Climate Fiction – Engagierte Literatur unserer Zeit
Themen, Autor:innen und die Hoffnung auf eine fairträgliche Zukunft
„Ich vertrete schon seit Längerem die Position, dass Science Fiction auf einer Art Doppelprinzip beruht, wie die Brillen, die man im 3-D-Kino trägt. Eine Linse der künstlerischen Maschinerie der Science Fiction stellt eine Zukunft dar, die tatsächlich einmal so eintreten könnte; das ist eine Art vorausgreifender Realismus. Die andere Linse zeigt eine metaphorische Version unserer Gegenwart, vergleichbar einem Symbol in einem Gedicht. Diese beiden Sichtweisen verbinden sich miteinander, und heraus kommt eine Vision von GESCHICHTE, die sich auf magische Weise in die Zukunft erstreckt.“ (Kim Stanley Robinson, Dystopien jetzt! in: Demokratischer Salon Mai 2024 sowie in: Fritz Heidorn, Kim Stanley Robinson – Erzähler des Klimawandels, Berlin, Hirnkost, 2022.)
Viele Menschen scheinen der Klimakrise überdrüssig geworden zu sein. Zumindest lassen manche Politiker:innen, manche Journalist:innen und viele ganz normale Menschen, die so tun, als wenn sie noch nie davon gehört hätten, diesen Eindruck entstehen. Nur noch einzelne Extremwetter-Katastrophen wie Überschwemmungen, Erdrutsche und Stürme schaffen es in die Nachrichten. Isolierte Meldungen, die hinter immer neuen Kriegen und politischen Verwerfungen verblassen. Dabei ist die Klimakrise keinesfalls vorbei! Stattdessen nimmt sie seit dem sprunghaften Temperaturanstieg in den Ozeanen im Frühjahr 2023 immer schneller Fahrt auf, für 2026 befürchten Klimaforschende mit einem starken El Niño sogar neue Hitze-Rekorde. Am 15. Mai 2026 dokumentierte Christoph Gertsch in der Süddeutschen Zeitung unter der Überschrift „Das große Tauen“, welche fürchterlichen Dimensionen diese Katastrophen noch erreichen, wenn absehbar der Permafrost auftaut.
Wir bräuchten also dringend mehr Klimaschutz und nicht weniger. Aber angesichts der multiplen Krisen scheinen immer mehr Menschen zu resignieren, die Dystopie erscheint ihnen unausweichlich. So schenken sie Fakten und Handlungsaufrufen kaum noch Aufmerksamkeit – könnten hier vielleicht Geschichten helfen? Schließlich gehören Geschichten zur menschlichen Kultur, wie die ältesten kulturellen Überlieferungen in religiösen Schriften belegen. Auch große literarische Erzählungen sind wichtig für menschliche Kulturen. Die Climate Fiction, meist als Untergenre der Science Fiction eingeordnet, bietet fiktiv-plausiblen Klima-Geschichten mit „Was wäre, wenn?“ und „Wie könnte es werden?“ Szenarien, ganz im Sinne des von Kim Stanley Robinson angesprochenen „Doppelprinzips“ mit der Science Fiction als eine Art „3-D-Brille“? Könnte die Kraft des Narrativen Menschen aus ihrer Resignation zu einer gemeinsamen Kraftanstrengung und den gewaltigen Veränderungen motivieren? Eine diverse Autor:innenschaft lässt genauso diverse Held:innen Lösungen finden und Hoffnung schöpfen.
Wüsten
Eines der frühen Climate Fiction-Werke ist Frank Herberts Wüstenepos „Dune“ (1965, deutsch: Dune – Der Wüstenplanet, 1967). David Lynch hatte es bereits 1984 verfilmt, Denis Villeneuve 2021 und 2023 mit der epischen zweiteiligen Verfilmung – die er noch um „Dune 3: Messiah“ ergänzen will – wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Der Stoff ist topaktuell und erzählt von Entbehrungen und extremen Anpassungen nach einem Ökosystem-Kollaps in einer planetenweiten Wüste, dem Wüstenplaneten Dune.
Die Romanidee hatte Frank Herbert schon 1957, als er als Journalist in Florence (Oregon) unterwegs war und über ein Regierungsprojekt zur Stabilisierung der wandernden Sanddünen schreiben wollte. Dies beschrieb Nathaniel Scharping im März 2024 in dem von der BBC veröffentlichten Beitrag „Dune: The ‚terraformed‘ Oregon dunes that inspired Frank Herbert’s sci-fi epic“. Dort bewegten sich ausgedehnte Sanddünen, angetrieben von den Winden des Pazifischen Ozeans ostwärts und begruben auf ihrem Wege landeinwärts alles unter sich – konnte man eine solch verwüstete Landschaft durch menschliche Eingriffe wieder ergrünen lassen? Im Guardian war am 3. Juli 2025 ein Beitrag von Hari Kunzu zu lesen: „Dune, 50 years on: how a science fiction novel changed the world”. Allerdings – so der Autor – dauerte es schon einige Zeit, bis Roman und Film wirkten.
