Projekt Beschreibung

Schwarze Frauen* in Deutschland

Geschichte und Perspektiven eines Schwarzen Feminismus

„Denn auch, wenn die Anzahl der Publikationen aus der Schwarzen Community in Deutschland in den letzten Jahrzehnten stetig angestiegen ist, haben wir weder genügend Raum, noch angemessene Ressourcen, um unsere Geschichte(n) mit eigenen Worten zu erzählen und der Öffentlichkeit bekannt zu geben. Darüber hinaus war es mir wichtig, nicht für und / oder über diese Personen zu sprechen. Denn wir alle haben unsere persönliche(n) Geschichte(n), die sicherlich Teil einer Kollektiverzählung ist / sind. Aber Schwarz ist nicht gleich Schwarz und Frau ist nicht gleich Frau.“ (Natasha A. Kelly, Millis Erwachen, Hamburg / Berlin, Orlanda, 2018)

Natasha A. Kelly stellt in „Millis Erwachen“ acht Künstlerinnen* vor. Diana, 1965 in Aschaffenburg geboren, ist Schwarz, sie ist intersexuell. Ihre Mutter floh vor einer drohenden Operation mit dem zehn Monate alten Kleinkind in die USA. Erst etwas mehr als 11 Jahre später kehrte Diana nach Deutschland zurück. Ihr entscheidendes Anliegen, sich von der „Opferrolle“ zu befreien: „Erstens mag ich diese Opferrolle nicht. Es tut mir Leid, also wenn wir erklären müssen, wer wir sind, wir unsere Lebensgeschichten offen machen und x-beliebige Menschen diese Geschichten lesen. Ich mochte diese Offenheit nicht. Ich hätte gerne, dass wirklich Features gezeigt worden wären mit den Frauen. Was sie tun, was sie machen, wer sie sind. Als stolze Personen. Ich fand diesen Betroffenenstatus nicht gut. Das ist aber meine persönliche Meinung.“

Die konkrete Utopie: „Farbe bekennen“

Diana versteht ihre Arbeit als einen Versuch, „meine Vorstellung meines Inneren und meine Auseinandersetzung mit der äußeren Welt sichtbar darzustellen.“ Doch wie lässt sich „Betroffenenheitsstatus“ überwinden? Wenn frau* immer wieder im Alltag erfahren muss, dass sie* Angehörige einer Minderheit sind und ausschließlich über dieses Merkmal definiert wird, die Merkmale der eigenen Persönlichkeit, die sie* mit der Mehrheitsgesellschaft gemeinsam haben, nicht einmal zur Kenntnis genommen werden? Wie entwickelt sich ein konstruktives zukunftsgerichtetes Selbstbewusstsein, wenn frau* immer wieder auf ihr* Anders-Sein zurückverwiesen wird und im Alltag immer wieder erfahren muss, dass sie* Angehörige einer Minderheit ist?

Ein erster Schritt aus dieser Zuschreibungsfalle, die viel zu oft auch eine Selbst-Zuschreibungsfalle im Sinne einer Selffulfilling Prophecy wird, könnte es sein, Menschen zu finden, die Ähnliches erlebt haben, erleben und wissen, was es bedeutet, als Schwarze Menschen in Deutschland zu leben, als BPoC, als „Afrodeutsche“. Der Begriff „afrodeutsch“ kann in Deutschland inzwischen – so Natasha A. Kelly in „Sisters and Souls“ (Münster, Orlanda, 2018) – als „sozialpolitische Kategorie“ verwendet werden: „Demnach macht nicht die vermeintliche (Haut)Farbe uns zu Schwarzen, sondern das Bewusstsein darüber, dass Schwarz als sozialpolitische Kategorie existiert.Diese „sozialpolitische Kategorie“ ließe sich inhaltlich als Zuschreibung und Fremdbezeichnung, aber auch – positiv gewendet – als Aufforderung zu oder sogar als Ergebnis von Solidarität füllen, zunächst im Konjunktiv, der Indikativ werden soll.

„Afrodeutsch“ ist eine Selbstbezeichnung, die die eigene persönliche Geschichte aus der Geschichte anderer, vielleicht sogar aller Schwarzen Menschen (in Deutschland) ableitet, gleichzeitig die Zugehörigkeit zu einer Minderheit wie die zur Mehrheit reflektiert. Überwunden wird Isolation, Schwarz-Sein ist nicht individuelles Schicksal, sondern Anlass zu Stolz und Selbstbewusstsein: „Afrodeutsch kann demnach als ein Teilaspekt des panafrikanischen Gedankens verstanden werden, der sowohl das Deutsche als auch das Afrikanische, US-Afro-Amerikanische oder Afro-Karibische etc. in einem Zwischenraum vereint und eine kollektive Identität – ein ‚Wir‘ – schafft.“ Afrika und Deutschland, utopisch? Vielleicht eine Symbiose?

