Anatomie der Metapher

Wort, Worte, Wörter und das Unsagbare im Werk Herta Müllers

„Wenn es für alles eine Sprache gäbe, bräuchte ich ja nicht zu schreiben. Die innere Notwendigkeit zu schreiben kommt bei mir genau daher, eine Sprache für das Unsagbare zu finden.“ (Herta Müller im Gespräch mit Gerrit Bartels: „Ich habe noch nie auf einen Preis gewartet“, Der Tagesspiegel, 8. Oktober 2009)

In Herta Müllers Werk gewinnen Wörter körperliche und materielle Gestalt: Sie lassen sich tragen und verschlucken oder werden zu imaginärer Nahrung. Als politische Bezeichnungen können sie Menschen ausgrenzen und Gewalt verschleiern; wer sie verwendet, trägt Verantwortung für ihre Wirkung. Zugleich bieten sie in Angst und Hunger einen inneren Zufluchtsort, ohne das Leiden aufzuheben. Ihre Grenzen zeigen sich dort, wo innere Erfahrung unaussprechlich bleibt oder das Sprechen das Ich erneut verbirgt. Im literarischen Schreiben entfalten Wörter eine schöpferische Kraft: Sie erschließen bislang Unbegriffenes und geben dem Erlebten eine Form, die es vor dem Zerfall ins Unsagbare, ins nicht mehr Sagbare bewahrt.

Sprache, Macht und Herrschaft

Herta Müller gehört zu jenen osteuropäischen Intellektuellen, die keine Kompromisse mit den Machthabern eingingen. Als liberale Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin verbindet sie in ihrem Werk Gesellschaftskritik mit ästhetischen Experimenten im Bereich der Sprache. Ihre öffentliche Unterstützung für die Ukraine beruht auf einem strengen ethischen Grundsatz: Herrschaft zu erkennen heißt bereits, Verantwortung zu übernehmen. Ihre konsequente und nachhaltig betonte Ablehnung eines abstrakten Pazifismus, der dazu neigt, die Unterdrückung der Ukrainer als „Frieden“ auszugeben, macht ihre Haltung für manche in der westlichen Öffentlichkeit unbequem. In diesem Sinne setzen Müllers Äußerungen zum russisch-ukrainischen Krieg ihre langjährige Auseinandersetzung mit Freiheit, Herrschaft und Verantwortung fort und geben ihr zugleich einen konkreten Bezug zur Gegenwart.

Eines der Collagenbücher von Herta Müller. Weitere Informationen des Verlags erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.

In der Müller-Forschung gilt Sprache seit Langem als eines der zentralen Themen ihres Werks. In einflussreichen literaturwissenschaftlichen Arbeiten wird das Werk der Schriftstellerin an der Schnittstelle von Diktatur, Minderheitenerfahrung, Exil, Mehrsprachigkeit, Trauma und experimenteller Form untersucht. Diese Studien verbinden politische und ästhetische Perspektiven. Ein weiterer wichtiger Forschungsschwerpunkt liegt auf Herta Müllers rumänisch-deutscher Zweisprachigkeit und ihrer interkulturellen Poetik. Zahlreiche Studien zum Werk der Nobelpreisträgerin konzentrieren sich auf Trauma und Körper.

Dieser Essay stützt sich auf die Theorie der konzeptuellen Metapher, insbesondere auf die These, dass abstrakte Phänomene häufig mithilfe konkreterer, körperbezogener Bilder begriffen werden. Das von George Lakoff und Mark Johnson entwickelte Verständnis der Metapher als Struktur des Denkens, Lakoffs und Mark Turners Arbeit zur poetischen Metapher sowie Elena Seminos diskursanalytischer Ansatz helfen zu erklären, wie das Wort bei Müller metaphorisiert wird. Neuere metaphorologische Untersuchungen zum Werk der Nobelpreisträgerin haben bereits gezeigt, dass sie figurative Sprache nutzt, um über die Kraft und das Unvermögen der Sprache selbst nachzudenken: verletzende und verletzte Sprache; zerstörende und zerstörbare Sprache; Sprache als Kraft, Stimme und Schweigen.

