Projekt Beschreibung

Verfemte Literatur in der DDR

Dokumentation einer Veranstaltung vom 21. Januar 2021 mit Ines Geipel

Am 21. Januar 2021 hatte ich die Ehre und das Vergnügen, gemeinsam mit Kerstin Stüssel, Professorin am Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft der Universität Bonn, in der Veranstaltung „Verfemte Literatur in der DDR“ Ines Geipel zu begrüßen und mit ihr zu sprechen. Ines Geipel hielt einen eindrucksvollen Vortrag und beantwortete tim Anschluss Fragen der Teilnehmer*innen. Demokratischer Salon und Universität Bonn hatten die Veranstaltung in Kooperation mit der Bundesstiftung Aufarbeitung (www.bundesstiftung-aufarbeitung.de) und der Theatergemeinde Bonn (www.theatergemeinde-bonn.de) angeboten.

Kerstin Stüssel: Eine Einführung in Biographie und Werk von Ines Geipel

Ines Geipel wurde ein Jahr vor dem Mauerbau in der DDR geboren. Sie kommt aus einer Familie, die in drei Generationen in den Gewalt- und Unterdrückungsgesellschaften des Nationalsozialismus und der DDR verstrickt gewesen ist. Dieser Herkunft, ihren Fort- und Spätwirkungen in der Gegenwart widmen sich die Bücher „Generation Mauer“ aus dem Jahr 2014 und das jüngste 2019 erschienene Buch: „Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass“.

Ines Geipel hat eine Internatsspezialschule mit erweitertem Russischunterricht besucht und dort mit dem Sport begonnen. Ab Anfang der 1980er Jahre hat sie in Jena Germanistik studiert. Nach dem Studium konnte sie in der DDR nicht promovieren, sodass sie im Sommer 1989 wie viele andere über Ungarn aus der DDR flüchtete, damals nicht ahnend, dass der Staat DDR wenige Monate später zusammenbrach. Sie studierte ein zweites Mal: Philosophie in Darmstadt. Heute ist sie Professorin für Verskunst an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin.

Gerade jetzt, etwas mehr als 30 Jahre nach dem Mauerfall, ist es an der Zeit, an die „verschwiegene Bibliothek“ der DDR, an die dort unterdrückte Literatur zu erinnern, damit nicht die falsche Idylle eines „Leselands DDR“ das Bild bestimmt und damit der Geschichte der deutschen bzw. deutschsprachigen Literatur kein wichtiges Kapitel fehlt.

  • Ausführlich dokumentierte und kommentierte Ines Geipel ihre systematische Aufarbeitung der in der DDR unterdrückten Literatur, beginnend mit Inge Müller (1925-1966), deren Biographie sie unter dem Titel „Dann fiel auf einmal der Himmel um“ veröffentlichte (Berlin, Henschel, 2002). Weitere Titel zu diesem Thema: „Die Welt ist eine Schachtel. Vier Autorinnen in der frühen DDR: Susanne Kerckhoff, Eveline Kuffel, Jutta Petzold, Hannelore Becker“ (Berlin, Transit, 1999), „Zensiert, verschwiegen, vergessen – Autorinnen in Ostdeutschland 1945–1989“ (Düsseldorf, Artemis & Winkler, 2009).
  • Diese Arbeiten bildeten den Fundus für das 2001 von Ines Geipel gemeinsam mit ihrem vor kurzem verstorbenen Kollegen Joachim Walther gegründete „Archiv unterdrückter Literatur in der DDR“. Ausführlich dazu: „Gesperrte Ablage“ (Düsseldorf, Lilienfeld, 2015). Dieses Buch enthält eine ausführliche Aufstellung der im Archiv zugänglichen Texte. Das Archiv liegt in der Bundesstiftung Aufarbeitung.
  • Veröffentlicht wurden Texte von zehn Autor*innen in der von Ines Geipel und Joachim Walther herausgegebenen Edition „Die Verschwiegene Bibliothek“ (Frankfurt am Main, Büchergilde Gutenberg).
  • Sie befasste sich darüber hinaus mit dem Erfurter „Amoklauf“ vom 26. April 2002 in dem Buch „Der Amok-Komplex oder die Schule des Tötens“ (Stuttgart, Klett-Cotta, 2012).
  • Und nicht zuletzt schreibt Ines Geipel Romane, beispielsweise den 1999 bei Transit in Berlin erschienen Roman „Das Heft“ sowie den 2017 bei Klett-Cotta in Stuttgart erschienenen Roman „Tochter des Diktators“.

Ines Geipel: Vier Phasen der Verfemung – die wechselnden Strategien der Unterdrückung der Literatur in der DDR

Vielleicht ein kleiner Vorsatz zu dem, was wir heute miteinander versuchen könnten: Ich denke, dass in Zeiten zunehmender Fragilität, politischer Explosivität und wohl auch implodierender Medien der Literatur womöglich eine besondere Rolle zukommt: Literatur als Orientierungsinstanz, die Klammer ist Ästhetik und Gewissen.

Die Geschichte der Literatur nach 1945 ist auch eine große Geschichte des denunzierten Wortes, des unveröffentlichten Wortes, des Verhinderten, des uUngedachten, des verstümmelten, ja nicht geschriebenen Schreibens, kurzum einer komplexen Ästhetik der Angst und damit eines grundsätzlich deformierten Text-Körpers.

Literatur ohne Öffentlichkeit

In der DDR gab es eine fünffache Zensur:

  1. 1951 wurde das Amt für Literatur und Verlagswesen eingerichtet, seit 1963 die „Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel“, eine staatliche Zensurbehörde. Alle Texte mussten dort eingereicht werden und brauchten ein „Druckgenehmigungsverfahren“.
  2. Die Zensur durch die Verlage, die Selbstzensur und die Parteizensur.
  3. Die Staatssicherheit, die die eigentliche Wortaufsicht leistete.
  4. Die Zensur wurde bis zum letzten Tag der DDR nie abgeschafft, nur besser kaschiert.
  5. Das ideale Endstadium: Es braucht nichts mehr zensiert zu werden, da durch einen durchherrschten Angstraum gar nichts Kritisches mehr entsteht.

Der ostdeutsche Brechtforscher Werner Mittenzwei (1927-2014) hatte in seinem Buch „Die Intellektuellen – Literatur und Politik in Ostdeutschland von 1945 – 2000“ (Leipzig, Faber & Faber, 2001) geschrieben: „Man könnte den literarischen Intellektuellen als einen Signalisten der Gefühls- und Gedankenwelt von Menschen, des Mentalitätspotentials einer Nation, Klasse oder sozialen Gruppe bezeichnen. Auf diese Weise nimmt der Intellektuelle eine repräsentative Gestalt an.“ Für Mittenzwei gibt es den literarischen Intellektuellen einzig als jemanden, der – „mit seiner Arbeit etwas in der Öffentlichkeit bewirkt“. Er bindet Literatur genuin an Öffentlichkeit.

Damit ist, dächte ich, das Dilemma defizitärer Wahrnehmung ostdeutscher Literatur unmissverständlich benannt, aber auch der uns heute interessierende Gegenstand: Wir sprechen nicht vom geschützten Bestand der DDR-Literatur, nicht von den Staatsnahen wie Hermann Kant (1926-2016) oder Karl Mickel (1935-2000) oder den Kritisch-Loyalen wie Christa Wolf (1929-2011) oder Volker Braun (*1939), wir sprechen von der dritten Literatur des Ostens, dem Intellekt ohne Repräsentanz oder auch dem Gegengedächtnis der Literatur des Ostens. Joachim Walther und ich haben dazu seit 2001 das „Archiv der unterdrückten Literatur der DDR“ aufgebaut, das sind heute 100 Autorinnen und Autoren, deren Texte heute in der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur lagern.

Literaturgeschichte gründet sich normalerweise auf Veröffentlichtes. Das Vorhaben der Verfemten traf von vornherein auf das nicht ganz leicht zu überwindende Dilemma, Quellen zu heben, die ja nun genau nicht existieren sollten. Etwas sollte verschwinden, ehe es überhaupt da sein durfte. Das bedeutete, völlig unbenannte Schreibschicksale zu recherchieren, Vor- und Nachlässe zu sichern, die es öffentlich nicht geben sollte, Materialien zu finden, die eine Diktatur hatte verschwinden lassen.

Der poetische Untergrund, das, was nicht erscheinen durfte, stellt sich als etwas ungemein Heterogenes heraus, sowohl in den ästhetischen Prinzipien, in den Themen, aber auch im Verhältnis der Autoren zur Öffentlichkeit.

