Der trügerische Schein der letzten Dinge

Andreas Brandhorsts Beitrag zur Weltliteratur: „Der Riss“ und „Messias“  

„Der einzige Weg, die Grenzen des Möglichen zu finden, ist es, dahinter zum Unmöglichen weiterzugehen.“ (Arthur C. Clarke, Zweites Gesetz)

Science Fiction ist dafür bekannt, mitunter auch sehr seltsame Ideen zu behandeln. Manche ihrer Ideen werden von vielen Menschen als abgedreht oder als absurd angesehen. Manche Ideen dieser Literatur erinnern an verrückte Wissenschaft, Weird Science, oder an religiöse Wahnvorstellungen. Andere werden gar als völlig abstrus für ein normales Leben im Hier und Jetzt betrachtet. Dazu gehören Diskurse über außerirdische Intelligenz, die Reisen durch Zeit und Raum und insbesondere die Frage, ob wir Menschen in der wirklichen Welt leben oder in einer Simulation, die von höheren Intelligenzen aus anderen Dimensionen gesteuert wird, mitunter auch in der Form von Verschwörungserzählungen. Was ist die Wirklichkeit? Eng damit verbunden ist die Frage nach dem Göttlichen in der Science Fiction. Andreas Brandhorst hat diese Diskurse beispielhaft in den Romanen „Der Riss“ und „Messias“ entfaltet. Es lohnt sich, beide Romane im Kontext amerikanischer Science-Fiction-Romane zu lesen, was uns auf diese Weise hilft, mögliche Szenarien menschenfeindlicher Ideologien zu entlarven.

Leben in der Simulation: das Narrativ

Das Narrativ der simulierten Welt ist eines der interessantesten der Science Fiction, denn es transportiert tiefgehende philosophische Betrachtungen über die Wirklichkeit und berührt – als literarische Erzählung getarnt – Grundfragen der menschlichen Existenz nach dem Sein und dem Sinn des menschlichen Lebens. Im Alltagsleben ist die Wirklichkeit der Zustand der tatsächlichen Existenz, also das, wovon man weiß oder zu wissen glaubt. In der Philosophie streiten sich Vertreter des Materialismus und des Idealismus über ihre gegensätzlichen Auffassungen. Materialisten bezeichnen die Materie, also die körperlichen Dinge als das Primäre der Weltauffassung, während die Idealisten das Bewusstsein, den Geist oder die Idee als das Primäre des Seins ansehen.

Unterschiede gibt es in Fragen der Glaubensvorstellungen. Gläubige Menschen glauben an die Existenz Gottes als höheres Wesen, das die Geschicke der Menschen lenken oder beeinflussen kann, während Atheisten nicht an die Existenz Gottes glauben und Agnostiker sagen, dass sie nicht wissen können, ob Gott existiert oder nicht. Beweise haben wir Menschen weder für die eine noch für die andere Sichtweise, wir sind auf unseren Glauben angewiesen.

Wie erschließen wir uns unsere Welt, wie lernen Kinder, sich in der Welt zu orientieren? Das lernpsychologische Konzept des Konstruktivismus postuliert, dass menschliches Lernen durch Konstruktionsprozesse der sozialen Realität bestimmt werden, die den Menschen ihre eigene Interpretation der Welt ermöglichen. Die Lernenden konstruieren demnach also ihre jeweils eigene Sicht der Realität, in der sie dann agieren.

In welcher Realität leben wir? In einer wirklichen Welt, in einer durch höhere Wesen gesteuerten Welt, oder vielleicht sogar in einer Computersimulation, wie es der Roman „Der Riss“ (2024) von Andreas Brandhorst, nahelegt? Schauen wir etwas genauer in die Welt der Literatur, die uns Hinweise auf Möglichkeiten der Wirklichkeitsbetrachtung liefert.

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Andreas Brandhorst, der deutsche Spezialist für komplexe und gut geschriebene Thriller und Science-Fiction-Themen, legt mit „Der Riss“ eine 640 Seiten starke Erzählung über die Aufdeckung der Tatsache vor, dass wir Menschen in einer Simulation leben. Der Autor führt aus, dass er einige wissenschaftliche Forschungen gefunden habe, die tatsächlich nahelegten, dass wir in einer Simulation leben, dieses aber nicht wirklich beweisen oder widerlegen könnten. In seinem Buch spielt eine künstliche Superintelligenz eine entscheidende Rolle. Auf der Webpage von Andreas Brandhorst findet sich ein Interview mit ihm, in dem er darüber spricht, was ihn zu der Beschäftigung mit diesem Thema angeregt habe, nämlich das Gedankenexperiment, welche Auswirkungen auf unsere Religion und unsere Philosophie die Entdeckung hätte, dass wir tatsächlich in einer Simulation leben würden.

Über die Genese von „Der Riss“ äußert sich Andreas Brandhorst in dem mit „Wahrheit oder Lüge?“ überschriebenen Interview: „Wie bin ich auf die Idee gekommen, ‚Der Riss‘ zu schreiben? Ausgangspunkt war eine Mitteilung meiner Hacker-Freunde in Amsterdam – bei meinen Lesungen erzähle ich die Geschichte dahinter. Hier nur eine kleine Anmerkung: Es gibt tatsächlich Forschungsprojekte, die der Frage nachgehen, ob wir in einer Simulation leben und wie sich das erkennen ließe, und es werden hohe Summen in sie investiert. Aus verständlichen Gründen. Denn Zugriff auf den ‚Genesis-Algorithmus‘, wie er im Roman heißt, auf das Programm der Simulation, würde enorme Macht bedeuten.“

Andreas Brandhorst greift damit ein Thema auf, das in der Science Fiction bereits seit langer Zeit ein Standardthema war und das in der Filmbranche Furore gemacht hat. Den größten Publikumserfolg erzielte die Matrix-Tetralogie, die in den Jahren 1999 bis 2021 erschien und ein großes Publikum begeisterte: „The Matrix“ (1999), „Matrix Reloaded“ (2003), „Matrix Revolutions“ (2003), „Matrix Resurrections“ (2021). Eine harmlosere Konsum-Variante der Simulation wird in dem Film „Die Truman Show“ (1998) gezeigt, während die Action-Variante „Total Recall“ (1990) eher den Trash bedient.

