>„letzte Frage“</em> zu stellen: Wie ist Zärtlichkeit nach Butscha möglich – <a href="https://www.iwm.at/blog/after-bucha?utm_source=chatgpt.com">und nach all den anderen Butschas</a>?</p>
<p>Plötzlich erinnerte ich mich an <a href="https://www.erika-mitterer.org/dokumente/ZK2015-3/boell_truemmerliteratur_2015-3.pdf">Heinrich Bölls „Bekenntnis zur Trümmerliteratur“</a> (ein Text aus dem Jahr 1952) – an die Untrennbarkeit von Leben und Leid, wie er sie beschreibt. Hier sind wir, und hier ist das, was sich neben uns entfaltet – das, was wir innerhalb der Grenzen unseres eigenen Gesichtsfeldes wahrzunehmen vermögen. Hier ist der Bäcker, ein durchaus gewöhnlicher Mann, mit ordentlichen, bedachten Gesten; von ihm geht der Geruch von Mehl und warmem Brot aus. Doch die Augen des Bäckers sind voller Trauer, und er denkt nicht anders als durch eben diese Trauer hindurch, in ihrer Ursprünglichkeit und Unaufhebbarkeit. Gewiss haben sich viele Ereignisse an der Oberfläche vollzogen – der Krieg hat ihm den Sohn genommen, sein Haus ist zerstört, bis auf die Grundmauern niedergebrannt, und auf dem Grab seines Sohnes steht kein Kreuz, ja, es gibt überhaupt kein Grab. Und alles, was in seinem Leben und im Leben der Menschheit je existiert hat – alles Gute und Edle –, ist von dieser Trauer umfasst, in seinen Körper eingeschrieben, unausweichlich in ihm zur Wirklichkeit geworden und daher untrennbar mit ihm verbunden.</p>
<p>Auch die Zärtlichkeit ist untrennbar. Sie ist in uns und kommt aus uns; sie nimmt all das Grauen und all den Schmerz, den Krieg und das Leid in sich auf und versucht, dem Leben erneut Geltung zu verschaffen. Ihre stille Präsenz in der Welt der Dinge und der Menschen ist – so möchte man glauben – unbestreitbar und ewig. Doch noch kann sie sich nicht laut äußern, denn das Böse und kosmische Katastrophen beherrschen die Welt mit Härte und Unmenschlichkeit. Glanz und Grausamkeit, Schrecken und Schönheit werden so der Macht der Realität überlassen – grenzenlos im Schmerz und grenzenlos in der Freude; alles Gegensätzliche, alles Gleichzeitige rückt eng zusammen, ohne sich jedoch aufzuheben. Künstlerinnen und Künstler wenden sich dieser harten Konjunktion zu, die nach dem glühenden Anarchisten Baudrillard den Totalzustand der Welt ausmacht.</p>
<p><strong>Lesia Smyrna</strong>, Kyjiw</p>
<p>Lesia Smyrna ist Kunsthistorikerin und Kunstkritikerin, Autorin mehrerer Monografien sowie Koautorin von Sammelbänden, Artikeln und Projekten, die das neue epistemologische und ästhetische Potenzial der bildenden Kunst in der Ukraine untersuchen. Die jüngste Monografie, <em>„</em>100 Jahre Nonkonformismus in der ukrainischen bildenden Kunst<em>“</em> (2017), ist sowohl in der ukrainischen als auch in der westeuropäischen Forschung eine der wenigen Studien, die sich mit nichtkonformistischer Kunst über einen erweiterten Zeitraum hinweg befassen, indem sie die Grenzen zwischen der Zeit vor und nach 1945 sowie zwischen der Sowjetunion und dem kommunistischen Block in Europa nach 1945 überschreiten.</p>
<p>Der Fokus auf die sowjetische und postsowjetische Ukraine dient dabei eher als Prisma denn als Endpunkt und ermöglicht eine umfassendere Analyse der Bedeutungen und Einsatzweisen des Nichtkonformismus in der Kunst in ganz Europa. Zu ihren beruflichen Mitgliedschaften zählen die National Agency for Higher Education Quality Assurance (Ukraine), die National Academy of Arts of Ukraine sowie das Modern Art Research Institute.</p>
<p>Sie hatte internationale Fellowships und Gastaufenthalte am IWM (Wien), am Institute for Advanced Study (Delmenhorst) und bei RECET (Wien) inne. Ihre aktuelle Forschung an der Akademie der bildenden Künste Wien, gefördert durch das Eliza Richter Fellowship, konzentriert sich auf das Projekt „Discourse of Trauma as a Source of ‚Cruel Optimism‘ in Visual Projects of Artists in Wartime Ukraine (2013–2023)“.</p>
<p>Übersetzung aus dem Ukrainischen: <strong>Pavlo Shopin</strong>, Drahomanow Universität Kyjiw. Eine englische Fassung des Beitrags erschien in der Zeitschrift <a href="https://krytyka.com/en/articles/beyond-tenderness">Krytyka</a>.</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung der deutschen Fassung im Dezember 2025, Internetzugriffe zuletzt am 18. Dezember 2025, Titelbild: Yana Kononova, Thresholds #4, 2024, Rechte bei der Künstlerin.)</p>
<h3>Zum Weiterlesen:</h3>
<p>Lesia Smyrna, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/eine-reise-in-die-dunkelheit-der-zeit/">Eine Reise in die Dunkelheit der Zeit &#8211; Die Landschaften der ukrainischen Fotografin Yana Kononova</a>, deutsche Fassung im Februar 2026 im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon.</span></p>
<p>Lesia Smyrna, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-autonome-republik-mascha-kulikovska">Die Autonome Republik Mascha Kulikovska – Feministin, Rebellin, Konzeptkünstlerin, Performerin</a>, deutsche Fassung im Dezember 2025 im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon.</span></p>
<p>Corinna Heumann, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/atwoodian-utopias">Atwoodian Utopias – Zerbrechliche Menschlichkeit – nicht nur ein Kunstprojekt</a>, erschienen im September 2025 im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon.</span></p>
<p><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/kunst-mit-dem-koerper/">Kunst mit dem Körper</a> – Die Künstlerin und Kulturmanagerin Regina Hellwig-Schmid über Heldinnen, anlässlich einer Ausstellung im Frauenmuseum Bonn, erschienen im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> im August 2025.</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Lost Country?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 20 May 2025 04:20:33 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Lost Country? Eine fast schon surreale Reise mit Ines Geipel ins „Fabelland“ „Aber wie hatte man sich das auch vorgestellt? Dass Millionen Deutsche nach vierzig geteilten Jahren aus dem Zeittunnel auftauchten und den vielen Anderen von der anderen Seite entzückt zuriefen: Was seid ihr denn Schönes?“ (Ines Geipel, Fabelland, Frankfurt am Main, S. Fischer,  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-9 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-8 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-9" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Lost Country?</strong></h1>
<h2><strong>Eine fast schon surreale Reise mit Ines Geipel ins „Fabelland“</strong></h2>
<p><em>„Aber wie hatte man sich das auch vorgestellt? Dass Millionen Deutsche nach vierzig geteilten Jahren aus dem Zeittunnel auftauchten und den vielen Anderen von der anderen Seite entzückt zuriefen: Was seid ihr denn Schönes?“ </em>(Ines Geipel, Fabelland, Frankfurt am Main, S. Fischer, 2024)</p>
<p>Zu Beginn hätte man tatsächlich diesen Eindruck haben können: Schön, dass es euch gibt! Guten Morgen, ihr Schönen! Man muss sich nur die Gesichter der Menschen anschauen, die auf den großen Tafeln zur Erinnerung an die Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 am damaligen Grenzübergang Bornholmer Straße in Berlin zu sehen sind. Was aus diesen fröhlichen Menschen wurde, was sie mit der neu gewonnenen Freiheit anfingen, wissen wir nicht. Auf jeden Fall wäre es falsch, die Antwort auf eine Parole zu reduzieren, die im Dezember 1989 auf einem der Transparente während der Demonstrationen zu lesen war: <em>„Helmut, nimm uns an die Hand und führe uns ins Wirtschaftswunderland.“ </em>Eben diese Reduzierung verselbständigte sich jedoch sehr schnell und im Westen sprachen bald viele nach einer kurzen Gefühlsaufwallung nicht mehr sonderlich freundlich von den Menschen im Osten, bezichtigten sie sogar, sie wären einfach nie zufrieden. Es gab zwar eine Art Revival der Festival-Stimmung elf Monate später am 3. Oktober 1990, aber dieses konnte nicht verdecken, dass schon damals viele Menschen nicht mehr die Freude über den Erfolg der Friedlichen Revolution teilten, in West und Ost. Und so entstanden zahlreiche Legenden und Mythen, die sich bis heute um die deutsche Geschichte der vergangenen 80 Jahre ranken.</p>
<h3><strong>Es waren einmal zwei Königskinder</strong></h3>
<div id="attachment_6133" style="width: 193px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.fischerverlage.de/buch/ines-geipel-fabelland-9783103975680"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6133" class="wp-image-6133 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Geipel_Fabelland-183x300.jpg" alt="" width="183" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Geipel_Fabelland-183x300.jpg 183w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Geipel_Fabelland-200x327.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Geipel_Fabelland.jpg 319w" sizes="(max-width: 183px) 100vw, 183px" /></a><p id="caption-attachment-6133" class="wp-caption-text">Abbildung auf dem Umschlag bpk / Bundesstiftung Aufarbeitung / Klaus Mehner. Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Eigentlich gäbe es nach 35 Jahren Anlass und Gelegenheit genug, um sich nicht ständig, geradezu zwanghaft mit dem Ost und West Trennendem, sondern mit dem Verbindendem zu befassen. Vielleicht hatte Willy Brandt doch recht und es wuchs etwas zusammen, das zusammengehört? Aber das Trennende verkauft sich einfach besser und so werden viele deutsche Medien nicht müde, von einer <em>„Ostidentität“</em> zu sprechen, der wohl auch so etwas wie eine <em>„Westidentität“</em> entsprechen müsste, obwohl niemand einen solchen Begriff verwendet. Außerdem wird der Begriff der <em>„Ostidentität“</em> je nach Blickrichtung unterschiedlich belegt. So oder so wird ein Bild von einem einheitlichen, geradezu monolithischen <em>„Osten“</em> konstruiert, nicht zuletzt mit Blick auf jüngste Wahlergebnisse. Man könnte unken, die Festschreibung einer unverrückbaren <em>„Ostidentität“</em> habe schon etwas von einer Self-Fulfilling Prophecy. Ines Geipel stellt nüchtern fest: <em>„Die Sache mit dem Nullpunkt. Es gab ihn nie. Aber es gibt echte Anfänge. Und Darmstadt war einer.“</em></p>
<p>Diese Sätze lesen wir in dem Unterkapitel <em>„Zeitschwebe“</em> des ersten großen Kapitels von „Fabelland – Der Osten, der Westen, der Zorn und das Glück<em>“ </em>(Frankfurt am Main, S. Fischer, 2024). Sie beziehen sich auf die erste Station von Ines Geipel nach ihrer Flucht aus der DDR im Sommer 1989. Neues Land, neues Leben? Immerhin: <em>„Anfang ist Anfang“</em>?! Was wurde aus dem Blick von Ost nach West, der auf dem Titelbild des Buches zu sehen ist? Die Mauer ist nicht mehr zu sehen, die drei Menschen, die nach Westen schauen, wirken entspannt, neugierig, erwartungsvoll oder vielleicht doch eher mit Skepsis? Und aus welcher Zeit schauen sie?</p>