Die Recherche

Was haben wir gesucht? Primärtexte aller literarischen Genres, also Prosa, Lyrik und Dramatik. Dazu kommt das zu den Texten gehörende biografische und zeithistorische Material, also möglich auch; Literarisches Tagebuch, Interviews.

Was waren die Kriterien für die Texte? In der DDR entstandene literarische Texte, die dort unveröffentlicht geblieben sind, systematisch verschwiegene Autoren, nach Haft, Flucht, Freikauf oder Ausbürgerung auch im Westen öffentlich nicht wahrgenommene literarische Texte, lediglich in diversen Archiven vorhandene Texte.

Welche Kriterien hatten wir für die Aufarbeitung der Texte? Literarische Eigenständigkeit und Modernitätsbezug.

Wo haben wir gesucht? Diktatorische Kontrollsysteme versuchen, sowohl Kritisches als auch das Bekanntwerden widerständiger Autor*innen zu verhindern, Texte als strafrechtliche Beweismittel zu sichern und in gesperrten Ablagen zu archivieren, AutorInnen zu zersetzen, zu isolieren, zu neutralisieren, zu liquidieren. Es ist schon frappierend, wie wenig es an Störung brauchte, um aussortiert zu werden. Wir haben gesucht in Privatvor- und -nachlässen, in Fremdnachlässen, in offiziellen Nachlässen von DDR-Autor*innen, in DDR-Literaturzeitschriften und DDR-Tageszeitungen. Wir führten Gespräche mit Protagonist*innen ehemaliger subversiver Kunstszenen. Die Ironie der Geschichte: Der stärkste Materialgeber war das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), das Texte bei Verhaftung konfiszierte und als Beweismittel für Prozesse einsetzte. Hinzu kamen zahllose Interviews.

Was haben die AutorInnen als Verstecke für ihre Texte angegeben? Zwei Meter unter der Linde im Garten, im Postfach auf dem Bahnhof, in Silberfolie eingerollt im Kriechkeller, in der leerstehenden Hundehütte, in den Betten der Kinder.

Was haben wir gefunden? Etwa 100 Namen, etwa 70 000 Manuskriptseiten, besonders unmissverständlich: wie eng in einer Diktatur Sprache mit Existenz verkoppelt sind, Je mehr Scheib-Ich und Freiheit im Denken, umso enger der Lebensraum, je härter die Eingriffe.

Ich möchte, um das alles etwas sinnfällig und auch konkret zu machen, vier Schneisen legen: Haftliteratur in den 1950er Jahren, Angstästhetiken der 1960er Jahre, Camouflagetexte der 1970er Jahre und Agonietexte der 1980er Jahre

Haftliteratur

Edeltraud Eckert, am 20. Januar 1930 im damaligen Hindenburg (heute Zabrze) in Schlesien geboren. 1949 Beginn des Studiums an der Pädagogischen Fakultät der Humboldt-Universität in Berlin. Im Frühjahr 1950 Verhaftung wegen des Besitzes von kritischen Flugblättern, wenig später vom Sowjetischen Militärtribunal in Potsdam zu 25 Jahren Haft und Arbeitslager verurteilt. Am 1. Oktober 1950 Überstellung von Edeltraud Eckert in die berüchtigte Strafanstalt Waldheim. Wegen guter Arbeitsergebnisse erhielt sie im Juli 1953 einmalig die Erlaubnis, ihre Gedichte und Vertonungen in einem Schreibheft festzuhalten. Es entstand ein berührender Zyklus, der ihre Extremsituation poetisch verarbeitet. Am 20. März 1954 verlegte man Edeltraud Eckert in die Frauen-Strafanstalt Hoheneck in Stollberg im Erzgebirge, wo man sie in der Schneiderei als Mechanikerin einsetzte. Im Januar 1955 kam es zu einem grausamen Arbeitsunfall. Edeltraud Eckert wurde an einer Rotationsmaschine skalpiert, aber kaum notdürftig versorgt. Die Wunde infizierte sich. Wegen schwerem Wundstarrkrampf wurde sie ins Haftkrankenhaus Leipzig-Meusdorf verlegt. Edeltraud Eckert starb am 18. April 1955 in der Universitätsklinik Leipzig.

Edeltraud Eckert: Ein Brief

Ich weiß nicht viel von mir zu sagen,
nur dass ich lebe, dass ich bin,
und alle Wünsche, die mich tragen,
sind im Verzicht ein Neubeginn.

 Als ich euch damals lassen musste,
War ich beinahe noch ein Kind,
Das nichts von all den Tiefen wusste,
Die oft ein buntes Trugbild sind.

Die Menschen, die mich hier umgeben,
stehn grell geschminkt im kalten Licht,
das man das Schicksal nennt. Sie leben
Zumeist mit Masken vorm Gesicht.

So steh ich wartend unter Vielen.
Ich lache mit – und bin nicht froh.
Ich hör und seh mich selber spielen.
Mein Herz ist weit, ist anderswo.

Was bedeutet Schreiben hinter Mauern? Die eigene Sprache als letztes Refugium des Selbst, auffällig eine Sprache des Konkreten, der letzten Einfachheit, üblicherweise erhielten die Häftlinge in den Zuchthäusern der frühen DDR kein einziges Stück Papier. Die gefangene Kopfsprache wird so zur ortlosen Schrift. Im Nachhinein auf das Jahr, oft auf den Tag genau datiert, genauso der konkrete Ort. Die registrierte, gefangene Zeit und der genaue, unerbittliche Ort als Essenzsignaturen des eigenen Lebens wie der eigenen Sprache, einer Sprache im maximalen Einschluss, die ganz bleiben will, ja, muss, in der Abwehr des Schrecklichen. Die Sprache hinter Mauern ist kein Ort fürs Experiment. Poetische Sprache, die im Einschluss entsteht, spielt nicht, variiert nicht, kann nicht weg, kann nirgendwohin ausweichen. Sie klammert sich an die Registraturen von Ort und Zeit, wird oft eingetaktet und ausgehärtet in einem klaren Reimschema. Das Authentische wird gefasst im Artifiziellen. Im Pathos hockt der Schmerz.

Angstästhetiken der 1960er Jahre

Neben den politischen Texten gehört hierzu die ab 1948 verfemte klassische Moderne. Jutta Petzold, geboren am 22. 12. 1933 in Berlin. 1945 Scheidung der Eltern. Häufige Heimaufenthalte von Jutta Petzold in der Kindheit. Ab 1945 politisch motivierte Tätigkeiten der Mutter als Schulleiterin, Parteihochschuldozentin, Oberreferentin im Ministerium für Volksbildung. Übersiedlung nach Potsdam. 1953 Abitur von Jutta Petzold. Danach Immatrikulation an der Humboldt-Universität im Fach Germanistik. 1955 Abbruch des Studiums. Ab 1957 erste größere literarische Arbeiten. Kontakte zu Erich Arendt, Peter Huchel und Arnold Zweig. 1959 Veröffentlichung des Essays „Zola“, erste und einzige Veröffentlichung in der DDR unter dem Pseudonym Ruth Corduan. 1961 Fluchtversuch. Observierung durch die Staatssicherheit. Ab 1965 mehrfache Aufenthalte in der Psychiatrischen Abteilung der Berliner „Charité“. Ende der literarischen Produktion. Sie lebt seit 1986 in einem Seniorenheim in Berlin-Buch.

Ein Text von Jutta Petzold: „Gepelltes Laub Kirchgenick. Solmitur versuch`s nur. Glaudiärwoitek Rückfall. Sormatik mesodratik. Mukolosamt verfremdeter Effekt. Stanislaus merowingsting Lapiszula todremtokwi halun. Ich kenne deine stille hoffnungslos verlorene Welt. Hatokdedei marbus o sei. Vilfosugen halb astor sehn Jutta ist schön. Mobile steh wareuch komitee. Kristall man sei. Kolnu okai. Am Tag zu schreiben und nachts zu bleiben. Fapis morun kandis was tun. Verlier den Otto, dein kleines Hotto. Umgib mit Schleiern die Sonderfeiern. Miskorwita o dulada. Sibirskonu falukitu. Misorbetrit o wegzogzit. Vergiss den Wald, dort ist es kalt. Umgib mit Mauern das stetige Trauern. Verlier den Kram, der mit dir kam.“

Wir finden eine Sprache gänzlich ohne DDR-Sprache und damit eine andere Physis der Schrift, die Schwierigkeit, ja Unmöglichkeit, das eigene Empfinden in Übereinstimmung zur offiziellen Sprache zu bringen. Jutta Petzold wollte nicht jubeln, wo man sich ummauert fühlte, nicht von Fortschritt schreiben, wo es ums Umbiegen, Verdrehen von Wirklichkeit ging, sie versuchte, sich aus dem Diktat des Textrealismus befreien. Bei ihr gibt es nicht die Mainstream-Figur des sozialistischen Aufbauhelden.

