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	<title>Guinea-Bissau Archive - Demokratischer Salon:</title>
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	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
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		<title>Machtpolitischer Schachzug mit Militär</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 21 Feb 2026 09:12:55 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Machtpolitischer Schachzug mit Militär Guinea-Bissau nach dem Staatsstreich vom 26. November 2025 „Umaro hat gegen Sissoco geputscht und hat Embaló die Macht übertragen“, kommentiert bissig die Gruppe Fartudibos (Wir haben euch satt) in ihrem eingängigen Song „Faux coup d' État“ den Staatsstreich vom 26. November 2025 im westafrikanischen Guinea-Bissau durch Offiziere. Umaro Sissoco Embaló  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Machtpolitischer Schachzug mit Militär</strong></h1>
<h2><strong>Guinea-Bissau nach dem Staatsstreich vom 26. November 2025</strong></h2>
<p><em>„Umaro hat gegen Sissoco geputscht und hat Embaló die Macht übertragen“</em>, kommentiert bissig die Gruppe Fartudibos (Wir haben euch satt) in ihrem eingängigen Song <a href="https://www.youtube.com/watch?v=wc9d052C4oU">„Faux coup d&#8216; État“</a> den Staatsstreich vom 26. November 2025 im westafrikanischen Guinea-Bissau durch Offiziere.</p>
<p>Umaro Sissoco Embaló ist der Ex-Präsident des Landes, der in den Präsidentschaftswahlen vom 23. November 2025 abgewählt worden ist. Auch wenn es aufgrund eines Überfalls auf die Büros der Nationalen Wahlkommission (CNE) nicht zur offiziellen Verkündung der Wahlergebnisse kam – vorgesehen für den 27. November –, gibt es wenig Zweifel an der Niederlage Embalós. Ein prominenter Wahlbeobachter, der frühere Präsident von Nigeria, Goodluck Jonathan, äußerte nach seiner Rückkehr nach Nigeria in einem Radio-Interview, die Stimmauszählung sei nahezu abgeschlossen, die Wahlergebnisse stünden fest, sie müssten nur veröffentlicht werden.</p>
<p>Seit der Unabhängigkeit von Portugal 1974 haben in dem kleinen multi-ethnischen Land mit etwa zwei Millionen Einwohnern vier Staatsstreiche stattgefunden (1980, 1998/99, 2003 und 2012; zählt man den vom November 2025 mit, sind es fünf) und mehrere angebliche Putschversuche, wofür der Volksmund sogar einen speziellen Begriff geprägt hat, nämlich <em>„Inventona“,</em> eine Zusammensetzung aus Erfindung (<em>invenção</em>) und Putsch/Aufstand (<em>intentona</em>). Profunde Kenner der Situation im Lande und internationale politische Beobachter stimmen jedoch in ihrer Beurteilung dessen, was sich am 26. November 2025 ereignete, überein: Ein <a href="https://www.rfi.fr/pt/programas/convidado/20251206-guin%C3%A9-bissau-vive-um-golpe-paradoxal-afirma-carlos-lopes"><em>„paradoxer Putsch“</em></a>, sagt der bissau-guineische Ökonom Carlos Lopes, einer der renommiertesten Intellektuellen des Landes, im Interview mit Radio France International. Auch Ruth Monteiro, ehemalige Justizministerin in Guinea-Bissau (Juli 2019 bis Februar 2020) urteilt <a href="https://www.dw.com/pt-002/bissau-n%C3%A3o-acredito-que-militares-voltem-para-os-quart%C3%A9is/a-75272440"><em>„ein atypischer Staatsstreich, den niemand versteht“</em></a>, <a href="https://www.rtp.pt/play/p389/e904778/entrevista-rdp-africa">hinter dem die <em>„starken Männer“</em> von Sissoco stünden</a>, und der bereits erwähnte <a href="https://adf-magazine.com/2026/01/guinea-bissau-junta-accused-of-sham-coup/">Goodluck Jonathan meint</a>: <em>„Das war nicht einmal eine Palastrevolte“</em>. Es war ein <em>„Operettenstaatsstreich (&#8230;), bei dem der Staatschef selbst Regie führte.“</em></p>
<h3><strong>Die gekippte Wahl</strong></h3>
<p>Blicken wir zurück auf die Ereignisse, um das Narrativ der <em>„unterbrochenen Wahlen“</em> zu überprüfen: Am 23. November 2025 fanden in Guinea-Bissau lange hinausgezögerte Parlaments- und Präsidentschaftswahlen statt. Die Präsidentschaftswahlen hätten regulär bereits im November 2024 stattfinden müssen und auch die Parlamentswahlen waren nach der verfassungswidrigen Auflösung des Parlaments durch Umaro Sissoco Embaló im Dezember 2023 längst überfällig. Die führenden Oppositionsparteien, die noch zu Zeiten der portugiesischen Kolonialherrschaft 1956 gegründete Afrikanische Partei der Unabhängigkeit von Guinea und Kapverde (PAIGC), die den Unabhängigkeitskampf angeführt hatte, und die Partei der Sozialen Erneuerung (PRS) sowie die von ihnen angeführten Plattformen PAI-Terra Ranka und API-Cabas Garandi, waren durch den Obersten Gerichtshof von den Parlamentswahlen ausgeschlossen worden. Wie Ruth Monteiro im Interview mit RDP África ausführt, entschied das für die Zulassung zuständige Richtergremium allerdings nicht unparteiisch: Die ihm angehörenden sechs beratenden Richter, statt eigentlich elf, sind alles Gefolgsleute von Sissoco Embaló.</p>
<p>Auch zu den Präsidentschaftswahlen war der Kandidat der PAIGC, Domingos Simões Pereira, Vorsitzender dieser Partei und Präsident der 2023 gewählten Nationalversammlung, unter fadenscheinigen Vorwänden nicht zugelassen worden. Zur Erinnerung: Domingos Simões Pereira und Umaro Sissoco Embaló, MADEM &#8211; G15, eine Abspaltung von der PAIGC, waren bereits bei den Präsidentschaftswahlen im November 2019 Kontrahenten. Domingos Simões Pereira hatte damals in der 1. Runde gut 40% der Stimmen erhalten, unterlag in der Stichwahl im Dezember 2019 aber gegenüber Sissoco Embaló. Aufgrund von Unregelmäßigkeiten focht die PAIGC die Wahlen an. Während der Oberste Gerichtshof jedoch noch über den möglichen Wahlbetrug beriet, wurde das höchste Organ <a href="https://www.opovo.com.br/noticias/mundo/2025/12/08/guine-bissau-golpe-para-que-e-contra-quem.html">von <em>„unbekannten“</em> Militärs gestürmt</a>, der Präsident des Obersten Gerichtshofes musste nach Portugal fliehen und Embaló bemächtigte sich unter Umgehung des Parlaments und unter dem Schutz der Militärs im Februar 2020 selbst des Präsidentenamtes.</p>
<p>Bei den Präsidentschaftswahlen im November 2025 stellten sich die Oppositionsparteien nun hinter den bislang wenig bekannten Kandidaten Fernando Dias da Costa (PRS), der vom Obersten Gerichtshof bereits als unabhängiger Kandidat zugelassen worden war.</p>
<p>Die Wahlen verliefen am 23. November 2025 ruhig und ordnungsgemäß unter engagierter Beteiligung der Zivilgesellschaft, wie die internationalen Wahlbeobachter der Afrikanischen Union und der Westafrikanischen Wirtschaftsunion, ECOWAS, bestätigten. Die Wahlbeteiligung lag bei 65 Prozent. Am 27. November sollte die Nationale Wahlkommission die endgültigen Wahlergebnisse verkünden. Alles deutete darauf hin, dass bei den Präsidentschaftswahlen Fernando Dias da Costa mit großem Vorsprung gegenüber Umaro Sissoco Embaló gewonnen hatte (Dias hatte in 7 von 9 Regionen gewonnen). Nachdem die internationalen Wahlbeobachter jeweils mit Embaló und Dias gesprochen und beide verkündet hatten, sie würden den Wahlausgang akzeptieren, erfolgte ein <em>„Putsch“</em>.</p>
<p>Ein <em>„Hohes Militärkommando</em> <em>zur Wiederherstellung der nationalen Sicherheit und der öffentlichen Ordnung“</em> begründete seine Machtübernahme mit der Entdeckung eines angeblichen <em>„Plans zur Destabilisierung durch Drogenhandel, Wahlmanipulation, Aufstachelung zum Hass und die Entdeckung eines geheimen Waffenlagers“</em>. (Kleiner Exkurs: Bekämpfung des Drogenhandels klingt immer gut, ist hier aber einigermaßen bizarr, da viele Militärs in Guinea-Bissau in den Drogenhandel verstrickt sind und es ein enges Geflecht zwischen Politik, Militär und Drogenhandel gibt. Guinea-Bissau ist der größte Drogen-Umschlagplatz Westafrikas. Und gerade unter der Ägide von Embaló wurde die Aufklärung und Bekämpfung des Drogenhandels im Land stark behindert. Die bereits erwähnte ehemalige Justizministerin Ruth Monteiro musste nach dem Amtsantritt von Sissoco Embaló aufgrund von Morddrohungen das Land verlassen und lebt seitdem in Portugal (siehe dazu die ausgezeichnet recherchierte Reportage des Journalisten Micael Pereira <a href="https://gulbenkian.pt/investigacao-jornalistica/micael-pereira/">„O corredor de Bissau“</a> (deutsch: Der Bissau- Korridor), in der portugiesischen Wochenzeitung Expresso. .</p>
<p>Der Wahlprozess wurde <em>„unterbrochen“</em>, das heißt die Büros der Nationalen Wahlkommission wurden von bewaffneten und vermummten Leuten überfallen, Computer wurden vernichtet und Wahlunterlagen wurden zerstört. Am 27. November verkündete die Nationale Wahlkommission, dass sie die Wahlergebnisse nicht veröffentlichen könne.</p>
<p>Allerdings konnte die portugiesische Tageszeitung <a href="https://www.cmjornal.pt/mundo/detalhe/atas-confirmam-vitoria-de-fernando-dias-da-costa-nas-presidenciais-da-guine-bissau">Correio de Manha wenige Tage später am 4. Dezember 2025</a> verifizierte Zahlen und die Wahlprotokolle veröffentlichen, aus denen hervorging, dass Fernando Dias da Costa mit gut 10.000 Stimmen Vorsprung die Wahlen gewonnen hatte. Und das in der ersten Runde! Ein klares Wählervotum gegen den Amtsinhaber Sissoco Embaló.</p>