Natasha A. Kellys Buch „Sisters and Souls“ trägt den Untertitel: „Inspirationen durch May Ayim“. May Ayim ist nach wie vor die erste und einzige Schwarze Frau, nach der in Deutschland eine Straße benannt wurde, das May-Ayim-Ufer in Berlin. Grundlegende Texte von May Ayim wurden im Jahr 2020, zu ihrem 60. Geburtstag, 24 Jahre nach ihrem tragischen Tod, neu aufgelegt. Dazu gehören eine Sammlung ihrer Gedichte unter dem Titel „weitergehen“, darin die beiden Gedichtbände „Blues in schwarz weiß“ von 1995 und „Nachtgesang“ von 1997, sowie das Buch, das als erstes Dokument und Manifest zur Entwicklung eines kollektiven Selbstbewusstseins Schwarzer Frauen in Deutschland betrachtet werden darf: „Farbe bekennen – Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte“ (beide Bücher erschienen im Orlanda Verlag).

Das Buch „Farbe bekennen“ haben May Ayim, Katharina Oguntoye und Dagmar Schultz gemeinsam gestaltet. Im Vorwort der 1986 erschienenen Erstausgabe beschreiben die Herausgeberinnen*, wie afrodeutsches Selbstbewusstsein durch die Begegnung mit Audre Lorde (1934 – 1992) entstand. Audre Lorde sprach 1979 in ihrem Text „Learning from the 1960s“ von den „vital years of awakening, of pride, and of error“, in den USA der 1960er Jahre.

In den Jahren 1984 bis 1992 hielt sich Audre Lorde immer wieder in Berlin auf (www.audrelorde-theberlinyears.com) und bewirkte, dass das „awakening“ der 1960er Jahre in den USA etwa 20 Jahre später auch in Deutschland erfolgte. „Mit Audre Lorde entwickelten wir den Begriff ‚afro-deutsch‘ in Anlehnung an afro-amerikanisch, als Ausdruck unserer kulturellen Herkunft. (…) Dadurch wurde uns klar, dass unsere wesentliche Gemeinsamkeit kein biologisches, sondern ein soziales Kriterium ist: das Leben in einer weißen deutschen Gesellschaft.“ Zu dieser „Gemeinsamkeit“ gehört auch die „direkte Konfrontation mit dem Rassismus“.

Erwachende Stärke

Der Buchtitel „Sisters and Souls“ erinnert an das Gedicht „soul sister“ von May Ayim, ihren 1992 geschriebenen poetischen Nachruf für Audre Lorde. Ich zitiere die Schluss-Verse des Gedichtes: „1984 prägten schwarze deutsche frauen / gemeinsam mit AUDRE LORDE den Begriff / afro-deutsch / da wir viele bezeichnungen hatten / die nicht unsere waren / da wir keinen namen kannten / bei dem wir uns nennen wollten // rassismus bleibt / bleiches gesicht einer krankheit / die uns heimlich und öffentlich auffrisst // heute // wir betrauern den Tod einer großen schwarzen dichterin / einer schwester freundin und kampfgefährtin // ihr wirken lebt weiter / in ihren werken / unsere visionen / tragen erfahrungen / ihrer worte.“

Audre Lorde fordert, Zorn und Wut („anger“ and „furies“) zuzulassen und in Stärke, Kraft und Einsicht („strength and force and insight“) zu verwandeln (1979 in „Uses of Anger“): „Women of colour in america have grown up within a symphony of anger, at being silenced, at being unchosen, at knowing that when we survive, it is in spite of a world that takes for granted our lack of humanness, and which hates our very existence outside of its service. And I say symphony rather than cacophony because we have had to learn to orchestrate those furies so that they do not tear us apart.“

So systematisch, so kohärent rassistische und sexistische Gewalt erlebt werden, so systematisch, so kohärent muss – bei allen inneren Dissonanzen – die befreiende, stärkende „Symphonie des Zorns“ wirken. „We have had to learn through them and use them for strength and force and insight within our daily lives. Those of us who did not learn this difficult lesson did not survive. And part of my anger is always libation for my fallen sisters.“ Die Gemeinsamkeit einer afrodeutschen Identität erfasst Vergangenheiten, Gegenwarten, Zukünfte.

