Projekt Beschreibung

Die fortschrittliche Ostfrau

Der Mythos und die Wirklichkeit

„Das ostdeutsche Erfolgsmodell der ‚fortschrittlichen Frau‘ war die voll Berufstätige mit mindestens zwei Kindern, im Dreischichtsystem, gesellschaftlich aktiv, Haushalt und Kinder stemmend und das selbstredend in ungetrübter Lebensfreude. Die Rede ist von einem Tausendsassa, von einer universal mother, die im neuen Deutschland bloß noch von der Ostfrau auf die Westfrau übertragen werden musste.“

Diese Analyse schrieb Ines Geipel, ehemalige Weltrekordsprinterin, heute Schriftstellerin und Professorin für Verskunst an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, aktiv an der Aufdeckung des (nicht nur) in der DDR gängigen Staatsdopings beteiligt. In ihrem Buch „Umkämpfte Zone – Mein Bruder, der Osten und der Hass“ (Stuttgart 2019) sucht sie nach Erklärungen für aktuelle politischen Entwicklungen in Ostdeutschland. Dabei dekonstruiert sie mehrere populäre heute noch wirkende Mythen der Erinnerung an die Verhältnisse in der DDR, die vor allem von linker und liberaler Seite gerne bemüht werden, um zu belegen, dass es in der DDR doch positive Ansätze zu einer gerechten Gesellschaft gegeben hätte, die hätten bewahrt werden sollen.

Der Mythos von der emanzipierten gleichberechtigten „Ostfrau“ ist einer dieser Mythen. Betrachtet man die heutige Zahl der Einrichtungen zur Betreuung von Kindern in den sogenannten „alten“ und „neuen“ Bundesländern, könnte diesem Mythos durchaus eine bestimmte Berechtigung zugesprochen werden. Aber wie das bei Mythen so ist, lohnt es sich, intensiver zu forschen, um bewerten zu können, ob das Vorhandensein von Institutionen, in diesem Fall von Kindertagesstätten, die das Ziel verfolgen, Mütter und Väter von häuslicher Arbeit zu entlasten, bereits dazu taugt, die Gleichberechtigung und Gleichstellung von Frauen und Männern (nicht nur) in der DDR zu belegen.

Haupt- und Nebenwiderspruch

Es gehört zu den Streitfragen marxistischer oder marxistisch inspirierter Theoretiker*innen, ob die „Frauenfrage“ sich erst löse, wenn „die soziale, die ökonomische Frage“ gelöst sei, oder ob im Gegenteil erst die „Frauenfrage“ zu lösen sei, bevor sich „die soziale, ökonomische Frage“ lösen ließe. Ist die Abhängigkeit von Frauen von den Entscheidungen von Männern ein Symptom der kapitalistischen Verhältnisse, deren Überwindung auch automatisch jedes patriarchalische Denken und Handeln abschafft? Oder ist die Überwindung der Benachteiligung von Frauen grundlegende Voraussetzung für jede weitere Überwindung von kapitalistischen Herrschaftsverhältnissen? Was ist Haupt-, was ist Nebenwiderspruch?

Gerd Koenen beschreibt in seinem Buch „Die Farbe Rot“ – Ursprünge und Geschichte des Kommunismus“ (München, C.H.Beck, 2017) die Positionen der sich zunächst in England bildenden Gewerkschaften und vergleichbarer Organisationen. Inklusion gehörte nicht zu ihrem Programm: „Auch da, wo sich auf lokaler Ebene oder in bestimmten Berufsgruppen und Branchen erste größere, zuweilen schon landesweite Trade Unions (Gewerkschaften) bildeten, wie vor allem im England der 1860/7oer Jahre, handelte es sich noch immer um exklusive, de facto berufsständische Vereinigungen von männlichen und qualifizierten Arbeitern mit eigenen Bannern, Lokalen und Festtagen. Generell wurde gerade von den gewerkschaftlich Organisierten die Fabrikarbeit der jungen Frauen als Konkurrenz gesehen, die mit einiger Gehässigkeit verfolgt wurde. Ähnliches galt auch für die sozialistischen und ‚klassenbewussten‘ französischen Syndikalisten dieser Jahre. Von Feindseligkeit geprägt waren schließlich fast immer die Trennlinien, die gegenüber den Arbeitsmigranten gezogen wurden, so den Iren in England oder den Belgiern in Nordfrankreich.“

Die Gewerkschafter haben die im „Manifest der Kommunistischen Partei“ (MEW 4) beschriebene Grundstruktur des Kapitalismus verinnerlicht: „Die Bourgeoisie hat dem Familienverhältnis seinen rührend-sentimentalen Schleier abgerissen und es auf ein reines Geldverhältnis zurückgeführt.“ Der Mensch ist Ware, Produktionsmittel, Frauen sind ein „reines Produktionsinstrument“ (zitiert nach Gerd Koenen). Gerd Koenen analysiert „die projektiven Urängste der Bürger vor den Frauen (…), sobald diese die engere häusliche Sphäre verließen und von Objekten zu Subjekten mutierten.“ Es entsteht sozusagen eine Hierarchie der Ausbeutung, in der Frauen (und Migranten) ganz unten stehen.

Welche sonstigen Fantasien die Apologeten der männlichen Vorherrschaft umtrieben, bringt Karl Marx auf den Punkt. Die von manchen diskutierte und von einigen für den Sozialismus geforderte männliche Promiskuität, die „Weibergemeinschaft“ nennt er die „unendliche Degradation“ einer menschlichen Existenz, denn „in dem Verhältnisse des Mannes zum Weibe … ist das Verhältnis des Menschen zur Natur unmittelbar sein Verhältnis zum Menschen“. (zitiert nach Gerd Koenen, nachlesbar auch in MEW 40, Ökonomisch-philosophische Manuskripte).

Die Frau als für den Mann verfügbarer Besitz – das ist die eine Seite im Kapitalismus. Die andere ist die Arbeitsteilung, die die Hierarchie zwischen Männern und Frauen hervorgebracht hat und im Alltag bestätigt. Gerd Koenen: „Dass die ‚Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau‘ die erste und bedeutendste aller historischen Arbeitsteilungen gewesen sei, gehörte zu den Axiomen einer materialistischen Geschichtsschau marxistischen Zuschnitts.“ Diese Einsicht, die im marxistischen Sinne „radikal“ versucht, erlebte Ungleichheit zu bekämpfen, setzte sich in der Praxis der in der Regel männlichen Revolutionäre nicht durch.