Tropus Wort

Dieser Essay widmet sich dem Tropus „Wort / Wörter / Worte“ im Werk Herta Müllers. Seine Untersuchung erfordert die Unterscheidung mehrerer Begriffe. „Sprache“ bezeichnet häufig ein umfassenderes sprachliches und soziales Umfeld, die Muttersprache, die Staatssprache, ein politisches Idiom, die Sprache der Diktatur oder der Migration. „Sprechen“ und „Reden“ bezeichnen Akte des Sprechens, während „Schreiben“ den literarischen Prozess der Verarbeitung des Erlebten meint. „Wort“ hingegen erlaubt es, eine konkrete sprachliche Einheit herauszugreifen und zu verfolgen, wie sich ihre Funktionen in verschiedenen Situationen verändern.

Das Korpus dieses Essays besteht aus ausgewählten Passagen aus Herta Müllers Prosa und ihren nichtfiktionalen Texten, in denen die Ausdrücke „Wort / Worte / Wörter“ metaphorisch verwendet werden oder auf andere Weise eine besondere konzeptuelle Bedeutung gewinnen. Die Auswahl umfasst frühe Prosa, insbesondere die Sammlung „Niederungen“ (1982), die späteren Romane „Herztier“ (1994) und „Atemschaukel“ (2009), die Essaybände „Hunger und Seide“ (1995) und „Der König verneigt sich und tötet“ (2003); sowie poetologische Reflexionen aus dem Essayband „Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel“ (2011).

Der Begriff „Tropus“ bezeichnet hier eine Neudeutung des Wortes mithilfe von Bildern, die es über seinen üblichen Status als sprachliches Zeichen hinausführen. Die Analyse umfasst metaphorische Übertragungen, Personifikation und deren Zusammenspiel. Müller knüpft an alltägliche Vorstellungen von scharfen, schweren, leeren oder vergifteten Worten an. Ihr literarisches Verfahren besteht darin, solche vertrauten Assoziationen in konkreten erzählerischen und historischen Konstellationen wörtlich zu nehmen, zu entfalten und zu verfremden.

Wörter als körperliche und materielle Dinge

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Die Verbindung des Wortes mit körperlicher Erfahrung zeigt sich bereits in der Sammlung „Niederungen“, in der Wörter mit Erinnerung, Last und den Grenzen der Artikulation verknüpft werden. In einer der frühen Passagen sagt die Erzählerin: „Es liegt an mir, es zu behalten, es herumzutragen in einigen Wörtern, es liegt nicht an mir, davon zu reden oder darüber zu schweigen. Und ich hörte mit dem Denken auf.“ Die „Wörter“ eröffnen eine dritte Möglichkeit zwischen Sprechen und Schweigen, die Bewahrung einer Erfahrung, die die Erzählerin nicht frei ausdrücken kann. Das Bild des Tragens verbindet Erinnerung und Last miteinander.

In einer späteren Passage aus „Niederungen“ erhält diese körperliche Dimension eine noch konkretere Gestalt: „Ich wollte etwas sagen, aber ich hatte den Mund so voller Zunge, dass ich kein einziges Wort hervorbrachte.“ Das Artikulationsorgan wird selbst zum Hindernis für das Sprechen: Sprachlosigkeit nimmt eine anatomische Form an.

Noch beunruhigender wird dieselbe körperliche Logik in „Heute wär ich mir lieber nicht begegnet“: „Zerkautes Essen zog die Worte mit hinunter in den Hals.“ Die nach innen gerichtete Bewegung des Schluckens fängt das nach außen gerichtete Sprechen ab. Die Grenze zwischen Nahrung und Wort verschwimmt. „Worte“ ergäben einen in sich kohärenten Sinn, im Vorgang des Schluckens und Verdauens bleiben jedoch nur unzusammenhängende „Wörter“.

