<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Shoah Archive - Demokratischer Salon:</title>
	<atom:link href="https://demokratischer-salon.de/portfolio_tags/shoah/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://demokratischer-salon.de/portfolio_tags/shoah/</link>
	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
	<lastBuildDate>Wed, 10 Jun 2026 06:57:51 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	
	<item>
		<title>Ein Leben für den Kampf gegen Antisemitismus</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/ein-leben-fuer-den-kampf-gegen-antisemitismus/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 10 Jun 2026 06:56:02 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=8105</guid>

					<description><![CDATA[<p>Ein Leben für den Kampf gegen Antisemitismus Porträt des Wiesbadener Rechtsanwalts Moritz Marxheimer (1871-1942) „Über alle Parteien hinweg war ihm die Einheit der Gemeinde, an der er mit allen Fasern seiner Seele hing und für deren Wohl er unablässig bis zu seiner Deportation besorgt war, das Höchste. Sein Name hatte auch außerhalb Wiesbadens einen  [...]</p>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/ein-leben-fuer-den-kampf-gegen-antisemitismus/">Ein Leben für den Kampf gegen Antisemitismus</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Ein Leben für den Kampf gegen Antisemitismus</strong></h1>
<h2><strong>Porträt des Wiesbadener Rechtsanwalts Moritz Marxheimer (1871-1942)</strong></h2>
<p><em>„Über alle Parteien hinweg war ihm die Einheit der Gemeinde, an der er mit allen Fasern seiner Seele hing und für deren Wohl er unablässig bis zu seiner Deportation besorgt war, das Höchste. Sein Name hatte auch außerhalb Wiesbadens einen guten Klang. Er war überall zur Stelle, wo es galt, jüdische Arbeit zu leisten; er wirkte führend in fast allen jüdischen Organisationen im Reich (…).“ </em>(Paul Lazarus, Rabbiner der jüdischen Gemeinde Wiesbadens und Zeitgenosse von Moritz Marxheimer, in seinem <em>„Erinnerungsbuch“</em>, zitiert nach Rolf Faber / Karin Rönsch, Wiesbadens jüdische Juristen – Leben und Schicksal von 65 jüdischen Referendaren, Beamten und Angestellten, Wiesbaden, Schriften des Stadtarchivs Wiesbaden, 2011)</p>
<p>Als Ausgangspunkt dieser biographischen Skizze Moritz Marxheimers diente mir der Bericht der jüdischen Studentenverbindung Badenia aus dem Sommersemester 1895. Hier werden die Mitglieder der Badenia unterteilt in <em>„Alte Herren“</em>,<em> „Inaktive“ </em>und<em> „Aktive“</em> aufgelistet. Moritz Marxheimers Name steht an dritter Stelle der zuerst aufgelisteten „Alten Herren“. Moritz Marxheimer kam eine besondere Rolle in der Studentenverbindung Badenia zu, denn er zählte zu ihren Gründern und war ein Semester lang deren Vorsitzender. Sein Mitwirken bei der Gründung der Badenia markiert den Beginn seines Kampfes gegen den Antisemitismus, den er bis zu seinem Lebensende führte. In vielen Punkten kann ich mich auf das Stadtarchiv Wiesbaden stützen, das insbesondere Rolf Faber und Karin Rönsch ausgewertet haben. Leider gibt es kein einziges Bild von ihm.</p>
<h3><strong>Eine gebildete und engagierte jüdische Familie aus Wiesbaden</strong></h3>
<p>Moritz Marxheimer wurde am 28. Februar 1871 in Wiesbaden geboren. Er war der Sohn von Samuel Siegmund und Röschen Marxheimer. Sein Vater war Lederhändler und hatte sein Geschäft in Wiesbaden. Seine Mutter stammte ursprünglich aus Schwalbach.</p>
<p>Moritz Marxheimer hatte mehrere Brüder, von denen einer namentlich bekannt ist: Leopold Marxheimer. Leopold Marxheimer war Lederwarenfabrikant. Er wurde ebenso wie sein Bruder Moritz am 1. September 1942 aus Wiesbaden deportiert. Leopold Marxheimer wurde am 29. Oktober 1942 in Treblinka ermordet (Quelle: Finanzakten zu Moritz Marxheimer, <a href="https://landesarchiv.hessen.de/">Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden</a>). Aus Dokumenten, die die Finanzen Moritz Marxheimers betreffen, geht hervor, dass er noch weitere Brüder gehabt haben muss. So gab Moritz Marxheimer an, im Zeitraum von 1924 bis 1926 mehrere Darlehen an die Firma S. Marxheimer gegeben zu haben, Inhaber dieser Firma seien seine Brüder. Konkretere Angaben über weitere Geschwister oder Familienangehörige liegen jedoch nicht vor.</p>
<p>Die Namen Moritz und Leopold waren in der damaligen deutschen Gesellschaft übliche Namen und sprechen deshalb für ein in der Gesellschaft assimiliertes, also angepasstes Elternhaus (Quelle: Anette Hettinger: „Tapfrer Student, guter Jude und voll Liebe zum Vaterland“ – Zur Biografie von Leopold Oppenheimer (1889-1914) aus Schriesheim, in: Stadt Schriesheim, Hg., Schriesheimer Jahrbuch 2020, <a href="https://verlag-regionalkultur.de/">Verlag Regionalkultur</a>, Schriesheim 2020.).</p>
<p>Moritz Marxheimer besuchte seit 1880 laut Stadtarchiv Wiesbaden das Humanistische Gymnasium am Luisenplatz in Wiesbaden. Das Gebäude beherbergt heute das Hessische Ministerium für Kultur, Bildung und Chancen. <a href="https://www.bpb.de/themen/bildung/dossier-bildung/229629/schulgeschichte-bis-1945-von-preussen-bis-zum-dritten-reich/">Dieses wies aufgrund der humanistischen Prägung eine wissenschaftliche Orientierung auf</a>. Genaue Angaben über die Dauer seiner Schulzeit und über seine Zensuren sind leider nicht bekannt. Bekannt ist nur, dass er sein Abitur 1889 ablegte.</p>
<p>Wie bei vielen anderen jüdischen Studenten war auch Moritz Marxheimers Vater Kaufmann von Beruf. Moritz Marxheimers Weg vom Kaufmannsstand ins Bildungsbürgertum ist deshalb ein Beispiel für den Aufstiegswillen der deutschen Juden dieser Zeit. Der Besuch des Humanistischen Gymnasiums ermöglichte ein Studium und somit die Wahl eines selbstständigen, gesellschaftlich angesehenen Berufes wie beispielsweise den des Arztes oder Juristen.</p>
<p>Seine Eltern schienen diesen Weg zu unterstützen. Der elterliche Ehrgeiz, ihrem Sohn den gesellschaftlichen Aufstieg zu ermöglichen, lässt sich einerseits am Aufbringen des Schulgeldes für den Besuch des Gymnasiums bezeugen. Denn das war zu diesem Zeitpunkt kein geringer Betrag. Und andererseits daran, dass diese ihrem Sohn überhaupt eine höhere Schulbildung zukommen lassen wollten.</p>
<p>Denn auch nach der rechtlichen Gleichstellung der deutschen Juden im Zuge der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 waren diese durch einzelne Faktoren wie beispielsweise ihre Berufswahl, ihre geographische Verteilung und ihr Wohnverhalten von der Mehrheitsgesellschaft zu unterscheiden.</p>
<p>Miriam Rürup hat in ihrem Buch<a href="https://www.perlentaucher.de/buch/miriam-ruerup/ehrensache.html"> „Jüdische Studentenverbindungen an deutschen Universitäten 1886-1937</a>“ (Göttingen, Wallstein, 2008) die Versuche der Integration der meisten deutschen Juden in das Bürgertum beschrieben, dessen dort herrschende ökonomische, ethische und ästhetische Standards sie als vielversprechend wahrnahmen. Das Bildungsbürgertum war das Milieu in der Gesellschaft, welchem sich viele deutsche Juden oft mit viel Engagement annäherten. Der Erwerb von Bildung sollte dazu beitragen, einen anerkannten sozialen Stand in der Gesellschaft zu erlangen.</p>
<h3><strong>Das Universitätsstudium als Eintrittskarte in das Bildungsbürgertum</strong></h3>
<div id="attachment_8107" style="width: 281px" class="wp-caption alignright"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8107" class="wp-image-8107 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_1-169x300.jpg" alt="" width="271" height="481" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_1-169x300.jpg 169w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_1-200x356.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_1-400x711.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_1-576x1024.jpg 576w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_1-600x1067.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_1-768x1365.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_1-800x1422.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_1-864x1536.jpg 864w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_1-1152x2048.jpg 1152w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_1-1200x2133.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_1-scaled.jpg 1440w" sizes="(max-width: 271px) 100vw, 271px" /><p id="caption-attachment-8107" class="wp-caption-text">Zulassung zum Referendariat. Hessisches Staatsarchiv Wiesbaden.</p></div>
<p>Jüdische Studenten, vor allem Mitglieder jüdischer Studentenverbindungen, gehörten zur Bildungselite innerhalb des jüdischen Bildungsbürgertums. Die bevorzugten Studienfächer unter jüdischen Studenten waren Medizin und Jura. Denn die ermöglichten es, sich später als selbstständige Ärzte oder Juristen niederzulassen, weil ihnen der Zugang zum Staatsdienst erschwert wurde (ausführlich dazu: Susanne Döring, Die Geschichte der Heidelberger Juden, in: Andreas Czer und andere, Hg., Geschichte der Juden in Heidelberg, Heidelberg, Guderjahn Verlag 1996 sowie Bernhard Post / Ulrich Kirchen, Juden in Wiesbaden von der Jahrhundertwende bis zur „Reichskristallnacht“ – Eine Ausstellung des Hessischen Hauptstaatsarchivs, Wiesbaden 1988).</p>
<p>Moritz Marxheimer studierte ab dem Sommersemester 1890 wohl bis zum Wintersemester 1892/93 in Heidelberg, Berlin und Marburg Jura. Dies ist in den Universitätsarchiven Heidelberg 1891, Berlin 1891 und Marburg 1892 belegt. Er wurde am 26. April 1890 an der Universität Heidelberg immatrikuliert.</p>
<p>Die <a href="https://www.uni-heidelberg.de/de">Universität Heidelberg</a> erlebte seit 1890 eine <em>„Zeit der wissenschaftlichen Blüte“. </em>Viele berühmte Wissenschaftler lehrten dort. Sie galt im Kaiserreich als <em>„liberale Musteruniversität“ </em>(ausführlich: Petra Schaffrodt / Jörg Hüffner, Juden an der Universität Heidelberg – Dokumente aus sieben Jahrhunderten, Heidelberg 2002) und bot auch jüdischen Hochschullehrern gute Bedingungen für Zugang und Wirken und wurde so auch für jüdische Studenten ausgesprochen attraktiv. In den Jahren von 1862 bis 1918 lehrten insgesamt 61 jüdische Professoren an der Universität Heidelberg. Sie waren in allen Fakultäten und Fächern vertreten. Insbesondere die juristische Fakultät der „Großherzoglich Badischen Universität Heidelberg“ genoss <em>„Weltruf“</em> (siehe: Klaus-Peter Schroeder: „Tod den Scholaren!“ Studentische Kriege, Revolten, Exzesse und Krawalle an der Heidelberger Universität von den Anfängen bis zum Ausgang des 20. Jahrhunderts, Heidelberg 2016).</p>
<p>Diese Faktoren könnten Moritz Marxheimer also seinen Entschluss an der Universität Heidelberg zu studieren beeinflusst haben. Er studierte drei Semester in Heidelberg. Aufgrund der Entfernung Heidelbergs zu Wiesbaden ist anzunehmen, dass Moritz Marxheimer in Heidelberg wohnte. Dazu gibt es aber keine Angaben in den vorliegenden Dokumenten.</p>
<div id="attachment_8108" style="width: 390px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8108" class="wp-image-8108 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Universitaetsarchiv-Heidelberg_StudA_Marxheimer_Moritz_1890_Scan-1-300x235.jpg" alt="" width="380" height="298" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Universitaetsarchiv-Heidelberg_StudA_Marxheimer_Moritz_1890_Scan-1-200x156.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Universitaetsarchiv-Heidelberg_StudA_Marxheimer_Moritz_1890_Scan-1-300x235.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Universitaetsarchiv-Heidelberg_StudA_Marxheimer_Moritz_1890_Scan-1-400x313.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Universitaetsarchiv-Heidelberg_StudA_Marxheimer_Moritz_1890_Scan-1-600x469.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Universitaetsarchiv-Heidelberg_StudA_Marxheimer_Moritz_1890_Scan-1-768x600.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Universitaetsarchiv-Heidelberg_StudA_Marxheimer_Moritz_1890_Scan-1-800x625.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Universitaetsarchiv-Heidelberg_StudA_Marxheimer_Moritz_1890_Scan-1-1024x801.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Universitaetsarchiv-Heidelberg_StudA_Marxheimer_Moritz_1890_Scan-1-1200x938.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Universitaetsarchiv-Heidelberg_StudA_Marxheimer_Moritz_1890_Scan-1-1536x1201.jpg 1536w" sizes="(max-width: 380px) 100vw, 380px" /><p id="caption-attachment-8108" class="wp-caption-text">Studien- und Sittenzeugnis. Universität Heidelberg.</p></div>
<p>Seinem <em>„Studien- und Sittenzeugnis“</em> ist zu entnehmen, welche Vorlesungen er in den jeweiligen Semestern bei welchen Dozenten belegt hatte, ebenso das Datum der Immatrikulation sowie das der Exmatrikulation. Unter <em>„Studien- und Sittenzeugnis“</em> sind Bescheinigungen und Zeugnisse der Universität für betreffende Studenten zu verstehen, die diesen bei der Exmatrikulation wohl auch ausgehändigt wurden. Außerdem wurden dort eventuelle Verhaltensauffälligkeiten und Straffälligkeit in Bezug auf die akademischen Vorschriften vermerkt. Für Moritz Marxheimer lässt sich jedoch kein solcher Eintrag finden: <em>„Was dessen Betragen betrifft, so war dasselbe den akademischen Vorschriften angemessen.“</em> In den Sittenzeugnissen späterer Jahre klang das häufig anders. Denn der Höhepunkt der Auseinandersetzungen, in welche die jüdische Studentenverbindung Badenia verwickelt war, wurde erst in den Jahren nach Marxheimers Zeit in Heidelberg erreicht. Er verließ laut der „Studentenakte Marxheimer, Moritz“ im Universitätsarchiv Heidelberg die „Großherzoglich Badische Universität Heidelberg“ zum Sommersemester 1891.</p>
<p>Aus dem „Amtlichen Verzeichnis des Personals und der Studierenden der „Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin“ (Amtliches Verzeichnis des Personals und der Studierenden der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. Auf das Winterhalbjahr vom 16. Oktober 1891 bis 15. März 1892. Berlin 1891, S. 104.) für das Wintersemester 1891/92 lässt sich entnehmen, dass er dort für dieses Semester an der juristischen Fakultät immatrikuliert war. Weitere Informationen zu seiner Zeit in Berlin liegen nicht vor.</p>
<p>Im Anschluss an sein Semester in Berlin setzte Moritz Marxheimer sein Studium im Sommersemester 1892 an der „Königlich Preußischen Universität Marburg“ fort. Im Personalverzeichnis wird sein Name für das Sommersemester 1892 und für das Wintersemester 1892/93 aufgeführt. Informationen zum Zeitpunkt seiner Exmatrikulation oder seines Abschlusses sind nicht vorhanden.</p>
<h3><strong>Die Universitäten – Hochburgen des Antisemitismus im Kaiserreich</strong></h3>
<p>Während seiner Studienzeit in Heidelberg gründete Marxheimer zusammen mit anderen jüdischen Studenten der Universität Heidelberg die jüdische Studentenverbindung „Badenia“, deren Ziel – knapp zusammengefasst – der Kampf gegen den Antisemitismus der Zeit war. Daher ist es im Folgenden nötig, auf die antisemitischen Strömungen im Kaiserreich einzugehen. Auch müssen die Zielsetzungen und Aktionsformen jüdischer Studentenverbindungen wie der Badenia vorgestellt werden, um das Engagement von Moritz Marxheimer einordnen zu können.</p>
<p>Der Begriff <em>„Antisemitismus“</em> kam im Jahr 1879 auf und beschrieb zu dieser Zeit den Widerwillen gegen Juden als soziale und als politische Bewegung. Er richtete sich gegen die neue rechtliche und bürgerliche Stellung der Juden. Die Antisemiten konstruierten sich ein Bild von „Juden“, das mit realen Juden nichts gemein hatte. Einen guten Überblick bietet beispielsweise das Buch „Antisemitismus in Zentraleuropa: Vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Deutschland, Österreich und die Schweiz vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart von Werner Bergman und Ulrich Wyrwa (Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2008).</p>
<p>Beispiele für öffentlich geäußerten Antisemitismus im Alltag findet sich in Postkarten aus dem Deutschen Kaiserreich. Diese zeigen, wie antisemitische Motive über das Massenmedium Postkarte verbreitet wurden. Der Gebrauchsgegenstand Bildpostkarte gibt zudem einen guten Einblick in Alltagspraktiken. Karten dieser Art verdeutlichen, dass weder die Deutsche Reichspost Einwände gegen antisemitische Postkarten hatte noch, dass Versendende und Empfangende die Notwendigkeit sahen, ihre antisemitische Haltung in irgendeiner Form zu verbergen. In Bild- und/oder Textform verbreiteten sie Verunglimpfung, Ausgrenzung, Herabsetzung und Entmenschlichung von Juden, durch überzogene Darstellung beispielsweise von Physiognomie und Körperhaltung. Die <a href="https://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/abgestempelt_Lehrermaterial_mit_Loesungshinweisen_Formular_Beschreibbar.pdf">Bundeszentrale für politische Bildung hat hierzu gutes auch in Schulen einsetzbares Material zusammengestellt</a>.</p>
<p>Auf einer Postkarte wird zum Beispiel die Musterung zum Militärdienst dargestellt. Antisemitische Karikaturen und Darstellungen versuchen das vermeintliche „Anderssein“ von Juden durch überzeichnete körperliche Merkmale hervorzuheben, durch ein verzerrtes Gesicht mit übermäßig großer Hakennase oder der Darstellung des gesamten Körpers als klein und missgebildet. In den Augen der Militärs und sonstiger Männer waren Juden für den Militärdienst nicht geeignet. Das Motiv der Hakennase ist seit dem frühen Mittelalter bekannt, denn viele mittelalterliche Darstellungen bildeten den Teufel mit einer Hakennase ab. Im Mittelalter sowie der frühen Neuzeit wurden die Teufels- und Judendarstellungen über die krumme Nase verknüpft und Juden galten nicht wenigen Christen als Teufels-Verbündete. Spätestens im 18. Jahrhundert setzte sich das Motiv der Hakennase als jüdisches <em>„Kennzeichen“ </em>umfassend durch.</p>
<p>Die stereotypisierte Darstellung eines Juden als klein, nackt und mit deformiertem Körperbau ist eine extreme Form des „gezeichneten“ Antisemitismus. Demgegenüber gestellt wird eine Gruppe idealisiert dargestellter Soldaten. Den Juden wird so in drastischer Weise körperliche Untüchtigkeit vorgeworfen. Auf den Musterungspostkarten gehören sie stets zu den Ausgemusterten. Jüdische Freiwillige wurden so entindividualisiert und pauschalisiert. Die militärische Ausgrenzungspraxis im Kaiserreich ist eine Seite des Antisemitismus im Militär, die andere ist die in der „Judenzählung“ von 1916 manifeste Unterstellung, Juden wollten sich vor dem Militärdienst drücken. Das Ergebnis der Zählung widerlegte den Verdacht, aber nach wie vor blieben Juden von höheren militärischen Laufbahnen ausgeschlossen.</p>
<p>Die deutschen Juden wurden am stärksten in Institutionen wie Schule, Armee und Universität mit Antisemitismus konfrontiert. An Universitäten war der Antisemitismus am stärksten ausgebildet, da Studenten – so Miriam Rürup in ihrem bereits genannten Buch – als <em>„Trägerschicht“</em> für diesen fungierten (später stellte sich heraus, dass die NSDAP vor allem in der deutschen Studentenschaft eine umfassende Basis fand). Moritz Marxheimer wurde mit dieser Welt konfrontiert, als er sein Studium begann.</p>
<p>Die Universitäten erlebten im Kaiserreich einen starken Zuwachs an Studenten. Deren Gesamtzahl wuchs vom Wintersemester 1870/71 bis zum Sommersemester 1914 um 325 Prozent. Die Folge des Andrangs bedeutete eine nachhaltige Veränderung der Sozialstruktur. Die Universität bot gerade für die aus dem nicht-akademischen Milieu stammenden Söhne der Mittelschicht eine ausgezeichnete Aufstiegsmöglichkeit, so ausführlich Franz Egon Rode in seinem Buch „Die Universitätsburschenschaften im Kaiserreich“ (Heidelberg, Universitätsverlag Winter, 2021). Im Zuge des rasanten Anstiegs der Studentenzahlen kam es zwischen 1880 und 1900 zu einer Überfüllungskrise auf dem akademischen Arbeitsmarkt, sodass aus dem Bildungsbürgertum stammende Studenten befürchteten, ihren Status zu verlieren und infolgedessen gesellschaftlich abzusteigen. Gemessen an ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung bildete sich eine Überrepräsentation jüdischer Studenten an deutschen Universitäten, wodurch christliche Studenten in ihren jüdischen Kommilitonen eine Konkurrenz sahen. Studenten begannen sich öffentlich zum Antisemitismus zu bekennen und zu demonstrieren. Im Folgenden wurde jüdischen Studenten der Eintritt in Studentenverbindungen immer mehr verwehrt. Die antiemanzipatorische Prägung der Gesellschaft des deutschen Kaiserreichs bildete sich maßgeblich an den Universitäten, vor allem in den Studentenverbindungen aus. Die damit einhergehende Ausgrenzung machte sich somit auch zuerst im akademischen Bereich bemerkbar.</p>
<p>Vor diesem Hintergrund entstand sehr zeitnah eine jüdische Abwehrbewegung, denn ihr Ziel bestand nicht nur in einer akademischen Ausbildung in spezifischen Fächern, sondern lag darüber hinaus &#8211; so wiederum Miriam Rürup &#8211; in dem Bestreben ihrer Integration in die akademische, bürgerliche Mittelschicht.</p>
<h3><strong>Der Kampf um Gleichberechtigung in den jüdischen Studentenverbindungen </strong></h3>
<p>Jüdische Studentenverbindungen stellten eine Art Schutzraum dar, in welchem es jüdischen Studenten möglich sein sollte, die an deutschen Universitäten üblichen Sitten sowie den studentischen Sinn und Geselligkeit pflegen zu können. Da die Korporationen davon ausgingen, dass eine starke Identität ihr Ansehen als Juden auch unter den Antisemiten verbessern würde, strebten sie eine Stärkung des innerjüdischen Zusammenhalts an. Dies sollte – so dokumentiert es Miriam Rürup – Gleichberechtigung im universitären Bereich und den angestrebten Eintritt in die bürgerliche Gesellschaft erleichtern.</p>
<p>Die jüdischen Studentenverbindungen waren zunächst nur provisorisch angedacht, solange die antisemitische Welle anhalten würde. Sie entwickelten sich auch aus dem Wunsch nach einem <em>„normalen“</em> studentischen Leben heraus. Miriam Rürup belegt, dass die Mitgliedschaft in einer Verbindung zudem als <em>„Ausweis eines guten Charakters“ </em>galt<em>. </em>Jüdische Studentenverbindungen zeichneten sich durch starken sozialen Zusammenhalt aus. Ihre Mitglieder erfüllten entscheidende Voraussetzungen wie ein junges Alter, hohe Bildung und zunehmende Ideologisierung. Jüdische Studenten grenzten sich außerdem zunehmend von dem <em>„Ideal einer deutsch-jüdischen Synthese“</em> der Generation vor ihnen ab. Sie suchten nach eigenen Wegen des Handelns, welche sich in den verschiedenen jüdischen Studentenverbänden äußerte.</p>
<p>Das Entstehen jüdischer Studentenverbindungen kann somit einerseits als eine Bejahung der deutsch-jüdischen Identität gesehen werden, andererseits aber auch als Reaktion auf den in nicht-jüdischen Verbindungen vorherrschenden Antisemitismus. Miriam Rürup weist allerdings auch darauf hin, dass nur ein Teil der jüdischen Studenten einer Verbindung beitraten.</p>
<p>Der Antisemitismus richtete sich auch gegen die rechtliche Gleichstellung der Juden, die diese in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert weitgehend erreicht hatten. Er sprach ihnen die volle gesellschaftliche Anerkennung ab. Die Vorbehalte basierten – so Anette Hettinger – auf antisemitischen Vorurteilen und Zuschreibungen, wobei das Stereotyp des <em>„reichen Juden“</em> wohl am bekanntesten sein dürfte. Aus Sicht der jüdischen Studentenverbindungen galt es vor allem gegen das antisemitische Vorurteil vorzugehen, nach welchem jüdischen Männern die Männlichkeit abgesprochen wurde. Die Gründung jüdischer Studentenverbindungen bot deutsch-jüdischen Studenten die Möglichkeit, ihre <em>„Ehre“</em> sowie ihre Ebenbürtigkeit und ihre Verbundenheit mit der deutschen Nation zu beweisen. Dieser Aspekt war den jungen Männern in den jüdischen Studentenverbindungen besonders wichtig.</p>
<p>In einer 1886 verfassten Denkschrift der jüdischen Studentenverbindung Viadrina aus Breslau wurde diesbezüglich folgendes formuliert: <em>„Wir vertreten den Grundsatz, und werden durch unser Verhalten den Beweis dafür liefern, dass wir Juden und zugleich Deutsche im wahrsten Sinne des Wortes sein können. Wir wollen uns zu Männern erziehen, die alle Anforderungen, die der Staat an seine Bürger stellt, mit Begeisterung und Pflichttreue erfüllen und gemeinschaftlich mit unseren christlichen Mitbürgern an der Lösung der großen Aufgaben der Zeit mitarbeiten.“</em> (zitiert nach: Thomas Schindler: „Was Schandfleck war, ward unser Lebenszeichen&#8220; – Die jüdischen Studentenverbindungen und ihr Beitrag zur Entwicklung eines neuen Selbstbewußtseins deutscher Juden, in: Hinrich Harm-Brandt, Hg., „Der Burschen Herrlichkeit“ – Geschichte und Gegenwart des studentischen Korporationswesens, Würzburg 1998)</p>
<p>Um diese Zielsetzung zu erreichen, sollte in den Verbindungen „<em>die Ausbildung des Körpers und des Charakters“</em> erfolgen. Darunter war – hier und im Folgenden stütze ich mich im Wesentlichen auf den Aufsatz von Hettinger – insbesondere die Vermittlung von Kenntnissen zum Judentum und sportliche Ertüchtigung zu verstehen. In der korporationsinternen Ausbildung wurden demnach Kenntnisse zum Judentum, die zur Ausbildung von <em>„Selbstachtung“</em> und Stolz auf die eigene jüdische Herkunft beitragen sollten vermittelt. Gegenstand der Auseinandersetzung war dabei eine Beschäftigung mit der Geschichte des Judentums, aber auch mit der Rolle als deutschem Staatsbürger jüdischen Glaubens und der von der Studentenverbindung hierzu vertretenen Auffassung. Dabei wurden antisemitische oder – mit der Zeit auch – zionistische Standpunkte thematisiert.</p>
<p>Die körperliche Ertüchtigung dürfte den meisten Mitgliedern allerdings wichtiger gewesen sein, denn damit sollte gezeigt werden, dass jüdische Männer das Gleiche an körperliche Leistung erbringen konnten, wie nichtjüdische und, dass sie im gleichen Maß wie Nichtjuden <em>„Ehre“</em> besaßen. Jüdische Studentenverbindungen übernahmen hierfür <em>„das gesamte Repertoire studentischen Brauchtums“</em>, wie es von nichtjüdischen Studentenverbindungen gepflegt wurde. Ein wichtiger Teil davon waren vor allem das Austragen von Fechtpartien und die <em>„Kneipen“</em>. Die äußerliche Erscheinung spielte ebenso eine wichtige Rolle, wozu hauptsächlich das Tragen von <em>„Couleur“</em>, einer festgelegten Kombination aus Kleidungsstücken und Accessoires, die bestimmte Farben aufwiesen zählte. Hier sind besonders Band und Mütze zu nennen.</p>
<p>1895 hatte sich die Badenia für die Farben Orange, Blau und Weiß entschieden und besaß seit 1896 auch die für Mensuren benötigten Waffen. Mitglieder der Badenia trugen, wenn sie die äußeren Kennzeichen wie Band und Mütze anlegten, ihre jüdische Herkunft selbstbewusst in der Öffentlichkeit.</p>
<p>Im Jahr 1896 schlossen sich die Badenia und weitere jüdische Studentenverbindungen an den Universitäten Breslau, Bonn, Darmstadt, München und Berlin zum Kartell-Convent Jüdischer Corporationen (K.C., eine <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kartell-Convent">Liste der Mitglieder findet sich im Wikipedia-Eintrag</a>) zusammen, dessen Zweck im Kampf gegen den Antisemitismus gesehen wurde. In diesem Jahr wurde dort, bereits nach Marxheimers Studentenzeit, der Beschluss gefasst, auf antisemitische Äußerungen mit der Säbelforderung zu reagieren, also mit der Aufforderung zur Satisfaktion und zum Duell. Denn derartige Äußerungen wurden als Angriff auf die <em>„Ehre“</em> verstanden. Die Verteidigung mit einem im Verbindungswesen üblichen Mittel unterstrich die Ebenbürtigkeit von jüdischen und nichtjüdischen Verbindungsstudenten. So gibt es auch Bilder von Studenten mit Mensuren.</p>
<p>Mit dem Eintritt in die Badenia unterwarfen sich die Studenten einem strikten Verhaltenskodex. Im Verständnis von Studentenverbindungen wurden auch Verhaltensweisen wie durchdringendes oder <em>„unvermitteltes starkes Ansehen, ein unkonventionell wahrgenommener Blick, ein provozierendes im Weg Stehenbleiben oder eine schnoddrige Bemerkung“</em> als Angriffe auf die <em>„Ehre“</em> interpretiert. Als Verbindungsstudent reagierte man darauf mit der Aufforderung zur Satisfaktion, also zum Duell. Vor allem nicht-jüdische Studentenverbindungen erkannten jüdischen Verbindungsstudenten die Satisfaktionsfähigkeit, das heißt die Ehre ab. Um Satisfaktion zu erzwingen, griffen jüdische Verbindungsstudenten deshalb zu folgendem Mittel: der Ohrfeige, die mit ihrem öffentlichen Charakter als besonders ehrenrührig galt.</p>
<p>Das Konzept der <em>„Ehre“</em> war für die Mitglieder jüdischer Studentenverbindungen von höchster Bedeutung. Denn <em>„Ehre, Ehrhaftigkeit, Ehrbarkeit“</em> machten einen großen Teil dessen aus, woraus sich die soziale und gesellschaftliche Stellung ablesen ließ, die eine Person einnahm, beziehungsweise bestmöglich einnehmen konnte. Der Ehrencode diente im Alltag der Herstellung von sozialen Beziehungen. Durch seine Handhabung wurde die sozialkulturelle Ordnung reproduziert. Die eigene Ehrhaftigkeit musste – darauf weist Miriam Rürup hin – zudem andauernd ihre Gültigkeit behaupten, sowie öffentlich dargestellt und alltäglich reproduziert werden. Verbindungsstudenten befanden sich in einem ständigen Kampf um die Anerkennung ihrer spezifischen Ehrhaftigkeit. Die Ausgangsposition jüdischer Studenten zu Beginn ihrer Verbindungen war eine besondere, da sie noch keinen festen Stand innerhalb der Studentenschaft hatten – sie mussten ihre Ehrwürdigkeit zunächst unter Beweis stellen.</p>
<h3><strong>Moritz Marxheimer und die Badenia</strong></h3>
<p>Die 1886 in Breslau gegründete „Viadrina“ stellte die erste jüdische Studentenverbindung dar. Ihre Bedeutung und Besonderheit besteht in ihrem Exklusivitätsprinzip, nachdem ausschließlich jüdische Studenten aufgenommen wurden.</p>
<p>Die Breslauer „Viadrina“ diente als Vorbild für die im Wintersemester 1890/91 – in Marxheimers zweitem Semester – gegründete „Badenia“ in Heidelberg. Diese wurde am 26. Oktober 1890 im jüdischen Gasthaus „Zum Goldenen Roß“ formell durch acht Mitglieder gegründet. Alfred Moses, Magnus Hirschfeld, Theodor Homburger, Moritz Marxheimer, Max Mainzer, Daniel Halle und Louis Allen verpflichteten sich durch Unterschrift und Ehrenwort Max Oppenheimer gegenüber zur Gründung der „Freien Verbindung Badenia“. Die Gründung hat Max Mainzer in den <a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2268896">K.C.-Blättern</a> 1915 dokumentiert. Der Zusammenschluss in der Badenia sollte – so ist es dort formuliert – das selbstbewusste Einstehen für das Judentum innerhalb der Studentenschaft sowie die Abwehr antisemitischer Angriffe fördern. Max Oppenheimer, der als der intellektuelle Gründer der Badenia gelten darf, schildert den Gründungstag in den K.C.-Blättern im Jahr 1915 als eine gelungene konstituierende Sitzung. Max Mainzer zitierte das Ziel, dass Mitglieder, die als Studenten der Badenia angehörten, nach ihrer aktiven Zeit in der Verbindung, gereifte Männer und Staatsbürger sein und Organisatoren der deutschen Judenheit werden sollten. Das verdeutlicht nochmals die patriotische Gesinnung sowie die gleichzeitig starke Bindung an das Judentum. Die Badenia orientierte sich in ihrem Auftreten, wie bereits angeklungen, an nicht-jüdischen Korporationen und pflegte ein traditionell-studentisches Brauchtum. Die Mitglieder der Badenia definierten sich als deutsche Studenten jüdischen Glaubens und forderten die Integration der Juden in die deutsche Gesellschaft (Norbert Giovannini, Jüdische Studentinnen und Studenten in Heidelberg. In: Peter Levinson, Hg., Jüdisches Leben in Heidelberg – Studien zu einer unterbrochenen Geschichte Heidelberg 1992).</p>
<p>Im Laufe der Zeit pendelte sich der Stand der aktiven Mitglieder der Badenia zwischen 15 und 26 Angehörigen ein. Der Kontakt zu anderen Heidelberger Korporationen erwies sich auf Dauer als schwierig. So verschlechterte sich das Verhältnis zwischen der Allemannia, einer bis heute am äußersten rechten Rand des politischen Spektrums zu verortende Studentenverbindung, und der Badenia trotz anfänglicher Kontakte und Mensuren rasch. In den Jahren 1895 bis 1898 kam es – wie Döring dokumentiert – immer wieder zu Streit zwischen den beiden Verbindungen.</p>
<p>Die Anschaffung eigener Waffen erfolgte erst nach Marxheimers Zeit in Heidelberg und soll deshalb nur kurz erwähnt werden. Sie erfolgte aufgrund der immer mehr werdenden antisemitischen Beleidigungen von den Korporationen, bei welchen die Badenia bis zu diesem Zeitpunkt Waffen geliehen hatte. Auch dies hat Max Maihnzer in den K.C.-Blättern dokumentiert.</p>
<p>Am 9. Juli 1902 kam es zum dauerhaften Verbot der Badenia; <em>„weil deren Mitglieder fortgesetzt Anlaß zu Beschwerden sowie zu disziplinärem Einschreiten bieten und zu befürchten steht, daß dies auch fernhin der Fall sein wird“ </em>(zitiert nach Döring). Die Badenia hatte diverse Zusammenstöße mit anderen Studentenverbindungen. Dies führte zu ihrer Suspendierung und schließlich zu ihrem Verbot. Die an den Zusammenstößen beteiligten anderen Studentenverbindungen wurden Strafen angedroht, Verbote sind jedoch nicht belegt.</p>
<p>Abschließend festzuhalten ist, dass jüdische Studentenverbindungen wie die Badenia es Studenten jüdischen Glaubens wie Moritz Marxheimer ermöglichten, sich aktiv gegen den Antisemitismus zu verteidigen. Der im studentischen Verbindungswesen verbreitete und gelebte Ehrencode ist für jüdische Studenten deshalb von besonderer Bedeutung, weil sie mithilfe dieses Codes aktiv Stereotypen wie beispielsweise dem des <em>„verweichlichten Juden“</em> begegnen konnten. Die Gründung jüdischer Studentenverbindungen ist außerdem ein Symbol dafür, die eigene Religion nicht zu verstecken, sondern sie offen nach außen zu tragen. Jüdische Verbindungen organisierten sich wie die, die ihnen jegliche Daseinsberechtigung absprachen und ihnen mit Hass und Antisemitismus entgegentraten. Das wird von manchen als Widerspruch zu dem gesehen, für das jüdische Verbindungen standen. Gleichzeitig ermöglichte diese gleiche Organisation eine Form der Gleichwertigkeit zu nicht-jüdischen Verbindungen, was wiederum ja durchaus auch für den Grundsatz der jüdischen Verbindungen steht, die antisemitischen Vorurteile zu widerlegen.</p>
<p>Marxheimers Mitgliedschaft sowie die Tatsache, dass er Mitbegründer der Badenia war, lassen Rückschlüsse auf seine Überzeugungen zu: Er war sich seiner deutsch-jüdischen Identität bewusst, die seine patriotische Gesinnung wie eine starke Bindung an das Judentum umfasste. Auch zeigte er damit einen gewissen Stolz auf seinen neuen akademischen Status und seine Zugehörigkeit zu einer bildungsbürgerlichen Elite.</p>
<h3><strong>Das Berufsleben – anfängliche Erfolge, doch dann der Ausschluss</strong></h3>
<div id="attachment_8109" style="width: 281px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8109" class="wp-image-8109" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_2-169x300.jpg" alt="" width="271" height="481" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_2-169x300.jpg 169w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_2-200x356.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_2-400x711.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_2-576x1024.jpg 576w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_2-600x1067.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_2-768x1365.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_2-800x1422.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_2-864x1536.jpg 864w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_2-1152x2048.jpg 1152w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_2-1200x2133.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_2-scaled.jpg 1440w" sizes="(max-width: 271px) 100vw, 271px" /><p id="caption-attachment-8109" class="wp-caption-text">Zulassung als Anwalt. Hessisches Staatsarchiv Wiesbaden.</p></div>
<p>Moritz Marxheimer kehrte nach seinem Staatsexamen nach Wiesbaden zurück. Er absolvierte sein Referendariat in Wiesbaden. Dies belegen die „Personalacten über Referendar-Marxheimer“ im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden. Mithilfe der Personalakten lässt sich sein Weg bis zur Ernennung zum Notar in den Jahren von 1893 bis 1919 nachvollziehen.</p>
<p>Im Jahr 1894 absolvierte Moritz Marxheimer seinen Militärdienst und wurde für den entsprechenden Zeitraum beurlaubt. Die vorliegenden Informationen sprechen dafür, dass Moritz Marxheimer seinen Militärdienst als <em>„Einjährig-Freiwilligen-Dienst“</em> ableistete. Voraussetzung war die Übernahme für Verpflegung, Ausrüstung und Wohnung. Dies setzte ein gewisses Vermögen der Familie voraus. Zudem konnte man sich im <em>„Einjährig-Freiwilligen-Dienst“</em> den Truppenteil aussuchen. Am Ende des Militärjahres fand eine Abschlussprüfung für ausgewählte und für geeignet befundene Einjährige statt, um festzustellen, ob diese zu Reserveoffizieren taugten. Sollte dies nicht der Fall sein, bestand die Möglichkeit, Unteroffizier der Reserve zu werden (ausführlich zu diesem Thema: Carola Groppe, Im deutschen Kaiserreich – Eine Bildungsgeschichte des Bürgertums 1871-1918, Köln 2018).</p>
<p>Der Rang des Reserveoffiziers stellte im Kaiserreich die unbedingte Voraussetzung dar, um zur etablierten höheren bürgerlichen Gesellschaft zu gehören. In der Armee war die antisemitisch begründete Ausgrenzungspraxis besonders auffällig. So war das Offizierskorps bekennenden Juden fest verschlossen, sodass es im Kaiserreich keine jüdischen Offiziere und nach 1885 auch keine jüdischen Reserveoffiziere gab. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg war es eine übliche Verfahrensweise in den Truppen, jüdische jüdischen Offiziersaspiranten die Prüfung zum Reserveoffizier nicht bestehen zu lassen. Seit 1880 wurden von den im preußischen Heer dienenden bis zu 30.000 jüdischen Einjährig-Freiwilligen kein einziger zum Reserveoffizier befördert (Michael Berger, Eisernes Kreuz und Davidstern Die Geschichte Jüdischer Soldaten in Deutschen Armeen. Berlin 2006).</p>
<p>Es gibt keine weiteren Informationen zu Moritz Marxheimers Militärdienst. Ebenso wenig gibt es Hinweise darauf, dass er als Soldat beziehungsweise Unteroffizier der Reserve im Ersten Weltkrieg diente. Es ist deshalb anzunehmen, dass er während des Ersten Weltkrieges als Rechtsanwalt und Justizrat, zu dem er 1917 ernannt wurde, tätig war. Dennoch bot ihm die Ausbildung zum Unteroffizier der Reserve eine Möglichkeit, sein Ansehen in der Gesellschaft des Kaiserreichs zu steigern. Seine Zeit in der Studentenverbindung Badenia hat möglicherweise zu seinem Erfolg in seiner Militärausbildung beigetragen, da auch im Militär Tugenden wie ständige Kampfbereitschaft und der Ehrbegriff von großer Bedeutung waren. Es ist deshalb stark anzunehmen, dass Moritz Marxheimer sich diesen Tugenden und ihrer Handhabung im Alltag sehr bewusst und zur Umsetzung fähig war.</p>
<p>Während des Ersten Weltkriegs wurde Moritz Marxheimer am 17. Juli 1917 zum Justizrat ernannt. Seine Kanzlei befand sich in der Kirchgasse 7 in Wiesbaden. Auf Verfügung des Justizministers vom 10. Juli 1919 wurde Moritz Marxheimer zum Notar im Bezirk des Oberlandesgerichts in Frankfurt am Main ernannt. Er war zu diesem Zeitpunkt 48 Jahre alt.</p>
<p>Noch im selben Jahr verlegte er seine Kanzlei nach Frankfurt am Main und wurde dort im September 1919 als Rechtsanwalt zugelassen. Er kehrte aber bereits im April 1921 nach Wiesbaden zurück und gründete zusammen mit den Rechtsanwälten Dr. Alfred Landsberger und Karl Weber eine neue Kanzlei, welche sich in der Luisenstraße 41 befand. Seine Kanzlei war sowohl in zivilrechtlicher als auch strafrechtlicher Hinsicht tätig und wurde als eine der größten Kanzleien der Stadt angesehen. Im Jahr 1932 schied Dr. Alfred Landsberger aus der Kanzlei aus, da er plante, nach Palästina auszuwandern. An seine Stelle trat Dr. Siegfried Hallgarten.</p>
<p>Ungefähr eine Woche nach dem Boykott jüdischer Geschäfte schuf die NS-Regierung am 7. April 1933 mit dem <a href="https://www.verfassungen.de/de33-45/rechtsanwaltschaft33.htm">„Gesetz über die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft“</a> – zeitgleich mit dem <a href="https://www.bundesarchiv.de/themen-entdecken/online-entdecken/geschichtsgalerien/7-april-1933-gesetz-zur-wiederherstellung-des-berufsbeamtentums/">„Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“</a>, das unter anderem für Richter und Staatsanwälte galt – die Voraussetzung, Rechtsanwälte <em>„nichtarischer Abstammung“</em> die Zulassung bei Gericht zu entziehen. Das Gesetz ist Teil der – erfolgreichen – nationalsozialistischen Versuche, die Lebensmöglichkeiten jüdischer Menschen nachhaltig einzuschränken und sie aus dem öffentlichen Leben zu entfernen. Moritz Marxheimer konnte seine Zulassung als Rechtsanwalt zunächst behalten, denn er fiel unter die <em>„Anwaltsregelung“</em>. Diese Ausnahmeregelung legte fest, dass Rechtsanwälte, welche bereits vor dem 1. August 1914 die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft besaßen, vom Berufsverbot ausgenommen waren. Seine Zulassung erfolgte bereits 1899.</p>
<p>Im September 1933 schied Rechtanwalt Karl Weber aus der Kanzlei aus. Auch Dr. Hallgarten hatte seine Zulassung verloren und war nach England ausgewandert. Aufgrund der Zwangsmaßnahmen gegen jüdische Rechtsanwälte gingen die Einnahmen von Moritz Marxheimer stark zurück. Seine renommierte Kanzlei Marxheimer-Weber übernahm auch politische, gegen Nazis geführte Prozesse. Nach 1933 verhalf Moritz Marxheimer etlichen seinen Gemeindemitgliedern zur Flucht. Darunter befand sich auch ein Anwaltskollege, der in seiner Kanzlei von SA-Leuten überfallen worden war.</p>
<p>Im Zuge der <a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/501380/vor-85-jahren-nuernberger-gesetze-erlassen/">Nürnberger Gesetze vom 15. September 1935</a> verlor Moritz Marxheimer am 14. November 1935 das Notariat. Diese Gesetze sollten das Verhältnis zwischen <em>„Nichtariern“</em> und <em>„Volksgenossen“</em> regeln und bestanden aus mehreren Einzelgesetzen. Teil davon war das <a href="https://www.verfassungen.de/de33-45/reichsbuerger35.htm">„Reichsbürgergesetz“</a>, welches Juden die Gleichberechtigung nahm und maßgeblich in deren ökonomische und soziale Lebensgestaltung eingriff. Zu den <a href="https://www.verfassungen.de/de33-45/reichsbuerger35-v1.htm">„Verordnungen zum Reichbürgergesetz“</a> zählten Maßnahmen, welche Juden aus bestimmten Berufsgruppen und dem öffentlichen Leben drängte. Davon betroffen waren beispielsweise Notare, Beamte, Ärzte, Richter und Rechtsanwälte. § 4 der Ersten Verordnung erkannte Juden die deutsche Staatsbürgerschaft ab.</p>
<p>1937 verschärfte sich die Situation noch weiter. So durften jüdische Rechtsanwälte nur noch für jüdische Klientinnen und Klienten juristisch tätig werden. Moritz Marxheimers Kanzlei befand sich zuletzt in der Rheinstraße 39 in Wiesbaden. Der nach der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 stattfindende unerhörte Terror gegen jüdische Geschäfte, Warenhäuser und private Besitztümer führte zur völligen Ausschaltung von Juden aus dem wirtschaftlichen Leben, Verhaftungen sowie zur Einziehung ihres Vermögens. Ein endgültiges Berufsverbot erfolgte am 1. Dezember 1938 (Hans Mommsen, Das NS-Regime und die Auslöschung des Judentums in Europa, Göttingen, Wallstein, 2014).</p>
<h3><strong>Privatleben und Engagement in der jüdischen Gemeinde Wiesbaden</strong></h3>
<p>Moritz Marxheimer war von 1923 bis 1942 im Vorstand der Jüdischen Gemeinde in Wiesbaden tätig. Auf der Gründungsversammlung des Preußischen Landesverbandes der jüdischen Gemeinden am 22. Juni 1922 vertrat er die Wiesbadener Gemeinde. Bereits zu diesem Zeitpunkt war er so hochgeschätzt und anerkannt, dass er seine Zustimmung für einen Zusammenschluss der preußischen Gemeinden nicht nur für die Gemeinde Wiesbadens, sondern für alle Gemeinden des ehemaligen Herzogtums Nassau aussprechen konnte.</p>
<p>Im Jahr 1923 übernahm er das Amt des ersten Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden. Marxheimer war Vorstandsmitglied von Keren Hayossed seit dessen Gründung und leitete die Ortsgruppe gemeinsam mit dem Gemeinderabbiner Dr. Paul Lazarus. Die deutsche <a href="https://archive.org/details/unserwerk/Jg.%201%2C%20Nr.%2002%20%281929%29/page/n2/mode/1up">Keren-Hayessod-Organisation</a> (Jüdisches Palästinawerk) wurde im Februar 1921 in Berlin gegründet und widmete sich dem Aufbau eines deutschen Siedlungswerkes in Palästina.</p>
<p>Marxheimer gehörte weiteren Vereinen an: dem Centralverein der Juden in Deutschland, dem Israelitischen Waisenunterstützungsverein, dem Hilfsverein der Juden in Deutschland, dem Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten, der Wiesbadener Ferienkolonie für israelitische Kinder, dem Kindertagesheim und der Rituellen Küche für den Mittelstand. All diese Mitgliedschaften sind im Stadtarchiv Wiesbaden dokumentiert. Er war außerdem Mitglied des Jüdischen Lehrhauses Wiesbaden, einer Erwachsenenbildungseinrichtung zur Vermittlung klassischen jüdischen Wissens, welches aus dem Verein für jüdische Geschichte und Literatur hervorgegangen war. Das Jüdische Lehrhaus Wiesbaden arbeitete mit einem Konzept des „neuen Lernens“, welches über das reine Talmud-Studium hinausging. Das Ziel war das Bestreben, das Leben der Juden und ihre Riten auch für die Mehrheitsbevölkerung transparent zu machen und dadurch zum Abbau von Vorurteilen beizutragen.</p>
<p>Mehrere Jahre wirkte Moritz Marxheimer als Präsident der Nassau-Loge des <a href="https://www.bnaibrith.org/">B’nai B‘rith</a>, einer weltweit wirkenden Wohltätigkeitsorganisation, welche sich unter anderem für die Pflege jüdischer Erziehung und Kultur einsetzte. Seit dessen Gründung im Jahr 1920 gehörte Moritz Marxheimer außerdem dem Vorstand des Fonds für das jüdische Aufbauwerk in Palästina an.</p>
<p>Anhand Marxheimers Engagement in den oben genannten Vereinen und Organisationen, lässt sich eine Befürwortung und Unterstützung zionistischer Ziele feststellen.</p>
<p>Vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde Moritz Marxheimer mehrmals angeboten, nach England auszuwandern. Er lehnte dieses Angebot stets ab und blieb in Wiesbaden, um sich auch weiterhin um die jüdische Gemeinde kümmern zu können. Moritz Marxheimer <em>„wollte die zurückgebliebenen Mitglieder ‚nicht im Stich lassen‘.“</em> (zitiert nach dem Beitrag von Rolf Faber und Krain Rönsch). Wie ein solches Angebot zur Auswanderung allerdings konkret ausgesehen hat, ist nicht bekannt.</p>
<p>Marxheimer war Eigentümer einer Villa in der Uhlandstraße 8. Diese bewohnte er zusammen mit seiner Ehefrau Elise (auch Else genannt) Henriette. Sie und Moritz Marxheimer hatten am 27. April 1903 geheiratet. In den Finanzakten Moritz Marxheimer betreffend gibt es einen Verweis, dass sie 1939 als geschieden vermerkt sind. In der Karteikarte der Gestapo hingegen findet sich der Vermerk <em>„getrennt lebend“</em>. Allerdings liegen laut Informationen der heutigen Jüdischen Gemeinde Wiesbaden keine Dokumente vor, die Rückschlüsse auf den Grund der Scheidung oder Trennung zulassen.</p>
<p>Ab 1939 erhielten außerdem alle Juden ein <em>„J“</em> als Vermerk in ihren Pässen und mussten je nach Geschlecht den Namen <em>„Israel“ </em>beziehungsweise <em>„Sara“</em> hinzufügen. Dies wurde auch in staatlichen Dokumenten und Briefen, die Elise und Moritz Marxheimer betrafen, so umgesetzt.</p>
<div id="attachment_8110" style="width: 281px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8110" class="wp-image-8110 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_685_55-169x300.jpg" alt="" width="271" height="481" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_685_55-169x300.jpg 169w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_685_55-200x356.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_685_55-400x711.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_685_55-576x1024.jpg 576w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_685_55-600x1067.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_685_55-768x1365.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_685_55-800x1422.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_685_55-864x1536.jpg 864w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_685_55-1152x2048.jpg 1152w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_685_55-1200x2133.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_685_55-scaled.jpg 1440w" sizes="(max-width: 271px) 100vw, 271px" /><p id="caption-attachment-8110" class="wp-caption-text">Grundstücksveräußerung. Hessisches Staatsarchiv Wiesbaden.</p></div>
