Machtpolitischer Schachzug mit Militär
Guinea-Bissau nach dem Staatsstreich vom 26. November 2025
„Umaro hat gegen Sissoco geputscht und hat Embaló die Macht übertragen“, kommentiert bissig die Gruppe Fartudibos (Wir haben euch satt) in ihrem eingängigen Song „Faux coup d‘ État“ den Staatsstreich vom 26. November 2025 im westafrikanischen Guinea-Bissau durch Offiziere.
Umaro Sissoco Embaló ist der Ex-Präsident des Landes, der in den Präsidentschaftswahlen vom 23. November 2025 abgewählt worden ist. Auch wenn es aufgrund eines Überfalls auf die Büros der Nationalen Wahlkommission (CNE) nicht zur offiziellen Verkündung der Wahlergebnisse kam – vorgesehen für den 27. November –, gibt es wenig Zweifel an der Niederlage Embalós. Ein prominenter Wahlbeobachter, der frühere Präsident von Nigeria, Goodluck Jonathan, äußerte nach seiner Rückkehr nach Nigeria in einem Radio-Interview, die Stimmauszählung sei nahezu abgeschlossen, die Wahlergebnisse stünden fest, sie müssten nur veröffentlicht werden.
Seit der Unabhängigkeit von Portugal 1974 haben in dem kleinen multi-ethnischen Land mit etwa zwei Millionen Einwohnern vier Staatsstreiche stattgefunden (1980, 1998/99, 2003 und 2012; zählt man den vom November 2025 mit, sind es fünf) und mehrere angebliche Putschversuche, wofür der Volksmund sogar einen speziellen Begriff geprägt hat, nämlich „Inventona“, eine Zusammensetzung aus Erfindung (invenção) und Putsch/Aufstand (intentona). Profunde Kenner der Situation im Lande und internationale politische Beobachter stimmen jedoch in ihrer Beurteilung dessen, was sich am 26. November 2025 ereignete, überein: Ein „paradoxer Putsch“, sagt der bissau-guineische Ökonom Carlos Lopes, einer der renommiertesten Intellektuellen des Landes, im Interview mit Radio France International. Auch Ruth Monteiro, ehemalige Justizministerin in Guinea-Bissau (Juli 2019 bis Februar 2020) urteilt „ein atypischer Staatsstreich, den niemand versteht“, hinter dem die „starken Männer“ von Sissoco stünden, und der bereits erwähnte Goodluck Jonathan meint: „Das war nicht einmal eine Palastrevolte“. Es war ein „Operettenstaatsstreich (…), bei dem der Staatschef selbst Regie führte.“
Die gekippte Wahl
Blicken wir zurück auf die Ereignisse, um das Narrativ der „unterbrochenen Wahlen“ zu überprüfen: Am 23. November 2025 fanden in Guinea-Bissau lange hinausgezögerte Parlaments- und Präsidentschaftswahlen statt. Die Präsidentschaftswahlen hätten regulär bereits im November 2024 stattfinden müssen und auch die Parlamentswahlen waren nach der verfassungswidrigen Auflösung des Parlaments durch Umaro Sissoco Embaló im Dezember 2023 längst überfällig. Die führenden Oppositionsparteien, die noch zu Zeiten der portugiesischen Kolonialherrschaft 1956 gegründete Afrikanische Partei der Unabhängigkeit von Guinea und Kapverde (PAIGC), die den Unabhängigkeitskampf angeführt hatte, und die Partei der Sozialen Erneuerung (PRS) sowie die von ihnen angeführten Plattformen PAI-Terra Ranka und API-Cabas Garandi, waren durch den Obersten Gerichtshof von den Parlamentswahlen ausgeschlossen worden. Wie Ruth Monteiro im Interview mit RDP África ausführt, entschied das für die Zulassung zuständige Richtergremium allerdings nicht unparteiisch: Die ihm angehörenden sechs beratenden Richter, statt eigentlich elf, sind alles Gefolgsleute von Sissoco Embaló.