Aber wo dann landen? Was dann noch bleibt? Mit der Sprache brechen, die Unordnung, die Krankheit, das Delirium, den Wahn, das Unbewusste, den Tod privilegieren. Sich ver-rücken, verrückt werden, sich in die Sprache des Körpers, in die Gebärden hineinverschieben, die sanktionierten Wahrnehmungen verlassen, notieren und chiffrieren, was der Textrealismus strikt ausblendet und so Textkörper entwerfen, die den Bruch zwischen Sprache, Wahrnehmung, Denken kenntlich machen.

Zur Literatur dieser Angstästhetiken gehören insbesondere weibliche Stimmen, inhaltlich verbunden mit Genderkonstrutionen: Jutta Petzold (*1933), Eveline Kuffel (1935-1978), später Gabriele Stötzer (*1953) und Heidemarie Härtl (1943-1993) sind darin existentiell und exzeptionell weit gegangen, so Heidemarie Härtl in „Der Wahn – die Reserve der Wahrheit“.

Camouflagetexte der 1970er Jahre

Nach 1968 vollzog sich ein Methodenwechsel der Stasi: nicht mehr offener Zugriff auf die kritischen Stimmen des Landes, nicht mehr Verhaften, Verurteilen und Liquidieren wie in der frühen DDR, sondern leise und verdeckte Repression, also Infiltrierung, frühzeitiges Erkennen von sogenannten „Gefahrenherden“ und innerer Umbau der subversiven Szenen, moderne Diktatur: Isolation und Zersetzung. Der Autor Sascha Anderson (*1953) und der Prenzlauer Berg stehen wohl synonym für diesen Prozess, der sich auch in den Provinzen ereignete.

Dieser Methodenwechsel setzte den Rahmen für Kunst und Literatur mit allen fatalen Folgen: den lokalen und individuellen Isolationsräumen, den fragmentierten Texten, den bedrängten Biografien und den Schreibgenesen ohne Öffentlichkeit. So sind auch der Charakter der Texte und die sehr disparaten ästhetischen Entwürfe und Schreibstrategien zu erklären, die in der Zeit entstanden sind: das Inkohärente, Gebrochene, Amorphe, das den Schmerz in die Texte aufnimmt und trotz Enge und Druck die Autonomie der Texte verteidigt.

Eine weitere Strategie war, insbesondere, noch namenlose junge Stimmen zu Mitakteuren, Zuträgern und Spitzeln zu machen, sie damit zu beschulden und sie so möglichst für immer ins System einzunähen.

Hannelore Becker, geboren 1951 in Leipzig. 1956 Umzug der Familie nach Ostberlin. Klassische DDR-Sozialisation. 1970 Immatrikulation an der Humboldt-Universität, Institut für Kulturwissenschaften. Teilnahme am 1. Poetenseminar 1970 in Schwerin. Erste Lyrik-Veröffentlichungen. 1971 Verpflichtung durch das MfS als IM „Clementine“. Bekanntschaft mit Franz Fühmann, Wolfgang Heise und Karl Mickel. 1974 Staatsexamen. Diplomarbeit „Bausteine zu einer Phänomenologie des Kitsches“. Volontariat an der Literaturzeitschrift „NDL“ („Neue Deutsche Literatur“). Forschungsstipendium an der Humboldt-Universität, Institut Ästhetik und Kunstwissenschaften. 1975 Verkäuferin im „Haus der Mode“. Bruch mit der eigenen IM-Tätigkeit, Entpflichtung. Intensive literarische Produktion. Tablettenabhängigkeit, Alkohol. Am 13. 2. 1976 Selbstmord.

Hannelore Becker: SCHROFF FÄLLT DAS EIS die Steine dauern

zeit wellen wind sind wider sie im bund
und unterliegen doch                  Komödie zeit

die fratze altweib blüht in nackter jugend
die alte tanzt die junge schaut und schweigt

Zwiespalt leben doppelmaske     Die kugel
Trifft sie
schlägt mir ins gesicht                 Und zeugt ein neues

traum unruhe zweifel                             Traut mir
nicht

Agonietexte

Das Archiv erzählt in meinem Auge nicht nur etwas darüber, was in der DDR erlebt, gelebt, gesagt und geschrieben wurde und somit auch, welche Entscheidungen Menschen getroffen haben. Es versammelt poetische Nachrichten auch als Teil einer wirklichen Auseinandersetzung. Und diese hat auch wirklich stattgefunden, auch wenn sie – damals wie heute – weggesprochen wird. Es war eine Auseinandersetzung trotz hochkarätiger Zugriffe der Macht.

Beharrlich hält sich die Legende, es sei in den siebziger und achtziger Jahren in der DDR relativ kommod zugegangen. Peter Hacks (1928-2003) oder Heiner Müller (1929-1995) wussten dazu, man hätte anstellen können, was man wollte, man sei in diesem Land partout nichts ins Gefängnis gekommen.

Allein für die 1980er Jahre, bei denen notorisch die „kulturelle Weite und Vielfalt“ der DDR besungen wird, zeigt sich in den Archivunterlagen deutlich anderes: 1981 wird der Lyriker Uwe Keller zu sechs Jahren und acht Monaten Gefängnis verurteilt, 1982 erhält Frank Romeiß für 12 Gedichte drei Jahre und sechs Monate Haft. Ralph Arneke schickt seine Manuskripte in die Bundesrepublik und wird 1984 wegen „ungesetzlicher Verbindungsaufnahme“ zu einem Jahr und zehn Monaten verurteilt. Rolf Becker wird wegen eines einzigen Manuskripts zu fünf Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Rainer Zander bekommt wegen 15 Gedichten zwei Jahre und zwei Monate Haft. Siegmar Faust muss wegen seiner Texte zweimal ins Gefängnis, für insgesamt 33 Monate. Andreas Reimann, vom Literaturinstitut Leipzig exmatrikuliert, wird danach für vier Jahre inhaftiert. Gerald Zschorsch wird zu fünf Jahren Haft verurteilt. Das Delikt: das Schreiben und Verbreiten von Gedichten. Alexander Richter muss 1982 für sechs Jahre ins Gefängnis. Begründung: „staatsfeindliche Hetze“. Ralf Günter Krolkiewicz wird wegen „öffentlicher Herabwürdigung“ zu einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis verurteilt.

Gleichwohl ist es richtig, dass sich in den 1980er Jahren Teile der Literaturproduktion aus der Abhängigkeit staatlicher Institutionen zu lösen begannen. In selbstverlegten Zeitschriften und inoffiziellen Publikationen gelang zunehmend eine bewusste Abwendung vom pädagogisierten wie zensierten staatlichen Literaturbetrieb. Neben den generellen Auflösungstendenzen innerhalb des Literaturbetriebs der DDR suchten solitäre Stimmen nach eigenständigen Ästhetiken und Stoffen.

Die entstehende Literatur, die von den Erzählmodi her zwischen fiktionalen Agonien mit viel belastetem DDR-Alltag und wütenden Sprachexperimenten changierten, konnte dennoch nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass die Zensurpraxis bis zum letzten Tag der SED-Diktatur Geltung hatte, und es somit keinen tatsächlich freien Literaturraum gab. Gegen die Schriftstellerin Heidemarie Härtl beispielsweise wurden noch im Oktober 1989 Ordnungsstrafverfahren mit Haftandrohung verhängt, die im Zusammenhang mit Veröffentlichungen ihres 1988 In Leipzig gegründeten „bergen-Verlag“ standen.

Literarischer Widerstand wurde nicht tradiert. Er musste aus jeder Generation neu entwickelt werden. Gabriele Stötzer, geboren 1953 in Emleben, in Thüringen, 1973 Studium für Germanistik und Kunsterziehung an der Pädagogischen Hochschule in Erfurt. 1976 Exmatrikulation wegen einer Petition gegen den Rausschmiss eines kritischen Kommilitonen. Im November 1976 Beteiligung an einer Unterschriftenaktion gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann. 1977 Verhaftung. 5 Monate U-Haft im Stasiknast Erfurt. Im Mai 1977 der Prozess. Verurteilung zu einem Jahr Zuchthaus ohne Bewährung. 7 Monate in der Frauenhaftanstalt Hoheneck. Erste literarische Texte. Entlassung im Januar 1978. „Bewährung“ in der Produktion. Kündigung. Aufbau einer künstlerischen Manufaktur mit Malerei, Töpferei, Fotografie, Siebdruck, Weberei im Erfurter Untergrund. 1980 private Kunstgalerie „Galerie im Flur“. 1979 Eröffnung des operativen Vorgangs „Toxin“, um Gabriele Stötzer erneut strafrechtlich zu belangen. Schließung der Galerie, Verhinderung von Lesungen, Auftrittsverbote, Ordnungsstrafen. Im Gegenzug Start einer Kunstoffensive durch Gabriele Stötzer: Texte, Filme, Bilder, Performances, Objektshows, Gründung der einzigen, künstlerisch arbeitenden Frauengruppe in der DDR. Im Herbst 1989 Mitbegründerin der Initiative „Frauen für Veränderung“, Hauptakteurin bei der Stürmung des Erfurter Stasi-Gebäudes. Nach 1989 Schreibstipendien, Studienaufenthalte, zahlreiche Veröffentlichungen.

