„I want both sides to live”

Mohammed Altlooli und der palästinensische Widerstand gegen die Hamas

„Obwohl ich aufgrund des Militäreinsatzes nach dem 7. Oktober meinen Vater und meine Stiefmutter verloren habe und meine Familie zu Schulen der UNRWA und in ein Flüchtlingscamp in Jabalya fliehen musste, trete ich in meinem Aktivismus nach wie vor überzeugt für Frieden zwischen Israelis und Palästinenser ein. Ich halte diese Einstellung auch für keinen naiven Optimismus. Ich weiß, dass der Weg sehr steinig ist, aber die derzeitigen Proteste auf beiden Seiten zeigen, dass es sowohl Israelis als auch Palästinenser gibt, die sich eine gemeinsame Zukunft ohne radikale politische Führer wünschen.“ (Mohammed Nafez Altlooli im Februar 2024 in einem Gespräch mit Lea Wolters und Ahmed Alkhaled, in: Belltower News)

Mohammed Nafez Altlooli kommt aus Gaza. Er lebt im europäischen Exil. Er ist eine führende Persönlichkeit in der 2017 im Gazastreifen gegründeten Bewegung Bedna Na’eesh („Wir wollen leben“). Die Plattform mena-watch veröffentlicht regelmäßig Beiträge von Mohammed Altlooli (alle frei verfügbar, ein Abonnement der Seite lohnt sich!). In einem Gespräch mit Jasmin Arémi auf mena-watch sprach er über die Probleme im europäischen Exil, seine Ankunft in Griechenland, die bürokratischen Hürden für eine Aufenthaltsgenehmigung sowie seine Perspektiven für „eine unabhängige Sicherheits- und Polizeistruktur, die keinem politischen Flügel angehört, weder der Fatah noch der Hamas“. Am 3. September 2026 berichtete Mohammed Altlooli auf mena-watch von einem Treffen eines Palästinensers und eines Israelis in Antwerpen. Mir berichtete er, dass er viel unterwegs ist, sich auch mit israelischen Zivilisten in Zypern und in Berlin treffe. Er sagt: „Die Zukunft der Region darf nicht nur von politischen und militärischen Akteuren diskutiert werden. Sie muss von und mit der Zivilbevölkerung beider Seiten gestaltet werden.“

Weitere Quellen zum palästinensischen Widerstand gegen Hamas (und Fatah) sind in unregelmäßigen Abständen Belltower News, Jungle World, Jüdische Allgemeine, Jerusalem Post und gelegentlich auch die ZEIT. Alexander Gruber übersetzt für mena-watch die in der Regel vom Jewish News Syndicate übernommenen Texte von Mohammed Altlooli.

Es ist völlig offen, welchen Einfluss die anstehende komplizierte Regierungsbildung in Israel nach den Wahlen vom 27. Oktober 2026 auf einen Friedensprozess im Nahen Osten haben wird. Möglicherweise bietet das Ergebnis die Chance, dass die jüdischen und die arabischen Parteien sich miteinander verständigen und ein Vorbild schaffen, wie in der gesamten Region Frieden geschaffen werden könnte. Der Vorsitzende der Demokraten, Yair Golan, hatte dies vorgeschlagen. Aber vorerst zeichnet sich keine Mehrheit für eine solche Lösung ab.

Im Folgenden dokumentiere ich ein Gespräch mit Mohammed Nafez Altlooli. Das Gespräch fand in englischer Sprache über e-mail-Austausch statt. Ich habe es ins Deutsche übersetzt. Nach der Dokumentation des Gesprächs finden Sie einige ausgewählte Hintergrundinformationen über Demonstrationen gegen die Hamas, die Akteure des Widerstands gegen die Hamas und über die Debatten in Europa. Alexander Gruber von mena-watch danke ich für die Vermittlung meines Kontakts zu Mohammed Altlooli.

Das Gespräch mit Mohammed Altlooli

Norbert Reichel: Wie begann Ihr Engagement für die Demokratie in Palästina?

