Visionen wagen!
Lino Zeddies und der Think Tank Reinventing Society
„Utopien dürfen keine dogmatischen Visionen, keine fertigen Blaupausen sein, sondern inspirierende Denkanstöße, Diskussionsgrundlagen, Angebote.“ (Lino Alexander Zeddies, in: Utopia 2048, Selbstverlag, 2020, fünfte Auflage)
Lino Alexander Zeddies sieht sich auf seiner Internetseite als „Gesellschaftsentwickler, Autor und Zukunftsbegleiter für eine regenerative Zukunft“. Er wurde im Jahr 1990 in Hannover geboren und hat in Berlin Volkswirtschaftslehre studiert. Er ist eine:r der Gründer:innen des Think Tanks „Reinventing Society“. Im Münchner oekom-Verlag hat Reinventing Society im Jahr 2024 den Band „Zukunftsbilder 2025“ veröffentlicht, der im Demokratischen Salon in dem Essay „Mehr Anti-Dystopien wagen“ vorgestellt worden ist. Im Jahr 2020 veröffentlichte Lino Zeddies im Selbstverlag den Roman „Utopie 2048“, ein Buch an der Grenze zwischen Roman und Sachbuch, das inzwischen seine fünfte Auflage erreicht hat.

Lino Alexander Zeddies, Foto: Jacqueline Schulz.
Die zentrale Frage lautet: Wie schaffen wir eine zukunftsfähige Welt? Anders gefragt: Wie können wir erreichen, dass die schon im Jahr 1992 in der in Rio de Janeiro von den Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen beschlossenen Agenda 21 enthaltenen Ziele auch tatsächlich umgesetzt werden? Es gab eine Vielzahl konkretisierender Beschlüsse, aber auch immer wieder mächtige Widerstände, Rückzüge und Rückschläge, die wir in den vergangenen inzwischen über 30 Jahren erleben mussten, zuletzt den neuerlichen Ausstieg der USA aus den in Paris im Jahr 2015 vereinbarten Klimaabkommen. Klimaschutz und Artenschutz, der Schutz der Meere, die Reduzierung von Plastikmüll, der Schutz indigener Völker – all dies wird immer wieder von politisch maßgeblichen Akteuren in Frage gestellt. Doch Resignation ist der falsche Weg. In einem Video-Crashkurs hat Lino Zeddies seine Vorschläge zusammengefasst: Beeindruckend ist die von ihm und seinen Mitstreiter:innen gepflegte Verbindung von Ökologie und Ästhetik, sodass Nachhaltigkeit eine kulturelle Perspektive erhält, die sich wiederum auf gesellschaftliche Entwicklungen auswirken sollte.
Reinventing Society – die Organisation
Norbert Reichel: Wie würden Sie „Reinventing Society“ beschreiben? Als Nicht-Regierungsorganisation? Als Thinktank? Als Unternehmen?
Lino Zeddies: Vielleicht von allem ein bisschen. Wir haben uns im Jahr 2020 gegründet, auch inspiriert von dem Buch „Reinventing Organisations“. Wir haben den darin enthaltenen Grundgedanken, dass es eine neue Evolutionsstufe für Organisationen geben muss dahingehend weiterentwickelt, dass es auch eine neue Evolutionsstufe von Gesellschaft und Kultur braucht, für die Art und Weise, in der wir uns koordinieren und strukturieren. Es war von Anfang an unser Anspruch, auf unserer kleinen Ebene das zu leben, wofür wir auch im Großen an Werten und Prinzipien stehen wollen. Das ist ein sehr systemischer Ansatz mit der Ausrichtung auf das Positive, auf Lösungen. Wie können wir ins Neue vorangehen statt nur am Alten herumzunörgeln?
Wir haben Reinventing Society zu siebt als gemeinnützigen Verein gegründet und seit dieser Zeit viel erlebt und erforscht. Von den sieben sind jetzt noch drei dabei. Eine von uns, Katharina Beck, wurde über die Hamburger Landesliste für Bündnis 90 / Die Grünen in den Bundestag gewählt und hat eine Kollegin als Mitarbeiterin mitgenommen. Ein Kollege ging in ein Auslandssemester, eine Kollegin hat mit ihrem Freund ein eigenes Unternehmen mit einer ähnlichen Ausrichtung gegründet. Andere sind hinzugekommen.
