Ukrainisches Selbstbewusstsein
Ein Statement gegen Doppelmoral und „Ukraine-Müdigkeit“ in der Welt
Am 12. Februar um 10.30 Uhr (MEZ) sollte der ukrainische Skeletonfahrer Vladyslav Heraskevych im Cortina Sliding Centre an den Start gehen – mit sehr guten Chancen auf eine olympische Medaille. Kurz vor dem Start trat die Präsidentin des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) an ihn heran und teilte ihm mit, er sei disqualifiziert, weil sein Helm „nicht regelkonform“ sei.
Der „unangemessene“ Helm enthielt keinen Text, sondern nur kleine Porträts von 22 ukrainischen Athletinnen und Athleten, die in den vergangenen Jahren von den Russen getötet wurden. Tatsächlich sind im russischen Angriffskrieg weit mehr ukrainische Sportlerinnen und Sportler ums Leben gekommen: Die Website Champion.ua führt mehr als 800 Namen auf, darunter mehrere Jugendliche – darunter auch ein neunjähriges Mädchen, dessen Gesicht auch auf seinem Helm zu sehen war. Heraskevychs Anliegen und Ziel waren eindeutig: seiner Kolleginnen und Kollegen zu gedenken, die nie wieder an Wettkämpfen teilnehmen können, und das gut gelaunte Publikum daran zu erinnern, dass Russland unweit der friedlichen Täler von Cortina d’Ampezzo einen genozidalen Krieg führt.
Sieg in der Niederlage
Die erste Botschaft war für das IOC durchaus akzeptabel – man bot dem ukrainischen Athleten sogar großzügig an, statt der umstrittenen Porträts eine schwarze Trauerbinde zu tragen. Die zweite Botschaft jedoch wurde als unzulässig eingestuft, angeblich gemäß Regel 50(2) der Olympischen Bestimmungen: „Keine Art von Demonstration oder politischer, religiöser oder rassischer Propaganda ist an olympischen Stätten, in Wettkampfstätten oder anderen Bereichen gestattet“ (Hervorhebung hinzugefügt, MR). Das IOC erklärte nicht nachvollziehbar, warum das bloße Gedenken an verstorbene Kolleginnen und Kollegen – ohne jede ausdrückliche Erläuterung, wer sie waren und was ihnen widerfahren ist – als „politische Propaganda“ gelten sollte. Diese dubiose Entscheidung empörte Heraskevychs Unterstützerinnen und Unterstützer und belebte die ohnehin weit verbreiteten Zweifel an der Unparteilichkeit des Gremiums.
Auch wenn sein Einspruch beim Internationalen Sportgerichtshof (CAS) erfolglos blieb, hat Heraskevych den Kampf zumindest moralisch klar gewonnen. „Heute haben wir den Preis für unsere Würde bezahlt“, kommentierte er bitter die Entscheidung des IOC. „Ich glaube, dass ich keine Regeln gebrochen habe. Ich habe die Interessen der Ukraine verteidigt – und weniger das Land als die Erinnerung an diese Athleten. Sie verdienen es, aber leider sieht das IOC das anders.“
Das Nationale Olympische Komitee der Ukraine erklärte seine volle Unterstützung für die mutige Entscheidung des Sportlers: „Heute ist Vladyslav nicht an den Start gegangen, aber er war nicht allein – die ganze Ukraine war, ist und wird an seiner Seite sein. Denn wenn ein Athlet für Wahrheit, Ehre und Erinnerung einsteht, dann ist das bereits ein Sieg.“ Dutzende Kolleginnen und Kollegen Vladyslavs – ukrainische wie internationale –, ebenso viele Prominente und Politikerinnen und Politiker, schlossen sich dieser Solidaritätsbekundung an.
Wolodymyr Selenskyj war wohl der Deutlichste: Er lobte den Athleten nicht nur „für seine klare Haltung“, dafür, dass er „die ganze Welt daran erinnert, was russische Aggression ist und wie hoch der Preis des Kampfes um Unabhängigkeit ist“, sondern griff auch das Internationale Olympische Komitee scharf an – wegen des angeblichen Verrats an den Prinzipien des Olympismus und weil es dem Aggressor in die Hände spiele. „Es ist Russland, das ständig olympische Prinzipien verletzt und die Zeit der Olympischen Spiele für Krieg nutzt. 2008 war es der Krieg gegen Georgien; 2014 war es die Besetzung der Krim; 2022 war es die großangelegte Invasion der Ukraine. Und jetzt, 2026, zeigt Russland trotz zahlreicher Aufrufe zu einem Waffenstillstand während der Winterspiele völlige Missachtung und verstärkt seine Raketen- und Drohnenangriffe auf unsere Energieinfrastruktur und auf unsere Menschen … Aber gleichzeitig sind jetzt 13 Russen hier in Italien und nehmen an den Olympischen Spielen teil. Sie starten bei den Olympischen Spielen unter ‚neutralen‘ Flaggen, aber in der Realität unterstützen sie öffentlich die russische Aggression gegen die Ukraine und die Besetzung unserer Gebiete. Sie sind diejenigen, die disqualifiziert werden sollten.“
Am selben Tag verfügte Selenskyj per Dekret, dass Vladyslav Heraskevych mit dem Orden der Freiheit ausgezeichnet wird – „für seinen hingebungsvollen Dienst am ukrainischen Volk, für Zivilcourage und Patriotismus bei der Verteidigung der Ideale der Freiheit und demokratischer Werte“.
