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	<title>Sport Archive - Demokratischer Salon:</title>
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	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
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		<title>Ukrainisches Selbstbewusstsein</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 19 Feb 2026 14:45:34 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ukrainisches Selbstbewusstsein Ein Statement gegen Doppelmoral und „Ukraine-Müdigkeit“ in der Welt Am 12. Februar um 10.30 Uhr (MEZ) sollte der ukrainische Skeletonfahrer Vladyslav Heraskevych im Cortina Sliding Centre an den Start gehen – mit sehr guten Chancen auf eine olympische Medaille. Kurz vor dem Start trat die Präsidentin des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) an  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Ukrainisches Selbstbewusstsein</strong></h1>
<h2><strong>Ein Statement gegen Doppelmoral und „Ukraine-Müdigkeit“ in der Welt</strong></h2>
<p>Am 12. Februar um 10.30 Uhr (MEZ) sollte der ukrainische Skeletonfahrer Vladyslav Heraskevych im Cortina Sliding Centre an den Start gehen – mit sehr guten Chancen auf eine olympische Medaille. Kurz vor dem Start trat die Präsidentin des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) an ihn heran und teilte ihm mit, er sei disqualifiziert, weil sein Helm „<em>nicht regelkonform</em>“ sei.</p>
<p>Der „<em>unangemessene</em>“ Helm enthielt keinen Text, sondern nur kleine Porträts von 22 ukrainischen Athletinnen und Athleten, die in den vergangenen Jahren von den Russen getötet wurden. Tatsächlich sind im russischen Angriffskrieg weit mehr ukrainische Sportlerinnen und Sportler ums Leben gekommen: Die Website <a href="https://champion.com.ua/ukr/others/spisok-sportsmeniv-z-rosiji-ta-bilorusi-shcho-pidtrimuyut-viynu-v-ukrajini-1031621">Champion.ua</a> führt mehr als 800 Namen auf, darunter mehrere Jugendliche – darunter auch ein neunjähriges Mädchen, dessen Gesicht auch auf seinem Helm zu sehen war. Heraskevychs Anliegen und Ziel waren eindeutig: seiner Kolleginnen und Kollegen zu gedenken, die nie wieder an Wettkämpfen teilnehmen können, und das gut gelaunte Publikum daran zu erinnern, dass Russland unweit der friedlichen Täler von Cortina d’Ampezzo einen genozidalen Krieg führt.</p>
<h3><strong>Sieg in der Niederlage</strong></h3>
<p>Die erste Botschaft war für das IOC durchaus akzeptabel – man bot dem ukrainischen Athleten sogar großzügig an, statt der umstrittenen Porträts eine schwarze Trauerbinde zu tragen. Die zweite Botschaft jedoch wurde als unzulässig eingestuft, angeblich gemäß Regel 50(2) der Olympischen Bestimmungen: „<em>Keine Art von Demonstration oder <strong>politischer</strong>, religiöser oder rassischer Propaganda ist an olympischen Stätten, in Wettkampfstätten oder anderen Bereichen gestattet</em>“ (Hervorhebung hinzugefügt, MR). Das IOC erklärte nicht nachvollziehbar, warum das bloße Gedenken an verstorbene Kolleginnen und Kollegen – ohne jede ausdrückliche Erläuterung, wer sie waren und was ihnen widerfahren ist – als „<em>politische Propaganda</em>“ gelten sollte. Diese dubiose Entscheidung empörte Heraskevychs Unterstützerinnen und Unterstützer und belebte die ohnehin weit verbreiteten Zweifel an der Unparteilichkeit des Gremiums.</p>
<p>Auch wenn sein Einspruch beim Internationalen Sportgerichtshof (CAS) erfolglos blieb, hat Heraskevych den Kampf zumindest moralisch klar gewonnen. „<em>Heute haben wir den Preis für unsere Würde bezahlt</em>“, <a href="https://champion.com.ua/ukr/olimpiyski-igri/zimovi-olimpiyski-igri-2026/pershiy-komentar-geraskevicha-pro-diskvalifikaciyu-na-olimpiadi-1063911">kommentierte er bitter</a> die Entscheidung des IOC. „<em>Ich glaube, dass ich keine Regeln gebrochen habe. Ich habe die Interessen der Ukraine verteidigt – und weniger das Land als die Erinnerung an diese Athleten. Sie verdienen es, aber leider sieht das IOC das anders.</em>“</p>
<p>Das Nationale Olympische Komitee der Ukraine erklärte seine <a href="https://t.me/nocukraine/14524">volle Unterstützung</a> für die mutige Entscheidung des Sportlers: „<em>Heute ist Vladyslav nicht an den Start gegangen, aber er war nicht allein – die ganze Ukraine war, ist und wird an seiner Seite sein. Denn wenn ein Athlet für Wahrheit, Ehre und Erinnerung einsteht, dann ist das bereits ein Sieg</em>.“ Dutzende Kolleginnen und Kollegen Vladyslavs – ukrainische wie internationale –, ebenso viele Prominente und Politikerinnen und Politiker, schlossen sich dieser Solidaritätsbekundung an.</p>
<p>Wolodymyr Selenskyj war wohl <a href="http://t.me/V_Zelenskiy_official/17954">der Deutlichste</a>: Er lobte den Athleten nicht nur „<em>für seine klare Haltung“</em>, dafür, dass er „<em>die ganze Welt daran erinnert, was russische Aggression ist und wie hoch der Preis des Kampfes um Unabhängigkeit ist</em>“, sondern griff auch das Internationale Olympische Komitee scharf an – wegen des angeblichen Verrats an den Prinzipien des Olympismus und weil es dem Aggressor in die Hände spiele. „<em>Es ist Russland, das ständig olympische Prinzipien verletzt und die Zeit der Olympischen Spiele für Krieg nutzt. 2008 war es der Krieg gegen Georgien; 2014 war es die Besetzung der Krim; 2022 war es die großangelegte Invasion der Ukraine. Und jetzt, 2026, zeigt Russland trotz zahlreicher Aufrufe zu einem Waffenstillstand während der Winterspiele völlige Missachtung und verstärkt seine Raketen- und Drohnenangriffe auf unsere Energieinfrastruktur und auf unsere Menschen … Aber gleichzeitig sind jetzt 13 Russen hier in Italien und nehmen an den Olympischen Spielen teil. Sie starten bei den Olympischen Spielen unter ‚neutralen‘ Flaggen, aber in der Realität unterstützen sie öffentlich die russische Aggression gegen die Ukraine und die Besetzung unserer Gebiete. Sie sind diejenigen, die disqualifiziert werden sollten.</em>“</p>
<p>Am selben Tag <a href="https://www.president.gov.ua/documents/1192026-58325">verfügte Selenskyj</a> per Dekret, dass Vladyslav Heraskevych mit dem Orden der Freiheit ausgezeichnet wird – „<em>für seinen hingebungsvollen Dienst am ukrainischen Volk, für Zivilcourage und Patriotismus bei der Verteidigung der Ideale der Freiheit und demokratischer Werte</em>“.</p>
<h3><strong>Manipulation und Täuschung</strong></h3>
<p>Es scheint, als habe sich das IOC ins eigene Bein geschossen und Heraskevychs Botschaft erheblich verstärkt – eine Botschaft, die sonst weitgehend unbemerkt geblieben wäre. Man kann sich fragen, warum das IOC so nervös auf einen geringfügigen Verstoß reagierte (falls es überhaupt ein Verstoß war).</p>
<p>Die erste Erklärung, die einem in den Sinn kommt, verweist auf russisches Geld und russischen Einfluss. Die Bilanz von Moskaus schädlicher Tätigkeit in internationalen Gremien ist lang: Sie reicht von zahlreichen Fällen von Bestechung und Erpressung bis hin zu ausgefeilteren Täuschungs- und Manipulationsstrategien. Eine davon – <a href="https://www.scmp.com/sport/other-sport/article/1991665/mouse-hole-and-magicians-how-russia-doped-sochi-olympics">die rücksichtsloseste und skandalträchtigste</a> – führte sogar zur Suspendierung Russlands von den Olympischen Spielen 2016–2018, nachdem unabhängige Ermittler eine massive, staatlich organisierte Doping-Verschwörung offengelegt hatten.</p>
<p>Korruption ist jedoch nicht die einzige mögliche Erklärung für die wohlwollende Haltung des IOC gegenüber diversen Pariaregimen (die aber reich genug sind) – ein Muster, das sich nicht nur in den Entscheidungen des IOC, sondern auch in den verdrehten Politiken vieler anderer Organisationen erkennen lässt. Vladyslav Heraskevych <a href="https://www.theguardian.com/sport/2026/feb/13/milano-cortina-olympic-chiefs-vladyslav-heraskevych-ban-winter-olympics-ukraine">streifte das Problem kurz</a>, als er gegen die Doppelstandards des IOC protestierte: harte Strafe für seinen angeblichen Regelverstoß auf der einen Seite – und wohlwollendes Wegsehen gegenüber russischen Flaggen bei Sportveranstaltungen oder sogar auf dem Helm des italienischen Snowboarders Roland Fischnaller <a href="https://theconversation.com/the-iocs-ban-of-a-ukrainian-athlete-over-his-helmet-reveals-troubling-double-standards-275896">bei den Olympischen Spielen 2026</a> auf der anderen. Inzwischen entschied das Paralympische Komitee, dass russische Sportlerinnen und Sportler wieder mit ihrer Hymne und ihrer Flagge auftreten dürfen.</p>
<p>Es scheint, dass die klaren Positionen von Vladyslav Heraskevych und vielen seiner Kolleginnen und Kollegen zum russischen genozidalen Krieg in der Ukraine die Bemühungen des IOC und vieler anderer Organisationen untergraben, die kriminelle Natur des Regimes von Wladimir Putin zu übersehen, das Böse zu normalisieren und zu „<em>business as usual</em>“ mit einem Paria-Staat zurückzukehren, der täglich ukrainische Zivilistinnen und Zivilisten abschlachtet.</p>
<p>Die Annäherung des IOC an Russland vollzieht sich bemerkenswerterweise trotz fehlender Zugeständnisse oder Reue auf russischer Seite. Im Gegenteil: Moskau eskaliert seine Angriffe auf ukrainische Infrastruktur und die Bevölkerung kontinuierlich, und Beamte sowie Propagandisten aus dem Kreml verbergen ihre genozidale Absicht nicht – sie zielen darauf, die Ukraine als Staat und als Nation auszulöschen. In diesem faschistoiden Staat unterstützt die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung das Regime und seinen Krieg, und russische Athletinnen und Athleten bilden keine Ausnahme: Sie alle unterstützen entweder aktiv Putins Kriegsanstrengungen oder erlauben dem Regime zumindest stillschweigend, ihre Namen, ihren Ruhm und ihre Leistungen für kriegstreiberische Propaganda und chauvinistische Mobilisierung zu nutzen.</p>
<h3><strong>Die Russen sind zurück</strong></h3>
<p>Dennoch lockert das IOC die Schrauben anstatt sie anzuziehen. Ende 2023 erlaubte das IOC russischen Athletinnen und Athleten die Rückkehr in Einzelwettbewerbe – unter der Voraussetzung, dass sie unter neutraler Flagge antreten. Die Ukraine verurteilte diese „<em>schändliche Entscheidung, die olympische Prinzipien untergräbt</em>“, entschieden: Sie „<em>gibt Russland im Grunde grünes Licht, die Olympischen Spiele zu instrumentalisieren, weil der Kreml jeden russischen Athleten als Waffe in seinem Propagandakrieg einsetzen wird</em>“. In einer offiziellen Erklärung warnte das ukrainische Außenministerium internationale Partner, russische Sportlerinnen und Sportler repräsentierten „<em>häufig Sportorganisationen, die mit den Streitkräften verbunden sind. Einige von ihnen sind im aktiven Dienst in der russischen Armee, und einige tragen Symbole der bewaffneten russischen Aggression gegen die Ukraine auf ihren Sportuniformen. (Sie) sympathisieren nicht nur mit den Morden an ukrainischen Frauen und Kindern, sondern sind wahrscheinlich direkt an diesen schrecklichen Verbrechen beteiligt (…) Moskau wird bei den Wettbewerben nicht, wie das IOC vorschlägt, weiße neutrale Flaggen hissen, sondern den Triumph seiner Fähigkeit demonstrieren, sich der Verantwortung für den größten bewaffneten Konflikt in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg zu entziehen</em>.“</p>
<p>Das IOC ignorierte diese Warnungen erwartungsgemäß als „<em>zu emotional</em>“. Diese vorgeschobene „<em>Neutralität</em>“ ebnete russischen Athletinnen und Athleten den Weg zu den Sommerspielen in Paris 2024 und später zu Mailand 2026. Noch befremdlicher: Die Sportfunktionäre aus Russland wurden nie vollständig suspendiert – ihr Einfluss hinter den Kulissen internationaler Sportorganisationen blieb daher weitgehend ungebrochen.</p>
<p>Ein Beispiel ist Elena Vyalbe, ehemalige Olympiasiegerin und heute Vorsitzende des russischen Ski- und Snowboardverbandes. Sie <a href="https://news.ru/sport/vyalbe-rasskazala-kak-bystro-zavershit-svo-i-uchastvovat-v-olimpiadah">sinnierte</a> kürzlich über Russlands eigene Sanktionen gegen den Westen: „<em>Ich glaube, wenn wir eine ernsthafte Bombe auf das Zentrum Londons geworfen hätten, wäre das alles längst vorbei, und man würde uns wieder überall zulassen. Russlands Kampf mit der Außenwelt dauert seit Jahrhunderten. Sie haben uns nie geliebt, auch nicht, als sie es vorgaben. Sie stehen immer hinter uns, mit einem Messer. Ich liebe es, wenn unser Land stark ist, und ich nehme an, unsere Stärke nervt die ganze Welt</em>.“</p>
<p>Inzwischen ging das IOC einen weiteren Schritt in Richtung Legitimierung – oder Verharmlosung – des russischen Krieges gegen die Ukraine, und zwar über Sportswashing. Ende vergangenen Jahres ließ man russische Juniorinnen und Junioren unter ihrer Nationalflagge antreten – also unter der Flagge eines Paria-Staates, der gegen seinen Nachbarn einen brutalen genozidalen Krieg führt. Eine Reihe internationaler Verbände (Schach, Volleyball, Fechten, Reitsport) sprang sofort auf diese potenziell lukrative Gelegenheit an. Zwei weitere Verbände – Judo und Sambo – <a href="https://tass.ru/sport/25998721">gingen sogar noch weiter</a> (und überreizten damit die Großzügigkeit des IOC), indem sie nicht nur den Junioren, sondern allen russischen Athletinnen und Athleten den Start mit Flagge und Hymne erlaubten.</p>
<h3><strong>Sportswashing der Paria-Staaten</strong></h3>
<p>Die Standardbegründung für solche Entscheidungen lautet, Sport (wie Kultur) sei angeblich autonom oder gar unabhängig von Politik. Das stimmt nicht einmal in Demokratien, in denen die Zivilgesellschaft stark ist und die Staatsmacht Grenzen hat. In Autokratien aber ist es eine glatte Unwahrheit. Totalitäre Staaten sind bestrebt, alles zu verstaatlichen und in den Dienst des Regimes zu mobilisieren. Dieses Phänomen ist heute sowohl von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern als auch von Journalistinnen und Journalisten gut erforscht und dokumentiert. Sie bezeichnen es als „<em>Sportswashing</em>“: die beschmutzte Reputation von Paria-Regimen wird „<em>reingewaschen</em>“, indem man die Aufmerksamkeit von ihrer hässlichen Repression im Inneren und ihrer Aggression nach außen auf die freundliche Förderung von Sportereignissen, die Unterstützung von Talenten und die beeindruckenden organisatorischen Fähigkeiten lenkt, die dabei demonstriert werden.</p>
<p>Garry Kasparov, ein renommierter russischer Dissident und ehemaliger Schachweltmeister, <a href="http://www.youtube.com/watch?v=2gzCTiqtNGw&amp;ab_%20channel=SXSW">argumentiert</a>, Sportswashing sei heute ein <em>„Upgrade“</em> gegenüber der früheren Praxis, Einfluss einfach zu kaufen: Es sei zu einer Methode geworden, mit Geld „<em>in die Gesellschaften freier Länder einzudringen</em>“.</p>
<p>Russland gilt gemeinhin – neben vier weiteren Diktaturen (China, Katar, VAE und Saudi-Arabien) – als eines der Länder, die Sportswashing besonders aktiv betreiben. Anders als diese und andere Autokratien führt Russland jedoch zugleich einen brutalen Angriffskrieg. Und gerade diese „<em>Besonderheit</em>“ macht sein Sportswashing besonders unheimlich und gefährlich. Sport wird im heutigen Russland – wie alles andere – zur Waffe: Kultur, Religion, Handel, Information, Geschichte, Bildung – bis hinunter in die Vorschulen. Russische Funktionäre demonstrieren offen einen instrumentellen, grob militaristischen Zugang zum Sport. Sie spielen nicht brav nach dem IOC-Drehbuch von „<em>Sport jenseits der Politik</em>“ und sie glauben auch nicht an das Märchen von der angeblichen „<em>Neutralität</em>“ der Athletinnen und Athleten.</p>
<h3><strong>Vorgespielte Neutralität</strong></h3>
<p>Die Feiern des vergangenen Jahres um Alexander Ovechkin, einen Spitzen-Eishockeyspieler in der nordamerikanischen Profiliga, der den NHL-Rekord für die meisten Tore aller Zeiten brach, zeigen anschaulich, dass kein „<em>neutraler</em>“ (oder in diesem Fall sogar „<em>amerikanischer</em>“) Status russische Athleten vor der unverfrorenen Vereinnahmung ihres Ruhms und ihrer Leistungen durch Putins Propagandisten schützt. Diese kümmern sich nicht um Ovechkins (oder sonst irgendjemandes) angebliche „<em>Neutralität</em>“ – wohl aber um russischen imperialen Glanz, Sieg und Dominanz.</p>
<p>„<em>Trotz der Sanktionen, trotz der Diskriminierung, trotz allem – die Russen gewinnen. Niemand wird uns aufhalten</em>“, <a href="https://ru.vijesti.me/%D0%9C%D0%B8%D1%80/%D0%93%D0%BB%D0%BE%D0%B1%D1%83%D1%81/794700/%D0%A0%D0%BE%D1%81%D1%81%D0%B8%D1%8F-%D0%BF%D1%80%D0%B5%D0%B2%D1%80%D0%B0%D1%82%D0%B8%D0%BB%D0%B0-%D1%81%D0%BF%D0%BE%D1%80%D1%82-%D0%B2-%D0%BE%D1%80%D1%83%D0%B6%D0%B8%D0%B5.">erklärte ein Propagandist</a> (der Duma-Abgeordnete Andrei Alshevsky). „<em>In einer Zeit, in der der Weltsport zu einer Arena politischer Konfrontation geworden ist, hat ein großer russischer Hockeyspieler einmal mehr bewiesen, dass ein wahrer Champion jede Barriere durchbricht</em>“, prahlte <a href="https://foreignpolicy.com/2026/02/04/russia-ovechkin-putin-olympics-hockey">ein anderer</a>. „<em>Ovechkin hat seinen Pass nie verleugnet oder sich dafür geschämt, er bleibt Mitglied von Putins Team und ist zugleich eines der wichtigsten Gesichter des Welthockeys, ein Liebling von Millionen und der beste Torjäger der NHL</em>.“</p>
<p>Tatsächlich hat Ovechkin Putins „<em>Team</em>“ nie kritisiert, und er hat auch nie öffentlich dem politischen Missbrauch seines Ruhms widersprochen. Zugleich hat er Putin – zumindest seit dem Anschluss der Krim – nicht mehr gelobt; technisch könnte man ihn also als „<em>neutral</em>“ bezeichnen. Der Fall zeigt jedoch, wie heikel der Begriff der „<em>Neutralität</em>“ ist – und wie leicht er von böswilligen Interpreten ignoriert werden kann, es sei denn, die Athletin oder der Athlet bezieht eindeutig Stellung.</p>
<p>Bislang scheint „<em>Neutralität</em>“ ein Feigenblatt zu sein, das dem IOC und zahlreichen Sportverbänden erlaubt, höchst <a href="https://champion.com.ua/ukr/gymnastics/rosiyska-gimnastka-kramarenko-otrimala-neytralniy-status-1063077">fragwürdigen Personen</a> aus Russland grünes Licht zu geben – auch solchen, die in die Pro-Kriegs-Propaganda <a href="https://champion.com.ua/ukr/gymnastics/rosiyska-gimnastka-kramarenko-otrimala-neytralniy-status-1063077">verstrickt sind</a>. Dass nicht wenige russische Sportlerinnen und Sportler Angehörige der russischen Armee sind oder zu militärischen Sportklubs gehören, hindert sie nicht daran, unter „<em>neutraler</em>“ Flagge an internationalen Wettbewerben teilzunehmen. Nach Angaben <a href="https://www.weareukraine.info/russia-and-belarus-must-be-banned-from-the-2024-olympics">ukrainischer Journalistinnen und Journalisten</a> wurden 45 von 71 Medaillen, die Russland bei den Sommerspielen in Tokio 2020 gewann, von Athletinnen und Athleten errungen, die dem Zentralen Sportklub der russischen Armee angehören; zwei Jahre später holten sie bei den Winterspielen in Peking 14 von 32 Medaillen – unter einer angeblich „<em>neutralen</em>“ Flagge.</p>
<h3><strong>Ein Kampf bergauf</strong></h3>
<p>Die allgemeine Tendenz ist ziemlich eindeutig: Sowohl das IOC als auch die meisten internationalen Sportverbände möchten die Sanktionen gegen russische Athletinnen und Athleten, gegen russische Funktionäre – und natürlich gegen russisches Geld – lockern und letztlich ganz aufheben. Dabei spielt es für sie offenbar keine Rolle, dass Russland sein Verhalten nicht geändert, sondern den täglichen Terror und das Blutvergießen in der Ukraine sogar eskaliert hat. Die IOC-Funktionäre wiederholen dennoch ihr Mantra: „<em>Einzelne Athleten dürfen nicht für die Taten ihrer Regierungen bestraft werden.</em>“</p>
<p>Aber wie würden sie denn „<em>bestraft</em>“? Ermordet – wie mehr als 600 ukrainische Sportlerinnen und Sportler? Aus ihrem zerstörten Land und aus besetzten Gebieten vertrieben – wie Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer? Ihrer Sporthallen, Stadien, Schwimmbäder beraubt – und sogar der Möglichkeit, regelmäßig zu trainieren, ohne Bombardierungen und Luftalarm? Nein. Von ihnen wird lediglich verlangt, den genozidalen Krieg, den ihre Regierung in der Ukraine führt, nicht zu unterstützen – weder direkt noch indirekt. Sie werden lediglich aufgefordert, ihre Machthaber und deren Politik nicht durch Sportswashing reinzuwaschen, deren symbolische Macht nicht zu stärken und mit ihrem persönlichen Ruhm nicht zu einer verbrecherischen Sache beizutragen. Solange russische Athletinnen und Athleten den genozidalen Krieg ihrer Regierung gegen die Ukraine nicht unterstützen, tragen sie dafür keine Verantwortung. Aber in jedem Fall sind sie als russische Staatsbürger für alles, was ihr Land tut, rechenschaftspflichtig. Alle haben eine Wahl; alle können einen Weg finden, sich von den Verbrechen ihrer Regierung zu distanzieren.</p>
<p>Vladyslav Heraskevych lief nicht nur gegen fragwürdige IOC-Regeln an, sondern gegen die generelle Tendenz des IOC, zweifelhafte Entscheidungen zu treffen – verbunden mit der hartnäckigen Vermeidung klarer Benennungen (der russische Krieg in der Ukraine wird meist als „<em>Konflikt</em>“ bezeichnet – als wäre es nur ein kleiner Familienstreit) und mit dem beharrlichen Versuch, sowohl das Ausmaß als auch die Einzigartigkeit dieses „<em>Konflikts</em>“ herunterzuspielen: Das sei „<em>ein Krieg unter 28 Kriegen und Konflikten, die es in der Welt gibt, und alle anderen Athleten treten doch friedlich gegeneinander an</em>“, <a href="https://www.bbc.com/news/world-europe-67711799">sagte die Präsidentin des IOC</a>. „<em>Das IOC berücksichtigt selbstverständlich, dass es auf unserem Planeten 135 Konflikte mit militärischen Handlungen gibt. In dieser Situation kann das IOC keine selektiven Entscheidungen treffen, denn das würde der Olympischen Charta widersprechen</em>“, fügte <a href="https://champion.com.ua/ukr/olimpiyski-igri/zimovi-olimpiyski-igri-2026/chlen-mok-borzov-prokomentuvav-diskvalifikaciyu-geraskevicha-z-olimpiadi-1064050">ein weiteres IOC-Mitglied</a> hinzu.</p>
<p>Die Ukraine steht vor einem Kampf bergauf – gegen einen äußeren Feind und gegen innere Probleme, aber auch gegen die Starrheit und Korruption internationaler Institutionen, gegen Ignoranz, Eigennutz und Zynismus internationaler Führungskräfte und gegen eine wachsende „<em>Ukraine-Müdigkeit</em>“ in Bevölkerungen, die die Ukraine zunehmend als lästige Störung wahrnehmen: als ein Land, das weder das Leben genießt noch andere es ganz genießen lässt. Doch es gibt auch entschlossene Kämpfer in all diesen Bereichen – Menschen, die nicht aufgeben, die widersprechen und Widerstand leisten und uns ein kleines Stück Hoffnung geben.</p>
<p><strong>Mykola Riabchuk</strong>, Kyjiw</p>
<p><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mykola_Rjabtschuk">Der Autor</a> ist Schriftsteller und Publizist, Ehrenpräsident des <a href="https://pen.org.ua/en">PEN Ukraine</a>, Mitbegründer der Zeitschrift „Krytyka“ und führender Wissenschaftler am Institut für politische und ethnische Studien der <a href="https://www.nas.gov.ua/UA/Pages/default.aspx">Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine</a>. 2014–2023 war er Vorsitzender der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mitteleurop%C3%A4ischer_Literaturpreis_Angelus">Jury des internationalen Angelus-Preises für die besten Romanautoren Mittel- und Osteuropas</a>. Seine Bücher sind ins Polnische, Serbische, Ungarische, Deutsche und Französische übersetzt worden. Sein jüngstes Buch ist „Das Lexikon des Nationalisten und andere Essays“ (2021); eine polnische Fassung erschien 2022 als „Czternasta od końca – Opowieści o współczesnej Ukrainie“. Im Demokratischen Salon veröffentlichte er im Juni 2024 den Essay <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/jenseits-der-fussnoten/">„Jenseits der Fußnoten – Die wahre Tragödie Mitteleuropas“</a>.</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung der deutschen Fassung im Februar 2026, aus dem Englischen übersetzt von <strong>Pavlo Shopin</strong>, Drahomanov-Universität Kyjiw, der auch den Beitrag vermittelte. Die ukrainische Originalfassung erscheint bald in Krytyka, <a href="https://platformraam.nl/artikelen/2993-the-heraskevych-affair">die englische Fassung erschien in einem niederländischen Portal</a>, Internetzugriffe zuletzt am 19. Februar 2026. Titelbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Helmet_of_remembrance_03.jpg">The Helmet of Remembrance</a>, Photo: The Presidential Office of Ukraine, Wikimedia Commons, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.en">Attribution 4.0 International</a> license.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Die Macht der Spiele</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 18 Jan 2024 10:55:24 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die Macht der Spiele Benjamin Bigl und Sebastian Stoppe über Game-Journalismus „Das Leitmotiv dieses Buches ist der Gedanke, dass alle Techniken Ausweitungen unserer Körperorgane und unseres Nervensystems sind, die dazu dienen, Macht und Geschwindigkeit zu vergrößern. Ohne eine derartige Zunahme der Macht und Geschwindigkeit wiederum würde es nicht zu neuen Ausweitungen unserer selbst kommen,  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-2 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-2" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Die Macht der Spiele</strong></h1>
<h2><strong>Benjamin Bigl und Sebastian Stoppe über Game-Journalismus</strong></h2>
<p><em>„Das Leitmotiv dieses Buches ist der Gedanke, dass alle Techniken Ausweitungen unserer Körperorgane und unseres Nervensystems sind, die dazu dienen, Macht und Geschwindigkeit zu vergrößern. Ohne eine derartige Zunahme der Macht und Geschwindigkeit wiederum würde es nicht zu neuen Ausweitungen unserer selbst kommen, oder man würde sie aufgeben. Denn eine Zunahme an Macht oder Geschwindigkeit in einer beliebigen Gruppierung von beliebigen Komponenten ist schon selbst ein Bruch, der eine Veränderung in der Organisation verursacht.“ </em>(Marshall McLuhan, Die magischen Kanäle – Understanding Media, 1964, zitiert nah der deutschen Ausgabe, die 1994 im Verlag der Kunst Dresden erschien)</p>
<p>Medien sind Werkzeuge, mit denen wir unsere angeborenen Fähigkeiten verbessern. Das gilt für Zeitungen, Radio, Fernsehen ebenso wie für Gentechnik (bis hin zur genetischen Veränderung des Menschen) und Künstliche Intelligenz. Marshall McLuhan hat sich mit der Frage befasst, wie Medien wirken, unseren Alltag und unsere Gesellschaften strukturieren und wie sich durch Medien als Werkzeuge unser Körper, physisch wie psychisch, verändert. Er konnte sich damals vielleicht noch nicht vorstellen, welche Bedeutung zum Ende des ersten Viertels des 21. Jahrhunderts die Debatten um Künstliche Intelligenz, um Elektronisierung und Digitalisierung, um die weitere Entwicklung der Geräte haben, die unsere Körperfunktionen und unser Körperbewusstsein simulieren, stimulieren, beschleunigen und möglicherweise sogar auf Dauer verändern könnten. Alles Science Fiction? Eben nicht nur, Vieles, das wir vor 20, 30, 40 oder gar 100 oder 150 Jahren in Science-Fiction-Romanen und -Filmen konsumierten, ist heute Alltag oder auf dem Wege, Realität zu werden.</p>
<h3><strong>Die süße kapitalistische Versuchung</strong></h3>
<div id="attachment_4294" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4294" class="wp-image-4294 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Deep_Blue-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Deep_Blue-200x301.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Deep_Blue-400x601.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Deep_Blue-600x902.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Deep_Blue.jpg 640w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /><p id="caption-attachment-4294" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Deep_Blue.jpg">Deep Blue</a>. Foto: James the Photographer. Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0" target="_blank" rel="noopener">Creative Commons Attribution 2.0</a>.</p></div>
<p>Auch Spiele sind Medien, Instrumente, Gegenstände, mit denen sich Leben verändert, in feudalen Casinos, die an russische Literaten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts erinnern, oder in Spielhallen irgendwo in den Innenstädten, auch im familiären Kreis und oft genug alleine vor einem Bildschirm, eine Konstellation, die sogar ungeachtet der medial und digital möglichen Komplexität an das Legen von Patiencen erinnern dürfte. Aber auch Patiencen gibt es heute elektronisch, die berühmteste dürfte „Tetris“ sein, ein scheinbar endlos weiterspielbares Spiel, das bisher nur <a href="https://www.msn.com/de-de/finanzen/top-stories/erster-mensch-besiegt-tetris-dieser-trick-hilft-13-j%C3%A4hrigem-den-rekord-zu-knacken/ar-AA1muPtV">von einem einzigen Spieler, dem 13jährigen Willis Gibson, so weit gespielt werden konnte, dass das Medium aufgab</a>. Auch Gegner können sich elektronisch zeigen, nicht zuletzt <a href="https://www.zeit.de/digital/2022-05/deep-blue-ibm-schachcomputer-garri-kasparov-kuenstliche-intelligenz">der Schachcomputer „Deep Blue“, dem es 1997 gelang, einen Schachweltmeister zu besiegen</a>.</p>
<p>Unter diesen Voraussetzungen ließe sich darüber nachdenken, was heutige Computer- und Videospiele, heutiges Gaming, E-Sports, gleichviel ob man sie allein oder mit anderen spielt, die möglicherweise sich an ganz anderen Orten aufhalten, von traditionellen Brett- oder Kartenspielen unterscheidet, von denen manche in ihrer handfesten analogen Fassung immer noch eine wichtige Rolle in der Freizeitgestaltung vieler Menschen spielen: „Monopoly“ (das es inzwischen ungeachtet des immer selben Prinzips in vielen lokalen und thematischen Varianten gibt) und „Mensch ärgere dich nicht“, „Skat“ und „Doppelkopf“, „Scrabble“ und „Schach“ – all diese Spiele haben etwas mit <em>„Macht und Geschwindigkeit“</em> zu tun, vor allem mit der Fähigkeit, die <em>„Macht und Geschwindigkeit“</em> der Mitspielenden beziehungsweise Gegenspielenden einzuschätzen und das eigene Verhalten daran im Interesse des eigenen Erfolgs anzupassen. Bei den genannten Kartenspielen geht es darüber hinaus um die Herstellung einer Partnerschaft auf Zeit, die beim „Skat“ nach der Reizphase entsteht, beim „Doppelkopf“ jedoch aus dem Spielverlauf möglichst früh erschlossen werden muss. Auch hier entscheidet <em>„Geschwindigkeit“</em> über <em>„Macht“</em>, konkret: mit der Fähigkeit, ein Spiel strategisch zu strukturieren und die Verteilung der noch im Spiel befindlichen Karten aus dem Spielverlauf zu erschließen. Zufälle beeinflussen das Fortkommen bei „Monopoly“ und „Mensch ärgere dich nicht“, verkörpert durch einen Würfel, aber auch hier sind strategische Überlegungen bei der Positionierung der eigenen Spielfiguren von Vorteil. Bliebe „The Holy Game of Poker“ (<a href="https://www.youtube.com/watch?v=RLq7Aqd_H7g">Leonard Cohen, The Stranger Song</a>), das auch im Weltraum gespielt wird, wie wir aus „Star Trek – The Next Generation“ wissen, ein Spiel, bei dem der Sieg auch auf Bluffs und extremem Durchhaltevermögen, selbst in aussichtslos erscheinender Lage, beruht, angesichts der verdeckten Karten auch gut für Betrügereien geeignet, die im Film immer wieder gut für Suspense-Situationen geeignet sind. Nicht ohne Grund <a href="https://www.poker.de/top-10-poker-filme/">spielt James Bond gerne Poker</a>. Der <a href="https://www.sport1.de/channel/poker">Sender Sport1</a> sendet regelmäßig und ausführlich Poker-Partien.</p>