<p>Ab November 1938 forderte der NS-Staat von Juden die sogenannte <a href="https://www.jmberlin.de/judenvermoegensabgabe-1938"><em>„Judenvermögensabgabe“</em></a>. Dabei handelte es sich um eine 20-prozentige Zwangsabgabe auf das Vermögen von Juden. Es wurde nach der Reichspogromnacht vom 9./10. November 1938 als sogenanntes Sühnegeld für das Attentat auf den deutschen Botschaftsangestellten Ernst Eduard vom Rath in Paris eingeführt. Viele Juden, die den Verkauf ihres Grundbesitzes lange verhindern konnten, sahen sich nun gezwungen, diesen zu ungünstigen Bedingungen doch zu verkaufen, um die <em>„Judenvermögensabgabe“</em> überhaupt bezahlen zu können. Im Dezember 1938 musste Moritz Marxheimer sein Haus in der Eckernförderstraße 21 für 36.000 RM verkaufen. 1940 folgte der Verkauf seiner Villa in der Uhlandstraße 8 für 34.000 RM, wie eine erhaltene <em>„Mitteilung über Grundstücksveräußerung“</em> bezeugt. Marxheimer zog daraufhin am 2. August 1940 in eine Mietwohnung in der Kapellenstraße 26 in Wiesbaden. Für den Zeitraum des NS-Regimes sind insbesondere im Hessischen Hauptstaatsarchiv verschiedene Dokumente zu Moritz Marxheimer vorhanden, die seine Enteignung durch das NS-Regime nachzeichnen.</p>
<h3><strong>Die Ermordung Moritz Marxheimers</strong></h3>
<p>Moritz Marxheimer wurde im Sommer 1942 verhaftet. Wie Charlotte Opfermann, die Tochter von Rechtsanwalt Berthold Guthmann und Holocaustüberlebende, anlässlich eines späteren Aufenthalts in Wiesbaden mitteilte, wurde er von dem Gestapo-Beamten Walter Bodewig vom Fenster seiner Wohnung in der Goldgasse 16 aus beobachtet, wie er sich mit einem nichtjüdischen Kollegen auf der Straße unterhielt. Beide hatten damit gegen das Kontaktverbot zwischen Juden und Nichtjuden verstoßen. Sogenannten <em>„deutschblütigen Personen“</em> war der Kontakt mit Juden in der Öffentlichkeit untersagt und zog Strafen nach sich. Dabei wurden die sogenannten <em>„Deutschblütigen“</em> aus erzieherischen Gründen vorübergehend in <em>„Schutzhaft“</em> genommen beziehungsweise in von der Gestapo als schwerwiegend eingestuften Fällen bis zu einer Dauer von drei Monaten in ein Konzentrationslager eingewiesen. Über die Dauer von Moritz Marxheimers Haft ist nichts bekannt, ebenso nicht über die Inhaftierung seines Gesprächspartners.</p>
<p>Moritz Marxheimer wurde am 1. September 1942 im Rahmen der letzten großangelegten Deportation Wiesbadener Juden mit vorwiegend älteren Jüdinnen und Juden aus Wiesbaden in das KZ Theresienstadt deportiert. In seiner Gestapokarteikarte ist das Datum ebenfalls notiert, <em>„nach dem Osten evakuiert“</em> steht dort, ein Euphemismus für den Tatbestand der Deportation. Der Transportliste des Konzentrationslagers Mauthausen zufolge wurde Moritz Marxheimer bereits am 23. Oktober 1942 von Theresienstadt in das KZ Mauthausen überführt. Sein Name ist dort im Zugangsregister der Politischen Abteilung des KZ Mauthausen und im Zugangsregister der Schutzhaftlagerführung vermerkt. Dem Totenbuch des KZ Mauthausen zufolge, verstarb Moritz Marxheimer am 27. Oktober 1942 im Block 19 an <em>„Gehirnblutung“</em>. Der Block 19 war ab Mai 1940 Teil des <em>„Sonderreviers“</em> (Blöcke 16-20). In Block 18 und 19 wurden offiziell die chirurgischen Fälle untergebracht. Als Teil des Sonderreviers wurden hier allerdings regelmäßig Selektionen durchgeführt, wobei körperlich schwache beziehungsweise arbeitsunfähige Häftlinge dorthin verlegt wurden, um sie dort sterben zu lassen. Aus diesem Grund ist der Hinweis der KZ-Gedenkstätte Mauthausen wichtig, dass die in den Quellen angegebenen Todesursachen und Todeszeiten oftmals nicht mit den tatsächlichen übereinstimmen.</p>
<p>Die Arolsen Archives, ein internationales Zentrum über die NS-Verfolgung, haben im Jahr 1950 eine <a href="https://collections.arolsen-archives.org/de/document/1617395">Sterbeurkunde für Moritz Marxheimer</a> ausgestellt. Sein Todeszeitpunkt wird darauf mit 18 Uhr angegeben. Als seine geschiedene Ehefrau Elise Marxheimer von seinem Tod erfuhr, schaltete sie im Jahr 1946 eine Todesanzeige in der jüdischen Zeitung „Aufbau“, die im Stadtarchiv Wiesbaden dokumentiert ist.</p>
<h3><strong>Abschließende Würdigung</strong></h3>
<p>Die zu Beginn zitierte Würdigung Moritz Marxheimers von Paul Lazarus ist sicherlich subjektiv und darf auch so betrachtet werden. Aber Lazarus würdigte Marxheimer auf der Grundlage seiner persönlichen Bekanntschaft. Das aus den Quellen ersichtliche Porträt und der Lebenslauf zeigen Moritz Marxheimers großes Engagement für die Jüdische Gemeinde Wiesbaden, für das Judentum und seine Gleichberechtigung in der Gesellschaft.</p>
<p>Moritz Marxheimer war ein sehr engagierter Mensch. Sein Kampf gegen den Antisemitismus zog sich durch sein gesamtes Leben. Sein Engagement für die jüdische Gesellschaft beginnt mit der Mitbegründung der jüdischen Studentenverbindung Badenia. Die dort vermittelten und gelebten Werte, Toleranz und Gleichberechtigung, um die jüdische Gesellschaft im Kampf gegen den Antisemitismus zu stärken behielt er sein Leben lang bei. Moritz Marxheimer war überzeugt davon, dass Jüdischsein und eine deutsch-vaterländische Gesinnung keinen Widerspruch darstellten. Sein Beruf als Rechtsanwalt, Justizrat und später als Notar bestätigen dies.</p>
<p>Auch als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, nutzte er seinen Beruf als Rechtsanwalt, um sich für diejenigen einzusetzen, denen Schaden zufügt wurde. Er verhalf vielen Gemeindemitgliedern zur Flucht und führte mit seiner Kanzlei politische Prozesse gegen die Nationalsozialisten. Dabei gehörte er selbst zur Gruppe der Gefährdeten.</p>
<p>Auch sein Engagement in der Jüdischen Gemeinde Wiesbadens und in vielen jüdischen Vereinen war vom Gedanken des Kampfes gegen den Antisemitismus geprägt. Moritz Marxheimers Weigerung, das Land und seine Gemeinde, trotz der immer größer werdenden Lebensgefahr für ihn selbst, zu verlassen, verdeutlicht wohl am besten sein unermüdliches Engagement für das jüdische Leben und den Kampf gegen den Antisemitismus.</p>
<p>Moritz Marxheimer zu Ehren benannte die Stadt Wiesbaden <a href="https://www.wiesbaden.de/de/stadtlexikon/stadtlexikon-a-z/marxheimer-moritz">eine Straße im Stadtteil Klarenthal</a> nach ihm. Ein Stolperstein für Moritz Marxheimer wurde am 1. Oktober 2013 in der Uhlandstraße 8 verlegt. Am 29. Januar 2007 wurde Moritz Marxheimers Name zudem in das in Berlin eingeweihte <a href="https://anwaltverein.de/engagement/erinnerung/mahnmal">Mahnmal des Deutschen Anwaltsvereins zur Erinnerung an die durch den Nationalsozialismus umgekommenen Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte</a> aufgenommen.</p>
<p><strong>Ellen Fähnrich</strong>, Heidelberg</p>
<p>Der Text ist eine Kurzfassung der Bachelorarbeit, die die Autorin im Jahr 2023 an der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg geschrieben hat, und entspricht weitgehend einem Vortrag, den sie im Jüdischen Lehrhaus Wiesbaden gehalten hat (ausführliche Literaturangaben sind in der Bachelorarbeit enthalten). Sie studierte Kunst und Geschichte und schloss im Januar 2026 das Masterstudium mit einer Arbeit zur „Darstellung jüdischer Geschichte in nicht-gymnasialen Schulbüchern in Baden-Württemberg von der Jahrtausendwende bis heute &#8211; Bestandsaufnahme und Verbesserungsvorschläge“ ab. Ellen Fähnrich ist seit Februar 2026 Referendarin an einer Realschule in Wiesloch.</p>
<p>(Anmerkungen: Veröffentlichung im Juni 2026, Internetzugänge zuletzt am 25. Mai 2026, Titelbild. Gestapo-Akte Moritz Marxheimer © Jüdische Gemeinde Wiesbaden)</p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/ein-leben-fuer-den-kampf-gegen-antisemitismus/">Ein Leben für den Kampf gegen Antisemitismus</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>How to Create Jewish Joy and Pride</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/how-to-create-jewish-joy-and-pride/</link>
					<comments>https://demokratischer-salon.de/beitrag/how-to-create-jewish-joy-and-pride/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 19 May 2026 06:38:44 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=8051</guid>

					<description><![CDATA[<p>How to Create Jewish Joy and Pride A Talk with Rabbi Rebecca Blady about Hillel and Jewish resilience “And yet, for the Jewish people, we have celebrated our ‘Resilience’ since the beginning of time. Our traditions emerged from a forty-year trek in the desert, preceded by a walk through a sea. Our Torah tells  [...]</p>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/how-to-create-jewish-joy-and-pride/">How to Create Jewish Joy and Pride</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-2 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-2" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>How to Create Jewish Joy and Pride</strong></h1>
<h2><strong>A Talk with Rabbi Rebecca Blady about Hillel and Jewish resilience</strong></h2>
<p><em>“And yet, for the Jewish people, we have celebrated our ‘Resilience’ since the beginning of time. Our traditions emerged from a forty-year trek in the desert, preceded by a walk through a sea. Our Torah tells a story of a vastly imperfect people and a singular God who struggles to understand them – and, despite all this, the people and God build a relationship, an expansive one that evolvers in character and adapts to countless situations, threats, and surprises.” </em>(Rebecca Blady, The Jewish Pursuit of Justice at the Festival of Resilience, in: Micha Brumlik / Marina Chernivsky / Max Czollek / Hannah Peaceman / Anna Shapiro / Lea Wohl von Haselberg, <a href="https://neofelis-verlag.de/verlagsprogramm/wissenschaft/politik-debatte/1044/nachhalle">“NACHHALLE”</a>, Berlin, Neofelis, 2023.)</p>
<p>Rabbi Rebecca Blady is Chief Executive Officer of <a href="https://www.hilleldeutschland.org/">Hillel Deutschland</a>. She was born in Brooklyn and moved to Berlin with her husband, Rabbi Jeremy Borovitz. They founded Hillel Deutschland, the German section of <a href="https://www.hillel.org/">Hillel International</a>. Hillel is a Jewish non-profit organization with the impact of Jewish joy and pride, offering a safe space to young Jewish people who want to learn more about Jewish identity, their life, their work, their future and to prepare for leadership. In the last years, Hillel has created a large network across Germany, collaborating systematically with Jewish institutions and other civil society organizations.</p>
<p>On October, 9<sup>th</sup>, 2019, Rebecca and Jeremy came from Berlin to Halle to participate in the services of Yom Kippur 5779 in the synagogue of Halle (Sachsen-Anhalt). One year later, they founded the Festival of Resilience. Now, they work together with other organizations to create solidarity in remembrance culture on the Shoah and on recent racist, antisemitic and xenophobic incidents across Germany. From now on, the work of the Festival of Resilience will be continued under the roofs of <a href="https://widenthecircle.org/">Widen the Circle</a>.</p>
<h3><strong>From Brooklyn to Berlin</strong></h3>
<div id="attachment_8052" style="width: 235px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8052" class="wp-image-8052 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Rebecca-Blady-Foto-Max-Mordinson-225x300.jpeg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Rebecca-Blady-Foto-Max-Mordinson-200x267.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Rebecca-Blady-Foto-Max-Mordinson-225x300.jpeg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Rebecca-Blady-Foto-Max-Mordinson-400x534.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Rebecca-Blady-Foto-Max-Mordinson-600x801.jpeg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Rebecca-Blady-Foto-Max-Mordinson-767x1024.jpeg 767w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Rebecca-Blady-Foto-Max-Mordinson-768x1025.jpeg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Rebecca-Blady-Foto-Max-Mordinson-800x1068.jpeg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Rebecca-Blady-Foto-Max-Mordinson-1150x1536.jpeg 1150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Rebecca-Blady-Foto-Max-Mordinson-1200x1602.jpeg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Rebecca-Blady-Foto-Max-Mordinson-1534x2048.jpeg 1534w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Rebecca-Blady-Foto-Max-Mordinson-scaled.jpeg 1917w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /><p id="caption-attachment-8052" class="wp-caption-text">Rabbi Rebecca Blady Foto: Max Mordinson.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: How did you become what you are today?</p>
<p><strong>Rebecca Blady</strong>: <em>In university, I studied journalism and politics. I always thought that I was going to the field of communications, journalism, possibly non-profit communication, something that had a touch to it. When I was working in the field, actually in a small film production company, I found myself wanting to be not behind of the camera asking questions and editing the answers than rather to be with the people doing work on some of the important causes we were featuring in these films. </em></p>
<p><em>So, I chose to leave that. In the back of my mind I have always thought going more in the direction of orthodox feminism. In New York, I grew up orthodox. At some point in high school, I found out about a movement, the </em><a href="https://www.jofa.org/"><em>Jewish Orthodox Feminist Alliance</em></a><em>. I remember writing an article for their magazine and I found out that there were other people like me who wanted to find more space for women in the religious community. And at the time I was leaving my job and was thinking about what to do next, I thought you know what, why not now!</em></p>
<p><em>I will go and try to find my way into a leadership position where I can serve the Jewish people and serve God. And that brought me to </em><a href="https://web.archive.org/web/20181025050849/http:/www.yeshivatmaharat.org/four-year-program/"><em>Yeshivat Maharat</em></a><em> which is the first institution in the United States to give rabbinic ordination to orthodox women. I studied there for four years, from 2015 to 2019, and I received ordination in 2019.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: About seven years from now. But during this time you moved from Brooklyn to Berlin.</p>
<p><strong>Rebecca Blady</strong>: <em>Another aspect of my identity in the development of the time, I come from a family of all Holocaust survivors. My two grandfathers were from Poland and my two grandmothers were from Czechoslovakia. At some points, also in my university years, I started to wonder what would have happened, if they hadn’t been so lucky to find their way to the United States. In the United States, especially in New York, I was able to grow up with a very rich and a very strong connection to Jewish community and to Jewish tradition. You know, I wondered, perhaps, if they survived the war and had not succeeded in finding ways to immigrate across the Atlantic, then I would probably be living in a Central or Eastern European country without the same access to a Jewish community and Jewish learning. </em></p>
<p><em>I actually met my husband Jeremy in 2012 and we married in 2016. My husband and I, we bonded over these matters. He was a peace corps volunteer in a small village in Ukraine and from there he moved to Kyiv and started working with the Jewish community. Around that time, our pasts crossed and we had a very meaningful conversation about what we wanted to do with our lives. And that was to share something of ourselves with these communities in Eastern and Central Europe to enrich their learning, to bring them more access to Jewish tradition and Jewish text and to really foster sense of community in this part of the world. For me it was very much connected to my heritage, to my grandparents who did not get to have this opportunity. You know, for my husband, it was very much a calling as well, for different reasons. That brought us here. We felt that we could be more of service here than in New York.</em></p>
<h3><strong>Hillel Deutschland – Working for a sustainable Jewish future</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: And now, the place of this service is Hillel Deutschland.</p>
<p><strong>Rebecca Blady</strong>: <em>Exactly. We first arrived for one month in 2016 and we opened a small project. We had a very small amount of funding. The project was called Base Berlin. We rented an apartment for one month in a loft building in Kreuzberg. We just hosted Shabbat meals and Jewish learning, different events that brought together a pluralistic cross section of the Jewish community, people who would never have met each other. We said explicitly, this is the place where you can be yourself and Jewish. </em></p>
<p><em>That was the beginning of all that. We came back for a second summer, seeing that we were successful again and we opened Base Berlin again, for two months. Then we returned to the US and we understood that there is a need here in Berlin. We weren’t even thinking about all of Germany. We saw that there is a need in Berlin for a kind of Jewish space that focused on relationship, that focused on Jewish contents, and that we really lived a value of pluralism in a sense that we have a plurality of Jewish identities welcome in this space.</em></p>
<p><em>So, we decided after this successful summer that we would move to Germany and – you know – we thought we would come for two or three years, but at the end what was happening was that we founded Hillel Deutschland. We had an investment from Hillel International, which is one of the largest movements for Jewish students in the world, based in the US. We were fortunate to have commitments from two other foundations. We started building what then became Hillel. We tested out many different projects. We were still living in an apartment inviting people there to experiences. We did not have a separate space. But all of this was very special. We were able to really create something, to create a new kind of Jewish space, where people felt that they belonged, and to grow it, gradually, to build partnerships with other stakeholders in the community, the Jewish institutions in Germany. </em></p>
<div id="attachment_8053" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8053" class="wp-image-8053 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Rebecca-Blady-at-a-Thora-dedication-ceremony-at-Hillel-Deutschland-2023-private-photo-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Rebecca-Blady-at-a-Thora-dedication-ceremony-at-Hillel-Deutschland-2023-private-photo-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Rebecca-Blady-at-a-Thora-dedication-ceremony-at-Hillel-Deutschland-2023-private-photo-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Rebecca-Blady-at-a-Thora-dedication-ceremony-at-Hillel-Deutschland-2023-private-photo-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Rebecca-Blady-at-a-Thora-dedication-ceremony-at-Hillel-Deutschland-2023-private-photo-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Rebecca-Blady-at-a-Thora-dedication-ceremony-at-Hillel-Deutschland-2023-private-photo-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Rebecca-Blady-at-a-Thora-dedication-ceremony-at-Hillel-Deutschland-2023-private-photo-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Rebecca-Blady-at-a-Thora-dedication-ceremony-at-Hillel-Deutschland-2023-private-photo-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Rebecca-Blady-at-a-Thora-dedication-ceremony-at-Hillel-Deutschland-2023-private-photo-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Rebecca-Blady-at-a-Thora-dedication-ceremony-at-Hillel-Deutschland-2023-private-photo-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8053" class="wp-caption-text">Rebecca Blady at a Thora dedication ceremony at Hillel, private photo.</p></div>
<p><em>That was the beginning of what Hillel eventually became. It is an organization, “ein eingetragener Verein”, that works to bring together Jewish students and young adults from all over Germany for purposes of community building, learning and empowerment.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Is there a difference between working for Hillel in New York and working for Hillel in Germany?</p>
<p><strong>Rebecca Blady</strong>: <em>Yes. There is a difference how Hillel works in Germany and how Hillel works in the US or in other countries. In North America, Hillel operates on college campuses, because that’s how young adult life in the US is most organized for the most part. There, many young adults take their first steps out of their homes where they grow up and go to university campus, where they are beginning their identity formation. Here, in Germany, we don’t commit working for one campus, we work nationally and regionally. Our headquarters are here in Berlin. We have five other regions in the moment, Munich, Stuttgart, Frankfurt am Main, Bremen and Leipzig. So, we are creating spaces where Jewish young adults from across Germany are welcome to come. Hillel in Germany becomes a third space for these people. It is something else, outside their home, outside their work place, outside their studying place. This is a place where they can come and create community for themselves. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: What kind of relationship do you have with the Jewish institutions in Germany? Is there a connection?</p>
<p><strong>Rebecca Blady</strong>: <em>Absolutely. One of the first directives that we received from a variety of stakeholders was that whatever we build it has to become sustainable. It had to have the capacity to outlive me and Jeremy. And the way how this sustainability can be achieved is by working with the established institutions in Germany. </em></p>
<p><em>We have built quite a strong relationship to the </em><a href="https://www.zentralratderjuden.de/"><em>Zentralrat der Juden in Deutschland</em></a><em>. We have been cooperating in several projects, the most important one until now being the </em><a href="https://www.hilleldeutschland.org/engagement-internship"><em>Engagement Internship</em></a><em> which actually enables us to create relationships directly with different Jüdische Gemeinden across Germany. So we provide professional training, event ideas, mentorship and the community benefits by having young adult activities. This is one example how we work with Jewish communities with the support of Zentralrat. </em></p>
<p><em>But I also have to say that security is a big topic, since October 7<sup>th</sup> an even bigger one. The Zentralrat actually is supporting us with significant funds to enable us to secure our Berlin headquarters. It’s really been a gamechanger for how we feel comfortable in operating in our own space. It took time to get the funds, to build the necessary infrastructure, but the process is basically complete now. I am very grateful for that we could benefit this way. This would not have been possible without the partnership of the Zentralrat. We have also a strong partnership with the </em><a href="https://zwst.org/de"><em>ZWST</em></a><em> (Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland). Every year we have a precence at the </em><a href="https://zwst.org/de/news/jugendkongress-2026"><em>Jugendkongress</em></a><em> and we do some kind of the educational activity as Hillel. We also try to support their young adult programs as much as we can. </em></p>
<p><em>It is very much important to us that we don’t operate in a vacuum. We don’t operate in a separate structure; we are trying to build an inclusive structure. That is an extremely foundational principle to us. We should be inclusive; we should be pluralistic. You know, the Jewish communities have certain limitations, right now, regarding for example inclusion of patrilinear Jews or people who are not Mitglieder of the Jüdische Gemeinden or used to be member of Jüdische Gemeinden, but for some reasons, they lost track of it. We do actively welcome people like that. This is really important. But we also see that there is great value in working with the structures, that we can bring the entire community gradually into the future.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: You are working in schools and universities, too?</p>
<p><strong>Rebecca Blady</strong>: <em>We occasionally hold events on university campuses. We don’t have official structural partnerships with universities.</em> <em>Schools are not our target. It would be nice, because I think that it is a target group younger than our target group, but we have not focused on it yet. Our target group is between 18 and 35.</em></p>
<h3><strong>Engagement Internship</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Let’s talk about an example of your work, why not about your favorite program.</p>
<p><strong>Rebecca Blady</strong>: <em>I would say, the </em><a href="https://www.hilleldeutschland.org/engagement-internship"><em>Engagement Internship</em></a><em> is for sure my favorite program. I had the idea to adapt this program which was actually developed by Hillel in the US. And I thought why not adapt this for Germany? It meets all our goals. It is an empowerment program for young Jewish leaders. It contributes to sustainability of Jewish communities. And we don’t need a campus to do it. You know it is something to build it as a pipeline to Jewish professionalism in the long term. </em></p>
<p><em>That is the way it works: We partner with a Jewish community or student union in a particular region. Together we decide to open an internship, we work together to select the intern who should be living in the particular region. The first several months of their engagement are just about them building for that work. They spend about five to ten hours a week just talking with people, going for coffee, understanding the basic needs of Jewish students in their region. In the second part of the year, they work with the Hillel mentor to create programs, events to bring together the students based on their needs. What I really like about the events that come out of it we place a strong emphasis on partnerships and collaborations. We tell all the interns that we are not there to be in competition, we are not a capitalist entertainer. We don’t need to take all of the students for ourselves because in fact the more places a young Jew feels comfortable it is better for everyone. We had some really interesting partnerships and projects emerged from the internship program. I think it has enormous potential to carry the community forward.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: You understand yourself as a feminist. Where is the feminist impact in this program?</p>
<p><strong>Rebecca Blady</strong>: <em>The value of advancing women, but also non binary, trans and queer people, is something that comes across. There is no particular feminist program. It is the value of inclusion. Inclusion is never perfect. We as an organization still have a lot to learn. I would say, probably, one of the reasons to have so many different projects, so many different events, going on in any given month or year, is that we know that not everyone will hundred percent feel comfortable with every single event. </em></p>
<p><em>But I do think one of the main ways that that desire for greater inclusion and advancement comes through is in basically our commitment to making Jewish learning more accessible, especially for historically underrepresented groups in the context of Jewish learning, like women, queer people, who do not have access to yeshivas or learning at a high level. When we do run programs, we try to really lead with Jewish contents for these reasons, also, by the way, not only speaking of gender, but of many people in the community who grew up in a post-soviet context. There are people who know they are Jewish but they are not able to practice Judaism and they were not able to teach their children what it meant to live Jewish life. Very often, we see that the children are teaching the parents. Somehow, we have participants, who grew up in this post-soviet context, not all of them, but many of them are coming to learn about Judaism for the first time, and they take it home, and that is also a really beautiful thing.</em></p>
<p><em>I think, my instinct for feminism is not only feminism, it is also just generally towards the advancement of people who have not the position or access. </em></p>
<h3><strong>The Festival of Resilience – towards a sustainable future of remembrance</strong></h3>
<div id="attachment_8054" style="width: 462px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8054" class="wp-image-8054" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Festival-of-Resilience-Foto-Max-Mordinson-300x200.jpeg" alt="" width="452" height="301" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Festival-of-Resilience-Foto-Max-Mordinson-200x133.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Festival-of-Resilience-Foto-Max-Mordinson-300x200.jpeg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Festival-of-Resilience-Foto-Max-Mordinson-400x267.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Festival-of-Resilience-Foto-Max-Mordinson-600x400.jpeg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Festival-of-Resilience-Foto-Max-Mordinson-768x512.jpeg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Festival-of-Resilience-Foto-Max-Mordinson-800x534.jpeg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Festival-of-Resilience-Foto-Max-Mordinson-1024x683.jpeg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Festival-of-Resilience-Foto-Max-Mordinson-1200x800.jpeg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Festival-of-Resilience-Foto-Max-Mordinson-1536x1025.jpeg 1536w" sizes="(max-width: 452px) 100vw, 452px" /><p id="caption-attachment-8054" class="wp-caption-text">Festival of Resilience 2024, Foto: Max Mordinson.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: You are one of the organizers of the <a href="https://www.hilleldeutschland.org/de/festival-of-resilience">Festival of Resilience</a>. You created it with some of your colleagues and friends after the attack on the synagogue in Halle on October, 9<sup>th, </sup>2019, Yom Kippur 5779.</p>
<p><strong>Rebecca Blady</strong>: <em>I have to tell you I am actually very happy to talk about it today, because we just had a recent development of the festival which I think is very much part of the story and which I want to share with you. But first, I can frame a little bit what the festival is about. </em></p>
<p><em>The Festival of Resilience was a project which started in 2020. The main people who created the festival together were Jewish survivors of the antisemitic, racist and xenophobic attack in Halle and Wiedersdorf, in 2019. We were working with a part of the group that went from Berlin to Halle to bring some spirit on Yom Kippur to a small congregation on a day that has real enormous potential for holiness and joy. You know what happened. The day was extremely dramatic for a lot of people. And the more it created the opportunity for different parts of German society to try and create a narrative out of it. That was October 2019.</em></p>
<p><em>In the summer of 2020, there became the trial against the perpetrator. As a result of the trial but also because – you know – an attack on a synagogue is significant given German history. We understood, there were politicians, journalists, lawyers who would all create their own narratives and try to use the survivors as instrument proving their narrative. </em></p>
<p><em>But we don’t want that. We want our own narrative. So, we would do something for the first anniversary after the attack. The Jewish anniversary! Not October 9<sup>th</sup> but Yom Kippur! We wanted to come together and to do something meaningful. Last year, Yom Kippur was very terrible, but Yom Kippur was supposed to be a very holy time, a very joyous time, and because of what happened on Yom Kippur, we didn’t achieve this holiness and we certainly didn’t achieve the joyous succors. So, we decided to create the Festival of Resilience; we had services on Yom Kippur, something that was organized by Hillel. We still to this day have services on Yom Kippur, because creating that space was a very testimony of resilience when someone tries to take that space to create something new where people feel comfortable. </em></p>
<p><em>The focal point was the ceremony of resilience. It was open to everyone. We wanted people to come and we wanted to present something that we created. We also felt given what had happened last year it was important to invite the survivors and loved ones of those </em><a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/559464/19-februar-2020-anschlag-in-hanau/"><em>who were killed on February, 19<sup>th</sup>, 2020, in Hanau</em></a><em>, because we also understood that times were changing not only for Jewish people but also for several minority groups who were under attack by this horrible ideology.</em></p>
<p><em>We built this festival as a means to create solidarity as a contribution by the Jewish community to build bridges to other people who are in similar vulnerable positions. We didn’t do this as a standard remembrance event as an instrument for all of the people I mentioned earlier, we wanted to do something that really focused on joint celebration and life. That was the basis of the Festival of Resilience. Every year, since 2020 we had held a Festival of Resilience. The purpose of the ceremony of resilience is really to feature survivors. You know, survivors of the 9<sup>th</sup> of October were not always automatically ready to contribute. They had to go to their own processes of their own healing. So, over the years, we were able to open the stage to different survivors in different times so that they were ready. It is an opportunity for testimony. But also, every year, we have a cultural contribution. We’re bringing music, we’re bringing arts. In 2025, we had an exhibition honoring the past five years of the festival with all different installations and live art as well. So, there is always something that is designed to move people in the way that they can access to really understand that resilience is a Jewish thing. We don’t just remember; we try to relive, meaning, we try to get in touch with the direction we would like to go, as a result of the original thing that happened.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: I would like to add that it’s just as so many survivors from the Nova festival in Re’im and their families and friends were proposing: <em>“We will dance again!”</em> In 2026, you established a new partnership to guarantee the sustainability of the Festival of Resilience.</p>
<p><strong>Rebecca Blady</strong>: <em>What is going on now with the festival is very interesting and it is a story I want to tell. Over the years, even as different survivors has been able to come forward and share what this time means to them, a lot of survivors have become very tired. And as a matter of fact, it is a lot to ask survivors to continue to be the co-designers of an event that kicks up something dramatic that happened. We also built an incredible volunteer team for this festival. Together with the survivors and the volunteers we established something that is about to change. We have been shaping this thing for a very long time with a lot of effort bringing together people from many different communities. This is really extraordinary. But something has to change because people are losing their energy. </em></p>
<p><em>So, we decided rather than close the festival to a lack of capacity to start conversations with different and particular contacts with another organization called </em><a href="https://widenthecircle.org/"><em>Widen the Circle</em></a><em>. They are a non-profit organization. They have a tremendous network of practitioners in remembrance culture all across Germany. Its majority are actually non-Jewish people who work to keep the memory of the Shoah alive and relevant. They also have many practitioners who are specialized in remembering also racist incidents and contemporary antisemitic incidents that happened in Germany recently. They fight for a more just society. They also have conferences and forums that bring together memory practitioners from the United States who work on remembrance culture on slavery. So you have already the values of remembrance, you have solidarity and finally, you have the value of the Jewish contribution. The organization started in connection to the </em><a href="https://www.obermayer.us/"><em>Obermayer Foundation</em></a><em>, a Jewish contribution to the memory work on the Shoah. </em></p>
<p><em>After a lot of conservations, we shifted the project of the Festival of Resilience to Widen the Circle. The Festival of Resilience continues to exist. I continue to advise the festival. The volunteers are still engaged. But now it shifts to a new organization. I hope, it will be an interesting kind of success story, it will be a way to take the project from one non-profit to another, so that it receives new life and new energy. I think, we could agree that the project is important and I feel that it is for the German society and also for the field of memory work. So, there is no reason that it should close because of lack of capacity and interest, but we have to be creative about how we think to carry on. I am very proud of that development and I am excited to see what this development will bring in the future. </em></p>
<h3><strong>Changes after October, 7<sup>th</sup>  </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: And we see how important it is to keep projects like this alive, especially after October 7<sup>th</sup>. We don’t need to add the year to this day, it is always very clear what we are talking about remembering this date. I dare to say: Nearly everything that was happening in the following years until now may be considered as a result of October 7<sup>th</sup>. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-buechse-der-pandora/">Anastassia Pletoukhina called October 7<sup>th </sup> ten months later in our interview an always enduring day</a>. One Year later, Tamara Or said nearly the same, October 2023 is never ending. (in: Alles hat seine Zeit – Von der Gleichzeitigkeit im Judentum, in: Zeit im jüdischen Kontext, hg. von Gisela Dachs im Auftrag des Leo Baeck Instituts Jerusalem, Berlin, Suhrkamp Verlag / Jüdischer Verlag, 2025). Did your work change after October 7<sup>th</sup>?</p>
<p><strong>Rebecca Blady</strong>: <em>I would certainly say that our work of course changed. First of all there is a short term. Now we are in a medium term. I don’t know what the long term holds.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Nobody knows.</p>
<p><strong>Rebecca Blady</strong>: <em>Nobody knows. In the short term, I would say, people do not feel safe anymore. It was instantly clear that this attack from Hamas was also a sign, a signal to people all around the world that it is okay attacking Jews again. I think, it was hard to explain to people. But you know, as Jews living in the diaspora, we saw that antisemitic incidents always existed, but people were feeling okay, because we had many partners in all different areas, in the cities, in the communities and in civil society. But from October 7<sup>th</sup>, <sup>,</sup>we gradually didn’t see this happen; we missed the partnerships we thought we had before. So, people are very scared. </em></p>
<p><em>To this day, one of the medium-term effects of October 7<sup>th</sup> is that a lot of the students, the young adults who come to Hillel do actually not disclose their Jewish identity on their campuses or in their jobs. They don’t feel comfortable with this. We had to shift how we talk about what we do. We at Hillel have always been a space where we want as many different kinds of Jewish people to belong. In the past we did use language of Jewish pride. We want people to belong so that they can cultivate a sense of Jewish pride in their Jewish identity.</em></p>
<p><em>Being proud of one’s Jewish identity is still possible today, but it is more complicated, because people are not sure what they would like to show their Jewish identity. So now we talk a lot about a place to belong and a place to feel safe. And we talk also about a place to rediscover one’s courage. I think people have felt a lot of anxiety since October 7<sup>th</sup>. This is only natural given the direction that is taken to be a Jew in the diaspora. When you see how many have had violent attacks, it is not surprising any more, it is something that you can lose all sense, because it’s becoming so frequent. I think, people just understand that this is a new reality where nothing is guaranteed. A safe space is not guaranteed, although Hillel is trying to be that safe space. We always want people to come to Hillel, we want them to feel comfortable, to meet people. We also want them to think. </em></p>
<p><em>And that hasn’t changed. So, still after October 7<sup>th</sup>, priority number one is making sure that people are feeling safe in a Jewish space. In addition to that we want people to continue to be interested in learning and to find courage to think about the difficult topics that have arisen since October 7<sup>th</sup>. It is very important to Hillel, we see ourselves not only as a Jewish organization but as a civil society organization. We do not run in a vaccuum. </em></p>
<p><em>We have a certain project, a project called the </em><a href="https://www.hilleldeutschland.org/leadership-incubator"><em>Hillel Leadership Incubator</em></a><em>. And we very much believe in the product of this incubator every year, in which we train a cohort of ten young Jewish people to become a leader. We always say: You should be a leader, perhaps in a Jewish community, but it would also be wonderful if you take up leadership in civil society and you do this as a Jew, with your Jewish values. That continues very much to be the case. And in this thing, we also have done a lot in cultural dialogue, in religious dialogue in the last year. We built partnerships with different communities of people with Iranian background, the Muslim community as well. We have a lot of good relationships, but not all relationships have that ability that we would like them to, given the ongoing world situation. But we don’t stop trying and we continue to pry for that we are still part of German civil society. And even knowing what that means and how comfortable we feel, what has changed, it’s still the reality. </em></p>
<p><em>So, we have to continue to think how we can make Jewish people contribute to German civil society, how we can be active, how we can bring our whole society forward.</em></p>
<h3><strong>Creating a space of discussion</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: A lot of your target group are children of Jewish immigrants from the former Soviet Union. How do they feel after October 7<sup>th </sup>and – we have to consider this, too – after February 24<sup>th</sup>, 2022?</p>
<p><strong>Rebecca Blady</strong>: In Hillel Deutschland, we have always taken the belief that Israel is a vital sanctuary for Jewish life, worldwide, and that we believe in Israel as a democratic state that embraces all the people who live there including the rights of the minorities. After October 7<sup>th</sup>, I saw how really important it is that we define Israel as an important sanctuary for Jewish people.</p>
<p>When we think about our post-soviet target group, children of Jewish immigrants from the former Soviet Union, I hear this all the time that for the last several generations they cannot remember when a child was born in the same country as their parents. And so, all of them have this narrative of displacement. And I would say that this really actually started to be clear for me on 2022, February 24<sup>th</sup>, when Russia began its full-scale attack on Ukraine and we felt completely shaken. We know how important this region is for our people. 45 percent of the Jewish people have their family there.</p>
<p>So then with October 7<sup>th</sup>, you have another crazy shake-up, because this region of Belarus, Russia and Ukraine is no longer a stable place that has a feeling of home to these people, and Israel which has always supposed to be a sanctuary for Jewish people is also under attack and also cannot be regarded as safe in the same way as it was before. This is very complicated for this target group that in the course of two years two places that had been in their mind a sort of imaginative home had been taken away completely.</p>
<p>Now people think about Germany: Is Germany a home? Interesting. Right. It is an interesting question. We live here. You know, we do experience increasing amounts of minor or major discrimination of people for being Jewish, like people who are speaking Hebrew in public places. Things like that happen. We fear around disclosing our full self in public. Some have more fear than others, for all have different comfort levels. But now we have to think: What is the future here for young Jews, because the sense of potential homes for young Jews is declining? So also, a part of the work that we do, at least being a German organization, is to work with these people and trying to explore the way that Germany can be a home, that people can find a sense of community, that people can learn enough about their Jewish identity to build their own Jewish structures, their own Jewish homes here.</p>
<p>Maybe, not everyone will choose to live here in a long term, but I will say, in the last few years, we had a lot of people come from Ukraine, a lot of people come from Israel. It’s shaped what it means to build community among young Jews in Germany, because it is more international, there are more stories of displacement than ever before. And what it means to create a community, also changed, because you have to take in account the way people feel about home, the way people feel about permanence, the way people feel about Germany. It is all very complicated. And we do the best that we can.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: A lot of questions!</p>
<p><strong>Rebecca Blady</strong>: <em>A lot of questions. Yes. And I think that it is also a part to be Hillel is actually to raise the questions, because people sometimes have these questions but do not raise them. They live inside. But we want to create a space where it is okay to raise this kind of questions. It is very likely: You are not alone in wondering these things. So, we want to be a space of discussion, of active thought, of critical thinking in all these things.</em></p>
<h3><strong>Reading more</strong>:</h3>
<ul>
<li>Eugen El, <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/unsere-woche/gemeinsam-sind-wir-staerker">„Gemeinsam sind wir stärker“ – Rebecca Blady über das „Festival of Resilience“ mit jüdischen und nicht-jüdischen Halle-Überlebe</a>nden, in: Jüdische Allgemeine, 23. September 2021.</li>
<li>Esther Dischereit, Hg., <a href="https://www.herder.de/geschichte-politik/shop/p4/72712-hab-keine-angst-erzaehl-alles-gebundene-ausgabe/">Hab keine Angst, erzähl alles! Das Attentat von Halle und die Stimmen der Überlebenden</a>, Freiburg im Breisgau, Herder, 2021, auch erhältlich über die Landeszentralen für politische Bildung, darin unter anderem: Rebecca Blady und Jeremy Borowitz, <a href="https://www.halle-prozess-report.de/2020/07/22/21-07-2020-erklaerung-der-nebenklaegerin-rebecca-blady-und-des-nebenklaegers-jeremy-borovitz-am/">Gegen „sündhaftes“ Verhalten protestieren, wo immer es möglich ist</a>.</li>
<li>Joshua Shultheis, <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/unsere-woche/nah-bei-gott/">Nah bei Gott – Rebecca Blady ist orthodoxe Rabbinerin und versteht sich feministisch</a>, in: Jüdische Allgemeine 6. März 2022.</li>
<li>Norbert Reichel, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-buechse-der-pandora/">Die Büchse der Pandora – Anastassia Pletoukhina über zehn Monate 7. Oktober</a>, in: Demokratischer <span style="color: #678f20;">Salon,</span> Juli 2024.</li>
<li>Jeremy Borovitz, <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/von-dem-mann-der-uns-nach-dem-anschlag-bier-brachte/">Von dem Mann, der uns nach dem Anschlag Bier brachte</a>, in: Jüdische Allgemeine 9. Oktober 2024.</li>
<li>Norbert Reichel, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wir-werden-wieder-tanzen-werden-wir/">Wir werden wieder tanzen – werden wir? Jüdische Stimmen nach dem 7. Oktober</a>, in: Demokratischer <span style="color: #678f20;">Salon,</span> Oktober 2024.</li>