<p>Noch am 26. November wurden Domingos Simões Pereira und andere führende Politiker der PAIGC und der PRS verhaftet. Ex-Präsident Embaló flog in den Senegal; er hatte zuvor höchst persönlich französische Medien (die Zeitung Jeune Afrique und den Nachrichtenkanal France 24) telefonisch informiert, er sei abgesetzt und inhaftiert worden. Doch auch im Senegal wollte man Sissoco Embaló nicht haben (es gab Proteste der Zivilgesellschaft und der senegalesische Premier Ousmane Sonko bezeichnete den Putsch als Farce), weshalb dieser nach einem kurzen Aufenthalt nach Brazzaville, Republik Kongo, weiterflog. Sein derzeitiger Aufenthalt ist nicht bekannt, zuletzt wurde er mit Marokko angegeben.</p>
<p>General Horta Inta-a, der Stabschef des abgewählten Präsidenten, wurde vom <em>„Hohen Militärkommando“</em> zum <em>„Übergangspräsidenten“</em> mit weitreichenden Befugnissen bestimmt und stellte bereits am 29. November eine <em>„Übergangsregierung“</em> vor. Ilídio Vierira Té, bisher Finanzminister unter Embaló und Leiter von dessen Wahlkampagne, wurde zum Premierminister und Finanzminister der <em>„Übergangsregierung“</em> bestimmt.</p>
<h3><strong>Übergang von wo …?</strong></h3>
<p>Die seit Jahren chronische Instabilität des Landes wurde durch die fünfjährige Amtszeit Embalós zur Dauerkrise. Neben historischen Ursachen sieht Carlos Lopes im bereits zitierten Radiointerview vor allem in der Zentralisierung und Personalisierung der Macht unter Sissoco Embaló und der damit einhergehenden Schwächung der staatlichen Institutionen den Grund. Als historische Gründe führt Lopes Verrat innerhalb der ehemaligen Befreiungsbewegung, aufeinanderfolgende Parteienspaltungen, die das Parteiensystem zerstört haben, und die Vertiefung der Kluft zwischen dem militärischen und politischen Flügel der PAIGC an.</p>
<p>Embaló hatte von Beginn seiner Amtszeit im Februar 2020 unter Missachtung der Verfassung beziehungsweise ihrer willkürlichen Auslegung regiert. Seine Amtszeit war geprägt von einer Ethnisierung der Politik, internen Unruhen, Übergriffen von Polizei und Militär sowie anderer bewaffneter Akteure auf Oppositionelle innerhalb und außerhalb des Parlaments, auf Gewerkschaftsvertreter, auf Journalisten und unabhängige Radiosender, auf kritische Anwälte und Institutionen der Justiz. Embaló regierte mit nie aufgeklärten und nie bewiesenen Putschvorwürfen, die jedes Mal dazu dienten, die Repression weiter zu verschärfen, den Rechtsstaat auszuhöhlen und demokratische Kontrolle unmöglich zu machen (zur Rolle der Medien und insbesondere der Bürgerradios im politischen Prozess siehe Johanna Mack, <a href="https://de.ejo-online.eu/aktuelle-beitraege/staatskrise-in-guinea-bissau-die-wahrheit-des-staerkeren">Staatskrise in Guinea-Bissau: Die Wahrheit des Stärkeren</a> sowie Tony Tcheka, <a href="https://www.amilcar-cabral-gesellschaft.de/2023/05/31/a-liberdade-de-imprensa-na-guine-bissau/">A liberdade de Imprensa na Guiné-Bissau</a>‘).</p>
<p>Im Mai 2022 löste er das Parlament auf, bevor es dort zur Haushaltsdebatte und einer Debatte über vom Präsidenten eigenmächtig abgeschlossene Rohstoffabkommen kommen konnte sowie zur Debatte einer Verfassungsreform, die die Aufgaben des Präsidenten genauer definieren sollten. Parlamentsneuwahlen wurden erst im Juni 2023 durchgeführt und ein halbes Jahr später löste der Präsident das Parlament erneut auf, obwohl die Verfassung Guinea-Bissaus explizit ausschließt, dass das Parlament in den ersten zwölf Monaten nach seiner Konstituierung aufgelöst werden kann. Hintergrund waren bis heute unbewiesene Korruptionsvorwürfe gegen den damaligen Finanzminister und in diesem Zusammenhang ein erneuter Putschvorwurf, als dessen Urheber der Präsident das Parlament und dessen stärkste Fraktion (PAI-Terra Ranka) bezichtigte (auch hierzu Johanna Mack).</p>
<p>Auch die Judikative hat Embaló gekapert, die Staatsanwaltschaft und der Oberste Gerichtshof sind mit seinen Gefolgsleuten besetzt worden, wie Ruth Monteiro ausführt.</p>
<p>Im Februar 2024 titelte die portugiesische Wochenzeitung <em>Expresso</em>: <a href="https://expresso.pt/internacional/africa/2024-02-06-guine-bissau-o-pais-onde-a-democracia-esta-a-ser-desmembrada-na-sombra-dos-olhares-europeus-9ff8e790">„Guinea-Bissau, das Land, in dem die Demokratie unter den Augen Europas zerlegt wird“</a>.</p>
<p>Ein Jahr später, im August 2025, erfolgte die Ausweisung von portugiesischen Journalisten und Medien und die Schließung ihrer Büros in Guinea-Bissau.</p>
<p>Die Auswirkungen dieser autokratischen Politik auf das alltägliche Leben in Guinea-Bissau sind dramatisch, schildert Ruth Monteiro im Interview mit RDP África: Das Gesundheitswesen liegt darnieder; das Bildungswesen funktioniert nicht, die Bürger haben keinen Zugang zu Recht und Gesetz. Und Carlos Lopes weist auf die gigantische Binnenverschuldung hin, da der Staat von vierteljährlichen Krediten gelebt habe, und erklärt: <em>„Die prekäre</em> (wirtschaftliche) <em>Lage war bereits offensichtlich. Ein Großteil der Staatsschulden</em> <em>finanzierte Militärausgaben, Präsidentenreisen und politische Subventionen. Die Ausgaben für Prestigezwecke übersteigen das Bildungsbudget.“</em> Und er warnt vor den unmittelbaren Folgen des Staatsstreichs für die Bevölkerung: <em>„Es wird sehr schwierig sein, Sanktionsregelungen zu vermeiden, und diese Regelungen könnten Guinea-Bissau den Zugang zum Kapitalmarkt der UEMOA (Westafrikanische Wirtschafts- und Währungsunion) versperren.“ </em>Wenn dies geschehe, verliere der Staat seine wichtigste Finanzierungsquelle.</p>
<h3><strong>&#8230; nach wo?</strong></h3>
<p>Die Zerstörung demokratischer Strukturen und die Personalisierung der Macht wird nun vom <em>„Hohen Militärkommando“</em> weiter vorangetrieben.</p>
<p>Am 8. Dezember 2025 verkündete das <em>„Hohe Militärkommando“</em> eine <em>„Charta des Übergangs“</em>, die die geltende Verfassung des Landes außer Kraft setzte. Sie legt vier Organe fest, die den <em>„Übergang“</em> innerhalb eines Jahres vollziehen sollen:</p>
<ul>
<li>den Übergangspräsidenten mit den Befugnissen, Gesetze und Verordnungen zu erlassen, Minister, Richter und Botschafter zu ernennen, Wahltermine festzulegen und <em>„andere Aufgaben wahrzunehmen, die zur Gewährleistung der Regierungsfähigkeit des Landes erforderlich sind“</em>,</li>
<li>das <em>„Hohe Militärkommando“</em> selbst,</li>
<li>den 65köpfigen <em>„Nationalen Übergangsrat“</em>, dessen Mitglieder von der Militärjunta nominiert werden und der als Parlamentsersatz fungiert, mit jeweils zehn Vertretern der PAIGC und der PRS</li>
<li>und die <em>„Übergangsregierung“</em> unter dem Premierminister Ilídio Vieira Té. Ihr sollen fünf Militärs und 23 Zivilpersonen angehören. Eine sogenannte <em>„inklusive Regierung“</em> soll die PAIGC und PRS mit je drei Ministerposten einschließen. Ein Mitglied der PAIGC hat bereits ein Ministeramt übernommen: Zum Außenminister ernannt wurde João Bernardino Vieira, ein Gegenspieler von Domingos Simões Pereira, der nun auch den Vorsitz in dieser Partei anstrebt.</li>
</ul>
<p>Im Justizapparat wurden weitgehende Machtbefugnisse in den Händen des neu eingesetzten Generalstaatsanwalts, Ahmed Tidiane Baldé, einem Vertrauten von Ex-Präsident Embaló, konzentriert. Er kann nach Belieben Richter verhaften, ersetzen, entlassen oder ernennen, was jedes ordentliche Gerichtsverfahren zunichtemacht (ausführlich dazu: Bernard Schmid in Junge Welt vom 8. Dezember 2025: <a href="https://www.jungewelt.de/artikel/513601.guinea-bissau-putschisten-festigen-macht.html">„Putschisten festigen Macht“</a> und der bereits zitierte Carlos Lopes).</p>
<p>Diese Aneignung des Staates durch die Gruppe um Embaló mit Hilfe der Militärs geht einher mit verstärkter militärischer und polizeilicher Gewalt, dem Verbot von sämtlichen politischen Aktivitäten, darunter Demonstrationen und Streiks, den Überfällen auf Einrichtungen von Menschenrechtsorganisationen, der Entführung von Menschenrechtsaktivisten und der Einführung von Zensur. Pressekonferenzen dürfen nur noch nach vorheriger Genehmigung durch die Militärjunta durchgeführt werden. Antonio Cascais sprach in der Deutschen Welle von einer <a href="https://www.dw.com/de/guinea-bissau-nach-dem-putsch-milit%C3%A4rs-proben-die-flucht-nach-vorn/a-75675878"><em>„Flucht nach vorn“</em> der Militärs</a>.</p>
<p>Bereits nach wenigen Wochen, am 13. Januar 2026, verabschiedete der <em>„Nationale Übergangsrat“</em> eine neue Verfassung, die die politische Macht in den Händen des Präsidenten der Republik konzentriert. Der Präsident ist Staatsoberhaupt und Regierungschef, der Premierminister wird ihm unterstellt und ist an seine Weisungen gebunden. Bernard Schmid titelte seinen Beitrag in Junge Welt: <a href="https://www.jungewelt.de/artikel/515652.guinea-bissau-alle-macht-dem-pr%C3%A4sidenten.html">„Alle Macht dem Präsidenten“</a>. Zugleich änderte der <em>„Nationale Übergangsrat“</em> den Namen des Parlaments: Aus der <em>„Nationalen Volksversammlung</em>“ wurde die <em>„Nationalversammlung</em>“.</p>