Auch zu den Präsidentschaftswahlen war der Kandidat der PAIGC, Domingos Simões Pereira, Vorsitzender dieser Partei und Präsident der 2023 gewählten Nationalversammlung, unter fadenscheinigen Vorwänden nicht zugelassen worden. Zur Erinnerung: Domingos Simões Pereira und Umaro Sissoco Embaló, MADEM – G15, eine Abspaltung von der PAIGC, waren bereits bei den Präsidentschaftswahlen im November 2019 Kontrahenten. Domingos Simões Pereira hatte damals in der 1. Runde gut 40% der Stimmen erhalten, unterlag in der Stichwahl im Dezember 2019 aber gegenüber Sissoco Embaló. Aufgrund von Unregelmäßigkeiten focht die PAIGC die Wahlen an. Während der Oberste Gerichtshof jedoch noch über den möglichen Wahlbetrug beriet, wurde das höchste Organ von „unbekannten“ Militärs gestürmt, der Präsident des Obersten Gerichtshofes musste nach Portugal fliehen und Embaló bemächtigte sich unter Umgehung des Parlaments und unter dem Schutz der Militärs im Februar 2020 selbst des Präsidentenamtes.
Bei den Präsidentschaftswahlen im November 2025 stellten sich die Oppositionsparteien nun hinter den bislang wenig bekannten Kandidaten Fernando Dias da Costa (PRS), der vom Obersten Gerichtshof bereits als unabhängiger Kandidat zugelassen worden war.
Die Wahlen verliefen am 23. November 2025 ruhig und ordnungsgemäß unter engagierter Beteiligung der Zivilgesellschaft, wie die internationalen Wahlbeobachter der Afrikanischen Union und der Westafrikanischen Wirtschaftsunion, ECOWAS, bestätigten. Die Wahlbeteiligung lag bei 65 Prozent. Am 27. November sollte die Nationale Wahlkommission die endgültigen Wahlergebnisse verkünden. Alles deutete darauf hin, dass bei den Präsidentschaftswahlen Fernando Dias da Costa mit großem Vorsprung gegenüber Umaro Sissoco Embaló gewonnen hatte (Dias hatte in 7 von 9 Regionen gewonnen). Nachdem die internationalen Wahlbeobachter jeweils mit Embaló und Dias gesprochen und beide verkündet hatten, sie würden den Wahlausgang akzeptieren, erfolgte ein „Putsch“.
Ein „Hohes Militärkommando zur Wiederherstellung der nationalen Sicherheit und der öffentlichen Ordnung“ begründete seine Machtübernahme mit der Entdeckung eines angeblichen „Plans zur Destabilisierung durch Drogenhandel, Wahlmanipulation, Aufstachelung zum Hass und die Entdeckung eines geheimen Waffenlagers“. (Kleiner Exkurs: Bekämpfung des Drogenhandels klingt immer gut, ist hier aber einigermaßen bizarr, da viele Militärs in Guinea-Bissau in den Drogenhandel verstrickt sind und es ein enges Geflecht zwischen Politik, Militär und Drogenhandel gibt. Guinea-Bissau ist der größte Drogen-Umschlagplatz Westafrikas. Und gerade unter der Ägide von Embaló wurde die Aufklärung und Bekämpfung des Drogenhandels im Land stark behindert. Die bereits erwähnte ehemalige Justizministerin Ruth Monteiro musste nach dem Amtsantritt von Sissoco Embaló aufgrund von Morddrohungen das Land verlassen und lebt seitdem in Portugal (siehe dazu die ausgezeichnet recherchierte Reportage des Journalisten Micael Pereira „O corredor de Bissau“ (deutsch: Der Bissau- Korridor), in der portugiesischen Wochenzeitung Expresso. .
Der Wahlprozess wurde „unterbrochen“, das heißt die Büros der Nationalen Wahlkommission wurden von bewaffneten und vermummten Leuten überfallen, Computer wurden vernichtet und Wahlunterlagen wurden zerstört. Am 27. November verkündete die Nationale Wahlkommission, dass sie die Wahlergebnisse nicht veröffentlichen könne.