Für die männlichen Revolutionäre stand nicht zur Debatte, welche Rechte Frauen für sich in Anspruch nehmen könnten, sondern, ob sie ausreichend Zeit zur Verfügung hätten, die Männer in ihrem revolutionären Tagewerk „zu unterstützen“. Gerd Koenen referiert den Verlauf des Tagesordnungspunkts „Frauenfrage“ auf dem Bundestag des „Vereinstags Deutscher Arbeiter-Vereine“ (VDAV) im Jahr 1965: „Die Forderung nach rechtlicher Gleichstellung der Frauen sollte nicht etwa, so einer der Antragsteller, zu sozialer ‚Gleichmacherei‘ führen, sondern die Frauen besser befähigen, die politischen und gesellschaftlichen Aktivitäten ihrer Männer zu unterstützen.“

Rosa Luxemburg: Frauen folgen ihrem Klassenstandpunkt

Haupt- oder Nebenwiderspruch? Was sagt eine prominente Streiterin der frühen Sozialdemokratie dazu? Rosa Luxemburg zählt „Monarchie und Rechtlosigkeit der Frau (…) zu den wichtigsten Werkzeugen der kapitalistischen Klassenherrschaft“. (so in ihrem Text „Frauenwahlrecht und Klassenkampf“, nachlesbar in dem 2018 bei Reclam mit einem Essay von Dietmar Dath erschienen Sammelband „Friedensutopien und Hundepolitik – Schriften und Reden“). Sie sieht die Stärke der Bewegungen, die sich für das Frauenwahlrecht einsetzen, im Zusammenhang mit der Überwindung kapitalistischer Ausbeutung. Einen Eigenwert haben diese Bewegungen demnach nicht. Rosa Luxemburg schreibt 1912 unter Berufung auf Charles Fourier: „Der jetzige Massenkampf um die politische Gleichberechtigung der Frau ist nur eine Äußerung und ein Teil des allgemeinen Befreiungskampfes des Proletariats, und darin liegt gerade seine Kraft und seine Zukunft.“

Die Befreiung der Frau ist nicht mehr und nicht weniger als ein – vielleicht nicht allzu großer – Baustein in der Befreiung der Menschheit im Allgemeinen. Das Verhalten und das Bewusstsein der Frauen wird von ihrem Klassenstandpunkt bestimmt und nicht von ihrem Geschlecht. Ein Grund für diese Auffassung: Rosa Luxemburg traut den Frauen ihrer Zeit nicht. Sie spricht den Frauen ein einheitliches Bewusstsein als Frauen ab. Im Gegenteil: „Die Frauen der besitzenden Klassen werden stets fanatische Verteidigerinnen der Ausbeutung und Knechtung des arbeitenden Volkes bleiben, von der sie aus zweiter Hand die Mittel für ihr gesellschaftlich unnützes Dasein empfangen.“

Friedrich Engels: Ein Plädoyer für die Befreiung der Frauen von der Hausarbeit

Friedrich Engels argumentiert vielleicht schon etwas differenzierter. In seinem Text „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ von 1884 (MEW 21, dort auch abgebildet das Frontispiz der vierten Auflage von 1892) schreibt er: „Der erste Klassengegensatz, der in der Geschichte auftritt, fällt zusammen mit der Entwicklung des Antagonismus von Mann und Weib in der Einzelehe, und die erste Klassenunterdrückung mit der des weiblichen Geschlechts durch das männliche.“ Dies ist kein Plädoyer für Promiskuität, sondern ein Hinweis auf die Ambivalenz des Instituts der Monogamie. Diese „war ein großer geschichtlicher Fortschritt, aber zugleich eröffnet sie neben der Sklaverei und dem Privatreichtum jene bis heute dauernde Epoche, in der jeder Fortschritt zugleich ein relativer Rückschritt, in dem das Wohl und die Entwicklung der einen sich durchsetzt durch das Wehe und die Zurückdrängung der andern.“

Die Frau – so Friedrich Engels – bleibt durch die herrschende Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau „von der gesellschaftlichen produktiven Arbeit ausgeschlossen und auf die häusliche Privatarbeit beschränkt“. Die Frau ist eben nicht die Hilfsarbeiterin des Mannes, ihre schwache soziale Stellung das Ergebnis der männlich definierten Arbeitsteilung. Diese kann aufgelöst werden, wenn die auf häusliche Arbeit verwendete Zeit reduziert wird. Letztlich erreichbar wäre dies durch industrielle Produkte, durch Haushaltsgeräte, die die häusliche Frauenarbeit übernehmen. „Und dies ist erst möglich geworden durch die moderne große Industrie, die nicht nur Frauenarbeit auf großer Stufenleiter zuläßt, sondern förmlich nach ihr verlangt, und die auch die private Hausarbeit mehr und mehr in eine öffentliche Industrie aufzulösen strebt.“

Die manuelle und daher zeitintensive Hausarbeit automatisierenden Industrieprodukte sollen die Frauen entlasten und ihnen die Möglichkeit geben, an der produktiven Arbeit in der Industrie teilzuhaben, nach dem Motto „Bauknecht weiß was Frauen wünschen“. Ob allerdings damit auch die Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen schon aufgehoben wäre, ist eine andere Frage. Denn wer bedient die Maschinen?

Austausch der Fähnchen statt Befreiung

Eine besondere Eigenart sozialistischer oder sich sozialistisch verstehender Staaten liegt darin, dass die Verhältnisse, von denen die Menschen in ihrem Verantwortungs- oder besser gesagt Herrschaftsgebiet befreit werden sollen, nur rudimentär vorhanden sind. Industrialisierung muss in vorwiegend agrarischen Staaten erst herbeigeführt werden. Sie ist daher eines der sozialistischen Entwicklungsprojekte schlechthin, damit das Subjekt der marxistisch inspirierten Revolutionen, das Proletariat, überhaupt erst entstehen kann. Dazu ist eine umfassende Industrialisierung erforderlich – nach dem Motto Lenins: „Kommunismus – das ist Elektrizität und Sowjetmacht“.

