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	<title>Müll Archive - Demokratischer Salon:</title>
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	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
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		<title>Der chinesische Spiegel</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 08 May 2025 05:58:56 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Der chinesische Spiegel Alexander von Humboldt, Kim Stanley Robinson und Science Fiction aus China „Wenn sich ein Mensch in einer Illusion verloren hat und nicht mehr weiß, wen er hassen soll, dann wird er alles hassen. Wenn die Freiheit durch die Umstände zerstört wird, wird er alles zerstören wollen … wie bei Pharrells Eltern  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Der chinesische Spiegel</strong></h1>
<h2><strong>Alexander von Humboldt, Kim Stanley Robinson und Science Fiction aus China</strong></h2>
<p><em>„Wenn sich ein Mensch in einer Illusion verloren hat und nicht mehr weiß, wen er hassen soll, dann wird er alles hassen. Wenn die Freiheit durch die Umstände zerstört wird, wird er alles zerstören wollen … wie bei Pharrells Eltern hat der Algorithmus die Gewaltbereitschaft nicht wirklich eliminiert, im Gegenteil, er hat die manischen Ausprägungen der Echten verdoppelt.“ </em>(aus: Chi Hui, Der Algorithmus der Artifiziellen, in: Chi Hui, Das Erbe der Menschheit und andere Geschichten, Augsburg, MaroVerlag, 2022)</p>
<div id="attachment_5904" style="width: 208px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.maroverlag.de/413_chi-hui"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5904" class="wp-image-5904 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Chi_Hui_Erbe-198x300.jpg" alt="" width="198" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Chi_Hui_Erbe-198x300.jpg 198w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Chi_Hui_Erbe-200x303.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Chi_Hui_Erbe.jpg 294w" sizes="(max-width: 198px) 100vw, 198px" /></a><p id="caption-attachment-5904" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Was fasziniert westliche Menschen an China? Wieso hat der chinesische Science-Fiction Autor <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/kosmologische-science-fiction/">Cixin Liu</a> am Anfang des 21. Jahrhunderts alle Vorurteile gegen die chinesische Literatur widerlegt und eine Bestseller-Trilogie vorlegen können, die das gesamte Science-Fiction Genre neu belebt? Wie konnte dieser junge Autor aus der chinesischen Provinz so kongenial die neuesten Forschungen zur Kosmologie mit der Kulturgeschichte Chinas und der Weltpolitik der Gegenwart zu einem eschatologischen Meisterwerk der Science Fiction verbinden? Und welche chinesischen Autorinnen und Autoren sollten wir noch entdecken? Unterscheiden sich ihre Themen von den Themen europäischer und nordamerikanischer Science Fiction? Was ist das spezifisch Chinesische, beispielsweise an einer Erzählung zur Künstlichen Intelligenz wie der der zitierten jungen Autorin Chi Hui?</p>
<h3><strong>Vorsichtige Annäherungen</strong></h3>
<p>Literatur ist immer eingebunden in die Kultur des Landes, in der die Autorin oder der Autor aufgewachsen ist. Dies gilt auch für die fantastische Literatur und die Science Fiction, die sich mit Zukunftsvorstellungen für die Menschheit beschäftigt. Die kulturelle Gegenwart und die kulturelle Vergangenheit prägen die Zukunftsvorstellungen aller Menschen, besonders die Fiktionen von Autorinnen und Autoren, die wiederum die Zukunftsvorstellungen ihrer Leserinnen und Leser beeinflussen. Es ist deshalb immer interessant, sich mit den Lebenswelten der Autoren zu beschäftigen, wenn man ihre Narrative verstehen und schätzen lernen will. Vielleicht sollte man das Land, in dem sie schreiben, einfach einmal bereisen.</p>
<p>Ich war im Jahre 2011 für zwei Wochen in Kunming, Yunnan, China, um eine Freiwillige aus unserem damaligen <a href="https://www.weltwaerts.de/de/">„weltwärts-Bremen“-Freiwilligenprogramm</a> zu besuchen. Der Besuch im Green Lake Park in Kunming hat mich begeistert und nachhaltig geprägt, denn die künstlerischen und musikalischen Präsentationen der Bürgerinnen und Bürger von Kunming im Green Lake Park haben mir, wenn auch nur ansatzweise, die Bedeutung von Musik, Tanz, Gemeinsamkeit, Tai Chi, Körperkultur, der chinesischen Bevölkerung in ihrem Alltagsleben vor Augen geführt und mich seinerzeit zu der Frage veranlasst: Warum gibt es so etwas (Musik, Tanz unter Beteiligung tausender Menschen) nicht im Bremer Bürgerpark, der Eilenriede in Hannover oder im Englischen Garten in München? Zehn Jahre später, beim Lesen der Werke von Cixin Liu, kamen weitere Fragen dazu, als ich mich wieder an Kunming erinnerte: Wie kommt es, dass die chinesische Science-Fiction-Literatur der Gegenwart so populär geworden ist, sodass es inzwischen auch eine amerikanische Netflix-Serie zur Drei-Sonnen-Trilogie gibt, und warum war sie im Westen so lange unbekannt?</p>
<p>Wie lässt sich das Phänomen erklären, dass die im Westen fast schon als literarische Ödnis wahrgenommene und letztlich ignorierte Gegenwartsliteratur China nun so plötzlich in den narrativen Erzählerhimmel der Science Fiction aufstieg? Ich versuche im Folgenden einige Argumente vorzustellen, die dieses Literaturphänomen besser verstehen helfen sollen. Bevor ich jedoch näher auf die chinesische Science Fiction eingehe, möchte ich einige grundlegende Dinge reflektieren, die zeigen, mit welcher Haltung ich versucht habe, mich dem eigentlichen Thema anzunähern. Kultur bezeichnet gemeinhin etwas, das der Mensch selbst gestaltend hervorbringt im Gegensatz zu dem, was er in der Natur als vorgegeben und nicht beeinflussbar vorfindet. Kulturleistungen beziehen sich auf alle formenden Umgestaltungen eines Materials, zum Beispiel in der Literatur, der Bildenden Kunst und der Technik, aber auch in Bereichen der geistigen Auseinandersetzung des Menschen mit mehr oder weniger alltäglichen Sachverhalten, der Wissenschaft, der Sprache, der Moral, der Religionen und Glaubensbekenntnisse jeglicher Art, der Rechtssysteme.</p>
<p>Als eine überragende Bedeutung kultureller Leistung wird die Erfindung der Schrift angesehen, obschon diese in der Menschheitsgeschichte sehr spät und nicht überall auf der Welt zur gleichen Zeit stattfand. Neil Mac Gregor schrieb in seinem wunderbaren Buch <a href="https://www.chbeck.de/macgregor-geschichte-welt-100-objekten/product/8514885">„Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten“</a> (München, C.H. Beck, 2011, das englische Original erschien ein Jahr früher): <em>„Die frühe Menschheitsgeschichte – also insgesamt mehr als 95 Prozent unserer Geschichte – lässt sich denn auch nur in Stein erzählen, denn neben menschlichen und tierischen Überresten haben einzig steinerne Objekte überdauert.“ </em>Die Schrift als Dokumentation von Sprache wurde also erst sehr spät in die Kulturgeschichte der Menschheit integriert, um Erkenntnisse für die Nachwelt zu erhalten, zunächst im wahren Sinne des Wortes in Stein gemeißelt.</p>
<p>Mit Kultur wird die <em>„Gesamtheit der geistigen und künstlerischen Ausdrucksformen eines Volkes“ („Volk“ </em>hier als einheitliche Komponente verstanden, die durch territoriale oder sprachliche Grenzen beschrieben werden kann, mit „völkischer“ Ideologie hat das nichts zu tun) bezeichnet, im Sinne von Lebensart in Abgrenzung von Zivilisation, die nach Wahrigs Deutschem Wörterbuch als <em>„die technisch fortgeschrittenen, verfeinerten äußeren Formen des Lebens und der Lebensweise eines Volkes“</em> definiert wird.</p>
<p>Auf der Erde der Gegenwart findet sich heute – ebenso wenig wie in der Vergangenheit – nicht eine einzige Gesamt-Kultur der Menschheit, stattdessen gibt es zahlreiche regionale Kulturen mit unterschiedlichen Ausprägungen von Religionen, Glaubensgrundsätzen, Gesellschaftsverständnissen, Politikstrukturen und Organisationsformen des Alltagslebens. Damit verbunden gibt es sehr verschiedene Vorstellungen von dem, was als „ein gutes Leben“ bezeichnet werden könnte. Die Vielfalt der menschlichen Kulturen kann Gefahr und Chance zugleich sein. Sie versetzt manche in Angst und Schrecken und gibt anderen Verständnis und Glücksgefühle.</p>
<h3><strong>Ambiguitätstoleranz </strong></h3>
<p>Auf alle Fälle ist eines unverzichtbar, wenn man sich für Kulturen interessiert: Neugier, Offenheit, Toleranz, Respekt sowie die große menschliche Eigenschaft, die eigenen Unzulänglichkeiten und Fehler zu erkennen, und die Fähigkeit zum Verständnis und zur Vergebung. Ohne diese Elemente interkultureller Fehlertoleranz bei sich selbst und den Anderen wird es keine Begegnung auf Augenhöhe geben, kurz: Ambiguitätstoleranz. Wenn es aber trotz aller Widrigkeiten dennoch klappt, werden alle Beteiligten über die Maßen hinaus belohnt werden und ihr Leben wird sich verändert haben – mit neuen Erkenntnissen, neuen Freundschaften und neuen Lebensperspektiven.</p>