In diesem Geiste entstanden in Deutschland Schwarze Selbst-Organisationen. Dazu gehören die ISD (Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland, www.isdonline.de) und ADEFRA (Schwarze deutsche Frauen und Schwarze Frauen in Deutschland, www.adefra.de). die – so Natasha A. Kelly – gegründet wurde, um „Schwarze Menschen aus der Vereinzelung zu holen und aktiv an ihrer Identitätsbildung zu arbeiten.“ In den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten ist es gelungen, dass ISD, ADEFRA und andere Schwarze zivilgesellschaftliche Organisationen „sich bewusst und aktiv am deutschen politischen Diskurs beteiligen und Schwarze Perspektiven in aktuelle Politdebatten einspeisen.“ Eines der Ergebnisse dieses politischen Verständnisses afrodeutscher Identität ist sicherlich auch die inzwischen nicht nur von Schwarzen Menschen geteilte Präsenz von #BlackLivesMatter (www.blacklivesmatter.com) in den öffentlichen Debatten, eine Bewegung des Zorns, der Wut, der Hoffnung und der Stärke, konkreter Utopie.

Wie schwierig die Zeit der Entstehung von „Farbe bekennen“ für Schwarze Menschen in Deutschland und nicht zuletzt in Berlin gewesen sein muss, lässt Lauren K. Stokes in seinem in der ZEIT veröffentlichten Artikel „Honeckers fliegender Teppich“ erahnen. Debatten um Racial Profiling, Asylrecht und Abschiebungen gab es in Deutschland in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen von Anfang an, so auch Mitte der 1980er Jahre. Damals kamen viele Geflüchtete aus Sri Lanka, Ghana, Nigeria, Äthiopien, verschiedenen arabischen Ländern mit Transitvisen in die DDR. Die DDR-Behörden setzten die Geflüchteten am Bahnhof Berlin-Friedrichstraße in die U 6 und schickten sie in den Westen.

Die West-Berliner Polizei überprüfte in dieser Zeit systematisch alle Menschen, die anders aussahen als die üblichen weißen Berliner*innen. Betroffen waren alle Schwarzen und People of Color: „Bei der Stadt gingen in den folgenden Wochen säckeweise Beschwerden ein: Die Berliner Polizei unterhalte ein ‚Einsatzkommando zur Kontrolle der Schwarzköpfe‘ und vertreibe türkische Familien mit Jahreskarten der Berliner Verkehrsbetriebe aus den U- und S-Bahnen, nur weil sie keinen Pass bei sich trügen. Etliche Briefschreiber berichteten, dass Polizeibeamte ‚ganze Gruppen‘ mit den Worten ‚Ausländer raus! Aus dem Zug gedrängt hätten – Szenen, die selbst ‚die Klischees des bösen Deutschen in antideutschen Filmen der Nachkriegszeit‘ noch überstiegen.“ (https://www.zeit.de/2020/32/racial-profiling-ddr-erich-honecker-fluechtlinge-ostberllin-westberlin, Zugriff am 1.8.2020)

„Your Silence will not protect you“

Audre Lorde hat der Erstausgabe von „Farbe bekennen“ ein Vorwort gewidmet, das die Begriffe „Bindestrich-Menschen“ und „unsichtbar-blutige Kindheit“ enthält. Ihre Aufforderung: „Erhebt euch und schweigt nicht mehr!“ Audre Lorde war vielleicht die erste Autorin, die ein Programm formulierte, dessen oberstes Ziel lautete, die Gegenwart und die Geschichte Schwarzer Frauen sichtbar zu machen. Ihr Satz, dass Schweigen nicht schütze, ist auch Titel eines 2017 bei Silverpress erschienenen Sammelbandes, aus der ich in diesem Essay zitiere.

Der Satz war das erste Mal am 28. Dezember 1977 in Chicago in dem Vortrag „The Transformation of Silence“ zu hören. Er erschien gedruckt erstmals 1978, dann erneut 1988: „My silence hat not protected me. Your Silence will not protect you. (…) The women who sustained me through that period were Black and white, old and young, lesbian, bisexual and heterosexual, and we all shared a war against the Tyrannies of Silence.“ Es geht nicht nur um das Schwarz-Sein an sich, es geht um das Schwarz-Sein Schwarzer Frauen*, in all ihren individuellen Wirklichkeiten. Mitunter solidarisieren sich weiße und Schwarze Frauen. Und dennoch bleibt das Schwarz-Sein, „Blackness“, entscheidendes Merkmal, Zeichen der eigenen Verletzbarkeit: „Even within the women’s movement, we have had to fight, and still do, for that very visibility which also renders us most vulnerable, our Blackness.“