Seinen geplanten Artikel „They Stopped the Moving Sands“ beendete Frank Herbert nie, aber sein Interesse an Wüsten war geweckt. So entwarf er unter dem Eindruck der gewaltigen Sanddünen sein Epos „Dune“: In einer fernen Zukunft, in fernen Sternsystemen verleiht der Imperator seinem Gefolgsmann Herzog Leto Atreides den Wüstenplaneten Arrakis als Lehen. Leto ist für die Gewinnung des Rohstoffs Spice, der für die Raumfahrt benötigt wird, gegenüber dem Imperator verantwortlich und siedelt mit seiner Konkubine Lady Jessica und ihrem gemeinsamen Sohn und Erben Paul Atreides über. In der planetenweiten Wüste leben das indigene, wüstenaffine Volk der Fremen.
Als das Herrscherhaus der Harkonnen Letos Wüstensiedlung überfällt, entkommen nur Lady Jessica und Paul Atreides mit Unterstützung des Ökologen Liet-Kynes in die Wüste und finden Zuflucht bei den Fremen. Dort erfahren sie die Herkunft des Spice und lernen die Symbiose der Fremen mit den Sandwürmern kennen. Paul schließt Freundschaft mit dem Wüstenvolk, bewährt sich und wird schließlich als Messias verehrt. Als religiöser und politischer Führer führt er den Aufstand gegen die Harkonnen an.
Die komplexe Wüstenökologie mit ihrer Wassermangel-Zivilisation hat Herbert wissenschaftsbasiert durchdacht und detailliert ausgearbeitet, sodass er als früher Umweltschützer gilt. Der Wüstenplanet mit den epischen Sandlandschaften und der Spiritualität hat jedenfalls Science Fiction-Maßstäbe gesetzt und spätere Produktionen wie George Lucas’ „Star Wars“ inspiriert.
Andere Wüsten-Climate Fiction liest sich irdischer: In Claire Vaye Watkins’ (*1984) „Gold Fame Citrus“ (2015, deutsch: Gold Ruhm Zitrus, 2016) ist Kalifornien in der nahen Zukunft nahezu zur Wüste geworden. Wasser ist Mangelware. Wer es sich leisten kann, hat Städte und Land längst verlassen. Die in den Ruinen des ehemaligen Wohlstands hausenden Zurückgebliebenen werden vom Roten Kreuz mit Not-Rationen versorgt, frische Lebensmittel wie Obst sind nur auf dem Schwarzmarkt erhältlich.
Wasser dient nur noch als Trinkwasser und ist höchstens für wenige Stunden am Tag verfügbar. In der wüsten Einöde ohne Bäume und andere Pflanzen hausen staubverkrustete dauerdurstige Menschen, meist illegal. Das ehemalige Model Luz und der desertierte Soldat Ray schlagen sich durch das Katastrophengebiet und wollen schließlich in bessere Regionen fliehen.
So bricht das ungleiche Paar per Auto in die lebensfeindliche Wüste zu einem wahnwitzigen Road-Trip auf. Dort walzt die gigantische Düne Amargosa durch das trockene Land und begräbt Siedlungen und andere menschliche Relikte unter sich. Ihren Namen verdankt sie der Mischung aus Sand und Salz – Amargosa heißt „die Bittere“. Die dystopische Wüstenlandschaft ist voller Geröll, weiß leuchtender Salzfelder, Dünen und gelben, nach Schwefel riechenden Pfützen. Schließlich zieht Ray allein weiter und Luz trifft im gallertartigen Licht der Amargosa auf ein Camp von Neo-Beduinen, Hippies, die sich im Niemandsland der staatlichen Ordnung entziehen.
Sowohl die Flucht in die Wüste als auch die Erfindung einer heilbringenden Sekte sind wiederkehrende Motive der Climate Fiction und zitieren die Flucht der Juden unter Moses` Führung in die Wüste. Der Titel „Gold Fame Citrus“ beschreibt Luz’ Sehnsucht nach einer goldgelben Zitrusfrucht so intensiv, dass man ihren Duft aus den Seiten aufsteigend zu wittern vermeint. Dass im heutigen Zitrus-Paradies Kalifornien, das den Rest der USA mit diesen Früchten beliefert, in der nahen Zukunft ein für den Alltag bedeutendes Nahrungsmittel ein fast unerreichbares Luxusgut darstellt, ist beklemmend und so wird die goldene Zitrusfrucht zum Symbol der Vertreibung aus dem Paradies.
