Zwischen Hoffnung und Verzweiflung
Nasstaran Houshmand über die Sehnsucht nach Freiheit im Iran
„Das Regime der Islamischen Republik Iran führt aber seit 47 Jahren Krieg gegen das eigene Volk, betrachtet den Staat Israel als ein zu vernichtendes Land, die USA wird ebenso als Feindesland angesehen. Nun haben diese Feindschaften und die Gefahr der Bewaffnung Irans mit einer Atombombe zum jetzigen Krieg der USA und Israels gegen Iran geführt. In der Bewertung dieses Krieges ist das iranische Volk zwiespältig. Nach vier großen Aufständen hat das sich nach Freiheit sehnende Volk Irans nicht geschafft, sich aus eigener Kraft vom Joch des mörderischen islamischen Regimes zu befreien. Insofern hofft ein großer Teil der Bevölkerung darauf, durch den Krieg den Zusammenbruch der islamischen Herrschaft zu erleben.“ (Mehran Barati, Vorstandsmitglied des Iran Transition Council im Gespräch mit Yasmina Khalifa am 29. März 2026 im Iran Journal)
Es gibt zahlreiche Analysen, Berichte und Kommentare zur Lage im Iran, zu den Angriffen der USA und Israels, zur Sperrung der Straße von Hormus, zu Friedensverhandlungen, von denen niemand weiß, wie ernst sie tatsächlich gemeint sind, den weltweit spürbaren Folgen für die Preise von Benzin und Nahrungsmitteln und den Überlegungen mancher Regierung, wie die dadurch entstehenden finanziellen Belastungen der jeweils eigenen Bevölkerung gelindert werden könnten. Ein Aspekt wird jedoch kaum noch erwähnt: die Lage der Zivilbevölkerung im Iran. Diese ist nicht nur Opfer der militärischen Angriffe, sie wird sozusagen in Mithaftung für den Terror des Regimes der Mullahs genommen, sondern vor allem Opfer des Regimes der Islamischen Republik Iran.
Der 8. und 9. Januar 2026 waren ein Fanal des Schreckens und der Terror des Regimes gegen die eigene Bevölkerung hat seit dieser Zeit noch zugenommen. Das Internet ist seit Februar 2026 blockiert, die wirtschaftliche Lage der Bevölkerung ist besorgniserregend. Die Gewalt der Revolutionsgarden und Basidsch-Milizen sowie ausländische Milizen aus Irak und Afghanistan kontrollieren die Straßen. Sie haben keinerlei Hemmungen, Menschen zu erschießen. Kaum noch jemand wagt sich auf die Straße. Regimegegner werden hingerichtet. Es mehren sich die Berichte, dass die Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi im Gefängnis nach einem Herzinfarkt in Lebensgefahr schwebt.
Es ist zu befürchten, dass die Bevölkerung ihre Freiheit in dem aktuellen Konflikt nicht finden wird, obwohl dies die beste Garantie dafür wäre, dass der Iran weder Atomwaffen noch sonstige Gewalt gegen seine Nachbarn ausüben würde. Eine Strategie ist nicht in Sicht und es zeigt sich, dass die deutsche Bundesregierung – wie auch manch andere westliche Regierung – nicht verstanden hat, den Schwung für die Freiheit, der im Iran zuletzt mit der Bewegung Frau – Leben – Freiheit nach dem Mord an Jina Mahsa Amini am 16. September 2022 entstand, so zu unterstützen, dass der von der Mehrheit der iranischen Bevölkerung gewünschte Regimewechsel Wirklichkeit wurde. Und dennoch engagieren sich nach wie vor Iranerinnen und Iraner für einen freien und demokratischen Iran: „Frau Leben Freiheit“.
Aufbruchstimmung 2022
Norbert Reichel: Alle Menschen, die sich dem Iran verbunden fühlen, leben in einem Wechselbad der Gefühle und das begann nicht erst am 8. und 9. Januar. „Frau Leben Freiheit“ war das Motto im Jahr 2022, als viele hofften, dass das islamistische Regime der Islamischen Republik Iran kippt.
Nasstaran Houshmand: Ich bin seit Dezember 2022 in der Koblenzer Gruppe von Frau Leben Freiheit aktiv. Im September 2022 gab es nach dem gewaltsamen Tod von Jina Mahsa Amini in der gesamten Welt Solidaritätsbekundungen, Demonstrationen, Mahnwachen. In Koblenz hatten wir die erste größere Demonstration mit über 1.000 Menschen im Oktober 2022 am Deutschen Eck. Es gab dann im Dezember 2022 eine weitere Kundgebung, nach der ich mich der Gruppe angeschlossen habe.
