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	<title>Soziales Archive - Demokratischer Salon:</title>
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	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
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		<title>&#8222;Handwerk hat goldenen Boden&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 30 Aug 2026 06:54:21 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>„Handwerk hat goldenen Boden“ Alexia Pooth und Thomas Schaarschmidt über das Handwerk in der DDR „Die Partei konnte offenbar noch so viel fordern: Als private/r Handwerker:in war man sich in den 1980er Jahren gewiss, dass man in der Bevölkerung respektiert und für seine Leistungen und sein Knowhow anerkannt war. Das private Handwerk und seine  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>„Handwerk hat goldenen Boden“</strong></h1>
<h2><strong>Alexia Pooth und Thomas Schaarschmidt über das Handwerk in der DDR</strong></h2>
<p><em>„Die Partei konnte offenbar noch so viel fordern: Als private/r Handwerker:in war man sich in den 1980er Jahren gewiss, dass man in der Bevölkerung respektiert und für seine Leistungen und sein Knowhow anerkannt war. Das private Handwerk und seine Tradition waren also nicht nur Teil der Berufsgeschichten, sondern auch Arbeits- und Lebensrealität im eigenen Land: in der DDR.“ </em>(Alexia Pooth)</p>
<p><em>„Zwar ließen die meisten der von uns befragten Handwerker:innen im Rückblick von über 30 Jahren keinen Zweifel daran, dass sie sich trotz allen Ärgers über die Unzulänglichkeiten und Absurditäten der Planwirtschaft in der DDR eingerichtet hatten und im Vergleich zu vielen anderen Bevölkerungsgruppen gut verdienten, doch schalteten sie nach dem Mauerfall nach einer Phase starker Verunsicherung schnell um und versuchten, in der unübersichtlichen Umbruchsituation wieder Grund unter die Füße zu bekommen.“ </em>(Thomas Schaarschmidt)<em>   </em></p>
<p>Diese beiden kurzen Zitate belegen eindrucksvoll, welchen Stand das private Handwerk in der DDR hatte und wie folgenreich die der Friedlichen Revolution folgende Transformationszeit für die Betriebe war. Beide Zitate stammen aus dem Buch <a href="https://www.aufbau-verlage.de/ch-links-verlag/handwerk-ost/978-3-96289-250-0">„Handwerk Ost – Arbeits- und Lebenswelten zwischen Plan und Markt“</a> (Berlin, Ch. Links Verlag, 2026). Das Buch ist das Ergebnis des in den Jahren 2021 bis 2024 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts „Gesellschaftsgeschichte des ostdeutschen Handwerks“, das vom <a href="https://zzf-potsdam.de/">Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam</a> durchgeführt worden ist. Thomas Schaarschmidt und Alexia Pooth verfolgten mit der Studie das Ziel, auf der Grundlage qualitativer Interviews mit Zeitzeug:innen ein Bild der Entwicklungen der Jahre 1945 bis 2020 zu zeichnen.</p>
<div id="attachment_8353" style="width: 222px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.aufbau-verlage.de/ch-links-verlag/handwerk-ost/978-3-96289-250-0"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8353" class="wp-image-8353 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Alexia-Pooth-Thomas-Schaarschmidt-Handwerk-Ost-Ch.-Links-212x300.jpg" alt="" width="212" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Alexia-Pooth-Thomas-Schaarschmidt-Handwerk-Ost-Ch.-Links-200x283.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Alexia-Pooth-Thomas-Schaarschmidt-Handwerk-Ost-Ch.-Links-212x300.jpg 212w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Alexia-Pooth-Thomas-Schaarschmidt-Handwerk-Ost-Ch.-Links-400x566.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Alexia-Pooth-Thomas-Schaarschmidt-Handwerk-Ost-Ch.-Links-600x849.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Alexia-Pooth-Thomas-Schaarschmidt-Handwerk-Ost-Ch.-Links.jpg 650w" sizes="(max-width: 212px) 100vw, 212px" /></a><p id="caption-attachment-8353" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die Studie befasste sich mit der Bedeutung des wirtschaftlichen Erfolgs für den sozialen Status der Handwerker:innen in der DDR und den Veränderungen ihrer Lebenswelten, ökonomischen Perspektiven und ihres Sozialstatus nach 1990. Alexia Pooth schrieb die Kapitel zur Lage des Handwerks bis zum Mauerfall, Thomas Schaarschmidt die Kapitel zur Transformationszeit. Der Band enthält Kurzbiografien der 22 Interviewpartner:innen, darunter 16 Handwerker:innen, ein Verzeichnis der Handwerksberufe in der DDR, eine Chronik der Gesetze und Beschlüssen 1945 bis 2020 sowie ein Verzeichnis der Quellen und Archive.</p>
<p><a href="https://zzf-potsdam.de/institut/personen/mitarbeiter_innen/thomas-schaarschmidt">Thomas Schaarschmidt</a> habilitierte sich an der Universität Leipzig und unterrichtet seit 2009 an der Universität Potsdam Neuere und Zeitgeschichte. <a href="https://kgi.ruhr-uni-bochum.de/institut/personen/dr-alexia-pooth/">Alexia Pooth</a> ist promovierte Kunst- und Kulturhistorikerin. Sie leitet seit 2024 die <a href="https://kusa-rub-moderne.de/">Sammlung moderne und zeitgenössische Kunst der Ruhr-Universität Bochum</a>. Im Demokratischen Salon stellte sie im Oktober 2024 ihr Buch <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-documenta-und-die-ddr/">„Exhibition Politics – Die documenta und die DDR“</a> vor.</p>
<h3><strong>Eine Alltagsgeschichte des Handwerks</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe Ihr Buch als einen Beitrag zur Alltagsgeschichte in der DDR gelesen. Ein weiterer Gedanke war die <a href="https://www.bpb.de/themen/deutsche-einheit/lange-wege-der-deutschen-einheit/315004/erinnertes-leben-im-osten-die-ddr-im-generationengespraech/">Differenzierung von Martin Sabrow zu den drei Ausprägungen des Gedächtnisses</a> an die Zeit in der DDR, <em>„Diktaturgedächtnis“</em>, <em>„Fortschrittsgedächtnis“</em> und <em>„Arrangementgedächtnis“</em>. Ihre Geschichte des Handwerks scheint mir im Rückblick und in der Bewertung aus heutiger Sicht einer Mischung von Fortschritts- und Arrangementgedächtnis zu entsprechen. Dabei war mit dem <em>„Fortschritt“</em> nicht unbedingt immer das gemeint, was die SED-Führung darunter verstand. Man hatte sich als Handwerker:in in der DDR irgendwie einrichten können, auch wenn der Staat offiziell nicht billigte, was man tat.</p>
<p><strong>Alexia Pooth</strong>: <em>Der Band ist auf jeden Fall ein Beitrag zur Alltagsgeschichte. Das Handwerk war eine feste Größe im Wirtschaftsleben der DDR. Da es sich bei der DDR um eine sogenannte Reparaturgesellschaft handelte, in der es viele Dinge nicht zu kaufen gab, hatten alle mit dem Handwerk zu tun. Bis in die 1980er Jahre waren die privaten Handwerksbetriebe maßgeblich daran beteiligt, die Reparatur- und Dienstleistungen zu gewährleisten, die in einer Mangelwirtschaft notwendig waren. Insofern kannte jeder irgendeine Handwerkerin oder irgendeinen Handwerker. Das merkt man, wenn wir unser Buch vorstellen. In der Regel meldet sich sofort jemand und erzählt eine Anekdote aus der eigenen Erfahrung mit dem Handwerk. Es gibt sehr viele Meinungen, wobei sich natürlich nicht alle über das Handwerk freuten. Gerade der Status des „Gebraucht-Werdens“ brachte den privaten Handwerker:innen auch Vorurteile ein, mit denen andere Bevölkerungsgruppen in der DDR nicht konfrontiert waren, schon allein, weil Handwerker:innen zumeist Häuser besaßen und Autos fuhren.</em></p>
<div id="attachment_8371" style="width: 252px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8371" class="wp-image-8371 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Thomas-Schaarschmidt-Foto-Andy-Flischikowski-300x300.png" alt="" width="242" height="242" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Thomas-Schaarschmidt-Foto-Andy-Flischikowski-66x66.png 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Thomas-Schaarschmidt-Foto-Andy-Flischikowski-150x150.png 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Thomas-Schaarschmidt-Foto-Andy-Flischikowski-200x200.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Thomas-Schaarschmidt-Foto-Andy-Flischikowski-300x300.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Thomas-Schaarschmidt-Foto-Andy-Flischikowski-400x400.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Thomas-Schaarschmidt-Foto-Andy-Flischikowski.png 404w" sizes="(max-width: 242px) 100vw, 242px" /><p id="caption-attachment-8371" class="wp-caption-text">Thomas Schaarschmidt, Foto: Andy Flischikowski.</p></div>
<p><strong>Thomas Schaarschmidt</strong>: <em>Es gibt einen schönen Spruch aus der Handwerkskammer in Erfurt, den wir in unserem Buch zitieren: „Jeder braucht jeden Tag Handwerk und keiner merkt’s.“ Alle können etwas zum Handwerk sagen. Wenn man sich intensiv mit der Gesellschafts- oder Alltagsgeschichte der DDR beschäftigen will, muss man jedoch in die Tiefe gehen und sich vor Ort und im Detail die Verhältnisse anschauen. Das Handwerk bietet in der Tat einen Beitrag zur Alltagsgeschichte, nicht nur zur Leistung des Handwerks für die Gesellschaft, sondern auch im Hinblick auf soziale Ungleichheiten. </em></p>
<p><em>In diesem Zusammenhang ist es auch wichtig, verschiedene Eigentumsformen im Sozialismus zu unterscheiden: neben dem privaten Handwerk gab es auch noch die Produktionsgenossenschaften des Handwerks (PGH), die wir allerdings in unserem Band nur am Rande untersuchen. Ende der 1980er Jahre existierten in der DDR etwa 2.700 PGHs mit etwa 163.000 Beschäftigten neben etwa 80.000 privaten Handwerksbetrieben mit etwa 260.000 Beschäftigten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine Wegwerfgesellschaft gab es nicht in der DDR, wie sah es mit Reparatur- und Dienstleistungen aus?</p>
<p><strong>Thomas Schaarschmidt</strong>: <em>Das stimmt, die DDR war eine Reparaturgesellschaft, nur die Reparaturdienstleistungen waren nicht ausreichend verfügbar. Häufig musste man warten – auf die Reparatur von Strumpfhosen, auf den Klempner, oder sonstige Dienstleistungen. </em></p>
<p><strong>Alexia Pooth</strong>: <em>Das war nicht nur für die Bevölkerung, sondern auch für die Politik ein großes Problem. In der sozialistischen Gesellschaft herrschte eigentlich die Idee, dass die Bevölkerung ihre Reparaturleistungen externalisieren kann, um – anstatt für Hausarbeit, wie Nähen etc. – genügend Raum für Freizeit zu haben. Das funktionierte natürlich nicht, weil viele Reparaturleistungen gar nicht ausreichend zur Verfügung standen. So waren viele Ideale der sozialistischen Gesellschaft in der Realität nicht umsetzbar. </em></p>
<p><strong>Thomas Schaarschmidt</strong>: <em>Das stimmt, aber es gibt hier interessante Parallelen zum Westen. Da die Dienstleistungen für Reparaturen fehlten, entwickelte sich ein Trend zum Eigenbau beziehungsweise zur Eigenreparatur. Es ist in der ehemaligen DDR noch heute oft Anlass zu Stolz, dass man beim Bau des Hauses mit ein wenig Unterstützung aus dem Handwerk in der Nachbarschaft alles selbst gemacht hat. Das war aus der Not geboren. Im Westen gibt es ebenso eine Selbermachkultur. „Die Axt im Haus erspart den Zimmermann“, ein Buch mit diesem Titel hatte mein Vater zu Hause im Bücherschrank – und solche Publikationen gab es auch in der DDR. </em></p>
<p><strong>Alexia Pooth</strong>: <em>Ja, es herrschte quasi eine</em> <em>Do it yourself-Kultur, die bis heute faszinierend ist.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Alle brauchten das Handwerk, gerade auch das private Handwerk, aber gemocht haben die SED-Parteiorganisationen das Handwerk nicht. Aber irgendwie haben sich Handwerk und Partei miteinander arrangiert oder täusche ich mich?</p>
<div id="attachment_8372" style="width: 252px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8372" class="wp-image-8372 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Alexia-Pooth-c-Studio-Prokopy-258x300.jpg" alt="" width="242" height="282" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Alexia-Pooth-c-Studio-Prokopy-200x233.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Alexia-Pooth-c-Studio-Prokopy-258x300.jpg 258w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Alexia-Pooth-c-Studio-Prokopy-400x466.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Alexia-Pooth-c-Studio-Prokopy-600x699.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Alexia-Pooth-c-Studio-Prokopy-768x894.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Alexia-Pooth-c-Studio-Prokopy-800x932.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Alexia-Pooth-c-Studio-Prokopy-879x1024.jpg 879w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Alexia-Pooth-c-Studio-Prokopy-1200x1397.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Alexia-Pooth-c-Studio-Prokopy-1319x1536.jpg 1319w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Alexia-Pooth-c-Studio-Prokopy-1759x2048.jpg 1759w" sizes="(max-width: 242px) 100vw, 242px" /><p id="caption-attachment-8372" class="wp-caption-text">Alexia Pooth © Studio Prokopy.</p></div>
<p><strong>Alexia Pooth</strong>: <em>Gemocht wurden die privaten Handwerker:innen zumindest von Staatsseite tatsächlich nicht. Aber ob sich alle von ihnen mit der SED arrangiert haben, kann ich nicht bestätigen.</em></p>
<p><em>Ziel der DDR-Führung war es, alle in den staats- und planwirtschaftlichen Betrieb einzubinden. Private Handwerksbetriebe, die schon lange vor Gründung der DDR, oft sogar schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts bestanden, hatten ein eigenes Selbstverständnis von Privatheit, von Selbstwirksamkeit, vom der-eigene-Chef-sein, von wirtschaftlicher Organisation. Es war natürlich ein Problem für die DDR-Führung, eine Bevölkerungsgruppe zu haben, die zwar auch in der Planwirtschaft Sollzahlen erfüllen sollte, aber vom Selbstverständnis her überhaupt nicht mit der Staatswirtschaft zu vereinbaren war. Schon seit Gründung der DDR, eigentlich auch schon in der Sowjetischen Besatzungszone, wurden folglich eine Fülle von Maßnahmen gegen das private Handwerk in Gang gesetzt, die das Handwerk „zersetzen“ sollten.  </em></p>
<p><em>Um besser zu verstehen, wie das Verhältnis zwischen Partei und privaten Handwerker:innen im Plansystem der DDR aussah, habe ich mir zum einen die Gesetzgebung und die Rhetoriken der Partei seit den 1950er Jahren angeschaut. Zum anderen haben wir Zeitzeugeninterviews geführt, weil die Archivlage zum Handwerk sehr dürftig ist. Privatbetriebe sammeln nicht unbedingt für die Nachwelt. Daher war uns klar, dass wir Interviews generieren müssen, um zu entsprechenden Antworten zu kommen. Wir haben einen Aufruf gestartet und im Verlauf der Studie 16 Zeitzeugeninterviews mit Handwerker:innen führen können. </em></p>
<p><em>Diese Interviews zeigen, dass man die Gruppe der Handwerker:innen nicht pauschal einschätzen kann. Man muss sehr stark differenzieren, gerade auch, wenn man auf die Zeit nach 1989/1990 schaut. </em></p>
<p><strong>Thomas Schaarschmidt</strong>: <em>Ich möchte noch einmal auf Ihre Grundfrage zum Arrangement eingehen. Wir haben eine bestimmte Gruppe von Handwerksbetrieben betrachtet, die bis zum Ende in der DDR geblieben sind. Die waren oft unzufrieden mit den Verhältnissen, haben sich auch mit der Bundesrepublik verglichen, aber haben sich irgendwie arrangiert. Sie hatten ihren Platz im System gefunden, obwohl sie wussten, dass der Staat, die SED sie nicht mochte. Seit den 1950er Jahren wurde immer wieder versucht, sie in die PGHs zu integrieren. Sie wurden in allen möglichen Punkten benachteiligt, bei der Materialbeschaffung, bei der Besteuerung. Das hat auch gewirkt. Viele private Handwerke haben aufgegeben. In den 1960er Jahren waren die PGHs in einer günstigen Situation, sodass viele Handwerker dorthin abgewandert sind. Aber es gab dennoch genug Handwerksbetriebe, die die Selbstständigkeit vorgezogen haben. Das hat auch deshalb funktioniert, weil bis zum Ende der DDR die Nachfrage so groß war, dass Handwerksbetriebe auch ohne großes Eigenengagement in dem System weiterleben konnten.</em></p>
<p><strong>Alexia Pooth</strong>: <em>Das unterscheidet sich je nach Branche. Wir haben Handwerksbetriebe wie Druckereien, Optiker oder Kfz-Betriebe untersucht, die immer gebraucht werden, aber auch viele Betriebe in Spezialhandwerksbranchen, die unter den Zersetzungsmaßnahmen aufgeben mussten, weil sie keine Lehrlinge mehr bekamen. Lehrlinge wurden auf der Basis der staatlichen Soll- beziehungsweise Planvorgaben zugewiesen. Es gab ganze Teilbereiche wie die Blaudrucker, die Schuhmacher, die Kürschner, in denen über Jahrzehnte niemand mehr ausgebildet wurde, sodass es keinen Nachwuchs gab. Wie gesagt, man muss sich die Lage des privaten Handwerks schon sehr detailliert anschauen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Kann man die Lage von Handwerksbetrieben in der DDR als prekär beschreiben?</p>
<p><strong>Thomas Schaarschmidt</strong>:<em> Nein, auch das muss man differenziert sehen. Handwerksbetriebe waren nicht am Rande des Abgrunds. Es gab viele Gewerke, zum Beispiel die Baubranche oder das KfZ-Gewerbe, in denen die Handwerksbetriebe extrem erfolgreich waren. Handwerkerinnen und Handwerker gehörten in der DDR zu den Menschen mit den höchsten Spareinlagen. Die nagten nicht am Hungertuch. Es gibt Gewerke, in denen es schwierig war, aber viele, bei denen es viel Geld gab. Prekarität trifft auf die rechtliche Stellung zu, auf die Gefahr, irgendwie verfolgt und belangt zu werden, beispielsweise wegen Steuerhinterziehung, aber nicht in sozialer Hinsicht. Viele sagten uns, dass sie bis zum Ende der DDR sozial relativ abgesichert waren.</em></p>
<p><strong>Alexia Pooth</strong>: <em>Das stimmt.</em> <em>Wenn man von Prekariat sprechen will, dann vielleicht eher in Bezug auf andere Aspekte. Zum Beispiel in der Lebensmittelbranche: hier gab es viele Herausforderungen, etwa mit Blick auf die marode Gebäudesubstanz.  Fleischereibetriebe, Bäckereien hatten mit Ungeziefer zu kämpfen, mit Schimmelbefall und hygienischen Problemen. Es gab Betriebe, die genau deshalb keine passenden Gewerbeflächen fanden, keine Wohnräume in der Nähe des Betriebs. Wenn ein Bäcker morgens um drei Uhr anfängt, muss er auch möglichst in der Nähe seiner Bäckerei leben. Das war in der DDR ein großes Problem. </em></p>
<p><em>An anderes Beispiel für „prekäre“ Arbeitskonditionen ist natürlich der fehlende Nachwuchs. Bis in die 1980er Jahre versuchte die SED, die Betriebe systematisch „auszutrocknen“. Erst nach 1976 wurde hier ein neuer Kurs gefahren, der es auch Kindern von Handwerker:innen ermöglichte, ein Handwerk zu erlernen bzw. die Betriebe der Eltern zu übernehmen. </em></p>
<p><em>In diesem Bereich gibt es große Unterschiede, je nach Gewerk und Standort. Ich denke, Thomas, wir müssen dringend weiter forschen. </em></p>
<h3><strong>Das Miteinander und Ineinander der Netzwerke und Informationskanäle</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich bin neugierig auf weitere Forschungen! Eine wichtige Frage war die Materialbeschaffung. Das war nicht nur ein Problem des Handwerks, sondern ein grundsätzliches Problem. Ich erinnere mich an eine Geschichte, die in meiner Zeit im Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft der damalige Minister Rainer Ortleb erzählte. Er sagte, wir alle hätten die Aufgabe, mit 50 Mark einen Zentner Zement zu besorgen, aber unter der Bedingung, dass wir nicht in den Baumarkt fahren dürften. Er sei sicher, dass in der DDR alle am Abend diesen Sack <em>„organisiert“</em> hätten, während es im Westen niemand geschafft haben würde. Nach Lektüre Ihres Buches hatte ich den Eindruck, dass alle irgendwie an das Material herangekommen sind.</p>
<p><strong>Alexia Pooth</strong>: <em>Ja, das sind sie. Ich glaube, eines der wichtigsten Güter des Handwerks waren Netzwerke und Informationskanäle. Von Anfang an gehörte das zum Alltag dazu. Man kannte jeden in der Branche. Offiziell gab es die Handwerkskammer, die natürlich staatlich besetzt war, sowie die Berufsgruppen, also die Innungen, in denen man sich traf. Daneben aber lief vieles unter der Hand. Man feierte Feste, man war in Einkaufs- und Liefergenossenschaften (ELG) organisiert, man bekleidete ehrenamtlich verschiedene Positionen und versuchte, Kontakte zu Kolleg:innen auch anderer Branchen aufzubauen und zu erhalten.</em></p>
<p><em>Wir haben uns auch mit der Frage beschäftigt, was Jugendliche motivierte, ins private Handwerk zu gehen. Es zeigte sich ganz klar, dass schon der Schritt ins Handwerk im Rahmen der Planwirtschaft nur funktionierte, wenn man die Netzwerke hatte. Ohne diese wäre man nicht an den Lehrbetrieb, nicht an die Wohnung gekommen. Es gibt zahlreiche Anekdoten, wie jemand beispielsweise in Rostock Betrieb und Wohnung fand, denn ohne Wohnung gab es keinen Ausbildungsplatz. Das zieht sich durch alle Bereiche durch.</em></p>
<p><strong>Thomas Schaarschmidt</strong>: <em>Ich möchte das ein bisschen relativieren. Informelle Netzwerke gab es nicht nur in der DDR. Wir haben sie auch in der alten Bundesrepublik und in vielen anderen Gesellschaften. Aber wir hatten in der DDR eine sehr restriktive Zuteilung von Lehrstellen. Ganz anders als in der Marktwirtschaft war der Zugang zu Material. Da ging ohne Netzwerke gar nichts. Geld spielte eigentlich keine Rolle. Es wurde munter durch die ganze DDR getauscht. Das konnten die Osthandwerker nach 1990 immer noch, aber es war nicht mehr nötig, zum Beispiel Spargel gegen Rohre zu tauschen. Jetzt fuhr man in den Westen und kaufte die Rohre im Baumarkt. Das muss ein starker Einschnitt gewesen sein, der schlagartig Fähigkeiten der Materialbeschaffung oder der Materialhortung entwertet hat. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Aber es wurde damit doch auch teurer?</p>
<p><strong>Thomas Schaarschmidt</strong>: <em>Ja, aber es war auch weniger aufwendig. Das spielt in den Erzählungen eine große Rolle, wie viel Zeit es kostete, bei der Materialbeschaffung immer hin- und herzufahren, all das mit dem Gefühl: „Wir schaffen es trotzdem.“ Diese Erfolgserlebnisse waren dann nach 1990 nicht mehr von Relevanz. </em></p>
<p><strong>Alexia Pooth</strong>: <em>In der DDR galt: Man brauchte ein Fenster, als Gegenleistung baute man einen schönen Tisch. Der Bäcker hatte ein Problem mit seinem Ofen. Für guten Kuchen kamen – salopp gesagt – die Ofenbauer. Es hieß, jeder hilft jedem, auch um selbst etwas zu bekommen. Das trug zur Kommunikation, zum Miteinander bei. Dieses Gefühl des Miteinanders ging mit der Wende verloren. Das ist eine große Verlust- und Bedauernsgeschichte, die heute noch Thema ist. Die Freundschaftsbande sind zu Konkurrenzverhältnissen geworden.   </em></p>
<h3><strong>Viele kleine Betriebe</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Ostdeutschland haben wir nach wie vor hauptsächlich kleine Betriebe, meines Wissens etwa 80 bis 90 Prozent. Hängt dieses Phänomen mit der Geschichte des privaten Handwerks in der DDR zusammen?</p>
<p><strong>Thomas Schaarschmidt</strong>: <em>Es gibt Studien, die belegen, dass die meisten Handwerksbetriebe im Westen in den 1970er Jahren auch nicht größer waren als die Betriebe in der DDR, die seit 1950 höchstens zehn Beschäftigte anstellen durften. Für die DDR war das jedoch eine besondere Situation, weil die Nachfrage so groß war. Mit mehr Personal hätte man viel länger und viel mehr Aufträge abarbeiten können. Irgendwann hat man keine Aufträge mehr angenommen, was auch mit der extremen Besteuerung den Betrieb zusammenhing. Es lohnte sich nicht mehr zu arbeiten. In der alten Bundesrepublik gab es insgesamt viel mehr größere Betriebe als in Ostdeutschland, aber inzwischen orientiert sich die Entwicklung in Bezug auf die Betriebsgröße in den neuen Bundesländern stark am Westen. Wir erleben gleichermaßen, dass die Schere zwischen einigen großen mittelständischen Unternehmen und vielen Kleinbetrieben immer weiter auseinander geht.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Frage ist meines Erachtens eher, ob sich Großbetriebe im Osten ansiedeln beziehungsweise wie es sich mit diesen verhält.</p>
<p><strong>Thomas Schaarschmidt</strong>: <em>Manche entwickeln sich auch aus ostdeutschen Handwerksbetrieben. Am Schluss versuche ich in unserer Studie einen Ausblick zu geben. Es gibt einige Firmen, die ziemlich erfolgreich sind, auch auf Grundlage der Erfahrungen, die sie vorher gemacht haben, auf Grund ihres Kundenstamms, und es gibt natürlich auch Ansiedlungen aus dem Westen oder aus West-Berlin.</em></p>
<p><strong>Alexia Pooth</strong>: <em>Wir haben Handwerksmeister interviewt, die gar nicht mehr Leute einstellen wollten. So hätten sie einen besseren Überblick über die Arbeitsschritte und das Personal. Gerade in der DDR litten nicht alle darunter, dass sie nur zehn Leute beschäftigen konnten – eine Vorgabe, die seit den 1950er Jahren gesetzlich verankert war und bis 1989/90 galt. </em></p>