Typisch für Climate Fiction gibt Claire Vaye Watkins über neutral formulierte Einschübe wie Zeitungsmeldungen, anonyme Berichte der Umweltbehörde und Chroniken Background und Fakten und erzeugt Authentizität und Aktualität. Der Wassermangel und Wasserkonflikt sind nicht nur in Kalifornien längst zur Tatsache geworden: Seit Jahren kämpfen indigene Stämme der südwestlichen Bundesstaaten um ihren Anteil am Wasser des Colorados und die Trump-Regierung ist sind gerade dabei, ihrer Klientel reicher Landbesitzer einen höheren Anteil am Colorado-Wasser zuzuschanzen als die sorgfältig austarierte Wasserverteilung des Staats Kalifornien ihnen zugesteht.
Paolo Bacigalupi beschreibt in „The Water Knife“ (2015, (deutsch: „Water – der Kampf beginnt“, 2016) ebenfalls ein Zukunftsszenario extremer Wasserknappheit und den Kampf um die verbliebenen Wasserreserven und Wasserrechte am Colorado River im US-amerikanischen Südwesten. Sandstürme brechen über große Städte herein, die ohne ausreichend Zugang zum kostbaren Nass in Hitze und Staub verelenden. Wasser ist ein teures und knappes Gut geworden, das sich nicht mehr jeder leisten kann und mit der Dürre kommt auch die Nahrungsknappheit. Einige Bundesstaaten wurden bereits aufgegeben, an den Grenzen zu Staaten, die noch Wasservorräte haben, patrouillieren bewaffnete Wachen. Ausgemergelte Flüchtlinge aus Texas, Arizona und Mexiko werden vom Roten Kreuz und der Heilsarmee versorgt. Privilegierte Menschen mit ausreichend Einkommen und gut bezahlten Jobs ziehen in von der Außenwelt abgeschlossene bewachte Habitate, die Arkologien – Oasen in der Wüste, temperiert durch Umweltkontrollsysteme und mit verschwenderisch viel Wasser zum Trinken, für die Körperhygiene, auf Aquaponik-Plantagen und sogar für Wasserspiele.
Die Washingtoner Regierung hat kaum noch Kontrolle und so führen manche regionale Behörden ein Eigenleben. Wie Catherine Case, die „Königin des Colorado“. Sie verwaltet als Chefin der Wasserbehörde von Nevada das Wasser des Colorado und einiger Seen. Ihre Interessen verteidigt sie mit allen juristischen Mitteln und brutalen Sondereinsatzkommandos der Nationalgarde von Nevada, die auf Befehl mit Gewalt ganzen Stadtvierteln das Wasser abstellt.
Der Protagonist Angel Vasquez ist ein „Water Knife“ in solch einem Sondereinsatzkommando. Als das Gerücht über neu entdeckte Urkunden über unbekannte Wasserrechte aufkommt, schickt Catherine Case Angel Vasquez auf die Suche und die Leser:innen lernen seinen erbarmungslosen Alltag kennen: Verarmte Menschen prostituieren sich für den Zugang zu Wasser. Internationale Hilfsorganisationen und Chinesen leisten Entwicklungshilfe beim Aufbau von Wasserinfrastruktur und verteilen mitleidig Wasser oder Almosen an durstige US-Bürger:innen – der chinesische Yüan ist eine begehrte Währung. Zahlungsunfähige Menschen müssen einen Wettlauf mit hungrigen Hyänen antreten, die sie meist bei lebendigem Leib fressen – zum Zeitvertreib Privilegierter.
Bacigalupis Klimakrise macht US-Bürger:innen zu nahezu rechtlosen Flüchtlingen und hält heutigen US-Bürgern den Spiegel vor, für ihren verächtlichen Umgang mit Einwanderern vor allem aus Mittel- und Südamerika (siehe dazu Heather Houser in ihrem Aufsatz „Climate Fiction“, 2021). Er extrapoliert in diesem Plot die aktuellen Entwicklungen zum umkämpften Wasser des Colorado-Rivers bedrückend real in die nahe Zukunft.