Wir haben uns zunächst in einer kleinen Gruppe von etwa acht Personen zusammengefunden. Inzwischen sind wir fünf Personen als harter Kern der Gruppe. Wir versuchen die Stimme des Volkes zu sein, all der Iranerinnen und Iraner, die nach Freiheit rufen, aber im Iran keine Stimme haben. Wir haben uns anderen Gruppen von Frau Leben Freiheit im Bundesgebiet angeschlossen, in Karlsruhe, in Trier, in Frankfurt, in Bonn, in Köln. Wir haben uns gegenseitig unterstützt, an Demonstrationen teilgenommen, Busse organisiert, Iranerinnen und Iraner in Koblenz und Umgebung mobilisiert, sind gemeinsam nach Brüssel, nach Paris, nach Luxemburg gefahren. Wir haben uns peu à peu in Koblenz etablieren können, haben Kontakte mit örtlichen Organisationen, auch mit den Parteien, geknüpft, hatten einen regen Austausch und konnten so die Belange der Iranerinnen und Iraner im Land nach außen tragen.
Über Frau Leben Freiheit haben wir einen iranischen Kulturverein gegründet, der jedoch nicht politisch ist, sondern die Aufgabe hat, die Kultur des Iran nach außen zu tragen und die nicht-iranische Bevölkerung hier daran teilhaben zu lassen. Frau Leben Freiheit ist der politische Teil.
Norbert Reichel: Koblenz hat eine kulturelle Tradition der Zusammenarbeit mit iranischen Künstlerinnen und Künstlern. Gerade im September 2025 fand das Dritte Orientalische Filmfestival in Koblenz statt.
Nasstaran Houshmand: Ich habe an allen drei Filmfestivals teilgenommen, bei dem ersten auch übersetzt. Es gibt eine große Bandbreite der Kultur im Iran, denn der Iran ist ein multiethnisches Land. Die sozialen und politischen Verhältnisse sind katastrophal, gerade aus dieser Lage entsteht auch viel Kunst. Über die Festivals gelangt diese Kunst auch nach Koblenz.
Wenn man über Iran spricht, muss man natürlich immer über Politik sprechen. Die gesellschaftlichen Missstände sind wie sie sind. Man muss sie ansprechen. Allerdings nehmen an den Festivals auch Künstlerinnen und Künstler teil, die wieder in den Iran zurückkehren wollen. Sie können sich nicht so äußern wie manche es vielleicht gerne täten. Vielleicht auch nicht. Das weiß ich nicht. Es ist aus meiner persönlichen Sicht ein Problem, wenn man nicht frei politisch reden kann. Aber die Filme sprechen für sich. Wer sie sieht, kann sich das ein oder andere dabei denken, aber der eigentliche Austausch kann nicht optimal stattfinden. Ich denke, dass ein Austausch in einem solchen Festival nach den Filmvorführungen unglaublich wichtig ist, damit das Gesehene eingeordnet werden kann. Es ist wichtig, Bilder aus dem Iran zu erhalten, es ist wichtig zu wissen, dass Nachrichten nicht immer der Wahrheit entsprechen.
Wenn ich mir die Tagesthemen, das heute-journal anschaue, stelle ich fest, dass viele Nachrichten nicht der Wahrheit entsprechen. Es werden viele Dinge nicht gesagt, nicht erwähnt. Das sehe ich gerade jetzt wieder, aber ich habe das auch schon bei früheren Nachrichten über Frau Leben Freiheit erlebt. Das liegt natürlich auch daran, dass man keine Journalistinnen und Journalisten im Iran hat. Berichtet wird aus Istanbul, aus Beirut oder woher auch immer, aber eben nicht direkt aus Teheran und nicht aus dem Iran.
Wirtschaft schlägt Menschenrechte
Norbert Reichel: Für viele Zeitungen und Zeitschriften arbeiten Journalistinnen und Journalisten, die für eine ganze Region zuständig sind und beispielsweise den kompletten Mittleren und Nahen Osten und Nordafrika, die sogenannte MENA-Region abdecken müssen. Das gelingt nur mit der Hilfe von Expertinnen und Experten vor Ort, die aber natürlich nicht gefährdet werden dürfen. Journalistinnen und Journalisten arbeiten unter sehr schwierigen Bedingungen.
Nasstaran Houshmand: Ich will niemandem etwas unterstellen, aber ich muss mich oft schon sehr wundern: Viele Berichte sind einfach inhaltlich nicht in Ordnung. Wenn man in einer freien demokratischen Welt berichtet, muss man alles berichten, aber das findet nicht statt. Die Menschen hier in Deutschland bilden sich ihre Meinung auf der Grundlage der Nachrichten, die sie hier hören. Wir müssen uns im Klaren sein, worüber wir reden, wenn wir über den Iran reden: Wir reden über eine terroristische, kriminelle Vereinigung! Die ist nicht erst jetzt entstanden, sondern vor 47 Jahren. Das darf man nicht außer Acht lassen. Wer berichtet, muss über den Kern berichten.