<p>Die kurze Zeitspanne für diese Verfassungsänderung lässt vermuten, dass sie schon lange in einer Schublade bereit lag.</p>
<p>Mit Recht fragt <a href="https://www.publico.pt/2026/01/14/mundo/comentario/guinebissau-golpistas-aprovam-presidente-deposto-queria-chama-golpe-2161203">António Rodrigues in der portugiesischen Tageszeitung O Público</a>: <em>„Was ist das für eine Verfassungsänderung, die alle Machtbefugnisse beim Staatsoberhaupt konzentriert, ohne eine verfassungsgebende Versammlung, ohne gewählte Vertreter, ohne politische Debatte, ohne öffentliche Diskussion und ohne Referendum?“</em></p>
<p>Zudem wurde ein neues Parteiengesetz verabschiedet und ein neues Wahlgesetz ist in Vorbereitung. Das neue Parteiengesetz sieht das Verbot von kleineren Parteien vor und unterwirft die Parteien einer stärkeren Kontrolle; eine kuriose erste Auswirkung: die PAIGC soll ihre Parteifahne ändern, weil sie zu sehr der Nationalflagge ähnelt. Dabei gab es die Fahne der PAIGC seit der Gründung der Partei 1956, also vor der Staatsgründung. Eine Einschränkung des Wahlrechts ist zu befürchten. Ein Wahltermin wurde bereits angekündigt: die Wahlen sollen am 6. Dezember 2026 stattfinden. Frei und transparent werden diese Wahlen sicher nicht sein. Die Nationale Wahlkommission hat zudem schon angekündigt, dass sie aus technischen Gründen diesen Termin nicht einhalten könne. Und die Frage ist natürlich, wozu es überhaupt Wahlen geben soll, wenn die Wahlergebnisse doch annulliert werden, wenn sie den Machthabern nicht passen.</p>
<p>Von einer <em>„Rückkehr zur verfassungsmäßigen Ordnung“</em> innerhalb eines Jahres, wie es das <em>„Hohe Militärkommando“</em> proklamiert, kann also keine Rede sein. Umgekehrt: die Rückkehr von Umaro Sissoco Embaló wird vorbereitet und die Verfassung sowie die staatlichen Institutionen werden seinen Vorstellungen und Wünschen angepasst. <em>„Wobei“</em>, so António Rodrigues, <em>„die Militärs eines abgesetzten Präsidenten als Marionetten dienen und Zivilisten bereit sind, bei dieser Farce mitzuspielen. Alle an dem ‚Übergang‘ Beteiligten leugnen vehement, was selbst dem oberflächlichsten Betrachter klar ist: dass sie nur dazu da sind, den Plänen Seiner Exzellenz Umaro Sissoco Embaló zu dienen, dem einzigen Chef von allem, von Cabo Roxo bis Ponta Cagete, von Bolama bis Lugadjol.“</em></p>
<h3><strong>Hartes Vorgehen gegen die Opposition  </strong></h3>
<p>Am 30. Januar 2026 wurden Domingos Simões Pereira und seine Mithäftlinge aus den Zellen des 2. Polizeireviers in Bissau entlassen, nachdem sie dort über 60 Tage ohne Anklageerhebung und ohne richterlichen Beschluss festgehalten worden waren. Begleitet wurden sie dabei vom senegalesischen Verteidigungsminister im Auftrag der Westafrikanischen Wirtschaftsunion. Der aus den Präsidentschaftswahlen als Sieger hervorgegangene Fernando Dias da Costa und Geraldo Martins, Vizepräsident der PAIGC, die nach dem Putsch in der Nigerianischen Botschaft in Bissau Zuflucht gesucht hatten, konnten nach Hause zurückkehren. Damit hat die Militärjunta auf internationalen Druck reagiert. Allerdings ist Domingo Simões Pereira damit nicht in Freiheit, denn die Militärjunta hat ihn – weiterhin ohne richterlichen Beschluss – unter Hausarrest gestellt, er und seine Familie werden rund um die Uhr von bewaffneten Kräften bewacht.</p>
<p><em>„Minimale Zugeständnisse mit maximalem Legitimitätsgewinn (für die Militärjunta), die Wahl von 2025 ist vom Tisch und es gibt keine Sanktionen  ̶  das Geld kann fließen“</em>, kommentiert eine Kennerin der Situation im Land die Überführung von Pereira in den Hausarrest. Denn eigentlich hatten die ECOWAS, die Afrikanische Union und die Gemeinschaft der Portugiesischsprachigen Staaten (CPLP) die bedingungslose Freilassung der politischen Häftlinge gefordert.</p>
<p>Neue Meldungen aus Guinea-Bissau berichten, dass Domingos Simões Pereira vor ein Militärtribunal gestellt werden soll, ihm wird Korruption und Beteiligung an einem „Putschversuch” im Oktober 2025 vorgeworfen. In Bezug auf den Korruptionsvorwurf spricht Ruth Monteiro von einem absurden Konstrukt. Ausgegraben werden Vorwürfe, die in das Jahr 2015 zurückreichen, als Pereira Premierminister war. In einem Gerichtsverfahren gegen den damaligen Finanzminister Geraldo Martins wurden diese Vorwürfe bereits als nachweislich falsch erkannt. Martins wurde freigesprochen. Es geht einzig und allein darum, Domingos Simões Pereira aus dem Weg zu räumen, ihn im wahrsten Wortsinn <em>„fertig zu machen“</em>. Sein Vergehen besteht darin, Umaro Sissoco Embaló eine Niederlage bereitet zu haben und vor allem darin, ein vernünftiger und integerer Mensch und Politiker zu sein.</p>
<p>Umaro Sissoco Embaló dagegen kann sich frei bewegen und pflegt seine internationalen Netzwerke. Letzte Woche soll er sich in Paris aufgehalten haben und dort unter anderem den Präsidenten von Kapverde, José Maria Neves, getroffen haben. Ein Bevollmächtigter von Umaro Sissoco Embaló hat inzwischen beim <em>„Hohen Militärkommando“</em> um die Gewähr einer sicheren Rückkehr nach Guinea-Bissau ersucht.</p>
<h3><strong>Schwierigkeiten der internationalen Diplomatie</strong></h3>
<p>Die Gemeinschaft der portugiesisch sprachigen Länder (CPLP) hatte nach dem Staatsstreich Ende November die Mitgliedschaft Guinea-Bissaus ausgesetzt und die Präsidentschaft, die das Land gerade innehatte, an Osttimor übertragen. Eine hochrangige Delegation der CPLP sollte vom 18. bis 21. Februar in Bissau mit der <em>„Übergangsregierung“</em> und dem <em>„Hohen Militärkommando“</em> Verhandlungen führen mit dem  Ziel, <em>„zur Überwindung der institutionellen Krise beizutragen, die Rückkehr zur demokratischen Normalität und die Achtung der Verfassung zu fördern sowie die Rechte und das Wohlergehen der Bevölkerung zu gewährleisten</em>“, meldete die <a href="https://www.aman-alliance.org/Home/ContentDetail/100300">Nachrichtenagentur Lusa am 11. Februar 2026</a>. Nachdem jedoch Premierminister Xanana Gusmão Guinea-Bissau als „gescheiterten Staat“ charakterisiert hatte und Fernando Vaz, der Pressesprecher des <em>Nationalen Übergangsrats</em>, dann Osttimor als <em>„Nichts“</em> auf der internationalen Bühne und als <em>„Totengräber der CPLP“</em> bezeichnete, <a href="https://www.dw.com/pt-002/timor-leste-cancela-miss%C3%A3o-da-cplp-a-bissau/a-75950118">wurde die Mission abgesagt</a>.</p>
<p>Zurzeit (Stand: 20. Februar 2026) befindet sich Patrice Trovoada, früherer Premierminister von São Tomé und Principe, <a href="https://www.dw.com/pt-002/diplomacia-discreta-de-trovoada-em-bissau-levanta-interroga%C3%A7%C3%B5es/a-76052229">als Sondergesandter der Afrikanischen Union zu Gesprächen in Guinea-Bissau</a>. Er ist bereits mit dem <em>Übergangspräsidenten</em> Horta Inta-a sowie dem Wahlsieger Fernando Dias zusammengetroffen. Sowohl bissau-guineische als auch sao-tomensische Kritiker bezweifeln jedoch, ob Trovoada der geeignete Mann zur Lösung der Krise sei: Zwar verfüge er über große internationale Erfahrung, ihm wird aber auch eine Nähe zu Umaro Sissoco Embaló nachgesagt.</p>
<h3><strong>Hoffnungsschimmer</strong></h3>
<p>Befragt zu ihrer Einschätzung der aktuellen Situation in Guinea-Bissau nach dem Staatsstreich urteilt Iva Cabral, Historikerin und älteste Tochter von Amílcar Cabral, dem Theoretiker und Vorkämpfer der Afrikanischen Unabhängigkeit, die Lage könne gar nicht mehr schlimmer werden. Gleichwohl setzt sie ihre <a href="https://www.rtp.pt/play/p389/e898895/entrevista-rdp-africa">Hoffnung in eine starke Zivilgesellschaft in Guinea-Bissau</a>. Der umtriebige bissau-guineische Soziologe und Umweltaktivist Miguel de Barros vom Centro de Estudos Amílcar Cabral ist ein wesentlicher Motor dieser zivilgesellschaftlichen Bewegung. Er sei hier stellvertretend für die vielen Akteure und Akteurinnen genannt, die in Guinea-Bissau in vielen Bereichen täglich an einer gesellschaftlichen Veränderung wirken. Im vergangenen September 2025 sprach de Barros in Berlin über <a href="https://www.amilcar-cabral-gesellschaft.de/2025/11/08/rueckblick-auf-ein-ereignisreiches-jubilaeumswochenende-19-22-9-2025/">„Soziale Bewegungen und strukturellen Wandel in Afrika</a>“. Demokratie zeige sich in Afrika nicht nur durch Wahlen, sondern vor allem in kollektiven und kreativen Handlungsformen. In Stadtvierteln, kulturellen Initiativen und sozialen Bewegungen entstünden neue Räume bürgerschaftlicher Teilhabe, in denen marginalisierte Gruppen eigene Werte, Symbole und Erzählungen schaffen. Rap, Literatur, Theater oder Street Art eröffnen neue Wege gesellschaftlicher Transformation, indem sie Kunst und politisches Engagement verbinden. De Barros sprach insbesondere von der jungen Generation, die die Veränderung herbeisehne, um endlich eine Zukunft zu haben. Die Gruppe <a href="https://www.youtube.com/@Fartudibos">Fartudibos</a> ist überzeugendes Beispiel für dieses Engagement.</p>
<p><strong>Renate Heß</strong>, Berlin</p>
