Auf dem Weg zu einem emanzipatorischen Realismus
Lukas Meisner über das politische Potenzial der Science Fiction
„Literatur, will sie nicht kopf- und herzlos und folglich sich selbst entfremdet sein, hat die Fakultät der Theorie in sich aufzunehmen. Begriffsarbeit und poetische Arbeit an der Sprache lassen sich nicht voneinander trennen, ohne dass beide ihr emanzipatorisches Potenzial einbüßten.“ (Lukas Meisner: Statt eines Nachworts: Sozialistischer Realismus als Dialektik von Poesie und Begriff. In: Ders.: Fluch(t). Die Sintflut heißt Westen, Wien, mandelbaum verlag, 2025)
Wie philosophisch ist Science Fiction? Wie politisch? Und wie realistisch? Im folgenden Gespräch erkunden Dominik Irtenkauf und Lukas Meisner, Herausgeber der Zeitschrift „Das Argument“, philosophische, literarische und politische Potenziale der Science-Fiction-Literatur. Dabei zeichnet sich ab, dass Science Fiction eine neue realistische Literatur werden könnte, ohne den Hang zum Spektakulären, wie es häufig im Kino gezeigt wird. Science Fiction knüpft an philosophisches Schreiben an, wird sich hierbei ihrer eigenen Wahrnehmung und gesellschaftlichen Verantwortung bewusst.
Science Fiction ist nicht irgendein Genre
Dominik Irtenkauf: Das Thema ist Science Fiction, Politik und Philosophie – auch über den Umweg der realistischen Literatur. Es gibt einige Stimmen, die die zeitgenössische Science-Fiction-Literatur als neuen Realismus bezeichnen (Kim Stanley Robinson etwa). Würdest du dem zustimmen?

Lukas Meisner, Foto: privat.
Lukas Meisner: Sie hat auf jeden Fall das Potenzial, realistisch zu sein. Ob sie es gewöhnlich ist, ist eine andere Frage. Ich gehe von Georg Lukács, Bertolt Brecht, Fredric Jameson aus und arbeite an einem Realismusbegriff jenseits des 19. Jahrhunderts. Ich meine damit – auch wenn es manche wundern wird – einen sozialistischen Realismus. Dieser stimmt jedoch nicht mit dem in der Sowjetunion oder in der DDR üblichen Illustrationismus, jenem heroischen Aus-Zeichnen des Gegebenen überein. In einem sozialistischen Realismus, der mehr ist als affirmativer, unkritischer Illustrationismus, geht es primär um ein für positive Weltveränderung notwendiges Begreifen der politischen und gesellschaftlichen Lage, in der wir uns befinden. Er hat also eine emanzipatorische und heuristische Funktion.
Für eine solche, an Transformation interessierte Gegenwartsdiagnostik der Kunst ist es relevant, dass man in die Zukunft wie auch in die Vergangenheit schaut. Das heißt, dass man für den Realismus eine Zukunftsperspektive, auch utopische und dystopische Potenziale der Gegenwart mit einbaut, darüber hinaus das Imaginäre miteinbezieht, das vermeintlich Fiktive.
Gerade in einer Zeit, die verwissenschaftlicht und technologisiert ist, brauchen wir eine Literatur, die diese Horizonte und Perspektiven miteinbezieht, um die Jetztzeit zu relativieren. Wenn Science Fiction Fiktionalisierung des wissenschaftlichen Zeitalters in seinen Möglichkeiten und Gefahren betreibt, die im Künstlerischen jene Realität einholen kann, die uns sonst vor der Nase wegrennt vor lauter Akzeleration – gepaart mit einer Wissenschaftsvorstellung, die aufklärerisch, entzaubernd, ideologiekritisch wirken will, also keinem bürgerlichen, sondern einem marxistischen Wissenschaftsverständnis anhängt –, dann wäre Science Fiction auch gerüstet gegen das, was Mark Fisher kapitalistischen Realismus nennt, also gegen die große Erzählung von der Unveränderbarkeit der gesellschaftlichen Parameter der Welt. Und dann würde ich sagen: Science Fiction wäre sehr gut zu gebrauchen, um eine realistische Literatur zu schreiben.