<p>Die Menschheit auf dem Planeten Erde könnte etwas mehr an Gemeinsamkeit, Verständnis und Respekt brauchen, wenn das Zeitalter des Menschen, das <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-erste-und-die-letzte-menschheit/">„Anthropozän“</a>, in eine positive Zukunft führen soll. Daran mitzuarbeiten ist eine Aufgabe für alle Menschen und diejenigen, die in interkulturellen Arbeitskontexten im sogenannten Ausland tätig sind, werden am ehesten bereit sein, sich für dieses Humanprojekt einzusetzen.</p>
<div id="attachment_6066" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Kunming-2011-4-Kopie-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6066" class="wp-image-6066 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Kunming-2011-4-Kopie-300x169.jpg" alt="" width="300" height="169" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Kunming-2011-4-Kopie-200x113.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Kunming-2011-4-Kopie-300x169.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Kunming-2011-4-Kopie-400x225.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Kunming-2011-4-Kopie-600x338.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Kunming-2011-4-Kopie-768x432.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Kunming-2011-4-Kopie-800x450.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Kunming-2011-4-Kopie-1024x576.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Kunming-2011-4-Kopie-1200x676.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Kunming-2011-4-Kopie-1536x865.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-6066" class="wp-caption-text">Szene in einem Park in Kunming, China. Foto: Fritz Heidorn.</p></div>
<p>Der Besuch anderer Kulturen als Tourist kann nur ein Anfang sein, wenn man sich für das Fremde interessiert. Man muss sich dort länger aufhalten und eine Beziehung zu den Menschen im besuchten Land aufbauen, wenn man wirklich verstehen will, was sie bewegt. Dies kann in Form selbst organisierter längerer Individualreisen geschehen, am besten aber in Form von Mitarbeit in interkulturellen Teams, die reale Projekte umsetzen. Man wird nicht umhinkommen, <u>Zeit</u> für ein Lernen von und mit anderen zu investieren. Oder Zeit zu addieren, also regelmäßig wiederzukommen, um langfristige Projekte zu betreuen. Als Faustregel kann man für die meisten Kulturen sagen, dass Einheimische einen so etwa ab dem dritten Besuch als Freund akzeptieren. Der Aufbau von Beziehungen funktioniert nur sehr selten durch touristische Gruppenreisen, sondern immer nur durch den Aufbau von individualisierten Beziehungen von Mensch zu Mensch. Diese Beziehungen festigen sich, wenn die Beteiligten wenigstens einmal zu Besuch bei dem anderen in seinem Privatbereich waren. Eine echte Freundschaft, die auch längere Kommunikationslecks übersteht, wächst, wenn man über Jahre hinweg immer wieder und regelmäßig an gemeinsamen Projekten gearbeitet hat, die auch persönliche und private Interessen mit einbezogen haben. Dann werden das Reisen und die interkulturelle Zusammenarbeit zum <u>Erleben</u> und damit zu einem persönlichkeitsbildenden Faktor der eigenen Lebensgestaltung.</p>
<p>Interkulturelle Begegnungen auf Augenhöhe sind das beste Mittel gegen das Gift des Fremdenhasses, der Ausländerfeindlichkeit und des Terrorismus. Die schönste Aussage dazu wird Alexander von Humboldt zugeschrieben: <em>„Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben.“</em></p>
<h3><strong>Alexander von Humboldt: <em>„Alles ist Wechselwirkung“</em></strong></h3>
<p>Alexander von Humboldt gilt als einer der bedeutendsten wissenschaftlichen Universalgelehrten der Neuzeit. Seine Reisen haben unzählige Menschen zu eigenen Entdeckungen angeregt, seine wissenschaftlichen Beiträge haben die späteren Wissenschaften bereichert, seine Begegnungen mit Menschen zählen zu den frühen Zeugnissen einer zutiefst humanen Haltung eines großen Forschers und Entdeckers. Viele Menschen haben sich auf den Spuren von Alexander von Humboldt bewegt und sich ihre eigenen Wege erschlossen. Loren Alexander McIntyre hat seine Reise zu einem wunderbaren GEO-Bildband verdichtet (Die amerikanische Reise – Auf den Spuren von Alexander von Humboldts, Hamburg 1982), der noch heute sehr lesenswert und eine Empfehlung für eigene Reisevorhaben ist.</p>
<p>Alexander von Humboldt beherrschte verdichtete literarische Porträts, von Menschen und ihren Sprachen und Kulturen, von Pflanzen und Tieren, von der Geologie, von den Zusammenhängen in der Natur nach seinem Motto: <em>„Alles ist Wechselwirkung&#8220;. </em>Nach der Rückschau auf die Werke von Alexander von Humboldt kann man die enorme Bedeutung seines Werkes in den drei großen E-s zusammenfassen:</p>
<ul>
<li>Alexander von Humboldt hat die Mühen, Kosten und Gefahren von mehrjährigen Auslandsreisen in noch weitgehend von Europäern unerforschte Gebiete der Erde auf sich genommen, um ein Bild von der Welt zu zeichnen.</li>
</ul>
<ul>
<li>Alexander von Humboldt hat die dort vorgefundenen Verhältnisse, was die Natur, die Menschen und ihre Kulturen betrifft, dokumentiert, systematisch ausgewertet und somit die Grundlagen der modernen Naturwissenschaften gelegt.</li>
</ul>
<ul>
<li>Erzählerkunst: Die Reiseberichte von Alexander von Humboldt sind Abenteuergeschichten, wissenschaftliche Beschreibungen und kulturelle Analysen vereint in jeweils einem homogenen Werk, das noch heute Anerkennung findet.</li>
</ul>
<p>Alles zusammen läuft bei Alexander von Humboldt darauf hinaus, einen Beitrag für die Menschheit zu erarbeiten, damit sie ihre eigenen Wurzeln in der Natur und in sich selbst erkennt und versteht. Die Notizen und Erkenntnisse zur naturwissenschaftlichen Systematik von Alexander von Humboldt (1769-1859) sind in seinen Reise-Hauptwerken, den „Amerikanischen Reisetagebüchern“ (1805 bis 1834 in mehreren Folgen erschienen, 1858 als Gesamtwerk von Alexander von Humboldt in Schweinsleder eingebunden) und den <em>„Ansichten der Natur“ </em>(1808, die Andere Bibliothek, herausgegeben von Hans Magnus Enzensberger. Verlegt bei Franz Greno, Nördlingen 1986) noch heute lesenswert. Alexander von Humboldt hat auf seiner Amerikareise in den Jahren 1799 bis 1804 mehr als viereinhalbtausend Seiten Handschriften verfasst, die im Jahre 2013 <a href="https://www.spkmagazin.de/alexander-von-humboldt-reisender-forscher-und-preussischer-strippenzieher.html">von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz aufgekauft</a> wurden und die in den Jahren 2014 bis 2017 in einem vom Bundesforschungsministerium finanzierten Projekt zwischen der Universität Potsdam und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ausgewertet wurden.</p>
<p>Fünfunddreißig Jahre zuvor hatte bereits der bedeutende Humboldt-Forscher Hanno Beck die Bänder „Amerikanische Reise“ in der Edition Erdmann bei Thienemann (1985) herausgegeben, ebenso wie die späteren Reiseberichte des Alexander von Humboldt  über seine „Reise durchs Baltikum nach Russland und Sibirien 1829“ (Edition Erdmann bei Thienemann, 1983), in der der Verfasser besonders über Geologie, Klimatologie, Erdmagnetismus, Bergwerksbesichtigungen sowie das bislang kaum erforschte Land und seine Menschen berichtete. Das wissenschaftliche Hauptwerk des Alexander von Humboldt ist „Kosmos &#8211; Entwurf einer physischen Weltbeschreibung“ (1845 bis 1862), in dem er seine Gesamtschau der Natur in fünf Bänden darlegte.</p>
<p>Der Leiter eines der Teilprojekte war der Schriftsteller und Kulturwissenschaftler <a href="https://ottmarette.de/">Ottmar Ette</a>, der im Jahre 2018 einen sorgsam editierten Band herausgab, der die sprachliche Schönheit der Texte von Alexander von Humboldt deutlich werden lässt: „Alexander von Humboldt: Das Buch der Begegnungen. Menschen – Kulturen – Geschichten aus den Amerikanischen Reisetagebüchern“ (Zürich, Manesse, 2018). Ottmar Ette hebt hervor, dass sich der literarische Stil des Autors Alexander von Humboldt als ein besonderer kennzeichnen lässt, der mit seinem eigenen Duktus als <em>„Schreiben im Angesicht der Dinge&#8220; </em>gekennzeichnet ist, als Auseinandersetzung seiner wissenschaftlichen Vorgehensweise und der sprachlichen Aufarbeitung mit den realen Erlebnissen während der Reise.</p>
<h3><strong>Die realistischen Fantasiewelten des Cixin Liu </strong></h3>
<p>Der chinesische Autor Liu Cixin, geboren am 23. Juni 1963, ist der führende Science-Fiction-Autor Chinas. Er hat den chinesischen <a href="https://sf-encyclopedia.com/entry/yinhe_award">Yinhe</a> (Galaxy Award) acht Mal hintereinander gewonnen, von 1999 bis 2006 und noch einmal im Jahre 2010. Den <a href="https://locusmag.com/2025/04/2025-xingyun-awards-finalists/">Xingyun</a> (Nebula Award) gewann er in den Jahren 2010 und 2011. Der erste Band der Trilogie <em>Remembrance of Earth´s Past</em> wurde im November 2014, übersetzt von Ken Liu, auf Englisch bei TOR in den USA veröffentlicht und erhielt als erstes übersetztes Buch überhaupt im Jahre 2015 den <a href="https://www.thehugoawards.org/">Hugo Award</a> in den USA.</p>