<p><em>„Macht und Geschwindigkeit“</em> – das ist ein Aspekt der Spiele, einen anderen hat Karl Marx im ersten Kapitel des Kapitals über die „Ware“ beschrieben: <em>„Die Menschen beziehen also ihre Arbeitsprodukte nicht aufeinander als Werte, weil diese Sachen ihnen als bloß sachliche Hüllen gleichartig menschlicher Arbeit gelten. Umgekehrt. Indem sie ihre verschiedenartigen Produkte einander im Austausch als Werte gleichsetzen, setzen sie ihre verschiednen Arbeiten einander als menschliche Arbeit gleich. Sie wissen das nicht, aber sie tun es.“</em> (MEW 23) In der Tat: Spiele sind <em>„Waren</em> im klassischen marxistischen Sinne<em>“</em>, <em>„sachliche Hüllen gleichartig menschlicher Arbeit“</em>, die sie simulieren. Bei Profispieler:innen sind sie sogar die <em>„Arbeit“</em>, die das jeweils eigene <em>„Kapital“</em> schafft. Spiele schaffen und spiegeln soziale Beziehungen, sie haben ihre gesellschaftliche und politische Funktion im Rahmen eines kapitalistischen oder zumindest kapitalistische Grundlagen aufgreifenden Wirtschaftssystems. Darin liegt – so Karl Marx im weiteren Text der <em>„mystische Wert“</em>, ihr <em>„Fetischcharakter“</em>, dem die Arbeitenden erliegen, ohne ihn zu durchschauen.</p>
<p>Karl Marx hat sich nicht mit Spielen beschäftigt. Lebte er heute, würde er dies sicherlich tun, möglicherweise in Anschluss an Marshall McLuhan. Der von Marx diagnostizierte <em>„Fetischcharakter“</em> ist bei Spielen wie „Monopoly“ und „Mensch ärgere dich nicht“ offensichtlich. Das hat etwas mit der Corporate Identity von Spiel- und Fangemeinschaften zu tun, die in der Regel nicht bemerken, wie sie zu Objekten einer Vermarktungsstrategie werden beziehungsweise geworden sind, gilt aber auch für jede:n Einzelne:n. In „Monopoly“ müssen sich die Spielenden auf Kosten ihrer Konkurrent:innen bereichern, sie ruinieren, um das Spiel zu gewinnen. Bei „Mensch ärgere dich nicht“ geht es um die Eliminierung der Konkurrent:innen, indem die Gegner:innen aus dem Spiel auf die Startposition zurückgesetzt, in ihren Chancen reduziert werden müssen, damit man selbst möglichst erfolgreich ins den Sieg garantierende Haus gelangt. In diesen Spielen braucht es keine Waffen, nur eine gewisse Entschlossenheit bis hin zu einer Brutalität, die bei einem Spiel wie „Scrabble“ sicherlich nicht auf den ersten Blick einleuchten mag, aber letztlich doch besteht, weil nur der überlegene Intellekt das Spiel gewinnen kann, der in der Lage ist, möglichst viele hochwertige Felder mit den eigenen Buchstaben und Wörtern zu besetzen, ein Spiel, das in diesem Punkt Eroberungen simuliert. Bildung erweist sich erst als erfolgreich, wenn man gebildeter ist als die mitspielenden Konkurrent:innen, konkret: die höchste Punktzahl erwirbt. Und „Schach“? Ein Spiel mit zwei einander gegenüberstehenden Armeen, bei dem es gilt, den gegnerischen König bewegungsunfähig zu machen? Mit unendlichen Kombinationsmöglichkeiten, die nur noch durch das japanische „Go“ übertroffen werden dürften, aber letztlich alle Spiele charakterisieren, in denen zwei Personen gegeneinander antreten. Fazit: Spiele sind eben letztlich alles andere als harmloser Zeitvertreib. Diejenigen, die sie erfinden, produzieren und uns verkaufen, profitieren vom <em>„Fetischcharakter“</em> der <em>„Ware“</em> Spiel.</p>
<h3><strong>Wie sprechen Journalist:innen und Wissenschaftler:innen über Spiele?</strong></h3>
<p>Spiele sind Gegenstand wissenschaftlicher und journalistischer Erörterungen. Es wäre interessant, dies für jedes einzelne Spiel zu erfragen, um daraus Schlüsse zur Veränderung der Spielkulturen der vergangenen 50 bis 70 Jahre zu erschließen (oder auch darüber hinaus). <a href="https://www.uni-muenster.de/Kowi/personen/benjamin-bigl.shtml">Benjamin Bigl</a> und <a href="https://www.sebastian-stoppe.de/">Sebastian Stoppe</a> haben sich mit dem Segment der elektronischen Spiele befasst, kurz in der Regel <em>„Gaming“</em> genannt. Die in ihrem 2023 bei Springer VS erschienenen <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-42616-3">Buch über den Game-Journalismus</a> versammelten Autor:innen sprechen allerdings weniger über die Spiele selbst als darüber, wie über die Spiele journalistisch und wissenschaftlich verhandelt wird. Natürlich lässt sich das nicht immer trennen, man erfährt viele Details über die Spiele selbst, aber im Vordergrund steht eben eine Analyse derjenigen, die sich beruflich mit der Kommentierung von Spielen befassen.</p>
<p><img decoding="async" class="alignright wp-image-4297 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Bigl_Stoppe_Cover-211x300.jpg" alt="" width="211" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Bigl_Stoppe_Cover-200x284.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Bigl_Stoppe_Cover-211x300.jpg 211w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Bigl_Stoppe_Cover.jpg 313w" sizes="(max-width: 211px) 100vw, 211px" />Das Buch besteht aus sechs Teilen, in denen Grundlagen, Gegenstand, Anlässe, Berufs- und Spannungsfelder sowie die Recherche thematisiert werden. Es endet im sechsten Teil mit einem <em>„Werkstattbericht“</em> von Eugen Pfister, Aurelia Brandenburg, Adrian Demleitner und Lukas Daniel Klausner zu ihren Arbeiten beim Aufbau einer DACH-Datenbank. <em>„Diese wurde kollaborativ erarbeitet und führt digitale Spiele, die in Deutschland, Österreich und der Schweiz bis zum Jahr 2000 entwickelt wurden.“ </em>Die vier Autor:innen weisen darauf hin, dass ihre Datenbank unvollständig ist, auch viele relativ bekannte Spiele nicht enthalten seien, aber mit ihrem Projekt ein Anfang gemacht worden sei, um Grundlagen für journalistische Recherche und wissenschaftliche Analyse zu schaffen.</p>
<p>Die Herausgeber halten fest, dass eine Bestandaufnahme game-journalistischer Arbeiten bisher fehlt. Für ihr Vorhaben haben die beiden Herausgeber 30 weitere Autor:innen gewonnen, die sich alle in der ein oder anderen Form intensiv mit Teilaspekten des Gegenstandes wissenschaftlich befasst haben. Das Buch basiert hauptsächlich auf dem deutschen und dem US-amerikanischen Bereich, andere Sprachräume spielen keine Rolle. Es enthält ein Glossar der wichtigsten Fachbegriffe sowie nach jedem Beitrag ein ausführliches Literaturverzeichnis. Sehr komfortabel ist in der Online-Version die Verlinkung innerhalb des Textes, sodass man Parallelgedanken, Literaturangaben, externe Internetlinks einfach findet. Auch dies unterstreicht den Charakter des Buches nicht nur als Analyse, sondern eben auch als <em>„Handbuch“</em> und Nachschlagewerk. Allerdings betonen die beiden Herausgeber, dass sie bewusst <em>„Handbuch“</em> in Anführungszeichen geschrieben hätten. Sie hätten keine Vollständigkeit angestrebt. Als Nachschlagewerk ist das Buch ebenso gut nutzbar wie als eine erste Einführung hätten sie dies getan, wäre das Buch möglicherweise doppelt so umfangreich geworden, es sei denn – und da liegt durchaus ein Problem, das aber die Autor:innen und Herausgeber nicht zu verantworten haben – dass manche Aspekte bisher in journalistischen Veröffentlichungen wie auch in wissenschaftlichen Studien nur unzureichend berücksichtigt wurden. Dies scheint in der Tat der Fall zu sein.</p>
<div id="attachment_4302" style="width: 270px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4302" class="wp-image-4302" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Benjamin_Bigl-scaled-e1705575069754-298x300.jpg" alt="" width="260" height="262" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Benjamin_Bigl-scaled-e1705575069754-66x66.jpg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Benjamin_Bigl-scaled-e1705575069754-150x150.jpg 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Benjamin_Bigl-scaled-e1705575069754-200x201.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Benjamin_Bigl-scaled-e1705575069754-298x300.jpg 298w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Benjamin_Bigl-scaled-e1705575069754-400x402.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Benjamin_Bigl-scaled-e1705575069754-600x603.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Benjamin_Bigl-scaled-e1705575069754-768x772.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Benjamin_Bigl-scaled-e1705575069754-800x804.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Benjamin_Bigl-scaled-e1705575069754-1019x1024.jpg 1019w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Benjamin_Bigl-scaled-e1705575069754-1200x1206.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Benjamin_Bigl-scaled-e1705575069754-1528x1536.jpg 1528w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Benjamin_Bigl-scaled-e1705575069754.jpg 1757w" sizes="(max-width: 260px) 100vw, 260px" /><p id="caption-attachment-4302" class="wp-caption-text">Benjamin Bigl. Foto: privat.</p></div>
<p>Benjamin Bigl benennt im Prolog die Ziele des Bandes. Er erörtert auch die Frage, welche Ausbildungsinhalte sich aus dem vorhandenen Material für Journalist:innen ableiten ließen, die in weiteren Beiträgen eine Rolle spielt. Die beiden Herausgeber wagen mit ihrem Buch den Versuch der Unterscheidung, welche Publikationen zum Gaming tatsächlich journalistische Arbeiten sind und welche lediglich dem Marketing dienen. Umfangreiche Darstellungen von Zeitschriften, zunehmend online vertrieben, Graphiken zur Verbreitung, Umsatzzahlen, Informationen zur wirtschaftlichen Verbreitung, beispielsweise im ersten Teil des Grundlagenkapitels, für das Gabriele Hoofacker und Robert Kohlick verantwortlich zeichnen, aber auch in anderen Kapiteln, sorgen dafür, dass die Grundlagen für jede weitere inhaltliche Analyse vorliegen.</p>
<p>Sebastian Stoppe verfasste den Epilog <em>„mit einem Augenzwinkern, wie man selbst Journalismus in einem Computerspiel betreiben kann.“</em> Sein Epilog trägt den Titel <em>„Journalist spielen“</em>. Es geht um den Journalisten als Spielfigur in „Zak McCracken and the Alien Mindbenders“, ein Spiel aus den 1980er Jahren.<em> „Zak McKracken steht somit gleichermaßen in der Tradition dieser Adventurespiele, sticht jedoch andererseits durch einige Alleinstellungsmerkmale heraus. Während Maniac Mansion sich fast schon kammerspielartig auf einen einzigen Handlungsort beschränkte, erstreckt sich dieser bei Zak McKracken auf die gesamte Erde – und darüber hinaus die Marsoberfläche. Zak ist damit das prototypische Klischee eines investigativen, um die Welt reisenden Journalisten.“ </em>Ob das Spiel – wie Sebastian Stoppe andeutet – als <em>„Satire“</em> verstanden werden kann, mag vielleicht vom Charakter und den Intentionen der Spielenden selbst abhängen.</p>
<div id="attachment_4235" style="width: 281px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4235" class="wp-image-4235" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Sebastian_Stoppe-scaled-e1705575173869-300x265.jpg" alt="" width="271" height="239" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Sebastian_Stoppe-scaled-e1705575173869-200x177.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Sebastian_Stoppe-scaled-e1705575173869-300x265.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Sebastian_Stoppe-scaled-e1705575173869-400x354.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Sebastian_Stoppe-scaled-e1705575173869-600x531.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Sebastian_Stoppe-scaled-e1705575173869-768x679.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Sebastian_Stoppe-scaled-e1705575173869-800x708.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Sebastian_Stoppe-scaled-e1705575173869-1024x906.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Sebastian_Stoppe-scaled-e1705575173869-1200x1062.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Sebastian_Stoppe-scaled-e1705575173869-1536x1359.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Sebastian_Stoppe-scaled-e1705575173869.jpg 1813w" sizes="(max-width: 271px) 100vw, 271px" /><p id="caption-attachment-4235" class="wp-caption-text">Sebastian Stoppe. Foto: Katharina Werneburg</p></div>
<p>Letztlich stellt sich bei einem solchen Spiel die Frage, ob es um Aufklärung eines Sachverhalts geht, bei dem der Aufklärende eben nicht nur zufällig Journalist:in ist oder ob es sich um eine Simulation handelt, in der jemand lernen könnte, wie (investigativ)journalistisches Arbeiten funktionieren mag. Journalist:innen sind in manchen Kriminalromanen, zum Beispiel in der Figur des Rouletabille von Gaston Leroux, oder auch in investigativjournalistischen Szenarios oft genug die Hauptpersonen, weil bei der Aufklärung eines Falls mitunter die Funktion des Journalisten und die des Kriminalisten nicht eindeutig voneinander getrennt werden können. Eines der bekanntesten Beispiele für die Verbindung von Investigativjournalismus und Kriminalistik ist der die Watergate-Affäre aufgreifenden Film „All the President’s Men“ von Alan J. Pakula aus dem Jahr 1976. In einem interaktiven Spiel ließen sich solche Szenarien durchaus aufgreifen.</p>
<p>Doch zur Frage, welche in dem Band noch nicht behandelten Aspekte aus meiner Sicht einen Folgeband inspirieren sollten. Interessant wäre ein eigenes Kapitel zum Gaming in migrantischen Communities gewesen, gegebenenfalls auch zum Gaming in arabischen Ländern, im Iran, in China, in Indien, um nur einige Räume zu nennen. Abgesehen von den wirtschaftlichen Aspekten ließe sich aus einer solchen Ergänzung durchaus auf politische Entwicklungen schließen, von der Frage der Zensur bis hin zur Frage der Konzeption oder Nutzung von Spielen über die Themenauswahl bis hin zu Nutzungsformaten in unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Ein ebenfalls zu kurz gekommener Aspekt ist die Frage nach geschlechtsspezifischen Zugängen. Unter den 32 Autor:innen sind nur sechs Frauen. Benjamin Bigl erklärte mir in einem Gespräch, dass dies daher resultiere, dass von den angefragten Frauen viele abgesagt hätten, es andererseits auch nicht so viele Frauen gebe, die sich mit dem Thema beschäftigten. Die Fragen nach Spezifika der Spiele in migrantischen Communities oder im Hinblick auf Genderspezifika, letztlich auch die Frage nach dem Umgang mit behinderten Menschen, nicht nur im Kontext der Barrierefreiheit, seien in der Tat erörterungsbedürftig.</p>
<p>Genderspezifika ließen sich auch durchaus daraus ableiten, dass bei der Illustration von Texten über Spiele in der Regel junge Männer bei einer LAN-Party gezeigt werden. Spiele werden häufig in dokumentarischen Filmen aus der Perspektive eines Ego-Shooters gezeigt. So drängt sich schon der Eindruck auf, als wären diese Bilder charakteristisch für die gesamte Bandbreite der Spiele und der Gaming-Szene. Dabei könnten auch Paradoxien angesprochen werden wie die Frage, wie sexistisch das Bild der Lara Croft ist, obwohl hier die Protagonistin eine Frau ist.</p>
<p>Ein dritter Aspekt, der zu berücksichtigen wäre, ist die Frage nach unterschiedlichen Wahrnehmungen, Gewohnheiten, Nutzungen in verschiedenen sozialen Schichten, durchaus in Anlehnung an Pierre Bourdieus Klassiker „La distinction“ (französische Erstausgabe 1979, deutscher Titel: „Die feinen Unterschiede“), gegebenenfalls auch nach den SINUS-Milieus differenziert. Weitere Aspekte wären Bilder <em>„gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“</em> (Wilhelm Heitmeyer), vom Antisemitismus über Antiziganismus, Klassismus, Sexismus und Rassismus bis zu Homo- und Transfeindlichkeit.</p>
<h3><strong>Wirtschaftsfaktor und Kulturgut</strong></h3>
<p>Michael Baur bietet einen lesenswerten Überblick über die Geschichte des Videospiels in den vergangenen 50 Jahren einschließlich der sich in diesem Kontext entwickelnden Berufsfelder – dazu übrigens der gesamte vierte Teil des Buches – mit den jeweiligen Produktionsabläufen bis hin zur Anerkennung der Gaming-Szene als <em>„Kulturgut“</em> im Rahmen des Deutschen Kulturrates. Die gesamte Spielkultur ist <em>„Technologietreiber, Innovationsmotor, Wirtschaftsfaktor und Kulturgut“</em> zugleich, ein fester Bestandteil der <em>„Unterhaltungskultur“</em>, in der – wie Jasper A. Friedrich feststellt – bestimmte Charaktere wie Lara Croft auch Protagonist:innen von Filmen geworden sind.</p>
<p>Es geht in der Medienforschung nicht nur um Technik, über deren Stellenwert in der Berichterstattung Jasper A. Friedrich ausführlich berichtet, sondern auch um Fragen jenseits der Technik, insbesondere im Hinblick auf massenkulturelle Phänomene und die Aufnahme oder Spiegelung gesellschaftlicher Entwicklungen. Im zweiten Teil des Grundlagenkapitels heben Beatrice Dernbach und Christian Sengstock die Notwendigkeit hervor, dass <em>„die Expertise der Fachjournalisten“</em> unabdingbar ist, unabhängig davon, ob es um Fragen der technischen Nutzung, um Verbraucherinformationen oder auch um spezielle Interessen (<em>„special interests“</em>) gehe.</p>
<p>Nicht nur in Spielen selbst, sondern auch in dem Schreiben und Sprechen über Spiele und Spielen ist die Frage von Bedeutung, welche wirtschaftlichen Kommunikationsinteressen und -patterns im Vordergrund stehen und sich gegebenenfalls auch mit anderen Fragen vermischen. Dies ist vor allem bei Fachmagazinen der Gaming-Branche und Fanzines anzunehmen. Wer Einfluss auf die Szene nehmen möchte, Produzent:innen wie Nutzer:innen, sollte allerdings – so die Annahme – als Journalist:in auch selbst Teilnehmer:in sein, um ernstgenommen zu werden. Kritisch zu bewerten seien Arbeiten, die vor allem der Eigenwerbung dienten, die aber durch ihre Kooperation mit Influencern und Superlative in der Beschreibung der jeweiligen Produkte gut erkennbar sind.</p>
<p>Aus der Sicht historisch-politischer Analysen, nicht zuletzt in Bezug auf Bildung und Kultur, ist vor allem der Beitrag von Jeffrey Wimmer im zweiten Teil von Bedeutung. Der Autor befasst sich mit den Gegenständen der Berichterstattung, wohlgemerkt nicht mit den Spielen selbst, sondern mit der Frage, wie über die jeweiligen Spiele geschrieben und gesprochen wird. Ein entscheidender Abschnitt ist meines Erachtens sein folgender Text: <em>„Digitale Spiele sind demnach nicht mehr einfach (meist kindlicher) Zeitvertreib bzw. Unterhaltung, sondern aus gesellschaftlicher Sicht ein wichtiger Prozess der Kulturvermittlung in der medialen Gegenwart, und auf individueller Ebene ein aktiver Akt realweltlicher Reproduktion mit vielschichtigen sozialen und kulturellen Bezügen. Sie besitzen daher einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die individuelle Persönlichkeitsentwicklung und somit auf soziale und gesellschaftliche Zusammenhänge.“ </em></p>
<div id="attachment_4298" style="width: 235px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4298" class="wp-image-4298 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Cosplay_-_World_of_Warcraft_1_14937590947-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Cosplay_-_World_of_Warcraft_1_14937590947-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Cosplay_-_World_of_Warcraft_1_14937590947-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Cosplay_-_World_of_Warcraft_1_14937590947-400x533.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Cosplay_-_World_of_Warcraft_1_14937590947-600x800.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Cosplay_-_World_of_Warcraft_1_14937590947.jpg 640w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /><p id="caption-attachment-4298" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2014_Dragon_Con_Cosplay_-_World_of_Warcraft_1_(14937590947).jpg">Cosplay of World of Warcraft at Dragon Con 2014</a>. Foto: Amy. Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0" target="_blank" rel="noopener">Creative Commons Attribution 2.0</a>.</p></div>
<p>Diese Erkenntnis ließe sich auf verschiedene Genres anwenden, auf Sport-Spiele (wie das ausgesprochen populäre „FIFA“), Retro-Games, mit denen sich Spielende in Spiele vergangener Zeiten hineinversetzen, Spiele, die sich unter dem Stichwort <em>„Call of Duty“</em> zusammenfassen ließen, in denen die Spielenden Kriege simulieren. In diesen Kontexten entstehen Subkulturen mit entsprechender Kleidung, Redeweisen und anderen Verhaltensmustern, mit denen sich die Spielenden jeweils von anderen Spielenden sowie von Nicht-Spielenden abzugrenzen pflegen, sodass man nicht nur von einer, sondern im Plural von <em>„Spielkulturen“</em> sprechen müsse. Hier wäre allerdings die Frage zu ergänzen, die eigentlich jede historisch-politische Analyse bewegen müsste, die Frage, welche Vorstellungen Spiele von der Wirklichkeit entwickeln und wie sich die Spielenden von diesen Vorstellungen vereinnahmen lassen beziehungsweise ob gegebenenfalls politische Akteure bewusst Spiele gestalten und nutzen, um ihre eigene Propaganda zu platzieren.</p>
<p>Bei Sportspielen dürfte die Annahme, es handele sich um Propaganda, gegenstandslos erscheinen, abgesehen davon, dass der Kauf und Verkauf von Spielern den auch in der Wirklichkeit vorhandenen Marktwert spiegelt und damit Menschen als Tauschobjekt zur Verbesserung der eigenen Ausgangsposition erklärt. Bei Spielen, bei denen es im Negativen um Krieg, im (scheinbar) Positiven um den Aufbau eines Staatssystems geht, kann dies schon zu anderen Problemen führen, wenn die Spielenden weder die Zeit noch die Anleitung haben, Er- und Gespieltes im Hinblick auf Realitätstauglichkeit zu überprüfen. Ein Spiel wie das NSU-Monopoly ist einfach zu entschlüsseln, bei Spielen nach dem Muster von „Die Siedler von Catan“ ist dies schon schwieriger. Vor allem dürfte es schwierig werden, wenn Spielende den Eindruck gewinnen, dass sie die Macht, die sie im Spiel erwerben, auch in Wirklichkeit erwerben könnten, sodass reale politische Probleme von entsprechend motivierten Spielern gelöst werden könnten. Dieser Gedanke liegt alles andere als fern, wie die zynische Version des „Monopoly“ der Terrorist:innen des NSU belegt, die nach dem Selbstmord der beiden männlichen Täter gefunden wurde. Benjamin Bigl hat sich an anderer Stelle mit <em>„rechter Netzkultur“</em> befasst. Er wies mich auch darauf hin, dass Steam, die viertgrößte Plattform für Computerspiele verkauft ein Spiel, das für Selbstmordattentate gegen Israelis wirbt, hierzu aktuelle Berichte <a href="https://www.zdf.de/nachrichten/politik/ausland/steam-gaming-videospiel-terrorismus-antisemitismus-israel-100.html">beim ZDF</a> und <a href="https://www.t-online.de/nachrichten/panorama/id_100285774/terrorpropaganda-als-videospiel-als-terrorist-israelis-bekaempfen.html">bei t-online</a> hin. Ebenso ließe sich nach Spielen suchen, die Staatspropaganda verbreiten, beispielsweise aus Russland oder aus China.</p>
<p>Spiele verändern die Wahrnehmung der Wirklichkeit außerhalb der Spiele. Jeffrey Wimmer nennt verschiedene Aspekte der Aneignung, der Akkulturation, der Kontexte und hinter der Produktion eines Spiels stehenden Absichten. Vor allem wenn diejenigen, die ein bestimmtes Spiel spielen, sich fast nur noch mit denjenigen treffen, die dasselbe Spiel spielen, reduziert sich das Verständnis für Realitäten außerhalb des Spiels erheblich. Aber um dies zu entfalten, brauchen wir Wirkungsstudien. Wimmer nennt einige Ansätze, beispielsweise zur Entwicklung von Führungsstilen im Rahmen von „World of Warcraft“. Bei Sportspielen könnte sich gegebenenfalls eine Überidentifikation mit bestimmten Herkünften ergeben, im Zweifel die Verstärkung einer latent bereits vorhandenen nationalistischen Einstellung.</p>
<p>Christian Zabel sowie Felix Reer und Robin Janzik führen diesen Kontext im Hinblick auf Spiele aus, deren Grundlage eine <em>„Virtual Reality“</em> ist, bis hin zur Konstruktion eines <em>„Metaverse“</em>. Die Frage stellt sich weniger, wie jemand hineinfindet, als wie jemand wieder herauskommt: <em>„Rezipierende haben also nicht mehr das Gefühl, einen Medieninhalt als Zuschauende weitestgehend passiv zu konsumieren, sondern fühlen sich an den Ort des Geschehens versetzt, können dort agieren und werden so Teil der Handlung (…).“ </em>Ein Kernbegriff ist in diesem Kontext <em>„Embodiment“</em>, was im Grunde schon sehr nah an eine auf Dauer – gemäß kapitalistischer Logik – angelegte Veränderung der eigenen Persönlichkeit durch Konsum eines bestimmten Spiels heranreicht. Abenteuer- und Rollenspiele, Fantasiewelten dominieren, dies alles ohne großen Aufwand vor dem Bildschirm, während Anhänger:innen von Cosplay sich schon etwas aufwändiger ausrüsten müssen und – das kommt hinzu – sich eigens für die jeweilige Veranstaltung ankleiden, schminken, zurechtmachen müssen, dies aber anschließend auch wieder komplett rückgängig machen.</p>
<h3><strong>Kausalketten? Kommunizierende Röhren!</strong></h3>
<p>Die Zeitschrift „Mittelweg 36“ hat im Oktober 2020 in dem <a href="https://www.hamburger-edition.de/zeitschrift-mittelweg-36/alle-zeitschriften-archiv/artikel-detail/d/2609/von-einsamen-wolfen-und-ihren-rudeln-zum-sozialen-phanomen-des-einzeltaters/0/">Themenheft „Von einsamen Wölfen und ihren Rudeln“</a> auch einen Essay über diese Frage veröffentlicht. Der schwedische Soziologe Matthias Wahlström schrieb dort: <em>„Es ist durchaus möglich, Erklärungen dafür zu finden, wie individuelle Täter Lernprozesse in sozialen Online- und Offline-Kotexten durchlaufen, die ihre Neigung zum Einsatz politischer Gewalt erhöhen.“</em> Es geht hier nicht um eine unilineare Kausalität, sondern um eine <em>„diskursive Gelegenheitsstruktur“</em>, zu der auch Online-Foren und Internetspiele gehören können, aber nicht müssen.</p>
<p>Andreas Garbe bringt die Debatten um elektronische Spiele in der Überschrift seines den vierten Teil zum Thema der Berufsfelder einleitenden Beitrag auf den Punkt: <em>„Quotenbringer und Prügelknabe“</em>. Er spricht von <em>„Goldgräberstimmung“</em>, <em>„Kommerz“</em>, was aber auch dazu geführt habe, dass die Berichterstattung zu elektronischen Spielen als nicht seriös klassifiziert wird. Mit <em>„Kultur“</em> hätte das nichts zu tun. Abgesehen davon, dass sich sicherlich debattieren lässt, ob man einen exkludierenden oder inkludierenden Kulturbegriff verfolgen sollte, sind wir hiermit in einer Debatte, die Missstände, beispielsweise die Radikalisierung von Menschen auf exzessiven Gebrauch beziehungsweise Missbrauch von elektronischen Spielen zurückführt.</p>
<p>Der bekannteste Vertreter dieser These war und ist vielleicht <a href="https://web.archive.org/web/20051027142433/http:/www.game-face.de/article.php3?id_article=192">Christian Pfeiffer</a>. Das Medium kann – in Abwandlung zu Marshall McLuhans berüchtigter These – nicht nur zur eigentlichen Botschaft, sondern zur zweiten Natur werden. Es geht am Bildschirm, erst recht mit einer Virtual-Reality-Ausstattung, somit schon einen Schritt weiter als bei einer Verkleidung im Karneval oder im Cosplay, sodass letztlich die Frage für den Spielenden offenbleiben mag, welche Realität nun die eigentliche ist und welche nicht. In diesem Kontext spielt auch die Frage eine Rolle, warum die Inszenierung eines Amoklaufs durchaus der Inszenierung eines Videospiels ähnelt. Aber: Ähnlichkeiten in der Struktur sind noch lange keine Kausalkette.</p>
<p>Immer wieder gibt es dessen ungeachtet aus dem politischen Raum, auch in Erziehungsratgebern, die Empfehlung, man möge den Gebrauch von Spielen begrenzen beziehungsweise den Rückzug eines jungen Menschen in die Welt seiner (in der Regel junge Männer) Spiele als Alarmsignal erkennen. Solche Sichtweisen referiert Andreas Garbe am konkreten Beispiel sogenannter <em>„Amokläufe“</em>. Koinzidenzen werden zu Korrelationen, Gleichzeitigkeit zu einer Kausalbeziehung, als gäbe es immer nur einen einzigen Grund, um deviantes Verhalten zu erklären. Und schon sind wir in Verbotsdebatten gelandet oder in Debatten zur Verschärfung welcher Gesetze auch immer.</p>
<p>Die Annahme von die Persönlichkeiten der Spielenden verändernden Entwicklungen geht weit über medizinische Implikationen wie Cybersickness oder Suchtverhalten hinaus. Da liegt auch die Frage nach Kinder- und Jugendschutz nicht fern. Darüber schreiben Max de Baey-Ernsten und Daniel Hajok. Neben den bekannten Kinder- und Jugendschutzrichtlinien seien <em>„auch kinderrechtsbasierte Ansätze von Relevanz“</em>, ein Anliegen, das <em>„Schutz“</em> dynamisch versteht und nicht auf bloße Verbote und strafrechtliche Verfolgung reduziert. Insofern ist auch hier ein interdisziplinärer Zugang erforderlich. In ihrem Beitrag vermerken die beiden Autoren die unterschiedlichen Motivationen von Kindern und Jugendlichen, sich für das ein oder andere Spiel beziehungsweise überhaupt für ein Spiel zu entscheiden. Sie nennen <em>„inhalts-, konsum-, kommunikations- und verhaltensbezogene Risiken“</em>, bei denen sich auch die Frage nach <em>„Befähigung und Begleitung“</em> stelle, zu der nicht zuletzt die Einbeziehung von Eltern gehöre.</p>
<p>In diesen Debatten finden wir jedoch – so Andreas Garbe – oft viel <em>„Bauchgefühl“</em> statt <em>„Wissenschaft“</em>. Andreas Garbe zitiert eine Untersuchung aus den USA, der zufolge sich sieben von acht Tätern überhaupt nicht für Videospiele interessiert hätten. Entscheidender – und dies entspricht den Erkenntnissen aus der Analyse von Morden wie in Utøya, Christchurch oder Halle – sind Internetcommunities, in denen entsprechende Fantasien gepflegt und mit pseudo-politischen Verschwörungserzählungen begründet werden, zu denen die Täter dann in der Regel eigene Hunderte von Seiten umfassende Manifeste hinzufügen. Aber warum es sich schwer machen, wenn eine einfache Erklärung ausreicht, so falsch sie auch ist? Solche Untersuchungen sind in Deutschland noch nicht in der allgemeinen Berichterstattung <em>„angekommen“</em>, während man sich in den USA – dank der Einlassungen von Donald Trump – bereits über Schein-Korrelationen amüsierte: <em>„Und </em><a href="https://twitter.com/brittlestar/status/1158924052746182656"><em>ein kanadischer Komiker</em></a><em> erntete viel mediale Aufmerksamkeit für ein Video, in dem er Videospiele für seine kaputte Toilette und verformte Pfannkuchen verantwortlich machte.“</em> Dies lässt sich auch in der Sprache der Berichterstattung finden, die Pascal Wagner analysiert (sein Beitrag ließe sich auch als grundsätzlicher Tipp für angehende Journalist:innen verwenden).</p>