Dominik Irtenkauf: Realismus bedeutet seit dem 20. Jahrhundert ja nicht bloß naturalistische Abbildung von Gegenwart. Bei der Science Fiction trägt das spekulative Moment sehr stark. Sie wird häufig als Zukunftsliteratur bezeichnet, doch führt dies teilweise in die Irre, weil in den letzten Jahrzehnten viel stärker eine nahe Zukunft beschrieben wird, die Literatur also nahe an die Gegenwart kommt. Wie stark ist in dieser Hinsicht der Genre-Begriff der Science Fiction zu verstehen?
Lukas Meisner: Mit der Klassifizierung von Genres habe ich ein Problem, da inflationäres Schreiben meines Erachtens zurückführbar ist auf eine bestimmte Käuferpräferenz, die der Buchmarkt festlegt und die so die Geschmäcker trimmt und trainiert, auch auf Autor:innenseite. Es gäbe also bestimmte Leserschaften für bestimmte Genres: Kriminalromane, New Adult, Science Fiction, Fantasy, an Milieus gebunden, die marktkonform zu beliefern Aufgabe der Schriftsteller:innen sein solle. Das wird dann gut verkäuflich auf die Bestsellerlisten gehievt. Kurz, ich glaube, dieser Fokus aufs Genre hat viel mit einer Kommodifizierung der Literatur zu tun.
Literaturtheoretisch und literaturhistorisch ist es jenseits von kapitalismuskritischen Aspekten dagegen von Bedeutung, was eine bestimmte Gattung auszeichnet. Doch auch da stellt sich die Frage, ob notwendigerweise an Gattungen festgehalten werden sollte. Wir sehen natürlich: Das geschieht, auch auf dem Buchmarkt. Wir haben Belletristik und Essayistik, wir haben deutlich weniger Lyrik- oder Dramenbände, wir haben jedoch festgeschriebene Gattungsgrenzen. Für einen zeitgemäßen Realismus müssen wir diese festgefügten Grenzen, die paradoxerweise einer Marktlogik gehorchen, in Frage stellen, wage ich zu behaupten. Denn beim Realismus geht es um die Adäquatheit der Form für einen sich wandelnden Inhalt, womit die Form sich mit wandeln muss, will sie ihren Inhalt nicht verpassen.
Das Interessante für mich an der Science Fiction ist, dass diese Literatur über das Genre hinausgeht, als sie „Science“ und „Fiction“, also eigentlich zwei Antithesen zusammenbringt. Damit denkt sie Wissenschaftlichkeit und Vorstellungskraft zusammen und das ist genau das, was ich im letzten Kapitel meines Buchs „Fluch(t) – die Sintflut heißt Westen“ (Wien, Mandelbaum Verlag 2025) als zentrales Element von realistischer Literatur im 21. Jahrhundert bezeichne: dass man Kunst und Wissenschaft, Poesie und Begriff in eine Verbindung miteinander setzt.
Das ist interessant, weil es bereits im Namen der Science Fiction enthalten ist. Dahingehend würde ich sagen: Science Fiction als rein genremäßige Belletristik, die Merkmale abarbeitet, für die man in eine Schreibwerkstatt geht und diese Parameter nacheinander in die Komposition eines Werkes einbauen soll, hat nichts Realistisches und überhaupt wenig Künstlerisches. Wenn man Science Fiction aber als einen Versuch versteht, für einen bestimmten Inhalt der Welt eine eigene künstlerische Form zu finden, in der sich Natur und Kultur vermischen, dann glaube ich, hält sie literaturtheoretisch und -praktisch Wichtiges für uns bereit.
Wenn man Science Fiction dagegen nur als ein Genre liest, das in einem bestimmten Segment von Marktsektoren seine Leserschaft findet beziehungsweise erzeugt, die dann wahrscheinlich mehrheitlich männlich, Nerds und so weiter sind (lacht), dann finde ich es ziemlich uninteressant.