<li><a href="https://www.suhrkamp.de/buch/zeit-im-juedischen-kontext-t-9783633543403">Zeit im jüdischen Kontext</a>, herausgegeben von Gisela Dachs im Auftrag des Leo Baeck Instituts Jerusalem, Berlin, Suhrkamp Verlag / Jüdischer Verlag, 2025.</li>
<li>Mascha Malburg, <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/der-attentaeter-ist-mir-egal-das-ist-eine-sache-zwischen-mir-und-gott/">„Der Attentäter ist mir egal. Das ist eine Sache zwischen mir und Gott“ – Interview mit Rabbiner Jeremy Borovitz</a>, in: Jüdische Allgemeine 18. September 2025.</li>
</ul>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Mai 2026, Internetzugriffe zuletzt am 13. Mai 2026. Titelbild: Hans Peter Schaefer, Synagoge in Görlitz.)</p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/how-to-create-jewish-joy-and-pride/">How to Create Jewish Joy and Pride</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://demokratischer-salon.de/beitrag/how-to-create-jewish-joy-and-pride/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Sachor! Die 500 Jahre der Familie Zuntz</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/sachor-die-500-jahre-der-familie-zuntz/</link>
					<comments>https://demokratischer-salon.de/beitrag/sachor-die-500-jahre-der-familie-zuntz/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 19 May 2026 05:49:55 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=8039</guid>

					<description><![CDATA[<p>Sachor! Die 500 Jahre der Familie Zuntz Annika Friedman über ihre mit Ruthe Zuntz gestaltete Ausstellung in Frankfurt am Main „Die Erinnerung an einen Vater ist in weißes Papier gewickelt / gleich Vesperbrot morgens zur Arbeit. // Wie ein Zauberer aus seinem Hut Hasen und ganze Türme zieht, / zog er aus seinem kleinen  [...]</p>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/sachor-die-500-jahre-der-familie-zuntz/">Sachor! Die 500 Jahre der Familie Zuntz</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-3 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-2 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-3" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Sachor! Die 500 Jahre der Familie Zuntz</strong></h1>
<h2><strong>Annika Friedman über ihre mit Ruthe Zuntz gestaltete Ausstellung in Frankfurt am Main</strong></h2>
<p><em>„Die Erinnerung an einen Vater ist in weißes Papier gewickelt / gleich Vesperbrot morgens zur Arbeit. // Wie ein Zauberer aus seinem Hut Hasen und ganze Türme zieht, / zog er aus seinem kleinen Körper – Liebe. // Aus seinen Händen, Flüssen gleich, / ergossen sich / gute Taten.“ </em>(Jehuda Amichai, Mein Vater, deutsche Übersetzung von Anne Birkenhauer, in: <em>Offen</em> Verschlossen <em>Offen</em> – Gedichte, Berlin, Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2020)</p>
<p>Die <em>„guten Taten“</em> der <em>„Liebe“ </em>sind manchmal einfach Erzählungen, mündlich oder schriftlich, das Brechen des Schweigens, als Teil eines Gesprächs, das Eltern, Kinder und Enkel eine gemeinsame Vergangenheit vergegenwärtigen lässt. So ergab sich vielleicht die Reise von Ruthe Zuntz und Annika Friedman zur Ausstellung <a href="https://www.juedischesmuseum.de/besuch/detail/what-a-family/">„What a Family! Ruthe Zuntz: 500 Jahre im Fokus“</a>, die vom Herbst 2025 bis zum Februar 2026 im Jüdischen Museum Frankfurt am Main zu sehen war. Es waren 500 Jahre Familiengeschichte der in Berlin lebenden Fotografin Ruthe Zuntz zu sehen.</p>
<p>Die Familie Zuntz – über die Jahrhunderte wurde der Name unterschiedlich geschrieben – ist eine Frankfurter Familie. Die Ausstellung sorgte dafür, dass zugleich eine Familiengeschichte, Frankfurter Stadtgeschichte und nicht zuletzt deutsche, europäische, israelische Geschichte und so manches mehr gleichermaßen sichtbar wurden, mit allen Entdeckungen und allen Leerstellen, <em>„denn Geschichte steckt voller Geschichten“</em> (Shelly Kupferberg).</p>
<p>Die kanadisch-israelisch-deutsche Historikerin <a href="https://www.juedischesmuseum.de/museum/ansprechpartner/">Annika Friedman</a> kuratierte die Ausstellung. Sie ist seit 2022 im Jüdischen Museum Frankfurt am Main für die Dauerausstellung im Rothschild-Palais und die ein oder andere Sonderausstellung zuständig. Die Ausstellung „What a Family“ war ihre erste Ausstellung als Hauptkuratorin. Sie studierte Soziologie und Geschichte an der University of British Columbia in Vancouver sowie an der Hebräischen Universität Jerusalem. Anschließend absolvierte sie den Masterstudiengang Holocaust Studies an der Universität Haifa.</p>
<h3><strong>Eine imperfekte Reise in etwas Universelles</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie kam es zu der Ausstellung?</p>
<p><strong>Annika Friedman</strong>: <em>Es gibt bei uns immer unterschiedliche Möglichkeiten, wie eine Ausstellung zu uns kommt. Diesmal war es der Wunsch unserer Direktorin Mirjam Wenzel. Sie wollte schon seit längerer Zeit explizit Geschichte über eine Familiengeschichte zeigen. Sie kannte Ruthe Zuntz persönlich seit über 20, wenn nicht 30 Jahren. Als Ruthe anfing, ihre eigene Familiengeschichte zu erforschen, geriet sie an uns. Sie wusste, dass das Herz ihrer Familiengeschichte in Frankfurt am Main schlug.</em></p>
<p><em>Es wurde zu einer Reise zu mehreren Entdeckungen. Ständig entdeckten wir etwas. Es fing auch weit vor unserer Zeit an. Ruthe hatte Jehuda Zuntz persönlich kennengelernt. Er war unter anderem Familienforscher und hat die ersten Schritte auf unserer Reise zur Geschichte der Familie Zuntz gemacht. Er hat zwei Publikationen für seine Familie herausgebracht, nicht für die Öffentlichkeit. Die letzte entstand im Jahr 1998, die erste Ausgabe über 500 Jahre Familiengeschichte, in der Tausende Familienmitglieder aufgeführt sind. </em></p>
<div id="attachment_8041" style="width: 252px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8041" class="wp-image-8041 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Brief-von-Simon-Zuntz-©-Ruthe-Zuntz-242x300.jpg" alt="" width="242" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Brief-von-Simon-Zuntz-©-Ruthe-Zuntz-200x248.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Brief-von-Simon-Zuntz-©-Ruthe-Zuntz-242x300.jpg 242w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Brief-von-Simon-Zuntz-©-Ruthe-Zuntz-400x495.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Brief-von-Simon-Zuntz-©-Ruthe-Zuntz-600x743.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Brief-von-Simon-Zuntz-©-Ruthe-Zuntz-768x951.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Brief-von-Simon-Zuntz-©-Ruthe-Zuntz-800x990.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Brief-von-Simon-Zuntz-©-Ruthe-Zuntz-827x1024.jpg 827w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Brief-von-Simon-Zuntz-©-Ruthe-Zuntz-1200x1486.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Brief-von-Simon-Zuntz-©-Ruthe-Zuntz-1241x1536.jpg 1241w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Brief-von-Simon-Zuntz-©-Ruthe-Zuntz-1654x2048.jpg 1654w" sizes="(max-width: 242px) 100vw, 242px" /><p id="caption-attachment-8041" class="wp-caption-text">Brief von Simon Zuntz. © Ruthe Zuntz.</p></div>
<p><em>Es gab aber auch etwa 500 Briefe, die sich Ruthe und ihr Vater gegenseitig geschrieben hatten. Diese Korrespondenz war der Auslöser. Die Briefe bieten viele Informationen, allerdings aus der Perspektive einer Kindheit. Shimon Zuntz war gerade zehn Jahre alt, als er aus Frankfurt fliehen musste. Er hat viele Spuren hinterlassen, auf denen wir ebenso wie auf den Spuren von Jehuda Zuntz unsere Reise anfangen konnten. Wir fanden eine Vielfalt von Dokumenten, Quellen in Archiven, wir hatten verschiedene Objekte, unter anderem Keramiken und antiquarische Bücher, die in Israel in Privatbesitz waren. Jede Menge Kaffee- und Teedosen waren dabei. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die beiden bekanntesten Familienmitglieder sind vielleicht <a href="https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/familie-zuntz/DE-2086/lido/57c82bf67c60f1.32195538">Rachel Zuntz (1787-1874), Witwe von Amschel Herz Zuntz (1778-1814)</a>, die die Kaffeerösterei in der Bonner Königstraße 78 beziehungsweise in der Hundsgasse 14 (heute Belderberg), aufbaute, die später dann in Berlin zur Weltfirma wurde, und Leopold Zunz (1794-1886), einer der bedeutendsten Übersetzer der Thora in die deutsche Sprache.</p>
<p><strong>Annika Friedman</strong>: <em>Sie sind in der Tat vielleicht die bekanntesten Familienmitglieder. Mir hat es aber auch viel Freude gemacht, die Lebensgeschichten derjenigen zu erforschen, die nicht so bekannt waren. Auch diese hatten spannende Geschichten. Das ist vielleicht das Universelle an einer Familiengeschichte. In vielen Familien denken wir an die wenigen VIP-Charaktere, aber in der Erforschung der Familie Zuntz hatten wir die Möglichkeit, einige Charaktere wieder zurück oder vielleicht sogar zum ersten Mal ins Licht zu bringen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Du hast als Kuratorin zunächst als Historikerin gearbeitet, aber für eine Ausstellung muss man all das, was man gefunden hat, visualisieren. Das ist nicht so einfach. Man kann ja nicht nur Hunderte von Dokumenten in Vitrinen legen. Da fände sich niemand durch. Die Visualisierung dieser umfassenden Familiengeschichte ist dir exzellent gelungen.</p>
<p><strong>Annika Friedman</strong>: <em>Vielen Dank. Ein solches Kompliment wünscht sich jede:r Kurator:in. Es war etwas Imperfektes in dem gesamten Prozess. Wir haben hier eine Familiengeschichte von über 500 Jahren mit unterschiedlichen Rupturen. Die Ruptur der Shoah ist die größte. Für mich war es daher von Anfang an sehr wichtig, auch den Leerstellen und Rupturen viel Zeit und Platz in der Ausstellung zu geben. Es war mir ein Anliegen, das Imperfekte darzustellen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es mag etwas banal klingen, aber es gibt keine Geschichte ohne Leerstellen.</p>
<p><strong>Annika Friedman</strong>: <em>Viele Historiker:innen, auch viele Kurator:innen möchten jedoch keine Leerstellen lassen oder würden sie, wenn sie sie sehen, nicht so hervorheben wollen. Ich kann das bis zu einem bestimmten Punkt verstehen. Wir wollen Antworten finden, aber hier war es unmöglich alles zu beantworten. </em></p>
<p><em>Ich habe keine Antwort auf jedes Fragezeichen. Ich glaube, auch die Arbeit mit den Gestaltern, den </em><a href="https://www.formfellows.de/"><em>Formfellows</em></a><em> aus Frankfurt, zeigte dies. Wir kamen in mehrere Gespräche, in denen wir merkten: more is not always more. Wir mussten darüber nachdenken, was wir mit welchem Objekt bewirken, was wir damit zeigen können oder wo es besser ist, eine Leerstelle zu lassen und über einen Text einen Kontext zu schaffen. Dieses Imperfekte ist etwas Universelles. Wir haben nichts zusammengeklebt. Wir haben die Scherben so gelassen wie sie sind und gewürdigt. </em></p>
<h3><strong>Jenseits des Schweigens</strong></h3>
<div id="attachment_8042" style="width: 307px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8042" class="wp-image-8042" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Koffer-©-Norbert-Miguletz-225x300.jpg" alt="" width="297" height="396" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Koffer-©-Norbert-Miguletz-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Koffer-©-Norbert-Miguletz-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Koffer-©-Norbert-Miguletz-400x533.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Koffer-©-Norbert-Miguletz-600x800.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Koffer-©-Norbert-Miguletz-768x1024.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Koffer-©-Norbert-Miguletz-800x1067.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Koffer-©-Norbert-Miguletz-1152x1536.jpg 1152w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Koffer-©-Norbert-Miguletz-1200x1600.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Koffer-©-Norbert-Miguletz-1536x2048.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Koffer-©-Norbert-Miguletz-scaled.jpg 1920w" sizes="(max-width: 297px) 100vw, 297px" /><p id="caption-attachment-8042" class="wp-caption-text">Es begann mit einem Koffer in Auschwitz © Norbert Miguletz.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine Besonderheit der Ausstellung ist ihre Mehrsprachigkeit. Auch das gibt ihr etwas Universelles.</p>
<p><strong>Annika Friedman</strong>: <em>Deutsch, Englisch und Hebräisch, das ist auch ein Novum in der Geschichte des Museums.</em> <em>Das sind die drei Sprachen von Ruthe Zuntz und es waren auch die drei Sprachen während unseres Forschungsprozesses. Das wollte ich auch in der Ausstellung widerspiegeln. Es war eine große Inspiration von Ruthe Zuntz. Ihr Großvater Karl Zuntz hat Briefe an seine Söhne im Mandatsgebiet Palästina geschrieben, die er mit der Schreibmaschine geschrieben hatte, aber er ließ Platz, den er später handschriftlich auf Hebräisch füllte. Shimon hat seine Briefe auf Hebräisch geschrieben und Platz gelassen, um etwas auf Deutsch hinzufügen zu können. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Alle Familiengeschichten sind irgendwo etwas Internationales, Mehrsprachiges. Je weiter man zurückgeht, desto mehr Sprachen wird man in jeder Familie entdecken. Manche werden sich dann wundern.</p>
<p><strong>Annika Friedman</strong>: <em>Ich wurde mehrfach gefragt, ob das Besondere an unserer Ausstellung die 500jährige Familiengeschichte ist. Ich habe unterschiedlich geantwortet, aber zuletzt habe ich gesagt, jeder hat eine 500jährige Familiengeschichte. Das Besondere an der Reise ist, dass Ruthe die Informationen direkt von ihrem Vater erhalten hat. Sie ist die zweite Generation eines Überlebenden der Shoah, weil ihr Vater als Kind überlebt hat. Es ist aber überhaupt nicht selbstverständlich, dass jemand in der zweiten Generation so ausführliche Informationen erhält. Meistens erhalten erst die Enkel diese Informationen. Sie dürfen erst einmal fragen und dann antworten die Großeltern aus einer gewissen Distanz. Ruthes Beziehung zu ihrem Vater war so eng, sie hat darauf bestanden, dass er die Geschichte erzählt. Er hat sich damit sehr verletzlich gemacht, aber er hat erzählt.</em> <em>So viel Wissen geht so oft verloren.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es wurde und wird so viel geschwiegen und beschwiegen. Es ist so wichtig, dass man miteinander spricht und das Schweigen vielleicht hinter sich lässt.</p>
<p><strong>Annika Friedman</strong>: <em>Das ist das Besondere an der Ausstellung. Es ist viel mehr als 500 Jahre Familiengeschichte. Es ist eine Aufarbeitung. Ruthe und ihr Vater waren sehr mutig. Auf dieser Basis konnten wir unsere Reise beginnen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und es ist ja nicht nur die Geschichte der Familie Zuntz. Wie viele Familiengeschichten haben sich mit der Geschichte der Familie Zuntz gekreuzt? Ich denke zum Beispiel an die Geschichte der Mutter und der Stiefmutter von Shimon Zuntz.</p>
<p><strong>Annika Friedman</strong>: <em>Die gehören alle dazu. Es gibt auch mehrere zum Christentum konvertierte Mitglieder der Familie, die wir in der Ausstellung zeigen, die sich nicht mehr als Jüdinnen und Juden identifizieren, aber weiterhin zur Familie Zuntz gehören.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zumal es für eine Konversion ganz unterschiedliche Gründe geben kann.</p>
<p><strong>Annika Friedman</strong>: <em>Wer bin ich als Historikerin, die mehrere Jahrzehnte später das beurteilen soll? Religion ist ein Aspekt in einer Familie, aber eben nur ein Aspekt. </em></p>
<h3><strong>Der Rahmen – ein Koffer und eine Sukka</strong></h3>
<div id="attachment_8043" style="width: 307px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8043" class="wp-image-8043" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Sukka-©-Norbert-Miguletz-225x300.jpg" alt="" width="297" height="396" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Sukka-©-Norbert-Miguletz-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Sukka-©-Norbert-Miguletz-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Sukka-©-Norbert-Miguletz-400x533.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Sukka-©-Norbert-Miguletz-600x800.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Sukka-©-Norbert-Miguletz-768x1024.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Sukka-©-Norbert-Miguletz-800x1067.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Sukka-©-Norbert-Miguletz-1152x1536.jpg 1152w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Sukka-©-Norbert-Miguletz-1200x1600.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Sukka-©-Norbert-Miguletz-1536x2048.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Sukka-©-Norbert-Miguletz-scaled.jpg 1920w" sizes="(max-width: 297px) 100vw, 297px" /><p id="caption-attachment-8043" class="wp-caption-text">Die Sukka am Ende der Ausstellung, aber nicht das Ende der Geschichte © Norbert Miguletz.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich schlage vor, dass wir die Ausstellung am Beispiel einiger ausgewählter Exponate vorstellen. Vielleicht beginnen wir mit dem Rahmen. Wir sehen am Eingang wie am Ende der Ausstellung keine Originale, sondern künstlerisch stilisierte Artefakte, zu Beginn einen Koffer, am Ende eine <a href="https://de.chabad.org/library/article_cdo/aid/834669/jewish/Die-Sukka.htm">Sukka</a>.</p>
<p><strong>Annika Friedman</strong>: <em>Das meine ich mit den Leerstellen, die als Leerstellen gewürdigt werden sollen. In unserem ersten Raum, dem Prolog, sieht man einen stilisierten Koffer. Man weiß, dass es ein Koffer ist, aber auch, dass es die künstlerische Interpretation eines Koffers ist. Der Koffer ist tatsächlich sehr zentral, nicht nur in diesem Raum, auch in unserem Narrativ. Es ist der Koffer von Karl Zuntz, dem Großvater von Ruthe Zuntz, den sie nie kennenlernen durfte, denn er wurde mit seiner zweiten Frau Ella und den beiden kleinen Kindern, Miriam und Harry Zwi, in Auschwitz ermordet.</em></p>
<p><em>Dieser Koffer spielt in Ruthes Narrativ eine zentrale Rolle. Ruthe kam 1991 nach Berlin. Ihr Vater Shimon Zuntz, der als Kind im April 1939 ins britische Mandat Palästina fliehen konnte, wusste nicht, was mit seinem Vater, seiner Stiefmutter, seinen Geschwistern geschehen war. Es gab viele Gerüchte, viele Fragezeichen. Er behielt immer eine Art von Optimismus oder Naivität und glaubte, er würde seine Familie irgendwo finden, vielleicht in Südamerika, vielleicht in Australien. Diese Hoffnung hat er nie aufgegeben. Bis zu dem Zeitpunkt, als er in Berlin einen Verwandten, einen Peter Zuntz, traf, der erzählte, er sei in Auschwitz gewesen und habe dort einen Koffer gesehen mit der Aufschrift „Karl Zuntz“. Das war für Shimon Zuntz ein kompletter Bruch. Er konnte die Hoffnung nicht mehr aufrechterhalten. Er hatte ein Fakt: Der Koffer seines Vaters liegt in Auschwitz.</em></p>
<p><em>Das war der Anfang für Ruthe Zuntz und ihren Forschungsprozess. Sie hat ihren Vater Shimon gebeten: Jetzt musst du mir deine Lebensgeschichte aufschreiben, jetzt musst du mir alles erzählen, woran du dich erinnerst. Das hat er tatsächlich gemacht, in über 500 Briefen. Angefangen hat es mit dem Motiv des Koffers seines Vaters.</em></p>
<p><em>Den Koffer selbst haben wir von der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau nicht bekommen. Mir war es aber wichtig, die Geschichte des Koffers zu inszenieren, und ich freue mich darüber, was daraus geworden ist. Im Nachhinein hat es eine andere Stärke, dass wir es künstlerisch inszeniert und nicht den Koffer selbst im Raum haben. Uns wurde auch klar, dass der Koffer, den Peter Zuntz gesehen hatte, vielleicht doch nicht der Koffer von Karl Zuntz war. Es stand noch ein anderer Name drauf, der aber durchgestrichen war. Wir hätten möglicherweise sogar ein Täterobjekt zentral ausgestellt. Ich bin am Ende mit unserer Entscheidung sehr zufrieden. Sie hat genau den Effekt geschaffen, den ich mir gewünscht hatte. </em></p>
<p><em>Als Parallele wollten wir eine Sukka ausstellen. Sukkot ist eines der vielen jüdischen Feste, ein Fest, das den Familienaspekt ins Bild bringt. Man kommt als Familie zusammen, verbringt Zeit miteinander, isst gemeinsam. Sukkot hat für die Familie Zuntz folgende Bedeutung: Ruthe Zuntz erfuhr von einer Frau, die die Haft überlebt hatte, dass Karl Zuntz in Theresienstadt, wohin er zuerst deportiert worden war und mit Ella, Miriam und Harry Zwi zwei Jahre überlebte, eine Sukka mit welchen Materialien auch immer aufgebaut hatte. Zwei Tage später wurde er mit seiner Familie nach Auschwitz deportiert. Sie wurden bei der Ankunft ermordet. So hat eine Sukka für die Familie Zuntz eine andere, eine dunkle Bedeutung. Sukkot ist eigentlich ein friedliches Fest, in dem es um Dankbarkeit geht, um Familie, um Zusammenkommen, doch plötzlich hat die Familie Zuntz eine ganz andere Perspektive auf dieses Fest. </em></p>
<p><em>Koffer und Sukka sind beide in Weiß gehalten, sodass sie als eine Art Monument erscheinen. Mir war wichtig, dass die Gestaltung nicht von Ruthe Zuntz war, denn ihr Medium ist die Fotografie. Mir war auch wichtig, dass die Gestaltung minimalistisch bleibt, passend zu der Fragmentierung, die unsere gesamte Ausstellung prägt. Der Koffer hat mehrere Fassaden, er sieht etwas durchgetreten aus, es gibt nur noch eine Schnalle. Die Sukka ist viel größer, fast lebensgroß, man könnte fast hineingehen, aber sie wirkt nur begehbar, sie ist es nicht. Sie ist als eine Art Teatrino gehalten. Man muss etwa zwei Meter entfernt stehen, erst dann wirkt sie als Sukka. </em></p>
<h3><strong>18 Scherben – 18 Leben und die Geschichte der Hanna Charag-Zuntz</strong></h3>
<div id="attachment_8044" style="width: 307px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8044" class="wp-image-8044" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Hanna-Charag-Zuntz-©-Norbert-Miguletz-225x300.jpg" alt="" width="297" height="396" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Hanna-Charag-Zuntz-©-Norbert-Miguletz-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Hanna-Charag-Zuntz-©-Norbert-Miguletz-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Hanna-Charag-Zuntz-©-Norbert-Miguletz-400x533.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Hanna-Charag-Zuntz-©-Norbert-Miguletz-600x800.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Hanna-Charag-Zuntz-©-Norbert-Miguletz-768x1024.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Hanna-Charag-Zuntz-©-Norbert-Miguletz-800x1067.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Hanna-Charag-Zuntz-©-Norbert-Miguletz-1152x1536.jpg 1152w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Hanna-Charag-Zuntz-©-Norbert-Miguletz-1200x1600.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Hanna-Charag-Zuntz-©-Norbert-Miguletz-1536x2048.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Hanna-Charag-Zuntz-©-Norbert-Miguletz-scaled.jpg 1920w" sizes="(max-width: 297px) 100vw, 297px" /><p id="caption-attachment-8044" class="wp-caption-text">Nicht nur Scherben im Raum, Keramiken von Hanna Charag-Zuntz © Norbert Miguletz.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Du nanntest einen zentralen Begriff der Ausstellung: Fragmentierung. Dort, wo ihr konkrete Biografien der Familie Zuntz darstellt, sehen wir 18 Scherben.</p>
<p><strong>Annika Friedman</strong>: <em>Die Fragmentierung, Rupturen, die Scherben waren mir sehr wichtig, auch gestalterisch. Sie wurden durch eines meiner ersten Gespräche mit Ruthe Zuntz inspiriert. Sie sagte mir, sie sehe ihre Aufgabe in der Familiengeschichte als eine Art Detektivin. Wie bringen wir die Scherben wieder zusammen? Ihre Familie war ursprünglich ein Glasgefäß, das zerstört und in Millionen Splittern über die Welt verteilt wurde. Ihre – und dann auch meine – Aufgabe war es dann, diese Scherben wieder zusammenzubringen, aber in einem imperfekten Prozess.</em></p>
<p><em>Keine zwei der als Scherben inszenierten Vitrinen sind gleich. Sie sind wie Splitter, wie Schneeflocken. Sie sehen einander ähnlich, aber sie sind nicht gleich und sie passen auch nicht zusammen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Warum 18 Scherben? Warum 18 Biografien?</p>
<p><strong>Annika Friedman</strong>: <em>In unserer Ausstellung haben wir bewusst 18 Persönlichkeiten ausgewählt. Die Zahl „18“ ist im Judentum die Zahl für „Chai“ – das Leben. Von diesen 18 Persönlichkeiten hat Ruthe Zuntz zwei kennengelernt. Eine davon ist Hanna Charag-Zuntz, </em><a href="https://artsandculture.google.com/story/IQVBfUHgPN-sLA?hl=de"><em>eine weltbekannte Keramikerin</em></a><em>. Ruthe hat mir erzählt, ihr sei nicht bewusst gewesen, wie berühmt Hanna war. Hanna war Ruthes Babysitterin. Sie war ihre Lieblingsbabysitterin, auch weil Hannas Wohnung so bunt war. Es war immer eine Reise in Hannas Wohnung, eine Reise in eine andere Welt. Das ist eine von vielen Geschichten, aber sie bleibt für mich ein Highlight.</em></p>
<p><em>Hanna hat mich von Anfang an sehr inspiriert. Ich durfte Hannas Tochter kennenlernen, die auch Keramikerin geworden ist, war bei ihr zu Hause zum Kaffee eingeladen. Hanna war ins britische Mandatsgebiet Palästina geflohen. Sie hatte in Hamburg Kunst studiert und war in Palästina, in Israel weiterhin als Künstlerin tätig. Mir war zunächst nicht bewusst, wie berühmt sie war. Ich habe dann erfahren, dass sie eine von drei Pionierinnen in der israelischen Keramikkunst war. </em></p>
<p><em>Ihr Stil nannte sich </em><a href="https://www.terra-sigillata-museum.de/"><em>Terra Sigillata</em></a><em>, eine besondere Art der Keramik. Für diese Technik wurde Hanna sehr berühmt. Es wird sehr dünn vorbereitet und glänzt, sodass man denken könnte, es handele sich um eine Glasur, aber der Glanz liegt an den Materialien. Sehr bekannt sind blauschichtige oder orangerotschichtige Keramik. Sie hat auch in Deutschland ausgestellt, im Folkwang-Museum, und ist auch bis heute in Japan sehr beliebt. Ich freue mich immer, wenn Künstler:innen gelobt werden, wenn sie noch leben. Hanna Zuntz hat noch erlebt, wie sie für ihre Arbeit und für die Entwicklung des Stils in Israel anerkannt wurde. </em></p>
<h3><strong>Bücher und Kaffeedosen </strong></h3>
<div id="attachment_8045" style="width: 393px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8045" class="wp-image-8045 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Kaffeedose-A.-Zuntz-sel.-Wwe.-©-Christian-Preiser-300x225.jpg" alt="" width="383" height="287" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Kaffeedose-A.-Zuntz-sel.-Wwe.-©-Christian-Preiser-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Kaffeedose-A.-Zuntz-sel.-Wwe.-©-Christian-Preiser-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Kaffeedose-A.-Zuntz-sel.-Wwe.-©-Christian-Preiser-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Kaffeedose-A.-Zuntz-sel.-Wwe.-©-Christian-Preiser-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Kaffeedose-A.-Zuntz-sel.-Wwe.-©-Christian-Preiser-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Kaffeedose-A.-Zuntz-sel.-Wwe.-©-Christian-Preiser-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Kaffeedose-A.-Zuntz-sel.-Wwe.-©-Christian-Preiser-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Kaffeedose-A.-Zuntz-sel.-Wwe.-©-Christian-Preiser-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Kaffeedose-A.-Zuntz-sel.-Wwe.-©-Christian-Preiser-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 383px) 100vw, 383px" /><p id="caption-attachment-8045" class="wp-caption-text">Im Gedenken an A. Zuntz sel. Wwe. © Christian Preiser.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zu Beginn haben wir bereits Leopold Zunz und Rachel Zuntz als die vielleicht bekanntesten Familienmitglieder erwähnt.</p>
<p><strong>Annika Friedman</strong>: <em>Vielleicht beginnen wir mit Leopold Zunz, dem Begründer der Wissenschaft des Judentums. Ruthe hat eine besondere Beziehung zu Leopold, denn sein Grabstein ist nicht weit entfernt von ihrer Berliner Wohnung, auf dem </em><a href="https://scheunenviertel-und-mehr.de/wissen/juedischer-friedhof-schoenhauser-allee/"><em>jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee</em></a><em>. Sie sagte, sie habe sich ihm immer sehr nahe gefühlt. Ich denke, da steckt etwas viel Tieferes drin: Ruthe kommt in den 1990er Jahren alleine aus Israel nach Berlin und findet tatsächlich einen Verwandten, nur wenige Minuten entfernt von ihrem Zuhause. Das hat auch etwas sehr Intimes. Sie hat ihn besucht und sich mit dieser Nähe mehr zu Hause gefühlt. </em></p>
<p><em>Wenn die Besucher:innen der Ausstellung eine Person der Familie kannten, war das sehr oft Leopold Zunz. Er hat die Thora übersetzt. Seine Übersetzung ist nach wie vor sehr verbreitet. Er hat aber auch dafür gesorgt, dass das Judentum erforscht und analysiert werden kann, auch an den Universitäten. Er hat geprägt, wie wir heute über Judentum forschen, aus religiöser, soziologischer, gesellschaftlicher Sicht. Ihm verdanken wir, dass heute Juden wie Nicht-Juden das Judentum besser verstehen und erforschen können. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich kann mich aus meiner Kindheit noch gut an Kaffee mit der Aufschrift <em>„A. Zuntz sel. Wwe.“</em> erinnern. Inzwischen ist die Firma in die <a href="https://www.dallmayr.com/de/kaffee/">Firma Dallmayr</a> integriert worden. Auf der ansonsten recht ansprechenden Seite der Firma findet sich leider kein Hinweis mehr auf <em>„A. Zuntz sel. Wwe.“.</em></p>
<p><strong>Annika Friedman</strong>: <em>Wir sprechen von Rachel Zuntz. Ich möchte sie tatsächlich als Entrepreneurin nennen, die erste Kaffeehausunternehmerin, zuerst in Bonn, dann in Berlin. Wir haben in der Familie Zuntz die Geschichte von vielen starken Frauen gefunden. Es war mir wichtig, Frauengeschichte hervorzuheben. Rachel Zuntz war natürlich ein absolutes Highlight. Sie hat nach dem Tod ihres Mannes die Identität des Mannes als „A. Zuntz sel. Wwe.“ angenommen. Sie gab die Geschäfte später an ihren Sohn weiter, aber sie bleibt das Gesicht der Firma. Sie ist die symbolische Frau, die auf dem Logo der Firma zu sehen ist. Das war in dieser Zeit für eine Frau alles andere als selbstverständlich, ein Geschäftsmodell so weit zu verbreiten und aktiv zu steuern. Es war nicht nur Kaffee, später auch Tee. </em></p>
<p><em>In unserem Forschungsprozess war interessant zu erfahren, dass die unterschiedlichen Mitglieder der Familie, die wir in Amerika, in Israel, in welchen Ländern auch immer ausfindig machten, alle irgendwelche Kaffeedosen gekauft hatten. Bei jedem Besuch auf meiner Forschungsreise habe ich Kaffeedosen gefunden. Diese Art von Familienmerchandise bindet irgendwie die gesamte Familie zusammen, auch wenn sie nicht unmittelbar mit Rachel verbunden sind. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Man findet diese Tassen und Dosen auch in Ihrem Museumsshop. Gegenstände erinnern an das Erlebte. Die Kaffeedose ist fast schon etwas wie die objets matériels bei Marcel Proust, der Lindenblütentee, die Madeleine, ein Pflasterstein auf dem Markusplatz in Venedig, diesmal aber auch ganz handfest, nicht nur als Geruch, als Geschmack, als Gefühl. Tassen und Dosen sind ganz real auch gut benutzbar.</p>
<p><strong>Annika Friedman</strong>: <em>Wir haben sie nachproduziert, weil wir möchten, dass alle Besucher:innen sich, wenn sie möchten, eine für die eigene Küche mitnehmen können.</em></p>
<h3><strong>Das schlagende Herz der Ausstellung</strong></h3>
<div id="attachment_8046" style="width: 393px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8046" class="wp-image-8046" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Ruthe-Zuntz-Installation-©-Norbert-Miguletz-300x169.jpg" alt="" width="383" height="216" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Ruthe-Zuntz-Installation-©-Norbert-Miguletz-200x112.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Ruthe-Zuntz-Installation-©-Norbert-Miguletz-300x169.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Ruthe-Zuntz-Installation-©-Norbert-Miguletz-400x225.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Ruthe-Zuntz-Installation-©-Norbert-Miguletz-600x337.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Ruthe-Zuntz-Installation-©-Norbert-Miguletz-768x432.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Ruthe-Zuntz-Installation-©-Norbert-Miguletz-800x450.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Ruthe-Zuntz-Installation-©-Norbert-Miguletz-1024x576.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Ruthe-Zuntz-Installation-©-Norbert-Miguletz-1200x675.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/What-a-Family-Ruthe-Zuntz-Installation-©-Norbert-Miguletz-1536x864.jpg 1536w" sizes="(max-width: 383px) 100vw, 383px" /><p id="caption-attachment-8046" class="wp-caption-text">Das schlagende Herz der Ausstellung: Ruthe Zuntz Installation © Norbert Miguletz.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In der Ausstellung gibt es ein Zentrum, die Installation von Ruthe Zuntz.</p>
<p><strong>Annika Friedman</strong>: <em>Ich will hier nicht für Ruthe sprechen. Meine Zusammenarbeit mit ihr war etwas Besonderes. Es ist nicht immer der Fall, dass eine Kuratorin und eine Künstlerin so gut zusammenarbeiten. Wir hatten natürlich unterschiedliche Herangehensweisen. Für Ruthe ist es eine sehr intime Geschichte, ihre Familiengeschichte. Sie hat dies aber auch sehr ehrlich zugelassen. Ihr Kunstwerk ist mitten in der Ausstellung zu sehen, es ist das schlagende Herz der Ausstellung. Für Ruthe war es sehr wichtig, dass wir ihre Familie kontextualisieren. Das haben wir über die kuratorisch-historischen Spuren getan.</em></p>
<p><em>Ruthes Installation ist ein liegendes Unendlichkeitssymbol, dass durch Vorhänge geschaffen wird. Die Vorhänge sollen eine gewisse Dunkelheit schaffen. Es waren Textilvorhänge, aber von außen sollten sie wie eine Art Papier wirken. Die Ein- und Ausgänge der Installation sollten den Eindruck vermitteln, als wäre ein Papier gefaltet worden. Die Geschichten der Familie sind um die Installation herum gruppiert. </em></p>
<p><em>Ruthe setzt sich in der Video-Installation mit den dort gezeigten wechselnden Fotografien mit ihrer Familiengeschichte auseinander. Gelesen werden Auszüge aus den Briefen, die sie von ihrem Vater Shimon erhalten hat. Ruthe hat natürlich immer wieder einmal geantwortet, aber jetzt als erwachsene Frau kann sie anders auf die Briefe ihres Vaters antworten. Das macht sie durch die Linse ihrer Fotokamera, als Antworten auf Shimons Briefe.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir sehen drei Bildschirme. Auf diesen sehen wir ständig wechselnde Bilder von Frankfurt in seinen Bezügen zum jüdischen Leben und zur jüdischen Geschichte. Dazu werden Texte aus den Briefen vorgelesen.</p>
<p><strong>Annika Friedman</strong>: <em>Hier würde ich lieber Ruthe selbst das Wort überlassen. Ich kann dir aber sagen, sie hat viele Frankfurter Themen aufgenommen. Natürlich hat ihr Vater alles weitergegeben. Es sind die Erinnerungen eines kleinen Jungen, der in Frankfurt geboren wurde, dort aufgewachsen ist und fliehen musste. Es war die einzige Heimat, die er kannte. Er erinnert sich an jede Straße, aber nicht so wie wir uns heute als Erwachsene erinnern würden. Er sieht alles aus seinen Kinderaugen, mit einer gewissen Naivität. Man muss ja auch im Blick behalten, dass er über Jahrzehnte nicht darüber gesprochen hat, erst in den 1990er Jahren. Er konnte sich an so viel erinnern, an die Wege zum Kindergarten, die Wege in den Wald, die Wege mit seinen besten Freunden. Es sind symbolische Punkte in Frankfurt, die es nach wie vor gibt. Das hat auch mir als Außenstehende gezeigt, wie unglaublich wertvoll diese Erinnerungen sind und wie bedeutend es ist, dass er sie Jahrzehnte später an seine Tochter weitergeben konnte.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Mai 2026, Internetzugriffe zuletzt am 17. April 2026, Titelbild: What A Family! Ruthe Zuntz im Raum ihrer Installation, © Norbert Miguletz. Für alle Bilder gilt der herzliche Dank an das Jüdische Museum Frankfurt am Main.)</p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/sachor-die-500-jahre-der-familie-zuntz/">Sachor! Die 500 Jahre der Familie Zuntz</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://demokratischer-salon.de/beitrag/sachor-die-500-jahre-der-familie-zuntz/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>&#8222;The Intent to Destroy a Group as Such&#8220;</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/the-intent-to-destroy-a-group-as-such/</link>
					<comments>https://demokratischer-salon.de/beitrag/the-intent-to-destroy-a-group-as-such/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 22 Mar 2026 10:43:35 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=7927</guid>

					<description><![CDATA[<p>„The Intent to Destroy a Group as Such” Ein Gespräch mit Medardus Brehl über Vergleichende Genozidforschung „Lemkin verfolgte die Spur, die ‚entscheidenden Schritte‘, die ein Muster ergaben. Der erste Schritt bestand gewöhnlich im Akt der Entnationalisierung: Individuen wurden staatenlos gemacht, indem man das Bund der Nationalitäten zwischen Juden und Staat durchtrennte, um ihnen so  [...]</p>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/the-intent-to-destroy-a-group-as-such/">&#8222;The Intent to Destroy a Group as Such&#8220;</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-4 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-3 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-4" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>„The Intent to Destroy a Group as Such”</strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit Medardus Brehl über Vergleichende Genozidforschung</strong></h2>
<p><em>„Lemkin verfolgte die Spur, die ‚entscheidenden Schritte‘, die ein Muster ergaben. Der erste Schritt bestand gewöhnlich im Akt der Entnationalisierung: Individuen wurden staatenlos gemacht, indem man das Bund der Nationalitäten zwischen Juden und Staat durchtrennte, um ihnen so den Schutz des Gesetzes teilweise aberkennen zu können. Darauf folgte die ‚Entmenschlichung‘, bei der man den Mitgliedern der ins Visier genommenen Gruppe die gesetzlichen Rechte ganz entzog. Dieses Zweistufen-Schema wurde überall in Europa angewandt. Der dritte Schritt war, die Nation ‚in einem geistigen und kulturellen Sinn‘ auszulöschen – Lemkin identifizierte Erlasse ab Anfang 1941, die auf die ‚völlige Vernichtung‘ der Juden in ‚allmählichen Schritten‘ hindeuteten.“ </em>(aus: Philipp Sands, Rückkehr nach Lemberg – Über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Frankfurt am Main, S. Fischer, 2018, englische Originalausgabe: East West Street – On the Origins of Genocide and Crimes Against Humanity, London, Weidenfeld &amp; Nicolson, 2016, deutsche Übersetzung von Reinhild Böhnke.)</p>
<p>Der Völkermord an den europäischen Jüdinnen und Juden war nicht Gegenstand der Nürnberger Prozesse. Der Begriff des Genozids wurde von dem Juristen <a href="https://www.gfbv.de/de/news/raphael-lemkin-der-initiator-der-konvention-gegen-voelkermord-1451/">Raphael Lemkin</a> (1900-1959) entwickelt. Lemkin gab wesentliche Impulse zur <a href="https://www.voelkermordkonvention.de/">UN-Völkermordskonvention</a>, die am 9. November 1948 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen beschlossen wurde und am 12. Januar 1951 in Kraft trat. Inzwischen wird der Begriff jedoch nicht nur im Völkerrecht, sondern auch als politischer Kampfbegriff verwendet, wie beispielsweise in letzter Zeit in Bezug auf das Vorgehen Israels in Gaza. Der Begriff spielt auch in Berichten über das Vorgehen in Myanmar gegen die Rohingya, das Vorgehen Russlands in der Ukraine, das Vorgehen der verfeindeten Armeen im Sudan eine Rolle.</p>
<div id="attachment_7928" style="width: 284px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7928" class="wp-image-7928 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-274x300.jpg" alt="" width="274" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-200x219.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-274x300.jpg 274w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-400x438.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-600x657.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-768x841.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-800x876.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-935x1024.jpg 935w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-1200x1314.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-1403x1536.jpg 1403w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-1871x2048.jpg 1871w" sizes="(max-width: 274px) 100vw, 274px" /><p id="caption-attachment-7928" class="wp-caption-text">Medardus Brehl. Foto: privat.</p></div>
<p>Ob der Begriff zu Recht verwendet wird, ist eine wichtige Frage auch der wissenschaftlichen Forschung, insbesondere der vergleichenden Genozidforschung. Die Ruhr-Universität Bochum beherbergt das einzigartige <a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/index.html.de">Institut für Diaspora- und Genozidforschung</a>, das die <a href="https://www.velbrueck.de/Programm/Philosophie/Zeitschrift-fuer-Genozidforschung-23-Jg-2025-Heft-1.html">Zeitschrift für Genozidforschung</a> herausgibt. Diese erschien zunächst bei Schöningh, inzwischen erscheint sie bei Velbrück in einer Print- und einer digitalen Ausgabe. Die interdisziplinär ausgerichtete Zeitschrift erreicht ein vielfältiges Publikum, Universitätsbibliotheken, Stadt- und Landesbibliotheken, aber auch Bibliotheken des Auswärtigen Amts, des EU-Parlaments und weitere politische Institutionen. Herausgeber:innen sind <a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/dabag.html.de">Mihran Dabag</a> und <a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/platt.html.de">Kristin Platt</a>, verantwortlicher Redakteur ist der Literaturwissenschaftler und Historiker <a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/brehl.html.de">Medardus Brehl</a>.</p>
<h3><strong>Diaspora- und Genozidforschung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auf den ersten Blick erscheint mir die Kombination von Diaspora- und Genozidforschung etwas ungewöhnlich. Oder täusche ich mich?</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Der Name des Instituts für Diaspora- und Genozidforschung folgt der Idee, dass Genozide Ereignisse sind, die sich schlecht durch Jahreszahlen abgrenzen lassen, sondern eine sich über mehrere Generationen erstreckende Vorgeschichte der Ausgrenzung, der Stigmatisierung, auch der Fragmentierung von Gesellschaften aufweisen. Genozide sind in der longue durée zu betrachten, mit ihrer Vorgeschichte und ihren Folgen. Man kann Genozide nicht isoliert betrachten. Es geht letztlich auch um die Fragen, wie sich soziale Strukturen nach einem Genozid, einem Völkermord verändern, wie soziale Gedächtnisse mit diesen Erfahrungen umgehen. Genozide hinterlassen fundamental veränderte Gesellschaften mit tiefen Einschnitten in die Geschichte und die sozialen Zusammenhänge der Täter- wie der Opfergesellschaft. </em></p>
<p><em>Diaspora ist nicht nur ein Migrationsthema. Nicht jede Migrationsgesellschaft ist auch eine Diasporagemeinschaft. Die Diasporaforschung befasst sich mit über Generationen spürbaren Nachwirkungen eines Völkermords und von Vertreibung in den Gemeinschaften der Überlebenden und ihrer Nachkommen. Die Traumaforschung befasst sich auch mit der Frage der transgenerationalen Traumatisierung solcher Gemeinschaften. Dahinter stecken die Erfahrung fundamentaler Verluste, der Gedanke einer Heimat, in die es kein Zurück mehr gibt, der Gedanke eines ewigen Exils und der damit verbundenen spezifischen sozialen Strukturen, Eliten und Institutionen nicht staatlicher Art mit verschiedenen religiösen und weltanschaulichen Bezugspunkten. Es geht um die spezifischen Erfahrungen von Gemeinschaften nach Vertreibung und Völkermord, um die Transformation von Gemeinschaften, die zwangsmigriert sind, „displaced“ wurden. Beispiele sind die Erfahrungen und die Geschichte der êzîdischen, der armenischen und der jüdischen Diaspora. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mit seinem interdisziplinären Ansatz ist das Institut für Diaspora- und Genozidforschung schon etwas Singuläres in Deutschland.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Das Institut ist im Jahr 1994 als freie Forschungseinrichtung entstanden. Es ging aus einem Arbeitsschwerpunkt an der Sektion für Sozialpsychologie und Sozialanthropologie an der Ruhr-Universität hervor. Das Projekt wurde von den beiden späteren Gründer:innen des Instituts durchgeführt, </em><a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/dabag.html.de"><em>Mihran Dabag</em></a><em> und </em><a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/platt.html.de"><em>Kristin Platt</em></a><em>. Es war ein Dokumentationsprojekt mit Interviews mit Überlebenden des Völkermords an den Armenier:innen. Mitte der 1980er und zu Beginn der 1990er Jahre wurden 134 lebensgeschichtliche Interviews in einem Umfang von zwei bis 16 Stunden durchgeführt. Daraus ging auch das Buch </em><a href="https://brill.com/display/book/edcoll/9783657784837/B9783657784837-s013.xml"><em>„Verlust und Vermächtnis – Überlebende des Genozids an den Armeniern erinnern sich“</em></a><em> (Paderborn, F. Schöningh, 2015) hervor. Das späte Datum der Veröffentlichung erklärt sich aus dem Umfang und Aufwand des Projekts. </em></p>
<p><em>Ziel der Gründung des Instituts war, das Projekt mit der Perspektive einer grundlegenden Diaspora- und Genozidforschung zu verstetigen. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es in Deutschland kein solches Forschungsfeld. Es gab noch bis vor Kurzem in Deutschland keinen Lehrstuhl, der sich dezidiert mit Völkermord- oder Diasporaforschung beschäftigte. Diese Themen fielen immer unter „Zeitgeschichte“ oder unter „Neuere und neueste Geschichte“. Das Institut sollte Anregungen aus den seit den 1970er Jahren in der anglo-amerikanischen Forschung entstanden Comparative Genocide Studies aufnehmen und diese mit der deutschen Forschung zu Nationalsozialismus und Holocaust verbinden. 1998 wurde das Institut wegen seines Erfolges zu einem An-Institut an der Universität Bochum. Es durfte die Einrichtungen und das Siegel der Universität nutzen, bekam jedoch noch keine Gelder vom Land. 1999 wurde das Institut in die Geschichtswissenschaftliche Fakultät eingegliedert, war damit einem Lehrstuhl gleichgestellt. 2018 /2019 gab es eine sehr erfolgreiche Evaluation. Dadurch erhielt das Institut den Status einer Zentralen Wissenschaftlichen Einrichtung der Universität Bochum. Es ist mit zwei Stellen ausgestattet.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das Institut arbeitet interdisziplinär.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Die Projektarbeitsgruppen, die wir in den letzten 25 Jahren eingerichtet hatten, waren immer interdisziplinär zusammengesetzt, weil wir uns auch mit den Kontexten beschäftigen. Es greifen verschiedene Dinge ineinander, Geschichtswissenschaften, Sozialwissenschaften, Sozialpsychologie, Literaturwissenschaften, Politikwissenschaften, Theologie. Wir arbeiten mit Personen aus der Friedens- und Konfliktforschung zusammen. Auch Aspekte der Wissensgeschichte, der Philosophie spielen eine Rolle. Ein Beispiel: Ein Projekt zu Zukunftsentwürfen und Gewalt in der Literatur der 1920er Jahre klingt zunächst eher literaturwissenschaftlich, war es im Kern auch, aber es haben auch Historiker:innen und Politikwissen- und Sozialwissenschaftler:innen mitgearbeitet, in der Kernarbeitsgruppe wie in erweiterten Arbeitsgruppen. Es geht dabei nicht um eine willkürliche Vermischung, sondern um Synergien. Wenn man aus unterschiedlichen disziplinären Blickwinkeln auf ein Thema schaut, vermag man gemeinsam auch die jeweiligen blinden Flecken zu beleuchten.</em></p>
<h3><strong>Die Zeitschrift für Genozidforschung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Zeitschrift ist das regelmäßige Publikationsorgan des Instituts. Sie erscheint zwei Mal im Jahr.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Die erste Ausgabe erschien 1999. Die Zeitschrift entstand mit dem Ziel, ein Ideenforum zu schaffen und die Disziplin der Genozidforschung in der deutschen Forschung bekannt zu machen. Sie war das erste deutschsprachige Periodikum, das sich ausschließlich der Vorgeschichte, den Durchführungsstrukturen und den Folgen von Genoziden gewidmet hat, um den Diskurs in Deutschland bekannt zu machen, zu evaluieren und weiter zu entwickeln. </em></p>