<p>Konkret wird die Frage der Wirkungen im dritten Teil des Buches erörtert, in dem es um die Anlässe der Berichterstattung geht. Melanie Verhovnik-Heinze befasst sich mit School-Shootings und zeigt, <em>„wie solche Spiele tatsächlich in multikausal bestimmte Radikalisierungsprozesse hineinwirken können und welchen Einfluss sie auf Kognitionen, Emotionen und Verhaltensweisen haben“</em>. Abzulehnen ist die eindimensionale Sichtweise, der zufolge School-Shootings und andere vergleichbare Gewalttaten, in Einkaufszentren, Sportstätten oder wo auch immer, eine unmittelbare und sogar logische Folge der Spiele sind. Der Umkehrschluss, dass ein Verbot solcher Spiele dazu führe, dass es keine derartigen Massaker mehr gäbe, ist einfach absurd. Medien sind nicht <u>der</u>, aber durchaus <u>ein</u> Faktor in <em>„Radikalisierungsprozessen“</em>. <em>„Medien wie gewaltdarstellende Computerspiele werden im Bereich der psychosozialen Risikofaktoren verortet und wirken in die sich selbst verstärkende soziale Isolation der betreffenden Person hinein.“ </em>Es lässt sich aber auch feststellen, dass die <em>„Interaktivität“</em> eines Spiels stärker wirke als die bloße Beobachtung von Gewalttaten. <em>„Belohnungen“</em> spielen eine wichtige Rolle. Melanie Verhovnik-Heinze unterscheidet <em>„General Aggression Model“</em> und <em>„General Learning Model“</em>. Man lernt im Grunde nur das, wozu es bereits vorher eine entsprechende Nähe und Affinität gab. Anders gesagt: Es ist nicht allein die Geschichte einer Tat, es ist auch die Vorgeschichte mit all ihren Kontexten. Andererseits: <em>„Zusammenfassend lässt sich vorwegnehmen, dass die Exposition gegenüber gewalthaltigen Computerspielen das relative Risiko der Gewaltbereitschaft erhöht. Dies kann wiederum die Aggression und damit auch antisoziales Verhalten steigern, wohingegen prosoziales Verhalten verringert wird.“ </em></p>
<p>Letztlich entspricht diese These der Analyse von Siegfried Kracauer in seinem Buch „Von Caligari zu Hitler“ (1947), in dem einerseits die Wechselwirkung zwischen Produzent:innen und Publikum, andererseits auch die Wechselwirkung zwischen Wähler:innen und zur Wahl stehenden Parteien beschrieben werden. Im Grunde handelt es sich um kommunizierende Röhren. Siegfried Kracauer erklärt den Aufstieg der Nazis aus einer solchen Wechselwirkung: <em>„Da die Deutschen auf politischer Ebene gegen Hitler waren, muss ihre seltsame Bereitwilligkeit, denNaziglauben anzunehmen, ihren Ursprung in psychischen Dispositionen haben, die stärker als alle ideologischen Skrupel waren. Die filme des präfaschistischen Zeitraums sind für die psychologische Situation durchaus erhellend.“</em></p>
<p>Andererseits warnt auch Kracauer vor voreiligen Schlüssen: <em>„Die Illusion bestand darin, dass man dem technischen Fortschritt die Kraft, Veränderungen zu bewirken, zuschrieb, die nur durch organisierte politische Arbeit erreicht werden kann. Technischer Fortschritt kann jedem Herrn dienen. Das erklärt die Zweideutigkeit, die den sozialistisch angehauchten Produkten der Neuen Sachlichkeit zu eigen war. Die Architektur dieses Stils wurde im faschistischen Italien aufgegriffen; in Deutschland selbst schien sie seltsam hohl und ihre sozialistischen Absichten zu desavouieren.“ </em>Ein bestimmtes Ergebnis, beispielsweise die Etablierung einer faschistischen Diktatur, ergibt sich nicht zwangsläufig, auch gegenteilige Ergebnisse sind denkbar. Sicherlich erleichterte die exzessive Nutzung des Flugzeugs Hitler die Verbreitung seiner Thesen, aber dies ist kein Argument gegen Flugzeuge. Ähnlich ist es mit Spielen: Spiele wie das von der Bundeswehr betriebene <a href="https://www.baks.bund.de/sites/baks010/files/broschuere_polis.pdf">„POL&amp;IS“</a> oder das von Frederic Vester erfundene <a href="https://www.friedrich-verlag.de/friedrich-plus/schule-paedagogik/spielpaedagogik/soziales-lernen/okolopoly-13057">„Ökolopoly“</a>, das es unter dem Namen <a href="https://www.frederic-vester.de/deu/ecopolicy/">„Ecopolicy“</a> inzwischen auch elektronisch gibt, verbreiten demokratische Botschaften, die Frage ist daher eher: sind sie auch als <em>„Massenphänomen“</em> vermarktbar? Ungeachtet sicherlich in pädagogischen Prozessen einzubeziehender Kritik, wie beispielsweise aus Kreisen der Friedensbewegung zum „POL&amp;IS“.</p>
<h3><strong>Kundenacquise und Kundenbindung</strong></h3>
<p>Sport ist ein Wirtschaftsfaktor, E-Sports inzwischen ebenfalls. So wie sich vieles aus der analogen Welt in die digitale verlagert, geschieht dies eben auch mit dem Sport, allerdings mit einem wichtigen Unterschied: E-Sports sind ein neues Segment der Sportindustrie, nicht die Alternative, die die bisherigen Segmente abschafft. Eher dürften E-Sports das Interesse am Sport erhöhen, wenn sie auch nicht unbedingt Menschen veranlassen, selbst Sport zu treiben. E-Sports ermöglichen Teilhabe an Sport ohne sich auf einer Sportanlage, in einer Sporthalle, beim Joggen im Wald oder mit dem Fahrrad durch welche Landschaft auch immer zu bewegen.</p>
<p>Tino Schöber und Thomas Horky bieten eine Übersicht über den Themenkomplex E-Sports. Im Unterschied zum Gaming ist für E-Sports die <em>„Wettbewerbsorientierung“</em> fundamental. Unter den Sportarten dominiert Fußball, es gibt sogar eine virtuelle Liga. Es gibt Zuschauer:innen, digital und international. E-Sports haben es inzwischen in verschiedene Koalitionsverträge und Regierungserklärungen geschafft. Die Umsetzung ist in Schleswig-Holstein mit vier regionalen E-Zentren am weitesten gediehen. Es gibt Übertragungen in Spartensendern, mit eSPORTS1 sogar einen eigenen Kanal.</p>
<div id="attachment_6510" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6510" class="wp-image-6510 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/The_International_at_KeyArena-300x199.jpg" alt="" width="300" height="199" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/The_International_at_KeyArena-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/The_International_at_KeyArena-300x199.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/The_International_at_KeyArena-400x265.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/The_International_at_KeyArena-600x398.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/The_International_at_KeyArena.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-6510" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:The_International_at_KeyArena_-_14916807681.jpg">The International in der Key Arena 21. Juli 2014</a>. Seattle (Washington). Autor: Dota 2 The International. Wikimedia Commons, <a class="extiw" title="w:en:Creative Commons" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a class="extiw" title="creativecommons:by/2.0/deed.en" href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.en">Attribution 2.0 Generic</a> license.</p></div>
<p>Es gibt Überlegungen, ausgewählte Spiele olympisch zu machen, gegebenenfalls schon 2028, auf der anderen Seite wehren sich Sportverbände dagegen, kritisch äußerte sich <a href="https://www.dosb.de/ueber-uns/esport">der Deutsche Olympische Sportbund</a>, unbeschadet einer Anerkennung der gesellschaftlichen Bedeutung: <em>„Als gemeinwohlorientierter Sportverband sehen wir aktuell keinen Anlass, die Abgabenordnung zu ändern und mit eGaming/‚eSport‘ einen Bereich aufzunehmen, der vor allem kommerziellen Verwertungsinteressen folgt. Darüber hinaus wollen wir einer Verwässerung des Sportbegriffs entgegenwirken, der aus unserer Sicht gegeben wäre, wenn ‚eSport‘ in der Abgabenordnung mit dem gemeinwohlorientierten Sport gleichgesetzt würde.“ </em>Auch im Schulsport gibt es bisher keine Neigung, E-Sports unter die Schulsportarten zu zählen und beispielsweise als außerunterrichtliche Sportgemeinschaft zu fördern.</p>
<p>Jaspar A. Friedrich bezeichnet E-Sports als <em>„gesellschaftliches Massenphänomen“</em>, E-Sports sind damit ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Jochen Koubek analysiert im fünften Teil unter den <em>„Spannungsfeldern“</em> die gesamte Palette der Verführung und Verführbarkeit beziehungsweise Kundenbindung unter dem Stichwort der <em>„Monetarisierung“</em>, die mit Werbung, Abonnements, Gebühren wie in anderen als wirtschaftlich relevant erkannten Bereichen vor allem junge Spieler:innen überfordern dürften. Ob <em>„Spielejournalismus“</em> – wie Jochen Koubek hofft – zur <em>„Aufklärung“</em> beitragen kann, möchte ich hier nicht bewerten. Dazu wäre eine ausführlichere Analyse auch der Curricula zu Wirtschaftsfragen in der Schule erforderlich. Ebenfalls im fünften Teil befasst sich Martin Dietrich mit den <em>„perfekten Fans“</em>, <em>„Gaming-Influencer(n)“.</em> Gerade hier zeigt sich, dass sich die scheinbar unschuldigen Spiele bestens eigenen, um wirtschaftliche, kapitalistische Strukturen zu beschreiben. Dies dürfte jedoch bei den Auftraggeber:innen und Macher:innen schulischer Curricula unter Ideologie-Verdacht fallen. Aber was bedeutet das für Journalist:innen? Sind sie nur noch <em>„Influencer“</em>? Damit stellt sich auch die Frage, wer ein Interesse haben könnte, sie zu bezahlen. <em>„Influencing“</em> ist ein durchaus einträgliches Geschäft. Im Einzelnen lassen sich die verschiedenen Funktionen des Journalismus oft gar nicht so einfach trennen: <em>„Sowohl der Spielejournalismus als auch die Influencer selbst befeuerten die Transformation der Medienlandschaft hin zu einzelnen Persönlichkeiten, die ihren Habitus als Spielefan und -Kritiker als stärkstes Alleinstellungsmerkmal inszenieren. Bei Gaming-Redaktionen ist es heutzutage üblich, dass nicht nur Print- und Online-Texte geschrieben werden. Vielmehr komplementieren Videos, Podcasts und Live-Streaming das Angebot, in denen die Meinungen sowie Vorlieben der Redakteure und Redakteurinnen prägend sind.“ </em>Die Aufgabe des Journalismus als (kritische) <em>„Kontrollinstanz“</em> wird somit immer wieder konterkariert.</p>
<p>Jaspar A. Friedrich beschreibt die Wechselwirkung zwischen der Popularität des Gamings und wirtschaftlichen wie technologischen Entwicklungen: <em>„Spiele sind eine treibende Kraft in der Entwicklung von Computerhardware, Software und Benutzerschnittstellen. Es lassen sich in der Summe allerdings nur wenige technologische Innovationen außerhalb der Computerspielbranche finden, die nur deshalb entwickelt wurden, weil es Computerspiele gab und gibt. Die meisten technologischen Innovationen betreffen den Fortgang der Entwicklung der Computerspielbranche selbst bzw. deren Fähigkeit, Innovationen zu adaptieren und weiterzuentwickeln.“ </em></p>
<p>Die Frage, ob sich elektronische Spiele pädagogisch nutzen lassen, liegt nahe. Mit dieser Frage befassen sich Eik-Henning Tappe und Markus Gennat. Sie schreiben: <em>„Durch die interaktive Manipulation von immersiven Spielwelten und -inhalten können dabei Selbstwirksamkeitsprozesse angestoßen werden, die zu einer freiwilligen, intensiven Auseinandersetzung mit komplexen Sachverhalten führen.“ </em>In der Kinder- und Jugendforschung sowie der Bildungsforschung würden diese Effekte der Spiele unter die informelle Bildung gezählt werden. Bereits 2010 gab Nils Neuber einen Sammelband zu <a href="https://download.e-bookshelf.de/download/0000/0178/81/L-G-0000017881-0002373002.pdf">„Informelles Lernen im Sport“</a> heraus (Wiesbaden, VS Springer). Es gibt vergleichbare Untersuchungen zur informellen Bildung beispielsweise in der Skater-Szene. Die beteiligten Personen erwarben dort ohne pädagogische Anleitung durch Dritte organisatorische, technische und soziale Fähigkeiten, die sie in der Schule als der gängigen Einrichtung formaler Bildung oder außerschulischen Einrichtungen der non-formalen Bildung nicht erlernt hätten. Allerdings ist auch die Frage der beiden Autoren berechtigt, ob und wie sich die eher <em>„unbewusst“</em>, das heißt ohne Bezug auf ein bestimmtes Curriculum erworbenen Fähigkeiten, die auch <em>„Selbstwirksamkeitserfahrungen“</em> sind, auch in formalen oder non-formalen Bildungsprozessen nutzen ließen. Natürlich spielt die Entstehung von <a href="https://wpgs.de/fachtexte/flow-erleben/"><em>„Flow“</em> nach Mihály Csíkszentmihályi</a> eine wichtige Rolle. Eben dieser <em>„Flow“</em> fehlt bekannterweise in der Regel in formalen Bildungsprozessen und lässt sich künstlich nur in Ausnahmefällen erzeugen. Ob die <em>„Gamification“</em> von Bildungsprozessen hilft, wird von den beiden Autoren diskutiert. Im Grunde ist sie ein Widerspruch in sich: <em>„Als Entwickler:in solcher Systeme muss man sich dann ggf. die Frage gefallen lassen, ob durch die Instrumentalisierung von Spiel nicht dessen Authentizität untergraben wird und somit seine originär-inhärenten Qualitäten verloren gehen.</em>“</p>
<p>Anders gesagt: Der Bildungsmarkt ist ein zentrales Segment des gesamtgesellschaftlichen Marktes, auf dem sich Gaming, E-Sports, Spiele im Grunde jeder Art platzieren ließen und in der Vergangenheit auch immer haben platzieren können, auch dank des in einem kapitalistischen Rahmen inszenierbaren <em>„Fetischcharakter“</em> der angebotenen Waren, die ihre eigene Nachfrage erzeugen, die wiederum neue Produkte hervorruft, sodass Spiele letztlich dazu beitragen, dass nicht nur die Spielenden, sondern auch die Erfinder:innen, Produzent:innen und Vermarkter:innen gleichermaßen von dem <em>„Flow“</em> erliegen, der ihr Verhalten zu steuern und zu verändern vermag. Dieser Kontext wird in game-journalistischen Arbeiten jedoch eher am Rande vermerkt, wenn überhaupt.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Veröffentlichung im Januar 2024, Internetzugriffe zuletzt am 16. Januar 2024. Titelbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Comikaze_2011_-_LeeAnna_Vamp_(6953754368).jpg">Cosplay at Stan Lee&#8217;s Comikaze Expo 2011, LeeAnna Vamp</a>. Foto: Srini Rajan. Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0" target="_blank" rel="noopener">Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0</a>.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Das Glück der Außenseiter</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 22 Nov 2023 07:21:20 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Das Glück der Außenseiter Ein Portrait des Autors und Pflegers Frédéric Nicolas Valin „Ich stehe in der Zimmertür und atme tief ein; es ist halb zehn, langsam beginne ich zu merken, dass ich die Nacht kaum geschlafen habe. Seit vier Uhr bin ich wach, die ganze Welt ist aus Gummi. Ich gehe zum Fenster  [...]</p>
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<h2><strong>Ein Portrait des Autors und Pflegers Frédéric Nicolas Valin</strong></h2>
<p><em>„Ich stehe in der Zimmertür und atme tief ein; es ist halb zehn, langsam beginne ich zu merken, dass ich die Nacht kaum geschlafen habe. Seit vier Uhr bin ich wach, die ganze Welt ist aus Gummi. Ich gehe zum Fenster und sehe mein Spiegelbild: Die Augen sind rotgerändert, das schmale Gesicht hängt mir müde von den Knochen, es fühlt sich an, als wäre es von einer dünnen Lauge überzogen. Ich reiße das Fenster auf, die kalte Dezemberluft schießt mir in die Bronchien, und ich beginne fast, wieder in Sätzen zu denken statt nur in Stichworten. / Fünf Minuten Pause. Dann Sylvia.“ </em>(Frédéric Valin, Der Vorgang, in: In kleinen Städten, Berlin, Verbrecher Verlag, 2013)</p>
<p>Sylvia ist Epileptikerin und hat Trisomie 21. Sie lebt in einem Heim, in dem Menschen leben, die – wie man so sagt und denkt – sich selbst nicht helfen können, kranke Menschen in einem geschlossenen Raum. Dieses Szenario ist auch die Grundlage eines der berühmtesten Romane deutscher Literatur: Thomas Manns „Der Zauberberg“. Nun sind die in dem Schweizer Sanatorium an der um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert verbreiteten Krankheit kurierenden Menschen alle Angehörige einer finanziell und sozial unabhängigen Schicht der damaligen Bevölkerung. Materielle Nöte kennen diese Persönlichkeiten der Literaturgeschichte nicht. Für diese ist die Tuberkulose eine Art Edel-Krankheit.</p>
<h3><strong>Botschaften aus einer anderen Welt</strong></h3>
<div id="attachment_4076" style="width: 242px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/11/cnanediehl-fredericvalin.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4076" class="wp-image-4076 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/11/cnanediehl-fredericvalin-e1700636671629-232x300.jpg" alt="" width="232" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/11/cnanediehl-fredericvalin-e1700636671629-200x258.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/11/cnanediehl-fredericvalin-e1700636671629-232x300.jpg 232w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/11/cnanediehl-fredericvalin-e1700636671629-400x517.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/11/cnanediehl-fredericvalin-e1700636671629-600x775.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/11/cnanediehl-fredericvalin-e1700636671629-768x992.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/11/cnanediehl-fredericvalin-e1700636671629-793x1024.jpg 793w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/11/cnanediehl-fredericvalin-e1700636671629-800x1033.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/11/cnanediehl-fredericvalin-e1700636671629.jpg 1080w" sizes="(max-width: 232px) 100vw, 232px" /></a><p id="caption-attachment-4076" class="wp-caption-text">Frédéric Valin © Nane Diehl</p></div>
<p>In den Heimen der Bücher von Frédéric Valin ist das anders. Dort leben Menschen, deren Krankheiten, Hilflosigkeiten, Einschränkungen, Behinderungen keine Metaphern sind wie man es bei Tuberkulose-Patient:innen in der Literaturgeschichte gerne annimmt. Sie verfügen nicht über die finanziellen Ressourcen, mit denen sie sich ein Leben in Davos und an ähnlichen Orten leisten könnten. Sie ergehen sich nicht in philosophischen Diskussionen. Die Heime der Bücher Frédéric Valins sind keine Zauberberge, keine Orte, in denen Menschen zu sich selbst finden und sich geradezu in und mit ihrer Krankheit zu höheren Menschen stilisieren.</p>
<p>Es sind Menschen, von deren Leben eigentlich niemand so richtig etwas weiß und viele auch gar nichts wissen möchten, und bei denen wir froh sind, dass es andere Menschen gibt, Pfleger:innen genannt, die bereit sind, eine Zeit ihres Lebens in dem geschlossenen Raum, dem abgesperrten Gelände des Anti-Zauberbergs zu verbringen. Niemand käme auch nur auf die Idee, ihre Krankheiten als <em>„Metaphern“</em> zu bezeichnen. Insofern wäre der berühmte Essay von Susan Sontag über „Krankheit als Metapher“ in ihrem Leben gegenstandslos. Anders gesagt: diese Menschen sind der lebende Beleg dafür, dass Krankheit Krankheit, Hilflosigkeit Hilflosigkeit ist, nichts sonst. Aber wie soll man über die Menschen in diesen Heimen sprechen? Das ist ein zentrales Thema der Erzählungen Frédéric Valins: Sprachlosigkeit.</p>
<p>Frédéric Valin wurde 1982 in Wangen im Allgäu geboren. Er lebt in Berlin, schreibt Bücher und arbeitet im Pflegebereich, in Pflegeeinrichtungen ebenso wie in der Einzelbetreuung bis hin zur 24-Stundenpflege. Er wurde im Jahr 2022 Vater. In seinem neuen Lebensabschnitt sieht er durchaus Parallelen zwischen der Betreuung eines Kindes und seiner Pflegearbeit, allerdings sei die Verbindung natürlich eine andere. Er sagte mir, es sei sein <em>„großes Ziel, dass das eine stabile und fortlaufende Beziehung wird. Ganz kleine Kinder wissen schon sehr genau was sie wollen. Der größte Teil meines Jobs momentan ist, dem Kind zu verschaffen, was es braucht, und ihm klarzumachen, dass es die Dinge nicht tut, die es potentiell umbringen könnten.“</em> Ein Unterschied: das was bei Kindern den Anfang einer Entwicklung ausmacht, gibt es bei alten und kranken Menschen in der Pflegeobhut nicht mehr. Dort ist <em>„Endstation“</em>, wie der Erzähler In „Frau Nachtweih wünscht zu sterben“ (im Band „Randgruppenmitglied“) schreibt, aber die Pfleger sind wie Väter und Mütter einander in dieser im wahrsten Sinne des Wortes gegebenen Aussichtslosigkeit verbunden: <em>„Wie ein junges Ehepaar, sagt Albert immer, wenn wir uns von der Nachtweih und dem Hasenberger erzählen. Als ob das unsere Kinder wären.“</em></p>
<div id="attachment_3248" style="width: 217px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.verbrecherverlag.de/shop/ein-haus-voller-waende/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3248" class="wp-image-3248 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Valin_Waende-207x300.png" alt="" width="207" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Valin_Waende-200x290.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Valin_Waende-207x300.png 207w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Valin_Waende-400x580.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Valin_Waende-600x870.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Valin_Waende-706x1024.png 706w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Valin_Waende-768x1114.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Valin_Waende-800x1160.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Valin_Waende.png 880w" sizes="(max-width: 207px) 100vw, 207px" /></a><p id="caption-attachment-3248" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Zwei Bücher von Frédéric Valin habe ich bereits im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> vorgestellt, die Dokumentationen „Pflegeprotokolle“ in der Rezension <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/who-cares/">„Who Cares?“</a> und „Ein Haus voller Wände“ in dem Essay <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/querfront-der-exklusion/">„Querfront der Exklusion“</a>, in dem auch Verbindungen zu dem Buch „Unmenschlichkeit als Programm“ von Peter Bierl thematisiert wurden. „Zidane schweigt“ ist ein Essay, die Bücher „In kleinen Städten“ und „Randgruppenmitglied“ sind Sammlungen von Erzählungen. Alle Bücher von Frédéric Valin erschienen im <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/anarchische-aesthetik/">Berliner Verbrecher Verlag</a>, bei dem – so sagte er mir, er sich sehr wohl fühlt. Zurzeit denkt er darüber nach, ob er in einem nächsten Buch die Erfahrungen in der 24-Stunden-Pflege, die er vor der Geburt des Kindes machte, in Form eines Romans darstellt. Er nannte aber auch das Problem eines solchen Romans: <em>„Ein Roman gibt aber auch einen zeitlichen Ablauf vor, den die Pflege so nicht kennt. Der Rhythmus eines Romans bildet Krankheiten nur unzureichend ab. Ich muss überlegen, wie ich diese Frage löse.“</em></p>
<p>Alle Bücher von Frédéric Valin sind Bücher aus einer anderen Welt, über Welten, die wir im Alltag ignorieren. Sie geben Wirklichkeit wieder, anders als die diversen Zauberberge der Weltliteratur. Sie beruhen auf persönlichen Erfahrungen des Autors, der aber in jedem Fall Hinweise vermeidet, die einen Rückschluss auf konkrete Personen zuließen. Die Persönlichkeitsrechte der beschriebenen Menschen müssen auf jeden Fall gewahrt bleiben. Frédéric Valin gelingt es dennoch, die von ihm geschilderten Personen zu Persönlichkeiten werden zu lassen, deren Leben uns als Leser:innen berührt und – auch das ist ein wichtiges Ziel – im besten Sinne des Wortes aufklärt. Dies war – so sagt er – beim Schreiben <em>„<u>die</u> Herausforderung“</em>. Man könnte bei seinen Büchern durchaus auch von „Auto-Fiction“ sprechen, aber er vermischt die beiden Bestandteile dieser zurzeit modischen Gattungsbezeichnung nie.</p>
<h3><strong>Ausgelagert</strong></h3>
<p>Frédéric Valin hat immer wieder im Pflegebereich gearbeitet, schon als Schüler hat er ab dem 16. Lebensjahr in den Ferien dort gejobbt. Er arbeitete schon damals eine Zeit lang in einem Altenheim, andererseits wurde auf dem Bau besser bezahlt. Dort erhielt man 18 DM die Stunde, im Altenheim nur 13 DM. Er absolvierte seinen Zivildienst in Hamburg, als individuelle Schwerstbehindertenbetreuung bei einem Herrn mit Tetraplegie. Einzelbetreuung erfolgt in einem differenzierten Schichtdienst. In einer Woche beträgt die Arbeitszeit 18 Stunden am Tag, eine Woche ist Freizeit, eine Woche Bereitschaft. Drei Pflegekräfte wechseln sich in diesem Rhythmus ab. Der betreute Herr konnte die Arme bewegen, aber nicht mehr die Finger. Er brauchte bei vielen Dingen Unterstützung, obwohl er sich als erfahrener Mann schon viele Tricks ausgedacht hatte, wie man mit dem Handicap umgehen kann. Ein Pfleger, dem eine solche Aufgabe gestellt ist, lernt von dem Patienten, denn wer kann solche Erfahrungen schon einüben. Viele Pflegekräfte arbeiten ohne eine spezifische Ausbildung, gerade auch Freiwillige. Politiker:innen, die einen sozialen Pflichtdienst für junge Menschen einrichten möchten, verkennen die Komplexität der psychischen und physischen Anforderungen der Pflege. Frédéric Valin arbeitete ohne Ausbildung in München in einer SRT-Abteilung, die die <em>„absolute Hölle“</em> gewesen sei, sodass er dort erst einmal mit dem Pflegedienst aufhören musste. Die Erzählung „Frau Nachtweih wünscht zu sterben“ ist in diesem Kontext entstanden.</p>
<div id="attachment_4077" style="width: 222px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.verbrecherverlag.de/shop/in-kleinen-staedten/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4077" class="wp-image-4077 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/11/In-Kleinen-Staedten-212x300.png" alt="" width="212" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/11/In-Kleinen-Staedten-200x284.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/11/In-Kleinen-Staedten-212x300.png 212w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/11/In-Kleinen-Staedten.png 220w" sizes="(max-width: 212px) 100vw, 212px" /></a><p id="caption-attachment-4077" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Das Pflegethema hat Frédéric Valin schon in seinen frühen Texten immer wieder angesprochen, beispielsweise in den Erzählungen „Der Vorgang“ (aus dem Band „In kleinen Städten“) und „Frau Nachtweih wünscht zu sterben“ (aus „Randgruppenmitglied“), veröffentlichte. Schon die Titel der beiden Erzählsammlungen lassen sich programmatisch verstehen. Es geht um die Ränder der Gesellschaft, die Ausgeschlossenen, die Ausgelagerten, die schwer Erreichbaren, schwer Zugänglichen, um gelebte Exklusion. Die Orte, an denen diese Menschen leben, spiegeln die fehlende Bereitschaft der Gesellschaft, diese Menschen in ihrer Gesellschaft zu akzeptieren. Selbst ihre Angehörigen tun sich schwer. Anders gesagt: Gesellschaft ist immer exkludierend, immer von dem Bedürfnis nach Exklusion bestimmt, die mitunter einfach nur mit karitativer Rhetorik bemäntelt wird. Die Beschreibung des Zimmers von Frau Nachtweih zu Beginn der ihr gewidmeten Erzählung endet mit den Sätzen: <em>„Hier ist Endstation, ‚Sense‘, wie Albert immer sagt. Oder er sagt: ‚Finito.‘“</em> Und besuchende Vertreter:innen der Träger der Pflegeeinrichtungen tätscheln – wie Frédéric Valin in „Ein Haus voller Wände“ beschreibt – den „Patient:innen“ schon mal gerne die Wange. Manchmal erwischen sie dabei auch eine Pflegekraft.</p>
<p>„Pflegeprotokolle“ und „Ein Haus voller Wände“ sind im Grunde Erfahrungsberichte, teilweise mit Reportage-Charakter, auf jeden Fall eher als Sachbücher zu lesen, obwohl die Erzählbände ebenso von den Situationen leben, die dort beschrieben werden. Alle Texte leben von einer sehr sensibel gehandhabten Mischung von Empathie und Distanz. Dazu gehört auch Unwille und Ungeduld. Es gibt Patient:innen, die man als Pfleger:in einfach nicht mag, die einem unangenehm sind, die mit der ein oder anderen ständigen Macke nerven, aber es gehört eben auch zu dem Spiel zwischen Empathie und Distanz, sich dies als Pflegekraft einzugestehen.</p>
<p>Der Erzähler von „Frau Nachtweih wünscht zu sterben“ ist Pfleger der Protagonistin. Sie lebt in einem Haus, einem Heim, das der Erzähler als <em>„Irrenghetto“</em> bezeichnet, in dem er zwischen den dort lebenden beziehungsweise vegetierenden Menschen unterscheidet: <em>„Trotzdem, die Nachtweih ist mir lieber als der Hasenberger. Ich mag die Irren nicht. Die mit den Frontalhirnschäden, wie den Hasenberger. Bei Frontalhirnschäden ist der Charakter kaputt.“ </em>Aber wie erlebt ein Mensch sein Leben, der nicht mehr essen kann, aber fein säuberlich seine Rezepte abheftet? Frau Nachtweih ist da scheinbar einfach: <em>„Fünfundvierzig, Schlaganfall, Halbseitenlähmung links, depressiv und in Folge von Fresssucht übergewichtig. Steht alles so in der Krankenakte.“</em> Der Hasenberger hat keinen Frontalhirnschaden, er <u>ist</u> ein Frontalhirnschaden, und die Nachtweih – bei beiden spart sich der Erzähler den Vornamen oder das höflich einleitende „Herr“ oder „Frau“ – erst einmal das, was in der <em>„Krankenakte“</em> steht. <em>„Das ganze Haus ist ein Dorf voller Irrer. (…) Dreieinhalbtausend Leute wohnen dort, alle behindert oder bekloppt oder beides.“</em></p>
<p>In „Der Vorgang“ beschreibt Frédéric Valin den <em>„Fall“</em> „Sylvia“ – was auch immer das heißen mag, denn Menschen sind wie Frédéric Valin mit Recht anmerkt keine Fälle. Schauplatz ist ein kleines Dorf, <em>„ein kleines Kaff, irgendwo weit außerhalb, inmitten eines</em> <em>Waldes, in dem Wildschweine leben. // Und Behinderte oder Alte, das ist aus technischer Sicht das Gleiche. Sie wohnen hier, wie sie können, in ambulanter Betreuung oder in Wohngruppen, man hat einen Kindergarten zwischenreingebaut und eine Station zur U-Haftvermeidung für Jugendliche. Weiter hinten stehen noch ein paar echte Häuser (…).“ </em>Diese Menschen sind Bewohner:innen eines Ortes der Unwirklichkeit, es sind eben keine <em>„echten Häuser“</em>, sie leben in der Außensicht vielleicht so etwas wie ein falsches Leben im richtigen. Sie sind Ausgeschlossene oder vielleicht passt ein anderer Begriff besser: Ausgelagerte, Menschen, die uns nicht berühren, weil wir sie nie treffen werden, es sei denn, wir gehören zu dem Personal – auch das ein doch sehr technisch-bürokratischer Begriff –, dessen Zuständigkeit (!) darin besteht, die Grundbedürfnisse dieser Menschen zu befriedigen, welche auch immer das sein können.</p>