Katharina Oguntoye zieht 2006 im Vorwort zur Neuauflage von „Farbe bekennen“ Bilanz. Sie berichtet von ihrer „Erfahrung, dass junge weiße Deutsche nicht verstehen konnten, warum wir uns als Afrodeutsche bezeichneten. Für sich selbst lehnten sie ihr Deutschsein ab. Lieber bezeichneten sie sich als Berlinerin, Frankfurter usw.“ Die jungen weißen Deutschen genossen die Vorteile des deutschen Passes, distanzierten sich jedoch davon, dass sie Deutsche waren, und drückten sich damit aus ihrer Sicht davor, „sich auch mit der Geschichte auseinander(zu)setzen und diesbezüglich seiner Verantwortung (zu) stellen“.

Nur am Rande: aus meiner eigenen Biographie kann ich diese Analyse bestätigen, möchte sie aber leicht modifizieren. Viele junge linke und liberale weiße Deutsche hielten in den 1970er und 1980er Jahren ihre Selbst-Distanzierung vom Deutsch-Sein für eine zureichende Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte. Vor ihrer Verantwortung für eine solche Auseinandersetzung flüchteten sie in diverse universell klingende Utopien. Sie gehörten eben zu den Guten, ein Argumentationsmuster, das durchaus dem der DDR nach Staatsgründung ähnelte, die alle ihre Bürger*innen per se zu Anti-Faschist*innen und Anti-Rassist*innen erklärte. Das gemeinsame Foto von Angela Davis und Erich Honecker war Programm. Dieses Muster kopierten die Freund*innen der DDR in Westdeutschland. Es wurde aber auch von den Westdeutschen gepflegt, die die DDR nicht gerade für ein nachahmenswertes Beispiel hielten, sich in diversen Initiativen und Gruppen engagierten, für den Weltfrieden und die Befreiung aller Völker demonstrierten sowie den Kapitalismus pauschal für alles Unheil dieser Welt verantwortlich machten.

Nach wie vor – so Katharina Oguntoye – sei „Farbe bekennen“ „das einzige Buch seiner Art im deutschsprachigen Raum.“ Es gebe zwar einige (Auto-)Biographien Schwarzer Deutscher, auch diverse Forschungsarbeiten, doch sei deren Wirkung noch zu gering, um den Mainstream gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen nachhaltig zu prägen. Katharina Oguntoye fordert: „Für ein besseres Verständnis, eine Analyse und die Bereitstellung praktischer Hilfsangebote für Schwarze Menschen in Deutschland brauchen wir meines Erachtens dringend Literatur über die Erfahrung afrodeutscher Männer, über die psychosoziale Entwicklung von Schwarzen Kindern in Deutschland oder die Rolle von Müttern und Vätern in afrodeutschen Familien.“

„Sisters and Souls“ ist die konsequente Fortsetzung dessen, was mit „Farbe bekennen“ begann. Beide Bücher haben einen vergleichbaren Aufbau. Beide präsentieren historische Abhandlungen über Schwarze Geschichte in Deutschland (und in Europa), politische Statements, Gespräche mit Zeitzeuginnen* und Gedichte. „Sisters and Souls“ enthält auch einen dramatischen Text, „Winterzeit – Schwesterngespräch in einem Akt“ von Lara-Sophie Milagro. In diesem Text unterhält sich die Autorin mit May Ayim. In „Millis Erwachen – Schwarze Frauen, Kunst und Widerstand“ (ebenfalls bei Orlanda erschienen) dokumentiert Natasha A. Kelly Positionierungen Schwarzer Künstler*innen verschiedener Kunstsparten, in der Anthologie „Schwarzer Feminismus“ (erschienen 2019 im Münsteraner UNRAST-Verlag) dokumentiert sie acht „Grundlagentexte“, darunter Sojourner Truths legendäre Rede von 1851 und ein Text von Angela Davis von 1971. Weitere Autorinnen* sind, The Combahee River Collective (1977), bell hooks (1982), Audre Lorde (1984), Barbara Smith (1985), Kimberlé Crenshaw (1989) und Patricia Hill Collins (2008).

