Versöhnung ist möglich
Die Autobiographie des Hamza Abu Howidy aus Gaza
„Ich bin in dieser kafkaesken Situation, in der ich außerhalb Israels unerwünscht bin, weil ich Israeli bin, und innerhalb Israels unerwünscht bin, weil ich liberale Ansichten habe.“ (Tom Shoval, zitiert nach Marlene Knobloch, Ist das noch ihr Zuhause? in: Die ZEIT, 7. Oktober 2026)
Hamza Abu Howidy ist Palästinenser aus Gaza. Den Satz, den der israelische Regisseur Tom Shoval formulierte, hätte auch er geäußert haben können. Er hätte nur „Israel“ durch „Gaza“ oder „Palästina“ austauschen müssen. Er entspricht auch dem Tenor der von Hamza Abu Howidy im Jahr 2026 bei S. Fischer veröffentlichten Autobiographie „Muscheln am Strand von Gaza – Erinnerungen an ein zerstörtes Land“. Hamza Abu Howidy (*1997) ist in Gaza aufgewachsen, er besuchte zunächst eine religiöse Schule, dann eine Schule der für palästinensische Geflüchtete zuständigen UN-Organisation (UNRWA9, und studierte an der Islamischen Universität Gaza Wirtschaft und Verwaltung. Er wurde mehrfach inhaftiert und gefoltert. Er musste Gaza verlassen. Aufgrund seiner politischen Haltung wäre er dort heute in Lebensgefahr. Hamas und vergleichbare Gruppierungen bedrohen ihn jedoch auch in Europa, auch in Deutschland, wo er inzwischen lebt.
Hamza Abu Howidy schrieb sein Buch gemeinsam mit der Journalistin und Autorin Judith Poppe (*1979), die unter anderem als Auslandsredakteurin bei der taz arbeitet. In seiner Autobiografie „Muscheln am Strand von Gaza“ dokumentiert er, wie er der wurde, der er heute ist und wie ein friedliches und demokratisches Palästina aussehen könnte. Die Vision, die Hamza Abu Howidy vermittelt, klingt eigentlich recht einfach, muss aber leider zurzeit im Konjunktiv geschrieben werden: „Die Küste Gazas hätte eine Quelle der Freiheit sein können, unserer Verbindung zur Außenwelt.“
Es gibt nicht die Palästinenser
Auf palästinensischer Seite gibt es zahlreiche Personen und Gruppierungen, die sich für ein Palästina ohne Hamas, ohne Fatah, ohne Gewalt engagieren, beispielsweise die „We-Want-To-Live“-Bewegung, die Mohammed Altlooli in vielen Plattformen und Medien, auch im Demokratischen Salon vorgestellt hat. Weitere Organisationen und Personen, die sich für ein demokratisches und gewaltfreies Palästina und einen dauerhaften Frieden mit Israel einsetzen, nennt Hamza Abu Howidy in seinem Buch an mehreren Stellen. Er selbst ist eine wichtige Stimme auf Podien, mit Veröffentlichungen. Er beschreibt in dem autobiographischen Buch seinen Weg über Griechenland nach Deutschland, bei dem ihm die Israelin Maya half. Seine Aufnahme in Deutschland war – vorsichtig formuliert – voller Skepsis. Bei seiner Anhörung im Asylverfahren in Essen wurde er nach Feststellung der Personalien ausdrücklich nach seinem Verhältnis zur Hamas, zur Fatah, zur PLO gefragt und danach, in welcher Moschee er bete. Er antwortete, er sei „Agnostiker“ und wurde gefragt, ob „das auch so in meinem Ausweis stehen sollte. Ich sagte ja. Es steht da bis heute.“ Deutsche Behörden brauchen Klarheit.
Hamza Abu Howidy stellt an den Anfang seines Buches die folgende Widmung: „Für die Opfer des 7. Oktober und des Krieges in Gaza“. Empathie, Trauer, Mitgefühl lassen sich nicht teilen. Ein solcher Satz, so auch die Widmung, kann schon Anlass unendlicher Diskussionen werden, in denen sich nur noch unversöhnliche Härten begegnen. Solche Unversöhnlichkeiten dokumentiert das Buch. Es enthält sechs Kapitel, beginnend mit der Kindheit, dem „Duft von Jasmin und Schießpulver“. Wer sich gegen die Gewalt der Hamas auflehnt und angesichts der Bedrohungen für Leib und Leben Gaza verlässt, findet sich – so der Titel des fünften Kapitels – im Exil „zwischen allen Stühlen“ wieder. Aber es gibt keine Alternative. Die Überschrift des sechsten und letzten Kapitels enthält nur ein einziges Wort: „Weitermachen“.