Norbert Reichel: Wie sind Sie mit anderen Think Tanks oder Organisationen vernetzt, die ähnliche Ziele verfolgen?
Lino Zeddies: Wir kooperieren mit vielen Organisationen. Ich nenne beispielsweise die Pioneers of Change aus Österreich. Wir sind aber keine klassische Nicht-Regierungsorganisation, sondern eher Teil eines Netzwerks. Unser Alleinstellungsmerkmal sind die Visionsbilder und das Experimentelle in unserem Ansatz.
Norbert Reichel: Haben Sie die Möglichkeit, Ihre Visionen auch in politischen Öffentlichkeiten vorzustellen, beispielsweise in Berlin, in Brüssel, in Wien?
Lino Zeddies: Unser Bildband „Zukunftsbilder 2045“ hatte – auch dank des oekom Verlages – eine große Reichweite. Meine Kolleg:innen und ich sind auch viel auf verschiedenen Tagungen unterwegs, auf denen wir Impulsvorträge halten oder Arbeisgruppen leiten.
Norbert Reichel: Bleibt zur Einführung die Frage nach der Finanzierung.
Lino Zeddies: Wir finanzieren uns mit einem bunten Mix aus Spenden, über Förderanträge, Teilnahmebeiträge aus Seminaren, Honoraren für Vorträge, Tantiemen für die Bücher und Aufträge aus Städten.
Es gibt nicht die eine Lösung

Hamburg Michel, Hauptkirche St. Michaelis, Ludwig-Erhard-Straße, Blick Richtung Reeperbahn und Hafen. www.realutopien.de.
Norbert Reichel: Ich habe gewagt, meine Besprechung Ihres Buches „Zukunftsbilder 2045“ mit einer Studie über Horrorromane und Horrorfilme einzuleiten und dann ihre Zukunftsvisionen als Gegenbild vorgestellt. Sie haben schon in Ihrem Roman „Utopia 2048“, der vor der Gründung von „Reinventing Society“ erschien, geschrieben, dass Utopien keine „dogmatische Vision“ sein dürften, sondern Anstoß für einen offenen Prozess. Sie wollen Denkanstöße entwickeln.
Lino Zeddies: Utopien sind eine Einladung und es wäre eigentlich wichtig, dass wir in unserer Gesellschaft eine Art Visionsministerium hätten, über das wir kollektiv Visionen entwickeln und verhandeln. Das geschieht aktuell ein kleines Stück weit über Wahlen und über Parteien, aber die wenigsten Parteien haben Visionen. Sie haben Grundwerte, für die sie einstehen, aber diese sollte man nicht mit Visionen verwechseln, wie die Zukunft aussehen und gestaltet werden könnte. Es fehlt an größeren Gesellschaftsentwürfen. Aber genau diese bräuchten wir eigentlich. Wir müssen uns allerdings immer darüber im Klaren sein, dass es nicht die Lösung für alle gibt.
Norbert Reichel: Ist es nicht eigentlich der Sinn und die Aufgabe von Parteien, Visionen zu entwickeln, wie die Welt ausschauen könnte?
Lino Zeddies: Das wäre ihre Aufgabe, aber de facto tun sie es nicht. Wir erleben immer wieder ein sehr kurzfristiges von den Medien getriebenes Gekämpfe um politische Macht, ein kurzfristiges Durchwurschteln. Ich habe in den letzten Jahren bei diesem permanenten Krisenmodus, in dem Politik geschieht, das Gefühl, dass es primär darum geht, mit dem Schiff nicht unterzugehen. Aber wo ist der sichere Hafen, über den wir aus dem Sturm herauskommen?
Norbert Reichel: Das wäre dann Ihr Ziel. Sie wollen, dass Visionen entwickelt werden, die dann auch von den politisch verantwortlichen Menschen, von den Parteien, von den Regierungen, bedacht werden.