Die DDR entstand in einem Land mit ursprünglich gleichermaßen industriellen und agrarischen Strukturen. Diese zeichneten sich durch das Vorhandensein mächtiger Familienclans aus, die „Junker“. Die agrarischen Produktionsprozesse wurden industrialisiert und ebenso wie die vorhandenen Industrien verstaatlicht. Alles wurde „Volkseigentum“ und damit sollte das Problem der den Kapitalismus prägenden Klassenkämpfe gelöst sein. Anderes Sein, neues Bewusstsein, und damit sind auch die Frauen befreit. So dachten die diversen Politbüros.

Aber gedacht ist nicht getan, denn die Verhältnisse der Menschen untereinander hatten sich nicht geändert. Und die DDR entstand in einem Land, in dem bis 1945 die Zuschreibung der Rollen „Hausfrau und Mutter“ Staatsraison war. Ob die bloße Erklärung eines veränderten Seins von einem Tag auf den anderen das Bewusstsein verändert, darf bezweifelt werden. Die 1949 von Fernand Braudel formulierte These der „longue durée“ war kommunistischen und sozialistischen Theoretikern fremd.

Frauen sind gleichberechtigt, aber änderte das ihr Verhalten? Und änderte es die Arbeitsteilung in den privaten Haushalten? Frauen sind fleißig, aber auch in Führungspositionen? In beiden deutschen Staaten offenbar Ausnahme von der Regel. Die Hausarbeit blieb weiterhin den Frauen überlassen. Und so ähneln sich die Gruppenbilder der sogenannten Entscheidungsträger mit ihren gemeinsam alternden und gealterten Männern in West und Ost.

Ein verändertes Bewusstsein lässt sich vortäuschen, und es bleibt auch dann eine Täuschung, wenn die sich Täuschenden auch selbst etwas vortäuschen. Ines Geipel beschreibt in „Umkämpfte Zone“ die Anpassungsfähigkeit von Menschen an für verändert erklärte Verhältnisse. „Die neuen Frauen, die sich nach vorn warfen und im selben Atemzug in die Phase forcierter Gedächtnisbetonierung der fünfziger Jahre eingebaut wurden. Die aus dem Fähnchenschwenken unter Hitler kamen, aus Hingabe und Selbstaufgabe, und nun Ulbricht besangen.“

Hausarbeit ist keine Arbeit

Anna Kaminsky, Geschäftsführerin der Stiftung Aufarbeitung, hat in ihrem Buch „Frauen in der DDR“ (Berlin, Ch. Links Verlag, 3. erweiterte Auflage 2020) das „Leitbild“ beschrieben, das die „Ostfrau“ in manchen „westlichen“ Fantasien zum Vorbild werden ließ. „Ihr Leitbild war die voll arbeitende Mutter, die mehrere Kinder aufzog. Frauen sollten – so wie Engels es beschrieben hatte – durch Hausarbeit nur noch ‚in unbedeutendem Maße‘ in Anspruch genommen werden, da diese vergemeinschaftet würde.“

Entscheidend für Rolle und Selbstbewusstsein der Frauen in der DDR war „Frauenarbeit“. Damit war nicht die Hausarbeit gemeint, die Frauen in der traditionellen patriarchalisch strukturierten Gesellschaft im Allgemeinen zugewiesen wurde, sondern die Arbeit in einem Betrieb, denn nur diese Arbeit verdiente Anerkennung. Die DDR-Verfassung enthielt eine Arbeitspflicht. Gemeint war damit jedoch ausschließlich die Arbeit außer Haus, die Arbeit in der „Produktion“. Hausarbeit produzierte offenbar nichts, schuf keinen „Mehrwert“.

Der sozialistische Staat definierte die Arbeit und den Beitrag von Frauen zum Aufbau des Sozialismus vor allem ökonomisch. „Dabei stützte sich die SED auf Überlegungen von Friedrich Engels, Clara Zetkin und August Bebel. Die Frauenfrage müsse als Teil der sozialen Frage gelöst werden, und dies sei dann der Fall, wenn die Arbeiter insgesamt aus der ökonomischen Abhängigkeit des Kapitals erlöst würden.“ Folgerichtig gab es in der DDR „Kampagnen gegen Hausfrauen“, die „insbesondere in den 1950er Jahren als ‚Schmarotzerinnen‘ diffamiert und als ‚spieß- und kleinbürgerliche Außenseiter‘ (sic!) dargestellt“ wurden.

Wirkungslose Appelle – Hausarbeit bleibt Hilfsarbeit

Das Verhalten der (Ehe-)Männer veränderte sich damit nicht, auch nicht in der DDR. Sie waren kaum geneigt, „ihren Anteil an der Hausarbeit und Kinderbetreuung zu leisten“, auch weil „den meisten Männern schlichtweg nicht klar war, wie viel Arbeit in einem Haushalt steckte. Hausarbeit galt vielen als ‚Nichtarbeit‘. Sie sahen in der Regel nur das Ergebnis, nicht aber die Mühen, die eine saubere, behagliche Wohnung, die Zubereitung der Mahlzeiten oder die Betreuung der Kinder bereiteten.“ Damit hatte die SED durchaus ihre Schwierigkeiten. Es gab schon 1954 Aufrufe der Partei, die Männer möchten „sich nicht mehr wie Paschas (…) benehmen“. Ihre Frauen, wären keine „Dienstmädchen“.

Entlarvend war die Praxis am in der DDR erstmals am 8. März 1947 begangenen Internationalen Frauentag. Der „Frauentag“ sollte vorbildhaft zeigen, wie der Alltag von Frauen und Mädchen „aussehen könnte, wenn sich die Männer gleichberechtigt an den Familien- und Haushaltspflichten beteiligen würden.“ SED, DFD (= der Demokratische Frauenbund) und FDGB luden in der DDR zu „Frauentagsfeiern“ ein, in denen neben einem Kulturprogramm den Frauen Blumen überreicht wurden.