Norbert Reichel: Auch die deutsche Politik hat Vieles versäumt. Ich habe versucht, einige dieser Versäumnisse in meinem Beitrag „Eine feministische Revolution“ darzustellen, unter anderem auf der Grundlage des von Stefan Grigat herausgegebenen Buches „Iran, Israel, Deutschland – Antisemitismus, Außenhandel und Atomprogramm“ (Leipzig, Hentrich & Hentrich, 2017), das ich nach wie vor zu lesen empfehle. Der deutschen Politik ging es um Geschäfte, nicht mehr und nicht weniger. Marko Martin hätte in seiner Rede, in der er die deutsche Russlandpolitik des damaligen Außenministers und heutigen Bundespräsidenten kritisierte, auch den Iran erwähnen können (die Rede ist in seinem Buch „Freiheitsaufgaben“, Stuttgart, Tropen, 2025, abgedruckt). Annalena Baerbock forderte als Außenministerin eine Feministische Außenpolitik, aber der Iran spielte in der jeweiligen Tagespolitik keine Rolle. Es ist die immer gleiche Geschichte: Wirtschaft schlägt Menschenrechte.
Nasstaran Houshmand: Ich kann das zu einhundert Prozent unterstreichen und bin froh, dass Sie es ansprechen. Man kann es drehen und wenden wie man möchte. Im Grunde ist es das, was mich auch zurzeit entsetzt! Seit einigen Tagen kursiert die Information über kilometerlange unterirdische Städte im Iran, aus der Raketen mit hoher Präzision abgeschossen werden können. Das hat Milliarden gekostet. Dieses Know-How stammt nicht nur aus dem Iran, es stammt aus Europa, aus Deutschland. Das, was Sie gerade gesagt haben, stimmt. Diese wirtschaftliche Kooperation mit dem Iran wird in den Medien kaum oder gar nicht erwähnt.
Ich rede noch nicht einmal von den enormen Geldern, die die iranische Terrorregierung den Iranerinnen und Iranern weggenommen und in dieses unterirdische Raketenprojekt gesteckt hat. Allein dies zeigt einfach, wie grausam die Regierung funktioniert. Wenn deutsche Unternehmen und die Regierung hier ihre Hand im Spiel hatten oder haben, müssen sie doch auch gewusst haben, welche Reichweite diese Raketen haben! Eine Reichweite von 8.000 Kilometer anstelle von 2.000 oder 4.000 Kilometern dient doch nicht nur dem Schutz des eigenen Landes, sondern ist auch für einen größeren Krieg gedacht, zumindest gegen Europa oder auch gegen die arabischen Nachbarn. Es ist unverantwortlich.
Ich habe den deutschen Pass, ich lebe und fühle mich deutsch, ich lebe seit 48 Jahren in Deutschland, ich kenne eigentlich nur diese Demokratie, aber das macht schon etwas mit mir, wenn ich mir bewusst mache, was unsere deutsche Regierung tat und tut. Das spielt in meinen Gefühlen eine wichtige Rolle: Wofür steht Deutschland? Wofür steht Europa?
Norbert Reichel: Regierung kann man getrost in den Plural setzen. Hier waren sich die Bundesregierungen einig, gleichviel, wer sie anführte und wie sie sich zusammensetzten. 1979 glaubten manche sogar, dass Khomeini eine Demokratie wolle. Er hatte sich so manch demokratisch scheinenden und antiimperialistischen Gedanken angeeignet und damit die antikolonialistische Linke für sich eingenommen. Katajun Amirpur hat seine wahren Ansichten in ihrer Khomeini-Biographie ausführlich analysiert und dokumentiert (München, C.H. Beck, 2021). Sie tat, was viele Politikerinnen und Politiker nicht taten: Sie hat seine Schriften auch aus der Zeit vor 1979 gelesen. Es ist nicht verstehbar, dass die Terrorgruppe, mit der Khomeini seit 1979 seine Ziele durchsetzte, die Pasdaran, erst kürzlich von der Bundesregierung als Terrorgruppe klassifiziert wurde. Welche Konsequenzen das hat, ist noch unklar. Ein Betätigungsverbot in Deutschland scheint damit noch nicht verbunden zu sein.
Nasstaran Houshmand: Das haben wir vor dreieinhalb Jahren in Brüssel vor den Türen der Kommission geschrien! Wir haben jedes Wochenende diskutiert, die Parteien angeschrieben, gebettelt, man möge doch sehen, dass dieses Terrorregime die Menschen foltert, ermordet. Natürlich verstehe ich, dass es nicht immer einfach ist, eine Einigung auf EU-Ebene herzustellen, aber Deutschland hätte ein Vorreiter sein können.