Fluten
Andere Climate-Fiction-Erzählungen spielen Szenarien für dicht besiedelte Küstenstreifen mit Metropolen bei steigendem Meeresspiegel durch. Eine der bekanntesten und eine Utopie par excellence ist Kim Stanley Robinsons „New York 2140“ (2018). In dieser Erzählung entwickelt er ein New York, in dem Lower Manhattan nach zwei gewaltigen Flutwellen 15 Meter unter Wasser steht. Die Wolkenkratzer-Immobilien, um deren Fundamente nun der Atlantik brandet, haben rapide an Wert verloren. Statt finanzstarker Firmen und Privatpersonen werden sie nun von Communities bewohnt, in denen viele Menschen in kleinen Abschnitten wohnen und dazu Gemeinschaftseigentum zum Arbeiten, Essen und für andere Tätigkeiten teilen.
Robinsons New York ist eine halb-aquatische Utopie: Aus Straßen sind Kanäle geworden, hohe Hängebrücken verbinden einzelne Türme und Quartiere miteinander, große Teile des Lebens sind genossenschaftlich organisiert und klimafreundlich, von Nahrungsmitteln bis zu Segelbooten und Luftschiffen. Angesichts neuer Stürme planen die Bewohner der Met Life-Tower-Community gemeinsam, die restliche Stadt aus den Klauen der Vermögenden und Börsenspekulation zu reißen und führen dafür einen couragierten Coup durch.
Weniger bekannt ist „Blackfish City“ (2018) – Blackfish ist eine englische Bezeichnung für Orcas. Darin beschreibt Sam J. Miller eine mögliche nahe Zukunft, in der sich viele Menschen wegen der Flutwellen in höhere Breitengrade zurückgezogen haben. Wie nach Qaanaaq, ein Ortsname, der an Grönland denken lässt: Diese Meeresmetropole ragt auf den stählernen Grundfesten einer ehemaligen Bohrplattform aus dem arktischen Ozean empor. Dort leben Flüchtlinge der untergegangenen Zivilisationen, in Stadtvierteln auf den stählernen Ausleger-Armen der Plattform getrennt nach Besitzenden und Besitzlosen. So schlafen in Arm 5 die Arbeiter in gestapelten Boxen, während andere Stahlarme bewachte, große Luxus-Domizile beherbergen. Qaanaaq ist abgeschieden, digitalisiert und durch Geothermie mit Energie versorgt. Diese nordische Meeresmetropole ist fragmentierter und rauer als eine heutige europäische Stadt: Die staatliche Ordnung ist implodiert und in den neuen Communitys herrschen extremistische religiöse Gruppen, kriminelle Banden oder Milizen.
Eines Tages taucht eine geheimnisvolle Frau per Boot in der HighTech-Meeresenklave auf, in Begleitung eines Eisbären und eines Orcas. Gewandet in Leder und Pelze und mit den beiden furchteinflößenden Tieren sorgt sie für Aufsehen und Aufregung. Sie ist genetisch manipuliert, ungeheuer stark und über Nanobonding mit Orca und Eisbär verbunden, ein Relikt eines gescheiterten biologischen Experiments des Transhumanismus aus der Vergangenheit. Aufgrund ihrer Verbindung mit dem Schwertwal wird sie „Orcamancer“ genannt – in Anlehnung an den bekannteren Begriff Necromancer. Die Ankunft der Orca-Lady lässt Miller aus der Sicht einiger Bewohner:innen Qaanaaqs erzählen. Einige haben gute Jobs und leben davon zufrieden, andere existieren in stetiger Angst ums Überleben. Das World Wide Web existiert nicht mehr, dafür gibt es das lokale Stationsnetz „City Without A Map“.
Das Leben in Qaanaaq ist ein typisches Climate-Fiction-Szenario: Nach dem Zusammenbruch staatlicher Ordnungen haben private Aktionäre diese Stadt errichtet, Immobilienmagnaten und kriminelle Organisationen betreiben und kontrollieren sie. Ihre Bewohner:innen bestehen aus Flüchtlingen unterschiedlicher Kulturen, Qaanaaq ist ein kultureller Schmelztiegel. Ausbeutung und Kriminalität, eine neue Krankheit und drohende Armut sowie die Angst vor Wohnraumverlust und Verbrechen sind allgegenwärtig und machen die Bewohner:innen erbarmungsloser. Aber Blackfish City ist nicht automatisch eine Dystopie: Die Protagonist:innen leben ihr Leben, mit Arbeit, Freundschaften und Freizeit. Die Stadt auf ihrem stählernen Fundament über dem Meer ist ihre Heimat; Freunde und Mitleid gehören ebenso zum Alltag wie das Ausgrenzen der bedrohlichen Orca-Lady.