Ein nächster Schritt wäre vielleicht eine deutsche Version der von Margaret Busby herausgegebenen Anthologie „Daughters of Africa – An International Anthology of Words and Writings by Women of African Descent from the Ancient Egyptian to the Present“. Die erste Auflage erschien 1992 in London bei Jonathan Cape. Das Buch präsentiert über 200 afrikanische Autorinnen aus vielen verschiedenen Ländern und Kontinenten. Sein Erfolg lässt sich daran ablesen, dass 2019 eine weitere 804 Seiten umfassende Anthologie erschien: „New Daughters of Africa“. „Millis Erwachen“ wäre vielleicht der erste Schritt auf dem Weg zu einer deutschen Version?

„Fremdgemachtwerden“

Sichtbar wird in „Farbe bekennen“ und „Sisters and Souls“ das Leben Schwarzer Frauen*, immer wieder gebrochen durch Verweise auf Konflikte zwischen weißen Männern und weißen Frauen, weißen Frauen und Schwarzen Frauen sowie Schwarzen Männern und Schwarzen Frauen. „Farbe bekennen“ zitiert Simone de Beauvoir, die „die Verquickung von Rassismus, Sexismus und Klassenfrage“ beschrieb: „Als Frauen des Bürgertums sind sie solidarisch mit männlichen Bourgeois und nicht mit den Frauen des Proletariats, als Weiße mit den weißen Männern und nicht mit den schwarzen Frauen.“ (aus: Das andere Geschlecht / L‘autre sexe, zitiert nach „Farbe bekennen“.)

Kimberlé Crenshaw kann sich bei ihrer Argumentation auf ihre juristische Ausbildung und Berufspraxis stützen: „Aus diesem Blickwinkel werden Schwarze Frauen* nur insofern geschützt, dass ihre Erfahrungen mit denen weißer Frauen* oder denen Schwarzer Männer übereinstimmen.“ Dies führte beispielsweise dazu, dass sexualisierte Gewalt gegen eine Schwarze Frau* in der (nicht nur) US-amerikanischen juristischen Theorie und Praxis anders bewertet wird als gegen eine weiße Frau*. Es wurde auch unterschieden, ob ein weißer oder ein Schwarzer Mann sich sexuell übergriffig verhielt.

Kimberlé Crenshaw: „Vergewaltigungsgesetze spiegeln nicht männliche Kontrolle über weibliche* Sexualität wider, sondern weiße männliche Regulierung weißer weiblicher* Sexualität. Es hat in der Geschichte keinen institutionalisierten Versuch gegeben, die Keuschheit Schwarzer Frauen* zu regulieren. In einigen Staaten sind Gerichte so weit gegangen, Geschworene darüber zu unterrichten, dass nicht davon auszugehen sei, dass Schwarze Frauen*, im Gegensatz zu weißen Frauen, keusch seien. Während es durchaus zutraf, dass der Versuch der Regulation der Sexualität weißer Frauen* unkeusche Frauen* von rechtlichen Schutzansprüchen ausschloss, wurde die Keuschheit einer gefallenen weißen Frau* wiederhergestellt, wenn der vermeintliche Angreifer ein Schwarzer Mann war. Solche Wiederherstellungsprozesse wurden Schwarzen Frauen* vorenthalten.“

Schwarze Frauen* erleiden somit nicht nur Diskriminierung aufgrund ihrer Hautfarbe, sondern auch als Frauen* im Unterschied zu weißen Frauen*. Es wird von der herrschenden Meinung weißer Männer eine Opferhierarchie gebildet, in der Schwarzen Frauen* sogar das Recht abgesprochen wird, sich als „Opfer“ zu betrachten und ihr Menschenrecht einzufordern oder sogar einzuklagen. weiße Frauen* sind keine Bündnispartnerinnen* Schwarzer Frauen*: „Der Wert der feministischen Theorie für Schwarze Frauen* ist beschränkt, weil sie einem als weiß rassifizierten Kontext entstammt, der nur selten vergegenwärtigt wird. Nicht nur werden Frauen* of Color in der Tat übersehen, sondern ihr Ausschluss wird verstärkt, wenn weiße Frauen* für und als Frauen* sprechen.“

Der Aufwand, die erlebte und zugeschriebene „Fremdheit“, das „Othering“, die „Ver-Anderung“ (Julia Reuter) zu überwinden, ist für Schwarze Frauen* erheblich. Die Diskiminierung Schwarzer Frauen* als Frauen geht bis auf die Unterschiede zurück, die Rousseau für die Erziehung von Emile und Sophie fordert. Eine patriarchalisch organisierte Gesellschaft ist Erziehungsziel. Die Hautfarbe ist ein zusätzliches Distinktiv der Abwertung, Rassismus verstärkt Sexismus. Die Analyse der Autorinnen* von „Farbe bekennen“: „Die Projektionen, die das Herrschaftsverhältnis von Männern gegenüber Frauen als verfügbare Natur rechtfertigen, entsprechen dem stereotypen Bild der Zuschreibungen, das auf die für primitiv befundenen ‚Naturvölker‘ projiziert wird.“