<p><strong>Thomas Schaarschmidt</strong>: <em>In den 1990er Jahren gibt es in vielen Gewerken schon das Bestreben zu expandieren. Oft waren es die Handwerker selbst, oft auch Beratungsangebote, die den Anstoß gaben. Die Beratung ging oft in die Richtung zu versuchen, Filialen zu gründen. Etliche Betriebe haben sich auf diese Weise kaputtexpandiert. Sie haben sich überfordert, erst recht, als die Wirtschaftskrise dann doch wieder zubiss. Andere sind aus den Erfahrungen vor 1990 lieber moderat expandiert. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine problematische Rolle spielten in der Transformationszeit der frühen 1990er Jahre Berater aus dem Westen, von denen viele nicht unbedingt qualifiziert waren.</p>
<p><strong>Thomas Schaarschmidt</strong>: <em>Die kamen alle aus dem Westen. In den Interviews haben wir auch von sehr konstruktiven Beratungen gehört, die geholfen haben, zum Beispiel zu technischem Knowhow, zu betriebswirtschaftlichen Grundlagen, die in der DDR nicht wirklich erforderlich waren. Es gab aber genauso oft unseriöse Angebote. Ich versuche mir vorzustellen, wie Handwerker darauf reagierten. Manche Angebote waren so absurd, dass man sie schnell durchschaute. Aber mit manchen Dingen, zum Beispiel Rabattofferten, hatten die Handwerker:innen vorher keine Erfahrung. Viele waren völlig überfordert mit Kooperationsangeboten der merkwürdigsten Art, Versicherungsangeboten, Kreditangeboten und was nicht alles. Das muss für viele eine totale Überforderung und Überwältigung gewesen sein.</em></p>
<h3><strong>Privatwirtschaft in der Planwirtschaft </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass in allen Planwirtschaften in bestimmten Rhythmen immer wieder Lockerungen beschlossen werden, die privatwirtschaftliche Formen ermöglichten, in kleinem Rahmen, aber immerhin. Das betrifft oft landwirtschaftliche Subsistenzwirtschaft, bei der dann auch immer etwas abfällt, das man weiterverkaufen kann. Ähnliches gab es wohl im Handwerk. Die Frage, die sich planwirtschaftliche Regime stellten, lautete: Wie viel Privatwirtschaft muss ich zulassen, um die Leute bei der Stange zu halten?</p>
<p><strong>Thomas Schaarschmidt</strong>: <em>Das ist ein Hin und Her. Alexia hat sich mit den Wirtschaftsreformen in den 1960er Jahren befasst. Manche haben profitiert: Wir verweisen auf die goldenen Jahre der PGHs. Die konnten mit den VEBs mithalten. Aber plötzlich wurde es der Parteiführung unheimlich, was sich da von unten entwickelte, und sie haben den Deckel wieder drauf gemacht. Wichtig für unser Projekt sind die mehrfachen Kurswechsel in den 1970er Jahren, beginnend mit der Enteignungswelle nach dem Amtsantritt von Erich Honecker, der versucht hat, alle erfolgreichen PGHs zu verstaatlichen, um sie besser zu kontrollieren. Wenige Jahre später stellte die Parteiführung fest, dass man sich selbst geschadet hatte, weil wirtschaftliche Leistungen, die man brauchte, damit wegfielen. Dann kam wieder eine Öffnung zu größeren Freiräumen, die auch nicht immer den gewünschten Erfolg hatten, aber doch die Rahmenbedingungen für das Handwerk verbesserten.</em></p>
<p><strong>Alexia Pooth</strong>: <em>Es dauert natürlich auch immer ein paar Jahre, bis eine veränderte Politik Fuß fasst. Das größte Dilemma der DDR war einfach, dass die SED das private Handwerk als vermeintliche Ausgeburt des Kapitalismus nicht mochte, es aber gebraucht wurde. Walter Ulbricht hat bereits im Zuge der Bodenreform gesagt, man könne diese gar nicht ohne die privaten Handwerker durchführen, die den Neubauern mit ihrem Knowhow unter die Arme greifen. Das ist in der Anfangsphase der DDR so angesetzt und zieht sich bis zu ihrem Ende durch. </em></p>
<p><em>Die Handwerkspolitik in der DDR hat sich ständig gedreht, sie war nicht einheitlich, auch nicht vorhersehbar. In den 1950er Jahren waren es gesetzliche Gängelungen, in den 1980er Jahren gab es reale Unterstützung, auch in Form von einigen Sondermaßnahmen, zum Beispiel, dass ein junger Handwerker erst einmal von der Nationalen Volksarmee (NVA) zurückgestellt wurde, wenn er den Betrieb seines Vaters übernommen hat. </em></p>
<p><strong>Nobert Reichel:</strong> Ihr Buch ist unglaublich detailreich. Dazu gehören auch scheinbare Kleinigkeiten wie der Zugang zu einem Auto über die NVA. Heute ist es nicht mehr vorstellbar, dass sich ein Handwerker mit einem Auftrag der Bundeswehr gleich auch noch ein Auto oder Sonderkonditionen bei der Materialbeschaffung erwirken könnte.</p>
<p><strong>Alexia Pooth:</strong> <em>Die NVA ist ein interessanter Teilbereich, weil sie, wie viele andere staatliche Einrichtungen auch, vom Handwerk profitierte, beispielsweise wenn elektrische Leitungen verlegt werden mussten oder die Volkspolizei beziehungsweise die Staatssicherheit eine neue Garage brauchte. Die haben auch gerne auf das private Handwerk zurückgegriffen.</em></p>
<p><strong>Thomas Schaarschmidt</strong>: <em>Da wusch eine Hand die andere, denn diese Auftraggeber hatten zusätzliche Materialkontingente und waren daher bei den Handwerksbetrieben beliebt. Die haben auch nicht so genau nachgezählt, was sie an die Handwerker weitergegeben hatten.</em></p>
<p><strong>Alexia Pooth</strong>: <em>Ich gestehe, dass ich als Nachgeborene bis heute nicht so recht verstanden habe, wie sich die Firmenfinanzierung beziehungsweise besser: der Erwerb von Material und Technik genau zusammensetzte. Thomas sprach schon von den hohen Spareinlagen. Bis heute wissen wir nicht genau, woher diese kamen, wie sie sich akkumuliert haben, aus welchem Topf dann ein (West-)Auto finanziert wurde und wie die Schwarzarbeit funktionierte, die existierte und gut bezahlt wurde.</em></p>
<h3><strong>Transformationen auf dem Weg in die „blühenden Landschaften“</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein wichtiger Aspekt Ihrer Studie ist die Transformation von einer Planwirtschaft in eine Privatwirtschaft nach der Friedlichen Revolution. Wie lief das ab und was lässt sich heute aus der Rückschau über diesen Prozess sagen?</p>
<p><strong>Thomas Schaarschmidt</strong>: <em>Ja, das ist die zweite Hauptfrage in unserem Buch – ein enorm schwieriger Prozess. Manchmal muss man sich auch die Naivität der frühen 1990er Jahre vor Augen halten: Wir nehmen die Planwirtschaft weg und schon ist die Marktwirtschaft da! Wir brauchen jedoch die Marktteilnehmer. Interessant war der Blick auf die wenigen privaten Betriebe in der DDR. Viele dachten, das werde der neue Mittelstand in Ostdeutschland, abgesehen von den Westbetrieben, die sich im Osten angesiedelt haben. Diese Betriebe hatten Erfahrungen in der DDR aber keine mit den neuen Rahmenbedingungen einer Marktwirtschaft. Sie haben eine wichtige Rolle gespielt, aber sie selbst fühlten sich als Getriebene. Sie haben auf lokaler Ebene neue Kontakte geknüpft, ihre Produktion und Kundenstämme ausgebaut, sich im Hinblick auf die Handwerkskammern neu orientiert. Ich denke, sie sind eigentlich die wahren Helden der Transformation von unten, während von oben illusorische Vorstellungen vorherrschten. Man muss sich nur die Privatisierungen durch die Treuhand anschauen! Man dachte, es gehe ganz einfach und die Betriebe wären dann alle schnell wieder flott. Aber es hat sich mit den „blühenden Landschaften“ dann doch nicht so schnell durchgesetzt.</em></p>
<p><strong>Alexia Pooth</strong>: <em>Wir haben eben darüber gesprochen, dass viele aus dem Westen in den Osten kamen, um Beratungsleistungen oder Schnäppchen anzubieten. Aber wir müssen sehr genau differenzieren, wovon wir eigentlich reden. Eine der interessantesten Fragen ist die, wie die Menschen im Osten die Transformationsprozesse erlebt haben. Da kamen Leute aus dem Westen, die meinten, sie könnten die Brillengläser viel besser schleifen, denn sie hätten bessere Maschinen. Fast alle Handwerker:innen, die wir interviewt haben, Männer wie Frauen, die die Transformationszeit erlebt haben, sind selbst in den Westen gegangen, kamen zurück und stellten fest, dass sie handwerklich viel besser aufgestellt waren. Sie waren viel flexibler und eben in der Lage, ein Brillenglas auch ohne hochmoderne Maschinen zu schleifen. Das ist eine sehr wichtige Erkenntnis: Alle fühlten sich in der Transformationsphase durchgerüttelt, aber das berufsbezogene Wissen, das sie hatten, konnte ihnen niemand nehmen. Das war eine große Motivation und gilt zumindest für die Handwerker:innen, die wir interviewt haben. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: An mehreren Stellen in Ihrem Buch verwenden Sie den Begriff <em>„Handwerkerstolz“</em>. Manche konnten durch Inaugenscheinnahme im Westen ein neues Selbstbewusstsein entwickeln. Das betrifft aber nur einen Teil der Betroffenen. Bei vielen hat es nicht geklappt.</p>
<p><strong>Alexia Pooth</strong>: <em>Mit der Abwicklung der volkseigenen Betriebe haben wir ein großes Potenzial an Arbeitskräften, zum Beispiel die VE-Meister, die volkseigenen Betriebsmeister. Auch die PGHs wurden aufgelöst. Und plötzlich haben wir einen großen Pool von handwerklich geschulten Leuten auf dem Arbeitsmarkt. </em></p>
<p><strong>Thomas Schaarschmidt</strong>: <em>Dadurch entsteht in den frühen 1990er Jahren eine enorme Konkurrenzsituation auf dem Arbeitsmarkt. Es gibt viele Neugründungen, teilweise aus der Not geboren. Um die Wirtschaft anzukurbeln, wurde seit 1990 ermutigt, neue Betriebe zu gründen. Da der Bedarf sehr groß war, wurde dies angenommen, doch in dieser Situation war noch nicht abzusehen, wer sich am Markt behaupten würde. Die Entwicklung verlief auf verschiedenen Geschäftsfeldern ganz unterschiedlich. Ganze Bereiche verschwanden, zum Beispiel das Reparaturgewerbe, das in der Wegwerfgesellschaft keine Chance hatte. Schuhe wurden nur noch selten repariert. Nehmen wir das Beispiel einer Porzellanmalerin, die in den frühen 1990er Jahren Teller wieder zusammengeklebt hat. Als wir das sahen, dachten wir, das wäre im Westen beim nächsten Polterabend gelandet. Sie hat das auch nicht lange gemacht und ist auf Geschenkartikel umgestiegen. Auch der Run auf Westprodukte spielte eine Rolle. Ein Drucker, den wir interviewt haben, war früher Buchbinder. Im Laufe der 1990er Jahre stellte er fest, dass der Bedarf zurückgegangen war. Die Leute ließen sich nicht mehr das alte Kochbuch der Oma reparieren. Das gab es im Buchladen alles viel billiger. Also sattelte er auf Druckerei um.</em></p>
<p><em>Dass Betriebe an- und abgemeldet werden, ist im Handwerk normal. Abmeldungen sind nicht unbedingt Anzeichen einer tiefen Krise. Manche neu gegründeten Betriebe hatten aber nur eine schwache Kapitaldecke und überlebten nur zwei bis drei Jahre. </em></p>
<h3><strong>Ein anderer Blick auf die Transformationszeit und ihre Folgen?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Erklärt ihr Buch etwas zu den Verwerfungen und Radikalisierungen in Ostdeutschland, die wir zurzeit erleben und die in Berichterstattung und Politik dominieren? Oder erklärt es das nicht?</p>
<p><strong>Thomas Schaarschmidt</strong>: <em>Irgendetwas dazwischen. Unsere Erwartungen waren eigentlich höher. So wollten wir beispielsweise wissen, ob man aus der Situation des Handwerks Schlüsse auf den Wähleranteil der AfD ziehen kann. Wir haben auch gedacht, wir könnten mehr herausfinden über die Dynamik der Gesellschaft, über gesellschaftliches Engagement. Punktuell ist das vielleicht gelungen, aber so einfach war das nicht. </em></p>
<p><em>Immerhin bekommen wir einen guten Blick dafür, wie Transformation funktioniert hat, welche Rolle privates Handwerk dabei spielte und wie lokale Gesellschaft funktioniert. Die privaten Betriebe, die schon vor 1990 da waren, waren eine Art Stabilitätsanker. Wir wüssten aber gerne mehr darüber, was das politisch bedeutet. Es sind bisher nur einzelne Beobachtungen. Obwohl es viel Kritik am Transformationsprozess gibt, haben es viele Handwerker irgendwie doch geschafft und bewerten die Entwicklung insgesamt positiv. Daraus ergibt sich aber noch kein einheitliches Bild.</em></p>
<p><strong>Alexia Pooth</strong>: <em>Das ist auch gar nicht so schlimm. Es hängt von der Perspektive ab und von welchem Wissenstand man startet. Ich fand es sehr interessant, in ein Feld einzutauchen, das ich vorher nicht wirklich kannte. Aus meiner Perspektive an der Universität in Bochum kann ich nur sagen, dass man gar nicht genug darüber wissen kann, wie differenziert die Gesellschaft in der DDR war und in Ostdeutschland ist. Wenn ich in Bochum in einen Buchladen gehe, finde ich so gut wie nichts über die DDR. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist in Bonn nicht anders. Man muss es in der Regel schon bestellen, das heißt vorher schon wissen, was es auf dem Buchmarkt gibt.</p>
<p><strong>Thomas Schaarschmidt</strong>. <em>Uns geht es um einen anderen Blick auf die Transformationszeit. Sonst geht es immer nur nach dem Motto, alles Tristesse, alles bricht zusammen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dieses Narrativ dominiert leider zurzeit in jeder Hinsicht.</p>
<p><strong>Thomas Schaarschmidt</strong>: <em>Wenn man ein bisschen genauer hinschaut, bekommt man ein differenziertes Bild und sieht, welche Spielräume da waren, was Leute geleistet haben, dass es ganz wichtig war, was sie da gemacht haben, egal, ob es Erfolg hatte oder nicht. Und trotzdem ist bei vielen ostdeutschen Handwerkerinnen und Handwerkern das Gefühl da, man werde nicht richtig anerkannt. Das ist auch im Westen so. Das Handwerk hat immer Probleme, sich bei der Berufswahl gegenüber akademischen Berufen zu profilieren. Eigentlich ist es völlig unverständlich, warum es das Handwerk vom gesellschaftlichen Ansehen so schwer hat. Ich saß in Potsdam mit einem Drucker zusammen, in einer fantastischen Werkstatt, der mir erzählte, wie wenig das Handwerk anerkannt wird. Und ich dachte die ganze Zeit, das passt mit dem, was ich hier sehe, gar nicht zusammen.</em></p>
<p><em>Ich möchte vielleicht noch erzählen, warum mich das Thema umgetrieben hat. Ich habe vor meinem Umzug nach Leipzig in Bonn gewohnt. Im Rheinland hieß es, Handwerker kommen manchmal, aber selten an dem Tag, zu dem man sie bestellt hat. Der erste Handwerker, den wir in Leipzig kennengelernt haben, kam zu früh, war sehr freundlich und hat unseren Elektroherd blitzschnell angeschlossen. Dann entdeckten wir viele kleine Bäckereien und Fleischereien. Unsere Frage: Was hat das mit Planwirtschaft zu tun? Da, wo wir wohnten, gab es in der Nähe auch ein sehr hübsches Villenviertel. Einen Kollegen, einen Historiker aus Leipzig habe ich gefragt, wer da wohnte: Er sagte, das seien keine sowjetischen Offiziere, sondern der „antifaschistische Hochadel“ von Leipzig, die hier ihr Wochenendhäuser hatten, und Handwerker. Er hat mir dann erklärt, welche Rolle Handwerk, gerade Bauhandwerk, in der späten DDR spielte. Mir fiel es damals wie Schuppen von den Augen und ich merkte, dass DDR eben nicht nur Planwirtschaft war, sondern dass man da schon genauer hinschauen muss, um zu verstehen wie die ostdeutsche Gesellschaft funktionierte.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im September 2026, Internetzugriffe zuletzt am 28. August 2026. Titelbild: Private Druckerei von Wolfgang Schuboth in Malchow von 1985, Foto: privat. Das Bild ist in dem Band „Handwerk Ost“ enthalten, Seite 10.)</p>
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		<title>Magnifica humanitas</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/magnifica-humanitas/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 21 Jul 2026 10:12:37 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Magnifica humanitas Das politische Programm von Papst Leo XIV. „Mutter und Lehrmeisterin der Völker ist die katholische Kirche. Sie ist von Christus Jesus dazu eingesetzt, alle, die sich im Lauf der Geschichte ihrer herzlichen Liebe anvertrauen, zur Fülle höheren Lebens und zum Heile zu führen.“ (Sozialenzyklika Mater et magistra, Johannes XXIII., 1961, 1) „Wir  [...]</p>
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<h1><strong>Magnifica humanitas </strong></h1>
<h2><strong>Das politische Programm von Papst Leo XIV. </strong></h2>
<p><em>„Mutter und Lehrmeisterin der Völker ist die katholische Kirche. Sie ist von Christus Jesus dazu eingesetzt, alle, die sich im Lauf der Geschichte ihrer herzlichen Liebe anvertrauen, zur Fülle höheren Lebens und zum Heile zu führen.“</em> (Sozialenzyklika <a href="https://www.vatican.va/content/john-xxiii/de/encyclicals/documents/hf_j-xxiii_enc_15051961_mater.html">Mater et magistra</a>, Johannes XXIII., 1961, 1)</p>
<p><em>„Wir möchten in Dialog mit allen Männern und Frauen unserer Zeit treten, mit denen wir die Ereignisse, Fragen und Wünsche der Menschheit teilen.“</em> (<a href="https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/encyclicals/documents/20260515-magnifica-humanitas.html#_ftn125">Magnifica humanitas</a>, Leo XIV., 2026, 2)</p>
<h3><strong>Die Bedeutung der Enzykliken</strong></h3>
<p><img decoding="async" class="alignright wp-image-8203 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/magnifica-humanitas-ueber-die-bewahrung-des-Leo-XIII.-Magnifica-humanitas-Herder-183x300.jpg" alt="" width="183" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/magnifica-humanitas-ueber-die-bewahrung-des-Leo-XIII.-Magnifica-humanitas-Herder-183x300.jpg 183w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/magnifica-humanitas-ueber-die-bewahrung-des-Leo-XIII.-Magnifica-humanitas-Herder-200x328.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/magnifica-humanitas-ueber-die-bewahrung-des-Leo-XIII.-Magnifica-humanitas-Herder.jpg 280w" sizes="(max-width: 183px) 100vw, 183px" />Gut ein Jahr nach seiner Wahl wurde am 25. Mai 2026 die erste Enzyklika Papst Leo XIV. im Vatikan vorgestellt: „Magnifica humanitas“ („Großartige Menschheit“). Unterschrieben hat der Papst das lehramtliche Rundschreiben am 15. Mai 2026, dem 135. Jahrestag der Unterzeichnung der ersten Sozialenzyklika <a href="https://www.vatican.va/content/leo-xiii/en/encyclicals/documents/hf_l-xiii_enc_15051891_rerum-novarum.html">Rerum novarum</a> vom 15. Mai 1891 durch Papst Leo XIII. <a href="https://www.herder.de/religion-spiritualitaet/shop/p3/99390-magnifica-humanitas-gebundene-ausgabe/">Eine deutsche Fassung von „Magnifica humanitas“ wurde bei Herder veröffentlicht</a>.</p>
<p>Mit dem ersten Lehrschreiben legt ein neugewählter Papst gewöhnlich das wichtigste Anliegen seines neuen Pontifikats offen – mit der Verbindlichkeit des ordentlichen Lehramtes als Pontifex maximus. Dass es sich bei Leo XIV. um eine Sozialenzyklika handelt, war bereits mit der Wahl seines Papstnamens am 8. Mai 2025 zu vermuten. Die Hauptthematik des Lehrschreibens wurde jedoch erst bei der Veröffentlichung durch den Untertitel <em>„Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“</em> bekannt. Damit setzt sich Papst Leo XIV. im ersten Lehrschreiben seines Pontifikats intensiv mit der digitalen Revolution und den ethischen Leitplanken für den Umgang mit künstlicher Intelligenz und Digitalisierung auseinander.</p>
<p>Enzykliken, gedruckte Rundschreiben, sind seit Papst Benedikt XIV. (1740-1758) eine Form des ordentlichen allgemeinen Lehramtes des Papstes. Die erste Enzyklika in der Kirchengeschichte war <a href="https://www.vatican.va/content/benedictus-xiv/it/documents/enciclica--i-ubi-primum--i---3-dicembre-1740--nell--8217-ambito-.html">Ubi primum</a> (1740) von Benedikt XIV. über die Pflichten der Bischöfe. Die Enzykliken beziehen sich auf Glaubens- und Sittenfragen sowie auf Fragen der Kirchenstruktur und behandeln gewöhnlich ein Thema schwerpunktmäßig. Sie tragen als Überschrift zumeist zwei bis drei markante Worte aus dem ersten Satz oder Abschnitt des Schreibens.</p>
<p>Die Lehrschreiben richteten sich bis Anfang der 1960er Jahre in verschiedenen Variationen des Anschreibens an den gesamten Episkopat, einen Teil desselben und die Gläubigen der katholischen Kirche. Erstmals mit der Enzyklika <a href="https://www.vatican.va/content/john-xxiii/de/encyclicals/documents/hf_j-xxiii_enc_11041963_pacem.html">Pacem in terris</a> Johannes XXIII. aus dem Jahr vom 11. April 1963 wird der Adressatenkreis explizit auf <em>„alle Menschen guten Willens“</em> ausgeweitet. Dies bedeutet mehr als eine Einladung an alle Menschen, die sich für das jeweilige Thema interessieren. Es ist vielmehr ein Hinweis darauf, dass die Enzyklika bewusst eine Argumentation verwendet, die auf Vernunftargumenten ruht, die jedem Menschen mit guten Absichten (guten Willens) zugänglich sind. Es werden nicht zwingend Inhalte christlicher Offenbarung benötigt, um sich am Diskurs zu beteiligen, wenngleich für die Gläubigen die schöpfungs- und heilgeschichtlichen Bezüge in den Enzykliken erhalten bleiben. Die Anrede auch der Menschen guten Willens wurde in der Folgezeit zu einer gängigen Formel in der Adresse der Sozialenzykliken, die sich damit neben ihrer Funktion als lehramtliche Verkündigung immer auch als Diskussionsangebote an alle Menschen verstehen. Magnifica humanitas verzichtet allerdings auf jegliche Adressierung.</p>
<p>Papst Leo XIV. tritt sehr bewusst mit seiner ersten Enzyklika in die Tradition der katholischen Soziallehre ein. In fünf Kapiteln, die von einer Einleitung und einem Schlussteil umrahmt sind, nähert er sich dem im Untertitel angegeben Hauptthema: der Mensch im Zeitalter der künstlichen Intelligenz.</p>
<p>Mit 245 Nummern ist die Enzyklika sehr umfangreich. Abgesehen von dem historischen und systematischen Blick auf die bisherige Soziallehre werden in den Kapiteln 3-5, die sich mit der eigentlichen Thematik, der Künstlichen Intelligenz, befassen, viele Themenbereiche und Einzelaspekte angesprochen, die hier nicht alle Erwähnung finden können. Die Lektüre der Sozialenzyklika sei ausdrücklich empfohlen. Die folgenden Absätze bieten einen ersten Blick in die Inhalte.</p>
<h3><strong>Die Einleitung (1-16)</strong></h3>
<p>Schon früh im Text nimmt der Papst Bezug auf seinen Namensvorgänger Leo XIII. und sieht die Notwendigkeit, sich um die res novae der jetzigen technisierten Welt Gedanken zu machen, die er mit Digitalisierung, Künstliche Intelligenz (KI) und Robotik beschreibt.</p>
<p>In der für päpstliche Schreiben typischen Bezugnahme auf biblische Stellen, Konzilsdokumente und Lehräußerungen früherer Päpste in Enzykliken und anderen Dokumenten und Reden stellt er sich ganz in die Tradition der katholischen Soziallehre. Die neuen Herausforderungen werden nicht grundsätzlich negativ oder positiv gesehen, sondern chancen- und hilfreich, insofern sie zu mehr Gerechtigkeit und zu einer Steigerung des weltweiten Gemeinwohls beitragen.</p>
<p>Problematisch sieht der Papst, dass wir es auf dem Feld der KI häufig nicht mehr mit staatlichen Akteuren zu tun haben, sondern <em>„private, oft transnationale Akteure, die über Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten verfügen, die denen vieler Regierungen überlegen sind“</em> (5). Keinen Zweifel lässt er daran, dass die Vorschläge der Enzyklika zum Umgang mit den neuen Technologien aus dem Licht des Glaubens erfolgen, weil es Gott war, der <em>„eine Sehnsucht nach Glück in unsere Herzen eingeschrieben </em>(hat)<em>, die alle Dimensionen des Lebens umfasst.“</em> (11). Hingewiesen wird auf die Begrenztheiten der Menschen und darauf, dass es gemeinsamer Anstrengungen <em>„zwischen Generationen, Völkern, Disziplinen und Kulturen“</em> bedarf. Die Einleitung ist ein Angebot an alle Menschen guten Willens, an der Aufgabe mitzuwirken, die neuen technischen Möglichkeiten zum Wohl des Menschen einzusetzen und dafür Kriterien und Regeln zu finden.</p>
<h3><strong>Das erste Kapitel: Dynamisches Denken im Geiste des Evangeliums (17-45)</strong></h3>
<p>Im ersten Kapitel zeichnet der Papst in einer chronologischen Sicht die bisherige Soziallehre nach. Durch die Geschichte hat sich die Kirche als eine Instanz angeboten, die dabei hilft, Wirklichkeit in ihrer Tiefe zu erfassen in der Überzeugung, dass Gott eine gute Schöpfung zum Gebrauch hinterlassen hat. Dabei anerkennt die Kirche die Autonomie der irdischen Wirklichkeiten und die Unterscheidung zwischen kirchlicher und politischer Gemeinschaft, wie sie das Zweite Vatikanum in der Pastoralkonstitution Gaudium et Spes beschrieben hat: „<em>Wenn wir unter Autonomie der irdischen Wirklichkeiten verstehen, dass die geschaffenen Dinge und auch die Gesellschaften ihre eigenen Gesetze und Werte haben, die der Mensch schrittweise erkennen, gebrauchen und gestalten muss, dann ist es durchaus berechtigt, diese Autonomie zu fordern. Das ist nicht nur eine Forderung der Menschen unserer Zeit, sondern entspricht auch dem Willen des Schöpfers. / Durch ihr Geschaffensein selber nämlich haben alle Einzelwirklichkeiten ihren festen Eigenstand, ihre eigene Wahrheit, ihre eigene Gutheit sowie ihre Eigengesetzlichkeit und ihre eigenen Ordnungen, die der Mensch unter Anerkennung der den einzelnen Wissenschaften und Techniken eigenen Methode achten muss.“</em> (Gaudium et Spes 36)</p>