<p>Die allgemeine Verunsicherung, was und wie der <em>„Osten“</em> eigentlich gewesen wäre und sei, ist inzwischen Gegenstand einer Fülle von Veröffentlichungen, von Büchern, Interviews, Essays und Reportagen in Zeitungen und Zeitschriften oder Auftritten in Talk-Shows und sozialen Netzwerken. Durchweg herrscht ein schräger Diskurs, der mitunter an den Rosenkrieg zwischen zwei Liebenden erinnern mag, die sich nach langer Trennung wiederbegegneten und feststellen mussten, dass der andere doch ganz anders war und ist als man es sich vorgestellt und gewünscht hatte. Niemand weiß, was aus den beiden Königskindern des Volkslieds geworden wäre, wenn sie überlebt hätten. Die Königskinder aus dem Westen und dem Osten haben aber nun einmal überlebt. Das Wasser im Märchen war zwar zu tief, aber die reale Mauer war auf Dauer nicht zu hoch. Sie hielt gerade einmal 28 Jahre. Doch an der Stelle trauten Glücks erleben wir heftige Beschimpfungen, eine Gewalt in der Sprache, die auch in körperliche Gewalt umschlägt. Es entstehen Mythen und Opfererzählungen, durchaus generationenspezifisch. Ines Geipel hält fest: <em>„Gerade für die Kriegskindgeneration wurde das große Glück von 1989 zu einer Geschichte ohne Abschied. Anders als der Generation im Westen war es im Osten nicht möglich, sich auf die Siegerseite der Geschichte hinüberzuerzählen, da diese Generation schlicht zu viel Geschichte in den Knochen hatte.“</em></p>
<p>Über die Erfahrungen mit den wirtschaftlichen und sozialen Umbrüchen hinweg, für die die <a href="https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/recherche/dossiers/die-treuhandanstalt">Treuhand</a> als fest gefügte Metapher stehen mag, ergab sich <em>„eine neuartige Form der Propaganda in der deutschen Politik“</em>. Ines Geipel zitiert in „Fabelland“ mit diesem Satz <a href="https://johanneshillje.de/blog/">Johannes Hillje</a> (nach einem <a href="https://www.blaetter.de/ausgabe/2017/oktober/propaganda-40-die-erfolgsstrategie-der-afd">Beitrag in den Blättern für deutsche und internationale Politik vom Oktober 2017</a>): <em>„Es gehe darum, eine kollektive Identität bzw. Parallelgesellschaft zu kreieren und den öffentlichen Diskurs gezielt zu polarisieren.“</em></p>
<p>Dieser Diskurs hat sich in den letzten acht Jahren aus unterschiedlichen Gründen verschärft. Das hatte nicht nur mit dem hoffentlich nicht unaufhaltsamen Aufstieg einer inzwischen vom Verfassungsschutz bundesweit – ungeachtet der juristisch bedingten vorläufigen Zurückstellung des Ergebnisses – als <em>„rechtsextremistisch“ </em>diagnostizierten Partei zu tun, sondern auch der Art und Weise, wie man eher übereinander, seltener miteinander sprach.</p>
<p>Unterschiedliche Meinungen, zur Händelung der Pandemie, zum Krieg Russlands gegen die Ukraine waren nicht mehr nur unterschiedliche Meinungen. Sie wurden zu quasi-religiösen Glaubensformeln. Ines Geipel fragt: <em>„Was bedeutet der Versuch, wenn sich der Osten über Erlösungsformeln derart verfehlt und sich zunehmend in einem abwegigen Selbstbild mit Destruktionswünschen gegenüber dem Westen und prekärer Russlandliebe einrichtet?“</em> Ein Leuchtturm dieses Diskurses war der Streik der Kalikumpel 1993 in Bischofferode gegen die Schließung des dortigen Kaliwerks: <em>„In diesem Radikalumbruch wurde der kleine Ort Bischofferode im katholischen Thüringer Eichsfeld zum Mythos, zum Sinnbild für den rüden Ausverkauf des Ostens, aber auch einer besonders zähen Protestkultur.“ </em></p>
<p>Vielleicht erinnern sich im Westen nur noch wenige an dieses Ereignis, im Osten ist diese Erinnerung nach wie vor präsent, aber der Diskurs hat sich inzwischen verselbstständigt und radikalisiert. Neben der <em>„Treuhand“</em> ist auch <em>„Bischofferode“</em> zu einer der Metaphern dieser Stimmung geworden, die sich mit der Zeit zu einer beschönigenden Sicht der DDR-Vergangenheit verfestigte. <em>„Je weiter der Befragungszeitpunkt vom eigentlichen Ereignis entfernt sei, desto diktaturfreundlicher falle die Erinnerung aus. Dies, so halten die Forscher fest, sei erklärungsbedürftig, jedoch nicht allein den Gesetzen der Erinnerung geschuldet. Der Einfluss medialer Diskurse über die Ostdeutschen sei dabei nicht zu unterschätzen.“</em> In der Psychologie würde man vielleicht von Priming sprechen, mit beängstigenden Ergebnissen: <em>„Zur AfD-Erfolgsgeschichte gehört auch der ausgeraubte öffentliche Raum zum Ende der DDR. Eine zurechtgestutzte Bürgerlichkeit, eine entkernte Kirche, eine ausgenommene Gesellschaft, eine weithin geflohene oder ins Aus gesetzte Intelligenz. Ein planes Feld, das neu überplant werden konnte, nicht nur symbolisch gesehen.“</em></p>
<p>Doch wie kann man den Osten erzählen? Kann man ihn überhaupt erzählen ohne auch den Westen, ohne auch internationale Verflechtungen zu erzählen? <em>„Polarisierung“</em> ist eine Variante, aber vielleicht sollte man an Stelle von <em>„Polarisierung“</em> von einer fast schon manichäistischen Binärisierung sprechen, hier die Guten, da die Bösen. Diese Frage stellt sich für manche Bücher und Aufsätze, in denen eine <em>„Übernahme“</em> des Ostens durch den Westen beklagt wird (Ilko-Sascha Kowalczuk, Die Übernahme, München, C.H. Beck, 2019) oder die Schicksale der ostdeutschen Bevölkerung mit denen von Migranten verglichen werden (Naika Foroutan, Jana Hensel, Die Gesellschaft der Anderen, Berlin, Aufbau Verlag, 2020). Auch wenn das jeweilige Buch eine differenzierte Botschaft enthielt, setzten die Verlage auf skandalisierende Titel, so beispielsweise bei Detlef Pollacks Buch „Das unzufriedene Volk“ (Bielefeld, transcript, 2020). Hohe Auflagen verzeichnen schließlich Bücher, in denen der Osten in eine Art Märchenland verwandelt wird, an das man sich doch so gerne erinnern möchte, wenn man nur vom Westen in Ruhe gelassen würde (prominent: Dirk Oschmann, Der Osten – Eine westdeutsche Erfindung, Berlin, Ullstein, 2023, oder Katja Hoyer, Diesseits der Mauer, Hamburg, Hoffmann &amp; Campe, 2023). Bei manchen Büchern kommt es weniger auf tiefergehende Recherche an als auf die Gefühle, die sie mit mitunter scheinbar plausibel klingenden Analogien bedienen. Katja Hoyer ist – so Ines Geipel – beispielsweise <em>„ohne jede Archiv-Recherche“</em> ausgekommen. Dirk Oschmann verglich den Blick des Westens auf den Osten mit dem von <a href="https://www.eaford.org/site/assets/files/1631/said_edward1977_orientalism.pdf">Edward Said</a> entwickelten Begriff des <em>„Orientalismus“</em>, eine schöne Analogie, aber eben unpräzise wie das bei allen Analogien so ist<em>.</em></p>
<p>Tobias Adler-Bartels hat in der Märzausgabe 2025 des Merkur die vorherrschenden Frames rund um den Osten in einem Essay mit dem vieldeutigen Titel <a href="https://www.merkur-zeitschrift.de/artikel/nach-der-ko-h-lonisation-a-mr-79-3-74/">„Nach der Ko(h)lonisation“</a> zugespitzt. Die Annahme, der Westen habe den Osten kolonisiert, sei <em>„durchaus anschlussfähig an das Kolonialismus-Verständnis des verordneten Marxismus-Leninismus der DDR“</em>. Das Ergebnis sei ein klassischer Täter-Opfer-Diskurs: <em>„Die Erzählungen vom westdeutschen Kolonialismus und der Kolonisierung der DDR konstruieren so eine klare Unterscheidung von Tätern (Westdeutsche, Treuhand) und Opfern (das ominöse Kollektiv der Ostdeutschen) und sind daher bis in die Gegenwart ein beliebtes Sujet sowohl von westdeutschen Altlinken als auch von DDR-Revisionisten – etwa im Umfeld des Vereins ‚Ostdeutsches Kuratorium von Verbänden‘.“</em></p>
<h3><strong>Etwas Messianisches lag in der Luft</strong></h3>
<div id="attachment_4553" style="width: 194px" class="wp-caption alignright"><a href="https://lilienfeld-verlag.de/buecher/geipel-walther-gesperrte-ablage/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4553" class="wp-image-4553 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-184x300.jpg" alt="" width="184" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-184x300.jpg 184w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-200x326.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-400x652.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-600x978.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-628x1024.jpg 628w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-768x1251.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-800x1304.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-943x1536.jpg 943w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-1200x1955.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-1257x2048.jpg 1257w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1.jpg 1571w" sizes="(max-width: 184px) 100vw, 184px" /></a><p id="caption-attachment-4553" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Ach wäre es doch so einfach. Von all den pauschalisierenden, die hohe Komplexität von Ost-West-Entwicklungen vereinfachenden Ost-West- oder West-Ost-Erzählungen heben sich die Bücher von Ines Geipel deutlich ab. Das gilt nicht zuletzt für ihre (nicht nur) literaturwissenschaftlichen Studien über die <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-dritte-literatur-des-ostens/">„Dritte Literatur des Ostens“</a>, über all diejenigen, die in der DDR Gedichte, Romane, Essays schrieben, dafür aber vom SED-Staat drangsaliert, eingesperrt, in den Westen abgeschoben oder gar in den Tod getrieben wurden. Gemeinsam mit Joachim Walther gab sie die in zehn Bänden erschienene <a href="https://www.ddr-aufarbeitung.de/start/b%C3%BCcher-verschiedene-themen/verschwiegene-bibliothek/">„Verschwiegene Bibliothek“</a> mit unveröffentlichten Texten von Autorinnen und Autoren aus der DDR heraus. Der dokumentarische Band <a href="https://lilienfeld-verlag.de/buecher/geipel-walther-gesperrte-ablage/">„Gesperrte Ablage“</a> erschien 2024 im Düsseldorfer Lilienfeldverlag in einer erweiterten Neuauflage. In diesen Büchern gibt Ines Geipel Literatinnen und Literaten eine Stimme, die diese weder in der DDR noch in der Bundesrepublik hatten, weder vor noch nach 1989.</p>
<p><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-ostfrau-in-buchenwald/">„Umkämpfte Zone“</a>, oder <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/biopolitik/">„Schöner neuer Himmel“</a> möchte ich als schonungslose Analysen charakterisieren, schonungslos gegenüber der Materie und schonungslos gegenüber sich selbst. Vor allem an diese beiden Bände knüpft „Fabelland“ an. Der Titel erinnert bewusst an Christian Krachts 1995 erschienenen Roman „Faserland“, den Ines Geipel <em>„gleich nach Erscheinen gelesen hatte“</em>: <em>„Ich las ihn als Pendant zu unseren Wundheiten und hatte dabei Showbiz-Größen wie Heidi Klum, Thomas Gottschalk, Boris Becker oder Rudolf Scharping vor Augen, die in den geräumigen Coupés des Kracht-Textes rumlümmelten, winkend durch die Landschaft der jungen Einheitsjahre schipperten und dabei einen stillen Passagier aushalten mussten, diesen jungen Mann ohne Namen, der die ganze Szenerie unablässig im Blick hatte. Die Post-Politik, der Eskapismus, die nette Marken-Welt, das inwendig Unerlöste.“ </em></p>
