Alle tot? Mitnichten!
Warum wir gerade jetzt die „Buddenbrooks“ von Thomas Mann lesen sollten
„Gibt es ein richtiges Leben im Falschen, fragt ‚Buddenbrooks‘ und gibt darauf eine eindeutige Antwort: Nein.“ (Britta Dittmann, Barbara Eschenburg, Caren Heuer und Marie Limbourg, „Huch, alle tot? 101 Fragen & Antworten zu ‚Buddenbrooks‘“, Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 2026)
Lassen sich die „Buddenbrooks“ mit diesem Verweis auf die „Minima Moralia“ von Theodor W. Adorno (1952) lesen? Adorno schrieb die „Minima Moralia“ unter dem Eindruck der Shoah mit einem schon fast sarkastischen Blick auf eine von Männern in den Untergang hineingetriebenen Gesellschaft. In einer Passage mit der Überschrift „Tough Baby“ schreibt Adorno: „Das Ideal menschlicher Beziehungen ist ihm der Klub, die Stätte eines auf rücksichtsvoller Rücksichtslosigkeit gegründeten Respekts. Die Freuden solcher Männer, oder vielmehr ihrer Modelle, denen kaum je ein Lebendiger gleicht, denn die Menschen sind immer noch besser als ihre Kultur, haben allesamt etwas von latenter Gewalttat.“
Die Gesellschaft der „Buddenbrooks“ ist eine patriarchalische Gesellschaft, eine Gesellschaft von Männern, die sich ihrer herausragenden Stellung in ihrer Stadt bewusst sind, auch wenn sie möglicherweise selbst darunter leiden. Die politischen Verhältnisse formen den Menschen. Die politischen Verhältnisse und Ereignisse der Zeit, in der sich der Niedergang der Familie Buddenbrook ereignet, werden im Roman nicht im Detail ausgeführt, doch angedeutet: Revolution 1848 mit der Einführung eines (nur für Männer geltenden) allgemeinen und gleichen Wahlrechts, Reichsgründung 1871, Gründerkrach 1873. Einige Ausblicke auf die Vorgeschichte, beispielsweise die Niederlage der preußischen Armee im Oktober 1806 in der Schlacht bei Jena und Auerstedt, ergänzen den Blick auf die Welten des 19. Jahrhunderts.
125 Jahre „Buddenbrooks“
Zum 125. Jubiläum des ersten Romans von Thomas Mann, den „Buddenbrooks“, bietet das Buddenbrookhaus Lübeck im Herbst 2026 eine eigene Ausstellung, die durch mehrere Publikationen und Veranstaltungen vorbereitet und begleitet wird. Dazu gehören insbesondere das von Caren Heuer (Direktorin des Buddenbrookhauses), Britta Dittmann, Barbara Eschenburg und Marie Limbourg herausgegebene Buch „Huch, alle tot? 101 Fragen & Antworten zu ‚Buddenbrooks‘“ und eine Ringvorlesung, in der namhafte Wissenschaftler:innen den Roman aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten (die Beiträge der Ringvorlesung sind auf der Seite des Buddenbrookhauses beziehungsweise auf youtube als Video verfügbar und auch im Katalog der Ausstellung nachlesbar).
Der Musiktheoretiker Jan-Christian Wagner hat mit Studierenden der Musikhochschule Lübeck die Vortragsreihe musikalisch mit Werken gerahmt, die in „Buddenbrooks“ eine zentrale Rolle spielen. Er beteiligte sich – angesichts der Vorlieben von Gerda und Hanno Buddenbrook nicht verwunderlich – an der Ringvorlesung mit einem eigenen Vortrag zur Musik in den „Buddenbrooks“. Doch Musik ist nicht alles, auch wenn manche Leser:innen geneigt sind, die Musik, nicht zuletzt die Musik Richard Wagners in der Brechung der Kommentare von Friedrich Nietzsche, zu einem der zentralen Gründe des Niedergangs der Familie zu erklären. Die Musik dominiert auch in der Rezeption der Romane und Erzählungen Thomas Manns. Luchino Visconti macht in seiner Verfilmung der Novelle „Der Tod in Venedig“ aus dem Schriftsteller Gustav Achenbach einen Musiker, der – gespielt von Burt Lancaster – durchaus dem Komponisten Gustav Mahler ähnelte.