Wer sich auch nur ein bisschen dafür interessiert, was in Palästina (und in Israel) geschieht, sollte das Buch lesen. Das Buch dokumentiert in einer klaren Sprache, wie die Hamas in Gaza vorgeht und was dies für die Menschen bedeutet, die die Auffassungen der Hamas nicht teilen. Hamza Abu Howidy erklärt nicht nur, dass Widerstand gegen die Hamas möglich ist und wie brutal aber die Hamas darauf reagiert, sondern er schafft auch Einsichten, dass es die Palästinenser nicht gibt (ebenso wenig wie es die Juden oder die Israelis gibt). In deutschen (und anderen europäischen, ebenso in US-amerikanischen Behörden) gibt es dennoch stets Generalverdacht. Hier „werden Palästinenser immer wieder pauschal als Bedrohung, als potenzielle Terroristen betrachtet.“ Das ist die eine Seite, die andere ist die unkritische und bedingungslose Solidarität mit allen, die behaupten, dass sie Palästina beziehungsweise die Palästinenser verträten. Hamza Abu Howidy beschreibt, wie er, „der von der Hamas gefoltert worden war, weil ich ein besseres Leben in Gaza wollte, (…) von einer palästinensischen Demonstration vertrieben“ wurde. In Berlin demonstrierten „nicht wir, die wir aus Gaza kamen, sondern Palästinenser, die niemals in Gaza gelebt hatten oder, in den meisten Fällen, Einheimische ohne jeglichen palästinensischen Hintergrund“ (man betrachte unter diesem Aspekt auch den im Oktober 2026 eskalierten Streit in der Berliner Linken). „Sie behaupteten, die Palästinenser zu unterstützen, aber zu viele von ihnen feierten meine Unterdrücker und Folterer.“
Die Zeit nach den israelischen Wahlen vom 27. Oktober 2026 ist genau der richtige Zeitpunkt, das Buch zu lesen. Das Ergebnis dieser Wahlen könnte – wenn man nur wollte – als Aufbruchsignal und Chance verstanden werden. Jair Golan, der Vorsitzende der Demokratien, die acht der 120 Sitze errangen, forderte Gespräche zwischen den jüdischen Parteien des von Gadi Eisenkot angeführten Blocks mit den arabischen Parteien, der Ra’am-Partei und der Vereinigten Liste. Immerhin erhielten diese 18 Sitze und sind viel mehr als ein bloßes Zünglein an der Waage. Sie sind ein Machtfaktor in Israel geworden. Daran werden auch von Netanjahu gestreute Gerüchte, die Wahl wäre mit Mitteln unter anderem aus Katar gekauft worden, nichts ändern. Donald Trump lässt grüßen.
Es gibt durchaus in verschiedenen Medien Kommentare, die die Position von Jair Golan unterstützen, so beispielsweise ausgesprochen klar Sabine Brandes, die Israel-Korrespondentin der Jüdischen Allgemeinen, einen Tag nach der Wahl. Ich wage es, eine Vision weiterzudenken. Vielleicht könnte ein Versöhnungsprozess zwischen den Parteien in Israel das Misstrauen zwischen jüdischen und arabischen Parteien langsam auflösen, sodass dieser Prozess schließlich zum Muster für eine Versöhnung zwischen israelischer und palästinensischer Politik werden könnte, für Demokratie und Rechtsstaat, gegen jede Gewalt. Die Anerkennung und Beteiligung der arabischen Bevölkerung in Israel, immerhin 20 Prozent, wäre vielleicht der erste Schritt. Aber wie gesagt: Das ist nur eine Vision, wie es für die Region schon viele gab.
In den palästinensischen Gebieten, im Westjordanland, in Gaza, gibt es viele Menschen, die sich mit einer solchen Vision anfreunden könnten. Die Palästinensische Autonomiebehörde, Fatah, Hamas und alle weiteren Gruppierungen, die sich in den vergangenen Jahrzehnten durch Ineffizienz und Gewalt hervortaten, aber nichts Gutes für die angeblich von ihnen vertretene Zivilbevölkerung bewirkten, haben erheblich an Zuspruch verloren, auch wenn viele sich nicht trauen, dies zu äußern, weil sie wissen, dass sie als „Verräter“ beschimpft und mit Folter und Tod bedroht würden, wenn sie es öffentlich täten. Israelische Politiker wie Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich sind nicht mehr und nicht weniger die Spiegelbilder der unversöhnlichen Fraktionen auf palästinensischer Seite. Netanjahu hat mit seiner Politik beide Seiten in ihrer Unversöhnlichkeit bestärkt, aber es gibt eben auch andere Akteure, auf israelischer wie auf palästinensischer Seite, die unsere Aufmerksamkeit verdienen.