Gender, Hautfarbe, Klasse beziehungsweise Sexismus, Rassismus und Klassismus verstärken sich gegenseitig, wirken „intersektionell“. Eine unvollständige Betrachtung der „Intersektionalität“ verschiedener Formen und Anlässe von Diskriminierung erschwert Emanzipation und Empowerment Schwarzer Frauen*, wenn sie sie nicht sogar verhindert. Kimberlé Crenshaw: „Diese Übernahme eines eindimensionalen Diskriminierungsanalyserahmens marginalisiert nicht nur Schwarze Frauen* innerhalb der Bewegungen, die sie als konstituierenden Teil begreifen, sondern erschwert sogar die Erreichung des illusorischen Ziels, Rassismus und Patriarchat ein Ende zu bereiten.“ (Originaltitel des Textes von Kimberlé Crenshaw, dem ihre obigen Zitate entnommen sind: „Demarginalizing the Intersection of Race and Sex: A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine, Feminist Theory and Antiracist Politics, deutsche Version in „Schwarzer Feminismus“.)

Audre Lorde schreibt über „Sexism: An American Disease in Blackface“ und stellt fest: „Black feminism is not white feminism in white face.“ Und: „Black women are still the lowest paid group in the nation by sex and race.“ Auch Schwarze Männer* sind keine Bündnispartner*. Ihre Motivation ist sicher nicht rassistisch, aber sexistisch und klassistisch. Schlechte Bezahlung, weil Frau*, noch schlechtere Bezahlung, weil Schwarze Frau*. Auch Schwarze Männer müssen begreifen, wie Sexismus, Klassismus und Rassismus sich gegenseitig durchdringen. Es reicht nicht aus, sich an weißen Privilegien abzuarbeiten: „But the Black male consciousness must be raised to the realisation that sexism and woman-hating are critically dysfunctional to his liberation as a Black man because they arise out of the same constellation that engenders racism and homophobia.“

Natasha A. Kelly unterscheidet den Umgang in Deutschland und in den USA mit diesem Dilemma. Sie zitiert den von W.E.B. DuBois entwickelten Begriff des „double consciousness“, das es zwar in den USA, nicht jedoch in Deutschland gebe. Das Selbstbewusstsein Schwarzer Menschen in Deutschland sei trotz der fraglos erfolgten Entwicklungen seit Mitte der 1980er Jahre fragiler als das Schwarzer Menschen in den USA. Es dominiert das, was Abenaa Adomako in ihrem Gespräch mit Natasha A. Kelly „Fremdgemachtwerden“ nennt.

„Fremdgemachtwerden“ schafft Unsicherheit, und aus dem potenziell bereichernden „double consciousness“ wird – so die 1955 geborene Nadu in „Millis Erwachen“ – das Gefühl eines „Doppelleben(s)“. Der Blick der Anderen bleibt stets präsent und dominant. Modupe Laja berichtet in „Sisters and Souls“, wie schwer es ist, sich nicht mit den Augen Anderer zu sehen, sondern die eigenen Augen zu nutzen: „Die Außenwelt der weißen deutschen Mehrheitsgesellschaft zwang uns Kindern aufgrund unserer afrikanischen Herkunft alle möglichen Zuschreibungen auf. Unser Kampf bestand darin, sich nicht unterkriegen und entmutigen zu lassen. Das hieß, sich in einem sehr feindlichen Umfeld als Schwarzes Kind zu behaupten und neu zu erfinden.“

Das Selbstbewusstsein Schwarzer Künstlerinnen

Die Entwicklung und Behauptung eines kollektiven Selbstbewusstseins Schwarzer Frauen* zeichnet sich durch eine Verbindung von politischem Engagement mit künstlerischer Kreativität aus. Audre Lorde benennt die Kunst der Poesie als wirksames Mittel, eine der eigenen Existenz angemessene Sprache zu finden: „Poetry is not only beam and vision; it is the skeleton architecture of our lives. It lays the foundation for a future of change, a bridge across our fears of what has never been before.“ (in „Poetry is not a Luxury).