Immer wieder diese Frage: Was ist der Mensch?
Dominik Irtenkauf: Ist diese Kluft noch so bedeutend, dass eine Philosophie aus der Science-Fiction-Literatur nicht möglich sein könnte?
Lukas Meisner: Letztlich hat sich Philosophie primär immer damit beschäftigt, was der Mensch sei. Mit Kant gesprochen ist die Klimax philosophischer Desiderate die Frage ‚Was ist der Mensch‘, worin philosophische Anthropologie und Technikphilosophie zusammenfließen.
Das ist auch eine der grundsätzlichen Fragen von Science Fiction: Was sind die Grenzen des Menschen? Was sind seine Fähigkeiten? Was macht uns zum Menschen? Dass wir nackt sind und im Grunde ohne technische Zuhilfenahme nicht überleben können? Sind wir ein Mängelwesen, das nur mittels Technisierung und entsprechender Zurichtungen überhaupt im Stande ist, sich selbst zu reproduzieren? Das wäre ein mögliches Menschenbild, das von vielen Science-Fiction-Literaturen geteilt zu werden scheint.
Ein anderes, ebenso wenig Prometheisches, könnte sein, dass wir Tiere sind, Tiere geblieben sind trotz aller Technisierung, dass wir aber nicht mangelhaft, sondern vulnerabel, interdependent, sozial sind. Beides folgt, mit Judith Butler gesprochen, aus unserer Prekarität und Sterblichkeit (Judith Butler, Precarious Life: The Powers of Mourning and Violence, London/New York, Verso, 2004). Das Menschenbild war je eines der wichtigsten Ideologeme einer Gesellschaft, und auch der Tod des Menschen oder des Subjekts der Postmoderne war ein solches Ideologem.
Eine der Fragen, die Science Fiction hier antizipatorisch stellen könnte, wäre, ob Fortschritt heißt, technisches Enhancement blind zu betreiben, oder aber, die soziale Frage politisch zu beantworten. Nicht, dass es hier zwanghaft ein Entweder-Oder geben muss. In beiden Fällen jedenfalls haben wir es mit der Frage dessen zu tun, was Menschen sind, die wir anthropologisch durchaus definieren können, wie eben skizziert. Eine der Fragen der Technik und auch der Kunst – techné ist ja ein Begriff aus dem Altgriechischen, der für beide herzuhalten hat – ist die Frage, ob wir uns mittels dieser Technologien nicht vielleicht von einem menschlichen Wesen entfremden, oder ob sie vielmehr unser eigentliches Wesen verwirklichen. Vielleicht in Form einer „Weltreichweitenvergrößerung“, wie das Hartmut Rosa nennt, die wir in der Moderne praktizieren und die einerseits das menschliche Potenzial entwickeln könnte, andererseits dessen Bedingungen zu unterwandern imstande ist. Rosa hat dies in einem Beitrag im Sammelband „Figuring Out Spaces“ (Bielefeld, transcript, 2025) unter der Überschrift „Weltreichweitenvergrößerung – Warum jede Soziologie der Weltbeziehung auch eine Raumsoziologie sein muss“ ausgeführt:
Das sind zentrale Fragen, denen sich die Science Fiction stellt. Philosophisch bleibt es ebenso eine interessante Frage, was passierte, wenn wir einer anderen Spezies begegneten, und das ist ja einer der Grundtopoi der Science Fiction. Dann rückt die Frage des Gattungswesens ins Zentrum. Was, wenn die intelligenter sind als die menschliche Spezies?
So oder so, vieles in der Science Fiction dreht sich um die Frage: Was ist der Mensch? Mit dieser Frage lässt sich ideologisch und reaktionär oder emanzipatorisch und utopisch umgehen, offen oder geschlossen, kämpferisch oder resignativ. Wenn wir jedenfalls von Kant ausgehen, dann ist das die Krönungsfrage jeder Philosophie und insofern ist Science Fiction ein philosophisches Genre.
Gedankenexperimente einer menschenwürdigen Utopie

Dominik Irtenkauf, Foto: privat.