<p>Sahen manche im Osten so den Westen? Oder umgekehrt? Es lag bei den Demonstrationen für D-Mark und Deutsche Einheit im Dezember 1989 durchaus etwas Messianisches in der Luft, gleichzeitig aber auch etwas, das Unbehagen auslöste. Insofern ist das Wortspiel von Tobias Adler-Bartels mit der <em>„Ko(h)lonisation“</em> durchaus berechtigt, der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl als fleischgewordenes Ideal-Ich der Deutschen, seine <em>„blühenden Landschaften“</em> als Wunsch-Kulisse. Im Osten schien man zu deklamieren: „Wir wollen werden wie ihr“, Im Westen: „Werdet wie wir“. Man dürfte vielleicht von einer Art Kaspar-Hauser-Syndrom sprechen, wie es Peter Handke in seinem „Kaspar“ (1967) zeigte, das Drama eines Menschen, der von sich sagt: <em>„Ich möchte ein solcher werden wie einmal ein anderer gewesen ist.“</em> Bei Peter Handke sagt Kaspar zum Schluss: <em>„Schon mit meinem ersten Satz bin ich in die Falle gegangen.“ </em>Nur in welche? „<em>Ich bin in die Wirklichkeit übergeführt. – Hört ihr’s? Pst.“</em> Alles auf der Bühne wird still und schwarz.</p>
<p>In ihren Kommentaren zu den Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen vom 1. September 2024 formuliert Ines Geipel in der Süddeutschen Zeitung die kasparische <em>„Wirklichkeit“</em> nicht ohne Bitterkeit <a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/wahlnacht-1-september-ines-geipel-lux.L7Q5TxeKJSH1JmqSYdeaP8">„Was war denn das?“</a>: <em>„Gewonnen haben am 1. September vor allem die Schlechtredner, Neinsager, Antieuropäer, Putinisten. Die mit den dicken Abwehr-Drehbüchern, der Lust am Ressentiment. Gewonnen haben diejenigen, die die Legende vom Opfer-Osten über Jahre promotet haben, um sie gegen die Erfolgsgeschichte der Einheit und der Demokratie in Anschlag zu bringen. Die mit ihren Appellen an den Heimatkörper, Friedenskörper, Volkskörper um die Ecke kamen, um die Wähler in ein Kontinuum zu manövrieren, das Nationalsozialismus, DDR und die Zeit nach 1989 in sich verklebt. Ein historischer Block, ohne Referenzsystem, ohne Geländer, ohne Gesellschaftsbegriff, der mit aller Wucht auf den eigentlichen Kipppunkt zielt: Systembruch.“ </em></p>
<p>Einige Tage später sagte Ines Geipel in einem <a href="https://taz.de/Ines-Geipel-ueber-ostdeutsche-Identitaet/!vn6033752/">Interview mit der taz</a>: <em>„Im Osten haben sich augenscheinlich Nationalsozialismus, DDR und die Zeit nach 1989 zum Zeitkontinuum verschweißt. Und in dieser ewigen Ewigkeit soll es keine Hoffnung geben. Es geht nicht um Wut, es geht um Hass, um echte Destruktion.“ </em>So entstünden – den Begriff wählt Ines Geipel durchaus im Gedenken an Zygmunt Baumanns Buch „Retrotopia“ (deutsche Ausgabe 2017 bei Suhrkamp) – <em>„ostdeutsche Lagerfeuer“</em>, um die man sich <em>„gegen das Andere, das Außen“</em> schare. Da hülfen auch die wirtschaftlichen Erfolge in den ostdeutschen Ländern nicht, es sei geradezu paradox<em>: „Je besser die Zahlen, umso stärker das Antidemokratische“.</em> So ließe sich politische Arbeit fast schon als Sisyphusarbeit bezeichnen, nur mit dem Unterschied, dass dieser Sisyphus anders als der von Albert Camus kaum ein glücklicher Mensch sein dürfte.</p>
<p>Wird alles still und blau?</p>
<h3><strong>Aufstand der Sprache</strong></h3>
<p>„Fabelland“ klingt im Ton und im Titel versöhnlicher, auch wenn es das letztlich nicht ist. Es ist nicht nur eine Spielart von „Faserland“, vielleicht auch eine des „Wunderlandes“, in das Alice in der Fantasie des Lewis Carroll durch den Kaninchenbau gelangt, ein Land hinter den Spiegeln. Ines Geipels Stil ist alles andere als eingängig, aber er reißt mit! Polysyndetische Reihen, ganze Passagen, die sich auch als scheinbar unverbundene Spiegelstrichlisten drucken ließen, ein Feuerwerk der Assoziationen, Anakoluthe und Parallelismen, Sätze ohne Verb, bei denen man sich fragt, ob sie mit einem Frage- oder einem Ausrufezeichen hätten enden sollen oder beidem, zuspitzende Schlussfolgerungen, die in einfachen Aussagesätzen daherkommen, aber wenige Sätze später schon wieder in Frage gestellt werden – diesen Stil hat Ines Geipel in ihren Büchern schon immer gepflegt und ständig weiterentwickelt. In „Fabelland“ erreicht er einen (vielleicht vorläufigen) Höhepunkt.</p>
<p>„Fabelland“ liest sich mitunter wie ein rasanter Reisebericht durch Raum und Zeit. Die Reise beginnt mit einem einfach klingenden Satz: <em>„Am Anfang war das Glück.“</em> Wenige Absätze weiter stellt Ines Geipel jedoch klar: <em>„Die Sache mit dem Nullpunkt. Es gab ihn nie. Aber es gibt echte Anfänge.“</em> Es stellte sich ein <em>„Interregnumsgefühl“</em> ein, ein <em>„Nichtmehr und Nochnicht“</em>, dem nicht beizukommen war. Es blieben <em>„Wörterbojen“</em>. So erklärt sich der Stil. Alle Kapitel und Unterkapitel können als kurze Prosastücke gelesen werden. Sie motivieren jedes für sich, das Buch immer wieder in die Hand zu nehmen und das ein oder andere Kapitel wieder zu lesen, neu einzuordnen, um sich einer angemessenen, vielleicht auch aktualisierenden Sicht auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu nähern, letztlich zu begreifen, dass die allgemeine Geschichte auch immer eine persönliche Geschichte ist, ebenso wie sie eben Teil einer umfassenden Geschichte von Ost und West ist.</p>
<p>Die Reise ins und im „Fabelland“ bietet die Aussicht der Annäherung an etwas Unerreichbares. Ines Geipel spielt mit Begriffen wie <em>„Erinnerungstransfer“</em> – so der Titel eines Kapitels über <em>„Herbst 1989 und die Geschichte der Träume“</em> –, <em>„Gedächtnistheater“</em> – ein Begriff, den Y. Michal Bodemann sel.A. in die Debatte um die Erinnerung an die Shoah einführte und Max Czollek nicht müde wird zu popularisieren –, <em>„Verleugnungskarussell“</em> – bezogen unter anderem auf die Stasi. Sie sieht eine Art <em>„Entlastungswelt der Diktatur im Osten, die sich wie eine Glocke über den inneren Schrecken legte und ihn luftdicht verpackte. Außen musste alles neu sein. Außen wurde die Welt auf Heil getrimmt, innen brodelte es.“ </em>Das Symbol schlechthin war Buchenwald, eine Mystifizierung des kommunistischen Widerstands gegen die Nazis, ein Ort, der auch in „Umkämpfte Zone“ eine zentrale Rolle spielt: <em>„Das Endlager der Nazis als eingefrorener Tatort“</em>.</p>
<p>Wiederholt sich Geschichte? Wiederholt sich Befreiung? In Wirklichkeit wurde der <em>„Mauerfall als ein glücklicher Verblendungsmoment“</em> erlebt. Es folgte: <em>„Der Streit um die Deckfabeln.“ </em>Eine Variante: „<em>Treuhandbashing“</em>. Eine andere: <em>„Heimatcodes“</em>. Eine Art mystifiziertes Als-Ob, zum Beispiel <em>„Dresden. Eine gleichsam mythische Stadt, die in ihrer eigenen imaginären Vergangenheit lebte, die kein Außen brauchte, eine ausgewiesene rechte Szene hatte, zu DDR-Zeiten das Tal der Ahnungslosen war, den anglo-amerikanischen Angriff überstanden hatte und nicht zuletzt die barocke Bühne für die erhofften Bilder in die Welt bieten konnte. Der Schauplatz für die <u>Konservative Revolution</u> war perfekt. Dresden der Kindheitsort.“</em></p>
<p>Nur haben die Menschen im Westen überhaupt etwas davon gemerkt, geschweige denn verstanden? <em>„Keine Frage, die Initiative und das Drama lagen im Osten. Das Ursächliche, Existenzielle, die Notwendigkeit, sich mit jeder Faser neu aufzustellen. Aber in Gaggenau oder Castrop-Rauxel? Fiel da keine Mauer?“</em> Annette Simon bezeichnete in einem Essay <em>„Heimat als Sehnsuchtsort und Kampfbegriff“ </em>und sprach von einer <em>„Familiarisierung der DDR-Kultur“</em>, <em>„einer Trostgemeinschaft gegen den übermächtigen Staat“</em>: <em>„Und diese Art des Umgangs mit dem Staat wirkt bis heute nach.“</em> Das Gedicht von Thomas Brasch, dessen Vers Annette Simon als Titel ihres Essays nahm, erhält nicht nur Verzweiflung, sondern je nach Gestimmtheit der Lesenden auch einen zwar resignierenden, aber dennoch romantisierenden Ton, der sich auch darin zeige, dass <em>„der ehemalige DDR-Bürger von Anfang an nur als Opfer gesehen</em> (wurde) <em>und nie als Subjekt“</em>: <a href="https://www.blaetter.de/ausgabe/2024/november/bleiben-will-ich-wo-ich-nie-gewesen-bin"><em>„Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.“</em></a> (Blätter für deutsche und internationale Politik, November 2024)</p>
<p>Letztlich geht es immer um die Frage der Erinnerung an das scheinbar Vergangene, das sich nicht kollektivieren lässt, auch wenn dies immer wieder angemahnt wird. Mehrfach verwendet Ines Geipel den Begriff der <em>„Wundheit“</em>, beispielsweise im Hinblick auf das tragische Schicksal von Jutta Petzold, die nicht nur eine einzelne in der DDR verfemte Dichterin ist, die wie nur wenige andere die DDR-Wirklichkeiten (Plural!) auf den Punkt zu bringen versteht: <em>„Wie es Jutta Petzold gelingt, mich mit drei Sätzen in die Physis des Ostens zu holen, in das Wunde, Akute, Bloßgestellte. Sie macht das mit ihren Wörtern. Wörter wie im Steckverband. Die herumgeworfen werden, die was auszuhalten haben. (…) Jutta Petzold und der Aufstand der Sinne.“ </em></p>
<p>Eben dies ließe sich auch von Ines Geipels Büchern schreiben: <em>„Aufstand der Sinne“</em>. Ines Geipel gelang im Sommer 1989 die Flucht, Inge Müller, die auch in „Fabelland“ mehrfach erwähnt wird, im Rucksack, über die ungarisch-österreichische Grenze. War nun alles klar, der zukünftige Weg gebahnt? Nein, im Gegenteil: <em>„Früher bin ich als Sprinterin sehr viele, unerhört gerade Gerade gelaufen. Immer wieder, jahrelang, in allen möglichen Ecken der Welt. Von A nach B. Ich kam immer an. Nach einer Flucht aber gibt es keine Geraden mehr, nur noch Ellipsen, Abgeknicktes, Krümmungen, Hyperbeln, Achsenverschiebungen, Außenwinkel, parallele Sehnen, immerzu Abgeleitetes.“</em></p>
<p>Zu diesen Gefühlen passt der Titel, den Ines Geipel der von ihr Inge Müller gewidmeten Biographie gab: „Dann fiel auf einmal der Himmel um“. (Berlin, Henschel Verlag, 2002). Ein weiterer Gewährsmann ist der Prager Philosoph Velém Flusser, der die <em>„Beheimateten und die Heimatlosen, die Gebliebenen und die Emigranten“ </em>als <em>„Paar“</em> betrachtet und schrieb, <em>„dass die ‚geheimen Codes der Heimaten‘ aus ‚nicht bewussten Regeln gesponnen‘“</em> sind. Was ist das überhaupt? Heimat? Die Geflüchteten leben – eine Schlussfolgerung von Ines Geipel aus dem Schicksal der Emigration – in einem <em>„Andererseits, etwas zwischen <u>lost place</u> und <u>lost in place</u>.“</em></p>
<h3><strong>Reisen ins Nie-Erreichbare</strong></h3>
<p>Ines Geipel kam nach Darmstadt, begegnet dem Leiter des Instituts für Philosophie <a href="https://www.philosophie.tu-darmstadt.de/institut_phil/mitarbeiter_innen_phil/boehme.de.jsp">Gernot Böhme</a>. Sie legte ihm die Gedichte von Inge Müller <em>„auf den Tisch. Er las es und entdeckte das Nackte für sich. Den nackten Reim, den nackten Ton, das nackte Leben.“ </em>Jutta Petzold gelang nur die Flucht in sich selbst. Sie verzweifelte, lebt lange Jahre in einer Klinik in Berlin-Buch. Ihre Texte, die sie unter dem Pseudonym Ruth Cordouan schrieb, wurden nie veröffentlicht, immerhin gibt es in „Gesperrte Ablage“ Texte von ihr. Einige durfte ich in meinem Essay <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/todeskaelte-des-blicks/">„Todeskälte des Blicks“</a> zitieren. In einem persönlichen Gespräch sprachen Ines Geipel und ich über die Schicksale von Inge Müller, Jutta Petzold und manch anderen mit einem Blick auf das Leben von Ingeborg Bachmann. Ines Geipel sprach von der <em>„Versehrtheit“</em>, die diese Autorinnen verband.</p>
