„Denk’ ich an Deutschland …“
Ein Fotoprojekt von Ralf Baumgarten
„Denk ich an Deutschland in der Nacht, / Dann bin ich um den Schlaf gebracht, / Ich kann nicht mehr die Augen schließen, / Und meine heißen Tränen fließen.“ (Heinrich Heine, Nachtgedanken, 1844)
Heinrich Heine formulierte diesen Gedanken aus der Sicht eines Menschen, der sich aus dem französischen Exil nach Deutschland zurücksehnt. Er sehnt sich nach seiner Mutter, die er nicht in die Arme schließen kann. In der Rezeption werden in der Regel nur die ersten beiden Verse zitiert, aus denen viele schließen, in dem Gedicht gehe es um Deutschland als Schreckensort. Das ist jedoch nur ein Teil der Wahrheit.
Deutschland ist ein Land voller Widersprüche – wie eigentlich jedes andere Land auch. Es irritiert, nicht zuletzt aufgrund der langen Geschichte deutscher Verbrechen. Inzwischen scheint das Land jedoch seinen Frieden in der Europäischen Union gefunden zu haben. Deutschland ist ein attraktives Land geworden, eines der wohlhabendsten Länder der Welt, das für viele Menschen ein Sehnsuchtsort, ein Traumland ist, weil sie sich von Deutschland versprechen, dass es dort gute Arbeit gibt, es sich lohnt, eine Familie zu gründen und zu eigenem Wohlstand beizutragen wie zu dem des Landes und der Welt. Und dennoch greift nach innen wie nach außen immer wieder eine merkwürdige Angst um sich. „German angst“ hat es in manch andere Sprachen geschafft, ebenso wie „weltanschauung“, „kindergarten“, „gemuetlichkeit“, „waldsterben“ und „blitzkrieg“. In US-amerikanischen Regionen mit ehemals hoher deutscher Zuwanderung feiern Menschen „Octoberfest“ oder „German gemuetlichkeitsfest“.
Der Fotokünstler Ralf Baumgarten hat sich all dieser Widersprüche angenommen. Er hat in seinem Fotoprojekt „Denk’ ich an Deutschland“ Menschen, die in Deutschland leben, Menschen, die dort geboren sind, Menschen, die irgendwann aus welchen Gründen auch immer in Deutschland eingewandert sind, gebeten, die ersten vier Worte des Gedichts von Heine zu vervollständigen: „Denk ich an Deutschland ……“. Heinrich Heines Gedicht endet vielleicht überraschend: Auch in fernem Land gibt es jemanden, der eine schöne Gegenwart verkörpert: „Gottlob! durch meine Fenster bricht / Französisch heitres Tageslicht; / Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen, / Und lächelt fort die deutschen Sorgen.“ Nun ja, sorgen muss man sich in und um Deutschland wohl schon, aber vielleicht gibt es doch eine ganze Menge verschiedener Perspektiven, worum man sich sorgen sollte.
Eine Zeitreise mit Kamera
Norbert Reichel: Worum geht es in Ihrem Projekt?
Ralf Baumgarten: In meinem Projekt fotografiere ich Menschen in Deutschland mit einer alten Fachkamera, einer Plaubel. Das ist eine längst untergegangene Marke aus Frankfurt am Main, die in meinem Geburtsjahr, dem Jahr 1960, eingeführt wurde. Es dauert einige Zeit, sie aufzubauen. Wenn ich dann mit dem Auslöser in der Hand vor den Menschen stehe, die ich fotografieren möchte, bitte ich sie, in das Objektiv zu schauen. Ich sage ihnen, denken Sie, denke du doch bitte jetzt an Deutschland. Dann macht es Klick und ich habe das Bild im Kasten. Unmittelbar danach frage ich die Leute, was sie in dem Augenblick des Klicks gedacht haben.
Die Menschen, die ich fotografiere, sind vorgewarnt, dass diese Frage kommt. Ich bitte jedoch alle, sich vorher nichts zurechtzulegen, und hoffe, dass sie sich einigermaßen daranhalten. Das weiß man natürlich nie. Es gibt nun einmal auch Leute, die drei schlaflose Nächte verbringen und sich ständig überlegen, was sie in dem Augenblick, in dem es Klick macht, denken könnten. Und dann gibt es die Spontanen. Die sind natürlich die einfachsten und mir eigentlich auch die liebsten. So oder so kommen ganz spannende Zitate heraus, manchmal auch sehr unerwartete.
Norbert Reichel: Mit der Wahl der Kamera reisen Sie mit den von ihnen fotografierten Menschen in eine vergangene Zeit. Viele der Menschen, die sie fotografieren, waren noch nicht geboren, als diese Kamera konzipiert und gebaut wurde. Was zeichnet diese 66 Jahre alte Kamera aus?
Ralf Baumgarten: Die Kamera ist ziemlich statisch, sehr schwer. Sie steht auf einem schweren Stativ. Sie besteht aus einer sogenannten optischen Bank, das ist eine Art Rohr sowie aus einer Vorder- und einer Hinterstandarte. Dazwischen befindet sich eine lichtdichte Kammer. Je nachdem, wie ich den Abstand zwischen Vorder- und Hinterstandarte wähle, wird das Bild schärfer oder weniger scharf. An der Vorderstandarte befindet sich ein ebenfalls ziemlich schweres Objektiv, hinten eine Mattscheibe, die ungefähr DIN-A-4-groß ist, auf die man schaut. Ich bewege Vorder- und Hinterstandarte zueinander, bis das Bild an einer bestimmten Stelle scharf wird. Ich möchte jetzt nicht im Einzelnen die dahinter liegenden optischen Gesetze erklären. Auf jeden Fall findet eine Projektion der Welt vor der Kamera statt, das Licht wird auf die Mattscheibe projiziert, das Bild steht auf dem Kopf.