In der Praxis wurde der „Frauentag“ zu einer Variante des aus den USA importierten und von den Nazis in Deutschland zum öffentlichen Feiertag erklärten Muttertags, der auch nach 1945 in Westdeutschland gefeiert wurde und heute noch gefeiert wird. Anna Kaminsky belegt die Parallelen von „Frauentag“ und „Muttertag“: „In den Kindergärten und Schulen wurden die Kinder (NR: Jungen und Mädchen) darauf vorbereitet, ihren Müttern kleine Geschenke zu machen. Den Männern wurde vorgeschlagen, ihre Frauen zu entlasten: das Frühstück für die Familie zuzubereiten, die Kinder in die Schule oder den Kindergarten zu bringen, die Hausarbeit zu erledigen, um so der Frau einen schönen Tag zu bereiten.“

Dem entsprach dann auch das in „Frauenzeitschriften oder Ratgebern“ der DDR vermittelte Frauenbild: „So sollte sich die ‚neue Frau‘ durch ‚Persönlichkeit auszeichnen, zurückhaltend, elegant und charmant sein, aber sich auch ‚schön und geschmackvoll kleiden.‘ Frauen blieben so in der öffentlichen Darstellung trotz ihrer Berufstätigkeit zugleich die schönen und eleganten Wesen, die den Mann schmückten, ihn umsorgten, ihm schmeichelten, die ihn verführen sollten und die von ihm beschützt und gestärkt wurden.“

Die Wirkung all dieser Appelle war gering. Dadurch, dass die Männer am „Frauentag“ zu einer einmaligen Unterstützung der Frauen aufgerufen wurden und diese als gute Hausfrauen vorgeführt wurden, zementierte sich die in den Haushalten übliche Arbeitsteilung. Und weil die Frauen in der Produktion außer Haus gebraucht und vor allem für diese Arbeit gelobt wurden, blieb die Hausarbeit als minderwertige Tätigkeit nach wie vor an ihnen hängen. Den „Frauentag“ hätte man wie den „Muttertag“ auch ebenso einen „Tag der häuslichen Hilfsarbeit“ nennen können.

Zahlen aus dem Jahr 1969 (im Nachhinein gesehen sozusagen als Halbzeitbilanz der DDR-Geschichte) bestätigen die Wirkungslosigkeit all dieser Appelle: „Während Frauen in der Regel über 27 Stunden Freizeit pro Woche verfügen konnten, hatten die Männer mit über 50 Stunden fast doppelt so viel freie Zeit zur Verfügung. (…) Frauen profitierten (…) nicht von der effektiv verringerten Arbeitszeit (…).“ Auf die Spitze getrieben: „Bei den Frauen (…) wurden Einkochen oder Nähen als Hobby angeführt, obwohl sie damit oft nur das schlechte Warenangebot auszugleichen versuchten.“

Kritische Öffentlichkeit?

Anna Kaminsky illustriert die ganz und gar nicht den politischen Erklärungen der DDR-führung entsprechende Benachteiligung von Frauen bei der Bestimmung über ihr Zeitbudget mit Textstellen aus Romanen, beispielsweise Brigitte Reimanns „Franziska Linkerhand“ oder Maxie Wanders „Guten Morgen du Schöne“, mit biografischen Skizzen, mit diversen Statistiken, einem bekannten Witz: „Leerlauf? Langeweile? Kennt die DDR-Frau nicht. Sie hat in der Linken den Einkauf für die Familie, in der Rechten das jüngste ihrer Kinder, über sich die große Wäsche, hinter sich die Nachtschicht und vor sich die Qualifizierung.“

Das Übel wohnte im Westen. Anna Kaminsky zitiert den 1952 veröffentlichten Film „Frauenschicksale“ von Slatan Dudow, der die unangenehmen Seiten der Männer noch auf einen „West-Berliner Weiberhelden“ externalisiert. Es gab jedoch auch Bücher und Filme, in denen der Alltag in der DDR differenziert dargestellt wurde. „So konnten etwa unter Joachim Mückenberger, der zwischen 1961 und 1966 die DEFA-Studios leitete, Filme entstehen, die Alltagsprobleme und auch ideologische Härten thematisierten, wie zum Beispiel ‚Das Kaninchen bin ich‘, ‚Denk bloß nicht, ich heule‘, ‚Karla‘, ‚Fräulein Schmetterling‘ oder ‚Jahrgang 45‘, der die Eheprobleme eines Paares zeigt, das sehr jung geheiratet hat und sich nach nur zwei Jahren Ehe wieder trennen will. Während die Männer in diesen Filmen als überzeugte Genossen, oft auch als Karrieristen oder Beschützer der Frauen oder ihre Zeit sinnlos vertrödelnde Taugenichtse erscheinen, sind die Frauen aus heutiger Sicht oft die interessanteren Figuren: Sie sind emanzipiert oder emanzipieren sich im Laufe der Handlung und beginnen, ihre Bedürfnisse zu artikulieren.“

1965 war mit dieser differenzierenden Liberalität Schluss. Das 11. Plenum der ZK der SED, das sogenannte „Kahlschlagplenum“ beendete jeden liberalen Diskurs. Aber war die Gleichberechtigung der Frau in der DDR dann in den 1980er Jahren und nach 1989 ein Thema? Leider nicht. „1990 erklärten nur zwei Prozent der befragten Ostdeutschen die Gleichberechtigung der Frau zu einer erhaltenswerten Errungenschaft der DDR.“ Ob sie damit die „Gleichberechtigung“ an sich oder ihre defizitäre Praxis meinten, überlässt Anna Kaminsky dem Urteil ihrer Leser*innen. Als erhaltenswert galten immerhin „Kinderbetreuungseinrichtungen“, „Recht auf Schwangerschaftsabbruch“.

„Eine verhinderte Generation weiblichen Schreibens“

Anna Kaminskys Buch „Frauen in der DDR“ referiert viele Biographien von Frauen, die sich nicht fügten. Eine dieser Frauen ist Edeltraud Eckert (1930-1955), die als Zwanzigjährige zu 25 Jahren Haft und Zwangsarbeit verurteilt wurde. Ihr Vergehen: Besitz von Flugblättern „mit dem Inhalt ‚Freiheit der Ostzone‘“. Einige weitere Namen (in Auswahl): Marianne Birthler, Bärbel und Heidi Bohley, Marianne Birthler, Freya Klier, Vera Lengsfeld, Ulrike Poppe, Brigitte Reimann, Edda Schönherz, Gabriele Stötzer, Maxie Wander, Claudia Wenzel.