<p>Doch wer interessiert sich? So wenig wie es einen Lehrstuhl der Zeitgeschichte in Deutschland gibt, der sich ausdrücklich mit der Geschichte der DDR befasst, gibt es einen Lehrstuhl der Literaturgeschichte, der sich der verfemten, verbotenen „Dritten Literatur“ der DDR in Deutschland widmet. In der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur lagern nach wie vor über 70.000 Seiten von etwa 100 Autorinnen und Autoren. Aber wer interessiert sich ernsthaft dafür? Man könnte sogar sarkastisch formulieren, dass es zur Shoah immerhin in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen eine Debatte über einen nun aber wirklich endgültigen <em>„Schlussstrich“</em> gibt, der gerade wegen dieser Debatte auch gut begründet abgelehnt wird, über die Gewalt- und Diktaturgeschichte der DDR gibt es nicht einmal das. Ines Geipel nennt die so tragisch in DDR-Haft gestorbene Edeltraud Eckert die <em>„Sophie Scholl des Ostens“</em>. Aber gibt es irgendwo in Deutschland ein Edeltraud-Eckert-Gymnasium? Auch das Nicht-Erwähnen ist ein Schlussstrich.</p>
<p>Die Reisen durchs „Fabelland“ führen nach New York City, das Ines Geipel als eine Art <em>„Filmkulisse“</em> erlebt, in der sie jederzeit auf die Personen aus Woody Allens „Hannah und ihre Schwestern“ treffen könnte. Sie führen nach China, das Ergebnis ist ein Kapitel, das satirische Qualitäten aufweist: <em>„Eine Gesellschaft wie unter Narkose und nach der Devise, sich möglichst fernzuhalten von dem, was der Macht im Land wichtig ist.“ </em>Es ging bei der China-Reise um Zwangsdoping, ein DDR-Thema, das Ines Geipel mehrfach bearbeitet und unter anderem in „Schöner Neuer Himmel“ beschrieben hat. Das China-Kapitel lässt das Politikmodell eines autoritären Staates erkennen: <em>„Wie die Politikwissenschaftlerin </em><a href="https://jankaoertel.eu/"><em>Janka Oertel</em></a><em> betont, speist sich Xis Ketten-Modell aus einem Doppelkreislauf: Einerseits will China unabhängiger von der Welt werden, die Welt soll aber andererseits abhängiger von China werden.“ </em>Es ließe sich fast vermuten, dass China gar keine Hard Power braucht, weil es mit seiner Soft Power so gut vorankommt. Wie das funktioniert, beschrieb der georgische Politikwissenschaftler Tsotne Tchanturia in einem <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-lange-weg-nach-europa/">Überblick über die aktuellen Entwicklungen in Georgien</a>. Die Chinesen vermögen es, die georgische und andere Regierungen mit der Botschaft zu gewinnen, dass sie doch nur wirtschaftliche Investitionen unterstützten, während die Europäische Union auch noch die Zustimmung zu ihren zahlreichen Gesetzen verlange, nicht zuletzt zu Bürger- und Menschenrechten.</p>
<p>Ein wichtiger Gewährsmann ist für Ines Geipel <a href="https://www.zeit.de/kultur/literatur/2013-09/erich-loest-nachruf/komplettansicht">Erich Loest</a>. Im Jahr 2023 erhielt sie den Erich-Loest-Preis. Ihre Dankesrede nannte sie, Erich Loest zitierend, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/keine-kerben-im-kolben/">„Keine Kerben im Kolben“</a>. Mit Erich Loest verbindet sie die Erfordernis, sich selbst immer wieder in Frage zu stellen: „<em>Ich zögere, warte auf die Wörter, bis es die richtigen sind. Es sind nie die richtigen.“</em> Es folgen Absätze über die Begegnungen mit Werner Schulz, den Euro-Maidan 2014. Es ist meines Erachtens kein Zufall, dass in diesen Kontexten David Lynch und sein Film <a href="https://www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/lost-highway-1997">„Lost Highway“</a> erwähnt werden: <em>„Der Schrecken, die psychogene Amnesie, das Loch im Verstand.“</em> Wer weiß schon, warum auf einmal jemand anderes in einer Gefängniszelle sitzt? Wer weiß schon, in welchem Parallel-Universum die Filme von David Lynch spielen? Vielleicht ist das Surreale das wahrhaft Reale und wir sollten die Geschichte der DDR mit den Augen eines David Lynch betrachten? Die Stärke von „Fabelland“ liegt gerade darin, dass sie dies tut. Im Grunde ist die passende Erzählform dieser Reise durch Raum und Zeit der Essay, eben ein Versuch, sich an das nie Erreichbare anzunähern: <em>„Warum es mir so schwerfällt, mich mit Worten in diesen vagen Zustand nach der Flucht auszutarieren. Als sei ich eine ungenaue Größe, eine Wackelkandidatin, eine Art Übergangscontainer. Was war noch Altland, was schon Neuland?“ </em>Lost Country? Oder etwa eine etwas andere Kombination von Alt- und Neuland?</p>
<p><strong>Norbert Reichel,</strong> Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Mai 2025, Internetzugriffe zuletzt am 18. Mai 2025. Titelbild: Mutige Schatten © Nicole Günther. Alle Rechte bei der Künstlerin.)</p>
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		<title>Wie George Orwells &#8222;1984&#8220; fast in der DDR erschienen wäre</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 11 May 2025 08:40:43 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Wie George Orwells „1984“ fast in der DDR erschienen wäre Eine aufschlussreiche Marginalie der Literaturgeschichte im Kalten Krieg „Der Spanische Bürgerkrieg und andere Ereignisse in den Jahren 1936 und 1937 gaben letztlich den Ausschlag zu erkennen, wo ich hingehöre. Jede ernstgemeinte Zeile, die ich seit 1936 geschrieben habe, war – direkt oder indirekt –  [...]</p>
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<h1><strong>Wie George Orwells „1984“ fast in der DDR erschienen wäre</strong></h1>
<h2><strong>Eine aufschlussreiche Marginalie der Literaturgeschichte im Kalten Krieg</strong></h2>
<p><em>„Der Spanische Bürgerkrieg und andere Ereignisse in den Jahren 1936 und 1937 gaben letztlich den Ausschlag zu erkennen, wo ich hingehöre. Jede ernstgemeinte Zeile, die ich seit 1936 geschrieben habe, war – direkt oder indirekt – <u>gegen</u> Totalitarismus und <u>für</u> demokratischen Sozialismus, wie ich ihn verstehe, geschrieben. Mir erschien es unsinnig, in einer Zeit wie der unseren zu meinen, dass man über solche Dinge nicht schreiben sollte. / (</em><em>…) </em><em>Was ich in den letzten zehn Jahren am meisten bemüht war, ist die politische Schrift in Kunst zu verwandeln. Mein Ausgangspunkt ist immer ein Gefühl von Parteinahme, ein Empfinden von Ungerechtigkeit. Wenn ich mich hinsetze, um ein Buch zu schreiben, dann sage ich mir nicht: „Ich werde jetzt ein Kunstwerk schaffen.“ Vielmehr schreibe ich, weil eine Lüge im Raum steht, die ich entlarven will, eine Tatsache, auf die ich die Aufmerksamkeit lenken möchte, und mein Anliegen ist es, Gehör zu finden.“</em> (George Orwell, <a href="https://www.marxists.org/archive/orwell/1946/why-i-write.htm">„Why I write“</a>, 1946, auch in: George Orwell, <a href="https://archive.org/details/collectedessaysj0003orwe_l0i0">Collected Essays, Journalism and Letters</a> (CEJL), London, Secker&amp;Warburg, 1968.)</p>
<div id="attachment_6077" style="width: 192px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/george-orwell-journalist-card-1943-1.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6077" class="wp-image-6077 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/george-orwell-journalist-card-1943-1-182x300.jpg" alt="" width="182" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/george-orwell-journalist-card-1943-1-182x300.jpg 182w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/george-orwell-journalist-card-1943-1-200x330.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/george-orwell-journalist-card-1943-1.jpg 400w" sizes="(max-width: 182px) 100vw, 182px" /></a><p id="caption-attachment-6077" class="wp-caption-text">Presseausweis 1943. http://georgeorwellnovels.com/.</p></div>
<p>George Orwell verstand sich als linker und politischer Autor. Doch die amerikanische und die britische Administration hatten alsbald den propagandistischen Wert von George Orwells Romanen „Animal Farm“ (1945) und „Nineteen Eighty-Four“ (1949) erkannt. Im Sommer 1949 war die Abteilung für Informationsbeschaffung im britischen Außenministerium mit Orwell in Kontakt getreten, um die Übersetzung von „Animal Farm“ in viele Sprachen zu veranlassen. Das ging von Russisch über Deutsch bis Vietnamesisch und Chinesisch. Auch &#8222;1984&#8220; wurde schnell übersetzt. So lag wenige Monate nach Erscheinen des Romans eine deutsche Übersetzung vor. Die Literaturzeitschrift „Der Monat“ druckte sie ab Herbst 1949 in vier Folgen ab (<a href="https://www.ceeol.com/search/search-result?f=%7B%22SeriesID%22:%221360%22%2C%22SortBy%22:%224%22%7D">Heft 14/1949 bis Heft 17/1950</a>). Die Zeitschrift erschien beim Office of Military Government for Germany (U.S.). Herausgeber der von <a href="https://www.laskycenter.amerikanistik.uni-muenchen.de/forschung1/melvin_lasky/index.html">Melvin Lasky</a> gegründeten Zeitschrift war der „Kongreß für Kulturelle Freiheit“, eine von der CIA finanzierte Organisation in Europa.</p>
<p>Nur wenige Autoren wurden für die antikommunistische Propaganda so vereinnahmt wie George Orwell. Es fallen einem noch Boris Pasternak (dazu Peter Finn / Petra Couvée, Die Affäre Schiwago – Der Kreml, die CIA und der Kampf um ein verbotenes Buch, Darmstadt, WBG Theiss, 2016) und Alexander Solschenizyn ein. Während sich die beiden sowjetischen Autoren aufgrund ihrer persönlichen Situation hinter dem „Eisernen Vorhang“ propagandistisch eigneten, war es bei Orwell die antikommunistische Interpretation seiner Werke.</p>
<h3><strong>Gegen Totalitarismus, für demokratischen Sozialismus</strong></h3>
<p>Mit der Berlin-Blockade 1948 endeten letzte Gemeinsamkeiten der ehemals Verbündeten in der Anti-Hitler-Koalition. Die erwähnte Abteilung – das Information Research Department (IDR) – war im Vereinigten Königreich für die Abwehr und Gegenpropaganda in Richtung Sowjetunion und entstehender Ostblock zuständig. Was nun ausbrach, war ein „Kalter Krieg“ zwischen den neuen Machtblöcken. Den Begriff <em>„cold war“</em> prägte Orwell bereits in seinem Aufsatz <a href="https://www.orwellfoundation.com/the-orwell-foundation/orwell/essays-and-other-works/you-and-the-atom-bomb/">„You and the Atom Bomb“</a>. Dort heißt es:<em> „</em><em>the social structure that would probably prevail in a state which was at once unconquerable and in a permanent state of </em>‚<em>cold war’ with its neighbours.“ </em>(Tribune 19. Oktober 1945). Zum Kalten Krieg gehörte auch die ideologische Infiltration der Gegenseite. Und Deutschland lag mitten drin.</p>
<p>Alles, was sich für den Propagandafeldzug eignete, wurde eingespannt. Auch das US-Außenministerium erarbeitete entsprechende Direktiven. Am 11. April 1951 wurde ein internes Memorandum unter dem Titel „Participation of Books in Department´s Fight Against Communism“ freigegeben (auf meine Anfrage teilte mir das Archiv des US-State Department mit, dass man <em>„das Dokument nicht finden könne“</em>). Das Außenministerium bewilligte Mittel für Übersetzungsrechte an den gelisteten Büchern. Im gleichen Jahr kaufte die CIA die Filmrechte an „Animal Farm“ von Orwells Witwe Sonia.</p>