<p>Manche dieser Menschen leben nicht in Heimen, sondern an eigentlich zuversichtlich stimmenden Orten. So beispielsweise die Rentner:innen, die in „Lea lacht“ (aus „In kleinen Städten“) sich in Albufera an der Algarve aufhalten. Es gibt solche Resorts, in die sich alte Menschen zurückziehen, auch in der Wirklichkeit. Aber auch die dort lebenden Menschen sind für Auswärtige, zufällige Besucher:innen aus der <em>„echten“</em> Welt als Outsider erkennbar, denn <em>„sie tragen Kleidung, die aus einem Caritas-Sack stammen könnte, das Alter hat sie jede Scham vergessen lassen. Sie sind hier ohnehin unter sich.“</em> So leben sie dahin. Wenn Lea <em>„das Wort ‚Lebensweg‘ hört, lacht sie immer.“ </em>Andere verabschieden sich aus einer solchen Welt mit Alkohol, so zum Beispiel eine zentrale Person der Erzählung „Der Trinker“ („In kleinen Städten“): <em>„Es gibt nur einen Zustand, in dem der Zusammenhang keine Rolle mehr spielt, in dem die Welt auseinanderfallen darf: Das ist der Rausch.“</em> Etwas später der Kommentar des Erzählers: <em>„ein fürchterlicher Zustand“. O</em>der vielleicht doch nicht: <em>„Genau diese Momente, in denen nichts geschieht außer dem eigenen Atmen (…) Eindruck von Ewigkeit.“</em></p>
<p><strong>Ein paar Sätze mit Frédéric Valin über das Glück</strong></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Von außen identifizieren wir schwer Erkrankte mit ihrer Krankheit. Sie werden zu Akten, zu Fällen. Sie zeigen in ihren Erzählungen aber, was diese Menschen wirklich sind, was sie im <em>„echten“</em> Leben waren: <em>„Die Nachtweih ist früher mal Künstlerin gewesen, Eiskunstlauf erst, und später dann Malerin. Gedichtet hat sie auch ein bisschen. Jeden Abend ist sie auf irgendeiner Vernissage rumgegondelt und hat in irgendeinem Club gefeiert, mit der halben Stadt war sie befreundet, Bussi hier und Bussi da, noch ein Sektchen, aber gerne, so lief das. Solche Freunde kommen nicht zu Besuch, nicht hierher, man trifft sich oder man trifft sich eben nicht.“ </em>Sie beschreiben ausführlich, welche Unannehmlichkeiten die Menschen in der Einrichtung verursachen, welche Gerüche, welchen Schmutz. Frau Nachtweih weint, als der Erzähler, ihr Pfleger, ihr einige Verse aus einem ihrer beiden Gedichtbände vorliest. Ist das Glück?</p>
<div id="attachment_4078" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.verbrecherverlag.de/shop/pflegeprotokolle/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4078" class="wp-image-4078 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/11/Valin_PFLEGEPROTOK_Cover_300ppi-e1700637253248-300x180.jpg" alt="" width="300" height="180" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/11/Valin_PFLEGEPROTOK_Cover_300ppi-e1700637253248-200x120.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/11/Valin_PFLEGEPROTOK_Cover_300ppi-e1700637253248-300x180.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/11/Valin_PFLEGEPROTOK_Cover_300ppi-e1700637253248-400x241.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/11/Valin_PFLEGEPROTOK_Cover_300ppi-e1700637253248-600x361.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/11/Valin_PFLEGEPROTOK_Cover_300ppi-e1700637253248-768x462.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/11/Valin_PFLEGEPROTOK_Cover_300ppi-e1700637253248-800x481.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/11/Valin_PFLEGEPROTOK_Cover_300ppi-e1700637253248-1024x616.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/11/Valin_PFLEGEPROTOK_Cover_300ppi-e1700637253248-1200x722.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/11/Valin_PFLEGEPROTOK_Cover_300ppi-e1700637253248-1536x924.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/11/Valin_PFLEGEPROTOK_Cover_300ppi-e1700637253248.jpg 1629w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-4078" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Frédéric Valin</strong>: <em>Da kann auch Glück dabei sein. Ich will aber gar nicht für Frau Nachtweih sprechen, bin aber nicht unglücklich mit dieser Interpretation. Denn das wird oft nicht gesehen. Gerade bei Demenz. Ich denke an das Buch von Tilman Jens, dem Sohn von Walter Jens. Es ist eines der besten Demenzbücher, weil es so unglaublich misslungen ist, sein Versuch, der Geschichte einen Sinn unterzuschieben, sein Scheitern. Es zeigt aber auch, wie gewaltvoll das Überstülpen der eigenen Sicht der Dinge auf das Leben des dementen Menschen ist. Einerseits rächt sich der Sohn mit dem Buch an seinem Vater, anderseits trauert er auch, ein Gefühlsgemenge, mit der er aber besser an die Realität herankommt als beispielsweise Arno Geiger in „Der alte König in seinem Exil“.</em></p>
<p><em>Wir haben in der Pflege immer gesagt: Die meisten Menschen bekommen die Demenz, die sie verdienen. Das klingt vielleicht ein bisschen brutal, aber es ist doch mein Eindruck. Ich habe Menschen gesehen, die unglaublich glücklich waren, Menschen, die offen für ihr Leben waren, die sich etwas zutrauten, für die waren die meisten Tage schön. Das habe ich auch bei Schädelhirntraum so erlebt. Stark individuell denkende Menschen hatten es da schwerer, nach einem Schlaganfall zum Beispiel. Wir Intellektuellen sind besonders gefährdet, dass wir damit viel schlechter zurechtkommen. Je intellektueller und je individualisierter der Lebensentwurf vorher war, umso schwerer ist es wohl, mit Verlusten umzugehen, dem Verlust der Sprachfähigkeit, dem Verlust der Gangfähigkeit, der Konzentrationsfähigkeit, all das, was ein Schlaganfall bewirkt, während viele Handwerker:innen nach meiner Erfahrung viel besser darin waren, die Situation anzunehmen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Als meine Mutter starb, war mein Vater bereits in einer fortgeschrittenen Phase seiner Demenz. Er war friedlich, freundlich. Zur Beerdigung seiner Frau, mit der er 59 Jahre verheiratet war, konnten wir ihn nicht mitnehmen. Er blieb bei seiner polnischen Betreuerin Anetta, einer wunderbar empathischen Frau. Auf seinen Platz in der Trauerhalle legte ich eine Rose. Eine Woche später erzählte er mir, dass gleich um 5 Uhr nachmittags Leute kämen, die die Wohnung ausräumen und alles auf die andere Rheinseite bringen würden. Das habe in der Zeitung gestanden. Niemand kam. Einige Tage später wurde mir klar, was er erzählte. Er hatte die Todesanzeige meiner Mutter gesehen, er wusste, dass sie auf der anderen Rheinseite beerdigt wurde, einige Tage vor unserem Gespräch wurde das Krankenbett meiner Mutter vom Pflegedienst abgeholt. Er hatte eine eigene Version der Ereignisse geschaffen. Aber als niemand kam, war auch alles gut. Er konnte sich damit abfinden.</p>
<p><strong>Frédéric Valin</strong>: <em>Es ist nicht so wichtig, was demente Menschen erzählen, es ist nicht wichtig, ob das objektiv stimmt, und es ist eine objektiv falsche Sache, sie zu korrigieren. Einfach stehen lassen. Man kann einem dementen Menschen keine geordnete Wahrnehmung verordnen, in dem Sinne, wie sich das die nicht-dementen Menschen so vorstellen. Bei den eigenen Eltern fällt es besonders schwer. Eltern waren ja eine Instanz, zu der man als Kind aufsah, aber dennoch: die von der Wirklichkeit abweichende Wahrheit stehen lassen! Das wird umso schwerer, je intensiver die persönliche Beziehung ist. Dann hilft ganz häufig, wenn jemand von außen die gemeinsame Realität beschreibt: die Realität ist in der Regel dann der Streit, der aus der unterschiedlichen Sicht, der Verunsicherung entsteht.</em></p>
<h3><strong>Sprachlosigkeit</strong></h3>
<p>In der Erzählung „Mimoun“ (aus: „Randgruppenmitglied“) wohnt – niemand weiß so recht wie es dazu kam – plötzlich ein Dritter in der Wohnung eines Paares. Ein Geflüchteter? Ein Obdachloser? Ein wie auch immer Verlorener, im <em>„echten“</em> Leben Gescheiterter? Oder etwas von allem? In einer Nebenbemerkung erfahren wir, dass Deutsch nicht seine Muttersprache ist. <em>„Und dann war er hier gestrandet“</em>. Er richtet sich ein, die Kommunikation zwischen den – so ließe sich sagen – Mitgliedern der zufälligen Wohngemeinschaft ist eher spärlich. Er ist einfach da, niemand weiß woher und warum und was er denkt: <em>„Wir hatten längst vergessen, woher wir ihn kannten. Wir erinnerten uns dunkel daran, wie er hieß, aber was er machte, woher er kam, wann wir ihn das letzte Mal getroffen hatten, all das wussten wir nicht mehr. Wir beratschlagten mit gedämpften Stimmen: Vielleicht war das Anfang September gewesen, unser letztes Grillen im Park. Oder war es bei diesem Flohmarktbesuch gewesen, als wir uns nicht einigen konnten, welche Art Couchtisch wir in der neuen Wohnung… Oder (…)“</em></p>
<div id="attachment_4079" style="width: 222px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.verbrecherverlag.de/shop/randgruppenmitglied/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4079" class="wp-image-4079 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/11/Randgruppenmitglied-212x300.jpg" alt="" width="212" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/11/Randgruppenmitglied-200x283.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/11/Randgruppenmitglied-212x300.jpg 212w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/11/Randgruppenmitglied.jpg 220w" sizes="(max-width: 212px) 100vw, 212px" /></a><p id="caption-attachment-4079" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>In einer einzigen Wohnung vollzieht sich die Sprachlosigkeit zwischen denen, die schon immer da waren, und denen, die irgendwie dazu kamen, nicht anders als wir sie im Stadtteil, in der Gesellschaft erleben, ohne darüber nachzudenken, was wir da eigentlich erleben. Mimoun ist höflich, er fragt immer, ob er dies oder jenes benutzen darf. Seine Mitbewohner:innen fragen nicht nach. Es ist ein wenig wie im Parzifal-Mythos, wo ja auch eine verpasste Frage alle folgenden Verwirrungen der Geschichte verursacht. Aus seinen Essgewohnheiten ließe sich vielleicht erschließen, woher er kam – er entdeckt Safran und freut sich, macht Hummus aus dem Kichererbsenvorrat. Seine braune Haut. Vielleicht kam er aus einem orientalischen Land? Vielleicht ließe sich auch erfragen, was ihn von dort vertrieb, aber seine Mitbewohner:innen nehmen es so hin wie es ist: <em>„Mimoun. Wir haben ihn nie gefragt. Das gehörte zum Spiel: Wir wollten es nicht wissen. Das Raten machte uns Spaß.“</em></p>
<p>Doch dann ändert sich Mimouns Verhalten. Er wird nervös, reagiert nicht mehr auf seine Mitbewohner:innen, möchte alle harten Konsonanten verschwinden lassen, allen voran das <em>„t“</em>, will <em>„eine neue Sprache“</em>. <em>„Nichts zischendes, nichts hartes, wir brauchen eine neue Sprache, wir brauchen eine menschliche Sprache, wir brauchen …“</em> Niemand fragt, niemand versucht die Verhaltensänderung zu erkunden. Die Sprache, die er wünscht, soll so etwas <em>„wie das Gegenteil des Hebräischen“</em> sein. Ein Indiz für eine arabische Herkunft?</p>
<p><em>„Irgendwann war Mimoun verschwunden.“</em> Seine Mitbewohner:innen beratschlagen, was geschehen sein könnte. Sie finden ein Bündel, darin einen Dolch, an dem sie sich schneiden, einige Briefe und Bilder, darauf eine Frau, mit oder ohne Mimoun, an unterschiedlichen Orten. Sie bleiben sprachlos oder verschlug es ihnen die Sprache? Aber wie sollte ihnen die Sprache verschlagen, wo sie doch auch zuvor nicht, zumindest nichts Substanzielles, gesprochen hatten und dies auch weiterhin nicht tun. <em>„Zwei Stunden saßen wir auf dem Sofa und sahen uns nicht an.“</em></p>
<p>Da war aber doch noch etwas, ein Umschlag mit zahlreichen zerrissenen Dokumenten, Rechnungen, Kündigungen. <em>„Mimouns zerrissene Überreste.“</em> Sie warten, vielleicht kommt er wieder. <em>„Vielleicht können wir ihm helfen, vielleicht gibt es noch irgendwas zu tun.“</em> Und dann finden sie noch etwas: <em>„In seinem Regal liegen seine Sachen, und unter dem Sofa haben wir einen Zettel gefunden, ein Überrest seiner Sprachstudien. Darauf hat er mit grünem Filzstift und mit seiner zittrigen Handschrift fünfzig oder hundertmal groß ein einziges Wort geschrieben, das ganze Blatt voll. Flucht, Flucht, Flucht. Flucht. Flucht. Und immer hat er das t weggestrichen. // Nicht einmal das Wort durfte ein Ende haben.“</em></p>
<p>Ähnliche Sprachlosigkeit sehen wir auch in der Erzählung „Punk Dead“ (aus: „Randgruppenmitglied“). Die dort beschriebene Kultur – wenn ihre Mitglieder überhaupt wissen, das sie eine ist – existiert ebenso am Rande der Gesellschaft wie die <em>„Häuser voller Wände“</em>. Da blieb nicht viel übrig, <em>„was man als Teenager hätte sein können: Punkt, Nazi oder Hip-Hopper“</em>: <em>„Wir waren so sehr Provinz, wir hatten noch nicht einmal Subkultur. Der nächste soziale Brennpunkt war ein Asylbewerberheim in vierzig Kilometer Entfernung.“</em> In der Erzählung wird eine Art Imitation von Subkultur beschrieben, in der es aber Jochen gibt, so <em>„eine Art Farbtupfer“</em>, <em>„in jener Übergangsphase, die nur Landkinder erleben“</em>. Jochen hatte Musik, die die anderen nicht kannten: <em>„Ich mochte die Musik nicht, ich war klassisch sozialisiert. Doch Jochen gefiel mir. So müssen sich liberal-konservative Bürgermeister fühlen, wenn sie ein gut-integriertes Mitglied der Gesellschaft mit Migrationshintergrund über ihren Marktplatz spazieren sehen.“</em> Mimoun und Jochen haben etwas gemeinsam? In der Außensicht? Warum reden? Einfach schauen! Und wieder sieht es aus, als gäbe es so etwas wie ein falsches Leben im richtigen? Oder doch das richtige Leben im falschen, das es – wenn wir Adorno glauben wollen – eigentlich gar nicht geben sollte? Aber wer will eigentlich darüber richten, welches Leben das richtige ist?</p>
<p>In „Punk Dead“ werden die üblichen pubertären Illusionen von diversen Genüssen beschrieben, auch sie alle Imitate eines anderen Lebens, von dem man eigentlich gar nicht weiß, wie es wirklich sein könnte und ob es das überhaupt außerhalb des eigenen Dorfes gibt: Zigaretten, Jägermeister. Als der Erzähler, der in der ersten Person Plural erzählt, Jochen später wieder trifft, ist dieser zum Unternehmensberater geworden, er will Chinesisch lernen, für die <em>„Karriere“</em>. Ähnlich wie in „Mimoun“ gibt es die Zurückbleibenden und die Reisenden, nur mit dem Unterschied, dass Mimoun offenbar in ein unsicheres Nirgendwo, Jochen jedoch in ein ihn gesellschaftlich erhöhendes Irgendwo reist. Die Mitbewohner:innen in Jochens Dorf und in Mimouns Wohnung, die nicht seine ist, bewegen sich nicht. Sie bleiben wo sie sind. Jochen ließe sich nach seinem Abschied sicherlich finden, Mimoun jedoch wohl kaum. Diejenigen, die zurückbleiben, verbleiben in ihrer ereignisarmen Sprachlosigkeit.</p>
<h3><strong>Im Gespräch mit Frédéric Valin über soziale Arbeit und die Politik</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Immer wieder gibt es in ihren Büchern die Spanne zwischen Inklusion und Exklusion, auch Exklusion von links, wie sie Peter Bierl beschrieb. Ist Inklusion überhaupt möglich?</p>
<p><strong>Frédéric Valin</strong>: <em>Inklusion – so wie sie praktiziert wird – geht nach meiner Erfahrung zu Lasten derjenigen, die inkludiert werden sollten, weil man von ihnen mehr verlangt als vom Rest der Gesellschaft. Wenn es dann keinen politischen Anspruch gibt, den die soziale Arbeit zurzeit als Fach nicht ausreichend hat &#8211; auch wenn es einzelne Bereiche und Akteure gibt, die politisch denken- funktioniert das nicht. Eigentlich kämpft die soziale Arbeit darum, dass sie von umgebenden Professionen ernstgenommen wird, Medizin und Jura, das sind die Bereiche, mit denen sie am meisten zu tun haben, die werden ernst genommen, aber soziale Arbeit?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Irgendwie landet soziale Arbeit immer wieder in der Rolle der Feuerwehr, die eingreifen soll, wenn es brennt. Mit kontinuierlicher Prävention hat ein solches Bild oft nichts zu tun. Mit Inklusion schon gar nicht.</p>
<p><strong>Frédéric Valin</strong>: <em>Ich zitiere in diesem Kontext gerne </em><a href="https://virtuelleakademie.ch/good-practice-beispiele/theorielinien/die-systemistische-theorie-sozialer-arbeit-nach-silvia-staub-bernasconi/"><em>Silvia Staub-Bernasconi</em></a><em>, eine der Ikonen der sozialen Arbeit, und ihren Professionalisierungsgedanken, innerhalb des Systems die eigene Stellung verbessern. Sie macht es daran fest, dass die soziale Arbeit die Profession der Menschenrechte wäre, sie nimmt damit Partei für die Entrechteten. Das halte ich für eine Fehlannahme, die Menschenrechte sind auch in Medizin und Jura von Bedeutung, sie sind die Grundlage aller Gemeinschaft. Das als Profession für sich zu reklamieren, scheint mir gleichermaßen anmaßend und unklug. Es kann außerdem nicht nur darum gehen, Zumutungen auszugleichen, es braucht auch eine positive Vision, sonst brennst Du ja aus.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das kenne ich aus der Schule. Die Jugendhilfe, die soziale Arbeit ist dazu da, die Probleme zu lösen, die Schule nicht lösen kann. Schule delegiert ihre Verantwortung für alles, was ihr schwierig erscheint, auf die soziale Arbeit. Die soll es dann richten. Soziale Arbeit gerät dann manchmal in die Rolle einer Art Heilslehre. Der Pädagogik geht es dann wie Medizin und Jura, alles nur wirkungslose Technik.</p>
<p><strong>Frédéric Valin</strong>: <em>Absolut. Das ist dann auch so ein Marker. Überall wo die soziale Arbeit aktiv wird, da ist ja schon ein Problem. Das stigmatisiert die Betroffenen <u>und</u> die Profession! Die Schule – das höre ich auch von Freundinnen und Freunden – ist das größte schwarze Loch in der sozialen Arbeit. Manchmal hat man Glück, und eine Lehrer:in ist offen, dann kann das klappen, aber wenn man Pech hat und die Lehrer:innen juckt es absolut nicht, sind überfordert, versanden alle Versuche, Hilfe zu organisieren. Fragt man Lehrer:innen, was die Kernaufgaben der Kinder- und Jugendhilfe sind, wissen sie nicht zu antworten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich kann das Beispiel eines Schulaufsichtsbeamten nennen, der meinte, die Jugendhilfe wäre nur für Jugendliche, aber nicht für Kinder zuständig. In der Grundschule hätte sie daher nichts zu suchen. Im Jahr 2022! Kein Einzelfall.</p>
<p><strong>Frédéric Valin</strong>: <em>Ja, das meine ich. Und es ist nicht nur die Schule. Das Problem einer Unsichtbarkeit der Sozialen Arbeit und der Pflege besteht fast überall. In der öffentlichen Wahrnehmnung wird das dann oft zu so einem undefinierten Brei.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir müssen auch ambulante Hilfen von stationären Einrichtungen unterscheiden. Menschen, die in geschlossenen Einrichtungen leben, haben eine Gemeinsamkeit: sie wurden aus ihrem ursprünglichen Lebenszusammenhang herausgerissen, oft ohne jede Rückkehroption. Förderschulen funktionieren als teilstationäre Einrichtungen ganz ähnlich.</p>
<p><strong>Frédéric Valin</strong>: <em>Das ist auch das Elend der UN-Behindertenrechtskonvention. Deutschland hat diese erst sehr spät ratifiziert und setzt sie nicht um. Während der Pandemie hat man gesehen, wie schnell die Einrichtungen wieder zu Verwahranstalten, zu besseren Gefängnissen wurden. Da spielt einiges eine Rolle, auch die Idee der Behindertenwerkstätten, die ihren Auftrag nicht erfüllen, weil sie billige Arbeitskräfte bieten. Das ist pure Ausbeutung. Ich habe einmal eine besichtigt, in der die Menschen Fußbodenheizungen und Bindungen für Langlaufskier herstellten. Sie wurden mit 100 EUR im Monat abgespeist.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das liegt niedriger als Gefängnisgehälter. Es gibt für die Arbeit in Gefängnissen ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, dass diese mit zwei EUR pro Stunde nicht zulässig waren! (<a href="https://www.lto.de/recht/nachrichten/n/bverfg-2bvr16616-2bvr91417-2bvr168317-gefangenenverguetung-strafvollzug-lohn-resozialisierung/">Urteil vom 20. Juni 2023, Az. 2 BvR 166/16; 2 BvR 1683/17</a>)</p>
<p><strong>Frédéric Valin</strong>: <em>Eigentlich sollte die Arbeit in einer Behinderteneinrichtung, einer sogenannten „Beschützenden Werkstatt“, den Weg in den Ersten Arbeitsmarkt ermöglichen, aber für die meisten Menschen ist das eine Sackgasse, da kommt vielleicht ein Prozent der Leute wieder raus.</em></p>
<p><em>Das Wichtigste ist, die Leute zu bestätigen, auch wenn sie einen nerven. Ihre Leistungen anerkennen. Die körperliche Belastung der Arbeit habe ich nicht beschrieben, weil das schnell zu einem voyeuristischen Blick führt. Das liest man oft in solchen Büchern und es macht die Leute zu Freaks.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Hilft politisches Engagement?</p>
<p><strong>Frédéric Valin</strong>: Generell schon. Aber ich <em>bin dafür nicht so richtig gut gemacht. All diese Sitzungen, diese Gremien. Ich habe Freund:innen, die sich politisch engagieren, die erreichen auch wichtige Dinge. Ich bin eher jemand, der im Hintergrund Expertise beisteuert. Politik braucht eine Art von Geduld, die ich nicht aufbringen kann.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist auch viel Beziehungsarbeit, man muss zu Leuten nett sein, zu denen man das eigentlich nicht sein möchte.</p>
<p><strong>Frédéric Valin</strong>: <em>Das kann ich auch nicht so gut.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Im politischen Spektrum sehe ich Sie eher auf der linken Seite, aber das ist zurzeit auch keine einfache Sache. Die sozialistische Partei in Frankreich ist marginalisiert und wird auf absehbare Zeit wohl kaum die Chance haben, eine Präsidentschaftswahl zu gewinnen.</p>
<p><strong>Frédéric Valin</strong>: <em>Es gibt so viele Fehleinschätzungen von der Seite der Linken. Viele dachten anfangs, Emmanuel Macron wäre auch ein Linker. Sie ließen sich von dem Bewegungscharakter seiner Partei täuschen. Zwei Faktoren sind dabei augenscheinlich wichtig: seine entschiedene Ablehnung des Front National beziehungsweise des heutigen Rassemblement National und seine pro-europäische Haltung. Das haben viele mit einer linken Position verwechselt. Diese Verwechslung fand ich häufiger, sogar in der taz, vor allem bei Leuten, die dem Realo-Flügel der Grünen nahestehen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Akteure des Realo-Flügels der Grünen sind gut bürgerlich, liberal, urban, in der Regel sehr gebildet und finanziell gut situiert, aus meiner Sicht durchaus vergleichbar mit dem sozialliberalen Flügel der FDP in den 1970er Jahren mit Gerhart R. Baum, Hildegard Hamm-Brücher oder Karl-Hermann Flach.</p>
<p><strong>Frédéric Valin</strong>: <em>Und ein bisschen Ökologie dazu. Im Pflegebereich findet man manchmal übrigens sogar bei der FDP ganz interessante Positionen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mit Gerhart R. Baum habe ich mal über das ökologische Programm der FDP-Innenminister der frühen 1970er Jahre sprechen können, das Helmut Schmidt dann kaputt gemacht hat. In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre entwickelte sich dann auch die FDP wieder vom Sozialliberalen zum Neoliberalen hin, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/vorwaerts-und-laengst-vergessen/">was ja auch in der SPD eine Rolle spielt, die sich dann spätestens mit der Regierung Schröder auf die neoliberale Seite schlug</a>.</p>
<p><strong>Frédéric Valin</strong>: <em>Das ist die Zeit, in der ich politisiert wurde. Eine der großen Tragödien meiner politischen Großwerdung ist das Scheitern der Anti-G8-Proteste, die ihr Ende fanden mit den Anschlägen auf das World-Trade-Center und mit Genua. Es gab viel Mobilisierungspotenzial, aber auf diese Anschläge hatte die globalisierungskritische Linke keine Antwort mehr.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es gab schon einige Bewegungen: Attac, Occupy Wallstreet, mit Vorbehalt nenne ich die französischen Gelbwesten, die aber bei Weiten nicht so reflektiert agieren wie beispielsweise die Gründer:innen von Attac.</p>
<p><strong>Frédéric Valin</strong>: <em>Die Gelbwesten sind nur vom Namen her eine Bewegung. Die lokalen Bündnisse haben völlig verschiedene Ziele, agieren in unterschiedlichen Gemengelagen. Das haben viele für links gehalten, das sehe ich anders.</em></p>
<h3><strong>Outsider und Insider im Fußball</strong></h3>
<div id="attachment_4080" style="width: 230px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.verbrecherverlag.de/shop/zidane-schweigt-die-equipe-tricolore-der-aufstieg-des-front-national-und-die-spaltung-der-franzoesischen-gesellschaft/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4080" class="wp-image-4080 size-full" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/11/Zidane.jpg" alt="" width="220" height="293" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/11/Zidane-200x266.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/11/Zidane.jpg 220w" sizes="(max-width: 220px) 100vw, 220px" /></a><p id="caption-attachment-4080" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Fußballspieler haben in der Regel keine finanziellen Probleme, sie sind auch in der Regel eher apolitisch. Aber nicht immer, manche sind zumindest als Figuren des öffentlichen Lebens politisch präsent, selbst wenn sie sich selbst nicht äußern, sondern schweigen. Frédéric Valins Essay „Zidane schweigt“ fängt recht dramatisch an: <em>„Der Titelgewinn 1998 kommt zu einer untypischen Zeit: Gerade in Frankreich sind die 90er eine Zeit des Niedergangs, eine Epoche der lähmenden Krise. Nach Fukuyamas ›Ende der Geschichte‹ füllen Apokalypsen die Feuilletons: Der Kommunismus ist passé, die Revolution endgültig Historie, selbst die Literatur gilt als erledigt. Das Land ist müde. Seit 1974 geht nichts mehr voran.“</em></p>
<p>Dann kam vieles anders und manchmal gingen auch die falschen Dinge voran. Aber der französische Fußball feiert immer wieder Erfolge. Fußball als Politikersatz? Frédéric Valin benennt die sportlichen Erfolge Frankreichs in den 1990er Jahren, zu denen eben Namen wie die Sprinterin Marie-Jo Pérec, die Fechterin Laura Fessel, der Judoka Djamel Bouras, die Eiskunstläuferin Surya Bonalys und der Fußballer Basile Boli gehören. Es ist die Zeit, in der die Eingewanderten in Frankreich sichtbar werden, eben gerade auch über ihre Erfolge im Sport, die aber vielleicht auch ein Erfolg des Bildungssystems sind. Sie sind Outsider, die Insider werden, zumindest für eine bestimmte Zeit. Welche Stimme haben sie, finden sie Gehör? Und wenn sie es findet, ist das von Dauer?</p>
<p>Zunächst ist da die Euphorie in der Sportnation Frankreich, die sich neu entdeckt, nachdem sie lange Zeit – so Frédéric Valin – eher den Ruf des sympathischen Verlierers hatte. <em>„Die Ära des Erfolgs kommt nicht zufällig. Freilich, Leistungssport ist sich selbst nie genug, seine Organisation folgt einer Ideologie. Schon zu Beginn des neuzeitlichen Sports, im England der 1830er Jahre, legen die Gründungsväter Wert darauf, dass durch ihn moralische Ideale vermittelt würden. Diese Ideale – wie beispielsweise das ‚fair play‘ – sind vage genug, um anschlussfähig an ganz unterschiedliche politische Strömungen zu bleiben, sie schwingen im Hintergrund immer mit, ohne offen ausgesprochen werden zu müssen. In Frankreich haben bereits in den 60ern Kommunisten und Gaullisten in seltener Einigkeit daraus eine politische Doktrin gemacht. Der Sport als gesellschaftlicher Zement und Mittel der Erziehung.“</em></p>
<p>Zu den zentralen Figuren des französischen Sports und der französischen Politik gehört aber auch Bernard Tapie, Manger von Olympique Marseillais, der als Unternehmer unter anderem mit adidas einige Erfolge hatte, Minister wurde, dann aber zu einer Haftstrafe verurteilt wurde, sich aber auch sichtbar gegen den Rechtsextremismus eines Jean-Marie Le Pen engagierte und in Marseille einen so gut wie aussichtslos erscheinenden Wahlkreis für den Parti socialiste gewann. Er war der einzige, der im Fernsehen mit Jean-Marie Le Pen diskutieren wollte. Zum Schluss legte die Moderatorin beiden Boxhandschuhe auf den Tisch. Tapie und Zidane sind im Grunde die beiden komplementären Hauptfiguren des Essays „Zidane schweigt“.</p>
<p>Zunächst gewinnen beide, der Laute und der Leise, aber beliebt ist vor allem der Leise: <em>„Die Republik gibt sich neue Farben: nicht ‚bleu blanc rouge‘, sondern ‚black blanc beur‘ soll das neue Frankreich sein. Jacques Chirac spricht von einer ‚France tricolore et multicolore‘, Zidane gilt Fernsehumfragen zufolge als beliebtester Franzose.“ </em>Das heißt nicht, dass die Bevölkerung das auch durchgehend akzeptiert. Etwa ein Drittel ist der Meinung, dass zu viele Schwarze im Sport aufträten. Frédéric Valin beschreibt im Detail die Tradition – man muss diesen Begriff tatsächlich so wählen – der Aufstände in französischen Vorstädten, brennende Autos, Polizeigewalt. Von Vielfarbigkeit ist nicht mehr die Rede. Etwa zwölf Jahre später sieht das in Frankreich schon anders aus. Es kommt die Zeit, in der Nicolas Sarkozy die Vorstädte mit dem Hochdruckreiniger (er sagt: <em>„un Kärcher“</em>) säubern möchte, eine Formulierung, die auch heute noch von manchen französischen Politiker:innen nicht ohne Zuspruch verwendet wird. Die schwäbische Firma Kärcher kann sich nicht dagegen verwahren. Es ist die Zeit, in der die französische Kolonialpolitik als zivilisatorisches Programm in die Schulbücher hineingeschrieben wird. Auch das ein Produkt der Regierungszeit von Sarkozy. Ein Fußballspiel zwischen Frankreich und Algerien im Stade Saint-Denis am 6. Oktober 2001, kurz nach 9/11, wird zum Skandal. Ein Meer von algerischen Fahnen, bei der französischen Nationalhymne pfeifen viele Zuschauer:innen, und Zinédine Zidane wird jetzt (auch oder vorwiegend?) zur Ikone der Eingewanderten.</p>
<p>Die <em>„Ethnifizierung sozialer Konflikte“</em> nahm ihren Lauf. „Zidane schweigt“ – das ist nicht nur eine exzellente Analyse der Höhen und Tiefen des französischen Fußballs, das Buch bietet eine ebenso exzellente Analyse der Politik und nicht zuletzt des Aufstiegs des Front National ungeachtet der diversen antisemitischen und rassistischen Ausfälle von Jean-Marie Le Pen, zunächst nicht im Parlament, nicht in den Präsidentschaftswahlen, die er nie im Entferntesten gewinnen konnte, wohl aber auf dem Weg zur Meinungsführerschaft, die sich inzwischen auch in anderen Ländern auswirkte. Die heutige Zeit hat Frédéric Valin natürlich noch nicht in diesem Buch berücksichtigen können, aber die heutige Entwicklung kommt dem Bild sehr nahe, das Thea Dorn in einem ZEIT-Artikel für die Strategie von Marine Le Pen und Giorgia Meloni verwendet, die in der Öffentlichkeit sich als <a href="https://www.zeit.de/2022/40/rechtspopulismus-frauen-giorgia-meloni-marine-le-pen"><em>„Löwenmütter“</em></a> zu präsentieren verstehen. Es folgen Allianzen wie sie Thomas Biebricher in seinem Buch „Mitte / Rechts“ beschrieb. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/rechtsgedreht/">Die Konservativen verschwanden</a> und ihre Wähler:innen schwenkten zum Rassemblement National über, nur die eher Vorsichtigen blieben Emmanuel Macron treu, der die Wahlen im Jahr 2022 immerhin noch mit etwa 60 Prozent der Stimmen gewinnen konnte.</p>
