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	<title>Sinti und Roma Archive - Demokratischer Salon:</title>
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	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
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		<title>Demokratie hat ihren Preis</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 16 Aug 2024 07:03:36 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Demokratie hat ihren Preis Ein Gespräch mit dem Beauftragten der Bundesregierung gegen Antiziganismus Mehmet Daimagüler „Ich glaube mit Haut und Haar an unsere Verfassungsordnung. Unsere Verfassungsordnung kann sich mit Recht in der Welt sehen lassen. Genauso glaube ich an diesen Rechtsstaat, an unseren Rechtsstaat. Ich weiß aber auch, es gibt keinen Rechtsstaat ohne Makel.  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Demokratie hat ihren Preis</strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit dem Beauftragten der Bundesregierung gegen Antiziganismus Mehmet Daimagüler</strong></h2>
<p><em>„Ich glaube mit Haut und Haar an unsere Verfassungsordnung. Unsere Verfassungsordnung kann sich mit Recht in der Welt sehen lassen. Genauso glaube ich an diesen Rechtsstaat, an unseren Rechtsstaat. Ich weiß aber auch, es gibt keinen Rechtsstaat ohne Makel. Was einen Rechtsstaat ausmacht, ist nicht seine Makellosigkeit, sondern seine Bereitschaft zum selbstkritischen Umgang mit seinen Makeln.“ </em>(Mehmet Daimagüler in seinem Abschlussplädoyer als Anwalt der Nebenklage im NSU-Prozess)</p>
<p>Mehmet Daimagüler ist Sohn türkischer Migranten, die als <em>„Gastarbeiter“</em> nach Deutschland kamen. Er studierte Volkswirtschaft, Jura und Philosophie, ein Studium an der Harvard University schloss er mit einem Master in Public Administration ab. Dort erhielt er im Jahr 2010 den „Emerging Global Leader Award“.</p>
<div id="attachment_5163" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/08/Mehmet_Daimagueler-hart_aber_fair-9619.jpg"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5163" class="wp-image-5163 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/08/Mehmet_Daimagueler-hart_aber_fair-9619-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/08/Mehmet_Daimagueler-hart_aber_fair-9619-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/08/Mehmet_Daimagueler-hart_aber_fair-9619-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/08/Mehmet_Daimagueler-hart_aber_fair-9619-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/08/Mehmet_Daimagueler-hart_aber_fair-9619-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/08/Mehmet_Daimagueler-hart_aber_fair-9619.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-5163" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2017-01-09-Mehmet_Daimag%C3%BCler-hart_aber_fair-9619.jpg">Mehmet Daimagüler bei &#8222;hart aber fair&#8220; am 9. Januar 2017</a>. Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0" target="_blank" rel="noopener">Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0</a>.</p></div>
<p>Bekannt wurde Mehmet Daimagüler ab dem Jahr 2012 als Vertreter der Nebenklage im Münchner NSU-Prozess und in den jüngsten Prozessen gegen fünf Männer und eine Frau, die sich als Wachpersonal der NS-Konzentrationslager schuldig gemacht hatten. Seit März 2022 ist er <a href="https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/ministerium/behoerden-beauftragte-beiraete-gremien/antiziganismusbeauftragter-der-bundesregierung">Antiziganismusbeauftragter der Bundesregierung</a>. Er war lange Zeit Mitglied der FDP, arbeitete unter anderem für Gerhart R. Baum im Deutschen Bundestag und war Mitglied des Parteivorstandes. 2008 verließ er die Partei und zog sich aus der Politik zurück.</p>
<h3><strong>Politische Konflikte an den Universitäten</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Darf ich Sie zunächst fragen, ob Sie auf der Grundlage Ihrer Zeit in den USA vielleicht einige Sätze zum Vergleich der aktuellen Konflikte an US-amerikanischen und deutschen Hochschulen sagen könnten?</p>
<p><strong>Mehmet Daimagüler</strong>: <em>Es ist nun schon ein paar Tage her, dass ich meinen Abschluss in Harvard gemacht habe. Anfang Mai 2024 jedoch nahm ich an einer Abschlussfeier an der Yale-University teil. Der Nahost-Konflikt, die Geschehnisse in Gaza, die Verbrechen der Hamas wirken sehr emotionalisierend und politisierend. Das kann ich in Deutschland wie in den USA beobachten. Grundsätzlich bin ich ganz glücklich darüber, dass die Studierenden politisch sind. Nichts ist bedrohlicher für eine Demokratie als eine junge Generation, die sich nicht für Politik interessiert. Ich bin hüben wie drüben über den Grad der Emotionalisierung überrascht, auch über den Grad der Verächtlichmachung des anderen. Ich bin überrascht, wie unverfroren ein Antisemitismus daherkommt, der sich auch gegen Kommilitonen richtet, gegen Menschen, die man kennt, mit denen man studiert, mit denen man seine Freizeit verbringt. Das finde ich schon beängstigend.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Haben Sie in Yale von Kollegen auch etwas dazu gehört, wie man aus dieser Situation wieder herauskäme?</p>
<p><strong>Mehmet Daimagüler</strong>: <em>Ich war nur einen Tag in New Haven. Der Höhepunkt der Auseinandersetzung schien mir schon vorbei zu sein. Ich glaube, dass die Professorenschaft doch ratlos war. Als ich als Fellow in Yale war, habe ich mich sehr darüber gefreut, wie gut sich die jüdische Community und die muslimische Community gemeinsam gegen Rassismus engagierten. Möglicherweise liegt der Weg in die Zukunft darin, dass man sich an die Gemeinsamkeiten erinnert und sich auf die Dinge bezieht, die eine freie Gesellschaft ausmachen, eben auch eine Universität wie Yale, an der ein meinungsstarker Diskurs hochgehalten wird, wie er Universitäten ausmachen sollte.</em></p>
<h3><strong>Das Amt des Antiziganismusbeauftragten</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Seit dem Jahr 2022 sind Sie Antiziganismus-Beauftragter der Bundesregierung. Es gibt inzwischen in fast allen Ländern Antisemitismusbeauftragte, die oft in ihrem Namen etwa die Bezeichnung tragen: <em>„Beauftragter für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus“</em>. Gibt es eine solche Infrastruktur inzwischen auch im Kontext des Antiziganismus?</p>
<p><strong>Mehmet Daimagüler</strong>: <em>Vielleicht vorab: Im November 2023 hatte ich geplant, nach Israel zu fahren, ich wollte mit der Leitung von Yad Vashem darüber sprechen, wie man den Völkermord an den Sinti und Roma im Komplex des Holocaust-Gedenkens thematisieren konnte. Ich bedauere sehr, dass dies jetzt in den Hintergrund geraten sind. Die Menschen in Israel haben andere Themen.</em></p>
<p><em>Zu meinem Amt: Zunächst muss man wissen, dass die Beauftragten der Länder unabhängig vom Beauftragten des Bundes arbeiten. Sie berichten nicht an den Bundesbeauftragten, arbeiten diesem nicht zu. Wir brauchen aber in der Tat eine bundesweit übergreifende Struktur. </em></p>
<p><em>Mein Amt wurde vor zwei Jahren geschaffen. Ich habe bis heute noch keine volle Mitarbeiterzahl. Es ist nicht banal, das Team zusammenzustellen, die richtigen Leute zu finden, aber wir sind auf einem guten Weg. Der Sachstand: Im letzten Jahr haben wir im Bundestag eine Debatte initiiert, die sich mit den </em><a href="https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/pressemitteilungen/DE/2021/07/kommission-antiziganismus.html">Empfehlungen der Unabhängigen Kommission Antiziganismus</a><em> (UKA) befasste. </em><a href="https://dserver.bundestag.de/btd/20/097/2009779.pdf">Der Bundestag hat im Dezember 2023 der Bundesregierung einen langen Katalog an Empfehlungen gegeben</a><em>. Zu diesen Empfehlungen zählt die Einrichtung einer ständigen Bund-Länder-Kommission, ein Vorschlag, den auch die UKA formuliert hatte.</em></p>
<p><em>Wir sind hier einen riesigen Schritt vorangekommen. Wir haben uns in den letzten beiden Jahren intensiv mit den Ländern ausgetauscht, auch mit dem Kanzleramt. Das hat mein Büro koordiniert. In der Konferenz der Ministerpräsidenten am 20. Juni 2024 wurde diese Bund-Länder-Kommission eingerichtet. Vorbild ist die </em><a href="https://www.antisemitismusbeauftragter.de/Webs/BAS/DE/beauftragter/gremien/bund-laender-kommission/bund-laender-kommission-node.html">Gemeinsame Bund-Länder-Kommission zur Bekämpfung von Antisemitismus und zum Schutz jüdischen Lebens</a><em>. In diesem Gremium werden die Verantwortlichen des Bundes und der Länder zusammenkommen. Wir haben in allen Ländern Ansprechpartner, wir haben aber nicht in allen Ländern Beauftragte und in keinem Land einen eigenen Antiziganismus-Beauftragten. </em></p>
<p><em>Wir haben in den Ländern Beauftragte, die verschiedene Zuständigkeiten vereinen, in Baden-Württemberg beispielsweise nimmt der geschätzte Kollege Michael Blume die Aufgaben des Antisemitismusbeauftragten <u>und</u> des Antiziganismusbeauftragten wahr, in Thüringen nimmt die Justizministerin Doreen Denstädt die Aufgabe der Antiziganismusbeauftragten wahr. Wir haben andere Bundesländer, in denen die Aufgabe auf der ministeriellen Arbeitsebene, auch auf Referatsebene, wahrgenommen wird. Wir haben einen bunten Strauß von Zuständigkeiten. </em></p>
<p><em>Unser Ziel sollte sein, dass es in jedem Land einen Antiziganismusbeauftragten gibt. Ich glaube, dass die Themen Antisemitismus und Antiziganismus in vielen Punkten miteinander zusammenhängen, sehe aber auch, dass es zwischen beiden Themen große Unterschiede gibt, dass sie so heterogen und so umfangreich sind, dass nicht ein Beauftragter beide Themen wahrnehmen kann. Ich kann mir zum Beispiel nicht vorstellen, dass ich als zweiten Nebenjob noch die Aufgabe des Antisemitismusbeauftragten wahrnehmen könnte.</em></p>
<p><em>Aber ich glaube, wenn die Kommission ihre Arbeit aufgenommen hat, wird die Aufmerksamkeit steigen und ich denke, dass wir dann in den Ländern das genannte Ziel erreichen werden. Das wird ein ganz wichtiger Schritt zu einer wirksamen Infrastruktur. Das ist keine Verwaltung, keine Bürokratie, in der der Bund von oben nach unten die Aufgaben verteilt, sondern ein Gremium, in dem Bund und Länder gemeinsam arbeiten. Wir werden uns eine Geschäftsordnung geben.</em></p>
<h3><strong>Die vielfältige Zivilgesellschaft der Sinti und Roma</strong></h3>
<div id="attachment_5164" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://zentralrat.sintiundroma.de/pressebereich/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5164" class="wp-image-5164 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/08/Demo72VinzenzRose2-300x217.jpg" alt="" width="300" height="217" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/08/Demo72VinzenzRose2-200x145.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/08/Demo72VinzenzRose2-300x217.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/08/Demo72VinzenzRose2-400x290.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/08/Demo72VinzenzRose2-600x435.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/08/Demo72VinzenzRose2-768x557.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/08/Demo72VinzenzRose2-800x580.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/08/Demo72VinzenzRose2-1024x742.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/08/Demo72VinzenzRose2.jpg 1104w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-5164" class="wp-caption-text">Demonstration der Bürgerrechtsbewegung 1972, im Vordergrund Vinzenz Rose, damaliger Vorsitzender des Verbandes der Deutschen Sinti. Fotorechte: Zentralrat der Deutschen Sinti und Roma.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir haben eine Vielfalt von Organisationen der Sinti und Roma. Am bekanntesten ist der <a href="https://zentralrat.sintiundroma.de/">Zentralrat der Deutschen Sinti und Roma</a>, dessen langjähriger Vorsitzender Romani Rose große Verdienste hat, dass das Thema in der Öffentlichkeit beachtet wurde. Es begann 1980 mit dem berühmten Hungerstreik in Dachau. Daneben gibt es viele weitere Organisationen, die einzelne Roma-Gruppen vertreten. Ich habe den Eindruck, es ist nicht so einfach wie mit dem <a href="https://www.zentralratderjuden.de/">Zentralrat der Juden in Deutschland</a>, der weitgehend alle jüdischen Gemeinden vertritt, auch wenn es mit der <a href="https://www.liberale-juden.de/">Union Progressiver Juden</a> eine weitere Organisation gibt. Aber dennoch gibt es hier weitestgehende enge Zusammenarbeit und die Politik hat klare Ansprechpartner.</p>