<p>Über sein geplantes Buch, das dann „1984“ wurde, schrieb er damals in „Why I write“: <em>„‚Die Farm der Tiere‘ war das erste Buch, in dem ich versuchte – mit dem vollen Bewusstsein, was ich hier mache – das politische Ziel und den künstlerischen Anspruch zu vereinen. Seit sieben Jahren habe ich keinen Roman mehr verfasst, hoffe aber, demnächst einen zu schreiben. Es könnte ein Misserfolg werden, aber jedes Buch ist ein Reinfall. Mit einiger Gewissheit sehe ich aber schon, was für ein Buch ich schreiben möchte.“</em></p>
<p>Orwell hatte sich schon länger mit der Idee getragen. So schrieb er im Oktober 1948 beim Abschluss des Manuskripts an seinen Verleger F. J. Warburg: <em>„1943 habe ich das erste Mal darüber nachgedacht. Ich glaube, dass die Grundidee gut ist, aber die Ausführung wäre wohl besser gelungen, wenn ich nicht unter der Wirkung von Tuberkulose gestanden hätte. Ich habe mich noch nicht endgültig auf den Titel festgelegt, ich zögere noch zwischen ‚Nineteen Eighty-Four‘ und ‚The last Man in Europe‘.“</em></p>
<p>Orwell hatte Erfahrung in der Propagandaarbeit. Während des Zweiten Weltkrieges arbeitete er in der Indien-Abteilung der BBC und musste sich mit den deutschen und russischen Presse- und Rundfunkbeiträgen auseinandersetzen. Seine linke Einstellung war seinem Arbeitgeber durchaus bekannt. Immerhin hatte er in Spanien an der Seite der Volksfront gegen Franco gekämpft und war schwer verwundet nach England zurückgekehrt. Seine Hoffnungen auf eine demokratische Nachkriegsentwicklung in der Welt fasste er 1947 <a href="https://www.orwell.ru/library/articles/European_Unity/english/e_teu">in der Partisan Review</a> in den folgenden Sätzen zusammen: <em>„Daher erscheinen mir heute die Vereinigten Sozialistischen Staaten von Europa als das einzig lohnende Ziel. So ein Staatenbund hätte mehr als 250 Millionen Einwohner und umfasste wohl die Hälfte der qualifizierten Arbeiterschaft der Welt. Man muss mir nicht erklären, dass die Umsetzung dieser Idee mit großen Schwierigkeiten verbunden sein wird. Ich werde gleich einige davon anführen. Wir sollten aber nicht davon ausgehen, dass es von Natur aus unmöglich wäre. Oder dass die Länder so verschieden sind, dass sie sich nicht freiwillig vereinigen würden.“</em></p>
<p>Seine Befürchtungen über eine mögliche Entwicklung in der Welt brachte er in seinem Roman „Nineteen Eighty-Four“ zu Papier. In seinem Essay <a href="https://www.orwellfoundation.com/the-orwell-foundation/orwell/essays-and-other-works/the-prevention-of-literature/">„The Prevention of Literature“</a> (in: Polemic 1946) schrieb er: <em>„</em><em>Ein totalitäres Gesellschaftssystem, dass es geschafft hat, sich erfolgreich zu behaupten, wird möglicherweise ein schizophrenes Gedankengebilde entwickeln, in dem die Gesetze des gesunden Menschenverstandes im täglichen Leben und in einigen exakten Wissenschaften noch gelten, aber Politiker, Historiker und Soziologen sich darüber hinweg setzen werden. Bereits heute gibt es zahlreiche Leute, die es skandalös finden, wenn man Fachbücher verfälscht, die aber nichts dabei finden, wenn historische Tatsachen verfälscht werden. Das ist der Kreuzungspunkt, an dem Literatur und Politik sich treffen und Totalitarismus den größten Druck auf die Intellektuellen entfaltet.“</em></p>
<p>Ganz bewusst trieb er also in seinem Roman das Bild einer totalitären Gesellschaft auf die Spitze, um Funktion und Organisation eines solchen Systems zu demaskieren. Persönliche Erfahrungen aus dem spanischen Bürgerkrieg sowie der britischen Kriegspropaganda 1939 bis 1945 speisten die literarische Umsetzung der Idee. So fließen Erlebnisse in der BBC-Kantine in den Roman ein. Das berüchtigte Zimmer 101 war im BBC-Gebäude ein allgemeiner Besprechungsraum. Das war natürlich kein Folterkeller. Aber hier wurden Wahrheiten, Halbwahrheiten und Falschmeldungen der Kriegsführung über die Medien besprochen. Hier trafen sich die geistigen Köpfe der Manipulation. Die Struktur der Ministerien im fiktiven Staat Ozeanien orientiert sich an einer <a href="https://www.archives.gov/milestone-documents/president-franklin-roosevelts-annual-message-to-congress">Rede von US-Präsident Roosevelt von 1941 über die vier Freiheiten</a> der westlichen Demokratien, in der er die Freiheit des Wortes und der Presse, der Religion sowie die Freiheit von Mangel und von staatlicher Willkür hervorhob.</p>
<p>Diese Grundwerte der westlichen Welt verkehrte Orwell in ihr Gegenteil und demonstrierte diese Perversion im Roman „1984“ am Schicksal seiner Protagonisten.</p>
<p>Nach den ersten Rezensionen verwahrte er sich, beispielsweise in einem Brief an <a href="https://openlibrary.org/authors/OL790385A/Vernon_Richards">Vernon Richards</a> vom 22. Juni 1949, dagegen, den Roman als Abkehr von seiner linken Position zu interpretieren (er war seit 1938 Mitglied in der Independent Labour Party): <em>„Ich bin besorgt darüber, dass einige republikanische Blätter in den USA versuchen, „1984“ als Propaganda gegen die Labour Party zu nutzen. Aber ich habe schon ein Dementi vorbereitet und hoffe, dass es veröffentlicht wird.“ </em></p>
<p>Die Benennung von Ideologie und Partei in Ozeanien als <em>„Englischer Sozialismus“</em> (<em>„Ingsoc“</em>) stelle keine Kritik an seiner eigenen Partei dar. Dass der Roman in England spiele, sei ebenfalls Teil der Fiktion: <em>„Die Handlung des Buches ist in England angesiedelt, um der englisch-sprechenden Welt zu zeigen, dass sie nicht von Geburt an besser als jede andere sei und dass Totalitarismus überall triumphieren könnte, wenn man ihm nicht entgegentritt.“</em><em> (</em>Brief an Francis A. Henson vom 16. Juni 1949.)</p>
<p>Gegenüber einem amerikanischen Gewerkschaftsführer erklärte er zu „1984“ im selben Brief unmissverständlich: <em>„Mein neuer Roman ist KEIN ein Angriff auf den Sozialismus oder auf die britische Labour Party (die ich unterstütze). Aber er zeigt auf, welche Perversionen in einer Planwirtschaft möglich sind und die zum Teil bereits unter dem Kommunismus und Faschismus Einzug hielten. Ich glaube nicht, dass die Gesellschaft, die ich da beschrieb, notwendigerweise kommen wird. Aber ich glaube (mit dem Hinweis, dass der Roman eine Satire ist), dass etwas Ähnliches aufkommen könnte. Ich glaube auch, dass totalitäre Ideen in den Köpfen einiger Intellektueller bereits Wurzeln geschlagen haben und ich habe versucht, diese Ideen bis in ihre logischen Konsequenzen auszumalen.“</em></p>
<h3><strong>Die Propagandafalle schnappt zu</strong></h3>
<p><img decoding="async" class="alignright wp-image-6079 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/ND17021950-233x300.jpg" alt="" width="233" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/ND17021950-200x257.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/ND17021950-233x300.jpg 233w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/ND17021950-400x514.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/ND17021950.jpg 584w" sizes="(max-width: 233px) 100vw, 233px" />Anfang 1950 nutzte die DDR-Zeitung „Neues Deutschland“ die Szenerie in „1984“ noch, um der westlichen Welt einen Spiegel vorzuhalten. Unter der Überschrift <a href="https://www.nd-archiv.de/artikel/186869.der-tritt-ins-menschliche-gesicht.html">„Der Tritt ins menschliche Gesicht“</a> wurde am 17. Februar 1950 aus dem Buch zitiert: <em>„Kürzlich starb in London der Schriftsteller George Orwell. Sein Zukunftsroman ‚Im Jahre 1984‘ ist das Sensationsbuch der englisch sprechenden Länder. Es beschreibt das Leben in dem utopischen Staat ‚Ozeanien‘ (mit Dollarwährung), das durch die folgenden Leitsätze gekennzeichnet wird: ‚Eine Welt der Furcht, des Verrats und der Qual, eine Welt des Tretens und Getretenwerdens, eine Welt, die nicht weniger grausam, sondern grausamer werden wird, je weiter sie sich entwickelt. Fortschritt in unserer Welt bedeutet Fortschreiten zu größerer Pein. Die alten Kulturen machten geltend, daß sie auf Liebe und Gerechtigkeit gegründet seien. Die unsrige ist auf Haß gegründet. Wenn Sie sich ein Bild der Zukunft ausmalen wollen – stellen Sie sich einen Stiefel vor, der in ein menschliches Gesicht tritt — immer und immer wieder.‘“</em></p>
<p>Aber nur wenige Monate später tappte Moskau bereits in die Propagandafalle. Statt den Sozialisten Orwell zu vereinnahmen, seine linke Gesinnung, seinen Kampf im spanischen Bürgerkrieg an der Seite der Volksfront zu würdigen, beschuldigte ihn Isaak Anissimow in der Prawda vom 12. Mai 1950, ein <em>„Feind der Menschheit“</em> zu sein (<a href="https://gloss-science-fiction.de/Die_PRAWDA_1950_ueber_Huxley_und_Orwell.htm">zitiert nach der deutschen Übersetzung von Ivo Gloss</a>). Seine Romane seien antikommunistische Hetzwerke. Dieses Verdikt aus Stalins Sprachrohr, der „Prawda“, besiegelte das Schicksal des Buches und seines Autors im Ostblock für die nächsten fast 40 Jahre: <em>„</em><em>Die Feinde der Menschheit, die Anstifter eines neuen Weltkrieges, wissen sehr wohl, dass ihre verbrecherischen blutigen Absichten niemals Wirklichkeit werden, wenn es ihnen nicht gelingt, die Völker zu täuschen. Sie scheuen keine Ausgaben für den massiven Einsatz aller Mittel der Provokation und der Erpressung, um das Bewusstsein der Massen mit ihrem Gift zu vernebeln. Unter anderem bedienen sie sich dazu auch der Prostituierung der Literatur. (…) Große Verbreitung haben in letzter Zeit phantastische Romane und Novellen erlangt, in denen äußerst düstere Vorhersagen darüber getroffen werden, was die Menschheit in näherer Zukunft zu erwarten hat. Die Verfasser derartiger Prognosen entwerfen mit sicherem Strich Bilder eines dritten oder gar vierten Weltkrieges, weiden sich an der Darstellung der Schrecken der massenhaften Vernichtung von Menschen durch den Einsatz atomarer und bakteriologischer Waffen und sagen voller Häme das unausweichliche baldige Ende der Kultur, der Kunst und der Menschheit überhaupt voraus. (…) Die Werke der menschenverachtenden Fantastik sind einander sehr ähnlich. Doch besonders abscheulich sind zwei Bücher, die vehement beworben und überall verlegt werden, wohin der verderbliche Einfluss des amerikanischen Imperialismus reicht. Dies sind die Bücher der anglo-amerikanischen Kosmopoliten A. Huxley – ‚Affe und Wesen‘ – und G. Orwell – ‚1984‘. Beide Bücher sollen Angst vor der Zukunft erzeugen. (…) Herr Orwell ist in allem vergleichbar mit Herrn Huxley, insbesondere in seiner Verachtung des Volkes und in dem Bemühen, den Menschen zu verleumden. Und wenn der eine schreit: ‚Die Stimme des Proletariats, das ist die Stimme des Teufels‘, dann steht auch der andere nicht zurück, giftigen Geifer verspritzend und das Bild einer schrecklichen Zukunft ausmalend, die der Menschheit angeblich vorherbestimmt sei, dem Volk die Schuld an allem Unglück zuzuschreiben. Er ist genötigt einzuräumen, dass der Kapitalismus bis zum Jahr 1984, in dem der Roman angesiedelt ist, aufgehört hat zu existieren. Doch nur um den Weg frei zu machen für endlose Kriege und den Verfall der Menschheit, die auf das Niveau von roboterähnlichen, „Prolos“ genannten Wesen herabgesetzt wird. Verständlicherweise ist das schmutzige Buch Orwells ganz im Sinne solcher Leiborgane der amerikanischen Propaganda wie ‚Reader&#8217;s Digest‘, das dieses Werk druckte, und ‚Life‘, wo es mit einer Vielzahl von Illustrationen vorgestellt wurde</em>.<em>“</em></p>