<p>Doch zurück zu Zinédine Zidane: <em>„Zidane spricht sehr wenig. Was er ist, was er bedeutet, das lässt er Andere sagen. Er ist das wortlose Zentrum der Erzählungen, eine Hemingway-Figur. Es sind die Anderen, die viele Worte um ihn machen. Zidane ist ein postmoderner Held; einer, der Widersprüche in sich vereint, Projektionsfläche für alle. Verschiedene Konzepte von Identität fallen in ihm scheinbar mühelos zusammen: Er ist der Migrant, der dem Land seiner Vorfahren verbunden bleibt, indem er dort immer wieder humanitäre Projekte unterstützt und öffentlich seine Zuneigung zu Algerien bekundet; er ist aber auch der Vorzeigefranzose, einer der beliebtesten ‚compatriotes‘, der 1998 nach seinem Tor sein Trikot küsst und zu dessen Feier man überall Plakate klebt. Er ist bekennender Muslim, lebt seine Religion aber nicht öffentlich. Er ist das technische Genie am Ball, ein brillanter Vorbereiter, der aber in den wichtigen Spielen seine Tore macht, und gleichzeitig ein unbeherrschter Hitzkopf, der sich in seiner Karriere zehn Platzverweise eingefangen hat.“</em></p>
<p>Die Abgänge von Bernard Tapie und Zinédine Zidane können unterschiedlicher nicht sein, aber dennoch zeigen sie gleichzeitig die unterschiedlichen Möglichkeiten von Außenseitern, die es ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit schaffen, exemplarisch. Doch wer erinnert sich noch an Tapie? Zidane hingegen schaffte es schließlich auch zu einer Hass-Figur, auch dank mancher pseudo-Intellektuellen, unter denen Frédéric Valin Alain Finkielkraut hervorhebt, der es versteht, emotionales Grummeln und Unbehagen zuzuspitzen und zu dramatisieren: <em>„Finkielkraut hat damit den Ton vorgegeben, wie zukünftig über die Mannschaft gesprochen wird. Alles an der Identität der Spieler wird in Frage gestellt: ihr Geld, ihre ethnische Herkunft, ihre soziale Herkunft, ihre Intelligenz. Éric Zemmour, eine Mischung aus Sarrazin und Fleischhauer, bekennt in einer Fernsehsendung: ‚Ich denke, dass Domenech Politik macht, indem er nur schwarze Spieler einsetzt.‘ Die Politik selbst zieht nach. Roselyne Bachelot, die Sportministerin, hält gar eine Rede vor dem Parlament. Es klingt fast so, als würde sie vom Pausenhof einer Problemschule berichten, wenn sie vom ‚Desaster einer französischen Nationalmannschaft‘ spricht, in der ‚unreife Clanführer verängstigte Kinder bevormunden‘.“</em></p>
<p>Sarkozy versteht es meisterhaft, diese Stimmungen aufzugreifen und ist dann auch der <em>„Sargnagel“</em> für Jean-Marie Le Pen, aber gleichzeitig dann auch der Wegbereiter für Marine Le Pen und ihre <em>„dédiabolisation“</em> des Front National, der sich jetzt auch im Namen entmilitarisiert und als eher harmlose Sammlungspartei, als <em>„rassemblement“</em> inszeniert. Dem möglichen Multikulturalismus, den Chirac noch mit seiner Formel von der drei- und vielfarbigen französischen Fahne lobte, fehlte die Grundlage, weil Frankreich – so Frédéric Valin – keine liberale Tradition habe, sondern sich eher in einer Art ständigem Verfall suhlt. <em>„Der Multikulturalismus hat kein überzeugendes Schlagwort gefunden, nur Formeln, die eine Verschlagwortung unterminieren sollen. Eine echte Theorie gibt es nicht.“ </em>Vielleicht ist es das.</p>
<h3><strong>Im Gespräch mit Frédéric Valin über Veränderungen im Fußball</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mir hat in Ihrem Zinédine-Zidane-Buch gefallen, wie Sie Politik und Fußball parallelisierten. Eine Fortsetzung wäre meines Erachtens interessant.</p>
<p><strong>Frédéric Valin</strong>: <em>Das Zidane-Buch hat mir sehr viel Spaß gemacht. Aber eine Fortsetzung ist schwierig. Die eine Ausnahmegestalt im französischen Fußball gibt es so nicht mehr, vielleicht wieder mit Kylian Mbappé? Eventuell bietet sich das an. Ich warte natürlich auch auf das Buch über Zlatan Ibrahimovic. Ich hoffe, dass es das mal gibt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und Deutschland? Ich habe mal den Versuch gewagt, über afrikanischen und afrodeutschen Fußball zu schreiben. Es ist natürlich immer <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-weisse-blick/">ein Blick aus der <em>weißen</em> Perspektive</a>. Sie kennen die Biographie der drei Boateng-Brüder von Michel Horeni (Die Brüder Boateng – Drei deutsche Karrieren, Stuttgart,Klett-Cotta, 2012).</p>
<p><strong>Frédéric Valin</strong>: <em>Ich wohne etwa da, wo George und Kevin-Prince aufgewachsen sind. In Deutschland würde ich mir aber Mesut Özil als Figur auswählen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mesut Özil würde passen, gerade auch in all den Widersprüchen einer halbherzigen Integrationspolitik, mit der wir ihn meines Erachtens im Grunde in die Arme Erdoǧans getrieben haben. Dietrich Schulze-Marmeling hat 2018 ein Buch über ihn veröffentlicht (<a href="https://www.perlentaucher.de/buch/dietrich-schulze-marmeling/der-fall-oezil.html">Der Fall Özil – Ein Foto, Rasssismus und das deutsche WM-Aus</a>, Göttingen, Die Werkstatt, 2018). Gelsenkirchener Umfeld, <a href="https://www.gesamtschule-berger-feld.de/">Gesamtschule Berger Feld</a>, eine Schule, die eng mit dem FC Schalke 04 zusammenarbeitet.  Da waren auch die beiden Altintops und Manuel Neuer. Der eine Altintop spielte für Deutschland, der andere für die Türkei, ähnlich wie bei Kevin und Jérôme Boateng, die für Ghana beziehungsweise für Deutschland spielten. Als die gegeneinander spielten, kündigte die BILD-Zeitung das mit der Schlagzeile an: „Wedding gegen Wilmersdorf“. Aber wahrscheinlich wird das angesichts des Skandals um Jérôme Boateng eher schwierig.</p>
<p><strong>Frédéric Vali</strong>n: <em>Es wäre mir unangenehm, darüber zu schreiben, auch im Kontext der Skandale um Ribéry oder Benzema. Paul Pogba könnte noch eine interessante Figur sein, als Gegenfigur zu Antoine Griezmann, der vielleicht der intellektuellste erfolgreiche Spieler ist, der sich öffentlich auch für LSBTIQ* einsetzt. Ich habe mal ein Interview mit Lilian Thuram gemacht, der auch ein Intellektueller ist. Ich habe ihn nach der jüngeren Spielergeneration gefragt. Das Aufstiegsversprechen des Fußballs spielt dabei eine Rolle. </em><a href="https://www.kicker.de/spurensuche-im-wald-wie-frankreich-so-viele-superstars-ausbildet-806562/artikel"><em>Fontainebleau</em></a><em>, die Nachwuchsakademie des französischen Fußballs war darin sehr erfolgreich, weil sie den Aufstieg erleichterte, allerdings um den Preis, dass man jetzt eine unpolitische, eher hedonistische Generation bekam. Das war früher anders, da gab es in den Talkshows auch Fußballer, die über Rassismus und andere soziale Themen sprachen, zum Beispiel Thierry Henry, das gibt es in dieser Form so gut wie nicht mehr.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ribéry spielt schon eine Rolle im Zidane-Buch, aber das ist nun wieder eine andere Geschichte. Auch über Thierry Henry schreiben Sie im Zidane-Buch. Ich darf eine Passage zitieren, die meines Erachtens geradezu optimistisch stimmen könnte. Als ich sie las, dachte ich: gäbe es diese Leichtigkeit doch auch in der Politik! <em>„Thierry Henry spielt Fußball, wie ein idealer Gastgeber eine Abendgesellschaft führt: Alles, was er tut, wirkt leicht und mühelos, dabei aber immerzu überraschend. (…) Außergewöhnlich macht ihn seine Flexibilität. Stellt man Henry, wie Wenger das in den ersten Jahren tut, in die Mitte, wird er von da Tore machen; stellt man ihn auf den Flügel, macht er zwar weniger Tore, aber stattdessen wird er sie seinen Mitspielern verschaffen. Als er später von der Mitte weggezogen wird, avanciert Henry zum perfekten Vorbereiter: Wie später Klose fehlt ihm die Eitelkeit, sich an persönlichen Quoten messen zu lassen. Er ist ein Stürmer, in dem der Geist des untergegangenen Spielmachers weiterlebt.“</em></p>
<p><strong>Frédéric Valin</strong>: <em>Später habe ich erfahren, dass diese Leichtigkeit bei Henry einherging mit schweren Depressionen. Diese Heroen sind in ja zumeist ambivalent. Entsprechend werden Legenden gestrickt, zum Beispiel um Mbappé, der nicht aus dem „Ghetto“ kommt, wie man denkt, sondern aus einer Mittelschichtfamilie. Das teilt er mit vielen Fußballern der neueren Generation, die interessieren sich nicht mehr so sehr dafür, diese Art von politischer Öffentlichkeit herzustellen. Das hat aber auch damit zu tun, weil der Rassismus in den 1990er Jahren brutaler war als er das heute ist. Da konnte das nur von Sportler:innen und Musiker:innen thematisiert werden, weil das die Bereiche waren, die als erstes eine gewisse Durchlässigkeit hergestellt haben. In Deutschland gab es solche Sendungen in der Form nicht und es gibt sie bis auf wenige Ausnahmen auch heute nicht. Nicht bei Lanz, nicht bei Maischberger.</em></p>
<p><em>Aber vom Fußball bin ich inzwischen doch eher weit abgekommen und habe das durch Schach ersetzt. Eine absurde Sportart, sehr schlecht fürs Ego, also gut für die Persönlichkeit.  </em></p>
<p>Wie es weitergeht mit der Entwicklung des Autors Frédéric Valin, das kann er noch nicht genau sagen. <em>„Ich habe ein halbes Dutzend interessanter Ideen und Ansätze, aber vor allem habe ich jetzt auch ein Kind. Ich hoffe, ich kann der Versuchung widerstehen, ein Buch darüber zu schreiben, Vater zu sein, davon gibt es ja schon mehr als genug.“</em></p>
<h3><strong>Die Bücher von Frédéric Valin im Verbrecher Verlag</strong>:</h3>
<ul>
<li>Randgruppenmitglied (2010, zurzeit vergriffen, Neuauflage laut Auskunft des Verlages für 2025 vorgesehen).</li>
<li>In kleinen Städten (2013).</li>
<li>Zidane schweigt (2018, nur als e-book erhältlich).</li>
<li>Pflegeprotokolle (2021).</li>
<li>Ein Haus voller Wände (2022).</li>
</ul>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im November 2023, Internetzugriffe zuletzt am 20. November 2023. Das Titelbild zeigt <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gale_Algarve_Portugal.jpg">eine der Siedlungen an der Algarve, wie sie im Text erwähnt werden</a>, Foto: Joseywales1961, Wikimedia Commons, <a class="extiw" title="w:en:Creative Commons" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a class="extiw" title="creativecommons:by-sa/4.0/deed.en" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en">Attribution-Share Alike 4.0 International</a>.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Zuschauen mit Sehschwäche</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 30 Jan 2023 08:50:54 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Zuschauen mit Sehschwäche Ein kurzer Rückblick auf den Sport im deutschen Fernsehen Es gab Zeiten, in denen ich mir kaum eine Sportsendung, kaum eine Live-Übertragung eines Wettkampfes habe entgehen lassen. Allerdings war das Angebot in den Zeiten, als es nur drei Fernsehprogramme gab und das Programm in der Regel erst am späteren Nachmittag begann,  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-4 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-3 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-4" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Zuschauen mit Sehschwäche</strong></h1>
<h2><strong>Ein kurzer Rückblick auf den Sport im deutschen Fernsehen </strong></h2>
<p>Es gab Zeiten, in denen ich mir kaum eine Sportsendung, kaum eine Live-Übertragung eines Wettkampfes habe entgehen lassen. Allerdings war das Angebot in den Zeiten, als es nur drei Fernsehprogramme gab und das Programm in der Regel erst am späteren Nachmittag begann, bescheiden. Kult war die Sportschau in der ARD mit Ernst Huberty, in der es den Bundesliga-Fußball vom Tage zu sehen gab. Alle Spiele begannen damals um 15.30 Uhr und endeten gegen 17.15 Uhr, um 18.00 Uhr waren die Filmrollen in Köln. Abwechslungsreicher waren die ARD-Sportschau und die ZDF-Sportreportage am Sonntag sowie am Samstagabend das Aktuelle Sportstudio im ZDF, vielleicht die erste Sportsendung mit einem Hauch von Show-Charakter. Live-Übertragungen gab es in anderen Sportarten gelegentlich, so auch nachts die legendären Weltmeisterschaftskämpfe des Muhammad Ali.</p>
<p>Ich spreche vom Westfernsehen, das auch in den meisten Regionen der DDR empfangen werden konnte. Die Übertragungen von Sportwettkämpfen in der DDR habe ich als Kind und als Jugendlicher nicht verfolgen können. Sport spielte in der DDR eine im wahrsten Sinne des Wortes staatstragende Rolle, Sport war in Radio und TV höchst präsent, allerdings nur in den Sportarten, in denen die DDR bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften glänzte. Eine vergleichende Analyse der Sportberichterstattung in beiden deutschen Staaten wäre sicherlich spannend.</p>
<p>Heute können wir manche Sportarten täglich verfolgen, im Winter fast jedes Skirennen, jedes Skispringen, im Sommer die Tour de France. Ich weiß nicht, wie viele Menschen die Zeit haben, all diese Programme zu nutzen. Beachtet wurden mit der Zeit weitere Sportarten, je nachdem, wie erfolgreich deutsche Athlet*innen sind. Das gilt für den Radsport auf der Straße, das gilt für Tennis. Ohne Jan Ullrich, Boris Becker und Steffi Graf, ohne Niki Lauda und Michael Schumacher wäre die Zahl der Zuschauer*innen in diesen Sportarten vielleicht nicht so gestiegen wie sie dies tat. Die Verkaufszahlen bestimmter Sportausrüstungen stieg mit dem Erfolg deutscher Athlet*innen. Eiskunstlauf war in den 1960er Jahren populär, weil es in Deutschland mit Hans-Jürgen Bäumler und Marika Kilius ein deutsches Paar gab, das – ähnlich wie Jan Ullrich in seinem Sport – als ewige Zweite hinter dem russischen Ehepaar Protopopow abschloss.</p>
<p>Legendär waren Reporter, deren Leidenschaft das Publikum mitriss. Das waren Klaus Angermann für den Radsport, später im Tandem mit Tomi Rominger auf Eurosport, Addi Furler für Galopp und Trab und Werner Hansch, der eigentlich Trabrennen kommentierte, aber eines Tages beim Fußball als Stadionsprecher beim FC Schalke 04 einspringen musste, die Spieler mit Startnummern vorstellte und bei regnerischem Wetter von schwerem Geläuf sprach. Kein genuiner Sportreporter war der österreichische Kabarettist Werner Schneyder, der aber fachkundig und mit Leidenschaft Boxkämpfe sowie das Aktuelle Sportstudio moderierte. Frauen hatten es im Fußball und in den meisten anderen Sportarten lange Zeit sehr schwer. Legendär war der Versprecher von Carmen Thomas, der ersten Frau, die das Aktuelle Sportstudio moderierte und von Schalke 05 sprach. Twitter und Facebook gab es noch nicht, aber einen Shitstorm gab es, ganz analog über die üblichen Verdächtigen der Zeitungsbranche.</p>
<p>Die Zeit der leidenschaftlichen Sportmoderatoren ist vorbei. Heute moderieren Moderator*innen, die eigentlich alles moderieren könnten, ohne dass sie irgendeine Beziehung dazu haben müssen, aber wenigstens holen sie sich in der Regel emeritierte Sportler*innen hinzu, die den fachlichen Teil der Reportage bestreiten. Live-Übertragungen gibt es in diversen Kanälen, mal im Free TV, mal im Pay TV, es gibt eigene Sportkanäle und einige Sportarten, von denen in den 1960er oder 1970er Jahren in Deutschland noch niemand etwas ahnte, eroberten sich ihr Publikum, zum Beispiel American Football und Dart.</p>
<p>Etwas ganz Besonderes waren stets die Olympischen Spiele. In den zwei Wochen des Sommers und des Winters ließen sich Sportarten verfolgen, die nicht so sehr im Rampenlicht standen, manche Reporter*innen nannten sie Randsportarten. Bei den Olympischen Spielen zeigten sich Athlet*innen, die vorher nur Spezialist*innen kannten, die dieselbe Sportart betrieben, wir sehen Ringen, Boxen, Gewichtheben, Rodeln, Skeleton, Fechten, Turnen, Badminton und Tischtennis, Dressurreiten und Eistanz, Eisschnelllauf, Bahnradfahren, Bogenschießen. Wir lernen, welche Sportarten in welchen Staaten besonders populär sind, beispielsweise Badminton und Tischtennis in ostasiatischen Ländern oder Ringen und Gewichtheben in zentralasiatischen Staaten oder in der Türkei.</p>
<p>Inzwischen gibt es einige Sportarten, die den Eventcharakter steigern und von denen manche vielleicht eher in den Zirkus gehören, wie beispielsweise im Winter Parallelslalom, Big Air, Shorttrack, oder die Massenstarts in Langlauf und Biathlon. Der Eventcharakter ließe sich sicher noch steigern. In den <a href="https://www.zeit.de/serie/die-kaenguru-comics">Känguru-Comics von Marc-Uwe Kling und Bernd Kissel</a> gibt es bedenkenswerte Vorschläge zur Kombination zweier Sportarten in einer wie beim Biathlon: Springreiten mit Bogenschießen, Eiskunstlauf mit fünf Bällen, Zauberwürfel-Hürdenlauf. Der tägliche Olympia-Newsletter der ZEIT berichtete von Initiativen zur Einführung von Snow-Volleyball und verwies auf das Tabakweitspucken, das 1904 auf dem Programm stand. Vielleicht – so die ZEIT – hätte angesichts der wirtschaftlichen Interessen Roulette eine Chance? Das ist meines Erachtens gar nicht so weit hergeholt. Der Branchenkanal Sport1 berichtet ausführlich über Pokerturniere. Und wann wird Dart olympisch?</p>
<p>Die Olympiade – eigentlich die Zeit zwischen zwei olympischen Spielen – galt lange Zeit als Zeit der freudigen Erwartung auf ein Treffen junger Menschen, die sich und die Länder, aus denen sie kamen, kennen und schätzen lernen durften – und wir an den Bildschirmen mit ihnen. Das mag vielleicht immer schon ein mehr oder weniger frommer Wunsch gewesen sein. Aber es gab eine Zeit, in der Profis nicht teilnehmen durften, nur Amateure, eine Zeit, in der politische Konflikte während der olympischen Spiele ruhen sollten, auch wenn sie das nicht taten, es gab gemeinsame deutsche Olympia-Teams aus BRD und DDR, aus Nord- und Südkorea. Heute kennen sich die Athlet*innen der jeweiligen Sportarten ohnehin schon alle aus den rund ums Jahr laufenden Wettkämpfen. Es gibt Leichtathletik in der Halle, Rodeln und Skispringen ohne Schnee. Auffällig sind nur einige Exoten wie die in dem Film „Cool Runnings“ verewigter jamaikanische Bobmannschaft oder der Skispringer „Eddie the Eagle“, auch er cineastisch präsent.</p>
<p><em>„Citius – altius – fortius“</em> – das war und ist das olympische Motto, <em>„schneller – höher – weiter“</em>. Darüber, was sich so steigern lassen sollte, könnten wir uns streiten. Höher und weiter kommen wir beispielsweise beim Fechten eher nicht, abgesehen von chinesischen Martial Arts Filmen, als deren künstlerischer Höhepunkt nach dem Trash eines Bruce Lee vielleicht Ang Lees „Crouching Tiger, Hidden Dragon“ gelten mag. Schnelligkeit hingegen dürfte im Fechten schon helfen, zur rechten Zeit den richtigen und den Sieg bringenden Stich anzusetzen. Um jedoch höher und weiter zu kommen, hat sich ein in seiner aktiven Zeit erfolgreicher deutscher Fechter etwas ganz Besonderes ausgedacht: Thomas Bach wurde Chef des Internationalen Olympischen Komitees, kurz IOC. Und so stieg sein Kontostand und er kam weit in der Welt herum: „höher, weiter“ und das – wie das so bei jemandem ist, der über hohen Kontostand und beste weltweite Beziehungen verfügt – immer „schneller“. Er kann mit allen reden, mit allen Diktatoren, sogar mit Peng Shuai konnte er reden, einmal per Video und jetzt live. Ob Peng Shuai ihm auswendig Gelerntes vortrug oder die Wahrheit sagte, wird niemals jemand erfahren.</p>
<p>Thomas Bach ist würdiger Nachfolger eines Avery Brundage (1887-1975), der 1936 wusste, was die Nazis taten, aber beharrlich durchsetzte, dass die US-amerikanische Mannschaft nach Deutschland fuhr, als geschähe dort nichts Unrechtes. Avery Brundage war der IOC-Präsident, der 1972, als eine palästinensische Terrorgruppe elf israelische Sportler*innen ermordete, dekretierte: <em>„The Games must go on“</em>. Alle seine Nachfolger pflegten ihr gutes Verhältnis zu Diktatoren. Die ZEIT präsentiert in einem eigenen Newsletter zu den Olympischen Winterspielen 2022 jeden Tag ein Mitglied des IOC, die sich mit den diversen Diktatoren dieser Welt gut verstehen. So auch Thomas Bach in China, so auch – wir werden es bald sehen – Gianni Infantino in Katar. Korruptionsanklagen gegen IOC-Mitglieder sind an der Tagesordnung.</p>
<p>Aber nicht nur Funktionäre denken so. Als die Fußballweltmeisterschaft in Argentinien zu einer Zeit stattfand, in der dort täglich Menschen verschwanden und ermordet wurden, die der Junta nicht gefielen, sagte Berti Vogts, er habe keine politischen Gefangenen gesehen. Franz Beckenbauer sagte über die offensichtliche Sklaverei auf den Baustellen Katars, er habe keine Sklaven mit Ketten gesehen. Und so handeln die Mitglieder von IOC, FIFA und anderen Organisationen gerne. Eine ehemalige russische Stabhochspringerin, inzwischen auch Mitglied des IOC, besuchte russische Soldaten in Syrien und schwärmte, wie schön es wäre, beim Start der russischen Flugzeuge einzuschlafen. Wie beruhigend.</p>
<p>Thomas Bach und seine Kolleg*innen wissen, was die Stunde geschlagen hat. Ihre Olympischen Spiele brauchen keine Zuschauer*innen, keine Begegnungen der Athlet*innen, die die jeweiligen Teamchef*innen ohnehin gemäß politischer Weisungen zu verhindern wüssten und dank COVID-19 auch ganz einfach verhindern können. Viel wichtiger sind das Geld aus den TV-Übertragungen und das Wohlwollen der Wirtschaft. So sagte Thomas Bach in beispielloser Offenheit, es ginge darum, China als Markt für die Skiindustrie zu öffnen, für Lifte, Skiausrüstungen und Winterkleidung. Das wollen wir doch von Politiker*innen: Offenheit, Ehrlichkeit und Transparenz! Thomas Bach bietet sie. Ich erlaube mir abzuschließen wie <a href="https://wolfgangmschmitt.de/">Wolfgang M. Schmitt</a> in seiner „Filmanalyse“ und zitiere leicht variiert Andrej Tarkowski: wir schauen zu, aber wir sehen nicht.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Februar 2022, Internetlinks wurden am 23. Dezember 2022 überprüft. Titelbild: Hans Peter Schaefer.)</p>
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		<title>Biopolitik</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/biopolitik/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 12 Sep 2022 05:55:14 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Biopolitik Ines Geipel über die Vision eines Neuen Menschen in der DDR „Niemand wusste genau, was im Werden war; niemand vermochte zu sagen, ob es eine neue Kunst, ein neuer Mensch, eine neue Moral oder vielleicht eine Umschichtung der Gesellschaft sein solle. (…) Es wurde der Übermensch geliebt, und es wurde der Untermensch geliebt;  [...]</p>
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<h2><strong>Ines Geipel über die Vision eines Neuen Menschen in der DDR</strong></h2>
<p><em>„Niemand wusste genau, was im Werden war; niemand vermochte zu sagen, ob es eine neue Kunst, ein neuer Mensch, eine neue Moral oder vielleicht eine Umschichtung der Gesellschaft sein solle. (…) Es wurde der Übermensch geliebt, und es wurde der Untermensch geliebt; es wurden die Gesundheit und die Sonne angebetet, und es wurde die Zärtlichkeit brustkranker Mädchen angebetet; man begeisterte sich für das Heldenglaubensbekenntnis und für das soziale Allemannsglaubensbekenntnis; man war gläubig und skeptisch, naturalistisch und preziös, robust und morbid; man träumte von alten Schlossalleen, herbstlichen Gärten, gläsernen Weihern, Edelsteinen, Haschisch, Krankheit, Dämonien, aber auch von Prärien, gewaltigen Horizonten, von Schmiede- und Walzwerken, nackten Kämpfern, Aufständen der Arbeitssklaven, menschlichen Urpaaren und Zertrümmerung der Gesellschaft.“ </em>(Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften)</p>
<p>Robert Musil beschreibt eine Zeit im Umbruch, von der sich im Sinne von Antonio Gramsci vielleicht hätte sagen lassen, dass das Neue, das das Alte ablösen werde, sich ankündigte, jedoch noch nicht zur Welt kommen könne. Es ist die Endphase der kakanischen Monarchie, in der die Herrschenden ebenso wenig wie die Beherrschten glaubten, dass etwas zu Ende gehe. An die bevorstehende Katastrophe glaubte kaum jemand. In dieser Atmosphäre entstand eine Fülle von Ideen und Ideologien – so lässt sich das durchaus nennen –, in denen <em>„ein neuer Mensch, eine neue Moral“</em> versprochen wurde, Ideen, die bis in die heutige Zeit wirken, auch wenn die Akteur*innen, die sie versprechen, inzwischen andere sind. Staatliche Visionen wurden inzwischen nicht nur im sogenannten „Westen“ von Wirtschaftsunternehmen und Marktforschung abgelöst, doch die fatale Wirkung auf den einzelnen Menschen und seine Art, den eigenen Körper wahrzunehmen und zu verändern, bleibt.</p>
<h3><strong>Körperbilder</strong></h3>
<p>Bewegungen, die gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts für sich beanspruchten, ihre eigene Zukunft zu gestalten oder möglicherweise sogar die Zukunft aller Menschen zu dominieren, präsentierten gerne muskulöse Männer, deren Erscheinungsbild sie – in Großbuchstaben geschrieben – als <em>„Neuen Menschen“</em> propagierten. Dies galt für Vertreter der rechten völkisch gesinnten Seite ebenso wie für die der linken sozialrevolutionär denkenden Seite im politischen beziehungsweise gesellschaftlichen Spektrum. Aber auch Minderheiten verwendeten solche Bilder, so beispielsweise Max Nordau mit seiner Vision des wehrhaften <em>„Muskeljuden“</em>. Die zionistische Bewegung verallgemeinerte ihre Vision nicht als Modell für alle Menschen, auch die, die keine Jüdinnen*Juden waren, sie bezog sich ausschließlich auf die Menschen, die sie für eine Ansiedlung in Erez Israel anwarb. Andere Bewegungen – völkische wie kommunistisch-sozialistische – präsentierten sich mit solchen Bildern als die die Zukunft dominierende und möglichst ausschließlich prägende Macht. Wer ihrem Bild nicht entsprach, wurden als schwächlich geschmäht, so eben nicht zuletzt und ganz besonders Juden als Gegenbild in einer verweichlichten Zeit.</p>
<p>Frauenbilder entsprachen diesen Bildern spiegelbildlich. Wer Liebesgedichte von Bertolt Brecht liest, findet dort immer wieder Beschreibungen der geliebten und begehrten Frauen, in denen ihre weiße Haut hervorgehoben wird, ein Widerschein der bürgerlichen Frau, die nicht körperlich arbeitete, nicht der Sonne ausgesetzt war, die selbst im Sommer Handschuhe trug und sich so von der Arbeiter- und Bauernfrau unterschied. Zunächst geht es jedoch in den diversen Ideengebäuden um den Körper der Männer, der eine neue Zeit signalisieren sollte, durchaus in Bezug auf den Mann als potenziellen Soldaten. Während Frauen eine passive Rolle zugeschrieben wurden, verkörperten Männer eine Art Vita Activa. Diese Diskrepanz finden wir eben auch in der eingangs zitierten Passage von „Der Mann ohne Eigenschaften“. Die Eigenschaften eines Menschen ergeben sich sozusagen erst aus dem Bild, das in einer Gesellschaft von ihm oder ihr vorherrscht.</p>
<p>Ines Geipel, die sich in ihren Büchern und Vorträgen mit der unterschwellig spürbaren, in offiziellen Verlautbarungen in Ost und West doch viel zu oft unterdrückten und immer wieder verdrängten Geschichte der DDR auseinandersetzt, hat diesen Kontext der Körperbilder in ihrem 2022 bei Klett-Cotta erschienenen Buch „Schöner Neuer Himmel – Aus dem Militärlabor des Ostens“ analysiert. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-ostfrau-in-buchenwald/">Das Buch schließt durchaus an ihre „Umkämpfte Zone“ an (Untertitel: „Mein Bruder, der Osten und der Hass“, 2019 bei Klett-Cotta erschienen)</a>. In diesem Buch hatte sie mehrere Mythen dekonstruiert, darunter den Mythos der emanzipierten Ostfrau, den Mythos des überwundenen Faschismus, den Mythos des Kollektivs.</p>
<p>In „Schöner Neuer Himmel“ geht es um den Körperkult in der offiziellen und offiziösen DDR sowie die Gewalt, mit der ihn die DDR-Führung durchsetzte. Raumfahrt, Militär, Sport – das war die Trias der Zukunft des <em>„Neuen Menschen“</em>. Ines Geipel nähert sich dem Thema in zwölf Kapiteln. Zwischen die Kapitel platzierte sie Faksimiles aus Berichten und Analysen zum Thema, die die Intentionen der DDR-Führung dokumentieren. Ihr Buch beginnt mit Reflektionen nach einer Pressekonferenz vom 26. April 2021 zu <em>„Missbrauch und Gewalt im Sport“ </em>sowie einer sie bedrohenden Mail eines Menschen, der sich als <em>„Unknown Soldier“</em> bezeichnet und sinnigerweise mit <em>„U.S.“</em> unterzeichnet. Ines Geipel sammelt solche Mails in Ordnern, denn auch deren Autor*innen sind Zeitzeug*innen.</p>
<p>Es geht letztlich um die Hoheit über die Erinnerung, in all ihren Ambivalenzen und Widersprüchen. „<em>Das Ding mit dem Osten. Es war mit den Jahren nicht einfacher geworden. Etwas war zurückgekommen, hatte sich verschoben, bewegte sich in Endlosschleife. So jedenfalls mein Eindruck. Was vor 20 Jahren noch gesichert schien, worüber es Dissertationen, viel Forschung und fundiertes Wissen gab, war mittlerweile unklarer denn je. Rutschig, vage, wie ohne Boden. Mehr und mehr schien der Osten weggefragt zu werden, zurückgeschrieben, ausgeblendet, umerzählt.“</em></p>
<p>Die zitierte Passage dokumentiert exemplarisch den Stil des Buches. Wir finden viele Gedanken-Kombinationen, in denen ein Begriff seziert wird, in kurzen polysyndetischen Reihungen, in Andeutungen, die sich mit der Zeit präzisieren, sodass die Leser*innen des Buches die Suche der Autorin nach den Hintergründen der von ihr beschriebenen Wahrheiten und Wirklichkeiten im besten Sinne des Wortes nachvollziehen. Und in der Tat ist das Buch – so sagte es mir Ines Geipel in einem Gespräch am 7. September 2022 – eine <em>„Suche“</em>, in der gelungenen metaphorischen Sprache des Buches: <em>„Mit dem Hund der Geschichte, der die Spur aufnimmt und lostrottet, weil er muss, die Schnauze am Boden.“</em></p>
<p>Ines Geipel benennt die Akten, die ihr zur Verfügung standen, sie verweist auf die Akten, die ihr aus welchen Gründen auch immer nicht zugänglich waren. Sie illustriert das Entdeckte mit diversen Biographien, darunter Männer, die den mehr oder weniger nahtlosen Übergang von der NS-Zeit in die DDR-Zeit, mitunter auch in die Zeit des – wie man so sagt – „wiedervereinigten Deutschlands“ nach 1989 fanden, engen Kontakt mit der Sowjetunion, aber auch mit dem Westen pflegten, beispielsweise bei der Nutzung des Blutdopingverfahrens EPO. Frauen waren nicht darunter, denn Frauen tauchten erst in den 1980er Jahren als Autorinnen von Dissertationen oder Aufsätzen zum Thema auf.</p>