<p>Die Autorin ist Mitglied der <a href="https://www.amilcar-cabral-gesellschaft.de/">Amílcar-Cabral-Gesellschaft</a>, die 2025 ihr 50jähriges Bestehen feierte, und Übersetzerin von mehreren Autoren aus Guinea-Bissau, unter anderem von Abdulai Sila. Im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> stellte sie ihr Engagement für die Literatur in Guinea-Bissau in dem Beitrag <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/afrikanisches-selbstbewusstsein">„Afrikanisches Selbstbewusstsein“</a> vor. Einige Werke von Abdulai Sila und anderen Autorinnen und Autoren sind in deutscher Sprache verfügbar. Zuletzt erschien in der Edition Noack &amp; Block der von ihr herausgegebene Band <a href="https://www.noack-block.de/verlag/autorinnen-und-autoren/buch/suchbegriff/Pitangabaum/verlagsprogramm/der-pitangabaum-der-nachbarin-2/backPID/suche.html">„Der Pitangabaum der Nachbarin“</a>. Der Band enthält sechs Erzählungen von Waldir Araújo, Amadú Dafé, Edson Incopté, Claudiany Pereira und Marinho de Pina. Übersetzt haben neben Renate Heß Johannes Augel und Rosa Rodrigues.</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Februar 2026, Internetzugriffe zuletzt am 21. Februar 2026. Titelbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Memorial_building_independence_Guinea-Bissau_Madina_de_Bo%C3%A9.jpg">Memorial building for the unilateral declaration of independence of Guinea-Bissau on 1973, September 9<sup>th</sup>, in Madina de Boé</a>, Foto: Gadogado 123, Wikimedia Commons, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en">Attribution-Share Alike 4.0 International</a> license.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Afrikanisches Selbstbewusstsein</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 04 Dec 2024 05:39:08 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Afrikanisches Selbstbewusstsein Renate Heß über Abdulai Sila und die Literatur aus Guinea-Bissau „Tatsächlich habe ich während meines ganzen Lebens viele Dinge infrage gestellt, die man als Folge dieser natürlichen Ordnung ansehen konnte, und ich habe es nie bereut. Wenn wir aufhören nachzufragen, bekommen wir ein Geschenk fürs Leben: ein hohles Gehirn. Mit einem hohlen  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-2 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-2" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Afrikanisches Selbstbewusstsein</strong></h1>
<h2><strong>Renate Heß über Abdulai Sila und die Literatur aus Guinea-Bissau </strong></h2>
<p><em>„Tatsächlich habe ich während meines ganzen Lebens viele Dinge infrage gestellt, die man als Folge dieser natürlichen Ordnung ansehen konnte, und ich habe es nie bereut. Wenn wir aufhören nachzufragen, bekommen wir ein Geschenk fürs Leben: ein hohles Gehirn. Mit einem hohlen Gehirn kann man zwar leben, aber es ist etwas ganz anderes, wenn wir unser Denken befreien und dem Leben mit offenem und wachem Geist begegnen und das Ungewöhnliche suchen. Ungehemmt erneuert sich das Leben in bunter Vielfalt, revidiert ständig die Vernunft und lässt die Leidenschaft aufblühen. Dann können wir aus ihm etwas machen, was die Einfältigen nicht einmal ahnen können. Wenige tolerieren das, niemand versteht es. Voller Vorurteile verdammt man, ohne nachzudenken. / Deswegen erkläre ich: Ich bin nicht verrückt.“ </em>(Abdulai Sila, Die Tage von Kubukaré, übersetzt aus dem Portugiesischen von Renate Heß, Berlin, Edition Noack &amp; Block in der Frank &amp; Timme GmbH, 2023)</p>
<div id="attachment_5502" style="width: 257px" class="wp-caption alignright"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5502" class="wp-image-5502 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Lai_19-247x300.jpg" alt="" width="247" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Lai_19-200x243.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Lai_19-247x300.jpg 247w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Lai_19-400x486.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Lai_19-600x730.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Lai_19-768x934.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Lai_19-800x973.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Lai_19-842x1024.jpg 842w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Lai_19-1200x1459.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Lai_19-1263x1536.jpg 1263w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Lai_19-1684x2048.jpg 1684w" sizes="(max-width: 247px) 100vw, 247px" /><p id="caption-attachment-5502" class="wp-caption-text">Abdulai Sila. Foto: privat.</p></div>
<p><a href="https://camoesberlim.de/de/artistasautores/abdulai-sila/">Abdulai Sila</a> erzählt die im Roman „Die Tage von Kubukaré“ vorgestellte Geschichteaus der Perspektive einer Frau, die für die Befreiung von der Kolonialherrschaft kämpfte und nach dem Sieg erlebt, dass die neue Elite der Sieger die von ihr erhoffte Zukunft zerstört. <em>„Nachdem die Anziehungskraft der Solidarität sich verflüchtigt hat, scheidet sich früh der Diskurs von der Praxis und untergräbt das Fundament und den Zauber der tausendfach versprochenen Morgenröte.“</em> Letztlich gibt es nur noch Verlierer: <em>„Ich verlor, weil Leute gewannen, die andere Werte vertraten als die, für die wir gestern gekämpft hatten. Ich verlor, weil die Partei bereits verloren hatte.“</em></p>
<p>Es ist das Verdienst von Renate Heß und ihrer Kollegin Rosa Rodrigues, dass drei Bücher eines der bedeutendsten portugiesisch schreibenden afrikanischen Autoren auf dem deutschen Buchmarkt verfügbar sind, in der Übersetzung von Renate Heß der bereits zitierte Roman und das Theaterstück „Zwei Schüsse und ein Lachen“ (ebenfalls in der <a href="https://www.noack-block.de/">Edition Noack &amp; Block</a> erschienen), in der Übersetzung von Rosa Rodrigues der Roman „Die letzte Tragödie“ (im <a href="https://www.l-lv.de/">Leipziger Literaturverlag</a>).</p>
<h3><strong>Guinea-Bissau und die Amilcar-Cabral-Gesellschaft</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie kamen Sie nach Guinea-Bissau?</p>
<p><strong>Renate Heß</strong>: <em>Das ist eine lange Geschichte. Ich bin Literaturwissenschaftlerin, Germanistin und habe am Gymnasium unterrichtet. In den 1980er Jahren war ich als DAAD-Lektorin in Portugal. Da wurde mein Interesse an der portugiesischen Sprache und Literatur geweckt. In Lissabon habe ich mit einer jungen Frau zusammengewohnt, die aus Guinea-Bissau kam. Das war etwa zehn Jahre nach der Unabhängigkeit von Guinea-Bissau, die im Jahr 1974 stattfand. Damals bin ich das erste Mal nach Guinea-Bissau gefahren und war inzwischen vier Mal dort, das letzte Mal im Jahr 2022 mit einer Gruppenreise unseres Vereins.</em></p>
<div id="attachment_5529" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5529" class="wp-image-5529 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Renate_Hess-300x214.jpg" alt="" width="300" height="214" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Renate_Hess-200x143.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Renate_Hess-300x214.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Renate_Hess-400x286.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Renate_Hess-600x428.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Renate_Hess.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-5529" class="wp-caption-text">Renate Heß. Foto: privat.</p></div>
<p><em>Nach meiner Rückkehr nach Deutschland wurde ich in einem Verein aktiv, der </em><a href="https://www.amilcar-cabral-gesellschaft.de/"><em>Amilcar-Cabral-Gesellschaft</em></a><em>, die sich nach dem Theoretiker und führenden Vertreter der Befreiungsbewegung in Guinea-Bissau und in Cabo Verde (Kap Verde) benannt hat. Über diesen Verein habe ich Abdulai Sila kennengelernt, zunächst als Verleger, dann auch als Schriftsteller. So entstand ein engerer Kontakt mit afrikanischer Literatur und insbesondere mit Guinea-Bissau. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie würden Sie die Entwicklung in Guinea-Bissau seit der Unabhängigkeit beschreiben?</p>
<p><strong>Renate Heß</strong> (lässt sich Zeit mit der Antwort): <em>Sie merken, ich habe wenig Worte dafür. Es ist schwierig. Es gab viele Krisen. 1998 gab es einen Krieg, der etwa ein Jahr gedauert hat und viel in der Entwicklung zurückgeworfen hat, auch in kultureller Hinsicht. Es gibt im Grunde zwei Dinge: Auf der einen Seite gibt es viele gesellschaftliche und kulturelle Initiativen, auf der anderen Seite sind die staatlichen Institutionen eher ein Hemmnis für die zukünftige Entwicklung.</em></p>
<p><em>Es gibt einige Akteure, auch aus aktuellen Parteien, die eine demokratische Perspektive hätten, aber es gibt immer wieder anti-demokratische Kräfte, so den gegenwärtigen Präsidenten Umaro Sissoco Embaló und die Militärs, die mit ihm verbunden sind, die kein Interesse an einer demokratischen Gesellschaft haben und viele Ansätze zerstören. Im Juni 2023 fanden Parlamentswahlen statt, die sehr ruhig verliefen und eine hohe Beteiligung hatten. Die Zivilgesellschaft hat die Wahlen sehr genau beobachtet, die Wahlergebnisse konnten nicht gefälscht worden. Das Parlament konnte allerdings erst einige Wochen nach den Wahlen zusammentreten. Die neue Regierung hat sehr schnell soziale Maßnahmen ergriffen, der Brotpreis wurde gesenkt, die Schulen fingen wieder an zu funktionieren. Anfang Dezember 2023 hat dann der Präsident das Parlament unter einem Vorwand aufgelöst. Dies widersprach der Verfassung! </em></p>