<p>Damit wird eine im Willen des Schöpfers begründete Eigenrationalität der wissenschaftlichen und politischen Sachbereiche anerkannt, die aber im kirchlichen Denken nicht völlig losgelöst von Gottes Schöpferwillen gedacht wird. Papst Leo betont, dass sich seit der ersten Sozialenzyklika Rerum novarum Papst Leo XIII. 1891 ein Gefüge an Lehrmeinungen und Interpretationen herausgebildet hat, das, ausgerichtet an den jeweiligen res novae, den Korpus der Soziallehre der Kirche bildet (17 f.). Er zeichnet die Entwicklung der Kirchlichen Soziallehre von Leo XIII. bis Magnifica humanitas nach und skizziert sie kurz inhaltlich. Es sind die folgenden Dokumente (alle auf der <a href="https://www.vatican.va/">Seite des Vatikan</a> einsehbar):</p>
<ul>
<li>Leo XIII., Rerum novarum (1891),</li>
<li>Pius XI., Quadragesimo anno (1931),</li>
<li>Johannes XXIII., Mater et magistra (1961),</li>
<li>Johannes XXIII., Pacem in terris (1963),</li>
<li>Vaticanum: Gaudium et spes (1965),</li>
<li>Paul VI., Populorum progressio (1967),</li>
<li>Paul VI., Octogesima adveniens (1971),</li>
<li>Johannes Paul II., Laborem exercens (1981),</li>
<li>Johannes Paul II., Sollicitudo rei socialis (1987),</li>
<li>Johannes Paul II., Centesimus annus (1991),</li>
<li>Benedikt XVI., Caritas in veritate (2009),</li>
<li>Franziskus, Evangelii gaudium (2013),</li>
<li>Franziskus, Laudato si (2015),</li>
<li>Franziskus, Fratelli tutti (2020).</li>
</ul>
<p>Zumeist handelt es sich um Sozialenzykliken, mit Gaudium et spes um ein bedeutsames Konzilsdokument und mit Octogesima adveniens und Evangelii gaudium um Apostolische Schreiben. Viele stehen in einem zeitlichen Zusammenhang mit Jubiläen von Rerum novarum.</p>
<p>Die lehramtlichen Schreiben erweitern die Thematiken von der Arbeiterfrage hin auf die internationale Perspektive (Populorum progressio), auf die Friedensfrage (Pacem in terris) sowie die ökologische Frage (Laudato si). Viele dieser Schreiben nehmen Bezug auf aktuelle politische Geschehnisse, wie die Enzyklika Johannes Paul II. <a href="https://www.vatican.va/content/john-paul-ii/de/encyclicals/documents/hf_jp-ii_enc_01051991_centesimus-annus.html">Centesimus annus</a> aus dem Jahr 1991. Diese erinnert an den hundertsten Jahrestag von Rerum novarum und geht gleichzeitig auf die Ereignisse des Jahres 1989, den Fall der Mauer und den beginnenden Verfall des sowjetischen Imperiums, ein (22-29). Mit Magnifica humanitas folgt eine weitere Perspektive, die digitalisierte Gesellschaft.</p>
<p>Papst Leo betont, dass seit Beginn der Soziallehre mit Rerum novarum jeder Papst und auch das II. Vaticanum sich den Zeichen der Zeit gestellt und einen originären Beitrag geleistet hat, woraus ein Gesamt der Soziallehre erwachsen ist. Das geschah nicht immer linear, aber es wurde ein Erbe in verschiedenen Aspekten sichtbar<em>: „die Würde der Person, den Wert der Arbeit, die allgemeine Bestimmung der Güter, Solidarität und Subsidiarität, die Bewahrung der Schöpfung, die zentrale Bedeutung von Frieden und Geschwisterlichkeit“</em>. (45)</p>
<h3><strong>Das zweite Kapitel: Grundlagen und Prinzipien der kirchlichen Soziallehre (46-89)</strong></h3>
<p>Im zweiten Kapitel widmet sich Papst Leo in systematischer Weise den Inhalten der Soziallehre. Es sind vor allem die Sozialprinzipien, die hier angeführt und erläutert werden.</p>
<p>Papst Leo verfolgt mit diesem Kapitel eine konkrete Absicht: <em>„Mit diesen Überlegungen möchte ich vor allem den Laien sowie allen Frauen und Männern guten Willens helfen, ihre Sendung wiederzuentdecken, die darin besteht, die Prinzipien … im Alltag, im Familienleben, in der Arbeit und im gesellschaftlichen Engagement zu verwirklichen, wobei sie sich von dem Bestreben leiten lassen sollen, die Liebe Gottes im konkreten geschichtlichen Kontext zu verkörpern. Zugleich möchte ich Hochschulen und Universitäten ermutigen, diesen Grundsätzen neue Kraft zu verleihen“</em> (47).</p>
<p>Vor den eigentlichen Sozialprinzipien benennt der Papst einige Grundlagen der Soziallehre unter den Überschriften (48-58): Der Mensch als Abbild des dreifaltigen Gottes, die gleiche Würde aller Menschen und den sehr hohen Wert der Menschenrechte. Hier werden die ethischen Grundlagen des christlichen Menschenbildes beschrieben: Es geht um den Menschen, der seine Würde als Abbild Gottes in sich trägt (Genesis 1, 27), eine Würde, die ausnahmslos allen Menschen zukommt. Säkular manifestiert sich dieser Anspruch in dem internationalen Menschenrechtsregime, das der Idee der unveräußerlichen Rechte aller Menschen ihren politisch-rechtlichen Rahmen zu geben versucht.</p>
<p>Als eigentliche Sozialprinzipien werden, angeführt (59-85): Das Prinzip des Gemeinwohls, das Prinzip der allgemeinen Bestimmung der Güter, das Subsidiaritätsprinzip, das Solidaritätsprinzip und das Prinzip der sozialen Gerechtigkeit.</p>
<p>Die Sozialprinzipien beschreiben grundlegend den Menschen als Individuum mit seinen Menschenrechten und als soziales Wesen in Interaktion mit Gemeinschaft. In jüngerer Zeit wird ein weiteres Prinzip in der Sozialethik genannt, das Prinzip der Nachhaltigkeit, das vor allem Papst Franziskus in Laudato si‘ entfaltet hat. In Magnifica humanitas wird es nicht eigens angeführt. Die Sozialprinzipien sind heuristische Kriterien, die dazu dienen, die jeweiligen Zeichen der Zeit im Sinn der Soziallehre zu beurteilen. Als Prinzipien sind sie genügend weit, um als Leitplanken für die konkrete Normenfindung zu dienen.</p>
<p>Etwas ungewöhnlich ist die Anführung des Prinzips der allgemeinen Bestimmung der Güter in der Reihe der Sozialprinzipien. Die Allgemeinbestimmung der Güter ist ein Aspekt des Gemeinwohls und eine nicht unbedeutende Forderung in der Tradition der Soziallehre: <em>„Dieses Prinzip erinnert uns vor allem daran, dass Gott die Güter der Erde – Boden, Wasser, Luft, natürliche Ressourcen – der gesamten Menschheitsfamilie geschenkt hat, damit sie allen heute und in Zukunft zum Leben gereichen, und dass alle ein ursprüngliches Recht auf die Nutzung dieser Güter haben.“</em> (65)</p>
<p>Zum Abschluss des Kapitels enthält die Sozialenzyklika einen Eigenappell (86-89). Die Ermahnungen und Prinzipien der Soziallehre sind nicht nur an die Zivilgesellschaft gerichtet, sie bedeuten für Papst Leo auch eine Gewissenserforschung für die Kirche selbst. Mit Bezug die XVI. Ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode, die in den Jahren 2023 und 2024 unter dem Thema ‚Für eine synodale Kirche: Gemeinschaft, Teilhabe, Sendung‘ in Rom getagt hat, hält er das Prinzip der Subsidiarität für ein empfehlenswertes Handlungskriterium. Dieses könne <em>„zu einem Kriterium der Leitung und des pastoralen Lebens </em>(werden)<em>, welche die Verantwortung der Gläubigen und der kirchlichen Mittelstrukturen anerkennt und unterstützt, Charismen und Kompetenzen fördert und dabei jeden Paternalismus vermeidet, der die Freiheit des Evangeliums erstickt.</em> <em>Konkret erfolgen die Mitwirkung der Getauften an Entscheidungsprozessen und die Mitverantwortung in der Mission über Gremien tatsächlicher und nicht nur nomineller Mitwirkung.“</em> (87) Papst Leo stärkt damit erneut die Rechte der Gläubigen an innerkirchlichen Entscheidungsfindungsprozessen. Nicht berührt davon sind die Rechte der Entscheidungsträger.</p>
<h3><strong>Drittes Kapitel: Technik und Herrschaft – der Mensch und die KI (90-130)</strong></h3>
<p>Im dritten Kapitel kommt der Papst zum Hauptthema der Enzyklika. Er verweist auf die drohende Gefahr, dass das technokratische Paradigma Überhand zu gewinnen droht und dass die Menschlichkeit angesichts der rasanten Erfolge von künstlicher Intelligenz, Kognitionswissenschaften, Nanotechnologie, Robotik und Biotechnologie nicht in gleichem Maße Schritt hält. In dem Kapitel werden sehr viele Aspekte der Thematik angesprochen, nur einige können hier genannt werden:</p>
<p>Auch wenn Papst Leo überzeugt ist, dass die digitalisierte Welt, richtig angewandt, sehr viele Chancen zum Wohl der Menschheit bieten kann, sieht er jedoch auch sehr grundsätzliche Gefahren, wie etwa die Rolle der sehr wenigen, sehr mächtigen und sehr reichen Akteure: <em>„Im digitalen Bereich liegt die Kontrolle über Plattformen, Infrastrukturen, Daten und Rechenleistung in vielen Fällen nicht in der Hand der Staaten, sondern von großen wirtschaftlichen und technologischen Akteuren, die de facto die Zugangsbedingungen, die Regeln der Sichtbarkeit und die Möglichkeiten der Teilhabe selbst festlegen. Wenn sich solche Macht in wenigen Händen konzentriert, besteht die Gefahr, dass sie undurchsichtig wird und sich der öffentlichen Kontrolle entzieht. Das erhöht das Risiko einer schiefen Entwicklung, die neue Abhängigkeiten, Ausgrenzungen, Manipulationen und Ungerechtigkeit erzeugt.“</em> (95)</p>
<p>Künstliche Intelligenz kann, so die Ansicht Leos, eine wertvolle Hilfe sein, doch warnt er davor, sie mit menschlicher Intelligenz gleichzusetzen, denn <em>„sogenannte Künstliche Intelligenzen machen keine Erfahrungen, besitzen keinen Leib, empfinden weder Freude noch Schmerz, reifen nicht in Beziehungen, wissen nicht von ihrem Inneren her, was Liebe, Arbeit, Freundschaft und Verantwortung bedeutet.“</em> (99) KI kann mit ihrer Nachahmung menschenähnlicher Kommunikation auch verstören: <em>„Die künstliche Nachahmung einer betreuerischen oder begleitenden Beziehung kann gefährlich werden, wenn sie sich in einen Kontext einschleicht, in dem es an echter Beziehung und Zuneigung mangelt: Dann besteht nicht so sehr die Gefahr, dass eine Person glaubt, mit einer anderen Person zu sprechen, sondern dass sie den Wunsch verliert, anderen Personen wirklich zu begegnen.“</em> (100)</p>
<p>Außerdem drohen Entscheidungsprozesse vollständig technisiert zu werden: <em>„Sensible Entscheidungen bezüglich Arbeit, Kreditvergabe, Zugang zu Dienstleistungen und dem guten Ruf von Personen laufen Gefahr, vollständig automatisierten Systemen überlassen zu werden, die Mitleid, Barmherzigkeit, Vergebung und vor allem die Offenheit für die Hoffnung auf eine Veränderung der Person nicht kennen und dadurch neue Formen der Ausgrenzung hervorbringen können.“</em> (102)</p>
<p>Der Papst sieht in einem bloßen Algorithmus den schleichenden Verlust politischer Verantwortung, <em>„denn die Ausgrenzung der Schwachen wird mit Neutralität und Objektivität ummantelt, gegen die man nicht protestieren kann“</em> (103). Ein Algorithmus sei eben nicht so neutral, wie es den Anschein hat: <em>„Wir können KI nicht als moralisch neutral betrachten. In Wirklichkeit bringt jedes technische Artefakt Entscheidungen und Prioritäten mit sich: was es misst, was es ignoriert, was es optimiert und wie es Menschen und Situationen einstuft.“</em> (104).</p>
<p>Außerdem neige <em>„die KI dazu, vor allem die Macht derjenigen zu stärken, die bereits über wirtschaftliche Ressourcen, Kompetenzen und Zugang zu Daten verfügen“</em> (108). Sehr wenige Menschen kumulieren auf diese Weise sehr viel Macht. Angesprochen werden auch die Versuche zu einem verbesserten Menschen (<em>„enhanced human“</em>), die die Frage nach der Würde von Menschen mit Begrenztheiten aufkommen lassen. Es seien doch auch gerade die Begrenztheiten, die Menschlichkeit ausmachen und Kreativität fördern. (118-126)</p>
<p>Als Konsequenzen aus diesen Überlegungen fordert der Papst, Verantwortlichkeiten auf allen Ebenen klar zu bestimmen, die Machtverhältnisse und die der KI zugrunde liegende Wertebasis zu hinterfragen. Vor allem geht es ihm darum, den Primat des Menschen (97) hinsichtlich moralischer Entscheidungen zu wahren.</p>
<h3><strong>Viertes Kapitel: Das Menschliche in Zeiten des Wandels bewahren (131-181)</strong></h3>
<p>Im vierten Kapitel fokussiert der Papst drei Felder menschlichen Miteinanders, die ihm besonders bedroht erscheinen: die Wahrheit, die Arbeit und die Freiheit.</p>
<p>Papst Leo sieht die Wahrheit durch KI gefährdet, weil sie viele Möglichkeiten bietet, <em>„verzerrte Narrative zu konstruieren und die Grenzen zwischen dem Wahren und Falschen zu verwischen, indem Tatsachen und Meinungen vermischt werden”.</em> (132) Dort wo sich technische und wirtschaftliche Ressourcen sammeln, können auch massive kulturelle Veränderungen evoziert werden. Wahrheit wird als unverzichtbarer Bestandteil für eine Demokratie qualifiziert: <em>„Die Suche nach der Wahrheit ist ein wesentlicher Bestandteil der Demokratie, die ihrerseits ein Mittel zur Mitwirkung am Gemeinwohl ist. Wenn die Frage nach dem, was wahr ist, ihre Bedeutung verliert und an ihre Stelle ein Pragmatismus tritt, der sich mit dem begnügt, was nützlich oder wirksam zu sein scheint, wird das demokratische Leben schwächer.“</em> (134) In diesem Zusammenhang wird die Rolle von Wahrheit in sozialen Medien und freier Presse angesprochen und die Funktion von Schule und Bildung für die Findung von Wahrheit hervorgehoben.</p>
<p>Als zweites Feld besonderer Gefährdungen wird die Bedeutung der Arbeit betont, die schon in der ersten Sozialenzyklika Rerum novarum im Mittelpunkt stand. Auch in der Welt der KI hat Arbeit ihren Wert für Papst Leo nicht zuerst im Ertrag, sondern in der Person, die die Arbeit erbringt. Arbeit ist in der ganzen Tradition der katholischen Soziallehre <em>„nicht nur ein Mittel zum Lebensunterhalt, sondern ein Ort, um sich auszudrücken, in Beziehung zu treten und zur Gemeinschaft beizutragen.“</em> (154) Auch bei der durch KI erleichterten Arbeit stehe der Mensch im Mittelpunkt und dieser darf in seiner Personwürde nicht verletzt oder entmündigt werden. Papst Leo XIV. erneuert die von seinem Namensvorgänger begründete Tradition einer <em>„entschiedene[n] Verurteilung aller Formen von Sklaverei, Menschenhandel und der Kommerzialisierung von Menschen“ </em>(174).</p>
<p>Drittens sieht der Papst vielfältige Gefahren, die die Freiheit bedrohen. Er nennt etwa die online allgegenwärtigen Algorithmen, die Zeit und Aufmerksamkeit der Nutzer zu einem präzisen Bild der Vorlieben zusammensetzen und (Kauf)-Verhalten beeinflussen: <em>„Wenn jede Handlung – Bewegungen, Käufe, Beziehungen, Vorlieben – Spuren hinterlässt, dann entsteht eine neue Macht: jene, Profile zu erstellen, Vorhersagen zu treffen und Verhalten zu beeinflussen, oft ohne dass sich die Menschen dessen voll bewusst sind. Werden diese Daten genutzt, um Entscheidungen zu treffen, die konkrete Möglichkeiten beeinflussen (Zugang zu Krediten, Personalauswahl, Dienstleistungen), besteht die Gefahr, dass die Freiheit beeinträchtigt und die Schwächsten diskriminiert werden.“</em> (171) Menschen würden dadurch zu manipulierbaren Objekten und so erheblich in ihrer Freiheit bedroht, dass der Papst von neuen Formen der Sklaverei spricht, der ganze Lieferketten betrifft. (173-179)</p>
<h3><strong>Fünftes Kapitel: Die Kultur der Macht und die Zivilisation der Liebe (182-228)</strong></h3>
<p>Gewissermaßen als Höhepunkt seiner Überlegungen wendet der Papst die grundlegenden Überlegungen zu KI und Digitalisierung auch auf das Thema Krieg an, der neue Formen angenommen hat wie <em>„Cyberangriffe, Informationsmanipulation, Einflusskampagnen und die Automatisierung strategischer Entscheidungen“ </em>(183). Es geht Leo dabei nicht nur <em>„um die Effizienz neuer Instrumente, sondern um die Gefahr, dass die Technik, losgelöst von Ethik und Verantwortung, Entscheidungen über Leben und Tod schneller und unpersönlicher werden lässt und den Einsatz von Gewalt zu einer unmittelbaren und gangbaren Option macht.“</em> (182) Der Papst sieht die Grenze zwischen Schutz und Aggression, zwischen Verteidigung und Angriff schwinden, wenn allein die KI über Einsatz und Mittel der Kriegsführung entscheidet: <em>„Es existiert kein Algorithmus, der Krieg moralisch akzeptabel machen könnte.“</em> (198) Für ihn sinkt dabei die Hemmschwelle für eine Gewaltanwendung, weil Verantwortung diffundiert und die Folgen keiner ethischen Beurteilung mehr unterliegen.</p>
<p>Der Papst möchte der Kriegsführung im digitalen Zeitalter eine Zivilisation der Liebe – ein von Papst Paul VI. eingeführter Begriff (in <a href="https://www.vatican.va/content/paul-vi/it/angelus/1970/documents/hf_p-vi_reg_19700517.html">Regina caeli</a> vom 17. Mai 1970) – entgegensetzen: <em>„Sie besteht darin, Nächstenliebe in Strukturen der Gerechtigkeit zu verwandeln, Geschwisterlichkeit institutionelle Formen annehmen zu lassen und den anderen – sei es eine Person oder ein Volk – als einen notwendigen Verbündeten für den Aufbau des Gemeinwohls zu betrachten.“</em> (186)</p>
<p>Krieg, in der Friedenethik stets als ultima ratio gedacht, drohe zu einem herkömmlichen Mittel internationaler Politik zu werden mit all seinen Begleiterscheinungen wie die einer massiven weltweiten Aufrüstung mit KI gestützten Waffen, die auch vor der Zivilbevölkerung keinen Halt machen. Der Papst möchte nicht auf sogenannte künstliche moralische Agenten vertrauen, <em>„so als ob eine Maschine die Unterscheidung zwischen Gut und Böse mit größerer Kohärenz garantieren könne als ein Mensch.“</em> Für ihn braucht es für Entscheidungen mit so weitreichenden Konsequenzen immer das ethische Urteil eines Menschen, sein Gewissen und die persönliche Verantwortung und Anerkennung des Gegenüber als Person. Für Papst Leo gilt unmissverständlich: <em>„Daher ist es nicht zulässig, tödliche oder jedenfalls irreversible Entscheidungen künstlichen Systemen anzuvertrauen. Es existiert kein Algorithmus, der Krieg moralisch vertretbar machen könnte.“</em> (198)</p>
<p>Papst Leo betont, dass alle daran mitwirken können, eine Zivilisation der Liebe zu errichten und benennt konkrete Beispiele (210-228), wie: Worte zu entwaffnen, weltweite Gerechtigkeit als Grundlage anzudenken, die Perspektive der Opfer anzunehmen, einen gesunden Realismus zu pflegen, den Dialog neu anzustoßen, die Notwendigkeit von Diplomatie und Multilateralismus zu erkennen und nicht zuletzt zu beten und zu hoffen. Die päpstliche Diplomatie versuche das Ihre zum Aufbau einer Zivilisation der Liebe beizutragen.</p>
<h3><strong>Ein Appell an die Menschheit</strong></h3>
<p>Im seinem Schlusswort (229-245) verweist Papst Leo XIV. auf das Fundament des Handelns der Kirche und die Quelle ihrer Mitwirkung an einer großartigen Menschlichkeit, nämlich das Geheimnis der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus. Der Mensch sei berufen, <em>„am Werk der Schöpfung mitzuwirken, statt resigniert den technologischen Entwicklungen zuzusehen, die unsere Freiheit und Verantwortung einschränken. Die Würde, die der Heilige Geist jedem von uns verleiht, zeigt sich auch in der Fähigkeit, kritisch zu reflektieren, frei zu wählen, selbstlos zu lieben und echte Beziehungen einzugehen.“</em> (233)</p>
<p>Papst Leo XIV. stellt sich mit der Wahl seines Namens sowie zwei expliziten Kapiteln seines Lehrschreibens historisch und systematisch sehr deutlich in die Tradition der katholischen Soziallehre, die mit seinem Namensvorgänger Leo XIII. den Anfang genommen hat.</p>
<p>Er wendet die Tradition der Soziallehre, vor allem die Sozialprinzipien auf ein neues, herausforderndes Feld an und empfiehlt mehrfach (zum Beispiel 47 und 87), das Traditionsgut auf die neuen Entwicklungen, die res novae, anzuwenden. Dies wolle er auch in seinem Dienst für die Kirche tun.</p>
<p>Mit der Hauptthematik Künstliche Intelligenz greift Papst Leo XIV. ein Thema auf, das noch längst nicht ausdiskutiert ist und sich vor allem im ethischen Urteil noch nicht abschließend gefunden hat. Damit beteiligt sich eine moralische Autorität von weltweiter Bedeutung früh an einer für die Gestaltung von Gesellschaften in Zukunft sehr relevanten Diskussion.</p>
<p>Künstliche Intelligenz wird nicht von vorneherein negativ gesehen. Sie kann nach Ansicht des Papstes sehr wohl eine Hilfe sein und Beträchtliches zur Verbesserung den Lebensbedingungen der Menschen beitragen.</p>
<p>Sie birgt allerdings auch viele Gefahren. Insbesondere sieht Leo XIV. dort eine Grundproblematik, wo der Mensch zwar in seinen intellektuellen Fähigkeiten, etwa Wissen und Rechenleistung, durch KI weit überboten werden kann, aber andere Fähigkeiten, die den Menschen zum Menschen machen, auf der Stecke bleiben. Empathie, der Umgang mit Unzulänglichkeiten, die Akzeptanz von Schwächen, die nicht selten auf anderen Gebieten zu bemerkenswerten Leistungen führen können, das Gespür des rechten Umgangs miteinander, was sich nicht errechnen oder technisieren lässt, kennzeichnet den Menschen in seiner leib-geistigen Einheit.</p>
<p>Der Papst betont mehrfach, dass ein ethisches Urteil nur von einem echten Menschen gefällt werden kann, da ein solches Urteil der ganzen Bandbreite menschlicher Fähigkeiten bedarf. Gerechtigkeit bedeutet etwa nicht, Jedem das Gleiche, sondern Jedem das Seine, was von vielen Faktoren abhängen kann. Nicht umsonst ist in der christlichen Ethik Epikie, die Kunst eine Regel im Einzelfall situationsgerecht anzuwenden, eine Tugend. Mitleid etwa, ist nur selten von ökonomischem Vorteil.</p>
<p>Bemerkenswert deutlich weist Papst Leo auch auf den Umstand hin, dass eine Handvoll Personen mit starkem ökonomischem Interesse und beträchtlichen Ressourcen die Auftraggeber:innen für die maßgeblichen Algorithmen sind. Damit werden die legitimen staatlichen Akteure, die im Idealfall demokratisch legitimiert sind, in den Hintergrund gedrängt. Im Falle eines Krieges birgt dies besondere Gefahren.</p>
<p>Papst Leo lädt alle Menschen guten Willens ein, sich an der Gestaltung einer menschenfreundlichen Gesellschaft zu beteiligen. Er nennt eine Reihe gut nachvollziehbarer Argumente, ohne jedoch die theologischen Argumente zu verschweigen. Er erwartet nicht, dass ihm in allen seinen Argumenten gefolgt wird. Aber er bittet darum, sich mit Verstand und Herz an der Diskussion zu beteiligen und das zu tun, was dem Einzelnen jeweils möglich ist.</p>
<p>Es wird sich zeigen, wie stark die Sozialenzyklika Magnifica Humanitas im säkularen Bereich rezipiert wird. Dadurch aber, dass sie auf dem Dienstweg weltweit an alle katholischen Bischöfe und über sie an allen Pfarrgemeinden geht, gibt es gute Voraussetzungen für eine weite Verbreitung.</p>
<p><strong>Hans-Gerd Angel</strong>, Bonn</p>
<p>Der Autor ist promovierter und habilitierter Theologe. Er forschte als wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Moraltheologie in Trier und habilitierte sich 2002 in christlicher Sozialethik an der Universität Münster. Von 1992 bis 2025 arbeitete er als Referent im Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz. Er lehrte zwischen 2003 und 2014 an der Universität Bonn in einer Lehrstuhlvertretung beziehungsweise als Privatdozent.</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juli 2026, Internetzugriffe zuletzt am 15. Juli 2026, Titelbild: Hans Peter Schaefer.)</p>
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		<title>Nicht nur Heils-, auch Sozialkirche</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/nicht-nur-heils-auch-sozialkirche/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 22 Apr 2026 08:09:16 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Nicht nur Heils-, auch Sozialkirche Die Integrationsleistungen des kirchlichen Hilfswerks MISEREOR „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.“ (Pastoralkonstitution Gaudium et spes vom 7. Dezember 1965) Die häufig zitierten Anfangsworte der Pastoralkonstitution „Gaudium  [...]</p>
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<h1><strong>Nicht nur Heils-, auch Sozialkirche</strong></h1>
<h2><strong>Die Integrationsleistungen des kirchlichen Hilfswerks MISEREOR </strong></h2>
<p><em>„Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.“</em> (Pastoralkonstitution <a href="https://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_const_19651207_gaudium-et-spes_ge.html">Gaudium et spes</a> vom 7. Dezember 1965) <a name="_Toc85088500"></a></p>
<p>Die häufig zitierten Anfangsworte der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ des II. Vatikanischen Konzils sind programmatisch für die erklärte Absicht des Konzils (1962-1965), die Kirche in die <em>„Welt von heute“</em> zu führen und sie durch die Zuwendung zu den Sorgen und Nöten der Menschen überlebensfähig zu halten <em>(„aggiornamento“)</em>.</p>
<h3><strong>Unattraktive Kirche – attraktive kirchliche Hilfswerke</strong></h3>