Mohammed Altlooli: Ich habe mich weder dem bewaffneten palästinensischen Widerstand angeschlossen noch war ich jemals Teil einer politischen oder militärischen Organisation. Mein Engagement begann im Jahr 2017, als ich mich an einem der ersten Versuche offener ziviler Opposition gegen die Hamas in Gaza beteiligte. Ich war einer der Gründer der Bewegung „We want to live“ („Bedna Na’eesh“). Von Anfang an entschied ich mich für den zivilen und gewaltfreien Weg. Ich glaube nicht, dass bewaffneter Kampf einen wirklichen Nutzen für die Zivilbevölkerung brachte. Meines Erachtens waren die Folgen vor allem Tod, Zerstörung, Vertreibung und Obdachlosigkeit. Ich glaube, dass Hamas, Fatah und andere palästinensische politische Fraktionen darin gescheitert sind, die Bedürfnisse und Wünsche der palästinensischen Zivilbevölkerung sowohl in Gaza als auch im Westjordanland zu vertreten.

Norbert Reichel: Gibt es eine breite Opposition gegen die Hamas?

Mohammed Altlooli: Ich glaube, dass die Zahl der Palästinenser, die mit der Hamas und dem aktuellen palästinensischen politischen System unzufrieden sind, viel größer ist als die Zahl der Menschen, die in der Lage sind, diese Unzufriedenheit öffentlich zu äußern. Es gibt eine schweigende Mehrheit, aber Schweigen bedeutet nicht Unterstützung.

In Gaza wird jemand, der sich weigert, die Hamas zu unterstützen oder ihre Politik öffentlich kritisiert, schnell beschuldigt, ein „Agent Israels“ zu sein. In einer Gesellschaft, die im Krieg lebt und in Furcht, haben solche Beschuldigungen ernsthafte Konsequenzen für die jeweilige Person und ihre Familie. Die gleiche Furcht besteht – in einem unterschiedlichen Kontext – im Westjordanland. Menschen haben Angst, offen über Korruption und Missbrauch durch die palästinensischen Autoritäten zu sprechen. Sie haben nicht nur Angst um sich selbst. Sie haben Angst um ihre Familien und für den Ruf ihrer Kinder.

Deshalb glaube ich, dass es eine nennenswerte soziale Unzufriedenheit gibt, aber sie bleibt im Großen und Ganzen unorganisiert und die meisten Menschen sind nicht in der Lage, sie offen zu äußern.

Norbert Reichel: Ist eine Mehrheit für Frieden und Demokratie möglich?

Mohammed Altlooli: Ja, ich glaube, dass sie möglich ist. Die palästinensische Gesellschaft hat wiederholt ihre Fähigkeit bewiesen, neue Bewegungen zu schaffen, wenn die vorhandenen politischen Kräfte scheitern.

Doch zurzeit glaube ich nicht, dass irgendeine größere palästinensische politische Fraktion ehrlich behaupten kann, sie habe die Unterstützung einer Mehrheit der Palästinenser. Das Problem liegt darin, dass wir bisher keine zivile Führung haben schaffen können, wie sie die Palästinenser bräuchten. Wir brauchen eine neue Führung, die weder auf Waffen noch auf Einschüchterung noch auf der Loyalität zu einer bestimmten Partei beruht, sondern in zivilem Leben, Demokratie und Freiheit verankert ist.

Mehr als eine Million Menschen im Gazastreifen kennen mich und meine Haltung. Auch auf der anderen Seite der Grenze bin ich den Bewohnern der israelischen Kibbuzim in der Umgebung des Gazastreifens bekannt.

Ich spreche nicht einfach als jemand, der eine politische Opposition vertritt, sondern als Mensch, der selbst zu den Betroffenen gehört und Leid und Verluste erfahren hat. Genau das bewegt mich dazu, die Botschaft meines Volkes weiterzutragen: eine Botschaft des Lebens, des zivilen Zusammenlebens und einer Zukunft ohne parteipolitische Zwänge – gemeinsam mit unseren israelischen Nachbarn in den Kibbuzim.

Ich stehe seit einiger Zeit in engem Austausch mit Menschen aus dem Gazastreifen, die unsere Bemühungen und unseren politischen Widerstand unterstützen. Wir verfügen inzwischen auch über eine mediale Reichweite, die uns eine große Verantwortung auferlegt.