Dominik Irtenkauf: Von da aus könnte die Science-Fiction-Literatur die philosophischen Fragen in einem erzählerischen Rahmen angehen oder auch in einer Hybridform, die sich erst noch entwickeln müsste. Denkst du gar nicht klassischerweise daran, dass die Science Fiction viele technikphilosophische Fragen provoziert?
Lukas Meisner: Doch, aber das ist vielleicht gar nicht das Interessanteste, weil das Erleben der Science Fiction, die ja ihrerseits längst ein historisches Leben hinter sich hat, mitunter bereits in der gewordenen Gegenwart geschieht. Dass wir heute mit Leuten reden können, die 1.000 Kilometer von uns entfernt sind, ist etwas, was sich Menschen vor zweihundert Jahren nicht hätten träumen lassen. Oder dass man durch die Luft fliegen kann über Ozeane – wenn man das entsprechende Geld hat. Sehr viele der Dinge, die heute technisch möglich sind, sind solche, die für Menschen früher „Science Fiction“ gewesen wären.
Insofern finde ich technikphilosophische Fragen weniger interessant, auch wenn es das ist, was wahrscheinlich eher auf der Hand liegt. Spannender wäre gerade das Befragen von modernen Erzählungen, wie der des Fortschritts. Bewegen wir uns notwendigerweise auf mehr Fortschritt zu, wie es liberale Geschichtsmodelle lange verbreiteten? Das wird heute zurecht in Frage gestellt. Andererseits würde ich genauso in Zweifel ziehen, dass alles nur nach hinten losgeht und dass moderne Wissenschaft nichts anderes sei als Naturbeherrschung beziehungsweise Zerstörung des Planeten. Es geht einfach um eine Ambivalenz in Wissenschaft, in Technologie, auch im menschlichen Drang, überhaupt Erkenntnis oder Fortschritt generieren zu wollen. Ob dies in einer kapitalistischen Gesellschaft möglich ist, ist eine wichtige, vielleicht sogar grundlegende Frage. Ich denke nein. Das Erkenne-dich-selbst, erkenne-die-Welt dagegen ist nach allen Seiten offen. Diese Ambivalenzen zu befragen, die Bedingungen der Möglichkeit von Utopie und Dystopie fiktionalisiert zu testen, ist für mich interessanter an Science Fiction als ihr dunkler oder jubelnder Futurismus, als technikphilosophische Grundsatzfragen.
Dominik Irtenkauf: Für dich gibt es in der Science Fiction gewisse Referenzen, gewissermaßen Vorbilder. Was findest du bei ihnen wieder, was du als Auszeichnung guter SF-Literatur weiter oben bereits genannt hast?
Lukas Meisner: Am interessantesten finde ich weiterhin Le Guin. Das Zentrale ist, dass sie durch eine andere Sozialisation und Prägung auch andere Schwerpunkte setzt, was sie unter Science Fiction versteht. Eine Sache, die sie in ihrer „Carrier Bag-Theory of Fiction“ betont, ist ihr Streben nach einem anderen Erzählen, ist die Frage, wie wir erzählen können, ohne dem klassischen Konflikt-, Krieg- und Antagonismus-Muster zu verfallen.
Im Grunde stellt sie damit eine literaturtheoretisch fast schon revolutionäre Frage: Ist Science Fiction nur die wahrscheinlichste Ableitung der Tendenzen der Gegenwart, extrapoliert auf eine Zukunftszeit und damit die heutigen Tendenzen nur verschärfend, verschlimmernd, oder kann Science Fiction auch Elemente abbilden, wie wirklich radikal andere Welten auszusehen hätten? Das wäre etwas, was Jameson mit dem Utopie-Begriff fassen würde, gegen dieses Verständnis von kapitalistischem Realismus, wie Mark Fisher es definiert: „Es ist leichter, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus.“ Ähnliches tun natürlich auch andere, von Star Trek bis Dietmar Dath.