<p>Betrachtet man Untersuchungen, die nach dem Vertrauen in die Kirche fragen, so scheint das Vorhaben in Deutschland nur mäßig gelungen. Im Jahr 2023 ist die <a href="https://kmu.ekd.de/">sechste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung</a> „Wie hältst du’s mit der Kirche?“ erschienen, an der erstmals auch die katholische Kirche teilgenommen hat. Dazu wurden im Herbst 2022 vom Forsa‑Institut 5.282 Personen, die in Privathaushalten in Deutschland leben, ab einem Alter von 14 Jahren unabhängig von ihrer faktischen Kirchenmitgliedschaft oder Religionszugehörigkeit repräsentativ auf der Basis von 592 Fragen befragt. Die Ergebnisse wurden zum Teil nach katholischen, evangelischen und Gesamtbefragten aufgeschlüsselt. Die Studie weist aus, dass nur noch ein geringer Teil der Gesamtbevölkerung der katholischen Kirche vertraut (2,3 Punkte auf einer Skala von 1-7). Sie liegt damit auf dem vorletzten Platz aller abgefragten Institutionen. Als Gründe sind genannt: Missbrauchsskandale und Vertuschung (90 % der befragten Katholik:innen nennen dies als wichtigsten Grund ihrer Neigung zum Kirchenaustritt), hierarchische Strukturen und mangelnde Transparenz, Ungleichbehandlung von Frauen sowie unzureichende Reformbereitschaft. Ohne hier auf die Gründe näher eingehen zu wollen, die Groß-Institution katholische Kirche hat offenbar ein Akzeptanzproblem in der bundesdeutschen Gesellschaft und, was dramatischer ist, auch bei ihren eigenen Mitgliedern (2,4 Punkte). Der in der <a href="https://www.dbk.de/presse/aktuelles/meldung/kirchenstatistik-2025">Kirchenstatistik 2025 der Deutschen Bischofskonferenz</a> dokumentierte Rückgang der Teilnehmerzahlen an den Sonntagsgottesdiensten von 50,4% im Jahr 1950, über 17,1% 1998, bis hin zu 6,8% im Jahr 2025 spricht diesbezüglich eine deutliche Sprache.</p>
<p>Diese Werte gelten allerdings nur für die katholische Kirche als solche. Knapp den doppelten Vertrauenswert erhalten die sozial ausgerichteten Institutionen der Kirche, die Caritas, worunter auch das bischöfliche Werk der Entwicklungszusammenarbeit MISEREOR gerechnet werden kann (4,2 Punkte auf der Skala 1-7). Diese Diskrepanz in den Vertrauenswerten zwischen katholischer Kirche als ganzer und einem ihrer Teilbereiche, den sozialen Einrichtungen, bestätigt einen schon häufiger dokumentierten Befund: Das soziale Engagement der Kirche wird in viel höherem Maße akzeptiert und geschätzt als ihre übrigen Aufgabenfelder. Schon seit den 1960-er Jahren des letzten Jahrhunderts wandelt sich die kirchliche Sozialgestalt faktisch von einer Heils- zu einer Sozialkirche.</p>
<p>Es ist einer breiten Öffentlichkeit offenbar nicht ausreichend bewusst, dass die sozialen, diakonischen Institutionen der Kirche (unter anderen <a href="https://www.caritas.de/">Caritas</a>, <a href="https://www.misereor.de/">MISEREOR</a>, <a href="https://justitia-et-pax.de/">Iustitia et Pax</a>) einen Teilbereich der Größe katholische Kirche darstellen. Das Vertrauen in diese Institutionen verhält sich umgekehrt proportional zum Vertrauen in die verfasste Kirche. Die eher traditionellen Mitglieder der katholischen Kirche, die der verfassten Kirche nahestehen, sehen die Kooperationen der Teilgrößen wie MISEREOR mit zivilgesellschaftlichen und staatlichen Einrichtungen (zum Beispiel <a href="https://www.bund.net/">Bund Umwelt und Naturschutz Deutschland</a>, <a href="https://www.bmz.de/de">Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung</a>) eher kritisch und befürchten eine allzu große Anbiederung an weltliche Belange. Umgekehrt gehen die höheren Akzeptanzwerte für diakonische Einrichtungen der Kirche einher mit Skepsis gegenüber der verfassten Kirche, insbesondere gegen deren Amtsträger. Jedenfalls schlagen die hohen Akzeptanzwerte der Teilgrößen nicht auf die Gesamtgröße durch.</p>
<p>Für die sozialen Einrichtungen existiert offenbar ein Vertrauensvorschuss qua Institution. Es müsste den Verantwortlichen der verfassten Kirche klar sein, dass hier ein Integrationsproblem vorliegt. Die Diskrepanzen in den Akzeptanzwerten belegen, dass Teilbereiche der Kirche unverbunden nebeneinander existieren und damit Chancen vergeben werden. Denn die hohen Akzeptanzwerte von Caritas oder MISEREOR lassen hoffen.</p>
<p>Katholische Kirche genießt in den Bereichen sozialer Präsenz weiterhin ein großes Vertrauen. Damit präsentiert sich katholische Kirche zwiespältig: Die als Kernbereiche von verfasster Kirche verstandenen Glaubens- und kultischen Dimensionen haben in der postmodernen, pluralen Gesellschaft Deutschlands kaum breitenwirksame Akzeptanz, sind durch Angebote anderer Anbieter besetzt oder sind in die Privatsphäre verlagert. Das soziale Engagement wird dagegen als gesamtgesellschaftlich oder in weltweiter Hinsicht als nutzbringend angesehen, und es wird ihm weiterhin hohes Vertrauen entgegengebracht.</p>
<p>Es ist interessant, einen näheren Blick auf die diakonischen Einrichtungen der Kirche und ihr Potential als Integrationsressource für die Kirche zu werfen. Exemplarisch ausgewählt sei das bischöfliche Hilfswerk MISEREOR, einmal wegen meiner früheren intensiven Beschäftigung mit der Fragestellung in meinem Habilitationsprojekt <a href="https://lit-verlag.de/isbn/978-3-8258-6424-3/">„Christliche Weltverantwortung, MISEREOR: Agent kirchlicher Sozialverkündigung“</a>, Münster, LIT Verlag, 2002) und zum anderen, weil es ein in die gesamte Weltkirche hinein ausgerichtetes internationales Hilfswerk ist. Als bischöfliches Hilfswerk unterliegt MISERIOR der Verantwortung der verfassten Kirche in Deutschland. Es ist daher ein gutes Beispiel dafür, wie die verfasste Kirche Einrichtungen ausgestaltet, die <em>„Kirche in der Welt von heute“</em> sind.</p>
<h3>Das Solidaritätspotential kirchlich-diakonischen Handelns</h3>
<p>Den biblischen Auftrag, Kranke zu heilen und sich um die Armen und Ausgestoßenen zu kümmern (Matthäus 10,8 sowie 25,31-46) hat die Kirche, in einem zunächst ausschließlich caritativen Sinn, stets ernst genommen. Die Sorge um die Kranken, Alten, Schwachen und Sterbenden war ein Bemühen kirchlicher Institutionen von Beginn des Christentums an. Über Jahrhunderte war die Kirche unter bischöflicher Leitung oder der Leitung von verschiedenen Orden Monopolist auf diesem Gebiet, bis seit dem 13. Jahrhundert auch die Bürgerschaften der im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation erstarkten Städte Armenpflege organisierten.</p>
<p>In Deutschland ist das caritativ-diakonische Handeln der Kirche heute mit zahlreichen Sozialinstitutionen weitgehend in den Sozialstaat eingebettet. Kirchliche Träger spielen weiterhin eine wichtige Rolle, zum Beispiel die <a href="https://www.caritas.de/diecaritas/wir-ueber-uns/wofuerwirstehen/wofuerwirstehen">Caritas</a> mit mehr als 25.000 Einrichtungen und Diensten und etwa 740.000 hauptberuflich Mitarbeitenden und mehreren Hunderttausend Ehrenamtlichen. Die Caritas unterhält die Institutionen, etwa 85 bis 90 Prozent werden vom Staat refinanziert. Dies ist möglicherweise ein Grund für die festgestellte Diskrepanz der Akzeptanzwerte, da caritativ-diakonisches Handeln offenbar von Menschen, die der Kirche eher fernstehen, kaum noch als Teil von katholischer Kirche identifiziert wird. Das Movens bleibt die Sorge um die Armen, Kranken und die am Rand der Gesellschaft stehenden Menschen: die Nächstenliebe.</p>
<p>Daneben existierten Zusammenschlüsse in eigener Sache, Con-Solidaritäten wie schon die im 19. Jahrhundert entstandene Arbeiter- und Frauenbewegung, später die Umwelt- und die Lesben- und Schwulen- beziehungsweise LGBTIQ*-Bewegung. Diese Arten von Solidarität besitzen ein gemeinsames Charakteristikum, nämlich dass sich die an diesen Formen der Verbundenheit Teilnehmenden für ihr jeweils eigenes Anliegen einsetzen. Man solidarisiert sich auf ein Anliegen hin, das zu erreichen dem eigenen Vorteil, der Verbesserung und Erleichterung der eigenen Lebenssituation dient. Sie sind somit eng mit der Lebenswelt der sich solidarisierenden Personen verbunden und gewinnen von daher die Plausibilität ihrer Motivation. Solidaritätsformen dieser Art waren zunächst Zusammenschlüsse zur Selbsthilfe in einer Zeit, in der für diese Gruppen gesetzliche Grundlagen und staatliche soziale Sicherungssysteme noch nicht in dem heute bekannten Maße, wenn überhaupt, vorhanden waren.</p>
<p>Seit den 1950er Jahren war eine generelle Verschiebung des Solidaritätspotentials zu beobachten. Sie hängt mit den komplexer werdenden sozialen Vernetzungen durch Ausdifferenzierungen der Lebensbereiche und einer sich verstärkenden Individualisierung zusammen, aber auch mit dem wirtschaftlichen Aufschwung in der jungen Bundesrepublik sowie einer sich generell verstärkenden internationalen Blickrichtung. Die verstärkt genutzten Medien, allen voran das Fernsehen, hatte daran einen nennenswerten Anteil. Es entstanden neue Formen der Solidarität, Pro-Solidaritäten, die die Grenzen von Klassen- und Geschlechtssolidaritäten, von Solidaritäten organisierter Großgruppen sowie von Nationalgesellschaften überschritten. Pro-Solidaritäten sind nicht in erster Linie auf den eigenen Nutzen, sondern sind auf andere gerichtet, auf den fernen Nächsten.</p>
<p>Mit den Pro-Solidaritäten entstand ein Solidaritäts-Potential, das ebenfalls als Chance für diakonisches Handeln der Kirche nach der Auflösung der katholischen Eigenwelt (katholische Gottesdienste, Eheschließungen, Beerdigungen, Feste, Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser, Büchereien, Jugendclubs, Pfadfinder …) begriffen werden muss. Der Abbau der sozialen Schranken und die Mobilitäten der Nachkriegsgesellschaft machten die Fortführung einer Organisation allumfassender katholischer Eigenwelt unmöglich. Auch die konfessionellen Barrieren, die die katholische Eigenwelt normativ stützten, verschwanden allmählich. Die Kirche hatte in Westeuropa keine andere Wahl als sich zu einer <em>„Kirche in der Welt von heute“</em> umzuformen, wollte sie nicht zu einer rein kultischen Rückzugsgröße werden. Die internationale Ausrichtung der Pro-Solidaritäten, etwa die Anti-Vietnamkrieg Bewegung, bereitete den Boden dafür, sich uneigennützig für den fernen Nächsten einzusetzen und Verständnis dafür zu erzeugen.</p>
<p>Katholische Kirche war per se schon immer international tätig. Doch die bis dahin international tätigen Einrichtungen der Katholischen Kirche in Deutschland waren Missionswerke und Missionsorden mit der spezifisch kirchlichen Aufgabe der <em>missio ad gentes</em>, wenngleich die Missionsbemühungen von Beginn an auch ein Zusammentreffen mit Armut und anderen Nöten bedeuteten, die die entsandten Missionar:innen nach Kräften und mit den ihnen zur Verfügung stehenden, eher bescheidenen Mitteln zu bekämpfen suchten. Aufgrund des im Zweiten Vatikanum erarbeiteten neuen Selbstverständnisses der Kirche konnte die Sorge um die Armen und Marginalisierten jedoch zu einem eigenständigen, pro-solidarischen Aufgabenbereich auch ohne missionarische Absicht werden.</p>
<h3><strong>„Abenteuer im Heiligen Geist“</strong></h3>
<p>In der Vollversammlung der deutschen Bischöfe in Fulda (15.-21. August 1958) hielt Joseph Kardinal Frings als Vorsitzender der der Deutschen Bischofskonferenz vorausgehenden Fuldaer Bischofskonferenz eine als prophetische geltende Rede, die zur Gründung des bischöflichen Hilfswerkes MISEREOR führte: <a href="https://www.misereor.de/fileadmin/user_upload/5_Ueber_Misereor/2_Auftrag_und_Struktur/5_Geschichte/rede-misereor-gruendung-kardinal-frings.pdf">„Abenteuer im Heiligen Geist“</a>. Einige markante Sätze daraus lauten:</p>
<ul>
<li><em>„Was wir bisher gewusst haben, ‚seh’n‘ wir jetzt. Was wir bisher über unserer eigenen Not vergessen haben, tritt jetzt in die Mitte unseres Bewusstseins: in den meisten Ländern dieser Erde herrscht Hunger.“</em></li>
</ul>
<ul>
<li><em>„Es handelt sich um die Teilnahme an Christi misereor super turbam. Nicht nur Heilssorge, sondern auch Seelen- und Leibsorge hat unseren Herrn bewegt.“</em></li>
</ul>
<ul>
<li><em>„Es soll dem Einzelnen in das Gewissen geredet werden, damit er so sein Heil wirke in der Barmherzigkeit, die er übt und die er darum findet. Es soll der Blick des einzelnen Gläubigen auf die Not Christi gelenkt werden.“</em></li>
</ul>
<p>Mit der Gründung des bischöflichen Hilfswerkes MISEREOR im Jahr 1959 wurde eine institutionelle Größe geschaffen, an der gleich mehrere Elemente von <em>„Kirche in der Welt von heute“</em> zu beobachten sind:</p>
<p>Das Hilfswerk ist als eine Einrichtung in bischöflicher Verantwortung konstruiert und mit zwei Gründungsaufträgen versehen: Projektarbeit in den Ländern der sogenannten Dritten Welt und Bildungsarbeit in Deutschland. Inzwischen ist ein dritter Auftrag, nämlich Advocacy-Arbeit, politisches Lobbying in Deutschland und den Partnerländern weltweit, hinzugekommen. MISEREOR wurde pro-solidarisch konstruiert. Nach dem Willen der Bischofskonferenz sollte es kein missionarisches Unterfangen sein, auch wenn missionarischer Erfolg im Nebeneffekt als wünschenswert betrachtet wurde. Die Hilfe sollte den Bedürftigen ohne Beachtung ihrer Glaubenszugehörigkeit zukommen. Die bis dahin im katholischen Raum der Bundesrepublik existierenden Einzelaktionen sollten gebündelt und damit effizienter gestaltet werden. Zunächst wurden vor allem die kirchlichen Partner in Übersee als Kooperationspartner für die von Misereor durchgeführten Projekte gewonnen. An der Wahl der Themen für die Fastenaktion sowie insbesondere an den dazu gefertigten Aktionsplakaten lässt sich über die Jahre eine deutliche Entwicklung der Motive von anfänglich mehr caritativem Tun, das der herkömmlichen Armenfürsorge der Kirche nahekam, hin zu Gerechtigkeits-Ansätzen erkennen. Die besondere Form einer kirchlichen Entwicklungszusammenarbeit hat schon bald zu den bis heute gültigen Ansätzen der Armenorientierung und der Hilfe zur Selbsthilfe geführt. Vergleicht man die Historie der säkularen entwicklungspolitischen Konzeptionen, wurden diese Ansätze schon bemerkenswert früh von MISEREOR favorisiert, auch wenn der Ansatz einer strukturellen Überwindung der Notlagen zu Beginn der Arbeit des Hilfswerkes nicht unumstrittenen war. Zwei Jahre nach der Gründung von MISEREOR wurde am 14. November 1961 das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) eingerichtet.</p>
<p>Der zweite Gründungauftrag war vor allem für die Situation in Deutschland relevant. Das Werk sollte Bildungs-, Bewusstseinsbildungs- und Öffentlichkeitsarbeit leisten. Da das katholische Milieu spätestens seit Ende der 1960er Jahre stark erodierte, konnte dieser Auftrag zur Inlandsarbeit nicht allein im katholischen Milieu erfüllt werden. Noch bis Ende der 1960er Jahre wurde die Informations- und Bildungsarbeit weitgehend über die traditionellen katholischen Kanäle, vor allem die Pfarreien, durchgeführt. Dann baute das Hilfswerk eigene Abteilungen auf. Die Inlandsarbeit wurde von einer bis dahin nahezu reinen Spendenwerbung, die stark auf die jährliche Fastenaktion konzentriert war, zu einem eigenständigen Bildungsbereich mit einem umfassenden Angebot an Materialien für die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ausgebaut. Daneben wurde eine entwicklungspolitische Abteilung eingerichtet, die Anschluss an die säkulare entwicklungspolitische Diskussion zusammen mit der kirchlichen und NGO-Partnerstruktur hält. Dabei wird berücksichtigt, dass ein kirchliches Hilfswerk nicht die Dimensionen staatlicher Entwicklungszusammenarbeit erreichen kann, dafür aber spezifische Zugänge zu Partnerorganisation auf der kirchlichen und NGO-Ebene unterhält, die Menschen auf einer Grassroot-Ebene erreichen. Diese Möglichkeiten unterhalb eines staatlichen Handelns werden von Seiten des Staates geschätzt. MISEREOR werden für seine Projektarbeit beträchtliche Mittel aus öffentlichen Haushalten bereitgestellt. <a href="https://www.misereor.de/ueber-misereor/transparenz/jahresbericht">Jährliche Berichte legen Rechenschaft ab</a>.</p>
<p>Mit der Inlandsarbeit nimmt MISEREOR – wie die übrigen in Deutschland tätigen kirchlichen Hilfswerke (Missio Aachen/München, Päpstliches Missionswerk der Kinder, Adveniat, Caritas international, Renovabis, Ordensgemeinschaften) an den Meinungsbildungsprozessen der Zivilgesellschaft teil. Das Hilfswerk sucht unter Zuhilfenahme aller modernen Medien eine Öffentlichkeit für die Sorgen und Nöte des fernen Nächsten und dadurch Veränderungsdruck zu schaffen und wie jede andere NGO mit den politisch Verantwortlichen in direkten Kontakt zu treten. Was hier als sachgerecht für die Inlandsarbeit des jeweiligen Hilfswerkes wahrgenommen wird, leistet mindestens in zweierlei Hinsicht auch einen nicht zu unterschätzenden Dienst an der Gesamtgröße katholische Kirche:</p>
<h3><strong>Das kirchliche Hilfswerk als zivilgesellschaftlicher Partner</strong></h3>
<p>Bis in die 1950er Jahre hinein konnte die katholische Kirche auf Sozialisationsinstanzen vertrauen, die die Inhalte des Glaubens und der christlichen Ethik mit hoher Effizienz vermittelten. Die das Leben der Glaubenden regulierende Wirkung der sittlichen Normen der katholischen Kirche wie auch ihrer <em><a href="https://katholisch.de/artikel/13650-das-sind-die-fuenf-gebote-der-kirche">„Kirchengebote“</a></em>, die die Grundpfeiler der rituellen Gemeinschaft markieren, nahm ab. Mit der Anerkennung der normativen Wirkung kirchlicher Vorgaben war auch das Muster der autoritativen Weitergabe der Inhalte von Glauben und Moral verbunden. Zeitgleich mit der Ausdifferenzierung der bundesdeutschen Gesellschaft der Nachkriegszeit geriet dieses Muster der Weitergabe in die Krise. An die Stelle der Autoritätsargumente trat nun der argumentative Diskurs. Die sich entwickelnde Zivilgesellschaft folgte den Mustern öffentlicher Diskurse, es entstanden Bürgerbewegungen und -beteiligungen durch Herstellung medialer Öffentlichkeit, freiwillige Zusammenschlüsse als Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und es bildeten sich Formen ziviler Proteste aus.</p>
<p>Die Formen demokratischer Beteiligung an der Zivilgesellschaft stellten eine hierarchisch verfasste Organisation vor bis dahin nicht gekannte Herausforderungen. Viele Beteiligungs- und Lernmuster einer solchen (Zivil-)Gesellschaft werden nicht mehr top down generiert und gesteuert, sondern beruhen auf den selbst organisierten Aktivitäten der freiwilligen Vereinigungen, die sich auch weitgehend eigenständig um ihren Informationsstand bemühen. Die katholische Kirche hingegen ist eine gestiftete Heilsgemeinschaft. Sie ist gegründet auf dem Auftrag und der Sendung Jesu Christi und versteht sich als bleibendes Zeichen des Wortes Gottes in der Welt.</p>
<p>Die hierarchische Struktur der verfassten Kirche geht zurück auf die Berufung und die Einsetzung der Amtsträger in apostolischer Nachfolge mit den damit verbundenen Rechten und Vollmachten durch ihren Gründer. Die hierarchische Verfassung der Kirche, insbesondere das Bischofsamt (Dogmatische Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Kirche <a href="https://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_const_19641121_lumen-gentium_ge.html">Lumen Gentium</a>, Kapitel 3), sind daher im Selbstverständnis der Kirche ein unaufgebbares Merkmal ihrer gesamten Tradition. Religiöse Ordnung und gesellschaftliche Präsenz sind zeitgleiche Bestandteile der katholischen Kirche, die damit in eine zunehmend widersprüchliche Situation geraten muss, insofern die politischen Systeme im westlichen Kulturkreis sowohl eine hierarchische Ordnung als auch eine religiöse Fundierung schon längere Zeit überwunden haben. Die Organisationsform der eigenen Struktur, die weiterhin einem streng hierarchischen Aufbau mit einem obersten Gesetzgeber an der Spitze nachkommt, der zugleich die oberste Exekutive und Jurisdiktion innehat, trifft in der gesamten westlichen Welt auf Gesellschaften, die der weltanschaulich neutralen Demokratie als Staatsform nicht nur faktisch folgen, sondern die auch die Idee der Gestaltung von Gemeinschaft durch Gewaltenteilung verinnerlicht haben.</p>
<p>Wenn es nun nicht mehr möglich ist, die weltliche Herrschaft eines Staates qua abgeleiteter göttlicher Macht zu definieren, verändert sich auch das Verhältnis von Kirche und Staat. Die Kirche kann nun im Verständnis des Staates diesem nicht mehr mit religiöser Potestas ausgestattet autoritativ gegenübertreten, da dieser seine Legitimation demokratisch herleitet. Die Kirche tritt aus staatlicher Sicht in das Glied zivilgesellschaftlicher Organisationsformen zurück und wird in politischen Belangen zur NGO. Der Staat versteht sich selbst und muss auch von der Kirche als eine weltanschaulich neutrale, demokratisch legitimierte und durch den demokratischen Souverän, das Volk, eingehegte Größe verstanden werden. Wo immer Kirche und ihre zugehörigen Organisationen in diesem Verständnis dem Staat mit Vorstellungen, Wünschen oder Forderungen gegenübertreten, sind die Spielregeln des demokratischen Staates zu beachten. Vom Grundgesetz ausdrücklich geschützt sind allerdings weiterhin die spezifisch religiösen Belange (siehe <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_4.html">Artikel 4 GG</a>, <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_140.html">Artikel 140 GG</a> in Verbindung mit <a href="https://www.ekvw-recht.de/pdf/5798.pdf">Artikel 136-139, 141 Weimarer Verfassung vom 11. August 1919)</a>.</p>
<p>Die auf ihrer gesamten Tradition beruhende hierarchische Verfasstheit der katholischen Kirche unterscheidet sich in einigen zentralen Punkten von zivilgesellschaftlichen Strukturen, etwa in der fehlenden Abwahlmöglichkeit der gewählten Repräsentanten und der fehlenden prinzipiellen Offenheit aller Ämter für alle Personen. Wegen dieser Unterschiede kann die katholische Kirche nicht nahtlos an eine Gesellschaft anknüpfen, die die hierarchischen top-down-Muster weitgehend ersetzt hat. Wollen Kirche und Gesellschaft unter zivilgesellschaftlichen Bedingungen zu einer fruchtbaren Kooperation kommen, so bedarf es kirchlicher Teilsysteme oder Mechanismen, die in der Lage sind, die zivilgesellschaftliche Funktionsweise nachzuvollziehen.</p>
<p>Neben anderen kirchlichen Akteuren wie etwa den Sozial- und Laienverbänden haben auch die kirchlichen Hilfswerke Mechanismen ausgebildet, um an zivilgesellschaftlichen Prozessen partizipieren zu können. Das Hilfswerk MISEREOR stellt mit seiner Inlandsarbeit eine Kompatibilität her, die es ermöglicht, eine hierarchisch strukturierte Größe in eine anders funktionierende gesellschaftliche Umwelt zu transformieren. Es hat damit als Teilgröße von katholischer Kirche eine nicht zu unterschätzende intermediäre Funktion, denn seine Arbeitsweise in Deutschland folgt der durch die ausdifferenzierte Gesellschaft vorgegebenen Funktionslogik. Unter Verwendung aller zur Verfügung stehenden Medien – eigene und fremde Printmedien, Fernsehen, Radio, Internet, soziale Medien – nimmt das Hilfswerk teil am öffentlichen gesellschaftlichen Diskurs zu den relevanten Fragen beispielsweise der Nord-Süd- oder West-Ost-Problematik. Dieser erstreckt sich auf vielfältige Themenfelder, etwa auf Bereiche wie Armutsbekämpfung, Friedenssicherung, Umweltfragen, intergenerationelle Probleme, Gender-Fragen und ähnliche Materien, die sich mit den Handlungsbereichen anderer zivilgesellschaftlicher, ökonomischer und staatlicher Akteure überschneiden. Darüber hinaus berühren diese Thematiken vielfach gleichgelagerte innerstaatliche Fragestellungen, was die Aufmerksamkeit für die Inlandsarbeit der Hilfswerke erhöht. So hatte MISEREOR beispielsweise recht früh zusammen mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) beim Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie eine Studie in Auftrag gegeben. Die Studie ‚Zukunftsfähiges Deutschland‘ ist 1996 erschienen. Sie gilt heute als Wegbereiter der Berücksichtigung ökologischer Fragen in der kirchlichen Entwicklungszusammenarbeit, stieß aber bei ihrem Erscheinen auf erheblichen innerkirchlichen Widerstand.</p>
<p>Das Hilfswerk trägt in Belangen der Entwicklungszusammenarbeit die eigenen Ansichten begründet vor, wirbt um Zustimmung in der deutschen Gesellschaft und bildet Allianzen mit ähnlich denkenden Organisationen und Gruppierungen. Es steht dabei in Konkurrenz zu anderen im öffentlichen Diskurs vorgetragenen Ansichten und wirbt um die eigene Auffassung durch Versuche nachvollziehbarer Begründungen und Appelle an solidarisches Verhalten. Damit verhält sich das Hilfswerk nicht anders als die übrigen zivilgesellschaftlichen Akteure.</p>