Ich hoffe sehr, dass wir eines Tages gemeinsam etwas von dieser Vision verwirklichen können.

Norbert Reichel: Wie sehen Sie die Entwicklungen seit dem 7. Oktober 2023?

Mohammed Altlooli: Der 7. Oktober war für mich ein dunkler Tag. Der Mord und die Entführung israelischer Zivilisten und ihre Verschleppung nach Gaza kann in keiner Weise gerechtfertigt werden. Ich glaube nicht, dass es irgendeine moralische Rechtfertigung für das wahllose Töten und Entführen von Zivilisten geben kann, gleichviel ob es sich um Israelis oder Palästinenser handelt.

Gleichzeitig kann das enorme Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung in Gaza nicht ignoriert werden. Seit dem 7. Oktober erlitten die Menschen in Gaza eine ungeheure humanitäre Katastrophe, Tod, Zerstörung, Vertreibung, Armut, Hunger, den Verlust von Familienmitgliedern und den Zusammenbruch normalen zivilen Lebens.

Viele Menschen in Gaza fühlen, dass sie den 7. Oktober niemals wirklich hinter sich lassen konnten. Tage wurden Wochen. Wochen wurden Monate, dann Jahre, während die Folgen des Kriegs immer weiter wirkten. Die Menschen standen lange Stunden an, um Wasser und Essen zu erhalten, sie lebten unter äußerst schwierigen Bedingungen in Zelten.

Ich glaube, es ist falsch, die Bevölkerung in Gaza zu behandeln, als wäre sie ein homogener politischer oder militärischer Akteur. Zivilisten haben diesen Krieg nicht gewählt, aber sie haben den höchsten Preis bezahlt.

Norbert Reichel: Die Palästinensische Autonomiebehörde (englische Bezeichnung „Palästinensian National Authority“, Selbstbezeichnung seit 2013 „State of Palestine“) hat die Macht in Gaza an die Hamas verloren. Sie verfügt nur noch über Macht in einigen Gebieten im Westjordanland. Die israelischen Behörden drängen ihren Einflussbereich immer weiter zurück. Wahlen gab es seit 2006 nicht mehr. Wie sehen Sie die Palästinensische Autonomiebehörde?

Mohammed Altlooli: Ich glaube, dass die Palästinensische Autonomiebehörde zutiefst ineffektiv war und ist. Sie hat einen nennenswerten Teil ihrer Glaubwürdigkeit in der Öffentlichkeit verloren. Seit die Hamas 2007 die Kontrolle in Gaza übernahm, ist die Palästinensische Autonomiebehörde in ihrem Bestreben gescheitert, eine glaubwürdige politische und zivile Alternative zu schaffen. Wenn sie jetzt darüber spricht, nach Gaza zurückzukehren, fragen die Menschen mit Recht: Was soll diesmal anders sein? Ich glaube nicht, dass eine einfache Widerherstellung des alten politischen Systems das Problem lösen wird. Gaza braucht eine neue zivile Verwaltung, die transparent und berechenbar ist und durch gesetzliche Regelungen bestimmt wird und nicht durch politische Strömungen.

Norbert Reichel: Wie sehen Sie die Rolle von Israel und des israelischen Militärs?

Mohammed Altlooli: Ich glaube, dass Israel eine beträchtliche Verantwortung für die Art und Weise hat, in der der Krieg geführt wurde, insbesondere im Hinblick auf den Schutz der Zivilbevölkerung. Die große Zerstörung und das Leiden der Zivilbevölkerung in Gaza hat eine tiefe Furcht unter den Menschen in Gaza hervorgebracht. Zugleich glaube ich, dass wir nicht ignorieren dürfen, dass dieser Krieg nicht in einem Vakuum begann. Der Angriff vom 7. Oktober und die militärischen Strukturen der Hamas hatten ihren fundamentalen Anteil an der Kette der darauf folgenden Ereignisse, die die Region in ihre aktuelle Lage brachten. Das bedeutet aber nicht, dass jede israelische militärische Aktion gerechtfertigt und akzeptabel ist. Für mich muss der Schutz der Zivilbevölkerung ein Prinzip bleiben, ungeachtet ob es sich bei der Zivilbevölkerung um Israelis oder um Palästinenser handelt.     