Dass dieses Leben uns erbarmungsloser, schwieriger, brutaler erscheint, wissen sie nicht. Sie kennen es nicht anders und arrangieren sich mit den Umständen in ihrer Zufluchtsstätte über dem arktischen Ozean. Auf der Basis des disruptiven Ereignisses, der Klimakatastrophe, ist die Meeresstadt ein Kapitel der neuen Welt und der Anpassung der Menschen daran. Auch wenn uns ihr täglicher Kampf ums Überleben und ihre Angst schaudern lässt und wir eine solche Zukunft der zerfallenen Zivilisationen und des Untergangs des Humanismus als dystopisch empfinden.
Margaret Atwood: „Die Klimakrise umfasst alles!“
Margaret Atwood ist eine der großen Literatinnen, deren Geschichten sich auch ins Imaginäre der Zukunft erstrecken. Ihr zentrales Thema ist die Stellung der Frau in der Gesellschaft, extrapoliert in Zukünfte (Sabine Peschel nannte sie eine „Meisterin der Schwarzen Utopie“). Darum wird sie – wie auch Ursula K. Le Guin – oft als Science-Fiction-Autorin bezeichnet, auch wenn sie selbst ihre Werke als „Speculative Fiction“ bezeichnet.
Margaret Atwood bezeichnet Science und Speculative Fiction treffend als gesellschaftspolitisches Experimentierfeld und als gesellschaftliches Experimentierfeld. Allerdings, so erklärt sie, seien diese Begriffe nicht trennscharf. Sie beschäftige sich mit Szenarien, in denen Gesellschaften durch Krisen unter Druck geraten und dann irrational Rettung in extremen Ideologien suchen, meist zum Nachteil der Frauen. Für die USA hatte Margaret Atwood solch eine Entwicklung in ihrem bekanntesten Werk „The Handmaid’s Tale“ (deutsch: Der Report der Magd, 1987) bereits 1985 postuliert. Auch wenn sie darin nicht explizit die Klima-, sondern eine multiple, umfassende Ökokrise als Hintergrund-Szenario beschreibt, schildert sie anschaulich, wie eine eigentlich aufgeklärte Gesellschaft in dieser Krisensituation in ein fanatisch religiöses und totalitäres Regime übergeht – und Frauen sind die Verliererinnen. Ihr Bestseller, dessen Verfilmung als Serie auch sehr erfolgreich war, ist in den USA allerdings an vielen Schulen in Florida, Texas und anderen Bundesstaaten verboten. Als Gründe dafür führen die dortigen Moralwächter die Erwähnung „menschliche Sexualität“, „Inhalte, die bei Schülern Unbehagen auslösen könnten“, sowie „die Auseinandersetzung mit Feminismus und Extremismus“ an. Außerdem enthalte das Buch vulgäre Ausdrücke und sexuelle Aspekte, die nicht für Schüler:innen geeignet seien.
Frühzeitig hat Margaret Atwood die weitreichenden Auswirkungen der Klimakrise auf alle Lebensbereiche erkannt und literarisch umgesetzt. So spielt ihre „MaddAddam-Trilogie in einer Zukunft, in der der Klimawandel bereits eingetreten ist, in einer Welt voller Dürren, Wüsten, hoher Strahlung, toter Zonen in den Ozeanen und eines leblosen Great Barrier Reefs, in der der Meeresspiegelanstieg ganze Länder hat verschwinden lassen.
Außerdem mischt sie sich mit starken Worten und analytischen Äußerungen auch in den sozialen Medien und mit Zeitungs-Essays in die Diskussion zur Klimakrise ein, darum gilt sie als Umwelt- und Klimaaktivistin. So vertritt sie die Auffassung, dass Begriffe wie globale Erwärmung und Klimawandel verharmlosend seien: „Sagen Sie nicht Klimawandel! Es ist eine Klimakrise, ein Notfall!“ (so Margaret Atwood in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung vom 1. November 2019, eine Zeitung, die nicht gerade dafür bekannt ist, dass sie die Klimakrise ernst nimmt). Damit spricht sie genau das aus, was die regelmäßigen IPCC-Berichte immer wieder betonen.
Atwood hatte 2009 für die ZEIT den Artikel: „Die Welt im Jahr 2050: Nach dem Öl“ verfasst und drei mögliche Zukunftsszenarien literarisch-fiktiv erkundet: „Was werden wir tun: Uns solidarisieren, einander zerfleischen oder nach Island auswandern? Drei Zukunftsvisionen“. 2015 veröffentlichte sie den Text unter dem Titel „It’s not climate change. It’s everything change“ in englischer Sprache für das Medium-Magazin.