<p><strong>Mehmet Daimagüler</strong>: <em>Sie haben grundsätzlich recht, dass der Zentralrat der Juden der wesentliche Ansprechpartner der Politik ist. Es gibt auch einen </em><a href="https://www.gesetze-im-internet.de/zjdvtr/BJNR159800003.html">Staatsvertrag</a><em>. Und es ist richtig, dass wir bei der Vertretung der Sinti und Roma eine gewisse Heterogenität haben. Wir sprechen immer von „Sinti und Roma“ im Gleichklang, aber es sind sehr viele unterschiedliche Gruppen unter diesem Dach, mit unterschiedlichen Anliegen. Bei den Sinti handelt es sich – grob gesprochen – um Menschen, die seit Jahrhunderten in Deutschland leben. Bei Roma handelt es sich oft um Zugewanderte aus den letzten Jahrzehnten. Aber auch diese Gruppe ist in sich heterogen. Wir haben Gastarbeiter, die in den 1950er und 1960er Jahren gekommen sind, Geflüchtete der Balkan-Kriege der 1990er Jahre, Menschen, die im Zuge der Osterweiterung der EU zu uns gekommen sind, Geflüchtete aus dem Kosovo und aus der Ukraine. Hinter allen stehen unterschiedliche Interessen.</em></p>
<p><em>Wenn auf einem Kongress jemand sagt, dass man Sinti und Roma integrieren müsse, bekommen die anwesenden Sinti Probleme. Sie sagen, wen wollt ihr integrieren, wir sind Deutsche und das seit Jahrhunderten. Das Thema der Integration ist hier fehl am Platze. Es ist auch ein großer Unterschied, ob man als Rom in den 1960er Jahren gekommen ist, vielleicht auch schon die deutsche Staatsbürgerschaft hat, oder ob man im Zuge kriegerischer Auseinandersetzungen gekommen ist, ob man einen gesicherten Aufenthaltsstatus hat oder nicht. Wir haben auch Gruppen wie Queer-Roma, wir haben feministische Gruppen. </em></p>
<p><em>Ich sehe natürlich, dass diese Heterogenität die Kommunikation – ich sage es mal so – aufwendiger macht. Ich sehe aber in dieser Vielfalt auch eine Vielfalt von Lösungsvorschlägen. Wir sollten diese Vielfalt in unserer Gesellschaft wertschätzen. Das ist ein Stück Normalität. Wir müssen und können als Politik damit umgehen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Welche inhaltlichen Beispiele möchten Sie als Beispiele für die Vielfalt der Interessen nennen?</p>
<p><strong>Mehmet Daimagüler</strong>: <em>Bei Roma-Verbänden ist Aufenthaltsrecht ein Riesen-Thema. Da gibt es die Forderung nach einer Kontingent-Lösung wie man sie in den 1990er Jahren bei zugewanderten Juden aus der Sowjetunion hatte.</em></p>
<div id="attachment_5170" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5170" class="wp-image-5170 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/08/Protest_for_the_Sinti_and_Roma_memorial_Berlin_2020-06-13_13-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/08/Protest_for_the_Sinti_and_Roma_memorial_Berlin_2020-06-13_13-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/08/Protest_for_the_Sinti_and_Roma_memorial_Berlin_2020-06-13_13-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/08/Protest_for_the_Sinti_and_Roma_memorial_Berlin_2020-06-13_13-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/08/Protest_for_the_Sinti_and_Roma_memorial_Berlin_2020-06-13_13-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/08/Protest_for_the_Sinti_and_Roma_memorial_Berlin_2020-06-13_13.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-5170" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Protest_for_the_Sinti_and_Roma_memorial_Berlin_2020-06-13_13.jpg">Proteste gegen den Abriss des Mahnmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma in Berlin 13. Juni 202o.</a>. Foto: Leonhard Lenz. Wikimedia Commons, <a class="extiw" title="w:en:Creative Commons" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a class="extiw" title="ccorg:publicdomain/zero/1.0/deed.en" href="https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.en">CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication</a>.</p></div>
<p><em>Kontrovers wird in der Community über den Umgang mit dem Mahnmal der ermordeten Sinti und Roma in Berlin diskutiert. Dort soll eine S-Bahn gebaut werden, durch die es zu Beeinträchtigungen des Mahnmals kommen kann. Da stellt sich natürlich die Frage, was kann man, was soll man hinnehmen? Viele fragen natürlich: Was sind wir zuerst? Sind wir erst Sinti, sind wir erst Deutsche? Die Eigenwahrnehmung, die Eigendefinition ist sehr unterschiedlich, das ist sehr individuell. Das kann sich individuell im Verlaufe des Lebens auch unterschiedlich äußern. Wichtig ist – und da gibt es Konsens – Sinti und Roma sind von Rassismus, von Antiziganismus betroffen, sie sind von der fehlenden Aufarbeitung des Völkermords an den Sinti und Roma betroffen.</em></p>
<h3><strong>Alltäglicher Antiziganismus</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mein Eindruck: Antiziganismus spielt in der deutschen Öffentlichkeit kaum eine Rolle.</p>
<p><strong>Mehmet Daimagüler</strong>:<em> Lassen sie mich zum Antiziganismus folgende Beispiele nennen, alle aus der jüngsten Vergangenheit, alle vom Mai 2024: </em></p>
<ul>
<li><em>Wir hatten </em><a href="https://www.rhein-zeitung.de/region/aus-den-lokalredaktionen/koblenz-und-region_artikel,-zweiter-fall-binnen-weniger-tage-naziparolen-und-hassbotschaften-auf-wahlplakat-in-koblenz-gekritzel-_arid,2658051.html"><em>in Koblenz</em></a><em> einen Kandidaten für die Kommunalwahlen, der Sinto ist. Sein Vater und auch er engagieren sich in der Bürgerrechtsbewegung. Seine Wahlplakate wurden mit der Aufforderung beschmiert, sie sollten ins Gas gehen, vergast werden, spezifisch auf ihn als Sinto bezogen. </em></li>
<li><a href="https://rdl.de/beitrag/auf-dem-mahnmal-sind-namen-meiner-familienmitglieder"><em>In Neumünster</em></a><em> haben wir ein Mahnmal, das an die Deportation der deutschen Sinti und Roma erinnert. Dieses wurde zugemüllt, zum wiederholten Mal. </em></li>
<li><a href="https://zentralrat.sintiundroma.de/wp-content/uploads/2024/05/2024-05-31-zerstoerung-holocaustmahnmal-flensburg.pdf"><em>In Flensburg</em></a><em> wurde ein Mahnmal beschmiert, das an die Verfolgung und Vernichtung der Sinti und Roma erinnert. </em></li>
</ul>
<p><em>All dies in wenigen Tagen des Mai 2024. Alle drei Beispiele beziehen sich auf den Völkermord. Und da frage ich mich: Wo ist der Aufschrei? Was passiert da gerade im Land? Gleichzeitig erhielten wir vom Deutschen Bundestag den Auftrag, dass wir dieses Jahr, am 2. August 2024, den </em><a href="https://zentralrat.sintiundroma.de/gedenkveranstaltung-zum-europaeischen-holocaust-gedenktag-fuer-sinti-und-roma-am-2-august-2024/"><em>80. Jahrestag der Vernichtung der Sinti und Roma</em></a><em> besonders würdig begehen. Begehen wir diesen Tag würdig, wenn wir die genannten Vorfälle einfach so hinnehmen? </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welche Erfahrungen haben Sie mit den Medien gemacht?</p>
<p><strong>Mehmet Daimagüler</strong>: <em>Es gibt einige Journalisten, die kenntnisreich über das Thema des Antiziganismus recherchieren, sprechen und schreiben, aber es ist nur eine Handvoll. Wir machen Presseerklärungen, bedienen die sozialen Medien, aber es wird außerhalb dieses kleinen Kreises – wenn es fünf Personen sind, ist es schon viel – nicht aufgegriffen. Das ist ein echtes Problem. Stattdessen sehe ich, dass in den Medien antiziganistische und rassistische Stereotype weiterverbreitet werden. Das ganze Thema Clan-Kriminalität, in das Sinti und Roma hineingepackt werden. Manche Medien betreiben damit Click-Baiting, machen Sinti und Roma verächtlich, kriminalisieren sie. Im Moment wird dieses Spiel gerne mit geflüchteten Roma aus der Ukraine gespielt, den man vorwirft, keine „richtigen“ Ukrainer zu sein und nur in betrügerischer Absicht nach Deutschland zu kommen. Das Kriminalisieren von Sinti und Roma hat eine lange Tradition. Die Kriminalisierung hat nach 1945 nicht aufgehört. Diese Klaviatur wird immer noch gespielt. </em></p>
<h3><strong>Der Völkermord an den europäischen Sinti und Roma</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und der Holocaust, die Ermordung der europäischen Sinti und Roma?</p>
<div id="attachment_5165" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5165" class="wp-image-5165 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/08/Denkmal_Mahnmal_fuer_Sinti_und_Roma-300x220.jpg" alt="" width="300" height="220" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/08/Denkmal_Mahnmal_fuer_Sinti_und_Roma-200x147.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/08/Denkmal_Mahnmal_fuer_Sinti_und_Roma-300x220.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/08/Denkmal_Mahnmal_fuer_Sinti_und_Roma-400x294.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/08/Denkmal_Mahnmal_fuer_Sinti_und_Roma-600x441.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/08/Denkmal_Mahnmal_fuer_Sinti_und_Roma.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-5165" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Trier_Mahnmal_f%C3%BCr_Sinti_und_Roma.jpg">Mahnmal von Clas Steinmann zur Deportation der Sinti und Roma aus Trier</a>. Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0" target="_blank" rel="noopener">Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0</a>.</p></div>
<p><strong>Mehmet Daimagüler</strong>: <em>Ich bin als Sohn türkischer Gastarbeiter in Deutschland geboren. Wenn man mich fragt, was in meiner Identität als Deutscher bedeutend ist, auch im Unterschied zu meinem Cousin, der in Kanada gelandet ist, dann ist es die Shoah und der Umgang mit der Shoah, das Gefühl von Verantwortung, das wir haben und haben sollten. Damit bin ich aufgewachsen. Das sollte Konsens in Deutschland sein. All dies gilt offenbar für viele Deutsche nicht für Sinti und Roma. Das Märchen von der Stunde Null haben wir uns selbst eingeredet. Beim Völkermord an den europäischen Juden und dem Völkermord an den europäischen Sinti und Roma gibt es viele Parallelen, aber es gibt auch große Unterschiede. </em></p>
<p><em>Ein großer Unterschied ist der Folgende. Der Völkermord an den Sinti und Roma wurde weitgehend in der Regie der Polizei organisiert und vollzogen. Die Polizei spielte auch eine Rolle beim Völkermord an den Juden, aber der Völkermord an den Sinti und Roma war weitestgehend eine polizeiliche Angelegenheit. Nach dem Krieg wurden all die Nazi-Organisationen, die für den Völkermord an den europäischen Juden verantwortlich waren, verboten. Hätte man die Kriterien für einen Verbot auch an den Völkermord an den europäischen Sinti und Roma angelegt, hätte man weite Teile der Polizei verbieten müssen. Dazu hat die Unabhängige Kommission Antiziganismus einiges ausgeführt. Das hat man natürlich nicht gemacht, weil man eben eine Polizei wollte. Mit der Leugnung der Verantwortung der Polizei wurde auch vermittelt: Es gab keinen Völkermord, es waren nur „kriminalitätspräventive Maßnahmen“ wie die polizeilichen Täter und ihre Nachfolger sich und der Welt einredeten. </em></p>
<p><em>In den 1960er Jahren wurde ein leitender Polizeibeamter in einem Interview nach der Verfolgung der Sinti und Roma befragt. Er sagte kategorisch: Es gab keine Verfolgung. Der Journalist fragte dankenswerterweise nach: Was ist denn mit Auschwitz? Die Antwort, einige seien sicherlich in den Gaskammern gestorben, aber das wären kriminalitätspräventive Maßnahmen gewesen, die meisten seien an ihrer mangelnden Hygiene gestorben, wenn die sich nicht waschen, werden die halt krank.</em></p>