Hier ist nicht der Ort, die umfangreiche Forschungslage zu den „Buddenbrooks“ zu referieren oder gar zu kommentieren. Wer die „Buddenbrooks“ jedoch neu entdecken möchte, beginnt vielleicht mit dem schmalen, aber höchst inhaltsreichen Buch „Huch, alle tot?“ Ergänzend sollte sicherlich der ein oder andere Beitrag der Ringvorlesung motivieren, den ein oder anderen Aspekt zu vertiefen. Auf jeden Fall wird man bei der Lektüre von „Huch, alle tot?“ in sich das Gefühl verspüren, dass sich dieser Jahrhundertroman auch ganz anders lesen ließe als wir es vielleicht in den Schulstunden unserer Vergangenheit gelernt hatten. Und wer in seiner Schulzeit allenfalls den „Tonio Kröger“, vielleicht noch „Der Tod in Venedig“ gelesen hat, könnte übersehen, dass der bei Thomas Mann angeblich dominierende Gegensatz von „Künstler“ und „Bürger“ nur eine Facette eines viel breiter gefächerten Themenspektrums ausmacht, nicht zuletzt in seinem Erstling, den „Buddenbrooks“. Immerhin spiegeln insgesamt 420 Haupt- und Nebencharaktere aus vier Generationen (Frage 9 des Buches) den Mikrokosmos der vielfältigen Welten des in der Regel als bürgerlich bezeichneten 19. Jahrhunderts.
Der Roman trägt einen Untertitel, den man in der heutigen Sprache als „Spoiler“ bezeichnen könnte: „Verfall einer Familie“. Aber wer oder was verfällt da eigentlich? Und warum? Die Antwort mag simpel klingen. Eine alt eingesessene und hoch angesehene Kaufmannsfamilie verliert ihre gesellschaftliche Bedeutung. Ob es sich um eine Lübecker Familie handelt, lässt sich aus der Schilderung mancher Orte vermuten, doch wird der Name der Stadt „kein einziges Mal erwähnt“. Die Herausgeber:innen von „Huch, alle tot?“ sehen darin einen Verweis auf die über eine konkrete Stadt und eine konkrete Familie hinausreichende Bedeutung des Romans: „Die hier verhandelten Themen sind von allgemeiner Gültigkeit und weltweit verständlich – nicht nur in Lübeck.“ (Frage 5)
Der Bedeutungsverlust der Familie gipfelt im Tod des Konzernchefs Thomas. Sein Bruder Christian, der immer schon skurril wirkte, ist ohnehin – zumindest nach dem Urteil der Familie und der feinen Gesellschaft der Stadt – nicht so ganz zurechnungsfähig, sodass seine Unterbringung in der Psychiatrie geradezu konsequent erscheint. Aber seine „Unterbringung wird nicht als Skandal inszeniert, sondern eher als pragmatische Notwendigkeit für die bürgerliche Gesellschaft, die weiß, ‚wohin mit den vermeintlichen Irren‘.“ (Frage 35) Der Sohn Hanno, der der einzige männliche Erbe war, stirbt an Typhus, hatte aber ohnehin nicht viel Neigung zur Geschäftswelt, sondern widmete sich lieber der Musik, die er durch seine Mutter Gerda schätzen gelernt hatte. In der bürgerlichen Gesellschaft hatte Hanno eh keine Chance, vermag sich von deren Ansprüchen jedoch auch nicht zu lösen: „Der Schuldirektor wiederum möchte untüchtigen Schülern wie Hanno die Karrierechancen verderben. Hanno verliert ob solcher Behandlung mit der Zeit an Selbstbewusstsein und ist letztlich davon überzeugt, dass er nichts kann, nichts will und nur noch sterben möchte.“ (Frage 14)
Es dreht sich (fast) alles um Tony
Die Männer sterben oder verschwinden – wie Christian – aus dem Gesichtsfeld der Gesellschaft der Kaufleute. Die Frauen überleben: Tony Buddenbrook, die Schwester, die zwei unglückliche Ehen übersteht und vielleicht sogar als die fähigere Unternehmenschefin hätte wirken können, wenn Frauen eine solche Rolle in der patriarchalischen Gesellschaft ihrer Zeit zugestanden worden wäre, Gerda, die musizierende Ehefrau von Thomas, die sich nach dem Tod ihres Ehemannes wieder aus der Gesellschaft der Stadt zurückzieht, aber auch Sesemi Weichbrodt, die die Familie von Anfang an begleitet und am Schluss ein wenig die Rolle des alten Briest aus Fontanes „Effi Briest“ zu übernehmen scheint.