<p>Liu Cixin schreibt harte Science Fiction in der Tradition von Autoren wie Arthur C. Clarke. Liu Cixin ist von Beruf Ingenieur und hat bis 2014 für die China Power Investment Corporation in einem Kraftwerk in Niangziguan in der Shanxi Provinz gearbeitet. Er begann Science-Fiction-Kurzgeschichten als Hobby zu schreiben, bis mit dem „Three-Body-Problem“ der Durchbruch in China kam. Liu Cixin hat mit seiner Trilogie wesentlich dazu beigetragen, die Sichtweise der Chinesen auf Science-Fiction Literatur neu und positiv zu bestimmen.</p>
<p>Bekannt geworden für Nicht-Experten ist die Trilogie von Cixin Liu durch das Interview mit dem ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama, in dem er sich sehr positiv über dieses Werk als Entspannung im Gegensatz zu seinem täglichen politischen, aber doch sehr irdischen, Problem-Marathon äußert. Er bezeichnete den Autor Cixin Liu als <em>„wild und phantasievoll, wirklich interessant und das Ausmaß des Ganzen war immens“.</em></p>
<p>Interkulturalität bedeutet das Aufeinandertreffen von Menschen aus verschiedenen Kulturen, bei dem es trotz ihrer Unterschiede zur gegenseitigen Beeinflussung und möglicherweise zu gegenseitiger Bereicherung kommt. In interkulturellen Prozessen können neue Deutungsmuster für alle Beteiligten entstehen, die eine andere Sichtweise als die tradierte ermöglichen. Mittel dazu sind Gestik, Mimik und natürlich besonders die Sprache als Hauptinstrument der Kommunikation. Sprache in Form von Verschriftlichung als Erzählung kann eine große Bereicherung sein, aber auch große Unterschiede in den Kulturen sichtbar machen.</p>
<p>Science Fiction wurde lange Zeit als originäres Genre des Westens verstanden und deshalb war die Fachwelt und die Leserinnen und Leser von Science-Fiction durch den kometenhaften Aufstieg von Cixin Liu überrascht und fasziniert.</p>
<p>Wie wird ein chinesischer Junge zum Autor? Woher kommen seine Ideen? Welches sind seine Vorbilder? Cixin Liu schreibt dazu in dem Buch <a href="https://diezukunft.de/review/buch/cixin-liu-der-blick-von-den-sternen">„Der Blick von den Sternen“</a> (München, Heyne, 2025, englisch: Broken Stars), dass „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ von Jules Verne (1864, deutsche Ausgabe: 1873) der erste Science-Fiction-Roman gewesen sei, den er gelesen habe, allerdings in Unkenntnis dessen, dass dies eine Fiktion sei. Er habe beim Lesen geglaubt, dass es sich um die Tatsachenbeschreibung dieser Reise handele. <em>„Alles hier drin hat sich jemand ausgedacht?“, fragte ich ungläubig. „Ja, aber es beruht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen“, antwortete mein Vater. Mit diesem einfachen, nur aus drei Sätzen bestehenden Dialog war der Grundgedanke formuliert worden, der meine spätere Arbeit in diesem Genre prägen sollte.“</em></p>
<p>Über die Stellung der Science-Fiction in Chin schreibt Cixin Liu: <em>„Science-Fiction-Literatur nimmt in China eine besondere Stellung ein. Keiner anderen Literaturgattung werden mehr theoretische Auseinandersetzungen gewidmet, mehr tiefgreifende Forschung und Analyse zuteil, mehr neue Ideen und Gedanken angetragen.“</em> Und er ergänzt in aller Bescheidenheit: <em>„Die chinesische Science-Fiction mag sich vor hundert Jahren auf den Weg gemacht haben, aber sie ist dennoch gerade erst im Aufbruch. Ihr steht noch viel bevor, und es bleibt Zeit genug, sich in sie zu verlieben.“</em></p>
<p>Die persönliche Motivation von Cixin Liu zum Schreiben seiner berühmten Drei-Sonnen-Trilogie kommt aus diesen Gedanken: <em>„In chinesischen Science-Fiction-Erzählungen herrscht zumeist eine ziemlich rosige Vorstellung von außerirdischen Zivilisationen vor, gegen die ich eine Aversion entwickelt habe. Deshalb entschloss ich mich irgendwann dazu, mir das denkbar übelste Universum auszumalen. Der einzige Vergleichsgegenstand bei der Erforschung der Gesellschaft kosmischer Zivilisationen ist die menschliche Gesellschaft selbst.“</em></p>
<p>Die Entdeckung von Cixin Liu verdanken wir <a href="https://kenliu.name/books/">Ken Liu</a>. Dieser ist ein in China geborener und im Alter von elf Jahren in die USA ausgewanderter, sehr erfolgreicher Schriftsteller, der als Entdecker von Cixin Liu gilt. Die Reise zur Entdeckung eines chinesischen Autors im Westen ging somit diesmal von Ost nach West, die Gegenrichtung zu Reisen eines Marco Polo und anderer China-Reisender. Ken Liu hat den ersten Band der Trisolaris-Trilogie ins Englische übersetzt, wofür Cixin Liu im Jahre 2025 den Hugo Award erhielt. In seiner Anthologie „Zerbrochene Sterne. Die besten Erzählungen der chinesischen Science-Fiction“ (München, Heyne, 2020), die er den Autoren gewidmet hat, die ihn durch ihre Welten geführt haben, ist auch die meisterhafte, ironische und fantasievolle Erzählung „Mondnacht“ von Cixin Liu enthalten.</p>
<h3><strong>Chinesische Science-Fiction und interkulturelle Literatur im Maro Verlag</strong></h3>
<div id="attachment_5905" style="width: 206px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.maroverlag.de/kapsel/283-kapsel-06-zhurong-auf-dem-mars-9783875128598.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5905" class="wp-image-5905 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Kapsel_6-196x300.jpg" alt="" width="196" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Kapsel_6-196x300.jpg 196w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Kapsel_6-200x307.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Kapsel_6.jpg 304w" sizes="(max-width: 196px) 100vw, 196px" /></a><p id="caption-attachment-5905" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Der <a href="https://www.maroverlag.de/">MaroVerlag</a> in Augsburg ist ein unabhängiger Buchverlag mit Sitz in Augsburg, 1969 gegründet. Als unabhängiger Verlag erhielt Maro verschiedene Auszeichnungen und widmet sich seit einiger Zeit auch der Publikation chinesischer Science Fiction. In der <a href="https://www.maroverlag.de/41-kapsel">Zeitschrift „Kapsel“</a>, herausgegeben und gestaltet von Lukas Dubro und dem Sinologen Felix Meyer zu Venne, die in Zusammenarbeit mit dem Germanisten Chong Shen und dem Sinologen Konrad B. Winkler – inzwischen gibt es sechs Ausgaben – werden Kurzgeschichten chinesischer Autorinnen und Autoren veröffentlicht. Gestaltet sind die Ausgaben von Markus Wenker, der Illustratorinnen und Illustratoren einlädt, zu den Kurzgeschichten zu zeichnen. Mit den Ausgaben der Kapsel werden für Leserinnen und Leser ein über Cixin Liu hinausgehendes bislang unentdecktes Land der Science Fiction erschlossen. In Buchform stellt der MaroVerlag bislang im Westen (noch) unbekannte Autorinnen und Autoren vor.</p>
<p>Zu diesen Autorinnen und Autoren gehört <a href="https://auxlitera.de/2024/02/25/hui/">Chi Hui</a>. Ihre Kurzgeschichten „Das Insektennest“, „Der Algorithmus des Artifiziellen“ (eine zugleich beeindruckende wie beängstigende KI-Erzählung), „Das Erbe der Menschheit“ und „Die unendliche Erde“ wurden vom MaroVerlag in einer eigenen Ausgabe veröffentlicht, dem Sammelband „Das Erbe der Menschheit“ (2023), und zeigen eine ganz andere Erzählweise als die von Cixin Liu, aber ihre <em>„kleine Form“</em> ist von außerordentlicher Poesie und Fantasie. Sehr lesenswert und zu empfehlen, auch in der Aufmachung! Studierende der Fakultät Design an der Hochschule Düsseldorf haben die Ausgabe illustriert. Themen sind die Entdeckung eines ungewöhnlichen Insektennestes auf einer intergalaktischen Reise, Künstliche Intelligenz – im Streit der <em>„Echten“</em> mit den <em>„Artifiziellen“</em>, die Entstehung einer ganz besonderen Zivilisation aus dem Plastikmüll der Meere und – in der Titelgeschichte – eine intergalaktische Entführung mit einer folgenden erstaunlichen Entdeckung: <em>„Letztendlich spielt es keine Rolle, wer sie sind, sie sind Karun, und Karun sind die Erde. Die Menschen hier glauben nicht an die Erde, ihre Worte sind mehr eine Feststellung als ein Gebet. Die Karun haben schon lange aufgehört, als einzelne Individuen zu existieren. Sie sind eins geworden mit der Erde, sie sind die Erde selbst.“</em> Dies passt durchaus zur eben zitierten Weltsicht von Cixin Liu.</p>
<p>Sarah Käsmayr, die Verlegerin des MaroVerlags, hat <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-grenzgaengerin/">im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span></a> die Steigerung eines realen Phänomens, eine unendlich erscheinende Menge Müll in unseren Meeren, ins Dystopische durch eine Science-Fiction-Erzählung beschrieben und damit gezeigt, wie realistisch Science Fiction ist: In „Das Erbe der Menschheit“ „<em>ging Chi Hui von einem realen Phänomen aus: Diese </em><a href="https://www.careelite.de/muellstrudel-im-meer/"><em>Plastik-Müllstrudel sind real</em></a><em>, es gibt fünf in den Weltmeeren. Man weiß, woher das Plastik kommt, zu weit über 80 Prozent aus Europa und Nordamerika. Man weiß, wie die Strömungen in den Ozeanen funktionieren, weshalb sich das Plastik ansammelt. Chi Hui hat sich die Frage gestellt, wie sich diese Müllstrudel in Zukunft weiterentwickeln könnten. Sie hat sich Ratten ausgedacht, die auf den neuen Kontinenten leben und gelernt haben, sich vom Plastik zu ernähren und sogar Feuer zu machen. Eine Art Analogie zur Menschheitsgeschichte. Im zweiten Teil der Geschichte war ich persönlich etwas desillusioniert: Die Ratten haben Königreiche und so manche gesellschaftliche Struktur, wie wir sie nur allzu gut kennen.“ </em></p>