Manipulation und Täuschung
Es scheint, als habe sich das IOC ins eigene Bein geschossen und Heraskevychs Botschaft erheblich verstärkt – eine Botschaft, die sonst weitgehend unbemerkt geblieben wäre. Man kann sich fragen, warum das IOC so nervös auf einen geringfügigen Verstoß reagierte (falls es überhaupt ein Verstoß war).
Die erste Erklärung, die einem in den Sinn kommt, verweist auf russisches Geld und russischen Einfluss. Die Bilanz von Moskaus schädlicher Tätigkeit in internationalen Gremien ist lang: Sie reicht von zahlreichen Fällen von Bestechung und Erpressung bis hin zu ausgefeilteren Täuschungs- und Manipulationsstrategien. Eine davon – die rücksichtsloseste und skandalträchtigste – führte sogar zur Suspendierung Russlands von den Olympischen Spielen 2016–2018, nachdem unabhängige Ermittler eine massive, staatlich organisierte Doping-Verschwörung offengelegt hatten.
Korruption ist jedoch nicht die einzige mögliche Erklärung für die wohlwollende Haltung des IOC gegenüber diversen Pariaregimen (die aber reich genug sind) – ein Muster, das sich nicht nur in den Entscheidungen des IOC, sondern auch in den verdrehten Politiken vieler anderer Organisationen erkennen lässt. Vladyslav Heraskevych streifte das Problem kurz, als er gegen die Doppelstandards des IOC protestierte: harte Strafe für seinen angeblichen Regelverstoß auf der einen Seite – und wohlwollendes Wegsehen gegenüber russischen Flaggen bei Sportveranstaltungen oder sogar auf dem Helm des italienischen Snowboarders Roland Fischnaller bei den Olympischen Spielen 2026 auf der anderen. Inzwischen entschied das Paralympische Komitee, dass russische Sportlerinnen und Sportler wieder mit ihrer Hymne und ihrer Flagge auftreten dürfen.
Es scheint, dass die klaren Positionen von Vladyslav Heraskevych und vielen seiner Kolleginnen und Kollegen zum russischen genozidalen Krieg in der Ukraine die Bemühungen des IOC und vieler anderer Organisationen untergraben, die kriminelle Natur des Regimes von Wladimir Putin zu übersehen, das Böse zu normalisieren und zu „business as usual“ mit einem Paria-Staat zurückzukehren, der täglich ukrainische Zivilistinnen und Zivilisten abschlachtet.
Die Annäherung des IOC an Russland vollzieht sich bemerkenswerterweise trotz fehlender Zugeständnisse oder Reue auf russischer Seite. Im Gegenteil: Moskau eskaliert seine Angriffe auf ukrainische Infrastruktur und die Bevölkerung kontinuierlich, und Beamte sowie Propagandisten aus dem Kreml verbergen ihre genozidale Absicht nicht – sie zielen darauf, die Ukraine als Staat und als Nation auszulöschen. In diesem faschistoiden Staat unterstützt die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung das Regime und seinen Krieg, und russische Athletinnen und Athleten bilden keine Ausnahme: Sie alle unterstützen entweder aktiv Putins Kriegsanstrengungen oder erlauben dem Regime zumindest stillschweigend, ihre Namen, ihren Ruhm und ihre Leistungen für kriegstreiberische Propaganda und chauvinistische Mobilisierung zu nutzen.