Norbert Reichel: Stattdessen versteckte man sich hinter der EU.
Nasstaran Houshmand: Dieses Embargo war ja lächerlich. Es schadete nur den Menschen im Iran, nicht dem Regime. Die Menschen wurden immer ärmer, die Machthabenden nicht. Man sieht doch jetzt, wie viele Milliarden der Sohn von Ali Khamenei besitzt. Er ist – wenn er noch lebt – einer der reichsten Menschen der Welt.
Norbert Reichel: Und die Revolutionsgarden beherrschen große Teile der Wirtschaft. Ich verstehe auch nicht, warum antikapitalistische Linke den Iran jetzt verteidigen. Für manche reicht es offenbar, dass der Gegner die USA und Israel heißt. Schon wieder fällt man auf die anti-imperialistische Rhetorik Khomeinis und der ihm folgenden Mullahs herein.
Nasstaran Houshmand: 1979 hat sich Khomeini in kürzester Zeit der Linken entledigt, die ihn zunächst gestützt haben. Er hat viele Linke systematisch hinrichten lassen. Andere Linke sind geflohen oder sie sind in Gefängnissen gelandet. Ich verstehe nicht, dass Linke heute den Iran in Schutz nehmen, als er von Israel und den USA angegriffen wurde, nur weil Israel und USA linke Feindbilder darstellen.
Das Kopftuch ist nicht das Hauptproblem
Norbert Reichel: Wer wissen möchte, wie es in Gefängnissen aussieht, lese den neuen Roman von Bahram Moradi, es ist sein erster ins Deutsche übersetzte Roman: „Das Gewicht der anderen“ (Göttingen, Wallstein, 2025). Der Roman spielt in der Anfangszeit der Herrschaft der islamistischen Mullahs. Ich kann zum Thema auch den Film „Lolita lesen in Teheran“ von Eran Riklis empfehlen. Das Buch von Azar Nafisi ist schon etwa 25 Jahre alt. Auch in diesem Film gibt es Szenen junger Frauen, die wegen ihrer Proteste, wegen ihrer in den Augen des Regimes unvorschriftsmäßigen Kleidung eingesperrt und hingerichtet wurden.
Die Verhüllung der Frauen in Kopftuch oder gar in Schador ist eines der zentralen Motive im Krieg des Regimes gegen die eigene Bevölkerung. Andererseits gibt es seit 2022, seit den Protesten gegen den Mord an Jina Mahsa Amini, immer wieder Berichte, dass es inzwischen auf den Straßen in Teheran viele Frauen gäbe, die kein Kopftuch mehr trügen. Im Privatbereich soll ohnehin ein eher westliches Leben stattfinden, mit Alkohol, Feiern und Büchern und Filmen aus dem Westen. Mag alles stimmen, aber letztlich müssen alle damit rechnen, dass die Sittenpolizei, die Basidsch-Frauen, reagieren und schonungslos verhaften.
Nasstaran Houshmand: Das zeigen uns die Videos, die uns erreichen. Wir bekommen viele Videos mit Inhaftierungen, Verschleppungen junger Frauen, die am helllichten Tag einfach in irgendwelche Wagen gezwungen werden und verschwinden. Die Eltern erfahren nicht, was mit ihren Kindern geschieht. Das geschieht jeden Tag. Aber man zeigt es hier nicht. Man zeigt Teheran und sieht einzelne Frauen ohne Kopftuch. Das ist Propaganda, wir sehen doch, dass und wie junge Frauen inhaftiert werden. Wir sehen, wie die Basidsch-Frauen vorgehen, junge Frauen in Bussen, Bahnen und auf den Straßen unter Druck setzen, sie auffordern, ein Kopftuch zu tragen. Die Basidsch-Frauen selbst tragen einen Schador. Das ist noch ein anderes Kapitel.
Eine Öffnung gibt es nicht. Das Kopftuch ist auch nicht das Hauptproblem. Es gibt natürlich Bilder, wo wir drei Frauen sehen, die in einem Restaurant Kaffee trinken. Das gibt es in einzelnen Fällen, vielleicht in Teherans Kulturszene, in Gebieten, in denen es viele Kulturschaffende gibt, aber das gibt es nicht flächendeckend. Bei Weitem ist es nicht so, dass eine Freiheit gibt, wie Frauen sich kleiden können. Das war ja auch bei den Unruhen Anfang Januar zu sehen. Darin, wie sich Frauen kleiden, sieht man auch die Gesinnung. Diejenigen, die kein Kopftuch tragen, zeigen damit, dass sie gegen das Regime sind. Sie wollen damit zeigen, dass sie gegenüber der Regierung einen Punkt gemacht haben. Aber das ist ein einziger Punkt von vielen Punkten. Es ist vielleicht ein kleiner Sieg in einem großen Kampf.