<p><em>Vielleicht ist folgender Hinweis wichtig für Ihre Leser:innen. Jeder in der Zeitschrift veröffentlichte Beitrag wird zuvor anonymisiert und von zwei Gutachter:innen, die nicht voneinander wissen, bewertet. Die Redaktion entscheidet also nicht alleine. Manchmal wird eine Überarbeitung erbeten, etwa ein Drittel der eingereichten Beiträge wird abgelehnt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Verfahren und Zahl der Ablehnungen verstehe ich als einen Indikator ebenso für die Qualität der Zeitschrift wie für ihre Attraktivität in der wissenschaftlichen Community. Es gibt in der Zeitschrift auch Schwerpunktthemen.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>In der Regel haben wir offene Hefte, die aber oft auch – wie in diesem Fall – ein Schwerpunktthema haben. Es gibt auch reine Themenhefte, die in der Regel von Gastherausgeber:innen gestaltet werden. Das nächste Heft hat das Thema „Praktiken und Semantiken der Gewalt im Spanischen Bürgerkrieg“. Das Thema mag manchen im Kontext der Genozidforschung verwundern, aber es geht um eliminatorische Gewalt gegen politische Gegner:innen. Es geht um Massaker der Falangisten beziehungsweise Nationalisten an Republikanern, es gab auch Massaker von Republikanern an Nationalisten oder von beiden Seiten Massaker an verdächtig erscheinenden Personen.</em></p>
<p><em>Wir verfolgen das Ziel, Diskurse der internationalen Genozidforschung in die bundesrepublikanische Forschung hineinzutragen und mit den etablierten Paradigmen zu verbinden. Inzwischen sind wir dazu übergegangen, die Zeitschrift auch international zu etablieren. Es gibt inzwischen englischsprachige Beiträge mit deutschsprachigen Abstracts, deutsche Beiträge haben englische Abstracts. Es gibt auch viele internationale Autor:innen, auch wenn der Kern nach wie vor deutschsprachige Autor:innen sind, so dass sich der Kreis zu den Comparative Genocide Studies schließt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie unterscheidet sich ihr Ansatz von den amerikanischen Comparative Genocide Studies?</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Die amerikanischen Comparative Genocide Studies hatten einen weitgehend sozialwissenschaftlich geprägten Ansatz. Es gab viel Konfliktsoziologie. Dies wollten wir mit der im Kern sehr historisch orientierten deutschen Forschung zum Nationalsozialismus und zum Holocaust verbinden. Es war nicht so einfach, einen Verlag zu finden. Die Gründer:innen mussten sich mit dem Verdacht auseinandersetzen, mit der Etablierung der Genozidforschung ginge eine Relativierung des Holocaust einher. </em></p>
<h3><strong>Zur Begriffsgeschichte des Genozids </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der Begriff des <em>„Genozids“</em> wird heutzutage inflationär verwandt. Daher denke ich, dass wir ihn präzisieren sollten. Ich habe dazu in Ihrer Zeitschrift eine mir sofort einleuchtende Definition gefunden: <em>„Staatlich legitimierte kollektive Gewalt.“</em></p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Und von staatlicher Seite durchgeführte kollektive Gewalt. Das unterscheidet einen Genozid auch von einem Pogrom. Es geht beim Genozid um die geplante Vernichtung einer Gruppe. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir müssen <em>„Genozid“</em> abgrenzen von <em>„Verbrechen gegen die Menschlichkeit“</em> (im Englischen <em>„Crimes against humanity“</em>) und von <em>„Kriegsverbrechen“</em>. Diese beiden Punkte waren Gegenstand der Nürnberger Prozesse, der Genozid an den europäischen Jüdinnen und Juden war es nicht.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Den juristischen Begriff von „Genozid“ hat Raphael Lemkin geprägt und damit die UN-Völkermordskonvention mitgeprägt. Hintergrund der Arbeiten von Raphael Lemkin waren zunächst der Völkermord an den Armenier:innen und die </em><a href="https://www.deutscharmenischegesellschaft.de/2021/03/25/doku-zur-ermordung-von-talat-pascha-durch-soghomon-tehlirian/"><em>Erfahrungen des Prozesses 1921 in Berlin gegen Soghomon Tehlerian</em></a><em>, der einen der Hauptverantwortlichen für den Völkermord, Talat Pascha, auf offener Straße ermordet hatte. Soghomon Thelerian wurde freigesprochen. Durch den Prozess wurde Raphael Lemkin, polnischer Jude aus dem damals polnischen Lemberg, auf das Problem aufmerksam, dass Gruppen und die Vernichtung von Gruppen im Völkerrecht nicht vorkommen. Er argumentierte, wir bräuchten auf der Ebene des internationalen Rechts einen entsprechenden Straftatbestand, damit die Täter verfolgt und bestraft werden können. Raphael Lemkin hat sich daher zunächst mit den Begriffen „Barbarei“ für die Vernichtung einer Gruppe und „Vandalismus“ für die Zerstörung ihrer kulturellen Grundlagen auseinandergesetzt. </em></p>
<p><em>Raphael Lemkin hat lange an diesem Thema weitergearbeitet, es auf internationalen Völkerrechtssymposien vorgestellt, drang aber nicht durch. Im Jahr 1944 hat er im Auftrag der Alliierten ein Gutachten zur „Herrschaft der Achsenmächte im besetzten Europa“ (</em><a href="https://www.legal-tools.org/doc/b989dd/pdf"><em>„Axis Rule in Occupied Europe“</em></a><em>) geschrieben, in dem er zum ersten Mal den Genozidbegriff verwendet. Lemkin fasst den Genozidbegriff – meine Übersetzung – als „einen koordinierten Plan verschiedener Handlungen, der in der Absicht begangen wird, eine nationale Gruppe als solche zu zerstören“. Lemkin sagt, die Gewalt richte sich nicht gegen die Individuen in ihrer Individualität, sondern gegen die Individuen aufgrund ihrer Mitgliedschaft in einer Gruppe. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Beziehungsweise der ihnen zugeschriebenen Mitgliedschaft. Die Nazis fassten ihren Begriff, wer Jude sei, erheblich weiter als das Judentum selbst. Jude waren auch diejenigen, die oder deren Vorfahren irgendwann einmal zum Christentum konvertiert waren, Juden oder Jüdinnen waren im Unterschied zur Halacha auch all diejenigen, deren Väter keine Juden waren. Es reichte schon, unter den Großeltern jemanden zu haben, der als Jude oder Jüdin galt. Man stritt sich sogar unter Nazi-Juristen, wie weit die Definition reichen sollte.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Das war bei Raphael Lemkin noch kein Thema.</em> <em>Die UN-Völkermordskonvention kam dann aber auch aufgrund der Tatsache zustande, dass bei den Nürnberger Prozessen die Shoah nicht Gegenstand der Verhandlungen war. Es gab den Tatbestand nicht, somit konnte er auch nicht verhandelt werden. Daher kam man auf die Idee, einen entsprechenden Tatbestand im internationalen Strafrecht zu verankern. So entstand die Konvention im Jahr 1948.</em></p>
<p><em>Die meisten wissen nicht, was die Konvention als Völkermord bezeichnet. Viele denken, der Katalog der Maßnahmen sei die eigentliche Definition. Die Definition lautet jedoch: „the intent to destroy a group as such”, „die Absicht, eine Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören“. Das ist eine typisch juristische Definition. Man braucht ein objektives und ein subjektives Straftatbestandsmerkmal. Das subjektive ist „intent“, es muss jemand sein, der das will, das objektive, dass es eine Gruppe sein muss.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die juristische Seite ist eine Seite der Medaille, die historische und sozialwissenschaftliche eine andere. Natürlich bleibt es dieselbe Medaille.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Es gibt eine Vielzahl verschiedener Varianten. Der kleinste gemeinsame Nenner ist sicherlich die Absicht von staatlichen Akteuren oder quasi-staatlichen Akteuren – wie beispielsweise bei der Hamas oder dem Islamischen Staat –, die über Machtressourcen, einen Apparat der Mobilisierung und Medien der Stigmatisierung verfügen. Das gehört dazu, um eine Politik des Genozids als eine solche zu beschreiben und zu definieren. </em></p>
<h3><strong>Kann man Genozide miteinander vergleichen?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wer Genozide miteinander vergleicht, setzt sich dem Vorwurf aus zu relativieren. Vermutet wird der Aufbau von Opferkonkurrenzen oder Hierarchien. Das ist <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/umstrittene-erinnerung/">ein sehr kritisches und in den letzten Jahren im Kontext der Post-Colonial Studies kontrovers diskutiertes Thema insbesondere in der Erinnerungskultur</a>, zuletzt virulent angesichts der Streitigkeiten um das Konzept des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) zur Erinnerungskultur. Dem aktuellen Beauftragten wurde Ignoranz der deutschen Kolonialgeschichte vorgeworfen, seiner Vorgängerin Relativierung der Shoah.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Relationen zu benennen bedeutet nicht etwas zu relativieren. Man fragt oft nach der Singularität der Shoah. Singularität erweist sich jedoch erst in Abgrenzung von anderen Ereignissen. Jedes Ereignis ist für sich erst einmal singulär. Das bedeutet aber nicht, dass es keine Überschneidungen oder miteinander vergleichbare Strukturcharakteristika gibt. Mihran Dabag hat einmal gesagt, wir betreiben keine Fallvergleiche, sondern Strukturvergleiche. Wie verlaufen Prozesse der Segregation, welche Parallelen und welche Unterschiede lassen sich feststellen, die uns dann möglicherweise erst in die Lage zu versetzen, auch Tendenzen in gegenwärtigen Gesellschaften zu erkennen und zu beschreiben?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Literaturwissenschaftlerin <a href="https://www.buechner-verlag.de/autor/anne-d-peiter/">Anne Peiter</a> schreibt regelmäßig in Ihrer Zeitschrift. Sie veröffentlicht regelmäßig sehr anregende Beiträge zur vergleichenden Genozidforschung. Ich habe ein ausführliches Interview mit ihr veröffentlicht, Titel: „<a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/des-genocides-populaires/">Des génocides populaires“</a>, in dem sie Parallelen zwischen der Struktur und der Aufarbeitung des Tutsizids in Ruanda und der Shoah beschreibt. Sie hat beispielsweise eine ganze Reihe französischsprachiger Literatur mit Berichten von Überlebenden des Tutsizids analysiert, die ähnlich argumentieren wie in der deutschsprachigen Literatur zur Shoah.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Vergleich macht grundsätzlich Sinn, vor allem aber dann, wenn man in irgendeiner Weise Ähnlichkeiten und Differenzen von Strukturcharakteristika von Gewaltpolitiken sichtbar machen kann. Im Vergleich zeigt sich erst das Besondere der einzelnen genozidalen Akte. Es gibt Parallelen in der Shoah wie im Völkermord an den Armenier:innen oder beim Tutsizid in der Extegration innerhalb einer Gesellschaft im Vorlauf der eigentlichen genozidalen Handlungen und Maßnahmen. Natürlich gibt es auch viele Unterschiede. Das bedeutet aber nicht, dass die Feststellung ähnlicher Charakteristika eine Form der Relativierung wäre. Ein Vergleich trägt dazu bei, genozidale Prozesse überhaupt zu verstehen. Im Verlauf wie in der Erinnerung. </em></p>
<h3><strong>Resonanzräume der Erinnerung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Je nachdem, wie man sich erinnern möchte, wird der Begriff des „Genozids“ beliebig. Das ließe sich jedoch verhindern.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Die Idee der „Multidirektionalen Erinnerung“ des amerikanischen Literaturwissenschaftlers </em><a href="https://michaelrothberg.weebly.com/index.html"><em>Michael Rothberg</em></a><em> (die englische Ausgabe erschien bereits 2009, die deutsche erst 2024) wurde auch oft kritisiert. Aber man muss bedenken, dass die Anerkennung von Gewalt oft funktioniert, indem man sich auf ein anerkanntes Ereignis bezieht. Anne Peiter hat herausgearbeitet, wie sich Werke zur Erinnerung an den Tutsizid auf Werke der Erinnerung an die Shoah beziehen. Das ist auch Thema des Buches „Verlust und Vermächtnis“ von Kristin Platt und Mihran Dabag zum Völkermord an den Armenier:innen. Die Shoah ist ein Referenzpunkt, ebenso wie der Völkermord an den Tutsi oder der Völkermord an den Armenier:innen, um die eigene Erfahrung einzufangen und eine Sprache zu finden, die verstanden wird. Natürlich ist der Modus, in Ost- oder in Südafrika über die Erfahrungen des Genozids zu sprechen, nicht auf andere Erfahrungen anderswo übertragbar. </em></p>
<p><em>Vor diesem Hintergrund finde ich die Idee der „commemoration“ als wissenschaftliches Konzept interessant. Wenn das Ergebnis eines Vergleiches wäre, alles ist gleich, war der Vergleich verkehrt. Der Vergleich muss einen Mehrwert ergeben, mit Blick auf das Verglichene und letzten Endes auf die einzelnen Dinge, die in ein komparatives Verhältnis gestellt werden. Ein Vergleich muss Unterschiede und Besonderheiten sichtbar machen. Genau dies geschieht in Erzählungen von Überlebenden, auch in der Literarisierung in der zweiten und dritten Generation. Wenn beispielsweise Nachfahren der Überlebenden des Genozids an den Armenier:innen in den 1950er Jahren sich auf die Shoah beziehen, wird dies ein Resonanzraum, auch umgekehrt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Einen solchen Resonanzraum finden wir auch bei der Erinnerung beziehungsweise dem Traumatransfer in einer Gruppe. Benjamin Netanjahu bezog sich am 7. Oktober 2023 auf ein Pogrom des Jahres 1903 im russischen Kischinew (heute: Chișinău, Moldau) und das Gedicht von Chaim Nachman Bialik „In der Stadt des Tötens“. Darauf wies die Psychotherapeutin und Romanautorin Ayelet Gundar-Goshen im Nachwort zur deutschen Neuauflage mehrerer Texte des Autors hin (in: Chaim Nachman Bialik, <a href="https://www.beck-shop.de/bialik-wildwuchs/product/37479584">Wildwuchs – Erzählungen aus Wolhynien</a>, München, C.H. Beck, 2025). Genozide, Massaker, Pogrome tragen zur Identitätsbildung bei. Zumindest bei den Überlebenden und Nachfahren der Opfer.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>:<em> In der deutschen Erinnerungskultur spielt der Holocaust, die Shoah nicht die tragende Rolle, die Auschwitz spielt. Auschwitz ist eine zentrale Chiffre für die Identitätsbildung in der alten Bundesrepublik Deutschland. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Diese These vertritt Robert Menasse in seinem Roman „Die Hauptstadt“ (Berlin, Suhrkamp, 2017) für ganz Europa.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Ich sage es etwas polemisch: Die Bundesrepublik Deutschland hatte zwei Gründungserzählungen, das positive war die Währungsreform, das negative Auschwitz. Auschwitz spielt die Rolle der negativen Folie der eigenen Identität. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Joschka Fischer begründete die Beteiligung Deutschlands am NATO-Einsatz im Jugoslawien-Krieg mit der Verpflichtung nach Auschwitz.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Damit ist man am Ende auf der Ebene der Politisierung des Begriffs „Genozid“. Das ist kein Argument gegen die Richtigkeit einer Maßnahme, aber es zeigt, dass der Begriff inzwischen auch ein Begriff im politischen Kampf geworden ist, als maximale Skandalisierungschiffre. Sobald ich etwas als „Holocaust“ bezeichne, steigere ich diese Skandalisierung noch.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Den Begriff „Holocaust“ verwenden zum Beispiel radikale Tierschützer:innen und Abtreibungsgegner:innen.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Das ist höchst gefährlich, weil der Begriff damit ausgehöhlt wird. Man höhlt ihn aus als Instrument des internationalen Rechts zum Schutz der Existenz und Sicherheit von Gruppen. Der inflationäre Gebrauch der Begriffe „Holocaust“ oder „Genozid“ führt auch dazu, dass irgendwie alles zu „Holocaust“ und „Genozid“ wird. Das macht keinen Unterschied mehr. Deswegen bin ich immer sehr vorsichtig, vorschnell auf die Frage zu antworten, ob etwas ein Völkermord sei. Man muss sich die Dinge erst einmal sehr genau anschauen. Man muss alle Seiten hören und in ihrer Sprache kommunizieren. Die meisten, die heute über Israel oder Gaza sprechen, verstehen weder Hebräisch noch Arabisch.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Viele wussten bis vor Kurzem nicht, dass Ukrainisch eine eigene, sich vom Russischen unterscheidende Sprache ist. Umso wichtiger ist ein interdisziplinärer und – das möchte ich ergänzen, auch wenn es ein Wortspiel sein mag – disziplinierter Umgang mit Begriffen.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Der Begriff des Genozids ist selbst schützenswert, das Konzept als solches, sodass man es nicht inflationär entwerten darf.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Kann vergleichende Genozidforschung zur Prävention beitragen, vielleicht im Sinne eines Frühwarnsystems?</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Es ist immer sehr vollmundig zu sagen, Genozidforschung wolle dazu beitragen, Genozidprävention zu betreiben. Wenn man sieht, dass Gesellschaften von starken segregativen Diskursen bestimmt sind, von Diskursen der Ausgrenzung, der Dehumanisierung, muss das nicht zwangsläufig dazu führen, dass am Ende eine Massenvernichtung stattfindet, aber es sind zumindest Indikatoren, die man in irgendeiner Form extrapolieren kann.</em></p>
<h3><strong>Entscheidend sind die Täter</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir haben Genozid als <em>„staatlich legitimierte kollektive Gewalt und von staatlicher Seite durchgeführte kollektive Gewalt</em>“ definiert.</p>
<p>Ich möchte diese Definition zunächst auf Gaza anwenden. Das bedeutet meines Erachtens, dass das, was die Hamas in ihrer Charta aufgeschrieben und was der Iran plant und mit der bis 2040 laufenden Uhr auf dem Palästina-Platz in Teheran dokumentiert, den Tatbestand des Völkermords erfüllt, das, was die israelische Regierung beziehungsweise die israelischen Verteidigungskräfte machen, nicht, sehr wohl aber das, was Minister wie Itamar Ben Gvir und Bezalel Smotrich äußern.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>:<em> Das ist eine hervorragende Differenzierung, die viel zu selten gemacht wird. Die Hamas erklärt in ihrem Statut, dass ihr Ziel die Vernichtung Israels ist. Das ist eine ganz klar erklärte genozidale Absicht. Das gilt auch für die Islamische Republik Iran. Auf der anderen Seite: Eine Vernichtung der Palästinenser ist nicht israelische Staatsdoktrin. Es gibt jedoch Mitglieder der israelischen Regierung, die ganz klar eine genozidale Absicht äußern. </em></p>
<p><em>Damit kommen wir zu dem nächsten Punkt, den auch viele vergessen. Der Staat Israel kann gar nicht für einen Völkermord verantwortlich sein. Strafrechtlich verfolgt werden können nur Individuen. Man kann Benjamin Netanjahu anklagen, aber nicht den Staat Israel, man konnte Slobodan Milošević anklagen, nicht aber den damaligen Staat Jugoslawien. Man kann auch keine Parteien anklagen, nur Individuen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das entspricht im Großen und Ganzen dem deutschen Strafrecht. Angesichts der RAF hat man allerdings eine kollektive Verantwortung ins Strafrecht eingefügt, weil man damals nicht wusste, wer auf wen geschossen hat. Auch heute noch schweigen die Mitglieder der RAF.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Das wäre die Brücke über die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, die auch bei der Mitgliedschaft in der NSDAP oder in SS und SA herangezogen werden konnte. Es ist in diesem Kontext interessant, dass in der gesamten Debatte um Gaza die genozidale Absicht der Hamas fast überhaupt nicht thematisiert, sondern als antikoloniale Selbstermächtigung verharmlost wird. Diese Differenzierung ist wichtig. Bei der Bewertung all dessen, was in Gaza geschehen ist und geschieht, sind viele, die eine pauschale Palästinasolidarität postulieren, sehr blind. Auf beiden Augen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Blindheit verschärft sich, wenn Jüdinnen und Juden weltweit für das Vorgehen des Staates Israel in Gaza in Mitverantwortung genommen werden, ungeachtet der Frage, ob sie israelische Staatsbürger:innen sind und ebenso ungeachtet der Frage, wie sie selbst zu Netanjahu und seinen rechtsextremen Koalitionspartnern stehen.</p>
<p>Ein anderer Fall, an dem wir die von uns unterstützte Definition des Genozids anwenden könnten, wäre das Vorgehen Russlands in der Ukraine. Ich denke, dass es die Kriterien eines Völkermords erfüllt. Putin behauptet zwar, er habe auf einen Völkermord an Russen im Donbass reagiert, doch lässt sich kein Beleg finden, dass die ukrainische Regierung dies in irgendeiner Weise beabsichtigt. Auf der anderen Seite verlangt Putin die Auslöschung der ukrainischen Nation, der ukrainischen Kultur, der Sprache, zwangsassimiliert Menschen in den besetzten Gebieten, nach Russland entführte Kinder, die dort zur Adoption freigegeben werden. In seinen Reden oder noch schärfer in Reden Dmitri Medwedews. Die „Blätter für deutsche und internationale Politik“ dokumentierten in ihrer Ausgabe vom Juni 2024 einen Beitrag von Medwedew mit dem Titel <a href="https://www.blaetter.de/ausgabe/2024/juni/dokumentiert-russlands-historische-mission">„Russlands historische Mission“</a>, in dem er <em>„die Entnazifizierung des erfundenen Gebiets, das sich ‚ukrainischer Staat‘ nennt“ </em>forderte. Ich sehe hier neben der Täter-Opfer-Umkehr eine eindeutig genozidale Absicht. Es soll nach Ende der sogenannten <em>„Spezialoperation“</em> keine Ukraine und keine Ukrainer:innen mehr geben.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Bleiben wir erst einmal bei den Kriegshandlungen. Es gibt keinen Krieg ohne Kriegsverbrechen. Nicht jedes Massaker ist ein Völkermord. Man darf auch nicht glauben, ein Massaker wäre schlimmer, wenn man es als „Völkermord“ etikettieren könnte. Begrenzte Massaker haben dieselbe Qualität. </em></p>
<p><em>Die Behauptung der Nicht-Existenz eines ukrainischen Volkes könnte man als Indiz für eine genozidale Absicht nehmen. Man hat mit Sicherheit einen genozidalen Diskurs. Das sehe ich auch in Bezug auf einige Mitglieder der israelischen Regierung, die behaupten, es gäbe kein palästinensisches Volk. Darüber sprachen wir.</em></p>
<p><em>Ein interessanter Fall ist Srebenica. Es geht um die Ermordung von etwa 8.000 Männern, die Frauen und Kinder wurden deportiert. Man könnte fragen, wie dies ein Völkermord sein könnte. Man muss letzten Endes sehen, dass Gewaltmaßnahmen jenseits von ihrer manifesten Praxis eine erhebliche kommunikative Funktion haben. Diese hatte das Massaker der Hamas auf jeden Fall. Deshalb haben die Täter das auch so ausführlich dokumentiert und gestreamt. Es war eine Botschaft der Vernichtung. Genauso war das Massaker in Srebenica eine Botschaft. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In meinem Essay <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/738-tage/">„738 Tage“</a> habe ich unter anderem die Ausstellung der Nova-Foundation beschrieben, die Originalvideos, -telefonate und -orte des Massakers in ergreifender Weise dokumentierte. Darunter war auch das Video mit der ermordeten nackten Shani Louk auf einem Pick-Up und um sie herumsitzenden Hamas-Terroristen, die Allah lobten. In einem anderen Video hörte man Hamas-Terroristen rufen, dass sie an diesem Tag ins Paradies kämen, weil sie so viele Juden getötet hätten.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Aus diesem Grund bin ich auch der Meinung, dass Srebenica einen genozidalen Charakter hatte, ungeachtet der scheinbar begrenzten Gewalt, die es aber darauf anlegt, entgrenzt zu werden. Das ist die Semantik dieser Tat. Auch die Absicht, „intent“ wird damit explizit ausgesprochen, dass es die Absicht sei, dass dies allen passiert. Das war am 7. Oktober genauso. </em></p>
<h3><strong>Die Debatten um die Anerkennung eines Völkermords am Beispiel Armenien</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In der ersten Ausgabe Ihrer Zeitschrift für das Jahr 2026 geht es unter anderem um Armenien. Thema sind auch die deutsche Mitschuld und die nach wie vor fehlende Anerkennung des Völkermords durch den türkischen Staat. Es gab von der Türkei heftig kritisierte Parlamentsbeschlüsse, <a href="https://dserver.bundestag.de/btd/18/086/1808613.pdf">in Deutschland am 2. Juni 2016</a>, <a href="https://www.assemblee-nationale.fr/11/ta/ta0611.asp">in Frankreich schon am 18. Januar 2001</a>, die das Massaker an den Armenier:innen als Völkermord anerkannten. Ich wage aber auch die These, dass der Zeitpunkt zumindest des deutschen Beschlusses durchaus etwas damit zu tun hatte, dass man Erdoğan – vorsichtig gesprochen – Grenzen setzen wollte. Aber vielleicht wollte man auf diese Weise auch nur die eigene Mitschuld vergessen lassen. Das mag auch für die späte Anerkennung des Holodomor in der Ukraine und in Kasachstan <a href="https://dserver.bundestag.de/btd/20/046/2004681.pdf">am 30. November 2022 durch den Deutschen Bundestag</a> gelten. Ohne die russische Vollinvasion vom 24. Februar 2022 wäre es möglicherweise nicht so weit gekommen und die Ukraine wäre in Deutschland weiterhin im Sinne von Martin Schulze Wessel <a href="https://www.chbeck.de/schulze-wessel-uebersehene-nation/product/36959121">„Die übersehene Nation“</a> geblieben (München, C.H. Beck, 2025). Über Kasachstan redet man zurzeit nach wie vor nicht.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Bei Ihnen schwang ein wenig mit, dass die Anerkennung des Völkermords an den Armenier:innen politisch instrumentalisiert wurde. Ich sehe das ehrlich gesagt nicht so. Man muss meines Erachtens zwei Dinge beachten. Einmal: Warum leugnet die Türkei diesen Völkermord heute noch so vehement? Die Türkei wurde 1923 gegründet, bis dahin bestand das Osmanische Reich fort. Es gab die Istanbuler Prozesse, die von Osmanen geführt wurden, in denen eine Reihe der Akteure verurteilt worden.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Somit gab es damals eine Anerkennung der Schuld.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Darüber gab es im Osmanischen Reich einen großen Diskurs. Die Jungtürken-Bewegung, die seit 1913 allein den osmanischen Staat steuerte und den Völkermord plante und durchführte, galt als die größte Schande für die muslimischen Osmanen. Das wurde in Zeitungen diskutiert. Die Hauptverantwortlichen, das Triumvirat von Enver Pascha, Talat Pascha und Cemal Pascha, wurden in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Talat Pascha flüchtete mit deutscher Hilfe nach Berlin, Enver Pascha flüchtete über Berlin nach Turkmenistan, Cemal Pascha nach Georgien. Das Deutsche Reich half ihnen, sich der Strafverfolgung zu entziehen. Dies geschah in der Übergangszeit vom Kaiserreich zur Weimarer Republik, maßgeblich gesteuert von Hans von Seekt, der dann 1920 bis 1926 die Heeresleitung der Reichswehr innehatte.</em></p>
<p><em>Mit dem sogenannten türkischen Befreiungskrieg durch Kemal Atatürk veränderte sich die Situation. Man versuchte, die Geschichte hinter sich zu lassen. Seit 1923 wird versucht, ein nationalpolitisches Identitätsnarrativ zu etablieren, aus eigener Kraft hätten es die Türken geschafft, den altmodischen imperialen osmanischen Staat hinter sich zu lassen und einen modernen türkischen Staat zu gründen. Die ethnische Homogenisierung Anatoliens sei sozusagen die Grundbedingung dafür gewesen, den türkischen Nationalstaat zu schaffen. Dieses Narrativ gilt bis heute. In eine solche   „Erfolgsgeschichte der Türkei“ lässt sich der Völkermord an den Armenier:innen, an der assyrisch-armenischen, an der pontischen Bevölkerung im Schwarzmeergebiet, an der christlichen Bevölkerung im osmanischen Reich also schlecht erzählen. Das passte nicht hinein. Seit 1938, Jahr des Massakers in Dersim, dann nach 1945 hat die Türkei sich sehr empfindlich gezeigt und immer heftig reagiert, wenn jemand den Völkermord an den Armenier:innen thematisiert hat.  </em></p>
<p><em>Mihran Dabag hat 1984 in Bonn die erste Konferenz zu diesem Völkermord durchgeführt. Es gab extreme Interventionen der Türkei, massive Morddrohungen nationalistischer Organisationen in der Türkei gegen Organisator:innen und Referent:innen. Die Konferenz fand unter dem Schutz des Bundesgrenzschutzes statt, mit einem über dem Tagungsgebäude kreisenden Hubschrauber. Als wir dann 2005 eine Handreichung für die Schulen im Land Brandenburg vorbereiteten, in der unter anderem der Völkermord an den Armenier:innen thematisiert werden sollte, hat die türkische Botschaft interveniert. Das Land Brandenburg knickte ein und wir mussten eine gekürzte Handreichung veröffentlichen.</em></p>
<p><em>Ich sehe zwei Gründe, warum die Anerkennung des Völkermords an den Armenier:innen in Deutschland so lange gedauert hat. Das eine ist die Sorge der Relativierung der Shoah durch die Anerkennung eines weiteren Völkermords. Das war auch von Ernst Nolte im Historikerstreit so beabsichtigt. Er wollte die Shoah in der Tat relativieren, indem er Vorbilder benannte. Der zweite Punkt ist die Tatsache, dass die Türkei ein wichtiger Bündnispartner in der NATO ist. Die Türkei hatte auch einen immer größeren türkischen Bevölkerungsanteil in Deutschland, der auch eine große Wählergruppe bildet. </em></p>
<p><em>Ich bin seit 2001 an der Universität Bochum. Bei den jungen türkischstämmigen Studierenden ändert sich inzwischen etwas. Sie sind interessiert, gehen zunehmend kritisch mit der Geschichte in der Türkei um. Die Anerkennung im Deutschen Bundestag hat somit etwas bewirkt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es ist spekulativ, aber ich kann mir vorstellen, dass auch der <a href="https://www.youtube.com/watch?v=5XuABgQIVNs">Film „The Cut“ von Fatih Akin</a> (2014) eine Rolle für diese Entwicklung gespielt hat.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Auf jeden Fall.      </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Berlin erlebte ich bei einer Veranstaltung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur etwa auch um die Mitte der 2010er Jahre einmal, dass der Leiter einer türkischen Schule sagte, er habe in Deutschland gelernt, dass man sich mit einem Bekenntnis zu den Verbrechen der Vergangenheit und ihrer Aufarbeitung nicht beschmutze, sondern ehrlich mache. Diese Auffassung haben sicherlich nicht alle Eltern seiner Schüler:innen geteilt.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Sie kennen den </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Artikel_301_(t%C3%BCrkisches_Strafgesetzbuch)#Geschichte_und_Wortlaut"><em>Artikel 301 des türkischen Strafgesetzbuchs: „Beleidigung des Türkentums“</em></a><em>. Es gibt in türkischen Schulbüchern bis heute Aufforderungen an Schüler:innen, in Aufsätzen die Gräuel der armenischen Bevölkerung gegen Türken zu beschreiben. Man muss schon davon ausgehen, dass solche Geschichtsbilder in der türkischen Community eine Rolle spielen. Das ist ja auch nicht verwunderlich.</em></p>
<p><em>Aber es hat sich auch im Verhalten etwas verändert. Vor zehn Jahren gab es bei Vorträgen, die wir zum Thema hielten, noch organisierte Störer, die im Saal verteilt mit vorbereiteten Fragen eingriffen. Das gibt es nicht mehr.</em></p>
<h3><strong>Verschleppte Anerkennung am Beispiel Namibia </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Deutschland versuchen nach wie vor viele interessierte Menschen den deutschen Völkermord an den Ovoherero und Nama kleinzureden. Im aktuell vorliegenden Konzept des Beauftragten für Kultur und Medien kommt die Kolonialgeschichte nicht mehr vor. Sie soll in einem späteren Konzept gesondert thematisiert werden. Christiane Bürger und Sahra Rausch veröffentlichten 2025 im Augsburger MaroVerlag das von Tuaovisiua Betty Katuuo kongenial illustrierte MaroHeft. <a href="https://www.maroverlag.de/marohefte/279-der-prozess-9783875126297.html">„Der Prozess – Wie der deutsche Völkermord an den Herero und Nama nicht vor Gericht kam“</a>. Der Streit um Entschädigungen zwischen Deutschland und Namibia ist endlos. Das einzige Museum zum diesem Völkermord betreibt in Swakopmund (Namibia) Laidlaw Peringanda auf zwölf Quadratmetern. Joshua Beer berichtete am 15. Januar 2026 in der Süddeutschen Zeitung über die Konflikte um dieses Museum: <a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/gesellschaft/namibia-swakopmund-kolonialismus-genozid-museum-e824362/">„Das Genozidmuseum im deutschen Idyll von Afrika“</a>. Das ist die eine Seite, die andere bilden Versuche, jede Beschäftigung mit diesem Völkermord als Relativierung der Shoah oder gar als Antisemitismus zu brandmarken. In Swakopmund kommt auch gelegentlich jemand von der AfD vorbei und legt Blumen am Grab eines Verantwortlichen für den Völkermord nieder. In Deutschland gibt es wie in Frankreich oder in Großbritannien auch Positionen, in denen die Kolonialpolitik als Zivilisationsprojekt gelabelt wird.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>:<em> Leider hat die Zunft der Historiker:innen bis in die 1980er Jahre hinein genau dies propagiert. Der Kolonialismus habe Zivilisation und Technologie in die Welt getragen und dann gab es eben ein paar Kollateralschäden. Ich habe selbst viel zum Völkermord in Südwestafrika gearbeitet. Wenn man sich Lexika anschaut, die nach 1945 bis weit in die 1960er und 1970er Jahre hinein den Völkermord gar nicht erwähnten. Da hieß es dann, dass die Herero im Aufstand von 1904 ihre Stammesstruktur verloren hätten. Da ist die Schuld schon klar benannt: Dumm gelaufen, ließe sich sagen. Es ist erst sehr spät erforscht worden, dass dort eine systematische Ermordungsstrategie gefahren worden ist. </em></p>
<p><em>Ich denke, man muss die Akteure – es ist hier ein richtiges Maskulinum, denn es waren fast alles Männer – des Kolonialismus benennen und auch Straßennamen entehren. Es gibt natürlich auch Aktivist:innen, die keinen Kant mehr lesen wollen, weil bei ihm rassistische Textstellen zu finden sind. Dann wird es schwierig, denn wir müssten letztlich die gesamte Diskursgeschichte bis in die 1990er Jahre abschaffen oder überall Triggerwarnungen anbringen. Wenn von mir verlangt wird, bei einem Seminar zu genozidaler Gewalt eine Triggerwarnung anzubringen, dass es hier um Gewalt geht, geht mir das zu weit. Es gibt ein paar Leute, die das gerne so hätten. Von einer Kollegin in Paderborn weiß ich, dass es dort so üblich ist, aber ehrlich gesagt weiß ich doch bei einer Seminarankündigung zum Thema Genozid oder zum Lagersystem des Nationalsozialismus, dass es da um Gewalt geht. </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im März 2026, Internetzugriffe zuletzt am 25. Februar 2026, Titelbild: NoRei<em>.</em>)</p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/the-intent-to-destroy-a-group-as-such/">&#8222;The Intent to Destroy a Group as Such&#8220;</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://demokratischer-salon.de/beitrag/the-intent-to-destroy-a-group-as-such/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>&#8222;We remember&#8220;</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/we-remember/</link>
					<comments>https://demokratischer-salon.de/beitrag/we-remember/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 21 Feb 2026 05:45:12 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=7869</guid>

					<description><![CDATA[<p>„We remember“ Die erste Holocaust-Ausstellung in der arabischen Welt Das kulturgeschichtliche Museum Crossroads of Civilizations in Dubai widmet sich der Rolle der Stadt am Golf als historischer Knotenpunkt zwischen Europa, Afrika und Asien. Anhand zahlreicher Artefakte will es an das Zivilisationen übergreifende gemeinsame Erbe der Menschheit erinnern und Werte wie Toleranz und kulturelle Vielfalt  [...]</p>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/we-remember/">&#8222;We remember&#8220;</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-5 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-4 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-5" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>„We remember“</strong></h1>
<h2><strong>Die erste Holocaust-Ausstellung in der arabischen Welt</strong></h2>
<p>Das kulturgeschichtliche Museum Crossroads of Civilizations in Dubai widmet sich der Rolle der Stadt am Golf als historischer Knotenpunkt zwischen Europa, Afrika und Asien. Anhand zahlreicher Artefakte will es an das Zivilisationen übergreifende gemeinsame Erbe der Menschheit erinnern und Werte wie Toleranz und kulturelle Vielfalt vermitteln.</p>
<p>Im Mai 2021, weniger als ein Jahr nach der Normalisierung der Beziehungen zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten und Israel im Rahmen der sogenannten Abraham-Abkommen, wurde mit dem Themenraum „We Remember“ die erste Holocaust-Ausstellung in der gesamten arabischen Welt eröffnet.</p>
<h3><strong>Hintergrund</strong></h3>
<div id="attachment_7872" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7872" class="wp-image-7872 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Bild-am-Eingang-zum-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Bild-am-Eingang-zum-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Bild-am-Eingang-zum-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Bild-am-Eingang-zum-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Bild-am-Eingang-zum-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Bild-am-Eingang-zum-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Bild-am-Eingang-zum-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Bild-am-Eingang-zum-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat.jpg 1024w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7872" class="wp-caption-text">Bild am Eingang des Museums. Foto: privat.</p></div>
<p>Das Crossroads of Civilizations Museum (CCM) liegt im historischen Schindagha-Viertel, einem der ältesten Stadtteile Dubais, unweit des Khor Dubai (Dubai Creek), einem Meeresarm des Arabischen Golfs, der für die Geschichte der Stadt von überragender Bedeutung war. Das CCM bildet gemeinsam mit einem Museum für seltene Bücher, Manuskripte und Drucke und einem Waffenmuseum die <a href="https://themuseum.ae/">„Museum Group“</a>, welche die <em>„Bedeutung universeller Werte wie Toleranz und Respekt hervorheben“</em> und zeigen will, <em>„welche wesentliche historische Rolle sie für das Gedeihen und den Fortschritt der menschlichen Zivilisationen in verschiedenen Bereichen gespielt haben“</em>.</p>
<p>Hervorgegangen sind die drei Museen aus der privaten Sammlung ihres Gründers und Direktors Ahmed Obaid Al Mansoori. Al Mansoori war Politiker und als einer von acht Vertretern des Emirats Dubai Mitglied des 40-köpfigen Föderalen Nationalrats, des vor allem mit beratenden Kompetenzen ausgestatteten Parlaments der Vereinigten Arabischen Emirate. In Dubai war er in etlichen Führungsfunktionen tätig und Vorstandsmitglied zahlreicher Institutionen und hochrangiger Ausschüsse.</p>
<p><a href="https://themuseum.ae/introduction/">Das 2014 offiziell eröffnete CCM</a>, das ursprünglich im Erdgeschoß von Al Mansooris Wohnsitz angesiedelt war, ist mittlerweile als privates Museum in einem historischen, restaurierten Gebäude beheimatet, der früheren Residenz des Bruders des Großvaters des heutigen Herrschers von Dubai, Muhammad bin Raschid Al Maktum.</p>
<h3><strong>Rund um den Innenhof</strong></h3>
<p>Die Ausstellungsräume des Museums liegen rund um den Innenhof des Gebäudes. Sie beinhalten <a href="https://themuseum.ae/department-cross-roads-of-civilization/">sechs Galerien</a>, die sich verschiedenen Themen widmen:</p>
<ul>
<li>Lokale Geschichte,</li>
<li><em>„Königliche Verbindungen“</em>, also Ausstellungsstücke über Herrscher und andere bedeutende Personen aus der arabischen Welt, aus Asien und aus Europa, die vom 16. bis zum 20. Jahrhundert die Geschichte der Region beeinflusst haben,</li>
<li>Zeugnisse von Reisenden und Entdeckern,</li>
<li>Palästina und das Heilige Land,</li>
<li>Religiöse Artefakte verschiedener Religionen,</li>
<li>Islamische Kunstwerke.</li>
</ul>
<p>Gleich beim Eintritt in den Innenhof werden die Besucher von einem gemalten Bild begrüßt, das den Geist des CCM knapp auf den Punkt bringt: Zu sehen sind zwei junge Männer, die gemeinsam Kaffee trinken und lachen. Einer von ihnen trägt eine traditionelle emiratische Dishdasha (ein weißes, langärmeliges Überkleid) und auf dem Kopf eine weiße Ghutra (ein mit einer schwarzen Kordel gehaltenes, gefaltetes Tuch), der andere trägt westliche Kleidung – und eine Kette mit Davidstern um den Hals. Darüber ist zu lesen: „#Cousins_Meetup“.</p>
<p>Denn schon vor den sogenannten Abraham-Abkommen und der Normalisierung der Beziehungen zwischen den Emiraten und Israel war Direktor Al Mansoori die Erinnerung an jüdisch-arabische Beziehungen ein großes Anliegen. Im Gegensatz zu weit verbreiteten, geschichtsverleugnenden Ansichten betont er: <em>„Juden haben im Nahen Osten schon immer eine wichtige Rolle gespielt.“ </em>(zitiert nach: <a href="https://www.abramundi.org/post/we-remember-dubais-unforgettable-exhibition">Salomé Nabeth, Salomé: “We Remember”: Dubai’s unforgettable exhibition, in: Abramundi 17. Juli 2025</a>).</p>
<h3><strong>Das <em>„größte Verbrechen gegen die Menschheit“</em></strong></h3>
<p>Die grassierende Ignoranz über die Vergangenheit und aktuelle antisemitische Vorfälle gehörten zu den Faktoren, die Al Mansoori dazu trieben, den bestehenden sechs Galerien des CCM noch eine siebente hinzuzufügen, die sich der Erinnerung an das <em>„größte Verbrechen gegen die Menschheit“</em> widmet (zitiert nach: <a href="https://www.jewishnews.co.uk/meet-al-mansoori-the-man-behind-the-first-shoah-exhibit-in-the-arab-world/">Etan Salman, in: Jewish News 20. März 2023</a>). <em>„Es ist uns sehr wichtig«, betont Al Mansoori, »dass wir uns darauf konzentrieren, Menschen über die Tragödien des Holocaust aufzuklären, denn Bildung ist das Gegenmittel gegen Unwissenheit“ </em>(zitiert nach: <a href="https://allarab.news/first-ever-gulf-holocaust-exhibition-debuts-in-uae-amid-rise-of-anti-semitism-worldwide/">All Arab News 12. Juni 2021</a>).</p>
<p>Inspiriert unter anderem durch das United States Holocaust Memorial Museum in Washington, zu dessen Spendern Al Mansoori seit Jahrzehnten gehört, erstellte er mit der israelischen Kuratorin Yael Grafy und in Kooperation mit internationalen jüdischen Organisationen den Ausstellungsraum „We Remember“, der im Mai 2021 eröffnet wurde.</p>
<p>Zu den Gästen der Eröffnungsfeier zählten sowohl der damalige deutsche als auch der damalige israelische Botschafter in den Vereinigten Arabischen Emiraten. <em>„Wer hätte vor siebzig oder achtzig Jahren gedacht, dass ein israelischer Botschafter und ein deutscher Botschafter hier zusammensitzen würden – in einem arabischen Land – und eine Ausstellung zum Gedenken an den Holocaust besuchen würden?“</em>, so Israels Botschafter Eitan Na’eh (All Arab News 12. Juni 2021).</p>
<h3><strong>Finger in Wunden</strong></h3>
<p>Die <a href="https://themuseum.ae/we-remember-holocaust-memorial-gallery">Ausstellung „We Remember“</a> besteht nur aus einem Raum, in dem aber viele Inhalte untergebracht wurden. So zieht die Ausstellung einen Bogen vom Aufstieg des Nationalsozialismus und dem diesen charakterisierenden Antisemitismus über die Jahre der Verfolgung und Vernichtung bis in die heutige Zeit. Dabei werden historische Informationen mit der Schilderung individueller Schicksale wie jenem von Anne Frank und mit Zeugenaussagen von Überlebenden sowie von Angehörigen der Opfer kombiniert.</p>
<div id="attachment_7871" style="width: 253px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7871" class="wp-image-7871 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Blickfang-im-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-225x300.jpg" alt="" width="243" height="324" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Blickfang-im-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Blickfang-im-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Blickfang-im-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-400x533.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Blickfang-im-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-600x800.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Blickfang-im-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-768x1024.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Blickfang-im-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-800x1067.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Blickfang-im-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat.jpg 1152w" sizes="(max-width: 243px) 100vw, 243px" /><p id="caption-attachment-7871" class="wp-caption-text">Blickfang im Museum. Foto: privat.</p></div>
<p>Zentraler Blickfang im Raum ist ein lebensgroßes Bild eines kleinen Jungen, eine Reproduktion einer ikonischen Fotografie aus dem Warschauer Ghetto in Polen aus dem April oder Mai 1943. Originalwaffen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs aus der Sammlung des Museums hängen rund um das Bild von der Decke herab, die Gewehrläufe auf den Jungen gerichtet.</p>
<p>An den Waffen sind, neben Fotos weiterer ermordeter Kinder, Karten befestigt, die kurze Antworten auf zentrale Fragen zum Holocaust geben, etwa: <em>„Warum wurden gerade die Juden zur Vernichtung ausgewählt?“</em>, <em>„Hatten die Nazis von Beginn ihres Regimes an geplant, die Juden zu ermorden?“</em> oder <em>„Worin bestand der Unterschied zwischen der Verfolgung der Juden und der Verfolgung anderer Gruppen, die von den Nazis als Feinde des Dritten Reichs eingestuft wurden?“</em> Ausdrücklich erwähnt werden in der Ausstellung die Opfergruppen der Roma, slawische Völker (Polen und Russen) und sowjetische Kriegsgefangene, aber auch Kommunisten, Sozialisten, Zeugen Jehovas und Homosexuelle.</p>
<p>Einen Schwerpunkt der Schau stellen die Geschichten einiger Araber/Muslime dar, die Juden vor der Verfolgung gerettet haben, darunter Selahattin Ülkümen, der als türkischer Konsul in Rhodos Dutzende jüdische Familien vor der Deportation und Vernichtung gerettet hat, und Mohammed Helmy, ein in Berlin lebender arabischer Arzt, der ab dem Beginn der Deportationen mehrere Juden ein Überleben im Versteck ermöglichte und dafür 2013 von der israelischen <a href="https://www.yadvashem.org/de.html">Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem</a> als „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet wurde.</p>
<p>So wichtig es Direktor Al Mansoori ist, die Geschichten dieser arabischen/muslimischen Helden in Erinnerung zu rufen, so wenig drückt sich die „We Remember“-Galerie seines Museums davor, den Finger auch auf heikle Themen zu legen. Zu diesen gehört definitiv die Verfolgung von Juden in der arabischen Welt, die beispielsweise anhand des Fotos einer zerstörten Synagoge aus dem libyschen Tripolis angesprochen wird. Im Text zu dem Bild werden explizit anti-jüdische Gewalttaten in den Jahren 1945 bis 1948 sowie der Umstand erwähnt, dass der Großteil der libyschen jüdischen Gemeinde zwischen 1949 und 1951 nach Europa bzw. Israel emigriert ist. Gezeigt werden weiters Fotos von Synagogen in Marokko, Tunesien und im Libanon.</p>
<h3><strong>Hoffnung</strong></h3>
<p>Zum Abschluss der Ausstellung wird der Bogen zur Gegenwart gespannt. Auf einer Tafel sind Auszüge einer Rede, die Museumsdirektor Al Mansoori am 28. April 2022 in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau gehalten hat, zu lesen: <em>„Ich stehe hier, Ahmed Obaid Al Mansoori, als gläubiger Muslim, als demütiger Diener Gottes (…). Ich stehe hier Seite an Seite mit meinen jüdischen Brüdern und Schwestern. Ich stehe hier feierlich, während wir gemeinsam dem Bösen in die Augen blicken. Und doch stehe ich hier voller Hoffnung. (…) / Als Kinder Abrahams, vereint durch die Abraham-Abkommen, sagen wir: Nie bedeutet nie. Nie bedeutet nie. Möge die Erinnerung an die Opfer des Holocaust ein Segen für alle sein. ‚Wer ein Leben rettet, rettet die Leben aller Menschen.‘“</em></p>
<p>Unter den Fotos, mit denen diese Rede kontextualisiert wird, finden sich zwei, die noch einmal hervorheben, wie außergewöhnlich diese Ausstellung in einem arabischen Land ist. Ein Bild der Fotografin Karen Gillerman mit dem Titel „»Vergangenheit und Zukunft in unseren Händen“ zeigt den Unterarm der Holocaust-Überlebenden Dora Dreiblat, auf dem ihre tätowierte Häftlingsnummer aus Auschwitz zu sehen ist. Auf Dreiblats Arm liegen der kleine Unterarm und die Hand ihrer Urenkelin Daniela Har-Zvi, die 2007 in Israel geboren wurde.</p>
<p>Das andere Foto zeigt zwei israelische F-15-Jets, die am 4. September 2003 die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau überflogen. Gesteuert wurden die Flugzeuge von Nachkommen von Holocaust-Überlebenden.</p>
<h3><strong>Nach der Normalisierung</strong></h3>