<p><em>Es gibt nach wie vor Akteure, die Demokratie und Rechtsstaat zu verteidigen versuchen, sowie eine breite Bewegung von Bürgerradios, die dafür sorgen, dass Informationen im Land verbreitet werden, bis in die fernsten Ecken des Landes. Es gibt einen funktionierenden Journalistenverband, es gibt ein vom </em><a href="https://wfd.de/"><em>Weltfriedensdienst</em></a><em> unterstütztes Projekt, die </em><a href="https://wfd.de/projekte/mehr-demokratie-wagen-menschen-motivieren-und-beteiligen/"><em>Kumpuduris di paz</em></a><em>. Man könnte sie Friedensstifter nennen, die im ganzen Land Zuspruch finden, ein Netzwerk geschaffen haben und versuchen, Konflikte friedlich zu lösen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie hoch ist die politische Repression?</p>
<p><strong>Renate Heß</strong>:<em> Journalisten werden verfolgt, beleidigt, zusammengeschlagen. Seit Beginn des Jahres 2024 gab es immer wieder Demonstrationen gegen den Abbau von Demokratie und Rechtsstaat, landesweit gerade wieder im Mai 2024. Verschiedene zivilgesellschaftliche Organisationen hatten sich in einer Frente Popular zusammengetan. Sie wurden massiv gehindert, Mitglieder willkürlich verhaftet und erst nach einigen Tagen wieder freigelassen. Selbst im Ausland, in der Diaspora werden Menschen bedroht und eingeschüchtert.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein leider übliches Verfahren von repressiven Regimen im Ausland. Ich dachte zuletzt noch daran, als Biniam Girnay, ein Radprofi aus Eritrea, beim Tour de France 2024 das grüne Trikot gewann. Eritrea ist ein besonders berüchtigtes Beispiel für Verfolgung und Einschüchterung oppositionell eingestellter Menschen im Ausland, auch mit Unterstützung von im Ausland lebenden Eritreern, die das dortige Regime unterstützen. Das nur am Rande. Die Amilcar-Cabral-Gesellschaft befasst sich auch mit den Entwicklungen in Cabo Verde, einem eigenen Staat, der 1975 unabhängig vom Kolonialland Portugal wurde.</p>
<div id="attachment_5506" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5506" class="wp-image-5506 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Amilcar-Cabral-300x219.png" alt="" width="300" height="219" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Amilcar-Cabral-200x146.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Amilcar-Cabral-300x219.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Amilcar-Cabral-400x292.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Amilcar-Cabral-600x438.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Amilcar-Cabral.png 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-5506" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Cabral_2.png">Amilcar Cabral</a>. Foto: Wikimedia Commons.</p></div>
<p><strong>Renate Heß</strong>: <em>Die Unabhängigkeitsbewegung unter Amilcar Cabral kämpfte für die Unabhängigkeit beider Länder. Es gibt enge Verflechtungen zwischen den beiden Ländern. Amilcar Cabral ist in Guinea-Bissau geboren, aber seine Eltern stammten aus Cabo Verde. Das hängt auch damit zusammen, dass die portugiesische Kolonialgesellschaft sich oft auf Leute aus Cabo Verde stützte und diese in der Verwaltung eingesetzt hatte. Der Vater von Amilcar Cabral war Lehrer und hatte in Guinea-Bissau unterrichtet. Die Verbindung zwischen beiden Ländern wurde sehr früh von Guinea-Bissau gelöst. </em></p>
<p><em>Vielleicht darf ich zum Rahmen, den wir gerade abstecken, noch einen wichtigen Punkt nennen. Es gibt etwa 30 ethnische Gruppen mit über 25 Sprachen in Guinea-Bissau. Es gibt fünf ethnische Hauptgruppen. In dem Unabhängigkeitskampf wurde auch versucht, diese Gruppen zusammenzuführen. Dabei spielte das Kriol von Guinea-Bissau eine wichtige Rolle. Manche sagen heute, das sei die guineische Sprache, die Verkehrssprache. Aber es gibt neben dem Kriol noch verschiedene andere Landessprachen.</em></p>
<h3><strong>Literarische Aufarbeitung der Kolonialgeschichte</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Warum schreiben Autoren und Autorinnen aus Guinea-Bissau auf Portugiesisch?</p>
<p><strong>Renate Heß</strong>: <em>Das ist ambivalent. Das Portugiesische ist eine Sprache, die man bis heute in der Schule lernt, die auch den Austausch mit anderen portugiesisch sprachigen Ländern erlaubt. Andererseits ist es die Sprache der ehemaligen Kolonialherren, die sich allerdings auch – wie in Angola oder Mosambik – mit der Zeit verändert hat. Bestimmte Begriffe unterscheiden sich. Bei Abdulai Sila und anderen Autorinnen und Autoren gibt es auch einen starken Einfluss der anderen Sprachen des Landes. Und vor etwa zwei Jahren hat Abdulai Sila mit „Deih” erstmals ein Theaterstück in Kriol geschrieben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie viele Menschen können die Texte von Abdulai Sila und seinen Kolleginnen und Kollegen in Guinea-Bissau lesen?</p>
<p><strong>Renate Heß</strong>: <em>Etwa ein Viertel der Bevölkerung beherrscht das Portugiesische. Das Land hat etwa zwei Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Es ist schon ein beschränkter Kreis.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der Markt würde dann auch Portugal, Brasilien, Angola, Mosambik einbeziehen?</p>
<p><strong>Renate Heß</strong>: <em>Ja, genau.</em> <em>Es bestehen auch organisatorisch Verbindungen zu den anderen portugiesisch sprachigen Ländern. Abdulai Sila hat 1994 mit Teresa Montenegro, einer Chilenin, die in Guinea-Bissau lebt, und Fafali Koudawo, der inzwischen verstorben ist, den ersten privaten Verlag in Guinea-Bissau gegründet, den </em><a href="https://www.kusimon.com/"><em>Verlag Ku Si Mon</em></a><em>. „Ku Si Mon“, das heißt etwa „mit eigenen Händen“, „mit eigener Kraft“. Es war die Zeit, in der das Einparteiensystem im Land endete und auch die Zensur abgenommen hatte. Der Verlag gehört zu einer Allianz unabhängiger Verlage, zu der Verlage aus Brasilien, Angola, Mosambik und mittlerweile auch ein Verlag aus Portugal gehören.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gibt es eine literarische Aufarbeitung der Kolonialgeschichte?</p>
<p><strong>Renate Heß</strong>: <em>Es gibt eine Art Aufarbeitung in Portugal, durchaus zunehmendes Interesse, auch an der Beziehung zwischen Portugal und den ehemaligen Kolonien. Es gibt aber auch immer verschiedene Wellen. Ich kann das für die Literatur sagen. In den 1980er und 1990er Jahren gab es zum Beispiel den Roman „Die Küste des Raunens“ der portugiesischen Autorin </em><a href="https://camoesberlim.de/de/artistasautores/lidia-jorge/"><em>Lídia Jorge</em></a><em> (die deutsche Übersetzung von Karin von Schweder-Schreiner 1995 bei Suhrkamp) oder </em><a href="https://www.zeit.de/2012/32/L-Antunes-Der-Judaskuss"><em>„Der Judaskuss“ von Antonio Lobes Antunes</em></a><em> (die deutsche Übersetzung von Ray-Güde Mertin 1987 bei Hanser). Thema waren der Kolonialkrieg und die Verbrechen während des Kolonialkrieges. </em></p>
<p><em>Das Thema verschwand einige Zeit, aber inzwischen gibt es wieder eine Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte und der Entwicklung der portugiesischen Kolonialherrschaft. Dazu gehören </em><a href="https://www.haymonverlag.at/produkt/schwerkraft-der-traenen/"><em>Yara Nakahanda Monteiro, „Schwerkraft der Tränen“</em></a><em> (die deutsche Übersetzung von Michael Kegler 2022 im Haymon-Verlag, </em><a href="https://www.perlentaucher.de/buch/dulce-maria-cardoso/die-rueckkehr.html"><em>Dulce Maria Cardoso, „Die Rückkehr“</em></a><em> (die deutsche Übersetzung von Steven Uhly 2021 bei Suhrkamp), </em><a href="https://www.wallstein-verlag.de/9783835375611-roter-staub.html"><em>Isabela Figueiredo, Roter Staub</em></a><em> (Übersetzung von Markus Sahr 2019 bei Weidle). Zu nennen wäre vielleicht auch die Lyrikerin </em><a href="https://camoesberlim.de/de/artistasautores/ana-paula-tavares/"><em>Ana Paula Tavares</em></a><em>, eine in Portugal ansässige Angolanerin. Ihre zweisprachige Werkauswahl „Árvore da Febre – Fieberbaum“ erschien 2010 bei der Edition Delta in der Übersetzung von Juana und Tobias Burghardt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Kehren wir zurück zur Literatur aus Guinea-Bissau. Neben den drei Büchern von Abdulai Sila, die Sie und Ihre Kollegin Rosa Rodrigues übersetzt haben, ist die Zahl der aus Guinea-Bissau ins Deutsche übersetzten Bücher doch recht überschaubar.</p>