<p>Die Forschungen westdeutscher Konzerne fanden in den 1980er Jahren mühelos ihren Weg in die DDR-Krankenhäuser und in den DDR-Leistungssport. <em>„Und die DDR? Sie musste gar nicht erst entwickeln. Der Westen samt neuester Forschung kam zu ihr. Sie brauchte nur hinschauen und nachentwickeln.“</em> Als ausgesprochen interessanten Zeitzeugen zitiert Ines Geipel Gerd Machalett, Jahrgang 1937, der u.a. in der Militärmedizinischen Akademie (MMA) in Bad Saarow einer nachgeordneten Behörde des DDR-Verteidigungsministeriums, wirkte und <em>„als Gift- und Dopingspezialist zum inner circle der ostdeutschen Militärforschung gehörte“, </em>aber noch kürzlich, am 19. Mai 2021 in Rubikon (laut NewsGuard, das Nachrichtenportale nach Desinformation und Vertrauenswürdigkeit bewertet, eine Webseite, die hauptsächlich über deutsche Politik berichtet, Narrative der russischen Regierung unterstützt und Verschwörungsmythen und andere falsche und irreführende Behauptungen veröffentlicht, beispielsweise auch über das Coronavirus) Gelegenheit hatte, sich über <em>„Doping-Legende“</em> und <em>„Opferlobby“</em> zu mokieren.</p>
<h3><strong>Kosmische Utopie</strong></h3>
<p>Es wäre sicherlich von Interesse, die Bilder eines gesunden und starken Körpers in den Zeiten des Nebeneinanders von BRD und DDR miteinander zu vergleichen. Jugendkult, gesunde – nicht mehr blass-weiße – Hautfarbe, gut ausgebildete Muskulatur, im Westen der sogenannte Waschbrettbauch, das Six-Pack, das Body-Forming von Männern wie von Frauen in der Zeit von Arnold Schwarzenegger bis Kim Kardashian – der Aufschwung der Body-Building-Zentren im Westen, die Einführung von Militärunterricht im Osten – all dies ergäbe genug Anlass zu zeigen, dass es geradezu frappierende Ähnlichkeiten gab und gibt, auch wenn die Begriffe und Ideologien sich unterscheiden. Es geht letztlich – meines Erachtens nicht nur in der DDR – um das Image des Sports und der als „sportlich“ markierten Körper: <em>„Der Sport soll Siegmaschine, Weltgottesdienst ohne Gott oder was auch immer sein. Aber bitte nicht das Couchprogramm vermasseln. Sport ist schön, Sport ist gut, Sport ist für alle da. Und ansonsten? Schulterzucken, Pech gehabt, selber schuld. Dunkle Nachbilder sind uncharming. Am besten, sie kommen gar nicht erst vor.“</em></p>
<p>Diese Sätze beziehen sich auf <em>„Jacob“</em>, einen Radrennfahrer, der sich im Januar 2018 an Ines Geipel wandte. Es war das fünfte und letzte Jahr ihrer Zeit als Vorsitzende der <a href="https://no-doping.org/">Doping-Opfer-Hilfe</a>. Jacob verbrachte <em>„zehn Wochen in einem Zimmer neben Sigmund Jähn“</em>. Beide waren Gegenstand der Forschungen zur Vervollkommnung des Menschen, der eine im Hinblick auf seine Einsätze im Weltraum, der andere im Hinblick auf den Sport. <em>„Jacobs Augen, sein Körper, dünn wie eine Gurke. Er erzählte was von Nadeln, Drähten, Biopsien. Sind Sie sicher, dass da was mit Ihnen gemacht wurde? Eine Frage, die ich mir hätte sparen können. Deshalb war er ja da. Er schüttelte den Kopf: Es gibt nichts, keine Unterlagen, kann man komplett vergessen. Ich sah in sein Gesicht.“</em> Die Fragen, die sich jetzt stellen, lassen sich auch auf andere Kontexte beziehen: <em>„Was ist mit Jürgen Fuchs in der Stasi-Haft geschehen</em>?<em>“</em></p>
<p>Der Körper <em>„ist der Ort einer Verzweckung, einer äußeren Markierung sowie der inneren Zeichnung.“</em> Das ist die neue Ära der <em>„Biopolitik“</em>, die nicht nur <em>„die geheime Staatsforschung für den Kosmos“</em> betraf: <em>„Dabei ist der Körper unter der Diktatur eine extreme Exposition. Eine Kampfstätte und ein Exerzierplatz. Er ist ein Raum der Macht und damit auch ihrer Visualisierung, Demonstration und Inszenierung.“ </em>Ich erlaube mir den Hinweis, dass der Sportunterricht im Westen noch in den 1950er und 1960er Jahren seine Herkunft aus dem Militär nicht verleugnete. Sportunterricht hieß damals noch „Leibesübungen“, so wie auch in der NS-Zeit. Eine der ersten bildungspolitischen Maßnahmen der Nazis war es, den „Leibesübungen“ den ursprünglich der „Religion“ gebührenden ersten Platz auf den Schulzeugnissen zu geben. Die Praxis des Sportunterrichts in der westlichen Nachkriegszeit war durchaus nach wie vor militärisch geprägt, es galt nur Leistung im absoluten Maßstab unabhängig von den körperlichen Voraussetzungen des Einzelnen.</p>
<p>Im Sport begegnen sich Körperkult und Science Fiction, der Sport sorgt für die Normierung des Körpergeschmacks einer Gesellschaft und ihrer Zukunftsvision. Ines Geipel wendet die Analyse <a href="http://gerd-koenen.eu/">Gerd Koenens</a> an, der die im Grunde teleologisch-eschatologisch gefasste <em>„Dynamik der totalitären Bewegungen“</em> beschreibt (in: Utopie der Säuberung – Was war der Kommunismus? Berlin 1998). Sie bezieht sie auf Vertreter der <em>„biopolitischen Utopien in Russland“</em> wie Nikolaj Fedorow (1829-1903) und Konstantin Ziolkowski (1857-1935), <em>„der von Weltraumtürmen mit Fahrstühlen in den Himmel, von interstellaren Kolonien, von der Metamorphose aller Menschen zu einem gigantischen ‚Strahlenkörper‘ träumte“</em>, an. Der Sport war im Grunde so etwas wie der irdische Teil einer kosmischen Utopie. <em>„Die ‚proletarische Biologie‘ entwarf deshalb Züchtungsutopien, die das Leben unter die Generalorder der Großhirnrinde stellten. Eine Attacke vor allem auf alles Spontane, Offene, Kreative. Ein Programm mit Langzeitwirkung, das auch spukhafte Forschungsdeformationen ins Leben rief. Vieles davon dürfte nie an die Öffentlichkeit gelangen. Manches schon.“</em></p>
<p>Das war die stalinistische Utopie. <em>„Stalin forderte dabei, dass nur erforscht wurde, was auch Praxisnähe ausweisen und der Neue Mensch wirklich brauchen konnte, der Selbstumbauer, Gesäuberter und Missionar in eigener Sache werden sollte.“</em> Mit der Zeit wurde <em>„aus dem Neuen Menschen der <u>Stalin</u>-Mensch“</em>, die Wissenschaften <em>„Stalin-Wissenschaften“</em>, der Mensch wurde zur Ikone seiner selbst, selbst Stalin. Es gibt die Geschichte, dass Stalin seinem Sohn erklärte, dass nicht er, sondern der Mann auf dem Bild an der Wand Stalin sei. Eine der Gesprächspartnerinnen von Swetlana Alexijewitsch in „Secondhand-Zeit“ (Erstveröffentlichung 2013 in Moskau) erwähnt diese Anekdote, die vielleicht auch nur ein gut erfundenes Gerücht ist.</p>
<h3><strong>Himmelsmänner – Himmelsfrauen </strong></h3>
<p>Bisher habe ich ausschließlich die im Buch von Ines Geipel beschriebenen Männer erwähnt, ungegendert. Und dies weitgehend mit Recht, denn Frauen spielten zunächst nur eine Nebenrolle. Der Frauenkörper – so Ines Geipel – „war insbesondere eine Konstruktion der männlichen Kriegskinder und changierte <em>zwischen zwei Körpervisionen von Diktaturen. Der (…) Olympia-Film von Leni Riefenstahl ließ einen muskulösen, strahlenden Männerkörper aus mehreren dienenden Frauenkörpern entstehen. Die drei Frauen verbrennen gleichsam in den Flammen, bevor der initiierte Recke seine Augen öffnet und mit der Fackel in der Hand zum Siegen ins Helle, in die neu gebaute Ruhmes-Arena läuft. Diesem Programm der lebenspendenden, gebärenden Frau im Nationalsozialismus stand die arbeitende sowjetische Mutter gegenüber, bei der die Frau vor allem als Erbauer des Sozialismus gebraucht wurde. Über einen vielschichtigen, hochambivalenten Prozess wurde sie am Ende nicht nur geopfert, sondern vor allem auch virilisiert.“ </em>Wie sich dies auf Psyche und Selbstbewusstsein der Frauen auswirkte, dokumentiert Swetlana Alexijewitsch in den in ihrem 2008 in Moskau erschienenen Buch „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ aufgezeichneten Gesprächen mit allen Widersprüchen und Ambivalenzen.</p>
<p>In der DDR der 1980er Jahre gab es jedoch auch den <em>„Forschungskomplex Frau“.</em> Wer war die imaginierte <em>„Neue Himmelsfrau“</em>? Wie sollte sie aussehen, wie sich verhalten? Ines Geipel berichtet von einer Ende 1983 in Bad Saarow angenommenen Habil-Schrift mit dem Titel <em>„Untersuchungen zur Leistungsfähigkeit von Frauen im Alter von 18 und 40 Jahren unter militärischen Bedingungen“. </em>Die Annahme erfolgte wenige Wochen vor dem Start von <em>„Biosputnik 1514“</em> mit den <em>„beiden Affenkosmonauten Abrek und Bion“</em> und mehreren <em>„trächtige(n) Ratten“</em> an Bord. Der Titel der Habil-Schrift wurde bis zu ihrer Verteidigung am 9. September 1988 in Bad Saarow verändert. Er lautete nun: <em>„Die Leistungsfähigkeit der Frau und ihre Eignung für die militärische Verwendung“</em>.</p>
<p>Vielleicht lohnt es sich, im Hinblick auf die eingangs von mir genannte Frage nach einem Vergleich der biopolitischen Entwicklungen in Ost und West zwischen 1949 und 1989 das Thema der Gender-Medizin anzusprechen? Dieses Thema ist in Forschung und Lehre bei Weitem noch nicht in dem Maße angekommen wie es sein sollte. Das männliche Körper-Modell dominiert nach wie vor. Die Frage ließe sich auch auf Kinder übertragen: <em>„Für das Militär war das Kind ein Forschungsdauerthema.“</em> Aber in welcher Hinsicht? <em>„Bereits 1975 fanden als Staatsplanthema 6.01.00 und unter dem Titel ‚Erhöhung von Lernleistung‘ Experimente mit Schulkindern statt.“ </em>Ines Geipel zitiert weitere Studien dieser Art, darunter auch Ansätze kybernetischer Forschung, für die man sich in der DDR durchaus interessierte, die aber Kurt Hager höchstpersönlich nach dem Prager Frühling einstellen ließ, weil er sie als Konkurrenz zum marxistisch-leninistischen Menschen- und Weltbild verstand. Auch im Westen war die kybernetische Forschung Gegenstand pädagogischer Leitbilder, vor allem in den 1960er bis in die 1970er Jahre.</p>
<p>Ein Fazit? <em>„Es ist Zeit, zu Jacob zu fahren. Was er wissen will, bleibt hinter Codes versteckt. Es gibt sie nicht, die eine Antwort und vor allem kein Happyend. Aber ich kann ihm sagen, was sein Ort war, worin er sich befunden hat.“</em> Ines Geipel schließt mit einem Ausblick auf die Marsplanungen von Elon Musk, ein weiteres neues weltumgreifendes und kosmisches <em>„Willensprojekt“</em>. Es sind heute eben nicht mehr Politiker, die Menschen- und Weltbilder verbreiten, sondern Wirtschaftsmenschen, Biopolitik heißt dann vielleicht verharmlosend einfach Biomedizin. Und nach wie vor: <em>„Der Himmel als Willensformat, auch als Sehnsuchtsraum für Verwandlung.“</em></p>
<p>Gibt es Unterschiede zwischen Ost und West, zwischen heutiger Demokratie und damaliger Diktatur? Letztlich vor allem einen: in einer Demokratie kann sich jede*r den Fantasien und Scheinvorgaben von Wirtschaft und Gesellschaft entziehen, sie kritisieren und reflektieren, eben diese Chance haben Menschen in einer Diktatur nicht. Mit ihrem Körperbild zerstörte die SED-Diktatur Menschen systematisch, denn wer einmal in die Fänge des Sports, des Militärs, der Weltraumfahrt, kurz: der Biopolitik geraten ist, hatte keine Chance, sich den sogenannten <em>„unterstützenden Mitteln“</em>, den Untersuchungen und Experimenten zu entziehen, es sei denn, er oder sie riskierte die ganze Existenz. Das war nicht nur Jacobs Schicksal.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im September 2022, Internetzugriffe zuletzt am 7. September 2022. Ines Geipel danke ich für die ergänzenden Hinweise in unserem Gespräch vom 7. September 2022. Ausschnitt von Sandra del Pilar, Treat me like a fool, treat me like I´m evil, 2017, Öl und Acryl auf Leinwand und transparenter Synthetikfaser, Slg. Gustav-Lübcke-Museum, Hamm, © Carlo Sintermann.)<em>    </em></p>
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		<title>Die hässlichen Gesichter des Fußballs</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 10 Nov 2021 10:17:59 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die hässlichen Gesichter des Fußballs Theoretische Zugänge zur Analyse von Exklusion und Hass im Sport „Das Ideal menschlicher Beziehungen ist ihm der Klub, die Stätte eines auf rücksichtsvoller Rücksichtslosigkeit gegründeten Respekts. Die Freuden solcher Männer, oder vielmehr ihrer Modelle, denen kaum je ein Lebendiger gleicht, denn die Menschen sind immer noch besser als ihre  [...]</p>
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<h2><strong>Theoretische Zugänge zur Analyse von Exklusion und Hass im Sport</strong></h2>
<p><em>„Das Ideal menschlicher Beziehungen ist ihm der Klub, die Stätte eines auf rücksichtsvoller Rücksichtslosigkeit gegründeten Respekts. Die Freuden solcher Männer, oder vielmehr ihrer Modelle, denen kaum je ein Lebendiger gleicht, denn die Menschen sind immer noch besser als ihre Kultur, haben allesamt etwas von latenter Gewalttat.“</em> (Theodor W. Adorno, Minima Moralia, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 1951)</p>
<p>Es mag verwundern, dass Sport im öffentlichen Diskurs in der Regel widerspruchslos mit Fairness und Inklusion verbunden wird, obwohl doch letztlich jeder Sport, professioneller Sport ebenso wie Freizeitsport, von Konkurrenz, Sieg und Niederlage lebt. Menschen, die welchen Sport auch immer treiben, vergleichen sich miteinander und halten sich bei guten Ergebnissen gerne für etwas Besseres. Sie triumphieren, Erfolg macht sie stark und oft überheblich. Wer seine Ziele nicht erreicht, wer verliert, verdient selten Mitleid, Niederlagen werden als Versagen gedeutet. Wer zu wenig leistet, wird ausgeschlossen, Leistung wird als Begründung eines Ausschlusses gerne vorgeschoben, sodass sich niemand den Vorwurf machen muss, er habe sich des Mobbings oder einer wie auch immer gearteten gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit schuldig gemacht. Aber es gibt auch andere Gründe, jemanden auszugrenzen, beispielsweise Hautfarbe, Geschlecht, Sexualität.</p>
<p><a href="https://www.soziologie.uni-freiburg.de/personen/degele">Nina Degele</a> hat in ihrem 2013 bei VS Springer erschienenen Buch „Fußball verbindet – durch Ausgrenzung“ einen theoretischen Rahmen der Exklusion im Sport formuliert. Sie stellt die Frage: <em>„Was verbindet Homophobie, Sexismus und Rassismus mit dem Glauben an die einende Kraft des Fußballs?“</em> Einen anderen theoretischen Rahmen testet Pavel Brunssen in seinem Buch „Antisemitismus in Fußball-Fankulturen – Der Fall RB Leipzig“, 2021 in Weinheim und Basel bei Beltz Juventa erschienen. Er wendet Ergebnisse der Antisemitismus- und Rassismus-Forschung an, um Freund-Feind-Bilder von Fußballfans zu analysieren. Beide thematisieren intersektionelle Verbindungen, beide entdecken immer wieder einen binären Code, für den das Geschlechterverhältnis zwischen Männern und Frauen das zentrale Modell zu bilden scheint, das vor allem im Fußball gut sichtbar wird. Die Ergebnisse und die daraus abgeleiteten Theorie-Modelle lassen sich durchaus auf andere Sportarten übertragen.</p>
<h3><strong>(Un)kontrollierbare Gefühle</strong></h3>
<p>Nina Degele präsentiert eine empirische Untersuchung, die sie zwischen 2008 und 2011 mit 24 Gruppen und insgesamt 177 Teilnehmer*innen durchgeführt hat. Die Gruppengespräche dauerten zwischen 30 Minuten und zwei Stunden, 17 Gruppen kamen aus größeren Städten, die anderen aus Kleinstädten und Dörfern. Das Spektrum reichte von Akteur*innen in Freizeitligen, jungen wie älteren Menschen und schwul-lesbischen Fanclubs bis zu einem <em>„Fanclub gegen rechts“</em> und einer Gruppe von Wohnungslosen. Unter den Teilnehmenden waren Akademiker*innen, Handwerker*innen, Angestellte, auch Studierende und Schüler*innen unterschiedlichen Hintergrunds.</p>
<p>Nina Degele beruft sich auf verschiedene Expert*innen der <em>„dokumentarischen Methode“</em>, beispielsweise auf die Autor*innen des 2006 bei Leske + Budrich erschienenen Sammelbandes „Die dokumentarische Methode und ihre Forschungspraxis – Grundlagen qualitativer Sozialforschung“ (Herausgeber*innen waren Ralf Bohnsack, Iris Nentwig-Gesemann und Arnd-Michael Nohl). Eine weitere Referenz ist das von 2001 ebenfalls bei Leske + Budrich veröffentlichte Buch „Das Gruppendiskussionsverfahren – Theoretische Grundlagen und empirische Anwendung (Herausgeber waren Peter Loos und Burkhard Schäffer). Nina Degele: <em>„Prädestiniert zur arbeitsteiligen Produktion von Gruppenmeinungen sind Menschen, die sich über ihre Zugehörigkeit zu Gruppen definieren und die aufgrund gemeinsamer Zugehörigkeiten und / oder Interessen soziale Einheiten bilden.“ </em></p>
<p>Publikum, Profisport, Freizeitsport – so groß sind die Unterschiede nicht. Vor allem scheint die jeweilige Gruppe, der sich jemand zugehörig fühlt, eine wichtige Rolle bei der Entstehung ausgrenzender Sprüche und ausgrenzenden Verhaltens zu spielen. Daher wählte Nina Degele für ihre Untersuchung <em>„Gruppendiskussionen“</em>, denn die <em>„Gruppenmeinung ist (…) keine Summe von Einzelmeinungen, sondern das Produkt kollektiver Interaktionen, das die Diskutant*innen ‚arbeitsteilig‘ vortragen.“ </em></p>
<p>Im Fußball gab es immer schon Diskussionen über Ausgrenzung, Diskriminierung bis hin zu offen rassistischen Anfeindungen. Beachtet wird in der Regel jedoch nur das Verhalten des Publikums. Wie es in den Teams selbst zugeht, rückte eher in den Hintergrund. Christian Ewers dokumentierte in seinem Buch „Ich werde rennen wie ein Schwarzer, um zu leben wie ein Weißer – Die Tragödie des afrikanischen Fußballs“ (Gütersloher Verlagshaus, 2010), wie in den Umkleidekabinen und auf den Plätzen in Deutschland der Rassismus blühte. Er zitiert Spieler und Trainer mit rassistischen Äußerungen, darunter Otto Rehhagel, in den Jahren 1995 und 1996 Trainer des FC Bayern München. Dieser „<em>versuchte auf seine Weise, die Mannschaft auf ein Spiel gegen Hansa Rostock einzuschwören. Er rief: ‚Die N**** nehmen uns die Arbeitsplätze weg.‘ Für Rostock spielte Jonathan Akpoborie, ein Stürmer aus Nigeria.“ </em></p>
<p>Das war nicht die einzige Entgleisung eines Trainers oder eines Spielers. <em>„Paul Steiner, Verteidiger beim 1. FC Köln, pöbelte im Spiel gegen Nürnberg den senegalesischen Stürmer Souleyman Sané (*1961) an: ‚Scheiß-Nigger, hau ab. Was willst du in Deutschland?‘ Klaus Schlappner, Trainer des 1. FC Saarbrücken, sagte: ‚Der Schwarze ist undiszipliniert, verträgt den Winter nicht und hat Malaria.‘“</em> Im Fußball war und ist es nicht anderes als in der Gesellschaft. <em>„Deutschland in den Neunzigern, das waren nicht nur brennende Asylantenheime und Hetzjagden auf Ausländer im Osten (sic!). Das war auch der kleine Rassismus im Alltag, im Stadion, Affengebrüll von den Rängen, wenn der Gegner einen schwarzen Spieler in seinen Reihen hatte, es flogen Bananen, Bayern-Fans winkten mit Aldi-Tüten, als Besiktas Istanbul in der Champions League zu Gast war.“</em> Das hat sich nicht geändert, aber immerhin riskieren Vereine, die nicht oder zu wenig gegen rassistische Pöbeleien unternehmen, inzwischen Geldstrafen, die Sperre ganzer Fanblocks oder sogar Platzsperren.</p>
<p>Warum sollten sich die Fans anders verhalten als ihre Vorbilder? Nina Degele beschreibt <em>„Fußball als Projektionsfläche nationaler Identität“</em>. Eine Folge, hier bezogen auf die WM 2006: <em>„Die Patriotismusdebatte nahm in diesem Zusammenhang fast den gleichen Raum ein wie die Spielberichterstattung.“ </em>Schmährufe aus dem Publikum entstehen gerade durch das im Stadion mögliche Gemeinschaftserlebnis. Ob sie auch ohne die Situation im Stadion entstanden wären, ist eine andere Frage, die ihre Antwort jedoch sicherlich in Studien zur Dynamik von Massenbewegungen in totalitär verfassten Staaten finden ließe. Die Aufmärsche in Stadien zur Zeit des Nationalsozialismus, der kommunistischen Staaten von der Sowjetunion bis hin zu Nordkorea, ähneln in der Choreographie einander. Sie sollen ein Wir-Gefühl im Publikum erzeugen, das in der Regel auch in die Choreographie einbezogen wird und sich letztlich auch im Alltag außerhalb des Stadions auswirkt, in Gesprächen in der Familie, in der Kneipe, am Arbeitsplatz. In einem demokratischen Land ist das Stadion – so Nina Degele – ein <em>„Ventil für sonst unterdrückte Gefühle“</em>, die eindeutig zwischen Freund und Feind unterscheiden. Ein Unterkapitel trägt die Überschrift. <em>„Kontrolliert emotionalisieren“</em>. Allerdings gibt es Abstufungen im Grad der Kontrolle bis hin zum Kontrollverlust. Grundlegend ist jedoch immer die <em>„Fan-Fanobjekt-Beziehung“. </em>In dieser<em> „können Emotionen ausgelebt und ausprobiert werden, für die sonst kein Raum ist.“</em></p>
<p>Die im Sport als Akteur*in oder als Zuschauer*in ausgelebten Emotionen haben viel mit dem Wunsch nach Anerkennung in der eigenen Gruppe zu tun. Nina Degele zitiert <em>„anerkennungstheoretische Überlegungen“</em> von Nancy Fraser, die diese in dem von ihr gemeinsam mit Axel Honneth herausgegebenen Band „Umverteilung oder Anerkennung? Eine politisch-philosophische Kontroverse“ (Frankfurt am Main, Suhrkamp, 2003) – teilweise auch in Widerspruch zu ihrem Ko-Herausgeber – begründet hatte. Die Kontroverse bezog sich auf die Frage, ob es sich bei dem Wunsch nach Anerkennung beziehungsweise Integration um ein psychologisches oder ein gesellschaftliches Phänomen handele. Meines Erachtens ist dies jedoch eher eine Diskussion nach dem Henne-oder-Ei-Muster und letztlich für die Beschreibung des Gesamtphänomens nebensächlich. Ein gesellschaftliches Freund-Feind-Bild prägt die individuelle Performance so wie das Zusammentreffen der Performances verschiedener Individuen, die ein gemeinsames Ziel, eine gemeinsame Zu- oder Abneigung verbindet, Gesellschaft konstituiert.</p>
<h3><strong>Hierarchien</strong></h3>
<p>Sportvereine, Teams sind hierarchisch organisierte Gemeinschaften. Das betrifft nicht nur die Ultras mit ihren Kapos, die dafür sorgen, dass die gesamte Gruppe zu gegebener Zeit in die von ihnen angestimmten Sprechchöre einstimmt. Es reicht aus, dass jemand Bewohner*in eines bestimmten Dorfes ist, um ihn*sie ein- oder auszuschließen. <em>„Abgrenzungshorizonte müssen also keineswegs über Ethnizitäten hinweg oder gar global ausgreifen, Nationalität als Abgrenzungshorizonte muss gar nicht thematisiert werden.“</em> Der Unterschied zwischen einem Spiel in der Kreisklasse zwischen zwei Dörfern und dem Spiel zweier Nationalmannschaften liegt nicht im möglichen beziehungsweise realen Verhalten, sondern lediglich im Gegenstand der VerAnderung (Julia Reuter) der gegnerischen Mannschaft, die mitunter mit bestimmten gesellschaftlichen Gruppen identifiziert wird, deren Ablehnung die VerAndernden verbindet. <em>„Vor allem die Gruppendiskussionen mit Dorfgruppen demonstrieren, dass und wie Verbindung und Geselligkeit über Ausgrenzung (von Frauen, Schwulen, Fremden (als Verschiebung von Ethnizität auf Dorfgrenzen)) funktionieren, hier werden die Ungleichheitsdimensionen Geschlecht, Sexualität und Hautfarbe / Ethnizität / Nationalität am besten sichtbar – mit Abstrichen auch Alter.“ </em></p>
<p>Letztlich definieren sich Inklusion und Exklusion, Ausgrenzung, Diskriminierung und Hate-Speech binär und intersektionell. Nina Degele schreibt wenig über die Spezifika einzelner Formen der Diskriminierung, doch ist dies auch nicht ihr Thema. Ihr Thema ist der <em>„Marsch durch die Innenwelt von Ungleichheitsdimensionen und Diskriminierungsformen.“</em> Und diese haben – beim Sport nicht verwunderlich – viel mit Körperlichkeit zu tun. Daher spielen im Sport Hautfarbe und Geschlecht eine so grundlegende Rolle. Interessant ist in diesem Kontext das Thema der Homosexualität. Männergruppen schließen nicht nur Frauen aus, sondern vor allem auch schwule Männer. <em>„Mannsein ist konstitutiv an Heterosexualität und Nicht-Frausein geknüpft. Der Sport allgemein und die Dusche und Umkleide im Besonderen sind dabei homosoziale Räume der Mannwerdung in Abgrenzung zu Frauen und nicht-heterosexuellen Männern.“ </em>Die Ablehnungsrituale gegenüber der gegnerischen Mannschaft, gleichviel ob es sich um die Mannschaft des Nachbardorfes oder eines anderen Landes handelt, orientieren sich an binnendifferenzierenden Hierarchien, am Status von Hautfarbe und Gender, gelegentlich auch am sozialen Status.</p>
<p>So wird die ständige Herabwürdigung des Frauenfußballs (ein merkwürdiger Begriff, denn wer spricht von Männerfußball?) erklärbar. Im 2021 erschienenen Film <a href="https://www.schwarzeadler-film.com/">„Schwarze Adler“</a> von Torsten Körner wird die Hilflosigkeit von Männern gegenüber Fußball spielenden Frauen am Beispiel des Moderators Wim Thoelke (1927-1995) bei einem Auftritt im Aktuellen Sportstudio des ZDF mehr als deutlich. Wim Thoelke steht in der Mitte von vier Fußballerinnen im Nationaltrikot, die er um mehr als Haupteslänge überragt. Er redet sich um Kopf und Kragen. Irgendwie scheint Wim Thoelke nicht so recht zu wissen, was er sagt, obwohl sein Redefluss vermuten lässt, dass er es gemerkt haben muss, aber offenbar nicht wusste, wie er aus seinem einmal betretenen Fettnäpfchen wieder herauskäme. So kommt es wie es kommen muss. Er spricht von <em>„anderen Sportarten wo Frauen ganz erstaunliche Leistungen erbringen, im Fußball wird das vielleicht auch mal der Fall sein“</em> (O-Ton Thoelke). Dazu passte eine ebenfalls in „Schwarze Adler“ dokumentierte Reportage des ZDF, in der skeptisch schauende Männer im Stadion gezeigt und die Zuschauer an den Bildschirmen beruhigt werden, die Frauen wüschen ihre Trikots doch selber, so wie sie die Trikots der Männer wünschen, ein Gleiches jedoch von den Männern nicht verlangten.</p>
<p>Nina Degele widmet mit Recht ein ganzes Kapitel dem Thema „Geschlechter differenzieren“. Diese VerAnderung von Frauen hat Methode: <em>„Begriffe wie ‚immer‘ und ‚nie‘ schreiben Eigenschaften und Handlungsweisen als Probleme fest, und aufgrund solcher Charaktereigenschaften sei ihnen der gleiche Erfolg wie bei Männern verwehrt.“</em> Nina Degele referiert die Entwicklung des von Frauen gespielten Fußballs sowie von Frauen betriebener anderer Sportarten in den vergangenen 150 Jahren. Der DFB verbot Frauen Fußballspiele am 30. Juli 1955. Und als der DFB dann 1970 dieses Verbot aufhob, <em>„wurde demnach nicht Fußball für Frauen geöffnet, sondern Frauenfußball als andere Sportart eingeführt.“ </em>Das galt für die Bundesrepublik Deutschland, nicht für die DDR. Dort war Frauen Fußball nicht verboten, er wurde aber nicht gefördert, da nicht olympisch. Frauen hatten auch in anderen Disziplinen große Schwierigkeiten, ihre Beteiligung an Olympiaden durchzusetzen, beispielsweise im Skispringen und im Ringen. Boxen ist Frauen bei einer Olympiade nach wie vor verwehrt, statt Baseball gibt es Softball. Das Stereotyp des unweiblichen Sports, oft mit Sicherheitsbedenken verbrämt, weil die körperliche Konstitution des weiblichen Körpers den jeweiligen Sport nicht zuließe, durchzieht die Geschichte des offiziellen und professionellen Sports von Anfang an.</p>
<p>Allerdings beteiligen sich Frauen mitunter an dem vom DFB geschaffenen Mythos des von Frauen gespielten Fußballs als einer anderen Sportart. In Britta Beckers 2008 erschienenen Film „Die besten Frauen der Welt“ spricht die damalige Torhüterin Nadine Angerer (*1978) davon, dass Frauenfußball im Grunde <em>„eine andere Sportart“</em> wäre. Auch Steffi Jones (*1972) geht dem DFB und der damit verbundenen medialen Debatte auf den Leim. Nina Degele zitiert sie: <em>„Frauen interpretieren Fußball auf ihre ganz eigene Weise. Sie spielen eben feminin – elegant, mitunter technisch brillant. (…) Wir spielen vielleicht halt weniger kampfbetont, was auch an der weiblichen Physis liegt. Aber schön. Allein, wenn man sich die femininen Schnitte der Trikots unserer Nationalmannschaft ansieht, erkennt man auf den ersten Blick, dass Fußball und Weiblichkeit zusammenpassen.“</em> Nina Degele zitiert zur Interpretation Pierre Bourdieu (Pierre Bourdieu / Loic J. D. Wacqant, Revlexive Anthropologie, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 2006). Sie sieht <em>„jene Form der Gewalt, die über einen sozialen Akteur unter Mittäterschaft dieses Akteurs ausgeübt wird.“ </em>Ein Gegenbild formulierte Birgit Prinz (*1977) in einem ebenfalls von Nina Degele zitierten Interview vom 14. Februar 2004: <em>„Wir möchten unseren Sport vermarkten, nicht unseren Hintern.“ </em>Erst gegen Ende der 2010er Jahre wurden die knappen Outfits von Beachvolleyballerinnen und Turnerinnen ein kontrovers diskutiertes Thema. Die Regeln der weiblichen Kleidung im Sport werden jedoch nach wie vor vorwiegend von Männern gemacht.</p>
<h3><strong>Der Mythos vom unpolitischen Sport</strong></h3>
<p>All dies ist mitunter schwer zu fassen. In Gesprächen regiert der Ja-Aberismus. Niemand hat etwas gegen Frauen, die Fußball spielen, gegen Schwule, gegen Schwarze, doch dann kommt das <em>„aber“</em>, der Halbsatz, der zeigt, dass sich die jeweiligen Sprecher*innen dann doch für etwas Besseres halten als diejenigen, über die sie gerade sprechen. Das geschieht oft eher subtil und so lautet das Fazit Nina Degeles: <em>„Explizite Beleidigungen und Gewalt markieren die manifeste Spitze von Ausgrenzungen, sie sind empirisch mit vergleichsweise wenig methodischem Aufwand zu rekonstruieren. Schwieriger wird es bei Latenzen und Ausweichstrategien (…)“</em>, anders gesagt, bei den Subtilitäten des Ja-Aberismus und der VerAnderung. Allerdings markieren diejenigen, die sich so verhalten, ihr Verhalten als unpolitisch: <em>„Für die meisten Fans gehören Politik und Sport unterschiedlichen Sphären an.“</em></p>
<p>Sport wird mit einer solchen Auffassung von gesellschaftlichen und politischen Debatten abgekoppelt. IOC, FIFA und andere Verbände werden geradezu zu eigenen Staaten und Staatenbünden, die ihre eigenen Gesetze erlassen und anwenden. Hier ließe sich der Ansatz Nina Degeles erweitern, indem die Verbindungen, Interaktionen oder auch Interferenzen zwischen Sport und Politik näher analysiert würden. Stephan Bollmann schreibt in „Monte Verità – 1900. Der Traum vom alternativen Leben beginnt“ (München, Deutsche Verlags-Anstalt, 2017): <em>„1896 wurden die ersten Olympischen Spiele unserer Zeit in Athen ausgetragen, nachdem sie im Jahr 393 wegen der Verehrung heidnischer Götter verboten worden waren. 1903 feierte die Tour de France ihre Premiere, 1904 kam es als Antwort auf die überbordende Popularisierung des Falls zur Gründung der FIFA, des Weltfußballverbands. ‚Sport ist definitiv zu einer neuen Religion geworden‘, schrieb die im Herbst 1900 gegründete französische Sporttageszeitung <u>L’Auto-Vélo</u> in einer ihrer ersten Ausgaben. Alle Ideologien des 20. Jahrhunderts – Faschismus, Nationalsozialismus, Kommunismus – haben den Sport ideologisiert, und doch hat er sie alle überlebt, indem er zu seiner eigenen Ideologie geworden ist.“ </em></p>