Allerdings konnte die portugiesische Tageszeitung Correio de Manha wenige Tage später am 4. Dezember 2025 verifizierte Zahlen und die Wahlprotokolle veröffentlichen, aus denen hervorging, dass Fernando Dias da Costa mit gut 10.000 Stimmen Vorsprung die Wahlen gewonnen hatte. Und das in der ersten Runde! Ein klares Wählervotum gegen den Amtsinhaber Sissoco Embaló.
Noch am 26. November wurden Domingos Simões Pereira und andere führende Politiker der PAIGC und der PRS verhaftet. Ex-Präsident Embaló flog in den Senegal; er hatte zuvor höchst persönlich französische Medien (die Zeitung Jeune Afrique und den Nachrichtenkanal France 24) telefonisch informiert, er sei abgesetzt und inhaftiert worden. Doch auch im Senegal wollte man Sissoco Embaló nicht haben (es gab Proteste der Zivilgesellschaft und der senegalesische Premier Ousmane Sonko bezeichnete den Putsch als Farce), weshalb dieser nach einem kurzen Aufenthalt nach Brazzaville, Republik Kongo, weiterflog. Sein derzeitiger Aufenthalt ist nicht bekannt, zuletzt wurde er mit Marokko angegeben.
General Horta Inta-a, der Stabschef des abgewählten Präsidenten, wurde vom „Hohen Militärkommando“ zum „Übergangspräsidenten“ mit weitreichenden Befugnissen bestimmt und stellte bereits am 29. November eine „Übergangsregierung“ vor. Ilídio Vierira Té, bisher Finanzminister unter Embaló und Leiter von dessen Wahlkampagne, wurde zum Premierminister und Finanzminister der „Übergangsregierung“ bestimmt.
Übergang von wo …?
Die seit Jahren chronische Instabilität des Landes wurde durch die fünfjährige Amtszeit Embalós zur Dauerkrise. Neben historischen Ursachen sieht Carlos Lopes im bereits zitierten Radiointerview vor allem in der Zentralisierung und Personalisierung der Macht unter Sissoco Embaló und der damit einhergehenden Schwächung der staatlichen Institutionen den Grund. Als historische Gründe führt Lopes Verrat innerhalb der ehemaligen Befreiungsbewegung, aufeinanderfolgende Parteienspaltungen, die das Parteiensystem zerstört haben, und die Vertiefung der Kluft zwischen dem militärischen und politischen Flügel der PAIGC an.
Embaló hatte von Beginn seiner Amtszeit im Februar 2020 unter Missachtung der Verfassung beziehungsweise ihrer willkürlichen Auslegung regiert. Seine Amtszeit war geprägt von einer Ethnisierung der Politik, internen Unruhen, Übergriffen von Polizei und Militär sowie anderer bewaffneter Akteure auf Oppositionelle innerhalb und außerhalb des Parlaments, auf Gewerkschaftsvertreter, auf Journalisten und unabhängige Radiosender, auf kritische Anwälte und Institutionen der Justiz. Embaló regierte mit nie aufgeklärten und nie bewiesenen Putschvorwürfen, die jedes Mal dazu dienten, die Repression weiter zu verschärfen, den Rechtsstaat auszuhöhlen und demokratische Kontrolle unmöglich zu machen (zur Rolle der Medien und insbesondere der Bürgerradios im politischen Prozess siehe Johanna Mack, Staatskrise in Guinea-Bissau: Die Wahrheit des Stärkeren sowie Tony Tcheka, A liberdade de Imprensa na Guiné-Bissau‘).
Im Mai 2022 löste er das Parlament auf, bevor es dort zur Haushaltsdebatte und einer Debatte über vom Präsidenten eigenmächtig abgeschlossene Rohstoffabkommen kommen konnte sowie zur Debatte einer Verfassungsreform, die die Aufgaben des Präsidenten genauer definieren sollten. Parlamentsneuwahlen wurden erst im Juni 2023 durchgeführt und ein halbes Jahr später löste der Präsident das Parlament erneut auf, obwohl die Verfassung Guinea-Bissaus explizit ausschließt, dass das Parlament in den ersten zwölf Monaten nach seiner Konstituierung aufgelöst werden kann. Hintergrund waren bis heute unbewiesene Korruptionsvorwürfe gegen den damaligen Finanzminister und in diesem Zusammenhang ein erneuter Putschvorwurf, als dessen Urheber der Präsident das Parlament und dessen stärkste Fraktion (PAI-Terra Ranka) bezichtigte (auch hierzu Johanna Mack).