<p>Das Crossroads of Civilizations Museum war keine direkte Folge der Unterzeichnung der Abraham-Abkommen im September 2020 und ist kein staatliches, sondern ein privates Museum. Es ist aber unzweifelhaft ein Kind des neuen Geistes, der in die Beziehungen Israels zu zumindest einigen arabischen Staaten Einzug gehalten hat – selbst in einem vergleichsweise offenen Land wie den Emiraten wäre ein Projekt wie das CCM gegen den Wunsch der politischen Führung nicht durchzusetzen.</p>
<p>Wie man gleich am Eingang des Holocaust-Ausstellungsraums sehen kann, hat diese dem Museum vielmehr ihren inoffiziellen Segen gegeben, finden sich dort doch folgende Geleitworte des Außenministers des Landes, Abdullah bin Zayid Al Nahyan: <em>„Zeuge des Untergangs einer Gruppe von Menschen, die Opfer von Extremismus und Hass wurden. Die edlen menschlichen Werte des Zusammenlebens, der Toleranz, der Akzeptanz anderer und der Achtung aller Religionen und Weltanschauungen. </em><em>Nie wieder.“ </em></p>
<p>Anlässlich der Eröffnung der Holocaust-Ausstellung sagte Rabbi Elie Abadie, Oberrabbiner der rund sechshundert Mitglieder zählenden jüdischen Gemeinde der Vereinigten Arabischen Emirate, gegenüber dem Nachrichtendsender CNN: <em>„Obwohl die meisten Menschen im Nahen Osten wissen, dass der Holocaust stattgefunden hat, sprechen sie nicht viel darüber und lernen auch nicht viel darüber. Jetzt öffnet sich die Region, und diese Ausstellung würdigt das Geschehene und zeigt die öffentliche Anerkennung der Geschichte.“</em> (zitiert nach: <a href="https://edition.cnn.com/travel/article/crossroads-of-civilizations-museum-dubai">Zeena Saifi / Celina Alkhald, This is the first ever Holocaust exhibition to open in the Arab world, CNN, 8. Juni 2021</a>.)</p>
<p>Geht es nach Direktor Al Mansoori, ist das nur ein erster Schritt. Er will auf dem bereits Erreichten aufbauen und das erste offizielle Holocaust-Bildungsprogramm in der islamischen Welt ins Leben rufen.</p>
<p><strong>Florian Markl</strong>, Wien</p>
<p>(Anmerkungen: Es handelt sich um einen mit Genehmigung des Chefredakteurs Alexander Gruber aus dem <a href="https://mena-watch-lexikon.com/">Mena-Watch-Lexikon</a> übernommenen Beitrag. Veröffentlichung im Demokratischen Salon im Februar 2026, Internetzugriffe zuletzt am 20. Februar 2026, Titelbild: Eingang zur Holocaust-Ausstellung „We Remember“ im Crossroads of Civilizations Museum in Dubai, Foto: privat.)</p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/we-remember/">&#8222;We remember&#8220;</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://demokratischer-salon.de/beitrag/we-remember/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Was fehlt dem polnischen Denkmal in Berlin?</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/was-fehlt-dem-polnischen-denkmal-in-berlin/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 29 Oct 2025 07:17:48 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=7564</guid>

					<description><![CDATA[<p>Was fehlt dem polnischen Denkmal in Berlin? „Den Opfern von Krieg, Besatzung und Rassenwahn 1939 – 1945“ Lange wurde darüber diskutiert, war es umstritten, nun aber ist es da: am 16. Juni 2025 wurde das polnische Denkmal enthüllt! Es gedenkt der polnischen Opfer in der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Und sogleich wird es schlecht  [...]</p>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/was-fehlt-dem-polnischen-denkmal-in-berlin/">Was fehlt dem polnischen Denkmal in Berlin?</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-6 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-5 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-6" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Was fehlt dem polnischen Denkmal in Berlin?</strong></h1>
<h2><strong>„Den Opfern von Krieg, Besatzung und Rassenwahn 1939 – 1945“</strong></h2>
<p>Lange wurde darüber diskutiert, war es umstritten, nun aber ist es da: am 16. Juni 2025 wurde das polnische Denkmal enthüllt! Es gedenkt der polnischen Opfer in der Zeit des Zweiten Weltkrieges.</p>
<p>Und sogleich wird es schlecht gemacht. Es soll nur vorläufig sein, Platzhalter für etwas anderes, das eigentliche Denkmal, eingebettet in das „Deutsch-Polnische Haus“.</p>
<p>Dabei ist dieses Denkmal würdig und gut gestaltet – ein riesiger Stein, zentral und historisch gut ausgesucht, am Ort der ehemaligen Kroll-Oper, wo Hitler am 1. September 1939 den Krieg mit Polen verkündete. Ganz im Zentrum Berlins, in der Nähe des Kanzleramtes.</p>
<p>Weshalb soll es ein neues Denkmal geben? Weshalb soll das gerade aufgestellte temporär sein? Was fehlt ihm? Was steht dahinter? Soll das andere, neue, monumentaler sein? Gar in den Wettbewerb eintreten mit dem Holocaust-Denkmal? Das wäre in meinen Augen widersinnig und würde dem Anliegen des beabsichtigten Gedenkens nicht gerecht. Verstehen würde ich, wenn es den Wunsch gäbe, den – wie ich finde, sehr geeigneten – Stein um ein Kunstwerk zu ergänzen. Aber nicht, dies Denkmal durch ein neues zu ersetzen!</p>
<div id="attachment_7566" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7566" class="wp-image-7566 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7566" class="wp-caption-text">Die aktuelle Gedenktafel. Foto: NoRei.</p></div>
<p>Wenig zufriedenstellend dagegen ist in meinen Augen die Gedenkformel. Sie lautet: <em>„Den polnischen Opfern des Nationalsozialismus und den Opfern der deutschen Gewaltherrschaft in Polen 1939-1945“</em>. Doch wer ist gemeint? Es müssten doch alle Opfer der Zweiten Republik Polen sein, die nach dem Hitler-Stalin-Pakt am 1. September 1939 von Hitlerdeutschland überfallen wurde, und kurz danach, am 17. September, von Stalins Sowjetunion, die 52 % des polnischen Staatsgebiets besetzte. Es war gewissermaßen die vierte Teilung Polens. Im sowjetisch besetzten Gebiet lebten damals 13 Millionen polnische Staatsbürger, doch setzte sie sich folgendermaßen zusammen: fünf Millionen waren Ukrainer, drei Millionen Belarusen, zwei Millionen Juden und knapp drei Millionen waren ethnische Polen. Auch viele Deutsche lebten dort. Ab Juni 1941 kamen auch diese unter deutsche Besatzung. Wäre es nicht wichtig, dass die Gedenkformel sicht- und wahrnehmbar auch die Opfer dieser Minderheiten mit ihrer ethnischen Identität einbezieht – und dies auch in ihren eigenen Sprachen? Die Gedenkformel sollte deshalb dort außer Polnisch und Deutsch auch in Jiddisch, Ukrainisch, Belarussisch und Litauisch dort stehen.</p>
<p>Mein Vorschlag für diesen Text: <em>„Den Opfern von Krieg, Besatzung und Rassenwahn 1939 – 1945“</em>.</p>
<p>Es ist nun geplant, im Zentrum Berlins ein „Deutsch-Polnisches Haus“ zu schaffen. Hier soll an die polnischen Opfer durch Krieg und Besatzung erinnert werden, aber auch an die lange durchaus auch friedliche Beziehungsgeschichte zwischen Polen und Deutschen. Ausgangspunkt für diesen Plan ist die <a href="https://dserver.bundestag.de/btd/19/237/1923708.pdf">Bundestagsresolution vom 30. Oktober 2020</a> (Drucksache 19/23708), die für einen polnischen Lernort in Berlin mit einem polnischen Denkmal eintritt. Sie war die Initiative einiger einflussreicher Abgeordneter, nachdem der Bundestag drei Wochen vorher schon ein <a href="https://www.stiftung-denkmal.de/wp-content/uploads/2020_10_09_Beschlossen_1923126.pdf">Dokumentationszentrum zum Gedenken an die deutsche Besatzung in Europa und den Vernichtungskrieg im Osten</a> (Drucksache 19/23126) beschlossen hatte. Auch in diesem spielte Polen eine wichtige Rolle, aber eingebettet in die größere Dimension des umfassenderen Vernichtungskrieges im Osten…</p>
<p>Leider wurde es in der folgenden Legislaturperiode versäumt, beide Projekte zusammenzuführen und so wurden sie getrennt voneinander verfolgt, gewissermaßen im Wettbewerb miteinander, beide seit 2021 betreut von der beziehungsweise dem Bundeskulturbeauftragten. Wegen der außenpolitischen Bedeutung Polens trat das bilaterale Projekt mehr und mehr in den Vordergrund. Gleichzeitig gibt es aber in Polen deutlich weniger Interesse am „Deutsch-Polnischen Haus“ als am Denkmal.</p>
<p>Dieser bis heute im Vordergrund stehende bilaterale Ansatz birgt jedoch große Risiken und Widersprüche.</p>
<p>Das gilt einmal grundsätzlich:</p>
<p>Wichtiger Hintergrund beider Projekte war, dass sich in Deutschland die Erinnerung an den Nationalsozialismus immer mehr auf das Gedenken an den Holocaust beschränkte. So sollten endlich auch andere Dimensionen der NS-Verbrechen in die Erinnerung und in das Gedenken einbezogen werden. Das gilt für die Millionen Opfer des von Beginn an so geplanten Dokumentationszentrum zum Vernichtungskrieg und der mörderischen Besatzung in Polen, Belarus, der Ukraine und Russland, aber eben auch in Jugoslawien, besonders im heutigen Serbien. Die Initiatoren des bilateralen Projektes mit Polen argumentierten mit der besonderen Nachbarschaft und der längsten Besatzungszeit, eben vom September 1939 bis 1945.</p>
<p>Doch ist das historisch überzeugend?</p>
<p>Bezeichnend war, dass in den Gedenkreden am 1. September 2025 der Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 gar nicht erwähnt wurde. In Deutschland hat die Erinnerung an diese komplexe historische Verflechtung nazistischer und der Verbrechen der Sowjetunion keine Tradition &#8211; und vielfach weiß man auch wenig davon. Durch diesen Pakt und seine bis in die Gegenwart reichenden Folgen ist die Geschichte Polens, Finnlands, der baltischen Staaten, Moldaus und Rumäniens, aber eben auch der heute zu Belarus und der Ukraine gehörenden Territorien eng miteinander verbunden. Hier ein bilaterales deutsch-polnisches Haus zu planen, ist ein gewagtes Unterfangen (wären dort etwa die Verbrechen an den Ukrainern in Lemberg einbezogen – die in Kyjiw aber nicht…).</p>
<p>Dazu kommt die Darstellung der Verbrechen Stalins: Trägt nicht Deutschland durch diesen Pakt auch eine gewisse Mitverantwortung an den Verbrechen Stalins im von der Roten Armee besetzten östlichen Polen der Zweiten Republik seit 1939 (Gebiete, die die Sowjetunion nach 1945 behalten hat)? Dazu gehört der vieltausendfache Mord der polnischen Offiziere 1940, am bekanntesten die Massaker von Katyn?</p>
<p>Schwierige Fragen über Fragen…</p>
<p>Dazu kommt, dass ein bilaterales Projekt vermutlich auch ein Projekt beider Staaten wäre, wenn auch von Deutschland finanziert und in Berlin platziert. Doch ist das realistisch? Ich befürchte, das wird scheitern. Wer glaubt, dass sich ein offizielles deutsch-polnisches Team bilden lässt, das über die nächsten Jahre im Konsens ein Konzept erarbeitet, das dann auch umgesetzt wird, ist in meinen Augen ziemlich optimistisch oder gar fahrlässig blauäugig. Es gibt zwar das gute <a href="https://research.gei.de/de/projects/das-gemeinsame-deutsch-polnische-geschichtsbuch/">Beispiel des deutsch-polnischen Geschichtsbuches</a>, das in vier Bänden nach langen Jahren gemeinsamer Arbeit vorliegt und vielfach gerühmt wird. Doch war es von der PIS-Regierung in Polen jahrelang nicht zum Gebrauch zugelassen – und in Deutschland ebenfalls in Bayern nicht!</p>
<p>Ist es da nicht sinnvoller, das in der anderen Bundestagsresolution vom 9. Oktober 2020 beschlossene Projekt eines Dokumentationszentrums zum Vernichtungskrieg und zur deutschen Besatzung in Europa entschlossen in Angriff zu nehmen und hier – wie ursprünglich sowieso beabsichtigt – Polen einen angemessenen Platz zu geben? Es wäre ein deutsches Projekt, ein Lernort, der auch zuerst die deutsche Bevölkerung im Blick hat, da in Deutschland kaum jemand von dieser Geschichte des Nationalsozialismus weiß. Natürlich würden auch hier Fachleute aus den betroffenen östlichen Ländern zur Mitarbeit eingeladen werden, wobei die russischen oder belarusischen heute wohl im Exil leben.</p>
<p>Dies Dokumentationszentrum könnte dem polnischen Denkmal gegenüber gebaut werden, auf der anderen Straßenseite Richtung Reichstag – es würde nur die Rasenfläche ein Stück weit verringern. Hier fänden die Besucher des polnischen Denkmals die historischen Hintergründe und Zusammenhänge, die dies Denkmal begründen.</p>
<p>Gleichzeitig ist dieser Standort offen dafür, auch noch das tragische Schicksal anderer Völker mit einem eigenen Denkmal in den Blick zu nehmen. Angesichts des heutigen Krieges in der Ukraine und der ebenfalls in Millionen zählenden NS-Opfer in diesem Land – man geht von ca. acht Millionen aus – wäre hier demnächst an ein weiteres Denkmal für die ukrainischen Opfer zu denken. Mit Recht hat der ukrainische Botschafter schon mehrfach diesen Vorschlag gemacht.</p>
<p><strong>Markus Meckel</strong>, Berlin</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Oktober 2025, Internetzugriffe zuletzt am 27. Oktober 2025, Das Titelbild zeigt die am 16. Juni 2025 eingeweihte Gedenkstätte mit Stein und Tafel in der Heinrich-von-Gagern-Straße, an der Stelle der ehemaligen Kroll-Oper, in der Hitler am 1. September 1939 den Angriff auf Polen verkündete. In der Kroll-Oper tagte nach dem Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 der Reichstag. Foto: ReLo.)</p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/was-fehlt-dem-polnischen-denkmal-in-berlin/">Was fehlt dem polnischen Denkmal in Berlin?</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>&#8222;Besprechung mit anschließendem Frühstück&#8220;</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/besprechung-mit-anschliessendem-fruehstueck/</link>
					<comments>https://demokratischer-salon.de/beitrag/besprechung-mit-anschliessendem-fruehstueck/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Oct 2025 07:04:07 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=7503</guid>

					<description><![CDATA[<p>„Besprechung mit anschließendem Frühstück“ Aya Zarfati über historisch-politische Bildung im Haus der Wannsee-Konferenz „Antisemitismus gibt es in Europa lange vor 1933. Das NS-Regime macht ihn zur politischen Leitlinie. Es will die jüdische Minderheit aus der Gesellschaft ausgrenzen und vertreiben. (…) Bis Ende 1941 weitet das NS-Regime seine Mordpläne auf alle Jüdinnen und Juden in  [...]</p>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/besprechung-mit-anschliessendem-fruehstueck/">&#8222;Besprechung mit anschließendem Frühstück&#8220;</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-7 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-6 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-7" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>„Besprechung mit anschließendem Frühstück“</strong></h1>
<h2><strong>Aya Zarfati über historisch-politische Bildung im Haus der Wannsee-Konferenz</strong></h2>
<p><em>„Antisemitismus gibt es in Europa lange vor 1933. Das NS-Regime macht ihn zur politischen Leitlinie. Es will die jüdische Minderheit aus der Gesellschaft ausgrenzen und vertreiben. (…) Bis Ende 1941 weitet das NS-Regime seine Mordpläne auf alle Jüdinnen und Juden in Europa aus. Die Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung wird nicht nur von Staat und Partei betrieben. Viele Einzelne unterstützen die antijüdische Politik und gewinnen dadurch Vorteile. Andere sind gleichgültig oder schauen weg. Das Wissen um die Verbrechen verbreitet sich schnell.“ </em>(aus dem Katalog der Dauerausstellung der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz)</p>
<p>„Besprechung mit anschließendem Frühstück“ – recht euphemistisch lautete die Einladung für den 20. Januar 1942 zu der Konferenz in die idyllisch am Wannsee gelegene <a href="https://www.ghwk.de/de/ueber-das-haus/hausgeschichte/ernst-marlier-1875-1950">Villa Marlier</a>, die als „Wannsee-Konferenz“ in die Geschichte einging. Es dauerte 36 Jahre, bis der Ort der „Wannsee-Konferenz“, die Villa Marlier, ein Ort der Erinnerung an die Shoah wurde. <a href="https://www.ghwk.de/de/bibliothek/joseph-wulf">Joseph Wulf</a> (*1912, im Jahr 1974 nahm er sich das Leben), jüdischer Widerstandskämpfer und Überlebender des Vernichtungslagers Auschwitz, forderte bereits 1956 die Einrichtung eines „Internationalen Dokumentationszentrums zur Erforschung des Nationalsozialismus und seiner Folgeerscheinungen“. Die Eröffnung der Bildungsstätte <a href="https://www.ghwk.de/de/bibliothek">„Haus der Wannsee-Konferenz“</a> dauerte noch bis zum Jahr 1992.</p>
<p>Die 15 teilnehmenden Herren vertraten Staat und Partei. Für sie war die Dimension ihres Auftrags, die Ermordung der europäischen Juden, ein ganz normaler Vorgang im Rahmen ihrer täglichen Arbeit. Wer sich die heute Ausstellung über die Wannseekonferenz in der Villa anschaut, erfährt viel über ministeriale Prozesse, und wer solche Prozesse vielleicht sogar aus der Innensicht kennt, wird viel Vertrautes finden und fragen: Wie kann es sein, dass Menschen, die sich wie völlig <em>„banale“</em> Beamte verhalten, gleichviel ob in einem Ministerium oder in einer Parteiorganisation, Männer, die ihre Kinder und ihre Hunde lieben, so dienstbeflissen und konsequent einen Massenmord planen?</p>
<p>Hans-Christian Jasch, ehemaliger Direktor des Hauses der Wannsee-Konferenz, hat in seiner Dissertation „Staatssekretär Wilhelm Stuckart und die Judenpolitik – Der Mythos von der sauberen Verwaltung“ (München, Oldenbourg, 2012) plausibel analysiert, wie die deutsche Beamtenschaft die Rechtsgrundlagen für den Massenmord ermöglichte. Seine Nachfolgerin als Direktorin des Hauses der Wannsee-Konferenz ist seit dem 1. Dezember 2020 die österreichisch-israelische Politologin <a href="https://www.ghwk.de/de/presse/pm-neue-direktorin-ab-1-dezember-2020">Deborah Hartmann</a>. Maßgeblich an der Entwicklung des pädagogischen Programms beteiligt ist die in Israel geborene Historikerin <a href="https://arolsen-archives.org/news/sich-auf-spuren-einlassen-ein-gespraech-mit-aya-zarfati/">Aya Zarfati</a>.</p>
<h3><strong>Didaktische Unzulänglichkeiten eines Schüleraustauschs</strong></h3>
<div id="attachment_7506" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7506" class="wp-image-7506 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Aya-Zarfati-©-Jan-Bechberger-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Aya-Zarfati-©-Jan-Bechberger-200x301.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Aya-Zarfati-©-Jan-Bechberger-400x601.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Aya-Zarfati-©-Jan-Bechberger-600x902.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Aya-Zarfati-©-Jan-Bechberger-681x1024.jpg 681w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Aya-Zarfati-©-Jan-Bechberger-768x1154.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Aya-Zarfati-©-Jan-Bechberger-800x1203.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Aya-Zarfati-©-Jan-Bechberger-1022x1536.jpg 1022w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Aya-Zarfati-©-Jan-Bechberger-1200x1804.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Aya-Zarfati-©-Jan-Bechberger-1362x2048.jpg 1362w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Aya-Zarfati-©-Jan-Bechberger-scaled.jpg 1703w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /><p id="caption-attachment-7506" class="wp-caption-text">Aya Zarfati während des Gedenkenstättenseminars 2024 der Bundeszentrale für politische Bildung, Berlin/Wannsee © Jan Bechberger.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie kamen Sie von Israel nach Deutschland?</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Vor 15 Jahren bin ich über die Aktion Sühnezeichen als israelische Freiwillige nach dem Militärdienst und dem Bachelorstudium nach Berlin gekommen. Ich hatte in Israel Geschichte und Jura studiert, anschließend an der Humboldt-Universität zu Berlin ein Masterstudium „Europäische Geschichte“ mit dem Schwerpunkt Nationalsozialismus abgeschlossen. Das war auch schon mein Schwerpunkt im Bachelorstudium in Tel Aviv. Dort konnte man zwischen mehreren Schwerpunkten wählen, zum Beispiel der Geschichte des Volkes Israel und europäische Geschichte. Mich interessierte die deutsche Gesellschaft, die Täterschaft, Themen, die in der Schule nicht vorgekommen waren. Ich konnte in Berlin im Jüdischen Museum, in der Gedenkstätte Sachsenhausen und in anderen Einrichtungen arbeiten. Im Jahr 2015 bekam ich eine feste Anstellung, seit Januar 2025 leite ich die Abteilung Bildung und Forschung zusammen mit Matthias Haß.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie kamen Sie auf die Idee, nach Deutschland zu reisen?</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Es war kein Zufall, dass ich mich für Deutschland interessierte. Mit 16 nahm ich an einem Schüleraustausch nach Deutschland teil. Das Angebot, nach Deutschland zu fahren, gibt es in sehr vielen Schulen in Israel und es gibt sehr viele Schüler:innen, die es wahrnehmen. Es gehört zum Programm der Schulen. Es ist nichts Ungewöhnliches. Das war der Anfang. Für Österreich gab es das im Übrigen nicht.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie haben Sie damals Deutschland wahrgenommen?</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong> (zögert ein wenig mit der Antwort): <em>Unfassbar grün – es war im Sommer und in Israel ist im Sommer alles gelb. Das war 1997. Ich war davon fasziniert, dass viele</em> Dinge, die in Israel als Statussymbole galten – zum Beispiel ein eigenes Haus – hier in Deutschland als selbstverständlich gelten. <em> Das ist im Zentrum Israels nicht denkbar, weil dort einfach nicht genug Platz ist. Autos mussten nicht importiert werden. Das waren die ersten Eindrücke. Ich war in Jünkerath in der Nähe von Gerolstein in der Eifel. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welche Rolle spielte die Shoah bei diesem Schüleraustausch?</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Die Shoah war offiziell eher weniger präsent. Wir waren zwar mit der deutschen Schülergruppe zusammen in Weimar und in Buchenwald, aber die Lehrkräfte hatten uns nicht gut vorbereitet. Sie hatten mit uns die israelische Zeremonie des Holocaust-Gedenktags, des Yom HaShoah, eingeübt, auf Hebräisch. Das ist bei einem Austausch mit einem anderen Land schon schräg, denn die deutschen Schüler:innen verstanden gar nichts. Der Besuch war eher performativ. Es hat auch furchtbar geregnet.  Ich kann mich nicht erinnern, dass jemand konkret über das Lager gesprochen hätte. Wegen des Regens haben wir die Zeremonie auch nicht auf dem Gelände, sondern in dem Krematorium durchgeführt. Ich hatte in Erinnerung, dass es sechs Öfen gab, weiß aber nicht, ob es wirklich so war oder ob ich mir diese  symbolische Zahl eingebildet habe. </em></p>
<p><em>Vor einem Jahr war ich wieder in Buchenwald und stellte fest, dass die Zahl stimmte. Dieser zweite Besuch war wichtig, weil ich reflektieren konnte, was es heißt, wenn man über solche Sachen nicht spricht. Was kommt dann heraus? Jünkerath habe ich damals „Judenrath“ genannt. Das war so etwas, das man als Jugendliche unausgesprochen versteht. Solche Erlebnisse haben meine Arbeit mit Jugendlichen sehr beeinflusst, insbesondere die Frage, wie man solche Besuche vor- und nachbereitet.   </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Jünkerath und Buchenwald liegen ziemlich weit auseinander.</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Und auf dem Weg waren wir im Fantasialand! Wir waren etwa zehn Tage in Deutschland. Wir haben in Familien gewohnt, aber haben eben eine Nacht in Weimar verbracht. Das war schon eine längere Busreise. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie sind inzwischen israelische und österreichische Staatsbürgerin.</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Seit 2021 habe ich neben der israelischen auch die österreichische Staatsbürgerschaft. Das beruht auf einem österreichischen Gesetz, das die FPÖ im Jahr 2019 auf den Weg gebracht hat. Bis dahin konnte man die österreichische Staatsangehörigkeit nur beantragen, wenn der Vater oder der Großvater Österreicher waren. Durch die Gesetzesänderung war es auch möglich, wenn die Mutter oder die Großmutter Österreicherinnen waren. Das war bei mir der Fall, weil meine Oma in der Steiermark geboren war. Österreich hat seit 2019 das Verfahren für diejenigen, die die österreichische Staatsangehörigkeit auf dieser Grundlage beantragten, sehr einfach gestaltet. Es ging extrem schnell.</em></p>
<h3><strong>Didaktische Leitgedanken </strong></h3>
<div id="attachment_7508" style="width: 406px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7508" class="wp-image-7508 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-2-Von-der-Ausgrenzung-zum-Massenmord-©-GHWK-Thomas-Bruns-300x200.jpg" alt="" width="396" height="264" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-2-Von-der-Ausgrenzung-zum-Massenmord-©-GHWK-Thomas-Bruns-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-2-Von-der-Ausgrenzung-zum-Massenmord-©-GHWK-Thomas-Bruns-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-2-Von-der-Ausgrenzung-zum-Massenmord-©-GHWK-Thomas-Bruns-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-2-Von-der-Ausgrenzung-zum-Massenmord-©-GHWK-Thomas-Bruns-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-2-Von-der-Ausgrenzung-zum-Massenmord-©-GHWK-Thomas-Bruns-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-2-Von-der-Ausgrenzung-zum-Massenmord-©-GHWK-Thomas-Bruns-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-2-Von-der-Ausgrenzung-zum-Massenmord-©-GHWK-Thomas-Bruns-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-2-Von-der-Ausgrenzung-zum-Massenmord-©-GHWK-Thomas-Bruns-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-2-Von-der-Ausgrenzung-zum-Massenmord-©-GHWK-Thomas-Bruns-1536x1024.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-2-Von-der-Ausgrenzung-zum-Massenmord-©-GHWK-Thomas-Bruns.jpg 1800w" sizes="(max-width: 396px) 100vw, 396px" /><p id="caption-attachment-7508" class="wp-caption-text">Raum 2 Von der Ausgrenzung zum Massenmord © GHWK / Thomas Bruns.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Klassenfahrten und Schüleraustausch leiden oft unter einem Dilemma: Man bekommt etwas mit und bekommt es doch nicht mit. Sie wollen, dass sich dies ändert, und dies ist auch der Auftrag, den sich das Haus der Wannsee-Konferenz gegeben hat. Das Besondere des Hauses der Wannsee-Konferenz als Gedenkstätte und Bildungsstätte liegt meines Erachtens erst einmal darin, dass es ein Täterort ist wie sonst in Deutschland nur die Wewelsburg bei Paderborn und Vogelsang in der Eifel.</p>
<p>Ich habe zur Vorbereitung unseres Gesprächs Ihren neuen Katalog angeschaut, der mich sehr beeindruckt. Man findet Originaldokumente im Faksimilie, Biografien von Opfern und Tätern, eine Übersicht über Anklagen und Nicht-Anklagen, Fotografien von Tatorten und vieles mehr. Sehr ansprechend ist auch der Einstieg mit kurzen Erklärungen, was aus Dokumenten ersichtlich ist, was wir über Verfasser und Empfänger erfahren, worum es inhaltlich geht, was Stempel bedeuten, was Fotos verraten, was wir dort sehen, was wir dort nicht sehen und wie die Perspektiven von Betroffenen, Tätern und Umstehenden erschlossen werden können. Was war der Leitgedanke?</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Die Bezeichnung „Täterort“ mag ich zunächst nicht so gern. Natürlich beschäftigen wir uns dort stärker mit den Täter:innen als an anderen Orten, wie zum Beispiel einer KZ-Gedenkstätte. Aber es gab und gibt keine Täter:innen ohne Opfer und keine Opfer ohne Täter:innen – deshalb müssen wir immer über beide Gruppen sprechen. Zu Ihrer Frage: Es gab ein Projektteam unter Leitung des damaligen Direktors Hans-Christian Jasch und von Elke Gryglewski, die damals die Bildungsabteilung leitete. Beide sind nicht mehr im Haus, Herr Jasch kehrte ins Bundesinnenministerium zurück, Elke Gryglewski leitet jetzt die </em><a href="https://bergen-belsen.stiftung-ng.de/de/">Gedenkstätte Bergen-Belsen</a><em> und ist Geschäftsführerin der </em><a href="https://www.stiftung-ng.de/">Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten</a><em>. Aus dem Team ist nur noch eine Person im Haus. Wir haben die Ausstellung im Grunde übernommen. Ich finde sie und den Katalog sehr gelungen. </em></p>
<p><em>Am Prozess war die Bildungsabteilung damals nicht so sehr beteiligt, aber das ursprüngliche Konzept wurde aufgrund ihrer Intervention verändert. Es gab im Grunde zwei Konfliktpunkte. Im Vordergrund stand unserer Meinung nach zunächst viel mehr die Nachkriegszeit als die Ereignisse selbst. Die jetzige Ausstellung beschäftigt sich ausdrücklich mit der sogenannten Wannsee-Konferenz und zeigt die Verstrickung der deutschen Behörden in diesen Prozess. Daher fallen einige Zeiträume raus, beispielsweise die Weimarer Republik. In der Konzeptionsphase gab es viele, die meinten, man könne den Nationalsozialismus und die Shoah nicht erklären, wenn man nicht die Vorgeschichte erkläre. Raum 2 spannt einen weiten historischen Bogen – von Ausgrenzung über Verfolgung bis zum Massenmord an den Jüdinnen und Juden. Das ist nicht so einfach, denn die Gruppen, die zu uns kommen, beschäftigen sich nicht unbedingt mit anderen Abschnitten an anderen Orten. Es gibt bei uns viele Referent:innen und Mitarbeiter:innen, die die Vorgeschichte integrieren. Ich selbst mag diesen Raum 2 nicht so sehr, weil er zu voll mit Informationen ist. Ich habe daher einen Weg gefunden, mich von hinten an die Wannsee-Konferenz anzunähern. Viele loben, dass die Ausstellungen niemanden zwingt chronologisch vorzugehen. Man kann an vielen unterschiedlichen Punkten beginnen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Anders kann man es eigentlich auch gar nicht machen. Ich halte das für didaktisch besser als wenn man sich entlang der Chronologie vorwärtsbewegt. In Katalogen blättere ich gerne herum, finde eine besonders spannende Stelle und erschließe mir von dort aus dann alles andere. Ebenso in Ausstellungen.</p>
<div id="attachment_7507" style="width: 384px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7507" class="wp-image-7507 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-6-Arbeitsteilige-Taeterschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-300x200.jpg" alt="" width="374" height="249" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-6-Arbeitsteilige-Taeterschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-6-Arbeitsteilige-Taeterschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-6-Arbeitsteilige-Taeterschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-6-Arbeitsteilige-Taeterschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-6-Arbeitsteilige-Taeterschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-6-Arbeitsteilige-Taeterschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-6-Arbeitsteilige-Taeterschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-6-Arbeitsteilige-Taeterschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-6-Arbeitsteilige-Taeterschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-1536x1024.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-6-Arbeitsteilige-Taeterschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns.jpg 1800w" sizes="(max-width: 374px) 100vw, 374px" /><p id="caption-attachment-7507" class="wp-caption-text">Raum 6 Arbeitsteilige Täterschaft © GHWK / Thomas Bruns.</p></div>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>:<em> Im Raum 6 gibt es zum Beispiel die Zeit nach der Wannsee-Konferenz. Anhand verschiedener Tafeln kann man aber zurückgehen. Wir denken nicht linear, auch die Geschichte lässt sich nicht linear erzählen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das entspricht auch den unterschiedlichen Vorerfahrungen von Besucher:innen. An manchen Stellen werden sie sich fragen, warum sie sich etwas anschauen sollen, das sie schon längst kennen, an anderen Stellen haben sie ein Aha-Erlebnis und werden hellwach, weil sie etwas völlig Neues entdecken.</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Früher war es oft so, dass die Besucher:innen sich den Raum, in dem die Konferenz stattgefunden hatte, anschauten und wenige Minuten später im Garten mit Blick auf den See standen. Das ist nicht mehr so. Jetzt verbringen sie viel mehr Zeit in der Ausstellung, können Vieles selbst erschließen und werden nicht von Textmassen abgeschreckt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Historische Fakten lassen sich meines Erachtens am besten mit Fotos und Dokumenten vermitteln. Im Katalog wird man an verschiedenen Stellen immer wieder auf dieselbe Sache gestoßen. Zum Beispiel das Protokoll: Es ist nicht einfach über endlose Seiten abgedruckt, sondern es gibt dazwischen Kommentare, Bilder, kurze Texte in verschiedenen Schrifttypen.</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>In der Ausstellung gibt es daher auch immer wieder Gelegenheiten, etwas zu vertiefen. Man kann, aber man muss nicht alles nutzen. Die 15 Teilnehmer sind beispielsweise in drei unterschiedlichen Kategorien abgebildet, SS und Polizei, Regierung, Administration in den besetzten Gebieten. Danach kommt man in Raum 6 und erfährt, wer vor Gericht kam, wer sich selbst tötete und so weiter. Ich muss nicht erst einmal die Biographien lesen, sondern kann über Flex-Tafeln bestimmte Quellen nach Berufsgruppen durchsuchen. Zum Beispiel auch die Wirtschaft, was hatte die deutsche Wirtschaft mit dem Holocaust zu tun? Oder die Wehrmacht? Diese war an der Wannsee-Konferenz nicht beteiligt, aber das heißt nicht, dass sie nicht in den Holocaust involviert war. </em></p>
<p><em>Bei Führungen erleben wir, dass es für Schüler:innen, auch für erwachsene Besucher:innen sehr schwierig ist, dies zu verstehen. Eine Führung dauert bei uns etwa 90 Minuten. Wir bemühen uns, von den 15 Männern wegzukommen. Das ist eine Tätergruppe, aber es gibt auch andere Tätergruppen, und wie verhalten sich verschiedene Berufsgruppen, Privatleute? Neben der Frage, wer beteiligt war, steht die Frage im Vordergrund, was man in der deutschen Gesellschaft wissen konnte. Das finden wir vor allem im Raum 7.</em></p>
<h3><strong>Eine Ressortbesprechung zum Massenmord</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein Kernpunkt in Diktaturen und erst recht im Nationalsozialismus ist die Verschränkung von Staat und Partei. Es gibt inzwischen drei Filme über die Konferenz. Als ich den ersten Film sah, hatte ich als Beamter eines Ministeriums ein merkwürdiges Erlebnis. Es wird ja immer gesagt, auf der Wannsee-Konferenz wurde die Ermordung der europäischen Juden beschlossen. So einfach war es nun doch nicht. In der Wannseekonferenz trafen sich nicht die Top-Leute des NS-Regimes, sondern die zweite oder zum Teil auch dritte Reihe. Ich sah 15 Männer, die sich in ihren jeweiligen Zuständigkeiten völlig zivilisiert über das weitere Vorgehen beim Mord an den europäischen Juden verständigten. Der eigentliche Streitpunkt war neben der Frage, wer als Jude gelten sollte und wer nicht, und der Frage nach den Rechtsgrundlagen, auf denen vor allem Wilhelm Stuckart bestand, der als <em>„Gesetzesonkel“ </em>bezeichnet wurde, die Frage der Federführung, die Reinhard Heydrich für sich beanspruchte und durchsetzte. Ist dies vermittelbar?</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Das ist eine wichtige Frage. Ich sagte schon, dass ich die Ausstellung von hinten durchgehe. Ich fange mit den Filmen an. Warum braucht man drei Filme? </em>Warum ging diese Besprechung als <em>Wannsee-Konferenz</em> in die Geschichte ein und nimmt (bis heute) eine so große Bedeutung ein?<em> Die Bedeutung der Konferenz entstand im Nachhinein, manchmal mit falschen Vorstellungen. Wir enttäuschen unsere Besucher:innen immer wieder, wenn sie sehen, der Hitler war gar nicht da und das ganze dauerte etwa 90 Minuten. Ich sage immer, es geht nicht darum, dass ihr falsch liegt und ich als tolle Historikerin das besser weiß. Das Bedürfnis, den Holocaust zu verstehen, ist das eine, aber wir können ihn nicht verstehen, wenn wir nicht die Komplexität zeigen. Das war eben nicht eine einmalige und einfache und klare Entscheidung. Für unsere Besucher:innen ist es viel nachvollziehbarer, wenn es ein Datum gibt, einen Heydrich, ein Protokoll. Die meistgestellte Frage bei Führungen ist die nach dem Tisch? Warum ist der weg? Wir hatten den echten Tisch in der Ausstellung nie gehabt und wissen auch nicht, ob alle rund um einen Tisch saßen. Im dritten Film hat Peter Klein das geändert. Es gibt nicht mehr einen Tisch, sondern in T-Form zusammengestellt drei Tische. In Yad Vashem werden die Teilnehmer nicht an einem Organogramm gezeigt, sondern an einem Tisch mit Heydrich an der Spitze, Eichmann daneben gleichrangig.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Obwohl Eichmann in der Beamtenhierarchie zwei Stufen unter Heydrich stand, ein einfacher Referatsleiter, mit einem jedoch ausgesprochen großen Referat. Und auch Heydrich hatte einen Vorgesetzten.</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Bei uns sieht man sehr schnell, dass Eichmann zwar der bekannteste, aber nicht der hochrangigste war. Alle anderen hatten einen höheren Rang. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es war im Grunde eine – man traut sich bei der Ungeheuerlichkeit des Gegenstands kaum es zu sagen – einfache Ressortbesprechung. Und das Referat von Eichmann, das Referat IV B 4, hatte die Aufgabe, sie vorzubereiten und zu protokollieren.</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei uns war, sagte er, dass ihm die Abläufe sehr bekannt vorkämen, auch wenn man manche Begriffe selbstverständlich nicht mehr verwendet. Ich erinnere mich, als ich im Journalismus gearbeitet und Texte redigiert habe, konnte man sofort erkennen, welche Reporter einfach eine Pressemitteilung eines bestimmten Ministeriums kopiert hatten und welche sich die Mühe gemacht hatten, sie in eine einfache Sprache zu übersetzen, damit die Leser verstehen, welche Auswirkungen das für sie hat. Im Protokoll ist die Rede von einer „Besprechung“ und nicht von einer Konferenz. Die jetztige Ausstellung benutzt die Formulierung „die Besprechung am 20. Januar 1942”. Ich habe das Endlektorat für die hebräische Übersetzung des Katalogs gemacht und dabei gemerkt, dass das auf Hebräisch gar nicht funktioniert. Wenn ich „Wannsee-Konferenz“ in Anführungszeichen schreibe, ist das fast schon Geschichtsleugnung. Wir haben daher an manchen Stellen doch wieder „Wannsee-Konferenz“ geschrieben. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der Begriff <em>„Wannsee-Konferenz“</em> hat natürlich auch Symbolcharakter. Ich kann mir gut vorstellen, dass dann eine <em>„Besprechung“</em> zum Euphemismus wird und den Eindruck erweckt, als wolle man gezielt die Konferenz und damit die Shoah, den Holocaust, verharmlosen.</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Dabei spielt auch die jeweilige Perspektive eine Rolle, aus der man auf die Wannsee-Konferenz blickt. Es ist schon ein Unterschied, ob ich aus jüdischer oder aus nicht-jüdischer Perspektive auf die Wannsee-Konferenz schaue. Aus der nicht jüdischen Perspektive ist es – ich sage es auf englisch – „state sponsored mass murder“. Unter der Schirmherrschaft des Staates, mit Beamten, mit Gesetzen, mit allem, was ein Staat so macht. Aus der jüdischen Perspektive geht es um die Totalität, bis zum letzten Juden, auch die 200 aus Albanien. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie haben im Katalog auch die Liste mit den Zahlen der elf Millionen Juden in den verschiedenen europäischen Ländern abgedruckt. Eine ungeheuerliche Zahl, die wir heute auch im Hinblick auf die Zahl der von den Nazis und ihren Helfershelfern ermordeten sechs Millionen Jüdinnen und Juden.</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Maxim Biller hat bei seinem Besuch zur Eröffnung der neuen Dauerausstellung sinngemäß geschrieben: „Ich war mit Rosa an dem Ort, an dem, wenn wir in den 1940er Jahren gelebt hätten, über unser Schicksal entschieden worden wäre.“ Diese Liste hat einen ganz persönlichen Bezug für Jüdinnen und Juden. Diese Ebene versuchen wir in unseren Führungen immer deutlich zu machen.</em></p>
<div id="attachment_7509" style="width: 248px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7509" class="wp-image-7509" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Haus-der-Wannsee-Konferenz-Riefenstahl-Tafel-Foto-Steven-Sieberth-002-200x300.jpg" alt="" width="238" height="357" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Haus-der-Wannsee-Konferenz-Riefenstahl-Tafel-Foto-Steven-Sieberth-002-200x300.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Haus-der-Wannsee-Konferenz-Riefenstahl-Tafel-Foto-Steven-Sieberth-002-400x600.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Haus-der-Wannsee-Konferenz-Riefenstahl-Tafel-Foto-Steven-Sieberth-002-600x899.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Haus-der-Wannsee-Konferenz-Riefenstahl-Tafel-Foto-Steven-Sieberth-002-683x1024.jpg 683w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Haus-der-Wannsee-Konferenz-Riefenstahl-Tafel-Foto-Steven-Sieberth-002-768x1151.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Haus-der-Wannsee-Konferenz-Riefenstahl-Tafel-Foto-Steven-Sieberth-002-800x1199.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Haus-der-Wannsee-Konferenz-Riefenstahl-Tafel-Foto-Steven-Sieberth-002-1025x1536.jpg 1025w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Haus-der-Wannsee-Konferenz-Riefenstahl-Tafel-Foto-Steven-Sieberth-002-1200x1799.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Haus-der-Wannsee-Konferenz-Riefenstahl-Tafel-Foto-Steven-Sieberth-002-1366x2048.jpg 1366w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Haus-der-Wannsee-Konferenz-Riefenstahl-Tafel-Foto-Steven-Sieberth-002-scaled.jpg 1708w" sizes="(max-width: 238px) 100vw, 238px" /><p id="caption-attachment-7509" class="wp-caption-text">Tafel mit Leni Riefenstahl als Augenzeugin einer Massenerschießung, Tafel aus einer früheren Version der Ausstellung © Steven Sieberth.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In der früheren Ausstellung war ein Bild zu sehen, das Leni Riefenstahl zeigte, wie sie kurz nach dem Überfall auf Polen, schon am 12. September 1939, an einer Erschießung teilnahm. Ihr Gesichtsausdruck spricht Bände und zeigte auch, dass sie log, wenn sie behauptete, sie hätte nichts von den Verbrechen der Nazis gewusst. Die drei Soldaten auf dem Bild schauen mehr oder weniger teilnahmslos, emotionslos, Blicke fast ohne jedes Gefühl, einer wirkt vielleicht skeptisch, aber nicht unbedingt erschreckt. Leni Riefenstahl hingegen schaut geradezu entsetzt. Ist das Bild noch in der Ausstellung zu sehen?</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em> Nein, es ist nicht mehr zu sehen. Das Bild erinnert mich an den Film „Zone of Interest“. Wenn man den Kontext kennt, stellt man sich sehr genau vor, was sie sieht, obwohl man es auf dem Bild nicht sieht. Es ist da, man weiß es. </em></p>
<h3><strong>Wer lernt was aus der Geschichte?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Teilnehmer der Wannsee-Konferenz hatten alle einen biederen, bürgerlichen Habitus. Wie wohl auch viele Soldaten, deren Habitus Christopher Browning oder Harald Welzer analysierten und wie wir sie auf dem Bild sehen. Ich denke dabei immer an Hannah Arendts Begriff der <em>„Banalität des Bösen“</em>, auch wenn ich wohl nie damit fertig werde, diesen Begriff zu verstehen, geschweige denn glaube, ihn jemals adäquat kommentieren zu können. Aber vielleicht passt der Begriff genau auf das, was geschehen ist. Wie reagieren die Schülerinnen und Schüler darauf, die sich die Ausstellung anschauen? Viele haben möglicherweise Großeltern oder Urgroßeltern, die in der NS-Zeit zumindest als Bystander agierten, manche dieser Groß- und Urgroßeltern waren selbst Täter. Gleichzeitig haben wir die Ergebnisse der <a href="https://www.stiftung-evz.de/was-wir-foerdern/memo-studie/">MEMO-Studien</a>, die besagen, dass die Zahl derjenigen immer größer wird, die glauben, dass ihre Eltern, Großeltern, Urgroßeltern im Widerstand gewesen wären, Juden gerettet oder sonst wie aktiv gegen die Nazis aufbegehrt hätten. Hier wird nicht der Holocaust geleugnet, wohl aber die individuelle Beteiligung daran. Völlig an der Realität vorbei.</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>:<em> Ich denke, man muss von den 15 Männern der Wannsee-Konferenz wegkommen und über die deutsche Gesellschaft sprechen. Was konnte man wissen, was kann man nicht wissen, wenn man es nicht wissen möchte? Wie blende ich was aus? Im Katalog ist auch ein Foto von einer Versteigerung in Lörrach. Versteigert wurden verschiedene Gegenstände von deportierten Jüdinnen und Juden aus der Stadt. Auf dem Foto sieht man viele Menschen und ich stelle immer die Frage, ob diese wissen, dass sie aufgenommen wurden? Was heißt das, wenn ich in die Kamera hineinschaue? Dann kann ich nicht sagen, dass ich nicht einverstanden bin mit dem, was da geschieht. Wie entsteht diese Empathielosigkeit? Ich habe immer das Gefühl, dass viele Jugendliche überrascht sind, wenn sie sehen, dass die Deportationen in aller Öffentlichkeit stattfanden. </em></p>
<p><em>Wir arbeiten zurzeit an dem Projekt </em><a href="https://atlas.lastseen.org/">#Last Seen</a><em>. Es geht um die Sammlung und Erschließung einer Datenbank von Bildern aus dem Deutschen Reich. Die Bilder zeigen, dass die Deportationen mit wenigen Ausnahmen am helllichten Tag stattfanden. </em></p>
<p><em>Die Schülerinnen und Schüler sind heutzutage zu jung um die Frage zu stellen, wie es in der jeweiligen Familie war. Wer soll auch die Frage beantworten? In den Bildungsangeboten kommt das in der Regel nicht vor. </em></p>
<p><em>Als wir im Projekt #LastSeen diskutiert haben, wo man im Spiel Deportationsfotos finden soll, haben wir die Rolle eines Bloggers ausgewählt. Es war klar, dass in unserer diversen und post-migrantischen Gesellschaft die Erzählung nicht über Großeltern oder Urgroßeltern in der NS-Zeit die in Deutschland lebten laufen kann. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Damit sprechen Sie auch die jungen Menschen an, deren Eltern oder Großeltern nicht in Deutschland geboren sind. Elke Gryglewski hat sich intensiv um diese Gruppe gekümmert. Was bedeutet die Shoah für sie? In der Schule denken manche Lehrkräfte, dass diese Schülerinnen und Schüler sich gar nicht dafür interessierten. Elke Gryglewski karikierte das einmal mit der Bemerkung, dass eine Lehrerin die Schülerinnen und Schüler beauftragt hätte, mal bei den Eltern oder Großeltern nachzufragen, was sie im Krieg erlebt hätten, aber dann dem türkischen Schüler gesagt habe, er müsse diese Aufgabe natürlich nicht erledigen.</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Ich hatte ein Projekt mit </em><em>Tanja Lenuweit von </em><a href="https://minor-kontor.de/team/"><em>MINOR</em></a><em> mit einer kleinen Gruppe vor allem Personen mit Fluchterfahrung. Die meisten kamen aus Syrien. Wir waren im Haus der Wannsee-Konferenz. Sie hatten großes Interesse am Thema, brauchten aber viele Grundkenntnisse. Wir haben mit einer Zeitleiste gearbeitet. Ihre erste Reaktion war, wie schnell es alles ging. Daraus dann die Frage, was heißt es, wenn die AfD Wahlen gewinnt? Sie wussten von Nazis, aber es war ihnen nicht präsent, dass es so schnell gehen konnte. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie ist es bei internationalen Gruppen?</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Sehr unterschiedlich. Früher habe ich mehr auf Englisch und auf Hebräisch gearbeitet. Bei britischen Gruppen gab es ein großes Interesse für Täterbiographien. Das interessiert mich nicht so sehr, ich interessiere mich mehr für die Strukturen und Kontexte. Manchmal kommen da Fragen, der Arzt von Hitlers Mutter wäre doch Jude gewesen. Ich frage zurück, warum brauchen wir eine solche Geschichte, was steckt dahinter? Bei manchen Gruppen habe ich das Gefühl, dass ich erklären muss, warum wir uns mit Täterschaft überhaupt beschäftigen: Deutsche haben das nicht getan, weil sie Deutsche sind, sondern weil sie Menschen sind und Menschen sind dazu fähig. </em></p>
<p><em>Ich glaube, deutschen Gruppen, mit denen ich arbeite, ist nicht klar, dass das mein Ansatz ist. Die Geschichte ist unangenehm, und dass eine Ausländerin ihnen davon erzählt, ist noch einmal unangenehmer. Ich hatte einmal eine Führung im Jüdischen Museum und auf die Frage, was man von einem Jüdischen Museum erwarte, sagte jemand: „Schuldgefühle“. Ich fand es gut, dass jemand das so transparent sagte. Das ist nicht der Ansatz vom jüdischen Museum oder vom Haus der Wannsee-Konferenz – warum kommt es bei Jugendlichen so an? </em></p>
<p><em>Vor dem 7. Oktober hatte ich eine israelische Gruppe, in der ich einen Denunziationsbrief vorgelesen hatte. Aus der Gruppe kam dann die Frage, was ich wohl 1943, in einer Diktatur, von Menschen erwarte? Daraus hat sich eine spannende Diskussion entwickelt, nämlich, auf welchen Zeitraum wir den Fokus legen sollten um aus der Geschichte etwas zu lernen. Als Antwort kam von jemanden, dass wir jeden Samstag gegen den juristischen Coup der israelischen Regierung demonstrieren müssten. Dazu hatte ich nichts gesagt, aber der Transfer zu heute war da. Es waren in der Gruppe nicht alle einverstanden. Das können wir in einer solchen Führung an diesem Ort auch nicht ausdiskutieren. </em></p>