<div id="attachment_6071" style="width: 200px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.maroverlag.de/95_contreras-castro"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6071" class="wp-image-6071 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Contreras_Castro_Unica_Meer-190x300.jpg" alt="" width="190" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Contreras_Castro_Unica_Meer-190x300.jpg 190w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Contreras_Castro_Unica_Meer-200x315.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Contreras_Castro_Unica_Meer-400x631.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Contreras_Castro_Unica_Meer-600x946.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Contreras_Castro_Unica_Meer-649x1024.jpg 649w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Contreras_Castro_Unica_Meer-768x1211.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Contreras_Castro_Unica_Meer-800x1262.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Contreras_Castro_Unica_Meer-974x1536.jpg 974w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Contreras_Castro_Unica_Meer-1200x1893.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Contreras_Castro_Unica_Meer-1299x2048.jpg 1299w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Contreras_Castro_Unica_Meer.jpg 1535w" sizes="(max-width: 190px) 100vw, 190px" /></a><p id="caption-attachment-6071" class="wp-caption-text">Cover: Yvonne Kuschel. Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Erzählungen aus anderen Weltregionen beeindrucken, wenn sie die Unterschiede zwischen den Lebensmöglichkeiten in unterschiedlichen Kulturen bearbeiten und uns im Westen einen Spiegel vorhalten, in dem wir unseren Reichtum und unsere oft vernachlässigte Empathie für andere Lebensverhältnisse erkennen. In dem Buch „Única blickt aufs Meer“ (Augsburg, MaroVerlag, 2020) erzählt der costa-ricanische Autor Fernando Contreras Castro über die <em>„Mülltaucher“</em> in Rio Azul am Rande der Hauptstadt Costa Ricas und behandelt die Gelderwerbsmethode der Ärmsten der Armen, die in den Ländern des Globalen Südens auf den Müllhalden ihr klägliches Dasein fristen, indem sie aus den Rückständen der Wohlstandsgesellschaft das letzte Brauchbare herausfischen. Man riecht fast schon den Gestank bei ihrer Arbeit im Müllmeer, jedenfalls dann, wenn man schon einmal an einer solchen Müllhalde in Indien, auf den Philippinen oder anderen Ländern schnuppern durfte und gesehen hat, wovon Menschen leben müssen, wenn sie keine Chance auf eine geregelte Arbeit bekommen. Die Praxis westlicher Müllexporte gehört zum Beispiel in diesen Kontext.</p>
<h3><strong>China als Gegenstand im Werk von Kim Stanley Robinson</strong></h3>
<p>Science-Fiction-Autorinnen und -Autoren verfügen über ein besonderes interkulturelles Sensorium, in China wie im Westen. Es ist aber nicht verwunderlich, dass ein uns eigentlich fremd erscheinendes Land wie China bei einem westlichen Autor selbst zum Gegenstand wurde. Kim Stanley Robinson hat in seinem Werk über viele Jahre zahlreiche interkulturelle Erzählungen verfasst, die ich in meinem Buch <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/dystopien-jetzt/">„Kim Stanley Robinson – Erzähler des Klimawandels“</a> (Berlin, Hirnkost, 2022) ausführlich dargestellt habe. In diesem Buch sind auch mehrere seiner Erzählungen abgedruckt, die seine Sicht auf die Zukunft dieser Welt verdeutlichen, nicht zuletzt sein Statement <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/ein-utopischer-visionaer/">„Dystopien jetzt!“</a>, insbesondere über den Einfluss von Buddhismus, indischer Spiritualität und Philosophie auf das westliche Denken. Robinsons Meisterwerk dazu ist <a href="https://www.kimstanleyrobinson.info/node/345">„The Years of Rice and Salt“</a> (schon im Jahr 2002 (!) erschienen, leider gibt es noch keine deutsche Übersetzung), in der er – eine höchst aktuelle Dystopie (die für andere eine Utopie ist, vielleicht auch für China?) – eine <em>„Welt ohne Europa“</em> schildert.</p>
<p>Im Jahre 2018, schon bevor wir im Westen anerkennen mussten, wie sehr Chinas Wirtschaftsmacht den Globus umfasst und nicht zuletzt Chinas Raumfahrt international Aufmerksamkeit erregte, legte Robinson einen Roman mit Zukunftsideen über China vor. Vielleicht ist Robinson ja auch deshalb auf dieses Thema gekommen, weil er vorher zu einem Literaturgespräch nach China eingeladen worden war und dort eine gemeinsame Lesung mit Cixin Liu erlebte.</p>
<p>Kim Stanley Robinson veröffentlichte im Jahr 2018 „Red Moon“ (die deutsche Ausgabe „Roter Mond“ folgte ein Jahr später bei Heyne). Dabei handelt es sich um einen Roman über das neue Rennen zum Mond, in dem China eine entscheidende Rolle bei der Besiedlung des Erdtrabanten und in unserer menschlichen Zivilisation einnimmt. Die Handlung findet im Jahr 2047 statt, die Hauptfiguren sind ein amerikanischer Quantencomputer-Ingenieur namens Fred Fredericks, der für die Schweizer Firma Swiss Quantum Works eine neue Art von Quanten-Telefonen auf dem Mond verkaufen will und dabei in politische Kämpfe verstrickt wird, und die schwangere Chinesin Chan Qi, die als Tochter des Chinesischen Finanzministers zu einer revolutionären Figur geworden ist. Gemeinsam treten sie auf dem Mond die Reise zwischen der chinesischen Station am Südpol und der amerikanischen und russischen Station am Nordpol sowie zurück zur Erde und wieder zurück zum Mond an. Dazu schrieb mir Robinson in einer persönlichen E-Mail: <em>„China hat in dieser Fiktion einen großen Vorsprung vor allen anderen Raumfahrtprogrammen hinsichtlich der Besiedlung des Mondes und hat bereits eine umfangreiche Basis in der Südpol-Region errichtet. Andere Nationen haben begonnen, kleinere Stützpunkte mit größerer internationaler Beteiligung um den Nordpol herum anzulegen (die Pole des Mondes werden als die besten Plätze für Wohnstätten angesehen, weil dort Wasser vorhanden ist und die Lichtverhältnisse einer halben Tageslänge Licht und einer halben Tageslänge Dunkelheit entsprechen). Die Handlung spielt um das Jahr 2047 herum, wenn Hongkong zu einer vollen Kontrolle durch China zurückgekehrt sein wird, was zu politischen Verwerfungen sowohl in China als auch in den USA führt, weil populäre Bewegungen das Aufsteigen von Finanzkräften zu Fall bringen wollen.“ </em></p>
<p>Der Roman endet auf ungewöhnliche Weise, ziemlich abrupt und die Leserschaft wird auf scheinbar unbefriedigende Art und Weise entlassen. Robinson nennt dies das <em>„Slingshot Ending“</em>, also ein <em>„Schleuder-Ende“</em>, das bei den Lesern einen Schock auslöst. Robinson selbst hat diesen Terminus in die Diskussion von Science-Fiction-Romanen eingeführt, um das typische Ende einer Erzählung von <a href="https://carcosa-verlag.de/unsere_autorinnen/gene-wolfe/">Gene Wolfe</a> aufzugreifen. Man wisse nicht, was nach dem Start des Raumschiffs passieren wird, und man wisse nicht, wie sich die chinesisch-amerikanischen Beziehungen entwickeln werden. Niemand wisse das und Robinson wisse es natürlich selbst auch nicht, sagt er in seiner privaten E-Mail. So sei dieses Ende eine perfekte Verbindung von Form und Inhalt. Er habe den Leserinnen und Lesern im Verlauf des Romans eine mögliche Richtung aufgezeigt, aber nun müssten diese sich vorstellen, wie es weitergehen könnte und sich eine eigene Geschichte erzählen. Genau das ist das Ziel von Science Fiction, in China, in den USA, überall.</p>
<p><strong>Fritz Heidorn</strong>, Oldenburg</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Mai 2025, Internetzugriffe zuletzt am 28. April 2025. Titelbild: Fritz Heidorn, aus der Kunming-Serie.)</p>
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		<title>Schrott Fiction</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/schrott-fiction/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 09 Feb 2025 14:55:06 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Schrott Fiction Ein recyceltes Sub-Genre der Science Fiction „Guiyu ist eines der weltweit größten Recyclingzentren für Elektronikschrott. Die Arbeiter dort verwerten täglich tonnenweise Elektromüll, und zwar mit den bloßen Händen, ohne Sicherheitsvorkehrungen oder eine ordentliche Ausbildung. Auf einem der bekanntesten Fotos aus Guiyu ist ein höchstens fünfjähriger Junge zu sehen, der auf einem Berg  [...]</p>