All diese Frauen verbanden ihr literarisches oder politisches Engagement nicht unbedingt mit Themen zur Befreiung der Frauen aus patriarchalischen Herrschaftsverhältnissen. Doch wäre es unredlich und letztlich nur eine weitere Spielart männlicher Dominanz, das Engagement von Frauen auf diese Themen zu reduzieren. Es lohnt sich, darüber nachzudenken, warum in der öffentlichen Wahrnehmung viel zu oft nur Männer zitiert werden, als wären es hauptsächlich Männer gewesen, die die Diktatur in der DDR bekämpft hätten.

Frauen werden in der Literaturgeschichte der DDR und erst recht im Westen – abgesehen vielleicht von Christa Wolf, aus der Frühzeit noch Ricarda Huch und Anna Seghers – immer wieder vergessen. Manche Autorinnen waren jedoch auch in der DDR unbekannt. Ihre Texte waren ausschließlich in der „gesperrten Ablage“ des MfS zu finden. In den Gefängnissen konnten einige Autorinnen ihre Texte nur durch ihr Gedächtnis oder durch die Gedächtnisse ihrer Mithäftlinge retten, eine Szenerie, die an Ray Bradburys von François Truffaut verfilmte Dystopie „Fahrenheit 451“ erinnert.

Ines Geipel hat gemeinsam mit Joachim Walther die „Unterdrückte Literaturgeschichte in Ostdeutschland 1945-1989“ in ihrem Buch „Gesperrte Ablage“ (Düsseldorf, Lilienfeld Verlag, 2015) dokumentiert. Sie präsentiert in einem weiteren Buch, „Zensiert, verschwiegen, vergessen – Autorinnen in Ostdeutschland 1945-1989“ (Düsseldorf, Artemis & Winkler, 2009), zwölf Biographien von Schriftstellerinnen, von denen elf – wenn überhaupt – nur Spezialist*innen bekannt sein dürften. Die einzige „Prominente“ ist Ricarda Huch, die Namen der anderen: Susanne Kerckhoff, Edeltraud Eckert, Ursula Adam, Inge Müller, Eveline Kuffel, Jutta Petzold, Hannelore Becker, Heidemarie Härtl, Gabriele Stötzer, Sylvia Kabus, Raja Lubinetzki. Eine besondere Rolle spielte Inge Müller, deren Ehemann, Heiner Müller, es verstand, ihre Anteile am gemeinsamen Werk immer mehr in den Hintergrund zu drängen, sodass sie wie Veza Canetti oder Camille Claudel immer mehr in Vergessenheit geriet.

Menschenverachtung, Frauenverachtung – das sind Themen der Autorinnen, die nicht die Prominenz hatten, die Solidarität schuf, zum Beispiel aus dem Westen. Der SED-Staat vergriff sich gezielt an den Schwachen „Es ging um Beeinflussung und Einschüchterung vor allem derer, die jung genug, in ihrem Schreibzentrum noch irritierbar waren. Es ging darum, Texte in den Schubladen verschwinden zu lassen, und zwar möglichst für immer.“ Sylvia Kabus erlebte, dass die für sie zuständige Lektorin des Berliner Aufbau-Verlags (diese wird von Ines Geipel mit Namen genannt) ihr jede „Sprachbegabung“ absprach: „Ohne unterbrochen zu werden, wurde die Lektorin zunehmend lauter, erregter, missgestimmter. Auffallende Mühe legte sie darein, mir meine Zukunft auszureden“.

Die Sprache der MfS-Berichte könnte als Satire auf den Jargon des Unterdrückungsapparats in der DDR gelesen werden, wäre das Schicksal der betroffenen Autor*innen nicht so tragisch. Ein von Ines Geipel zitiertes Beispiel aus der Akte von Heidemarie Härtel (1943-1993), das sich auf das Jahr 1969, vier Jahre nach dem „Kahlschlagplenum“ datieren lässt: „Ihre Prosa ist mit der Kulturpolitik in der DDR nicht zu vereinbaren und von einer agnostizistisch, subjektivistisch, ideologisch-ästhetischen Position geprägt. Ihr Schreiben verfälscht den Menschen, ist einschichtig, undifferenziert und nicht entwicklungsfähig.“

Eveline Kuffel (1935-1978) wurde 1951 verhaftet. „Ihr Verbrechen war, dass sie versucht hatte, sich eine Schreibmaschine zu leihen, um ihre Texte wenn schon nicht in der DDR, dann eben in West-Verlagen unterzubringen.“ Sie verbrachte drei Jahre im Gefängnis. Andere erhielten Strafen von bis zu 25 Jahren – wie Edeltraud Eckert. Ines Geipel: „Die 101 erhaltenen Gedichte von Edeltraud Eckert sind Intensivexposition für ein späteres Werk, stehen aber auch exemplarisch für Maß, Kreativität und Eigensinn einer verhinderten Generation weiblichen Schreibens in der frühen DDR.“

Ines Geipel zur Strategie der Stasi im Kapitel über Gabriele Stötzer (*1953): „Im Grunde das Übliche, eine politische Frau und Künstlerin, noch dazu mit einer genuin weiblichen Schreibposition, zu pathologisieren, erneut zu kriminalisieren und damit auf beliebige Art auszusortieren. (…) Der Marginalisierungs-Tisch für einen solch ungeschützten Lebensentwurf war üppig gedeckt.“ Gabriele Stötzer berichtet, dass auch nach der Haft sich Verfolgung und Ächtung fortsetzte: „Die Stasi verstreute Legenden: Die, die einmal mit ihr Kontakte hatten, sollten nun selbst Stasi sein.“ Ihr Fazit: „Das schleichend Unfassbare war das Schreckliche im Osten.“

Ein literarischer Exkurs: Frau Paula Trousseau

Ines Geipel und Anna Kaminsky erinnern an reale Frauen, von denen viele die DDR nicht überlebten und manche, die sie überlebten, im vereinigten Deutschland nicht einmal von ausgewiesenen Expert*innen beachtet werden. Ich halte die Analyse der Biographie von „Frau Paula Trousseau“ (Christoph Hein 2007) für exemplarisch. Christoph Hein schrieb mit diesem Roman einen ostdeutschen Künstler*innenroman. Paula Trousseau erlebt vor 1989 die Schikanen der Diktatur, die sich nicht einmal in realen Repressionen erweisen müssen, sondern schon durch die Identifikation der sie umgebenden Männer mit der Diktatur wirken. Nach 1989 erlebt sie die westliche Variante der Ignoranz.