Gabriele Stötzer: knast

gestern war der 12.jahrestag meiner verhaftung
der weg den ich gegangen bin der mich genommen hat
öffentlich anziehen ausziehen zähne putzen
es war ihre öffentlichkeit

ihre mauern ihre scheißhäuser ihre schlafbestimmungen
ich sah ihren himmel ihre gefangenen ihre bewacher
ich war ihrem fleischgeruch ausgeliefert ihrem kartoffelsegen
ihren gittern ihren vorgaben dem was sie uns gewährten

ihrem gerüst das leben zusprach liebe absprach
ihrem kastensystem mit den frauen kriminell oder politisch
draußen die normale welt
niemand rastete aus

die welt ging nicht aus den fugen
als ich in die unnormale welt gefügt wurde
ich heulte schwieg schluckte die einsamkeit schrie bekam
anfälle

Die Sonne ist nie die Sonne – das Private und das Politische

Norbert Reichel: Frau Geipel, ganz herzlichen Dank! Das war eine ganze Menge Material, viel Text und ich danke Ihnen auch dafür, dass Sie uns einige Texte präsentiert haben. Bei manchen Texten habe ich ja immer wieder den Eindruck gehabt, wenn diese Autorinnen unter anderen Bedingungen geschrieben hätten, wären sie ausgesprochen innovative, wichtige Autorinnen, die heute überall bekannt wären. Beispielsweise dachte ich bei Jutta Petzold, als ich die Texte las, das hat durchaus das Kaliber von Texten in „Finnegans Wake“ von James Joyce oder von Gertrude Stein in den 1920er-Jahren in Paris. Da hätte sie gut in die Szene hineingepasst.

Ines Geipel: Absolut. Sie hatten mich im Vorgespräch ja gefragt- und ich habe tatsächlich nochmal recherchiert, ob Jutta Petzold noch lebt. Ich kann Ihnen heute Abend sagen: sie lebt. Und wenn jetzt nicht Corona wäre, ich habe versucht, Kontakt aufzunehmen und das geht im Moment nicht. Sie ist in einem Pflegeheim. Aber es muss nochmal eine vollgültige Ausgabe geben. Das ist jetzt auch vorbesprochen mit meinem Verlag, dass wir uns jetzt darum kümmern. Das war lange Zeit nicht möglich, weil der Mann die Hand sozusagen auf die Texte hatte, aber auch bei einigen anderen, glaube ich, muss es nochmal, damit es praktisch eine andere Aufmerksamkeit gibt, zu einer anderen Öffentlichkeit kommen.

Norbert Reichel: Das wäre eine wichtige Sache, wenn diese Texte veröffentlicht werden. Wir haben ohnehin das Problem, dass wir an viele Texte gar nicht so einfach herankommen. Ich kann deshalb immer noch empfehlen, ihr Buch „Zensiert, verschwiegen, vergessen“ zu lesen, auch „Gesperrte Ablage“. Dort finden wir eine Menge Hintergrundmaterial, aber auch Texte der Autor*innen. „Die Welt ist eine Schachtel“ ist im Moment leider nirgendwo mehr lieferbar, nicht einmal antiquarisch, aber vielleicht lässt sich irgendwann eine Wiederauflage machen.

Literatur und Politik berühren sich in diesen Büchern und den darin zitierten Texten. Ich habe einen Satz gefunden in dem Text, den Sie über Ursula Adam geschrieben haben: „Ich schreib ja nichts Politisches“, und da denkt man natürlich über das Verhältnis zwischen Politischem und Privatem nach. Lässt sich das überhaupt trennen? Es war im Grunde in der DDR doch alles Private politisch. Oder wie beurteilen Sie es, Frau Geipel?

Ines Geipel: Das Quellenmaterial liegt in der Bundesstiftung Aufarbeitung unten im Keller und wenn jemand sagt „Ach, das interessiert mich aber“, dann können Sie dort alles einsehen. Sie können auch die Interviews lesen, die sind verschriftet worden, die wir mit den Autor*innen gemacht haben. Also ich glaube, da gibt es Einiges zu entdecken. Aber wenn Sie die Texte anschauen, werden Sie oftmals sagen „Ja, pff“ oder ich erlebe das, wenn ich zum Beispiel szenische Lesungen mit meinen Studierenden mache, dann sagen die „Ja, meine Güte, was. Es geht um die Sonne, es geht um die Liebe, es geht um….“. Aber das ist genau der Punkt: dass die Sonne und die Liebe und der Wind und die Wäsche, die aufgehängt wird, eben unter diesen Bedingungen, und das ist der Kontext der Diktatur, hochgradig politisch sein kann und je nach Interesse der Macht den Autoren das Rückgrat brechen konnte.

Hier ist es wichtig, jeden einzelnen Fall ganz konkret anzuschauen oder jede einzelne Geschichte ganz konkret anzuschauen. Sie haben Ralf-Günter Krolkiewicz, der hängt als 17-/18-Jähriger mit ein paar jungen Leuten, in Potsdam herum, hat Lust auf Theater. Die haben lange Haare. Wenn man die Fotos anschaut, im Archiv, im Hinblick auf die Gefängnisakte, sieht man einen blutjungen Kerl mit hochsinnlichen Augen und fünf Jahre später? Und man sieht diese einzelnen Stationen, wie er regelrecht kaputt gemacht wurde und wo die Staatssicherheit angesetzt hat, ja, praktisch die Freundschaften zerstört, die Liebe zerstört.

Es gibt bei Krolkiewicz einen Zettel. Der wird mit 18 Jahren verhaftet, da legt er einen Zettel auf den Küchentisch, sagt „Liebe Silvia, ich bin von der Stasi verhaftet worden. Sei bitte da“, und das dauert eben so lange, dass praktisch diese Beziehungen regelrecht zerrieben, zerstört werden und es ist einfach atemberaubend mit welcher konkreten Brutalität. Und das ist ja eine Erzählung darüber wie ernst eine Diktatur oder wie extrem eine Diktatur durchgängig Sprache und Signifikanz und Literatur behandelt, sodass es im Grunde zu keinem Zeitpunkt den Raum geben kann, dass die Sonne einfach die Sonne ist.

Zensur und Selbstzensur

Norbert Reichel: Jetzt haben wir natürlich verschiedene Phasen. Sie haben darauf in Ihrem Vortrag hingewiesen. Bei diesen verschiedenen Phasen gibt es dann auch immer wieder den Gedanken, es habe auch Liberalisierungsphasen gegeben. Wenn ich vom „Kahlschlag-Plenum“ 1965 lese, dann drängt sich der Eindruck auf, es müsse ja vorher irgendetwas liberaler geworden sein. Waren diese Liberalisierungsphasen eher eine Illusion von einzelnen Personen oder gab es tatsächlich gelegentlich auch solche Bewegungen?

Ines Geipel: Natürlich gibt es verschiedene Phasen, denn wir sprechen von mehr als 40 Jahren. Das ist ein unglaublich langer Zeitraum einer Diktatur. Gilt das Prinzip der Zensur bis zum letzten Tag? Zum Beispiel, als der Film „Das Leben der Anderen“ kam, hieß es ja immer „ach naja, aber in den 80er-Jahren da war das doch alles schon ein bisschen bunter und leichter“, aber das Prinzip der Diktatur und der Zensur ist bis zum letzten Tag dasselbe geblieben.

Wir haben Unterlagen, wo Heidemarie Härtl im Oktober ’89 noch verhaftet werden sollte. Sie hatte so einen kleinen Verlag in Leipzig, diese Mini-Verlage durften bis 99 Ausgaben haben, eine Auflage von 99 und ab dem 100. Exemplar konnte man in diesen kleinen Verlagen belangt werden. Und es gab noch den Strafbefehl im Oktober 1989 für sie, aber auch für andere. Zensur ist anders kaschiert worden. Aber sie ist als solche dieselbe geblieben, nur die Methoden sind andere geworden.