Das deutsche Fernsehen hat bereits im Jahre 1973 den zweiteiligen Fernsehfilm „Welt am Draht“ von Rainer Werner Fassbinder gezeigt, der die erste Film-Adaptation des Romans „Simulacron-3“ (1964) von Daniel F. Galouye ist. Die zweite Filmadaptation des Buches hat Roland Emmerich mit „The 13th Floor – Bist du was du denkst?“ (1999) vorgelegt. In „Simulacron-3“ (1964) schildert Daniel F. Galouye die Erlebnisse des Programmierers Douglas Hall, der mit dem Simulationscomputer TEAG arbeitet und eine simulierte Welt für Zwecke der Marktforschung untersucht und dabei entdeckt er, dass er selbst in einer Simulation lebt.

Was wäre wenn…?

Wie würden wir reagieren, wenn wir tatsächlich und definitiv wüssten, dass wir in einer Simulation lebten? Was würde sich ändern? Eigentlich nichts, oder? Denn wir können nicht mit absoluter Sicherheit behaupten, auch wenn wir den Wissenschaften vertrauen, dass wir nicht von höherstehenden Wesen außerhalb unserer Verstehenswelt in irgendeiner Weise beeinflusst werden.

Und was genau unterscheidet den Glauben an Gott oder Götter von dem Glauben an eine künstliche und simulierte Welt? Oder ist dies einfach eine etwas schräge Weltsicht, in der die Erkenntnisebenen der Menschen wie die Schichten einer Zwiebel übereinanderliegen und doch untereinander unerreichbar sind?

Was unterscheidet diese Sichtweise von der Theorie des Multiversums, die gegenwärtig von der kosmologischen Wissenschaft präferiert wird? Und wo verläuft die Grenze zwischen sicherem Wissen, vermutetem Nicht-Wissen-Können und gewünschten Glaubensvorstellungen?

Andreas Brandhorst sprach darüber mit Roman Schleifer: „Frage: Zurück zum Riss: Angenommen, wir würden erkennen, dass wir in einer Simulation leben – wie würden sich das auf die Menschheit auswirken? AB: Genau das wird in »Der Riss« thematisiert. Darüber möchte ich an dieser Stelle nicht zu viel verraten. Frage: Würden sich moralische und ethische Werte ändern? AB: Religionen gehen ebenfalls davon aus, dass wir in einer ‚künstlichen‘ Welt leben, geschaffen von dem einen oder anderen Gott, der auch uns selbst erschuf. Hier gibt es deutliche Parallelen zur Simulationstheorie. Religionen haben unsere Welt verändert, sie bestimmen bei vielen Menschen Moral und Ethik. Die Erkenntnis, dass wir in einer Simulation leben, hätte vermutlich ähnliche Auswirkungen auf unser philosophisches ‚Standardmodell‘. Frage: Hat sich durch die Recherche in deinem Leben etwas geändert? AB: Ich habe, wie bei allen meinen Recherchen, Erkenntnisse hinzugewonnen. Das bedeutet mir viel. Frage: Wie würdest du reagieren, wenn du und damit deine Bücher nur computergeneriert sind? AB: Ich wäre immer noch ich selbst, und ich würde immer noch schreiben.“

Denkmodelle ohne Beweise

Der Wissenschaftsdidaktiker Harald Lesch hat in einer Sendung der Reihe „Terra X Lesch & Co“ aus dem Jahre 2017 die Frage behandelt, ob wir in einer Matrix leben. Diese ernst gemeinte, spannende und tiefgründige Erläuterung des Themas in einer populären Fernsehsendung des ZDF enthält viel davon, was Leserinnen und Leser guter Science-Fiction-Literatur fasziniert: die Auseinandersetzung mit einer scheinbar unsinnigen, aber philosophisch tiefgehenden Frage, die den Sinn unseres Lebens berührt. Philosophie für das Alltagsleben, sozusagen.

Was also ist die Wirklichkeit? Das, was wir für Wirklichkeit halten, oder gibt es eine weitere, vielleicht mehrere oder gar unendlich viele Schichten von Wirklichkeit? Lesch bezeichnet dies als „infinitiven Regress“, also als endlosen Rückgang in einer unendlichen Reihe. Der „infinite Regress“ wird in der Philosophie als Versuch definiert, eine Position zu widerlegen, indem gezeigt wird, dass diese Position zu einer absurden, weil unendlichen Folge führt. Vorstellbar wäre eine unendliche Matrjoschka, die russische Puppe, die in unendlichen vielen Lagen in sich selbst verschachtelt ist. Harald Lesch erwähnt die Vorstellung des Urknalls, der den Anbeginn der Zeit darstellt und die – in dieser Sicht sinnlose – Frage generiert, was davor war. Jede solcher Fragen führt zu einer unbefriedigenden Antwort, die neue Fragen generiert, aber immer wieder dieselbe Antwort gibt: Wir wissen es nicht und wir können es nicht wissen. Und das gilt besonders für die Frage, ob wir in einer Simulation leben.

Immerhin erscheint es Tröstens wert zu sein, wenn wir mit René Descartes erklären: „Ich denke, also bin ich – cogito ergo sum“ und dies als Beleg nehmen, dass wir tatsächlich sicher sein können, in irgendeiner Realität leben, die wir selbst beeinflussen (können oder könnten). Wir können auch auf Immanuel Kant verweisen, der in seiner Vorrede zur „Kritik der reinen Vernunft“ gesagt hat, dass unsere Vernunft auch Fragen stellen kann, von denen wir von vornherein wissen, dass wir darauf keine sinnvolle Antwort bekommen werden. Das Denken des Menschen ist eben nicht immer zielorientiert, sondern manchmal auch verwirrend und abstrus, aber diese Fähigkeit zeichnet uns als kreative Wesen aus.