<p>Auch im Bereich des direkten Lobbyings, des unmittelbaren Gesprächs mit relevanten Akteuren in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft muss sich das Hilfswerk wie die anderen Lobbyisten der Zivilgesellschaft verhalten. Zu überzeugen ist qua Argument, auch hier in Konkurrenz zu den Ansichten anderer Lobbyisten, die nicht selten anderer Auffassung sind. Sowohl im öffentlichen Diskurs als auch im politischen Lobbying kann das Hilfswerk unabhängiger, zielgerichteter, weil losgelöst von anderen Interessen, und mit weniger Rücksichtnahme auf andere Belange agieren, als es die Akteure der verfassten Kirche können. Diese sind durch ihr Amt gehalten, auch innerkirchlich vorhandene unterschiedliche Perspektiven zusammen zu führen. Es kann auch nicht die Aufgabe der Bischöfe sein, filigrane entwicklungspolitische Fragen öffentlich zu erörtern. Das kirchliche Hilfswerk kann sich auf diese Fragestellungen konzentrieren, die katholische Kirche in Deutschland als ganze kann dies nur sehr bedingt. In ihr laufen vielfältige, aus der jeweiligen Sicht berechtigte, aber insgesamt nicht selten konträre Interessen zusammen, die von Bischöfen sinnvollerweise nicht auf der Ebene des täglichen politischen Geschäfts bearbeitet werden können. Die Hilfswerke greifen weitreichend in die spezifischen gesellschaftlichen Diskurse ein und bilden so für die katholische Kirche zivilgesellschaftliche Fenster, indem sie den Spielregeln des zivil-gesellschaftlichen Diskurses folgen.</p>
<h3><strong>Binnenkirchlich integrative Aufgabe und Funktion</strong></h3>
<p>Neben dieser zivilgesellschaftlichen Funktion leistet das Hilfswerk auch eine relevante binnenkirchlich integrative Aufgabe. Die binnenkirchliche Situation in Deutschland betreffend ist das kirchliche Hilfswerk eine bemerkenswert integrative Größe. Es gelingt ihm, unterschiedliche kirchliche Gruppierungen auf eine Problemstellung hin in einen zielgerichteten Prozess zu bringen. Ausgerichtet wird das Handeln des Werkes in Deutschland auf eine Steigerung der sowohl individuellen als auch gesellschaftlichen internationalen Solidaritätspraxis. Dabei ist die stark diversifizierte Form des Angebots der Hilfswerke an Informationen über Projekte, verbunden mit der Skizzierung der sozialen Lage der Menschen vor Ort sowie der Verwendung der Spendengelder in unterschiedlichen Publikationsformen, geeignet, ganz verschiedene Gruppierungen der katholischen Kirche in einen Prozess praktischer Solidarität einzubinden.</p>
<p>In einer Untersuchung zu den christlichen Dritte-Welt-Gruppen haben sich die kirchlichen Hilfswerke <a href="https://www.dbk-shop.de/de/publikationen/publikationen-wissenschaftlichen-arbeitsgruppe-weltkirchliche-aufgaben/studien-sachverstaendigengruppe-weltwirtschaft-sozialethik/handeln-weltgesellschaft.html">als wichtige Partner der in den Pfarrgemeinden und auf Dekanatsebene tätigen Gruppen</a> bestätigt. Damals gaben etwa 50 Prozent der Gruppen an, Kontakte zu MISEREOR zu haben. Damit ist das Hilfswerk für die aktive katholische und ökumenische Dritte-Welt-Szene ein wichtiger Kooperationspartner.</p>
<p>Das Hilfswerk vermag eine Reihe von innerkirchlichen Organisationsformen in Fragen der Entwicklungszusammenarbeit in ihr Tun einzubinden. Ihm gelingt es zum Teil auch – die Studie unterscheidet verschiedene katholische Milieus – <em>„traditionelle“</em> Christ:innen anzusprechen, deren solidarisches Engagement auf ihrer christlichen Sozialisation beruht und die Spenden an die Armen als eine immer schon zu ihrem Glauben gehörende Form von Verpflichtung betrachten. MISEREOR hat die Beziehung zur Gruppe der <em>„kirchlich gebundenen Katholik:innen“</em> stets aufrechterhalten. Es gelingt dem Hilfswerk darüber hinaus auch eine gute Beziehung zu dem <em>„Sektor diffuser Katholizität“</em> aufrecht zu erhalten, dem die Mehrheit der Katholik:innen unter 60 Jahren zuzurechnen ist. Es sind Katholik:innen, die gar nicht oder nur sporadisch die kultischen und religiösen Angebote der Kirche wahrnehmen, die aber ebenso wie die kirchlich gebundenen Katholik:innen in der Verpflichtung religiös sozialisiert wurden, den Armen Fürsorge zukommen zu lassen.</p>
<p>Die Rezeption differenzierterer Fragestellungen, deren Abhandlung sich in speziellen monografischen Veröffentlichungen und Beiträgen findet, geschieht über die an die Pfarrgemeinden gerichteten Publikationen – etwa der jährlichen Fastenaktionen – hinaus durch weltkirchlich und entwicklungspolitisch Interessierte, durch die Dritte-Welt-, Ost-West- und Friedens-Gruppierungen in ihren heterogenen Erscheinungsformen. Die Rezeption vollzieht sich auch bei Partnerschaftskongressen, Akademie- und anderen Bildungsveranstaltungen.</p>
<p>Wo Engagement ist, ist auch Kritik: manchen geht das kirchliche Engagement zu weit. Während Fürsorge und Caritas, wie eingangs erwähnt, in der Regel hohe Akzeptanzwerte in der Gesellschaft haben, werden politische Stellungnahmen der Kirche und der kirchlichen Hilfswerke zu grundlegenden Fragen kontrovers aufgenommen. Betroffen sind etwa Aussagen zur systemischen Überwindung von Armut, zum Umgang mit Migration oder die Stellungnahmen zu Kriegen.</p>
<p>In letzter Zeit forderten mehrfach auch deutsche konservative Politiker:innen, die Kirche möge sich auf Seelsorge beschränken. Das Phänomen tritt in politisch unruhigen Zeiten immer dann auf, wenn kirchliche Äußerungen den Regierenden nicht genehm sind. Dies erleben wir zurzeit auch in den Invektiven von Donald Trump gegen Papst Leo XIV. Geradezu legendär waren die Auseinandersetzungen von MISEREOR mit dem damaligen Ministerpräsidenten von Bayern, Franz Josef Strauß, zu der Frage der Überwindung der Apartheid in Südafrika (<a href="https://www.misereor.de/ueber-misereor/auftrag-struktur/geschichte">Fastenaktion 1983, Ich will ein Mensch sein</a>).</p>
<h3><strong>Attraktiv in der Zivilgesellschaft – auch dank MISEROR</strong></h3>
<p>Das bischöfliche Hilfswerk MISEREOR bildet einen Teilbereich der katholischen Kirche in Deutschland. Sein Aufgabenbereich ist gut dazu geeignet, in vielfältiger Weise mit in gleichen Fragen der Entwicklungszusammenarbeit engagierten zivilgesellschaftlichen Akteuren zusammenzuarbeiten. Da das Hilfswerk von seinem Gründungsauftrag her keine innerkirchliche Ausrichtung hat, bietet es auch zahlreiche Anknüpfungspunkte für staatliche und zivilgesellschaftliche Kooperationen. MISEREOR ist – neben anderen diakonischen Einrichtungen der Kirche – ein essenzieller Transmissionsriemen, um die hierarchische Struktur der verfassten katholischen Kirche zivilgesellschaftsfähig zu machen. Das Hilfswerk leistet damit einen Beitrag zum Überleben der Kirche in einer pluralistisch individualistischen Gesellschaft, der nicht unterschätzt werden sollte.</p>
<p>Das kirchliche Hilfswerk wirkt aber nicht nur ad extra in die Zivilgesellschaft, sondern es ist auch in der Lage, verschiedene innerkirchliche Gruppierungen auf eine Thematik hin zu integrieren. Auch damit trägt es zu einer zeitgemäßen Funktionsfähigkeit der längst selbst plural gewordenen katholischen Kirche bei.</p>
<p>Das diakonische Handeln der Kirche hat einen sehr großen Plausibilitätsfaktor für die Akzeptanz von christlichem Glauben und Kirche. MISEREOR eröffnet einen beachtenswerten Integrationshorizont unter einer weltkirchlichen Perspektive, der auch inhaltlich von zentraler Bedeutung für christlichen Glauben ist. Sollte ein Vermächtnis des Christentums in den zwei Jahrtausenden des Bestehens benannt werden, wäre dies sehr wahrscheinlich die Nächstenliebe, die Anerkennung der Präsenz Christi in den Armen und Randständigen <em>„mitten unter uns“</em> (Matthäus 25, 31-46).</p>
<p>Offenbar ist es aber weiterhin schwierig, das Tun des kirchlichen Hilfswerkes als ein zentrales Handeln der Kirche deutlich zu machen. Ansonsten dürften die Akzeptanzwerte der Größe Caritas und der Gesamtgröße katholische Kirche nicht so weit auseinanderliegen.</p>
<p>Die Effizienz der zivilgesellschaftlichen und innerkirchlich integrativen Leistungen hängt davon ab, wieweit die verschiedenen Akteure der Kirche bereit sind, über das gängige Muster hinaus neue zivilgesellschaftliche Allianzen mit Partnern einzugehen, die selbst nicht aus dem katholischen Milieu stammen.</p>
<p>Zivilgesellschaftliches Handeln funktioniert durch immer neue – freiwillig gebildete – Allianzen in der Sache, durch Bündelung von Interessen zur Gewinnung von öffentlicher Aufmerksamkeit und zur Steigerung von Verhandlungsmacht gegenüber politischen und ökonomischen Entscheidungsträgern. Wenn die Kirche in der Sache argumentiert statt um der alten Zeiten willen an nicht mehr sachgerechten Bündnissen festzuhalten, können die beiden Funktionen der Inlandsarbeit der kirchlichen Hilfswerke, zivilgesellschaftliches Fenster der Kirche zu sein und darüber hinaus innerkirchliches Potential in einer Sachfrage zu bündeln, vermutlich effizienter gestaltet werden. Vielleicht bestünde dann sogar die Chance, die gravierend unterschiedlichen Akzeptanzwerte zwischen der Gesamtgröße Kirche und der Teilgröße Caritas, die stellvertretend für das diakonische Handeln stehen mag, nach oben anzugleichen. Das bischöfliche Hilfswerk MISEREOR birgt hierfür einiges an Potential.</p>
<p><strong>Hans-Gerd Angel</strong>, Bonn</p>
<p>Der Autor ist promovierter und habilitierter Theologe. Er forschte als wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Moraltheologie in Trier und habilitierte sich 2002 in christlicher Sozialethik an der Universität Münster. Von 1992 bis 2025 arbeitete er als Referent im Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz. Er lehrte zwischen 2003 und 2014 an der Universität Bonn in einer Lehrstuhlvertretung beziehungsweise als Privatdozent.</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im April 2026, Internetzugriffe zuletzt am 22. April 2026, Titelbild: Hans Peter Schaefer.)</p>
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		<title>Rein oder raus? Immer rund um die Mitte!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Jan 2026 08:13:24 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Rein oder raus? Immer rund um die Mitte! Aspekte und Kontexte der Bielefelder Mitte-Studie 2025 „Heute erleben wir eine sich beschleunigende, weltgesellschaftlich verfasste Transformation, die die Ordnungen und Kulturen der Nachkriegsepoche endgültig beendet und von den sozial-ökologischen Herausforderungen über geopolitische Verschiebungen bis zu krisenhaften Umwälzungen der liberalen Demokratien reicht. Wer die Probleme von Rechtsextremismus  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-4 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-3 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-4" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Rein oder raus? Immer rund um die Mitte!</strong></h1>
<h2><strong>Aspekte und Kontexte der Bielefelder Mitte-Studie 2025</strong></h2>
<p><em>„Heute erleben wir eine sich beschleunigende, weltgesellschaftlich verfasste Transformation, die die Ordnungen und Kulturen der Nachkriegsepoche endgültig beendet und von den sozial-ökologischen Herausforderungen über geopolitische Verschiebungen bis zu krisenhaften Umwälzungen der liberalen Demokratien reicht. Wer die Probleme von Rechtsextremismus und Rechtspopulismus in Deutschland verstehen will, muss diese weltgesellschaftlichen Formierungsprozesse in Geschichte und Gegenwart einbeziehen.“ </em>(Raj Kollmorgen, Mittendrin – In der Transformation im Osten, in: Andreas Zick / Beate Küpper / Nico Mokros / Marco Eden, Hg., Die angespannte Mitte – Rechtsextreme und Demokratiegefährdende Einstellungen in Deutschland 2024/2025, Dietz 2025)</p>
<p>Die sogenannte <a href="https://www.fes.de/mitte-studie/news-seite">„Mitte-Studie“ des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld</a> erscheint regelmäßig alle zwei Jahre, jeweils im Wechsel mit der früher auch als „Mitte-Studie“, inzwischen jedoch als <a href="https://www.boell.de/de/leipziger-autoritarismus-studie">„Autoritarismus-Studie“</a> bezeichneten Studie der Universität Jena. Die Bielefelder Studie wird von der Friedrich-Ebert-Stiftung, die Jenaer Studie von der Heinrich-Böll-Stiftung herausgegeben. Beide Studien geben Auskunft über Einstellungen in der deutschen Bevölkerung zu verschiedenen Themen im Hinblick auf Sympathie oder Ablehnung der <em>„Demokratie“</em> und nicht zuletzt zu Aussagen, die als anschlussfähig für Rechtspopulismus und Rechtsextremismus gelten können. <a href="https://ekvv.uni-bielefeld.de/pers_publ/publ/PersonDetail.jsp?personId=112507">Andreas Zick</a>, wissenschaftlicher Direktor des Bielefelder Instituts, bezeichnet die Bielefelder Studie in seiner Einführung als <em>„Seismograph für demokratische und antidemokratische Strömungen im Land“</em>. Dies ließe sich auch für die Jenaer Studie sagen. Beide Studien ergänzen sich vorzüglich.</p>
<h3><strong>Inhalte der Studie</strong></h3>
<p>Die beim Bonner Dietz-Verlag erschienene Dokumentation der 2025er Studie enthält Beiträge von 19 Autor:innen und Interviews mit fünf weiteren Expert:innen. Sie gliedert sich in 12 Teile mit Beiträgen der Autor:innen. Einige Teile bieten ergänzende Rubriken, die Rubrik „Im Focus“ , in der die Inhalte des jeweiligen Kapitels zugespitzt werden, sowie die Rubrik „Mittendrin“, in der ausgewiesene Expert:innen die Ergebnisse der Studie kommentieren, so wie beispielsweise <a href="https://trawos.hszg.de/team/mitglieder/prof-dr-raj-kollmorgen">Raj Kollmorgen</a> im achten Kapitel „Raum, Daseinsvorsorge und Demokratie“.</p>
<p>Die beiden ersten Kapitel bieten eine Einordnung der Studie in aktuelle Entwicklungen (ergänzt durch einen Ausblick auf Österreich in einem Interview mit <a href="https://linguistik.univie.ac.at/ueber-uns/im-ruhestand/ruth-wodak/">Ruth Wodak</a>) und die Tradition der Vorläuferstudien sowie einen Einblick in die methodischen Grundlagen. Die zehn konkretisierenden Kapitel befassen sich mit Rechtsextremismus (darin in den Rubriken „Fokus“ und Mittendrin“ die Themen „Politische Gewalt“ und „Tödliche Gewalt gegen wohnungslose Menschen“), Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (darin im Fokus „Maskulinismus und Antifeminismus“ sowie ein Interview mit <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/romeo-und-julia-mit-happy-end/">Saba-Nur Cheema und Meron Mendel</a>), „Demokratievorstellungen und Demokratiewahrnehmung“ (darin ein Interview mit <a href="https://dietz-verlag.de/autor/2354/souad-lamroubal">Souad Lamroubal</a> zur „Mehrheitsmigrationsgesellschaft“), „Libertär-autoritäre Versuchungen“, „Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit“, „Raum, Daseinsvorsorge und Demokratie“ (darin das zu Beginn zitierte Interview mit Raj Kollmorgen), „Lebenszufriedenheit, Gesundheit und ein Rückblick auf die Coronapandemie“, „Sozialisation durch die Eltern und der Rechtsextremismus“, „Schule als ideologische Kampfarena oder Rettungsanker der Demokratie“, last but not least mit der Politischen Bildung.</p>
<p>In allen Kapiteln geht es – vereinfacht gesprochen – durchweg um die Frage, wie sich eine angenommene <em>„Mitte“</em> der Gesellschaft zu Demokratie und Rechtsextremismus positioniert. Andreas Zick und Nico Mokros nennen in ihrem Beitrag zur „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ folgenden <em>„zentralen Befund“</em>: <em>„Die unterschiedlichen menschenfeindlichen Einstellungen hängen in der Weise systematisch miteinander zusammen, dass die Zustimmung zu einer der Aussagen in der Regel mit der Zustimmung zu weiteren Aussagen einhergeht. Im Mittelpunkt steht dabei seit jeher die sogenannte <u>Ideologie der Ungleichwertigkeit</u>.“</em> Anders gesagt: Es gibt Tendenzen von Selbstzuschreibungen in der <em>„Mitte“</em> der Gesellschaft, sich und das eigene Umfeld als eine homogene Gruppe zu begreifen. Möglicherweise ließe sich sogar von einer Art negativer Intersektionalität sprechen, die sich in den Einstellungen großer Teile der Bevölkerung verbreitet.</p>
<p>Prominent angesprochen werden in der Studie neben der „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ die Themen Klimaschutz, Sozialpolitik und Bildungspolitik. Allerdings gibt es auch mehrere Punkte, die in der Studie, zumindest in der Dokumentation, aus meiner Sicht nicht ausreichend bedacht werden. So fehlt es an Hinweisen zu <em>„Mitte“</em>-Debatten und -Strukturen in migrantischen Milieus, nicht zuletzt auch in Bezug auf islamistische Aussagen und zu eigenen <em>„Mitte“</em>-Strukturen in migrantischen Milieus. Dies lässt sich durch das lesenswerte Interview mit Souad Lamboural leider nicht kompensieren, auch nicht durch die Thematisierung von Rassismus im Kapitel zur „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“.</p>
<h3><strong>Ist die „Mitte“ vielleicht so etwas wie Familie?</strong></h3>
<p>Souad Lamboural bringt das politische Problem einer <em>„Mehrheitsmigrationsgesellschaft“</em> auf den Punkt: <em>„Stehen Deutschsein und Vielfalt im Widerspruch? Demokratie ist ein Schutz, aber wen schützt sie wirklich?“ </em>Als einander gegenüberstehenden Pole identifiziert Souad Lamroubal <em>„Integration“</em> und <em>„Selektion“</em>. Während der Begriff der <em>„Integration“</em> ebenso wie der <em>„Mitte“-</em>Begriff ausgesprochen unscharf ist, ist <em>„Selektion“</em> sehr konkret: Der Begriff lässt sich nicht mehr auf das soziologisch erfassbare Phänomen der Segregation begrenzen, sondern konnotiert gewaltsame Deportationen – Stichwort <em>„Remigration“</em> – bis hin zu Ermordungen. Wie sich jedoch migrantische Communities intern gegenüber Mehrheitsgesellschaft beziehungsweise untereinander in Streitigkeiten, beispielsweise zwischen Türken und Kurden oder Aleviten, positionieren, wäre eine für zukünftige <em>„Mitte“-</em>Studien wichtige Frage, um die aktuellen Konflikte in der deutschen Gesellschaft und Politik besser zu verstehen. Souad Lamroubal analysiert die Perspektiven ausgegrenzter beziehungsweise sich ausgegrenzt fühlender Minderheiten: <em>„Man fühlt sich ausgeliefert, weil es einerseits zu wenige Schutzräume für Menschen mit Migrationsgeschichte gibt und die Normalisierung rechtsextremer und / oder rechtspopulistischer Strukturen unaufhaltsam erscheint. Man verliert das Vertrauen in Politik und Justiz. Die größte Gefahr ist eine Desillusionierung oder ein Rückzug aus demokratischen Prozessen, weil die Erfahrung vorherrscht, dass die Demokratie einen nicht schützt.“</em> Auch hier wird <em>„Demokratie“</em> zum pars pro toto oder gar zum Synonym für den Staat, von dem als Leistung Sicherheit erwartet, jedoch nicht erbracht wird.</p>
<p>Letztlich geht es in der Studie um die Frage der Identifikation mit der Staats- und Regierungsform der Demokratie sowie dem Gefühl einer Beheimatung oder Zugehörigkeit. Vor Kurzem sagte mir jemand, Deutschland sei die Heimat, das Land der Herkunft die Mutter. Eine schöne Metapher. <em>„Mitte“</em> ist prosaischer und klingt wissenschaftlicher, aber findet sich in diesem Sprachgebrauch auch ein Ort, an dem man sich – wie es eigentlich ein einer Familie sein sollte – geborgen fühlt? Wenn die Herkunft der <em>„Mutter“</em> delegitimiert wird, verlieren die Betroffenen letztlich mit der Zeit auch das Heimatgefühl. Souad Lamroubal formuliert nicht soziologisch abstrakt, sondern als Ich-Botschaft, <em>„dass ich mich mit einer Mitte identifiziere, die eine neue deutsche Gesellschaft realistisch abbildet. Ich löse mich also von dem alten Begriff der Mitte, einer Mitte privilegierter Einheimischer, und glaube fest daran, dass eine neue Mitte längst entstanden ist. (…). Der Begriff Mitte ist ambivalent. Er löst auf der einen Seite den Wunsch nach Zugehörigkeit aus, kann aber genauso zu Distanz und Ablehnung führen, vor allem dann, wenn sich rechtspopulistische Parteien damit schmücken, die Partei der Mitte zu sein.“</em></p>
<p>Im Kapitel zur „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ wird auch Antisemitismus angesprochen, aber auch hier fehlt ein Bezug zu Positionierungen innerhalb der jüdischen Communities, die ebenso ihre eigenen „Mitte“-Strukturen aufweisen und zugleich auch wegen des weit über 80 Prozent liegenden Anteils von Gemeindemitgliedern, die aus der ehemaligen Sowjetunion zugewandert sind, als migrantisches Milieu betrachtet werden dürfen. Explizit hätten auch Veränderungen in den Einstellungen der Befragten nach dem 7. Oktober 2023 ausführlicher bedacht werden sollen. Dies bleibt Meron Mendel und Saba-Nur Cheema überlassen, die in ihrem Interview betonen, <em>„dass deutlich mehr Menschen antisemitische Einstellungen offen vertreten“</em> und den <em>„fließenden Übergang vom israelbezogenen zum klassischen Antisemitismus“ </em>ansprechen. Schließlich fehlen das Thema Krieg und Frieden, das spätestens seit der russländischen Vollinvasion in der Ukraine vom 24. Februar 2022 die gesellschaftlichen und politischen Debatten (nicht nur) in Deutschland in hohem Maße bestimmt, sowie das Thema der Künstlichen Intelligenzen.</p>
<h3><strong>Die „Mitte“ – ein fast schon mysteriöser Ort</strong></h3>
<p>Der <em>„Mitte“-</em>Begriff wird in der politischen Auseinandersetzung beschworen, um von einer behaupteten <em>„Mitte“</em> abweichende Positionen zu delegitimieren. Er wirkt somit oft als politischer Kampfbegriff. Es ließe sich auf benachbarte Begriffe verweisen wie zum Beispiel <em>„Normalität“ </em>oder <em>„Mehrheit“</em>. Wer sich zur <em>„Mitte“</em> einer Gesellschaft zählt, hat zumindest den Anspruch, zur <em>„Mehrheit“</em> zu gehören. Natürlich ließe sich eine <em>„Mitte“</em> immer weiter schrumpfen, bis sie nur noch ein Mittelpunkt ist, aber in der politischen Debatte wird mit dem Begriff der <em>„Mitte“</em> eher eine Art Mainstream suggeriert, dem sich relativ viele, in der Regel deutlich mehr als 50 Prozent der Bevölkerung anschließen könnten und sollten. Wenn ergänzend oder alternativ der Begriff der <em>„Normalität“ </em>angeführt wird, kommt eine moralisierende Dimension hinzu, im Extremfall in der Wahlkampf-Parole der AfD <em>„Deutschland, aber normal“</em>.</p>
<p><em>„Normalisierung“</em> ist der Parallelbegriff zur <em>„Mitte“</em>, Normalität könnte fast schon als Synonym gelten. Mit einer solchen Parole wird vieles Andere als <em>„anormal“ </em>diskreditiert, letztlich alles, was denjenigen, die den Begriff der <em>„Normalität“</em> verwenden, in einem Land nicht passt. Ähnliches gilt für den von Konservativen für sich beanspruchten, aber von der AfD gerne okkupierten Begriff der <em>„Bürgerlichkeit“</em>. Die Parteiführung von CDU und CSU ist immer wieder herausgefordert zu betonen, dass eine rechnerische Mehrheit von AfD und CDU/CSU keine <em>„bürgerliche Mehrheit“</em> ist. Der Begriff der <em>„Mitte“</em> spielt in diesem Kontext für die AfD keine zentrale Rolle. Sie ersetzt ihn durch den Begriff <em>„Volk“</em>, der <em>„Normalität“</em>, <em>„Bürgerlichkeit“</em> und <em>„Mehrheit“ </em>in sich enthält. Soziologie wird dabei schnell zur Biologie, Götz Kubitschek, Chefideologe der AfD nennt dies <em>„Metapolitik“</em>. Entsprechend wird auch immer von <em>„Natur“</em> und <em>„Unnatur“</em> gesprochen, nicht nur in Bezug auf sexuelle Orientierungen.</p>
<p>Michael Wildt bezieht sich in seinem Buch <a href="https://www.hamburger-edition.de/buecher-e-books/artikel-detail/volk-volksgemeinschaft-afd/">„Volk, Volksgemeinschaft, AfD“</a> (Hamburger Edition, 2017) auf den Begriff der <em>„Bio-Politik“</em> von Michel Foucault, die sich mythisch, zumindest mystifizierend begründet: <em>„Dem Konzept des Volkes als <u>demos</u>, für das Rechtsgenossenschaft und staatsbürgerliche Gleichheit kennzeichnend sind, steht die Vorstellung vom Volk als ethnos gegenüber, in dem imaginierte Abstammungsgemeinschaften, Geschichtsmythen, Phantasmen von gemeinschaftlichem Blut und Boden miteinander verknüpft werden.“</em> Daraus lässt sich schließen, dass Demokratie in eine Art Biokratie, bei religiöser Überhöhung in der Form einer Theokratie umschlagen kann. Eine Theokratie beginnt, wenn sich religiöse und politische Führer miteinander verbünden, um im Zweifel eine Art heilige Kriege zu führen, in den Worten von Michel Foucault in „Der Wille zum Wissen“ (zitiert nach Michael Wildt): <em>„Man könnte sagen, das alte Recht, sterben zu <u>machen</u> oder leben zu <u>lassen</u>, wurde abgelöst von einer Macht, leben zu <u>machen</u> oder in den Tod zu <u>stoßen</u>.“</em></p>