<p><em>Wir haben die Forderung „Nie wieder“. Aber was heißt das, nie wieder was? Ich lasse Gruppen den Satz manchmal vervollständigen. Dann sieht man natürlich, dass es mehr als eine Antwort darauf gibt. Wenn ich nicht weiß, was jemand darunter versteht, ist es eine leere Floskel, die eigentlich gar nichts aussagt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Man könnte ergänzen: Nie wieder wehrlos!</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Nie wieder schwach! Ist eine Option, ja. Ich habe das Gefühl, dass Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich untereinander nach einem solchen Austausch besser verstehen.  </em></p>
<p><em>Der Gegenwartsbezug ist in Gedenkstätten ein heikles Thema. Man will etwas „aus der Geschichte für die Gegenwart lernen”, aber man muss genau hinschauen: mit welcher Motivation spricht man über die Gegenwart? Wird der Holocaust dabei relativiert oder werden problematische Vergleiche ohne Kontext herangezogen. Wenn genau in dem Augenblick, in dem ich über die sogenannte „Endlösung“ in der Ausstellung spreche, ein Hinweis auf Israel und Gaza kommt, ist es eine Abwehrreaktion, die fehl am Platz ist und die wir oft als sekundärer Antisemitismus betrachten. </em></p>
<p><em>Im besten Fall wird die Person schon von der Gruppe korrigiert. Aber solche Bemerkungen kommen vor allem von Erwachsenen, nicht von Jugendlichen. Es ist aber auch ein Phänomen, dass Jugendliche gar nicht so offen sagen, was sie denken. Viele denken, wenn sie kommen, dass von ihnen eine bestimmte Meinung oder eine bestimmte Haltung erwartet wird.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Frage stellt sich auch in der Debatte, ob Gedenkstättenbesuche in der Schule zur Pflicht werden sollen.</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Ich bin dagegen. Man könnte es anders aufziehen. Man könnte sagen, wir beschäftigen uns mit dem Thema Nationalsozialismus, wir sind in Berlin und es gibt mehr als zehn Orte, die wir besuchen könnten. Wir entscheiden gemeinsam, welche wir besuchen. Man könnte auch sagen, wir sind vier Lehrkräfte, zwei fahren mit der einen Hälfte an einen Ort, andere an einen anderen Ort. So haben Schülerinnen und Schüler das Gefühl, dass sie gehört werden, dass sie entscheiden können, und dann tauschen sie sich darüber aus, was sie gesehen haben. Manchmal sagen Lehrkräfte auch: „Morgen haben wir ein sehr emotionales, bedeutsames Erlebnis.“ Aber sie wissen doch noch gar nicht, ob es das sein wird. Das wird im Vorhinein viel zu aufgeladen. </em></p>
<p><em>Ich hatte einmal im Jüdischen Museum eine Gruppe aus Bayern, die keine Führung zum Nationalsozialismus wollten. Diese hatte der Lehrer gebucht. Sie wollten es einfach nicht. Sie hatten das Gefühl der Übersättigung. Ich habe dann gefragt, ob sie vielleicht Interesse an einem anderen Thema hätten, zum Beispiel zum jüdischen Leben, zur jüdischen Religion. Genau das! Das wollten sie machen, das interessierte sie. Ich habe den Wunsch des Lehrers ignoriert und mit ihnen eine tolle Führung zu einem Thema gemacht, das sie selbst ausgewählt hatten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und sie erfuhren etwas, wovon sie noch nie etwas gehört hatten.</p>
<div id="attachment_7510" style="width: 417px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7510" class="wp-image-7510" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-7-Beteiligung-der-Gesellschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-300x200.jpg" alt="" width="407" height="271" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-7-Beteiligung-der-Gesellschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-7-Beteiligung-der-Gesellschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-7-Beteiligung-der-Gesellschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-7-Beteiligung-der-Gesellschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-7-Beteiligung-der-Gesellschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-7-Beteiligung-der-Gesellschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-7-Beteiligung-der-Gesellschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-7-Beteiligung-der-Gesellschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-7-Beteiligung-der-Gesellschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-1536x1024.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-7-Beteiligung-der-Gesellschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns.jpg 1800w" sizes="(max-width: 407px) 100vw, 407px" /><p id="caption-attachment-7510" class="wp-caption-text">Raum 7 Beteiligung der Gesellschaft © GHWK / Thomas Bruns.</p></div>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Schule ist kein demokratischer Ort, aber wenn sie zu uns kommen, sollen sie Demokratie erleben. Wir müssen die Jugendlichen ernstnehmen, wir müssen sie beteiligen, denn dieses Wissen bedeutet Teilhabe. Ich kann manche der problematischen Diskussionen der heutigen Zeit, zum Beispiel „Remigration“ nicht verstehen, wenn ich die Geschichte nicht kenne.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zum Beispiel die Aberkennung der Staatsbürgerschaft, die die Nazis für Jüdinnen und Juden sehr schnell durchsetzten.</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Zum Beispiel. Irgendwann sind wir nicht mehr dabei und die jungen Leute, die heute zu uns kommen, müssen die Erinnerungskultur selbst gestalten. Aber ich habe den Eindruck, dass viele sich noch nicht so recht trauen. Man muss schon länger mit ihnen arbeiten.</em></p>
<h3><strong>Nach dem 7. Oktober</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Hat sich nach dem 7. Oktober in den Führungen etwas verändert?</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Vor allem haben wir in unseren Gästebüchern Kommentare dazu. Im Gegensatz zu anderen Gedenkstätten, wie zum Beispiel </em><a href="https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2024/04/kz-gedenkstaette-sachsenhausen-oranienburg-hass-antisemitismus.html"><em>Sachsenhausen</em></a><em>, mussten wir diese nicht wegnehmen. </em></p>
<p><em>Wir diskutieren intern anders, man bereitet sich anders auf Veranstaltungen vor. </em></p>
<p><em>Wir hatten im letzten Jahr bei uns das bundesweite Gedenkstättentreffen und haben darüber diskutiert, was wir tun, wenn jetzt eine Pro-Palästina-Kampagne die Veranstaltung für ihre Proteste nutzt. Es kam aber nicht vor. </em></p>
<p><em>Es gibt Besucher:innen, die versuchen über dieses Thema mit den Kolleg:innen an der Rezeption oder der Bibliothek zu sprechen, aber das meiste läuft eigentlich anonym über die Gästebücher.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie geht es nach Ihrem Eindruck weiter?</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Ich glaube, dass wir – zumindest in Berlin, aber wahrscheinlich auch bundesweit – zurzeit ein strukturelles Problem haben. Wir haben nicht den Raum gefunden, in dem wir über den 7. Oktober und den Krieg in Gaza sprechen können. Dann landet das bei uns. Bei den kurzen Formaten in Gedenkstätten passt dieses Thema nicht rein. Das können wir nicht alleine leisten. Das ist auch nicht der Auftrag von Gedenkstätten. Das Ergebnis sind stellvertretende Debatten. Es gibt Themen, die Lehrkräfte in der Ausbildung nicht zwingend behandeln, wie Ambiguitätstoleranz oder wie geht man mit Antisemitismus. Man muss keine Expertise im Nahostkonflikt haben, sondern Jugendlichen einen Raum geben, gehört zu werden. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine Gedenkstätte ist nicht der Ort, an dem man über all das sprechen und diskutieren kann, das anderswo nicht gemacht wird.</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Genau das ist mein Punkt.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Oktober 2025, Internetzugriffe zuletzt am 30. September 2025, Titelbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Berlin-Wannsee,_Villa_Marlier_(1).jpg">Zufahrt zur Villa Marlier, Berlin-Wannsee</a>, Foto: Palickap, Wikimedia Commons, Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license.)<em>    </em></p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/besprechung-mit-anschliessendem-fruehstueck/">&#8222;Besprechung mit anschließendem Frühstück&#8220;</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://demokratischer-salon.de/beitrag/besprechung-mit-anschliessendem-fruehstueck/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Des génocides populaires</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/des-genocides-populaires/</link>
					<comments>https://demokratischer-salon.de/beitrag/des-genocides-populaires/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 24 Jul 2025 09:55:50 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=7323</guid>

					<description><![CDATA[<p>Des génocides populaires Die Literaturwissenschaftlerin Anne Peiter über Shoah und Tutsizid „Ruth Klüger tritt für die Möglichkeit ein, Brücken zwischen den Singularitäten zu errichten, das heißt, verschiedene Katastrophen und die Trauer über sie ins Gespräch miteinander zu bringen. Das entspricht keiner historischen ‚Aufrechnung‘ und auch keiner Relativierung des einen durch das andere Ereignis. Es  [...]</p>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/des-genocides-populaires/">Des génocides populaires</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-8 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-7 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-8" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Des génocides populaires</strong></h1>
<h2><strong>Die Literaturwissenschaftlerin Anne Peiter über Shoah und Tutsizid</strong></h2>
<p><em>„Ruth Klüger tritt für die Möglichkeit ein, Brücken zwischen den Singularitäten zu errichten, das heißt, verschiedene Katastrophen und die Trauer über sie ins Gespräch miteinander zu bringen. Das entspricht keiner historischen ‚Aufrechnung‘ und auch keiner Relativierung des einen durch das andere Ereignis. Es läuft auch nicht auf die Behauptung hinaus, die Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden sei ein Thema, mit dem wir abgeschlossen hätten. Es ist nicht allein der Krieg in Israel und Gaza, der augenscheinlich macht, wie absurd ein solches Schlussstrich-Denken wäre. Mehr denn je stecken wir selbst in der Geschichte der nationalsozialistischen Gewalt, ihren verheerenden Folgen und in allem fortwirkend Unaufgearbeitetem, jetzt brutal Hervorbrechenden. Die weltweit zu beobachtende Verstärkung rechtsextremen, antidemokratischen Denkens ist Warnung genug. Die wild wuchernde, gar karnevalistisch-beliebige Benutzung des Begriffs ‚Genozid‘ tritt hinzu.“ </em>(Anne Peiter im einführenden ersten Kapitel ihres Buches „Der Genozid an den Tutsi Ruandas“)</p>
<p>Anne Peiter bezieht sich in dieser Passage wie auch an vielen anderen Stellen ihres Buches auf Ruth Klügers „weiter leben – Eine Jugend“ (München, dtv, 2001). Weitere Gewährsautor:innen sind Nora Bossong mit „Schutzzone – Roman“ (Berlin, Suhrkamp, 2019). Anne Peiter verbindet in ihren Forschungen Geschichts-, Kultur- und Literaturwissenschaften, Soziologie und Politologie, all dies auf der Grundlage literarischer Zeugnisse von Überlebenden des Genozids an den Tutsi Ruandas im Jahr 1994, die weit mehr als bloße Dokumente eines Genozids bieten und im Folgenden ausführlich beschrieben werden sollen. Wer sich an vergleichende Genozidforschung heranwagt, wird in den Analysen von Anne Peiter eine Fülle von literarischen Hinweisen finden, die ein höchst differenziertes Bild eines Menschheitsthemas erschließen helfen, gleichermaßen in Bezug auf Täter:innen, Opfer und all diejenigen, die im Nachhinein versuchen mögen, Erklärungen zu finden, die sich vielleicht doch zur Begründung eines wie auch immer gearteten „Nie wieder“ fügen ließen.</p>
<div id="attachment_7325" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7325" class="wp-image-7325 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Foto-privat-300x240.jpg" alt="" width="300" height="240" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Foto-privat-177x142.jpg 177w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Foto-privat-200x160.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Foto-privat-300x240.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Foto-privat-400x320.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Foto-privat-600x480.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Foto-privat-768x615.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Foto-privat-800x640.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Foto-privat-1024x819.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Foto-privat-1200x960.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Foto-privat.jpg 1271w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7325" class="wp-caption-text">Anne Peiter. Foto: privat.</p></div>
<p>Die Germanistin <a href="https://www.buechner-verlag.de/autor/anne-d-peiter/">Anne Peiter</a> lehrt und forscht an der <a href="https://www.univ-reunion.fr/">Universität von La Réunion</a>, einem französischen Département d’outre-mer im Indischen Ozean. Sie wurde an der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert und habilitierte sich in Paris an der Sorbonne Nouvelle mit der Arbeit <a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-4567-5/traeume-der-gewalt/">„Träume der Gewalt. Studien der Unverhältnismässigkeit zu Texten, Filmen und Fotografien – Nationalsozialismus – Kolonialismus – Kalter Krieg“</a> (Bielefeld, transcript, 2019). Koloniale Gewalt war auch Thema ihres gemeinsam mit der an den Universitäten Rouen und Luxemburg tätigen Kulturwissenschaftlerin <a href="https://www.uni.lu/fhse-en/people/sonja-malzner/">Sonja Malzner</a>, herausgegebenen Buches <a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-3753-3/der-traeger/">„Der Träger – Zu einer ‚tragenden‘ Figur der Kolonialgeschichte“</a> (Bielefeld, transcript, 2018). Gegenstand dieses Buches war die Figur des Lastenträgers. Im Jahr 2021 veröffentlichte sie bei Büchner in Marburg. Gemeinsam mit <a href="https://wolframette1966.wordpress.com/publikationen/">Wolfram Ette</a> veröffentlichte sie den Band <a href="https://www.buechner-verlag.de/buch/der-ausnahmezustand-ist-der-normalzustand-nur-wahrer/">„Der Ausnahmezustand ist der Normalzustand, nur wahrer – Texte zu Corona“</a>, zur Literatur im Zeichen der Corona-Pandemie. Im Jahr 2024 folgte – ebenfalls bei Büchner – das zu Beginn zitierte Buch <a href="https://www.buechner-verlag.de/buch/der-genozid-an-den-tutsi-ruandas/"> „Der Genozid an den Tutsi Ruandas – Von den kolonialen Ursprüngen bis in die Gegenwart“</a>. In ihrem nächsten Projekt befasst sie sich mit dem, was sie <em>„konfluierende Erinnerung“</em> nennt – gehen soll es um eine Zusammenschau der Shoah, des Tutsizid und der Massengewalt der Roten Khmer in Kambodscha.</p>
<h3><strong>„Tutsizid“ – ein umstrittender und dennoch angemessener Begriff</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vergleichende Genozidforschung ist eine höchst umstrittene Disziplin. Das betrifft nicht zuletzt die Rezeption des <em>„Tutsizids“</em>, eines meines Erachtens durchaus passenden Begriffs für das, was in Ruanda geschah.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Der Begriff des „Tutsizids“ ist aus einem bestimmten Grund umstritten: Er unterschlage, dass nicht nur die Minderheit bei der Katastrophe des Jahres 1994 Opfer geworden sei. Es gibt Schätzungen, dass auch etwa 200.000 Hutu, die sich gegen das Regime aussprachen und engagierten, zu Opfern geworden sind. </em></p>
<div id="attachment_7326" style="width: 215px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.buechner-verlag.de/buch/der-genozid-an-den-tutsi-ruandas/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7326" class="wp-image-7326 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Genozid-an-den-Tutsi-Ruandas-Buechner-205x300.jpg" alt="" width="205" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Genozid-an-den-Tutsi-Ruandas-Buechner-200x293.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Genozid-an-den-Tutsi-Ruandas-Buechner-205x300.jpg 205w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Genozid-an-den-Tutsi-Ruandas-Buechner-400x586.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Genozid-an-den-Tutsi-Ruandas-Buechner-600x879.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Genozid-an-den-Tutsi-Ruandas-Buechner-699x1024.jpg 699w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Genozid-an-den-Tutsi-Ruandas-Buechner-768x1126.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Genozid-an-den-Tutsi-Ruandas-Buechner-800x1173.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Genozid-an-den-Tutsi-Ruandas-Buechner.jpg 1048w" sizes="(max-width: 205px) 100vw, 205px" /></a><p id="caption-attachment-7326" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild, weitere Informationen über das Titelbild auf der <a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/kolonialesbildarchiv/content/titleinfo/11403612">Seite des Kolonialen Bildarchivs /Goethe Universität Frankfurt am Main</a>.</p></div>
<p><em>Ich glaube aber, dass der Begriff trotzdem seine Richtigkeit hat. Man muss unterscheiden zwischen einer Verfolgung, die rassistisch bedingt war, und einer Verfolgung, die politischen Motiven folgte. Es wäre sonst so, als wenn man die Shoah mit der Ermordung von Kommunisten und Sozialisten durch die Nationalsozialisten zusammenwerfen würde. Auch dort nimmt man eine kategoriale Trennung vor. Genau dies tue ich, indem ich das Wort „Tutsizid“ als Variante von „Genozid“ einführe. </em></p>
<p><em>Hinzu kommt eine bestimmte Form von Negationismus, die das spezifische Schicksal der Tutsi in Abrede zu stellen versucht. Der Begriff ist meines Erachtens nützlich, um solchen negationistischen Tendenzen entgegenzuwirken. Dieser Negationismus unterscheidet sich allerdings vom Negationismus gegenüber der Shoah. Niemand sagt, es habe diese Massaker in Ruanda nicht gegeben, aber es wird behauptet, die Tutsi hätten ihrerseits einen Genozid an den Hutu begangen. Dies nennt man die These vom „doppelten Genozid“. Den Opfern wird eine Verantwortung an den Massakern zugeschrieben. Damit ist nicht gesagt, dass es gegen Ende des Genozids an den Tutsi nicht zu einzelnen Racheaktionen der Tutsi gekommen wäre. Es ist extrem kompliziert, weil sich diese auch im Rahmen eines Bürgerkriegs vollzogen. Es entspricht jedoch nicht der Wahrheit, dass es zwei Genozide gegeben hätte. Mit diesem Argument versuchen Täter, ihre eigene Verantwortung in Abrede zu stellen. Insofern verteidige ich den Begriff des „Tutsizids“, allerdings mit dem Hinweis, dass auch Hutu zu Opfern werden konnten und auch tatsächlich zu Opfern geworden sind.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie bewerte ich in diesem Kontext die Rückkehr der Tutsi, nicht zuletzt von Paul Kagame, der inzwischen seit etwa 30 Jahren in Ruanda regiert? Paul Kagame mischt sich unter anderem in Auseinandersetzungen im benachbarten Kongo ein, indem er die dortige Rebellengruppe M 23 militärisch unterstützt. Er regiert ausgesprochen autoritär.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Ich muss gestehen, dass die Zusammenhänge in Nord- und Süd-Kivu meine Kompetenzen übersteigen. Das ist ein höchst komplexes Feld, sodass ich mich dazu nicht äußern möchte. Mir fällt jedoch auf, dass dieser Krieg in Le Monde und in anderen Zeitungen auf Fragen des Zugangs zu Rohstoffen reduziert wird. Der Genozid kommt in der Berichterstattung über diesen Krieg praktisch nicht vor. Das ist wiederum eine problematische Leerstelle. Es gibt durchaus in Ruanda die Angst, dass die Vernichtungspläne vom Kongo aus fortgesetzt werden könnten. </em></p>
<p><em>Offensichtlich ist, dass Paul Kagame vom Typus genau dem Bild entspricht, das gemeinhin auf die Tutsi angewendet wurde: Groß gewachsen, schlank, mit einer in den USA erfolgten Ausbildung. Auch da ließen sich Verschwörungserzählungen anheften. Zugleich ist klar, dass es sich bei Kagames Regime um ein Regime handelt, in dem rechtsstaatliche Prinzipien nicht respektiert werden. Die Idee, die auch in Deutschland zirkuliert, Ruanda sei der „Phönix“, der aus der „genozidalen Asche“ erstanden sei, muss als hochproblematisch bezeichnet werden. Gleichzeitig muss man sagen, dass in einer ersten Phase der Regierung Kagame die Aufgabe darin bestand, die Genozidäre daran zu hindern, ihr Vorhaben fortzusetzen, und dass die Regierung versuchen musste, als Minderheit eine Kontrolle über die Täter auszuüben und zu einer Rechtsprechung zu finden, die wenigstens in Ansätzen so etwas wie Gerechtigkeit schaffen könnte. Diese Machtfragen muss man bei der Beurteilung der Situation in Rechnung stellen. </em></p>
<h3><strong>Konfluierende Zeugnisse in der Literatur – ein kurzer Überblick</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: 30 Jahre sind ja auch keine lange Zeit. Was 30 Jahre bedeuten oder nicht bedeuten, sollten wir in Deutschland nach 1945 und nach 1989 eigentlich wissen. Ängste können lange nachwirken, es gibt einen eigenen Forschungszweig, der sich mit dem Thema des Traumatransfers in der zweiten und in weiteren Generationen befasst. Sie nähern sich dem Thema zunächst als Literaturwissenschaftlerin. Sie präsentieren und analysieren eine Fülle von literarischen Quellen, von denen mich manche an Quellen zur Shoah erinnern. Diesen Eindruck erhalte ich auch, wenn ich Ihre Aufsätze zum Thema lese. Ich darf zwei Beispiele nennen: „Genozid und antichronologisches Erzählen – Zum Konzept der ‚extremen Grundlosigkeit‘ in autobiographischen Texten von überlebenden Tutsi und Juden“ (in: Julia Seeberger, Sabine Schmolinsky, Markus Vinzent, Hg., <a href="https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/9783111157610/html">Beyond the timeline – Resetting historiography</a>, Berlin, Boston, De Gruyter, 2024) oder „Gedenkbrücken – Über den Austausch zwischen Überlebenden der Shoah und des Tutsizids in Ruanda“ (in: <a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/publikationen/ZfG_Velbr%C3%BCck_14.html.de">Zeitschrift für Genozidforschung 23,1, 2025</a>).</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Eines meiner Anliegen ist es, die groß angelegte Literatur zum Tutsizid auch in Deutschland bekannter zu machen. In französischer Sprache gibt es einen großen Buchmarkt an Autobiographien und an fiktionalen Werken. Ich nenne beispielsweise die in Frankreich sehr bekannte </em><a href="https://scholastiquemukasonga.net/en/"><em>Scholastique Mukasonga</em></a>,<em> eine in Frankreich lebende Romanautorin, die regelmäßig mit Romanen hervortritt, die den Genozid wie auch die Vorgeschichte thematisieren. Es gibt einige wenige Übersetzungen, beispielsweise von „Notre-Dame du Nil“ (Paris, Gallimard, 2012, eine deutsche Ausgabe erschien 2014 unter dem Titel „Die heilige Jungfrau vom Nil“ im Heidelberger Verlag </em><a href="https://www.wunderhorn.de/"><em>„Das Wunderhorn“</em></a><em>).</em></p>
<p><em>Es gibt in Deutschland auch einige Bücher von </em><a href="https://www.bnf.fr/sites/default/files/2019-01/biblio_jean_hatzfeld.pdf"><em>Jean Hatzfeld</em></a><em>, eine ganz wichtige Quelle, eine Art von Kollektivbiographie, für die sowohl die Überlebenden als auch die Täter sowie die nachfolgende Generation interviewt wurden. Durch diese Interviews entsteht ein Miniaturporträt der Stadt Nyamata. Am Beispiel einiger weniger ausgesuchter Familien zeigt Hatzfeld, wie in den Familien über diese Katastrophe gesprochen wird. In seinem Buch „Là où tout se tait“ (Paris, Gallimard, 2021), das leider nicht ins Deutsche übersetzt wurde, sucht er – auch in Bezug auf die Shoah – den Zugang zu Menschen, die versucht haben, Menschenleben zu retten, indem sie sich als Hutu auf die Seite der Tutsi gestellt haben. </em></p>
<p><em>In Düsseldorf lebt und arbeitet die von mir über alles geschätzte Psychotherapeutin </em><a href="https://www.genocide-alert.de/esther-mujawayo/"><em>Esther Mujawayo</em></a><em>. Sie hat im Genozid ihre drei damals noch sehr jungen Töchter retten können, aber ihren Mann und ihre Großfamilie verloren. Sie hat gemeinsam mit ihrer frankoalgerischen Freundin </em><a href="https://wordswithoutborders.org/contributors/view/souad-belhaddad/"><em>Souâd Belhaddad</em></a><em> ein sehr schönes Buch geschrieben, in dem sie ihr Erinnerungsmaterial ordnet und strukturiert. Sie berichtet als Psychotherapeutin über die Vorgeschichte, ihr Leben mit der Familie, vom Einbruch der Katastrophe und den Folgen für die Frauen. Es ist ein feministisches Buch, wie schon der Titel mit der femininen Form ankündigt: </em><a href="https://editionsdelaube.fr/catalogue_de_livres/survivantes/"><em>„SurVivantes“</em></a><em> (Paris, Editions de l‘Aube, 2004, deutsche Übersetzung: „Ein Leben mehr – Zehn Jahre nach dem Völkermord in Ruanda“, Wuppertal, Peter Hammer, 2005).</em></p>
<p><em>Darüber hinaus gibt es viele weitere Texte, die der deutschen Öffentlichkeit entgangen sind, darunter auch Kollektivprojekte. Die französische Philosophin Florence Prudhomme hat eine Schreibwerkstatt organisiert, in der sich Überlebende gegenseitig ihre Lebensgeschichte erzählten. Die Idee war, dass das Schreiben auch einen therapeutischen Wert haben sollte. Die Schreibwerkstatt sollte durch den Austausch in der Gruppe Solidaritätsstrukturen unter den Schreibenden ermöglichen. So entstanden die </em><a href="https://www.fondationshoah.org/memoire/cahiers-de-memoire-kigali-2014-dir-florence-prudhomme"><em>„Cahiers de mémoire, Kigali, 2014“</em></a><em>. Die Quellen wurden nicht kondensiert und montiert wie bei Jean Hatzfeld, sondern es sind Texte, die von den Überlebenden selbst stammen.</em></p>
<p><em>Eine weitere kleine Autobiographie gibt es leider auch nicht in deutscher Übersetzung. Der Autor ist Révérien Rurangwa. Er war im Genozid 15 Jahre alt und lebt heute in der Schweiz, weil er auch nach dem Genozid in Ruanda von Hutu bedroht wurde. Er hat als Fünfzehnjähriger erleben müssen, wie 43 Mitglieder seiner Familie vor seinen Augen umgebracht wurden. Man hat ihn auf furchtbarste Weise verstümmelt und einfach liegen lassen, weil man dachte, er würde ohnehin sterben. Man hat ihm einen schnellen Tod verweigert. Das Buch dokumentiert, dass der Genozid eigentlich nicht überlebbar ist, wie aber der Autor trotzdem in der Erinnerung an die anderen die Pflicht sieht, weiterzuleben. Er hat schönheitschirurgische Eingriffe, die ihm sein Gesicht hätten wiedergeben können, abgelehnt, weil er sagt, dass das Gesicht, das er hat, das Gesicht sei, das ihm seine Mutter gegeben habe, und dass die Narben an seinem Körper eine Spur sind, die sich nicht mehr auslöschen lässt. Er ist selbst ein Mahnmal, mit einem ausgestochenen Auge, einer abgeschlagenen Hand. Die Evidenz der Katastrophe ist an seinem Körper abzulesen. Das Buch heißt </em><a href="https://rwandaises.com/2018/04/genocide-de-reverien-rurangwa-on-la-tue-mais-il-nest-pas-mort/"><em>„Génocidé – Récit“</em></a><em> (Paris, J’ai lu, 2006). </em></p>
<p><em>Dieses Buch hat mich besonders interessiert, weil sich darüber im Grunde auch die Kritik an einer Forschung etablieren lässt, die sich einseitig auf den Begriff der Erinnerungskonkurrenz stützt. Ich setze dem dortigen Konfligieren – also dem Konflikt – etwas entgegen, das ich Konfluieren nenne, so wie in Lyon die Flüsse Rhône und Saône zusammenfließen. Diese Confluence bedeutet nicht, dass Shoah und Tutsizid – metaphorisch gesprochen – ein einziger Fluss wären. Es gibt ganz unterschiedliche Quellen, ganz unterschiedliche Wege hin zu diesen beiden Katastrophen. Die ruandischen Überlebenden suchten selbst Vorväter und Vormütter ihrer eigenen Geschichte, um diese auf irgendeine Weise einordnen zu können. Dafür ist dieses Buch von Rurangwa äußerst interessant: Er wurde über eine jüdische Organisation in Frankreich eingeladen, sich mit Überlebenden der Shoah auf eine Reise nach Auschwitz zu begeben. Er sieht sich existenziell im Austausch mit der Katastrophe der Shoah. In seinen Lektüren interessierte er sich auch für die jüdische Geschichte – in seinem Buch ist diese häufig Thema.</em></p>
<p><em>Damit steht er nicht alleine. Esther Mujawayo dokumentiert am Ende ihres Buches ein Gespräch mit der sehr alten Simone Veil. Beide Frauen suchen ihre Gemeinsamkeiten. Dieses Anliegen lässt sich im Übrigen durch die gesamte Landschaft von Autobiographien verfolgen, vor allem von Überlebenden aus Ruanda. So ist der Kontakt zu jüdischen Organisationen leicht herzustellen. Es gibt in Frankreich auch jüngere überlebende ruandische Autorinnen und Autoren, die ganz bewusst gemeinsam mit Überlebenden der Shoah Schulen zur Aufklärung über ihre Erfahrungen besuchen. Sie versuchen, in Frankreich ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass das eigene Land, gerade unter François Mitterand, schuldig geworden ist, weil es nicht eingegriffen hat, auch bedingt durch die Freundschaft zwischen Mitterand und dem damaligen ruandischen Präsidenten Juvénal Habyarimana. Esther Mujawayo und Simone Veil erlauben damit einen kritischen Blick auf die europäische Geschichte.</em></p>
<p><em>Diese kurze Liste soll einfach zeigen, dass es gut wäre, einen Austausch zwischen deutschsprachigen und französischsprachigen Ländern zu ermöglichen, durch den in den deutschsprachigen Ländern mehr Zugang zu den französischsprachigen Reflektionen und Dokumentationen entsteht. Dies zu befördern sehe ich als meine Aufgabe, die ich auch über mein Buch zu erfüllen versuche.</em></p>
<h3><strong>Alltagsgeschäft und Arbeitsethos im Genozid</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie sprachen die Haltung Mitterands an, der das, was in Ruanda geschah, für etwas erklärte, das dort eben zur Normalität gehörte. Sie erwähnen in Ihrem Buch auch die Begleitung des damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler durch den Autor Hans-Christoph Buch, der eine ausschließlich Hutu-zentrierte Auffassung vertrat, Ausformung einer Täter-Opfer-Umkehr, wie wir sie auch in Deutschland angesichts der Popularität antisemitischer Äußerungen oder auch von manchen scheinbar Friedensbewegten im Hinblick auf den russländischen Angriffskrieg auf die Ukraine kennen.</p>
<p>Aber vielleicht sollten wir erst einmal noch etwas genauer beschreiben, was geschah. Ein erschreckendes Dokument ist zum Beispiel der Roman „Le passé devant soi“ von Gilbert Gatore (Paris, Phébus, 2006, eine deutsche Übersetzung erschien 2014 unter dem Titel „Das lärmende Schweigen“ in Berlin bei Horlemann). Auch in Ihrem Buch dokumentieren Sie das Vorgehen der Täter, die ihr Mordgeschäft wie die Arbeitszeit eines Beamten abwickelten, von 9 bis 5. Gilbert Gatore war damals 13 Jahre alt. Mich erinnerten seine Beschreibungen an die Ergebnisse der Forschungen von Christopher Browning oder Harald Welzer über die Täter der Shoah.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Die Zeit von 9 bis 5 hängt auch damit zusammen, dass dies etwa den Zeiten entspricht, in denen es in Äquatornähe hell ist. Dort ist der Tag deutlich kürzer als in West- oder Nordeuropa. Das nur am Rande. Es gibt aber einen interessanten Begriff in der Forschung, auf Französisch „un génocide populaire“. Übersetzen kann man das als „ein volkstümlicher Genozid“ oder auch als „ein populärer Genozid“ im Sinne von „ein beliebter Genozid“. </em></p>
<p><em>Der Genozid hatte im Grunde zwei Hauptakteure. Zuerst wuchs der Genozid von unten. Es waren Nachbarn, Freunde, Bekannte, es war „ein Genozid der Nähe“. Es waren Menschen, die die gleiche Schulbank gedrückt hatten, die in der gleichen Kirchengemeinde gewesen waren, die sich durch ein Generationen andauerndes Leben als Nachbarn kannten. Das ist der Punkt: Wie ist es möglich, dass aus solchen Intimbeziehungen heraus die Gewalt hervorbricht?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Da ließe sich auch an Jugoslawien denken, nicht zuletzt an den <a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/563876/das-massaker-von-srebrenica/">Genozid vom 11. Juli 1995 in Srebenica</a>.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>In Ruanda, in Srebenica, in der Shoah gab es als zweiten Punkt den Genozid von oben: Da sind diejenigen, die steuerten, die staatlichen Akteure, Polizisten, Gendarmen, die Präfekturen, ganz wesentlich auch die extremistische Hutu-Miliz, die sich Interahamwe nannten. Diese sind vielfach zu Anleitern der Gewalt geworden. Sie koordinierten, sie hatten das Radio zu ihrer Verfügung, nicht nur für Hass-Propaganda, sondern auch als Kommunikationsmittel, um zu zeigen, wo man sich gerade befand und wer prioritär zu töten sei. Sie hatten Fahrzeuge, schweres, auch modernes Gerät. Es ist somit einseitig, nur auf die Macheten als Mordwerkzeug abzuheben, wie das oft genug geschieht. Wenn man sich verschiedene Publikationen anschaut, sieht man, wie sich in der Shoah ein Topos in der Bildrhetorik abzeichnet: Stacheldraht. Es gibt praktisch kein Buchcover, dass nicht das Motiv des Stacheldrahts hervorhebt. Bei Publikationen zu Ruanda ist es wiederum die Machete, die als visuelle Erkennungsmarke fungiert. Die Machete war neben anderen Hieb- und Stichwaffen, Messern, Äxten in der Tat eine verbreitete Waffe, darunter Waffen, die auch in der Landwirtschaft verwendet wurden, auch Nagelkeulen, aber eben nicht nur.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zur Shoah werden immer die Gaskammern und Schornsteine als Orte des Todes benannt, der holocaust by bullets, der schon vorher etwa 1,5 Millionen Jüdinnen und Juden den Tod brachte, wird weniger bedacht. Diese Einseitigkeit trug nicht zuletzt zum auch heute noch von manchen verbreiteten Mythos der angeblich unbeteiligten und unschuldigen Wehrmacht bei.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Darum geht es mir. Man darf nicht vergessen, dass die große Effizienz der Vernichtung und die extreme Schnelligkeit dadurch zustande kam, dass es neben den genannten einfachen Waffen auch Granaten und moderne Schusswaffen gab. Die Mordprofis, die in den Jahren davor schon viele Menschen getötet hatten, konnten auf dieses Gerät zurückgreifen. In Kombination mit Orten, an denen sich viele Menschen versammeln konnten, ergab sich die ungeheure Beschleunigung des Genozids. Gemordet wurde in Kirchen, in Krankenhäusern, in Schulen, in Sportstadien und so weiter. </em></p>
<p><em>Ich glaube, man muss diesen Aspekt der Morde hervorheben, weil sonst die Mordprofis aus dem Blick geraten. Das lässt sich in der Tat mit den beiden Phasen der Shoah vergleichen, der Shoah durch die Kugel auf offenem Feld und der Shoah durch das Gas in den Vernichtungslagern. Die industrielle Form der Vernichtung hat sich vor den direkten Kontakt der Täter mit den Opfern geschoben, nicht für Historiker, aber im allgemeinen Bewusstsein der Bevölkerung. Auch beim Genozid in Ruanda muss man beides benennen. </em></p>
<p><em>Das ändert jedoch nichts daran, wie verstörend es ist, dass Leute, die sich kannten, in die Gewaltmaschine hineingeraten konnten. Die Beschleunigung des Genozids ergibt sich gerade auch durch diese Nähe, weil sich im Unterschied zur Shoah Identifizierungsprozesse erübrigten. In der Shoah brauchte man etwas, das Juden als Juden sichtbar machte. Raul Hilberg beschrieb die Markierung von Menschen durch Zeichen an der Kleidung, an der Haustür, durch ihre Konzentration in sogenannten „Judenhäusern“. Diese Absonderung der jüdischen Familien war in Ruanda vielfach nicht nötig. In Ruanda wusste man, ob der Nachbar Hutu oder Tutsi war. Man musste nicht mehr in die Pässe hineinschauen, in denen die Ethnie verzeichnet war. Man wusste einfach, wer leben durfte und wer nicht. Hier besteht ein großer Unterschied zwischen den beiden Genoziden.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie beschreiben auch Professionalisierungsprozesse. Täter berichten, dass sie ihr Werk – man könnte zynisch sagen, ihr Handwerk – von Tag zu Tag besser beherrschten.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Daher ist Ihr Hinweis auf Browning gut. Im Grunde kann man da nachvollziehen, wie sich Vergemeinschaftungsprozesse durch Gewöhnung vollziehen. Es gibt einen gegebenen Rahmen, einen Befehlsrahmen. Einer der Täter sagte: „Wir gehorchten aus freiem Willen“. Ein irrer Satz. Ein solcher Satz resümiert die Ambivalenz. Es gibt auf der anderen Seite auch Täter, die sagten, dass sie mit der Zeit gar nicht mehr wussten, wie viele Menschen sie überhaupt getötet hatten. Sie hätten gar nicht mehr zählen müssen, weil sie wussten, dass es am nächsten Tag weiterging. Solche Äußerungen finden wir zum Beispiel in den Interviews, die Jean Hatzfeld mit Tätern im Gefängnis vom Rilima geführt hat. </em></p>
<p><em>Es liegt etwas Autotelisches darin. Es klingt erst einmal so einfach, aber ich glaube, es steht im Zentrum: Meine These lautet, dass, wenn ein Genozid angefangen hat, eine Eigendynamik beginnt. Und diese Eigendynamik hat damit zu tun, dass Zeugenlosigkeit hergestellt werden soll. In dem Augenblick, in dem man angefangen hat, schuldig zu sein, haben die Täter Interesse daran, dass niemand mehr da sein soll, der bezeugen kann, dass es diese Verbrechen gegeben hat. Man schafft die Verbrechen aus der Welt, indem man anstrebt, dass niemand übrigbleibt, der je davon berichten kann. Das erklärt zum Teil auch diese immense Tötungswut und die Brutalität, wie sie 1994 in Ruanda zu beobachten war.</em></p>
<p><em>Es gibt allerdings nicht nur diese Effizienz. Es gibt auch den Feieraspekt. Die Dorfbewohner trafen sich am Abend, um die Beute unter sich aufzuteilen. Sie führten Machtkämpfe darüber, wer das Stück Land der Ermordeten bekam, was angesichts des Landmangels in Ruanda von großer Bedeutung war. Es gibt Historiker, die den Genozid aus diesem Landmangel und der hohen Bevölkerungsdichte erklären. </em></p>
<p><em>Es gibt aber auch eine Einbuße von Effizienz, wenn man mit dem Arbeiten aufgehört hat, gemeinsam feiert, gemeinsam Alkohol trinkt, das Rindfleisch von den Tieren genießt, die man den Ermordeten weggenommen hat. Manche Überlebende erklären ihr Überleben damit, dass es Täter gab, die irgendwann faul wurden, keine Lust mehr hatten, das Ganze auch zu mühsam fanden. Manche Täter beklagten sich sogar, dass die Letzten, die noch übrig waren, die Arbeit erschwerten, weil sie schneller laufen konnten, dass – im Euphemismus der Tätersprache – „die Arbeit zu anstrengend geworden war“. </em></p>
<p><em>Es ist ein vielschichtiges Bild. Es gibt auf der einen Seite dieses Arbeitsethos im Genozid, auch in Erinnerung an vorgenozidale Zeiten, als man irgendwann einmal im Monat daran mitwirken musste, kollektiv Infrastruktur herzurichten. Diese Verpflichtung zur kollektiven Arbeit übersetzte man ins Tötungsgeschäft. Es wurde zu einer Art Pflichterfüllung. Gleichzeitig gibt es Täter, die von einer Hoch-Zeit, einer feierlichen Zeit sprechen, in der sie endlich aus ihrem Alltag herauskatapultiert wurden, Dinge tun durften, die man normalerweise nicht tun durfte: Ein Ausscheren aus der Armut, ein Genuss, den man sonst so nicht gehabt hatte. </em></p>
<h3><strong>Morden vor aller Augen</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Keine Spuren hinterlassen – das ist ein gängiges Verhalten von Menschen, die ein Verbrechen begehen wollen und es dann auch in die Tat umsetzen. In der Shoah fuhren einerseits die Transporte in die Vernichtungslager fast bis zum letzten Tag pünktlich und verlässlich, andererseits versuchten die SS und ihre Helfershelfer mit dem Vorrücken der sowjetischen Armee die Spuren ihrer Verbrechen zu beseitigen, indem sie Massengräber aushoben und versuchten, alle Spuren zu vernichten. Lager wurden geräumt, inhaftierte Menschen auf Todesmärsche geschickt. Die Nazis wussten sehr genau, was sie getan hatten und taten, aber sie hatten ihre Pläne eben nicht vollständig umsetzen können.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>:<em> Dies ließe sich zu Ruanda ebenso sagen. Ein Unterschied zwischen dem Tutsizid und der Shoah liegt jedoch darin, dass es in Ruanda keinerlei Geheimhaltung gab. Das heißt nicht, dass in der Shoah nicht auch offensichtlich war, was geschah. Man muss sich nur im Film von Claude Lanzmann ansehen, was die polnischen Bauern sagen, die ihre Felder unmittelbar neben den Vernichtungslagern hatten. Es war auch offensichtlich, wenn die Nachbarn im eigenen Haus verschwanden. </em></p>
<p><em>Ich habe das in Bezug auf Mauthausen untersucht. Dort beschwerte sich eine Anwohnerin oberhalb der Steinbrüche, man möge doch damit aufhören, tagelang Erschossene und Agonisierende vor ihrem Wohnzimmerfenster abzulegen. Sie bat die SS auf dem Umweg über die örtliche Polizei, die Tötungen etwas versteckter zu veranstalten, damit sie sie nicht sehen musste. </em></p>
<p><em>Natürlich ist Geheimhaltung in Bezug auf die Shoah ein sehr relatives Konzept. Gleichzeitig gibt es deutliche Unterschiede. In Ruanda wurde vor den Augen aller getötet. Auch Kinder sollten zuschauen, es wurden keine Anstalten getroffen, um das Ganze vor möglichen anderen Zuschauern, zum Beispiel aus dem Ausland, zu verbergen. Man ging allerdings auch davon aus, dass es keine Journalisten mehr im Land gäbe, die die Morde bezeugen könnten. Es fand alles auf offener Straße statt, eben nicht in Lagern.</em></p>
<p><em>Die Ambivalenz, die Sie eben im Hinblick auf die SS beschrieben, lässt sich auch in Ruanda beobachten. Auf der einen Seite muss man sich für den Juli 1994 ein Land vorstellen, das mit Leichen bedeckt war. Die Graphic Novel </em><a href="https://arenes.fr/livre/la-fantaisie-des-dieux/"><em>„La fantaisie des dieux“</em></a><em> des Figaro-Journalisten Patrick de Saint-Exupéry thematisiert das. Der Zeichner zeigt Flüsse voller Leichen. Auf der anderen Seite zeigen die Autobiographien von Überlebenden, wie unendliches und erschreckendes Leid entstand, weil die Leichen von Angehörigen nicht gefunden werden konnten. Opfer wurden oft in Latrinen verscharrt. Das sind nicht kleine Gebilde, sondern metergroße Gruben, die oft hinter den Häusern ausgehoben worden waren. Mit dieser Form der Leichenbeseitigung wollten die Täter zwei Ziele erreichen, erstens eine totale Herabwürdigung der Opfer über den Tod hinaus, zweitens die Unmöglichkeit für die Überlebenden, ihre Angehörigen christlich und würdig zu begraben. </em></p>
<p><em>Das Leid, das aus vielen Autobiographien spricht, zeigt sich auch während der Gaçaça, den Laiengerichten, die versuchten, so etwas wie Gerechtigkeit zu schaffen. In den Gaçaça ging es oft darum, ob die Täter bereit waren, den Ort zu zeigen, an dem die Ermordeten lagen, oder ob sie nicht dazu bereit waren. Das war der Schlüssel, um die Ernsthaftigkeit eines Bedauerns oder gar einer Entschuldigung zu ermessen. Auch in der Leichenverbergung gibt es eben diese Ambivalenz, die Sie bei der Shoah erkennen. Einerseits wurde offen ausgestellt, andererseits wurden Spuren verwischt, als Zeichen der Macht über den Genozid hinaus.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Einäscherung eines Toten ist im Judentum nicht zulässig. Das Verbrennen der Ermordeten in den Krematorien war auch als weitere Entwürdigung gedacht.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Hier ist jedoch im Hinblick auf Ruanda auch ein Unterschied zur Shoah festzustellen. Es gibt keinen Genozid der Asche, wie man es nach Paul Celans „Todesfuge“ nennen könnte. Im Sommer 1994 war offensichtlich, was passiert war. Das Land war fast menschenleer, die Hutu waren geflohen und man fand Unmengen von Leichen, auch weil man an vielen Orten die Leichen einfach liegen ließ. Kirchen, Schulen, sehr berühmt die Schule von Murambi, wurden belassen, wie man sie vorgefunden hatte. Man sah die Leichen nicht nur, man roch sie und der Geruch war so stark, dass der Besuch fast unmöglich war. Dahinter stand die Idee, dass man denjenigen, die an diese Orte kommen, zeigt, was evident ist. Über Jahrzehnte zuvor wurde die Gewalt gegen die Tutsi geleugnet, die Täter, die schon vor dem Massaker gemordet hatten, waren nicht bestraft worden. Man wollte die Evidenzen belassen und diese so ausstellen, sodass niemand sein Auge abwenden konnte. Das war die erste Phase.</em></p>
<p><em>Dann kamen Kontakte auch nach Yad Vashem zustande. Berater aus Israel reisten nach Ruanda und versuchten die Regierung dabei zu unterstützen, Gedenkorte zu schaffen. Man versuchte, von der Masse der Toten wegzukommen, nicht mehr allein auf den Schrecken zu setzen und stattdessen die Körper zu begraben, an würdigen Orten zusammenzuführen. Auch das ist ein Beispiel für das Konfluierende im Genozid, das ich zeigen möchte. Ich hoffe, dass dies auch in Deutschland bedacht wird. Ich befinde mich mit meinem Buch immer wieder in einer zwiespältigen Situation. So manche Akteure aus den postkolonialen Studien mögen mich nicht besonders. Die Ignoranz gegenüber dem, was in Ruanda geschah, ist so groß, dass deutlich darüber gesprochen werden müsste.</em></p>
<h3><strong>Juristische Aufarbeitung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Frantz Fanon beschreibt in „Les damnés de la terre“ seine Begegnung als Psychiater mit dem Täter und mit dem Opfer einer Folterung. Dies ist meines Erachtens die Ursituation. Aber es gibt nicht nur die überlebenden Täter und Opfer, sondern auch die nachfolgenden Generationen. In Deutschland habe ich wahrgenommen, dass die Gaçaça-Gerichte, in anderen Ländern Wahrheitskommissionen, beispielsweise in Südafrika, und ähnliche Einrichtungen als vorbildlich wahrgenommen wurden. Ich kann mir das so nicht vorstellen. Ich sehe in diesen Einrichtungen eher große Hilflosigkeit, weil der Staat kaum Möglichkeiten zu haben scheint, solche Menschheitsverbrechen aufzuklären und zu bestrafen.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Das ist ein ganz großes und schwieriges Thema. Die Gaçaça-Gerichte sind eine Reaktion auch auf die Langsamkeit und die engen Grenzen, die dem </em><a href="https://unictr.irmct.org/"><em>Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda</em></a><em> gesetzt wurden. Man konnte dort allenfalls einige Haupttäter verurteilen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Internationaler_Strafgerichtshof_f%C3%BCr_Ruanda">Wikipedia-Eintrag zu diesem Strafgerichtshof</a> nennt 93 Anklagen und 62 Urteile in einem Zeitraum von etwa 20 Jahren.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Das betrifft auch die ruandische Justiz. Die Gerichte, die in Ruanda von professionellen Richtern geführt wurden, hätten einen unendlichen Zeitraum in Anspruch genommen. Im Grunde ist die Entscheidung für die Laiengerichte eine pragmatische Entscheidung. Mit der Zeit sind Hutu ebenso wie Tutsi, die sich im Exil befunden hatten, wieder nach Ruanda zurückgekehrt, und damit mussten Täter und Opfer wieder Tür an Tür leben. Sie waren wieder in der gleichen Situation wie vor dem Genozid. Sie waren wieder Nachbarn! Das musste man irgendwie lebbar machen. Die Idee war, dass man die völlig überfüllten Gefängnisse, die auch in keiner Weise humanitären Standards entsprachen, leeren musste. Man musste dafür sorgen, dass die Wirtschaft wieder in Gang kam, dass das Land nicht weiter im Zusammenbruch verharrte.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich denke an Konrad Adenauer, dem der Satz zugeschrieben wird, dass man schmutziges Wasser nehmen müsse, wenn man kein sauberes habe.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Ja, genau dies. Das lässt sich gut übertragen. Die Gaçaça waren für die Überlebenden eine ungeheure Zumutung. Es lief darauf hinaus, dass Täter auch mit Lippenbekenntnissen, kleinen Andeutungen des Bedauerns, ihre Strafen deutlich reduzieren konnten, wenn sie nicht sogar ganz straffrei blieben. Das war für die Überlebenden ein Schmerz sondergleichen, auch verbunden mit Angst, denn aussagebereiten Überlebenden wurde gedroht, dass man sie ermorden werde.</em></p>
<p><em>Auf der anderen Seite sind die Gaçaça ein pragmatischer Versuch, der notwendig scheitern musste, aber dennoch nötig blieb. Die ruandische Gesellschaft hatte letztlich keine Wahl. Die Tutsi konnten nicht alle ins Ausland gehen, sich nicht alle eine neue Heimat suchen. Die Hutu mussten irgendwie versuchen, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Da kam es zu Reibungen, zu einem Sich-Zurückziehen, gerade bei Überlebenden. Das kann man bei Esther Mujawayo sehr gut nachlesen. Sie sagt, dass die konkrete, auch die materielle Hilfe für verwitwete Frauen und für ihre Kinder im Vordergrund stand und dass sie sich selbst in die Fragen der Rechtsprechung gar nicht einmischen wollte. Sie war nicht bereit, als Zeugin oder als engagierte Überlebende ihr Wort gelten zu machen. Das ist die eine Position. Eine andere formuliert Révérien Ruwanga. Er sagt, dass es ohne Prozesse kein Zusammenleben geben könne. Ohne eine juristische Aufarbeitung könne nicht ermessen werden, was der Genozid wirklich bedeutet hat.</em></p>