Andreas Brandhorst sagt an mehreren Stellen, dass es Belege oder Anzeichen dafür gäbe, dass wir in einer Simulation leben könnten. Er spricht sehr vorsichtig über diese Möglichkeit, legt aber keine Beweise dafür vor, dass dies der Fall ist, denn es gibt keine Beweise, dass wir in einer Simulation leben. Was es gibt, sind Hypothesen, also theoretische Annahmen, dass wir in einer Simulation leben könnten – und diese Annahmen gehen auf eine theoretische philosophische Studie des schwedischen Philosophen und Zukunftsforschers Nick Bostrom zurück, der mit den Mitteln der formalen Epistemologie über Bioethik und Technikfolgenabschätzung gearbeitet hat, über Superintelligenz, existenzielle Risiken und das anthropische Prinzip. Die erwähnte Studie heißt: „Are you living in a computer simulation?“ (erschienen in Philosophical Quarterly 2003, Vol. 53, No. 211). Darin schreibt Bostrom im Sinne eines Gedankenexperiments, dass mindestens einer der drei folgenden Annahmen wahr sein müsse:

  • Die menschliche Spezies wird sehr wahrscheinlich aussterben, bevor sie ein „posthumanes“ Stadium erreicht.
  • Es ist extrem unwahrscheinlich, dass eine posthumane Zivilisation eine signifikante Anzahl von Simulationen ihrer Evolutionsgeschichte (oder Variationen davon) durchführt.
  • Wir leben mit ziemlicher Sicherheit in einer Computersimulation.

Bostrom fasst die Grundüberlegung seiner Studie in diesem Satz zusammen: „Die Wirklichkeit kann also viele Ebenen enthalten. Selbst wenn es notwendig ist, dass die Hierarchie an einem bestimmten Punkt endet – der metaphysische Status dieser Behauptung ist etwas unklar – kann es Platz für eine große Anzahl von Realitätsebenen geben, und die Anzahl könnte im Laufe der Zeit zunehmen.“

Warum also beschäftigt uns die Frage, ob wir in einer Simulation leben oder nicht? Wenn wir nur mit dem Hier und Jetzt des Alltagslebens beschäftigen, könnte uns diese Frage völlig egal sein. Wenn wir uns für Philosophie und Sinnfragen des Lebens interessieren, werden wir solchen Glaubensfragen und allen Erkenntnissen der Wissenschaften ein gewisses Grundinteresse entgegenbringen. Dann berührt diese Frage den Kern unserer menschlichen Existenz und kann einen Beitrag zur Standortbestimmung und Lebensgestaltung leisten, ebenso wie unsere Haltungen zu Glaube, Spiritualität und Philosophie beeinflussen.

Science-Fiction-Literatur kann in diesem Fall einen Beitrag zur Erkenntnisgewinnung leisten – neben dem Lesevergnügen, das gute Erzählungen immer bereitstellen. Es gibt bemerkenswerte historische Science-Fiction-Erzählungen zum Thema einer simulierten Wirklichkeit, die lange vor der Zeit von Computern und virtueller Realität entstanden sind. Ähnlich wie in anderen Fällen naturwissenschaftlich-technischer Entdeckungen und industrieller Umsetzungen in der Geschichte der Menschheit – Raumfahrt, Kosmologie, Erderkundung, Umweltprobleme, Naturzerstörung, Digitalität, Lebensverlängerung, Maschinenwesen – hat die Science-Fiction-Literatur auch hier weit vorausgedacht und die Türen des scheinbar Unmöglichen in den Bereich des Möglichen bei Menschen bis hin in ihr Alltagsleben geöffnet.

Simulacron-Drei

Das Standardwerk für die Simulation der Wirklichkeit ist der Roman „Simulacron-3“ (1964) von Daniel F. Galouye aus dem Jahr 1964. In dieser Erzählung schildert der Autor, entsprechend dem damaligen Zeitgeist, dass mit Hilfe eines Computers ein modernes Meinungsforschungsinstrument namens „Simulektronk“ erfunden wurde, um die Verkaufsaussichten neuer Produkte zu erforschen, bevor diese in die Serienproduktion gehen. „Der Simulator ist das elektromathematische Modell eines durchschnittlichen Gemeinwesens. Er erlaubt Verhaltensvoraussagen auf weite Sicht. Diese Vorhersagen sind noch um ein Vielfaches präziser als die Ergebnisse einer ganzen Armee von Meinungsforschern – Schnüfflern –, die unsere Stadt durchkämmen.“

Der Computer TEAG konstruiert dazu eine perfekte Simulation der Wirklichkeit, bevölkert von vielen tausend elektronischen Kunden, die die neuen Produkte testen und bewerten. Alles läuft gut bis zu dem Zeitpunkt, an dem der Direktor von TEAG, Douglas Hall, auf den Gedanken kommt, dass auch seine Wirklichkeit eine Simulation sein könnte, und Nachforschungen anstellt. Schließlich steigt er in die höhere Wirklichkeitsebene auf und trifft seine Freundin Jinx, die ihm am Ende der Erzählung sagt: „Es wird dir hier gefallen, Doug, obwohl es vielleicht nicht so drollig ist wie in deiner Welt. Hall hatte einen Sinn für das Romantische, als er den Simulator programmierte. Die Attrappennamen wie Mittelmeer, Riviera, Pazifik, Himalaja und so weiter verraten doch immerhin sehr viel Phantasie.“

„Simulacron-3“ ist der Vorläufer für die nachfolgenden großen Verfilmungen wie Matrix, aber nicht das erste Werk, das sich mit dem Thema einer Simulation der Wirklichkeit beschäftigt. Als frühestes Werk zu diesem Thema wird die Kurzgeschichte „Pygmalion´s Spectacles“ von Stanley G. Weinbaum aus dem Jahre 1935 angesehen (1949 erschienen in: „A Martian Odyssey and Others“, ebenso in: The Greatest Works of Stanley G. Weinbaum, e-artnow, 2018). Die Erzählung beginnt mit dem Satz: „Aber was ist Realität? fragte der gnomenhafte Mann. Er deutete auf die hohen Häuserwände, die sich rund um den Central Park auftürmten, mit ihren unzähligen Fenstern, die wie die Höhlenfeuer einer Stadt der Cro-Magnon-Menschen leuchteten. Alles ist Traum, alles ist Illusion; ich bin deine Vision, wie du die meine bist.“

Weitere erwähnenswerte frühe Erzählungen über eine simulierte Wirklichkeit in der Science-Fiction sind: „The Tunnel under the World“ (1955) von Frederik Pohl und „Time out of Joint“ (1959) von Philip K. Dick. Später tauchen Modelle einer simulierten Wirklichkeit in unterschiedlichen Formaten wieder auf, zum Beispiel als „Holodeck“ auf den Raumschiffen von Star Trek, die sogar räumliche Begrenzungen aufheben. Der Raum, in dem sich die jeweiligen Nutzer aufhalten, ist unendlich groß. So sind Ausritte, Schiffstouren und Flüge, der Wechsel von einem Raum in den nächsten, die Erforschung ganzer Planeten und nicht zuletzt der Test von neuen Verfahren möglich. Bemerkenswert sind die Schicksale einzelner Hologramme, die feststellen müssen, dass sie keine realen Personen sind (wie beispielsweise Moriarty in der Sherlock-Holmes- Simulation von Data in „The Next Generation“ oder der Barkeeper im irischen Fair Have in „Voyager“) oder das Bemühen des holographischen Doktors in „Voyager“, rechtlich mit Menschen gleichgestellt zu werden.