Die Wiederholung: 2007 und 2023
Der Titel des Buches verweist auf Verlorenes, Verlassenes, das nur noch in der Erinnerung bleibt. Manche Erinnerung jedoch wird nie verschwinden. Letztlich lautet die Frage, ob mit der Zeit die Erinnerung an „Jasmin“ oder an „Schießpulver“ dominiert und welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Das dritte Kapitel beginnt mit einem aus unserer Perspektive im fernen Europa lapidar erscheinenden Satz: „Man überlebt Folter nicht, ohne etwas zu verlieren. Der Körper erinnert sich an jeden Schlag, die Psyche an jede Minute der Ohnmacht. Diese Erfahrung hat meine Persönlichkeit verändert. Wenn ich früher in einer Gruppe diskutierte, hörte man meine Stimme heraus, oft auch mein Lachen. Diese Stimme ist unter der Folter verschwunden.“
Im geschriebenen Wort des Buches ist diese Stimme wieder da. Das Verlorene, das Verlassene kann aufgeschrieben werden! Am Ende des dritten Kapitels erinnert Hamza Abu Howidy an das „Packen“, das nach der Entscheidung zur Flucht unweigerlich vor allem dadurch gekennzeichnet wird, was nicht eingepackt werden kann. Kein Koffer ist groß genug. „So viel ließ ich zurück. Fast all meine Bücher, die mich geprägt hatten, die mich gelehrt hatten, scheinbare Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen. Die Muscheln, die ich als Kind mit meinen Geschwistern am Strand von Gaza gesammelt hatte, jede einzelne eine Erinnerung an eine bessere Zeit. Ich ließ Fotos, Briefe, meine ganze Geschichte zurück. Wie entscheidet man, welche Erinnerungen man mitnimmt und welche man zurücklässt? / Ich wusste es nicht.“
Es gibt „Dinge, die dein Gedächtnis nicht vergisst“. Es sind nicht die Bücher, nicht die Muscheln, es sind die Ereignisse des 7. Oktober 2023, mit denen Hamaz Abu Howidy das erste Kapitel beginnen lässt. „Ich sah fassungslos, völlig ungläubig zu – aber nicht, weil es unvorstellbar war. Ich hatte ganz ähnliche Bilder schon einmal gesehen. Nicht in Israel. Sondern in Gaza. In meinem Gaza. In meinem Viertel, Al Rimal.“ Al Rimal war eigentlich ein ruhiges Viertel. Aber es geschah im Jahr 2007, als „Hamas-Kämpfer“ überall in Gaza Jagd auf „Fatah-Anhänger“ machten. Nach ihrem Wahlsieg und dem Ende der Einheitsregierung übernahm die Hamas in Gaza die Kontrolle. Fatah-Anhänger entledigten sich ihrer Uniformen, um nicht erkannt zu werden. Manche versuchten sich bei Nachbarn zu verstecken. Mal gelang es, mal nicht. „Doch dann sah ich, wie Hamas-Kämpfer auf einem Motorrad durch die Menge fuhren. Sie hatten einen toten Körper mit einem Seil am Motorrad befestigt und zogen ihn wie eine Trophäe hinter sich her, die Straßen rauf und runter. Andere bewegten sich noch, als sie erst gefesselt und dann weggezerrt wurden. Al Saraya war in einen Hinrichtungsplatz verwandelt worden.“ Es gab nur eine Alternative: Entweder wurde man von der Hamas getötet oder man schloss sich der Hamas an. Das war im Jahr 2007. 2023 „fühlte sich an wie eine Wiederholung.“ Hamza Abu Howidy und sein Vater kommentieren: „Mein Vater klang furchtbar, wütend, frustriert. ‚Sie haben uns zerstört. Sie haben Gaza zerstört.‘ / Aber Israel hat noch nicht reagiert ….“ / ‚Das spielt keine Rolle. Es ist vorbei. Gaza ist am Ende.‘ / Er verstand sofort, was andere erst nach Stunden oder Tagen oder gar Wochen begreifen würden. Das war kein Widerstand. Das war Mord – und Selbstmord, und Gaza würde den Preis dafür zahlen.“