Die Lehrerin Sesemi Weichbrodt, die in ihrem Mädchenpensionat unter anderem Tony und deren Tochter Erika unterrichtet, sagt zum Schluss nur drei Worte, die im Roman kursiv gedruckt sind: „Es ist so!“ Der Erzähler der Buddenbrooks kommentiert: „Sie stand da, eine Siegerin in dem guten Streite, den sie während der Zeit ihres Lebens gegen die Anfechtungen von seiten ihrer Lehrerinnenvernunft gefühlt hatte, bucklig, winzig und bebend vor Überzeugung, eine kleine, strafende, begeisterte Prophetin.“ Damit steht sie im Werk Thomas Manns nicht alleine da. Eine Figur nach ihrem Muster erscheint im „Doktor Faustus“ in der Gestalt der Else Schweigestill, die den Tod Adrian Leverkühns mit Vorwürfen an die ach so gebildeten Weggefährten des Komponisten kommentiert: „Macht’s euch davon allesamt! Ihr habts ja ka Verständnis net, ihr Stadtleut, und da k’hert a Verständnis her! Viel hat er von der ewigen Gnaden geredt, der arme Mann, und i weiß net, ob die reicht. Aber ein recht’s menschlich’s Verständnis, glaubts mir, des reicht für all’s.“
Nur was mag Sesemi Weichbrodt prophezeien? Oder was will Else Schweigestill mit „menschlich’s Verständnis“ andeuten? Ich wage die These: Eine von Frauen geprägte Zukunft. In der Gestalt der Tony Buddenbrook scheint sich – wenn auch in ironisierender Form – eine solche Perspektive anzudeuten. Tony bezeichnet sich in feiner Selbstironie als „Gans“ und in „Huch alle tot?“ gibt es ein Kapitel mit der Überschrift „Eine Gans namens Tony?“ (Frage 11) Vielleicht dachte Thomas Mann bei der „Gans“ an die aufmerksam-klugen Gänse der Juno, die Rom vor dem Einfall der sogenannten Barbaren unter der Führung des Brennus retteten. Die Herausgeber:innen des Buches kommentieren: „Der Verfall kann Tony nichts anhaben, da sie seit ihrer Jugend eine stabile Konstitution und psychische Stärke hat und sich nicht scheut, ihre Gefühle zu zeigen. Zudem findet sie Trost in romantischen Erinnerungen an ihre erste und einzige Liebe Morten Schwarzkopf.“ (Frage 11)
Veronika Schuchter, Germanistin an der Universität Innsbruck, überschreibt ihren Beitrag zur Ringvorlesung mit durchaus provokativem Unterton: „Dumme Gans und femme fatale oder: Männer die auf Frauen starren.“ Die Power-Point-Folien ihres Vortrags schmückt Veronika Schuchter mit Gänsen. Sie stellt lapidar fest, dass Tony mit dem leben kann (und muss), das „ihr das Patriarchat zur Verfügung stellt“. Schon ihr Name weist jedoch darüber hinaus: Er könnte männlich wie weiblich gelesen werden. Tony pflegt das in einem Buch, der Chronik der Familie, schriftlich fixierte Familiengedächtnis, das Hanno mit einem doppelten Schlussstrich beenden zu müssen meint, weil er glaubt, es käme nichts mehr. Literarisch darf diese Szene als Vorausdeutung auf das Ende des Romans gelesen werden. Dieser Schlussstrich kennzeichnet jedoch auch die noch vorhandenen Hoffnungen des Jungen, es könnte für ihn eine andere Perspektive geben als die von der Familie vorgegebene. Eigentlich wäre – so Veronika Schuchter – es die Aufgabe des Familienoberhaupts Thomas, die Familienchronik zu führen, doch Tony übernimmt, ohne Vater oder Bruder zu fragen, und Thomas scheint im Grunde auch keine Einwände gegen Tonys Engagement zu haben. Tony wird zur „Zeremonienmeisterin“ der Familie und entwickelt geradezu eine „Obsession“ für die Familienchronik (Frage 45), doch all dies immer mit einem gewissen Understatement. Veronika Schuchter zitiert sie in ihrem Vortrag mit der folgenden Reflexion ihres Travemündeerlebnisses: „Ich habe da, was Anschauungen und Kenntnisse betrifft, weißt du, für mein ganzes Leben viel gelernt, und wenn nichts Anderes dazwischen gekommen wäre, allerhand Ereignisse … kurz, wie es im Leben so geht … So hätte ich dummes Ding wohl noch Manches profitiert.“