Der Roman „Herztier“ entfaltet den Zusammenhang zwischen Wort, Mund und Hals im Bild einer Wahrheit, die an der Schwelle zum Sprechen zurückgehalten wird. Das Kind spricht weiter, doch „(b)eim Reden bleibt etwas auf der Zunge liegen“. Das Kind stellt sich vor, es „kann nur die Wahrheit sein, die sich auf die Zunge legt wie ein Kirschkern, der nicht in den Hals fallen will“. Die Passage endet mit dem Satz: „Das Wort geht dem Kind nicht über die Lippen.“ Der Kirschkern gibt der unausgesprochenen Wahrheit eine Form und einen Ort. Sie bleibt zwischen drei möglichen Bewegungen, dem Hinunterschlucken, dem Ausspucken und dem Aussprechen.

Dieser Übergang von Körperlichkeit zu räumlicher Anordnung wird im Essay „In jeder Sprache sitzen andere Augen“ deutlich. In ihren Überlegungen zur Sprache ihrer Kindheit schreibt Müller: „In der Dorfsprache — so schien es mir als Kind — lagen bei allen Leuten um mich herum die Worte direkt auf den Dingen, die sie bezeichneten.“ Das Benennen erscheint als physischer Kontakt statt als arbiträre Beziehung zwischen Signifikant und Signifikat. Dieses Bild entspricht der Abgeschlossenheit der dörflichen Welt, in der sich „Wörter“ zu „Worten“ ordnen und „Wort“ zu werden scheinen.

Zugleich stellt die erwachsene Erzählerin diese Unmittelbarkeit lediglich als einen kindlichen Eindruck dar und distanziert sich damit von der Vorstellung, Wort und Gegenstand seien deckungsgleich.

Müller macht dieses Modell noch komplexer, indem sie „Wörter“ als Werkzeuge beschreibt, die auf ihren Gebrauch zugeschnitten sind: „Wörter sind zugeschnitten auf Reden, vielleicht sogar präzise zugeschnitten. Sie sind auch nur fürs Reden da, meinetwegen auch fürs Schreiben. Aber die Schraubenzieheräste der Aprikosenbäume und den Hirnhut verstehen auch sie nicht. Sie sind nicht in der Lage, das zu vertreten, was in der Stirn geschieht.“ Die Metapher des Zuschnitts trennt die Eignung für den Sprachgebrauch von der Fähigkeit, innere Erfahrung darzustellen: Das eine garantiert das andere nicht.

Diese Spannung zwischen materiellem Nutzen und Unzulänglichkeit kehrt in Müllers Bericht über das Erlernen des Rumänischen wieder. „Das Rumänische verhielt sich zu mir wie mein Taschengeld“, schreibt sie. „Was ich sagen wollte, musste bezahlt werden mit entsprechenden Worten, und viele kannte ich nicht, und die wenigen, die ich kannte, fielen mir nicht rechtzeitig ein.“ Der Spracherwerb erscheint als eine von Mangel und verzögertem Zugang geprägte Ökonomie. Die Währungsmetapher unterscheidet zwischen der kommunikativen Absicht und dem verfügbaren Vorrat an Mitteln zu ihrer Umsetzung.

Wörter als Kraft, Trauma und politische Instrumente

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Das Wort „Ausländer“ in der Sammlung „Hunger und Seide“ bietet eines der prägnantesten Beispiele, wie ein einzelnes Wort zu einem sozialen Instrument wird. Müller schreibt: „Ausländer, dieses Wort ist unverblümt. Es ist so neutral und gleichzeitig so tendenziös wie der Tonfall jeder Stimme, die es ausspricht. Von einem Mund zum anderen kann es von einer in die andere Bedeutung springen. Von einer Absicht in die andere. Doch selbst in seiner Neutralität steht es über all jenen, die so genannt werden“ (in: „Und noch erschrickt unser Herz“). Die räumlichen Bilder des Springens und der übergeordneten Stellung verbinden die wechselnden Absichten des Sprechers mit der dauerhaften Ungleichheit zwischen demjenigen, der benennt, und demjenigen, der benannt wird.

Eben deshalb beschreibt Müller das Wort „Ausländer“ als „(e)in Sammelwort für einzelne, die von anderswoher in dieses Land gekommen sind“ (in: „Und noch erschrickt unser Herz“). Die Sammelbezeichnung „Ausländer“ tilgt die Unterschiede zwischen individuellen Biografien, indem sie diese einer von außen aufgezwungenen Kategorie unterordnet.