Lino Zeddies: Im Idealfall. Das eine ist natürlich die Vision, das andere der Weg dahin, die Transformationsbegleitung. Wir müssen die Visionen auch herunterbrechen, darüber nachdenken, wie wir Menschen inspirieren können, ermutigen, bestärken. Wir erforschen eben auch, wie dies möglich werden könnte. Wir hatten zuletzt eine größere Veranstaltung zum Thema durchgeführt, in der es darum ging, wie lebendige Führung aussehen könnte, wie Macht und Organisationsstrukturen, Kulturpraktiken funktionieren. Wir sehen uns hier auch als Pioniere.
Norbert Reichel: Wer kommt in Ihre Seminare, Ihre Veranstaltungen?
Lino Zeddies: Das sind sehr unterschiedliche Menschen. Wir bieten unterschiedliche Formate an. Wir haben beispielsweise Workshops für Interessierte aus dem kommunalen Bereich, städtische Akteure aus Stadt- und Gemeindeverwaltungen, in den Kommunen politisch aktive Leute aus den Räten. Es gibt jedoch auch andere Formate, zu denen einfach interessierte Menschen kommen, die sich für ähnliche Visionen wie wir begeistern, Wandel vorantreiben wollen und Gleichgesinnte suchen, mit denen sie neue Visionen, neue Methoden entwickeln können.
Über Nachhaltigkeit hinausdenken

Frankfurt am Main, Hauptwache. www.realutopien.de.
Norbert Reichel: Bei den Visionen, die Sie veröffentlicht haben, sind mir vor allem zwei Dinge aufgefallen. Zum einen sind diese Visionen unserer Städte und Gemeinden sehr grün. Es gibt viele Pflanzen, Bäume, Räume, in denen man Schatten findet. Zum zweiten sind ihre Visionen eher städtisch.
Lino Zeddies: Unsere Konzentration auf Städte hat einen pragmatischen Grund. Wir wollen Visionen für möglichst viele Menschen schaffen. Eine Graphik zu Hamburg erreicht dann natürlich viel mehr Menschen als eine Graphik für eine eher kleine Gemeinde mit etwa 1.000 Einwohner:innen. Wir haben natürlich auch dörfliche Strukturen aufgenommen und ländliche Graphiken erstellt. Wenn ich aber beispielsweise die Lüneburger Heide nehme, ist es schwerer, eine Vorher-Nachher-Graphik zu machen, weil dort bereits viel Natur ist – bei städtischen grauen Betonwüsten ist der Kontrast eindrücklicher. Aber es ist auch eine Frage der Auftraggeber. Wer kann den Auftrag bezahlen, eine solche Zukunftsgraphik zu entwickeln? Das erforderliche Budget haben dann doch eher die größeren Städte.
Norbert Reichel: Das pragmatische Argument kann ich gut verstehen. Andererseits gibt es viele ländliche Räume, die nur scheinbar ökologisch intakt sind, die jedoch weitgehend ausgeräumt sind, durch Intensivlandwirtschaft, durch über die Jahrzehnte und Jahrhunderte erfolgte Rodungen.
Lino Zeddies: Das stimmt. Es ist bei ländlichen Räumen einfach schwieriger, einen Wow-Effekt zu erzeugen. Wenn man eine Vorher-Nachher-Graphik für eine Stadt erstellt, ist dieser einfach größer. Wenn ich beispielsweise ein renaturiertes Bergbaugebiet zeige, sieht man etwas Wald, einen See, aber das sehen viele Menschen als Natur und eben nicht als etwas Besonderes.
Norbert Reichel: Vielleicht als Anregung: In manchen Wäldern hat der Borkenkäfer gewütet. Wenn man sich solche Wälder anschaut, wäre ein Wow-Effekt mit einer Renaturierung sicherlich erzeugbar.
Sie werben für eine „regenerative Kultur“. Sie werben dafür, dass wir uns auf die Ressourcen beschränken, die grundsätzlich erneuerbar sind. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird dieses Thema oft auf die Energieversorgung reduziert.