Ich glaube, es wäre uns schon sehr viel geholfen, wenn wir alleine in diesem Punkt klar wären. Deswegen das Plädoyer für die einzelne Geschichte. Man muss immer die ganze Geschichte anschauen. Und sie in den Kontext rücken. Es gibt das Künstlerpaar Heidemarie Härtl und Gert Neumann. Die Heidemarie Härtl darf mal einen Text, eine Prosa veröffentlichen, aber das hat die Staatssicherheit gemacht, um im Grunde Gert Neumann unter Druck zu setzen. Man wird immer ein Gegenbeispiel finden. Wir stellen uns immer vor, du musst linear sozusagen immer Held gewesen sein, aber das hat mit Diktatur nichts zu tun, denn natürlich wird ein Autor sich immer auf Öffentlichkeit ausrichten.

Wir haben Schreibgenesen, wo es einen Autor gibt, der ganz gezielt sozusagen nach vorne schreibt, um zu veröffentlichen, also praktisch irgendwelchen Quatsch schreibt und gleichzeitig nach innen schreibt und sich völlig im Klaren ist, diese Texte können nie öffentlich werden, das ist praktisch wie ein schizoides Schreiben. Diese Fälle gibt es auch.

Norbert Reichel: Das passt ja auch zu dem Thema Selbstzensur.

Ines Geipel: Ja, natürlich, ja. Oder Henryk Bereska, der Übersetzer, der so mutig war, der so gekämpft hat, aber er hat mir natürlich immer gesagt „Ich wusste genau über die Wahlen Bescheid oder 68 oder über das Militär.“ Es gab Stoffe, die konntest du nicht einmal in dein privates Tagebuch hineinschreiben. Immer die Angst „Kommt die Stasi?“ Die Angst vor dem, was greifbar ist, korrespondierte natürlich auch immer mit der Angst der Macht, dass sie etwas nicht greifen. Also diese Synapse zwischen Autoren, die versuchen, ihr Denken, ihr Schreiben, zu schützen und einer Diktatur, die versucht, möglichst alles omnipräsent zu wissen, das war das Auseinandersetzungsfeld.

Norbert Reichel: Vielleicht zum Abschluss meines Parts, bevor ich an Frau Stüssel weitergebe, nochmal zurück zur Gründungsphase der DDR. Ich denke an Susanne Kerckhoff. Die „Berliner Briefe“ sind jetzt neu im Verlag Das Kulturelle Gedächtnis (Berlin 2020) veröffentlicht worden.

Ines Geipel: Mit großem Erfolg.

Norbert Reichel: Bei Susanne Kerckhoff hatte ich den Eindruck, da war in der Gründungsphase der DDR auch so etwas wie Aufbruchstimmung, nur diese Aufbruchstimmung wurde doch sehr schnell wieder zunichtegemacht.

Ines Geipel: Ja, natürlich. Also im Grunde hat man vielleicht zwei Jahre, vielleicht bis 1947, als zumindest bei vielen der Glaube oder die Hoffnung oder latent die Idee da war: „Es ist was möglich“. Aber im Grunde waren schon bevor die DDR gegründet wurde, die Palisaden da, im Hinblick auf die Frage, was geht, was sind die Themen, was sind die Stoffe, es gab die Verfemung der Moderne, die Verfemung von Sigmund Freud, 1948, als bürgerlich dekadent bezeichnet, diese Verfemung der bürgerlichen Dekadenz und was darunter alles zählte.

Das ist ganz früh absolut hochkarätig und Susanne Kerckhoff ist genau in diesen Konflikt hineingeraten, ist dort zerrieben worden und zwar von den mächtigsten Stimmen des Landes, von Ulbricht, Pieck, Paul Wandel, diesen Leuten. Sie war blutjung und das war auch so etwas Typisches: wer dann nicht vollständig funktionierte, …

Man muss immer, gerade wenn man die frühen Schicksale anschaut, bei einer Susanne Kerckhoff, die Frage stellen, aus was für einem Bildungshorizont kommt sie, aus was für einer Kultur? Praktisch als Goethianerin, eine sozialistische Goethianerin im Grunde, die mit dem Glauben nach Berlin gekommen ist, jetzt bauen wir das hier alles neu auf und 1950 ist sie tot, mit 32 Jahren. Man sieht wie früh schon die Engführung erfolgte und wie früh aussortiert wurde, und das hat natürlich am Ende des Tages sehr viel mit der Kulturpolitik der Sowjets zu tun. Das ist ein weiteres, ein eigenes Thema.

Norbert Reichel: Susanne Kerckhoff verließ die SPD, trat in die SED ein und wenige Monate später hatte sie Schreibverbot und dann kam der Suizid. Das geschah in einem atemberaubenden Tempo, dass die Diktatur sich verfestigte.

Weibliches Schreiben – weibliches Schweigen

Kerstin Stüssel: Ich übernehme die Stafette und frage jetzt, wie ich denke, in den Kern dieses Schreibens hinein. Man kann sagen, dass die Politik der DDR den Autoren und Autorinnen, die Sie entdeckt haben und deren Schreiben Sie gesichert und publiziert haben, dass denen immer ein Knebel in den Mund gesteckt wird, dass Stimmen zum Schweigen gebracht werden sollen. Was dann übrigbleibt, wenn man dieser Metapher folgt, die vielleicht auch nicht richtig passt, das ist im Grunde ein Schreien, damit doch auch geformte Artikulation. Sie haben über Jutta Petzold geschrieben: „In ihrem poetischen System sollte es alles geben, nur keine DDR.“ Wo findet man denn jetzt diese Artikulation trotz oder mit dem Knebel im Mund in den unterschiedlichen Schreibarten und Autorschaften, die Sie uns vorgestellt haben?

Ines Geipel: Naja, ich weiß nicht, wie diese kurze Sequenz, von Jutta Petzold für sie tönte. Es gibt immer noch einen Bezug auf die Realität. Jutta ist schön, oder das Komitee oder die Mauern können nicht tauschen oder alles das. Und es gibt eine Sprache, die vielleicht nur sie selbst verstünde, die aus dem normalen Gebrauchsraum der Sprache herausfällt, dieses Gespräch zwischen Rekurrieren auf Verständnis oder auch Kommunikation, oder die Ich-Stimme sagt, wo sie ist, was sie fühlt, wer sie ist, in welchem Zustand sie ist und in dieser Sprache, die sich offenbar ganz woanders befindet.

Wir haben relativ viele Schreibgenesen, bei denen man sagen würde, da hat sich die Sprache sozusagen verabschiedet von der klaren oder eindeutigen Signifikanz und meines Erachtens erzählt es doch etwas über den Druck und die Physis. Auf dieser Sprache, auf dieser Schrift liegt doch ein unwahrscheinlicher Druck und wenn ich zum Beispiel mit meinen Studierenden versuche, diese Texte zu erarbeiten, die ja als Schauspieler auch ein Gespür dafür haben. Die sprechen immer von dieser Physis und man hat das Gefühl, du musst eindringen in diesen Kosmos und es ist, um es in ein Bild zu übersetzen, wie zu dichter Wein. Es ist viel zu viel Druck auf dem Textkosmos und es öffnet sich eigentlich erst, indem es wirklich gesprochen wird, wie neu gedacht, es ist wie eine komprimierte Zeit und eine komprimierte Existenz. Ich würde mir so wünschen, dass man an der Stelle miteinander anfängt, darüber nachzudenken, was in diesen Ästhetiken steckt.

Kerstin Stüssel: Man kann dort einen Rekurs auf modernistische Formen beobachten, in unterschiedlicher Weise, also sei es Rilke bei Edeltraud Eckert oder eben dadaistische Formen, die man vielleicht für Petzold ins Spiel bringen könnte. Zum Gender-Thema: Ich will das nicht übertreiben, aber ich habe schon darüber nachgedacht, ob man diese weiblichen Autorschaften, die Sie uns vorgestellt haben, und da gibt es ja noch einige mehr, ob es da so etwas gibt wie eine Akkumulation von Verschwiegenheit. Die Marginalisierung weiblicher Stimmen, die wir ja auch in der DDR hatten, war ganz deutlich, trotz aller Emanzipationspropaganda, und andererseits dieses politische Schweigen-Machen, dass sich die traditionelle weibliche Verschwiegenheit und das politische Schweigen-Machen irgendwie addieren, oder steht das auch schräg zueinander?