Norbert Reichel: Das ist auch ein Thema in dem Film „Ein kleines Stück vom Kuchen“ von Maryam Moghaddam und Behtash Sanaeeha. Die Regisseurin und der Regisseur wurden zu einer Haft- und zu einer Geldstrafe verurteilt. Sie durften 2024 nicht nach Berlin reisen, um dort an der Berlinale teilzunehmen. In dem Film sehen wir, wie Mahin, die Hauptperson, eine etwa 70jährige Frau, ein junges Mädchen in einem Park vor den natürlich vorschriftsmäßig verhüllten Basidsch-Frauen rettet. Wir sehen die inquisitorisch neugierige Nachbarin, die vermutet, Mahin habe Herrenbesuch, was ja auch stimmt, und letztlich, dass Mahin den bei ihr verstorbenen Taxifahrer in ihrem Garten beerdigen muss, damit nicht herauskommt, was in der Nacht geschah.
Nasstaran Houshmand: Das zeigt, dass ein solcher Film unglaublich politisch ist, gesellschaftskritisch, auch wenn es sich um eigentlich völlig belanglose Alltagssituationen handelt. Der Film gehört zu meinen Lieblingsfilmen.
Norbert Reichel: Ich bewundere unter den iranischen Regisseuren Jafar Panahi, dessen Filme immer wieder auf internationalen Festivals, auch auf der Berlinale ausgezeichnet werden. Dazu gehört „Abseits“, ein Film, in dem es um Mädchen geht, die sich als Jungen verkleiden, um ein Fußballspiel zu sehen, oder „Taxi Teheran“, wo er seine Freunde und Freundinnen als Taxifahrer begleitet und mit ihnen spricht. Auf der Berlinale 2026 wurde sein neuer Film „Ein einfacher Unfall“ gezeigt. Panahi soll wieder in den Iran zurückgekehrt sein. Ich möchte eine Szene aus „Abseits“ ansprechen. Die Mädchen werden erwischt, werden für die Dauer des Spiels in einem eingezäunten Raum vor dem Stadion von jungen Männern bewacht, die aber eigentlich gar keine Lust dazu haben, auf die Mädchen aufzupassen. Sie würden viel lieber das Spiel sehen. Die Mädchen kommen frei, weil der Iran sich in dem Spiel gegen Bahrein für die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland qualifiziert. Da feiern eben auch die Milizionäre.
Nasstaran Houshmand: Panahi versucht immer wieder, auch die menschliche Seite der Regierenden darzustellen. Das ist einerseits richtig, andererseits sind wir inzwischen an einem Punkt angelangt, in dem Menschlichkeit im Iran keinen Platz mehr hat. Es ist mit Worten nicht zu fassen, nicht zu erklären: Das Land ist in einem Trauma-Zustand. Niemand weiß, wie viele Menschen getötet wurden. Es werden über 30.000 oder gar über 40.000 Menschen sein, die am 8. und 9. Januar ermordet worden sind.
Viele Leichen wurde noch nicht freigegeben. Wir sehen nur männliche Leichen. Die Leichen ermordeter Frauen und Kinder wurde noch nicht freigegeben. Wo sind unsere Mütter? Wo sind unsere Töchter? Die Leichen sind irgendwo in Kühlhäusern gelagert. Sie behalten die Leichen, weil sie auch die Todesursache bestätigen würden. Sie halten sie aber auch zurück, bis vielleicht Bodentruppen angreifen, um dann die Amerikaner zu beschuldigen. Es ist perfide.
Nicht nur die Menschen im Iran sind traumatisiert. Wir alle sind traumatisiert. Wenn wir uns bei Demonstrationen oder Kundgebungen begegnen und in die Augen schauen, fangen Menschen, die sich wildfremd sind, an gemeinsam zu weinen. Mir passiert das auch im Alltäglichen. Ich weiß nicht, wie lange wir brauchen, damit zurechtzukommen. Ich rede damit noch nicht über die Menschen, die ihre Kinder, ihre Mütter, ihre Väter verloren haben. Das sind nicht wenige. Jede Familie hat einen Verlust erlitten, im Iran oder im Ausland. Mir fällt es schwer, das Menschliche zu sehen.
Norbert Reichel: „Abseits“ ist etwa 20 Jahre alt. Es ist von Jahr zu Jahr, von Protest zu Protest immer schlimmer geworden. Man nimmt den Menschen jetzt auch die Möglichkeit, miteinander zu kommunizieren, indem das Internet abgestellt wird. Iran schottet sich inzwischen fast schon so stark ab wie Nordkorea.