<div id="attachment_5169" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://zentralrat.sintiundroma.de/pressebereich/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5169" class="wp-image-5169 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/08/BergenBelsen1979-300x277.jpg" alt="" width="300" height="277" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/08/BergenBelsen1979-200x185.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/08/BergenBelsen1979-300x277.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/08/BergenBelsen1979-400x369.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/08/BergenBelsen1979-600x554.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/08/BergenBelsen1979-768x709.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/08/BergenBelsen1979-800x738.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/08/BergenBelsen1979.jpg 867w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-5169" class="wp-caption-text">Erste internationale Gedenkkundgebung in Bergen-Belsen 1979 mit Romani Rose und Simone Veil, der damaligen Präsidentin des Europäischen Parlaments. Fotorechte: Zentralrat der Deutschen Sinti und Roma.</p></div>
<p><em>Erst nach dem Hungerstreik 1980 auf dem Gelände des Konzentrationslagers Dachau – Sie haben eben Romani Rose erwähnt – hat sich Bundeskanzler Helmut Schmidt 1982 bemüßigt gefühlt, von einem Völkermord zu reden. 37 Jahre nach 1945! Seit dieser Zeit haben wir uns nur in Tippelschritten bewegt. Auch deshalb gibt es möglicherweise keinen Aufschrei, wenn Mahnmale beschmiert werden, wenn Plakate von Kandidaten mit KZ-Parolen beschmiert werden. Wir haben es uns in unserer Ignoranz gemütlich gemacht. Und wenn man das zu Ende denkt, muss man auch die Frage stellen: Wir rühmen uns zu Recht, manchmal auch zu Unrecht für den Umgang mit der Shoah, was wir alles getan haben, aber man muss sich schon die Frage stellen, wie intrinsisch das war.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es gibt ja durchaus Streit um die Wirksamkeit der deutschen Erinnerungskultur. Die einen loben sich als <em>„Erinnerungsweltmeister“</em>, ein Begriff, der immer wieder in den deutschen Medien erscheint, andere kritisieren aber auch ein deutsches <em>„Gedächtnistheater“</em>, ein Begriff von Y. Michal Bodemann (Gedächtnistheater: die jüdische Gemeinschaft und ihre deutsche Erfindung, Hamburg, Rotbuch, 1996), den <a href="https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/juedischesleben/332617/versoehnungstheater-anmerkungen-zur-deutschen-erinnerungskultur/">Max Czollek</a> nicht müde wird zu zitieren. Wie sieht es mit der Gedenkkultur für die ermordeten Sinti und Roma aus? Gibt es dazu eine vergleichbare Debatte oder fehlt es einfach an Gedenkkultur?</p>
<p><strong>Mehmet Daimagüler</strong>: <em>Ich würde nicht sagen, dass es keine Gedenkkultur gibt. Wir haben den 2. August als Gedenktag, wir haben Mahnmale, wir haben örtliche Initiativen. Wir haben es natürlich nicht so wie wir es bräuchten. Ich beobachte aber oft auch, dass es eine Erinnerungskultur an den Communities vorbei ist. Vor zwei Jahren wurde ich von einer Sinti-Initiative in Berlin eingeladen, die mich auf eine Ausstellung im Rathaus von Neukölln hinwies. Das war eine sehr professionelle Ausstellung. Die Fotos, die gezeigt wurden, zeigten die Fotos der Menschen, die mich dorthin geführt hatten. Viele Fotos waren Polizeifotos, Gewaltfotos, die zeigten, die die Menschen kriminalisierten. Der Bezirk Neukölln hat das sehr gut gemeint, aber es war nicht gut gemacht, weil es nicht mit der Community besprochen war. Das ist ein ganz wichtiger Punkt: Erinnerung kann man nicht an den Betroffenen vorbei gestalten. Wenn man das macht, wirkt es manchmal wie Selbstvergewisserung, PR, Propaganda.</em></p>
<p><em>Sehr gut ist es, dass sich die Selbstorganisationen sich mit eigenen Initiativen zu Wort melden. Wo wir können, unterstützten wir das. Im Abschlussbericht der Kommission und auch im Bundestagsbeschluss haben wir ganz klare Vorgaben an die Bundesregierung, was getan werden muss. Ein ganz wichtiger Bereich ist Bildung. Da geht es um Schulbücher, um die Ausbildung von Pädagogen, da geht es darum, wie wir Perspektiven, Wissen einbringen können, sicherstellen, dass die Initiativen auch aus der Community kommen. Dieses Thema, Bücher, Bildung, wird ein wichtiges Thema der Bund-Länder-Kommission. Es gibt auch eine </em><a href="https://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2022/2022_12_08-Gemeinsame_Erklaerung-Sinti-Roma.pdf">Vereinbarung der Kultusministerkonferenz mit dem Zentralrat der Deutschen Sinti und Roma und dem Bündnis für Solidarität mit den Sinti und Roma</a><em>, vom 8. Dezember 2022. Darin sind viele Themen enthalten, über die wir sprechen.</em></p>
<h3><strong>Der kulturelle Reichtum der Sinti und Roma in Geschichte und Gegenwart</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Thema dieser Vereinbarung ist die <em>„Vermittlung von Geschichte und Gegenwart der Geschichte und Gegenwart der Sinti und Roma“</em>. In einer Fußnote heißt es, dass die Partner der Vereinbarung anstreben, <em>„dem Umgang und der Auseinandersetzung mit Antiziganismus in der Schule, seinen Ursprüngen, Formen und Manifestationen eine gesonderte Empfehlung zu widmen.“</em> Ich denke, das ist eine wichtige und gute Perspektive. Ein zentraler Punkt sind natürlich Lehrpläne und Schulbücher. Es gibt eine <a href="https://repository.gei.de/bitstream/handle/11428/365/PolicyBrief-1-2024.pdf">aktuelle Studie des Leibniz-Instituts für Bildungsmedien (GEI)</a>. Da gibt es noch einiges zu tun.</p>
<p><strong>Mehmet Daimagüler</strong>: <em>Der Umgang mit dem Völkermord an den Sinti und Roma ist ein ganz wichtiges Thema. Bisher war es so, dass in den Schulbüchern häufig steht, es gab den Holocaust, es gab Konzentrationslager, in denen Juden, Homosexuelle, Sinti und Roma, Andersdenkende ermordet wurden. Da wird nur aufgezählt. Da brauchen wir mehr. Der Antiziganismus der Nazis fiel ja nicht plötzlich vom Himmel. Er fußte auf einer langen Tradtion. Und der Antiziganismus der Nazis endete nicht am 8. Mai 1945. Der Soundtrack, der auf dem Weg nach Auschwitz zu hören war, ist zuweilen auch heute noch zu hören. Wir müssen auch dafür sorgen, dass Sinti und Roma nicht nur im Kontext des Völkermordes, sondern auch als Teil der Kulturgeschichte unseres Landes behandelt wird. Nur wenige wissen, dass die Wiener Klassik oder Franz Liszt von der Roma-Musik, beispielsweise aus Ungarn, beeinflusst waren. Der Flamenco wird als spanischer Tanz rezipiert, aber es ist eine Tanzform der Roma. Viele wissen nicht, dass wir auch in der zeitgenössischen Musik, von Sido bis Marianne Rosenberg, Sinti und Roma haben. Auch im Wirtschaftsleben – bis zum heutigen Tage. Das ist nicht nur ein Thema für den Geschichtsunterricht. Mich überrascht in den zwei Jahren meiner Tätigkeit, wie embryonal wir da noch sind.</em></p>
<p><em>Es ist bedauerlich, dass wir damit nicht nur Sinti und Roma nicht gerecht werden, sondern dass wir uns als Mehrheitsgesellschaft von einem reichhaltigen und wichtigen Teil unserer eigenen Geschichte abtrennen. Das ist eine Parallele auch mit dem Umgang mit dem Judentum in Deutschland. Juden leben länger in Deutschland als Menschen, die sich deutsch nennen. Da müssen wir mehr machen.</em></p>
<p><em>Eine gute Grundlage bieten zahlreiche Initiativen der Selbstorganisationen, auch auf der Ebene der Länder. All diese Initiativen müssen wir strukturieren und mit Mitteln ausstatten. Ich bin mir der Grenzen meines Amtes bewusst. Wir haben eine koordinierende Rolle. Das tun wir nach bestem Wissen und Gewissen. Wir sind nicht so ausgestattet, dass wir in die Debatte so einsteigen können wie ich mir das wünschen würde. Die Hauptlast liegt bei den Selbstorganisationen, aber wir müssen auch feststellen, dass sich dort viele Menschen bis zur Selbstausbeutung engagieren. Wir brauchen eine strukturelle Förderung, wir brauchen Staatsverträge in Bund und Ländern. Dafür möchte ich werben. </em></p>
<h3><strong>Netzwerke gegen Menschenfeindlichkeit</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie haben das Amt des Antiziganismusbeauftragten, Felix Klein das <a href="https://www.antisemitismusbeauftragter.de/Webs/BAS/DE/startseite/startseite-node.html">Amt des Antisemitismusbeauftragten</a>, Reem Alabali-Radovan das <a href="https://www.integrationsbeauftragte.de/ib-de/staatsministerin/reem-alabali-radovan-spd--1864426">Amt der Beauftragten für Antirassismus</a>, dies in Personalunion mit ihrem Amt als Beauftragte für Migration, Flüchtlinge und Integration, Ferda Ataman ist <a href="https://www.antidiskriminierungsstelle.de/DE/ueber-uns/unabhaengige_bundesbeauftragte/unabhaengige_bundesbeauftragte_node.html">Beauftragte für Antidiskriminierung</a>. Wir hatten jetzt auch die <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-frames-der-muslimfeindlichkeit/">Ergebnisse des Unabhängigen Expertenkreises Muslimfeindlichkeit</a>. Dieses Thema scheint mir etwas in Vergessenheit geraten zu sein. Bräuchten wir nicht auch zum Thema Muslimfeindlichkeit eine eigene Infrastruktur? Und schließlich stellt sich mir die Frage der Vernetzung, denn es wäre meines Erachtens wichtig, dass sich Minderheiten miteinander vernetzen, abstimmen, natürlich auch mit Vertretern der Mehrheitsgesellschaft, die den Dialog mit Minderheiten suchen oder sich anderweitig für und mit diesen engagieren.</p>
<p><strong>Mehmet Daimagüler</strong>: <em>Sie können annehmen, dass mir dieses Thema als deutschem Muslim ein Anliegen ist. Es gibt viele Roma aus dem Balkan, aus dem Kosovo, die Muslime sind. Ich glaube, dass Muslimfeindlichkeit nicht ernst genommen wird. Ich glaube, dass die NSU-Morde – mit der Ausnahme des Mordes an der Polizistin – muslimfeindliche Morde waren. Ich glaube auch, dass Herr Boulgaridis verwechselt wurde, man ihn für einen Türken beziehungsweise Muslim gehalten hat. </em></p>
<p><em>Aber Sie sprechen einen ganz wichtigen Punkt an. Ferda Ataman und ich haben regelmäßige Austauschtreffen der Beauftragten mit Menschenrechtsbezug angeregt. Wir treffen uns, wir positionieren uns gemeinsam. Ich tausche mich regelmäßig mit Felix Klein aus. Das zeigt sich auch in symbolischen Akten. Am 27. Januar 2024 sind Felix Klein und ich mit jungen Leuten aus beiden Communities in Berlin erst zum einen Mahnmal, dann zum anderen gegangen. Es war für mich ergreifend, als die jungen Leute Briefe vorlasen. Wir sind alle Menschen und wir werden aus verschiedenen Blickwinkeln angesprochen, aber uns wird die Menschlichkeit abgesprochen. Daher müssen wir alle gemeinsam mit dieser Menschenfeindlichkeit umgehen. </em></p>
<p><em>Ich weiß natürlich, wenn die Forderung kommt, wir sollten das Amt eines Beauftragten gegen Muslimfeindlichkeit einrichten, kommt auch die Reaktion, ach noch ein Beauftragter. Aber wissen Sie, wenn jemand eine bessere Idee hat, wie wir Menschenfeindlichkeit bekämpfen können, und eine Lösung hat, wie wir das ohne Beauftragte tun können, bitte, lasst mich diese Lösung wissen. Ich persönlich klebe jetzt nicht so an meinem Sessel, dass ich mich einer anderen Lösung verschließen würde. Ich glaube aber, dass wir zurzeit keine bessere Idee haben. Die Beauftragten haben als Beauftragte der Bundesregierung die Chance, unabhängig und unkonventionell zu agieren. Wir sind nicht an die üblichen starren Berichtswesen gebunden, haben keinen Dienstweg einzuhalten, sind hierarchiebefreit und können ziemlich bürokratiefrei als Schnittstelle zwischen Staat und Community agieren. Viele andere Bevölkerungsgruppen im Land haben ihre Schnittstellen, die nennen sich dann nicht Beauftragte, sondern dann heißt das für Landwirte Minister für Landwirtschaft, oder es gibt Bildungsminister als Ansprechpartner für die Lehrer. Wir haben keine Schnittstelle dieser Art für die Bekämpfung von Hass gegen Menschen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wäre ein Ministerium gegen Diskriminierung und Menschenfeindlichkeit eine Lösung?</p>