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<h1><strong>Schrott Fiction</strong></h1>
<h2><strong>Ein recyceltes Sub-Genre der Science Fiction</strong></h2>
<p><em>„Guiyu ist eines der weltweit größten Recyclingzentren für Elektronikschrott. Die Arbeiter dort verwerten täglich tonnenweise Elektromüll, und zwar mit den bloßen Händen, ohne Sicherheitsvorkehrungen oder eine ordentliche Ausbildung. Auf einem der bekanntesten Fotos aus Guiyu ist ein höchstens fünfjähriger Junge zu sehen, der auf einem Berg von ausrangierten Platinen, Computerteilen und bunten Kabeln sitzt. Er sieht so fröhlich aus, dass man meinen könnte, er wäre in Disneyland und nicht auf einer Müllhalde.“ </em>(Qiufan Chen, im Nachwort seines Romans „Die Siliziuminsel“, München 2019)</p>
<p>Was passiert, wenn in einem Roman Schrott auftaucht? Wahrscheinlich nicht viel, weil Schrott eines von vielen Motiven ist. Schrottplätze sind immer wieder Schauplätze von Romanhandlungen – in gewissen Serien nehmen sie sogar den Platz eines Ankers ein. Man denke an die Jugendkriminalbuchreihe „Die drei ???“, in der die drei Protagonisten ihr Detektivbüro auf einem Schrottplatz betreiben. Die Wahl des Ortes hat hier sicherlich nicht nur mit der Verwandtschaft eines der drei Detektive mit dem Schrottplatzbetreiber zu tun, denn auf einem Schrottplatz lässt sich gut Wertvolles verstecken, ohne dass wir es sofort finden können. Sprich: Die Detektei der jugendlichen Ermittler kann an diesem Ort gut unbemerkt existieren.</p>
<h3><strong>Ziemlich viel Schrott drin</strong></h3>
<p>Meine Hypothese zielt jedoch auf die Rolle von Schrott in der Science-Fiction-Literatur ab. Hier war vor allem der Roman <a href="https://www.perlentaucher.de/buch/qiufan-chen/die-siliziuminsel.html">„Die Siliziuminsel“</a> des chinesischen Autors Qiufan Chen aus dem Jahr 2013 bedeutend. In einem Gespräch mit dem Literaturkritiker Martin Zähringer aus Berlin für den <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=1188">Memoranda Science Fiction Podcast</a> kamen wir auch auf Chens Roman zu sprechen und merkten lapidar und scheinbar zweideutig an: <em>„Da ist ziemlich viel Schrott drin.“</em> Aber die Bemerkung sollte als motivische Fülle verstanden werden, nicht als abschätzige Bemerkung, denn der Roman ist alles andere als trivial.</p>
<p>In dem Roman schildert Chen, der auch lange für Badoo, das chinesische Google, gearbeitet hat, eine Siedlung am Rande einer Millionenmetropole, deren es viele in China gibt. Er zoomt an einzelne Schicksale heran, hebt sie für einen erzählerischen Augenblick hervor und ordnet sie dann in den gesellschaftlichen Zusammenhang ein. In dieser Art Müll-Kolonie am Rande einer Millionenstadt bestimmen Clans die Ordnung. Die Protagonistin sucht einen Weg zwischen der unausweichlichen Sozialstruktur und einer Improvisationskultur, die ein tägliches Überleben erst möglich macht. Chen referiert hier lokale Verhältnisse, die er in den globalen Kontext einordnet. In der Weltwirtschaft nimmt sein Heimatland China eine bedeutende Rolle ein, was billige Massenproduktion angeht, aber auch im E-Mobil-Bereich ist China auf bestem Weg, Europa und Nordamerika zu überholen. Der rasante wirtschaftliche Aufschwung zeitigt negative Konsequenzen, die von der Staatsmacht gerne verschwiegen oder heruntergespielt werden. Chen zielt jedoch mehr noch auf eine anthropologische Erforschung der gegenwärtigen und zukünftigen Zivilisationen, als auf Sozialkritik. Letztere könnte in China auch leicht zu Repressionen vonseiten der Behörden führen.</p>
<p>Mein Hauptinteresse an Chens Roman ist die Entwicklung einer Ortslehre, das heißt: einer Topologie, die vor allem reale und fiktionale Orte in der Literatur untersucht. Schrott fällt nicht allein auf Schrottplätzen an, er entsteht auch in unserem täglichen Umgang mit der Warenwelt. Der französische Philosoph Jean Baudrillard hat dazu bereits 1968 ausführlich geschrieben. In seinem Werk <a href="https://www.youtube.com/watch?v=jkhaBDY3nz4&amp;t=5s">„Das System der Dinge – Über unser Verhältnis zu den alltäglichen Gegenständen“</a> (1968) geht er auf die Science Fiction als <em>„Literatur des Zeugs“</em> ein. Er verweist auf die technischen Apparate und Gerätschaften, die die Seiten der (damaligen) Science-Fiction-Literatur füllen.</p>
<p>Interessant ist das Erscheinungsjahr des philosophischen Werkes, das sich mit Phänomenen der Popkultur beschäftigt. 1968 gilt als Zäsur der bundesdeutschen politischen Kultur, um sich aus einer falsch verstandenen deutschen Tradition zu lösen und sich für neue, postmoderne Konzepte zu öffnen. Der Aufbruch in die Postmoderne wurde leider vom Faschismus und Weltkrieg unterbrochen. So lässt sich auch eine gewisse Konstanz und Wiederholungsanfälligkeit bei der Science Fiction bemerken. Die klassische Heldenreise mit dem männlichen Protagonisten im Mittelpunkt wird noch lange Zeit auch die Science Fiction bestimmen. Technologische Spielereien, die Baudrillard in seinem Werk kritisch beschreibt, definieren Ende der 1960er beziehungsweise Anfang der 1970er Jahre die Science Fiction.</p>
<h3><strong>Literarischer Schrott in der Schrottwelt?</strong></h3>
<p>Technologie war immer schon Thema der Science Fiction; die Schrott Fiction rückt den Fokus noch stärker auf die fehleranfälligen Strukturen von Technologie. So etwa der Roman „Schrottwelt“ von Arthur Sellings aus den 1970er Jahren, der erst in den 1980er Jahren in deutscher Übersetzung erschienen ist. Darin schildert der britische Autor eine postapokalyptische Welt, eine zerstörte Welt nach dem Atomkrieg, ein in der damaligen Zeit nicht ungewöhnliches Thema verschiedener Filme und Romane. Im englischen Original trägt der Roman den Titel „Junkworld“, was mit „Schrottwelt“ übersetzt wurde. Wie können wir uns eine solche Schrottwelt vorstellen? Die öffentliche Ordnung ist zusammengebrochen und die Überlebenden improvisieren. Das staatliche Gewaltmonopol ist auf Kiezgrößen übergegangen. Wer Stärke und Manpower hat, hat das Sagen. Für die Genre-Kollekte Schrott Fiction ist der Roman erstmal allein durch seinen Titel interessant – aber wieso Schrottwelt? Was steckt dahinter?</p>
<p>Durch die Zerstörung der Infrastruktur verschieben sich die Wertvorstellungen der Menschen in Sellings‘ Roman. Täglich müssen sie ihre Wohnplätze gegen mögliche Eindringlinge verteidigen. Der große (globale) Überblick fehlt. Die Handlung beschreibt einen begrenzten Kreis in einem urbanen Umfeld. Der Protagonist Douglas Bryan schlägt sich durch einen harten Alltag, entwickelt eine Art zynischen Realismus, um sich auch mental gesund zu halten. Wirkliche Informationen darüber, was passiert ist und was die Zivilisation zur Schrottwelt hat werden lassen, erhält er nicht. Stilistisch ist dieser frühe Roman einer Schrott Fiction weniger interessant als der erwähnte Impulsgeber von Qiufan Chen. Inhaltlich lässt sich an die beschriebene absurde Atmosphäre anschließen: Wie bleiben wir angesichts multipler Krisen resilient? Wie kann es uns gelingen, sie zu bewältigen?</p>
<div id="attachment_5722" style="width: 294px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Lost-Place-Berlin-01-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5722" class="wp-image-5722" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Lost-Place-Berlin-01-300x225.jpg" alt="" width="284" height="213" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Lost-Place-Berlin-01-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Lost-Place-Berlin-01-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Lost-Place-Berlin-01-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Lost-Place-Berlin-01-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Lost-Place-Berlin-01-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Lost-Place-Berlin-01-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Lost-Place-Berlin-01-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Lost-Place-Berlin-01-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Lost-Place-Berlin-01-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 284px) 100vw, 284px" /></a><p id="caption-attachment-5722" class="wp-caption-text">Foto: Dominik Irtenkauf aus der Serie Lost Places.</p></div>
<p>Schrott Fiction lenkt als Aufmerksamkeitslupe das Augenmerk auf schräge Formulierungen, gescheiterte Strukturen, abgebrochene Prozesse, kollabierte Kräne und komplexe Krisen. Was heißt in diesem Zusammenhang Aufmerksamkeitslupe? Texte schärfen das Bewusstsein über ein bestimmtes Thema und öffnen eine Vorstellungswelt. In Bezug auf die vorgestellte Schrott Fiction rücken Strukturen in den Vordergrund, die einerseits vertraut und andererseits neuartig wirken. Diese Ambivalenz begründet sich in dem betont offenen Literaturbegriff, den die Schrott Fiction begrifflich erarbeitet. Ähnlich wie eine Philosophie der Hermeneutik, die sich um die verschiedenen Bedeutungsebenen eines Textes verdient macht, kann Schrott Fiction Unterhaltung bieten, auch bewusst Trash-Elemente annehmen, also bewusst schlecht schreiben oder übertriebene Bilder und Metaphern wählen, aber sie ist eben auch in der Lage, ökonomische und ökologische Wirklichkeiten in einem sozialen Kontext darzustellen.</p>