Hamza Abu Howidy nennt die handelnden Personen mit Namen. Er beschreibt ausdrücklich die religiöse Verbrämung des islamistischen Terrors. „Diese religiösen Anführer setzen sich selbst mit Gott gleich, so war es im Mittelalter in Europa, und so war es auch mit der Hamas.“ Das galt jedoch nicht nur für die Hamas, sondern auch für die Fatah, die die Palästinensische Autonomiebehörde leitete: „Arafat infrage zu stellen bedeutete, Palästina infrage zu stellen.“ Mit der Operation „Gegossenes Blei“ reagierte die Israelische Armee auf die Machtübernahme der Hamas in Gaza und Bombardements israelischer Städte und Dörfer. Im Dezember 2008 erlebt Hamza Abu Howidy als elfjähriger Junge erstmals einen israelischen Luftangriff, erstmals sieht er einen israelischen Panzer. „Der Tag, an dem der Krieg begann, veränderte mich grundlegend: Ich begann, Israel zu hassen.“ Hamzas Eltern lassen ihren Sohn die Schule wechseln, in der Hoffnung auf mehr Sicherheit, denn die bisherige Schule lag zu nahe an der Grenze und in der Nähe gab es mehrere Hamas-Ausbildungszentren. Die neue Schule, eine UNRWA-Schule war „politisch neutraler (…), weniger religiös.“ „Wir wurde nicht mehr dazu erzogen, Märtyrer im Namen Gottes zu verehren, aber der Nationalismus blieb.“ An der Wand hing das Bild einer palästinensischen Widerstandskämpferin mit Maschinengewehr. Nicht erzählt wurde, dass diese „Nationalheldin“ im Jahr 1978 beim sogenannten „Küstenstraßen-Anschlag“ an der Ermordung von 37 israelischen Zivilist:innen, darunter viele Kinder, beteiligt gewesen war. Eine Zwei-Staaten-Lösung lag jenseits jeder Vorstellungskraft, alle israelischen Gebiete waren „vorübergehend verlorene Gebiete (…), die darauf warteten, zurückerobert zu werden.“
Doppelleben in Gaza – doppelte Standards in Deutschland
Doch wie fand Hamza Abu Howidy aus dieser ständigen Beschallung mit ideologischen Parolen heraus? Er beschreibt die liberale und gebildete Familie, in der er aufwuchs, die Bücher, die sein Vater las, die offene Haltung seiner Mutter, die er als „Rebellin“ charakterisiert, seine eigenen Versuche, sich zu informieren. Sein Vater fand in Großbritannien Kontakte zur Muslimbruderschaft, weil er glaubte, dort „Anschluss an die arabische Gemeinschaft zu finden“. Dies stellte sich als Illusion heraus: „Die Muslimbruderschaft stellte die Loyalität zu ihrer Partei über die Interessen eines Landes. Was sie wollten, war ein panislamischer Staat. Das verstörte ihn. Er wollte keiner Partei blind seine Treue schwören, er wollte den Palästinensern und Palästina verpflichtet sein – einem Palästina übrigens, das neben dem israelischen Staat existieren sollte.“ Die Hamas entstand als palästinensische Fraktion der Muslimbruderschaft.