Paula Trousseau, Jahrgang 1952, vielleicht eine Seelenverwandte von Effi Briest und Emma Bovary, setzt als 19jährige gegen Vater und Verlobten durch, dass sie in Berlin Kunst studieren kann. Aufschlussreich sind diverse Rezensionen des Romans: Paula Trousseau wird dort mehrfach als „eiskalt“ charakterisiert. Es gab zwar auch den Gedanken der „Geschichte einer gelungenen Emanzipation“ (Frankfurter Rundschau), aber ob der angesichts des Selbstmords der etwa 48jährigen Paula trägt?

Zur Klärung lohnt es sich, die Männer rund um Paula näher zu betrachten: der Vater, der in Kriegsgefangenschaft und Umerziehungslager lernte, dass alle Sowjetsoldaten Helden sind und es daher unterwürfigst (dieser Superlativ ist grammatisch Unsinn, aber semantisch am rechten Platz) zulässt, dass zwei 18jährige Sowjetsoldaten in seinem Beisein die minderjährigen Töchter über Wochen sexuell belästigen, der Ehemann, der Paulas Pillen austauscht, um sie mittels Schwängerung von ihrem Studium abzuhalten. Paula nennt dies das, was es ist, eine „Vergewaltigung“, eine Wortwahl, die sie vor Gericht das Sorgerecht für ihre Tochter kostet. Männliche Professoren verführen ihre Studentinnen. Männliche Professoren definieren, was Kunst ist, sie belegen Paulas Versuch monochromer Malerei, mit nicht druckfähigen Begriffen und verhindern jede eigenständige künstlerische Entwicklung. Paula reagiert, sie nutzt manche Männer aus, auch ihren wichtigsten Professor, sie sorgt dafür, dass der Vater ihres Sohnes nie erfährt, dass er diesen Sohn hat.

Eine „gelungene Emanzipation“? Hätte Paula ihren Traum verleugnen sollen? Paula „verhärtet“, ganz im Sinne von Wolf Biermanns „Lass dich nicht verhärten ….“. Ihr Ich findet kein Wir, denn das Wir, in das sie sich einordnen müsste, ist ein rein männliches Lebensmodell, das sie, um ihr Ich zu behaupten, bekämpfen müsste, und dessen Kontinuität aus der Zeit vor und nach 1945 sowie vor und nach 1989 erschreckt. Nur nach 1989 gibt es keine konkreten Gegner mehr, denn die die DDR und ihre Kunstszene abwickelnden Männer bleiben anonym. Vom „Ich“ bleibt nur Einsamkeit, ein Selbstmord mit Geschichte. #Metoo gab es damals noch nicht und wäre in der DDR wahrscheinlich als Verhöhnung des Sozialismus verfolgt worden.

Spiegelbilder in Ost und West

Die dritte Auflage des Buchs von Anna Kaminsky enthält ein zusätzliches Kapitel mit dem Titel „Und die Schwestern im Westen? Frauen in der Bundesrepublik“. „In der Bundesrepublik ging man davon aus, dass Frauen in der DDR auch mit Kindern selbstverständlich berufstätig, aber zugleich auch die Doppelbelastung und die Mangelwirtschaft gestresst waren. Zugleich bewertete man ihre finanzielle Selbständigkeit positiv. Das Bild, das in der DDR über westdeutsche Frauen verbreitet wurde, zeigte Frauen als gesellschaftlich und privat unterdrückt und von ihren Männern abhängig.“

Verklärung des anderen. Wenn eine Frau in den Spiegel schaute, sah sie, dass es ihr jenseits des Spiegels offenbar besser gehen könnte. Andererseits fand sie auf der anderen Seite genau das, worunter sie litt, zumindest mit dem Blick von Ost nach West, bei näherem Hinschauen, für den Fall, dass frau sich nicht davon täuschen ließ, dass die DDR verbaliter die fortschrittlichere Rechtslage hatte, auch mit dem Blick von West nach Ost.

Anna Kaminsky referiert einige der Regelungen, mit denen das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) der Bundesrepublik Frauen lange Zeit in der Bundesrepublik „entmündigt“ hatte: „Die Frau war für den Haushalt zuständig, der Mann sorgte für den Familienunterhalt. Ihm wurde die Entscheidung darüber eingeräumt, ob und wo seine Frau arbeiten ging. Er durfte ohne Wissen der Frau ihren Arbeitsvertrag kündigen, (…).“ Einige dieser Regelungen galten bis in die späten 1970er Jahre. Erst 1962 durfte eine Frau ohne Zustimmung des Ehemanns ein eigenes Bankkonto eröffnen. „Verheiratete Frauen waren bis 1969 nicht geschäftsfähig.“ Eine Absurdität, die ich ergänzen möchte: 1958 wurde das „Züchtigungsrecht“ des Vaters mit dem Argument der Gleichberechtigung auch der Mutter zugesprochen. Erst 2000 wurde die Züchtigung von Kindern durch ihre Eltern in Deutschland gesetzlich verboten.

Die bundesrepublikanischen Werbebilder der im Haushalt versierten Frau, die ein schlechtes Gewissen bekommt, wenn die Wäsche nicht weich genug ist, die glücklich ist, wenn sie Kindern und Ehemann die richtige Butter oder Margarine aufs Brot streicht, haben sich zum Teil bis in die heutige Zeit erhalten. Besonders skurril wird es in einem Werbespot für eine Zahnpasta, in dem die „Zahnarztgattin“ erklärt, was sie von ihrem Mann über gesunde Zahnpflege erfahren hat. Autorität hat sie nicht aus sich selbst, sondern auf der Grundlage des Berufs ihres Mannes. Früher wurde ja auch die Ehefrau eines promovierten Mannes mit Frau Dr. angeredet. Oder als Parodie Loriots Sketch mit Evelyn Hamann als Ehefrau, die „als Frau etwas Eigenes“ möchte und daher an einem Volkshochschulkurs teilnimmt, der das „Jodeldiplom“ verleiht.