<p><strong>Mehmet Daimagüler</strong>: <em>Am Ende des Tages ist das dann auch nur ein Ministerium mit verschiedenen Abteilungen. Und wenn dann ein Minister für verschiedene Gruppen spricht, darunter dann die verschiedenen Abteilungen? In meiner jetzigen Position werde ich von anderen Ministerien nicht als Vertreter eines Ministeriums wahrgenommen. Das hat viele Vorteile. Aber why not? Muss man sich anschauen. Wenn es bessere Lösungen gibt…</em></p>
<p><em>Als Anwalt habe ich mich vorwiegend mit politischen Straftaten und mit der Opfervertretung befasst. Als ich gefragt wurde, ob ich das Amt des Antiziganismusbeauftragten interessant fände, war für mich die Abwägung, aus welcher Position ich mehr bewegen könnte, Menschen mehr helfen könnte. Auch unter dieser Prämisse gilt, wenn mir jemand ein Modell anbietet, das ohne mich funktioniert, dann ist es gut.</em></p>
<p><em>Und noch eins: Anwalt ist auch ein schöner Beruf!</em></p>
<h3><strong>Der NSU ist nicht Vergangenheit</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist das zweite große Thema, über das wir sprechen wollten. Ich habe in letzter Zeit mit verschiedenen Menschen gesprochen, die sich mit den NSU-Prozessen befassten, und auch die ein oder andere Veröffentlichung konsultiert. Nach dem NSU-Prozess gab es viele Dokumentationen und Äußerungen, man habe den Sumpf nicht trockengelegt, sondern den Eindruck erweckt, es habe sich um einige wenige Einzeltäter, letztlich ein Trio, gehandelt.</p>
<p><strong>Mehmet Daimagüler</strong>: <em>Ich habe drei, vier Tage plädiert. Mein Schlussplädoyer ist als Buch erschienen. Es war eine intensive Zeit. Drei Tage wurde in München verhandelt, Montag und Freitag war ich in jeweils einem der KZ-Verfahren. An diesen beiden Tagen hatte ich alte Nazis, an den anderen neue Nazis auf der Anklagebank. Das war ein Blick in die deutsche Geschichte. </em></p>
<p><em>Ich habe im NSU-Prozess mehrere Opferfamilien vertreten. Ich hatte das Glück, dass die von mir vertretenen Menschen, die Witwen, die Halbwaisen, nicht naiv waren. Niemand hat geglaubt, nach dem Verfahren stünde die Wahrheit fest. Sie wussten es, ich wusste es, dazu war schon zu viel Zeit gegangen und es waren viele Akten verschwunden worden – so muss man das wohl formulieren. </em></p>
<p><em>Aber was auch galt, das waren die Versprechungen vom Bundespräsidenten bis zur Bundeskanzlerin, dass der Staat alles tun würde, was in seiner Macht stünde, um aufzuklären. Und wenn dieser Versuch dann trotz aller Versuche nicht gelingt, trotz aller Bemühung, schafft das dennoch Vertrauen. Das ist aber so nicht geschehen. Die Unterlagen waren unvollständig, bei den Aufklärungsbehörden, beim Verfassungsschutz. Die Anklageschrift sprach vom Trio. Das war absurd. Drei Leute sollen das alles gemanagt haben? Zwei Personen waren tot, damit war der Straftatbestand der Terrororganisation tot. Denn mit einer Person kann man keine Terrororganisation gründen, dazu braucht man mindestens drei. Das war schon unverschämt. Aber auch die Tatsache, dass neben Frau Zschäpe vier weitere Angeklagte saßen. Das „Trio“ bestand schon einmal aus sieben Leuten. Die drei waren der Kern, die anderen die Unterstützer. Im Verlaufe des Verfahrens kamen immer mehr dazu, insgesamt etwa 30 Leute, die zum Teil offen zugaben, dass sie dem „Trio“ geholfen hatten. Es gab Zeugenaussagen, das an den Tatorten weitere Personen gesehen waren. Wenn man 30, 40, 50 Leute identifiziert hat, kann man nicht mehr von einem „Trio“ sprechen.</em></p>
<p><em>Warum war es dem Staat so wichtig, den Kreis kleinzuhalten. Klar, je größer der Kreis ist, desto mehr stößt man auf V-Leute und wir hatten eine Landschaft, die durchsetzt war von V-Leuten. Da stellt sich die Frage, ob der Staat wusste, wo die waren und was die taten. Und man muss davon ausgehen, dass zumindest Teile des Staates dies durchaus wussten und wissen mussten. Im Gerichtssaal wurde festgestellt, dass die 2.500 EUR, mit denen die Ceska gekauft wurde, mit der migrantische Menschen ermordet wurden, aus Geldern des Verfassungsschutzes stammten. Dass das keinen Aufschrei ausgelöst hatte, war wirklich erstaunlich. </em></p>
<p><em>Teil dieser Minimalisierungsstrategie war auch die Gefahr herunterzuspielen. Wir hatten in dem Bauschutt in der Zwickauer Straße die 10.000er-Liste gefunden, mit über 10.000 Namen, bei denen man davon ausgehen konnte, dass diese die nächsten Anschlagsziele enthielt. Ich habe im Gerichtssaal darauf hingewiesen, dass diese Liste nie ausgewertet worden ist. Hätte man diese Liste ausgewertet, hätte man einen Blick in die Köpfe derjenigen werfen können, die die Liste erstellt haben. Und da mehr Namen in manchen Regionen genannt wurden als in anderen, hatten wir aus meiner Sicht auch einen Hinweis darauf, dass es vor Ort Netzwerke gab, in denen Namen auf die Liste gebracht wurden. Ich habe in meinem Schlussplädoyer gesagt, dass solange diese Liste nicht ausgewertet ist, die Gefahr besteht, dass der NSU keine Vergangenheit ist. Das wurde nicht gehört. Und ich sage Ihnen Folgendes: einer der Namen auf der Liste war Walter Lübcke, der dann von einem Nazi ermordet wurde.</em></p>
<p><em>Ich halte die Beschwichtigungsformel, dass der NSU der Vergangenheit angehört, für falsch. Das ganze Gerichtsverfahren ist auch die Geschichte einer verpassten Chance. </em></p>
<p><em>Ich spreche nicht gerne für meine Mandanten. Das sind erwachsene Leute, die für sich selbst sprechen können. Aber ich sage Ihnen eines: Nach der Ermordung von Walter Lübcke hieß es in manchen Medien, das ist eine Zäsur. Da muss ich schon sagen, das ist ein Schlag ins Gesicht der Witwen und der Halbwaisen. Waren die Morde des NSU keine Zäsur? Waren die Morde in Solingen keine Zäsur? Der Brandanschlag auf das Geflüchtetenheim in Lübeck? Ist die Zäsur erst dann gegeben, wenn ein Vertreter der weißen Mehrheitsgesellschaft ermordet wird? Was ist da eigentlich los in diesem Land? Fehlt es uns an politischem Bewusstsein oder einfach nur an Anstand?</em></p>
<h3><strong>Bedrohte Demokratie</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es wiederholt sich jetzt wieder mit den Reaktionen auf die Anschläge auf Kandidaten an ihren Wahlkampfständen, beim Plakatekleben. Die Zahl der Anschläge auf Unterkünfte von Geflüchteten ist deutlich gestiegen.</p>
<p><strong>Mehmet Daimagüler</strong>: <em>Es sind ja nicht nur diese Anschläge. Es passiert doch viel unterhalb der Wahrnehmungsfläche. Da sind Beleidigungen. Was geschieht mit Menschen, die sich nicht wie ich artikulieren können, mit obdachlosen Menschen, Geflüchteten, die kein Deutsch sprechen, was geschieht mit denen jeden Tag? Was macht das mit Menschen, die sich diese grölenden, tanzenden Leute mit „Deutschland den Deutschen“ anhören müssen? Diese Leute sollten den Migranten danken, dass sie hier sind. Sie machen den Job, den viele nicht machen wollen. Sie erwirtschaften den Wohlstand. Der wird von vielen Menschen erwirtschaftet, die nicht aus Deutschland stammen. Ein bisschen mehr Dankbarkeit in allen Richtungen wäre vielleicht angebracht. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie das so deutlich sagen.</p>
<p><strong>Mehmet Daimagüler</strong>: <em>Es gibt Leute in diesem Land, die für die Demokratie nicht erreichbar sind. Leute, die kein Interesse haben, dass Demokratie funktioniert, die das Land abfackeln wollen, die eine Sehnsucht nach einem Land haben, das zerstört ist, als Kompensation für die Enttäuschungen, die man selbst erlebt hat, aus einer diffusen Wut heraus. Und wir haben hier eine Partei, die hingeht und in Bundestag und Landtagen nach den Zahlen fragt, wie viele Juden hier leben, wie viele Schwulen und Lesben, wie viele Menschen mit ausländischen Namen im Kulturbetrieb arbeiten. Geht’s noch? Werden hier Listen mit Menschen vorbereitet, die deportiert oder gleich ermordet werden sollen? Was heißt denn: Nie wieder? </em></p>
<p><em>Natürlich brauchen wir ein Verbotsverfahren. Bei der NPD hieß es, die sind gefährlich, aber zu bedeutungslos. Und bei der AfD heißt es, die sind gefährlich, aber die haben zu viele Prozentzahlen. Richtig und falsch, Recht und Unrecht können sich nicht an Zahlen orientieren. Aber es geht doch viel weiter: Sie leben in Bonn, da gibt es offen rechtsextreme Burschenschaften. Einer der Angeklagten im NSU-Prozess soll bei einer dieser Burschenschaften am Vorabend des Bombenanschlags in Köln übernachtet haben. Warum ist ein solcher Laden steuerrechtlich als gemeinnützig eingestuft? Das Haus firmiert als Studentenwohnheim und die Alten Herren können ihre Beiträge von der Steuer absetzen. Was ist an einem Haus gemeinnützig, in dem Nazis abhängen, in dem Migranten, Frauen, Homosexuelle natürlich nicht Mitglied werden können.</em></p>
<p><em>Wir müssen die ganze Palette dessen, was die Politik kann, anwenden. Das gilt auch für die Finanzämter, die prüfen müssen, wer wirklich gemeinnützig ist und wer von der Liste gestrichen werden kann. Das geht um Millionen, wenn nicht Milliarden. Was aber geschieht, ist, dass dem </em><a href="https://vvn-bda.de/">Verein für die Verfolgten des Naziregimes</a><em> (VVN-BDA) die Gemeinnützigkeit abgesprochen wird. Geht’s noch? Wir leisten Wahlkampfkostenerstattung an Parteien, die die Werteordnung unserer Verfassung ablehnen. Wie diskutieren über die Finanzierung ihrer Stiftungen.</em></p>
<p><em>Wir haben viel Know-How in der Zivilgesellschaft, viele Organisationen, das sind die Leute, die für die Demokratie einstehen. Es reicht nicht der Kampf gegen die Nazis, diese Organisationen, die sich für die Demokratie engagieren, müssen strukturell gefördert werden. Das sind diejenigen, die sich täglich für die Demokratie einsetzen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dann müssen wir auch über die Streichungen im Bundeshaushalt sprechen, die Demokratieprojekte und Projekte der politischen Bildung massiv betreffen. Und es wird im Jahr 2025 wahrscheinlich noch schlimmer.</p>
<p><strong>Mehmet Daimagüler</strong>: <em>Die Demokratie hat ihren Wert, aber sie hat auch ihren Preis. Wir haben über 10 Milliarden EUR in den Tankstellenrabatt investiert, über dessen Effekt man unterschiedliche Auffassung haben können. Von einem solchen Betrag können Demokratieorganisationen, auch die Bundeszentrale für politische Bildung nur träumen. </em></p>
<h3><strong>Zum Weiterlesen:</strong></h3>
<p>Das im Text erwähnte Interview mit Romani Rose im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> trägt den Titel: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-lange-weg-zu-anerkennung-und-respekt/">„Der lange Weg zu Anerkennung und Respekt“</a>.</p>
<h4><strong>Bücher von Mehmet Daimagüler</strong>:</h4>
<ul>
<li>Mehmet Daimagüler, Kein schönes Land in dieser Zeit – Das Märchen von der gescheiterten Integration, Gütersloher Verlagshaus, 2011.</li>
<li>Mehmet Daimagüler, Der Verletzte im Strafverfahren, München, C.H. Beck, 2016.</li>
<li>Mehmet Daimagüler, Empörung reicht nicht! Unser Staat hat versagt – Jetzt sind wir dran – Mein Plädoyer im NSU-Prozess, Köln, Bastei Lübbe, 2017.</li>
<li>Mitautor: Münchener Kommentar zur Strafprozessordnung Band 3/1: §§ 333–499 StPO, München, C.H. Beck, 2018.</li>
<li>mit Ernst von Münchhausen, Mangelhaft – Hinter den Mauern deutscher Gefängnisse, München, Blessing, 2019</li>
<li>mit Ernst von Münchhausen, Das rechte Recht. Die deutsche Justiz und ihre Auseinandersetzung mit alten und neuen Nazis. Blessing, München, Blessing, 2021.</li>
</ul>