<h3><strong>Frankreich und Deutschland</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir sprachen bereits die denkwürdige Positionierung von Mitterand an. In Deutschland hatten wir – ich sage es einmal so – den wohlmeinenden Bundespräsidenten Horst Köhler, der sich unter anderem von Hans-Christoph Buch beeinflussen ließ. Man fragt sich ohnehin, welche Ahnung die Berater im Bundespräsidialamt von der gesamten Geschichte hatten. Möglicherweise fand dort ein Referent zufällig einen Text von Hans-Christoph Buch und dachte, mehr brauche er nicht, um den Bundespräsidenten auf seine Reise vorzubereiten. Hinzu kommen viele Stimmen aus der antikolonialistischen und antiimperialistischen Szene. Sie erwähnen in Ihrem Buch unter anderem ein Erlebnis aus Berlin, wo aus dieser Szene behauptet wurde, dass es einen Genozid von Schwarzen an Schwarzen gar nicht geben könne. Mörder wären immer nur die <em>weißen</em> Kolonisatoren.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Mit solchen Aussagen bin ich immer wieder konfrontiert worden.</em> <em>Ich war schon naiv. Ich habe mir das Thema nie unter dem Blickwinkel eines Schwarzen Rassismus angesehen, sondern bin einfach davon ausgegangen, dass hier Menschen Menschen getötet haben. Für mich steht außer Zweifel, dass es sich in Ruanda um ein rassistisches System handelte. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Tutsi wurden umgebracht, weil sie Tutsi waren.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Es gab nur den Grund der Geburt. </em></p>
<p><em>Mitterand ist ein interessanter Fall, der inzwischen auch in der französischen Öffentlichkeit aufgearbeitet wird. Emmanuel Macron hat 2019 eine Historikerkommission damit beauftragt sich mit der „opération turquoise“ auseinanderzusetzen, aber auch mit dem Verhalten von Mitterand und der französischen Diplomatie und französischen Kooperationsprojekten im Vorfeld des Genozids. Wichtige Experten wurden zwar nicht in die Kommission berufen, was zu großem Aufruhr führte, doch </em><a href="https://www.sueddeutsche.de/politik/voelkermord-in-ruanda-blutige-spur-in-den-elysee-palast-1.3592390"><em>der Bericht der Kommission</em></a><em> ist von großer Härte und Klarheit. Er umfasst über 1.000 Seiten und stellt klar, dass nicht nur die französische Diplomatie versagt hatte, sondern dass auch Mitterand selbst und sein Sohn freundschaftliche Verbindungen zum ruandischen Präsidenten unterhielten. Um der Verteidigung der Frankophonie willen sei es nötig gewesen, die Bevölkerungsmehrheit der Hutu zu unterstützen. Mitterand betrachtete die Tutsi, die in der ruandischen Diaspora im Ausland tätig waren, als Gefahr, weil sie häufig zur englischen Sprache gewechselt waren. Ihm erschienen daher die Hutu im Interesse Frankreichs als verlässlicher. Es steht fest, dass Mitterand warnende Stimmen, die es durchaus gegeben hatte, ignoriert hat. Darunter war zum Beispiel der beeindruckende französische Historiker </em><a href="https://histoirecoloniale.net/passe-colonial-le-devoir-d/"><em>Jean-Pierre Chrétien</em></a><em>, ein Kenner der Länder rund um die großen afrikanischen Seen und der ruandischen Geschichte. </em></p>
<p><em>Besonders schockierend wird dies, wenn man bedenkt, dass der Genozid in dem Jahr stattfand, in dem der 50. Jahrestag der Landung der US-amerikanischen Truppen in der Normandie gefeiert wurde. Es gibt Aufnahmen von Mitterand in </em><a href="https://www.visitlimousin.com/centre-de-la-memoire-doradour-sur-glane/"><em>Oradour-sur-Glane</em></a><em>, wo die SS die Menschen eines ganzen Dorfes ermordet hatte. Mitterand sagte direkt zum Thema des Genozids, dies dürfe nie wieder geschehen. Er merkte jedoch nicht, was zeitgleich in Ruanda geschah. Ähnlich bei der Gedenkfeier zum 50. Jahrestag des D-Day in der Normandie. Dies wurde in der französischen Gesellschaft lange unter den Tisch gekehrt, aber das ändert sich. Dies ist der Zivilgesellschaft zu verdanken, aber auch der Historikerkommission, die sich nicht hat einschüchtern lassen. Die schon genannte Graphic Novel von Patrick de Saint-Exupéry „La fantasie des dieux“ beginnt mit Mitterand, der sich wie ein Pontius Pilatus die Hände in Unschuld wäscht, aber gleichzeitig die Erinnerung an die Shoah hoch zu halten vorgibt. Das ist einer der Gründe, warum mir eine vergleichende Genozidforschung so wichtig ist.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auch deshalb ist Ihr Buch so verdienstvoll. Ich nenne eine Auswahl von vier Genoziden, die eigentlich unbestritten als solche anerkannt werden müssten, die Shoah, der Tutsizid, der Genozid an den Armenieren, die <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/weil-sie-ezidinnen-sind/">Genozide – hier ist der Plural angebracht – an den Êzîden</a>. Heutzutage wird der Begriff des Genozids jedoch zunehmend missbraucht, nicht nur in Bezug auf Israels Vorgehen in Gaza, zuletzt mit Trumps unsäglicher Äußerung, es gäbe einen Genozid an der weißen Bevölkerung Südafrikas.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Wir erleben eine Inflation des Begriffs. Ich denke, wir müssen abwägend argumentieren. Aber es ist ein Problem, dass dieses Abwägen, das Sprechen in Nuancen oft gar nicht mehr gewünscht wird. Hier passt ein Blick auf das Verhalten von Horst Köhler. Es ist nun nicht so, dass dieser unglückliche Präsident gar nichts verstanden hätte. Er hatte mit der Zeit schon begriffen, dass es bei der Positionierung von Hans-Christoph Buch ein Problem gab, erst recht, nachdem dieser in der Frankfurter Rundschau auch gegen den Bundespräsidenten polemisierte, weil er den ruandischen Präsidenten Paul Kagame in Deutschland empfangen hatte. </em></p>
<p><em>Sicherlich war Horst Köhler schlecht beraten. Die interessantere Figur ist jedoch Hans-Christoph Buch, weil sich bei ihm die deutsche Kolonialgeschichte mit einem misogynen Blick auf ruandische Frauen fortsetzt. Mit einem widerlich heroisierenden Männlichkeitsblick beschreibt er sein Verhältnis mit seiner ruandischen Dolmetscherin, eine überlebende Tutsi, die mehrfach vergewaltigt worden war. Die Frau sagte, sie könne seit diesem Erlebnis Sexualkontakte nur noch als Gewalt wahrnehmen. Hans-Christoph Buch hält es für nötig zu erklären, dass er sich in diesem Moment sexuell erregt fühlte. Dabei blieb es nicht: Das Schockierende ist, dass er auch die angeblich tolle Nacht beschreibt, die er mit dieser Frau verbracht habe, in Missachtung dessen, dass sie ausdrücklich gesagt hatte, dass sie keine Sexualkontakte wünsche. Das ist meines Erachtens eine Schlüsselszene, die bekannter werden müsste, um die erforderliche Distanz zu all dem zu gewinnen, was Hans-Christoph Buch zur Kolonialgeschichte beizutragen vorgibt. Als junge Doktorandin habe ich ihn einmal bei einer Lesung erlebt und konnte ihn mit seinem Männlichkeitswahn damals schon nicht ertragen.</em></p>
<p><em>Alles, was man etwa um 1900 in deutschen Büchern zur Kolonialgeschichte lesen kann, wird von Hans-Christoph Buch geradezu Wort für Wort reproduziert, auch dadurch, dass er sich an einem bestimmten Buch ausrichtet, das im Jahr 1904 erschien: </em><a href="https://archive.org/details/caputnilieineemp00kanduoft"><em>„Caput Nili – Eine empfindsame Reise zu den Quellen des Nils“</em></a><em> von Richard Kandt, dessen problematische Position er in keiner Weise begreift. Was er schreibt, ist ein Abklatsch davon. Hans-Christoph Buch beruft sich auf seine Augenzeugenschaft eines Massakers, das Tutsi an Hutu begingen. Dieses Massaker hat es wirklich gegeben. Es steht nicht in Frage, dass hier etwas Grauenvolles geschah. Das Problem liegt woanders. Seine Erfahrung muss für Buch so traumatisierend gewirkt haben, dass es ihm nicht mehr gelang, die gesamte Gewaltgeschichte zu sehen und Abstand von negationistischen Thesen zu finden, deren Vertreter er dann schließlich auch wurde. Er geht ausschließlich von seiner persönlichen Erfahrung aus und verliert die Geschichte des Genozids damit aus dem Blick. </em></p>
<p><em>Hans-Christoph Buch ist aber auch ein Beispiel dafür, wie gering die Kenntnisse über Ruanda in der deutschen Presselandschaft ausgeprägt sind. Ich habe in meinem Buch versucht, die „Tribalisierung“ Afrikas in der deutschen Presse zu beschreiben. Dieses Wort muss unbedingt in Anführungszeichen gesetzt werden. Afrika habe keine eigene Geschichte, es gebe immer nur Kriege zwischen „Stämmen“, der „Blutrausch“ liege den Afrikanern „im Blut“. So sagte es ja auch Mitterand. Im Spiegel findet man im Jahr 1973, einem Jahr der Höhepunkte der Gewalt in Ruanda, als viele Schüler und Studenten betroffen waren, einen Bericht, in dem von den „Kurzen“ und den „Langen“ die Rede ist. Die „Langen“ sind die Tutsi, die „Kurzen“ die Hutu. Das sind die gängigen rassistischen Klischees.</em></p>
<h3><strong>Ethnifizierung </strong></h3>
<div id="attachment_7381" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/kolonialesbildarchiv/content/titleinfo/11489176"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7381" class="wp-image-7381 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Riesen-und-Zwerge.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Riesen-und-Zwerge.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Riesen-und-Zwerge.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Riesen-und-Zwerge.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Riesen-und-Zwerge.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main.jpg 504w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-7381" class="wp-caption-text">&#8222;Riesen und Zwerge&#8220;. Weitere Informationen des Kolonialen Bildarchivs erhalten Sie durch einen Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie dokumentieren, dass die Kolonisatoren die Tutsi als <em>weiße</em> Schwarze (sie verwendeten natürlich ein anderes Wort) bezeichneten.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Die Kolonisatoren waren voller Bewunderung für die Tutsi, die sie damals vorfanden. Sie meinten, das könnten doch unmöglich Afrikaner sein. Man erfand ihnen eine andere Herkunft. Man hatte mit diesem Aussehen und den Besonderheiten der Kultur und Regierungsform nicht gerechnet und musste nun eine Erklärung finden, die dem eigenen rassistischen Weltbild entsprach. Jean-Pierre Chrétien sagt, dass die Identität der Tutsi, wie sie ihnen die Europäer zuschrieben, schon festgestanden habe, bevor es zu dem Erstkontakt gekommen war. Der Hamiten-Mythos habe vorgezeichnet, wie die Kolonisatoren die ruandische Bevölkerung wahrnehmen würden. </em></p>
<p><em>Tutsi hieß eigentlich nur „Hirte sein“. Eine ethnische Bedeutung gab es nicht. Es war die Bezeichnung einer Berufsgruppe, die man auch verlassen konnte. Insofern stellt sich die Frage, wie die deutschen Kolonisatoren zu einer künstlichen Ethnifizierung der ruandischen Gesellschaft und der späteren Rassifizierung beigetragen haben, die in den Ethnien etwas Naturgegebenes sah. </em></p>
<p><em>Mich ärgert, dass man das Wort „Ethnie“ unkritisch weiter benutzt. Ich glaube, dass man nicht nur vom N-Wort sprechen sollte, sondern dass es vielleicht sogar wichtiger wäre, vom E-Wort zu sprechen. Wenn man schon mit Tabuismen sprechen will, ist dies das Schlüsselwort, das alle Gefahren in sich enthält. Es ist noch nicht der Kern des Genozids, aber der Kern der Möglichkeit einer Eskalation bis hin zum Genozid.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das E-Wort geistert ständig durch Politikerreden, unabhängig von der jeweiligen politischen Botschaft. Und zurzeit erleben wir in Deutschland eine Debatte, ob der Volksbegriff im Grundgesetz ethnisch definiert wäre. Das Gefährliche ist die dahinterstehende Geisteshaltung.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Das Wort „Ethnie“ ist in Ruanda verboten. Aber das kann – wie im Antisemitismus – den Tutsi wieder als Bösartigkeit ausgelegt werden, indem gesagt wird, sie wollten ihre Identität nur verschleiern. Sogar, wenn man auf ethnische Begriffe verzichtet, ist auch das wieder für die Gegner ein Zeichen von Machtwillen, nicht zeigen zu wollen, zu welcher Gruppe man gehört. Auch das kann wieder in Negationismus überführt werden. </em></p>
<div id="attachment_7379" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/kolonialesbildarchiv/content/titleinfo/11403677"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7379" class="wp-image-7379 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Watussirind.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main-300x214.jpg" alt="" width="300" height="214" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Watussirind.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main-200x142.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Watussirind.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main-300x214.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Watussirind.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main-400x285.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Watussirind.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main.jpg 504w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-7379" class="wp-caption-text">Watussi-Rinder. Weitere Informationen des Kolonialen Bildarchivs Goethe Universität Frankfurt am Main erhalten Sie durch einen Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie zeigen in Ihrem Buch das Bild einer Kuh und vermerken, dass dieses Bild eminent rassistisch sein könne.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Das geht noch weiter. Die Behauptung war, die langen Hörner der Rinder der Tutsi sähen aus wie die der Rinder auf den ägyptischen Hieroglyphen. Man fand in diesen Rindern den „Beweis“, dass die Tutsi aus dem Ägypten der Pharaonen stammen und daher früh mit dem Christentum in Kontakt gewesen sein müssten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Jetzt fehlen nur noch die zehn verschwundenen Stämme Israels</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Dazu gibt es Forschung. Eine Theorie sagt, die Tutsi wären einer der verlorenen Stämme. Es ist wichtig, die jüdische Geschichte immer wieder einzubeziehen, weil auch antisemitische Stereotype auf die Tutsi übertragen wurden. Es gibt eine merkwürdige Mischung aus Antisemitismus, Rassismus und dem Gedanken, die Tutsi seien die „Juden Afrikas“, die eigentlich schon vor langer Zeit die Chance gehabt haben müssten, zu einer Art Proto-Christen zu werden, weil sie aus dem Raum der Bibel stammten. </em></p>
<p><em>Der Antijudaismus wird durch das biologistische Denken im 19. Jahrhundert in den rassistischen Antisemitismus überführt. Mit dem Hamiten-Mythos geschieht etwas Ähnliches. Ham ist einer der Söhne Noahs, der die Schuld auf sich geladen habe, seinen Vater nackt zu sehen und daher von Gott verurteilt worden sei. Der Versuch der Bibel-Exegese verbindet sich hier mit anthropometrischen Projekten, in denen ausgemessen wurde, wie lang „die Tutsi-Nase“ oder „der Hutu-Schädel“ sei. Dann gibt es diese abstrusen Zahlenkolonnen, Statistiken ohne Ende, in denen das verwissenschaftlicht wird. Hannah Arendt nannte dies „Wissenschafts-Aberglauben“. Und genau das ist es. Auch hier gibt es Parallelen zum modernen Antisemitismus.</em></p>
<h3><strong>„Versöhnung ist Unsinn“ (Nora Bossong in: Schutzzone)</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht zum Abschluss ein Satz von Nora Bossong, deren Roman „Schutzzone“ Sie mehrfach zitieren: <em>„Versöhnung ist Unsinn“</em>.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: (denkt etwas länger über die Antwort nach). <em>Vielleicht muss man mit Paradoxien antworten. Versöhnung ist unmöglich, ist nötig, aber zwischen diesen beiden Polen hat sich die ruandische Gesellschaft eingerichtet, und das sollten wir in Deutschland wahrnehmen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Versöhnung als Pflichtprogramm? Mich erinnert das ein wenig an die DDR und die dortige staatsoffizielle Instrumentalisierung von Buchenwald.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Das zeigt sich auch bei den offiziellen Gedenkveranstaltungen in Ruanda. Die psychologische Forschung zeigt, dass Krisen in der Auseinandersetzung mit dem Genozid nicht abnehmen, sondern sich verstärken. Die Krisen werden gerade dann ausgelöst, wenn sich Überlebende zusammenfinden und einen Raum finden, in dem sie ihren Schmerz ausdrücken können. Die Präsenz der Katastrophe wird unleugbar. Daher sollte man auch nicht leichtfertig den Resilienz-Begriff benutzen, sondern den Akzent erst einmal auf das Leid setzen, dass diesen Menschen widerfahren ist, und erst dann darüber sprechen, dass das Land wieder zum Funktionieren gebracht wurde. Man darf nicht naiv optimistisch sein und einfach so tun, als wenn dies so einfach zustande gekommen sei. Die Menschen hatten einfach nicht die Wahl. Frauen waren gezwungen, fremde Kinder zu sich zu nehmen, alle mussten soziale Netzwerke ins Nichts hinein neu aufbauen. Das war nicht Zeichen einer Resilienz, sondern einer schieren Notwendigkeit. Auch Kinder haben Großes geleistet, wenn sie als ältere Geschwister für ihre jüngeren verantwortlich handelten. Esther Mujawayo schreibt, in einem Genozid stirbt nicht jemand, sondern in einem Genozid sterben <u>alle</u>. In diese Leere hinein müssen sich die Überlebenden neu erfinden. In diesem Sinne muss ich Nora Bossong vielleicht doch recht geben. Es ist ein „Zivilisationsbruch“ – wie Dan Diner es über die Shoah sagte –, und ein solcher „Zivilisationsbruch“ hat auch in Ruanda stattgefunden. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Wir könnten jetzt beispielsweise – nur beispielsweise – mit dem Sudan fortfahren.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>:<em> In unserer jetzigen Zeit wäre es gut, nicht immer in Oppositionen zu denken, als wenn man sich immer klar entscheiden müsste, auf wessen Seite man stehen oder wem man seine Aufmerksamkeit schenken sollte. </em></p>
<p><em>Es ist das Konfluierende, man muss Dinge zusammendenken, vergleichen, auch um Unterschiede herauszustellen. Es geht nicht darum, gleichzusetzen, aber ohne das Vergleichen macht man auch das Gedenken an die Shoah steril. Aus dem Shoah-Gedenken folgt „Nie wieder Auschwitz“. 1994 war die Weltöffentlichkeit in Ruanda nicht in der Lage, dies einzulösen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bundesaußenminister Joschka Fischer begründete seine Zustimmung zu den NATO-Angriffen auf Belgrad angesichts der serbischen Massaker in Srebenica und anderswo mit <em>„Nie wieder Auschwitz“</em>.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>:<em> Ich folge Ruth Klüger, die schrieb, man müsse Brücken zwischen den Singularitäten bauen. </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juli 2025, Internetzugriffe zuletzt am 24. Juli 2025. Titelbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nyamata_Memorial_Site_13.jpg">Nyamata Memorial Site</a>, Rwanda, © <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Inisheer">Fanny Schertzer</a>, Wikimedia Commons. Für die Vermittlung des Kontakts zu Anne Peiter danke ich <a href="https://www.igw.uni-bonn.de/de/institut/neuzeit/krueger/team/krueger">Christine G. Krüger</a>, Universität Bonn, Autorin des Beitrags <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/versoehnerinnen">„Versöhnerinnen?“</a> im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon,</span> gemeinsam mit Victoria Fischer.)</p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/des-genocides-populaires/">Des génocides populaires</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://demokratischer-salon.de/beitrag/des-genocides-populaires/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Vermächtnisse der Bukowina</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/vermaechtnisse-der-bukowina/</link>
					<comments>https://demokratischer-salon.de/beitrag/vermaechtnisse-der-bukowina/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 20 Jun 2025 14:57:47 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=6385</guid>

					<description><![CDATA[<p>Vermächtnisse der Bukowina Reflexionen zur Shoah bei Paul Celan und Selma Meerbaum-Eisinger „Ist ‚Heilung‘ überhaupt möglich und angemessen als Wort, um diese Handlungserfahrung zu beschreiben? Unabhängig davon, ob wir uns im Rahmen des Möglichen oder des Unmöglichen befinden, erweist sich die Akzeptanz der schrecklichen Realität als eine gestalterische Fähigkeit, in der vorhandenen Zeit anders  [...]</p>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/vermaechtnisse-der-bukowina/">Vermächtnisse der Bukowina</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-9 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-8 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-9" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Vermächtnisse der Bukowina</strong></h1>
<h2><strong>Reflexionen zur Shoah bei Paul Celan und Selma Meerbaum-Eisinger</strong></h2>
<p><em>„Ist ‚Heilung‘ überhaupt möglich und angemessen als Wort, um diese Handlungserfahrung zu beschreiben? Unabhängig davon, ob wir uns im Rahmen des Möglichen oder des Unmöglichen befinden, erweist sich die Akzeptanz der schrecklichen Realität als eine gestalterische Fähigkeit, in der vorhandenen Zeit anders unterzukommen und für sich Spielräume zu (er)finden. Anders gesagt, in der Dunkelheit wird ein Danach geformt. Ich bin nicht sicher, ob ich diesen Prozess ohne Metaphern beschreiben kann.“ </em>(Kateryna Mishchenko, <a href="https://weiterschreiben.jetzt/texte/erste-gedanken-an-heilung/">Erste Gedanken an Heilung</a>, veröffentlicht im Oktober 2024 auf der Plattform „Weiter Schreiben“)</p>
<p>Die <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/weltliteratur-im-exil/">Plattform „Weiter Schreiben“</a> gibt Autor:innen, die durch Krieg und Terror ihre Heimat verloren haben, die Gelegenheit, in dem Land ihres Exils weiter zu schreiben. Kateryna Mishchenko ist Ukrainerin. Die Autorin engagiert sich unter anderem im Verlag Medusa. Sie stellt eine, vielleicht sogar <u>die</u> entscheidende Frage, die sich allen stellt, stellen müsste, die versuchen, den Schrecken von Terror und Krieg in Worte zu fassen, ihn literarisch – so heißt es empathiereduziert oft – aufzuarbeiten.</p>
<p>Die Ukraine, nicht zuletzt die West-Ukraine, ist die Heimat eines bedeutenden Teils der deutschsprachigen Literaturgeschichte, die zugleich eine Geschichte der von Jüdinnen und Juden geschriebenen Literatur ist. Ein geradezu mythisch aufgeladener Ort ist Czernowitz, nicht nur, weil Czernowitz einer der größten jüdischen Gemeinden Osteuropas Heimat war. <a href="https://de-academic.com/dic.nsf/dewiki/290248#:~:text=Czernowitz%20%28deutsch%20auch%20Tschernowitz%3B%20ukrainisch%20%D0%A7%D0%B5%D1%80%D0%BD%D1%96%D0%B2%D1%86%D1%96%20%2F%20Tscherniwzi%3B,Karpatenvorland%2C%20haupts%C3%A4chlich%20am%20rechten%20Ufer%20des%20Flusses%20Pruth.">Die verschiedenen Schreibweisen des Ortsnamens</a> spiegeln die wechselvolle Geschichte der Stadt, deutsch auch Tschernowitz, ukrainisch Чернівц / Tscherniwzi, russisch Черновцы / Tschernowzy, rumänisch Cernăuţi, polnisch Czerniowce, jiddisch טשערנאָװיץ Tschernowitz). Die Stadt liegt am Fluss Pruth in der Landschaft der Bukowina, die wiederum ein Teil des ebenso mythisch aufgeladenen Galiziens ist.</p>
<h3><strong>What Poems and Music Can Tell</strong></h3>
<p><a href="https://www.uni-saarland.de/fakultaet-p/gutenberg.html">Norbert Gutenberg</a> hat für die Edition Noack &amp; Block zwei Bände gestaltet, die einer Autorin und einem Autor gewidmet sind, die in der Bukowina, in Czernowitz aufgewachsen sind: Paul Antschel, bekannt als Paul Celan, und Selma Meerbaum-Eisinger. Beide schrieben in deutscher Sprache, beide repräsentieren eine mit der Shoah zerstörte Kultur, die deutschsprachige jüdische Kultur in Osteuropa.</p>
<p>Paul Celan überlebte die Shoah und wurde zu einem der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker, Selma Meerbaum-Eisinger erlebte nach ihrem frühen tragischen Tod im Lager Michailowka ihre Wiederentdeckung nicht mehr, gehört aber nach einer aufregenden Überlieferungs- und Publikationsgeschichte zu den berühmten in deutscher Sprache schreibenden Autorinnen und Autoren der Bukowina. Wer mehr über die Biographien von Paul Celan und Selma Meerbaum-Eisinger wissen möchte, greife zu den bei Hentrich &amp; Hentrich erscheinenden „Jüdischen Miniaturen“. Helmut Braun schrieb das Buch <a href="https://www.hentrichhentrich.de/autor-helmut-braun.html">„Selma Meerbaum – ‚Ich will nicht sterben‘“</a>, Gernot Wolfram den Band <a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-paul-celan.html">„Paul Celan – Der Dichter des Anderen“</a>.</p>
<p>Bevor ich im Detail auf die beiden Bände von Gutenberg eingehe, erlaube ich mir einige grundsätzlichen Überlegungen, im Anschluss an den Gedanken von Kateryna Mishchenko. Ist es möglich, über die Shoah, über einen Genozid ohne Metaphern zu schreiben oder sind Metaphern unabdingbar, um Unsagbares in irgendeiner Art lesbar und hörbar, weniger unerträglich zu machen?</p>
<p>Diese Frage belastet alle, die die Shoah in ihre Texte aufnehmen, im Übrigen weil sie wohl gar nicht anders können, als sie, wenn sie schreiben, aufzunehmen: Wie lässt sich über den Schrecken, den Terrorregime und Milizen dieser Welt verbreiten, sprechen oder schreiben? Oder müssen wir Adornos Diktum aus dem Jahr 1951 akzeptieren, nach Auschwitz wäre es <em>„barbarisch“</em>, Gedichte zu schreiben? Oder ist es doch nicht eher so, dass gerade Gedichte helfen, die Welt wieder neu zusammenzusetzen, zumindest den Anschein einer neu zusammengesetzten Welt zu erzeugen? Wolfgang Hildesheimer deutete in seinen Frankfurter Vorlesungen (Frankfurt am Main, edition suhrkamp, 1969) an, dass Gedichte oder kurze an Gedichte mahnende Prosaformen (unter anderem am Beispiel der „Maulwürfe“ des in seiner NS-Vergangenheit umstrittenen Günter Eich) helfen könnten. Seine zweite Vorlesung überschrieb Hildesheimer mit „Das absurde Ich“: <em>„Das absurde Ich konstatiert die greifbaren Dinge in seiner Welt, es stellt Überlegungen an über ihre oft rätselvolle Funktion und definiert das eigene Verhältnis zu ihnen.“</em></p>
<p>Ein Gedicht wie „Todesfuge“ von Paul Celan, vielleicht das bekannteste Gedicht zur Shoah in deutscher Sprache überhaupt, lässt diesen Gedanken vertiefen. Eine „Fuge“ verbindet als Musikstück wie als Bauelement Unverbundenes, verschachtelt es, kittet, aber in der Verbindung mit dem „Tod“ mahnt sie als „Todesfuge“ an den Zivilisationsbruch der Shoah (Dan Diner), mit der die Welt wohl für immer aus den Fugen geraten ist. Provokativ gefragt: Gäbe es eine Zukunft für Hamlet?</p>
<p>Nicht nur für Hamlet. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/weil-sie-ezidinnen-sind/">Das Volk der Êzîd:innen erlitt 74 Genozide</a>. Ronya Othman sucht in ihrer Auseinandersetzung mit dem Schicksal der Êzîd:innen in ihren Romanen und in ihren Gedichten einen geeigneten Modus und findet Hybride von Roman, Geschichtsbuch, Reportage und Autobiographie. Diese Mischung spiegelt die Unsicherheit, die geeignete literarische Gattung zu finden. Im Zentrum landet immer wieder das „Ich“. Es ist und bleibt in höchstem Maße persönlich. Lena Gorelik formulierte diesen Gedanken in ihrer Poetikvorlesung „Ich schreibe weil ich glaube ich bin“ (Berlin, Verbrecher Verlag, 2024): <em>„So wie alles, was ich schreibe, ein Text ist und es andere sind, die eine Gattung darüber legen, Roman, autofiktionaler Roman oder autobiographischer Roman, als könne man den fiktionalen Anteil mit einem Lineal vermessen, Essay, Geschichte, aber ich, ich warte einfach, bis ich diese Stimme hören kann, die Melodie. Bis ich nur noch zu tippen brauche, was die Stimme diktiert, Worte, Töne, Zwischentöne, Pausen, Lücken, den Text.“ </em>Überleben in der Literatur, im literarischen, im poetischen Schaffen?</p>
<p>Aber was kann die Kunst, was darf sie, was soll sie leisten? Peter E. Gordon stellte im New York Review of Books vom 17. Oktober 2024 in dem Essay <a href="https://www.nybooks.com/articles/2024/10/17/music-and-memory-times-echo-jeremy-eichler/">„Music and Memory”</a> ein Buch von Jeremy Eichler vor: „The Second World War, the Holocaust, and the Music of Remembrance” (Knopf, 2024). Gegenstand des Buches sind unter anderem „Ein Überlebender von Warschau“ von Arnold Schoenberg, die „Metamorphosen“ von Richard Strauss, das „War Requiem“ von Benjamin Britten und der erste Satz der <a href="https://www.youtube.com/watch?v=acDDPoopgvw">13. Symphonie in B-Moll op. 113 von Dmitri Schostakowitsch</a>, der mit einem Chor beginnt, der auf einem Gedicht von Yevgeny Yevtuschenko über die Ermordung von über 33.000 Jüdinnen und Juden durch Wehrmacht und SS am 29. und 30. September 1941 in Babyn Yar beruht. Paul Celan hat dieses Gedicht ins Deutsche übersetzt: <em>„Über Babi Jar, da steht keinerlei Denkmal. Ein schroffer Hang – der eine unbehauene Grabstein. Mir ist angst. Ich bin alt heute, so alt wie das jüdische Volk. Ich glaube, ich bin jetzt ein Jude.” </em>(zitiert nach Natan Sznaider, <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/juedische-welt/erst-wurden-die-opfer-ermordet-dann-die-erinnerung/">Erst wurden die Opfer ermordet, dann die Erinnerung – Über das Gedenken an die jüdischen Opfer in Babi Jar</a>, in: Jüdische Allgemeine 7. Oktober 2016.)</p>
<p>Peter E. Gordon schreibt: <em>„No historical interpretation, no matter how elaborate, will succeed in nailing down its meaning once and for all.” </em>Natan Sznaider stellt fest, dass Juden in der sowjetischen Erinnerung keinen Platz hatten. Katja Makhotina und Franziska Davies nannten dies eine der <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/sternenstaub-im-wind/">„Offenen Wunden Osteuropas“</a>, denen sie in ihrem gleichnamigen Buch nachgingen (Darmstadt, WBG Theiss, 2022). Peter E. Gordon nennt das Zeitfenster, das Dmitri Schostakowitsch im Jahr 1962 nutzen konnte, in seiner Symphonie zugleich an die von den Nazis ermordeten Juden zu erinnern <u>und</u> an das sowjetische Vergessen. Aber die Aussage Adornos bleibt auf der Tagesordnung und muss stets von Neuem erörtert werden: <em>„But we must ask: Are there any limits to what art can tell? </em><em>Are some events simply too gruesome for aesthetic transfiguration? Is writing music after Auschwitz ‚barbaraic’, as Adorno famously said about poetry.” </em>Und was bleibt von Czernowitz? Czernowitz liegt heute im Westen der Ukraine. Es gibt eine <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/es-war-einmal-galizien/">höchst aktive Germanistik in der Ukraine</a>, die nicht nur an die deutsche Sprache erinnert, sondern auch an die in der Region mit ihr verbundene jüdische Kultur. Das österreichische Außenministerium fördert diese Erinnerung, in Deutschland weiß man davon nur unter Spezialist:innen.</p>
<h3><strong>Die Shoah ist die Shoah ist die Shoah</strong></h3>
<p>Metaphern, Bilder, Allegorien – all dies sollen Schüler:innen im Deutschunterricht analysieren, aber damit landen sie in einer literarischen Sackgasse. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich im Deutschunterricht zu Beginn der 1970er Jahre, als Gymnasiast in der Oberstufe, ein Gedicht, das ein Autor geschrieben hatte, von dem meine Mitschüler und ich damals nicht mehr wussten als dass er dieses Gedicht geschrieben hatte, auf Metaphern untersuchen sollte, es war „Todesfuge“ von Paul Celan. Was hat es auf sich mit <em>„schwarze Milch“</em>, <em>„Meister aus Deutschland“</em>, <em>„Grab in den Lüften“</em>, <em>„dein aschenes Haar, Sulamith“</em>?</p>
<p>In meiner Schulzeit kamen Auschwitz, die Zeit des Nationalsozialismus, im Übrigen nicht vor. Dass <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-zeitenwandler/">Walter Scheel zum 30. Jahrestag des 8. Mai 1945</a> von <em>„Befreiung“</em> sprach, merkte kaum jemand. Erst <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/niemals-taeter/">zehn Jahre später platzierte Richard von Weizsäcker den Begriff der <em>„Befreiung“</em></a> erfolgreich in der deutschen Erinnerungskultur, allerdings noch ohne das Bekenntnis, wie viele Deutsche die Nazis bei ihrem Vernichtungswerk unterstützten. Ob mein Deutschlehrer wusste, was es mit „Todesfuge“ auf sich hatte, weiß ich nicht. Ich vermute, eher nein, oder vielleicht wollte er es als Schüler des erst spät wegen seiner NS-Vergangenheit umstrittenen Bonner Germanisten Benno von Wiese auch nicht wissen. Das Gedicht stand eben im Lesebuch, ebenso wie andere Lesebuchgedichte, die Autor oder Autorin verschwinden ließen (das Schicksal von Ingeborg Bachmanns „Reklame“ ließe sich als weiteres Beispiel nennen, auch dies ein Gedicht, in dem Schüler:innen viel zu oft etwas such(t)en, was es darin gar nicht gibt, und darüber das Eigentliche verpassen). Erst mit der Zeit wurde mir klar, dass es in „Todesfuge“ keine einzige Metapher gibt, keine Allegorien. Alles ist real. Was tranken die in Auschwitz eingesperrten Menschen? Was geschah mit den Ermordeten? Wie nannten sich die SS-Aufseher? Und die <em>„Asche“</em>?</p>
<p>Die Edition Noack &amp; Bock in der Frank &amp; Timme GmbH hat – wie auch mit anderen ihrer Publikationen – den Mut, ein Buch zu veröffentlichen, das mit den vielen mysteriösen Versuchen der Interpretation von Literatur aufräumt. Sie hatte den Mut, das von Norbert Gutenberg herausgegebene Buch „Celan und die Anderen – Eine Anthologie zur <em>Todesfuge</em>“ zu veröffentlichen. Das Buch bietet viel mehr als der bescheidene Titel vermuten lässt. Norbert Gutenberg war Professor für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung an der Universität des Saarlandes. Er hat eine Einführung geschrieben, die im Titel die Begriffe <em>„Metaphern- und Sprachengeflechte“</em> nennt, die er auch in der Literatur über das Gedicht vorfand. Woher diese beiden Begriffe stammen, lässt sich – so scheint es – nicht mehr im Detail ermitteln.</p>
<p>Letztlich erinnert mich das Vorgehen von Norbert Gutenberg an Susan Sontags Essay „Against Interpretation“ sowie ihre Plädoyers, dass Krankheiten keine <em>„Metaphern“</em> sind. Krankheiten sind Krankheiten sind Krankheiten – so ließe sich vielleicht in Anlehnung an Gertrude Steins Rose sagen. Oder: Die Shoah ist die Shoah ist die Shoah. Susan Sontag schrieb: <em>„Wirkliche Kunst hat die Eigenschaft, uns nervös zu machen. Indem man das Kunstwerk auf seinen Inhalt reduziert und diesen dann interpretiert, zähmt man es. Die Interpretation macht die Kunst manipulierbar, bequem.“ </em>(Zitiert nach der Übersetzung von Mark W. Rien, in: Susan Sontag, Kunst und Antikunst – 24 literarische Analysen, Fischer Taschenbuch Verlag, 1982.) Worte verlieren Klarheit, Prägnanz, Wirklichkeit, wenn sie nur als Metaphern gelesen werden.</p>
<h3><strong>Die Singularität von „Todesfuge“</strong></h3>
<div id="attachment_6386" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.noack-block.de/verlag/autorinnen-und-autoren/buch/verlagsprogramm/norbert-gutenberg-hg-celan-und-die-anderen/backPID/norbert-gutenberg-hg.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6386" class="wp-image-6386 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Celan-und-die-Anderen-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Celan-und-die-Anderen-200x300.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Celan-und-die-Anderen-400x600.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Celan-und-die-Anderen-600x900.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Celan-und-die-Anderen-683x1024.jpg 683w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Celan-und-die-Anderen-768x1152.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Celan-und-die-Anderen-800x1200.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Celan-und-die-Anderen.jpg 827w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /></a><p id="caption-attachment-6386" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Norbert Gutenberg geht noch einen Schritt weiter. Er versteht „Todesfuge“ nicht nur als Gedicht, sondern – unter Bezug auf die Pittsburgher Komparatistin Amy-Diana Colin – auch als Kaddisch, in der Melodie erinnere „Todesfuge“ an einen Tango. Das Gedicht ermöglicht somit ein synästhetisches Erlebnis des Sprechens und Singens über die Shoah, sei aber von dem mittelalterlichen Genre des „Totentanzes“ abzugrenzen. „Todesfuge“ und andere Gedichte Celans verbänden sich im „Bezug zur Mutter Celans“: <em>„Die Todesfuge war für Celan das einzige Grabmal für seine Mutter!“</em></p>
<p>„Todesfuge“ ist – so führt Gutenberg seinen Gedankengang fort – einzigartig im Werk Celans wie im Werk zeitgenössischer Autor:innen, die sich in ihren Texten ebenfalls mit der Shoah auseinandersetzten. Gutenberg belegt die herausgehobene Stellung von „Todesfuge“ (nicht nur) im Werk von Paul Celan, indem er versucht, solche Parallelen in Gedichten von Paul Celan selbst sowie von 13 anderen internationalen Autor:innen in Tanach und Siddur zu suchen. So fand er einen anonymen Text in deutscher, englischer und französischer Sprache („Das Todestango“, „Le Tango de la Mort“, „The Deathtango“), der zwar nicht aus Auschwitz, sondern aus dem Lager Janowska bei Lemberg stammt und möglicherweise Celan inspiriert haben könnte. Nachweisbar ist dies nicht, aber plausibel. In seiner Einleitung kommentiert Gutenberg mögliche Vergleiche. Ein Beispiel: <em>„‚O die Schornsteine‘ von Nelly Sachs ist ein schlagender Beweis für die These, dass identische Erfahrungen zu zumindest ähnlichen sprachlichen Verarbeitungen führen.“ </em></p>
<p>Gutenberg teilt die Auffassung mehrerer Interpret:innen, <em>„die Shoah-Gedichte wörtlich zu nehmen: aus der gleichen Erfahrung resultieren gleiche oder ähnliche Sprachbilder.“</em> Allerdings versteht er dies nicht als Argument gegen die Singularität von „Todesfuge<em>“</em>, die Gutenberg mehrfach hervorhebt<em>: „Die zentralen Motive der Todesfuge kommen in keinem anderen Gedicht vor: die schwarze Milch, das Grab in den Lüften (nur einmal heißt es ‚das Grab in den Wolken‘), der Mann, der mit den Schlangen spielt, der Tod, der ein Meister aus Deutschland ist, Margarete mit dem goldenen und Sulamith mit dem aschenen Haar.“</em></p>
<p>Drei Überschriften verwenden den Begriff <em>„Metapherngeflecht“</em>: <em>„Das bukowinische Metapherngeflecht“</em>,<em> „Das außerbukowinische Metapherngeflecht“ und „Das (nicht nur) bukowinische Sprachgeflecht“</em>, dieses mit neun Übersetzungen ins Rumänische, Ukrainische, Jiddische, Französische, Russische, Englische, Iwrit, Italienische, Portugiesische. Eine Literaturliste und Kurzbiografien der vorgestellten Autor:innen runden den inhaltlichen Teil ab.</p>
<p>Liest man „Todesfuge“ als religiösen Text, wie Gutenberg mit Amy-Diana Colin sagt, als Kaddisch, liegt auch der musikalische Gedanke nicht fern, zumindest im zu wählenden Vortragsstil, auch in der Prosodie. Diesen findet er in weiteren Texten, zum Beispiel „Die Blutfuge“ von Moses Rosenkranz, der „Todesreigen“ von Immanuel Weißglas“ oder auch Paul Celans Gedicht „An den Wassern Babels (Chanson juive)“. Das Musikalische ist ein Modus des Sprechens, des Vortrags, es ist kein Bild, keine Metapher und schon gar keine Allegorie. Es ist kein Verweis auf die Praxis in einer Synagoge oder bei einem jüdischen Begräbnis, es ist was es ist: Ein Epitaph für sechs Millionen ermordete Juden, wie meines Erachtens sonst nur noch in Elfriede Jelineks grandios-gigantischem Roman <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-shoah-erzaehlen/">„Die Kinder der Toten“</a> gibt oder in Schostakowitschs 13. Symphonie.</p>
<p>Der Klang der Sprache: Eine Besonderheit, die Gutenbergs Buch ein Alleinstellungsmerkmal gibt, sind die Tonaufnahmen, die über QR-Codes abgerufen werden können. Auch die Links sind gelistet. Das Buch profitiert von Gutenbergs Expertise als Sprechwissenschaftler und Sprecherzieher. Mit dieser Expertise eröffnet Gutenberg einen völlig neuen Blick auf das Gedicht, denn er weiß zu vermitteln, was es bedeutet, ein solches Gedicht zu hören und wie schwer es sein mag, es überhaupt zu sprechen. Er unterscheidet den Vortrag eines Gedichtes vom Vortrag eines Theaterschauspielers. Ihm ist es gelungen, unter diesem Kriterium ausgezeichnete Sprecher:innen zu gewinnen, auch für die Übersetzungen.</p>
<p>Mit Recht kritisiert Gutenberg die Ansicht von Günter Grass, als dieser den Vortrag von Paul Celan in der Gruppe 47 im Jahr 1952 in Niendorf nicht verstand oder vielleicht auch nicht verstehen wollte. <em>„Grass erzählt von ‚priesterlicher‘ Stilisierung durch Kerzenanzünden beim Vorlesen.“</em> Ein Teilnehmer soll sogar gesagt haben, Celan lese wie Goebbels und alle hätten gelacht. Ob das stimmt, lässt sich nicht mehr überprüfen, aber die Anekdote belegt selbst wenn sie nur erfunden ist immerhin, wie Unverständnis die Gedichte Paul Celans begleitete und auch heute noch begleitet. Paul Celan war ein Außenseiter. Dass in der Gruppe 47 Menschen, die im Exil überlebt hatten, nicht sonderlich geschätzt wurden, hat <a href="https://nachtundtag.blog/">Nicole Seifert</a> in ihrem Buch „… und einige Herren sagten etwas dazu“ (Köln, Kiepenheuer &amp; Witsch, 2024), belegt.</p>
<p>Über Celans Vortragsstil schreibt Gutenberg: <em>„Diese Formhöhe der Sprache verlangt einen Sprechstil der gleichen Kategorie. Dass Celan darüber hinaus auch noch sich als Dichterorakel zelebrierte, seine Gedichte wohl auch selbst als auratisch empfand und sich gerne George-haft inszenierte, muss einen wie Grass natürlich befremdet haben. Dass er nicht versteht, dass die Celan’schen Gedichte nicht einfach sachlich abgelesen werden dürfen, sondern den hohen Ton brauchen, das ist schon irritierend. Dass aber Grass von Pathos nichts versteht, das sieht man an seiner hohlen Hymne ‚Ich singe dich, Espede.‘ Celan wäre das nicht passiert.“</em></p>
<p>Mit den letzten beiden Sätzen sind wir allerdings auch bei einem kleinen Problem des Buches. Norbert Gutenberg formuliert mitunter recht polemisch, man merkt seiner Sprache an, dass er sich über manche Einlassungen sehr geärgert haben muss. Mit Recht. Das Unverständnis und der Unwille zahlreicher Autoren der Gruppe 47 ist bekannt. Mit Autor:innen, die sich mit der Shoah auseinandersetzten oder diese gar im Exil überlebt hatten, konnten Hans-Werner Richter und Kollegen nicht viel anfangen. Deshalb sind die harten Formulierungen Norbert Gutenbergs auch angemessen. <em>„Celans Gedichte vertragen keinen sachlichen, unterkühlten, reduzierten Sprechstil; so etwas ist ihnen völlig unangemessen. Es muss nicht, z.B. bei der Todesfuge, die Art sein, wie Celan das Hymnische realisiert, aber der Klagehymnus muss erklingen.“</em></p>
<p>Ich empfehle, sich das Buch zu Hause an einen Ort zu legen, an dem man immer schnell zugreifen kann, um die darin enthaltenen Texte zu lesen und – das gehört dazu – zu hören! Dies wird den Zugang zu Paul Celans Gedicht erleichtern, nicht zuletzt auch zu ihm als Autor. „Todesfuge“ ist kein <em>„Theater“</em>, auch wenn – so Gutenberg – Schauspieler:innen beim Vorlesen von Gedichten gerne Theater spielen. <em>„Celans Stil hat damit nichts zu tun! Er mimt überhaupt nichts. Mag sein, er klingt für Heutige zu sakral, aber die Formhöhe ist für die Texte unentbehrlich. </em><em>“ </em>Wie gesagt: <em>„What Art Can Tell!”</em> Peter E. Gordon: <em>„We are strange creatures gifted with two kinds of inventiveness for killing and for creating. Our capacity for violence seems boundless, but so too our capacity for art.” </em>Realismus pur!</p>
<h3><strong>Chasak – Sei stark</strong></h3>
<div id="attachment_6387" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.noack-block.de/verlag/autorinnen-und-autoren/buch/verlagsprogramm/selma-meerbaum-eisinger-bluetenlese-gilu/backPID/selma-meerbaum-eisinger.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6387" class="wp-image-6387 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Bluetenlese-–-Gilu-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Bluetenlese-–-Gilu-200x300.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Bluetenlese-–-Gilu-400x600.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Bluetenlese-–-Gilu-600x900.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Bluetenlese-–-Gilu-683x1024.jpg 683w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Bluetenlese-–-Gilu-768x1152.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Bluetenlese-–-Gilu-800x1200.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Bluetenlese-–-Gilu.jpg 827w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /></a><p id="caption-attachment-6387" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Im Falle von Paul Celan stand ein einziger Text im Vordergrund, im Fall von Selma Meerbaum-Eisinger stellt Norbert Gutenberg alle Gedichte der Autorin vor. Auch dieses Buch verdient zu Hause einen herausgehobenen Platz. Die Ausgabe der Gedichte soll an den 100. Geburtstag der Autorin erinnern. Das Cover ziert die Skulptur von Selma Meerbaum-Eisinger von Wolodymyr Cisaryk, die am 7. Mai 2023 in Czernowitz enthüllt wurde. Wir sehen eine junge Frau, die ein Buch umarmt, an dem sie sich vielleicht sogar festhält, vielleicht ein Zeichen für ihr Überleben in der Literatur.</p>
<p>Gutenberg beschreibt die Unterschiede zu anderen Ausgaben. Grundlage sei für ihn das auf der Plattform von Jad Vashem vorhandene digitalisierte Original gewesen, das über einen QR-Code auch im Buch verfügbar wird. Gutenbergs Ausgabe trägt den Titel „Blütenlese – Gilu! – Alle Gedichte“. Auch in diesem Band kann man die Gedichte hören und man sollte diese Gelegenheit nutzen. Sie werden von Anabel Möbius vorgetragen, sie sich auch an dem Celan-Band beteiligt hatte. Jedem Gedicht folgt ein QR-Code.</p>
<p>Norbert Gutenberg befasst sich mit der literarischen und musikalischen Qualität der Gedichte, thematisiert aber auch den politischen Hintergrund des nationalsozialistischen Terrors. Gleich in der Einführung verweist er auf inhaltliche Diskrepanzen, die die die Gedichte Lesenden und Hörenden irritieren könnten. Es geht um das einfach klingende Wort <em>„Weh“</em>. <em>„Natürlich hat Selma mit ‚Weh‘ nicht die Shoah gemeint, sondern ihren Liebesschmerz. Aber nach ihrem eigenen Schicksal als Opfer in der Shoah kann man die Zeile nicht mehr lesen, ohne an das große jüdische Weh zu denken, und im Klang ihres Liedes hört man die Klage darüber mit.“</em> Wir wissen natürlich nicht, ob Selma Meerbaum-Eisinger in diesem Begriff nicht doch auch mehr sah als nur die Gefühle der jungen Frau, die sie nun einmal war, als sie das Gedicht schrieb. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass individuelle und über-individuelle Gefühle sich nicht miteinander vermischen. Damit ist noch nichts darüber gesagt, was die junge Dichterin empfand, als sie die Gedichte schrieb.</p>
<p>Liest man das mit „Wiegenlied“ überschriebene Gedicht, wird der mehrfache Schriftsinn in den Gedichten sehr deutlich. Dieses Gedicht ist höchst aktuell, es ließe sich auch als ein Kommentar zum 7. Oktober lesen (und war Gegenstand einer unter anderem vom Rezensenten mitgestalteten literarischen und musikalischen <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wir-werden-wieder-tanzen/">szenischen Collage zum 7. Oktober</a>, die von der nordrhein-westfälischen Antisemitismusbeauftragten gefördert wurde). Norbert Gutenberg kommentiert: <em>„Besonders das ‚Wiegenlied‘ ist erstaunlich, weil es ein völlig unromantisches Verständnis von Alija und zionistischer Siedlung dokumentiert.“ </em>Obwohl Selma Meerbaum-Eisinger wohl in ihrem Leben nie einen Araber gesehen hat, war ihr klar, dass die Jüdinnen und Juden, die nach Palästina ausgewandert waren, dort nicht in Frieden lebten. Von den Pogromen des Jahres 1936 muss sie gewusst haben. Die vierte Strophe dieses Gedichtes lautet: <em>„Sieh die Araber in weißem Gewand / sie schleichen von hinten sich an. / Bald steht das Zelt, bald die Wiege in Brand. / bald schreien Kranke im Wahn.“</em> Im Gedicht folgen Widerstand und Hoffnung: <em>„Doch nein. Dein Vater und viele mit ihm, / sie hüten dein Glück. / Sie geben für dich ihr Leben hin / und ihren letzten Blick.“ </em>In der letzten Strophe lassen der <em>„Pflug in der Hand“ </em>und die nächtliche <em>„Wacht“</em> ein gutes Ende erhoffen, ein Ende, das Selma Meerbaum-Eisinger selbst nicht erlebte.</p>