<p>Wie das vor sich gehen kann, kann ebenfalls Thema von Schrott-Fiction-Storys sein. Erzählt dieses Sub-Genre auch etwas über seine eigene Entstehung? Ja, kann es. Indem wir über diese Schutthalden, Schrottplätze, Müllberge lesen, lesen wir auch über die Auswirkungen eines ungebremsten Produzierens und Konsumierens. Die Kinder der Revolution werden quasi von der Maschinerie aufgefressen, die verantwortlich für diese Masse ist. Täglich werden neue Bücher lektoriert, gesetzt, angedacht, geschrieben und schließlich gedruckt oder sonst veröffentlicht. Die Digitaltechnologien erleichtern die Produktion von literarischen Werken. Die Hemmschwelle, selbst zu schreiben, fällt. Selbst für Fans eines Sub-Genres, die sich spezialisieren, wird es zunehmend schwerer, auf ihrem Gebiet Schritt mit der Produktion zu halten.</p>
<h3><strong>Wiederaufbereitungsanlage Science Fiction</strong></h3>
<div id="attachment_5723" style="width: 292px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5723" class="wp-image-5723" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Lost-Place-Konrad-Wolf-House-1-300x200.jpg" alt="" width="282" height="188" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Lost-Place-Konrad-Wolf-House-1-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Lost-Place-Konrad-Wolf-House-1-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Lost-Place-Konrad-Wolf-House-1-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Lost-Place-Konrad-Wolf-House-1-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Lost-Place-Konrad-Wolf-House-1-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Lost-Place-Konrad-Wolf-House-1-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Lost-Place-Konrad-Wolf-House-1-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Lost-Place-Konrad-Wolf-House-1-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Lost-Place-Konrad-Wolf-House-1-1536x1024.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Lost-Place-Konrad-Wolf-House-1.jpg 1776w" sizes="(max-width: 282px) 100vw, 282px" /><p id="caption-attachment-5723" class="wp-caption-text">Foto: Dominik Irtenkauf aus der Serie Lost Places.</p></div>
<p>Schrott Fiction interessiert sich für die Schreibweisen der neueren Science Fiction. Der Theaterwissenschaftler und SF-Autor <a href="https://neofelis-verlag.de/michael-wehren">Michael Wehren</a> hat im Reader „Das Science Fiction Jahr 2024“ ein Sammelinterview mit mehreren SF-Schaffenden und Autor:innen geführt; es zeichnet sich eine Tendenz in der zeitgenössischen SF ab, die das eigene Schreiben in den Fokus nimmt. Science Fiction schreiben heißt nicht nur, wichtige Themen der Zukunft abzuhandeln, sondern aus der Gegenwart heraus Schreibweisen zu entwickeln, die einen kritischen Blick auf unser Klimaproblem werfen.</p>
<p>Wir sind bereits in der Post-Apokalypse angelangt beziehungsweise in Prozesse eingewoben, die uns vor Herausforderungen stellen. Im Dezember 2024 hat der Schweizer Verlag für Philosophie (und vereinzelte Belletristik) <a href="https://www.diaphanes.net/">Diaphanes</a> in seiner Berliner Filiale ein dreitägiges Symposium zu <em>„Waste“</em> abgehalten – einerseits der Müll, der Ausschuss, andererseits auch das Verschwenderische oder das Verbrauchte, auch im menschlichen Körper. Den denkerischen Hintergrund bilden hierbei Vertreter der französischen Avantgarde wie Antonin Artaud, Georges Bataille oder Gilles Deleuze. Die Rede war von inneren Wüsten, toxischen Müllbergen, kreativem Überschuss, apokalyptischen Landschaften und posthumanen Visionen. Hier wird etwas die Vergangenheit der klassischen Moderne, der Postmoderne und der Science-Fiction-Literatur beschworen. Müllberge sind tatsächlich reale Gegenwart unseres Planeten, und die Literatur wie auch die Kunst können sich bewusst damit auseinandersetzen und damit Stellungnahmen zu unserem Überleben abgeben.</p>
<p>Die Schrott Fiction konzentriert sich vor allem auf diese Materialermüdungen, auf Verfallsprozesse und auch auf menschlichen Größenwahn, den Anthropozentrismus wirtschaftlichen Wachstums – der Mensch trennt sich vom ökologischen Zusammenhang ab und produziert für seinen Egoismus. Auch in der aktuellen Politik ein offenbar recht attraktives Modell. Die Science-Fiction-Literatur und mit ihr die Schrott Fiction sind besonders geeignet, da sie es vermögen, spannende Szenarien zu entwerfen, Möglichkeitsräume zu eröffnen, die realistischer oder künstlerischer Literatur schwerer zugänglich sind. Künstlerische Literatur verändert die beobachteten Phänomene, um daraus einen ästhetischen Mehrwert zu generieren.</p>
<p>Realistische Literatur nimmt die beobachteten Phänomene als realistischen Hintergrund des Plots. Die Science-Fiction-Literatur hingegen setzt sich zwischen diesen Positionen: Die Realität ist verändert, um ein Planspiel durchzuführen – Wie sieht unsere Welt in vierzig oder fünfzig oder gar hundert Jahren aus? Und die künstlerische Bearbeitung ergibt sich aus der Sprache und dem Worldbuilding, das heißt dem Bauen von fremden, zukünftigen oder sonst wie anderen Welten. An diesem Hebel setzt die Schrott Fiction an: Was bereits vorhanden ist, wird noch multipliziert und wir stoßen auf eine <em>„Schrottwelt</em>“, wie sie der britische Autor Arthur Sellings im Jahr 1970 schildert. Schrott Fiction untersucht, wie das Zusammenleben funktioniert. Und wie beschreibe ich die Ideen und Probleme in einer Sprache, die möglichst viele Menschen und Nicht-Menschen erreichen kann? Diese sprachliche Herausforderung müsste sich von (akademischer) Philosophie, vor allem von deren verklausulierter Terminologie, lösen. Hierfür gibt es einige Techniken:</p>
<p>Der US-amerikanische Autor <a href="https://www.britannica.com/biography/William-S-Burroughs">William S. Burroughs</a> etwa faltet vorhandene literarische Texte zusammen – er kopiert die entsprechenden Seiten aus den Werken und faltet das Papier. Dann nimmt er die Schere, schneidet an der Falz entlang und legt die so entstandenen Bruchstücke neu zusammen. Mit etwas Glück lesen wir einen sinnvollen Text. Bei der Schrott Fiction könnten wir anders vorgehen: Wir verknüpfen scheinbar disparate Inhalte (auch aus verschiedenen Medien, wie Zeitung, Grafik, Comic, Sound etc.) und erhalten dann ein Panorama der Zivilisation, die sich durch Gefräßigkeit auszeichnet. Wer kann sich vorstellen, mit nur einem Buch durchs ganze Jahr zu kommen? Zwei Filme? Drei Schallplatten? Entgegen der Lifestyle-Beratung, das eigene Leben auf das Wesentliche zu reduzieren, agieren Kunstinteressierte und -schaffende anders: Sie informieren sich weiterhin über die Produktion neuer Werke.</p>
<h3><strong>Ein Kunst-Kontinuum</strong></h3>
<p>Science Fiction ist als ein Kunst-Kontinuum zu verstehen, das heißt, diese Produktion wird so schnell nicht zum Ende kommen. Das hat der Literaturwissenschaftlicher Leslie Fiedler bereits Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre erkannt. In seinem Aufsatz „Cross the Border – Close The Gap“ (1968) beschreibt er die Aufbruchssituation in der damaligen Literatur. Sie löst sich vom klassischen Kanon und er rückt Genre-Literatur in den Fokus der Analyse. Dort vermutet Fiedler die interessantesten Entwicklungen, was das Verhältnis von Realität und Fiktion angeht.</p>
<p>Schrott Fiction schreiben besitzt einen anderen Reiz: Die Möglichkeit, mit Strukturen zu spielen, ihren verborgenen Charakter als Schrott zu enthüllen – hierbei hilft Philosophie, die in verschiedenen Prägungen in der theoretischen Untersuchung dieses Genres auftaucht. Der britische Autor Michael Thompson schrieb mit <a href="https://archive.org/details/rubbishtheorycre00thomrich/page/n3/mode/2up">„Rubbish Theory – The Creation and Destruction of Value“</a> (1979) eine Theorie des Mülls, in der er den Verbrauchswert von verschiedenen Waren einschätzt. Diese Theorie ist alles andere als einfach und steht einer literarischen Science Fiction eigentlich im Wege. Es gibt seit einigen Jahren, besonders im anglo-amerikanischen Raum, eine Tendenz der literarischen Speculative Fiction, auch Theorie in Romanhandlungen zu weben, wobei eher von einschrauben die Rede sein sollte. Dies führte zu einer eigenen Genre-Bezeichnung wie Theory Fiction, die etwa auf mehreren Hundert Seiten die Geschichte des Erdöls und der Menschen erzählt. Ergänzt von chemischen und geologischen Details. Das wirkt überstrapaziert und kommt nicht nur durch seine kompositionelle Gewagtheit in die Nähe der Schrott Fiction, sonst könnte zum allgemeinsprachlichen Schrott werden.</p>
<p>Es wäre an der Zeit, am konkreten Beispiel die stilistischen und philosophischen Aspekte der Schrott Fiction zu nennen:</p>
<ul>