<h4><strong>NSU-Prozess:</strong></h4>
<ul>
<li>Tanjev Schultz, NSU – Der Terror von rechts und das Versagen des Staates, München, Droemer, 2018.</li>
<li>Annette Ramelsberger / Wiebke Ramm / Tanjev Schultz / Rainer Stadler, Der NSU-Prozess – Das Protokoll, Band 1: Beweisaufnahme, Band 2: Plädoyers und Urteil, Materialien, München, Antje Kunstmann, 2018. Sonderausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2019. Das Plädoyer von Mehmet Daimagüler ist in Band 2, Seite 1560ff. zu finden.</li>
<li>NSU-Watch, Aufklären und Einmischen – Der NSU-Komplex und der Münchener Prozess, Berlin, Verbrecher Verlag, 2023.</li>
</ul>
<h4><strong>Sinti und Roma:</strong></h4>
<p>Umfangreiche Materialien zu Film, Musik, Bildende Kunst, Literatur finden sich <a href="https://www.romarchive.eu/de/">Romarchive</a>. Weitere Empfehlungen:</p>
<ul>
<li>Anja Tuckermann, Muscha. Ein Sinti-Kind im Dritten Reich, 2005.</li>
<li>Ewald Hanstein, Meine hundert Leben – Erinnerungen eines deutschen Sinto, Bremen 2005.</li>
<li>Marianne Rosenberg, Kokolores – Autobiographie, Berlin 2006.</li>
<li>Roger Repplinger, Leg dich Zigeuner – Die Geschichte von Rukeli Trollmann und Tull Harder, 2008.</li>
<li>Anja Tuckermann, Mano – Der Junge, der nicht wusste, wo er war, München 2008.</li>
<li>Ilija Jovanović, Mein Nest in deinem Haar – Moro kujbo andre ćire bal – Mit einem Nachwort von Elfriede Jelinek, Klagenfurt, Drava, 2011.</li>
<li>Otto Rosenberg, Das Brennglas, Berlin 2012.</li>
<li>Klaus-Michael Bogdal, Europa erfindet die Zigeuner, Berlin 2013.</li>
<li>Reinhard Florian, Ich wollte nach Hause, nach Ostpreußen! Das Überleben eines deutschen Sinto, Berlin 2013.</li>
<li>Oliver von Mengersen, Sinti und Roma. Eine deutsche Minderheit zwischen Diskriminierung und Emanzipation, Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung (Bd.1573), Bonn / München 2015.</li>
<li>Karola Fings: Sinti und Roma – Geschichte einer Minderheit, München 2016</li>
<li>Eva Ruth Wemme / Silvial Cristina Stan, Amalinga, Berlin, Verbrecher Verlag, 2018.</li>
<li>Markus End, Antiziganismus und Polizei mit Dokumentation der Fachveranstaltung „Die Polizei und Minderheiten – Das Beispiel Antiziganismus“ und einem ergänzenden Beitrag zum OEZ-Attentat, Heidelberg, Schriftenreihe des Zentralrats der Sinti und Roma, 2019.</li>
<li>Regine Scheer, Gott wohnt im Wedding, Berlin 2019.</li>
</ul>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im August 2024, Internetzugriff zuletzt am 16. August 2024. Das Titelbild zeigt das <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mahnmal_f%C3%BCr_Sinti_und_Roma.JPG">Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma</a>, Foto: Peter Kuley. Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0" target="_blank" rel="noopener">Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0</a>.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Der lange Weg zu Anerkennung und Respekt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 21 Dec 2019 10:12:24 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Der lange Weg zu Anerkennung und Respekt Geschichte und Gegenwart der Sinti und Roma in Deutschland Sinti und Roma leben seit über 600 Jahren in Deutschland. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma mit Sitz in Heidelberg  vertritt ihre Interessen. Vorsitzender ist Romani Rose. Seit den 1970er Jahren engagiert sich Romani Rose – auch im  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-2 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-2"><h1><strong>Der lange Weg zu Anerkennung und Respekt</strong></h1>
<h2><strong>Geschichte und Gegenwart der Sinti und Roma in Deutschland</strong></h2>
<p>Sinti und Roma leben seit über 600 Jahren in Deutschland. Der <a href="https://zentralrat.sintiundroma.de/">Zentralrat Deutscher Sinti und Roma</a> mit Sitz in Heidelberg  vertritt ihre Interessen. Vorsitzender ist <strong>Romani Rose</strong>. Seit den 1970er Jahren engagiert sich Romani Rose – auch im Anschluss an das Engagement seines Vaters Oskar und seines Onkels Vinzenz – für die Bürgerrechte der Sinti und Roma.</p>
<div id="attachment_6260" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://zentralrat.sintiundroma.de/pressebereich/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6260" class="wp-image-6260 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2019/12/Helmut-Schmidt-Romani-Rose-Maerz-1982-c-Zentralrat-Deutscher-Sinti-und-Roma-300x136.jpg" alt="" width="300" height="136" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2019/12/Helmut-Schmidt-Romani-Rose-Maerz-1982-c-Zentralrat-Deutscher-Sinti-und-Roma-200x91.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2019/12/Helmut-Schmidt-Romani-Rose-Maerz-1982-c-Zentralrat-Deutscher-Sinti-und-Roma-300x136.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2019/12/Helmut-Schmidt-Romani-Rose-Maerz-1982-c-Zentralrat-Deutscher-Sinti-und-Roma-400x182.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2019/12/Helmut-Schmidt-Romani-Rose-Maerz-1982-c-Zentralrat-Deutscher-Sinti-und-Roma-600x273.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2019/12/Helmut-Schmidt-Romani-Rose-Maerz-1982-c-Zentralrat-Deutscher-Sinti-und-Roma-768x349.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2019/12/Helmut-Schmidt-Romani-Rose-Maerz-1982-c-Zentralrat-Deutscher-Sinti-und-Roma-800x363.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2019/12/Helmut-Schmidt-Romani-Rose-Maerz-1982-c-Zentralrat-Deutscher-Sinti-und-Roma-1024x465.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2019/12/Helmut-Schmidt-Romani-Rose-Maerz-1982-c-Zentralrat-Deutscher-Sinti-und-Roma.jpg 1200w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-6260" class="wp-caption-text">Am 17. März 1982 empfing der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt eine Delegation des Zentralrats unter Leitung des Vorsitzenden Romani Rose (dritter von links) und erkannte den Völkermord an den Sinti und Roma aus Gründen der sogenannten &#8222;Rasse&#8220; an © Zentralrat Deutscher Sinti und Roma</p></div>
<p>Ein Meilenstein war der von einer Gruppe Sinti organisierte Hungerstreik im KZ Dachau im April 1980. Am 17. März 1982 empfing der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt eine Delegation des Zentralrats und erkannte die NS-Verbrechen an den Sinti und Roma als Völkermord aus „rassischen“ Gründen an. Dies war ein erster Schritt zu einer Öffnung der deutschen Politik für die Rechte der Sinti und Roma in Deutschland.</p>
<p>Inzwischen gibt es viele weitere Schritte zu einer nachhaltig wirkenden Gemeinsamkeit von Mehrheit und Minderheit in Deutschland. Gleichwohl ist das Ziel einer umfassenden Anerkennung noch nicht erreicht. Leider wissen viel zu viele Menschen nur wenig über die wechselvolle Geschichte und Gegenwart der Sinti und Roma. Dieses Unwissen und manch tradiertes Vorurteil führen immer wieder zu Unverständnis, Diskriminierung und Abwertung, die in der Regel in dem Begriff „Antiziganismus“ zusammengefasst werden.</p>
<h3><strong>Zum Selbstverständnis der Sinti und Roma in Deutschland</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sinti leben im deutschsprachigen Raum seit über 600 Jahren. Das ist eine Tradition, die nur wenige Menschen in Deutschland kennen. Was bedeutet diese Tradition für das Selbstverständnis der Sinti und Roma in Deutschland?</p>
<p><strong>Romani Rose</strong>:<em> Sinti wurden erstmals im Jahr 1407 in Hildesheim urkundlich erwähnt. Roma kamen nach Deutschland aus verschiedenen Regionen Osteuropas, beispielsweise aus Polen und Ungarn. Sie übernahmen die Staatsbürgerschaft der Länder, in die sie eingewandert waren und nahmen deren kulturelle und nationale Identität an. </em></p>
<p><em>Bei der Frage nach der Herkunft frage ich zurück, warum diese Frage nur Angehörigen der Minderheit gestellt wird, nicht aber auch den Bayern, den Hessen, den Rheinländern. Ähnlich wie den Juden wird Sinti und Roma immer wieder und auch heute noch Heimatlosigkeit unterstellt und vorgeworfen. </em></p>
<p><em>Ein gutes Beispiel für die Zugehörigkeit zu und die Identifikation mit ihrem jeweiligen Land bietet ein Blick auf das Militär. Die Sinti in Deutschland kämpften im Militär, auch in führenden Positionen, auf der einen Seite, die Sinti in Frankreich auf der anderen Seite.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sinti und Roma sind keine homogene Gruppe. Sie pflegen somit die Loyalitäten der Länder, in denen sie leben.</p>
<p><strong>Romani Rose</strong>: <em>Ich möchte festhalten, dass Sinti und Roma keine homogene Gruppe sind und dass sie sich immer – wie auch die Juden – mit dem Land, in dem sie lebten und leben, identifiziert haben und identifizieren.</em></p>
<p><em>Auch die Kleinstaaterei in Deutschland – den Begriff bitte ich als Beschreibung, nicht als Bewertung zu verstehen – spielt hier eine wichtige Rolle. Der heutige Föderalismus hat viel damit zu tun, dass Deutschland immer ein Land war, in dem die einzelnen Regionen eine hohe Bedeutung hatten, so dass auch die eingewanderten Sinti und Roma sich mal als Bayern, mal als Badener, mal als Preußen verstanden. Meine Familie kam aus Berlin und aus Oberschlesien und verstand sich immer als preußisch. Heimat war und ist dort, wo Eltern und Großeltern lebten und leben.</em></p>
<p><em>In unserem Dokumentationszentrum in Heidelberg zeigen wir zurzeit in einer Ausstellung zur Frühgeschichte der Minderheit, dass viele Angehörige in den Diensten von Landesherren standen und auch als Soldaten und Offiziere Anerkennung gefunden haben. Niemand hat nur eine Identität. Sinti sein und deutsch sein, das ist kein Widerspruch, das ist eine Einheit für die Angehörigen der Minderheit.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie nannten die Aktivität im Militär als einen wichtigen Indikator für die Identität von Angehörigen der Minderheit als Bürger*innen des Landes, in dem sie leben. Wie sieht es im Bereich der Kultur aus?</p>
<p><strong>Romani Rose</strong>: <em>Ungarische Roma hatten viel Einfluss auf die sogenannte Wiener Klassik. Ich denke dabei beispielsweise an den Komponisten und Violinisten János Bihari (1764 – 1827). Beethoven und Liszt hörten ihn mehrfach und haben schließlich Elemente seiner Musik in ihre Werke aufgenommen. Einflüsse der Musik ungarischer Roma finden sich auch schon bei Händel und Haydn. Ein weiterer Einfluss erfolgte durch die Verbunkos-Musik. Diese entstand im 18. Jahrhundert ursprünglich als Musik zur Werbung von Soldaten. Ein Beispiel für ihren Einfluss ist der erste Satz der Komposition „Kontraste für Violine, Klarinette und Klavier“ von Béla Bartók, der als „Verbunkos: Moderato ben ritmico“ bezeichnet ist. Ein weiteres Beispiel ist sein Violinkonzert Nr. 2.</em></p>
<p><em>Am bekanntesten ist vielleicht der Einfluss des spanischen Flamenco. </em><em>Ich denke auch an den beeindruckenden Dokumentarfilm „Mein Leben ein Tanz“ von Lucija Stojevic über die Flamencotänzerin Antonia Santiago Amador, bekannt als La Chana.</em></p>
<p><em>Das sind nur einige wenige Beispiele. Es gibt bei <a href="https://www.romarchive.eu/de/">Romarchive</a> </em><em>eine Datenbank, in der über 5.000 Beiträge zusammengetragen wurden, die auf die Leistungen der Minderheit zurückzuführen sind. Das sind Leistungen, die im Holocaust vernichtet werden sollten! </em></p>
<p><em>Mir ist es wichtig in diesem Zusammenhang zu sagen, dass wir nicht als Opfergruppen betrachtet werden wollen, sondern in unseren Beiträgen für die europäische Kulturgeschichte. Es lässt sich eine Fülle von Beispielen gegenseitiger Befruchtung und Inspiration anführen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welche Bedeutung hat die Sprache Romanes?</p>
<p><strong>Romani Rose</strong>: <em>Sprache ist Geschichte, Ausdruck einer kulturellen Zusammengehörigkeit, aber mir ist es wichtig, dass wir uns erst einmal als Deutsche verstehen.</em></p>