Norbert Reichel: Kann die palästinensische Opposition gegen die Hamas die Lage verändern?

Mohammed Altlooli: Ich glaube, sie kann, aber sie ist zurzeit innerhalb von Gaza wegen der dortigen Sicherheitslage, wegen des Krieges und der Furcht in der Zivilbevölkerung sehr schwach. Wir setzen unsere Arbeit außerhalb von Gaza fort und es gibt eine Koordinierung zwischen einer Zahl palästinensischer Aktivisten außerhalb des Gazastreifens. Aber wir müssen realistisch sind. Wir haben es mit einer sehr mächtigen bewaffneten Organisation zu tun, mit substanzieller Macht über Sicherheit, Medien und mit beachtlichen finanziellen Ressourcen.

Nichtsdestoweniger lehrt uns die Geschichte, dass politische Systeme, die nur auf Gewalt begründet sind, nicht dauerhaft bestehen. Unser Ziel ist es nicht, die Hamas durch eine andere autoritäre Macht zu ersetzen. Unser Ziel ist es, eine zivile Alternative zu schaffen, der die Menschen in Palästina, in Gaza und im Westjordanland vertrauen können.

Norbert Reichel. Wie sehen Sie die Debatten in Europa und anderen Ländern des Westens?

Mohammed Altlooli: Meiner Meinung nach wurde die Debatte in Europa, in den USA, in Kanada und im Vereinigten Königreich extrem polarisiert. Die Menschen haben jedes Recht, ihre Solidarität mit der palästinensischen Zivilbevölkerung zu zeigen und ein Ende ihres Leidens zu fordern.

Zugleich darf Solidarität mit dem palästinensischen Volk nicht Unterstützung der Hamas oder irgendeiner anderen bewaffneten Organization bedeuten, die sich gegen die Zivilbevölkerung richtet. Antisemitismus muss klar zurückgewiesen werden, ebenso wie Rassismus und Hass gegen Palästinenser zurückgewiesen werden muss. Ich glaube nicht, dass wir zwischen israelischen und palästinensischen Leben wählen dürfen.

Ich will, dass beide Seiten leben.

Norbert Reichel: Glauben Sie an eine demokratische Regierung in Palästina?

Mohammed Altlooli: Ja, daran glaube ich.

Aber Demokratie bedeutet nicht einfach, nur Wahlen abzuhalten. Wenn Waffen über dem Gesetz stehen und politische Fraktionen Menschen verhaften, bedrohen, sie zum Schweigen bringen können, ist das keine echte Demokratie. Wir brauchen unabhängige Gerichte, freie Medien, Meinungsfreiheit, transparente Verwaltungsinstitutionen und Gesetze, die für alle gelten. Am wichtigsten ist, dass es nicht erlaubt ist, dass Waffen das zivile Leben weiterhin bestimmen.

Norbert Reichel: Glauben sie an eine Zwei-Staaten-Lösung?

Mohammed Altlooli: Meine Position unterscheidet sich von viele traditionellen Zugängen zu dieser Frage. Ich bin nicht überzeugt, dass allein die Schaffung eines palästinensischen Staates automatisch ein besseres Leben für die Palästinenser garantiert.

Wenn ein palästinensischer Staat korrupt, autoritär und von bewaffneten Fraktionen kontrolliert wäre, würden gewöhnliche Palästinenser immer noch nicht das Leben haben, das sie suchen.

Für mich lautet die fundamentale Frage nicht nur: Wo liegen die Grenzen? Die Frage lautet: Wie werden die Menschen leben?

Ich möchte eine Lösung, die Palästinensern und Israelis Sicherheit, Freiheit, Würde und wirtschaftliche Möglichkeiten garantiert.

Ich habe einen großen Traum: dass Gaza eines Tages eine eigene humanitäre und zivile Stimme in der israelischen Knesset erhält, ähnlich wie die arabischen Bürger Israels dort vertreten sind.

Heute mag diese Vorstellung wie ein ferner und kaum erreichbarer Traum erscheinen. Doch vielleicht kann das, was heute noch unmöglich scheint, morgen Wirklichkeit werden. Wie viele Ideen galten einst als unrealistisch und sind schließlich doch Realität geworden.