<p>Anders gesagt: politische Unschuld zeichnete den Sport nie aus, schon gar nicht die Funktionärseliten, die zwar auf der einen Seite jede Einmischung in politische Entwicklungen der Gastländer der jeweiligen Weltmeisterschaften oder Olympischen Spiele leugnen, aber durch ihre Vergabepolitik und die begleitenden Maßnahmen wie beispielsweise die UEFA mit dem 2021 verhängten Verbot, Stadien aus Protest gegen die LSBTI*-feindliche Gesetzgebung in Ungarn in den Regenbogenfarben leuchten zu lassen, nichts anderes tun als ihre eigene politischen Auffassungen für alle Teilnehmenden verbindlich zu machen.</p>
<h3><strong>Differenzkonstruktion – scheinbar antikapitalistisch</strong></h3>
<p>Die zentrale Frage des Buchs von Pavel Brunssen lautet: wie kommt es dazu, dass der Fußballclub RB Leipzig bei den Fans anderer Clubs dermaßen verhasst ist? Andrei S. Markovits schreibt im Vorwort mit Ausrufezeichen: <em>„RB ist fremd!“</em> Es ist einerseits die Skepsis, <em>„das Ressentiment gegen das Neue“</em>, andererseits aber auch, <em>„dass die Fremden und Neuen als kommerziell angesehen werden und somit als unauthentisch gelten.“ </em>Pavel Brunssen geht es um <em>„die Tiefendimensionen des Konfliktes“</em>. Er stützt seine Analyse auf Textquellen aus Veröffentlichungen der Fan- und Ultra-Szene: <em>„Die Textquellen wie Stellungnahmen, offene Briefe und Interviewpassagen umfassen vor allem Blogbeiträge, aber auch Veröffentlichungen in Fanzines, Flyer-Texte, einen Redebeitrag, ein Gedicht, einen Facebook-Eintrag sowie eine Petition.“</em> Die Quellen stammen aus 28 Vereinen, darunter auch einige Vereine unterer Ligen wie beispielsweise den Regionalligen.</p>
<p>Nun ist RB Leipzig nicht der einzige Verein, dessen Geschichte eine eng mit einem bestimmten Unternehmen verbunden ist. Das gilt auch für Bayer 04 Leverkusen, im Jargon der Fußballberichterstattung oft die „Werkself“ genannt, als handele es sich um eine Betriebssportgemeinschaft, für den VfL Wolfsburg oder den FC Ingolstadt. Besonders heftig waren die Reaktionen auf den schnellen Aufstieg der TSG 1899 Hoffenheim, in dessen Gründer Dietmar Hopp Fans anderer Mannschaften eine geeignete Projektionsfläche fanden, ihn auch persönlich als Vertreter der Kapitalisierung des Fußballs anzugehen. Das war und ist offenbar einfacher als einen ganzen Konzern anzugehen.</p>
<p>Und RB Leipzig? Pavel Brunssen zitiert beispielhaft die Ultras des SV Darmstadt 98, die <em>„entscheidende Unterschiede“</em> zwischen den genannten Clubs und dem RB Leipzig sehen: <em>„So hätten die Vereine aus Leverkusen und Wolfsburg sich ‚immerhin innerhalb ihres Betriebes und später auch des deutschen Fußballs hochgearbeitet‘ und seien nicht ‚künstlich entworfen‘ worden.“</em> Das ließe sich eigentlich auch für den RB Leipzig sagen, der in der fünften Liga das Startrecht des SSV Markranstädt übernahm und sich dann Jahr für Jahr bis in die Bundesliga vorarbeitete. Das ist im Fußball durchaus üblich. Auch andere Mannschaften haben das Startrecht einer anderen Mannschaft übernommen oder ihr Startrecht durch eine Fusion erhalten und nahmen den Spielbetrieb dann in der Liga des Vorgänger-Vereins auf. Allerdings schaffte nur der RB Leipzig den Aufstieg bis in die erste Liga. Im Eishockey und im Basketball verkauft gelegentlich ein kleiner Verein mit Startrecht in der Bundesliga seine Lizenz an einen Großstadtclub, der dann an seiner Statt dort spielte. Dies gab es bisher im deutschen Fußball nicht.</p>
<p>Immer wieder ist davon die Rede, dass Vereine wie der FC Schalke 04, Borussia Dortmund, Borussia Mönchengladbach, der 1. FC Köln, der Hamburger SV und viele andere „<em>Echte Arbeit“, „lokale Verwurzelung“, „Tradition“</em> verkörpern. Diese <em>„Tradition“</em> lassen gegnerische Fans aber auch für Bayer 04 Leverkusen gelten, das auf eine lange Verbindung mit den Bayer-Werken zurückblickt. Ähnliches lesen wir zur Beziehung zwischen dem VfL Wolfsburg und den Volkswagen-Werken. Beim VfL Wolfsburg kommt hinzu, dass es die Stadt ohne die VW-Werke nicht gäbe, die Stadt wurde um die Werke herumgebaut. Es entstanden erst die Werke, dann die Stadt, dann der Verein, eine hohe Identifikation von Verein, Stadt und Unternehmen ist die Folge.</p>
<p>Einer der Vorwürfe an RB Leipzig lautet <em>„feindliche Übernahme“</em>: <em>„Auch wenn es in Salzburg tatsächlich eine Übernahme von Austria Salzburg durch Red Bull gegeben hatte, auf welche sich die Ultras kritisch beziehen, deutet diese Aussage auf die zentralen Topoi der Ressentimentkommunikation gegen RB Leipzig hin.“</em> RB Leipzig hätte eben keine <em>„Tradition“</em> und wäre ein Verein, mit dessen Gründung es ausschließlich um Kommerz gehe. Selbst die TSG 1899 Hoffenheim wird von den Fans offenbar nicht als kommerzielle Veranstaltung des Mäzens gesehen: <em>„Die Ressentimentkommunikation gegen RB Leipzig hat die Ablehnung gegenüber Dietmar Hopp und die TSG Hoffenheim nicht nur quantitativ abgelöst, sondern wird von dieser, vermittelt durch Heimat- und Wurzelmetaphern, auch qualitativ unterschieden.“ </em></p>
<p>Fangruppen, insbesondere Ultras der genannten Vereine aus Leverkusen, Wolfsburg, Ingolstadt und Hoffenheim, grenzen sich ausdrücklich von RB Leipzig ab. Diese Auffassung teilen auch die Fans anderer Vereine. So dokumentiert Pavel Brunssen Ultras des 1. FC Köln, die anerkennen, <em>„dass Fans und Mitglieder des FC Ingolstadt sich um eine Begrenzung des Einflusses von Audi bemühen.“</em> Funktionäre denken offenbar ähnlich. Pavel Brunssen verweist auf Andreas Rettig, der auf Zeiten als Manager beim SC Freiburg, beim 1. FC Köln und beim FC St. Pauli zurückblicken kann und <em>„in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau (…) viele zentrale Elemente der Differenzkonstruktion zwischen der TSG Hoffenheim und RB Leipzig zum Ausdruck (brachte), wie sie auch von verschiedenen Fan- und Ultragruppen geäußert werden (…). Als Geschäftsführer der DFL habe er seine Unterschrift unter die Lizenz von RB Leipzig verweigert. Die TSG Hoffenheim sei etwas völlig anderes, ‚weil es sich um einen verlässlichen Investor mit familiärer Verwurzelung und Herzblut am Standort‘ handele.“</em> Andreas Rettig verweist auf die Praxis in anderen Ländern, beispielsweise in England, wo Fußballclubs von arabischen oder russischen Oligarchen aufgekauft werden. Das dürfe es in Deutschland nicht geben. Er plädiert für den Fußball als <em>„Volkssport, der sich nicht noch weiter von den Menschen entfernen darf“</em>, eine Formulierung, die Pavel Brunssen als <em>„Sport des ‚Volkes‘“</em> zuspitzt. Weit ist diese Rhetorik nicht mehr von nationalistischer Rhetorik vergangener Zeiten entfernt.</p>
<h3><strong>Wie antisemitisch ist der Diskurs um RB Leipzig? </strong></h3>
<p>Pavel Brunssen orientiert sich an Ergebnissen der Antisemitismus-Forschung, so auch an dem von Julijana Ranc 2016 veröffentlichten Buch „‚Eventuell nichtgewollter Antisemitismus‘ &#8211; Zur Kommunikation antijüdischer Ressentiments unter deutschen Durchschnittsbürgern“ (Münster, Westfälisches Dampfboot). Er verweist auch auf das damit entstehende Problem: <em>„Die Ressentimentkommunikation gegen RB Leipzig mit Methoden und Konzepten der Antisemitismusforschung zu analysieren, bedeutet nicht, diese mit den Konzentrationslagern der Nazis oder mit Anschlägen auf Synagogen gleichzusetzen. Es bedeutet auch nicht, Kritik an RB Leipzig mit Antisemitismus zu verwechseln. RB Leipzig wurde und wird zur Genüge und völlig zurecht für undemokratische Mitgliederstrukturen oder fragwürdige Transfers mit Red Bull Salzburg kritisiert. Es gibt jedoch einen Moment, in dem die Kritik in Ressentiment umschlägt.“</em> Das Ziel Pavel Brunssens: es solle <em>„sichtbar werden, was es mit der Ressentimentkommunikation gegen RB Leipzig auf sich hat.“</em></p>
<p>Zur Beantwortung seiner Fragen nutzt Pavel Brunssen Methoden und Ergebnisse der Antisemitismusforschung als Grundlagen einer Ressentimentforschung, die wiederum ein Teil von Antisemitismusforschung ist und gleichzeitig darüber hinaus geht. Es ließen sich sogar Parallelen zur Bewertung der Demonstrationen gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie finden. Auch dort finden wir immer wieder Stereotype des Antisemitismus, zumindest völkischer Rhetorik, die alle, die in irgendeiner Form anders denken und handeln auszuschließt.</p>
<p>Antisemitismus ließe sich demnach nur bekämpfen, wenn alle denkbaren Vorstufen und Konnotate erkannt werden, und dazu gehört auch die Rhetorik gegen RB Leipzig. Pavel Brunssen: <em>„Ich plädiere für eine <u>antisemitismuskritische Perspektive</u>, die mehr sein soll als ein <u>anti-antisemitischer Standpunkt</u>. Anstelle einer sich ausschließlich distanzierenden Haltung soll eine kritische Perspektive im Vordergrund stehen, welche antisemitische Denk- und Argumentationsmuster in ihren Tiefendimensionen zu verstehen sucht, ohne dabei mit erhobenem Zeigefinger auf die sich antisemitisch äußernden Subjekte zu zeigen.“ </em>Er erkennt an, dass sich manche Fan- und Ultragruppen <em>„seit Jahren gegen Antisemitismus, Rechtsextremismus und Diskriminierung“</em> engagieren. Damit nähert sich Pavel Brunssen der Frage, ob auch etwas antisemitisch sein kann, das nicht unmittelbar auf Jüdinnen*Juden bezogen wird, sozusagen eine Spielart eines Antisemitismus ohne Juden wäre. Dies könnte im Bezug auf das hinter der Gründung des RB Leipzig steckende Geld zutreffen. <em>„Für Ultras ist die ‚Kommerzialisierung‘ das entscheidende Problem des Fußballs, welche sie in RB Leipzig personifiziert sehen. Hier kann sich antisemitisches Denken und Fühle mit einem – zumindest für die Gruppe der Fußballfans – entscheidenden Problem verbinden, welches zur Virulenz des hier untersuchten Phänomens beiträgt.“ </em>Anders gesagt: jede Gruppe schafft sich möglicherweise ihren eigenen Antisemitismus. <em>„Die Annahme, dass der Antisemitismus nicht durch Jüd*innen, sondern durch die Haltung der Antisemit*innen, ihre Projektion und ihre Art zu denken und zu fühlen zu bestimmen ist, führt mich zu der These, dass sich dieses Denken und Fühlen auch gegen RP Leipzig richten könnte.“</em></p>
<p>Das verbindende Element ist hier eine der Varianten der Annahme vom angeblichen jüdischen Reichtum, der Jüdinnen*Juden befähige, die Herrschaft über einen bestimmten Bereich, möglicherweise sogar ganze Länder oder die ganze Welt zu übernehmen. Dies entspricht der von Pavel Brunssen zitierten These von Samuel Salzborn, <em>„dass der moderne Antisemitismus im Unterschied zum vormodernen Antijudaismus eine ‚Abstraktionsleistung‘ vollziehe“, </em>die sich wiederum auch auf Hannah Arendt berufen kann, die in dem 1955 erschienenen Buch „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ <em>„Antijudaismus“</em> und <em>„Antisemitismus“</em> unterschied. Pavel Brunssen zitiert Hannah Arendt: <em>„Was aber den Antisemitismus angelangt, so ist offensichtlich, dass er politisch nur dann relevant und virulent werden kann, wenn er sich mit einem der wirklichen Probleme der Zeit verbinden kann.“</em></p>
<p>Der die Kritik an RB Leipzig wie ein roter Faden durchziehende Gedanke der <em>„Kommerzialisierung“</em> wäre ein solches <em>„wirkliches Problem der Zeit</em>“. Damit wäre – so wage ich die These weiterzuspinnen – der Fall RB Leipzig nicht mehr und nicht weniger als ein Versuch antikapitalistischer Rhetorik, der immer wieder in antisemitische Ressentiments und Stereotype abzugleiten droht. Dietrich Mateschitz, seit der Gründung im Jahr 1984 Leiter des Unternehmens Red Bull, wird zu einem Wiedergänger von Rockefeller, Rothschild oder auch George Soros und anderen Magnaten stilisiert.</p>
<p>Pavel Brunssen spricht von einer <em>„Gelegenheitsstruktur“</em>, die das große Feld der <em>„Kommerzialisierung des Fußballs“</em> strukturiere. Gelegenheit macht somit nicht nur Diebe, sondern auch Antisemit*innen. Die Kritik am RB Leipzig wäre möglicherweise so etwas wie eine Umwegkommunikation, wie wir sie bei antisemitischen Äußerungen immer wieder finden. Die Form der Kapitalismuskritik gegenüber dem RB Leipzig ist jedoch nur ein Begriffscluster, in dem antisemitische Stereotype aufgegriffen werden. Pavel Brunssen dokumentiert auch Tiermetaphern – Kapitel <em>„Tiermetaphern: Von Ratten, Geiern und Heuschrecken“</em> – und Krankheitsmetaphern – Kapitel <em>„Krankheitsmetaphern: Von Windpocken, Pest und ‚Bullenseuche‘“,</em> die <em>„Amerikanisierung“</em> als Variante des Vorwurfs der <em>„Kommerzialisierung“ </em>und nicht zuletzt der Vorwurf, <em>„den ‚wahren Fußball‘ zu verraten“</em>. Ein weiterer Punkt ist die Forderung nach <em>„Authentizität“</em>. Der „echte“ Deutsche ist hier der „echte“ Fußballfan und der ist eben nicht Fan des RB Leipzig. Gegner*innen des RB Leipzig verwenden das gesamte Arsenal antisemitischer Rhetorik, jeweils so wie es gerade passt.</p>
<h3><strong>Frauenfeinde</strong></h3>
<p>Und sie sind Frauenfeinde, Frauenverächter, so ließe sich hinzufügen. Pavel Brunssen überschreibt ein Kapitel <em>„Tradition ist Männersache“</em>, dies als Zitat markiert, Untertitel: <em>„Zur Intersektionalität von Sexismus, Männlichkeitskonstruktionen und Antisemitismus“</em>. <em>„Die männliche Grammatik des Fußballs sorgt zwar für einen Ausschluss von Frauen, dieser ist jedoch nicht absolut. Frauen können vor allem dann an Fankultur teilnehmen, wenn sie sich als ‚echte‘ Fans bewiesen haben. Frauen müssen sich jedoch immer wieder aufs Neue beweisen.“</em> Damit sind wir wieder bei dem schon angesprochenen Thema der Mittäter*innenschaft, die wir selbst bei reflektierten Fußballspielerinnen finden. Sie können noch so erfolgreich sein, wenn die Männer ihren Raum beanspruchen, treten sie in die hinteren Reihen zurück. So erging es der mehrfachen Meister*innenmannschaft der Fußballbundesliga der Frauen, dem VfL Wolfsburg. <em>„Als die VfL-Frauen 2017 nicht nur die Liga, sondern auch den Pokal gewannen, verbot der Verein dem Team die normalerweise folgende Feier in der Wolfsburger Innenstadt, da die Männermannschaft noch versuchte, den Abstieg in die 2. Bundesliga im Relegationsspiel abzuwenden. Den Frauen wurde unter Protest das Feiern verboten, weil die Männer um ihre Existenz in der Bundesliga kämpften. Diese ‚kleine Episode‘ verdeutlicht exemplarisch, dass der Publikumssport, der ‚echte‘ Fußball, stets männlich konstruiert ist.“</em></p>
<p>Die Fan- und Ultragruppen verhalten sich im Grunde wie eine Männergesellschaft aus der Zeit, in der sich Männer noch im Namen der Ehre duellierten. Ein solches Verhalten ist zwar in der heutigen Gesellschaft verpönt, doch im Fußball lässt es sich noch ausleben. Ute Frevert schreibt in „Vergängliche Gefühle“ (Göttingen, Wallstein, 2013): <em>„So fest wie das Duell als Privileg des Adels und gehobenen Bürgertums die Ausgrenzung sozialer Unterschichten aus der ‚satisfaktionsfähigen Gesellschaft‘ zementierte, so gebieterisch zog es die Trennlinie zwischen Männern und Frauen zuweilen auch zwischen Juden und Christen. (…) Dass männliche Ehre am seidenen Faden körperlicher Gewaltbereitschaft und physischen Mutes hing, war ebenfalls ein zentraler Topos des langen 19. Jahrhunderts gewesen.“</em></p>
<p>Ute Frevert hat sich nicht mit Fußball und schon gar nicht mit modernen Fankulturen befasst, aber das, was sie in der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts analysiert, lässt sich meines Erachtens auf diese anwenden. Gewalt unter Fans lässt sich möglicherweise sogar als Ergebnis von Demokratisierung begreifen. Die zunächst nur unter Adligen möglichen Duelle, die dann auch im Bürgertum zugelassen waren, äußern sich heute als Duelle zwischen Fan-Gruppen. Ein beeindruckendes Dokument solcher Duelle zwischen Gruppen von Hooligans bieten der Film „<a href="http://awaydaysthemovie.com/book.html">Awaydays</a>“ von Kevin Sampson aus dem Jahr 2009 sowie die Buchvorlage des Regisseurs aus dem Jahr 1982.</p>
<p>Entscheidend für das Funktionieren einer solchen männlichen Gesellschaft ist der Ausschluss bestimmter Gruppen, in der Geschichte immer wieder von Frauen und von Juden*Jüdinnen. Damit wären wir auch wieder bei der Markierung der Fans des RB Leipzig als – wie es in der Sprache von schlagenden Studentenverbindungen hieße – „nicht satisfaktionsfähig“. Der RB Leipzig übernimmt bezogen auf die <em>„Männlichkeitskonstruktion“</em> vergangener Zeiten die Rolle der Juden und der Frauen, auch dies in der Form des antisemitischen Stereotyps des unmännlichen Juden. Pavel Brunssen: <em>„Frauen sind qua Geschlecht, Fans von RB Leipzig qua Vereinszugehörigkeit von der Gewalt unter Männern ausgeschlossen. Beide Ausschlüsse funktionieren über die Berufung auf vermeintliche Natur. Frauen gelten als minderwertig, weil sie ‚von Natur aus‘ schwach seien. RB Fans werden als ‚unehrenhaft‘ wahrgenommen, da ihr Verein nicht natürlich gewachsen‘ sei. Frauen wie RB-Fans sind Gegenbilder zum Ideal des ‚Ehrenmannes‘ und deshalb nicht zu Gewalthandlungen ‚auf Augenhöhe‘ zugelassen.“ </em></p>
<h3><strong>Der binäre Code im Fußball</strong></h3>
<p>Pavel Brunssen schließt an den Begriff des „Kulturellen Codes“ (Shulamit Volkov) an: <em>„Vergleichbar dem Antisemitismus als ein ‚kultureller Code‘ des 19. und frühen 20. Jahrhunderts entwickelte RB Leipzig sich zu einem subkulturellen Code in der postnazistischen Gesellschaft, mit dem sich das Lager der ‚echten‘ Fans in Opposition zu allem stellen kann, was mit der ‚Kommerzialisierung‘ und dem ‚modernen Fußball‘ assoziiert wird.“</em> <em>„Wir und die anderen“</em> – das ist die Botschaft auch hier. Es verwirklicht sich eine <em>„binäre Eigenlogik des Fußballs in Bezug auf RB Leipzig entlang der Werte Eigenständigkeit, Mitbestimmung und Tradition“</em>.</p>
<p>Antikapitalistisch, betont männlich – das ließe sich auch auf die Arbeiterbewegung bis in die 1920er Jahre beziehen. Möglicherweise lässt sich die Kritik am RB Leipzig als die Spitze eines Eisbergs betrachten, der den Namen Kapitalismus trägt und nichts anderes im Sinn hat als die Fans, die braven Arbeiter zu unterjochen und zu entmachten. Pavel Brunssen erkennt in dieser <em>„Differenzkonstruktion“</em> sexistische Elemente aus. So <em>„überschneiden sich antisemitisches Denken und Fühlen in der Ressentimentkommunikation gegen RB Leipzig mit Männlichkeitskonstruktion und Sexismus. Insbesondere das Bild der Hure weist Parallelen zu antisemitischen Frauenbildern auf.“</em> Die Fans des RB Leipzig werden von den Fans der anderen Vereine als schwach, verweichlicht, unmännlich, als Anhänger externer kapitalistischer Mächte markiert.</p>
<p>Es könnte auch ein anderer Verein sein, aber der RB Leipzig eignet sich vorzüglich, um antikapitalistische, sexistische und antisemitische Ressentiments auszuleben. Sport ist alles andere als ein freiheitlich-demokratisches Unterfangen. Und der Fußball macht in der Tat medienwirksam sichtbar, was in anderen Sportarten vielleicht nur im kleinen Kreis auffällt. <em>„Der Fußball bietet mit seiner binären Struktur, dem Wettstreit zwischen zwei Teams, die als Repräsentanten ihrer jeweiligen Städte oder Regionen angesehen werden, ein niedrigschwelliges und zugleich wirkungsvolles Angebot zur Katharsis, also zur ersatzweisen Auslebung von Aggressionen.“</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Erstveröffentlichung im November 2022, Internetzugriffe zuletzt am 4. November 2021. Titelbild: NoRei.)</p>
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		<title>Der weiße Blick</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 10 Nov 2021 08:47:26 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Der weiße Blick Afrikanischer und afrodeutscher Fußball in Europa „Es wird zur Zeit sogar schlimmer. Obwohl wir mittlerweile in einer globalen Welt leben, gibt es immer noch Menschen in diesem Land, die etwas gegen andere Menschen haben, nur weil sie anders aussehen. Und solange es diese Engstirnigkeit gibt, müssen noch mehr Filme wie "Schwarze  [...]</p>
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<h2><strong>Afrikanischer und afrodeutscher Fußball in Europa</strong></h2>
<p><em>„Es wird zur Zeit sogar schlimmer. Obwohl wir mittlerweile in einer globalen Welt leben, gibt es immer noch Menschen in diesem Land, die etwas gegen andere Menschen haben, nur weil sie anders aussehen. Und solange es diese Engstirnigkeit gibt, müssen noch mehr Filme wie &#8222;Schwarze Adler&#8220; gezeigt werden. Der </em><em>Rassismus ist nicht weg, er ist unterschwelliger geworden.“ </em>(<a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/fussball-rassismus-jimmy-hartwig-interview-1.5263472">Jimmy Hartwig am 14.4.2021 in einem Interview der Süddeutschen Zeitung</a>)</p>
<p><a href="https://www.jimmy-hartwig.com/%C3%BCber-jimmy-hartwig/">Jimmy Hartwig</a> (*1954) ist einer der Protagonisten von Torsten Körners im Jahr 2021 erschienenen Film „<a href="https://www.schwarzeadler-film.com/">Schwarze Adler</a>“ (auf Amazon Prime frei verfügbar). Der Titel des Films bezieht sich gleichermaßen auf afrikanische und afro-deutsche Fußballer*innen sowie auf das Logo der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, das die Spieler*innen auf der Herzseite ihres Trikots tragen. Thema des Films ist die Spanne zwischen erlebter Diskriminierung und dem Stolz, das Trikot der deutschen Fußballnationalmannschaft tragen zu dürfen. Leitmotivisch wird zwischen den Kapiteln des Films immer wieder die deutsche Nationalhymne gespielt, jeweils in einer neu verfremdenden Variation. Wir sehen die Spieler*innen mit geschlossenen Augen, die vielleicht ihren Traum der Zugehörigkeit zur deutschen Nationalelf träumen. Erst in der Schlussszene öffnet Jimmy Hartwig die Augen, verweist auf sein Nationalmannschaftstrikot, das ihm immer noch passe. Eigentlich könne er damit <em>„auflaufen“</em>, sein Fazit: <em>„Alles richtig gemacht“</em>.</p>
<p>Ob alle in „Schwarze Adler“ zu Wort kommenden Spieler*innen das eines Tages, wenn sie das Alter Jimmy Hartwigs erreicht haben werden, auch so sehen, mag offen bleiben. Zu präsent sind die Erlebnisse mit Rassismus und Diskriminierung. Shary Reeves (*1969) sagt, sie wäre <em>„wie eine Aussätzige behandelt“</em> worden, andererseits haben sie im Verein <em>„ersatzweise so etwas wie eine Familie für mich“</em> gefunden. Ähnlich äußert sich Steffi Jones (*1972), allerdings mit deutlich versöhnlicherem Ton.</p>
<p>Die Ambivalenz der Erlebnisse belegen diverse Bücher, die vor etwa zehn Jahren erschienen sind und somit auch die von Jimmy Hartwig angesprochene Kontinuität belegen. Christian Ewers veröffentlichte im Jahr 2010 sein Buch „Ich werde rennen wie ein Schwarzer, um zu leben wie ein Weißer – Die Tragödie des afrikanischen Fußballs“ (im Gütersloher Verlagshaus), Michael Horeni 2012 die Tripelbiographie „Die Brüder Boateng – Drei deutsche Karrieren“ (Stuttgart, Tropen, J.G. Cotta’sche Buchhandlung). Christian Ewers zitiert im Titel einen der erfolgreichsten afrikanischen Fußballer, Samuel Eto’o (*1981) aus Kamerun. Er sagte ihn bei seiner Vorstellung als Neuzugang des FC Barcelona im Stadion Camp Nou.</p>
<h3><strong>Der Hymnenstreit</strong></h3>
<p>Rassismus ist ein Politikum, sollte es zumindest sein, auch wenn diejenigen, die sich rassistisch oder rassismusaffin äußern, sich selbst für unpolitisch halten. Wie politisch Sport ist, belegt der Streit um nationale Symbole. Ein weltweit ikonisch gewordenes Bild ist der Kniefall des amerikanischen Football-Profis <a href="https://kaepernick7.com/">Colin Kaepernick</a> (*1987). Colin Kaepernick erhob sich am 14. August 2016 aus Protest gegen Rassismus und Polizeigewalt bei der Nationalhymne nicht, sondern blieb sitzen. Eine Woche später kniete er nieder, eine Geste, der andere Spieler folgten. Es gab heftige Auseinandersetzungen um diese Geste und um seine Person. Als Spieler wurde er nicht mehr eingesetzt, seine Verträge wurden nicht verlängert, er fand keinen neuen Verein. Der damals noch nicht gewählte US-Präsident Donald J. Trump mischte sich ein und die Geste wurde zu einer politischen Geste, die auch politisch bekämpft wurde.</p>
<p>Mesut Özil (*1988) ist einer der besten deutschen Fußballer, die jemals in der Nationalmannschaft spielten. Er wurde in Gelsenkirchen geboren, ist dort aufgewachsen, hat dort die Schule besucht und – wie viele andere deutsch-türkische Jungen – in den örtlichen Jugendmannschaften gespielt, in seinem Fall bei Rot-Weiß Essen und dem FC Schalke 04. Er wurde Profi bei Werder Bremen, Nationalspieler und gewann internationale Erfahrung bei Real Madrid und beim FC Arsenal in London. Inzwischen spielt er bei Fenerbahce Istanbul. Er ist einer der deutschen Fußballweltmeister des Jahres 2014. Im Jahr 2012 sagte er <em>„Ich habe in meinem Leben mehr Zeit in Spanien als in der Türkei verbracht. Bin ich dann ein deutsch-türkischer Spanier oder ein spanischer Deutschtürke?“ Warum denken wir immer so in Grenzen?“ Seine Internationalität, seine Mehrsprachigkeit, all dies nützte ihm nichts, seine Erfahrung: </em><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/tuerke-bleibt-tuerke">Türke bleibt Türke</a><em>. </em></p>
<p><em>Das schlechte Abschneiden der deutschen Fußballnationalmannschaft der Männer im Jahr 2018 wurde zu einem großen Teil ihm angelastet, in diesem Zusammenhang erfuhr er, dass es in der deutschen Öffentlichkeit ungern gesehen wird, wenn sich jemand mit deutsch-türkischer Biographie mit dem türkischen Staatspräsidenten fotografieren lässt. Aber dieses Foto war nur der Endpunkt einer Entwicklung, die auch als systematisches Mobbing bezeichnet werden könnte. Im Zentrum stand der Hymnenstreit: Mesut Özil sang nicht mit. Und das hielten offenbar viele Deutsch-Deutsche für einen Skandal.</em></p>
<p>Mesut Özil steht mit dieser Erfahrung nicht alleine. In „Schwarze Adler“ äußert sich Shary Reeves entsprechend: <em>„Man wächst in diesem Land auf und gehört nicht dazu. Man soll aber dazugehören, denn alle da draußen wollen, dass man die Hymne mitsingen soll. Das geht nicht, das steht im Widerspruch zu den eigenen Emotionen, das funktioniert einfach nicht. Ich muss in einem Land leben können und dürfen, wo die Menschen mich so annehmen, wie ich bin, wo ich verstanden werde und wo ich mich wohlfühle. Das kann nicht sein, dass es nur nach deren Bedingungen passiert und dass in dem Moment die Bedingung da lautet, du hast aber jetzt mitzusingen.“</em></p>
<p>Shary Reeves ist heute Journalistin, Moderatorin und Schauspielerin, sie war als Jugendliche Mitglied im Kader des U-16-Nationalteams. Sie berichtet, wie der damalige Trainer der deutschen Fußballnationalmannschaft der Frauen, Gero Bisanz, sie abkanzelte, sie könne nicht Nationalspielerin werden, denn sie habe nicht mal einen deutschen Pass. Nach dieser Äußerung wollte sie nicht mehr. Nur am Rande: warum wird beim Fußball bei Frauenmannschaften immer darauf hingewiesen, dass es eine Mannschaft des Frauenfußballs ist, während bei Männermannschaften das Geschlecht nie genannt wird?</p>
<p>Der deutsche Pass dürfte jedoch nicht das eigentliche Problem sein. Ein Beispiel: in einer anderen Sportart, dem Eiskunstlauf, sorgte der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble dafür, dass die Medaillenkandidatin Aljona Savchenko im Eilverfahren eingebürgert wurde, damit sie als Deutsche starten konnte. Sie war eben eine Medaillenkandidatin ersten Ranges. Es musste also etwas anderes sein. Und eines der Distinktive des Mobbings gegen Mesut Özil war die Hymne. Doch auch bei der Hymne gibt es wiederum Unterschiede. In „Schwarze Adler“ fährt die Kamera an der Mannschaft vorbei und wir sehen, dass Mesut Özil nicht der Einzige ist, der nicht singt. Auch Lukas Podolski singt nicht. Doch offenbar war dies für die Medien ebenso wenig ein zu skandalisierendes Thema wie die schnelle Einbürgerung von Aljona Savchenko. Das sind doppelte Standards, die möglicherweise – so wage ich zu spekulieren – damit zu tun haben, dass die Hautfarbe oder die deutsch-türkische Familie eine Rolle spielen, eine deutsch-polnische oder deutsch-ukraïnische Familiengeschichte jedoch nicht.</p>
<p>Mesut Özil lebt jetzt in der Türkei. Der deutsch-brasilianische Fußballspieler Cacau (*1981) hat für sein Leben eine andere Schlussfolgerung gezogen. Er berichtet in „Schwarze Adler“, dass ihm ältere Menschen auf der Straße gratuliert hätten, weil er die Hymne mitgesungen habe. Auch seine Mitspieler hatten etwas für ihn: mit der deutschen Staatsbürgerschaft verliehen sie ihm den Vornamen <em>„Helmut“</em>, der ihn dann in seiner Karriere begleitete. Die Hymne und die Reaktion dieser Menschen gäben ihm – so Cacau – ein <em>„Gefühl der Zugehörigkeit“</em>, eben das Gefühl, das Mesut Özil und Shary Reeves nicht erleben durften. Da nützte es offensichtlich wenig, wie im Off des Films zu hören, dass der damalige Bundestrainer Joachim Löw (*1960) darauf verwies, <em>„was diese Mannschaft für Integration tut und getan hat“,</em> es käme aber nicht darauf an, ob <em>„sie mal die Hymne nicht mitsingen“</em>, schließlich gebe es auch andere Möglichkeiten, sich vor dem Spiel auf das, was kommt, mental vorzubereiten.</p>
<p>Das Absingen der Nationalhymne bei Sportveranstaltungen hat in Deutschland eine lange Geschichte, die zu rekapitulieren lohnt, um darüber nachzudenken, warum diesem Akt eine solch hohe Bedeutung zugemessen wird. 1954 sang die deutsche Fußballnationalmannschaft nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft im Berner Wankdorfstadion die erste Strophe der Nationalhymne, wohlgemerkt: die erste Strophe! Die Deutschen im Stadion sangen mit und vielleicht nicht nur diese. Im Stadion saß auch Ignaz Bubis, neben seinem Freund Helmut Schön.</p>
<p>Lange Jahre wurde die Hymne bei Sportveranstaltungen nicht mehr gesungen, nicht von den Spielern, nicht vom Publikum. Erst 1982 nach der von Helmut Kohl verkündeten <em>„geistig-moralischen Wende“</em>, bei der eigentlich niemand so recht wusste, möglicherweise nicht einmal der neu gewählte Bundeskanzler selbst, was konkret damit hätte gemeint sein können, gab es eine Renaissance der Nationalhymne bei Sportveranstaltungen, so bei den Fußballpokalendspielen, die natürlich – wie hätte es anders sein können – wieder regelmäßig im symbolträchtigen Berlin stattfanden. Viele Besucher*innen sangen im Stadion mit. Und so wurde dies auch von den Mannschaften verlangt, vor allem von der Nationalmannschaft. Wer den schwarzen Adler auf dem Trikot trug, trug ihn als Herzenssache und sollte daher auch die Hymne singen. So die Erwartung.</p>
<p>Alle Spieler*innen, die einmal für die deutsche Nationalmannschaft gespielt haben, bestätigen in „Schwarze Adler“, wie stolz sie darauf waren, den schwarzen Adler auf der Brust zu tragen. Aber offenbar reicht ein solches Bekenntnis nicht aus. Hinzukommen muss die Hymne, gesungen, nicht nur gehört. Wie textsicher die deutsch-deutschen Zuschauer*innen im Stadion sind, wäre eine interessante Frage. Damit alle den Text mitsingen können, werden die Stadionleinwände zum Teleprompter.</p>