<h3><strong>Integration und Ausgrenzung, „Antiziganismus&#8220;</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie bewerten Sie die wirtschaftliche und soziale Integration von Sinti und Roma in Deutschland?</p>
<p><strong>Romani Rose</strong>:<em> Wir werden immer wieder mit dem Vorurteil der Heimatlosigkeit konfrontiert. Dieses Vorurteil grenzt aus, und zwar unabhängig davon, ob diejenigen, die es aussprechen, damit eine vermeintliche &#8222;Minderwertigkeit&#8220; behaupten oder die Geschichte und die Kultur der Minderheit romantisieren wollen.</em></p>
<p><em>In den letzten Jahren gab es eine gefährliche Debatte über die aus Südosteuropa eingewanderten Menschen, unter denen sich auch Roma befinden. Ich sehe aber auch die Menschen, die zur Erntezeit auf den Feldern in Deutschland mit gebücktem Rücken Spargel stechen und Erdbeeren pflücken. Ich muss feststellen, dass manche in der Mehrheitsgesellschaft die sichtbar ärmeren Zugewanderten instrumentalisieren, um ihre Vorurteile gegenüber Roma zu bestätigen. Andere hingegen, die akademische Berufe ausüben, bleiben in der Anonymität. Mit solchen Vorurteilen werden dann auch alle die Angehörigen der Minderheit abgewertet, die seit Jahrhunderten als Deutsche leben und Deutsche sind.</em></p>
<p><em>Es ist nicht hinnehmbar, dass Menschen bei uns in Deutschland ihre Identität als Sinti oder Roma verbergen oder sogar aufgeben müssen, um akzeptiert zu werden. Wir wollen als Minderheit keine Privilegien, es geht um die gleichen Rechte.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie wirkt sich diese Form von Abwertung und Diskriminierung konkret aus?</p>
<p><strong>Romani Rose</strong>: <em>Wir haben es leider immer noch nicht erreicht, dass Vorurteile der Vergangenheit angehören. Eine Umfrage der <a href="https://www.antidiskriminierungsstelle.de/DE/startseite/startseite-node.html">Antidiskriminierungsstelle des Bundes</a> </em><em>ergab, dass mehr als die Hälfte der Bundesbürger Sinti und Roma nicht als Nachbarn haben wollen. Die Bielefelder und Leipziger Mitte-Studien haben ähnliche Ergebnisse. </em></p>
<p><em>Wohin das führt, zeige ich an einem jüngsten Beispiel. Auf Sat I war im August 2019 eine Produktion des Spiegel TV zu sehen, die den Titel trug: „Volk zwischen Armut und Angeberei“. In dem Film gab es Bilder, in denen Roma gemeinsam mit Ratten gezeigt wurden. Damit wird suggeriert, dass Sinti und Roma eine Gefahr für die Volksgesundheit sind. Ich habe diesen Film mit „Jud Süß“ und mit dem NS-Propagandafilm „Der Führer baut den Juden eine Stadt“ verglichen. Der Zentralrat der Juden hat mich in meiner Kritik sehr unterstützt. <a href="https://zentralrat.sintiundroma.de/botschafter-jeremy-issacharoff-und-romani-rose-trafen-sich-in-berlin-zum-gespraech-sorge-wegen-zunehmend-gewaltbereitem-antisemitismus-und-antiziganismus/">Am 11. September 2019 habe ich mich darüber auch gemeinsam mit dem Botschafter Israels positioniert</a></em><em>. </em></p>
<p><em>Andere Beispiele sind der Jugendfilm &#8222;Nellys Abenteuer&#8220; vom Herbst 2017 und die Wahlwerbung der NPD &#8222;Geld für die Oma anstatt für Sinti und Roma&#8220;, gegen die wir – leider bisher erfolglos – gerichtlich vorgegangen sind. Wir sind der Meinung, das ist <a href="https://zentralrat.sintiundroma.de/das-bereitet-den-boden-fuer-antiziganismus/">Volksverhetzung</a> und die ist strafbar</em><em>.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: „Antiziganismus“ ist eine der Ausdrucksformen der politischen Vorstellungen der sogenannten Neuen Rechten.</p>
<p><strong>Romani Rose</strong>: <em>Das Erschreckende an den Wahlergebnissen im Jahr 2019 in Brandenburg, Sachsen und Thüringen ist nicht nur die hohe Zahl der Stimmen für die AfD. Schlimmer sind Versuche, die Linke mit der AfD gleichzusetzen. Wenn Teile der AfD wie Björn Höcke den demokratischen Rechtsstaat in Frage stellen, kann ein Vergleich der beiden Parteien nur dazu dienen, den Rechtsextremismus zu verharmlosen.</em></p>
<p><em>Seit der Wende 1990 bis 2017 wurden in Deutschland 169 Menschen von Rechtsextremisten ermordet, wie in der ZEITonline vom September 2018 zu lesen ist. Ich erinnere auch an den Anschlag im Olympiazentrum in München 2016, der jetzt als rechtsextremistisch motivierter Terroranschlag anerkannt ist. Unter den neun Toten waren drei Angehörige der Minderheit, die der Täter sogar vorher in das Einkaufszentrum bestellt hatte. Die Art und Weise einer Gleichsetzung von rechts und links ist eine Verharmlosung der Gewalt von rechts. Sie ist zynisch.</em></p>
<h3><strong>Sondererfassung, Verfolgung und Holocaust</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sinti und Roma wurden in den Jahren 1933 bis 1945 wie Jüdinnen und Juden erfasst, entrechtet, in Ghettos, Konzentrationslager und Vernichtungslager deportiert und in Gaskammern oder von Erschießungskommandos systematisch ermordet. Die Verfolgung und Ermordung von Sinti und Roma durch die nationalsozialistische Gewaltherrschaft wurde in Deutschland lange ignoriert. Warum weigerte sich die deutsche Politik so lange, den Holocaust an den europäischen Sinti und Roma anzuerkennen?</p>
<p><strong>Romani Rose</strong>:<em> Ich möchte mit einem positiven und wegweisenden Datum beginnen, dem 8. Mai 1985. Der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker hielt eine Rede im Deutschen Bundestag in Bonn, in der er den 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung, nicht mehr – wie bis dahin üblich – als Tag der Niederlage bezeichnete. Der Bundespräsident eröffnete damals eine Zukunftsperspektive auch gegen Stimmen aus Politik, Gesellschaft und Medien.</em></p>
<p><em>Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass Sinti und Roma nicht erst in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und entrechtet worden sind. Der Antiziganismus reicht bis weit in die europäische und deutsche Geschichte zurück und war die Grundlage für Jahrhunderte der Verfolgung und Ausgrenzung. 1939 gründete Himmler das sogenannte Reichssicherheitshauptamt, in das auch die Reichskriminalpolizei mit der „Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens“ integriert wurde. Kriminalpolizeiliche und rassistische Motivationen wurden eng miteinander verknüpft.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie ist zu erklären, dass Beamt*innen, die bis 1945 die Grundlagen für die Verfolgung und Ermordung von Sinti und Roma formulierten, nach 1945 weiterhin im Amt blieben und nun weiterhin Einfluss auf die Anerkennung von Völkermord und damit auch Entschädigungsansprüchen hatten?</p>
<p><strong>Romani Rose</strong>: <em>Die Bürokratie des Reichssicherheitshauptamtes war nach 1945 noch vorhanden. Nur wenige wurden zur Rechenschaft gezogen. Die meisten Mitarbeiter wurden in die Polizei der Bundesrepublik integriert. Es gab weiterhin Sonderdezernate zur Bekämpfung des sogenannten &#8222;Zigeunerunwesens&#8220;.</em></p>
<p><em>Die „rassische Sondererfassung“ von Sinti und Roma wurde bis in die 1970er Jahre fortgesetzt. Das Skandalöse daran drückte sich auch dadurch aus, dass bei den Überlebenden des KZ Auschwitz die von der SS eintätowierte Häftlingsnummer als Identifizierungsmerkmal weiterverwandt wurde.</em><em> Nach </em><em>wie vor behielten die Täter die Deutungsmacht. </em></p>
<p><em>In einem Leitfaden für Krimina</em><em>lbeamte von 1967 wurde diffamierend festgehalten, das</em><em>s Sinti und Roma weder einen festen Wohnsitz hätten noch einer festen Berufstätigkeit nachgingen. Zugeschrieben wurde ihnen „Hang zum Wanderleben“ und „Arbeitsscheu“. Ähnliches war in Fachzeitschriften oder Lehrbüchern für die Polizei zu lesen. Dies entsprach dem Geist der sogenannten „Landfahrerverordnungen“, die erst in den 1970er Jahren aufgehoben worden sind. Gleichwohl beschloss die Innenministerkonferenz 1980, den neuen Begriff &#8222;Zigeunername&#8220; (ZN) für Sinti und Roma beizubehalten, trotzdem sie schon immer deutsche Namen hatten. Die bayerische Polizei </em><em>führte</em><em> bis 1999 eine Kartei dieser Art rassistischer „Sonder- und Abstammungserfassung“. </em></p>
<h3><strong>Der Hungerstreik von 1980 und Erfolge der Bürgerrechtsbewegung</strong></h3>
<div id="attachment_6258" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://zentralrat.sintiundroma.de/pressebereich/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6258" class="wp-image-6258 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2019/12/Hungerstreik-1980-c-Zentralrat-Deutscher-Sinti-und-Roma-300x219.jpg" alt="" width="300" height="219" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2019/12/Hungerstreik-1980-c-Zentralrat-Deutscher-Sinti-und-Roma-200x146.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2019/12/Hungerstreik-1980-c-Zentralrat-Deutscher-Sinti-und-Roma-300x219.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2019/12/Hungerstreik-1980-c-Zentralrat-Deutscher-Sinti-und-Roma-400x292.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2019/12/Hungerstreik-1980-c-Zentralrat-Deutscher-Sinti-und-Roma-600x438.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2019/12/Hungerstreik-1980-c-Zentralrat-Deutscher-Sinti-und-Roma-768x561.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2019/12/Hungerstreik-1980-c-Zentralrat-Deutscher-Sinti-und-Roma-800x584.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2019/12/Hungerstreik-1980-c-Zentralrat-Deutscher-Sinti-und-Roma-1024x748.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2019/12/Hungerstreik-1980-c-Zentralrat-Deutscher-Sinti-und-Roma.jpg 1095w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-6258" class="wp-caption-text">Einwöchiger Hungerstreik im ehemaligen Konzentrationslager Dachau, der Aufklärung über den Verbleib der Akten der ehemaligen bayerischen „Landfahrerzentrale“ zum Ziel hatte, 1980 © Zentralrat Deutscher Sinti und Roma</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein grundlegendes Datum war für uns der mehrtägige Hungerstreik, den Sie mit einer Gruppe deutscher Sinti 1980 in Dachau organisiert haben. Auch in <span style="display: inline !important; float: none; background-color: #ffffff; color: #333333; cursor: text; font-family: Georgia,'Times New Roman','Bitstream Charter',Times,serif; font-size: 16px; font-style: normal; font-variant: normal; font-weight: 400; letter-spacing: normal; orphans: 2; text-align: left; text-decoration: none; text-indent: 0px; text-transform: none; -webkit-text-stroke-width: 0px; white-space: normal; word-spacing: 0px;">der internationalen Presse wurde über den Hungerstreik berichtet. </span></p>
<p><strong>Romani Rose</strong>: <em>Anlass des Hungerstreiks war die Verweigerung der Anerkennung des Völkermords und die Weigerung des bayerischen Innenministeriums, Akteneinsicht in die Unterlagen der angeblich 1970 aufgelösten sogenannten „Landfahrerzentrale“ zu geben. 1983 gab es darüber hinaus vor dem Bundeskriminalamt in Köln eine Demonstration von Sinti und Roma gegen diese „Sondererfassung“ und die Kriminalisierung durch Polizeibehörden in Bund und Ländern.</em></p>
<p><em>Wir waren junge Leute. Meine Eltern wollten uns Kinder nicht damit belasten, was geschehen war. Mein Vater war nicht in ein Konzentrationslager deportiert worden, war aber ständig auf der Flucht. Als Kind haben mein Bruder und ich die Verfolgung meines Vaters und seiner Familie immer als Abenteuer verstanden. Erst später habe ich erfahren, was tatsächlich in der NS-Zeit geschehen war. </em></p>
<p><em>All die Demütigungen, Sondererfassungen und körperlichen Wunden, die man den Eltern und Großeltern angetan hatte, wurden uns bewusst. Wir merkten auch selbst, was es heißt, von der Kriminalpolizei präventiv erfasst zu werden, allein aus dem Grund, weil man Angehöriger der Minderheit war. So konnten viele von uns in der Nachkriegszeit nicht die Daumen für die deutsche Fußballnationalmannschaft drücken, obwohl wir sportbegeistert waren. Mein Bruder und ich identifizierten uns dann auch mehr mit Israel als einer Heimstadt der Holocaust-Überlebenden. </em></p>