Hamza Abu Howidy findet einen israelischen Gesprächspartner im Netz, er erfährt über youtube von Hamed Abdel-Samad, der in Deutschland unter Polizeischutz lebt, weil ihn Islamisten bedrohen. Die Hamas erfährt von Hamzas Interesse, sie hatte „Zananas, verdeckte Ermittler“, wie sie zuvor auch schon die Fatah einsetzte. Die Moschee, in der sich Hamza Abu Howidy als 16jähriger aufhielt, wurde zu einem gefährlichen Ort. Sein Vater rät ihm, sich dort nicht zu lange aufzuhalten. „Mein Vater hatte vor allem Probleme mit der Hamas in den Moscheen, ich hingegen hatte immer mehr Probleme mit der Moschee selbst.“ Hamzas Vater erlebte im Jahr 2019, dass er von der Stadtverwaltung, für die er tätig war, entlassen wurde. Er war als Computertechniker unter anderem für die Verlegung von Elektroleitungen zuständig. Die Hamas stoppte dies: „Meinem Vater war völlig klar, dass die Hamas sich sorgte, dass jemand bei der Arbeit die Tunnelverläufe entdecken würde.“ Das Ergebnis: „Wir führten eine Art Doppelleben.“
Hamza Abu Howidy dokumentiert die grassierende Korruption in Gaza. Er schreibt nichts über die Mitwirkung der Regierung unter Netanjahu bei den bekannten Geldtransfers aus Katar an die Hamas. Dies wird möglicherweise – je nachdem, welche Konsequenzen die israelischen Parteien aus dem Wahlergebnis vom 27. Oktober 2026 ziehen – ein Untersuchungsausschuss der Knesset zu den Verantwortlichkeiten der israelischen Regierung für den 7. Oktober untersuchen. Bisher konnte Netanjahu einen solchen Untersuchungsausschuss verhindern. Hamza Abu Howidy benennt die Korruption der palästinensischen Seite, die Geschäfte der Führer der Hamas, die sich ständig bereichern, so der ehemalige Innenminister der Hamas, Fathi Hamad, oder Ismail Haniyeh, der damalige Leiter des Politbüros der Hamas, und Yahya Sinwar, der 2013 durch einen Gefangenenaustausch zwischen der Hamas und Israel freikam und als der Chefplaner des 7. Oktober gilt. Es gab ständige Kontrollen durch Hamas-Kämpfer, sobald man einem der Wohnorte dieser Hamas-Führer zu nahekam.
Mit der Zeit entfernt sich Hamza Abu Howidy immer mehr von der Religion. Es geht ihm nicht darum, eine Religion gegenüber einer anderen aufzuwiegen: „Es war die Religion an sich, die mich verstörte“. Insbesondere irritiert ihn die ständige Verquickung religiöser Autorität mit einer Botschaft der Gewalt. 2019 ist auch das Jahr, in dem sich Hamzas Mutter von ihrem Mann trennt. Sie ging nach Ägypten. Sie war vielleicht diejenige, durch die er „das Rebellische, das Ungehorsame, die Stimme in mir, die sich nicht unterkriegen lässt“, habe entwickeln können. Zu den Problemen eines Jungen in der Pubertät gehören auch erste Kontakte zu einem Mädchen, im Falle von Hamza zu Yasmin, die „sehr religiös“ ist und darunter leidet, den Jungen, in den sie sich verliebt hat, nur heimlich treffen zu können. Auch dieser Konflikt ist Gegenstand der Autobiographie. Yasmin schafft es mit ihrer Familie, unter den Angriffen der israelischen Armee ihren Wohnort zu verlassen, aber der Grenzübergang Rafah wird geschlossen, sodass sie weiterhin in Gaza gefangen bleibt. Hamzas Liebe zu ihr überdauert die Zeiten.
Die Hamas lässt Hamza Abu Howidy verhaften. Aber Hamza wird immer neugieriger: „Ich wollte das ganze System verstehen, das mich eingesperrt und gefoltert hatte.“ Die Folge: Er studiert, was es zu studieren gab. Er liest schließlich auch israelische Autoren wie Benny Morris, Avi Shlaim und Yossi Klein Halevi, aber auch Edward Said und Rashid Khalidi. Online war dies alles möglich, so auch der Austausch mit Omer, einem Israeli, über die Nakba: „Ein Israeli sah das Leiden meiner Familie. Er leugnete es nicht oder behauptete, die Palästinenser seien freiwillig gegangen.“ Omer war der erste Israeli, der „die Geschichte meiner Familie bestätigte und gleichzeitig seine Sichtweise erklärte.“ Von der Shoah erfuhr Hamza allerdings erst in Deutschland.
Eine zweite Verhaftung folgt und schließlich die Flucht. Unterstützung von außen gibt es nicht: „Die internationale Gemeinschaft, die von sich behauptete, für die Rechte der Palästinenser einzutreten, unternahm nichts, als wir von unserer eigenen Regierung gefoltert wurden.“ Eben dies gilt auch für all diejenigen, die sich auf propalästinensischen Demonstrationen tummeln. Auch hier wird mit zweierlei Maß gemessen. Es gibt keine Demonstration, bei der der Terror der Hamas gegen die eigene Bevölkerung benannt wird. Darüber schrieb Hamza Abu Howidy – damals noch in Griechenland – in einem Beitrag für Newsweek: „Hamas Tortured Me for Dissent“. Seine Familie in Gaza fühlte sich genötigt vorzugeben, sie hätte den Kontakt zu ihrem Sohn abgebrochen. Gegenstand des Beitrags war die Forderung nach der Freilassung der israelischen Geiseln der Hamas. Diese galten der Hamas als „Kriegsgefangene“, „Israelis sind in ihren Augen allesamt Soldaten, Kämpfer, Kolonisatoren.“ Wer über die Geiseln sprach, wurde der „Spionage für Israel“ bezichtigt.