Lino Zeddies: Wir wollen mehr. Wir wollen auch über Nachhaltigkeit hinausdenken. In der öffentlichen Diskussiongeht es hauptsächlich darum, Schaden zu verringern, Schaden zu vermeiden und„klimaneutral“ zu werden. Wir finden, dass wir das Ganze auch positiv wenden können. Was ist das größte Potenzial von uns Menschen auf diesem Planeten? Wie können wir zu mehr Lebendigkeit, zu mehr Biodiversität, zu mehr Schönheit beitragen? Wie können wir uns wieder in den Kreislauf der Ökosysteme einfügen, sodass wir nicht wie Parasiten leben, sondern symbiotisch mit der Natur, sodass unser Leben, unser Verhalten auf eine gesunde Weise allen dient? Dies ist bei vielen Tieren der Fall. Zu Wölfen gibt es eine interessante Studie nach Wiederansiedelung im Yellowstone Park in den USA. Alles wurde wieder lebendiger, weil sie manche Tiere dezimieren, die Bäume und Hecken zerstören. Es gibt wieder mehr Schmetterlinge, die Flüsse wurden kraftvoller. Das gesamte Ökosystem wurde in ein besseres Gleichgewicht gebracht. Man denkt vielleicht zunächst, dass die Wölfe nur andere Tiere entnehmen, aber offenbar schaffen sie insgesamt einen gesunderen Platz und tragen zu mehr Lebendigkeit bei. Indigene Völker wissen, wie sie sich in der Natur bewegen.
Norbert Reichel: In Brandenburg oder in Niedersachsen gibt es inzwischen zahlreiche Wolfsrudel, zunehmend auch in anderen Bundesländern. Diskutiert werden sie jedoch vor allem als Bedrohung für die Schafe und andere Weidetiere, auch für die Menschen. Und damit sind wir bei oft massiven und sehr emotional geführten Konflikten. In Ihren Büchern beschreiben Sie Strukturen, in denen solche Konflikte verhandelt werden können, bis hin zu einem Weltparlament, das Sie in „Utopia 2048“ in Singapur angesiedelt haben. Zurzeit geht es allerdings in der Politik eher in die andere Richtung.
Lino Zeddies: Es ist nicht so einfach, solche Konflikte mit unseren gewohnten Denkstrukturen in Einklang zu bringen. Wir erlauben uns, einfach auch einmal zu träumen, was denkbar, was schön wäre, was wir uns einfach einmal vorstellen dürfen sollten. Viele Errungenschaften der Vergangenheit waren ja auch erst einmal Träume und Visionen. Sie erschienen weltfremd, aber jemand wagte es, sie aufzuschreiben und an ihrer Verwirklichung zu arbeiten. In unseren Workshops trainieren wir sozusagen den Visionsmuskel. Wie können wir die neuen Welten, die wir denken, auch in uns kultivieren?
Norbert Reichel: Aber wie werden solche Visionen mehrheitsfähig? Muss es erst zu einer Katastrophe kommen? In dem Szenario „Zukunftsbilder 2045“ kommt es Ende der 2020er, Anfang der 2030er Jahre erst einmal zu einem ökonomischen und ökologischen Kollaps. Erst dann besinnen sich die Menschheit beziehungsweise ihre politischen Repräsentant:innen und ändern ihren Kurs. Dieser Gedanke brachte mich übrigens auf die Idee, die Vorstellung Ihres Buches mit einem Rekurs auf das Horrorgenre einzuleiten.
Lino Zeddies: Ich denke zyklisch. Das wirtschaftliche, gesellschaftliche, politische System, das wir zurzeit haben, liegt im Sterben. Ich glaube nicht, dass wir die derzeitigen Probleme mit diesem System lösen können. Wir brauchen ein großes System-Update. Das alte System muss sterben und Raum schaffen, damit Neues geboren werden kann. Der nächste Frühling erfordert, dass zuvor Herbst und Winter kommen, alte Pflanzen sterben, damit neue Pflanzen sprießen. Wir haben aber als Kultur eine ganz schwierige Beziehung zum Sterben, zum Nichtstun, dazu, etwas einfach geschehen zu lassen. Ich glaube, es wird auf jeden Fall ein Winter kommen. Jede Gesellschaft ist irgendwann einmal untergegangen. Auch unsere wird einmal untergehen und Raum schaffen für etwas Neues. Die Frage ist, ob wir uns dem Prozess hingeben können oder ob wir es schaffen, unser System etwas runterzufahren, wie zum Beispiel Tiere im Winterschlaf, und uns die Chance geben, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Wir könnten weniger reisen, anders konsumieren und so Raum für etwas Neues schaffen. Oder beharren wir auf dem Konsumniveau, auf dem wir uns zurzeit befinden? Wenn wir das tun, wird die Krise immer unangenehmer. Ein Baum kann auch nicht einfach seine Blätter festhalten, wenn der Herbst kommt.