<p>Andreas Zick spricht die fehlende Schärfe des <em>„Mitte“</em>-Begriffs in seinen Beiträgen mehrfach offen an: <em>„Das Mitte-Modell bietet eine Orientierung. Es fordert die Gesellschaft auf, sich zu öffnen und alle Menschen einzubeziehen. Es verpflichtet die Politik, konsensfähig zu sein. Die ‚Mitte‘ kann verbinden und eine ausgleichende Kraft entfalten. Doch sie läuft Gefahr, demokratiefeindliche Tendenzen zu übersehen.“</em> Andreas Zick spricht von einer <em>„Zerreißprobe“</em>, die auch durch die hohe Komplexität der in einer Gesellschaft und in der Politik auszuhandelnden Themen bedingt sei: <em>„Der Niedergang der großen Volksparteien und der Aufstieg kleinerer Parteien spiegeln dies wider.“ </em>Die zentrale Frage laute, wann <em>„Kipppunkte“</em> ins Anti- und Undemokratische entständen. Zick antwortet, dass dies geschehe, <em>„wenn sich rechtsextreme Positionen durch <u>schamlose Normalisierung</u> etablieren.“ </em>Auch ein Soziologe ist nicht frei von moralisierenden Adjektiven.</p>
<p>Bei der Okkupation von konservativ konnotierten Begriffen haben Akteure der Neuen Rechten wie die AfD keine Hemmungen. Die von Andreas Zick diagnostizierte <em>„<u>schamlose Normalisierung</u>“ </em>rechtspopulistischer und rechtsextremistischer Positionen ließe sich paradigmatisch am Beispiel der Debatten um Ein- und Zuwanderung belegen. Inzwischen bekennt sich die AfD offen zur Forderung der <em>„Remigration“</em>, auch wenn sie nicht konkretisiert, was dies im Falle einer Übernahme der Regierung bedeutet. Gleichzeitig versucht die Partei den Eindruck zu erwecken, sie sei die eigentliche <em>„Mitte“</em>, auch wenn sie affine Begriffe wie <em>„Bürgerlichkeit“</em> oder <em>„Volk“</em> bevorzugt. Mit diesen emotionalisierenden und moralisierenden Begriffen versucht sie konservative Wähler:innen und Politiker:innen für sich zu gewinnen und diffamiert gleichzeitig diejenigen, die sich nach wie vor als <em>„Mitte“</em> profilieren mit dem Kampfbegriff der <em>„Eliten“</em>, die den Willen des <em>„Volkes“</em> ignorierten. Ähnliches gilt für die traditionellen Bezeichnungen politischer Parteien als „<em>rechts“ </em>oder<em> „links“</em>.</p>
<h3><strong>Auf und Ab statt Rechts und Links</strong></h3>
<p>Die Zeitschrift Merkur veröffentlichte im Januar 2026 einen Beitrag von <a href="https://profiles.stanford.edu/daniel-zimmer">Dan Zimmer</a>, Universität Stanford, mit dem Titel <a href="https://www.merkur-zeitschrift.de/artikel/das-leben-selbst-a-mr-80-1-5/">„Das Leben selbst – Ein neuer politischer Kompass“</a>. Dan Zimmer schlägt vor, den Rechts-Links-Gegensatz durch den Gegensatz von Up und Down zu ersetzen: <em>„Soweit ich weiß, war die erste Person, die vorgeschlagen hat, die Links-Rechts-Unterscheidung durch die Unterscheidung von Aufwärts und Abwärts zu ersetzen, der Pionier des Transhumanismus FM-2030 (geboren als Fereidoun Efandiary). In seinem wegweisenden Manifest </em><a href="https://upwingers.com/index.html"><em>Up-Wingers</em></a><em> von 1973 wie er den linken wie den rechten Anthropozentrismus zurück und verkündete stattdessen: ‚Das Leben selbst ist die größte Revolution.‘“</em> (Link im Text NR). Damit sind wir bei der Fantasie des <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/rette-sich-wer-kann/"><em>„Survival of the Richest“</em></a> (deutsche Ausgabe 2025 bei Suhrkamp) jenseits unseres Planeten, wie sie Douglas Rushkoff bei US-amerikanischen Milliardären fand, und den transhumanistischen Fantasien eines Elon Musk mit der Verschmelzung von Mensch und Maschine. Solche transhumanistischen Fantasien der Verschmelzung von Biologie und Technologie (Star-Trek-Fans werden an die Spezies der Borg denken) sind in der deutschen politischen Debatte sicherlich noch kein Thema, auch wenn es inzwischen das ein oder andere Feature über <a href="https://www.3sat.de/kultur/kulturzeit/rene-girard-peter-thiel-und-der-antichrist-sendung-vom-15-01-2026-100.html">Peter Thiel, René Girard</a> oder <a href="https://www.3sat.de/kultur/kulturzeit/reihe-control-alt-delete-ayn-rand-100.html">Ayn Rand</a> gibt, jedoch eher als Versuch, Trump und sein Umfeld zu erklären, weniger im Hinblick auf die Formulierung einer eigens daraus ableitbaren Politik.</p>
<p>Eine wichtige Rolle in dieser mit einem Hauch von Science Fiction begründeten politischen Debatte spielt der Gegensatz von Aufwärts und Abwärts, zumindest in den Versuchen von <em>„Mitte“</em>-Parteien und Medien, den Aufstieg der AfD mit Befürchtungen weiter Teile der Bevölkerung zu erklären, den Anschluss zu verlieren und sozial abzusteigen. Das BSW versuchte ebenfalls, sich in diesem Feld zu orientieren, scheiterte jedoch, weil der Platz schon von der AfD besetzt war. Eine gute Sozialpolitik – so die Hoffnung – würde den Spuk der Neuen Rechten schon beenden. Von konservativer Seite wird hingegen nicht die Sozial-, sondern die Wirtschaftspolitik als Lösung aller Probleme beschworen. Adrian Daub nennt dies in „Was das Valley denken nennt“ (Berlin, edition suhrkamp, 2020) <em>„einen technologischen Determinismus“</em>. Das betrifft nicht nur Künstliche Intelligenzen und E-Autos. Atomkraftwerke können so teuer und so unrealistisch sein wie sie nun einmal sind, aber wirken in der politischen Debatte als Heilsversprechen für all diejenigen, die die Erfolgsgeschichte erneuerbarer Energien nicht glauben wollen oder einfach Windräder <em>„hässlich“</em> (Friedrich Merz) finden, und zugleich schon um die für das Klima schädlichen Folgen der fossilen Energien wissen.</p>
<p>Energie- und Wirtschaftspolitik werden in der Mitte-Studie 2025 nur im Hinblick auf sozialpolitische Folgen behandelt. Das von Claudia Neu, Marco Eden und Beate Küpper geschriebene achte Kapitel der Mitte-Studie diagnostiziert enge Bezüge zwischen rechtspopulistischen beziehungsweise rechtsextremistischen Versuchungen und <em>„der räumlichen Lebensqualität einschließlich der Daseinsvorsorge und Demokratie“</em>. Allerdings sehen sie auch ein Paradox: Während die eigene Lebensqualität oft positiv bewertet wird, gilt dies nicht für die Bewertung der Daseinsvorsorge beziehungsweise deren Infrastruktur. Es wäre durchaus erwägenswert zu fragen, ob möglicherweise in Ostdeutschland bei der Bewertung der Daseinsvorsorge Erinnerungen an die DDR-Zeit eine Rolle spielen, beispielsweise im Hinblick auf preiswertes Wohnen, sichere Arbeitsplätze, eine durchgehende Kinderbetreuung oder auch die Ventil-Funktion des beliebten Eingabewesens.</p>
<p>Ein Spezialfall für negativ wahrgenommene Daseinsvorsorge war die Corona-Pandemie. Anna Christina Nowak und Beate Küpper bezeichnen im neunten Kapitel der Studie die <em>„Coronapandemie als Treiber der Demokratiedistanz“</em>. Hier bezieht sich die Einschätzung von Daseinsvorsorge jedoch eher auf Einschränkungen der persönlichen Freiheit statt auf beispielsweise fehlende Zugangsmöglichkeiten zu Impfungen. Wir können hier geradezu ein weiteres Paradox feststellen. Im Hinblick auf die Nähe zu Krankenhäusern, den Zustand von Sportplätzen, geschlossene Ladengeschäfte und Jugendclubs wird die fehlende und marode Infrastruktur angesprochen, im Hinblick auf Corona staatliche Eingriffe in die eigene persönliche Freiheit bei gleichzeitig gut ausgebauter Infrastruktur für Tests und Impfungen. <em>„Demokratiedistanz“ </em>kann unterschiedliche Gründe haben, eine Regierung kann eigentlich nur alles falsch machen.</p>
<p>Gegen Abstiegs-Ängste inszenieren sich Rechtspopulisten und Rechtsextremisten als Retter. Matthias Kolb kommentierte in der Süddeutschen Zeitung unter der Überschrift <a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/geraubter-stolz-arlie-russel-hochschild-usa-trump-rezension-li.3355186">„Der gute Rüpel Donald Trump“</a> das jüngste Buch von <a href="https://sociology.berkeley.edu/sites/default/files/user/arlie-r-hochschild-532/arlie-r-hochschild-cv.pdf">Arlie Russell Hochschild</a> „Stolen Pride“ (deutsche Ausgabe 2025 in der Hamburger Edition: „Geraubter Stolz“): <em>„‚Als Trump uns sagte, er würde die Kohle wiederbringen, wusste ich dass er log. Aber ich hatte das Gefühl, dass er sah, wer ich war‘, sagte ein früherer Bergmann.“</em> Trump appellierte somit an den Stolz des Bergmanns und vieler anderer Menschen, die staatliche Hilfe als Niederlage verstanden und schuf somit gleichzeitig eine Gegenerzählung zu der <em>„Pride“</em>-Erzählung der LSBTIQ*-Bewegung. Es reicht offenbar, solche Gefühle zu triggern, um sich als Radikaler oder gar Extremist selbst als <em>„Mitte“</em>, <em>„bürgerlich“</em>,<em> „normal“</em> zu inszenieren. Wir haben es sprachlich wie inhaltlich mit „Verkehrungen ins Gegenteil“ zu tun, wie sie die Zürcher Slavistin <a href="https://www.slav.uzh.ch/de/seminar/mitarbeitende/litwiss/sylviasasse.html">Sylvia Sasse</a> in ihrem gleichnamigen Buch beschrieb (Berlin, Matthes &amp; Seitz, 2023).</p>
<p>Auf Arlie Russell Hochschild beziehen sich auch die Autor:innen des achten Kapitels. Sie sprechen von einer verbreiteten <em>„Peripherisierungserfahrung“</em>, die sich Rechtsextremisten und Rechtspopulisten zunutze machten. Deren Vorgehen bringen sie auf eine einfache Formel: <em>„Der Populismus erzählt die Geschichte des ‚hart arbeitenden, rechtschaffenen (kleinen) Mannes‘, der von den kosmopolitischen ‚korrupten Eliten‘ und den ‚gefährlichen Fremden‘ betrogen und um das gebracht wird, was im zusteht (….)“</em>, Erfahrungen, die sich auch schon in den beiden vorausgegangenen Mitte-Studien abzeichneten.</p>
<h3><strong>Emotionen über alles</strong></h3>
<p>Die in der politischen Auseinandersetzung immer wichtiger werdenden Emotionen sind Gegenstand der Forschungen der Soziologin <a href="https://en.sociology.huji.ac.il/people/eva-illouz">Eva Illouz</a> oder der Historikerin <a href="https://www.mpib-berlin.mpg.de/mitarbeiter/ute-frevert/curriculum-vitae">Ute Frevert</a>, an die <a href="https://www.polsoz.fu-berlin.de/polwiss/forschung/sozialkunde/politikdidaktik/Team/achour/index.html">Sabine Achour</a> in ihren Beiträgen zur Mitte-Studie 2025 anknüpft. Sie verweist auf die hohe Emotionalisierung im <em>„politische(n) Verhalten von Menschen. Politische Bildung und demokratische Politik müssen diese adressieren, wenn sie Menschen für sich (zurück-)gewinnen wollen.“ </em>Ein Lehrbeispiel für hohe Emotionalisierung in der politischen und gesellschaftlichen Debatte analysieren Fritz Reusswig, Beate Küpper und Marco Eden im siebten Kapitel, das sich mit Klimaschutz und sozialer Gerechtigkeit befasst und daher an zentralen <em>„Triggerpunkten“</em> anknüpft, wie sie Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser diagnostizierten (<a href="https://www.suhrkamp.de/buch/triggerpunkte-t-9783518029848">„Triggerpunkte“</a>, Berlin, edition suhrkamp, 2023): <em>„‚Windkraftanlage‘ und ‚Wärmepumpe‘ sind inzwischen emotional aufgeladene Stichwörter, die eine Abwehrreaktion auslösen (…).“ </em>Lastenrad und Fahrradwege gehören ebenfalls in diesen Rahmen. Klimaschutz wird systematisch durch angebliche Einschränkung der persönlichen Freiheit (dasselbe Prinzip wie bei der Kritik an den Corona-Maßnahmen) sowie die für die Bürger:innen entstehenden Kosten delegitimiert: <em>„Befragte, die einen solidarischen Ansatz von Klimagerechtigkeit folgen, haben die positivste Wahrnehmung von Demokratie mit Blick auf ihr Funktionieren und ihre Gerechtigkeit.“</em> Diese Erkenntnis ließe sich auch auf Steuer-, Sozial-, -Migrations- und Arbeitsmarktpolitik übertragen.</p>
<p>Der Klimaschutz ist ein Lehrstück für die Wirkung einer rein reaktiv ausgerichteten Politik, die keine eigenen Visionen verfolgt, sondern lediglich auf laute Kritik reagiert. Da sich konservative (und auch sozialdemokratische) Politiker:innen von dieser Kritik an Maßnahmen des Klimaschutzes haben beeindrucken lassen, finden wir sinkende Werte für das Gefühl der Bedrohung durch den Klimawandel. Dieser Wert sank gegenüber den beiden Vorläuferstudien von 70 Prozent auf 56 Prozent. Die Grünen haben zwar immer wieder gefordert, man müsse die Kosten des Klimaschutzes sozial abfedern, aber auch sie haben es nicht vermocht, ein durchaus sinnvolles Anreizsystem mit den langfristig zu erwartenden Einsparungen in einen Gesamtzusammenhang zu stellen. So blieb es bei kurzfristig reagierender Politik, die sie sogar selbst konterkarierten, als Robert Habeck in Haushaltsnöten von einem Tag auf den anderen als Anreiz gedachte Zuschüsse wieder abschaffte. Fehlende Kohärenz verschärfte den Widerstand gegen die Politik der Ampelregierung. Die Probleme bleiben und mit der Zeit verschärft sich die Problemwahrnehmung in der Bevölkerung. Dort wo konsensual akzeptable Problemlösungen ausbleiben, beginnt der Zweifel an der Kompetenz derjenigen, die die Probleme eigentlich lösen sollten und mit der Zeit auch an dem gesamten System der Demokratie.</p>
<p>Gerade hier wird deutlich, warum die Autor:innen den Titel „Die angespannte Mitte“ gewählt haben. Es hat auch etwas mit dem Gefühl der Hilflosigkeit, der Ohnmacht zu tun, bei gleichzeitigem Wissen um die Problemlagen. Dies muss jedoch nicht so bleiben. Hier hilft ein Blick auf die Milieus (Plural!) der AfD-Wähler:innen. Dazu sagt Raj Kollmorgen in dem bereits zitierten Interview: „Nach all unseren Studien und meiner Einschätzung verfügt heute von der AfD-<em>Gesamtwählerschaft (ca. 25 % bis 35 % Stimmenanteil) etwa ein Drittel über einen ausgehärteten rechtsradikalen Habitus und ein weiteres Drittel über gefestigt rechtspopulistische, teils extremistische Einstellungsmuster. Demgegenüber ist das letzte Drittel zwar politisch-kulturell anschlussfähig, orientiert sich aber bei Bedarf und Gelegenheit auch unproblematisch an anderen Lagern und Parteien (zwischen CDU, Die Linke oder BSW).“</em> (Vielleicht erschreckt, dass Raj Kollmorgen SPD und Grüne gar nicht mehr nennt? Vielleicht aber auch nur ein Reflex der politischen Lage in seiner Heimat an der sächsisch-polnischen Grenze.)</p>
<p>Manche vermuten, man könne die diagnostizierte Anspannung der <em>„Mitte“</em> mit dem Trend zur <em>„Normalisierung“</em> rechtspopulistischer und rechtsextremistischer Einstellungen und Aussagen bestimmten Gruppen der Gesellschaft oder gar bestimmten Regionen zuschreiben. Die Mitte-Studie lässt jedoch keinen Zweifel, dass es nicht hilft, antidemokratische Einstellungen nur in Ostdeutschland oder gar in anderen Ländern, vorzugsweise in den USA zu verorten, es sei denn, man begnüge sich – wie manche dies tatsächlich auch tun – damit, sich selbst als die <em>„Guten“</em> zu inszenieren, als die <em>„Anständigen“</em>, deren <em>„Aufstand“</em> Gerhard Schröder vor 25 Jahren beschwor und <a href="https://bundesverband-mobile-beratung.de/pressemitteilung/25-jahre-aufstand-der-anstaendigen-wir-brauchen-einen-neuen-appell-fuer-demokratie/">dessen Wiederkunft heute manche zivilgesellschaftliche Organisation fordert</a>. Mit einem solchen Versuch tappt man direkten Wegs in die Falle einer binären Erklärung der Welt in Freund und Feind, wie sie die an Carl Schmitt geschulten Rechtspopulisten und Rechtsextremisten aufzustellen versuchen. Und ob es dabei so schlau ist, einen Teil der sogenannten <em>„Mitte“</em>, liberale Konservative zum Beispiel, die sich nicht der Diffamierung von demokratischen Nicht-Regierungsorganisationen ausschließen zu wollen, pauschal bei entsprechenden Demonstrationen ausschließen. Natürlich haben CDU, CSU und FDP ihren Teil dazu beigetragen, als sie <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-29-januar-2025/">am 29. Januar 2025</a> mit den Stimmen der AfD einen Beschluss des Deutschen Bundestags zu einer verschärften Migrationspolitik herbeiführten.</p>
<h3><strong>Nebenkriegsschauplätze </strong></h3>
<p>Ein durchgehendes Thema der Mitte-Studie sind gleichermaßen angenommene und tatsächlich nachweisbare Unterschiede in den Einstellungen in Ost- und Westdeutschland. Dies gilt auch für den ständig beschworenen Blick auf die Trump-Regierung. Sabine Achour betont, man müsse <em>„nicht in die USA blicken, um zu beobachten, wie Regierungen immer öfter versuchen, die Unabhängigkeit von Zivilgesellschaft und politischer Bildung zu beschränken. (….) Eine bundesweite Dynamik entwickelte sich nach der Bundestagsanfrage ‚Politische Neutralität staatlich geförderter Organisationen‘ (…).“</em> (<a href="https://dserver.bundestag.de/btd/20/151/2015101.pdf">Bundestagsdrucksache 20/15101</a> enthält die Anfrage und die Antwort der Bundesregierung.)</p>
<p>Eine der AfD-Parolen lautet wie schon erwähnt: <em>„Deutschland, aber normal“</em>, immer wieder betont die Partei, dass Männer Männer und Frauen Frauen bleiben sollen, dass der Klimawandel gar nicht existiere und dass es der Regierung nur darum gehe, Menschen nach Deutschland zu holen, die dort nicht hingehörten. Dies entspricht dem Muster, mit dem andere rechtspopulistische und rechtsextremistische Parteien in Europa und in den USA agieren. Konservative Parteien sind in der Regel das Lieblingsopfer dieser Parteien. <a href="https://www.fb03.uni-frankfurt.de/125241069/Thomas_Biebricher">Thomas Biebricher</a> hat in seinem Buch <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/rechtsgedreht/">„Mitte / Rechts – Die internationale Krise des Konservatismus“</a> (Berlin, Suhrkamp, 2023) analysiert, wie sie in Italien und Frankreich marginalisiert wurden und wie in Großbritannien die Tories versuchen, durch Übernahme der Themen der Brexiteers diese von politischer Verantwortung fernzuhalten. Das Buch erschien 2023, sodass Biebricher die sich inzwischen abzeichnende Marginalisierung der Tories, deren Platz jetzt mehr oder weniger Reform UK von Nigel Farage eingenommen hat, noch nicht dokumentieren konnte. Ob Deutschland, das ihm 2023 noch ungefährdet erschien, inzwischen gefährdet ist, wäre eine Debatte wert. Zumindest hilft die ständige Beschwörung, man repräsentiere die <em>„Mitte“</em>, wenig gegen diejenigen, die sich immer weiter in das, was mal <em>„Mitte“</em> war, vorarbeiten, und ebenso wenig hilft es, CDU/CSU ständig mit sogenannten <em>„Brandmauer“</em>-Debatten zu überziehen. Auch Liberale und Linke könnten auf diese Art und Weise Konservative in die Arme der Rechtspopulisten und Rechtsextremisten treiben.</p>
<p>Die Neigung, sich selbst mit den eigenen Einstellungen als <em>„Mitte“</em> zu bezeichnen, korrespondiert mit dem Bestreben, Kritik wahlweise dem rechten oder dem linken Rand zuzuschreiben und so zu delegitimieren. Ein besonders krasses Beispiel der letzten beiden Jahre sind die Angriffe auf die „Letzte Generation“, die von einzelnen Staatsanwaltschaften und Politiker:innen sogar in die Nähe einer kriminellen, gegebenenfalls terroristischen Vereinigung gerückt wurde. Es war auch nicht sonderlich geschickt, Kritiker:innen der Maßnahmen der Regierung gegen die Corona-Pandemie durch unterstellte Nähe zu Rechtsextremen zu delegitimieren. Andererseits darf man sich nicht durch die ständige Etikettierung auch jeder noch so abwegigen Äußerung als <em>„Meinungsfreiheit“</em> beeindrucken lassen. Manche berufen sich auf <em>„Meinungsfreiheit“ </em>und fordern gleichzeitig die Einschränkung all dessen, was nicht ihrer eigenen Meinung entspricht. Es ist Rechtspopulisten und Rechtsextremisten mit tätiger Mithilfe so mancher Konservativer gelungen, jede Art von sogenannter <em>„Wokeness“</em> als <em>„Cancel Culture“</em> zu diffamieren. Inzwischen stehen Liberale und Linke in weiten Teilen der sogenannten <em>„Mitte“</em> als diejenigen da, die die <em>„Meinungsfreiheit“</em> einschränken wollen. Und das ist nicht nur die Meinung von JD Vance und Elon Musk.</p>
<p>Die österreichische Diskursforscherin Ruth Wodak verweist auf die Schwächen der Argumentation auf liberaler oder linker Seite: <em>„<strong>Politische Korrektheit</strong> ist zu einem Kampfbegriff in der heutigen Symbolpolitik geworden – lieber kämpft man über gendergerechte Sprache, also Sternchen oder Doppelpunkt et cetera, als gegen ungleiche Bezahlung (<u>Gender Pay Gap</u>), Diskriminierung im Beruf oder gegen ein Abtreibungsverbot. Die Geschichte des Konzepts kennen nur wenige. Sowohl die Begriffe ‚politische Korrektheit‘ wie ‚Wokeness‘ gehen auf das <u>Civil Rights Movement</u> in den 1960er Jahren zurück. <strong>Wokeness</strong> wurde allerdings schon vor dem Zweiten Weltkrieg von der Schwarzen Community in den USA verwendet, um für Wachsamkeit gegenüber Diskriminierung zu plädieren. Der Kampf gegen eine angebliche politische Korrektheit oder ‚wokeness‘ dient Trump als Projektionsfläche gegen Errungenschaften und Menschenrechte, die für viele in den letzten Jahrzehnten selbstverständlich geworden sind. Insofern geht es, meiner Meinung nach, um die Implementierung einer <u>Retropie</u>, also eines anachronistischen Weltbildes und einer wertkonservativen, ausgrenzenden Politik, die letztlich autoritäre Maßnahmen, Sozialabbau und einen Umbau liberaler Demokratien ermöglicht.“</em> (Fettdruck im Original)</p>
<p>Anders gesagt: Manche, die sich wortreich gegen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus engagieren, haben noch nicht begriffen, was ihr Gegner wirklich will. Stattdessen verkämpfen sich viele auf Nebenkriegsschauplätzen (wenn dieser martialische Begriff erlaubt ist). Im Grunde stehen sich – so die Philosophin <a href="https://www.academie-francaise.fr/les-immortels/sylviane-agacinski">Sylviane Agacinski</a>, Autorin von „Face à une guerre sainte“ (Paris, Seuil, 2022) in der Winterausgabe 2025 von Lettre International <em>„zwei ‚Cancel Cultures‘ gegenüber“.</em> Es gebe eine <a href="https://www.lettre.de/beitrag/agacinski-sylviane_obsession-des-loeschens">„Obsession des Löschens“</a>. Während <em>„Minderheiten sich krampfhaft an ihrer identitären Leidenschaften klammern“</em>, vermag die Trump-Regierung <em>„ganze Bereiche des intellektuellen und wissenschaftlichen Lebens zu knebeln, wenn sie ihren Interessen oder ihrer Ideologie zuwiderlaufen: ein weißer, nationalistischer, maskulinistischer und frauenfeindlicher Suprematismus, der von den Oligarchen der Hightechbrance aufgegriffen wurde, die sich zynisch der persönlichen und willkürlichen Macht Trumps angeschlossen hat.“ </em>Es ist letztlich eine Machtfrage. Adrian Daub schreibt in „Cancel Culture Transfer – Wie eine moralische Panik die Welt erfasst“ (Berlin, edition suhrkamp, 2022) den Erfolg: <em>„Die Stimmungsmacher:innen nutzen, wie bereits in der Panik um Political Correctness, Ambiguitäten und auch die Unkenntnis des deutschsprachigen Publikums aus, um einen konservativen amerikanischen Kampfbegriff zu importieren.“</em></p>
<h3><strong>Fluider Demokratiebegriff</strong></h3>
<p>Der Begriff der <em>„Macht“</em> klingt eindeutiger als er ist. In Familien zeigt sich bereits, dass er dies nicht ist. Zum Verständnis trägt eine <a href="https://www.zeit.de/2026/02/eu-beitritt-georgien-generationenkonflikt-prorussische-regierung">Reportage von Mariya Martiyenko</a> in der ZEIT aus Georgien bei, die die unterschiedlichen Vorstellungen innerhalb einer Familie beschreibt. Der Enkel nimmt an den täglichen Demonstrationen auf dem Rustaveli teil, dem Großvater gefällt dies überhaupt nicht. Interessant wird es, weil beide eigentlich zur EU gehören wollen, aber von der EU ein völlig unterschiedliches Bild haben. Während der Sohn die europäische Demokratie betont und seinem Opa versucht zu erklären, dass er doch auch 2008 gegen die russische Invasion in Abchasien und für die georgische Unabhängigkeit gekämpft habe, wiederholt der Opa die auch im georgischen Fernsehen ständig wiederholten anti-europäischen Klischees der Propaganda Putins, unter anderen, dass in Europa Männer nicht mehr Männer und Frauen nicht mehr Frauen sein dürften und dass die EU vorschriebe, wo und wie man Toiletten zu bauen habe: <em>„Ich habe 1989 für die Unabhängigkeit Georgiens von der Sowjetunion demonstriert. Ich habe 1993 im Krieg für Georgien gekämpft. Und das alles nicht dafür, damit wir jetzt unter der Knute der EU leben!“ </em>Auf der anderen Seite sagt der Großvater zur pro-russischen Regierung: <em>„Nein, wieso? Sie ist proeuropäisch! Russland hat unsere Gebiete besetzt! Ich kann doch nicht russisch sein wollen.“ </em>Und natürlich will auch er in die EU, aber eben eine andere. Er nennt auch Russland in der Ukraine ebenso wie in Georgien einen <em>„Besatzer“</em>, aber gibt in der Ukraine dennoch Selensky die Schuld. Dmitrij Kapitelman beschreibt ähnliche Familienkonflikte in seinem Roman „Russische Spezialitäten“ (Berlin, Hanser, 2025). Auch in manchen deutschen Familien mag es zu verschiedenen Themen ähnlich zugehen. Es gibt eben kein immer unbedingt an Fakten orientiertes Verständnis politischer Kontroversen und schon gar nicht von dem, was <em>„Demokratie“</em> oder <em>„Europa“</em> tatsächlich bedeuten. Möglicherweise versteht man erst, was sie bedeuten, wenn man sie nicht mehr hat.</p>