In Deutschland erfährt Hamza Abu Howidy jedoch auch, wie seine Geschichte instrumentalisiert wird. Ihm wird nahegelegt, er solle „auch die israelische Seite stärker in die Verantwortung nehmen. Gleichzeitig wurde ich immer mehr von proisraelischen Akteuren vereinnahmt. (…) Sie wussten genau, was sie von mir wollten: den Palästinenser, der die Hamas attackierte, nicht den, der auch Israels Kriegsverbrechen kritisierte.“ Er reagiert darauf, indem er zahlreiche Einträge löscht, er wollte „etwas daran ändern, wie ich meine Botschaft sendete. Von nun an würde ich beide Seiten kritisieren.“
Doppelte Standards prägen die Berichterstattung: „Es macht mich wütend, wenn sie (Palästinenser auf Podien, NR) die Zusammenarbeit mit palästinensischen oder jüdischen Israelis verweigern, um nicht als ‚Normalisierer‘ gelabelt zu werden. Ich unterstütze Organisationen wie die BDS-Bewegung auch aus diesem Grund nicht. (…). Ja, ich bin dafür, Produkte aus den israelischen Siedlungen im Westjordanland zu boykottieren, Siedlungen, die nach internationalem Recht illegal sind. Aber wenn Edward Saids und Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra boykottiert wird, die palästinensisch-israelische Graswurzelbewegung Standing Together oder gar der Film No Other Land (Links im Text, NR), der die Siedlergewalt und die Vertreibung von Palästinensern aus Masafer Yatta im Westjordanland zeigt und dessen Vorführung in Israel die israelische Rechtsextreme mit allen Mitteln zu verhindern versucht – dann hört mein Verständnis auf.“ Das ist die eine Seite, die andere ist die pauschale Verurteilung aller Palästinenser „als potenzielle Terroristen“ wie dies in europäischen und US-amerikanischen Behörden immer wieder geschieht.
Das Buch von Hamza Abu Howidy ist ein leidenschaftliches Plädoyer gegen doppelte Standards und für Versöhnung in jeder Hinsicht. Die Konfrontation mit doppelten Standards prägt durchweg die Lage von Israelis, von Palästinensern, von Juden und von Muslimen. Aber vielleicht gibt es doch etwas Hoffnung. Hamza Abu Howidy berichtet von einer Diskussion in Berlin mit Gadi Moses aus dem Kibbuz Nir‘Oz, der im Alter von 79 Jahren von der Hamas entführt wurde und 482 Tage in Geiselhaft verbrachte. Die Lebensgefährtin von Gadi Moses, Efrat Katz, überlebte die Haft nicht. „Und doch glaubt er weiter an den Frieden. So wie auch Maoz Inon, der am 7. Oktober beide Elternteile verlor, und sich heute für den Frieden zwischen Israel und Palästina einsetzt. Auch auf palästinensischer Seite begegne ich solchen Menschen, die bei allem Leid nach Versöhnung streben. Azis Abu Sarah zum Beispiel, ein Friedensaktivist aus dem Westjordanland, und natürlich meine Freude: Mustafa, Abood, der mir immer noch nah ist. Sie alle geben mir Hoffnung. Genauso wie ein Fünftklässler in Berlin-Neukölln.“
Maoz Anon und Azis Abu Sarah schrieben gemeinsam das Buch „Die Zukunft ist Frieden – eine palästinensisch-israelische Reise durch ein verehrtes Land“ (Berlin, altneuland, 2026). Der zehn- oder elfjährige Junge aus Neukölln kam nach einer Veranstaltung mit Hamza Abu Howidy auf ihn zu „und sagte leise: ‚Ich wusste nicht, dass Palästinenser und Israelis Freunde sein können.‘ In solchen Momenten weiß ich, dass es sich lohnt. Alles. Es lohnt sich zu kämpfen, für die Menschen. Für das Menschsein.“ Vielleicht darf ich dies als Ausblick auf einen zweiten Band der Autobiografie des Hamza Abu Howidy verstehen? Vielleicht in zehn, in zwanzig Jahren? Wer weiß?
Norbert Reichel, Bonn
(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im November 2026, Internetlinks zuletzt am 1. November 2026. Titelbild: Gaza City, Juli 2014, Wikimedia Commons.)