<p><em>Wir wollten mit dem Hungerstreik ein Zeichen setzen, dass Holocaust auch die Vernichtung der Sinti und Roma bedeutete. Ursprünglich war geplant, dass wir uns dazu in einer Kirche in München versammeln. Dann kam einer von uns auf den Gedanken, dass wir in das ehemalige KZ Dachau gehen sollten, wo unsere Menschen gequält und ermordet wurden. Wir kündigten die Aktion der bayerischen Verwaltung an und erhielten einen Antwortbrief, in dem stand, dass das Hausrecht von Dachau bei der bayerischen Schlösser- und Seenverwaltung liege. Wir haben geantwortet, dass das Hausrecht bei den Überlebenden liege. Wir lassen es uns nicht absprechen.</em></p>
<p><em>Zunächst gab es auf dem Gelände einen Gottesdienst, dann den Hungerstreik. Es gab Verhandlungen mit dem damaligen Innenminister Gerold Tandler. Schließlich gab es noch ein Gerichtsverfahren, weil ich die bayerische Staatsregierung wegen ihrer Aussagen zu den angeblich verschwundenen Akten der Lüge bezichtigt hatte. Durch eine einstweilige Verfügung untersagte mir das Gericht diese Äußerung mit der Begründung, dass der Vorwurf der Lüge eine Absicht voraussetze. Die bayerische Regierung habe lediglich eine falsche Auskunft erteilt. Die Akten aber waren vorhanden. Sie waren in der Obhut von Sophie Erhardt und anderen, die damals mit Robert Ritter in der „Rassenhygienischen Forschungsstelle“ gearbeitet hatten und die auch mit Mengele kooperierten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was hat der Hungerstreik verändert?</p>
<p><strong>Romani Rose</strong>: <em>Diese Aktion eröffnete uns eine Perspektive. Die Bürgerrechtsbewegung gewann an Präsenz und Akzeptanz. Inzwischen haben wir unsagbar viel erreicht. In der Zeit nach dem Hungerstreik habe ich viele Menschen in politischer Verantwortung quer durch alle Parteien und aus dem öffentlichen Leben kennengelernt, die sich mit unserer Minderheit für eine gemeinsame Zukunft von Mehrheit und Minderheit einsetzten.</em></p>
<p><em>Wir haben in der Folgezeit auch unsere eigene Einstellung zu Deutschland verändern können. Der Holocaust ist nicht geeignet, heute lebenden Menschen Schuld anzulasten. Wir wollen die Zukunft unseres Landes gemeinsam gestalten. Und gerade heute gilt: wir dürfen unseren Patriotismus nicht den Rechten überlassen. Ich freue mich heute doch, wenn die deutsche Nationalmannschaft gewinnt, wenn ein Deutscher oder eine Deutsche den Nobelpreis bekommt. Das lasse ich mir von niemand nehmen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie hatten und haben auch ein freundschaftliches Verhältnis zu dem ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler.</p>
<p><strong>Romani Rose</strong><strong>:</strong> <em>Dies geht auf eine Begegnung am Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz im Jahr 2005 zurück. Über 40 Staatsgäste aus aller Welt von Dick Cheney bis Putin waren gekommen. In meiner Rede war es mir wichtig, an diesem Ort in Auschwitz-Birkenau auch unseren Bundespräsidenten Horst Köhler zu begrüßen. Ich tat das sehr bewusst, weil es an diesem Ort in der Vergangenheit unüblich war, Repräsentanten des deutschen Staates zu begrüßen. Ich habe es als ein Zeichen der Versöhnung verstanden und verstehen wollen. Und so verstand auch er es.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welche weiteren Meilensteine gab es auf dem Weg zu Anerkennung und Respekt?</p>
<p><strong>Romani Rose:</strong><em> Wir sind heute neben Dänen, Friesen und Sorben anerkannte nationale Minderheit in Deutschland. Es gibt ein gutes Miteinander im Minderheitenrat. Wir treten erst an die Politik heran, wenn wir uns untereinander geeinigt haben. Ich darf hinzufügen, dass wir auch ein sehr gutes Verhältnis zum Zentralrat der Juden pflegen.</em></p>
<div id="attachment_6259" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://zentralrat.sintiundroma.de/pressebereich/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6259" class="wp-image-6259 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2019/12/Demonstration-2003-c-Zentralrat-Deutscher-Sinti-und-Roma-300x210.jpg" alt="" width="300" height="210" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2019/12/Demonstration-2003-c-Zentralrat-Deutscher-Sinti-und-Roma-200x140.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2019/12/Demonstration-2003-c-Zentralrat-Deutscher-Sinti-und-Roma-300x210.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2019/12/Demonstration-2003-c-Zentralrat-Deutscher-Sinti-und-Roma-400x279.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2019/12/Demonstration-2003-c-Zentralrat-Deutscher-Sinti-und-Roma-600x419.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2019/12/Demonstration-2003-c-Zentralrat-Deutscher-Sinti-und-Roma-768x537.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2019/12/Demonstration-2003-c-Zentralrat-Deutscher-Sinti-und-Roma-800x559.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2019/12/Demonstration-2003-c-Zentralrat-Deutscher-Sinti-und-Roma-1024x715.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2019/12/Demonstration-2003-c-Zentralrat-Deutscher-Sinti-und-Roma.jpg 1145w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-6259" class="wp-caption-text">Demonstration 2003 für den Bau des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma (in der Mitte Romani Rose) © Zentralrat Deutscher Sinti und Roma</p></div>
<p><em>Ein wichtiger Meilenstein für unsere Minderheit war natürlich die Eröffnung des Denkmals für die ermordeten Sinti und Roma in Berlin im Jahr 2012. Die Zeit zwischen 1980 und 2012 zur Fertigstellung des Denkmals war eine lange Zeit, aber ich darf festhalten, dass die Ereignisse und Verhaltensweisen, die uns zu dem Hungerstreik veranlassten, heute nicht mehr vorstellbar sind. Dies gilt unbeschadet anhaltender Diskriminierungserfahrungen vieler Angehöriger der Minderheit.</em></p>
<p><em>Ein weiterer Meilenstein ist der Beschluss des Bundestages vom 19.3. mit dem Titel &#8222;Antiziganismus bekämpfen&#8220; gefasst (<a href="https://dserver.bundestag.de/btd/19/085/1908546.pdf">Drs. 19/8546</a></em><em>). Eine Expertenkommission ist eingerichtet worden. Der Beschluss enthält die Anregung, &#8222;unter Achtung der Rechte der Länder die Auseinandersetzung mit dem Thema &#8218;Antiziganismus&#8216; an den Schulen zu erfassen und in seinem Bericht darzulegen, in welchem Umfang die 600jährige Geschichte der Minderheit in Deutschland und insbesondere das Verfolgungsschicksal der Sinti und Roma unter der nationalsozialistischen Diktatur sowie ihre kulturellen Beiträge zur deutschen und europäischen Geschichte Gegenstand des Schulunterrichts sind.&#8220; Mit der KMK verhandeln wir bereits über eine gemeinsame Empfehlung zur Vermittlung von Kenntnissen über die Geschichte und Gegenwart der Sinti und Roma in Bildungseinrichtungen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Landesverbände des Zentralrats in Bayern, Hessen und Baden-Württemberg haben Staatsverträge mit den jeweiligen Ländern abgeschlossen. In Schleswig-Holstein wurde der Schutz der Sinti und Roma Bestandteil der Landesverfassung. Warum gibt es keinen grundlegenden Staatsvertrag mit der Bundesrepublik Deutschland?</p>
<p><strong>Romani Rose:</strong><em> Mit der Bundeskanzlerin Angela Merkel sind wir im Gespräch. Ich hatte ihr vorgeschlagen, analog zum Staatsvertrag der Bundesrepublik Deutschland mit dem Zentralrat der Juden einen Staatsvertrag mit unserer Minderheit abzuschließen. Sie signalisierte ihre Bereitschaft, mit dem Zentralrat Deutscher Sinti und Roma in den Dialog zu treten. Vor Kurzem kam dann ein Anruf aus dem Bundeskanzleramt, der Zentralrat möge seine Vorstellungen zu einem solchen Staatsvertrag vorlegen.</em></p>
<h3><strong>Zentralrat, Dokumentationszentren und Romarchive</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine große Bedeutung hat bei all diesen Entwicklungen der Zentralrat der Sinti und Roma. Welche Aufgaben hat er? Und welche Rolle spielen die beiden Dokumentationszentren in Heidelberg und in Berlin?</p>
<p><strong>Romani Rose</strong>: <em>Der Zentralrat ist eine politische Organisation und Träger des Dokumentationszentrums. Es gibt 16 Mitgliedsorganisationen. Der Zentralrat nimmt die Vertretung auf Bundesebene wahr. </em></p>
<p><em>Das <a href="https://zentralrat.sintiundroma.de/zentralrat/dokumentationszentrum/">Dokumentationszentrum</a> ist die wissenschaftliche Einrichtung der Bürgerrechtsbewegung mit verschiedenen Fachaufgaben. Das Zentrum erarbeitet beispielweise Expertisen, die für die politische Auseinandersetzung von Bedeutung sind, beispielsweise auch zur Frage der Entschädigung der Überlebenden des Holocaust. Ein wichtiger Punkt ist die Darstellung der kulturellen Beiträge der Minderheit, die gemeinsam und im Austausch mit der Mehrheit gewürdigt werden sollen. Das Zentrum beherbergt die weltweit erste umfassende Ausstellung zum Völkermord an den Sinti und Roma und bietet zusammen mit interessanten Wechselausstellungen ein pädagogisch attraktives Ziel insbesondere für Schulen, aber auch andere Besuchergruppen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Am 27. März 2019 hat das Dokumentationszentrum Trägerschaft des RomArchive übernommen. Welche Ziele verfolgen Sie mit der Übernahme der Trägerschaft und wie kann es gelingen, dieses umfassende und anschauliche Archiv möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen?</p>
<p><strong>Romani Rose</strong>: <em>Wir wollen junge Leute aus unserer Minderheit motivieren, mit ihrer Identität sichtbar zu werden, als Bürgerinnen und Bürger ihres Landes <u>und</u> als Sinti und Roma. Uns</em><em>er kulturelles Erbe gehört der Menschheit. </em><em>Es ist Weltkulturerbe im weitesten Sinne. Darauf können wir stolz sein.</em></p>
<p><em>Im digitalen RomArchive werden kulturelle Beiträge, die die Minderheit in ihren Heimatländern jahrhundertelang geleistet hat, zusammen mit aktuellen Beiträgen archiviert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Um diese umfangreiche Arbeit zu leisten, wurden 14 Kuratorinnen und Kuratoren beauftragt, exemplarische Sammlungen verschiedener künstlerischer und wissenschaftlicher Bereiche anzulegen.</em><em> Mit den verschiedenen Arbeitsgruppen sind etwa 150 Akteure aus 15 Ländern europaweit und darüber hinaus am Projekt beteiligt.</em></p>
<p><em>Die Kulturstiftung des Bundes hat das RomArchive in der Aufbauphase finanziell gefördert. Unser Dank gebührt auch der Bundeszentrale für politische Bildung für die redaktionelle Betreuung des Archivs. In gemeinsamer Arbeit ist gelungen, die vom NS-Staat im Holocaust zerstörte Kultur wiederaufzurichten und damit einen Identifikationsfaktor zu stiften.</em></p>
<p><em>Romarchive wurde am 29. Oktober 2019 in Paris mit dem <a href="https://www.europanostra.org/">Prix Europa Nostra</a> ausgezeichnet</em><em>. </em></p>
<p><em>Bei der Vertragsunterzeichnung zur Übernahme der Trägerschaft des Archivs habe ich betont, wie wichtig es ist, die vielfältigen kulturellen Beiträge, die Angehörige unserer Minderheit in ganz Europa geleistet haben und immer noch leisten, sichtbar zu machen, d</em><em>enn nur durch die Dokumentation des kulturellen Erbes von Sinti und Roma und der Verdeutlichung des hohen Werts dieser lange ausgegrenzten Kultur kann Antiziganismus bekämpft und wirkungsvoll zurückgedrängt werden.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Als Forschungsthema ist „Antiziganismus“ noch relativ jung.</p>