Ein Zitat habe ich mir notiert: Jutta Petzold, die Sie so ein bisschen als Gegenfigur zu Christa Wolf stark gemacht haben, schreibt in „Zwitter“ etwas, das ein wenig an Ingeborg Bachmann erinnert: „Männer plätschern im Seichten. Es fehlt ihnen die Verwachsenheit mit den Ursachen. Sie sind begrenztsichtige Unmündige. All dies ist alt, höchstens für mich immer noch nicht alt. So alt ich bin, ich bin die Weberin am Webstuhl der Ewigkeit.“

Da ist einerseits weibliches Schreiben mit einer Anspielung auf Penelope, aber dann auch mit diesem Titel „Zwitter“ eine Transzendierung dieses weiblichen Schreibens.

Ines Geipel: Ich glaube, bei Jutta Petzold ließe sich unwahrscheinlich viel entdecken, und es gibt auch diese Frauenerzählungen, sie hat diese Geschichte ganz am Wickel und gleichzeitig gibt es bei ihr so sehr klar nach diesem misslungenen Fluchtversuch auch ebenso sehr klar den Bruch. Deswegen habe ich diese Namen genannt, Heidemarie Härtl, Gabriele Stötzer sowieso, die ganz stark sind in diesem Behaupten der weiblichen Ästhetik.

Ich glaube, dass gerade diese beiden, auch die frühen Autorinnen, Eveline Kuffel, das ist die Trinkerinnenfigur. Die entwirft sich als „Zigeunerin“, als Ortlose. Mir scheint, es gibt ganz lange eine Zeit, in dem Moment, als es noch diesen Aufbruchsgedanken gibt, auch bei Jutta Petzold, dieses Weben, dieses Entwerfen, diese weibliche Ästhetik des Formens und dann, ab einem bestimmten Zeitpunkt sind es diese Stimmen, die genau in die andere Richtung gehen. Da formulieren diese Autorinnen in Richtung von Ästhetiken eines ganz klaren Bruchs. Was heißt dann „nach vorne“ in dieser Schreibprozession? Schreiben ist Werden und ich schmeiß‘ das alles mit aller Energie nach vorne und dann aber gibt es die Konversion? Dann gibt es den Wahn, die Zerstörung und ich glaube, diese Doppelexistenz des Schreibens, das finde ich daran so spannend.

„Emotionsland DDR“ – Einladung zu einer Entdeckungsreise

Kerstin Stüssel: Sie haben das mehrfach angesprochen, und ich frage jetzt auch stellvertretend für die Studierenden und für die Germanistik: Was wäre denn jetzt im Archiv, anhand des Archives, weiter zu tun? Sie haben schon Pläne, Vorstellungen, was wäre jetzt die Aufgabe der Philologie?

Ines Geipel: Na genau diese Fragen zu stellen! Ich finde, das Archiv bietet so viele Fragestellungen an. Nur beispielhaft, die Kerckhoff: da kannst du dich ja fragen, was sind die Verbindungen erste und zweite Diktatur? Auch im Schreiben. Wo liegen die Brüche? Welche Themen überhaupt werden Themen? Und was waren denn nun eigentlich die Themen? Die Wahlen und die Armee? Aber das genau zu bestimmen, ist schwer, es gibt verfemte Stoffe und es gibt auch da, das hat Herr Reichel schon gesagt, so merkwürdige Wellen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt in den 1980er-Jahren haben wir in der DDR eine dreibändige Freud-Ausgabe, haben wir plötzlich in der DDR eine Zwetajeva (1892-1941), auf einmal gibt es eine Inge Müller, die in den 1960er-Jahren total ins Loch gefallen ist, 20 Jahre, 25 Jahre — ist es möglich?

Aber zu fragen: Was ist denn möglich? Es wird etwas möglich, aber auch das ist wieder zensiert. Also, an den Stellen genau hinzuschauen, und ich glaube, dass viel Auseinandersetzung im Hinblick auf die DDR eben im Moment so eine Schieflage hat, weil wir immer wieder auf das rekurrieren, was an Forschung, an Denken, an Überlegung die DDR selbst zur Verfügung gestellt hat. Wir wagen es nicht, den Blick zu wenden und verlängern wie schier ins Unendliche die immer nämlichen Rezeptionslinien. Dort auch wirklich mal zu sagen: Moment mal, ja? Also, warum denn nicht jetzt mal Jutta Petzold, wieso denn immer Christa Wolf?

Ich will damit Christa Wolf nicht erledigen, ich will kein Missverständnis, aber wir kommen über diesen Punkt nicht hinaus, und das ist der nämliche Punkt wie bei der Exilliteratur in den 1970er-Jahren und 1980er-Jahren im Westen. Erstens hat die auch sehr lange gebraucht und zweitens war es dann immer so ein bisschen merkwürdiger Moralismus: Ja, das sind die jüdischen Autoren, da müssen wir hinschauen. Wir wollen uns doch berühren lassen, wir wollen das lesen, weil es uns etwas ganz anderes erzählt über eine Zeit.

Wir gehen auf ausgetretenen Pfaden. Also: neu fragen, anders fragen, und wirklich ganz praktisch wie eine Art paradoxe Intervention? Ich frage jetzt mal ganz anders. Das fände ich sehr erfrischend. Ich glaube, das ist ein großes Land, das man da entdecken kann. Ich glaube, bei allen Streitigkeiten, und das ist ja verbacken ohne Ende in diesem Aufarbeitungsland Ost, könnte die Literatur die Tiefenknoten lösen. Ich finde, wir haben ein anderes Emotionsland, wir müssen nicht politisch darüber reden, sondern es sind ganz andere Aspekte, was ist dir denn wirklich nah? Edeltraud Eckert, das ist kein Nobelpreis, das ist überhaupt nicht die Frage. Die Frage ist, ob ich mich berühren lasse von diesen Texten. Für mich ist das die Sophie Scholl des Ostens. Das ist es, dass man sie eben auch rausholt aus dieser Marginalisierung und dieses: Ach na ja, wenn sie denn im Gefängnis gesessen haben, dann ist es natürlich auch, tut mir leid, aber dann ist es eben auch keine Literatur. Mir geht es darum, dass man nicht immer wieder diesen Quatsch wiederholt.

Kerstin Stüssel: Vielen Dank, das ist ein gutes Fazit, wie wir an die Arbeit, die Lektüre mit einer Berührbarkeit herangehen können. Ich schlage vor, dass wir jetzt das Publikum, die Zuschauer*innen und Zuhörer*innen aufzufordern, mithilfe der Chat-Funktion Fragen zu stellen.

Die verborgene Ehre der Texte

Norbert Reichel: Es gab im Chat auch schon ein paar Hinweise, wo man noch weiter lesen kann. Unter anderem zum Thema Hoheneck, beispielsweise das Buch von Eva Müthel (1926-1980) „Für dich blüht kein Baum“ (Frankfurt am Main, S. Fischer, 1957), auf diverse Videos mit Interviews, die auf youtube zu finden sind, sowie den vor zwei Jahren bei der Berlinale im Wettbewerb der Dokumentationsfilme gezeigten Film „Kaputt“. Und da war ein interessanter Hinweis zum zehnten Schriftstellerkongress 1987, der eine wichtige Rolle gespielt hat.

Julia Beyen: In welcher Form sind Ihnen, Frau Geipel, diese Texte überliefert worden, mussten Sie die verschriftlichen, hatten Sie die in oraler Überlieferung und wie ist das vonstatten gegangen?

Ines Geipel: Wir haben diesen Band „Edeltraud Eckert. Jahr ohne Frühling“ herausgegeben. Es war so, dass die Schwester von Edeltraud Eckert nach einem Interview im Deutschlandfunk, in dem ich auf das Projekt hingewiesen habe, mich angerufen hat und gesagt hat: „Ich glaube, ich hab‘ was für Sie.“ Ich bin zu ihr gefahren, sie wohnt bei Köln, und sie hat mir dieses Heft, dieses Haftheft, dieses Oktavheft, von dem ich eingangs gesprochen habe, für das Archiv zur Verfügung gestellt. Das ist handgeschrieben, ein in so blau-weißer Knastbettwäsche eingeschlagenes Heft mit den Initialen Edeltraud Eckert, und dort stehen die Gedichte in dem Heft, wir haben die transkribiert. Das ist natürlich auch ein hochemotionaler Akt, die Schwester hat nichts anderes, nach dem Tod von Edeltraud Eckert im Haftkrankenhaus in Leipzig ist sie sofort verbrannt worden, die Eltern haben vierzehn Tage später – sie ist anonym eingeäschert worden – nach ihrem Tod nichts anderes als ein kleines Paket bekommen, da war das Kostüm drin, dass sie anhatte, als sie verhaftet wurde, und dieses Schreibheft. Mehr gibt es nicht.