Sandrine hat an der University of Mauritius Malerei studiert. Natasha A. Kelly dokumentiert das Gespräch, das sie mit ihr geführt hat, in „Millis Erwachen“ und hält im ersten Satz fest, dass Sandrine in Mauritius „nach eigenen Angaben – eine erstaunlich eurozentrische Ausbildung erhielt.“ Sandrine und Natasha A. Kelly sprechen darüber, was es bedeutet, dass „Kunst von Schwarzen Frauen von einem weißen Publikum ausschließlich in Kontext von Racial Identity gelesen wird.“ Sandrine sagt: „Tatsächlich ist es eines der Probleme, dass es fast unmöglich ist, als Schwarze Künstlerin Kunst zu machen, die nicht irgendwie in einem Interpretationsrahmen von Schwarzsein dann auch gelesen wird. Es macht ja auch Sinn. Also wir haben ja alle irgendeine Positionierung, die beeinflusst, aus welcher Perspektive wir unsere Kunst machen. Aber es wird immer nur dann markiert, wenn es zum Beispiel Frauen sind, oder Schwarze Frauen oder Frauen of Color. Während weiße männliche Künstler vermeintlich aus einer neutralen Perspektive ihre Kunst produzieren.“

Der gängige Kulturbetrieb definiert Kunst von Minderheiten zunächst nicht als Kunst, sondern eben als Kunst von Minderheiten und legt in die Texte, die Bilder, die Skulpturen und Filme immer eine „Betroffenheit“ hinein, die den Charakter des jeweiligen Werkes ausmache. „Diversity“ wird assimiliert, „nicht machtkritisch oder diskriminierungskritisch verstanden, sondern (…) wird eher im neoliberalen Sinne als eine Abbildung von irgendetwas Buntem gesehen, wo Machtgefälle nicht thematisiert werden müssen.“

Ähnlich argumentiert Zari, eine US-Amerikanerin, Tochter aus Indien eingewanderter Eltern, die seit 1981 in Deutschland lebte und an den Seminaren von Audre Lorde in Berlin teilnahm: „Es gibt in Deutschland ein gewisses Elitegefühl, dass bildende Künstler weiße Männer sein müssen oder weiße Frauen, die weiße Männer nachahmen.“ Auch hier finden wir die Hierarchien, die den Alltag prägen. „Als ich angefangen habe, Kunst zu studieren, waren Frauen eher die Muse und die Männer waren die Künstler. Frauen waren dazu da, um Männern zu helfen, ihre Kunst berühmt zu machen und so weiter.“

Das betrifft nicht nur Schwarze Frauen* und Women* of Color. Bekannt sind die Biographien von Veza Canetti, Camille Claudel und anderen weißen Frauen*, die der offizielle Kulturbetrieb in den Schatten ihrer Männer* verbannte. Gelegentlich gibt es eine Biographie, einen Artikel im Feuilleton einer aufgeschlossenen Zeitung, aber wer denkt schon darüber nach, welche Anteile Jeanne-Claude an dem Christo zugeschriebenen Werk hatte. Elke Koska inszeniert sich als „Muse“ von H.A. Schult, aber ist dies nur schrill oder Teil einer Art „Gesamtkunstwerk“?

Kunst einer Schwarzen Künstlerin*, einer Sinteza*, einer Native American* wird nur selten für sich selbst betrachtet. Sie wird fast immer mit dem Zusatz der „kulturellen“ und „sozialen“ Herkunft der Künstlerin* angeboten. Dies gilt im Übrigen auch für jüdische Künstlerinnen*. Bezeichnet sich eine Künstlerin* in ihrem politischen Engagement als Feministin, werden auch ihre Werke als feministische Werke gelesen oder gesehen. Engagiert sie sich gegen Rassismus, wird ihr Werk antirassistisch rezipiert. Andere Aspekte werden ignoriert, viel zu oft der eigentliche künstlerische Wert. Die Werke werden auf diese Weise abgewertet und erhalten allenfalls repräsentativen Charakter für eine bestimmte Weltsicht, die der*diejenige, der*die sie so bezeichnet, schon allein durch diese Bezeichnung als eine ihm*ihr fremde Weltsicht versteht. Die Frage, ob und wie beispielsweise eine spezifisch afrodeutsche Kultur entsteht, bleibt ungestellt. Es geschieht, was Susan Sontag in ihrem legendären Essay „Against Interpretation“ beschrieb: „Die Interpretation basiert demnach auf einer Diskrepanz zwischen der offensichtlichen Bedeutung des Textes und den Ansprüchen des (späteren) Lesers.“

Interpretation ist Assimilation. Die eigentlich jedem Kunstwerk inhärente Widersprüchlichkeit, die Verweise auf verschiedene Realitäten und Wahrnehmungen, die sich im Dreieck der Interaktion von Autor*in und Betrachter*in sowie dargestellten Personen (und Gegenständen in ihren Verweisen auf außerhalb des Werks zu denkende Menschen) gegenseitig spiegeln, durchdringen oder auch gegenseitig aufheben, verschwinden. Susan Sontag: „Wirkliche Kunst hat die Eigenschaft, uns nervös zu machen. Indem man das Kunstwerk auf seinen Inhalt reduziert und diesen dann interpretiert, zähmt man es. Die Interpretation macht die Kunst manipulierbar, bequem.“ Wut und Zorn werden im offiziellen Kulturbetrieb wegretuschiert.