Norbert Reichel: Welche Zukunft wünschen Sie?

Mohammed Altlooli: Ich will keinen weiteren Krieg. Ich möchte nicht, dass Palästinenser und Israelis für immer hinter einer Mauer aus Furcht und Hass leben. Ich will Brücken zwischen beiden Gesellschaften wieder aufbauen.

Vor Arafat, vor Hamas und bevor die Beziehungen zwischen den beiden Gesellschaften ihr heutiges Niveau der Feindseligkeit erreichten, gab es soziale, wirtschaftliche und menschliche Beziehungen zwischen Palästinensern und Israelis. Palästinensische Arbeiter arbeiteten in Israel, Israelis kannten persönlich Palästinenser. Es gab soziale Beziehungen und ein Leben, dass sie auf beiden Seiten der Grenze miteinander teilten.

Ich sage nicht, dass wir im Wortsinn in die Vergangenheit zurückkehren sollten. Aber wir sollten die menschliche Dimension der Beziehung wieder herstellen. Wir wollen unsere palästinensische Identität nicht verlieren und wir wollen unsere Rechte nicht aufgeben. Aber die Bewahrung unserer Identität und Rechte erfordert nicht, dass Israelis die andauernden Feinde der Palästinenser bleiben und dass Palästinenser die andauernden Feinde der Israelis bleiben.

Ich glaube, dass die Zukunft auf die Menschen statt auf die Parteien setzen muss, Leben ohne Waffen und Frieden statt Krieg. Das ist die einfache Botschaft der We-Want-to-Live-Bewegung seit ihrer Gründung. Wir wollen leben!   

Hintergrundinformationen zu palästinensischem Widerstand gegen die Hamas

Schon 2017 gab es palästinensische Demonstrationen gegen die Hamas, über die im Februar 2017 auch eine Dokumentation der ARD berichtete. Mohamed AlBorno hatte sich bereits 2017 an den Protesten beteiligt und beschreibt, wie er von der Hamas gefoltert wurde und jetzt wieder auf der „roten Liste“ der Hamas stehe. Dies bedeute Hinrichtung oder zumindest Brechen der Beine. In der ZEIT berichtete im April 2025 Yassin Musharbash: „Ich will dem Monster nicht noch einmal begegnen.“ Er zitiert eine WhatsAPP von Mohamed AlBorno, Anfang 30, Vater von vier Kindern, der an der Organisation der Proteste mitgewirkt hatte: „Das Ziel bestand darin, den Krieg zu beenden und dass Zivilisten als menschliche Schutzschilde benutzt werden, dass Flüchtlingsunterkünfte und Krankenhäuser für militärische Operationen genutzt werden, was Israel einen Vorwand liefert, Zivilisten zu attackieren. Die Hamas stiehlt Hilfsgüter, verkauft sie und nutzt den Krieg, um zu foltern, zu töten und ihre Gegner zu misshandeln.“ Er widersprach einer Behauptung der Hamas auf Al-Jasira, die Palästinenser wären bereit, das Leben ihrer Kinder im Krieg gegen Israel zu opfern: „Das ist etwas, was wir vollständig zurückweisen. Wir sind Menschen. Wir wollen leben. Wir wollen nicht für die Hamas sterben.“

Mohammed Altlooli schrieb im April 2025: „Der Aufstand klopft an die Tür der Hamas“. „Mittlerweile sehnen sich viele nach einem Ende der Hamas-Diktatur oder würden es sogar vorziehen, von Israel regiert zu werden. So haben viele junge Menschen ihre Bereitschaft zum Ausdruck gebracht, mit den israelischen Behörden zusammenzuarbeiten, um den Gazastreifen zu verwalten und zu regieren, würde dies zu einem Ende der Hamas-Herrschaft führen.“ Bassem Eid, palästinensischer Menschenrechtsaktivist im Westjordanland, forderte: „Es ist an der Zeit, auf die Menschen im Gazastreifen zu hören anstatt auf die Terroristen, die deren Leben kontrollieren. Die anhaltenden Proteste der Menschen gegen die Hamas sind erst der Anfang. Sie sind sich sehr wohl bewusst, dass nicht nur die entführten Israelis, sondern die gesamte Bevölkerung des Gazastreifens von der Terrororganisation als Geiseln benutzt werden. Es ist an der Zeit, auf diese authentischen Stimmen zu hören und die Menschen zu befreien, indem die Hamas endgültig zerschlagen wird.“