<p><strong>Romani Rose</strong>: <em>Der erste, der sich wissenschaftlich mit dem Thema Antiziganismus auseinandersetzte, war Wilhelm Solms, der Bruder des späteren Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages. Er ist Mitbegründer der <a href="https://www.antiziganismusforschung.de/">Gesellschaft für Antiziganismusforschung e. V.</a></em><em>, war seit 2000 erster Vorsitzender des Vereins und Herausgeber des Newsletters dieser Gesellschaft. Er ist Kuratoriumsmitglied des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg. Heute ist Markus End Vorsitzender der Gesellschaft. Auch mit ihm arbeiten wir eng zusammen. Erwähnen möchte ich die <a href="https://www.uni-heidelberg.de/fakultaeten/philosophie/zegk/histsem/forschung/Forschungsstelle_Antiziganismus.html">Forschungsstelle an der Universität Heidelberg</a> </em><em>und die <a href="https://www.manfred-lautenschlaeger-stiftung.de/">Manfred-Lautenschläger-Stiftung</a></em><em>, die das </em><em>„Romani Rose-Fellowship“, ein Kurzzeit-Forschungsstipendium, vergibt. Dieses Stipendium kommt engagierten Forscherinnen und Forschern aus den Ländern der Europäischen Union zugute, die an einem Thema über Antiziganismus oder einem verwandten Feld forschen.</em></p>
<h3><strong>Die europäische Dimension</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie sieht es in anderen europäischen Ländern aus? Gab oder gibt es dort vergleichbare Entwicklungen?</p>
<p><strong>Romani Rose</strong>: <em>Roma stellen mit etwa 12 Millionen Angehörigen die größte Minderheit in Europa dar. Grundlage unserer Anerkennung als nationale Minderheit ist das Europäische Rahmenübereinkommen zum Schutz nationaler Minderheiten vom 1. Februar 1995. Die Initiative zu diesem Europäischen Rahmenübereinkommen kam vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl, zunächst mit der Absicht, die deutschen Minderheiten in anderen Staaten, vor allem in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion und den ehemaligen Mitgliedsstaaten des Warschauer Pakts, zu ihren Rechten zu verhelfen. </em></p>
<p><em>Mehr Aufmerksamkeit erhielten die Rechte der Minderheiten in anderen Ländern durch die vom damaligen Erweiterungskommissar der Europäischen Kommission Günter Verheugen verhandelten Verträge, aber oftmals nur auf dem Papier und nicht in der Realität. Doch den Entwicklungen in Deutschland Vergleichbares gibt es dort kaum. Wir müssen auch feststellen, dass in vielen ost- und südosteuropäischen Staaten viele Menschen nach 1989 ihre Arbeit verloren haben. Als erste verloren dort Roma ihre Arbeit. Niemand kümmerte sich um sie.</em></p>
<p><em>In einigen der Länder Ost- und Südosteuropas entstanden neue Formen der Apartheid. Roma sind die Sündenböcke für das, was im Land nicht funktioniert. Der neue Nationalismus bewirkt Ausgrenzung und soziale Verelendung. Die Gesellschaften nehmen Roma wieder als Heimatlose wahr. Überleben ist für die Minderheit nur noch durch Auswanderung oder durch Verdingung zu Dumping-Löhnen auf Baustellen möglich. Politiker, die sich als Demokraten präsentieren, verwenden gegenüber der Minderheit verantwortungslos heute wieder antiziganistische Klischees, die der Vergangenheit angehören. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welche Bedeutung hatte der Europäische Kongress vom 8. April 1971? Wie ging es auf europäischer Ebene weiter und welche Perspektiven sehen Sie für die Zukunft?</p>
<p><strong>Romani Rose</strong>: <em>Ein wichtiger Anlass der Londoner Konferenz war, aufgrund der erlittenen Verfolgung in der Nazizeit globale Entschädigungsleistungen von der deutschen Bundesregierung einzufordern. Ich war längere Zeit Vizepräsident der International Roma Union. Ehrenpräsident war in der Gründungsphase Yul Brynner. Die Forderung nach globaler Entschädigung hatte ich abgelehnt und nur eine individuelle Entschädigung aufgrund der Verfolgung für eine tragfähige Forderung gehalten. Ich habe mich deshalb nicht mehr für das Amt des Vizepräsidenten zur Verfügung gestellt. Ein weiterer Grund war, dass es keine legitimierten Vertreter aus den teilnehmenden Staaten gab. Es trafen sich vorwiegend Einzelpersonen. Das machte es schwer, wenn nicht sogar unmöglich, sich ähnlich systematisch gegenüber den Verantwortlichen in der Politik zu positionieren, wie dies der Bürgerrechtsbewegung in Deutschland gelang.</em></p>
<p><em>Ich muss allerdings auch sagen, dass wir es in Deutschland leichter hatten und haben. Es mag paradox klingen, aber als Nachfolgestaat des &#8222;Dritten Reiches&#8220; hatten die Verantwortlichen in der Bundesrepublik Deutschland durchaus Angst und Respekt vor der internationalen Öffentlichkeit. Diese beobachtete in der Tat sehr genau, was in Deutschland geschah. Über den Hungerstreik wurde in der New York Times berichtet. Aber alles, was sich in Deutschland entwickelte, wäre nicht denkbar gewesen ohne die maßgebliche Unterstützung von Personen aus dem demokratischen Spektrum.</em></p>
<p><em>Mir ist es wichtig, dass wir – und das heißt Mehrheit und Minderheit gemeinsam – uns für den Erhalt unserer Demokratie einsetzen. Das ist unser aller Aufgabe, das ist unsere Perspektive für die Zukunft. </em></p>
<p><a href="https://zentralrat.sintiundroma.de/wp-content/uploads/2016/06/Biografie_Romani_Rose.pdf"><strong>Romani Rose</strong></a> wurde 1946 in Heidelberg geboren. Dort war er bis 1982 selbständiger Kaufmann. Bei der Gründung des Zentralrats im Jahre 1982 wurde er von den Delegierten der Mitgliedsorganisationen – damals neun, heute 16 Landesverbände und regionale Vereine – zum Vorsitzenden gewählt und seither alle vier Jahre auf den Mitgliederversammlungen in seinem Amt bestätigt. Ab dem Jahre 1991 übernahm er die Geschäftsführung des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg.</p>
<h3><strong>Nachtrag</strong>:</h3>
<p>Am 4. November 2019 fand in dem Berliner Dokumentationszentrum ein Fachgespräch mit Prof. Dr. Thomas Fischer, ehemaliger Vorsitzender Richter am BGH, zum Thema „Sinti und Roma und die aktuelle Kriminalitätspolitik“ statt. Thema war die Erfassung von Sinti und Roma im Rahmen der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik (PKS) in Berlin im Jahr 2017. Romani Rose hatte den Innensenator Berlins angeschrieben und ihn um ein Gespräch gebeten, weil in der PKS die ethnische Herkunft von Sinti und Roma erfasst wurde. Eine Entschuldigung erfolgte nicht, in der PKS 2018 tauchte die entsprechende Stelle nicht mehr auf. Ein Gespräch lehnte der Innensenator ab.</p>
<p>Thomas Fischer formulierte in seinem Vortrag u.a. folgende Thesen: <em>„An ethnischen Merkmalen orientierte Erfassung und Darstellung von Kriminalität vermittelt grundlegend falsche Bilder von Kriminalitätsursachen und Verhinderungs- sowie Verfolgungsmöglichkeiten. Sie ist Kennzeichen und Teil einer in den letzten Jahren verstärkt betriebenen Orientierung auf abgrenzbare Minderheitengruppen, die über Merkmale wie ‚Clan‘, ‚Großfamilie‘ oder Zuschreibung ethnisch-‚rassischer‘ Merkmale identifiziert werden. Tatsächlich bestehende Kriminalitätsprobleme werden hierdurch verzerrt erfasst und notwendig mühsame, langfristige und risikobehaftete Lösungen durch eher populistisch formulierte Versprechen ersetzt. Zugleich werden die öffentliche Wahrnehmung tatsächlicher Probleme verzerrt, Bedrohungslagen künstlich überhöht und die Sicherheitswahrnehmung der Bevölkerung irrational beeinflusst.</em></p>
<p><em>Ursache der genannten Fehlentwicklung sind vor allem tiefgreifende Veränderungen der Gesellschaft, aber auch Defizite und Fehler der Sicherheitsbehörden, die unter dem Druck der Verhältnisse für Scheinlösungen und minderheitenfeindliche Entlastungsstrategien empfänglich werden.“</em></p>
<p>In seinem Vortrag wies Thomas Fischer ferner auf ein Urteil des BGH vom 7.1.1956 hin. In einer Entscheidung des 4. Zivilsenats wurden „Zigeuner“ als „Nomaden“ bezeichnet, die die „Anpassung an die sesshafte Bevölkerung verweigern“ und denen „sittliche Antriebe“ fehlten etc. etc. In polizeilichen Dokumenten sei auch in der Folgezeit immer wieder die Bezeichnung „Mobile ethnische Minderheit“ zu finden. Kriminelles Verhalten werde aus der Zugehörigkeit zu einer Minderheit abgeleitet.</p>
<h3><strong>Zum Weiterlesen</strong>:</h3>
<p><a href="https://www.kmk.org/"><strong>KMK-Beschlüsse</strong></a>:</p>
<ul>
<li>Interkulturelle Bildung und Erziehung in der Schule – Beschluss der KMK vom 25.10.1996 i. d. F. vom 05.12.2013</li>
<li>Erinnern für die Zukunft – Empfehlungen zur Erinnerungskultur als Gegenstand historisch-politischer Bildung in der Schule – Beschluss der KMK vom 12.2014.</li>
<li>Demokratie als Ziel, Gegenstand und Praxis historisch-politischer Bildung und Erziehung in der Schule – Beschluss der KMK vom 06.03.2009 i. d. F. vom 18.10.2018)</li>
<li>Menschenrechtsbildung in der Schule -Beschluss der KMK vom 04.12.1980 i. d. F. vom 18.10.2018</li>
</ul>
<h3><strong>Weitere Referenzdokumente</strong>:</h3>
<ul>
<li>Europarat: Rahmenübereinkommen zum Schutz nationaler Minderheiten, Straßburg 1.2.1995.</li>
<li>Zentralrat Deutscher Sinti und Roma: Gleichberechtigte Teilhabe für Sinti und Roma in Deutschland – Positionspapier zur Rahmenvorgabe der Europäischen Union für die Verbesserung der Lage von Roma in Europa, Heidelberg 2012.</li>
<li>Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (Hrsg.): Gemeinsam für eine bessere Bildung – Empfehlungen zur gleichberechtigten Bildungsteilhabe von Sinti und Roma in Deutschland, Berlin 2015.</li>
<li><a href="https://dserver.bundestag.de/btd/19/085/1908546.pdf">Antiziganismus bekämpfen – Beschluss des deutschen Bundestags vom 19.03.2019</a>.</li>
</ul>
<p><strong>Monographien und Studien:</strong></p>
<ul>
<li>Bogdal, Klaus-Michael: Europa erfindet die Zigeuner, Berlin 2013</li>
<li>End, Markus: Antiziganismus und Polizei mit Dokumentation der Fachveranstaltung „Die Polizei und Minderheiten – Das Beispiel Antiziganismus“ und einem ergänzenden Beitrag zum OEZ-Attentat, Heidelberg, Schriftenreihe des Zentralrats der Sinti und Roma, 2019.</li>
<li>Engbring-Romang, Udo: Ein unbekanntes Volk? Daten, Fakten und Zahlen. Zur Geschichte und Gegenwart der Sinti und Roma in Europa.</li>
<li>Fings, Karola: Sinti und Roma – Geschichte einer Minderheit, München 2016</li>
<li>Mengersen, Oliver von: Sinti und Roma. Eine deutsche Minderheit zwischen Diskriminierung und Emanzipation. Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung (Bd.1573).</li>
<li>RomArchive mit umfangreichen Materialien zu Film, Musik, Bildende Kunst, Literatur.</li>
</ul>
<p><strong>Autobiografien, Biografien und fiktive Texte:</strong></p>
<ul>
<li>Florian, Reinhard: Ich wollte nach Hause, nach Ostpreußen! Das Überleben eines deutschen Sinto, Berlin 2013.</li>
<li>Hanstein, Ewald: Meine hundert Leben – Erinnerungen eines deutschen Sinto, Bremen 2005.</li>
<li>Krausnick, Michail: Elses Geschichte: ein Mädchen überlebt Auschwitz, 2007</li>
<li>Ohlerth, Wilfried: Rukeli – Geschichte des Boxers Johann Trollmann, Köln 2012.</li>
<li>Repplinger, Roger: Leg dich Zigeuner – Die Geschichte von Rukeli Trollmann und Tull Harder, 2008.</li>
<li>Rosenberg, Otto: Das Brennglas, Berlin 2012.</li>
<li>Rosenberg, Marianne: Kokolores. Autobiographie, Berlin 2006.</li>
<li>Scheer, Regine: Gott wohnt im Wedding, Berlin 2019.</li>
<li>Tuckermann, Anja: Muscha. Ein Sinti-Kind im Dritten Reich, 2005.</li>
<li>Tuckermann, Anja: »Denk nicht, wir bleiben hier!« Die Lebensgeschichte des Sinto Hugo Höllenreiner, 2005.</li>
<li>Tuckermann, Anja: Mano. Der Junge, der nicht wusste, wo er war, München 2008.</li>
</ul>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Dezember 2019, Internetlinks wurden am 17. September 2022 auf Richtigkeit überprüft. Die Fotos im Text stammen aus dem Pressebereich der Homepage des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma. Das Titelfoto zeigt Schüler:innen beim Besuch des Mahnmals in Berlin © Andreas Weinhold. Die Bilder wurden am 17. Juni 2025 aktualisiert.)</p>
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