Nasstaran Houshmand: Ich habe seit vier Wochen nichts von meinem Onkel gehört. Ich kann ihn nicht anrufen. Er meldet sich nicht. Was soll ich tun? Es bleibt nichts anderes übrig als zu warten. Ich habe mit anderen Familienmitgliedern Kontakt, die sich vielleicht 30 Sekunden Internet leisten können. Das ist vom Regime auch so gewollt. Hinter geschlossenen Türen kann das Regime tun und lassen, was es will und niemanden kümmert es.
Das ist das Perfide. Es hat ja seinen Grund, dass Journalistinnen, dass Journalisten nicht ins Land dürfen. Das Schlimme ist, dass die westliche Welt das alles mitmacht, immer noch Gespräche führen will, wie man einen Weg herausfinden könnte.
Nichts ist eindeutig
Norbert Reichel: In einem Interview, das ich kurz nach dem 8. und 9. Januar gemacht habe, sagte mein Gesprächspartner, Thomas von der Osten-Sacken, Geschäftsführer von WADI e.V. im Nordirak, dass es viele gebe, die denken, nur die USA wären in der Lage, das Regime im Iran zu entmachten. Innerhalb des Iran wäre das nicht möglich. Er zitierte einen seiner Gesprächspartner mit dem Satz: „Wenn der Teufel Khameini stürzt, werde ich zum Teufelsanbeter.“ Jetzt ist Ali Khamenei tot, aber das Regime ist nach wie vor stark.
Nasstaran Houshmand: Es ist immer dieselbe Frage: Wie kann man einen Weg herausfinden? Es ist alles sehr komplex. Wir sind in unseren Gefühlen ambivalent. Es gibt nicht das Richtige und das Falsche. Man muss alle seine Einstellungen überdenken, auf den Kopf stellen, einen Schritt zurückgehen und die Geschichte, die ganze Geschichte, nüchtern betrachten. Es ist eben nicht so einfach: Es gibt Krieg, Amerika hat angegriffen. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Das ist mir zu kurz gedacht, wenn man ruft, schon wieder will der Trump ein Stück vom Kuchen. Soll er doch wollen. Wir bekommen doch auch etwas dafür…
Norbert Reichel: Das ist noch die Frage.
Nasstaran Houshmand: Natürlich. Das ist die Frage. Wir sind nicht naiv und glauben, Trump macht das, was er macht, weil er den Iran liebt oder die Menschen im Iran. Ich habe auch den Eindruck, dass er keinen Plan hat. Seine Äußerungen sind katastrophal. Aber die Hoffnung der Menschen im Iran ist eigentlich Israel, weil Israel von den Menschen auf der Straße als Verbündeter gesehen wird. Israel hat mehrfach bewiesen, dass es hinter dem Volk steht. Es gibt eine tiefe Verbundenheit mit Israel, weil das iranische Regime Israel immer vernichten wollte. Das Regime nimmt den Namen von Israel nicht in den Mund, sondern spricht vom „besetzten Land“. Die Verbundenheit mit Israel ist auch eine Gegenwehr gegen das Regime. Auf den Nachrichtenkanälen, die ich sehe, sehe ich immer die Hoffnung in der Bevölkerung, dass Israel die Überhand behält. Solche Unbeherrschtheiten, solche ständigen Wechsel der Meinung, wie wir sie bei Trump erleben, erleben wir von der Seite Israels nicht. Das soll aber nicht bedeuten, dass ich eine Befürworterin der israelischen Regierung bin. Viele Menschen schauen sich an wie ihr Land zerbombt wird und bedanke sich bei Bibi und Trump! Das ist unglaublich. Sie stehen auf den Balkonen und schauen sich das an. Sie bedanken sich. Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich das erzähle.
Norbert Reichel: Es gab jedoch auch die Bombardierung einer Mädchenschule. Bisher weiß man, dass die US-Aufklärung die Schule für den Teil eines militärischen Komplexes hielt und dass es eine US-amerikanische Tomahawk-Rakete war.
Nasstaran Houshmand: Man muss jedoch auch wissen, dass die Basidsch-Milizen ihre Standorte systematisch in Schulen oder andere öffentliche Gebäude legen.
Norbert Reichel: Wie die Hamas in Gaza.
Nasstaran Houshmand: Das Regime stellt dann das Narrativ in die Welt, die USA und Israel greifen die Schulen und Krankenhäuser an. Die Milizen des Regimes gehen selbst in die Krankenhäuser und erschießen dort die Menschen. Man könnte auch fragen, warum die Kinder bei einer Bombardierung in die Schulen geschickt werden? Sie sollen dort getroffen werden! Das Regime benutzt sie als Propaganda und menschliche Schutzschilde.
Die Lage ist fürchterlich und wir werden wahrscheinlich die ganze Wahrheit über die Gräueltaten des islamischen Terrorregimes nie erfahren. Es ist nichts eindeutig.