<p><strong>Renate Heß</strong>: <em>Die Übersetzungen von Literatur aus Guinea-Bissau ins Deutsche lassen sich mehr oder weniger an einer Hand abzählen. Neben den genannten Büchern von Abdulai Sila gibt es einen Gedichtband von </em><a href="https://www.lyrikline.org/de/autoren/tony-tcheka"><em>Tony Tcheka</em></a><em>, ein Autor aus derselben Generation wie Abdulai Sila. Er ist Journalist, Schriftsteller, lebt zurzeit in Portugal. Diesen Gedichtband hat </em><a href="https://camoesberlim.de/de/pl21_tradutores/niki-graca/"><em>Niki Graça</em></a><em> übersetzt. Das Buch erschien unter dem Titel </em><a href="https://www.hochroth.de/6189/tony-tcheka-guinea/"><em>„Guinea“</em></a><em> 2020 bei hochroth Berlin. Eine Anthologie finden Sie mit </em><a href="https://www.dtv.de/buch/cronicas-lusofonas-lusophone-kolumnen-9560"><em>„Lusophone Kolumnen – Zeitgenössische Alltagsbetrachtungen aus portugiesischsprachigen Ländern“</em></a><em>; ein zweisprachiger Band (herausgegeben von Luísa Costa Hölzl, übersetzt von Michael Kegler), der bei dtv erschien. Darin gibt es zwei Texte von Abdulai Sila und </em><a href="https://www.nosdiario.gal/articulo/lusofonia/odete-semedo-discreta-voz-criadora-da-mulher/20151114232730042379.html"><em>Odete Semedo</em></a><em>, auch sie gehört zur Generation von Abdulai Sila. Die drei Bücher von Abdulai Sila sind im Grunde der Kern der Literatur aus Guinea-Bissau, die in die deutsche Sprache übersetzt wurde. Und im Februar 2024 hat meine Kollegin Rosa Rodrigues im Leipziger Literaturverlag die Übersetzung eines Romans des vielversprechenden jungen Autors <a href="https://l-lv.de/neu/dafe-amadu-jasmim.html">Amadú Dafé</a> vorgelegt: „Jasmin”.  </em></p>
<p><em>Im Jahr 2022 habe ich den Erzählband „Fora de Jogo“, zu Deutsch „Abseits“, ein Begriff aus der Fußballsprache, bei einer kleinen Buchmesse in Guinea-Bissau entdeckt. Ein Band mit zwölf Erzählungen von vier Autoren und einer Autorin der jüngeren Generation. Themen sind zum Beispiel Migration nach Europa, Schatten der Vergangenheit, Verfolgung sexueller Andersartigkeit, Verrücktsein als Befreiung in der Diaspora. Der einzige Autor dieser Anthologie, von dem in deutscher Sprache bereits ein Buch vorliegt, ist Amadú Dafé.</em></p>
<p><em>Ich habe als erste die Erzählung „Die Lese“ („A Colheita”) von Marinho de Pina gelesen und hatte gleich Lust, das zu übersetzen. Am nächsten Tag habe ich den Autor getroffen. Er war sofort einverstanden. Im Gespräch in unserem Verein kam die Idee, wir könnten doch die ganze Anthologie übersetzen. Unser Verein wird im Jahr 2025 50 Jahre alt und das Vereinsjubiläum wäre eine gute Gelegenheit für die Veröffentlichung einer solchen Übersetzung. Die Übersetzung ist nicht einfach, denn die Erzählungen weisen unterschiedliche Sprachvarianten des Portugiesischen auf (Brasilien, Guinea-Bissau, Mosambik) sowie einen starken Einfluss des guinea-bissauischen Kriol. Johannes Augel, Rosa Rodrigues und ich übersetzen die zwölf Erzählungen und wir streben eine Veröffentlichung zur Leipziger Buchmesse 2025 an. </em></p>
<p><em>Übersetzungen aus dem Portugiesischen sind auf dem Buchmarkt allerdings eine Nische. Mut, Bücher von bei uns nicht bekannten Autorinnen und Autoren aus afrikanischen Ländern zu publizieren, ist dann noch etwas ganz Besonderes. Der Leipziger Literaturverlag hat schon länger eine portugiesische Reihe. Durch eine glückliche Verbindung ergab sich für mich der Kontakt zur Edition Noack &amp; Block. Die Finanzierung der Publikationen erfolgt zum Teil auch über eine Förderung von Übersetzungen aus dem Portugiesischen durch das </em><a href="https://www.instituto-camoes.pt/en/"><em>Instituto Camões</em></a><em> und die Generaldirektion für Bücher, Archive und Bibliotheken (DGLAB). Es gab für die Leipziger Buchmesse 2021 ein eigenes Förderprogramm, da Portugal damals Gastland war. Die Buchmesse fand dann leider nur virtuell statt. </em></p>
<h3><strong>Der Weg zu Abdulai Sila </strong></h3>
<div id="attachment_5503" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><a href="https://l-lv.de/neu/Sila--Abdulai--Die-letzte-Tragoedie.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5503" class="wp-image-5503 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Sila_Tragoedie-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Sila_Tragoedie-200x300.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Sila_Tragoedie.jpg 399w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /></a><p id="caption-attachment-5503" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Warum haben Sie Abdulai Sila übersetzt?</p>
<p><strong>Renate Heß</strong>: <em>Weil er es verdient. Aber da kommen viele verschiedene Gründe zusammen. Ich habe Abdulai Sila 1997 auf der Frankfurter Buchmesse kennengelernt. Er war als Verleger eingeladen. </em><a href="https://publications.iai.spk-berlin.de/servlets/MCRFileNodeServlet/Document_derivate_00002198/BIA_047_309_337.pdf"><em>Moema Parente Augel</em></a><em>, eine brasilianische Literaturwissenschaftlerin, die in Bielefeld lebt, hat in den 1990er Jahren in Guinea-Bissau sich sehr für die Literatur des Landes engagiert und mit vielen Autorinnen und Autoren gesprochen, die ihre Manuskript-Schubladen geöffnet haben. Es gab eine Möglichkeit, Bücher mit EU-Geldern zu veröffentlichen. Moema hat mich 1997 angerufen – ich wohnte damals in Darmstadt – und gefragt, ob ich für einen Schriftsteller, der zur Buchmesse käme, etwas tun könnte. Ich habe dann eine Lesereise für Abdulai Sila organisiert. Es gab einen Auszug aus dem Roman </em><a href="https://camoesberlim.de/de/pl21_novolancamento/die-letzte-tragodie/"><em>„Die letzte Tragödie“</em></a><em>, veröffentlicht in der österreichischen </em><a href="http://www.sterzschrift.at/wasist.html"><em>Kulturzeitschrift Sterz</em></a><em>, und einen aus dem </em><a href="https://www.mistida.com/livros/mistida/"><em>Roman „Mistida“</em></a><em> (ein Wort aus dem Kriol mit vielen Bedeutungen, etwa: Probleme, Angelegenheiten, Notwendigkeiten ), den Johannes Augel eigens für diese Lesereise übersetzt hat. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die <a href="https://l-lv.de/neu/Sila--Abdulai--Die-letzte-Tragoedie.html">im Leipziger Literaturverlag lieferbare deutsche Ausgabe</a> hat dann Ihre Kollegin Rosa Rodrigues übersetzt.</p>
<p><strong>Renate Heß</strong><em>: Daraus entstand meine Freundschaft mit Abdulai Sila. Wir haben uns immer getroffen, wenn er nach Deutschland kam. Ich habe ihn mehrfach interviewt. 2012 oder 2013 schickte er mir das Manuskript seines Theaterstücks </em><a href="https://www.noack-block.de/verlag/autorinnen-und-autoren/buch/verlagsprogramm/abdulai-sila-zwei-schuesse-und-ein-lachen/backPID/abdulai-sila.html"><em>„Zwei Schüsse und ein Lachen&#8220;</em></a><em> und fragte, ob ich nicht ein paar Zeilen dazu schreiben könnte. Ich habe das Buch, das 2013 in Bissau erschienen ist, gelesen und es entstand ziemlich bald mein Wunsch, es zu übersetzen. Der Text hat mich sehr angesprochen. Außerdem war es einer der ersten Theatertexte aus Guinea-Bissau. Und es gab – abgesehen von den genannten kurzen Ausschnitten – noch keine literarischen Übersetzungen ins Deutsche aus Guinea-Bissau. Es dauerte aber dann noch einige Zeit, bis es zur Übersetzung kam.</em></p>
<p><em>Abdulai Sila hat als Romancier angefangen. „Zwei Schüsse und ein Lachen“ („Dois Tiros e Uma Gargalhada“) ist sein zweites Theaterstück, nach dem (nicht in deutscher Sprache vorliegenden) Stück „As Orações de Mansata“ („Die Gebete Mansatas“). Beide Bücher gehören zusammen, wie man schon auf den Covern der Bücher sieht, eine Figur, die einmal mit dem Gesicht, einmal mit dem Rücken zum Betrachter zu sehen ist. Es gibt dazu ein drittes Stück, das schon geschrieben, aber noch nicht veröffentlicht ist. Inzwischen hat Sila sich ganz auf das Theater verlegt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gibt es Aufführungen auch in Deutschland?</p>
<p><strong>Renate Heß</strong>: <em>Leider kaum. „As Orações de Mansata“ hat seine Welturaufführung 2010 in portugiesischer Sprache durch eine studentische Theatergruppe in Köln erlebt. 2013 hat es eine Theatergruppe aus Coimbra mit Schauspielern aus verschiedenen portugiesischsprachigen Ländern aufgeführt und ist damit auch auf Tournee gegangen, in Portugal, in Spanien, in Guinea-Bissau. In Angola jedoch wurde die Aufführung drei Stunden vor Beginn verboten. 2023 gab es in Berlin eine szenische Lesung von „Zwei Schüsse und ein Lachen“ über den Verein </em><a href="https://www.drama-panorama.com/"><em>drama panorama</em></a><em>. Abdulai Sila, der sehr gut Deutsch spricht, war zugeschaltet, sodass man ihm auch Fragen stellen konnte. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was finden wir in den Theaterstücken, die noch nicht in deutscher Sprache vorliegen? Vielleicht wissen Sie auch schon etwas über das noch nicht veröffentlichte dritte Stück?</p>