Auf dem Weg zu Post- und Transhumanismus

Zurück zu Andreas Brandhorsts Roman „Der Riss“: Brandhorst hat einen transhumanistischen Nahe-Zukunft-Thriller vorgelegt, der trotz mancher Längen im Mittelteil ein grandioses Gedankengebäude im Spannungsfeld von Mensch – Computerintelligenz – Wirklichkeit beschreibt. Er entwickelt ein tiefgehendes philosophisches Zukunftsszenario, in dem der Mensch eine hyperintelligente Maschinensuperintelligenz entwickelt, die dem Homo sapiens nachfolgt und die die Fehler der Menschheitsentwicklung durch Simulationsmöglichkeiten anderer Entwicklungsstränge ausradieren möchte. Die Erzählung beginnt als Abenteuerreise im Möglichen des Hier und Jetzt und endet als Diskursfeld im Unmöglichen der Zukunft, denn die Nachfolger der Menschheit, die Superintelligenzen, erweisen sich als gottgleiche Wesen, die ihre Eltern, die Menschen, auf einen besseren Weg führen wollen – und daran – fast – scheitern. „Es ist die Suche nach einer Menschheit, die nicht den Keim des Untergangs in sich trägt, Egoismen überwindet und Andersartigkeit begrüßt, anstatt sie abzulehnen.“

Die Erzählung von Andreas Brandhorst beginnt als spannungsgeladenes Abenteuer einfacher Menschen und endet als quasi-religiöse Offenbarung der letzten Tage der Menschheit. Damit kann es als eschatologisches Werk – der Lehre von den letzten Dingen – mit den Offenbarungen der großen Religionen oder den Werken der wissenschaftlichen Kosmologie verglichen werden. Literatur im Einklang mit Religion, Philosophie und Wissenschaft, das wäre mein Fazit für dieses Buch.

Im Grunde genommen hat Andreas Brandhorst eine interessante Erzählung begleitend zum neuen Buch des Transhumanismus-Forschers Ray Kurzweil geschrieben, der mit „Die nächste Stufe der Evolution – Wenn Mensch und Maschine eins werden“ (2024, englischer Originaltitel: „The Singularity Is Nearer) ein Nachfolgewerk zu seinem Bestseller „Menschheit 2.0. Die Singularität naht“ (2005, englischer Titel: „The Singularity Is Near“) vorgelegt hat. Kurzweil bestätigt darin noch einmal, dass wir seiner Meinung nach im Jahr 2045 die Verwirklichung der Singularität, das heißt die Verschmelzung von menschlicher und maschineller Intelligenz, erreichen werden. Ray Kurzweil ist ein technisches Genie, er hat sich in zahlreichen Forschungsfeldern hervorgetan und ist der führende Vertreter der Theorie des Posthumanismus. Gegenwärtig ist Ray Kurzweil, im Alter von 78 Jahren, der Leiter der technischen Entwicklung bei Google LLC.

Der Begriff der „technologischen Singularität“ ist von dem Science-Fiction-Schriftsteller Vernor Vinge in seinem Essay „The Coming Technological Singularity – How To Survive in the Post-Human Era“ (1993) zuerst benutzt worden. Vernor Vinge schreibt im Abstract dazu: „In dreißig Jahren werden wir die technologischen Mittel haben, um übermenschliche Intelligenz zu schaffen. Kurz danach wird die menschliche Ära beendet sein. ‚/ Ist ein solcher Fortschritt vermeidbar? Wenn nicht zu vermeiden, können die Ereignisse so gelenkt werden, dass wir überleben können? Diesen Fragen wird nachgegangen. Einige mögliche Antworten (und einige weitere Gefahren) werden vorausgesagt.“ In diesem Kontext halte ich „Der Riss“ für eines der wichtigsten Literatur-Beiträge des Jahres 2024 zur Diskussion der technologischen Zukunft der Menschheit.

Versuch einer Antwort auf die Frage: Leben wir in einer Simulation?

Ich denke: nein! Die Frage und ihre Beantwortung kann dem individuellen Interesse daran überlassen werden, denn es gibt keinerlei Belege für die Grundannahmen, lediglich eine dramaturgische Vorliebe des Erzählens in der Literatur und im Film. Die Grundthese des Lebens in der Simulation stammt von dem Schriftsteller Daniel F. Galouye, sie ist in zwei frühen Science-Fiction-Filmen von Rainer Werner Fassbinder und von Roland Emmerich zeitgemäß umgesetzt und dann im großen Hollywood-Kino mit den Matrix-Filmen effektiv mit faszinierenden Tricktechniken in Szene gesetzt worden. Andreas Brandhorst hat dem Thema die transhumanistische und kosmologische Krone aufgesetzt.

Was bleibt der geneigten Leserin und dem geneigten Leser übrig? Wie so oft hilft vielleicht ein Antwortversuch auf die vier wichtigen Fragen der Philosophie von Immanuel Kant (Kritik der reinen Vernunft):

  • „Was kann ich wissen?“ Wir leben nicht in einer Simulation, sondern erschaffen unsere eigene, komplexe und widersprüchliche Realität, für die wir dann auch verantwortlich sind. Dies bedeutet, dass wir darüber wachen müssen, wie wir die Singularität in den nächsten Jahrzehnten gestalten werden, also die – wie immer geartete – Verbindung von Menschen und künstlicher Maschinen-Intelligenz.
  • „Was soll ich tun?“ Menschlich weiterleben wie bisher nach dem kategorischen Imperativ von Immanuel Kant: Handle nur nach der Maxime, von der du wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.
  • „Was darf ich hoffen?“ Dass die Zukunft durch uns Menschen gestaltbar ist.
  • „Was ist der Mensch?“ Ein denkendes und mitfühlendes Wesen. Was ist eine künstliche Maschinen-Intelligenz? Das ist eine der Hauptfragen der Entwicklung des Homo sapiens im 21. Jahrhundert.