In diesen drei Zukünften entfaltet die Schriftstellerin ihre imaginative Kraft für Szenarien, wie wir unser Leben in der nahen Zukunft mit anderen Energien als Öl weiterführen, dem Ende unserer Öl-Welt zu entfliehen versuchen oder einen Endkampf um verbliebene Öl-Ressourcen führen werden. In präziser Konsequenz beschreibt sie nicht nur, wie wir neue, sparsamere Energieformen für Mobilität, Heizung, Kühlung und andere Anwendungen nutzen, sondern geht auch auf Details des Lebens ein, wie etwa Kleidung. So mutmaßt sie, dass die Kleidung der Zukunft aus der robusten Hanfpflanze oder recyceltem Kunststoff etwa aus Meeresmüll bestehen könne, ein inzwischen angesichts mancher Projekte gar nicht mehr unwahrscheinliches Szenario. Auch die Ernährung würde sich dann erheblich verändern müssen, aber da Menschen omnivor seien, sei dies unproblematisch. Nur von Fettleibigkeit aufgrund von Völlerei müsse man sich bei begrenzten Ressourcen wohl verabschieden.
Kim Stanley Robinson, der kämpferische Optimist
Kim Stanley Robinson gilt als „Erzähler des Klimawandels“ (so auch der Titel des Buches von Fritz Heidorn mit und über Kim Stanley Robinson, Berlin, Hirnkost 2022). Er hat ebenfalls Literatur studiert und wurde mit wissenschaftsfundierter, interdisziplinärer und positiver Science Fiction erfolgreich. Seine Mars-Trilogie zur Besiedlung und dem Terraforming des Mars brachte ihm weltweit Ruhm und Fans. Auch er erkannte frühzeitig die Bedeutung der Klimakrise als „the story of the next century“ (in Diego Arguedas Ortiz, „How science fiction helps readers understand climate change“, BBC, 15. Januar 2019).
Da Robinson selbst mit einer Naturwissenschaftlerin und Umweltchemikerin verheiratet ist, erlebt er „science in action“, als Wissenschaft aus nächster Nähe. Zwischen Utopie und „Wissenschaft in Aktion“ sieht der Autor einen engen Bezug: „to me the idea of science as a utopian coming-into-being has seemed both true and useful“. Er ist daher nicht nur ein exzellenter Erzähler, sondern durchdringt und analysiert auch komplexe Sachthemen – wie die Klimakrise. Weiterhin kann er aufgrund seiner Naturerfahrungen bei extremen Bergtouren selbst in eisigen Wintern auf der Sierra Madre, bei zwei Antarktis-Aufenthalten und anderen überzeugend und sehr poetisch über die Natur und menschliche Natur-Erfahrungen schreiben.
Er ist Mitglied der Democratic Socialists of America (der auch der New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani angehört) und teilt die Auffassung des Weltklimarats IPCC über Zusammenhänge kapitalistischer Praxis, Klimakrise, Naturzerstörung und sozialer Ungerechtigkeit. In diesem Sinne entwickelt er Szenarien für post-kapitalistische Gesellschaften. Wissenschaftler:innen und ihre Visionen von einer besseren Zukunft für alle nehmen in seinen Plots eine zentrale Rolle ein. In den Climate Fiction-Szenarien geht es um rationale Entwürfe zum Klima- und Naturschutz sowie deren gemeinschaftliche Umsetzung. Gemeinschaftliches Lernen, Forschen und Handeln ist ein weiterer wichtiger Aspekt seiner Romane. Während viele andere Science-Fiction-Autor:innen futuristische Gadgets beschreiben, mit denen ihre Protagonist:innen ihren Alltag in der der Zukunft bewältigen, fordert Robinson seine Leser:innen zum eigenständigen Nachdenken über gemeinschaftliches Lernen und Arbeiten auf, um ein großes, übergeordnetes Ziel zu erreichen.
So schildert er in einem Interview mit Robert Markley in „Jacobin“ vom 14. November 2020, wie Einzelpersonen und Personengruppen Veränderungen bewirken können. In „Das Ministerium für die Zukunft“ beschreibt er eine nahe Zukunft der Erde und erzählt von der Verzweiflung der unter Hitze und Flutwellen leidenden und sterbenden Menschen sowie von der Frustration der Klimaschützer:innen und Wissenschaftler:innen. Da die Klimaschutzvereinbarungen international nicht funktioniert haben, soll eine neu gegründete UN-Behörde, das Ministerium für die Zukunft, darüber wachen. Allerdings finden die Forschenden des Zukunftsministeriums schnell heraus, dass die Klimaschutzregeln nicht umgesetzt werden und immer häufiger Tausende oder Zehntausende von Menschenleben fordern. Infolgedessen lässt er Forschende und Öko-Guerilla auf verschiedenen Ebenen dem Klimaschutz auch mit Einsatz von Gewalt Nachdruck verleihen, die einen Systemwechsel, in dem Nachhaltigkeit und Fairteilung belohnt werden, erreichen.