<p>Bereits auf dem DDR-Schriftstellerkongress im Juli 1950 schloss sich der Autor <a href="https://bavaria-judaica.de/politik/alexander-abusch/">Alexander Abusch</a> dieser Interpretation an, in dem er feststellte: <em>„</em><em>Auf der Suche nach dem Zukunftsträchtigen in der Literatur lernt man die historische Rolle der Sowjetliteratur in unserem Zeitalter verstehen. Die Invasion der amerikanisch gelenkten Literatur in Westdeutschland dagegen bringt uns Werke des bürgerlichen Niedergangs, eine Literatur der ‚hoffnungslosen Geschlechter‘ und der Atomisierung aller positiven menschlichen Werte. Die Literatur wird oft zur klinischen Studie, die das gesellschaftliche und auch persönliche Krankheitsbild des Autors offenbart, der selbst ein klinischer Fall zu werden beginnt. Oder die Literatur stellt sich mit den sadistischen Phantasien eines George Orwell, kosmopolitisch frisiert, in den Dienst der brutal-nüchternen, imperialistischen Ziele des amerikanischen Jahrhunderts</em>.“ (<a href="https://www.nd-archiv.de/artikel/168352.die-diskussion-in-der-sowjetliteratur-und-bei-uns.html">Neues Deutschland vom 4. Juli 1950</a>.)</p>
<p><img decoding="async" class="alignleft wp-image-6083 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/stasi1958-2-300x237.jpg" alt="" width="300" height="237" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/stasi1958-2-200x158.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/stasi1958-2-300x237.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/stasi1958-2-400x317.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/stasi1958-2-600x475.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/stasi1958-2.jpg 700w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" />Der britische Philologe und Historiker <a href="https://www.marxists.org/archive/morton/index.htm">Arthur Leslie Morton</a> sah dies genauso. In seiner Betrachtung über die englischen Utopien verortete er sowohl Huxleys als auch Orwells Romane unter den antikommunistischen Antiutopien:<em> „In fast allen diesen Büchern liegt der Hauptton auf dem Rückzug – Rückzug in die Phantasie, in eine unwissenschaftliche Nutzbarmachung der „Wissenschaft“, in Trübsal um der Trübsal willen. In fast allen ist der Glaube aufgegeben, daß eine gerechte und anständige Gesellschaft möglich ist und aus der bestehenden Gesellschaft erwachsen kann. In neuerer Zeit ist dieser Rückzug zu einer wilden Flucht geworden, und in Büchern wie Aldous Huxleys ‚Ape and Essence‘ (1948) und George Orwells ‚Nineteen Eighty-Four‘ (1949) herrscht offenste Reaktion, sich der „tatsächlichen Verwirklichung“ von Utopia zu widersetzen, und die tiefe Überzeugung, daß wir an allen bestehenden Institutionen festhalten müssen, wie korrupt sie auch immer sein mögen, da jegliche Änderung nur eine Wendung zum Schlechten sein kann</em><em>. (…) Man möchte annehmen, daß dieses Buch </em>(Affe und Wesen, WB)<em> den äußersten Tiefstand darstellt, auf dem das neue Genre der ‚Anti-Utopien‘ herabsinken konnte, aber die Veröffentlichung von Orwells ‚Neuzehnhundertvierundachtzig‘, ein Jahr später, beraubte es selbst dieser Auszeichnung. (</em><em>…) </em><em>Die ganze Geschichte ist, wie ‚Ape and Essence‘, im Stile einer philosophischen Diskussion aufgemacht, aber als geistiger Angriff auf den Marxismus ist sie nicht einmal der Verachtung wert. Orwell bringt es hingegen mit großem Geschick fertig, sich die niedrigsten Befürchtungen und Vorurteile, welche die in Auflösung befindliche bürgerlicher Gesellschaft erzeugt, zunutze zu machen. Sein Ziel ist es nicht, einen Standpunkt zu verfechten, sondern im Denken seiner Leser die vernunftwidrige Überzeugung entstehen zu lassen, daß jeglicher Versuch, den Sozialismus zu verwirklichen, zu einer Welt von Korruption, von Folterungen und Unsicherheit führen müsse. Um dies zu erreichen, ist ihm keine Verleumdung zu ungeheuerlich, kein Mittel zu schmutzig. „Neuzehnhundertvierundachtzig“ ist, zumindest für England, bis heute das letzte Wort in konterrevolutionärer Apologetik.</em> (zitiert nach: A. L. Morton, Die englische Utopia, Dietz Verlag, Berlin, Dietz Verlag, 1958.)</p>
<p><img decoding="async" class="alignright wp-image-6084 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/tarnschrift-innen-300x163.jpg" alt="" width="300" height="163" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/tarnschrift-innen-200x109.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/tarnschrift-innen-300x163.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/tarnschrift-innen-400x218.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/tarnschrift-innen-600x326.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/tarnschrift-innen-768x418.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/tarnschrift-innen-800x435.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/tarnschrift-innen-1024x557.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/tarnschrift-innen-1200x653.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/tarnschrift-innen-1536x835.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" />Der Westen nutzte diese Einschätzung und verstärkte seine Propaganda. In Deutschland, insbesondere in Westberlin, wurden Tarnschriften des Romans produziert und in die DDR geschmuggelt. Das war Teil des sogenannten <em>„Broschürenkriegs“</em> zwischen Ost und West. Beide Seiten produzierten Propagandamaterial und verschickten es mit der Post oder per Ballon in das gegnerische Gebiet. Bereits 1951 war eine getarnte Ausgabe von „1984“ im Gewand einer Geschichte der Revolution von 1848 Gegenstand einer <a href="https://www.jugendopposition.de/node/145342?guid=2858">Gerichtsverhandlung gegen Abiturienten aus dem sächsischen Werdau</a>. Zu den Weltjugendfestspielen im Sommer 1951 in Ostberlin erhielt der Roman einen anderen Tarnumschlag – verwendet wurde eine DDR-Broschüre von 1950 mit dem Pionierauftrag „Für Frieden und Völkerfreundschaft“ anlässlich der Vorbereitung des Treffens. Diese etwas gekürzte Fassung des Romans auf 95 Seiten Dünndruckpapier verteilte man während der Veranstaltung.</p>
<p>Auch ein Jahrzehnt später wurde der Roman gelegentlich als abschreckendes Beispiel westlicher Science Fiction zitiert. So glaubte der ehemalige stellvertretende Volksbildungsminister <a href="https://www.kommunismusgeschichte.de/article/detail/laabs-hans-joachim?type=0%27%252%27">Hans-Joachim Laabs</a> in seiner Kritik an der utopischen Literatur in der DDR, nicht nur „Ganymed auf falschem Kurs“ zu sehen, und meinte dann am 9. März 1963 im „Neuen Deutschland“ unter der Teilüberschrift <a href="https://www.nd-archiv.de/artikel/1429857.auf-leninsche-art-traeumen-koennen.html">„Auf Leninsche Art träumen“</a>: <em>„Auch heute benutzen die Imperialisten die utopische Literatur zur Steigerung der Kriegshysterie. Berüchtigt wurde das Machwerk ‚1989‘ </em>(sic!)<em> von Orwell, eine Verunglimpfung der auch vom Verfasser als ‚unabwendbar‘ unterstellten sozialistischen Zukunft der ganzen Gesellschaft.“</em></p>
<p>Ob der auf das Wendejahr geänderte Titel nun ein Fehler des Setzers, die Unkenntnis des Autors oder eine weitsichtige Vorausschau war, lässt sich heute nicht mehr feststellen.</p>
<h3><strong>„1984“ führt auf direktem Wege ins DDR-Gefängnis</strong></h3>
<p>In der Folgezeit wurde das Buch zur begehrten Schmuggelware, gleichzeitig zum Beweismittel der Staatsmacht für antisozialistisches Gedankengut. Davon zeugen zahlreiche Gerichtsurteile und persönliche Schicksale. Nur wenige Fälle gelangten (zur Abschreckung) in die DDR-Presse: So berichtete das CDU-Blatt „Neue Zeit“ am 28 November 1957 über den Prozess gegen den Theologen <a href="https://www.leipzig-lese.de/persoenlichkeiten/s/schmutzler-georg-siegfried-1915-2003/georg-siegfried-schmutzler-1915-2003/">Georg-Siegfried Schmutzler</a>, der unter anderem aus dem Roman „1984“ gegenüber Mitgliedern seiner Leipziger Studentengemeinde zitiert hatte. <a href="https://www.spiegel.de/politik/freiheit-ist-mangelware-a-94140b5a-0002-0001-0000-000041760013">Gegen ihn wurden fünf Jahre Haft gefordert und verhängt</a>. Noch 1978 wurde ein junger Theologe in Karl-Marx-Stadt für ein vergleichbares Delikt zu zwei Jahren und vier Monaten Haft verurteilt. Auch er hatte das Buch „1984“ an Bekannte weitergegeben. In der Urteilsbegründung kam das Gericht zu folgender Einschätzung: <em>„Das Buch „1984“ soll dazu dienen, den Sozialismus zu verteufeln und zu verunglimpfen. Dabei wird insbesondere die Sowjetunion sowie die führende Rolle der marxistisch-leninistischen Partei diffamiert, indem das Leben im Jahre 1984 als düster und grau geschildert wird und die Menschen dem ideologischen und physischen Zwang der Partei als einer „hypnotischen Macht“ unterworfen sind. (…) Der Angeklagte las das Buch und erkannte im Ergebnis dessen gegen den Sozialismus gerichteten Inhalt, wobei die sozialistische Gesellschaft als eine totalitäre Machtausübung gekennzeichnet mit Unfreiheit, ideologischem Zwang und Unterjochung breiter Massen dargestellt wurde. (…) Die Verbreitung dieses hetzerischen Machwerks durch den Angeklagten erfolgte insbesondere unter der Zielsetzung, seine Bekannten damit vertraut zu machen und die bei ihnen zum Teil bestehende ablehnende Haltung zu den gesellschaftlichen Verhältnissen in der DDR zu bestärken. (…) Die Tatsache, daß dieses Machwerk besonders in den letzten Jahren gezielt, und zwar im Rahmen der ideologischen Diversion gegen die DDR gerichtet wird, beweist einmal mehr, daß den Feinden des Sozialismus alles gelegen kommt, was ihrer Zielstellung der inneren Unterhöhlung der sozialistischen Gesellschaftsordnung dient.“</em></p>
<p>Dieses und weitere Schicksale hat <a href="https://www.ddr-zeitzeuge.de/ddr-zeitzeugen-recherchieren/ddr-zeitzeuge/baldur-haase-177.html">Baldur Haase</a>, selbst wegen eines Gesprächs über „1984“, das ihm ein Freund zugeschickt hatte, zu drei Jahren und drei Monaten Zuchthaus verurteilt, im Jahr 2005 in seiner Schrift „George Orwells Bücher und wie sie Orwells Leser in der DDR ins Zuchthaus führten“ für den Landesbeauftragten des Freistaats Thüringen für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR zusammen getragen.</p>
<p>In diesem Zusammenhang ist ein staatliches Gutachten zu seinem Gerichtsprozess besonders aussagekräftig. Im Rahmen der Vorbereitung seines Prozesses wandte sich die Bezirksdienststelle Gera des Ministeriums für Staatssicherheit an die Berliner Zentrale und erhielt postwendend ein Schriftstück aus dem damaligen Deutschen Institut für Zeitgeschichte. Der stellvertretende Abteilungsleiter Otto Forchmann hielt zum Roman „1984“ auf gut zwei Schreibmaschinenseiten im Ergebnis fest: „<em>Das Buch ist weit mehr als ein utopischer Roman. Es ist das Phantasiegebilde eines Schriftstellers, der den Kalten Krieg zum System erhebt und seinen Haß gegen die Sowjetunion, gegen die Partei der Arbeiterklasse zum Ausdruck bringt und mit der Hilfe von Grausamkeitsschilderungen und Hirngespinsten unter Benutzung von geschickten technischen Schilderungen seinen Leserkreis in dieser Einsicht beeinflussen will, um jedes Bestreben, den Frieden zu erhalten und die Koexistenz zu unterstützen, zu vernichten. Das Buch ist nicht nur staatsgefährdend, sondern es stellt in der Hand seines Lesers staatsfeindliches, besonders gegen die UdSSR und alle sozialistischen Staaten gerichtetes Hetzmaterial dar. Die Verbreitung und jeder Vertrieb sollten unter allen Umständen beobachtet und mit allen staatlichen Mitteln verhindert werden.“ </em>(im Archiv B. Haase, Jena, <a href="https://www.ifz-muenchen.de/das-institut/gutachten/">Deutsches Institut für Zeitgeschichte</a> vom 29. Juli 1958.)</p>