Das vermeintlich Göttliche in der Science Fiction

Den zweiten Teil dieses Porträts und Essays beginne ich mit einem Zwischenbericht zur ersten Lektüre eines außergewöhnlichen Buches, das mich nachts gefangen nimmt. Es geht um das Grundrätsel der Erzählung, für dessen Auflösung ich zunächst keine brauchbare Idee habe.

Dies kommt wirklich selten vor, denn meist folgen die Erzählungen der Science Fiction gängigen Narrativen und die Handlung ist schon am Anfang nachvollziehbar angelegt, sodass Leserinnen und Leser absehen können, was passieren wird, und beurteilen können, ob die Autorin oder der Autor die bekannten Handlungsabläufe interessant und spannend angelegt haben. Meist gibt es nicht wirklich Neues im Sinne eines „Novums“ zu lesen, wie Darko Suvin es für gute Science Fiction fordert.

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Ich lese „Messias“ (2026) von Andreas Brandhorst und bin im ersten Drittel der umfangreichen Erzählung angelangt. Es geht um die Ankunft des mysteriösen Simon auf der Erde, der Wunder vollbringt, Tote wiederaufweckt und manchen Menschen die Hölle zeigt. Was ist er? Ein Außerirdischer, ein Scharlatan, ein Blender – oder Gott?

Andreas Brandhorst hat es in diesem Roman geschafft, seine Leser auf eine Abenteuerreise zu schicken, deren Ausgang am Anfang völlig unklar ist. Niemand weiß zu Beginn eine Lösung des geschilderten Problems, nicht einmal, ob es sich bei dem Stoff um einen Religionskrimi, einen Actionthriller oder um Science Fiction handelt. Dieses literarische Kunststück ist dem Autor außerordentlich gut gelungen und ich bin gespannt, wie seine Auflösung aussehen wird.

Die Erzählung von Andreas Brandhorst erinnert mich an die Frage, ob und wenn ja, wie das vermeintlich Göttliche als Ausprägung der christlichen Religionen in der Science Fiction vorkommt. Insgesamt erinnert mich die Erzählung von Andreas Brandhorst an den Roman einer jungen US-amerikanischen Schriftstellerin, den ich vor fünfundzwanzig Jahren gelesen hatte.

Zwei Wochen später: Letzte Fragen in der Science Fiction

Ich habe „Messias“ (2026) zu Ende gelesen und bin begeistert. Das nächtliche Lesen hat mich immer in eine merkwürdige Stimmung versetzt, die ich selten beim Lesen eines Buches verspüre und die mich streckenweise in einen Zustand von irritierter Unruhe versetzt hat, die mich aus dem seelischen Gleichgewicht brachte. Dies empfinde ich als einen der größtmöglichen Einflüsse von guter Literatur auf den Menschen, wenn nichts mehr zu stimmen scheint, wenn alles, was man sich so ausmalt im Lesefluss, unklar erscheint, wenn keine Lösungen vorhanden sind. Literatur als Verunsicherung und Anregung zum Nachdenken, das ist ein Effekt, den dieser Roman von Andreas Brandhorst auf mich hatte.

Andreas Brandhorst baut – langsam, sorgfältig, begeisternd und verwirrend – ein Grundrätsel für die Leserinnen und Leser auf, das in viele einzelne Rätsel aufgeteilt wird, die ein immer verwirrenderes Bild ergeben. Wer ist Simon, was kann er bewirken, können wir ihm glauben, sollen wir ihm folgen? Das Grundrätsel lautet: Ist Simon Gott oder ein mit sehr fortschrittlichen Technologien ausgestatteter Außerirdischer? Davon abhängig ist die Frage: Was will er auf der Erde?

Eine Gruppe von Wissenschaftlern versucht zu beweisen, dass er ein Alien ist, scheitert aber, denn Simon ist gottgleich an allen Orten aktiv und bewirkt ein Wunder nach dem anderen. Die Abwehr eines Asteroiden, der auf die Erde zufliegt, ist ein solches Wunder, denn es ist den Menschen nicht annähernd gelungen, eine technologische Meisterleistung von dieser Größenordnung zu inszenieren.

Simon besucht die kritischen Wissenschaftler, diskutiert mit ihnen ihre Ideen und verunsichert sie. Wissenschaftliche Rationalität oder der Glaube an eine göttliche Intervention, was ist der Wirkmechanismus von Simons Tun? Diese Verunsicherung, also das Infragestellen von scheinbar eindeutigen wissenschaftlichen oder technischen Annahmen, zieht sich durch das Buch und hält die Leserinnen und Leser fast bis zum Schluss gefangen. Wir wissen nicht, wer Simon ist, was er tut und vor allem: warum er der Menschheit eine angeblich gute Unterstützung geben will. Soll die Menschheit alle traditionellen Glaubenskonzepte fahren lassen? Baut er eine neue Religion auf mit ihm als Messias?

Die Auflösung kommt sehr spät am Schluss der Erzählung, kurz bevor die Wissenschaftler resignieren: „‚Es ist nie zu spät‘, widersprach Lutha. ‘Diesmal schon.‘ Der Frust in Jayden brach sich Bahn. ‚Es hat alles nichts genützt. Der Versuch, Simon mit einer elektromagnetischen Falle festzusetzen, die Suche nach einer Waffe, die Kampagnen gegen ihn, der Angriff auf seine Mondstation. Es war alles sinnlos.‘“

Achtung Spoiler: Simons Identität wird erst sehr spät vom Autor aufgedeckt. Er ist eine außerirdische Schwarmintelligenz, ein kollektives Geschöpf, bestehend aus vielen einzelnen intelligenten Komponenten. Und zwar eine abtrünnige Schwarmintelligenz, die egomanisch und parasitär geworden ist. Die Schwarmintelligent Simon wird schließlich von einem anderen Schwarmintelligent seiner Art besiegt – und die Menschheit wird befreit. Oder setzen sich die Probleme der ersten Begegnung der Menschheit mit einer außerirdischen Superintelligenz einfach auf eine andere Art fort?