Es war uns immer klar, dass wir das ganz besonders behandeln. Behandeln ist kein schönes Wort, aber wir halten das Heft sehr in Ehren, auch im Hinblick auf die Edition. Wir haben uns genau überlegt, wie wir mit den Texten umgehen. Aber, wie ich das auch schon sagte: diese Materialien, ein Häftling in Bautzen, der schwer Tuberkulose hat und immer unter dem Arm praktisch so ein Kissen. Und in dieses Kissen hat der immer Stofffetzen reingestopft und auf diesen Stofffetzen seine Texte geschrieben.

Wir haben aber auch mit sehr vielen Autoren gesprochen, die gesagt haben: Ich hatte nie etwas. Nie ein Stück Papier. Keinen Stofffetzen, kein Klopapier. Das hat man mir immer alles weggenommen und ich habe wie manisch über Jahre im Kopf immer meine Texte memoriert und als ich draußen war aus dem Gefängnis, habe ich sie dann aufgeschrieben. Werner Bräunig (1934-1976) zum Beispiel. Den habe ich in der „Gesperrten Ablage“ vorgestellt, das war sehr eindrücklich, wie Autoren und Autorinnen darüber gesprochen haben. Wie extrem diese Bedingungen waren, gerade in der frühen Zeit. Und ich habe jetzt im Chat gesehen: „Für dich blüht kein Baum“ von Eva Müthel und all diese Namen, ja, das sind ganz wichtige Zeitdokumente.

Julia Beyen: Dann möchte ich vielleicht an dieser Stelle eine weitere Frage anschließen. Es geht um die Literaturzeitschriften, die Sie angesprochen haben. Da stellt sich einer Kommilitonin die Frage: Wenn Sie auch dort, also in diesen Literaturzeitschriften nach Autor*innen gesucht haben, wie unterscheiden Sie zwischen denjenigen, die sich durch andere Prozesse des Literaturbetriebs nicht durchsetzen konnten von denen, die zensiert waren, denn auch in freien Literatursystemen gibt es Autor*innen, die nach einer Erstveröffentlichung nicht weiterschreiben oder nicht weiter veröffentlichen.

Ines Geipel: Na klar, also solche Zeitschriften wie die „Junge Kunst“, das war die FDJ-Zeitschrift, wo eben oft junge Stimmen veröffentlicht haben, oder die „Neue Deutsche Literatur“ oder „Sinn und Form“, das war immer nur der Aufhänger für uns. Zum Beispiel bin ich da auf Hannelore Becker gestoßen, und dann konnte man losgehen. Ich gebe Ihnen völlig Recht, man kann nicht danach gehen, dass jemand drei Texte schreibt und die sind wunderbar und schreibt dann nie mehr. Wirklich relevant wurde es immer erst, wenn wir das Schreibschicksal und die Schreibgenese so genau und so komplex wie möglich recherchierten und wenn man wirklich von dem Charakter von Verfemung sprechen kann.

Wir haben nie gesagt: wir sind jetzt die neuen Zensoren, und die kommen ins Archiv und die nicht. Uns ging es vor allen Dingen darum, das Material festzuhalten, zu suchen, weil ich ganz davon überzeugt bin, dass es irgendwann eine Generation gibt, die sagt: Oh, das erzählt uns hier sehr viel über die zweite Diktatur und über die Bedingungen, auf die Autorinnen und Autoren gestoßen sind, die eben nicht den Arbeitshelden beschrieben haben oder was auch immer.

Deutschland – einig Literaturland?

Julia Beyen: Ich schließe die Frage an, ob Sie vielleicht einen Appell haben, den Sie an zukünftige nach der Wende geborene Literaturwissenschaftler und Literaturwissenschaftlerinnen richten würden, vor allem an diejenigen, die weniger biographische Bezüge zur DDR haben. Was ist mit diesen Nachwendewissenschaftler*Innen?

Ines Geipel: Ich bin nicht die Frau für Appelle, ich glaube, Interesse ist alles. Entweder Man interessiert sich dafür und sagt, okay, doch, ich will das wissen, wo ich herkomme und ich glaube, der Appell ist, dass wir miteinander, damit meine ich gar nicht alleine die jungen Leute, sondern uns alle, dass wir verstehen, dass diese DDR-Geschichte nicht DDR-Geschichte ist, sondern deutsche Geschichte. Wir müssen endlich mal aus diesem Kasten raus: Weil das irgendwas von DDR sagt, muss uns das nicht interessieren. Diese merkwürdige Schieflage wiederholt sich in Allem, ich finde es absolut wunderbar, dass gestern Joe Biden in Washington vereidigt wurde, aber was ist in Belarus, was passiert in Russland? Also, dass man das beides anschaut.

Und offenbar ist das kompliziert mit dieser Doppelhelix unseres deutschen Gedächtnisses, dass wir irgendwie uns nicht rausarbeiten und sagen: Wieso? Die ostdeutsche Geschichte ist doch mindestens genauso relevant. Oder jemand, der im Gulag gesessen hat in den 1950er-Jahren ist doch mindestens genauso Teil meiner Geschichte, auch wenn ich in Konstanz geboren bin. Warum sind wir immer noch in dieser Frage nicht ein Land? Warum können ostdeutsche Autorinnen immer nur Ostdeutsche interessieren? Das verstehe ich nicht.

Julia Beyen: Vielen Dank, dann gibt es die Frage, ob Sie auf Komplikationen gestoßen sind, Störaktionen, eventuell aus dem linken Spektrum, von gegenüber dem Archiv. Gab es Zwischenfälle oder Störaktionen?

Ines Geipel: Naja, es ist natürlich so. Das ist kritische DDR-Geschichte, ohne Frage, das schält ja auch was raus, das stellt auch unsere Selbstverständnisse ein bisschen infrage. Als Christa Wolf noch gelebt hat, ist sie uns natürlich angegangen. Das hat ja auch etwas mit der eigenen Reputation zu tun. Natürlich haben die westdeutschen Feuilletons gesagt: Was? Wenn wir das nicht kennen, ist es auch keine Literatur. Und natürlich, ich kann mich erinnern, ich habe mal eine Ausstellung gemacht mit der unveröffentlichten Literatur, und da kam auch das Publikum und sagt: Wir mussten uns schon Hitler anschauen und jetzt kommen Sie noch mit Ihrem Zeug! Natürlich gibt es Abwehr und wenn wir über Identitäten sprechen gibt es die große Klage-Kultur des Ostens. Es ist ostdeutsche Identität, aber ich finde: Das ist doch Identität. Das ist doch deutsche Geschichte, deutsche Literaturgeschichte.

Ich finde, das habe ich ja auch geschrieben, das ist eine große Einladung. Es ist gesammelt, es ist ja da, man kann es entdecken. Die Fragen sind zu stellen, sie sind möglich. Ich glaube, man kann ohne Probleme mit diesem Material 30 Dissertationen schreiben, das wäre überhaupt keine Frage. Mir würde ganz viel einfallen, was da zu befragen ist. Und es ist ja auch nicht abgeschlossen. Im Sommer hat mich Franziska Groszer (*1944) angerufen und gesagt: „Ich glaube, ich gehöre dahin.“ Und dann haben wir uns getroffen, sie hat mir ihre Texte gegeben, und das Archiv setzt sich ja auch sukzessive weiter fort. Nicht mehr so rasant schnell, aber doch step by step.

Jenseits des staatlichen Literatursystems

Jana Beyen: Gab es eine zweite Öffentlichkeit in der späten DDR, auch für die Autor*nnen, sodass diese in oppositionellen Szenen begrenzt veröffentlichen konnten? Also im Gegensatz zur frühen DDR?

Ines Geipel: Ja, klar. Auch da gilt das Plädoyer für jeden einzelnen Fall, aber gerade in Berlin und auch in Leipzig gab es so eine ganz starke Szene, zum Beispiel dieser Bergen Verlag, diese Literaturzeitschriften bis hundert Exemplare, 99 waren erlaubt, bis hundert Exemplare. Aber: Was sind hundert Exemplare? Wir können uns das heute auch gar nicht mehr vorstellen, ohne Internet, uns ich merke, es braucht immer eine Übersetzung. Ich merke das auch bei meinen Studierenden, dass die immer sagen: Wie, wieso kann man jetzt, wieso konnte man das nicht einfach lesen?