Le Guin macht hypothetische Annahmen: Wenn man die Prämissen der Gesellschaft – etwa zu Geschlecht, Eigentum, Umgangsformen – anders setzt, was folgt dann daraus? Sie hat diesbezüglich ein sehr philosophisches Herangehen, nämlich das der Spekulation, die sie dann fiktionalisiert. Für mich ist es ein experimentelles Utopisieren oder eine Schaffung von Laborbedingungen für Utopien, die sie künstlerisch entwirft. Das finde ich an ihrem Ansatz sehr schön, auch sehr selten und ich würde behaupten, dass es viel schwieriger ist, so zu schreiben, mehr über zwischenmenschliche und interkulturelle Fragen als über Gut und Böse, gigantomanische Schlachten.
Dominik Irtenkauf: Lass uns noch auf die philosophische Form eingehen. Es kommen in der Philosophie immer wieder Gedankenexperimente vor, doch meine Forschung geht vom Konzept der Science Fiction als Wahrnehmungsmodus aus. Das heißt: Ich muss mir bewusstwerden, was und warum ich es in dieser Form wahrnehme. In der Science Fiction wäre dieser Wahrnehmungsmodus auch wichtig und ich denke, da ist das noch nicht so ganz ausgeprägt. Also, es gibt mehr und mehr poetologische Texte, es gibt vermehrt Autoren und Autorinnen, die in dieser Richtung arbeiten. Meine Frage an dich wäre jetzt: Wie ist deine Wahrnehmung, wenn du literarisch schreibst? Hast du den Realismus, den du sozialistisch nennst, aus deiner literarischen Wahrnehmung und der anschließenden poetologischen Bearbeitung derselben entwickelt?
Lukas Meisner: Ganz grundsätzlich gesprochen: Wenn ich literarisch schreibe, empfinde ich eine Öffnung der Welt und damit auch ein Kennenlernen von mir selbst. Ich würde behaupten, dass wir in einer Zeit leben, in der wir sowohl von uns selbst wie von unserer Umwelt und den Naturverhältnissen entfremdet sind. Von unseren eigenen Gefühlswelten. Was Literatur da erstmal ermöglicht, ist, dass man diese Vielzahl an Masken durchstößt.
Das Interessante ist, dass zunächst die Welt, wie sie ist, verhandelt wird. Es ist klar, dass wir häufig die Kunst oder Literatur brauchen, um uns erstmal die Welt zu öffnen. Diese Welt aber ist unterm Kapitalismus jedoch grundsätzlich nicht da. Das ist, was Marx Entfremdung genannt hat, die längst über den Produktionsprozess hinausgeht. Der Realismus, wie ich ihn verstehe und insbesondere von Lukács ausgehend, hat ein sehr un-, wenn nicht anti-intuitives Literaturverständnis. Es geht eben gerade darum, dass wir nicht sehen, was die Wirklichkeit ist.
Wenn wir sehen würden, was die Wirklichkeit ist, indem wir rausgehen und die Augen aufmachen, dann bräuchten wir keine realistische Literatur, denn dann wäre es bereits realistisch, wie unsere Sinne wahrnehmen. Dann wäre die Frage gar nicht problematisch oder philosophisch. Weil wir aber in einer Welt leben, die Kopf steht, die also nicht nur unser Bewusstsein auf den Kopf stellt, sondern die ihrerseits immer schon invertiert ist, deshalb brauchen wir realistische Literatur. Notwendig falsches Bewusstsein ist nicht nur im Kopf, sondern auch im Herzen und in der Welt, nicht nur in der Art, wie wir wahrnehmen und wie wir fühlen, sondern wie wir die Welt durchdringen, sie verzerren mit unseren Mitteln, Werkzeugen, Instrumenten.
Wenn wir uns in einer solchen Welt befinden, braucht es den Realismus, um die Welt zu entschlüsseln und aufschließbar zu machen. Dafür reicht es nicht aus, besonders detailliert zu beschreiben, die Kapillaren eines Blattes an einem Baum aufzufächern, damit sich der Leser oder die Leserin genau vorstellen können, wie es aussieht. Das reicht nicht aus, weil das eben Naturalismus ist. Es ist nur ein Abbild der Erscheinungen in der Welt. Wenn du nach Wahrnehmungsformen fragst, würde ich sagen, gibt es einerseits die phänomenologische Herangehensweise, also man sagt: Es gibt Dinge, die erscheinen. Das sind phainomena, Phänomene, und die muss ich so genau wie möglich abbilden.