Norbert Reichel: Gegenwärtig habe ich den Eindruck, dass sich manche genau so verhalten wie Sie beschreiben, geradezu zwanghaft.
Lino Zeddies: Gegenwärtig ja, aber es ist auch eine individuelle Entscheidung. Nehme ich die Veränderungen an? Gebe ich mich den Veränderungen hin? Oder bereite ich mich auf Veränderungen hin?
Experimente mit der Unsicherheit
Norbert Reichel: Zurzeit haben wir den Trend einflussreicher Politiker:innen, das Alte zu glorifizieren und alles zu tun, damit sich nur ja nichts ändert. Das ist meines Erachtens ein Problem der Politik, weniger der Wirtschaft. Wenn die Wirtschaft sähe, dass die Politik verlässlich handelt und nicht alle paar Monate die Parameter ändert, indem eine Förderung für beispielsweise regenerative Energien mal erhöht, mal reduziert, mal sogar ganz gestrichen wird. Das ist nur ein Beispiel für viele. Und den Bürger:innen geht es genau so. Was gilt denn jetzt? Was gilt morgen?
Lino Zeddies: Das Festhalten am Alten schafft Leid, Anstrengungen und Kampf. Es wäre viel einfacher, wenn wir mehr loslassen könnten. Aber die Angst vor Kontrollverlust ist enorm. Niemand weiß, was geschieht, wenn sich die Dinge radikal ändern. Das ist radikale Unsicherheit. Wir können nicht wissen, wie die Welt in fünf, in zehn oder in hundert Jahren aussieht, aber es fällt vielen schwer anzuerkennen, dass das nicht vorhersehbar ist. Daher auch der vorherrschende Modus des Beharrens auf dem, was man aus der Vergangenheit zu kennen glaubt.
Norbert Reichel: Wie werden solche Fragen, wie wir sie eben angesprochen, in Ihren Workshops diskutiert?
Lino Zeddies: Es gibt nicht den Workshop, wir haben unterschiedliche Formate. Es gibt zunächst Formate, in denen es darum geht, Methodenwissen zu entwickeln. Wir hatten gerade auch einen experimentellen Summit, in dem es darum ging, Führung, Macht und Wandel zu erforschen, auch kollektive Führung unter Unsicherheit. Dazu haben wir Pläne losgelassen und teilweise sogar die Moderation weitgehend zurückgenommen, um zu erforschen, was entsteht, wenn wir die Kontrolle abgeben und den Raum sich selbst überlassen. Das Ziel war, auch eine Form der Selbstführung zu ermöglichen: Was spüren wir gemeinsam? Was wollen wir tun? Was ist in diesem Moment lebendig? Dazu haben wir auf jegliche Planung verzichtet und einen offenen Raum entstehen lassen.
Der äußere Rahmen hätte dafür kaum besser sein können: ein wunderschöner Ort, volle Kühlschränke, inspirierende Menschen – alles, was man sich wünschen kann, um sichere Bedingungen für Veränderung zu schaffen. Und dennoch: Viele Teilnehmer:innen, die sich eigentlich leidenschaftlich für gesellschaftlichen Wandel einsetzen, waren von dieser Offenheit tief verunsichert. Schon ein einziger Tag ohne klare Struktur genügte, um große Unsicherheit auszulösen.
Anschließend ging es darum, dies zu reflektieren. Dazu brauchten wir psychologische Unterstützung, wir hatten ein Emotional Support Team engagiert, Expert:innen, die die Leute aufgefangen haben. Das war auch unbedingt nötig. Das psychologische Team war im Dauereinsatz.