Noch deutlicher zeigt sich der Zwangscharakter dieser Dynamik am Wort „normal“. In der Sammlung „Hunger und Seide“ schreibt sie: „Zunächst ist das Wort ‚normal‘ in der Diktatur politisch unauffällig. (…) Doch das Wort bleibt bei den vorgeschobenen Tugenden nicht stehen. Das Wort organisiert sich im Sinne der Macht“ (in: „Das Ticken der Norm“).

Die Berufung auf allgemein anerkannte Tugenden – Ordnung, Disziplin, Fleiß – verschleiert die politischen Interessen, die hinter der „Norm“, hinter der scheinbaren „Normalität“, stehen. Die Personifikation des „Wortes“ verleiht diesem unauffälligen Mechanismus eine Art Eigeninitiative und Eigenleben, unabhängig von denen, die es aussprechen. Die Unterwerfung unter die „Macht“ erscheint geradezu zwangsläufig und unabwendbar.

Die folgende Formulierung verbindet diesen Mechanismus mit körperlicher Gewalt: „Das Wort ‚Normal‘ nicht mehr zu begleiten ist keine Folge anderer Gedanken, sondern ein Gedanke für sich: so wie der Schmerz, der aufkommt, in einem Moment, wo dieses Wort einem ins eigene Gesicht schlägt. Oder der Schmerz in einem Moment, wo dieses Wort einen zwingt, anderen ins Gesicht zu schlagen“ (in: „Das Ticken der Norm“). Herta Müller nimmt die in der Normativität verborgene Gewalt wörtlich. Die Unterwerfung unter die Norm kann deren Opfer dazu bringen, selbst Gewalt gegen andere auszuüben.

Zur Bezeichnung des Krieges in Bosnien als Bürgerkrieg schreibt Herta Müller: „Von der großserbischen Landkarte, von der modernen Staatsarmee der Serben und den leeren Händen der Moslems schweigt das Wort ‚Bürgerkrieg‘. Schweigt auch von der Eroberung als Staatserhaltungsidee“ (in: „Auf die Gedanken fällt Erde“). Das personifizierte Schweigen erzeugt eine falsche Gleichsetzung der Konfliktparteien. Die politische Wirkung der Bezeichnung besteht darin, Umstände auszublenden, die für die Beurteilung des Konflikts jedoch unabdingbar notwendig sind.

Herta Müller weist darauf hin, dass das Wort des mit dem Gedanken der „Staatserhaltung“ verbundenen „Sozialismus“ anders funktioniert, und zwar durch Wiederholung und ideologischen Missbrauch: „Die Diktatur hat täglich das Wort Sozialismus landauf und landab gewälzt, sie hat Menschen ausgelöscht und den Mord damit begründet, dass diese Menschen antisozialistisch sind“ (in: „Zehn Finger werden keine Utopie“). Das Verb „wälzen“ verleiht der propagandistischen Verbreitung der Parole eine materielle Gestalt im Sinne von Überwältigung. Die Kennzeichnung eines Menschen als „antisozialistisch“ lässt Mord als vermeintliche Verteidigung der gesellschaftlichen Ordnung erscheinen.

Wörter als Hunger, Gift und Überleben

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„Atemschaukel“ verlagert die Aufmerksamkeit vom öffentlichen politischen Vokabular auf die traumatische Kraft einzelner Wörter in der Lagererfahrung und in der Erinnerung daran. Am Anfang des Romans sagt der Erzähler: „Mich trafen die Wörter Aquarell und Fleisch. Für das Wort LAGER war mein Hirn taub.“ Diese Asymmetrie trennt die allgemein bekannte Bedeutung eines Wortes von seiner subjektiven Kraft: Die Bezeichnung des Lagers löst nicht zwangsläufig eine heftigere Reaktion aus als ästhetisches oder körperbezogenes Vokabular.