<li>Das Setting ist wichtig: Es sind marginalisierte Orte unserer Zivilisation, Mischformen der Industrie und Natur, die aber auch inmitten unserer Städte zu finden sind, wie etwa – klassischerweise – Schrottplätze, aber auch Ruinen, Brachland und stillgelegte Fabriken. Es stellt sich hierbei natürlich die Frage, ob die Ausweitung des Schrott-Attributs über den klar definierten Schrott – also: unbrauchbar oder wertlos gewordenes Material, insbesondere Altmetall – sinnhaft ist.</li>
</ul>
<ul>
<li>Die Protagonisten oder auch Nebenfiguren der Storys haben einen wie auch immer gearteten Umgang mit Schrott- oder Altmaterialien, oder aber nutzen Prothesen.</li>
</ul>
<ul>
<li>Die Handlung beschreibt eine Anregung oder Konfrontation mit einem verbrauchten Material, das könnten auch gesellschaftliche Strukturen sein oder Metallträger eines Krans.</li>
</ul>
<h3><strong>Probe aufs Exempel</strong></h3>
<div id="attachment_5725" style="width: 272px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5725" class="wp-image-5725" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Unklare-Zukunft-Foto-300x223.jpg" alt="" width="262" height="195" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Unklare-Zukunft-Foto-200x149.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Unklare-Zukunft-Foto-300x223.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Unklare-Zukunft-Foto-400x297.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Unklare-Zukunft-Foto-600x446.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Unklare-Zukunft-Foto-768x571.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Unklare-Zukunft-Foto-800x595.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Unklare-Zukunft-Foto-1024x761.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Unklare-Zukunft-Foto-1200x892.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Unklare-Zukunft-Foto-1536x1142.jpg 1536w" sizes="(max-width: 262px) 100vw, 262px" /><p id="caption-attachment-5725" class="wp-caption-text">Foto: Dominik Irtenkauf aus der Serie Lost Places.</p></div>
<p>Arthur Sellings‘ Roman „Schrottwelt“ weist den Schrott bereits als weltbildendes Phänomen im Titel auf. Es ist zu vermuten, dass in diesem Roman besonders viel Schrott Fiction zu finden sei. Ja und nein. Der Titel bezieht sich auf die Wertigkeit, die durch Staatspropaganda, aber auch Werbung auf die Welt vor dem Atomkrieg<strong>s</strong>schlag gelegt wurde. Durch die Schrecken eines nuklearen Winters und des sich anschließenden Zerfalls der Zivilisation ergibt sich eine Umwertung der Werte. Der Protagonist Douglas Bryan war einst Künstler und muss sich nun gegen Straßenrowdies zur Wehr setzen – er verändert seinen Charakter zumindest insofern, als dass er schlagfertiger, im doppelten Wortsinn, wird. Obwohl nicht ganz klar ist, wie er sich vor dem Umbruch verhalten hat. Alle Informationen stammen aus seinem Mund.</p>
<p>Das erinnert nicht von ungefähr an einen der „Mad Max“-Filme, aus deren bunter Bildsprache die Schrott Fiction möglicherweise auch Anleihen nimmt. Aber bewusst wurde „Fiction“ als Determinans gewählt, denn ein „Schrott Punk“ wäre die Übertreibungsform des Cyberpunks – ohne das blinkende Chrom. Bei Schrott Fiction an Motorradgangs zu denken<strong>,</strong> mag enttäuschen, denn Schrott Fiction bleibt nicht an Accessoires hängen. Stattdessen entwickeln Schrott-Fiction-Schreibende ein Gespür für die Texturen, auch für die unter der Oberfläche vorhandenen netzwerkartigen Strukturen, die Spinnenfäden, die sich durch die Risse unserer Gebäude ziehen. Was in Sellings‘ Roman stichwortgebend startete, erschöpfte bald den analytischen Durst. Die Analyse wird durch die Synthese ergänzt – wie auch das Ursprungswerk für diese Genre-Exegese ein anderes war: Qiufan Chens „Die Siliziuminsel“. Die Struktur ist hier eine andere – bereits sprachlich verwendet Chen viel Energie auf die Darstellung der Welt am Rand.</p>
<p>Der Ausgangspunkt meiner Überlegungen wird in einer Gesellschaft verhandelt, die seit einigen Jahrzehnten einen ökonomischen Aufschwung erfährt und zu der sich die Industrienationen der westlichen Weltkugel verschieden positionieren, bis hin zu einem mehr oder minder offen ausgetragenen Handelskrieg. Für die Schrott Fiction stilprägend ist der chinesische SF-Roman aufgrund des Fokus auf Elektronikschrott-Recycling. Auf der titelgebenden Siliziuminsel wird Elektroschrott in großem Stil abgebaut, die drei lokalen Clans verdienen gut daran, bis eine US-amerikanische Umwelttechnologiefirma auf der Insel vorstellig wird und eine umweltschonende Lösung unterbreitet. Der Kontaktmann des US-Vertreters verweist auf den schnellen wirtschaftlichen Nutzen für diese Insel und ignoriert klimaschonende Aspekte. Dieser Grundkonflikt ermöglicht es dem Autor, eine Art Collage dieses Soziotops, bestehend aus Müll-Industrie und Sub-Gesellschaft, zu erstellen.</p>
<p>Wie geht Qiufan Chen vor? <em>„Unzählige Werkstätten, jede kaum mehr als eine Hütte, säumten dicht an dicht wie Mah-Jongg-Steine die Straßen. Dazwischen waren nur schmale Wege freigelassen, damit die Müllwagen ihre Ladung abliefern konnten. Überall lagen Metallgehäuse, kaputte Displays, Leiterplatten, Plastikteile und Drähte verstreut wie Kothaufen, und dazwischen schwirrten die auswärtigen Arbeiter umher wie Fliegen, durchstöberten den Schrott und warfen alle Teile von Wert in Öfen oder Säurebecken, um sie zu zersetzen und Kupfer und Zinn oder kostbare, seltene Metalle wie Gold oder Platin zu gewinnen. Was übrig blieb, verbrannten sie, oder sie ließen es achtlos liegen und produzierten so noch mehr Müll. Niemand trug irgendwelche Schutzkleidung. Alles war in einen bleiernen Dunst gehüllt. Der weiße Dampf, der von dem erhitzten Königswasser in den Säurebädern aufstieg, vermischte sich mit der schwarzen Asche von dem PVC, dem Isolierdraht und den Leiterplatten, die ohne Unterlass auf den Feldern und an den Ufern des Flusses brannten. Die Brise, die vom Meer her kam, vermischte die beiden Kontrastfarben zu einem einheitlichen Grau und wehte sie unterschiedslos in die Poren eines jeden Lebewesens. Scott sah die Menschen, die im Müll lebten – die Einheimischen nannten sie Müllmenschen.“</em></p>
<p>Chen verfolgt mit dieser collagierten Wirklichkeitsdarstellung eine realistische Einschätzung von globalisierten Entsorgungsprozessen, die sich auf dieser besagten chinesischen Insel niederschlagen. Er orientiert sich im Grunde am traditionellen Industrieroman, wertet dessen Grundlage jedoch um. Der klassische Industrieroman hatte eine Verbesserung der Arbeitsverhältnisse im Auge; bei Chen hat die Industrie bereits versagt beziehungsweise zu Überfluss und Umweltschäden geführt. Die Umweltschäden überwiegen, die ökonomischen Vorteile sind nur kurzfristig und vor allem stark persönlich bezogen: Der Clan-Kontaktmann spricht von Restaurants und Wohnungen, die sich die Gastarbeiter auf der Siliziuminsel verdienen möchten. Chen schildert die komplexen Kontexte, die eine solche verschrottete Umgebung aufweist. Es gibt in den natürlich-sozialen Konstellationen keine naiven Zusammenhänge. Alle Verflechtungen sind zumindest kompliziert, wenn nicht katastrophisch-krisengeschüttelt.</p>
<h3><strong>Glitch-Ästhetik</strong></h3>
<p>Während in Qiufan Chens Roman die Realität stark fordert, verliert sich in Rudi Nuss‘ Debütroman <a href="https://www.perlentaucher.de/buch/rudi-nuss/die-realitaet-kommt.html">„Die Realität kommt“</a> eben jene Realität in der Virtualität. Es ist kein leichtes Unterfangen, die Schrott Fiction in den digitalen Schrott, die sogenannte Glitch-Ästhetik, zu überführen. Die Materialität von Schrott, also: von verbrauchten Waren und Gegenständen, lässt sich nicht umstandslos in digitale Arten von <em>„Schrott“ </em>übersetzen. Die besonderen Auswirkungen von Materialien, die eine Ewigkeitsdauer beanspruchen, die wie Plastik nur nach langer Zeit abbaubar sind, und die in der Natur bleibende Umweltschäden hinterlassen, unterscheiden sich in ihrer Qualität und auch Quantität von Datenmüll. (Auch wenn natürlich der steigende Speicherbedarf zu materiellen Konsequenzen führt, wie zum Beispiel ganze Hallen für die Speicherkapazitäten.) Analysten, die wissenschaftliche Fakten zur genauen Bestimmung des planetaren Status-Quos sammeln, sind von den Mengen an Material überfordert. Als Zaubertrick werden künstliche Intelligenzen präsentiert, die Big Data durch große Rechenleistung bewältigen können. Kontexte und Zwischentöne gehen jedoch verloren. Oder anders gefragt: Können wir durch die Masse an Datenverarbeitung die wachsenden Schrottberge der Erde und des Weltalls in Griff bekommen?</p>