Es geht nicht um Reformen, sondern um eine Revolution!
Norbert Reichel: Ich habe mir die Demonstrationen in Deutschland angeschaut, auch die Demonstration mit über 250.000 Menschen in München. Überall gibt es Stände, die auf den Terror des Regimes hinweisen. Aber manchmal bin ich dann doch irritiert: In Düsseldorf am Hauptbahnhof sah ich einen Stand, an dem das Bild vom Schah, vom Vater, nicht vom Sohn, zu sehen war. Will jemand wirklich den Schah zurück? Ich kann nicht bewerten, ob sein Sohn, ob Reza Pahlevi eine Option für einen zukünftig demokratischen Iran ist. Ich kann nicht bewerten, wer oder was hinter den verschiedenen anderen Strömungen steckt. Es gab auch bei allen vergangenen Wahlen im Iran immer wieder die Hoffnung auf Reformen. Bei jeder Wahl hoffte man im Westen, Reformer könnten siegen und es würde sich alles ändern. Die Hoffnung wurde immer wieder enttäuscht.
Nasstaran Houshmand: Es kann keine Reform geben. Jede Verhandlung mit dem Regime ist ein Verhandeln mit Terroristen. Diese Islamistische Regierung muss mit allen Verschlingungen im Untergrund ausgerottet werden, mit ihrer Unterstützung der Huthi, der Hizbollah und all der anderen Terrorgruppen. Wenn das geschieht, wird der gesamte Nahe Osten anders aussehen.
Für die arabischen Nachbarn des Iran ist das natürlich auch ein Problem: Wenn sich im Iran eine Regierung ohne den Islam durchsetzen sollte, könnten sie befürchten, dass ihnen eine ähnliche Entwicklung bevorsteht.
Norbert Reichel: Wir haben es im Arabischen Frühling erlebt. Aber den Iran als zentrale Macht in der Region wollen die arabischen Staaten auch nicht.
Nasstaran Houshmand: Der einzige verlässliche Verbündete gegen das Regime im Umfeld ist Israel. Ziel des Regimes im Iran war und ist es, Unruhe in der Region und überall in der Welt zu schaffen. Die einzigen, die nicht beunruhigt sind, sind Russland und China. Alle anderen erleben Chaos. Genau das ist aber die Absicht. Die Herrscher im Iran sind keine alten Männer, die nicht wissen was sie tun. Sie benennen ganz präzise ihre terroristischen Absichten und führen sie durch. Sie sehen sich auch nicht als Iraner, sondern als eine Art Über-Muslime, die einen angeblichen Willen Gottes umsetzen. Diese Regierung hat das Land und die Bevölkerung ausgebeutet, die Natur zerstört, die Bodenschätze geplündert, das Land, die Infrastruktur heruntergewirtschaftet. Es gibt kein Wasser, es gibt keinen Strom. Anstatt Schutzräume für die eigene Bevölkerung zu bauen hat das islamistische Terrorregime in unterirdische Raketenstädte investiert.
Es geht nicht nur um Freiheit, die Menschen wollen ihr Land zurück! Das spiegelt sich in dem Satz, dass sie keine Reformen wollen. Worüber soll denn verhandelt werden? Ich sage das auch immer linken Gruppierungen, die meinen, aus dem Land heraus müsse sich eine Revolution entwickeln. Wie denn? Das ist eine Revolution. Sie begann vor dreieinhalb Jahren mit Frau Leben Freiheit, sie wurde immer wieder unterdrückt und zerstört. Die Menschen gehen ohne Waffen, nicht einmal mit Steinen auf die Straße. Sie wollen einfach ihre Freiheit. Wie soll das Volk denn noch zeigen, dass es diese Regierung nicht mehr will?
Kann Reza Pahlevi die Opposition einen?
Norbert Reichel. Welche Rolle spielt Reza Pahlevi? Er war auch in der großen Münchner Demonstration präsent und gilt in vielen Medien als der wichtigste Sprecher der Opposition.
Nasstaran Houshmand: Reza Pahlevi hat ein 15-Punkte-Programm veröffentlicht, in dem er die Souveränität des Iran mit allen Rechten für die verschiedenen Ethnien und Minderheiten fordert. Gleiches Recht für alle, ein säkularer Staat – das ist für ihn die Basis, was eine Demokratie ausmacht. Er hat das in München bestätigt. Es gab vor der Demonstration eine Info-Veranstaltung, zu der viele andere Gruppierungen kamen, die auch eine Demokratie für den Iran wünschen, aus der politischen Mitte, aus der linken Mitte, die sich seinen Worten anschlossen. Dazu gehörten auch wir mit Frau Leben Freiheit. Wir sind keine politische Partei, in unserer Gruppe gibt es verschiedene Ausrichtungen, auch konstitutionelle Monarchisten, Schah-Anhänger, aber auch säkulare Republik-Anhänger. Zu denen zähle ich mich. Ich denke, dass der Iran eine säkulare Republik werden sollte. Es soll verschiedene Parteien geben, so wie man es hier im Westen kennt. Reza Pahlevi sagt, er wolle einen Iran für alle: Die Minderheiten haben dieselben Rechte wie die Mehrheit. Aus meiner Sicht klingt alles, was er sagt, plausibel.