Männer, die in der Öffentlichkeit den Eindruck erweckten, sie hörten auf die Argumente ihrer Ehefrauen, waren Witzfiguren. Sie waren „Pantoffelhelden“ und lebten in einer Ehe, in der „die Frau die Hosen anhat“. und diese Redewendung durfte durchaus wörtlich verstanden werden. Anna Kaminsky: „Noch im Herbst 1970 wurde die SPD-Abgeordnete Lenelotte von Bothmer im Bundestag gerügt, weil sie im Hosenanzug an das Rednerpult trat.“

Wie weiblich war Achtundsechzig?

Eine seitenlange Liste von Bildern des hierarisch-patriarchalischen Geschlechterverhältnisses in Ost und West wäre jetzt vielleicht angebracht, erhöhte jedoch kaum den Erkenntniswert. Interessanter wäre es meines Erachtens, Einstellungen und Verhalten einer Gruppe von Frauen und Männern zu untersuchen, die sich in der Bundesrepublik gegen die offiziellen und offiziösen Idyllen der 1950er und 1960er Jahre stellten und so mittelbar auch etwas zur Verbesserung der Lebensumstände der Frauen in der DDR beitrugen, auch wenn sich diese Wirkung erst nach deren Untergang zeigen konnte.

Christina von Hodenbergs Buch „Das andere Achtundsechzig – Gesellschaftsgeschichte einer Revolte“ (München, C.H.Beck, 2018) enthält ein ausführliches Kapitel mit der Überschrift „Achtundsechzig war weiblich“. Das Kapitel beginnt mit der ersten Sprengung einer Vorlesung eines Professors, der „eine bevorzugte Ausbildung des weiblichen Geschlechts für das Haus- und Familienleben“ (O-Ton Professor Dr. Dr. Kölbel) empfahl und das Studium einer Frau für Zeitverschwendung erklärte, durch den Bonner Arbeitskreis Emanzipation. Dies geschah am 24. Juni 1971.

Ein Ereignis, das drei Jahre zuvor stattfand, auf einem Frankfurter Kongress des SDS, darf als Initialzündung der feministischen Bewegungen der 1970er und 1980er Jahre gelten. Der Genosse Hans-Jürgen Krahl wurde von zwei Frauen mit Tomaten beworfen. Ihre Namen: Helke Sander und Sigrid Damm-Rüger. Sigrid Damm-Rüger hielt sich – so Christina von Hodenberg – in der Folgezeit „mit medialen Auftritten sehr zurück, dass ihre Tochter Dorothee erst am Tag ihrer Beerdigung davon erfuhr“, weil „einige Frauen … einen Kranz mit Tomaten am Grab meiner Mutter niederlegten und den Wurf als Initialzündung der neuen Frauenbewegung bezeichneten.“ (O-Ton der Tochter Dorothee)

Das dritte Schlüsselereignis für den erwachenden bundesdeutschen Feminismus war die von Alice Schwarzer 1971 initiierte Kampagne gegen den § 218 mit dem bekannten Titelbild im Stern: „Ich habe abgetrieben“.

Allein die Tatsache, dass die Namen der das „weibliche Achtundsechzig“ prägenden Frauen abgesehen von Alice Schwarzer heute nur noch Eingeweihten geläufig sind, lässt die gesamte Bewegung der selbsternannten Revolutionäre in einem anderen Licht erscheinen. Christina von Hodenberg dokumentiert Szenen, in denen die Männer die allgemeine politische Lage und Strategie diskutierten, während sie sich von ihren Freundinnen oder Ehefrauen die Schnittchen schmieren ließen und erwarteten, dass sie die in den Rauchschwaden der politischen Debatte hinterlassenen Spuren beseitigten. „Denn Putzen war weiblich konnotiert, Kopfarbeit und der öffentliche politische Auftritt dagegen männlich.“

Die männlichen Revolutionäre hatten eine klare Vorstellung davon, was Haupt- und was Nebenwiderspruch war. Das zu befreiende Subjekt, das sich, da unter den Revolutionären unterrepräsentiert, auch als Objekt und eben nicht als Subjekt der Diskussionen herausstellen sollte, war der männliche Arbeiter. Die Hausarbeit störte. Christina von Hodenberg zitiert Gretchen Dutschke-Klotz, Ehefrau des wohl prominentesten Achtundsechzigers, die „meinte, dass zuviel Konzentration auf das Häusliche zum Reformismus statt zur Revolution führen würde.“

Die männlichen Historiker der Achtundsechziger-Zeit haben sich diese Arbeitsteilung mehr oder weniger zu eigen gemacht. „Bücher über Achtundsechzig zeigen auf dem Umschlag junge Männer, allen voran Rudi Dutschke, Daniel Cohn-Bendit, Fritz Teufel und Rainer Langhans.“ Und die Männer von Achtundsechzig pflegten ihre eigene Heroisierung: „Die Veteranen des SDS neigten noch Jahrzehnte später dazu, die Frauenbewegung unter ‚Kulturelles‘ einzusortieren und als unpolitische Randerscheinung von Achtundsechzig zu begreifen, wie das Protokoll einer Diskussionsveranstaltung von 300 Ex-SDSlern aus dem Jahr 1985 zeigt.“

Die gegen Ende der 1960er Jahre entstandenen Arbeitskreise engagierter Frauen verfolgten unterschiedliche Strategien, sich gegenüber ihren männlichen Kollegen zu behaupten, mitunter möglicherweise aus der Not geboren, gelegentlich auch mit dem Wunsch verbunden, die ideologische Qualität der männlich dominierten Diskussionen und Debatten aufzugreifen. Christina von Hodenberg dokumentiert, wie sich mehr oder weniger zwei Fraktionen herausbildeten, eine „Schulungsfraktion“ und eine „Mütterfraktion“. Es ging um die Frage, ob es „neben der feministischen auch die sozialistische Revolution“ geben müsse.