<p><strong>Renate Heß</strong>: <em>„As Orações de Mansata“ ist eine Adaption von Shakespeares „Macbeth” an afrikanische Verhältnisse. Es geht in der Trilogie um Macht und Machtmissbrauch, ein immer wieder aktuelles Thema in Guinea-Bissau. Die Stücke sind verbunden durch Textverweise und durch ihre Figuren, zum Beispiel durch ihre Gegenspieler. Während das erste Stück damit endet, dass sich die Rivalen um den Machtanspruch alle gegenseitig umbringen, gibt es in „Zwei Schüsse und ein Lachen“ ein Happy End. Mit Hilfe der Weisheit der „Homens Grandes”, den geachteten Ältesten in der guinea-bissauischen Gesellschaft, werden Gewalt, Korruption und politische Morde überwunden. Es geht auch darum, wie sich die Intellektuellen zur Macht verhalten.  </em></p>
<p><em>In einem Prozess am Ende des Stücks stellt Dimmo, eine der Hauptfiguren, die Frage: „Wie lässt sich erklären, dass jemand, der am eigenen Leib die furchtbaren Auswirkungen der Dummheit, der Inkompetenz, der Korruption, der Misswirtschaft und aller Verfehlungen der Vergangenheit erfahren hat, nun den gleichen Weg einschlagen will, den die genommen haben, die unser Land zerstört haben?“ </em></p>
<p><em>Erwähnen möchte ich noch ein neues Theaterstück von Abdulai Sila, das 2022 im Frühjahr in Bissau aufgeführt wurde, „Deih“, was so viel heißt wie „innige Verbundenheit“, „Freundschaft“. Sila hat das Stück in Kriol geschrieben. Es ist die Geschichte von zwei Frauen aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen. Die eine stirbt bei der Geburt ihres Kindes an den katastrophalen Verhältnissen im Krankenhaus. Die Freundin nimmt das Kind auf, erzieht es und studiert Medizin, um etwas zu verändern. </em><a href="https://www.youtube.com/watch?v=S7pQmbZtuG0"><em>Abdulai Sila hat es selbst inszeniert</em></a><em>. Da das Stück ein Auftragswerk des Französischen Kulturzentrums in Guinea-Bissau war, erschien es danach in einer zweisprachigen Ausgabe in Kriol und Französisch.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie sieht es mit der Rezeption der Literatur aus Guinea-Bissau und insbesondere von Abdulai Sila in Portugal aus?</p>
<p><strong>Renate Heß</strong>: <em>Abdulai Sila sowie andere guinea-bissauische Autoren werden in universitären Kreisen wahrgenommen. Es gibt in Portugal an der </em><a href="https://www.uc.pt/en"><em>Universität von Coimbra</em></a><em> innerhalb des Studiengangs „Portugiesisch sprachige Literatur“ einen Schwerpunkt „Afrikanische Literaturen“. José Luís </em><a href="https://archive.org/details/literaturas-africanas-de-expressao-portuguesa-pires-laranjeira"><em>Pires Laranjeira</em></a><em> hatte den Lehrstuhl inne, ist aber inzwischen im Ruhestand. Er hat mehrfach über Abdulai Sila geschrieben. In seiner Rezension der 2023 in der „Trilogia de Padjigada“ veröffentlichten neuesten Theaterstücke von Abdulai Sila äußert er sein Unverständnis darüber, dass Abdulai Sila noch nicht mit dem </em><a href="http://livro.dglab.gov.pt/sites/DGLB/Portugues/premios/PremioCamoes/Paginas/PremioCamoes.aspx"><em>Premio Camões</em></a><em> ausgezeichnet worden sei, dem bedeutendsten Literaturpreis der portugiesisch sprachigen Welt. Abdulai Sila gelinge es, die gesellschaftlichen Verhältnisse scharf zu analysieren. </em></p>
<p><em>Ein weiterer Aspekt der Rezeption kommt aus dem Kreis ehemaliger portugiesischer Soldaten, die in Afrika stationiert waren und sich untereinander vernetzt haben. Einer von ihnen, der sich sehr für die Literatur in Guinea-Bissau interessiert, bespricht in seinem Blog auch immer wieder Bücher von Abdulai Sila und anderen Autoren, wie zum Beispiel Amadú Dafé. Seiner Meinung nach sind diese Bücher eine unverzichtbare Lektüre in Portugal. Das sind keine literaturwissenschaftlichen Analysen, ist aber für die Rezeption wichtig und letztlich auch ein Zeichen der Aufarbeitung der Kolonialherrschaft in Portugal.      </em></p>
<h3><strong>Stil und Anliegen von Abdulai Sila</strong></h3>
<div id="attachment_5504" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.noack-block.de/verlag/autorinnen-und-autoren/buch/suchbegriff/Abdulai%20Sila/verlagsprogramm/abdulai-sila-zwei-schuesse-und-ein-lachen/backPID/suche.html?sword=Abdulai%2520Sila"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5504" class="wp-image-5504 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Sila_Schuesse-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Sila_Schuesse-200x301.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Sila_Schuesse.jpg 296w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /></a><p id="caption-attachment-5504" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie würden Sie den Stil Abdulai Silas beschreiben?</p>
<p><strong>Renate Heß</strong>: <em>Abdulai Sila schreibt mit Humor und sehr subtil. Nehmen wir zum Beispiel das Stück „Zwei Schüsse und ein Lachen”. Mit Witz und Ironie entwirft Sila ein Gegenmodell zur aktuellen politischen Realität und ruft zur Versöhnung auf. Er fordert eine Dekolonisierung des Denkens und damit ein Überdenken des Verhältnisses der Bürger (und Politiker) zur Macht. Ich fand es sehr schade, dass meine Freunde das Theaterstück nicht sehen oder lesen konnten, auch in unserem Verein. Humor kann man nicht einfach weitererzählen, das muss man lesen und sehen. Silas Theaterstücke zeigen uns eine moderne afrikanische Gesellschaft, die so gar nicht unseren Klischeevorstellungen von Afrika entspricht und die sehr viel mit uns Europäern zu tun hat. Abdulai Sila thematisiert die politischen Krisen in Guinea-Bissau in den letzten Jahrzehnten, eigentlich seit der Unabhängigkeit, insbesondere aber nach dem Bürgerkrieg in den späten 1990er Jahren. Die politischen Konflikte wurden oft gewaltsam ausgetragen, politische Gegner wurden als „Verräter&#8220; gebrandmarkt und beseitigt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich erlaube mir, ein Beispiel für den Humor und die Ironie in den Büchern von Abdulai Sila zu zitieren. In „Die letzte Tragödie“ denkt die männliche Hauptperson über das Verhältnis von Schwarzen und Weißen nach: <em>„Die Weißen arbeiten wenig, aber denken viel; die Schwarzen arbeiten viel, aber denken wenig.“</em> In diesem Satz stecken ein ganzes politisches Programm und alle Schwierigkeiten, dieses Programm auch zu verwirklichen.</p>
<p>Ich habe die Bücher von Abdula Sila als sehr ambivalent erlebt, gerade weil es keine eindeutige Trennung von Gut und Böse gibt, weil sie interne Konflikte ebenso zeigen wie die Kolonialherrschaft. Auch in <a href="https://www.noack-block.de/verlag/autorinnen-und-autoren/buch/verlagsprogramm/abdulai-sila-die-tage-von-kubukare/backPID/abdulai-sila.html">„Die Tage von Kubukaré“</a>. Die Geschichte wird aus der Perspektive einer jungen Frau erzählt, die viele idealistische Ideen hat, aber dann von der Partei zur Krankenschwester gemacht wird. Das kann sie, aber das war nicht ihr Traum. Ihre politischen Ideen haben da keinen Platz.</p>
<p><strong>Renate Heß</strong>: <em>Bei dem bisher letzten Roman von Abdulai Sila, „Die Tage von Kubukaré&#8220;, hat mich von Anfang an diese starke Frauenfigur fasziniert. Sila schildert das außergewöhnliche Leben einer Frau, die sich auf der Suche nach einem selbstbestimmten Leben dem Kampf um die Unabhängigkeit Guinea-Bissaus anschließt. Zwei Themen sind dabei miteinander eng verknüpft, nämlich der Befreiungskampf Guinea-Bissaus gegen die portugiesische Kolonialherrschaft und der Emanzipationsprozess der Frau. Bemerkenswert finde ich, wie Sila das Geschehen aus der Perspektive der Frau erzählt. Deshalb wollte ich das Buch auch unbedingt übersetzen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich darf aus dem Roman zitieren: <em>„Wir wenden das Blatt und siehe da, die Geschichte tendiert zur Wiederholung, bevor sie Geschichte ist. Unsere wahre Geschichte. Nachdem die Anziehungskraft der Solidarität sich verflüchtigt hat, scheidet sich früh der Diskurs von der Praxis und untergräbt das Fundament und den Zauber der tausendfach versprochenen Morgenröte. Die Ideologie des <u>Tafal-Tafal</u>, des Betrugs, macht sich breit und verhängt eine graue und lahmende Zukunft. / Der Unglaube erreicht eine kollektive Dimension und die Barbarei überschreitet die Grenzen des Beschreibbaren.“ </em>In dem Roman wechseln reflektierende Passagen der Hauptperson mit den erzählenden Passagen ab und in einer solchen Stelle erfahren wir alles über ihre Träume und zugleich über deren Zerstörung.</p>
<p><strong>Renate Heß</strong>: <em>Ich denke, vielleicht habe ich mit „Diskurs von der Praxis“ einen Übersetzungsfehler gemacht. Ich hätte auch schreiben können: „das Wort von der Tat“. Aber ich wollte den politischen Begriff, denn so wird in einer politischen Partei gesprochen. Abdulai Sila verfolgt das Ziel der Dekolonialisierung des Denkens. Der Kolonialismus hat Spuren hinterlassen, aber es kommt nicht nur von den Weißen, sondern er ist auch in den Menschen drin, die Denkmuster des Kolonialismus übernommen haben. </em></p>
<h3><strong>Assimilados</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Interessant ist das Bild von Europa, das Bild der <em>„Weißen“</em>, wie es Abdulai Sila – ich möchte es einmal so nennen – dekonstruiert. Ich nenne einige Beispiele, auch aus anderen Texten:</p>
<ul>