<p>Die in der aktuellen Mitte-Studie behandelten kontroversen Themen entsprechen weitgehend den <em>„Triggerpunkten“</em> die Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser in ihrer viel kommentierten Studie erforscht hatten. Beide Studien ergänzen sich gut. Während die Bielefelder Mitte-Studie ein quantitatives Verfahren gewählt hat, wandten Steffen Mau und seine Kollegen ein qualitatives Verfahren an. Sie brachten Menschen mit unterschiedlichen, oft sogar extrem weit auseinanderliegenden Positionen in eine Situation, in der sie sich miteinander verständigen mussten. Dies führte nicht unbedingt dazu, dass die Beteiligten ihre Einstellung grundsätzlich veränderten, wohl aber dazu, dass Begriffe wie <em>„rechts“</em>, <em>„links“</em> oder <em>„Mitte“</em> an Bedeutung verloren, während die Perspektiven von Kontroverse und Konsens an Bedeutung gewannen, zumindest hätten gewinnen können. Saba-Nur Cheema legt in dem in der Mitte-Studie abgedruckten Interview den Finger in die Wunde: <em>„Denn genau dies ist uns Demokratinnen und Demokraten passiert: Zu sehr sind wir in eine passive Rolle gerückt, in der Partizipation oft nur als Kreuz auf dem Wahlzettel verstanden wird.“</em></p>
<p>Dies ist auch Thema des fünften Kapitels der Mitte-Studie von Marco Eden, Elif Sandal-Önal, Andreas Zick und Kathrin Ackermann: „Demokratievorstellungen und Demokratiewahrnehmung in der Mitte“. Wenn mehrere Menschen von <em>„Demokratie“</em> sprechen, meinen sie nicht unbedingt das Gleiche. <em>„Eine solche Differenzierung verdeutlicht, warum sich die Zustimmung zu demokratischen Wahlen und illiberale Haltungen nicht ausschließen. Wer Demokratie ausschließlich minimalistisch versteht, rückt von liberalen Kernprinzipien ab.“</em> Es entstehen zwei Pole: <em>„Majoritäre und liberale Orientierung“</em>. Der Unterschied liegt vor allem darin, ob und wie jemand, der eine Wahl oder Abstimmung mit 50,01 Prozent gewinnt, gedenkt, die unterlegenen 49,99 Prozent zu berücksichtigen. Die Debatten nach der berüchtigten Brexit-Abstimmung bieten ein exemplarisches Studienobjekt. Schließlich lässt sich feststellen, dass Mehrheiten zunehmend dazu neigen, knappe Mehrheiten durch Wahlrechtsreformen in größere Mehrheiten zu verwandeln. Eine solche Möglichkeit bietet zum Beispiel das griechische Wahlrecht, wo zuletzt die Nea Demokratia im zweiten Anlauf aufgrund einer solchen Bonus-Regelung die absolute Mehrheit erlangte. Dies gelang Viktor Orbán in Ungarn, der sich auf diese Art und Weise sogar eine Zwei-Drittel-Mehrheit sichern konnte, die er in den Wahlen nicht erreicht hatte. An einem solchen Anliegen scheiterte Matteo Renzi in Italien. Ob Giorgia Meloni mit einem ähnlichen Anliegen, das sie zurzeit verfolgt, Erfolg haben wird, ist einer Volksabstimmung vorbehalten. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sie ebenso scheitert wie Matteo Renzi. Andernfalls kann in Zukunft in Italien eine Partei, die mit 25 oder gar weniger Prozent an der Spitze liegt, mit 55 Prozent der Sitze rechnen.</p>
<p>Es geht letztlich – so die Autor:innen des Beitrags zur <em>„Demokratiewahrnehmung“</em> in der Mitte-Studie – um die Balance zwischen Mehrheitsprinzip und Minderheitenrechten: „<em>Die Stabilität der liberal-parlamentarischen Demokratie hängt folglich davon ab, diesen Balanceakt diesen Balanceakt immer wieder neu auszutarieren: Das Mehrheitsprinzip braucht feste Schranken – doch auch die liberalen Schranken dürfen die demokratische Gestaltungsmacht nicht ersticken.“ </em>Beruhigend für die liberale Seite könnten die Ergebnisse der Mitte-Studie zu diesem Thema gelesen werden: <em>„71 % der Befragten befürworten, dass politische Entscheidungen von Gerichten korrigiert werden können. Auch der Schutz der Grundrechte von Minderheiten, selbst wenn eine Mehrheit dagegen ist, wird von 69 % bejaht. Insgesamt wird ein starkes liberales Schutzprinzip unterstützt. Diesem steht hingegen auch eine spürbare illiberale Haltung gegenüber: Ein Drittel (34 %) der Befragten relativiert den Schutz gleicher Rechte vor dem Hintergrund nationaler Interessen. Zudem finden 25 % der Befragten, dass ‚zu viel Rücksicht auf Minderheiten genommen‘ wird.“ </em>Dies ließe sich sicherlich auch weiter differenzieren. Es wäre interessant zu erfahren, ob die zuletzt genannten 25 Prozent mit ihrer Forderung, weniger <em>„Rücksicht auf Minderheiten“</em> zu nehmen, den Verzicht auf Gendersternchen, Kürzungen beim Bürgergeld oder etwa die Reduzierung von staatlichen Mitteln für den Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus meinen.</p>
<h3><strong>Mehr Bildung wäre schön, aber welche Bildung?</strong></h3>
<p>In diesem Kontext sind die beiden letzten Kapitel von Bedeutung, die Sabine Achour verantwortet, das Schulkapitel gemeinsam mit Anja Höppner. Anja Höppner und Sabine Achour fragen provokant: <em>„Kippt die Schule in eine ideologische Kampfarena?“</em> Im Umkehrschluss: Kann Schule vor Extremismus schützen? Konnte sie das überhaupt jemals? Es ließe sich einfach antworten, dass Schule von Menschen gestaltet wird und sich dort ebenso wie in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen das gesamte Spektrum von politischen Einstellungen finden lässt, nicht zuletzt bei Lehrkräften, sozialpädagogischen Fachkräften und Eltern, rechtsextreme und menschenfeindliche Einstellungen einschließlich. So <em>„verweisen die Ergebnisse der Mitte-Studie 2024/2025 zur Sozialisation und Erziehung darauf, dass sich gerade schulisch höher gebildete Befragte, die autoritär eingestellt sind und von einer autoritär und / oder leistungsorientierten Erziehung durch ihre Eltern berichten, besonders offen für ein rechtsextremes Weltbild zeigen – anders als Befragte mit niedrigerer Bildung (…). Weil damit die mögliche Schutzfunktion von Bildung ausgehebelt zu werden droht, erscheinen Forderungen nach einer autoritär ausgerichteten Schule noch gefährlicher für die Demokratie. Zugleich ist das ein starker Hinweis darauf, dass Autonomie und Mündigkeit als zentrale Aufgabe aller Schularten wichtiger sind als das rein formale Erreichen eines Abschlusses.“ </em></p>
<p>Dies entspricht den Anforderungen des Grundgesetzes. Der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts Andreas Voßkuhle hat dies bei seinem Festvortrag zum 100jährigen Bestehen des Deutschen Volkshochschulverbandes in der Frankfurter Paulskirche den Bildungsauftrag des Grundgesetzes deutlich formuliert: <em>„Ein Schlüssel zum <u>status activus</u> des Staatsbürgers ist Bildung. Bildung nicht im klassischen, die Ungebildeten ausschließenden Sinne, sondern Bildung verstanden als „Empowerment“. Das Grundgesetz will den kritischen und informierten, vor allem aber neugierigen Bürger.“ </em>(Die komplette Rede ist <a href="https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/289234/grundgesetz/">nachlesbar der Ausgabe zum Grundgesetz von „Aus Politik und Zeitgeschichte“ vom 15. April 2019</a>, online noch verfügbar.) Marina Weisband zeigt mit dem von ihr gestalteten und inzwischen sehr erfolgreichen <a href="https://www.aula.de/">aula-Projekt</a>, wie Schüler:innen ihre Schule selbst gestalten können und <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/radikal-demokratisch-paedagogisch/"><em>„Zuversicht und Resilienz“</em></a> gewinnen. Sabine Achour bringt dies auf die eingängige Formel <em>„Handlungskompetenz und Selbstwirksamkeit anstatt politischer Machtlosigkeit“.</em></p>
<p>Ein Scheinargument ist die ständig von der AfD (übrigens auch von verschiedenen Generalkonsulaten, beispielsweise von der Türkei) an die deutschen Bildungsministerien gerichtete Forderung von <em>„Neutralität“</em>. Dies gebiete der <a href="https://www.bpb.de/die-bpb/ueber-uns/auftrag/51310/beutelsbacher-konsens/">„Beutelsbacher Konsens“</a>, der sich auch in verschiedenen Schulgesetzen wiederfinde. Sabine Achour spricht von einer <em>„Instrumentalisierung ‚politischer Neutralität‘, in deren Namen entweder gegen die Sichtbarmachung von Minderheitenrechten und gegen Kritik an Rechtsaußen oder zur Legitimierung von Menschenfeindlichkeit aufgerufen wird.“ </em>Dies lässt sich auch mit dem Beschluss der <a href="https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2009/2009_03_06-Staerkung_Demokratieerziehung.pdf">KMK zur Demokratiebildung</a> begründen, der 2018 aktualisiert wurde. Der Beschluss enthält eine ausführliche Würdigung des Beutelsbacher Konsenses: <em>„Zum nicht verhandelbaren Kernbestand der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zählen – gerade in Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen und ihren Folgen – die Unantastbarkeit der Menschenwürde, die Achtung der Menschenrechte einschließlich der Kinderrechte, das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, Glaubens- und Gewissensfreiheit, die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz und in allen gesellschaftlichen Institutionen, unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Religion, Behinderung oder sexueller Orientierung, die Durchführung allgemeiner, freier, gleicher und geheimer Wahlen mit aktivem und passivem Wahlrecht aller Bürgerinnen und Bürger, der Schutz von Minderheiten, Meinungs- und Pressefreiheit, eine unabhängige Justiz, Gewaltenteilung und politischer Pluralismus, das Wechselspiel zwischen Regierung und Opposition, das staatliche Gewaltmonopol, zusammenfassend der demokratische Rechtsstaat mit dem Prinzip der Gewaltenteilung.“ </em>Dies ergebe sich aus dem Grundgesetz und entspreche der <em>„Komplexität der Welt“</em>: <em>„Elementar ist die Einsicht, dass es nicht ausreicht, sich auf den Willen einer Mehrheit zu berufen, um Demokratie als Herrschaftsform zu legitimieren. Entscheidend ist die Bindung an Menschenrechte und Menschenwürde, Gewaltenteilung und Minderheitenschutz sowie die Verfahren des Rechtsstaats, mögen diese auch mitunter langwierig und mühsam erscheinen.“</em></p>
<p>Dies bedeutet, dass Lehrkräfte aktiv anti-demokratischen Ansichten widersprechen müssen. Sabine Achour fordert, auf diverse <em>„Triggerpunkte“ </em>gelassener zu reagieren: Identitätspolitische Bildung sei – so ist auch Andreas Voßkuhle zu verstehen – ganz im Sinne des Grundgesetzes: <em>„Mehr Aufregung tut Not – aber über Queerfeindlichkeit statt über Gendersternchen“</em>. Auch der <a href="https://www.rechtschreibrat.com/">Rat für deutsche Rechtschreibung</a> habe im Jahr 2023 <em>„rezeptive Toleranz“</em> im Hinblick auf <em>„geschlechtersensible Sprache“</em> gefordert. Insofern haben die Landtage beziehungsweise Landesregierungen der Demokratie einen Bärendienst erwiesen, die in den Schulen Gendersternchen oder -Doppelpunkte untersagten. In Behörden galt ohnehin stets die Doppelformel. Das musste man gar nicht erst beschließen.</p>
<p>Nico Mokros benennt in dem von ihm geschriebenen zehnten Kapitel die von Eltern ausgehende Grenzen einer Bildung und Erziehung im Geiste des Grundgesetzes: <em>„Befragte, die eine autoritär- und oder leistungsorientierte Sozialisation durch ihre Eltern erinnern, neigen doppelt so häufig dazu, den gegenwärtigen Rechtsextremismus in Deutschland zu verharmlosen (44 % bzw. 45 %) gegenüber Befragten, die keine autoritär- oder leistungsorientierte Sozialisation durch ihre Eltern erinnern (21 % bzw. 23 %).“</em> An dieser Stelle wäre es meines Erachtens hilfreich, den Leistungsbegriff differenzierter zu fassen. Es geht hier nicht um <em>„Leistung“</em> im Sinne einer erfolgreichen Bildungslaufbahn, sondern um die Art und Weise, wie <em>„Leistung“</em> in Elternhaus und Schule konnotiert ist und eingefordert wird. Es ist ein wesentlicher Unterschied, ob <em>„Leistung“</em> durch ein anregungsreiches Milieu, wie es auch in der Schule herstellbar ist, gefördert werden soll oder durch Druck, Strafen oder Liebesentzug.</p>
<p>Letztlich geht es auch hier um die mit all diesen Themen verbundenen Emotionen. Es ist keine einfache Aufgabe für Lehrende, gleichviel in welcher Bildungseinrichtung, mit den oft heftigen Emotionen unter den Lernenden umzugehen. Zurzeit erleben wir dies beim Thema von Handyverboten oder Altersgrenzen für soziale Medien. Marina Weisband äußerte sich sehr deutlich dazu in ihrem Gespräch mit dem Demokratischen Salon <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-macht-der-aufmerksamkeit/">„Die Macht der Aufmerksamkeit“</a>. Sie plädierte für <em>„dezentrale und interoperable Plattformen“</em>. Die so oft geforderte <em>„Medienkompetenz“</em> allein sei ein zu schwaches Instrument. Junge Menschen bräuchten auch Begegnungsräume, die sie vor allem deshalb in den Social Media finden, weil sie sie im Stadtbild eben nicht finden.</p>
<p>Hier geht es – so Sabine Achour – ans Eingemachte in der digitalen Welt: <em>„Dazu gehört es, libertär-autoritäre Meinungsführer und Propagandeure wie Elon Musk und deren techno-faschistisches Weltbild zu entzaubern und über die Funktionsmechanismen ihres politischen Sendungsbewusstseins entlang von Algorithmen aufzuklären.“</em> Die gewählte Sprache verrät schon, wie komplex und wie schwer es ist, diese Aufgabe zu erfüllen. Bildungsaufgaben sind im Grunde nur erfüllbar, wenn die gesellschaftlichen und politischen Grundlagen für eine <em>„digitale Souveränität“</em> anerkannt und geschaffen wurden. Das ist aber nicht die Aufgabe der Lehrkräfte. Wer dies jedoch von ihnen verlangt, verstärkt die Tendenz, gesellschaftliche und politische Probleme zu individualisieren. Ein solch <em>„starke Individualisierung der Verantwortung für Klimakrise und Klimaschutz“</em> lässt sich – so Sabine Achour – auch in der Praxis der „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ feststellen, beim Nationalen Aktionsplan Bildung ebenso wie beim <a href="https://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2015/2015_06_00-Orientierungsrahmen-Globale-Entwicklung.pdf">„Orientierungsrahmen für den Bereich Globale Entwicklung“</a> von KMK und BMZ (2016, erweitert für die gymnasiale Oberstufe 2025). Ob diejenigen, die Lehrpläne schreiben oder Lehrerfortbildungen anbieten, sich mit all diesen komplexen Kontexten befassen, wäre eine eigene Untersuchung wert. Viele dürften nicht einmal die KMK-Beschlüsse gelesen haben, die – wie zum Beispiel der genannte Beschluss zur Demokratiebildung – so schlecht nicht sind.</p>
<p>Entscheidend für eine stabile <em>„Mitte“ </em>im Sinne einer deutlichen Mehrheit für die Grundsätze und Verfahren des freiheitlich-demokratischen Rechtsstaats ist es, diese Mehrheit zu wollen und zu organisieren und sich nicht in Nebenkriegsschauplätzen (Stichwort: Gendersternchen) oder irrealen Fantasien (Stichwort: Atomkraftwerke) zu ergehen. Dann wird es auch möglich – in Abwandlung eines der Sprüche des Hubert Aiwanger – sich die <em>„Mitte</em> <em>zurückzuholen“</em>.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Januar 2026, Internetzugriffe zuletzt am 16. Januar 2026. Titelbild: Hans Peter Schaefer, Foto aus einer Ausstellung im Hamburger Bahnhof, Berlin.)</p>
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		<title>Lina Morgenstern</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 04 Dec 2025 06:43:47 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Lina Morgenstern Volksküchengründerin, Sozialreformerin, Feministin, Zeitungsverlegerin Lina Morgenstern (1830 - 1909) wurde anlässlich ihres 70. Geburtstages im Jahre 1900 von einer englischen Zeitung zu den drei bedeutendsten Persönlichkeiten Berlins gewählt. Eine wichtige, fast vergessene Vordenkerin der deutschen Demokratiegeschichte. Mit heißem Herzen und kühlem Verstand ging sie bis an die Grenzen des Umsetzbaren. Im 19.  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-5 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-4 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-5" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Lina Morgenstern</strong></h1>
<h2><strong>Volksküchengründerin, Sozialreformerin, Feministin, Zeitungsverlegerin</strong></h2>
<p><a href="https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/lina-morgenstern">Lina Morgenstern</a> (1830 &#8211; 1909) wurde anlässlich ihres 70. Geburtstages im Jahre 1900 von einer englischen Zeitung zu den drei bedeutendsten Persönlichkeiten Berlins gewählt. Eine wichtige, fast vergessene Vordenkerin der deutschen Demokratiegeschichte. Mit heißem Herzen und kühlem Verstand ging sie bis an die Grenzen des Umsetzbaren.</p>
<p>Im 19. Jahrhundert durften Frauen per Gesetz weder eine Firma noch einen Verein gründen. Lina gelang all das. Aus einer wohlhabenden Breslauer Familie stammend brach sie aus dem von ihren Eltern vorgegebenen Lebensweg aus: Statt sich zu vergnügen und das schöne Leben zu genießen, kämpfte sie für <em>„das Gute“</em>. Dabei definierte Lina <em>„das Gute“</em> wie es Immanuel Kant in seiner Ethik definiert: <em>„Gut ist derjenige Wille, der ausschließlich durch Gründe der praktischen Vernunft bestimmt wird und nicht durch Neigungen.“</em></p>
<p>Als Gründerin von 17 Volksküchen versorgte sie täglich 10.000 hungrige Menschen und betreute mit ihrem Frauenteam an Berliner Bahnhöfen 300.000 aus dem Krieg von 1870/1871 zurückkehrenden Soldaten: Freund und Feind. Danach initiierte sie über 30 „Wohlfahrts-Startups“, die sich um alleinerziehende Mütter, haftentlassene Mädchen, Prostituierte und andere Bedürftige kümmerten. Mit Zeitgenossinnen gründete sie von Friedrich Fröbel inspirierte Kindergärten und exportierte die Idee nach England. Hinter der Maske von Linas quirligem Humor verbarg sich die nervöse Unrast einer leidenschaftlichen Unternehmerin.</p>
<p>Wie aber hat es die aus einer jüdischen Familie stammende Frau geschafft, trotz Anfeindungen von Antisemiten und Männerklüngeln ein humanistisches Lebenswerk zu hinterlassen, wie sonst kaum jemand?</p>
<h3><strong>Breslau 1846</strong></h3>
<div id="attachment_7666" style="width: 242px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7666" class="wp-image-7666 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-232x300.jpg" alt="" width="232" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-200x258.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-232x300.jpg 232w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-400x517.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-600x775.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-768x992.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-793x1024.jpg 793w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-800x1033.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-1189x1536.jpg 1189w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-1200x1550.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern.jpg 1434w" sizes="(max-width: 232px) 100vw, 232px" /><p id="caption-attachment-7666" class="wp-caption-text">Lina Morgenstern, Public Domain.</p></div>
<p>Als Lina 16 Jahre alt war, sandte ihr Vater sie auf die Höhere Töchterschule. Lina langweilte sich, denn es wurde vorwiegend Handarbeiten, Kochen und Nähen unterrichtet; sie wollte nicht mehr in diese Schule. Ihr strenger Vater Albert, ein in Breslau etablierter Möbel- und Antiquitätenhändler, warf seinem Kind Undankbarkeit vor, denn die private Höhere Töchterschule kostete ihn viel Geld, die meisten jungen Frauen bekamen gar keine Ausbildung – ein eskalierender Vater-Tochter-Streit.</p>
<p>Plötzlich wurde die Familie von der Revolution in Breslau überrascht. 1846 demonstrierten Arbeiter, Handwerker und Lehrer vor dem Schloss in Sichtweite der Familien-Wohnung. Bewaffnete Uniformierte stellten sich den Aufgebrachten entgegen, versuchten das Schlosstor zu schützen. Doch die Protestierenden stapften entschlossen darauf zu. Pflastersteine flogen, Schüsse fielen, Blut floss. Lina erkannte unter den Demonstranten einen jüdischen Jungen aus dem Nachbarhaus, kaum siebzehn Jahre alt. Er drängte sich mit seinem Freund nach vorne, warf einen Ziegelstein. Sofort wollte Lina mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester Jenny raus, um ihn zu unterstützen. Der Vater ließ es nicht zu. Deshalb konnte Lina nur mit dem Operngucker beobachten, wie vor der Wohnung die Demonstrierenden von Wachsoldaten niedergetrampelt und angeschossen wurden, darunter auch ihr Freund aus dem Nachbarhaus. Verzweifelt musste sie mitansehen, wie der Verblutende leblos wegetragen wurde.</p>
<p>Dieses Erlebnis muss Lina geprägt haben, denn bald darauf verfiel sie in eine Depression, flüchtete sich nächtelang bei schlechtem Kerzenlicht ins Lesen von Büchern über Medizin und Astronomie, bis sich Gesichtszuckungen und Augenprobleme einstellten. Die besorgte Mutter verbot ihrer Tochter die nächtliche Lektüre – was die Krise noch verschlimmerte. Schließlich erlaubte die Mutter der Sechzehnjährigen, eine Tanzschule zu besuchen.</p>
<h3><strong>Die Aktien der Liebe </strong></h3>
<div id="attachment_7667" style="width: 198px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.kremayr-scheriau.at/bucher-e-books/titel/lina-morgenstern/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7667" class="wp-image-7667 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-188x300.jpg" alt="" width="188" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-188x300.jpg 188w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-200x319.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-400x637.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-600x956.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-643x1024.jpg 643w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-768x1223.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-800x1274.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-964x1536.jpg 964w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-1200x1911.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-1286x2048.jpg 1286w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau.jpg 1594w" sizes="(max-width: 188px) 100vw, 188px" /></a><p id="caption-attachment-7667" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Polka. Lachen. Verträumte Blicke. Damenwahl. Auf glattem Parkett lernte Lina den neunzehnjährigen Theodor Morgenstern (1827-1910) kennen. Er kam aus Sieradz, einer kaum zweitausend Einwohner zählenden Kleinstadt mit Synagoge in der Nähe von Łódź. Der junge Mann erzählte von seiner lebensgefährlichen Flucht. Wie viele andere Juden hatte er sich am Krakauer Aufstand beteiligt und gegen Österreich, Russland und Preußen für eine polnische Nationalregierung gekämpft, denn nur diese versprach die vollständige <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCdische_Emanzipation">Gleichberechtigung der Juden</a>. Allerdings wurde der Aufstand von der österreichischen Armee brutal niedergeschlagen. Hals über Kopf musste Theodor flüchten. Lina war von seinem revolutionären Habitus angetan – was für ein Held. Und wie er tanzte! Trotz Etikette und den strengen Blicken des Tanzlehrers genoss Lina die Momente der gemeinsamen Bewegungen, des Festhaltens, der Nähe.</p>
<p>Lina wollte Theodor heiraten, am liebsten sofort. Sie wusste jedoch: Ihr Vater würde nicht zustimmen solange sie noch unter 20 war. Zu Linas 18. Geburtstag veranstaltete der Vater ein Fest, Lina aber durfte ihren Liebsten nicht einladen. Stattdessen bat der Vater Geschäftsfreunde und Adelige zu Tisch. Mitten auf der Feier riss Lina das Wort an sich und präsentierte ihre Idee eines <em>„Pfennigvereins“</em>: Für arme Arbeiterkinder bat sie alle Anwesenden monatlich einen Pfennig für Schulmaterial und Kleidung zu spenden. Einige Gäste versuchten, sich elegant aus der Affäre zu ziehen: Wer garantiere denn, dass die Spenden tatsächlich die Richtigen erhalten? Sollen die Zuwendungen vielleicht nur jüdische Kinder bekommen? Eloquent konnte Lina alle Zweifel zerstreuen. Noch auf dem Fest begann sie Geld einzusammeln. Schließlich gelang es ihr, dass nahezu alle Gäste ein <em>„Spendenabo“</em> unterzeichneten. Der Pfennigverein existierte dreißig Jahre lang, unterstützte 16.000 bedürftige Kinder und war Linas erstes Wohltätigkeits-Unternehmen.</p>
<p>Indes stellten Lina und Theodor fest: Zwischen ihnen bestand mehr als eine sinnliche Anziehung. Linas Art zu fragen, ihre Neugierde auf die Welt und ihre pointierten Schlussfolgerungen faszinierten Theodor. Beide mochten Menschen, die sich nicht anpassten und beide hatten Interesse an unternehmerischen Ideen. Natürlich verfügten sie auch über entgegengesetzte Charaktereigenschaften: Die spontane, quicklebendige und auf Äußerlichkeiten nichts gebende Lina und der kaum zu erschütternde Theodor, der es liebte, in feinem Zwirn zu beeindrucken. Lina lernte ihm zuliebe sogar seine Muttersprache. Lange hielten sich die beiden an ein damals übliches Motto, das aus einer oft verwendeten Liederstrophe (aus dem 17. Jahrhundert) stammt: <em>„Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß, als heimliche Liebe, von der niemand nichts weiß!“</em></p>