In Travemünde hatte sich Tony in Morten Schwarzkopf verliebt, der demokratische Ideen im Sinne der 1848er vertrat, den sie aber nicht heiraten durfte, weil er nicht standesgemäß war. Das Gefühl, aus dem Trott der feinen Gesellschaft der Lübecker Kaufleute ausbrechen zu wollen oder vielleicht entgegen den gesellschaftlichen Erwartungen sogar zu müssen, hatte aber auch ihr Bruder Thomas. Auch Thomas hatte die Chance zu einer anderen Zukunft. Er „verliebt sich vor seiner Ehe in ein Mädchen aus einfachen Kreisen: die Blumenverkäuferin Anna Iversen, Anna wird Thomas bis zur letzten Stunde nicht vergessen und ihn an seinem Sterbebett besuchen.“ (Frage 77) Vielleicht ist Tony sogar eine Art Alter Ego des Familienoberhaupts. Sie überlebt, aber ihre ihr mehr oder weniger angedienten Ehen belegen die gesellschaftlich verbrieften Grenzen, denen sie sich ebenso zu unterwerfen hat wie Thomas.
Morten Schwarzkopfs Ansichten spiegeln sich in einer weiteren Frauengestalt des Romans. Die Köchin Trina wird von ihrer Herrschaft, den Eltern von Thomas und Tony, kritisiert, sie habe die Chalottensauce verpatzt. Quel malheur! Trina wehrt sich und verkündet den verschreckten Herrschaften, eines Tages würde sie auf dem Sofa sitzen und die Herrschaften würden sie bedienen. Sie verlässt das Haus und schließt sich einer Demonstration an. Wir sind im Jahr 1848 und ihr Verhalten wird dem „Einfluss eines Schlachtergesellen“ zugeschrieben (Frage 27). Kann eine Frau solche Ideen haben, ohne dass sie durch einen Mann beeinflusst wird? Diese Frage ließe sich auch anlässlich der Verliebtheit von Tony Buddenbrook in Morten Schwarzkopf stellen.
Die demokratischen Ideen der 1848er Zeit werden nicht einmal von allen Menschen niederen Standes – wie man das damals so nannte – geteilt. Von einer Art Klassenbewusstsein, wie man es vielleicht 50 Jahre später unter dem Einfluss der Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels propagieren würde, ist 1848 keine Rede und auch Thomas Mann hätte einen solchen Begriff nie benutzt. Alles hat seine Ordnung, so etwas wie Klassenbewusstsein gibt es unter anderem Namen nur in der feinen Gesellschaft. Tony Buddenbrook ist keineswegs frei von Standesbewusstsein oder gar Standesdünkel. Ständig erzählt sie, dass sie bei ihren Großeltern eine hervorragende „Chokolade“ getrunken habe und dass ihr Großvater „noch vierspännig über Land gefahren sei: Schokolade und Pferdekutsche als Insignien für Wohlstand und Klasse.“ (Frage 89)
Ein Gegenbild zu Tony ist die im Haus der Buddenbrooks aufwachsende Cousine Klothilde, Tochter eines armen Verwandten, die ihre späten Jahre in einem Stift für verarmte Frauen verbringt: „Während Tony beleidigt ist, weil man sie tadelt, erduldet Klothilde alles mit Gleichmut.“ (Frage 22). Klothilde stellt keine Ansprüche. Mehr wird von Klothilde aber auch nicht erwartet. Eine Schweigende ist auch Gerda, wenn auch aus einer völlig anderen Motivation, denn sie ist immerhin die Ehefrau des Familienoberhaupts. Sie wird als „geheimnisvolle Erscheinung“ eingeführt, die niemand so recht in die üblichen Kategorien der Gesellschaft einordnen kann. Sie „ist eine elegante, aber fremdartig wirkende Frau, die scheinbar nicht altert. Gefühlsäußerungen sind von ihr kaum zu beobachten, allein beim Musizieren mit der Geige zeigt sich ihr Temparament.“ Ausdrücklich wird im Roman ihre Attraktivität mit der Höhe der Mitgift verbunden, aber sie signalisiert in ihrer Musikalität auch eine andere Seite von Thomas, die dieser selbst noch nicht entdeckt hat. (Frage 15). Gerda – so Veronika Schuchter – wird angeschaut, sie spricht kaum und sie wird über ihr Aussehen eingeführt, bevor der Blick schließlich auf ihre Mitgift gerichtet wird.