<p>Als Beispiel mangelnder Wachsamkeit wurde von Forchmann noch die Verbreitung des Romans während der Weltjugendfestspiele 1951 erwähnt.</p>
<p>Die Saat der tendenziösen Interpretation von Orwells Werk war also im Osten voll aufgegangen und hatte paranoide Formen angenommen. Dies findet sich auch in den wenigen biografischen Angaben von DDR-Nachschlagewerken. So heißt es in der von <a href="https://research.uni-leipzig.de/agintern/CPL/PDF/Seehase_Georg.pdf">Georg Seehase</a> herausgegebenen Sammlung „Englische Literatur im Überblick“ (Leipzig, Reclam, 1986) über den Autor und sein Werk: <em>„Von der sozialen Bezogenheit der Literatur in den dreißiger Jahren beeinflußt war der als Sohn eines britischen Beamten in Indien geborene George Orwell (Pseudonym für Eric Arthur Blair; 1903 – 1950). (…) Mit einem vagen Sozialismusmodell vor Augen, das sich aber dem Klassencharakter revolutionärer Umwälzung verschloß, kämpfte er zunächst im Spanischen Bürgerkrieg in einer sektiererischen Splittergruppe. (…) Sein letzter Roman ‚Nineteen Eighty-Four‘ (1949; 1984, dt), der in utopischer Form den Untergang der Menschlichkeit unter einem klassenindifferent gefaßten totalitären Regime beschreibt, konnte zumindest im Sinne der antikommunistischen Propaganda in den imperialistischen Ländern wirkungsvoll eingesetzt werden. (…) Die ideologische Entwurzelung kehrte sich bei George Orwell mit seiner Teilnahme am Spanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Anarchisten in jenen Antikommunismus, der sein spätes Schaffen in Form der Anti-Utopie einen programmatisch antikommunistischen und sowjetfeindlichen Charakter verlieh und in diesem Sinn massenhafte Verbreitung erfuhr</em>.<em>“</em></p>
<p>Das Buch konnte nur unter persönlicher Gefahr besessen oder gar weitergegeben werden. Trotzdem kursierte es in verschiedenen Varianten. So berichtet die Autorin Susanne Gottschalk in einem Kommentar, dass sie „1984“ damals <em>„auf einer alten Erika-Schreibmaschine mit fünf oder mehr Durchschlägen komplett abgeschrieben“</em> habe. Und natürlich stand es in den Giftschränken der großen Bibliotheken von Universitäten und SED-Instituten. Bei begründeten Anträgen für Forschungsarbeiten bekam man ggf. Zugang dazu. Für die Infiltration des sowjetischen Machtraums waren die Bücher Orwells zur ideologischen Superwaffe geworden. Während sich die eine Seite bedroht fühlte, konnte die andere Seite damit drohen, ohne schweres Gerät einzusetzen.</p>
<h3><strong>Das Jahr 1984 bringt eine neue Sicht auf „1984“</strong></h3>
<p>Ausgerechnet im Jahr 1984 kam man in der DDR zu einer etwas differenzierteren Betrachtung des Romans. Den Ton gab die sowjetische Regierungszeitung <a href="https://archive.org/details/melor-strua-1984-and-1984-novosti-1984">„Iswestija“ am 15. Januar 1984</a> vor. 1984 wurde eine Langfassung als Propagandabroschüre des ANP-Verlages Moskau in deutscher Sprache veröffentlicht. Dort blieb der Journalist Melor Sturua – der Vorname ist eine Abkürzung von „Marx, Engels, Lenin; Oktober Revolution“ – zwar beim Vokabular der Stalinära: <em>„George Orwell, ein Renegat des Sozialismus, der aus einem Weggefährten des Fortschritts zu einem Spion der Reaktion wurde, entwarf in seinem mit den Mitteln der gesellschaftspolitischen Utopie geschriebenen Roman als eine Karikatur auf unsere Gesellschaftsordnung am Beispiel des Labour-regieren England, das in ein ‚kommunistisches System hinüberwuchs‘.“ </em>Aber er stellt dann fest: <em>„Wie es nicht anders sein konnte, trieb die Geschichte böses Spiel mit dem Autor und auch mit seinen Apologeten. Von 1949 bis 1984 hat jedes Jahr immer klarer und überzeugender bewiesen, daß Orwell, ohne es zu wollen und ohne es zu wissen, nicht eine Karikatur auf den Sozialismus und Kommunismus gezeichnet hat, sondern ein durchaus wirklichkeitsgetreues Bild des modernen Kapitalismus und Imperialismus. Das, was Orwells ausgefallene Phantasie zum besten gegeben hat, ist in der westlichen Welt, vor allem in den USA, diesem wahren und nicht erfundenen Zentrum des Bösen, Wirklichkeit geworden.“</em></p>
<p><img decoding="async" class="alignright wp-image-6080 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/hoepke-einheit-2-1984-190x300.jpg" alt="" width="190" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/hoepke-einheit-2-1984-190x300.jpg 190w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/hoepke-einheit-2-1984-200x316.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/hoepke-einheit-2-1984-400x631.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/hoepke-einheit-2-1984-600x947.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/hoepke-einheit-2-1984-649x1024.jpg 649w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/hoepke-einheit-2-1984-768x1212.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/hoepke-einheit-2-1984-800x1262.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/hoepke-einheit-2-1984-974x1536.jpg 974w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/hoepke-einheit-2-1984-1200x1893.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/hoepke-einheit-2-1984-1298x2048.jpg 1298w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/hoepke-einheit-2-1984-scaled.jpg 1623w" sizes="(max-width: 190px) 100vw, 190px" />So versuchte der stellvertretende Kulturminister der DDR <a href="https://www.zeit.de/news/2023-10/17/ehemaliger-vize-ddr-kulturminister-hoepcke-gestorben">Klaus Höpcke</a> 1984 in der SED-Zeitschrift „Einheit“ aus gegebenem Anlass eine Interpretation des Werkes. Höpcke war in dieser Funktion Leiter der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel (HV). Wie im oben bereits zitierten Artikel des <em>„Neuen Deutschland“</em> von 1950 bemühte er sich, den Inhalt von „1984“ wiederum auf <em>„</em><em>den heutigen Kapitalismus und seine staatsmonopolistischen Herrschaftsformen“ </em>zu beziehen. Denn das Werk wurde <em>„</em><em>selbst zum Objekt der Manipulation</em>. <em>Unter der Fuchtel der Lenker der Fernseh-, Film-, Funk-, Presse- und Buchproduktion in den entwickelten kapitalistischen Industriestaaten wurde es zu einer Vision erklärt, die angeblich kommunistische Verhältnisse spiegele</em>.<em>“</em> Aber, so fährt er fort, <em>„</em><em>unverblendeten Geistern indes gehen Lichter auf. Wenn ihnen so viel Orwellsches in ihrem Alltag begegnet – kann das vielleicht etwas damit zu tun haben, daß es sich um Entwicklungstrends des gewöhnlichen Kapitalismus handelt? (…) Die grotesken Bilder im Buch treffen charakteristische Züge kapitalistischer Wirklichkeit. Nehmen wir die bei Orwell vorkommende Neusprache. Es handelt sich um eine Nicht-Sprache – eine Sprache, die nicht geeignet ist, daß Menschen miteinander sprechen, sich verstehen, streiten, füreinander wirken, übereinander urteilen können</em>.<em>“</em></p>
<p>Dabei spart er natürlich nicht mit Kritik am Autor: <em>„Das macht eine der Begrenzt-, ja Beschränktheiten seiner Utopie aus. Sie vermittelt das lähmende Gefühl der Ohnmacht. In dieser Sicht des Autors spiegelt sich, daß Orwell der revolutionären Strömung der Arbeiterbewegung, der er zeitweilig schwärmerisch angehangen hatte, nie tief, fest und eng verbunden war. Die Kräfte, die imstande sind, die Entmachtung des Menschen zu überwinden, waren jedoch schon lange vor dem Zeitpunkt, da der Roman geschrieben wurde, auf dem Plan. Sie organisieren sich in unseren Tagen noch stärker. Denn sie müssen erkennen, daß die grauenvollen Visionen, die Orwell in seinem Buch entwarf, in ihrer Welt mehr und mehr Alltag zu werden im Begriff sind. Der Versuch, Orwells Buch weiter als Geschoß in der antikommunistischen Propaganda scharf zu halten, ist ein Ausdruck der historischen Defensive des Imperialismus.“</em></p>
<p><img decoding="async" class="alignleft wp-image-6081 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/sonntag-217x300.jpg" alt="" width="217" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/sonntag-200x277.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/sonntag-217x300.jpg 217w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/sonntag-400x554.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/sonntag-600x831.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/sonntag-740x1024.jpg 740w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/sonntag-768x1063.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/sonntag-800x1108.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/sonntag-1109x1536.jpg 1109w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/sonntag-1200x1662.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/sonntag-1479x2048.jpg 1479w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/sonntag-scaled.jpg 1849w" sizes="(max-width: 217px) 100vw, 217px" />In der kulturpolitischen Wochenzeitung „Sonntag“ betrachtete Günther Klotz in einem ganzseitigen Artikel das Buch und seinen Autor aus verschiedenen Perspektiven. <em>„</em><em>Als antikommunistisches Feldgeschrei bleibt die Jahreszahl schon einigen im Halse stecken. Das hat einen erschreckenden Grund: Im Spiegel des Romans tauchen die eigenen Umrisse auf. Wie konnte das passieren“</em>, fragt er an die westlichen Medien gerichtet. Und er stellt fest, dass viele, die diese Chiffre benutzen, den ganzen Roman gar nicht kannten. Denn sowohl in den USA als auch in Westdeutschland erschienen <em>„</em><em>gefriergetrocknete Kurzfassungen, tendenziös gekürzte Fassungen </em>oder <em>sensationalistisch illustrierte Textruinen für die Massenverbreitung</em>. Der Roman war <em>in einer Weise bearbeitet, daß nur eine vom Gut-Böse-Schema vereinfachte Story übrigblieb, die sich ganz und gar für den gesteuerten Antikommunismus benutzen ließ</em>. Der deutschen Übersetzung von Wagenseil wurde vorgehalten, sich mit <em>Glättungen, Tilgungen, Verschiebungen und Veränderungen gegenüber dem Original als durchaus verträglich mit der offiziellen amerikanischen Kulturpolitik</em> zu zeigen. <em>Insbesondere sei der Anhang über die Neusprache, die nicht der Sprache sozialistischer Länder, sondern dem verschleiernden Sprachgebrauch der westlichen Regierungen und Medien entsprang, auffällig beschnitten</em>. Er belegt dies sogleich: <em>Sie kehren die Sprache um, sagen ‚Sozialpartnerschaft‘ für Ausbeutung, ‚Freiheit‘ für Verfolgung von Minderheiten, ‚Menschenrechte‘ für Massenarbeitslosigkeit, ‚Verteidigung‘ für die Aufstellung atomarer Erstschlagswaffen. (…) Und da sie nichts so fürchten wie das eigene Volk, richten sie einen totalen Überwachungsstaat ein, damit niemand mehr über das Kuckucksnest fliegt</em>. Auf den Inhalt des Romans wird kaum eingegangen (15 Zeilen), wohl werden aber Wertungen geliefert: <em>Dieser Held rebelliert also nicht</em>.</p>