Auch die Judikative hat Embaló gekapert, die Staatsanwaltschaft und der Oberste Gerichtshof sind mit seinen Gefolgsleuten besetzt worden, wie Ruth Monteiro ausführt.
Im Februar 2024 titelte die portugiesische Wochenzeitung Expresso: „Guinea-Bissau, das Land, in dem die Demokratie unter den Augen Europas zerlegt wird“.
Ein Jahr später, im August 2025, erfolgte die Ausweisung von portugiesischen Journalisten und Medien und die Schließung ihrer Büros in Guinea-Bissau.
Die Auswirkungen dieser autokratischen Politik auf das alltägliche Leben in Guinea-Bissau sind dramatisch, schildert Ruth Monteiro im Interview mit RDP África: Das Gesundheitswesen liegt darnieder; das Bildungswesen funktioniert nicht, die Bürger haben keinen Zugang zu Recht und Gesetz. Und Carlos Lopes weist auf die gigantische Binnenverschuldung hin, da der Staat von vierteljährlichen Krediten gelebt habe, und erklärt: „Die prekäre (wirtschaftliche) Lage war bereits offensichtlich. Ein Großteil der Staatsschulden finanzierte Militärausgaben, Präsidentenreisen und politische Subventionen. Die Ausgaben für Prestigezwecke übersteigen das Bildungsbudget.“ Und er warnt vor den unmittelbaren Folgen des Staatsstreichs für die Bevölkerung: „Es wird sehr schwierig sein, Sanktionsregelungen zu vermeiden, und diese Regelungen könnten Guinea-Bissau den Zugang zum Kapitalmarkt der UEMOA (Westafrikanische Wirtschafts- und Währungsunion) versperren.“ Wenn dies geschehe, verliere der Staat seine wichtigste Finanzierungsquelle.
… nach wo?
Die Zerstörung demokratischer Strukturen und die Personalisierung der Macht wird nun vom „Hohen Militärkommando“ weiter vorangetrieben.
Am 8. Dezember 2025 verkündete das „Hohe Militärkommando“ eine „Charta des Übergangs“, die die geltende Verfassung des Landes außer Kraft setzte. Sie legt vier Organe fest, die den „Übergang“ innerhalb eines Jahres vollziehen sollen:
- den Übergangspräsidenten mit den Befugnissen, Gesetze und Verordnungen zu erlassen, Minister, Richter und Botschafter zu ernennen, Wahltermine festzulegen und „andere Aufgaben wahrzunehmen, die zur Gewährleistung der Regierungsfähigkeit des Landes erforderlich sind“,
- das „Hohe Militärkommando“ selbst,
- den 65köpfigen „Nationalen Übergangsrat“, dessen Mitglieder von der Militärjunta nominiert werden und der als Parlamentsersatz fungiert, mit jeweils zehn Vertretern der PAIGC und der PRS
- und die „Übergangsregierung“ unter dem Premierminister Ilídio Vieira Té. Ihr sollen fünf Militärs und 23 Zivilpersonen angehören. Eine sogenannte „inklusive Regierung“ soll die PAIGC und PRS mit je drei Ministerposten einschließen. Ein Mitglied der PAIGC hat bereits ein Ministeramt übernommen: Zum Außenminister ernannt wurde João Bernardino Vieira, ein Gegenspieler von Domingos Simões Pereira, der nun auch den Vorsitz in dieser Partei anstrebt.
Im Justizapparat wurden weitgehende Machtbefugnisse in den Händen des neu eingesetzten Generalstaatsanwalts, Ahmed Tidiane Baldé, einem Vertrauten von Ex-Präsident Embaló, konzentriert. Er kann nach Belieben Richter verhaften, ersetzen, entlassen oder ernennen, was jedes ordentliche Gerichtsverfahren zunichtemacht (ausführlich dazu: Bernard Schmid in Junge Welt vom 8. Dezember 2025: „Putschisten festigen Macht“ und der bereits zitierte Carlos Lopes).