<h3><strong><em>Weiß, weißer</em></strong><strong> geht’s nicht</strong></h3>
<p>Auf der Internetseite des Films „Schwarze Adler“ beschreibt der Regisseur Torsten Körner, wie er auf den Gedanken kam, diesen Film zu drehen. Es war ein Waschmittel, Persil, das mit der deutschen Nationalmannschaft beworben wurde. Die deutsche Nationalmannschaft spielt traditionell in weißen Trikots, die natürlich – zumindest vor dem Spiel – alle schön sauber ausschauen sollen. Auf dem Karton des beworbenen Waschmittels waren zwei <em>weiße</em> deutsche Nationalspieler zu sehen, Per Mertesacker (*1984) und Manuel Neuer (*1986). Die Frage stellte sich, welche Botschaften damit angetriggert wurden. Der Film geht der Frage nach den Botschaften, mit denen gerade auch die afrikanischen und afrodeutschen Spieler*innen leben mussten, mit Testimonials, Interviews, Portraits und Dokumentarszenen nach.</p>
<p>Der Film bietet ein Bild der bundesdeutschen Gesellschaft von den 1950er Jahren bis heute. Ich wage zu behaupten, dass kaum eine Branche so sehr das kollektive westdeutsche Gedächtnis bestimmen dürfte wie die Waschmittelbranche. Wer in den 1950er, 1960er oder 1970er Jahren aufgewachsen ist, kennt Clementine, den Weißen Riesen, weiß um das schlechte Gewissen der Frauen, deren Wäsche nicht weich genug geworden ist. Die Farbe w<em>eiß</em>, die eigentlich gar keine Farbe ist, gewann ihre Bedeutung vielleicht als Kontrapunkt zum Staub des Kriegsschutts, aber sie prägte wohl auch schon vorher das kollektive deutsche Bewusstsein. In „Schwarze Adler“ gibt es eine Dokumentarszene mit Stukas im Weltkrieg, die <em>„Bleichsoda, Ata, Persil“ </em>heißen und damit wohl die Aufgabe hatten, die zu bombardierenden Regionen zu reinigen. Die Metapher der <em>„ethnischen Säuberung“</em> wird nach wie vor verwendet, wenn ganze Regionen und alle dort lebenden Menschen, gleichermaßen Soldat*innen und Zivilist*innen, angegriffen, zerstört, vernichtet werden. Und dann gab es im Nachkriegs-Deutschland noch den berüchtigten „Persilschein“, der im Zuge der Entnazifizierung die Unschuld des den Antrag stellenden Alt-Nazis bescheinigen sollte und das oft genug wirkungsvoll tat.</p>
<p>Jimmy Hartwig erzählt im Film, dass er sich als Kind stundenlang mit Kernseife gewaschen habe. Steffi Jones (*1972) fragte als kleines Mädchen aufgrund ständiger Hänseleien im Kindergarten ihre Mutter, was sie tun könne, um <em>weiß</em> zu werden. Der Film illustriert diese Aussage mit Werbe-Sendungen der 1950er und 1960er Jahre. Wir sehen im Fenster einer Waschmaschine das Gesicht Roberto Blancos (*1937), das nach Nutzung des beworbenen Waschmittels „Blanco“ <em>weiß</em> geworden ist. In einem anderen Spot sagt ein eher einem Pinguin ähnelnder Schwarzer Junge über die flatternde weiße Wäsche, so <em>weiß</em> wolle er auch gerne sein. Zum Rollenbild des Fußballs noch in den 1990er Jahren: es gab einen (im Film nicht enthaltenen) Werbespot, in dem die <em>weißen</em> Mütter <em>weißer</em> Nationalspieler dafür sorgten, dass die Trikots immer schön <em>weiß</em> gewaschen waren.</p>
<p>Torsten Körner bringt die Botschaft solcher Werbemaßnahmen auf den Punkt: „Das <em>Weiße</em> war so etwas wie <em>„eine tyrannische oder, sagen wir, exkludierende Erfolgsformel, die es jenen Spielern schwer machte, die nicht wie Fritz Walter, Jürgen Klinsmann oder Lothar Matthäus aussahen. Oder stimmte diese Vermutung nicht? Wie ließe sich das überprüfen? Wie wäre es, wenn man Spieler, die dieses Werbebild noch 2020 ausschloss, nach ihren Erfahrungen befragte? Wie war es, den schwarzen Adler auf der Brust zu tragen? Gab es die vermuteten Hürden und Vorurteile?“ </em></p>
<p>Es gab und gibt sie, mitunter auch in scheinbar wohlwollender Form. Bezeichnend ist die Exotisierung Schwarzer Fußballer*innen. Guy Acolatse (*1942), der in den 1960er Jahren drei Jahre lang beim FC St. Pauli spielte und jetzt in Paris lebt, berichtet, wie er von Fans angestarrt wurde, eine Erfahrung, die der Präsident des Vereins ausnutzte. Er sagte seinem Schwarzen Spieler, es sei gut, dass er da wäre, da kämen mehr Zuschauer. Fremdbezeichnungen wie <em>„Schwarze Perle“</em> oder <em>„Schwarzer Bomber“ </em>gehören zu dieser exotisierenden Vermarktung Schwarzer Fußballer. Beverly Ranger (*1953), <a href="https://www.bonner-sc.de/weltfrauentag/">1975 deutsche Meisterin mit dem Bonner SC</a> und 1977 mit der SSG Bergisch Gladbach 09, war 1975 Schützin des Tors des Monats, ein Tor, das einen Vergleich mit dem legendären 2:0 Diego Armando Maradonas gegen die englische Nationalmannschaft verdient. Ernst Huberty (*1927) stellte Beverly Ranger in der Sportschau der ARD vor. Eingeleitet wurde dies mit dem Lied „Blond und kaffeebraun…“, gesungen von Vico Torriani (1920-1998).</p>
<p>Die in „Schwarze Adler“ dokumentierten Kindheitsberichte der Spieler*innen belegen, dass die Beleidigungen, Anfeindungen und Jagden, die afrodeutsche Fußballer*innen ertragen müssen, nichts Neues, erst in den letzten Jahren Entstandenes sind. Sie sind – wie Monika Schwarz-Friesel im Hinblick auf den Antisemitismus nicht müde wird zu sagen – <em>„die Wiederholung der Wiederholung der Wiederholung“</em>. Und exotisierende Bewunderung ist alles andere als ein Kompliment, auch wenn Sportschaumoderator*innen dies meinen.</p>
<p>Erwin Kostedde (*1946), der erste afrodeutsche Fußballnationalspieler, sagt: <em>„Was das ist, mit so einer Hautfarbe durch Deutschland zu laufen, das können Sie sich gar nicht vorstellen. (…) Das lässt einen nicht los.“</em> Er berichtet von Sprechchören mit der Parole <em>„Wir wollen keine Schwatten“</em>, die er von deutschen Fans bei seinem Länderspiel in Wembley zu hören bekam. Die Wirkung war enorm: <em>„Ich habe gespielt wie ein Eimer Wasser.“</em> Anthony Baffoe (*1965) berichtet von Affengeräuschen. Und es macht keinen Unterschied, ob man*frau in Deutschland oder in einem anderen Land geboren ist. In „Schwarze Adler“ zeigt Torsten Körner Szenen aus einem Dokumentarfilm des Jahres 1957 mit dem Titel „Toxi lebt anders“. Der betont sachliche Sprecher verkündet die für ihn unerschütterliche Botschaft, dass die Kinder der GI’s <em>„ein dreifacher Makel“</em> markiere. Sie seien unehelich, hätten einen <em>„farbigen Vater“</em> und verwiesen alleine durch ihre Existenz auf die Besatzung. Die Mutter muss sich im Beisein ihrer fünfjährigen Tochter Toxi insistierende Fragen des nicht sichtbaren Reporters anhören, warum die Mutter das Kind nicht zur Adoption <em>„abgegeben“</em> hätte.</p>
<p>Sollten die Spieler*innen in dieser Atmosphäre für die deutsche Nationalmannschaft spielen oder für eine andere? Diese Frage lösten die Spieler*innen jeweils individuell. Otto Addo (*1975) spricht davon, Gerald Asamoah habe <em>„den schwierigen Weg“ </em>gewählt, nicht für Ghana, sondern für Deutschland zu spielen, aber er sehe diese Entscheidung als die richtige, <em>„für die Gesellschaft“</em>. Gleichwohl gab es während der WM 2006 auch die Kampagne der NPD gegen Patrick Owomoyela (*1979) mit dem Slogan <em>„Weiß ist nicht nur eine Trikotfarbe“</em>. Die Urheber des Flugblatts wurden nach längerem Hin und Her zwischen den Instanzen wegen Volksverhetzung verurteilt. Und immerhin gibt es auch so etwas wie Solidarität. Als Alexander Gauland 2016 glaubte, sagen zu müssen, dass Jérôme Boateng als Fußballspieler geschätzt werde, aber niemand ihn als Nachbarn haben wolle, gab es in den Stadien Transparente mit der Aufschrift <em>„Jérôme, sei unser Nachbar“</em> oder <em>„Jérôme zieh neben uns“</em>.</p>
<h3><strong>Gnadenlos</strong></h3>
<p>Wie in den Medien Bilder von Schwarzen Fußballern geprägt werden, belegt die Karriere der drei Brüder Boateng. Michael Horeni hat 2012 ihre Geschichte mit dem Untertitel „Drei deutsche Karrieren“ veröffentlicht Es ist die Zeit der <em>„deutsche(n) Internationalmannschaft“</em> der Weltmeisterschaft des Jahres 2010 in Südafrika. In der Vorrunde spielten die Mannschaften von Deutschland und Ghana gegeneinander. In jeder der beiden Mannschaften spielte einer der beiden fußballerisch erfolgreichen Brüder Boateng, die BILD-Zeitung titelte mit Verweis auf die Stadtteile, in denen die beiden aufgewachsen waren: <em>„Wedding gegen Wilmersdorf“</em>. Jérôme (*1988) spielte für Deutschland, Kevin (*1987) für Ghana. Der beste Fußballer wäre eigentlich – so Michael Horeni – der dritte und älteste Bruder George (*1982) gewesen, doch das ist wiederum eine andere Geschichte.</p>
<p>Michael Horeni erzählt die Vorgeschichte. Kevin spielte am 15. Mai 2010 für den FC Portsmouth im Endspiel um den englischen Cup gegen den FC Chelsea. Er foulte den Kapitän der deutschen Nationalmannschaft, Michael Ballack (*1976), sodass dieser bei der Weltmeisterschaft nicht eingesetzt werden konnte: <em>„Das Foul von Kevin Boateng aber hat Folgen wie kein Foul zuvor im deutschen Fußball. Es ist <u>das</u> Foul im deutschen Fußball.“</em> Kevin wird zum <em>„Fußballfeindbild“</em> in Deutschland schlechthin.</p>
<p>Und dies geschieht in einer gesellschaftlichen Stimmung, die unabhängig von der <em>„deutschen Fußballinternationalmannschaft“</em> kurz vor einem neuen Höhepunkt fremdenfeindlicher und rassistischer Ressentiments steht: <em>„In den Tagen, als Kevin zum nationalen Fußballfeindbild wird, schafft sich Deutschland noch nicht ab. Thilo Sarrazins Kampfschrift ist kurz vor der Weltmeisterschaft noch nicht auf dem Markt, es gibt auch noch nicht das Buch vom ‚Ende der Geduld‘ der Berliner Richterin Kirsten Heisig über die Gewalttätigkeit vor allem von türkisch- und arabischstämmigen Jugendlichen und den hilflosen Umgang des Staates damit. / Was es aber schon gibt, ist das verbreitete Gefühl, dass in der Gesellschaft etwas aus dem Ruder läuft.“</em></p>
<p>Es ließe sich durchaus annehmen, dass Kevins Foul geradezu wie gerufen kam. Kevin wurde zum Schuldigen par excellence, zu dem Sündenbock, der in die (afrikanische) Wüste geschickt werden konnte. Es ist auch die Zeit der <em>„Hymnendebatte“</em> im deutschen Fußball. <em>„Die Debatte um die Nationalhymne signalisiert Jérôme und den anderen Nationalspielern mit nicht (nur) deutschen Wurzeln, dass ihnen ihre nationale Identität noch immer nicht selbstverständlich zugestanden wird.“</em></p>
<p>Dies ist die eine Seite. Die andere ist der Erfolg der deutschen Mannschaft in Südafrika, manche meinen sogar gerade wegen der durch den Ausfall Michael Ballacks erforderlichen taktischen Umstellungen, auf jeden Fall wegen der Kreativität und Qualität der <em>„Bindestrich-Deutschen“</em>. Mesut Özil, Sami Khedira (*1987), Jérôme Boateng wurden zu Helden. <em>„Diese Nationalmannschaft zeigt: Wenn man als Migrant hier lebt, kommt man durch eigenen Ehrgeiz, eigene Kraft und eigene Leistung voran.“ </em>So sieht das der damalige deutsche Bundesinnenminister. Der damalige Vorsitzende der Grünen, Cem Özdemir, ist skeptischer. Er spricht davon, dass es in Deutschland <em>„viele junge Özils, Khediras und Boatengs auch der Chemie oder Mathematik“ </em>gebe, doch <em>„deren Karriere ende oft schon mit der Anmeldung in einer Hauptschule.“ </em>(jeweils zitiert nach Christian Ewers).</p>
<p>Ähnlich wie Mesut Özil erlebte auch Jérôme Boateng die Ups and Downs der Zu- und Abneigung der Presse. In einem Qualifikationsspiel zur Weltmeisterschaft in Südafrika wurde er des Feldes verwiesen und rechtfertigte sich nach dem Spiel damit, dass er nicht anders hätte handeln können, weil sonst sein Gegner den Ausgleich geschossen hätte. „<em>Am nächsten Tag steht in den Zeitungen, dass sich Jérôme Boateng mit seinem Foul ein bisschen auch für Deutschland geopfert hat.“</em> Gleichwohl betrifft das Foul seines Bruders auch ihn: <em>„Als hätte er dabei geholfen, den Kapitän umzutreten.“</em></p>
<p>Es ist im Fußball im Grunde nicht anders als in einer Wrestling-Liga. Es gibt die Guten und es gibt die Bösen. Der Unterschied: Beim Wrestling wissen alle Zuschauer*innen, dass die einen die Guten und die anderen die Bösen nur spielen. Selbst die Berührungen und Schläge sind – wie in jedem Stunt – nur gespielt. Niemand schlägt jemanden. Im Fußball sind die Schläge und Verletzungen jedoch echt, mal mit Absicht, mal als Unfall, und die Konsequenzen sind immer real. Letztlich entscheidet hier nicht das Management, wer die Guten und wer die Bösen spielen darf. Dies entscheidet das Publikum, das wiederum von den Medien unterstützt oder sogar aufgehetzt wird. Den als Böse markierten Spielern wird unterstellt, dass sie einen grundsätzlich bösen Charakter haben und dass sie als Feinde zu betrachten sind. Auch das ist in der Wrestling-Liga anders, da dort die Bösen ihre Fans haben und jede*r Zuschauer*in genau weiß, dass alles eben nur ein Spiel ist.</p>
<p>Fußball ist eben nicht bloß ein Spiel. Der Fall Boateng ist ein Musterbeispiel für die Gnadenlosigkeit des Fußballs und er betrifft nicht nur Kevin und ihn nicht erst nach dem Foul an Michael Ballack. Michael Horeni dokumentiert die Anfeindungen, die die drei Brüder Boateng schon bei Jugendspielen vor allem im Berliner Osten erlebten. Auch das Framing der Presse fehlte nie. Sport-BILD veröffentlichte im Frühjahr 2007 ein Portrait von Kevin, Jérôme, Änis Ben-Hatira (*1988), Ashkan Dejagah (*1986) und Zafer Yelen (*1986) mit dem Titel „Aus dem Ghetto direkt in die Bundesliga“ und kommt zu dem Schluss: <em>„Fußball hielt die Riesen-Talente von Alkohol und Drogen fern.“ </em>Umkehrschluss: Und wer es im Fußball nicht schafft?</p>
<p>Aber vielleicht gibt es Hoffnung: Die Süddeutsche Zeitung berichtete am 27. August 2020 davon, dass mehrere US-amerikanische Profi-Sportligen wegen des Mordversuchs von <em>weißen</em> Polizisten an dem Schwarzen Jacob Blake in (Wisconsin) ihre Spiele abgesagt hatten. <a href="https://www.sueddeutsche.de/sport/nba-spielabsage-black-lives-matter-rassismus-polizeigewalt-1.5011697">Jürgen Schmieder</a> schreibt: <em>„Es ist eine Geste, die von der Dimension her an Tommy Smith und John Carlos erinnert, die bei den Olympischen Spielen 1968 ihre Fäuste in den Himmel reckten, als die US-Hymne gespielt wurde. Oder an Muhammad Ali, der 1966 den Kriegsdienst verweigerte und dafür verhaftet wurde. Und an Colin Kaepernick, der vor exakt vier Jahren begann, sich beim Abspielen der Hymne vor Footballspielen hinzuknien, von Trump deshalb als ‚Hurensohn‘ beschimpft wurde und seit 2017 arbeitslos ist</em>.<em>“</em> Sind die Zeiten eines Avery Brundage endgültig vorbei? <em>„Die Spiele gehen nicht weiter.“</em> Kevin Prince Boateng spielte einige Zeit beim AC Mailand. Auf rassistische Beleidigungen reagierte die gesamte Mannschaft und verließ den Platz. Seit der Saison 2021/2022 spielt Kevin Prince Boateng wieder bei Hertha BSC Berlin. In „Schwarze Adler“ sehen wir lange Einstellungen mit von Fangruppen erstellten antirassistischen Aufklebern, darunter ein Aufkleber, auf dem das Bein eines Schalker Spielers ein Hakenkreuz zertritt.</p>
<p>Wer sich als Spieler*in wehrt, profitiert von diesen Solidaritätsbekundungen auf dem Platz nicht. Shary Reeves und Jordan Torunarigha (*1997) berichten von den Platzverweisen, die sie erhielten, nachdem sie sich gegen die andauernden Beleidigungen ihrer Gegenspieler*innen wehrten, Jordan Torunarigha, indem er eine Getränkekiste an der Trainerbank umstieß, Shary Reeves, indem sie ihre Gegnerin ein wenig schubste. Einige Fans waren allerdings aufgeklärter als die jeweiligen Schiedsrichter. Am nächsten Spieltag war ein Transparent zu sehen: <em>„Gemeinsam gegen Rassisten im Notfall mit Getränkekisten #25“</em>. Die 25 war Jordan Torunarighas Rückennummer. Shary Reeves kommentiert all diese Ereignisse in einer Einstellung zum Schluss des Films mit kaum unterdrückten Tränen: <em>„Ich liebe dieses Land, aber manchmal denke ich…“</em></p>
<p>Es ist sicherlich viel passiert, Gutes und Schlechtes, Versöhnendes und Polarisierendes. Beverly Ranger spricht von <em>„progress“</em> und <em>„regress“</em> zur gleichen Zeit. Michael Horeni beschreibt die Gleichzeitigkeit beider Entwicklungen. Die eine Seite repräsentiert der damalige Bundespräsident Christian Wulff, den Michael Horeni wie folgt zitiert: <em>„Die Mannschaft war bester Botschafter im Sinne unseres Landes in der Welt. Sie hat viele Sympathien erworben und ein Bild von einem bunten, weltoffenen Deutschland gezeichnet – von Boateng bis Özil, von Schweinsteiger bis Lahm (…). Unser Land kann dankbar und stolz auf diese Mannschaft sein.“</em> Die andere Seite: wenig später erschien Thilos Sarrazins Buch vom sich abschaffenden Deutschland: <em>„‚vor zwei Monaten haben die Leute noch Sami Khedira, Mesut Özil und Jérôme Boateng zugejubelt. Jetzt jubeln sie Sarrazin zu‘, sagen Politikexperten in Talkshows. So empfinden das auch die Spieler.“</em></p>
<h3><strong>„Spielzeug-Politik“</strong></h3>
<p>Die Ambivalenz dieser Entwicklungen besteht nach wie vor. Christian Ewers zitiert Ojokojo Torunarigha (*1970), den Vater Jordans, ehemals Spieler beim Chemnitzer FC: <em>„Ich wurde geliebt als Fußballer und abgelehnt als Mensch, als Schwarzer. Einmal abends wollte ich in die Disco ‚Elios‘ hieß die, ich hatte mich extra schick angezogen, aber der Türsteher sagte: ‚Du kommst hier nicht rein, so nicht.‘ Am nächsten Tag habe ich das meinen Mitspielern erzählt, und die sprachen dann mit dem Boss vom ‚Elios‘, und plötzlich war alles kein Problem mehr. ‚Du musst das nächste Mal nur sagen, dass du der Ojokojo vom FC bist‘, sagten sie. Ich habe es nie wieder beim ‚Elios‘ versucht. Dass du aufgespalten wirst in eine gute und in eine böse, schwarze Hälfte – das war das Schlimmste in all den Jahren.“ </em>Der erste Satz dieses Statements wird auch in „Schwarze Adler“ zitiert.</p>
<p>Christian Ewers beginnt sein Buch „Ich werde rennen wie ein Schwarzer, um zu leben wie ein Weißer“ mit den Stereotypen, die sich in den Zeitungen und in anderen Medien dank des erfolgreichen Wirkens vieler Sportjournalisten (hier ist die ausschließliche Verwendung der männlichen Form angebracht) durchgesetzt haben: <em>„Die Geschichte des Fußballs ist von Anfang an die Geschichte eines Missbrauchs (…). In den Augen Europas ist Afrika oftmals der geschundene, dunkle Kontinent, das Herz der Finsternis. Oder aber es ist farbenfroh, etwas naiv und ungebildet, aber doch so fröhlich und so vital. Zwischen diesen beiden Polen scheint es nichts zu geben. / Umgekehrt ist Europa in den Augen Afrikas das Paradies.“</em></p>
<p>Doch wie sieht dieses Paradies aus? Gerald Asamoah erzählt in „Schwarze Adler“, dass sein Bild von Deutschland durch den Otto-Katalog geprägt wurde, den seine Mutter in Ghana hatte. Christian Ewers dokumentiert die Versuche von Charles Kwablan Akonnor (*1974), als Trainer seinen Spielern in Ghana ein realistisches Bild von Europa zu vermitteln, ein Misserfolg: <em>„Akonnor hat keine Chance gegen die Macht der Bilder. Englands Premier League, Spaniens Primera División und Italiens Serie A sind fast rund um die Uhr im Satelliten-TV zu sehen; irgendwo läuft immer eine Wiederholung. ‚Europa fühlt sich für die Jungs so nah an‘, sagt Akonnor. ‚Sie kommen in Chelsea-Trikots zum Training, sie denken, sie hätten kapiert, worum es geht in Europa. Aber sie wissen nichts.‘“</em> Charles Akonnor sagt, dass viele Spieler denken, sie hätten nach drei oder vier guten Spielen alles, was sie bräuchten, um erfolgreich in der europäischen Champions League zu spielen, und er sei mit seinen Warnungen <em>„der Fiesling, der ewige Nörgler. Derjenige, der sie kleinhalten will und nicht fördern.“</em></p>
<p>Samuel Eto’o und andere, die es dann tatsächlich in die Champions League geschafft haben, gelten als Vorbilder und Helden. Dazu Samuel Eto’o selbst: <em>„Für uns Afrikaner ist jeder ein Held, der es in Europa schafft, trotz aller Steine, die ihm in den Weg gelegt werden. Heute weiß ich natürlich, dass Europa kein Märchenland ist. (…) Wir Afrikaner lieben Geschichten, in denen das Unmögliche wahr wird. Und wir erzählen sie gern ein bisschen heldenhafter, als sie in Wirklichkeit waren.“ </em>Gegenüber den jungen afrikanischen Spielern müsse er <em>„jeden Tag ein Klischee widerlegen.“</em> Fußball ist in Afrika das Aufstiegsversprechen schlechthin.</p>
<p>Vielleicht lässt sich diese Rolle des Fußballs mit der Rolle des Stierkampfs im frankistischen Spanien vergleichen. Für in Armut aufwachsende junge Männer war der Stierkampf lange Zeit das Aufstiegsversprechen schlechthin, das inzwischen jedoch längst durch den Fußball abgelöst worden ist. Die beiden Journalisten Larry Collins und Dominique Lapierre haben die Mechanismen dieses Mythos in ihrem Buch „… oder du wirst Trauer tragen – Das phantastische Leben des El Cordobès“ (deutsche Ausgabe 1968 bei Bertelsmann in München erschienen, französische Erstausgabe ein Jahr vorher) beschrieben: <em>„Dieser Weg, der vor den Hörnern der Stiere vorbeiführt, lockte im Verlauf der nächsten eineinhalb Jahrhunderte Tausende junge Spanier mit seinem Versprechen an, Hunger und Elend zu besiegen. Für einige wenige brachte er Ruhm und Geld. Für die meisten aber führte er nur zu Leiden und Verzweiflung. Und für vierhundert Söhne Spaniens in den Tod.“ </em>Natürlich erzählen Larry Collins und Dominique Lapierre die Geschichte vom Ursprung des Stierkampfs in Ronda, als ein junger Tischler namens Francisco Romero einen Stier mit seinem Hut von dem vom Pferd gestürzten adligen Stierkämpfer ablenkte. Eine schöne Geschichte, vielleicht mit einem relativ großen wahren Kern, zumindest im Hinblick auf das soziale Aufstiegsversprechen, das sich realisieren ließ, weil der Stierkampf zu Fuß den Stierkampf zu Pferde weitgehend ablöste und zu einem populären Fest wurde, das der Diktator Franco sogar gezielt einsetzen konnte, indem er eine geplante Demonstration gegen seine Politik mit einer Live-Übertragung eines Stierkampfes mit dem damals populärsten Matador El Cordobès verhinderte.</p>
<p>Christian Ewers dokumentiert Gespräche mit prominenten Fußballern, die in der Championsliga spiel(t)en, und unbekannten, die am Stadtrand von Paris und anderswo als illegale Einwanderer vergeblich von einer erfolgreichen Profikarriere träumen. Er lässt Schwarze Spieler, Manager, Trainer (ausschließlich Männer) selbst zu Wort kommen und entlarvt die europäische <em>„Spielzeug-Politik“</em>, wie sie der Manager eines sansibarischen Clubs bezeichnet: <em>„Sie haben uns den Fußball gegeben, wie man jammernden Kindern Spielzeug schenkt: Hier, nehmt, spielt, und seid schön ruhig. Vielleicht haben die Briten mit ihren Mannschaften gar nicht so ungern gegen uns verloren. Wir hatten unsere kleinen Siege auf dem Platz, und sie hatten das Kommando im echten Leben.“</em></p>
<h3><strong>Träume und Lügen</strong></h3>
<p>Christian Ewers zitiert den Historiker und Pädagogen <a href="https://readingzimbabwe.com/authors/dickson-a-mungazi">Dickson A. Mungazi</a> (1929-2008), der in seinem Buch „The Mind of Black Africa“ (Westport, Connecticut, Praeger, 1996) <em>„vier Phasen in der Beziehung zwischen Europäern und Afrikanern“</em> analysiert. Es beginnt mit der Abwertung Afrikas und seiner Bewohner*innen in der europäischen Aufklärung, beispielsweise bei Immanuel Kant, der behauptete, dass Afrikaner*innen – er benutzte ein anderes Wort – <em>„von der Natur aus kein Gefühl (hätten), welches über das Läppische stiege.“</em> Damit hätten die europäischen Mächte eine Rechtfertigung für ihre Kolonialpolitik gefunden, die sie im 19. Jahrhundert als Zivilisationsprojekt anpriesen, eine Auffassung, die sich noch in der französischen Politik der beginnenden 2000er Jahre finden ließ, als Nicolas Sarkozy verfügte, in den Schulbüchern sollten vorrangig die zivilisatorischen Erfolge der französischen Kolonialpolitik dargestellt werden. Die dritte Phase ist das Ende des Kolonialismus durch <em>„Intelligenz und Kraft der Afrikaner, die sich ihre Freiheit nur deshalb erkämpfen konnten, weil die Besatzer sie nicht ernst nahmen.“ </em>Die vierte Phase wäre dann <em>„die Phase des Selbstbetrugs“</em>. Akteur*innen sind einerseits die neuen oft in Europa oder den USA ausgebildeten afrikanischen Eliten, andererseits aber auch die vielen Menschen, die von einem sozialen Aufstieg in Europa träumen, der sie befähige, auch ihre Familien zu ernähren. Und eben dies ist der Traum – oder wenn man so will der <em>„Selbstbetrug“</em> – vieler junger afrikanischer Fußballer.</p>
<p>Nicht-Regierungsorganisationen, die sich der Entwicklung afrikanischer Staaten widmen, pflegen diesen Mythos, gerade vor der ersten Fußballweltmeisterschaft in einem afrikanischen Land, Südafrika im Jahr 2010.Fußball ist für sie ein <em>„Zauberwort“</em>. <em>„Kaum eine Initiative, die nicht ein Fußball-Projekt aufgelegt hätte im Jahr vor der Weltmeisterschaft; sie heißen ‚Coaching for Hope‘, ‚Project Hope‘ oder ‚Multipurpose Talent Group‘.“</em> Christian Ewers berichtet, dass es 2008 eine eigene Konferenz zum Thema für die Region Western Cape (Südafrika) gab, in der 203 Projekte, davon 107 in Kapstadt genannt wurden. Was dies für einen jungen Mann bedeuten kann, beschreibt Christian Ewers am Beispiel von Martin Africa. Christian Ewers traf ihn, der wirklich so heißt, bei seinem Trainer Ernst Jacobs. Ursprünglich war der junge Martin ein Kleinkrimineller, den aber der Fußball – so sagt er selbst – <em>„von der Straße geholt“</em> habe, <em>„ich muss keine schmutzigen Dinge mehr tun.“</em></p>
<p>Martin Africa war Kapitän der südafrikanischen Mannschaft bei der Obdachlosen-WM 2009 in Mailand. Doch dann geschah es. Africa und seine Mannschaftskameraden versackten, vertranken ihr Geld und verpassten den Flug. David Abrahams, der Teammanager, holt sie wieder zurück und ist eigentlich ratlos. Soll er den Spielern die Wahrheit sagen? Sie werden es mit dem Fußball nicht schaffen, Martin Africa wird nicht Trainer werden. Aber auf der anderen Seite: <em>„Fußball war das Seil, das wir Martin gereicht haben, um da unten rauszukommen. Und jetzt soll ich dieses Seil durchschneiden? Das bringe ich nichts übers Herz.“</em> Es bleibt dabei, die Aufforderung sich anzustrengen, der Beste zu sein, für Martin Africa wie für die Spieler des Gegners und deren Trainer Sadick da Silva. Solche Sätze <em>„sind Lob und Ansporn zugleich, sie halten den Traum vom FC Liverpool lebendig, von der großen Karriere in Europa. Diese Sätze sind Lügen, Liverpool ist eine Lüge, aber wenn da Silva die Wahrheit sagte – er hätte seinen Jungen wohl ganz verloren.“</em></p>
<p>Einige europäische Mannschaften haben aus der Not junger afrikanischer Spieler ein Geschäftsmodell gemacht. Sie haben sogenannte Farm-Teams in Afrika. Christian Ewers beschreibt dies am Beispiel von Ajax Amsterdam: <em>„Ajax ist ein Sinnbild für europäische Arroganz gewesen, ein Beispiel dafür, dass mit einer kolonialen Attitüde nichts zu erreichen ist. Ein Beispiel dafür, dass es ein neues Denken braucht, eine neue Haltung. Wer Erfolg haben will in Afrika, muss sich einstellen auf die Menschen, auf ihre Stärken und Schwächen, auf ihr Leben.“</em> Diese Einsicht ist das Ergebnis von Gesprächen, die Christian Ewers mit Maarten Stekelenburg, dem damaligen Leiter der Jugendabteilung Ajax Cape Town in Südafrika, und seinen Kollegen führte. Leitendes Interesse ist die Rekrutierung – ich denke der Begriff passt hier – von jungen Nachwuchsspielern, die ihren Weg in die Niederlande schaffen sollten und dann vielleicht bei Ajax Amsterdam oder einem anderen Klub der Eredivisie mehr oder weniger erfolgreich spielen. Gesucht wurden Nachfolger der legendären Surinam-Fraktion um Ruud Gullit (*1962).</p>
<p>Walter Ammann, in der Elfenbeinküste tätig, versucht Ähnliches, aber seine eigentlichen Gegner sind die Bilder von Europa, die über Satellitenfernsehen verbreitet werden und von Spielervermittlern ausgenutzt werden, <em>„immer wieder gibt es Abwerbeversuche von Agenten, die einen schnelleren Weg zum großen Geld versprechen. Warum erst mit 18 Jahren kassieren, wenn es auch schon mit 15 geht? Warum bleiben in einem Land mit düsterer Perspektive?“</em> Im Grunde ist das, was im afrikanischen Fußball geschieht, ein gigantischer Etikettenschwindel. Es bleibt beim Träumen, ein Team heißt bezeichnend La Dream Team, das letzte Kapitel des Buches heißt „Die Gestrandeten von Saint-Denis“. Dort erfahren wir von der gar nicht ungewöhnlichen Geschichte junger Männer, die ihren Familien in Ghana, in der Elfenbeinküste, im Senegal und anderswo regelmäßig Geld zuschicken, sodass die dort gebliebene Familie glauben muss, ihr Junge habe es geschafft. <em>„Wieder eine falsche Geschichte mehr, die Sehnsüchte weckt (…) und irgendwann werden aus Geschichten Legenden. Auch deshalb ist Afrika in Bewegung, auch deshalb gibt es Migration – nicht nur wegen Kriegen, Seuchen und Hunger.“</em> Das sind die <em>„Pull-Faktoren (…) die Menschen aus ihrem Land ‚herausziehen‘ und zu Wandernden machen. Sie lösen einen gewaltigen Sog aus, die Illusion, Europa sei ein Kontinent der Toleranz und Offenheit, der gut bezahlten Jobs und der täglich neuen Chancen.“</em></p>
<p>Bei dem in Europa überall herrschenden Mangel an Fachkräften klingt das gar nicht einmal so falsch, aber wir zeigen in Afrika europäischen Fußball, nicht europäisches Handwerk, nicht die Bedarfe in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, und das große Geld verdienen Fußballspieler. Umso absurder ist das Bemühen mancher Städte und nicht zuletzt des Bundesgesundheitsministers Jens Spahn, Fachkräfte für Kindertages- und Pflegeeinrichtungen weltweit einzuwerben, während diejenigen, die bereits hier sind, in sogenannten „Aufnahmeeinrichtungen“ festgehalten werden, lange Zeit auf einen Bescheid warten oder sich in der Illegalität durchschlagen müssen.</p>
<p>Der Film „Schwarze Adler“ endet mit einem Zitat von Frantz Fanon, das Buch von Christian Ewers zitiert ihn auf den ersten Seiten. Zunächst Christian Ewers mit einem Text aus dem 1961 erschienenen Klassiker „Die Verdammten dieser Erde“ („Les damnés de la terre“): „Gegenüber der kolonialen Ordnung befindet sich der Kolonisierte in einem <em>Zustand permanenter Spannung. Die Welt der Kolonialherren ist eine feindliche Welt, die ihn zurückstößt, aber gleichzeitig ist sie eine Welt, die seinen Neid erregt. Der Kolonisierte ist ein Verfolgter, der ständig davon träumt, Verfolger zu werden.“</em> Und in „Schwarze Adler“ lesen wir: <em>„Und dann geschah es, dass wir dem weißen Blick begegneten. Dabei wollte ich ganz einfach ein Mensch unter anderen Menschen sein.“</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Erstveröffentlichung im November 2021, alle Internetzugriffe zuletzt am 8. November 2021, Titelbild: NoRei.)</p>
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