<p>Rudi Nuss präsentiert als Lösung Uralt-PC-Tower, die angeblich zu Sowjetzeiten entwickelt wurden und nun als materielle Artefakte einer Digitalkultur in einer überfüllten virtuellen Welt ihrer (Wieder-)Entdeckung harren. Dabei entgleist die von Nuss geschilderte virtuelle Realität durch eine Häufung von Adjektiven und Attributen; Nuss versucht, diese entwirklichte Realität zu schildern, indem er Wörter aneinanderreiht. Was wie übliche literarische Praxis klingt, wird in der Detailansicht deutlicher: Die animierte Welt wird in unserer materiellen Umgebung eingerichtet – und irgendwann ist sowohl die analoge wie auch digitale Welt vollgestellt. Das Problem der fortschreitenden Produktion. Wohin mit all den neuen Produkten? Die Schrott Fiction kennt keine Meisterin der Reduktion, auch keine Tiny-Apartments, es sei denn, es handelt sich um eine Baracke in Qiufan Chens Roman. Das Problem des Überflusses und daraus resultierend des Überdrusses führt zu einer Veränderung des literarischen Gleichgewichts. Was heißt das?</p>
<div id="attachment_5727" style="width: 251px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Lost-Place-Konrad-Wolf-House-2.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5727" class="wp-image-5727" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Lost-Place-Konrad-Wolf-House-2-300x199.jpg" alt="" width="241" height="160" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Lost-Place-Konrad-Wolf-House-2-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Lost-Place-Konrad-Wolf-House-2-300x199.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Lost-Place-Konrad-Wolf-House-2-400x265.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Lost-Place-Konrad-Wolf-House-2-600x398.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Lost-Place-Konrad-Wolf-House-2-768x510.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Lost-Place-Konrad-Wolf-House-2-800x531.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Lost-Place-Konrad-Wolf-House-2-1024x680.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Lost-Place-Konrad-Wolf-House-2-1200x796.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Lost-Place-Konrad-Wolf-House-2-1536x1019.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Irtenkauf-Lost-Place-Konrad-Wolf-House-2.jpg 1760w" sizes="(max-width: 241px) 100vw, 241px" /></a><p id="caption-attachment-5727" class="wp-caption-text">Foto: Dominik Irtenkauf aus der Serie Lost Places.</p></div>
<p>Pointiertes Schreiben fällt schwerer, die Ausgewogenheit der Argumente geht verloren, schräge Formulierungen und krumme Metaphern schleichen sich in die Texte, für Literaturkundige wiederholt sich die Geschichte: Hugo von Hofmannsthals instruktiver Text <a href="https://www.projekt-gutenberg.org/hofmanns/prosa/chandos.html">„Der Brief an Lord Chandos“</a> (1902) fasst gut zusammen, was Jahrzehnte später mit der Schrott Fiction fortgesetzt wird: Die Sprache zerfällt wie Pilze im Mund. Schrott Fiction versucht, einer Flucht der Realität entgegenzuwirken, aber wird dann von der Wirklichkeit eingeholt. Wirklichkeit meint hier das gesamte Spektrum urbanen Lebens. Literarisch wird diese Wirklichkeit durch eine Vielzahl von Methoden eingefangen:</p>
<ul>
<li>Einerseits eine Orientierung an der Gegenwart oder nahen Zukunft.</li>
</ul>
<ul>
<li>Benutztes Material rückt in den Fokus, sowohl, was den Plot als auch was die materielle Oberfläche des Textes angeht.</li>
</ul>
<ul>
<li>Die Textoberfläche besteht nicht immer aus Text allein, sondern wird von anderen Medien infiltriert.</li>
</ul>
<ul>
<li>Schrott-Fiction-Texte gehen über ihre Ränder – sie greifen in die Realität ein und verändern die Wirklichkeit – sie sind Kontext-Generatoren.</li>
</ul>
<ul>
<li>Sie sind nicht explizit politisch, durch ihre Materialanhäufung, durch die Konstellationen und auch Verstopfungen aller Art, durch Dilemmas der Zivilisation, die Masse, die Quantität, durch den erdrückenden Pavor werden sie aber soziopolitisch relevant. Es beginnt mit Nachbarn, die Sperrmüll auf den Gehweg stellen und endet mit Öltankern, die Havarie in Buchten erleiden und einen unerträglichen Teppich aus Öl und sonstigem Dreck hinterlassen. Ein Kieselstein kann eine Lawine auslösen oder die Übermüllung einer Großstadt das Ende des sozialen Friedens. Daher ist Schrott Fiction Zukunftsliteratur, die uns Aufmerksamkeit nahelegt. Mal mehr, mal weniger forsch.</li>
</ul>
<h3><strong>Zusammenbrüche</strong></h3>
<p>Ähnlich wie Rudi Nuss beschreibt <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/in-der-polywelt/">Aiki Mira in ihrem Roman „Proxy“</a> (2024) eine virtuelle Welt, die jedoch zusammenbricht und die drei Figuren in die analoge von der Klimakatastrophe gezeichneten Außenwelt treibt. Aiki Mira erzeugt durch die Sprache ein Gefühl von Verlust, das den Eindruck verbrauchter Materialien in einer überkommenen Welt vermittelt. Die virtuelle, künstliche Welt ist angesichts des Klimakollapses nicht mehr aufrecht zu erhalten und so bricht für eine Vielzahl von Menschen die Welt zusammen.</p>
<p>Aber die drei Protagonist:innen des Romans machen sich auf den Weg, diese verloren geglaubte Parallelwelt doch wieder zu finden. Aber die reale Welt ist bedrohlich, erweckt die Figuren aus ihrem virtuellen Schlaf und fordert viel von ihnen. Analoger Schrott kann auch weh tun, besonders, wenn er Ecken und scharfe Kanten besitzt. <em>„Eisklötze schlagen Trichter in den Boden. Mit Entsetzen sieht Kawi zu. Starkregen,</em> <em>Sturmböen. Das Draußen zerbricht. Wolken werden zu Wasserfällen aus schwarzem Regen und blendend weißem Eis. Die Dünenlandschaft gleicht einem Morast. Überall Strudel, die das herumliegende Eisgeröll einsaugen. / Regen verschlingt die Landschaft. Und Kawi schaut zu, fixiert in einer Geste der Passivität, der Starre, der Selbstauslöschung. Zuerst sperrte sie sich in ihre Wohnung, dann in diesen Camper. Ein Mensch, der sich selbst eingepflanzt hat. / Die Eisgeschosse werden weniger, dafür nimmt das Wasser zu. Kawi spürt, dass der Camper mehr und mehr absinkt. Auch Dions und Tells Körper verschwinden im Schlamm, gehen unter. In jeder Schicht ihrer starren Hülle weiß Kawi, dass Dion und Tell in Gefahr sind. / Und Shozo? Der Vogel ist nicht mehr zu sehen, also fokussiert sie sich auf Tell. Ihre Blicke treffen sich, und im gleichen Moment weiß Kawi, dass sie real wird.“</em></p>
<p>Vielleicht scheitert auch das Projekt der Schrott Fiction und dieses Sub-Genre ist die Bankrotterklärung der Literatur vor der Realität. Diese Art von Literatur hat jedoch ausreichend Ideen, dass ein Aufgeben keine Option darzustellen scheint. Hierfür ist die Literatur einfach zu faszinierend. Und wir stehen noch am Beginn aller Dinge, was die Schrott Fiction anbelangt. Warten wir ab, was sich dort noch abzeichnen wird.</p>
<p><a href="https://faustkultur.de/autorinnen/dominik-irtenkauf/"><strong>Dominik Irtenkauf</strong></a>, Berlin</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Februar 2025, Bei dem Text handelt es sich um eine gekürzte Fassung eines Vortrags vom 16. November 2024 in der Tagung <a href="http://www.erzaehltezukuenfte.de/">„Erzählte Zukünfte“</a> in Bochum. Eine Langfassung wurde in einer Tagungsbroschüre veröffentlicht. Internetzugriffe zuletzt am 1. Februar 2025. Titelbild: Thomas Franke, Illustration zur Erzählung „Ascheglühen“ von Wolf Welling und mit der Collage gedruckt in EXODUS 49, Holzstichcollage auf Chromolithografie / 29,8 x 39,3 cm / 2024.. Der Künstler gab der Collage den folgenden Titel: <em>„Visualisierung einiger Konstellaterationen im komaschatischen Wunderland mit dem vom Patakosmologen Klaúdios Ptolemaíos installerierten Induktions-Inklinatorium sowie dem von seinem Konkurrenten Niclas Koppernigk einmontierten Erdinduktor, welche die Feldlinien des Wunderlandischen Magnetfeldes zum nörderlichsten Punkt des Daseinsabschlusses des Visualisierers beeinflussen, womit sich dessen alternativlosende Zuneigung zur Wissenschaft offenbart. In den sich daseinsabschließend zusehends fragmentarisierenden neuronalen Verschaltungen, die einen Fluß moderat dahintreibender magnetfeldischer Strömungen erzeugen, quellen Nanobots an die Oberfläche und enthüllen ihr wahres Wesen als weltzerfressende Pac-Mans im in die Wirklichkeit transformulierten Labyrinth ‚Wunderland‘, &#8211; gierig mit dem japanischen lautmalerischen Ruf ‚paku paku!‘ nach dem nörderlichsten Punkt des Daseinsabschlusses schnappend. Das in diese virtualitätige Visualisierung integrierte alte Schulhaus im Sonnenuntergang beobachtend, lauert der Boschfroschlakai und suggeriert als Erscheinung, daß das Froschsein als Zustand zwar etwas nicht Erstrebenswertes, allerdings etwas Vorübergehendes sein könnte. Und also schwirrelt einer der durch die unglückliche Einwürgung des Doppler-Effekts verdoppelten Alice, als A-Lice und Be-Lice zu sehen, in diesem Zusammenhang die klügliche Be-Hauptung des antiken Dichters Petronius durch den Kopf: ‚qui fuit rana, nunc est rex‘. A-Lice hingegen denkt über sich und komaschatische Wunderländer nach und singt das Lied ‚The Me I Never Knew‘“.&#8220;</em> Bilder im Text: Dominik Irtenkauf aus der Serie „Lost Places“. Alle Rechte jeweils beim Künstler.)</p>
</div></div></div></div></div>
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