Einen Grenzfall bildet der harte Satz: „Es gibt keine passenden Wörter fürs Hungerleiden.“

Der Erzähler reagiert auf das Unvermögen der Sprache, indem er Wörter und die mit ihnen verbundenen Assoziationen anhäuft. Die Bezeichnung „MELDEKRAUT“ zeigt, wie wichtig der innere Klang eines Wortes im Lagerleben sein kann: „Der Name MELDEKRAUT ist ein starkes Stück und besagt überhaupt nichts. MELDE war für uns ein Wort ohne Beiklang, ein Wort, das uns in Ruhe ließ. Es hieß ja nicht MELDE DICH, es war kein Appellkraut, sondern ein Wegrandwort. Auf jeden Fall war es ein Nachabendappellwort — ein Nachappellkraut, keinesfalls ein Appellkraut.“

Der Erzähler prüft, ob der scheinbare Pflanzenname „Meldekraut“ mit den Lagerkommandos zusammenhängt. Das Ausbleiben bedrohlicher Assoziationen verschafft eine kurze Atempause von der disziplinarischen Ordnung: Bedeutsam wird, was das Wort nicht befiehlt.

Eine andere Form des Überlebens zeigt sich in dem Satz: „In drei Tagen war Weihnachten — ein Wort, das grüne Tannen in die Zimmer stellt.“ Das Verb „stellen“ verleiht dem Wort die Fähigkeit, einen imaginären Raum einzurichten. Durch Farbe, Ritual und jahreszeitliche Bezüge stellt es wieder eine häusliche Umgebung her.

Am umfassendsten entfaltet sich diese Logik in den Passagen über „Hungerwörter“ und „Esswörter“. Herta Müller beginnt mit „KAPUSTA“: „KAPUSTA ist Kraut auf russisch (…). Aber das zerlegte Wort KAPUSTA taugt nicht zum Hungerwort. Hungerwörter sind eine Landkarte, statt Ländernamen sagt man sich die Namen vom Essen in den Kopf.“ Die Landkartenmetapher verwandelt eine geografische Reise in eine Bewegung zwischen vorgestellten Speisen. Ob sich eine Bezeichnung für eine solche Bewegung eignet, hängt davon ab, ob sie ein Bild von Nahrung hervorrufen kann.

Müller verstärkt die Metapher, indem sie „Hungerwörter“ in „Esswörter“ verwandelt: „Jedes Hungerwort ist ein Esswort, man hat das Bild des Essens vor Augen und den Geschmack am Gaumen. Hungerwörter oder Esswörter füttern die Phantasie. Sie essen sich selbst, und es schmeckt ihnen. Man wird nicht satt, ist aber wenigstens beim Essen dabei. Jeder chronisch Hungrige hat seine eigenen Präferenzen, seltene, häufige und ständige Esswörter. Jedem schmeckt ein anderes Wort am besten. So wie Kapusta taugte auch das Meldekraut nicht als Esswort, weil es wirklich gegessen wurde. Werden musste.“ Wenn die Wörter sich selbst essen, bilden Wort, Nahrung und Appetit einen geschlossenen Kreislauf. Die Bezeichnungen für die im Lager notgedrungen verzehrte Nahrung ermöglichen dabei nicht die gewünschte gedankliche Distanz zum Alltag.

Das Essen in der Vorstellung hat eine soziale Dimension, wie sie eigentlich auch die Sprache, das Sprechen haben sollten, überwindet aber nicht die Einsamkeit: „Es gibt stumme und laute Hungerwörter, so wie es am Hunger selbst das Heimliche und das Öffentliche gibt. Hungerwörter, also Esswörter, beherrschen die Gespräche, und man bleibt doch allein. Jeder isst seine Wörter selbst. Die anderen, die mitessen, tun es auch für sich selbst.“ Die Not des Körpers verdrängt das Bedürfnis nach sozialem Austausch weit in den Hintergrund.