Norbert Reichel: Die Hilflosigkeit, die die Teilnehmer:innen Ihres Workshops erlebten, spiegelt meines Erachtens sehr gut die aktuelle politische Lage in vielen Ländern angesichts der verschiedenen Krisen. Manche ziehen sich zurück in eine Art Cocooning, das nichts Krisenhaftes mehr an sich heranlässt, andere radikalisieren sich.
Lino Zeddies: Wir waren eine Mikrogesellschaft, in der Tat ein Spiegel der Makrogesellschaft. Manche Teilnehmenden fanden das super, weil sie jetzt machen konnten, was sie wollten. Andere hatten das Bedürfnis nach Sicherheit. Es war der klassische Zielkonflikt zwischen Freiheit und Sicherheit; Neues wagen oder an Bewährtem festhalten? Nur ja nicht zu schnell die Veränderung wagen! Es war möglich, diesen Konflikt wiederum in sich selbst zu beobachten, für alle Teilnehmer:innen, jede:r für sich. Kann ich in der Gruppe jetzt einen Vorschlag machen? Darf ich das? Überfordere ich die anderen? Bekomme ich Ärger? Es war sehr erhellend, sich diese Spannung bewusst zu machen, und das in einem absolut sicheren Setting!
Norbert Reichel: Das ist auch Thema in Ihren Büchern: „Utopia 2048“ haben Sie zu Beginn der Corona-Pandemie geschrieben, dann mehrfach aktualisiert und überarbeitet. Die Pandemie war eine Ausnahmesituation, in der eigentlich niemand mehr genau wusste, was zu tun war. Es gab viel Trial und Error. Und die Strukturen, die es dann gab, waren in einem hohen Maße autoritäre Strukturen, die wiederum Leute auf den Plan riefen, die selbst höchst autoritär denken, aber meinten, sie würden sich mit ihren Forderungen für die Freiheit einsetzen.
Lino Zeddies: Das war rückblickend eine spannende und zugleich sehr unangenehme Phase. Wie unterschiedlich die Leute sie wahrnahmen, hing zu einem Teil auch mit Privilegien zusammen. Wer beispielsweise einen großen Garten hatte, erlebte die Pandemie und die Phasen des Lockdowns anders als jemand, der in einer kleinen Wohnung oder gar in einem einzigen Zimmer gefangen war. Man konnte aber auch merken, dass das Runterfahren eines Systems mit weniger Verpflichtungen, mit dem Home-Office, dem engeren Kontakt in der Kernfamilie, mit den Kindern, neben den unangenehmen Seiten manchen auch Entspannung brachte.
Norbert Reichel: Den letztgenannten Aspekt sehe ich vor allem bei Menschen der sogenannten upper middle class.
Lino Zeddies: Es hängt eben mit Privilegien zusammen, die die einen haben und die anderen nicht.
Norbert Reichel: Es sind letztlich soziale Unterschiede, die die unterschiedliche Wahrnehmung bedingen, wie auch bei den anderen Krisen unserer Zeit, zum Beispiel der Frage nach der Energieversorgung oder einer nachhaltigen Landwirtschaft.
Lino Zeddies: Wir können das nicht voneinander trennen. Wir können großen Teilen der Bevölkerung nicht sagen, sie müssten jetzt ihr Leben ändern. Viele kann ich nicht dafür gewinnen, sich als Teil des ökologischen Systems zu sehen, wenn ich die sozialen Rahmenbedingungen oder Konsequenzen nicht mit bedenke. Es darf nicht zu einem Entweder-Oder kommen, entweder die Ökologie oder das Soziale.
Realutopien
Norbert Reichel: Prognosen sind immer schwierig und wir alle sind keine Propheten. Aber wie sehen Sie die Möglichkeiten, die von Ihnen für die Jahre 2045 beziehungsweise 2048 formulierten Ziele bei allen Unwägbarkeiten und Widerständen zu erreichen? Interessant finde ich, dass Ihre Vorschläge eigentlich gar nicht so weit hergeholt sind. Eigentlich gibt es das alles schon, als einzelnes Projekt zum Beispiel, als gute Praxis in der ein oder anderen Kommune, aber eben nur nicht in der Fläche. Vom Urban Gardening über Schwammstädte bis hin zu alternativen Mobilitäts- und Versorgungskonzepten und so manches mehr. Manches wurde real erprobt, manches als Fantasie beschrieben, beispielsweise im Solarpunk.