Ein Leben jenseits der Kaufleute
Es wäre durchaus denkbar gewesen, den Niedergang der Geschäfte der Familie auf den Gründerkrach zu beziehen, der auch andere Familien in den Ruin trieb. Doch bei Thomas Mann wird dieses Schicksal individualisiert, damit allerdings nicht entpolitisiert, denn in diesem Thema spiegelt sich das Bild eines gefährdeten, dem Untergang anheimgegebenen Patriarchats. Ein Problem der Familie scheint gerade auch die Fixierung der Verantwortung für das Gedeihen der Geschäfte auf jeweils eine Person zu sein. Das im Roman geschilderte Leben der Kaufleute mag als Element eines realistischen Romans gelten, aber möglicherweise ist es auch Metapher einer gesellschaftlichen Entwicklung, die selbst die klügsten Kaufleute nicht aufhalten können.
In diesem Kontext wird auch immer wieder diskutiert, wie sehr Thomas Mann die wirtschaftlich prekären Entwicklungen in seiner eigenen Familie in seinen Roman hineingeschrieben habe. Mit dieser Frage setzt sich „Huch, alle tot?“ bereits zu Beginn in mehreren Kapiteln auseinander. Der Vorname des Familienoberhaupts Thomas mag ein Indiz sein, es wird aber auch darüber spekuliert, ob Thomas Mann möglicherweise etwas von sich selbst in die Figur des Hanno oder die Figur von dessen Freund Kai Graf Mölln gelegt habe. Diese beiden möchten sich der Kunst widmen, der eine der Musik, der andere der Literatur, im Übrigen nach dem Vorbild von Edgar Allan Poes „Der Untergang des Hauses Usher“.
Einen Hinweis auf biografische Bezüge im Roman sehen manche in einem Satz, den Thomas Mann selbst formulierte. „Er ruft den Lübeckern zu: ‚Nicht von Euch ist die Rede, gar niemals, (…) sondern von mir, von mir…‘“ (Frage 7). Die feinen Lübecker mochten den Roman nicht, fühlten sich „beschmutzt“ – so Thomas Manns Onkel Friedrich, der sich in Christian wiederzuerkennen glaubte (Frage 92). Es geht jedoch nicht um einzelne Personen. Mich erinnert diese Äußerung von Thomas Mann an eine Äußerung von Gustave Flaubert über seinen Roman „Madame Bovary“: „Madame Bovary, c’est moi.“ Nur wen oder was meinte Flaubert, die Figur der Emma Bovary oder den Roman? Eben diese Frage darf man Thomas Mann stellen und zu diesem Schluss kommen auch die Herausgeber:innen von „Huch, alle tot?“: „Überall im Werk steckt ein Stück Thomas Mann: in Hanno, in Kai, in Thomas, in Christian und auch in Hanno.“ (Frage 7). Ich würde allerdings noch einen Schritt weiter gehen und die Zeichnung der Frauenfiguren im Roman sowie die im Roman erzählte Geschichte auf seinen Autor zu beziehen. „Huch, alle tot?“ stellt die berechtigte Frage: „Kritik oder Chronik“? „Das Schicksal der Familie Buddenbrook markiert exemplarisch das Ende des bürgerlichen Zeitalters, dessen Regeln von der ‚richtigen‘ Heirat bis hin zum erfolgreichen Geschäftemachen in einer modernen Welt nicht bestehen können. Im Gegenteil: Sie führen ins Unglück, zum Tod in der Gosse, ins Irrenhaus und ökonomisch zur Pleite. Schärfer kann eine Kritik am bürgerlichen Leben und Arbeiten kaum ausfallen.“ Somit erweisen sich die Begriffe der „Kritik“ und der „Chronik“ zwei Seiten einer Medaille, nicht zuletzt aufgrund der hohen Bedeutung der Familienchronik, die „zum entscheidenden literarischen Dokument avanciert“ (Frage 91). Was in der wirklichen Welt nicht auf Dauer ist, bleibt in der Chronik erhalten.