<p>Linas Vater recherchierte hinter ihr her und fand heraus: Theodor besaß nur eine kleine Handelsagentur, mit der er kaum in der Lage sein würde, eine Familie zu ernähren. Der Vater hielt Linas Geliebten für einen geschäftlichen Versager – was er seine Tochter wissen lässt. Hartnäckig stellte er Fragen: Was hat Theodor für Ziele? Wie stellt er sich die Zukunft seiner Agentur vor? Wie viel Geld hat er, wie viele Aktien?</p>
<p><em>„Die Aktien der Liebe!“</em> – Über sieben Jahre lang trafen sich die beiden, bis der Vater unwillig einer Hochzeit zustimmte.</p>
<h3><strong>Die verfeinerten Bedürfnisse der Zivilisation</strong></h3>
<div id="attachment_7668" style="width: 479px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7668" class="wp-image-7668 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-300x214.jpg" alt="" width="469" height="335" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-200x143.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-300x214.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-400x286.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-600x429.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-768x549.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-800x572.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-1024x732.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-1200x857.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-1536x1098.jpg 1536w" sizes="(max-width: 469px) 100vw, 469px" /><p id="caption-attachment-7668" class="wp-caption-text">Lina (Mitte) mit Müttern und Kindergartenkindern, Sammlung Rekel.</p></div>
<p>Um dem dominanten Vater zu entfliehen, zogen Lina und Theodor 1855 nach Berlin. Der Vater sprang über seinen Schatten und gewährte Lina eine großzügige Mitgift. Während Lina in Berlin schwanger wurde, verfolgte Theodor eine neue Geschäftsidee: Ein internationales Modehaus in der noblen Friedrichstraße. Es sollte ein Etablissement werden, wie es die Stadt noch nie gesehen hatte! Theodor kaufte von Linas Aussteuer die feinsten Kollektionen aus Paris, London und Konstantinopel und präsentierte seiden-, gold- und silbergewirkte Kleider auf zwei Etagen. Die Leipziger Illustrirte Zeitung vom 13. Dezember 1856 jubelte: <em>„Dank der <u>verfeinerten Bedürfnisse der Zivilisation</u>, die nun Herr Theodor Morgenstern erfüllt, wird Berlin endlich eine Weltstadt.“</em> Aufwendig warb Theodor mit teuren Zeitungsanzeigen um kaufkräftige Kundinnen. Und Lina wurde zum zweiten Mal schwanger. Nachts befasste sie sich mit den Erziehungsmethoden des Pädagogen <a href="https://froebel-museum.de/pages/de/friedrich-froebel/leben-und-werk.php">Friedrich Fröbel</a> (1782-1852) – für ihn hatten die Frauen die Zukunft der Menschheit in der Hand, denn sie gestalteten die ersten Lebensjahre, den entscheidenden Zeitabschnitt. Jede junge Frau sollte eine Ausbildung als Erzieherin erhalten; diese Ideen gefielen Lina.</p>
<p>Kaum schliefen die Kinder, versuchte sie aus Fröbels komplizierten Schachtelsatz-Schriften lesbare Exzerpte zu verfassen. Und sie gründete in Berlin – trotz des staatlichen Kindergarten-Verbots – mit Kolleginnen zusammen den ersten Fröbel-Kindergarten. Ein Erfolg.</p>
<p>Indes entwickelte sich <em>„Herr Morgenstern“</em> mit seinem exklusiven Modesalon in der Friedrichstraße zum Parvenü, war in Berlin gefragt und begehrt. Lina aber sorgte sich: Zwar besuchten viele Damen Theodors Geschäft, doch sie kauften wenig. In Wahrheit ging es der Familie immer schlechter. Ein drittes Kind verschärfte die Lage. Theodors Reserven und Linas Aussteuer waren bald aufgebraucht – was von den frisch Vermählten souverän verdrängt wurde.</p>
<p>Plötzlich konnte das Paar die Miete für die Wohnung nicht mehr bezahlen. Weder Linas noch Theodors Eltern wollten die junge Familie neuerlich unterstützen, der Schwiegervater fühlte sich bestätigt: Theodor ist ein Versager!</p>
<p>Tatsächlich schlitterte Theodor mit seinem Modehaus in den Bankrott. Der Schwiegervater verhinderte mit einer allerletzten Zuwendung das Schlimmste, doch Theodor musste seine unternehmerischen Träume aufgeben. Indes wurde Lina erneut schwanger, die jungen Eltern plagten nun Existenzängste: Wie die immer größer werdende Familie durchbringen?</p>
<p>Nächtelang grübelten die beiden, auch der sonst so geduldige Theodor geriet in Panik. Die Krise drohte, die Ehe zu zerreißen. Bis Lina realisierte: Nur sie konnte die Familie noch retten.</p>
<p>Verzweifelt besuchte Lina den Verleger und Chefredakteur des renommierten Modemagazins BAZAR und bot ihm ihren Artikel über Friedrich Fröbel an. Der Chefredakteur reagierte erst skeptisch. Nachdem er jedoch die ersten Absätze gelesen hatte, änderte er seine Meinung. Er forderte Lina auf, Fröbels komplizierte Schriften in ein unterhaltsames Handbuch zu verwandeln. Kaum zu Hause, setzte sich Lina an den Schreibtisch. Und schrieb in nur vier Wochen einen Bestseller: „Das Paradies der Kindheit“. Über 280 Seiten! Das Handbuch der Fröbel´schen Lehre erlebte sieben Auflagen, wurde in mehrere Sprachen übersetzt und stieß eine öffentliche Diskussion zum Thema gewaltfreie Erziehung an.</p>
<p>Vor allem konnte Lina mit den Tantiemen ihre Familie ernähren.</p>
<p>Nun schrieb sie weitere Auftrags-Bücher während Theodor sich um Haushalt und Kinder kümmerte &#8211; was in dieser Zeit völlig neu war und dem jungen Ehemann einiges abverlangte, denn zahlreiche Zeitgenossen verspotteten ihn als „Schwächling“. Das Paar lebte, was in dieser Zeit als unmöglich galt: <em>„Keine übertriebene Ehe“</em>, wie Lina es in ihrer Deutschen Hausfrauenzeitung selbst nannte – also eine gleichberechtigte. Mit viel Humor.</p>
<p>Parallel gründete Lina eine Vielzahl von Wohlfahrtsvereinen, kümmerte sich um haftentlassene Mädchen und alleinerziehende Mütter. Linas Motto, wie ebenso in ihrer Zeitung nachzulesen ist: <em>„Wir Frauen verlangen nicht Gnade, sondern Gerechtigkeit!“</em></p>
<p>Als Lina ob ihrer vielen Tätigkeiten schwächelte, schlug Theodor einen Familien-Urlaub vor. Im Süden. Am Meer. Erst reagierte Lina begeistert, dann irritierte sie der im Juni 1866 eskalierende Konflikt zwischen Preußen und Österreich – ein Krieg stand bevor. Die Not schwoll an, in Berlin grassierte Hunger, sogar Lehrer konnten ihre Familien nicht mehr ernähren.</p>
<p>Statt Urlaub hatte Lina eine andere Idee; sie wollte eine Volksküche gründen. Und zwar auf eine ganz neue Art: Das Unternehmen sollte sich selbst erhalten. Allerdings verfügte sie weder über Anfangskapital, noch über Räumlichkeiten und Personal. Wie also die Idee umsetzen?</p>
<h3><strong>Linas Businesskonzept </strong></h3>
<div id="attachment_7669" style="width: 479px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7669" class="wp-image-7669 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-300x199.jpg" alt="" width="469" height="311" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-300x199.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-400x266.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-600x398.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-768x510.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-800x531.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-1024x680.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-1200x797.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-1536x1020.jpg 1536w" sizes="(max-width: 469px) 100vw, 469px" /><p id="caption-attachment-7669" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Die_Gartenlaube_(1883)_b_477.jpg">Sonntags in der Volksküche</a>, Die Gartenlaube (1883), Originalzeichnung von H. Lüders, Wikimedia Commons.</p></div>
<p>Lina erlebte eine schlaflose Nacht, im Morgengrauen dann Heureka, sie hatte einen Plan: Spenden als Anfangskapital, freiwillige Helferinnen in der Küche, ein günstiger Raum und reduzierte Einheitspreise für jede Speise. Doch die Behörden wollten ihr weder einen Raum stellen noch konnte sie jemand auf die Schnelle überreden, Kapital zu borgen. Lina überzeugte Frauen aus dem Bürgertum, unentgeltlich beim Kochen und Essenverteilen zu helfen. Noch vor Kriegsbeginn beabsichtigte sie, die erste Küche zu eröffnen. Dafür aber benötigte sie dringend Geld. Ihre Idee: Ein Spendenaufruf in einer renommierten Zeitung. Wie aber an einen Chefredakteur gelangen, wie ihn überzeugen?</p>
<p>Kurzerhand besuchte sie die Vossische, eines der angesehensten Berliner Blätter dieser Tage. Der diensthabende Sekretär, ein Mann mit dicker Brille und zerschlissenen Manschetten, ließ Lina nicht zum Chefredakteur vor. Aufgrund ihrer Zielgerichtetheit strahlte Lina eine natürliche Autorität aus, die in dieser Zeit nicht selbstverständlich war. Zumeist trug die Sechsunddreißigjährige ein schwarzes, schmuckloses Kleid, ihre Haare hatte sie streng hochgesteckt, eine Nickelbrille zierte ihre Nase. Sie beharrte auf der Dringlichkeit ihres Anliegens und verlangte, Chefredakteur <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Otto_Lindner">Dr. Otto Lindner</a> (1820-1867) zu sprechen. Irgendwann gab der Sekretär nach.</p>
<p>Lina kämpfte sich zu Dr. Lindner vor. Der ebenfalls aus Breslau stammende Musikwissenschaftler fand Linas Idee interessant und lächelte freundlich. Im Laufe ihres Vortrags merkte sie jedoch, dass in diesem Lächeln ein Hauch von Verachtung steckte. Was will die Kleine schon ausrichten? Sie sprach den Sechsundvierzigjährigen darauf an, er konterte: Die Sache sei eben schwierig. Er wolle nur einen Spendenaufruf drucken, wenn Lina berühmte Berliner als Fürsprecher gewinnen könne. Andernfalls würden die Leser denken, Frau Morgenstern möchte bloß für ihre eigene Familie Geld einsammeln. Lina versprach, mit Honoratioren wiederzukommen. Es muss Lina getroffen haben, dass ihre Person offensichtlich nichts galt, sondern nur renommierte Männer. Doch sie kannte keine Renommierten.</p>
<p>Geschickt entwickelte Lina eine Strategie der kleinen Schritte. Erst verfasste sie ein leidenschaftliches Plädoyer, dann besuchte sie das Café Kranzler, setzte sich auf die schmale Terrasse und durchforstete die ausliegenden Zeitungen nach Berliner Persönlichkeiten. Als sie in <em>der Vossischen, in der Volkszeitung und im Beobachter an der Spree zehn vielverspr</em>echende Namen entdeckt hatte, ermittelte sie deren Adressen.</p>
<p>Beharrlich und mit spröder Herzlichkeit versuchte Lina, die Prominenten mit ihrem Plädoyer anzusprechen. Darunter <a href="https://www.dhm.de/lemo/biografie/rudolf-virchow">Dr. Rudolf Virchow</a> (1821-1901) von der Charité. Der renommierte Pathologe positionierte sich als Liberaler im Preußischen Abgeordnetenhaus gegen Bismarck. Als Lina den Arzt besuchte, bat sie ihn nicht direkt um Unterstützung, sondern fragte erst um Rat für ihr geplantes Kochbuch. Der fortschrittlich denkende Virchow mit seinen ernsten, wie aus Bronze gegossenen Gesichtszügen, hatte längst erkannt, dass sich nicht nur die Armen, sondern auch Menschen aus der unteren Mittelschicht schlecht ernährten. Er empfahl Lina, jedem Essen ausreichend Gemüse und 75 Gramm Fleisch beizumischen. Was Lina beherzigte. Dann erst fragte sie, ob er nicht als Fürsprecher der Volksküche in der Vossischen Zeitung erscheinen wolle. Er stimmte zu.</p>
<p>Ermutigt ging sie auf weitere Persönlichkeiten zu. Manchen Männern fiel es in dieser Zeit schwer, wie sie später in ihrer Autobiographie beschrieb, eine <em>„Kooperation“</em> mit einer Frau an führender Stelle zu akzeptieren. Geschickt bot Lina an, die Angesprochenen könnten sich ihre Unterstützung mehr als eine Art von <em>„freundlichem Hinweis“</em> oder <em>„kollegialen Rat“</em> vorstellen. Mit dieser diplomatischen Finte gelang es ihr, einige Honoratioren zu gewinnen, darunter den Verleger <a href="https://www.gewerkschaftsgeschichte.de/biografien-55540-franz-gustav-duncker-1822-1888.htm">Franz Duncker</a> (1822-1888) sowie Stadtgerichtsrat <a href="https://www.deutsche-biographie.de/sfz31122.html#ndbcontent">Karl Twesten</a> (1820-1870) als auch den Arzt und Schriftsteller <a href="https://www.projekt-gutenberg.org/autoren/namen/ring.html">Max Ring</a> (1817-1901), den Sozialpolitiker <a href="https://www.deutsche-biographie.de/sfz50667.html#ndbcontent">Adolf Lette</a> (1799-1868), den Fabrikanten <a href="https://www.dhm.de/lemo/biografie/werner-von-siemens">Werner Siemens</a> (1816-1892) und den Journalisten und ehemaligen Eisenbahndirektor <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Lehmann_(Schriftsteller)">Joseph Lehmann</a> (1801-1873), der das Vertrauen vieler Behörden genoss.</p>
<p>Als Lina schließlich die Unterstützungserklärungen der Vossischen vorlegte, genehmigte Chefredakteur Lindner einen Spendenaufruf. Damit gelang es ihr, bis zum 8. Juni 1866 ein Gründungskapital von 5.500 Thaler (entspricht 2025 circa 200.000 Euro) einzusammeln.</p>
<p>Von diesem Anfangskapital wollte Lina nun Lebensmittel sowie Geschirr kaufen und einen Raum mieten. Doch sie kam an das von ihr organisierte Geld nicht heran, denn die Männer des von ihr gegründeten Volksküche-Vereins verhinderten das – nur Männer durften in dieser Zeit juristisch einen Verein oder eine Firma gründen und Geld verwalten. Diese Männer aber zweifelten plötzlich an Linas Fähigkeiten, so schnell eine Küche eröffnen zu können. Nach harten Diskussionen genehmigte ihr der Vorstand schließlich eine kleine Teilsumme. Zum Probieren. Ausnahmsweise. Sofort legte Lina los. Trotzdem konnte sie nicht sicher sein: Würden ausreichend Gäste in den kleinen, rußigen Keller kommen?</p>
<p>Linas Kochkünste, der Duft der Suppen und ihr Konzept zogen tatsächlich Gäste an. Die Volksküche entwickelte sich zum Erfolg, sechzehn weitere folgten. Während der Deutsch-Französische Krieg tobte, versorgte Lina auf den Berliner Bahnhöfen von der Front zurückkommende Soldaten. Sie gründete sogar Notlazarette, um die 6000 Verletzten zu betreuen, weil sich der Staat nicht kümmerte. Überraschend besuchte Königin Augusta eine Küche. Sie verkostete Linas Graupensuppe, bewunderte die Arbeit der <em>„Ehrendamen“</em> und ermutigte Lina, ihren „Business-Plan“, wie man ihn heute nennen würde, zu verschriftlichen. Was Lina auch tat. Zahlreiche Städte übernahmen Linas Ideen, darunter Stockholm, Budapest, Wien und 25 anderen Metropolen.</p>
<h3><strong>Der Berliner Hausfrauenverein, das Universalkochbuch und eine Zeitung</strong></h3>
<div id="attachment_7670" style="width: 281px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7670" class="wp-image-7670 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-206x300.jpg" alt="" width="271" height="395" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-200x291.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-206x300.jpg 206w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-400x583.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-600x874.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-703x1024.jpg 703w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-768x1119.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-800x1165.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-1054x1536.jpg 1054w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-1200x1748.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-1406x2048.jpg 1406w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-scaled.jpg 1757w" sizes="(max-width: 271px) 100vw, 271px" /><p id="caption-attachment-7670" class="wp-caption-text">Im vollbesetzten Saal des Roten Rathauses. Berliner Ilustrirte Zeitung 4. Oktober 1896. Sammlung Rekel.</p></div>
<p>Weil Nahrungsmittel aufgrund der Inflation immer teurer wurden, eskalierten in Berlin Lebensmittel-Verfälschungen: Milch wurde mit Wasser verdünnt und mit Kreide eingefärbt, Mehl sowie Gips angedickt; Butter mit Schwerspat, Borax oder Blei versetzt, um das Gewicht zu erhöhen; von Parasiten befallenes Fleisch oberflächlich gesäubert und weiterverkauft. Deshalb starben unzählige alte Menschen und Babys, Lina ertrug es kaum. Erst gründete sie zur Aufklärung ein öffentliches Lebensmittelabor, dann mit Theodor den Berliner Hausfrauenverein: Sie erwarb große Mengen an Lebensmitteln bei Bauern und verkaufte diese – als Vorläufer von Lebensmittel-Genossenschaften – günstig an Mitglieder, um die Preise niedrig zu halten. Bald schon durften sich Lina und Theodor über 2.000 Mitglieder freuen.</p>
<p>Der Chefredakteur der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Staatsb%C3%BCrger-Zeitung">Staatsbürgerzeitung</a> Dr. Bachler allerdings kritisierte den Verein: Dieser schädige die Händler und verkaufe schlechte Qualität. In einem Pamphlet verunglimpfte er auch die Volksküche und behauptete, Lina wolle damit bloß die Arbeiter beruhigen, damit sie nicht demonstrieren. Und er fragte: Warum organisieren gerade <em>„geldgierige Jüdinnen“</em> Volksküchen statt deutscher Frauen?</p>
<p>Indes verfasste Lina in langen Nächten das „Universalkochbuch für Gesunde und Kranke“ mit 2732 Rezepten und über 700 Seiten. Es entwickelte sich zum Welterfolg mit elf Auflagen und zahlreichen Übersetzungen. Weitere Bücher folgten.</p>
<p>Gegenüber Dr. Bachler beschloss sie, den Spieß umzudrehen. Sie wollte ihn mit seinen eigenen Mittel schlagen und eine Zeitung gründen. Ausschließlich von Frauen für Frauen. Ohne Mode, Klatsch und Tratsch. Dafür mit juristischer, medizinischer und lebensmitteltechnischer Beratung als auch, um für Frauenrechte zu kämpfen. Da sie keinen Investor fand, riskierte sie die gesamten Einnahmen aus ihren Buch-Verkäufen.</p>
<p>Die Zensurbehörden unter Bismarck machten es bereits Männern schwer, in einer Zeitung ihre Meinung frei zu äußern. Erst recht unmöglich war es, für eine jüdische Frau eine Zeitung zu gründen! Bismarck hatte Überwachung und Zensur verstärkt, über 6.000 Staatsdiener kontrollierten in Berlin Flugzettel, Plakate und sämtliche Druckerzeugnisse, unterstützt von einer Schar <em>„</em><em>Geheimer in Zivil“</em>. Die Berliner ätzen: <em>„Statt Gas und Elektrizität, an jeder Ecke ein Schutzmann steht!“</em></p>
<p>Um die Zensur zu umschiffen, nutzte Lina einen raffinierten Trick: Sie gründete keine Zeitung, sondern gab bloß ein <em>„Informationsblatt“</em> ihres Berliner Hausfrauenvereins heraus. Dagegen konnte kein Amt etwas haben. In Wahrheit hatte das Informationsblatt alle Merkmale einer kritischen Zeitung, die sich für Wohlfahrt und Frauenrechte einsetzte. Es war ein Journal ohne Mode, Klatsch und Tratsch. Ausschließlich von Frauen für Frauen. Darin veröffentlichte Lina Hinweise, wie Frauen dem damals üblichen Lebensmittelbetrug zu erkennen vermochten, wie sie zu einer besseren Ausbildung gelangten und ihre Rechte einklagen konnten. Vor allem kämpfte Lina darum, dass Frauen zum Abitur zugelassen werden und Universitäten besuchen durften.</p>
<p>Sofort wetterte Chefredakteur Dr. Otto Bachler in seiner Staatsbürgerzeitung dagegen, machte sich über das <em>„Damenblättchen der Frau Lina“</em> lustig. Schon bald aber war Linas Hausfrauenzeitung ohne Klatsch und Tratsch erfolgreicher als Dr. Bachlers Gazette. Bis nach Australien gewann Lina Abonnentinnen.</p>
<p>In Rage lancierte Dr. Bachler in der Staatsbürgerzeitung eine Kampagne: Er unterstellte Lina, sie versetze in ihren Läden des Berliner Hausfrauenvereins Feigenkaffee mit Sägespänen und verkaufe verschimmeltes Obst. Mehr noch: Angeblich vergifte Lina in den Volksküchen sogar die Arbeiter!</p>
<p>Anfangs versuchte Lina, die absurden Vorwürfe zu ignorieren. Doch als andere Zeitungen die Unterstellungen ungeprüft übernahmen und über 1.000 Mitglieder aus ihrem Hausfrauenverein austraten als auch Linas Volksküchen schlechter besucht wurden, sah sie keinen Ausweg mehr. Verzweifelt entschied sie sich, gegen Dr. Bachler zu klagen.</p>
<h3><strong>Der Prozess </strong></h3>
<div id="attachment_7671" style="width: 235px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7671" class="wp-image-7671 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-400x533.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-600x800.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-768x1024.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-800x1067.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-1152x1536.jpg 1152w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-1200x1600.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-1536x2048.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-scaled.jpg 1920w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /><p id="caption-attachment-7671" class="wp-caption-text">Gerichtsakte Lina Morgenstern. Foto: Gerhard J. Rekel.</p></div>
<p>Vor einem Berliner Gericht nützte Chefredakteur Dr. Bachler 1883 die antisemitische Stimmung und brachte Lina in arge Bedrängnis. Er bezichtigte sie des vorsätzlichen Betrugs und rief als Zeugen einen Feigenkaffeehändler auf, der behauptete, Lina hätte in ihren Vereinsläden tatsächlich ihrem Kaffee reichlich Mahagoni-Späne beigemischt. Lina gelang es nachzuweisen, dass der Händler dem Hausfrauenverein seinen Kaffee angeboten hatte – doch dieser war Theodor zu teuer gewesen, er hatte das Angebot abgelehnt. Nun wollte sich der Händler rächen!</p>
<p>Es schien den Richter zu überzeugen. Da holte Dr. Bachler einen Militärarzt in den Zeugenstand. Dieser sagte aus, Lina hätte 1870 durch falsche medizinische Behandlungen in ihren Notlazaretten den Tod von mindestens fünfzig deutschen Soldaten verschuldet. Außerdem hätte sie auch Feinde behandelt – nämlich französische Gefangene! Plötzlich stand eine Anklage gegen Lina wegen fahrlässiger Tötung, Betrug und Landesverrat im Raum. Bis zu 15 Jahre Gefängnis drohten!</p>
<p>Inzwischen ruinierte Dr. Bachler mit weiteren Verleumdungen in der Staatsbürgerzeitung den Ruf von Volksküche und Hausfrauenverein, sodass Lina mit ihren Vereinsläden in den Bankrott schlitterte.</p>
<p>Der Prozess dauerte über 15 Monate. Immer mehr Menschen behandelten Lina herablassend. Ein Netz von Missachtung und Schuldzuweisungen stülpte sich über sie und raubte ihr den Schlaf. Irgendwann verließen Lina die Kräfte. Zittern, Herzrasen, Gesichtszuckungen – wie mit 16 Jahren, als Lina die Höhere Töchterschule besuchte. Die Volksküchen, die Vereine, die Zeitung, der Prozess und ihre fünf Kinder – war es ein Zuviel an machen, wollen, verändern?</p>
<p>Im letzten Moment gelang es Lina, einige Soldaten in den Zeugenstand zu rufen, die sie 1870 in ihren Notlazaretten gerettet hatte. Die Männer erzählten die Wahrheit. Schließlich sprach der Richter das Urteil. Dr. Bachler wurde wegen Verleumdung zu einer Strafe von 39 Tagen Haft oder 390 Mark Geldbuße verdonnert. Lina gewann in allen Punkten und freute sich.</p>
<p>Doch bald fiel ihr auf: Die Not von über einer Million alleinstehenden Frauen ohne Arbeit wurde immer größer. Da entschloss sie sich, einen Schritt weiter zu gehen, politischer zu werden. Ihre neue Idee: Der 1. Internationale Frauenkongress auf deutschem Boden! Im Herbst 1896 empfing Lina mit ihren Kolleginnen über 1700 Besucherinnen aus der ganzen Welt im Roten Rathaus. 65 internationale Zeitungen berichteten neun Tage lang. Die Delegierten forderten das Wahlrecht für Frauen, Zugang zu Ausbildungen und Universitäten sowie die juristische Gleichstellung in Geschäftsangelegenheiten. Bald darauf gaben sogar konservative Politiker zu, dass mehr für Frauen getan werden müsse. In den folgenden Jahren wurde der Zugang zu Abitur und Universitäten für Frauen erleichtert, weitere Verbesserungen folgten. Langsam. Sehr langsam.</p>
<h3><strong>Das Geheimnis ihres Erfolgs</strong></h3>
<p>Wie hat es die aus einer jüdischen Familie stammende Frau geschafft, trotz Anfein­dungen von Antisemiten und Männerklüngeln ein humanistisches Lebenswerk zu hinterlassen, wie sonst kaum jemand? Was waren ihre Methoden, wie konnte sie sich durchsetzen?</p>
<p>Lina hatte zwei große Geheimnisse: Das ihrer unglaublich modernen Ehe und das ihres fulminanten Lebenswerks. Davon erzählt meine Biografie <a href="https://www.kremayr-scheriau.at/bucher-e-books/titel/lina-morgenstern/">„Lina Morgenstern – Die Geschichte einer Rebellin“</a>, die auf über 700 Quellen beruht, viele davon neu entdeckt und erstmals veröffentlicht. Lina Morgensterns Geschichte ist eine, die Mut macht!</p>
<p><strong>Gerhard J. Rekel</strong>, Berlin</p>
<p>(Anmerkungen: <a href="https://www.gerhardrekel.com/">Gerhard J. Rekel</a> ist Autor der im Verlag Kremayr &amp; Scheriau im Jahr 2025 erschienenen Biographie „Lina Morgenstern“. Erstveröffentlichung dieses Porträts im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> im November 2025, Internetzugriffe zuletzt am 2. Dezember 2025, Titelbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Volksk%C3%BCche_in_Wien_-_Theodor_Breitwieser_-_%C3%9Cber_Land_und_Meer_43_(1880).jpg">Volksküche in Wien</a>, aus: Theodor Breitwieser in der Zeitschrift Über Land und Meer 43, 1880. Wikimedia Commons.)</p>
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