Norbert Reichel: Reza Pahlevi ist aber auch der Sohn des Schahs, der 1979 abgesetzt wurde. Die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur hat in ihrem Essay „Die Sehnsucht nach dem Schah“ (in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Mai 2023) den Repressionsapparat des Schah im Detail beschrieben, seine taktischen Versuche, mal Frauenrechte zu unterstützen, mal sie wieder zurückzunehmen, und nicht zuletzt die zynische Unterstützung durch die USA. Sie wolle nicht erleben, dass die Menschen im Iran erneut betrogen werden.
Nasstaran Houshmand: Wir haben natürlich das Problem, dass Reza Pahlevi als Kronprinz immer zuerst mit seinem Vater verglichen wird, ohne seine Person wahrzunehmen, zuzuhören und zu hinterfragen.
Ich nenne ihn nie Kronprinz, ich nenne ihn Reza Pahlevi. Man sollte den Sohn nicht immer mit dem Vater vergleichen. Man muss ihm zuhören. Er ist seit Jahren sehr aktiv, es gibt zahlreiche Interviews, in Englisch, in Französisch, in Farsi, in denen man sich kundig machen kann. Er ist zurzeit nun einmal der bekannteste Oppositionelle. Er sagt von sich, er sei nur ein Wähler, der eine Wahl habe wie alle Menschen im Iran. Ich selbst würde ihn vielleicht gar nicht wählen, ich weiß es noch nicht. Aber ich höre ihm zu. Ich habe keine Ideologie hinter mir.
Ich bin gegen jede Gewalt. Keine Regierung sollte Gewalt anwenden. Aber es gibt nicht nur das eine oder das andere. Der Schah hat Bildung, Frauenrechte ins Land gebracht. Meine Großmutter – sie lebt seit etwa 30 Jahren nicht mehr – war Schuldirektorin, eine aktive Frau, die ihren Beruf vor über 80 Jahren unter Reza Shah ausüben durfte. Frauen konnten in der Zeit des Schahs alle Berufe ausüben. Jede Frau konnte arbeiten. Sie durften erst mit dem 16. Lebensjahr heiraten. Das sind fundamentale Rechte!
Es geht mir darum, nicht voreingenommen zu handeln und nicht immer nur zu klagen, es gäbe keine Opposition und die wäre zerstritten. Es gibt eine Opposition und es gibt einen Oppositionsführer. Reza Pahlevi hat auf über 300 Seiten dokumentiert, wie er sich die Zeit nach dem Sturz der Mullahs vorstellt. Erst einmal müssen die Teile der Verfassung wie sie vor 1979 war wieder hergestellt werden, wonach alle Menschen Rechte hatten. Für alles sind geordnete Verfahren erforderlich. An der Wahlurne können letztendlich alle entscheiden, was sie wollen.
Wie kann man im Ausland eindeutig urteilen, wenn alles so uneindeutig ist? Mir ist es wichtig immer wieder zu sagen, dass dieses Land, diese Bevölkerung 47 Jahre lang geblutet hat und dass aus diesem Grund nur ein kompletter Regimewechsel hilft.
Norbert Reichel: Verbunden mit der Entwaffnung von Pasdaran und Basidsch-Milizen.
Nasstaran Houshmand: Unbedingt. Und wir brauchen Gerichte. Auch das sagt Reza Pahlevi. Wir brauchen Gerichte, die über die Verbrechen des Regimes urteilen. Es geht nicht um neue Hinrichtungen. Die will auch Reza Pahlevi nicht. Er sagt, wenn ich gegen Hinrichtungen nach dem islamischen Regime bin, bin ich auch heute und morgen gegen Hinrichtungen. Die Täter müssen vor ein ordentliches Gericht gestellt werden, sie müssen dort für ihre Taten verurteilt werden.
Der Iran wird nicht werden wie Afghanistan, nicht wie Syrien, denn Iran hat eine andere Geschichte. Eines wird klar sein: Die Menschen im Iran werden keine Diktatur mehr erlauben!
(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im April 2026, Internetzugriffe zuletzt am 28. April 2026, Titelbild: Titelbild: Beauty! Botticelli Meets Calligraphy, 2022, © Corinna Heumann.)