Hans Wißkirchen, Präsident der Thomas-Mann-Gesellschaft, hat in seinem Vortrag „Der unsichtbare Mann – Männlichkeit und Maskerade in ‚Buddenbrooks“ zwei Thesen miteinander verbunden. „Buddenbrooks sind ein männliches Buch – zumindest auf den ersten Blick.“ Aber: „Das Offensichtliche ist nicht das Ganze.“ Hans Wißkirchen begründet diesen scheinbaren Widerspruch zunächst mit der unsicheren Sexualität von Thomas Mann – wie sie sich auch in „Der Tod in Venedig“ finden ließe – und verweist auf das Schicksal der Nibelungen bei Richard Wagner. Auch dort sind am Ende alle Männer tot. Frauen haben das letzte Wort, die Rheintöchter schwimmen mit dem Ring davon. Thomas passe sich mit der Zeit an Gerda an: Er fällt dadurch auf, dass es ihm immer schwerer wird, morgens aufzustehen, er pflegt eine ausführliche viel Zeit in Anspruch nehmende Toilette, selbst vor dem Essen im Familienkreis. Alles wird zur Pflicht. Auch bei ihm wird wie bei Gerda eine „vornehme Blässe“ diagnostiziert, nur mit dem Unterschied, dass diese bei ihm als Zeichen einer Krankheit gilt. Die Realität der Firma scheint ihm zu entgleiten, so muss Tony ihn an das 100jährige Jubiläum erinnern. Hans Wißkirchen zitiert aus dem Roman: „Einige Male befiel ihn bei Tische die Empfindung, daß er schon nicht mehr eigentlich mit den Seinen zusammensitze, sondern in eine gewisse, verschwommene Ferne entrückt, zu ihnen hinüberblicke (…)“. Er werde zum Schauspieler, „eines solchen aber, dessen ganzes Leben bis auf das geringste und alltägliche Kleinigkeit zu einer einzigen Produktion geworden ist (….).“
Etwas Richtiges im Falschen?
Das Gegenbild zu Thomas Buddenbrooks sind die Hagenströms. Sie „bilden den rivalisierenden Gegenpol zur Familie Buddenbrook.“ Ihre Geschichte ist „eine Aufsteigergeschichte“, die – auch das muss gesagt werden – in der Darstellung der Physiognomie der Familie antisemitische Klischees reproduziert. (Frage 57) Natürlich hat Thomas Buddenbrook auch Pech, als er das Risiko eingeht, eine Ernte auf dem Halm zu kaufen, die dann aber durch Hagelschlag vernichtet wird (Frage 59). Die Betrügereien der beiden Ehemänner Tonys kommen hinzu (Frage 58), können aber auch als zwangsläufige Folge eines ausschließlich am äußeren Schein orientierten Urteil über das Wirtschaftsvermögen Dritter interpretiert werden, sodass sich abzeichnende wirtschaftliche Katastrophen (es ließe sich durchaus eine Linie vom Gründerkrach bis hin zum Fall der Lehman Brothers ziehen) einfach nicht ins Kalkül einbezogen werden. Es ist schon fast zwangsläufig, dass auch die Ehe von Erika, der Tochter Tonys, scheitert. Im Gegensatz dazu scheinen die arrangierten Ehen der Kinder Hagenströms zu gelingen (Frage 58), zumindest in der Zeit der im Roman erzählten Geschichte.