Wenn man philosophiehistorisch spricht, wäre das, sagen wir, Edmund Husserl. Ich spreche hier gerne von einer hegelianisch-marxistischen Ideologiekritik als Methode. Damit meine ich, dass die Dinge, wie sie – insbesondere gesellschaftlich – erscheinen, wesentlich nicht die Dinge selbst sind. Das heißt, die Erscheinungen sind eigentlich Fehlinformationen für die Sinne und sekundär fürs Bewusstsein. So wird eine Differenz zwischen Sein oder Wesen und Erscheinung oder Akzidenz mitgedacht. Natürlich kann man diesen Dualismus auch unterschiedlich problematisieren, aber die Idee bei einer ideologiekritischen Herangehensweise ist, dass die Erscheinungen nicht hinreichen zur Wirklichkeit.
Deswegen wäre die Idee des Realismus, wie ich ihn verstehe: Dinge wahrnehmbar machen, sichtbar, fühlbar, hörbar, spürbar zu machen, die nicht auf der Hand liegen, die nicht evident sind für die Sinne oder das falsche Bewusstsein, durch die rein sinnliche Anschauung bzw. Wahrnehmung. Erneut, hier wird sichtbar, wie viel, Althusser verzeihe es mir, Kant und Hegel in Marx stecken.
Marx beschreibt viele Realitäten als Realabstraktionen, zum Beispiel die Nation, das Geld, den Tausch. Wir könnten ergänzen: die Identität unseres Personalausweises, die Persona der Legalität und so weiter. Das sind alles Realabstraktionen. Diese sehe ich nicht, schmecke ich nicht, diese kann ich nicht riechen. Selbst, wenn ich ein Mikroskop habe, das bis ins kleinste Detail zoomt, schaffe ich es nicht, sie nachzuweisen. Doch sie existieren. Sie sind realer Schein. Sie sind materielle Ideologie. Theodor W. Adorno hat das im Positivismusstreit gegen Karl Popper herausgearbeitet. Und mit Georg Lukács sage ich jenseits von Adorno: Zur Wahrnehmung und Erkenntnis von Realabstraktionen braucht es realistische Literatur.
Solcher Realismus ist hoch voraussetzungsvoll. Sicher, es gibt viele andere Teleologien oder Zweckmäßigkeiten, von mir aus auch Zwecklosigkeiten, die man der Kunst zuweisen oder die sie für sich ausweisen kann. Aber eine Kunst, die gesellschaftskritisch ist, was für mich eine ganz zentrale Funktion für jede Kunst in kunstfeindlichen Zeiten ist, die muss meines Erachtens realistisch sein, das heißt Dinge wahrnehmbar machen, die ohne sie nicht wahrnehmbar wären. Realismus ist, wenn man so will, das Unsichtbare sichtbar zu machen, das Nicht-Riechbare riechbar zu machen. Die wissenschaftliche Ideologiekritik reicht nicht aus, weil sie die Sinnlichkeit und Praxis der Ideologie nicht mitbedenktWir sind leibliche Wesen, wir sind sinnliche Wesen und dafür brauchen wir die Mittel der Kunst, die Veränderungen erzeugen kann. Ohne Kunst keine Revolution.
Verdeckte Zahnräder
Dominik Irtenkauf: Das ist nicht zuletzt viel Begriffsarbeit, wie du auch im Kapitel deines neuen Buches beschreibst, viel theoretische Arbeit, aber auch viel Arbeit, die wir als poetisch und poetologisch bezeichnet hatten. Du richtest dich gegen den Immediatismus, wie ihn Anna Kornbluh in „Immediacy, or The Style of Too Late Capitalism“ (London / New York, Verso, 2004) vertritt: Sowohl gegen Sofort-Offenlegung und Sofort-Offenbarung als auch gegen Mystifikationen von Kunst. Demgegenüber hast du mehr Kritik eingefordert, richtig? Gegen diese doppelte Verdeckung der Zahnräder der Ökonomie.