Die Russen sind zurück
Dennoch lockert das IOC die Schrauben anstatt sie anzuziehen. Ende 2023 erlaubte das IOC russischen Athletinnen und Athleten die Rückkehr in Einzelwettbewerbe – unter der Voraussetzung, dass sie unter neutraler Flagge antreten. Die Ukraine verurteilte diese „schändliche Entscheidung, die olympische Prinzipien untergräbt“, entschieden: Sie „gibt Russland im Grunde grünes Licht, die Olympischen Spiele zu instrumentalisieren, weil der Kreml jeden russischen Athleten als Waffe in seinem Propagandakrieg einsetzen wird“. In einer offiziellen Erklärung warnte das ukrainische Außenministerium internationale Partner, russische Sportlerinnen und Sportler repräsentierten „häufig Sportorganisationen, die mit den Streitkräften verbunden sind. Einige von ihnen sind im aktiven Dienst in der russischen Armee, und einige tragen Symbole der bewaffneten russischen Aggression gegen die Ukraine auf ihren Sportuniformen. (Sie) sympathisieren nicht nur mit den Morden an ukrainischen Frauen und Kindern, sondern sind wahrscheinlich direkt an diesen schrecklichen Verbrechen beteiligt (…) Moskau wird bei den Wettbewerben nicht, wie das IOC vorschlägt, weiße neutrale Flaggen hissen, sondern den Triumph seiner Fähigkeit demonstrieren, sich der Verantwortung für den größten bewaffneten Konflikt in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg zu entziehen.“
Das IOC ignorierte diese Warnungen erwartungsgemäß als „zu emotional“. Diese vorgeschobene „Neutralität“ ebnete russischen Athletinnen und Athleten den Weg zu den Sommerspielen in Paris 2024 und später zu Mailand 2026. Noch befremdlicher: Die Sportfunktionäre aus Russland wurden nie vollständig suspendiert – ihr Einfluss hinter den Kulissen internationaler Sportorganisationen blieb daher weitgehend ungebrochen.
Ein Beispiel ist Elena Vyalbe, ehemalige Olympiasiegerin und heute Vorsitzende des russischen Ski- und Snowboardverbandes. Sie sinnierte kürzlich über Russlands eigene Sanktionen gegen den Westen: „Ich glaube, wenn wir eine ernsthafte Bombe auf das Zentrum Londons geworfen hätten, wäre das alles längst vorbei, und man würde uns wieder überall zulassen. Russlands Kampf mit der Außenwelt dauert seit Jahrhunderten. Sie haben uns nie geliebt, auch nicht, als sie es vorgaben. Sie stehen immer hinter uns, mit einem Messer. Ich liebe es, wenn unser Land stark ist, und ich nehme an, unsere Stärke nervt die ganze Welt.“
Inzwischen ging das IOC einen weiteren Schritt in Richtung Legitimierung – oder Verharmlosung – des russischen Krieges gegen die Ukraine, und zwar über Sportswashing. Ende vergangenen Jahres ließ man russische Juniorinnen und Junioren unter ihrer Nationalflagge antreten – also unter der Flagge eines Paria-Staates, der gegen seinen Nachbarn einen brutalen genozidalen Krieg führt. Eine Reihe internationaler Verbände (Schach, Volleyball, Fechten, Reitsport) sprang sofort auf diese potenziell lukrative Gelegenheit an. Zwei weitere Verbände – Judo und Sambo – gingen sogar noch weiter (und überreizten damit die Großzügigkeit des IOC), indem sie nicht nur den Junioren, sondern allen russischen Athletinnen und Athleten den Start mit Flagge und Hymne erlaubten.
Sportswashing der Paria-Staaten
Die Standardbegründung für solche Entscheidungen lautet, Sport (wie Kultur) sei angeblich autonom oder gar unabhängig von Politik. Das stimmt nicht einmal in Demokratien, in denen die Zivilgesellschaft stark ist und die Staatsmacht Grenzen hat. In Autokratien aber ist es eine glatte Unwahrheit. Totalitäre Staaten sind bestrebt, alles zu verstaatlichen und in den Dienst des Regimes zu mobilisieren. Dieses Phänomen ist heute sowohl von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern als auch von Journalistinnen und Journalisten gut erforscht und dokumentiert. Sie bezeichnen es als „Sportswashing“: die beschmutzte Reputation von Paria-Regimen wird „reingewaschen“, indem man die Aufmerksamkeit von ihrer hässlichen Repression im Inneren und ihrer Aggression nach außen auf die freundliche Förderung von Sportereignissen, die Unterstützung von Talenten und die beeindruckenden organisatorischen Fähigkeiten lenkt, die dabei demonstriert werden.
Garry Kasparov, ein renommierter russischer Dissident und ehemaliger Schachweltmeister, argumentiert, Sportswashing sei heute ein „Upgrade“ gegenüber der früheren Praxis, Einfluss einfach zu kaufen: Es sei zu einer Methode geworden, mit Geld „in die Gesellschaften freier Länder einzudringen“.