Wir sind gewohnt, dass uns immer alles und überall und in jeder Zeit zugänglich ist. Das Kardinalproblem oder die Kardinalansage war das Verbot. Es sollte nicht gedacht, gefühlt und so weiter werden. Aber die Frage war: War es möglich? Es war, wie gesagt, in den 1980er-Jahren ein Stück weit schon möglich, es gab eine Abkopplung vom staatlichen Literatursystem. Und trotzdem: Ich glaube, auch das zu verstehen, dass man das hat geschehen lassen. Zum Beispiel Gerhard Wolf, der Mann von Christa Wolf, hat eine Reihe beim Aufbau Verlag für junge Autoren gestartet, es gab verschiedene, einzelne Möglichkeiten, aber: wen sie nicht wollten, wollten sie nicht, und wer vernichtet werden sollte, wurde vernichtet. Das darf man nicht vergessen. Einerseits gab es so eine sukzessive Öffnung und andererseits eine enorme Rigidität.

Frage einer Teilnehmerin: Ich fand das absolut spannend, wie diese jungen Autorinnen, bevor sie eine Art von Öffentlichkeit finden konnten, abgewürgt wurden, gebrochen, mundtot gemacht, und sich sozusagen sich diese Existenz vorzustellen. Und dann im Grunde, wenn man von der Haftliteratur absieht, für die Schublade zu schreiben, oder nur für sich zu schreiben, und das vielleicht nur im engsten Kreis überhaupt mitteilen zu können oder sich mitteilen zu können. Meine Frage aber wäre: Sind auch andere Fälle, oder Geschichten, Biographien bekannt oder gesammelt worden von Autor*innen, die sozusagen mehr oder weniger dramatische Abstürze erlebt haben? Also, von einer relativen Bekanntheit in eine persona non grata, in eine Autorenpersönlichkeit, die mundtot gemacht wurde? Jemand, der im System durchaus einmal geschätzt wurde und dann völlig abgestürzt ist und in Vergessenheit geraten ist. Gibt es so etwas?

Ines Geipel: Naja, ich würde das nicht so formulieren. Aber zum Beispiel Franz Fühmann (1922-1984) mit seinem Werk. Der kommt, ähnlich wie Inge Müller (1925-1966), aus der realen Kriegserfahrung. Beide gehen erst einmal mit viel Emphase in diese frühe DDR und im Grunde kann man sagen: Er reibt sich schier zu Tode. Er war ja sehr bekannt, er wurde gelesen und diskutiert. Dann aber ist er immer kritischer gegenüber dem System geworden. Sein letzter Text war „Das Bergwerk“. Da würde ich schon sagen, er ist jemand, der sehr prägend für die Literaturlandschaft war. Ich weiß nicht genau, ob Sie so ein Beispiel meinen, aber der würde mir einfallen als jemand, der sich am meisten rausgedreht hat aus dem System.

Und bei Inge Müller war es auch so, die war nicht bekannt, aber Inge und Heiner Müller waren erstmal sozusagen zwei Supertalente, die man sehr fördern wollte und auch am Anfang sehr gefördert hat. Und er hat dann die Stalinhymnen geschrieben, weil ihm klar war, dass das für seine Karriere wichtig war. Und sie ist sehr, sehr bewusst, ähnlich wie Franz Fühmann auch, richtig bewusst aus dem System rausgegangen. Sie war bis dato noch keine so öffentliche Figur, aber in der Literaturszene war sie schon jemand, mit den Theaterbearbeitungen, und in diesen frühen 1960er-Jahren wurden die viel gespielt, sogar im Westen. Sie war ja früher im Westen als er.

Norbert Reichel: Inge Müller ist natürlich auch ein Stichwort. Sie haben eine Biographie geschrieben über Inge Müller. Bei Inge Müller spielt es auch eine Rolle, dass vieles von ihrem Werk nicht mehr sichtbar ist, weil es im Werk ihres Mannes Heiner zu finden ist und man nicht mehr sieht, wer eigentlich was geschrieben hat.

Ines Geipel: Naja, es ist eben nicht schlecht, möglichst lange zu leben. Dann hat man die Zügel noch ein bisschen in der Hand.

Von der SED-Diktatur zur „umkämpften Zone“

Norbert Reichel: Das sind so gewisse Vorteile, die dann derjenige hat, der länger lebt. Ich denke, wir haben jetzt etwa zwei Stunden miteinander verbracht, und ich hatte den Eindruck, die Teilnehmenden sind fast alle die ganze Zeit dabeigeblieben. Ich darf zum Schluss vielleicht noch auf ein Buch von Ihnen hinweisen, das ich sehr zur Lektüre empfehle. Über dieses Buch bin ich überhaupt darauf gekommen, mit Ihnen Kontakt aufzunehmen. Es ist das Buch „Umkämpfte Zone“, in dem es nun weniger um Literatur geht, sondern um andere Dinge. Vielleicht sagen Sie noch einen Satz dazu, zum Abschluss, was hinter dem Titel „Umkämpfte Zone – Mein Bruder, der Osten und der Hass“ steckt.

Ines Geipel: Die Grundidee des Buches ist die Verzahnung von Zeitgeschichte und Familiengeschichte, insbesondere mit dem Blick, uns ein Stück weit gemeinsam herauszulösen, dass wir nicht immer nur über die DDR schauen, sondern uns anschauen, wie im Grunde diese beiden Diktaturen übereinander liegen, welche gesellschaftlichen Mythen so ein System, wie die DDR, kreiert haben, um möglichst nicht in politische Verantwortung zu kommen, als System gedacht. Und was diese verschiedensten Störungen, ich beschreibe in einem Kapitel eine Trauerstörung, weil man nicht Abschied nehmen konnte als Gesellschaft von dem, was der Krieg war und was er in den Familien gemacht hat, welche Löcher dies schuf. Das sind mehrere Kapitel, die versuchen, das durchzubuchstabieren, mit dem Blick auf die heutige Zeit.

Wenn wir heute in den Osten hineinschauen, haben wir doch ganz erstaunliche Entlastungserzählungen. Alles was der Osten ist, ist nach 1989 wie ein weißes Blatt, und ich plädiere dafür, die Geschichte mitzunehmen und plädiere für eine ganze Erzählung. Wir sind im Superwahljahr 2021, wir haben wieder diese Landtagswahlen im Osten, wo der weiße Elefant im Raum steht: Haben wir nun den ersten AfD-Ministerpräsidenten oder nicht, in Sachsen-Anhalt oder in Thüringen? Und ich glaube, es operiert sich nicht gut politisch mit Angst, ich bin dafür, die Dinge zu benennen, sie anzuschauen, und vor allen Dingen die jungen Leute einzuladen und klarzumachen – ich merke das bei meinen Studierenden –, dass sie schnell in so einen komischen Druck kommen, oder in so eine merkwürdige Schulddynamik. Es geht überhaupt gar nicht darum. Je mehr fundiertes Wissen wir haben, je mehr wir um Geschichte wissen, umso klarer sind wir im Jetzt. Das ist eigentlich so eine Binse. Leider kann ich nur Binsen liefern.

Norbert Reichel: Dann möchte ich die heutige Veranstaltung jetzt abschließen, mit ganz herzlichem Dank an Sie, Frau Geipel. Genauso herzlichen Dank an Sie, Frau Stüssel, Es war mir eine Ehre und eine Freude, mit Ihnen beiden diese Veranstaltung zusammen vorzubereiten. Es fing an mit einem Treffen von Frau Stüssel und mir in einem Bonner Café.

Und es geht noch ein bisschen weiter mit dieser Geschichte: Sie haben vielleicht schon gesehen, durch die Mails, die ich Ihnen geschickt habe, dass im Demokratischen Salon Hintergrundinformationen zu finden sind: mein Gespräch mit Ines Geipel, mein Gespräch mit Kerstin Stüssel, die sind da dokumentiert, und es sind auch Texte zu einzelnen Autorinnen zu finden, in etwa literarische Essays, und wir werden natürlich auch das, was heute besprochen wurde, dokumentieren, sodass auch diejenigen, die sich erst später einschalten konnten, oder früher wegmussten, oder gar nicht teilnehmen konnten, alles nachlesen können.

Ich werde Sie auf dem Laufenden halten. Allen, auch allen Teilnehmenden noch einmal ganz herzlichen Dank und last not least sage ich Danke an die Bundesstiftung Aufarbeitung für die großartige Unterstützung und an die Theatergemeinde Bonn, die eben auch hier in Bonn bei ihren Mitgliedern mit für diese Veranstaltung geworben hat. Allen recht herzlichen Dank. Zurzeit sagt man natürlich immer: Bleiben Sie gesund! Das haben wir natürlich nicht immer selber in der Hand, aber es wird schon werden.

Kerstin Stüssel: Ich möchte mich vollumfänglich anschließen!

Ines Geipel: Ich bedanke mich auch sehr, sehr, sehr. Für die Vorbereitungen, dass wir es geschafft haben und offenbar – es ist schrecklich über Zoom, aber etwas darin geht ja doch.

(Anmerkung: alle Internetzugriffe am 10.2.2021)