In „Starmaker“ (1937) schrieb Olaf Stapledon einst ganz lapidar: „Gott, der am Anfang alle Dinge erschuf, ist selbst am Ende von allen Dingen erschaffen worden.” Der Altmeister der Science-Fiction Literatur, Isaac Asimov, hat in der Kurzgeschichte „The last Question“ (1956) die Menschheit, das Universum und Gott kongenial zusammengebunden. Was als eine trunkene Wette unter Computerprogrammierern im Jahre 2061 beginnt, endet in einem neuen Urknall am Ende aller Dinge, nur diesmal unter Beteiligung der Menschheit, die in Verschmelzung mit ihrem Supercomputer zu Gott geworden sind. Die letzte Frage lautet etwa: „Können wir eine neue Sonne anzünden, wenn die alte verbraucht ist?” Oder „Ist die Zunahme der Entropie im Universum umkehrbar?” Selbst dem lernenden Supercomputer fehlt die Datenbasis zur Beantwortung dieser Frage, bis schließlich am Ende der Zeit, als die Menschen zu Galaxis umspannenden Geisteswesen geworden sind und mit dem kosmischen Computer verschmelzen, endlich klar wird, was zu tun ist: Und der Computer sprach: „Es werde Licht. Und es ward Licht.”

Gläubig in den Völkermord – „Millenium Rising“ von Jane Jensen

Religionen spielen in den jüngeren Werken der Science-Fiction Literatur eine Rolle, wie dies Gentry Lee in „Bright Messengers“ (1995, deutsch: „Boten des Lichts“) brillant vorgeführt hat. Er behandelt die Utopie von Religionen. Anders gesagt: Die Frage nach Glaubensgemeinschaften der Zukunft und die Problematisierung des Glaubens an Gott wird für den Fall thematisiert, dass die Menschheit irgendwann Außerirdischen begegnet. Beispiele finden sich auch in „Childhood`s End“ (1953) von Arthur C. Clarke, in dem die Außerirdischen, die die Menschheit auf ihrem evolutionären Wege in die Zukunft begleiten, ironischerweise haargenau wie der Leibhaftige mit Hörnern auf dem Kopf und Pferdefuß aussehen.

Ich erinnere mich an ein anderes Buch, das ich vor langer Zeit gelesen habe und das mich in einen ähnlichen Zustand ungläubiger Irritation versetzt hatte wie das „Messias“ von Andreas Brandhorst. Die Irritation, ob es sich bei der Erzählung tatsächlich um den Bericht über eine neue Apokalypse handeln sollte, also den gottgewollten Weltuntergang für eine verderbte Menschheit, oder um ein wissenschaftlich gefaktes politisches Szenario mit wissenschaftlichem Hintergrund. Ich spreche von „Millennium Rising“ (1999, später unter dem Titel „Judgement Day“ veröffentlicht), dem Erstlingswerk einer damals noch unbekannten US-amerikanischen Autorin, von Jane Jensen, das ich weiter unten vorstellen werde.

Jane Jensen bietet in „Milennium Rising“ (1999) eine wirklich beeindruckende Version der Apokalypse. Am Vorabend des Millenniumwechsels empfangen im mexikanischen Santa Pelagia 24 Vertreter aller großen Weltreligionen die Botschaft Gottes vom Ende der Welt, von Armageddon, der letzten Schlacht zwischen Gut und Böse. Der Katholikin Maria Sanchez erscheint die Jungfrau Maria am Himmel, schwarz gekleidet als Zeichen ihres Schmerzes, und zitiert aus der Offenbarung des Johannes: „Und ich sah ein andres Zeichen am Himmel, das war groß und wunderbar: sieben Engel, die hatten die letzten sieben Plagen; denn mit ihnen ist vollendet der Zorn Gottes.“ (Offenbarung des Johannes: Kapitel 15, Vers 1).

Die Vision von Maria Sanchez wird begleitet von den Wundmalen Christi, münzgroßen, blutenden Wunden auf beiden Seiten ihrer Hände. Die Stigmata werden von einem Fernsehteam gefilmt, die Bilder gehen um die Welt. Die Offenbarung des Johannes wird Realität. Es gibt kein Entkommen. Mit diesem Szenario beginnt „Millennium Rising“. Die Leser werden mit großer Suggestivkraft in einen Live-Bericht über das Jüngste Gericht hineingezogen. Die Geschichte beginnt damit, dass zwei Experten die Verkündigung von Santa Pelagia untersuchen sollen. Ein Reporter der New York Times, Simon Hill, und ein Priester des Vatikans, Vater Michele Deauchez, der Spezialist für die Untersuchung von Wundern ist, treffen aufeinander. Sie finden zunächst nur eines, den Glauben an die Gottgegebenheit der Botschaft.

Während Deauchez in Rom dem Papst berichtet, beginnt die Katastrophe: Auf Nahrungsmitteln erscheinen geschwürige Flecken, den Menschen verbrennt die Haut.

In kurzen Abständen fallen die Apokalyptischen Reiter über den Planeten her, als tödliche Geschwüre, als Verbrennungen, als Hungersnöte, als globale Epidemie, der Millionen Menschen zum Opfer fallen. Auch der Papst und der amerikanische Präsident sowie der größte Teil seines Kabinetts sterben. Die westliche Zivilisation ist ihrer Führungspersönlichkeiten beraubt und versinkt im Chaos. Dennoch lassen Vater Michele Deauchez und Simon Hill nicht locker und sind als berufsbedingte Skeptiker das Untersuchungsteam im Auftrag der menschlichen Vernunft.

Die gerät nämlich vollständig unter die Räder eines globalen Wahns, der, wie die Autorin nach mehr als hundert Seiten langsam eröffnet, natürlich nicht von Gott inszeniert wird, sondern von einem weltweit agierenden Geheimbund namens „Das rote Zepter”, dessen Mitglieder das Jüngste Gericht als menschliche Verschwörung gegen die eigene Gattung inszenieren.

Mit äußerster Perfektion und eiskalter Berechnung verfolgen sie das Ziel, vier Milliarden Menschen auszurotten und eine neue Weltordnung herzustellen. Dazu benutzen sie geschickt die Leichtgläubigkeit der Menschen an ihre jeweilige Religion sowie ein ausgefeiltes Arsenal an Hochtechnologie und naturwissenschaftlich-technischen Kenntnissen. Der industriell-militärische Komplex inszeniert den globalen Holocaust.

Der amerikanische Verteidigungsminister Anthony Cole wird von der Autorin als der wahre – menschliche – Satan enttarnt, der als Chef des Kommunikationskonzerns „Telegyn“ alles geplant und mit seinem Stab organisiert hat. Er steuert als neuer amerikanischer Präsident den Untergang der Menschheit.