Russland gilt gemeinhin – neben vier weiteren Diktaturen (China, Katar, VAE und Saudi-Arabien) – als eines der Länder, die Sportswashing besonders aktiv betreiben. Anders als diese und andere Autokratien führt Russland jedoch zugleich einen brutalen Angriffskrieg. Und gerade diese „Besonderheit“ macht sein Sportswashing besonders unheimlich und gefährlich. Sport wird im heutigen Russland – wie alles andere – zur Waffe: Kultur, Religion, Handel, Information, Geschichte, Bildung – bis hinunter in die Vorschulen. Russische Funktionäre demonstrieren offen einen instrumentellen, grob militaristischen Zugang zum Sport. Sie spielen nicht brav nach dem IOC-Drehbuch von „Sport jenseits der Politik“ und sie glauben auch nicht an das Märchen von der angeblichen „Neutralität“ der Athletinnen und Athleten.
Vorgespielte Neutralität
Die Feiern des vergangenen Jahres um Alexander Ovechkin, einen Spitzen-Eishockeyspieler in der nordamerikanischen Profiliga, der den NHL-Rekord für die meisten Tore aller Zeiten brach, zeigen anschaulich, dass kein „neutraler“ (oder in diesem Fall sogar „amerikanischer“) Status russische Athleten vor der unverfrorenen Vereinnahmung ihres Ruhms und ihrer Leistungen durch Putins Propagandisten schützt. Diese kümmern sich nicht um Ovechkins (oder sonst irgendjemandes) angebliche „Neutralität“ – wohl aber um russischen imperialen Glanz, Sieg und Dominanz.
„Trotz der Sanktionen, trotz der Diskriminierung, trotz allem – die Russen gewinnen. Niemand wird uns aufhalten“, erklärte ein Propagandist (der Duma-Abgeordnete Andrei Alshevsky). „In einer Zeit, in der der Weltsport zu einer Arena politischer Konfrontation geworden ist, hat ein großer russischer Hockeyspieler einmal mehr bewiesen, dass ein wahrer Champion jede Barriere durchbricht“, prahlte ein anderer. „Ovechkin hat seinen Pass nie verleugnet oder sich dafür geschämt, er bleibt Mitglied von Putins Team und ist zugleich eines der wichtigsten Gesichter des Welthockeys, ein Liebling von Millionen und der beste Torjäger der NHL.“
Tatsächlich hat Ovechkin Putins „Team“ nie kritisiert, und er hat auch nie öffentlich dem politischen Missbrauch seines Ruhms widersprochen. Zugleich hat er Putin – zumindest seit dem Anschluss der Krim – nicht mehr gelobt; technisch könnte man ihn also als „neutral“ bezeichnen. Der Fall zeigt jedoch, wie heikel der Begriff der „Neutralität“ ist – und wie leicht er von böswilligen Interpreten ignoriert werden kann, es sei denn, die Athletin oder der Athlet bezieht eindeutig Stellung.
Bislang scheint „Neutralität“ ein Feigenblatt zu sein, das dem IOC und zahlreichen Sportverbänden erlaubt, höchst fragwürdigen Personen aus Russland grünes Licht zu geben – auch solchen, die in die Pro-Kriegs-Propaganda verstrickt sind. Dass nicht wenige russische Sportlerinnen und Sportler Angehörige der russischen Armee sind oder zu militärischen Sportklubs gehören, hindert sie nicht daran, unter „neutraler“ Flagge an internationalen Wettbewerben teilzunehmen. Nach Angaben ukrainischer Journalistinnen und Journalisten wurden 45 von 71 Medaillen, die Russland bei den Sommerspielen in Tokio 2020 gewann, von Athletinnen und Athleten errungen, die dem Zentralen Sportklub der russischen Armee angehören; zwei Jahre später holten sie bei den Winterspielen in Peking 14 von 32 Medaillen – unter einer angeblich „neutralen“ Flagge.