Lukas Meisner: Das hast du sehr schön gesagt: Die Verdeckung der Zahnräder der Ökonomie. In der Kunst wird das vor allem mittels Selbstmystifizierung geleistet. Demzufolge müsse Kunst sich nicht intellektuell ausweisen, weil Kunst ja etwas sei, das vermeintlich über das Begreifen hinausginge, und das würde Kunst gerade auszeichnen. Und nur das sei Kunst, was begrifflich nicht einholbar sei. Das hat teils auch emanzipatorischen Gehalt, so über Kunst nachzudenken, im Hintergrund steht Adorno, aber es hat auch eine gesellschaftliche Funktion und dient sehr oft dazu – hierfür muss man nur in irgendeine willkürlich ausgewählte Galerie gehen –, eine Collage oder ein Environment aus Trash für die größte Kunst auszugeben. Hier wird nicht nur das Große und Ganze der Zahnräder der ökonomischen Herstellungsbedingungen von Kunst im Kunstbetrieb verdeckt, sondern auch alles Kleinteilige der feinen Unterschiede dessen, was Bourdieu als Philosoph und Soziologe an der Kunst kritisiert hat – also dass Kunst ganz viel damit zu tun hat, die eigene Klasse zu reproduzieren, mit Habitus und sozialer Distinktion.
Ich kann dieses Kunstwerk einschätzen, ich kann dieses Kunstwerk erklären: Wenn der Prolet reinkommt und das sieht, sieht er nur einen Mülleimer; wenn ich das sehe, kann ich ihm aber erklären, warum es kein Mülleimer sei, sondern Kunst. Ich kann mir nicht nur das Kunstwerk leisten, sondern ich habe auch die Zeit, das soziale und symbolische Kapital, das Kunstwerk zu verstehen und – ganz wichtig – mich selbst so mitauszustellen. Ich werde also selbst in diesem Moment zu einem Kunstwerk, indem ich das Kunstwerk erkläre, performe, den Status als Kunstwerk begründe, so tue, als sei hier kein Müll und kein Mülleimer, als sei ich nicht einfach nur ein Snob, sondern als führe ich in die Tiefen des Seins ein…
Diese Form des Umgangs mit Kunst wird von einer Art Mystifikationsparadigma – wie ich das nennen möchte – verdeckt. Deswegen problematisiere ich das. Für mich ist solcher Kunstfetisch auch nur die andere Seite des Szientismus. Wir haben auf der einen Seite einen Szientismus im Sinne einer Wissenschaft, die sich selbst für objektiv und neutral hält – „Wir sind die Wahrheit und wir sind un-biased.“ Dann hat man auf der anderen Seite die Kunst, die sei nicht objektiv, die könnten wir gar nicht verstehen, die gehe auch über so profane Dinge wie Wissenschaft oder weltliche Dinge hinaus – das ist aber nicht Kunst, sondern Theologie. Diese zwei Extremhaltungen – Wissenschaft als neutrale Wahrheit und Kunst als unerkennbare Mystik – gehören zusammen in ihrer Antipodik. Und um diese dialektisch zusammenzudenken, ist nichts passender als Science Fiction, weil hierin eben – zumindest dem Begriff nach – Science und Fiction zusammenkommen, Kunst und Wissenschaft sich gegenseitig informieren.
Dominik Irtenkauf: Dann wäre die Science Fiction wie eine Einübung in Komplexitäten.
Lukas Meisner: Mit Sicherheit; aber sie wäre auch eine Übung darin, dass Dinge anders sein können. Das ist, glaube ich, was uns Science Fiction zeigen könnte: dass die Möglichkeit in die Wirklichkeit eingeschrieben bleibt, trotz alledem…
(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im August 2026, Internetzugriffe zuletzt am 30. August 2026, Titelbild: Hans Peter Schaefer.)