Während die Propheten von Santa Pelagia Millionen Jünger um sich scharen, ergreifen arabische Fundamentalisten, angeführt von einem der 24 Propheten aus Santa Pelagia, die Chance, das angeschlagene Amerika und Europa atomar anzugreifen. Die Mehrfachsprengköpfe, die der neue amerikanische Präsident ihnen auf Umwegen zugespielt hat, töten die Anhänger der Propheten von Santa Pelagia und haben einen atomaren Vergeltungsschlag Großbritanniens und der USA zur Folge. Die Welt versinkt im dritten Weltkrieg.

Die beiden Helden des Romans, Father Michele Deauchez und der Reporter Simon Hill, entdecken Schritt für Schritt die Wahrheit und klären auf, nachdem sie zahlreichen Attentatsversuchen durch von „Telegyn“ gedungene Mörder entkommen konnten. Father Deauchez ist nämlich selbst einer der 24 Propheten von Santa Pelagia, der allerdings als Rationalist an einem grundlegenden Gotteszweifel leidet und daran fast zugrunde geht.

Er und zwei weitere Nicht-Gläubige unter den Propheten, ein tibetanischer Mönch und ein indianischer Schamane, organisieren den Widerstand. Sie entdecken schließlich, dass der kollektive Glaube der Menschheit für den letzten Teil der Apokalypse verantwortlich ist, die großen Erdbeben. Die Inszenierung der Telegyn-Verschwörer gerät völlig außer Kontrolle und die Protagonisten müssen sich mit dem Massenmörder gemein machen, um den kollektiven Wahn zu stoppen. Nur die drei Propheten gemeinsam sind in der Lage, den verstörten Massen die Botschaft ins Unterbewusste zu pflanzen, dass die Erdbeben aufhören, wenn alle glauben, dass sie aufhören.

Sie verkünden über das Fernsehen, dass Gott ihnen die Botschaft gab, am 26. Tag nach der Verkündigung von Santa Pelagia an die Öffentlichkeit zu treten und den Menschen zu verkünden, dass „Gottes Schale des Kummers überfließen und er seine Kinder retten wird. Die Erde wird sich aus ihrem Todeskampf erholen und Gleichgewicht und Harmonie wiederfinden. Dies ist sein Versprechen.“ Diese letzte Prophezeiung wird begleitet von Regenbögen, die weltweit am Himmel erscheinen. Ein Zeichen Gottes, hervorgerufen von fortschrittlicher Lasertechnologie.

Es bleibt die Frage, warum die Geheimorganisation „Rotes Zepter“ diesen globalen Genozid inszeniert. Um die Welt vor Überbevölkerung und Umweltverschmutzung zu retten, so lautet die Wahnvorstellung von Anthony Cole. Alle idealistischen Versuche von Geburtenkontrolle, der UN oder Greenpeace hätten nichts genützt. Nun hätten die neuen Führer für das eigene Schicksal die Verantwortung übernommen. Manchmal sei, was getan werden müsse, nicht einfach.

So weit, so düster. Das Buch ist unheimlich spannend und von fundamentaler Wucht. Die ersten 150 Seiten machen den Leser fast glauben, dass Armageddon tatsächlich stattfindet. Schließlich kommt die Wendung zu einer menschengemachten Katastrophe, die nicht weniger schlimm ist. Und dann der dritte Akt, in dem das kollektive Unbewusste in Form der wundersamen Begleiterscheinungen der Prophezeiungen wie Christusähnliche Wundmale oder zu Staub zerfallende Heilige in den Vordergrund tritt. Die drei aufrechten Propheten erkennen die wirkende Kraft des potenzierten menschlichen Unterbewusstseins: Wenn Millionen Menschen an Erdbeben glauben, treten diese auch auf.

Hier, im Glauben, wurzelt die Leichtgläubigkeit der Menschen ebenso wie der Schlüssel eines aufgeklärten Überwindens der Gefahr. Der Mensch entdeckt verborgene Seiten seiner Natur und erkennt seine Kommunikationsfähigkeit mit Gaia, der Mutter Erde. Der Mensch ist Gaia, oder wenigstens ein handelnder Teil von ihr.

Die neue Weltordnung kommt also auf jeden Fall, nur etwas sehr anders, als es sich die Telegyn-Verschwörer ausgedacht haben. „Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut.” (Offenbarung des Johannes: Kapitel 21, Vers 1 und 2).

Am Ende des Buches weiß niemand mehr genau, wo die Grenzlinien zwischen Glauben und Wissen verlaufen Und die Autorin verfolgt genau diese Absicht, wenn sie in einem Interview ausführt: „Wissenschaft ist sehr magisch, besonders fortschrittliche Wissenschaft. Was ist der Unterschied zwischen der Art von Fotos, die wir vom Hubble-Teleskop bekommen und der mystischen Vision, die ein Schamane vom Kosmos hat? Oder zwischen menschlichen Wesen, die durch Gentechnik perfektioniert wurden und den Ideen von Engeln oder von Unsterblichkeit?“

Jane Jensen geht sehr kreativ mit fortschrittlicher Wissenschaft um. Sie erfindet beispielsweise eine Hochfrequenztechnologie, die menschliche Gehirne beeinflusst und Meinungen beziehungsweise Glaubensvorstellungen transportieren hilft (High Frequency Active Auroral Research Programme – HAARP). Ein Manipulationssystem für Ideen sozusagen. Das ist noch Science Fiction, verdeutlicht aber eine technologische Entwicklungsmöglichkeit mit gewisser Eintrittswahrscheinlichkeit.

Weiter gesponnen verschwimmen die vermeintlich scharfen Grenzen zwischen Wissenschaft und Glaube und es beginnt der von Artur C. Clarke formulierte Satz zu wirken, nach dem eine wirklich fortschrittliche Technik von Magie nicht mehr zu unterscheiden ist. „Millennium Rising“ handelt aber noch von anderen menschlichen Problemen: unseren Ur-Ängsten und Selbstzweifeln, der Frage, was nach dem Tode kommt, und den schuldbeladenen apokalyptischen Untergangsvisionen. Das Buch rührt grundlegende Fragen von Sein, Glaube und Prophezeiung an und entwickelt eine düstere, spannungsgeladene Zukunftsvision, die den Leser an die Grenze seiner eigenen Glaubensvorstellungen führt.