Diese Aneignung des Staates durch die Gruppe um Embaló mit Hilfe der Militärs geht einher mit verstärkter militärischer und polizeilicher Gewalt, dem Verbot von sämtlichen politischen Aktivitäten, darunter Demonstrationen und Streiks, den Überfällen auf Einrichtungen von Menschenrechtsorganisationen, der Entführung von Menschenrechtsaktivisten und der Einführung von Zensur. Pressekonferenzen dürfen nur noch nach vorheriger Genehmigung durch die Militärjunta durchgeführt werden. Antonio Cascais sprach in der Deutschen Welle von einer „Flucht nach vorn“ der Militärs.
Bereits nach wenigen Wochen, am 13. Januar 2026, verabschiedete der „Nationale Übergangsrat“ eine neue Verfassung, die die politische Macht in den Händen des Präsidenten der Republik konzentriert. Der Präsident ist Staatsoberhaupt und Regierungschef, der Premierminister wird ihm unterstellt und ist an seine Weisungen gebunden. Bernard Schmid titelte seinen Beitrag in Junge Welt: „Alle Macht dem Präsidenten“. Zugleich änderte der „Nationale Übergangsrat“ den Namen des Parlaments: Aus der „Nationalen Volksversammlung“ wurde die „Nationalversammlung“.
Die kurze Zeitspanne für diese Verfassungsänderung lässt vermuten, dass sie schon lange in einer Schublade bereit lag.
Mit Recht fragt António Rodrigues in der portugiesischen Tageszeitung O Público: „Was ist das für eine Verfassungsänderung, die alle Machtbefugnisse beim Staatsoberhaupt konzentriert, ohne eine verfassungsgebende Versammlung, ohne gewählte Vertreter, ohne politische Debatte, ohne öffentliche Diskussion und ohne Referendum?“
Zudem wurde ein neues Parteiengesetz verabschiedet und ein neues Wahlgesetz ist in Vorbereitung. Das neue Parteiengesetz sieht das Verbot von kleineren Parteien vor und unterwirft die Parteien einer stärkeren Kontrolle; eine kuriose erste Auswirkung: die PAIGC soll ihre Parteifahne ändern, weil sie zu sehr der Nationalflagge ähnelt. Dabei gab es die Fahne der PAIGC seit der Gründung der Partei 1956, also vor der Staatsgründung. Eine Einschränkung des Wahlrechts ist zu befürchten. Ein Wahltermin wurde bereits angekündigt: die Wahlen sollen am 6. Dezember 2026 stattfinden. Frei und transparent werden diese Wahlen sicher nicht sein. Die Nationale Wahlkommission hat zudem schon angekündigt, dass sie aus technischen Gründen diesen Termin nicht einhalten könne. Und die Frage ist natürlich, wozu es überhaupt Wahlen geben soll, wenn die Wahlergebnisse doch annulliert werden, wenn sie den Machthabern nicht passen.