Müller verbindet „Wörter“ mit „Gift“ im Sinne von Vergiftung und Entgiftung sowie mit Euphemismus: „Man musste im Schrott Namen suchen und im Kopf angenehme Wörter finden gegen das Gift (…). Auch für die Zwangsarbeit hatten die Russen und die Rumänen schon zu Hause auf der Liste ein angenehmes Wort gefunden: WIEDERAUFBAU. Dieses Wort war entgiftet. Wenn schon AUFBAU, dann hätte es ZWANGSAUFBAU heißen müssen.“

Hier treten zwei Funktionen der sprachlichen Entgiftung auseinander: Der Gefangene sucht psychischen und physischen Schutz, während die Machthaber den Zwang leugnen und verschleiern und damit jeden Wunsch nach Schutz delegitimieren. Die vom Erzähler vorgeschlagene Präzisierung macht den ausgeblendeten Gewaltcharakter der Arbeit in ihrer Bezeichnung wieder sichtbar.

Herta Müllers Nagelschere im Nobelmuseum in Stockholm. Mit einer solchen Nagelschere zerschneidet die Autorin Texte für ihre Collagenbücher. Foto: Rhododendrites, 2019, Wikimedia Commons, Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license.

Wörter als Scheitern, Schweigen und poetische Entdeckung

In Müllers Überlegungen zur inneren Erfahrung stellt sich die Frage nach den Grenzen des sprachlichen Ausdrucks. Im Essay „In jeder Sprache sitzen andere Augen“ schreibt sie: „Die inneren Bereiche decken sich nicht mit der Sprache, sie zerren einen dorthin, wo sich Wörter nicht aufhalten können.“ Die räumliche Metapher verleiht dem inneren Leben eine eigene Topografie, die sich nicht mit dem sprachlich erschließbaren Gebiet deckt.

Im selben Text wird dieses Scheitern existenziell: „Was kann das Reden? Wenn der Großteil am Leben nicht mehr stimmt, stürzen auch die Wörter ab. Ich hab die Wörter abstürzen sehen, die ich hatte. Und war mir sicher, dass mit ihnen auch die abstürzen würden, die ich nicht hatte, wenn ich sie hätte. Die nicht vorhandenen wären wie die vorhandenen geworden, die abstürzten.“ Die hypothetische Ausweitung des Absturzes selbst auf unbekannte Wörter schließt aus, diese Krise mit einem zu kleinen Wortschatz zu erklären.

Eine verwandte Formulierung findet sich im Essay „Wenn wir schweigen, werden wir unangenehm — wenn wir reden, werden wir lächerlich“: „So ein Gewicht geben die Wörter gar nicht her, weil sie nicht stehenbleiben. Gleich nach dem Sprechen, kaum zu Ende gesagt, sind sie schon stumm.“ Hier hängt das Unvermögen mit Vergänglichkeit zusammen: Das Gesagte behält nicht die Kraft, die es im Moment des Sprechens hatte.

Im selben Essay erwähnt Müller den bedrohlichen „Wassertrinker“ und schreibt: „Nach der Drohung des Wassertrinkers wurde dieser Satz für mich ein Trost: Wenn es im Rumänischen das Wort Wasserleiche gar nicht gibt, dachte ich mir, kann der Geheimdienst mich gar nicht ertränken. Ich kann doch nicht etwas werden, wofür es in seiner Sprache kein Wort gibt.“ Der imaginäre Schutz entsteht durch eine Umkehrung des Verhältnisses zwischen Bezeichnung und Ereignis: Die lexikalische Lücke wird zur Unmöglichkeit eines Mordes umgedeutet.

„Atemschaukel“ spitzt das Problem des Unvermögens der Wörter im Kontext des Lebens nach einem Trauma weiter zu. Der Erzähler sagt: „Es gibt Wörter, die mich zum Ziel haben, als wären sie nur für den Rückfall ins Lager gemacht, außer dem Wort RÜCKFALL selbst. Dieses Wort bleibt undienlich (…). Auch das Wort ERINNERUNG. Auch das Wort BESCHÄDIGUNG (…). Auch das Wort ERFAHRUNG. (…) Sie aber sind nach jeder Begegnung mit mir noch härter als vorher.“

Die Metapher der Härte verweist auf den Widerstand des abstrakten Vokabulars gegen die individuelle Erfahrung. Die Konfrontation mit dem Erlebten präzisiert diese Begriffe nicht, sondern vertieft die Entfremdung zwischen ihnen und dem Erzähler.