<p>Den Anspruch der zionistischen Bewegung, etwas Neues aufzubauen, sodass Jüdinnen und Juden in Sicherheit leben konnten, lässt sich in dem aus dem Lager Michailowka erhalten Brief Selma Meerbaum-Eisingers an ihre Freundin Renée Abramovici finden, der mit dem Wort <em>„Chasak“</em> endet, in deutscher Übersetzung <em>„Sei stark“</em>. Dies war – wie Amy-Diana Colin in ihrem programmatisch mit „Chasak“ überschriebenen Beitrag ausführt – der <em>„Gruß der zionistischen Bewegung“</em>. An dem Gymnasium, das Selma Meerbaum-Eisinger besuchte, befand sich auch <em>„der Sitz des jiddischen sozialdemokratischen Arbeiter-Bildungsvereins ‚Morgenroit‘</em>“. Sie <em>„war auch Mitglied der zionistischen Jugendorganisation ‚Haschomer-Hazair‘“</em>.</p>
<h3><strong>Märchen, Gedichte und die Fantasie</strong></h3>
<p>Amy-Diana Colin zitiert Jürgen Serke, dessen Sammlung im <a href="https://www.verfolgte-kuenste.com/">Zentrum für verfolgte Künste in Solingen</a> zu sehen ist und der Selma Meerbaum-Eisinger, Rose Ausländer und Paul Celan zum <em>„literarischen Dreigestirn der Stadt Czernowitz“</em> zählte. Sie referiert die mit dem grundlegenden Artikel von Jürgen Serke vom 8. Mai 1980 im „Stern“ beginnende deutsche Editionsgeschichte, das große Interesse auf der einen Seite, die Probleme, einen Verlag zu finden, auf der anderen Seite. Jürgen Serke finanzierte <em>„auf eigene Kosten einen Privatdruck in 400 Exemplaren“</em>. Nicht zuletzt sorgten mit der Zeit <em>„theatralische Aufführungen“</em> und Lesungen, vor allem von <a href="https://www.irisberben.de/">Iris Berben</a>, eine der besten Sprecherinnen deutscher Literatur, dafür, dass die Gedichte in Deutschland immer bekannter wurden.</p>
<p>Die Editionsgeschichte der Gedichte Selma Meerbaum-Eisingers hat eine Vorgeschichte. Es gibt eine geradezu abenteuerliche Überlieferungsgeschichte, die Amy-Diana Colin detailliert beschreibt und in der Freundinnen eine Rolle spielten, die die Shoah überlebten, Else Schächter und Renée Abramavoci, sowie ihr Lehrer Hersch Segal, der auch der erste Herausgeber ihrer Gedichte war. Amy-Diana Colin nennt einige der Fragen, die Hersch Segal beschäftigten: <em>„Wieso schrieb eine junge jüdische Lyrikerin, die in Rumänien zur Welt gekommen war, deutsche Gedichte? Welche Rolle spielte die Dichtung und insbesondere das Schreiben deutschsprachiger Gedichte in ihrem Leben? Warum schrieb sie überhaupt deutsche Gedichte zu einer Zeit, da deutsche Nazis und rumänische Faschisten im Zuge der Besetzung ihrer Geburtsstadt fast dreitausend Juden ermordet hatten und die Überlebenden in ein Ghetto trieben, um sie von dort in die Vernichtungslager in Transnistrien zu verschleppen?“</em> Diese Fragen wären auch genau die Fragen, die sich Historiker:innen, Literaturwissenschaftler:innen, auch Künstler:innen eigentlich automatisch stellen dürften, wenn sie die Gedichte von Selma Meerbaum-Eisinger lesen. Es geht letztlich immer um die Frage der Durchdringung des Coming of Age einer jungen Frau in einer aus den Fugen gebrachten Welt.</p>
<p>Selma Meerbaum-Eisinger war nicht einsam mit ihrem Schreiben. Der an der Universität Czernowitz lehrende Literaturwissenschaftler Petro Rychlo beschreibt in seinem Beitrag den <em>„Czernowitzer Dichterkreis“</em>, in dem sie verkehrte. Es handelte sich nicht um eine fest gefügte Organisation, sondern eher um eine informelle Form, sich untereinander auszutauschen. Es trafen sich fast ausschließlich Mädchen, aber auch Paul Antschel spielte eine tragende Rolle. Man las Gedichte, Szenen aus Dramen, trug eigene Gedichte vor. Petro Rychlo vergleicht in seiner Analyse die Gedichte von Selma Meerbaum-Eisinger, Rose Ausländer und Paul Celan. Journalismus und Wissenschaft befassten sich nach dem erwähnten Artikel von Jürgen Serke mit Selma Meerbaum-Eisinger, wenn auch zunächst <em>„zögerlich“</em>. Immer wieder <em>„wird vor allem die frappierende Schicksalsähnlichkeit mit Anne Frank betont, aber auch Versuche unternommen, Selmas Gedichte aus dem ästhetischen und poetologischen Standpunkt her zu charakterisieren.“</em></p>
<p>Gleichviel, ob man nun Anne Frank oder Selma Meerbaum-Eisinger in den Vordergrund einer literarisch motivierten Erinnerung an die Shoah stellen mag, so bleibt auch die Frage, was mit Texten vieler anderer Frauen und Männer geschah, die nicht über die bekannten Zufälle der Nachwelt überliefert wurden. Insofern werden Anne Frank und Selma Meerbaum-Eisinger auch zu Stellvertreterinnen und Botinnen all derjenigen, die von den Nazis und ihren Helfershelfern ermordet wurden. Bei Selma Meerbaum-Eisinger kommt – wie auch bei Paul Celan – hinzu, dass sie Bot:innen einer untergegangenen Kultur sind, der Kultur jüdischer Autor:innen und Künstler:innen deutscher Sprache in der Bukowina.</p>
<p>Vielleicht passt das Gedicht „Märchen“ mit seiner zweiten Strophe am besten zu diesem Gedanken: <em>„So geht wohl jedes Märchen aus. / denn sonst – ist es nicht wahr: / Einer allein in den Wind hinaus / und die Nacht ist sein Altar.“</em> Lebte sie ein Märchen? Hoffte sie auf ein Märchen? Das Märchen, das Theodor Herzl versprach, wenn Jüdinnen und Juden nur wollten, hat viele Formen, Wirklichkeit zu werden, nicht zuletzt in der Literatur. Norbert Gutenberg lässt diesen Gedanken anklingen, wenn er den wesentlichen Unterschied seiner Ausgabe zu anderen Ausgaben benennt. Amy-Diana Colin habe ihn inspiriert, <em>„Selmas Originaltitel mit dem Titel ihres chronologisch ersten Gedichts zu kombinieren: ‚Gilu‘. Das Wort bedeutet ‚Freut euch‘ und bezeichnet einen Tanz, den Selma in ihrem Text beschreibt.“</em> Eben diese Freude war vielleicht die Hoffnung, die Selma hatte, als sie ihr Manuskript bei der Deportation ihrem Freund Lejser Fichmann zusteckte.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juni 2025, Internetzugriffe zuletzt am 20. Juni 2025. Das Titelbild zeigt die <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Czernowitz_Univ_Rum%C3%A4n.jpg">Universität Czernowitz in der Zwischenkriegszeit</a>, unbekannter Fotograf. Wikimedia Commons.)</p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/vermaechtnisse-der-bukowina/">Vermächtnisse der Bukowina</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://demokratischer-salon.de/beitrag/vermaechtnisse-der-bukowina/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Die Grenzgängerin</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-grenzgaengerin/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 16 Mar 2025 10:38:56 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=5893</guid>

					<description><![CDATA[<p>Die Grenzgängerin Die Verlegerin Sarah Käsmayr und der MaroVerlag „Davor oder danach – das macht einen Unterschied. Wir waren aus derselben Familie, aber sie war davor geboren. Davor – das ist eine andere Welt. Alle, die in dieser Welt zu Hause waren, legen Splitter beiseite oder legen sie nicht beiseite oder rahmen sie ein.  [...]</p>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-grenzgaengerin/">Die Grenzgängerin</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-10 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-9 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-10" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Die Grenzgängerin</strong></h1>
<h2><strong>Die Verlegerin Sarah Käsmayr und der MaroVerlag</strong></h2>
<p><em>„Davor oder danach – das macht einen Unterschied. Wir waren aus derselben Familie, aber sie war davor geboren. Davor – das ist eine andere Welt. Alle, die in dieser Welt zu Hause waren, legen Splitter beiseite oder legen sie nicht beiseite oder rahmen sie ein. Aber jedes Mal fehlen Teile, Hunderte. Es will kein Bild entstehen. Außerdem legen sie die Splitter manchmal andersherum, dann passen die zuvor gelegten Stücke nicht mehr.“ </em>(Esther Dischereit, Ein Haufen Dollarscheine – Roman, Augsburg, MaroVerlag, 2024) <em> </em></p>
<p><img decoding="async" class="alignright wp-image-5895 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/MaroVerlag_Logo-300x244.jpg" alt="" width="300" height="244" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/MaroVerlag_Logo-200x163.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/MaroVerlag_Logo-300x244.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/MaroVerlag_Logo-400x326.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/MaroVerlag_Logo-600x488.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/MaroVerlag_Logo-768x625.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/MaroVerlag_Logo-800x651.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/MaroVerlag_Logo-1024x833.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/MaroVerlag_Logo-1200x977.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/MaroVerlag_Logo-1536x1250.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" />Der <a href="https://www.maroverlag.de/">MaroVerlag</a> ist ein kleiner unabhängiger Verlag aus Augsburg mit einem ausgesprochen spannenden Programm, der 1970 gegründet wurde. Inzwischen leiten der Gründer Benno Käsmayr (*1948) und seine Tochter Sarah den Verlag gemeinsam. CULTURMAG veröffentlichte zum 50. Geburtstag des Verlags im Oktober 2020 ein <a href="https://culturmag.de/crimemag/statt-buchmesse-ein-gespraech-mit-benno-kaesmayr/129660">Interview mit dem Gründer</a>. Benno Käsmayr begann <em>„als ein studentischer Teilzeit- und Ein-Mann-Unternehmer“</em> mit Auflagen von etwa 100 bis 200 Exemplaren. Es gab ein Auf und Ab, gute und falsche Einschätzungen, aber der Verlag hat sich als gute Adresse unter den unabhängigen Verlagen etabliert. Er verfügt über ein in seiner Vielfalt wie auch der vielfältigen Gestaltung einzigartiges Angebot.</p>
<p>Das zitierte Buch von <a href="http://www.esther-dischereit.de/deutsch/html/bio.html">Esther Dischereit</a> ist eine der jüngsten Publikationen mit für den Verlag durchaus programmatischem Charakter, engagierte Literatur, im Sinne des von Jean-Paul Sartre geprägten Begriffs, verbunden mit einem Anspruch an die Gestaltung jedes einzelnen Buchs. Es wurde im März 2025 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Sarah Käsmayr ist als ausgebildete Graphikerin und selbsternannte Verlegerin eine Grenzgängerin zwischen Geschichte, Politik und Ästhetik, zwischen den literarischen Gattungen, zwischen den Künsten. Die Bücher des Verlages sind Bücher zum Mehrfachlesen, zum immer wieder Hineinschauen, bieten jedes Mal neue Entdeckungen und Gedanken.</p>
<h3><strong>Wie es anfing</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie kam es zur Gründung des MaroVerlags?</p>
<div id="attachment_5896" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5896" class="wp-image-5896 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Sarah-Kaesmayr_Benno-Kaesmayr_Foto-Birgit-Boellinger-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Sarah-Kaesmayr_Benno-Kaesmayr_Foto-Birgit-Boellinger-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Sarah-Kaesmayr_Benno-Kaesmayr_Foto-Birgit-Boellinger-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Sarah-Kaesmayr_Benno-Kaesmayr_Foto-Birgit-Boellinger-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Sarah-Kaesmayr_Benno-Kaesmayr_Foto-Birgit-Boellinger-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Sarah-Kaesmayr_Benno-Kaesmayr_Foto-Birgit-Boellinger-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Sarah-Kaesmayr_Benno-Kaesmayr_Foto-Birgit-Boellinger-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Sarah-Kaesmayr_Benno-Kaesmayr_Foto-Birgit-Boellinger-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Sarah-Kaesmayr_Benno-Kaesmayr_Foto-Birgit-Boellinger-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Sarah-Kaesmayr_Benno-Kaesmayr_Foto-Birgit-Boellinger-1536x1024.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Sarah-Kaesmayr_Benno-Kaesmayr_Foto-Birgit-Boellinger.jpg 1800w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-5896" class="wp-caption-text">Sarah Käsmayr und Benno Käsmayr, 2019, im Verlag in Augsburg. Foto: Birgit Böllinger.</p></div>
<p><strong>Sarah Käsmayr</strong>: <em>Der MaroVerlag wurde 1970 von meinem Vater Benno Käsmayr und Franz Bermeitinger gegründet. Franz verließ den Verlag allerdings bereits nach einem halben Jahr. Zur Gründung kam es nach einem Besuch im Jahr 1968 auf der Gegenbuchmesse, die parallel zur Frankfurter Buchmesse stattfand. Dort gab es – ich nenne das mal so – spontimäßige Publikationen. Hier stellte die Subkultur aus. Benno und Franz dachten sich, solche Publikationen könnten wir auch machen! Mein Vater und er waren in der Schulzeit im Redaktionsteam der Schülerzeitung ihres Internats und hatten dafür Kontakte zu Autoren und Lyrikerinnen. Und damit legten sie dann auch schnell los, mit Lyrik, der Literaturzeitschrift „UND“ sowie dem ersten Buch von Tiny Stricker „Trip Generation“. </em></p>
<p><em>Nach ein paar Jahren kam der Erfolg: mit den Veröffentlichungen der Bücher von Charles Bukowski zu Beginn der 1970er Jahre. Bücher, die bis heute noch lieferbar sind, allen voran der Band „Gedichte, die einer schrieb, bevor er im achten Stockwerk aus dem Fenster sprang“. Bukowski war in vielerlei Hinsicht wichtig für Maro, doch in den fünf Jahrzehnten, die es den Verlag inzwischen gibt, wurde unser Programm immer wieder auf ihn als Autor reduziert. Ich finde das schade, denn es sind weit mehr interessante Namen zu entdecken. Es gibt eine Sparte mit Autor:innen aus den USA, vor allem aus der Beat Generation, sowie etliche Publikationen aus verschiedenen Ländern, die keine eigene Kategorie füllen, und viele Schriftsteller:innen aus Deutschland, die teilweise schon lange Jahre im Programm sind, beispielsweise </em><a href="https://susanne-neuffer.de/"><em>Susanne Neuffer</em></a><em>.</em></p>
<div id="attachment_5906" style="width: 208px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.maroverlag.de/42_neuffer"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5906" class="wp-image-5906 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Neuffer_Gast-198x300.jpg" alt="" width="198" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Neuffer_Gast-198x300.jpg 198w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Neuffer_Gast-200x304.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Neuffer_Gast.jpg 307w" sizes="(max-width: 198px) 100vw, 198px" /></a><p id="caption-attachment-5906" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie lässt sich denn das Programm zusammenfassen?</p>
<p><strong>Sarah Käsmayr</strong>: <em>Bei Maro erscheinen Romane, Kurzgeschichten, Lyrik, seit Kurzem auch das Kapsel-Projekt mit Science Fiction aus China und seit 2020 eine Reihe mit Essays und Illustrationen, die sogenannten MaroHefte. Gemeinsam ist den Publikationen – egal ob es nun ein Roman oder ein Essay ist –, dass sie den Fokus auf Themen abseits des Mainstreams richten beziehungsweise auf eine Art und Weise auf Themen schauen, die unserer Meinung nach den Diskurs erweitern.</em></p>
<p><em>Wir machen etwa acht bis zehn Bücher im Jahr, im Halbjahr jeweils zwei aus dem belletristischen Bereich, zwei MaroHefte und einmal im Jahr eine Kapsel-Publikation. Mehr ist für uns nicht zu schaffen – und auch diese Stückzahl ist manchmal schon grenzwertig. Ich bin froh, dass mein Vater mit seinen inzwischen 76 Jahren nach wie vor voll mitarbeitet, jeden Tag in den Verlag kommt, sich um den Vertrieb und die Auslieferung der Bücher kümmert sowie die Buchhaltung und die zahlreichen und bedauerlicherweise zunehmenden bürokratischen Aufgaben übernimmt, sodass ich mich auf die inhaltliche Arbeit am Programm und die Öffentlichkeitsarbeit konzentrieren kann. Bei der Programmarbeit habe ich verschiedene Partner:innen, worüber wir bestimmt gleich noch sprechen werden. Dazu haben wir das Glück, dass wir immer wieder Anfragen von Praktikantinnen erhalten, die bei uns arbeiten möchten, und uns bei allen anfallenden Aufgaben unterstützen, zum Beispiel bei den Ständen auf den Buchmessen und im Alltag, sei es die Betreuung unserer Social-Media-Accounts oder beim Korrekturlesen.</em></p>
<h3><a href="https://www.maroverlag.de/36-marohefte"><strong>Die Maro-Hefte</strong></a></h3>
<div id="attachment_5897" style="width: 208px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.maroverlag.de/36-marohefte"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5897" class="wp-image-5897 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/MaroHefte_EIne_Frau-198x300.jpg" alt="" width="198" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/MaroHefte_EIne_Frau-198x300.jpg 198w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/MaroHefte_EIne_Frau-200x304.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/MaroHefte_EIne_Frau.jpg 293w" sizes="(max-width: 198px) 100vw, 198px" /></a><p id="caption-attachment-5897" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Gründungsjahre des Verlages waren die Zeit der Entstehung zahlreicher Alternativkulturen. Ich mag diesen Begriff nicht so sehr, weil er mir zu schwarz-weiß gedacht ist, als gäbe es nur das eine oder das andere. Sie selbst verwendeten eben den Begriff der <em>„Subkultur“</em>, der die Rolle einer Teilkultur in der Vielfalt der Kulturen einer Gesellschaft meines Erachtens treffend erfasst. Ich verstehe Ihr Angebot als das Angebot eines Verlags, der Themen, die keine so große Rolle spielen, und Autor:innen zur Aufmerksamkeit verhelfen will. Vielleicht fangen wir bei der Vorstellung Ihres Programms mit den MaroHeften an.</p>
<p><strong>Sarah Käsmayr</strong>: <em>Das Grundkonzept der Reihe ist, dass in jeder Ausgabe ein Essay auf Illustrationen trifft. Ich gebe die MaroHefte gemeinsam mit Kolja Burmester heraus. Wir kennen uns seit dem Studium, seit nunmehr 16 Jahren, wir haben beide Integriertes Design an der </em><a href="https://www.hfk-bremen.de/de"><em>Hochschule für Künste in Bremen</em></a><em> studiert. Inhaltlich setzen wir auf politische, feministische und tabubehaftete Themen. Manchmal entsteht die Idee für eine Ausgabe, weil wir uns selbst gerade mit etwas beschäftigen, bei dem wir das Gefühl haben, wir wüssten gerne mehr, oder weil wir das Bedürfnis haben, einen bestimmten Blickwinkel zum öffentlichen Diskurs hinzuzufügen. So war es auch bei dem Heft „Der Prozess“ zum Völkermord an den OvaHerero und Nama. Das Thema wird in der Regel zu Jahrestagen medial aufgegriffen oder wenn es mal wieder einen Versuch gibt, es im Bundestag zu diskutieren. Das reicht aber nicht aus.</em></p>
<p><em>Wir verlegen auch Themen, die sehr grundsätzlich unsere Gesellschaft kritisieren und analysieren, Themen, die den Alltag beeinflussen. Ein Beispiel hierfür ist Lou Zuckers Essay „Eine Frau geht einen trinken. Alleine.“, den </em><a href="https://www.expeditiononearth.com/"><em>Josephin Ritschel</em></a><em> illustriert hat. Wir versuchen dabei, die Themen so kurzweilig und gleichzeitig so tiefgründig aufzubereiten, dass es Ausgaben werden, die man immer wieder in die Hand nehmen und mehr als einmal lesen möchte. Gleichzeit aktuell und zeitlos zu sein, das ist uns wichtig, sodass die Hefte auch noch in einigen Jahren interessant und relevant sind. Sonst würden wir uns die aufwendige Gestaltung auch nicht leisten.</em></p>
<div id="attachment_5898" style="width: 208px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.maroverlag.de/36-marohefte"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5898" class="wp-image-5898 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/MaroHefte_Jungfernhaeutchen-198x300.jpg" alt="" width="198" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/MaroHefte_Jungfernhaeutchen-198x300.jpg 198w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/MaroHefte_Jungfernhaeutchen-200x304.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/MaroHefte_Jungfernhaeutchen.jpg 293w" sizes="(max-width: 198px) 100vw, 198px" /></a><p id="caption-attachment-5898" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><em>Die Hefte umfassen 32 Seiten, die auf einen Druckbogen von 70 x 100 cm passen, und in der Fadenknotenheftung gebunden werden. Vom Umfang her gab es nur einen Ausreißer, die zweite Ausgabe. Damals hatten wir im Lektoratsprozess mit der Autorin die Länge des Textes aus den Augen verloren – wir hatten noch nicht die Erfahrung, die wir jetzt nach inzwischen 18 Ausgaben haben. Es war der Essay „Das Jungfernhäutchen gibt es nicht“ von </em><a href="https://www.oliwiah.de/"><em>Oliwia Hälterlein</em></a><em>, illustriert von </em><a href="http://www.fraufranz.com/wordpress2/category/illustration"><em>Aisha Franz</em></a><em>. Dieses Heft hat 48 Seiten.</em></p>
<p><em>Gedruckt werden die Hefte in Sonderfarben. Dadurch ist die Brillanz der Bilder eine andere als beim üblichen CMYK-Spektrum. Es gibt Illustrator:innen, die sich für zwei Sonderfarben entscheiden, andere auch für drei, vier oder gar fünf Farben. Die Fadenknotenheftung ist ebenfalls etwas Besonderes – leider auch teuer in der Herstellung, aber dafür wunderschön. Jedes Heft enthält außerdem eine Beilage, ein Plakat oder eine Postkarte oder ein Lesezeichen. Wir verbinden also die Beschäftigung mit den Inhalten mit einem schönen Auftritt, einer Gestaltung, die ins Auge fällt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich schätze das. Das ist eben keine Massenware, sondern etwas Besonderes. Als ich die Reihe an Ihrem Stand auf der Buchmesse sah, hatte ich Interesse und Lust, sie direkt alle mitzunehmen.</p>
<p><strong>Sarah Käsmayr</strong>: <em>Es freut mich, dass der Funke bei Ihnen so schnell übergesprungen ist. Für Menschen, die die Reihe im Gesamten interessant finden, bieten wir auch ein Abonnement an. Es erscheinen vier Ausgaben im Jahr, zwei im März und zwei im Oktober. Als Bonus und Dank bekommt man im Abo außerdem jedes Jahr eine Druckgraphik von einer Illustratorin.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht schauen wir uns „Der Prozess“ etwas genauer an?</p>
<p><strong>Sarah Käsmayr</strong>: <em>Geschrieben wurde der Band von </em><a href="https://www.luebeck.de/de/presse/pressemeldungen/view/140753"><em>Christiane Bürger</em></a><em> (Universität Erfurt, seit Juli 2024 Koordinatorin Erinnerungskultur der Hansestadt Lübeck) und </em><a href="https://www.gw.uni-jena.de/2435/dr-sahra-rausch"><em>Sahra Rausch</em></a><em> (Universität Jena, seit Januar 2025 Universität Bielefeld). Für die Illustrationen haben wir mit einer Künstlerin zusammengearbeitet, die Herero ist, </em><a href="https://repatriates.org/namibia/groote-eylandt-to-windhoek-collaboration-by-doll-makers/"><em>Tuaovisiua Betty Katuuo</em></a><em>.</em></p>
<div id="attachment_5899" style="width: 208px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.maroverlag.de/36-marohefte"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5899" class="wp-image-5899 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/MaroHefte_Prozess-198x300.jpg" alt="" width="198" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/MaroHefte_Prozess-198x300.jpg 198w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/MaroHefte_Prozess-200x304.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/MaroHefte_Prozess.jpg 307w" sizes="(max-width: 198px) 100vw, 198px" /></a><p id="caption-attachment-5899" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><em>Wir gehen in der Regel so vor, dass wir zuerst das Thema haben, dann jemanden suchen, der dazu schreiben könnte, und anschließend jemanden, der passend zum Sound des Textes zeichnen könnte. Letzteres war im Fall von „Der Prozess“ nicht einfach, da wir gerne mit einer Künstlerin aus Namibia zusammenarbeiten wollten. Wir haben zuerst Kunstgalerien angeschrieben und nach Kontakten gefragt, wodurch wir von einigen Leuten Portfolios mit hervorragenden Arbeiten erhalten haben. Da waren namibische Künstler dabei, die sofort bei Walt Disney hätten anfangen können, aber deren Stil leider nicht in unsere Heftreihe gepasst hat. Wir sind schließlich nach Windhoek geflogen, in der Hoffnung, dass die Suche vor Ort leichter sein würde. Und das war es auch. In einer Galerie sprachen wir mit einer Frau, die dort Aufsicht hatte, und erzählen ihr von unserem Projekt – und sie schlug uns vor, ihre Freundin Betty zu kontaktieren. Betty hatte zum Thema des Völkermordes an den OvaHerero und den Nama bereits installativ gearbeitet und großes Interesse, für uns eine Bilderstrecke zu zeichnen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mir hat gefallen, dass dem Heft eine englische Übersetzung beiliegt.</p>
<p><strong>Sarah Käsmayr</strong>: <em>Die Zweisprachigkeit war uns bei diesem Heft ein großes Anliegen. Deshalb wurde es auch die teuerste Ausgabe, die wir je gemacht haben: wegen der Übersetzungskosten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mehrere Hefte behandeln ein feministisches Thema. Jetzt erscheint gerade ein Essay zu „Fehlgeburten“, und dann gibt es die schon angesprochenen Hefte „Das Jungfernhäutchen gibt es nicht“ und „Eine Frau geht einen trinken. Alleine“. Wie werden diese Ausgaben aufgenommen?</p>
<p><strong>Sarah Käsmayr</strong>: <em>Die feministischen Themen stoßen auf das größte Interesse. Bei „Das Jungfernhäutchen gibt es nicht“ sind wir in der vierten Auflage, bei „Eine Frau geht einen trinken. Alleine.“ in der dritten. Ich finde es schockierend, dass wir noch in den 2020er Jahren solche Essays veröffentlichen müssen. Viele wissen sofort, wie notwendig sie sind und wie viele Falschannahmen noch immer zum Beispiel über die Anatomie von weiblichen Körpern kursieren. Gleichzeitig ist es für uns als Verlag auch schön, dass wir etwas machen, was gut ankommt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das Thema Gendermedizin wäre sicherlich auch interessant. Herzinfarkte kündigen sich bei Frauen ganz anders an als Männer – selbst manche Ärzt:innen haben da noch einiges zu lernen. Und es gibt in fast allen Ländern inzwischen Parteien, in einigen sogar Mehrheiten, die die Genderforschung für Ideologie halten und deshalb abschaffen wollen. Aber wie finden Sie Ihre Leser:innen?</p>
<p><strong>Sarah Käsmayr</strong>: <em>Es gibt Buchhandlungen, die einen politischen und feministischen Schwerpunkt haben. Es sind in der Regel die kleinen von Inhaber:innen geführten Buchläden, die unsere Publikationen im Laden anbieten. Und wir versuchen neben den großen Buchmessen auch über Stände auf Art Book Fairs und linken Messen unsere Leser:innen zu finden.</em></p>
<h3><strong>Romane – Geschichten – Identitäten </strong></h3>
<div id="attachment_5900" style="width: 200px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.maroverlag.de/420_dischereit"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5900" class="wp-image-5900 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Dischereit_Dollarscheine-190x300.jpg" alt="" width="190" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Dischereit_Dollarscheine-190x300.jpg 190w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Dischereit_Dollarscheine-200x316.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Dischereit_Dollarscheine.jpg 282w" sizes="(max-width: 190px) 100vw, 190px" /></a><p id="caption-attachment-5900" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Esther Dischereit ist eine renommierte Autorin und hat jetzt bei Ihnen den Roman „Ein Haufen Dollarscheine“ veröffentlicht.</p>
<p><strong>Sarah Käsmayr</strong>: <em>Ja, für den MaroVerlag ist sie eine neue Autorin. Wir haben uns über ihren Lektor </em><a href="https://www.suhrkamp.de/person/hans-ulrich-mueller-schwefe-p-3402"><em>Hans-Ulrich Müller-Schwefe</em></a><em> vom Suhrkamp Verlag kennengelernt. Esther Dischereit hatte das Buch schon vor etwa zehn Jahren geschrieben, aber fand lange keinen Verlag, der es herausbringen wollte. Auch ich brauchte einige Zeit, das Buch zu prüfen, da es kein dünnes Buch ist. Und ich möchte nicht nur drei Seiten lesen und dann entscheiden, sondern bevorzuge, zuvor das ganze Werk zu kennen. Aber als ich dieses Manuskript gelesen habe, merkte ich schnell, dass ich es verlegen möchte.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Als ich das Buch angefangen hatte, konnte ich nicht aufhören zu lesen. Es hat mich gepackt. Mir hat auch gefallen, dass Esther Dischereit deutlich macht, dass die Geschichte, die das Buch beschreibt, nicht nur die Geschichte der Erzählerin und des Erzählers und der darin handelnden Personen ist, sondern auch die Geschichte der Leser:innen. Das fängt schon mit dem Motto an: <em>„Es bleibt eine Merkwürdigkeit, dass ich von diesen Dingen berichte, als wäre ich dabei gewesen. Wahrscheinlich ist mir so, als wäre ich dabei gewesen. Wie eine Stellvertreterin, oder ich hätte mehrere Identitäten, die ich mal hierhin und mal dahin vergebe.“ </em>Und dann geht es los: <em>„Klären Sie bitte, wer hier mit wem zusammenhängt. Sie sind ‚ich‘, die Tante und die Schwester, nicht wahr?“ Diese erste Passage versucht, Ordnung in das Erzählte zu bringen, aber bewertet auch unmittelbar oder stellt Rückfragen.</em></p>
<p><strong>Sarah Käsmayr</strong>: <em>Esther Dischereit nennt den Menschen, der am Anfang und am Ende des Buches spricht, die Stimme des „Querulanten“. Ich denke, wir kennen sie alle.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Irgendwie sind wir doch alle solche <em>„Querulanten“</em>. Alle erst einmal skeptisch. Oder?</p>
<p><strong>Sarah Käsmayr</strong>: <em>Das kann man so sehen. Im Fall des Buches merkt man dem Querulanten an, dass bei der Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte, hier explizit mit dem Holocaust, der Wunsch nach einem Schlussstrich da ist. Diese Haltung hören wir nun leider inzwischen sehr häufig, vor allem von Seiten der AfD. Das Buch zeigt sehr gut, welche Auswirkungen Geschichte immer hat, ins Private, ins Persönliche, ins Individuelle hinein. Was daraus zu folgen hat, muss sich jeder selbst beantworten. Meiner Meinung nach darf es kein Schlussstrich sein. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es sind diese andauernden Schlussstrichfantasien gegenüber der Shoah, in Deutschland, in Österreich, auch in anderen Ländern, dort zu anderen Verbrechen wie in Russland und in anderen post-sowjetischen Gesellschaften zum Gulag, all die <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/sternenstaub-im-wind/">„Offenen Wunden Osteuropas“</a>, wie dies Katja Makhotina und Franziska Davies einmal in einem Buch nannten. Und heute noch wissen viele nicht, dass unter den sechs Millionen ermordeten Jüdinnen und Juden drei Millionen Pol:innen und 1,5 Millionen Ukrainer:innen waren. Und dann gibt es noch das große Thema Kollaboration. Das Buch von Esther Dischereit ist nicht nur ein Buch über die Shoah und ihre Folgen für die folgenden Generationen, es ist auch ein Buch über das Erzählen über die Shoah und deren Folgen, über das Unbehagen, das Erzählende und Hörende beziehungsweise Lesende gleichermaßen befällt, wenn auch in unterschiedlicher Intensität und mit unterschiedlicher Auswirkung.</p>
<p>Ich erlaube mir zwei Stellen zu zitieren, die das Unbehagen an der Geschichte und dessen Auswirkungen auf das Erzählen meines Erachtens gut belegen. Die erste Stelle ist eine Dialogpassage, in der die Erzählerin sagt: <em>„Ich weiß nicht, ich sollte das vielleicht nicht alles erzählen, aber Sie haben gefragt. Vielleicht gehört es nicht hierher. Sie sagen, ich sollte über mich erzählen. Das tue ich ja, aber es ist natürlich einfacher, von jemand anderem zu erzählen.“</em> Die zweite Stelle, kurz vor dem Ende des Romans: <em>„Eigentlich sollte das in einer Zeitung erscheinen oder auf der Webseite, die ich für meine Mutter zum Gedenken angelegt habe. Aber eigentlich möchte ich diesen Text nicht benutzen, obwohl ich nicht weiß, wie ich das meiner Tante sagen soll. Hier wird einiges erzählt, von dem man nicht genau weiß, ob das erzählt oder verschwiegen werden soll und warum das ein oder andere überhaupt nicht erzählt wird.“</em></p>
<p>Das Buch weckt viele Zweifel, nicht am Geschehenen, aber an den vielen Details, an den Gefühlen, am Framing der Erzählungen, von wem auch immer. Das ist einer der Gründe, warum ich das Buch jederzeit weiterempfehlen werde. Gibt es weitere Bücher dieser Art in Ihrem Verlag?</p>
<div id="attachment_5901" style="width: 203px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.maroverlag.de/392_hergane"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5901" class="wp-image-5901 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Hergane_Chamaeleondamen-193x300.jpg" alt="" width="193" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Hergane_Chamaeleondamen-193x300.jpg 193w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Hergane_Chamaeleondamen-200x310.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Hergane_Chamaeleondamen.jpg 287w" sizes="(max-width: 193px) 100vw, 193px" /></a><p id="caption-attachment-5901" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Sarah Käsmayr</strong>: <em>Sehr ähnliche nicht. Ein Buch, das ebenfalls einen großen Zeitraum überspannt und von einer Familie erzählt, ist der Roman „Die Chamäleondamen“ von </em><a href="https://www.hergane.de/ueber-mich/"><em>Yvonne Hergane</em></a><em>. Die Autorin ist 1968 in Rumänien geboren, im Banat, und kam 1982 nach Deutschland. Es ist eine Familiengeschichte über 120 Jahre, die von den Müttern erzählt wird, nicht chronologisch, sondern in einzelnen Episoden. Der Vater der Protagonistin Hanne ist schwimmend über die Donau geflüchtet, die Familie kam über Familiennachzug nach. Das Buch unterscheidet sich von Esther Dischereits Roman inhaltlich, stilistisch und in seinem Aufbau, aber es ist eben auch ein Buch, in dem ein Stück historische und persönliche Geschichte sehr literarisch und spannend aufgegriffen wird.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe den Eindruck, dass in den MaroHeften wie in den Romanen immer wieder weibliche Perspektiven eine wichtige Rolle spielen.</p>
<p><strong>Sarah Käsmayr</strong>: <em>Der MaroVerlag hat über Jahrzehnte mehr Bücher von Männern veröffentlicht. In den letzten Jahren mache ich das Programm, und es sind jetzt einfach mehr Frauen dabei. Ich entscheide mich allerdings für die Bücher, die mich überzeugen und interessieren – unabhängig vom Geschlecht der Menschen, die sie schreiben. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zuletzt fand ich einen Essay von <a href="https://www.zeit.de/2023/46/literatur-poltik-hamas-kunst-thea-dorn/komplettansicht">Thea Dorn in der ZEIT über engagierte Literatur</a>, und die vielen engagierten Frauen, die heute die Literaturszene prägen, kamen gar nicht vor, nur Männer, die schon tot sind, Jean-Paul Sartre, Albert Camus, Thomas Mann. Ich nenne beispielhaft aus dem deutschen Sprachraum nur Nora Bossong, Olga Grjasnowa, Elfriede Jelinek, Lana Lux, Sascha Marianna Salzmann, natürlich Juli Zeh.</p>
<p><strong>Sarah Käsmayr</strong>: <em>Ich kenne den Artikel nicht. Grundsätzlich ist es natürlich nicht leicht, auf dem Laufenden zu bleiben und jede Lektüre zu kennen. Jährlich erscheinen </em><a href="https://www.boersenverein.de/markt-daten/marktforschung/wirtschaftszahlen/buchproduktion/"><em>zwischen 80.000 und 90.000 Bücher in Deutschland</em></a><em>, nimmt man alle deutschsprachigen Neuerscheinungen dazu, sind es noch mehr.</em></p>
<div id="attachment_5902" style="width: 200px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.maroverlag.de/416_van-thuyne"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5902" class="wp-image-5902 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Thuyne_Birkenschweser-190x300.jpg" alt="" width="190" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Thuyne_Birkenschweser-190x300.jpg 190w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Thuyne_Birkenschweser-200x316.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Thuyne_Birkenschweser.jpg 282w" sizes="(max-width: 190px) 100vw, 190px" /></a><p id="caption-attachment-5902" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Goethe hatte es noch leicht. Da war so vieles, was wir heute lesen wollen, noch nicht geschrieben, die Autor:innen noch nicht einmal geboren. Sie haben mir aus Ihrem Programm das Buch „Birkenschwester“ der belgischen Autorin <a href="https://www.flandersliterature.be/books-and-authors/author/caro-van-thuyne">Caro Van Thuyne</a> empfohlen, das Lisa Mensing aus dem Niederländischen übersetzt hat.</p>
<p><strong>Sarah Käsmayr</strong>: <em>Das Buch beeindruckt, weil es ein sehr emotionales Thema in eine besondere poetische Form bringt. Abschnitte, die an Gedichte erinnern und Naturwahrnehmungen enthalten, wechseln sich mit Abschnitten ab, in denen mehr die Handlung im Zentrum steht. Es geht um eine Trauerverarbeitung. Die kleine Schwester der Protagonistin Mari, die taubblind auf die Welt gekommen war, stirbt. Die ältere Schwester hat sich um sie liebevoll gekümmert und mit ihr eine Form der Kommunikation etabliert, sodass sie wusste, wann Tully Hunger hat, wann sie gewaschen werden möchte und so weiter. Sie haben eine sehr enge Beziehung und so ist der Tod ein tiefer Einschnitt für Mari. Aus dieser Trauer kommt sie jahrelang nicht heraus. Im siebten Jahr der Trauer begibt Mari sich dann auf eine Wanderung. Sie verlässt ihr Haus und geht an einem Fluss entlang Richtung Meer. Dabei nimmt sie die Natur sehr intensiv wahr, begegnet Menschen, erinnert sich, auch an den Prozess des Sterbens, den sie bei ihrer Schwester miterlebt hat. Mich begeistert an dem Buch, dass sehr unterschiedliche Atmosphären und Emotionen neben- und hintereinander Platz finden. Ich habe zum Beispiel selten bessere Sex-Szenen gelesen als in diesem Buch. </em></p>
<p><em>Beim ersten Lesen des Romans, als ich noch nicht wusste, wohin er führt, hatte ich auch befürchtet, dass die Beziehung der Protagonistin zu ihrem Mann Felix schwierig sein könnte. Doch dann kommt heraus, dass die Liebe des Paares auch sie in ihrer Trauer trägt. Während sie unterwegs ist, richtet Felix einen Ort her, von dem er hofft, dass es ihr gefallen möge, wenn sie zurückkehrt. Er besucht sie zwei Mal auf ihrer Wanderung – und sie schreibt ihm Briefe. Es ist eine sehr berührende Geschichte, die mich auch mit ihren assoziativen und für einen Roman ungewöhnlichen Metriken gefesselt hat.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es gibt Passagen in Kleinbuchstaben, oft ohne Interpunktion, polysyndetische Reihungen, wie es sie auch in Gedichten gibt. Ich möchte ein Beispiel zitieren: <em>„unter einer glocke / tiefhängende wasserwolken liegen dort hinten über dem meer, der horizont ist eine vernebelte linie, alles ist farblos mit feinen tröpfchen, hier oben schweigen die möwen reglos in der luft, lassen sich hin und wieder gemächlich von einer tieferen schicht mittragen.“ </em>Ein eigener in sich geschlossener Text.</p>
<p>Davor ein ebenso kurzer Text, ebenso mit einer Art Überschrift versehen, aber mit Hinweisen auf die Handlung: <em>„Ein säuerliches Aufstoßen. / Ich stelle fest, dass ich schon die halbe Flasche geleert hatte, bevor ich in der unbequemen Haltung eingedöst war. / Ich werde mich krankmelden und in unser kaltes Bett kriechen. Mal schauen, wann ich wach werde. Die können ruhig mal einen Tag ohne mich auskommen.“ </em></p>
<p>Fast schon programmatisch wirken wenige Absätze weiter die beiden wie Verse voneinander abgesetzten Sätze: <em>„anwesend sein heißt berührt werden / berührungen hinterlassen spuren“.</em> Oder ganz am Anfang: <em>„Ich bin ein kleiner, sich langsam bewegender Punkt, nicht mehr als das, eine kleine, langsame Bewegung am Ufer in einer stillen Landschaft. Platz in alle Richtungen.“</em> Der ganze Roman beweist, wie bedeutend und wie wichtig der kleine Punkt, dieser Mensch ist und nicht nur dieser eine Mensch.</p>
<h3><strong>Chinesische Science-Fiction</strong></h3>
<div id="attachment_5905" style="width: 206px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.maroverlag.de/kapsel/283-kapsel-06-zhurong-auf-dem-mars-9783875128598.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5905" class="wp-image-5905 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Kapsel_6-196x300.jpg" alt="" width="196" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Kapsel_6-196x300.jpg 196w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Kapsel_6-200x307.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Kapsel_6.jpg 304w" sizes="(max-width: 196px) 100vw, 196px" /></a><p id="caption-attachment-5905" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein außergewöhnliches Angebot Ihres Verlages ist chinesische Science Fiction. Zum Beispiel das Buch „Das Erbe der Menschheit und andere Geschichten“ von Chi Hui, aus dem Chinesischen übersetzt von Felix Meyer zu Venne, Lukas Dubro und Chong Shen. Die Publikationen, die unter dem Titel „Kapsel“ bei Ihnen laufen, sind ein tolles Angebot für die deutsche Science-Fiction-Community. Wird es angenommen?</p>
<p><strong>Sarah Käsmayr</strong>: <em>Hauptkunde dieser Bücher ist die Berliner Buchhandlung </em><a href="https://www.otherland-berlin.de/de/"><em>Otherland</em></a><em>. Autor:innen der Kapsel wurden dort bereits eingeladen, um ihre Bücher vorzustellen. Zu diesen Präsentationen kamen dann auch viele Chines:innen. Aber auch sonst gab es schon etliche Kapsel-Events – auch mit den Menschen, die die Illustrationen zu den Ausgaben beisteuern. Die Texte sind nicht nur für Spezialist:innen der Science Fiction interessant, sondern auch für Leute, für Studierende, die Chinesisch lernen, gerade wegen der Zweisprachigkeit der Zeitschriften-Ausgaben. „Das Erbe der Menschheit“ wiederum ist nur auf Deutsch.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich zitiere einen Satz aus der darin enthaltenen Erzählung „Der Algorithmus des Artifiziellen“, die das Thema der Menschwerdung Künstlicher Intelligenzen aufgreift: <em>„Wenn sich ein Mensch in einer Illusion verloren hat und nicht mehr weiß, wen er hassen soll, dann wird er alles hassen. Wenn die Freiheit durch die Umstände zerstört wird, wird er alles zerstören wollen … wie bei Pharrells Eltern hat der Algorithmus die Gewaltbereitschaft nicht wirklich eliminiert, im Gegenteil, er hat die manischen Ausprägungen der Echten verdoppelt.“ </em></p>
<p>Beeindruckt hat mich die Offenheit und Klarheit der politischen Aussagen des Buches, ähnlich wie bei Cixin Liu, dem vielleicht im Westen bekanntesten chinesischen Science-Fiction-Autor (Fritz Heidorn, der regelmäßig im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> publiziert, hat Cixin Liu unter dem Motto <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/kosmologische-science-fiction">„Kosmologische Science Fiction“</a> porträtiert.) Manches an den Texten von Chi Hui erinnerte mich auch an das <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/schrott-fiction/">Subgenre der Schrott Fiction</a>, zum Beispiel die titelgebende Erzählung „Das Erbe der Menschheit“.</p>
<p><strong>Sarah Käsmayr</strong>: <em>In dieser Geschichte hat der Müllstrudel im Nordatlantik eine solch feste Struktur bekommen hat, dass er ein eigener Kontinent geworden ist. Schrott ist hier sicherlich auch dabei gewesen – vor allem aber Plastik, wenn wir der Erzählung glauben dürfen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mich erinnerte das an den von Alexandra Klobouk künstlerisch gestalteten <a href="https://alexandraklobouk.com/BOOK-Polymeer-eine-apokalyptische-Utopie">Band „Polymeer“</a> (Onkel &amp; Onkel, 2012), in dem es auch einen solchen Kontinent gibt, auf dem die Niederländer als Spezialisten für dem Meer abgerungenes Land schöne kleine Häuschen gebaut haben. Das Vorgehen chinesischer Science Fiction erinnert mich andererseits ein wenig an die Praxis der <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/utopische-literatur-made-in-gdr/">Science Fiction in der DDR</a>. Es ist ja nie leicht, die staatliche Zensur zu umgehen, aber mit Science Fiction oder – wie das in der DDR hieß – Zukunftsromanen ist das wohl einfacher.</p>
<div id="attachment_5904" style="width: 208px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.maroverlag.de/413_chi-hui"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5904" class="wp-image-5904 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Chi_Hui_Erbe-198x300.jpg" alt="" width="198" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Chi_Hui_Erbe-198x300.jpg 198w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Chi_Hui_Erbe-200x303.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Chi_Hui_Erbe.jpg 294w" sizes="(max-width: 198px) 100vw, 198px" /></a><p id="caption-attachment-5904" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Sarah Käsmayr</strong>: <em>Im Fall der erwähnten Geschichte ging Chi Hui von einem realen Phänomen aus: Diese </em><a href="https://www.careelite.de/muellstrudel-im-meer/"><em>Plastik-Müllstrudel sind real</em></a><em>, es gibt fünf in den Weltmeeren. Man weiß, woher das Plastik kommt, zu weit über 80 Prozent aus Europa und Nordamerika. Man weiß, wie die Strömungen in den Ozeanen funktionieren, weshalb sich das Plastik ansammelt. Chi Hui hat sich die Frage gestellt, wie sich diese Müllstrudel in Zukunft weiterentwickeln könnten. Sie hat sich Ratten ausgedacht, die auf den neuen Kontinenten leben und gelernt haben, sich vom Plastik zu ernähren und sogar Feuer zu machen. Eine Art Analogie zur Menschheitsgeschichte. Im zweiten Teil der Geschichte war ich persönlich etwas desillusioniert: Die Ratten haben Königreiche und so manche gesellschaftliche Struktur, wie wir sie nur allzu gut kennen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie haben Sie die chinesischen Autor:innen gefunden?</p>
<p><strong>Sarah Käsmayr</strong>: <em>Das ganze Projekt kam über </em><a href="https://www.weirdmagazin.de/utopien-aus-china-interview-mit-kapsel-herausgeber-lukas-dubro/"><em>Lukas Dubro</em></a><em> zu Maro. Lukas hat in Berlin Literaturwissenschaften studiert und lernt schon lange Chinesisch. Die Zeitschrift Kapsel war sein Master-Projekt – für die erste Ausgabe hat er eine Geschichte aus dem Chinesischen übersetzt. Von der Zeitschrift gibt es inzwischen sechs Ausgaben. Die ersten vier erschienen bei </em><a href="https://fruehwerk-verlag.de/kapsel-magazin"><em>Frühwerk</em></a><em>, die fünfte und sechste bei uns, eine jährliche Fortsetzung ist geplant. Im Zentrum jeder Ausgabe steht immer eine Kurzgeschichte, die zweisprachig – deutsch und chinesisch – abgedruckt wird, ergänzt um Illustrationen und ein Interview mit dem Autor oder der Autorin, dazu literarische Reflexionen. Deutschsprachige Autor:innen werden dazu eingeladen, etwas zur Geschichte zu schreiben. Alles in einer sehr schönen Aufmachung, gestaltet von Marius Wenker. Zu Lukas’ Netzwerk gehört auch der Sinologe </em><a href="https://lcb.de/programm/zukunftsaussichten/"><em>Felix Meyer zu Venne</em></a><em>, der länger in China gelebt hat, und in Berlin Chinesisch unterrichtet. Felix hat wiederum ein Netzwerk aus Autor:innen und Verleger:innen in China und schlägt für die Kapsel Geschichten vor, die er meistens in einer der zahlreichen chinesischen Science-Fiction-Zeitschriften findet. Zum Team gehört außerdem noch Chong Shen, ein chinesischer Germanist, der perfekt Deutsch spricht und als chinesischer Muttersprachler die Übersetzungen von Felix und Lukas noch einmal überprüft.</em></p>
<p><em>Die Erzählung „Das Insektennest“ von Chi Hui wurde übrigens in der ersten Kapsel-Ausgabe veröffentlicht. Leider ist dieses Heft schon lange vergriffen. So entstand die Idee, die Story, ergänzt um weitere Texte der Autorin, in ein Buch zu übernehmen: „Das Erbe der Menschheit“ enthält insgesamt vier Geschichten. Das Buch wurde außerdem mit 34 Bildern von Studierenden der </em><a href="https://www.hs-duesseldorf.de/studium/angebot/design"><em>Fakultät Design an der Hochschule Düsseldorf</em></a><em>, der </em><a href="https://pbsa.hs-duesseldorf.de/"><em>Peter Behrens School of Arts</em></a><em> illustriert</em><em>. Die fantastischen Welten erleben wir so nicht nur in der Literatur, sondern auch in den vielfältigen Bildern. </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im März 2025 zur Leipziger Buchmesse, Internetzugriffe zuletzt am 14. März 2025. Für den Hinweis auf den Kapsel-Verlag danke ich Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag, der auch schon <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/anarchische-aesthetik/">im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> porträtiert</a> wurde. Titelbild: Ausschnitt aus einer dreifarbigen Druckgraphik, Abo-Edition der MaroHefte 2024 von Katja Schwalenberg, Rechte aller Bilder beim MaroVerlag.) <em><br />
</em></p>
<h1></h1>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-grenzgaengerin/">Die Grenzgängerin</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
	</channel>
</rss>