Von einer „Rückkehr zur verfassungsmäßigen Ordnung“ innerhalb eines Jahres, wie es das „Hohe Militärkommando“ proklamiert, kann also keine Rede sein. Umgekehrt: die Rückkehr von Umaro Sissoco Embaló wird vorbereitet und die Verfassung sowie die staatlichen Institutionen werden seinen Vorstellungen und Wünschen angepasst. „Wobei“, so António Rodrigues, „die Militärs eines abgesetzten Präsidenten als Marionetten dienen und Zivilisten bereit sind, bei dieser Farce mitzuspielen. Alle an dem ‚Übergang‘ Beteiligten leugnen vehement, was selbst dem oberflächlichsten Betrachter klar ist: dass sie nur dazu da sind, den Plänen Seiner Exzellenz Umaro Sissoco Embaló zu dienen, dem einzigen Chef von allem, von Cabo Roxo bis Ponta Cagete, von Bolama bis Lugadjol.“
Hartes Vorgehen gegen die Opposition
Am 30. Januar 2026 wurden Domingos Simões Pereira und seine Mithäftlinge aus den Zellen des 2. Polizeireviers in Bissau entlassen, nachdem sie dort über 60 Tage ohne Anklageerhebung und ohne richterlichen Beschluss festgehalten worden waren. Begleitet wurden sie dabei vom senegalesischen Verteidigungsminister im Auftrag der Westafrikanischen Wirtschaftsunion. Der aus den Präsidentschaftswahlen als Sieger hervorgegangene Fernando Dias da Costa und Geraldo Martins, Vizepräsident der PAIGC, die nach dem Putsch in der Nigerianischen Botschaft in Bissau Zuflucht gesucht hatten, konnten nach Hause zurückkehren. Damit hat die Militärjunta auf internationalen Druck reagiert. Allerdings ist Domingo Simões Pereira damit nicht in Freiheit, denn die Militärjunta hat ihn – weiterhin ohne richterlichen Beschluss – unter Hausarrest gestellt, er und seine Familie werden rund um die Uhr von bewaffneten Kräften bewacht.
„Minimale Zugeständnisse mit maximalem Legitimitätsgewinn (für die Militärjunta), die Wahl von 2025 ist vom Tisch und es gibt keine Sanktionen ̶ das Geld kann fließen“, kommentiert eine Kennerin der Situation im Land die Überführung von Pereira in den Hausarrest. Denn eigentlich hatten die ECOWAS, die Afrikanische Union und die Gemeinschaft der Portugiesischsprachigen Staaten (CPLP) die bedingungslose Freilassung der politischen Häftlinge gefordert.
Neue Meldungen aus Guinea-Bissau berichten, dass Domingos Simões Pereira vor ein Militärtribunal gestellt werden soll, ihm wird Korruption und Beteiligung an einem „Putschversuch” im Oktober 2025 vorgeworfen. In Bezug auf den Korruptionsvorwurf spricht Ruth Monteiro von einem absurden Konstrukt. Ausgegraben werden Vorwürfe, die in das Jahr 2015 zurückreichen, als Pereira Premierminister war. In einem Gerichtsverfahren gegen den damaligen Finanzminister Geraldo Martins wurden diese Vorwürfe bereits als nachweislich falsch erkannt. Martins wurde freigesprochen. Es geht einzig und allein darum, Domingos Simões Pereira aus dem Weg zu räumen, ihn im wahrsten Wortsinn „fertig zu machen“. Sein Vergehen besteht darin, Umaro Sissoco Embaló eine Niederlage bereitet zu haben und vor allem darin, ein vernünftiger und integerer Mensch und Politiker zu sein.
Umaro Sissoco Embaló dagegen kann sich frei bewegen und pflegt seine internationalen Netzwerke. Letzte Woche soll er sich in Paris aufgehalten haben und dort unter anderem den Präsidenten von Kapverde, José Maria Neves, getroffen haben. Ein Bevollmächtigter von Umaro Sissoco Embaló hat inzwischen beim „Hohen Militärkommando“ um die Gewähr einer sicheren Rückkehr nach Guinea-Bissau ersucht.
Schwierigkeiten der internationalen Diplomatie
Die Gemeinschaft der portugiesisch sprachigen Länder (CPLP) hatte nach dem Staatsstreich Ende November die Mitgliedschaft Guinea-Bissaus ausgesetzt und die Präsidentschaft, die das Land gerade innehatte, an Osttimor übertragen. Eine hochrangige Delegation der CPLP sollte vom 18. bis 21. Februar in Bissau mit der „Übergangsregierung“ und dem „Hohen Militärkommando“ Verhandlungen führen mit dem Ziel, „zur Überwindung der institutionellen Krise beizutragen, die Rückkehr zur demokratischen Normalität und die Achtung der Verfassung zu fördern sowie die Rechte und das Wohlergehen der Bevölkerung zu gewährleisten“, meldete die Nachrichtenagentur Lusa am 11. Februar 2026. Nachdem jedoch Premierminister Xanana Gusmão Guinea-Bissau als „gescheiterten Staat“ charakterisiert hatte und Fernando Vaz, der Pressesprecher des Nationalen Übergangsrats, dann Osttimor als „Nichts“ auf der internationalen Bühne und als „Totengräber der CPLP“ bezeichnete, wurde die Mission abgesagt.