Am Anfang des Romans „Atemschaukel“ wird die Kritik an sprachlicher Transparenz durch die Worte des Erzählers noch weiter zugespitzt: „Ich trage stilles Gepäck. Ich habe mich so tief und so lang ins Schweigen gepackt, ich kann mich in Worten nie auspacken. Ich packe mich nur anders ein, wenn ich rede.“ Die Metapher des Einpackens stellt das Modell des Sprechens als Bekenntnis infrage: Das Sprechen verändert die Art, das Ich zu verbergen, statt es unmittelbar offenzulegen. Sprache lässt weder Wirklichkeit noch Wahrheit zu, sie verdeckt.

Wer (über)leben will, muss sprechen, braucht „Worte“, nicht nur „Wörter“, vielleicht sogar das entscheidende erklärende „Wort“. Im Essayband „Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel“ schreibt Herta Müller: „Ich habe in der Diktatur viel geredet (…). Ich reagierte auf die Todesangst mit Lebenshunger. Der war ein Worthunger. Nur der Wortwirbel konnte meinen Zustand fassen. Er buchstabierte, was sich mit dem Mund nicht sagen ließ. (…) Parallel zur Wirklichkeit trat die Pantomime der Wörter in Aktion“ (im Essay „Jedes Wort weiß etwas vom Teufelskreis“).

Die Bilder des Hungers, des Wirbels und der Pantomime verschieben die Aufmerksamkeit vom Inhalt der Äußerung hin zum Bedürfnis zu schreiben und zur Bewegung der „Wörter“ zu „Worten“. Das Schreiben verleiht dem Erlebten eine Form, die mündliches Sprechen nicht bietet.

Diese poetologische Handlungsmacht tritt in einer weiteren Passage aus demselben Essay noch schärfer hervor: „Nur die Wörter entdecken es, weil sie es vorher nicht wussten. Wo sie das Gelebte überraschen, spiegeln sie es am besten. Sie werden so zwingend, dass sich das Gelebte an sie klammern muss, damit es nicht zerfällt.“ Das Verhältnis zwischen Erfahrung und Sprache kehrt sich um: Das Erlebte ist von der sprachlichen Form abhängig, die es vor dem Zerfall bewahrt. Das Schreiben erscheint hier als ein Weg, im Erlebten zu entdecken, was noch nicht begriffen wurde.

Müller formuliert diesen Subjektstatus, diese Handlungsmacht, am schärfsten in ihren Überlegungen zu „erfundenen Wörtern“ und zur Metapher: „Die Wörter diktieren, was zu geschehen hat (…). Die erfundenen Wörter holen Luft (…). Sie schnappen sich das, was sie brauchen. Und was sie nicht zulassen, das lehnen sie ab. Nichts ist ihnen egal. Wörter sind hellhörig, durch ihr Gespür sind sie klug“ (im Essay „Gelber Mais und keine Zeit“). Die Personifikation der „Wörter“ bis hin zu ihrer Vermenschlichung stellt die Komposition als Zusammenspiel zwischen der Gestaltungsabsicht der Autorin und den Möglichkeiten des sprachlichen Materials dar.

In Herta Müllers Poetik hängt die Bedeutung eines Wortes davon ab, wer es verwendet, unter welchen Umständen und mit welchen Folgen. Dieser Ansatz verbindet die Analyse des sprachlichen Bildes mit der Frage nach der Verantwortung für seinen Gebrauch. Und so wird das „Unsagbare“ doch noch sagbar.

Pavlo Shopin, Kyjiw, Ukraine

Dieser Essay wird derzeit für die Veröffentlichung in ukrainischer Sprache in der Zeitschrift „Krytyka“ vorbereitet. Der Text stützt sich auf ein Kapitel aus Pavlo Shopins Monografie „Sprachmetaphern im Werk Herta Müllers“ (2026).

(Anmerkungen: Erstveröffentlichung der deutschen Fassung im Oktober 2026, Internetzugriffe zuletzt am 14. Oktober 2026. Titelbild: Hans Peter Schaefer)