<p>In der Einschätzung des Romans zu anderen Utopien konstatiert Klotz, dass er <em>„z</em><em>u Recht in die Tradition der englischen Utopia eingeordnet und vor allem mit Swift in Verbindung gebracht</em> wird. Gleichwohl bleibe er in seiner <em>Gedankengröße hinter Thomas More, …. und auch den negativen Utopisten Huxley und Golding weit zurück</em>.<em>“</em></p>
<p>Im Fazit hält er fest: <em>„</em><em>Im Laufe seiner Geschichte hat sich der Sozialismus als dauerhaft demokratischer erwiesen, als sich Orwell vorstellen wollte. In dem Maße, wie wir uns der Widersprüche in der Entwicklung des Sozialismus bewußt geworden sind, wurden Einseitigkeiten vermieden und die Widersprüche als Anstöße weiter fortschreitender Prozesse genutzt</em>.<em>“</em> Der überraschende Schlusssatz lautet, dass <em>„</em><em>Orwell in unseren literaturhistorischen Diskurs aufgenommen werden“ </em>kann. Auch in der Lehrerbildung sollte das Thema nicht ausgespart werden. So stellte die Anglistin Brunhild de la Motte-Sherman am 16. April 1984 in einem Vortrag, der 1985 in der „Wissenschaftliche(n) Zeitschrift der Pädagogischen Hochschule“ veröffentlicht wurde, Autor und Roman im Rahmen der marxistisch-leninistischen Weiterbildung an der Pädagogischen Hochschule Potsdam vor. Eingangs hielt sie fest: <em>„Mit Beginn des Jahres 1984, dem Visionsjahr aus George Orwells gleichlautendem Roman wurde das Thema der absoluten Manipulation wieder zum bestimmenden Tenor in den westlichen Massenmedien. Dabei spielte Orwells Buch, das inzwischen zum Symbol gewordene Schlagwort innerhalb der anti-kommunistischen Propaganda geworden ist, eine Schlüsselrolle, obwohl der Autor es einst als Ausdruck liberaler Geisteshaltung verstanden wissen wollte. Damit wird deutlich, daß objektive Intention eines Autors und objektive Wirkung seines Buches recht weit auseinandergehen können.“</em></p>
<p>Nach einer kurzen Inhaltsangabe und biografischen Angaben zum Autor kommt sie zu einem ähnlichen Schluss wie Höpcke und Klotz: <em>„Konfrontiert mit einer Realität, in der Atomraketen gegen den Willen der Bevölkerung stationiert werden, in der das soziale Überwachungssystem zwecks Einschüchterung oppositioneller Kräfte perfekt ist und die Meinungsmanipulation durch Halbwahrheiten oder Falschinformationen einen beängstigenden Grad erreicht hat, erkennen fortschrittliche Menschen in den kapitalistischen Ländern, daß Orwells Prognosen in ihrer eigenen Welt mehr und mehr Alltag werden, selbst wenn diese nicht so trist ist wie im Roman. Es fällt deshalb heute schwer, das Buch „1984“ uneingeschränkt für die anti-kommunistische Propaganda zu nutzen – es kommt damit der ursprünglichen Intention seines Autors wieder näher.“ </em></p>
<p>Neben dem leichten Schwenk in der Interpretation vom Orwells Roman zeigen diese Artikel vor allem eines: den „Mythos 1984“ konnte der Leser in der DDR auch 1984 nur aus zweiter Hand in Form einer bewertenden Darstellung wahrnehmen. Ein direkter Zugang zum Werk, sich selbst ein Bild machen, war ihm weiterhin nicht möglich. Diesen Umgang mit unerwünschter Literatur im <a href="https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/vermitteln/ausstellungen/leseland-ddr">Leseland DDR</a> bezeichnete der <a href="https://www.pedocs.de/volltexte/2025/32334/pdf/dhs_2024_1_Florath_Der_Unabhaengige_Historikerverband_und_die_demokratische_Revolution.pdf">Unabhängige Historikerverband</a> in seinem Gründungsaufruf vom 11. Januar 1990 als <em>„Kalte Bücherverbrennung“</em>.</p>
<h3><strong>Warum „1984“ letztlich doch nicht in der DDR erschien</strong></h3>
<p>Das ideologische Tauwetter in der Sowjetunion nach der Machtübernahme durch Michail Gorbatschow, den neuen Generalsekretär der sowjetischen Kommunisten, im März 1985 brachte auch in der Kulturpolitik eine vorsichtige Öffnung mit sich. Zwar stellte Kurt Hager, Chefideologe der SED, im Interview mit der Zeitschrift Stern Anfang April 1987 die Frage: „<em>Würden Sie, nebenbei gesagt, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?</em>“ (siehe auch den Nachdruck <a href="https://www.nd-archiv.de/artikel/1097339.kurt-hager-beantwortete-fragen-der-illustrierten-bstern.html">in „Neues Deutschland“ vom 10. April 1987</a>) und tat die Veränderungen im Ostblock als Fassadenrenovierung ab. Aber in der Praxis des real existierenden Sozialismus wurden Nischen größer, gleichzeitig stieg der Druck im Kessel. Nachdem Romane Orwells 1988 in der Sowjetunion und Polen erschienen, wurde man auch in der DDR mutiger. So gelangte der Roman „1984“ Ende 1988 in den Publikationsplan des Ost-Berliner SED-Verlages Volk und Welt. Intern hatte man sich bereits seit Anfang der 1970er Jahre mit dem Autor und seinem Werk beschäftigt. Davon zeugen zahlreiche Artikel aus dem westdeutschen Feuilleton im Verlagsarchiv. In der Vorankündigung für das Jahr 1990 (Redaktionsschluss Mai 1989) stand Orwells Roman unten auf Seite 19 des Verlagsprospekts. Der Roman sollte in der Sonderreihe mit der ex-libris-Ausstattung erscheinen und 16 (DDR)Mark kosten. Im Prospekt hieß es zu dem Roman: <em>„Als eine erschütternde Warn-Utopie gegen Machtmißbrauch, Meinungsmanipulation und die Verfolgung Andersdenkender hat dieser Roman Orwells (1903-1950) Eingang in die Weltliteratur gefunden. Erzählt wird die tragische Geschichte zweier Menschen, die in dem Mechanismus eines totalitären Zukunftsstaates zerbrochen werden.“</em></p>
<p><img decoding="async" class="alignright wp-image-6082 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/vvw-gutachten-218x300.png" alt="" width="218" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/vvw-gutachten-200x275.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/vvw-gutachten-218x300.png 218w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/vvw-gutachten-400x550.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/vvw-gutachten-600x826.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/vvw-gutachten-744x1024.png 744w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/vvw-gutachten.png 750w" sizes="(max-width: 218px) 100vw, 218px" />Um die Edition für 1990 vorzubereiten, fand am 11. Oktober 1989 eine Redaktionsberatung statt, auf der der Lektor Klaus Schultz mit den weiteren Vorbereitungen beauftragt wurde. Dazu gehörte vor allem der Antrag auf Druckgenehmigung bei der HV, der inoffiziellen Zensurbehörde. Es wurde des Weiteren beschlossen, das Nachwort von Herbert W. Franke aus der Ullstein-Ausgabe nicht zu übernehmen. Die Beantragung der Druckgenehmigung auf dem dafür vorgesehenen Formblatt erfolgte unmittelbar darauf am 13. Oktober 1989 mit Unterschrift des Verlagsleiters (im Bundesarchiv Berlin vorhanden, Bestand DR 1/2397a). Beantragt wurden Papier- und Druckkontingent für 3.000 Exemplare. Beigefügt ist die fünfseitige Stellungnahme des Verlages vom 23. August 1989, in der vom Cheflektor unter anderem ausgeführt wurde: <em>„‚1984‘ ist wie kaum ein literarisches Werk unseres Jahrhunderts genau dazu mißbraucht worden, wogegen es unter anderem eintritt: die Meinungsmanipulation.“</em></p>
<p>Man verwies darauf, dass eine differenzierte Betrachtung des Romans bereits 1984 in der DDR-Presse versucht wurde (siehe die oben zitierten Beiträge von Höpcke und Klotz). Orwell wird als streitbarer Humanist und Künstler beschrieben, „<em>der politische und soziale Realität an seinen eigenen Emotionen, den individuellen sozialistisch-liberalen Maßstäben wertete</em>“. Gleichwohl lägen „<em>die Bezüge auf die monopolkapitalistische Welt (…) deutlich auf der Hand und sind überdies von bürgerlichen Bewertern des Buches wie von unserer Seite ausführlich belegt worden</em>.“ Im Schlusssatz wird auf zwei positive Gutachten verwiesen, die eine Edition nun befürworteten.</p>
<p>Am 30. Oktober 1989 erfolgte die Anfrage beim Ullstein-Verlag wegen einer Drucklizenz für die DDR. Diese wurde umgehend positiv mit einem Vertragsentwurf beantwortet, der am 5. Dezember 1989 vom Verlag Volk und Welt gegengezeichnet wurde. Für die 3.000 Exemplare vereinbarte man Lizenzgebühren in Höhe von 6.400 DM.</p>
<p>Aber bereits Anfang 1990, zwei Monate nach dem Fall der Mauer in Berlin, zog nüchternes Kalkül in die Verlagsplanungen bei Volk und Welt ein: man prüfte die Pläne vor dem Hintergrund der neuen Situation. War es wirtschaftlich noch möglich, bisherige kulturelle Nischen zu besetzen? Denn jeder Ostberliner konnte – sofern er denn D-Mark hatte – dieses Buch – und viele andere – in jeder Westberliner Buchhandlung erwerben. Oder zumindest in einer Bibliothek ausleihen. So wurde jetzt jede geplante Lizenzausgabe ernsthaft dahingehend geprüft, ob ihre Produktion und ihr Erschienen in der DDR noch (ökonomischen) Sinn machte. Für jede bereits verabredete Ausgabe besprach der Vertrieb, wie mir Monika Müller, ehemalige Leiterin Vertrieb und Marketing bei VuW persönlich mitteilte, daraufhin mit den Lizenzgebern der Westverlage, ob die Produktion noch erfolgen sollte oder ob man im Einzelfall den Vertrag wieder auflöst. Dies erfolgte dann für Orwells Roman „1984“ am 3. April 1990 „<em>einvernehmlich</em>“. So nachzulesen auf dem Exemplar des ursprünglichen Lizenzvertrages vom Dezember 1989.</p>
<p>So verhinderte letztlich der Zusammenbruch des DDR-Systems ein Erschienen von „1984“ in der DDR. Aber Big Brother lebt weiter.</p>
<p><strong>Wolfgang Both</strong>, Berlin</p>
<p><a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=1311">Wolfgang Both</a> ist Autor des Buches „Rote Blaupausen – Eine kurze Geschichte der sozialistischen Utopien“ (Berlin, Memoranda, 2021, über das Thema sprach er auch <a href="https://www.memoranda.eu/?podcast=folge-17-wolfgang-both-ueber-rote-blaupausen">im Memoranda-Podcast</a>). Er ist Mitglied des <a href="http://www.club-andymon.net/">Science Fiction Clubs ANDYMON</a>.</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> im Mai 2025, deutsche Übersetzungen der zitierten Auszüge aus Essays und Briefen von George Orwell von Wolfgang Both. Internetlinks zuletzt am 4. Mai 2025. Der Essay beruht auf einem Vortrag des Autors vom 24. April 2025 in der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur im Rahmen einer Vortragsreihe zum 40jährigen Jubiläum von ANDYMON. In allen Zitaten der DDR-Zeitungen und Zeitschriften wurde die Original-Orthographie beibehalten. Einige der zitierten Zeitschriften und Äußerungen, zum Beispiel die Zeitungen „Sonntag“ und „Einheit“ oder der komplette Aufruf zur Gründung des Unabhängigen Historikerverbandes, sind im Internet nicht verfügbar und können nur in Bibliotheken beziehungsweise im <a href="https://www.bundesarchiv.de/">Bundesarchiv</a> eingesehen werden. Verwendung der Abbildungen im Text nur mit Zustimmung des Autors. Titelbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Statue_of_George_Orwell_(2018).jpg">Statue von George Orwell vor dem Broadcasting House in London</a>. Foto: Ben Sutherland. Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0" target="_blank" rel="noopener">Creative Commons Attribution 2.0</a>.)</p>
</div></div></div></div></div>
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