<li>In der Erzählung „Die Lese“ von <a href="https://www.buala.org/pt/autor/marinho-de-pina">Marinho de Pina</a> träumt ein junger Mann, davon, dass man in Europa, in Portugal, in <em>„terra-branco“</em> das Geld auf der Straße auflesen könnte. Sein Vater ist kein armer Mann, aber da gibt es den Imam, der reich zu sein scheint und in der Lage ist, seine eigene Moschee zu bauen. Da <em>„fragte ich jetzt, wo mein Vater zögerte oder gar aufgeben wollte, nur danach, wie es in <u>Europa</u> war, statt danach zu fragen, wie man nach <u>Europa</u></em> <em>kommt.“</em> Es muss <em>„Zauberei“</em> sein, wie die Menschen in Europa, <em>„die Weißen“,</em> sich dort ein schönes Leben machen.</li>
</ul>
<ul>
<li>Ein Gegenbild ist der junge Mann in der Erzählung „Eine Frage der Freiheit“ von Edson Incopté (ebenfalls in „Fora de Jogo“), dem es vorherbestimmt ist, seinem Vater nachzufolgen und der deshalb aus Portugal nach Guinea zurückkehren muss: „<em>In Guinea-Bissau war sein Leben schon vorherbestimmt. Es war nicht nur vorherbestimmt, sondern es war auch klar, dass er eines Tages in Braia den Thron seines Vaters erben würde.“</em> Es war <em>„von Geburt an sein Schicksal (…) eine Mission zu erfüllen.“</em></li>
</ul>
<ul>
<li>In „Die Tage von Kubukaré“ lesen wir: <em>„Das Leben ist eine Abfolge von Augenblicken. (…) Und wie in einem Science-Fiction-Film lassen wir uns von unseren Sinneseindrücken täuschen. Die Realität ist das eine, unsere vorurteilsbehaftete Interpretation dieser Realität ist etwas anderes. Manchmal näheren sie sich an, sind aber immer verschieden. Nie sind sie identisch.“</em></li>
</ul>
<div id="attachment_5505" style="width: 209px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.noack-block.de/verlag/autorinnen-und-autoren/buch/suchbegriff/Abdulai%20Sila/verlagsprogramm/abdulai-sila-die-tage-von-kubukare/backPID/suche.html?sword=Abdulai%2520Sila"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5505" class="wp-image-5505 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Sila_Kubukare-199x300.jpg" alt="" width="199" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Sila_Kubukare-199x300.jpg 199w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Sila_Kubukare-200x301.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Sila_Kubukare.jpg 347w" sizes="(max-width: 199px) 100vw, 199px" /></a><p id="caption-attachment-5505" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Renate Heß</strong>: <em>Es gibt in „Die Tage von Kubukaré“ eine Szene, in der das Mädchen in die Schule geschickt wird. Die Mädchen mussten eine Perücke tragen, wenn sie in die Schule oder in die Kirche gingen, damit man das krause Haar nicht sieht. Sie musste sich mit der Perücke als Afrikanerin verleugnen, dabei war das Afrikanisch-Sein ihr Traum von Freiheit: „Ich entdeckte die magische Bedeutung, afrikanisch zu werden, die Faszination der Unabhängigkeit. (…) Eine neue Welt entstand, ein Traum wurde wahr. Allen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, selbst den Weißen, in einem Ausweis ohne diskriminierendes ‚B‘ seinen eigenen Namen zu tragen, ohne dass es ein Pseudonym oder ein von den Weißen gegebener Beiname war, ohne Perücke zur Schule gehen zu können, unsere Kleidung zu tragen und unsere eigene Sprache ohne Gewissensbisse und Komplexe sprechen zu können, in Frieden und Harmonie mit allen zu leben! Wie wundervoll war es, sich als Afrikaner zu begreifen!“</em></p>
<p><em>Es gab ein Gesetz, das „Statut der Indigenen”, das die Rechte und Pflichten der indigenen Bevölkerung festlegte und die Gesellschaft in „Indigene”, „Assimilados” und „Staatsbürger” einteilte. Assimilado konnte man nur werden, wenn man alles ablegte, was afrikanisch war. Man musste lesen und schreiben können, was auch viele Portugiesen nicht konnten, man musste sich kleiden wie die Europäer, man musste die eigenen Sitten und Gepflogenheiten ablegen. Dazu gehörte das Tragen der Perücke bei den Mädchen.</em></p>
<p><em>Vor zwei Jahren ist mir in Guinea-Bissau aufgefallen, dass viele Frauen Perücken tragen, selbst in den Dörfern. Vor allem, wenn sie sich chic machen und ausgehen. Das ist eine neue Entwicklung in Guinea-Bissau. Ich weiß nicht, wie es in anderen Ländern ist. Europäische Schönheitsideale wirken sich aus. Das sind europäische oder amerikanische Perücken, nicht unbedingt glatte Haare, aber eher größere Locken. Das ist auch ein Thema in „Zwei Schüsse und ein Lachen“. Abdulai erzählte, dass Millionen für Schönheitsprodukte ausgegeben werden, aber kein Geld für Bücher. Das ist auch eine Seite, von der man sich freimachen muss, wenn es um Dekolonisierung geht.</em></p>
<h3><strong>Bildung befreit</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Aufgefallen ist mir in den Büchern von Abdulai Sila in diesem Zusammenhang die Darstellung von Schule und Religion. In „Die letzte Tragödie“ gibt es die Mission von Dona Linda, die selbst nicht lesen und nicht schreiben kann, aber alle Kinder in die Schule schickt, damit sie dort – so nenne ich das jetzt einmal – portugiesisch werden. Der dominierende Unterrichtsinhalt ist die christliche Religion. Wie schwer es ist, das Afrikanische in sich selbstbewusst zu zeigen, wird in „Die letzte Tragödie“ unter anderem am Beispiel der Rolle eines Lehrers reflektiert: <em>„War der Lehrer etwa nicht auf den Umgang mit dem Chef und seine Begünstigung angewiesen, um anderen zu zeigen, dass er kein Eingeborener, sondern ein Assimilierter oder vielleicht sogar ein Zivilisierter war.“</em></p>
<p><strong>Renate Heß</strong>: <em>Kirche und Diktatur gehörten unter Salazar zusammen. Der Mann von Dona Linda hat auch nur die vierte Klasse besucht. Das Thema ist in „Die letzte Tragödie“ schon zwiespältig. Der Lehrer, der sich dann später mit Ndani zusammentut und am Schluss verbannt wird, hat auf der Missionsschule bestimmte Werte gelernt und stellt fest, dass das Verhalten der Weißen nicht dem entspricht, was in der Schule gelehrt wird.</em></p>
<p><em>Generell zur Bildung, gerade auch in Guinea-Bissau: Am Ende der Kolonialherrschaft waren über 90 Prozent der Bevölkerung Analphabeten, auch heute sind es noch etwa 50 Prozent. Das erste, das während der Unabhängigkeitsbewegung geschah, war die Errichtung von Schulen. Nach der Unabhängigkeit gab es Alphabetisierungskampagnen nach dem Prinzip von </em><a href="https://paulo-freire-kooperation.de/paulo-freire/"><em>Paolo Freire</em></a><em>, in denen sich auch Abdulai Sila engagierte. Zugang zu Bildung ist eigentlich der wesentliche Punkt, lesen können, schreiben können. Das Motiv taucht bei Abdulai Sila immer wieder auf, zum Beispiel auch in „Zwei Schüsse und ein Lachen“. Es geht um Bildung für alle, Gesundheit für alle. In „Die Tage von Kubukaré“ wird die junge Frau von ihrer Mutter in die Schule geschickt. Das war in den 1960er Jahren, in denen der Roman spielt, noch ganz ungewöhnlich, dass Mädchen zur Schule gehen. In den Theaterstücken, die Abdulai Sila heute schreibt, ist Bildung nach wie vor ein wesentlicher Punkt. Sich selbst orientieren können, gerade auch für Frauen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bildung war auch ein wichtiges Motiv für die Gründung des eigenen Verlags.</p>
<p><strong>Renate Heß</strong>: <em>Abdulai Sila und seine Mitgründer:innen haben den Verlag bewusst nicht im Ausland, sondern in Guinea-Bissau gegründet. Das Buch ist nicht etwas, das von außen, aus dem Ausland kommt, das Buch, die Bücher werden in Guinea-Bissau selbst gemacht. Das Buch sollte kein „Luxusgegenstand” sein. Abdulai Sila nannte das, was er machte, auch: „banalizar o livro“, das Buch zu etwas Gewöhnlichem machen, etwas, das überall verfügbar ist. Wenn jetzt jemand ein Buch veröffentlichen kann, kann das auch jemand anders. Im KuSiMon Verlag erschien zum Beispiel in den 2000er Jahren ein Buch, das zwei Schüler gemeinsam geschrieben haben. Es ging darum, junge Leute zu ermutigen zu schreiben und zu veröffentlichen. </em></p>
<p><em>Mit dem Ziel, das Lesen zu fördern und Interesse an Literatur zu wecken, wurden  auch vom PEN-Zentrum in Guinea-Bissau Literaturzirkel von Jugendlichen ins Leben gerufen, die </em><a href="https://www.instagram.com/clube_amor_a_leitura/p/DBRQ0lfs4Hi/?img_index=1"><em>„clube de amor à leitura“</em></a>,<em> (deutsch: „Liebe zum Lesen“). Diese Initiative fördert solche Literaturzirkel auch an Schulen. Das hat eine enorme Bedeutung in einem Land, das keine einzige öffentliche Bibliothek oder keine wirkliche Buchhandlung hat. Und diese Literaturzirkel gibt es inzwischen auch in Lissabon, in der Diaspora. Diese Leseclubs geben den jungen Leuten Selbstbewusstsein. Das ist auch ein wesentlicher Aspekt der Arbeit von Abdulai Sila, der sich nicht nur als Schriftsteller engagiert, sondern insgesamt auf dem Feld der Kultur. </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Dezember 2024, Internetzugriffe zuletzt am 30. November 2024. Das Titelbild ist ein Screenshot aus der auf youtube verfügbaren <a href="https://www.youtube.com/watch?v=S7pQmbZtuG0">Aufführung von „Deih“</a> im Centro Cultural Franco-Bissau-Guineense.)</p>
</div></div></div></div></div>
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