Solche postkapitalistischen Szenarien beruhen auf gemeinschaftlichem Handeln vieler Menschen. Die Bücher von Kim Stanley Robinson wurden mit der Zeit radikaler. Dies belegt sein Gespräch mit Adam Rogers in „Wired“ vom 22 Oktober 2018 schon in der Überschrift: „The Climate-Obsessed Sci-Fi Genius of Kim Stanley Robinson“. Seine Utopien sind nicht leicht konsumierbar. Dystopismus hält Robinson für billig. Stattdessen erarbeiten seine Protagonist:innen Lösungen. In seinem kurzen zu Beginn dieses Essays zitiertem Text „Dystopien jetzt!“ charakterisiert er „Dystopien“ als schonungslose Bestandsaufnahme, der jedoch die „Visionen“ der Science Fiction entgegengesetzt werden müssen. Seine eigene Haltung bezeichnet er als kämpferischen Optimismus, „angry optimism“.
Aufgrund seines Engagements wurde Kim Stanley Robinson zur Klima-Konferenz COP 26 eingeladen, um dort über die Kraft des Erzählens zu sprechen. Denn: während Wissenschaftler:innen mit professioneller Vorsicht über in der Zukunft liegende Unsicherheiten und Auswirkungen sprechen, finden viele Menschen es einfacher, den Klimawandel zu ignorieren, weil sie Veränderungen als unbequem empfinden. Um die „kalten Daten“ des Klimawandels zu verstehen und sie in „emotionales Gold“ zu verwandeln, erklärt Robinson, bräuchte es die „Alchemie der Geschichten“. Gerade seine Brückenschläge zwischen Fiktionen und Fakten machen ihn heute zum herausragenden Vordenker, der gleichermaßen erklärt und motiviert.
Climate Fiction – „Littérature engagée“ unserer Zeit
Climate-Fiction-Plots spielen oft in der nahen Zukunft, einer „Near Future“, und auf der Erde. Sie holen vertraute Umgebungen im Zeichen der Klimakrise aus der Komfortzone und entlarven sicher erscheinende Zufluchtsorte eine existentiell bedroht. Manchmal wird es nur ein wenig unkomfortabel, in anderen Fällen dystopisch-lebensbedrohlich, geradezu apokalyptisch. Dies macht den Leser:innen schmerzhaft bewusst, dass die Klimakrise auch sie betrifft und in der nahen Zukunft immer stärkere Auswirkungen auf ihren Alltag haben wird.
Plots wie Ridley Scotts Film „Blade Runner“ (1982, nach der Erzählung „Do Androids Dream of Electric Sheep“ von Philip K. Dick), der als Cyberpunk-Klassiker auch wichtige Elemente der Klimakrise enthält, sind auf mehreren Ebenen bedrohlich: Neben dem gesellschaftlichen Wechsel von einer funktionierenden Demokratie zu einer übermächtigen Herrschaft der Tech-Konzerne schaffen auch Dauerregen und Dunkelheit eine beklemmende Atmosphäre – das L. A. der nahen Zukunft im bräunlichen Smog wirkt bedrückend, die Protagonisten existieren in den Ruinen unserer heutigen Zivilisation. Dunkelheit und hastig heruntergeschlungene billige Nudelgerichte am Straßenrand, an dem der Hauptperson nicht nur Regen auf die Schultern trommelt, sondern auch Konzernschergen, verstärken das Unwohlsein.
Ein wichtiger Aspekt der Climate Fiction ist die starke Diversität der neuartigen Heldi:innen. Dies ist eng verknüpft mit der afroamerikanischen Autorin Octavia Butler in den 1980er und 1990er Jahren: Mit ihren jungen afroamerikanischen Heroinen, die Missstände aktiv ansprachen und nach Auswegen suchten, brachte Butler vollständig neue Ideen und Perspektiven in die Phantastik. Ihre Near-Future-Plots und aktiven Protagonistinnen waren echte Innovationen in der bis dahin eher von weißen Männern dominierten Science Fiction, sie war eine phantasievolle Vorreiterin der Climate Fiction und der sozialen Verwerfungen der Klimakrise.