Zurzeit (Stand: 20. Februar 2026) befindet sich Patrice Trovoada, früherer Premierminister von São Tomé und Principe, als Sondergesandter der Afrikanischen Union zu Gesprächen in Guinea-Bissau. Er ist bereits mit dem Übergangspräsidenten Horta Inta-a sowie dem Wahlsieger Fernando Dias zusammengetroffen. Sowohl bissau-guineische als auch sao-tomensische Kritiker bezweifeln jedoch, ob Trovoada der geeignete Mann zur Lösung der Krise sei: Zwar verfüge er über große internationale Erfahrung, ihm wird aber auch eine Nähe zu Umaro Sissoco Embaló nachgesagt.
Hoffnungsschimmer
Befragt zu ihrer Einschätzung der aktuellen Situation in Guinea-Bissau nach dem Staatsstreich urteilt Iva Cabral, Historikerin und älteste Tochter von Amílcar Cabral, dem Theoretiker und Vorkämpfer der Afrikanischen Unabhängigkeit, die Lage könne gar nicht mehr schlimmer werden. Gleichwohl setzt sie ihre Hoffnung in eine starke Zivilgesellschaft in Guinea-Bissau. Der umtriebige bissau-guineische Soziologe und Umweltaktivist Miguel de Barros vom Centro de Estudos Amílcar Cabral ist ein wesentlicher Motor dieser zivilgesellschaftlichen Bewegung. Er sei hier stellvertretend für die vielen Akteure und Akteurinnen genannt, die in Guinea-Bissau in vielen Bereichen täglich an einer gesellschaftlichen Veränderung wirken. Im vergangenen September 2025 sprach de Barros in Berlin über „Soziale Bewegungen und strukturellen Wandel in Afrika“. Demokratie zeige sich in Afrika nicht nur durch Wahlen, sondern vor allem in kollektiven und kreativen Handlungsformen. In Stadtvierteln, kulturellen Initiativen und sozialen Bewegungen entstünden neue Räume bürgerschaftlicher Teilhabe, in denen marginalisierte Gruppen eigene Werte, Symbole und Erzählungen schaffen. Rap, Literatur, Theater oder Street Art eröffnen neue Wege gesellschaftlicher Transformation, indem sie Kunst und politisches Engagement verbinden. De Barros sprach insbesondere von der jungen Generation, die die Veränderung herbeisehne, um endlich eine Zukunft zu haben. Die Gruppe Fartudibos ist überzeugendes Beispiel für dieses Engagement.
Renate Heß, Berlin
Die Autorin ist Mitglied der Amílcar-Cabral-Gesellschaft, die 2025 ihr 50jähriges Bestehen feierte, und Übersetzerin von mehreren Autoren aus Guinea-Bissau, unter anderem von Abdulai Sila. Im Demokratischen Salon stellte sie ihr Engagement für die Literatur in Guinea-Bissau in dem Beitrag „Afrikanisches Selbstbewusstsein“ vor. Einige Werke von Abdulai Sila und anderen Autorinnen und Autoren sind in deutscher Sprache verfügbar. Zuletzt erschien in der Edition Noack & Block der von ihr herausgegebene Band „Der Pitangabaum der Nachbarin“. Der Band enthält sechs Erzählungen von Waldir Araújo, Amadú Dafé, Edson Incopté, Claudiany Pereira und Marinho de Pina. Übersetzt haben neben Renate Heß Johannes Augel und Rosa Rodrigues.
(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Februar 2026, Internetzugriffe zuletzt am 21. Februar 2026. Titelbild: Memorial building for the unilateral declaration of independence of Guinea-Bissau on 1973, September 9th, in Madina de Boé, Foto: Gadogado 123, Wikimedia Commons, Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license.)