Sabine Brandes berichtete im April 2025 in der Jüdischen Allgemeinen: „Wir wollen leben“. Die Hamas reagiert brutal: „Die Schergen der Terrorgruppe folterten und ermordeten den 22-jährigen Oday Nasser Al-Rabay, der sich laut Angaben seiner Familie an den Protesten beteiligt hatte. Die Leiche wurde vor seinem Haus abgelegt. Eine klare Warnung. Und dennoch wurden bei der Beerdigung Dutzende dabei gefilmt, wie sie riefen: ‚Hamas raus!‘“ Hilfe für die Zivilbevölkerung lande bei der Hamas. Ein Gesprächspartner sagte: „Sie nehmen sämtliche Hilfslieferungen sofort in Beschlag. Zuerst verteilen sie es an ihre Leute, den Rest werfen sie auf den Schwarzmarkt, wo wir es für horrende Preise kaufen müssen. Umsonst bekommen wir nichts.“ Ein Kilo Mehl kostete im Frühjahr 2025 bereits 150 Dollar.

Mohammed Altlooli informierte am 30. April 2025 auf der Plattform mena-watch über Demonstrationen vom 27. April 2025 in Beit Lahia im Norden des Gaza-Streifens. Hier demonstrierten Hunderte von Frauen und Kindern. Die Hamas versuchte die Demonstrierenden einzuschüchtern, diese Demonstration verlief jedoch friedlich. Der Beitrag zeigt Bilder und Videos von den Demonstrationen. Am 21. Mai 2025 berichtete Mohammed Altlooli auf mena-watch erneut: „Gaza wurde gekidnappt, die Jugend ist die Alternative zur Hamas“. Er sprach mit Mohammed Sawalmeh, einer prominenten Stimme der Opposition gegen die Hamas: „Meine Opposition begann, als ich erkannte, dass sich hinter der ‚Widerstandsrhetorik‘ der Hamas ein autoritäres und repressives Projekt verbirgt, das keine anderen Stimmen duldet. Ich stellte fest, dass Andersdenkende ausgeschlossen werden und die Menschen als Schutzschilde benutzt werden und keine Priorität haben.“ Er bestätigte Berichte, dass die Hamas Nahrung und Medikamente systematisch verknappe, und alle, die sie kritisieren, bedrohe. Doch „es bilden sich erste friedliche Bewegungen, die jedoch aufgrund der Angst noch begrenzt sind“, darunter viele junge Menschen in Gaza und in der Diaspora.

Im Februar 2026 sah Mohammed Altlooli Gaza vor einer internen Konfrontation. Ebenfalls im Februar 2026 zitierte er Rami Helles, ein lokaler Kommandant im Osten des Gazastreifens, der den Zerfall der Hamas beobachtet: „Laut Helles arbeiten seine Einheiten daran, erneute Kämpfe zu verhindern und die lokale Ordnung aufrechtzuerhalten. ‚Unser Hauptkampf ist nicht militärischer Natur, er ist psychologischer Natur. Die Hamas hat den Menschen beigebracht, alles zu fürchten, was anders aussieht, selbst wenn es nur in der Suche nach Schutz und einem zivilen Leben besteht.‘“ Viele Gegner der Hamas schweigen aus Angst, umso größer ist ihr Mut zu bewerten, sich öffentlich gegen die Hamas zu äußern und für Frieden und Koexistenz mit Israel einzusetzen.