Das noch junge Genre der „Climate Fiction“ ist wegen der immer sichtbarer werdenden Krisen alles andere als eine Modeerscheinung, sondern viel mehr eine wichtige Antwort der Literatur auf die unzureichenden Reaktionen vieler Regierungen und Bevölkerungen auf diese existentielle Bedrohung. Climate Fiction will aufrütteln, zum Nachdenken bringen und aktivieren – sie ist engagierte Literatur, ganz im Sinne von Jean-Paul Sartres „littérature engagée“. Die Geschichten der Climate Fiction helfen, Sprachlosigkeit und Lähmung trotz gewaltiger Probleme zu überwinden. Wo die Wissenschaft abstrakte Datenmengen und Konzepte produziert und nüchtern erklärt, können Autor:innen die Kraft der Imagination einsetzen. Climate Fiction erzählt einen Alltag in, mit und nach der Klimakrise. Die Protagonist:innen sind keine ohnmächtigen Opfer, sondern Menschen, die mit ihren Fähigkeiten, ihrem Know-How und ihrem Wissen ihre Situation meistern. Gerade die sozialen Fähigkeiten und die Kooperation in Gruppen sind ihre besondere Stärke.
Innerhalb der Climate Fiction gibt es verschiedene Richtungen. Die vielleicht wichtigste ist der Solarpunk. Einen guten Überblick über Manifeste und literarische Werke bietet Alessandra Reß in ihrem Beitrag im Demokratischen Salon vom Oktober 2024. Das noch junge sonnige Subgenre entwickelt kreative Antworten auf das Leben in und mit der Klimakrise. Mit dem Ziel einer klimafreundlichen und besseren Zukunft für alle imaginiert es nicht nur die umsichtige und nachhaltige Nutzung vorhandener Ressourcen mit modernem Technik-Know-How, andere Formen der fairen Verteilung und nützliche Anwendungen aus Forschung und Wissenschaft, sondern auch eine bunte, lebensbejahende und praktische Umwelt und Ästhetik. Dieser Brückenschlag zwischen Technik und Natur ist ein wichtiges Element des Solarpunk. Das Genre ist nicht auf Literatur beschränkt, sondern intermedial, mit starken Bilderwelten.
Besonders wichtig dabei ist der didaktische Aspekt: So stammen Solarpunk-Anhänger:innen nicht nur aus der Science-Fiction- und Phantastik-Szene, sondern auch aus Umweltschutz, Ingenieurswesen, Maker-Szene, Softwareentwicklung und Open Source-IT. Auch das Teilen von Wissen, Know-How und Ressourcen ist elementarer Teil des Gemeinschaftsgefühls. Dazu kommt ein starker künstlerischer Aspekt voller schillernder Bilderwelten. Es ist eine Absage an demotivierende Dystopie. Stattdessen entwicket sie phantasievolle Ökotopien hoffnungsvoller Zukünfte. Solarpunk-Festivals sind bunte Treffen zum gemeinsamen Erleben und Diskutieren von Literatur, Kunst und Wissenschaft.
Climate Fiction tummelt sich interdisziplinär in Natur- und Geisteswissenschaften, setzt transmedial auf Wort, Bild und Emotion. Sie ist anwendungsbezogen, didaktisch und hochgradig politisch. Als engagierte Literatur regt sie zum Selbst-aktiv-Werden an. Gegen die individuelle Ohnmacht der Handlungsunfähigkeit stellt sie oft gemeinschaftliches Handeln für eine bessere Welt vor. Jede und jeder kann individuell oder als Teil einer Gruppe die eigene Geschichte beeinflussen und die Deutungshoheit über die Gegenwart und Zukunft übernehmen. Gemeinsam organisiert können wir mächtigen Kräften trotzen und politischen Druck aufbauen, um endlich zum Schutz der Menschen und unserer Biosphäre wirksamen Klimaschutz fairträglich umzusetzen. Damit können wir von Opfern zu Akteur:innen werden. In der Krisenbewältigung steckt gleichzeitig auch der Schlüssel für eine fairere Welt – schließlich hängen Klimakrise, Ökokrise und soziale Ungerechtigkeit eng zusammen.
Bettina Wurche, Darmstadt
Die Autorin ist eine leidenschaftliche Meeresbiologin und Wissenschaftsjournalistin. Sie betreibt den Blog „Meertext“. Sie beschäftigt sich seit 2022 intensiv mit dem Phänomen Climate Fiction. Dieser Essay ist ein Vorabdruck aus ihrem Sachbuch „Climate Fiction“, das im Herbst 2026 erscheinen soll.
(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juni 2026, Internetzugriffe zuletzt am 8. Juni 2026. Titelbild: Berlin Friedrichstraße Utopia 2048, Artist: Aeeroscape & Lino Zeddies, Realutopien sowie Wikimedia Commons, Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0.)