Der Thomas Mann, der die „Buddenbrooks“ schrieb, war weder Frauenrechtler noch Demokrat, zumindest nicht im Sinne einer liberalen Demokratie. Im Gegenteil: Im Unterschied zu seinem Bruder Heinrich wandte er sich erst in den 1920er Jahren der liberalen Demokratie zu und wurde im Exil nach 1933 zu ihrem engagierten Verfechter. Das Buddenbrookhaus hatte dieser Seite von Thomas Mann im Jahr 2025 eine eigene Ausstellung gewidmet, die auf seinem Rückblick „Meine Zeit“ aus dem Jahr 1950 beruhte und von der Direktorin Caren Heuer im Demokratischen Salon unter der Überschrift „Demokratie ist Humanität“ vorgestellt wurde.
Thomas Buddenbrook liest keine politischen, keine historischen Bücher, selbst die Familienchronik rückt aus seinem Bewusstsein. Aber er entdeckt den Philosophen Arthur Schopenhauer und vertieft sich in dessen ganz und gar nicht zur Welt der Kaufleute passende Reflexionen (Frage 36). Sein Interesse für den Katholizismus relativiert das Ethos des protestantischen Kaufmanns. Wirtschaftlicher Wohlstand ist eben nicht alles. Darauf verweisen auch verschiedene Rituale im Roman, beispielsweise zu Weihnachten oder die Jerusalemabende (Frage 43), die in der Praxis Einblicke in das emotionale Verhältnis der Familie zur Religion erlauben. Diese Rituale zeigen jedoch auch, dass Religion vor allem ein Teil gesellschaftlicher Konventionen ist und nicht unbedingt auf tiefere Gefühle verweisen muss, die so etwas wie einen bestimmten moralischen Kompass signalisierten. „Bete und arbeite“ war noch der Wahlspruch von Konsul Jean Buddenbrook, der aber schon „ahnt, dass seine Kinder sich nicht seinen Wünschen gemäß entwickeln.“ (Frage 17) Mit dem wirtschaftlichen Niedergang vollzieht sich auch ein Bedeutungsverlust der Rituale, die immer beiläufiger gepflegt werden.
Die Herausgeber:innen von „Huch, alle tot?“ stellen die Frage, was für ein Roman die „Buddenbrooks“ eigentlich seien, ein „Familienroman“, ein „Generationenroman“, ein „Gesellschaftsroman“. In der Forschung seien noch weitere Zuschreibungen zu finden wie „Kaufmanns-, Décadence-, philosophischer und psychologischer Roman, auch Nervenroman“. Aber „vielleicht liegt in ihrer Vielfalt die Erklärung für den zeitlosen Erfolg des Textes begründet“. (Frage 98) Die Frage ist letztlich nicht beantwortbar, muss auch nicht beantwortet werden, es reicht, den Roman neu zu entdecken und sich ein Bild einer Gesellschaft zu erlesen, in der – wie in allen Gesellschaften – irgendwann der Punkt erreicht wird, dass sich etwas Gewohntes, Vergangenes auflöst, auch wenn sich das Neue noch nicht abzeichnet. Der italienische Politiker und Philosoph Antonio Gramsci schrieb im Jahr 1930 im Gefängnis, er sehe „die Krise (…) in der Tatsache, dass das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann“ und fügte hinzu, dass es in der Zwischenzeit „zu den unterschiedlichsten Krankheitserscheinungen“ käme. So ließen sich auch die „Buddenbrooks“ lesen. Oder anders gesagt: Das für „richtig“ erachtete Leben ist irgendwie immer ein „falsches“ und dennoch enthält es auch „Richtiges“. Dieses „Richtige“ mögen die zukünftigen Lebenswege von Tony, Gerda oder der Köchin Trina und die im Roman stetig präsenten Ideen des Morten Schwarzkopf andeuten. Vielleicht.
Norbert Reichel, Bonn
(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Oktober 2026, Internetzugriffe zuletzt am 5. Oktober 2026. Titelbild : Aus der Ausstellung „Meine Zeit“ aus dem Jahr 2025 im Buddenbrookhaus, Fotografin: Leevke Draack. Rechte beim Buddenbrookhaus.)