Lino Zeddies: Wir haben manches, das es schon gibt, einfach größer gedacht. Wir haben aber auch vieles miteinander verwoben und aus vereinzelten eher unbekannten Lösungen ein systemisches Gesamtgefüge zusammengebaut. Das war der Grundgedanke: Technisch ist das, was wir mit unseren Visionen beschreiben, absolut machbar. Die Lösungen sind technisch alle da, auch das Geld, aber es ist eine Frage des Willens. Das haben wir in der Pandemie festgestellt und im Ukrainekrieg. Wenn der politische Wille da ist, ist auch das Geld da. Wir haben keine irrealen Fantasien entwickelt, basierend auf existierenden Lösungen, die wir als Gesellschaft hochskalieren könnten und die man, wenn man etwas herumreist, auch schon überall beobachten kann.
Norbert Reichel: Mit dem Ukrainekrieg und der Pandemie nennen Sie zwei Beispiele, in denen man auf eine von außen ausgelöste Krise reagiert. Das sind keine Beispiele für eine Vision im Sinne Ihrer Zukunftsbilder.
Lino Zeddies: Sie zeigen aber, dass die Verwirklichung unserer Zukunftsbilder möglich wäre. Sie haben natürlich recht, dass die Politik zurzeit sehr reaktiv und kurzfristig agiert.
Norbert Reichel: Mir gefällt der von Ihnen verwendete Begriff der „Realutopie“. Seit 2022 gibt es auf Ihrer Internetseite die Infothek für Realutopien. Mich erinnert der Begriff an den von Ernst Bloch geprägten Begriff der „konkreten Utopie“. Ein anderer Begriff, den Sie gewählt haben ist der Begriff der „offenen Utopie“.
Lino Zeddies: Auch dann, wenn man sich auf der großen Ebene Anderes wünscht, haben wir auf der kleinen lokalen Ebene großen Spielraum, den wir nur erkennen müssen. In der Nachbarschaft, auf dem Arbeitsplatz kann man sich eine andere Realität schaffen, eine andere Kultur, wertschätzende Arbeitsverhältnisse aufbauen. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen, das ist viel Arbeit. Man muss sich Wissen aneignen, recherchieren, welche Realutopien es gibt, wie man sie gestaltet, wie man Beziehungen etabliert und nutzt, um diese Ziele zu erreichen. Wenn man sich auf die Suche begibt, wird man all diese Lösungen finden. Und wenn man sie umsetzt, kann man in der eigenen persönlichen Realität eine Realutopie schaffen.
Norbert Reichel: Dem will ich nicht widersprechen. Aber ein lokales Projekt ist noch keine umfassende Strukturpolitik.
Lino Zeddies: Das stimmt. Aber wenn sich viele Menschen die Macht, die sie haben, noch mehr nehmen würden, schaffen viele kleine Realutopien auch eine große Realutopie. Der Grundgedanke ist der, dass sich viele Menschen mit ihren kleinen Realutopien miteinander verbinden und ihre jeweils eigenen Utopien verweben. So entstehen auch Strukturen. Auch wenn es im Großen düster wirkt und Hoffnung verloren geht, muss man sich diese Macht erhalten, damit man nicht ausgeliefert ist. Wenn man dies im Kleinen tut, reibt man sich nicht im Großen auf. Es geht im Grunde auch um das Erlebnis von Selbstwirksamkeit. Utopie bedeutet eigentlich „Unort“. Wir könnten aus Utopia ein Eutopia machen, einen „guten Ort“.
(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Dezember 2025, Internetzugriffe zuletzt am 16. November 2024. Titelbild: Berlin Friedrichstraße Utopia 2048. Aeeroscape & Lino Zeddies, Wikimedia Commons, Genehmigung: Visual » Berlin Friedrichstraße Utopia 2048, Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0.)