Kontrafaktische Blicke

Was sah Milli? In dem weißen Maler, dessen Modell sie war? In sich? Wann und wie erwacht Milli? Was hat sie geträumt? Was wird sie gleich tun? Diese Fragen beantwortet der weiße Maler Ernst Ludwig Kirchner nicht. Wahrscheinlich hat er sie sich noch nicht einmal gestellt, ebenso wenig wie Paul Gauguin und andere Maler* mit Vorliebe für „exotisch-erotische“ Motive sich oder ihren Modellen solche Fragen stellten.

Kontrafaktisches dokumentiert Chris Buck in seiner Fotostrecke „Let’s Talk about race“ im Mai 2020 im Oprah Magazine (https://editionf.com/Buck-Fotoserie-Rassismus-Oprah, Zugriff am 22.9.2020). Ein weißes Mädchen steht vor einem Regal mit ausschließlich Schwarzen Puppen, mehrere Asiatinnen* lassen sich von weißen Frauen pediküren. Den Hinweis auf diese Fotostrecke fand ich in olivia wenzel, 1000 serpentinen angst, Frankfurt am Main, S. Fischer, 2020, ein Buch, dem ich den Deutschen Buchpreis 2020 gewünscht hätte.

Patricia, 1970 in Potsdam geboren, wünscht sich „einen Katalog zu afrodeutscher Kunst“, der dafür sorgen könnte, dass afrodeutsche Künstlerinnen* auch über einzelne Ausstellungen hinaus sichtbar werden. Sie spricht darüber, dass sie die „Gemeinsamkeiten“ afrodeutscher Künstlerinnen* als „Spiegelung des Alltags“ versteht: „Also die Höhen und Tiefen, das Schwere daran. Der Umgang mit Rassismus, Diskriminierung et cetera. Die Suche nach afrodeutscher Kultur wird gespiegelt. Wenn ich mir afrodeutsche Kunst ansehe und betrachte, dann sehe ich die Zeit, die die Künstler_innen hier im europäischen Raum verbracht haben. Es spiegelt sich ganz klar wider in ihren Bildern, in ihren Aktionen, in ihren künstlerischen Aktivitäten sind ihre Verletzungen zu sehen. Den Umgang mit Rassismus und Diskriminierung. Wie sie sich traurig, tragisch bis wundervoll hier verorten. Und das ist eine sehr, ja, das ist eine Gemeinsamkeit.“

Kontrafaktisch? Oder vielleicht doch faktisch? Vielleicht ist das ein Weg zu „Millis Erwachen“? Und die Gedichte von May Ayim wären das Programm dieses Erwachens:

sehnsucht

gefrorene kristalle

geliebter erinnerungen

nisten in meinen augenhöhlen

spiegeln mir dein entferntes gesicht

als einen schatten auf mein herz“

Geschrieben mit der Widmung „1980 für Chat und Peggy“.

Dr. Norbert Reichel, Bonn

(Anmerkung zur Schreibweise: Ich verwende in diesem Essay die Schreibweise der zitierten Autor*innen, „Schwarze“ groß geschrieben, „weiße“ klein und kursiv gesetzt. Da ich Zitate grundsätzlich kursiv setze, habe ich „weiß“ dort zusätzlich unterstrichen. Ich weiß, dass das eine Hervorhebung ist, die missverstanden werden könnte, aber vielleicht ist es auch ein Schritt zu mehr Reflexion. Im Fließtext verbleibt „weiß“ in Kursivschrift. Wenn ein*e zitierte Autor*in nicht das Sternchen, sondern den Unterstrich benutzt, habe ich dies so belassen, ebenso wenn sie*er weder Unterstrich noch Sternchen einfügt. Mit der Positionierung des Sternchens in meinen Texten wird darüber hinaus jeweils deutlich, welche Geschlechter gemeint bzw. nicht „mitgemeint“ sind (Autor*innen, Autoren, Autorinnen, Autoren*, Autorinnen*).