Ein Kampf bergauf
Die allgemeine Tendenz ist ziemlich eindeutig: Sowohl das IOC als auch die meisten internationalen Sportverbände möchten die Sanktionen gegen russische Athletinnen und Athleten, gegen russische Funktionäre – und natürlich gegen russisches Geld – lockern und letztlich ganz aufheben. Dabei spielt es für sie offenbar keine Rolle, dass Russland sein Verhalten nicht geändert, sondern den täglichen Terror und das Blutvergießen in der Ukraine sogar eskaliert hat. Die IOC-Funktionäre wiederholen dennoch ihr Mantra: „Einzelne Athleten dürfen nicht für die Taten ihrer Regierungen bestraft werden.“
Aber wie würden sie denn „bestraft“? Ermordet – wie mehr als 600 ukrainische Sportlerinnen und Sportler? Aus ihrem zerstörten Land und aus besetzten Gebieten vertrieben – wie Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer? Ihrer Sporthallen, Stadien, Schwimmbäder beraubt – und sogar der Möglichkeit, regelmäßig zu trainieren, ohne Bombardierungen und Luftalarm? Nein. Von ihnen wird lediglich verlangt, den genozidalen Krieg, den ihre Regierung in der Ukraine führt, nicht zu unterstützen – weder direkt noch indirekt. Sie werden lediglich aufgefordert, ihre Machthaber und deren Politik nicht durch Sportswashing reinzuwaschen, deren symbolische Macht nicht zu stärken und mit ihrem persönlichen Ruhm nicht zu einer verbrecherischen Sache beizutragen. Solange russische Athletinnen und Athleten den genozidalen Krieg ihrer Regierung gegen die Ukraine nicht unterstützen, tragen sie dafür keine Verantwortung. Aber in jedem Fall sind sie als russische Staatsbürger für alles, was ihr Land tut, rechenschaftspflichtig. Alle haben eine Wahl; alle können einen Weg finden, sich von den Verbrechen ihrer Regierung zu distanzieren.
Vladyslav Heraskevych lief nicht nur gegen fragwürdige IOC-Regeln an, sondern gegen die generelle Tendenz des IOC, zweifelhafte Entscheidungen zu treffen – verbunden mit der hartnäckigen Vermeidung klarer Benennungen (der russische Krieg in der Ukraine wird meist als „Konflikt“ bezeichnet – als wäre es nur ein kleiner Familienstreit) und mit dem beharrlichen Versuch, sowohl das Ausmaß als auch die Einzigartigkeit dieses „Konflikts“ herunterzuspielen: Das sei „ein Krieg unter 28 Kriegen und Konflikten, die es in der Welt gibt, und alle anderen Athleten treten doch friedlich gegeneinander an“, sagte die Präsidentin des IOC. „Das IOC berücksichtigt selbstverständlich, dass es auf unserem Planeten 135 Konflikte mit militärischen Handlungen gibt. In dieser Situation kann das IOC keine selektiven Entscheidungen treffen, denn das würde der Olympischen Charta widersprechen“, fügte ein weiteres IOC-Mitglied hinzu.
Die Ukraine steht vor einem Kampf bergauf – gegen einen äußeren Feind und gegen innere Probleme, aber auch gegen die Starrheit und Korruption internationaler Institutionen, gegen Ignoranz, Eigennutz und Zynismus internationaler Führungskräfte und gegen eine wachsende „Ukraine-Müdigkeit“ in Bevölkerungen, die die Ukraine zunehmend als lästige Störung wahrnehmen: als ein Land, das weder das Leben genießt noch andere es ganz genießen lässt. Doch es gibt auch entschlossene Kämpfer in all diesen Bereichen – Menschen, die nicht aufgeben, die widersprechen und Widerstand leisten und uns ein kleines Stück Hoffnung geben.
Mykola Riabchuk, Kyjiw
Der Autor ist Schriftsteller und Publizist, Ehrenpräsident des PEN Ukraine, Mitbegründer der Zeitschrift „Krytyka“ und führender Wissenschaftler am Institut für politische und ethnische Studien der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine. 2014–2023 war er Vorsitzender der Jury des internationalen Angelus-Preises für die besten Romanautoren Mittel- und Osteuropas. Seine Bücher sind ins Polnische, Serbische, Ungarische, Deutsche und Französische übersetzt worden. Sein jüngstes Buch ist „Das Lexikon des Nationalisten und andere Essays“ (2021); eine polnische Fassung erschien 2022 als „Czternasta od końca – Opowieści o współczesnej Ukrainie“. Im Demokratischen Salon veröffentlichte er im Juni 2024 den Essay „Jenseits der Fußnoten – Die wahre Tragödie Mitteleuropas“.
(Anmerkungen: Erstveröffentlichung der deutschen Fassung im Februar 2026, aus dem Englischen übersetzt von Pavlo Shopin, Drahomanov-Universität Kyjiw, der auch den Beitrag vermittelte. Die ukrainische Originalfassung erscheint bald in Krytyka, die englische Fassung erschien in einem niederländischen Portal, Internetzugriffe zuletzt am 19. Februar 2026. Titelbild: The Helmet of Remembrance, Photo: The Presidential Office of Ukraine, Wikimedia Commons, Creative Commons Attribution 4.0 International license.)