Lautes Schweigen in Europa

Izzy Salant konstatierte im April 2025‘: „Das lautstarke Schweigen der Palästina-Solidarität“ belege, dass es den sogenannten pro-palästinensischen Protesten in Europa, in den USA und anderswo nicht um die Menschen in Palästina gehe, sondern nur um anti-israelische Propaganda. Er zitiert den aus Gaza stammenden, in Syracuse (NY) lebenden Dichter Mosab Abu Toha, der Israel immer scharf kritisiere: „Die meisten Menschen solidarisieren sich mit Gaza und nicht mit den Menschen im Gazastreifen.“

Am 19. April 2025 gab es eine erste Solidaritätsdemonstration in Stuttgart, organisiert vom Gaza Youth Movement (nicht zu verwechseln mit dem Palestinian Youth Movement), allerdings leider mit geringer Beteiligung, weil die Hamas auch in Deutschland Menschen bedroht, die sich gegen sie stellen. Thomas von der Osten-Sacken berichtete, wie die Hamas Kritiker auch in Europa bedroht. Ende Juli 2026 stellte Mohammed Altlooli fest: „Wenn Europa wirklich hinter der palästinensischen Bevölkerung stehen will, sollte es auch und gerade hinter jenen Palästinensern stehen, die mutig genug sind, Extremismus abzulehnen, ehrlich über die Zustände im Gazastreifen zu sprechen und sich für eine Zukunft einzusetzen, die auf Koexistenz statt auf endlosem Krieg basiert. Frieden kann nicht entstehen, wenn diejenigen, die sich dafür einsetzen, auf sich allein gestellt bleiben.“

Mohammed Altlooli: „Anstatt mit einer Debatte zu beginnen, warfen viele Social-Media-Nutzer diesen jungen Palästinensern Verrat, Kollaboration und Versagen vor. Ihre Namen und Fotos kursierten im Internet, begleitet von Beleidigungen, Einschüchterungen und öffentlichen Kampagnen, die darauf abzielten, sie zum Schweigen zu bringen. Die Botschaft war unmissverständlich: Jeder Palästinenser, der sich offen für ein Zusammenleben ausspricht, läuft Gefahr, zur Zielscheibe zu werden.“

Ein Blick in verpasste Gelegenheiten

Der palästinensische Philosoph Sari Nusseibeh sagte im Juli 2025 in einem Gespräch mit Lenz Jacobsen und Nils Markwardt für die ZEIT, er sehe die im Jahr 2000 gescheiterten Verhandlungen in Camp David zwischen Ehud Barak, Jassir Arafat und Bill Clinton als einen „Schlüsselmoment“ und eine der Ursachen, die in den letzten Jahren zur Eskalation geführt haben. Auf beiden Seiten positionierten sich Extremisten, deren Ideologie und Triebkraft man in erster Linie als „Messianismus“ bezeichnen könne. Sari Nusseibeh vertrat eine Zeit lang die PLO, hatte aber auch eine zivile Friedensinitiative gegründet. Menschen in den palästinensischen Gebieten hätten sich zunehmend in sich selbst zurückgezogen, Unterstützung hätten sie bei den Regierungen der umliegenden arabischen Staaten nicht gefunden.

Rhetorik dominiere die Politik, es gebe ein Missverhältnis zwischen den Vorstellungen in den Bevölkerungen und dem Handeln der Regierungen. „Die Worte, die in einem politischen Konflikt verwendet werden, dienen weniger der Beschreibung der Realität. Sie sind vor allem Instrumente in diesem Konflikt, sie sind Waffen und Machtinstrumente. Wer von Genozid oder Apartheid spricht, tut das, um juristische und symbolische Macht aufzubauen.“ Gewalt löse jedoch kein Problem, Gewalt müsse aufhören. „Die palästinensische Handlungsfähigkeit wurde von der Hamas gekapert für ihren gewalttätigen Kampf. Die normalen Palästinenser können im Moment wenig tun, sie sind gefangen zwischen der Gewalt der Hamas und der Untätigkeit und Unfähigkeit der palästinensischen Autonomiebehörde. Erst, wenn es wieder Wahlen gibt, können die Palästinenser wieder handlungsfähig werden und eine Regierung bekommen, die so vernünftig ist, Frieden mit Israel schließen zu wollen, und zugleich für jene Freiheit und Unabhängigkeit kämpft, nach der sich die Palästinenser schon so lange sehnen.“

Norbert Reichel; Bonn

(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im November 2026, internetzugriffe zuletzt am 28. Oktober 2026. Titelbild: Gaza City, Juli 2014, Wikimedia Commons.)