Diese Fraktionsbildung prägte in den 1980er und 1990er Jahren noch die Anfänge der aus der Achtundsechziger-Bewegung hervorgegangenen Partei „Die Grünen“. Dorothee Pass-Weingartz veröffentlichte 1987 gemeinsam mit anderen Frauen das „Müttermanifest“, das die Themen und Thesen des Kongresses “Leben mit Kindern – Mütter werden laut” vom 22.–23. November 1986 in Bonn-Beuel zusammenfasste, an dem etwa 500 Mütter und 200 Kinder teilgenommen hatten. Dazu passt auch die Frage, ob die gegen Ende der 1960er und zu Beginn der 1970er Jahre entstandenen Kinderläden als „praktisches“ oder als „ideologisches Projekt“ betrieben werden sollten.

Achtundsechzig – ein Geschlechterkonflikt

Christina von Hodenberg stellt die Frage, ob die von den Achtundsechzigern initiierten Debatten tatsächlich – wie von Historikern und Medien heute noch verbreitet – auf einem Generationenkonflikt beruhten. Ihre Antwort: „Der zweite Schauplatz von Achtundsechzig war das Private und damit die Familie. In der Privatsphäre veränderte der Protest gegen Autorität und Tradition auf lange Sicht Familien und Beziehungen. Der gegen patriarchalische Normen gerichtete Aktivismus der Frauen war dabei entscheidend für die historische Wirkung von Achtundsechzig. Das bedeutet, dass wir die Revolte vor allem als einen Geschlechterkonflikt und nicht als einen Generationenkonflikt verstehen sollten.“

Für die Frauen von Achtundsechzig gab es weniger Konflikt mit ihren Müttern als allgemein vermutet. „Das weibliche Achtundsechzig wurde gestaltet von Frauen, die sich öffentlich deutlich von ihren Müttern abgrenzten, gleichzeitig aber privat Verständnis für ihre Mütter aufbrauchten. Die Mütter wurden den jungen Frauen zum Symbol für ein aufgezwungenes Hausfrauendasein, für Selbstaufgabe und Entpersönlichung, für das Dominiertwerden durch autoritäre Väter, für die Zumutungen unbezahlter und nicht anerkannter Pflege- und Sorgearbeit – ohne dass das so konstruierte Bild den eigenen Müttern genau entsprochen hätte.“ Auch die Frauen von Achtundsechzig lebten „traditionelle weibliche Bescheidenheitsrituale“, während sich die Männer wie Frontkämpfer inszenierten.

Und dennoch waren die Frauen von Achtundsechzig vielleicht erfolgreiche als die Männer. Ihnen gelang es, eine Frage, die die allgemeine öffentliche Meinung der Bundesrepublik der 1950er und 1960er Jahre ebenso wie die revolutionär gestimmten männlichen Achtundsechziger dem Privaten zuordneten, zu politisieren. Christina von Hodenberg: „Weil das Private politisch wurde, waren die Achtundsechziger die erste politische Generation der deutschen Geschichte, die Männer und Frauen umfasste.“ Anders gesagt: Hausarbeit war schon immer und ist es nach wie vor: politisch.

Die Frauen bestimmten die gesellschaftspolitische Tagesordnung. Die Familienministerin, Verteidigungsministerin und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen wäre ohne die Achtundsechziger-Frauen nicht denkbar gewesen, ebenso wenig der Friede, den die CDU in den Nullerjahren dieses Jahrhunderts mit Ganztagsschule und Kinderbetreuung gemacht hat. Debatten um Quoten, um den Umgang mit dem § 218 (Stichwort: Werbung oder Information), um sexualisierte Gewalt (Stichwort #metoo) genießen heute auch dank der Achtundsechziger-Frauen eine hohe mediale Aufmerksamkeit.

„Schulungsfraktion“ und „Mütterfraktion“ unterstützten sich gegenseitig und nachhaltig, unbeschadet der zwischen ihnen bestehenden Ideosynkrasien. Und vielleicht dürfen man und frau und they in Analogie zum von Aladin El-Mafalaani 2018 formulierten „Integrationsparadox“ (erhältlich bei der Bundeszentrale für politische Bildung) sich auf eine Art „Genderparadox“ verlassen und die Aggressivität, mit der aus Kreisen der AfD ein „Genderwahn“ diagnostiziert und die Rückkehr von Frauen zu ihrer angeblich naturgegebenen Aufgabe propagiert wird, mag den Erfolg der in den 1970er Jahren begonnenen Bewegungen belegen.

Ein nachhaltiger Erfolg?

Doch wie nachhaltig ist der Erfolg? Ein Essay, der im April 2020 veröffentlicht wird, kommt in der Regel ohne einen Verweis auf die „Coronakrise“ nicht aus. Ich beschränke mich auf einen Text von Jana Hensel (1976 in Borna, Sachsen, geboren): „Wir schauen den männlichen Politikern bei uns und im Ausland zu, wie sie die Pandemie zu lösen und sich wie nebenbei zu profilieren versuchen. Und wenn uns das noch nicht reicht, können wir auch noch stapelweise Interviews und Texte von männlichen Soziologen, Philosophen, Ökonomen, Unternehmern, Schriftstellern und Therapeuten lesen, die uns erzählen, wie sie durch die Krise kommen oder auf welche Art wir anderen es versuchen sollten.

Wären da nicht Angela Merkel, Juli Zeh und die Infektiologin Marylyn Addo, man könnte den Eindruck gewinnen, unser Land bestünde ausschließlich aus Männern. Aber, halt! Das ist ja auch so, unser Land besteht in den Chefetagen noch immer größtenteils aus Männern (…). Nun, in der Krise, wird es uns noch einmal anschaulich und sichtbar vor Augen geführt.“ (Der vollständige Text ist nachlesbar in: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-04/gleichberechtigung-coronavirus-maenner-frauen-wissenschaftler-politiker-systemrelevante-berufe/komplettansicht, der im Text von Jana Hensel kurz erwähnte Text von Juli Zeh: https://www.sueddeutsche.de/kultur/juli-zeh-corona-interview-1.4867094, beide Zugriffe am 13.4.2020).

Dr. Norbert Reichel, Bonn