Das Neue Testament als Muster und die Wiederkunft Christi als Luzifer

Science Fiction findet immer wieder Stoffe in den Büchern der christlichen Bibel, in der eine Fülle von Ankündigungen einer Endzeit zu finden sind. In dem Buch „Der letzte Tag“ (1999) schreibt Glenn Kleier eine moderne Fassung des Neuen Testaments. Die Handlung beginnt an den letzten Tagen des Jahres 1999 in Jerusalem, das durch kursierende Gerüchte um die Wiederkehr des „Heilands“, große Menschenmengen der so genannten „Millennarier“ und die Explosion eines geheimen Versuchslabors der Israelis in der Negev-Wüste aufgewühlt wird. Ein Reporterteam von WNN recherchiert rings um die Zeitenwende und berichtet über „Jesa”, die Mensch gewordene Tochter Gottes. Diese bringt als göttliche Botschaft die Auflösung der Religionsgemeinschaften mit und legt sich besonders mit der katholischen Kirche an. Der Papst als Stellvertreter Gottes auf Erden versagt völlig, indem er „ex Cathedra“, geradezu mit göttlicher Unfehlbarkeit, Jesa als Satan brandmarkt und seinen Irrtum erst am Schluss bemerkt. Da ist der neue Heiland bereits ermordet worden und der Leser kann nicht ganz sicher sein, ob Gottes Prophet nun wirklich für kurze Zeit auf die Erde zurückgekommen ist oder nicht. Michael Cordy verwendet ein ähnliches Motiv. In seinem Roman Lucifer – Träger des Lichts (2003) verbindet er optische Computer mit Fragen nach dem Tode und der Wiederkunft Christi als Luzifer.

Eine weitere Variante finden wir in Michael Cordys „The Miracle Strain” (1997, deutsch: „Das Nazareth Gen”). Dezember 2002: Die menschliche Erbsubstanz ist komplett entschlüsselt worden. Der brillante amerikanischer Wissenschaftler Tom Carter, der dies mithilfe eines Supercomputers bewerkstelligt hat, erhält in Stockholm den Nobelpreis für Medizin. Bei einem Anschlag einer religiösen Fundamentalistengruppe, die Carter als Frevler an der Schöpfung ansieht, kommt seine Frau ums Leben, er selbst wird nur leicht verletzt. Es entbrennt ein Kampf zwischen Glauben und Wissenschaft, der auf unterschiedlichen Ebenen ausgetragen wird, vor allem aber auf einer: Carters Tochter leidet an einem Gendefekt und muss sterben –wenn nicht ihr berühmter Vater ein Gegenmittel findet: ein Gen mit Wunderheilungskräften aus dem angeblichen Turiner Grabtuch von Jesus Christus – und das befindet sich in der Hand der Fundamentalisten.

Die Endlichkeit des menschlichen Lebens

Die Romane von Andreas Brandhorst lassen sich in Zusammenhänge der Science Fiction einordnen, die sich ebenso wie die verschiedenen amerikanischen Autorinnen und Autoren, deren Bücher ich hier beschrieben habe, Motive der christlichen Bibel, insbesondere der Offenbarung des Johannes verwenden, um uns als Leserinnen und Leser auf diese Art und Weise zu irritieren. Gleichzeitig warnen uns seine Romane vor falschen Analogien wie wir sie zurzeit im Silicon Valley finden. Der Franziskaner Paolo Benanti, der an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom lehrt, hat in einem Gespräch mit Nicolas Killian in der ZEIT vom 29. April 2026 die Vermischung von wissenschaftlichem Fortschritt und messianischer Ideologie im Silicon Valley, insbesondere bei Peter Thiel, analysiert: „Peter Thiel (…) vermischt die biblische Prophezeiung vom Ende der Welt mit seinen Fantasien vom Ende unserer Zeit. Die Zeit, deren Ende Thiel herbeisehnt, ist die der westlichen Nachkriegsordnung Es stimmt aber nicht, dass mit dem Ende dieser Ordnung die Welt untergeht. Thiel ist gefährlich, weil er die Grundlagen unseres Zusammenlebens infrage stellt. Er hält sie für überholt. (…) Thiels Trick ist, dass er mit seiner religiös aufgeladenen Rede von der Endzeit jedem Thema äußerste Dringlichkeit verleiht. Er erhebt seine Ideen zu einer Religion.“

Science Fiction entfaltet die Szenarien, wie Endzeitfantasien Wirklichkeit werden könnten und entlarvt zugleich deren Absurdität. Andreas Brandhorst leistet dies für die deutschsprachige Science Fiction und hat darin sogar eine Art Alleinstellungsmerkmal. Die amerikanische Science Fiction bietet Referenzen, Analogien und nicht zuletzt den literarischen Horizont, durch die die Romane von Andreas Brandhorst zu Weltliteratur werden.

Leider muss in meine Ausführungen mit einem traurigen Kommentar schließen, denn Andreas Brandhorst hat mit seinem Newsletter vom 21. Februar 2026, seinem „Abschied“, seine Leserinnen und Leser auf seinen Gesundheitszustand hingewiesen und deutlich gemacht, dass sein Werk und sein Leben endlich sind. Dieser Weg in die Öffentlichkeit hat mich, trotz seines traurigen Inhalts, außerordentlich beeindruckt und ich würde uns allen wünschen, dass wir so mutig mit dem Thema Endlichkeit des menschlichen Lebens umgehen können, wie es uns Andreas Brandhorst vorgemacht hat. Sein Werk wird überdauern und uns weiterhin Mut zum Leben machen!

Danke, lieber Andreas Brandhorst, für Ihre anregenden Ausflüge in ferne Zeiten, Welten und Erfahrungen, die Sie mit uns Leserinnen und Lesern geteilt haben!

Fritz Heidorn, Oldenburg

(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juni 2026, Internetzugriffe zuletzt am 12. Mai 2026. Die Passagen über „Der Riss“ im ersten Teil dieses Beitrags wurden bereits im Januar 2025 im Demokratischen Salon veröffentlicht und für diese Hommage an Andreas Brandhorst leicht überarbeitet. Titelbild: Large Hedron Collider, View of the LHC tunnel sector 3-4, Maximilien Brice (CERN), Wikimedia Commons – Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0.)