Man muss sich sehr genau überlegen, wo und wie man fotografieren möchte. Die Personen, die ich fotografiere, versuche ich immer ein wenig aus der Mitte des Bildes herauszurücken, in einer Art Goldenem Schnitt. Ich muss darauf achten, dass an der Kamera alles schön parallel eingestellt ist. Sie hat sehr viele Verstellmöglichkeiten, von denen ich die meisten gar nicht nutze. Was ich aber nutze, ist das Rückteil an der Hinterstandarte, das ich nach oben oder nach unten bewege, um die Position und die Höhe der Person im Bild zu regulieren. Ich versuche bei der Komposition oben und unten den richtigen Abstand zum Rand zu halten.
Bevor ich die große Kamera aufbaue, suche ich mit einer kleinen Digitalkamera, einer Spiegelreflexkamera mit einem Normalobjektiv, die optimale Position: Wo ich die Person aufnehme, wo die Kamera zu stehen hat. Mit Hilfe der eingebauten Wasserwaagen sorge ich dann dafür, dass die Kamera erstmal gerade steht.
Die Menschen vor der Kamera
Norbert Reichel: Wie arbeiten Sie mit den Personen, die Sie fotografieren? Es handelt sich ja um ganz normale Menschen, keine professionellen Models.
Ralf Baumgarten: Wir erarbeiten das Entstehen der Fotografie gemeinsam. Wir besprechen alle Details. Es gibt unglaublich viele Möglichkeiten, die sich mehr oder weniger von einander unterscheiden, ob man breitbeinig steht, in einer Stand-Spielbeinhaltung, leicht schräg, wenn ja, in welche Richtung, ob man die Hüfte etwas vor- oder zurücknimmt, ob man ein Knie belastet, die Hände in den Hosentaschen hat oder sie überkreuzt, vielleicht die Hände aneinander reibt wie die Gewichtheberin, die ich fotografiert habe, mit der Kreide, bevor sie die Stange anfasst, an deren Ende die Gewichte montiert sind. Ich habe erlebt, dass es für die Menschen, die vor der Kamera stehen, ein spannendes Erlebnis ist, das so mitzumachen und an dem Prozess beteiligt zu sein. Es macht den Fotografierten auch Spaß. Ich habe noch niemanden erlebt, der oder die ungeduldig mit den Füßen scharrt, weil es noch nicht losgeht. Mitunter verschwinde ich unter dem schwarzen Tuch, das hinten über der Mattscheibe hängt. Das Tuch hat einen Bleirand, damit es nicht vom Wind hoch geweht wird. Dabei kontrolliere ich die Schärfe noch einmal und bitte die Leute, sich dann nicht mehr zu bewegen, weil das Bild sonst unscharf würde.
Norbert Reichel: Wie haben Sie die Leute gefunden?
Ralf Baumgarten: Man kennt jemanden, der jemanden kennt. Oder ich sehe jemanden auf der Straße, den ich spannend finde, der mich interessiert. Verschiedene Leute habe ich auf der Straße angesprochen, zum Beispiel einen Herrn mit Lederkappe, der gerade zu einem Fetischfestival ging. Als ich auf dem Heimweg bei ihm mit dem Fahrrad vorbeifuhr, habe ich spontan angehalten und ihn angesprochen. Das habe ich schon mehrfach so gemacht. Ich habe dabei relativ viel Erfolg gehabt.
Norbert Reichel: Wann findet die erste Ausstellung statt?
Ralf Baumgarten: Es beginnt mit einer Ausstellung in Saarbrücken, in der Galerie Sali e Tabacchi. Die Vernissage findet am 8. November 2026 statt, die Ausstellung ist dann ab dem 9. November bis zum 6. Dezember 2026 zu sehen. Den Betreiber der Galerie, Albert Herbig, kenne ich seit Jugendtagen. Er macht auch selbst Kunst, ist sehr engagiert. Er hat sich mit dieser kleinen Galerie im Saarland einen Namen gemacht.
Rückblick im Alter
Norbert Reichel: Ich schlage vor, dass wir uns jetzt einige Menschen anschauen, die Sie fotografiert haben.
Ralf Baumgarten: Der erste, den ich fotografiert habe, war Michael. Er ist 74 Jahre alt und hat vor seiner Pensionierung als Lehrer gearbeitet. Er sagte: „Ich habe an Helmut Kohl gedacht. Nee wirklich, ohne Sch…!“ Er hat das Sch-Wort natürlich ausgesprochen. Ich habe es dann mit Pünktchen abgekürzt.
Norbert Reichel: Mit diesem Sch-Wort sagt er ja nichts über Helmut Kohl. Er ist nur einfach erstaunt, dass er eben an Helmut Kohl gedacht hat.
Ralf Baumgarten: Das ist nicht ungewöhnlich. Michael gehört etwa zu unserer Altersgruppe. Helmut Kohl hat uns alle über Jahrzehnte begleitet, mitgeprägt. Wir fanden ihn alle entweder mehr oder weniger gut. Er ist, ob wir es wollen oder nicht, Teil unserer Identität.
Norbert Reichel: Wir haben ihn schon Mitte der 1970er Jahre erlebt, als er noch – zunächst erfolglos – gegen den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt ein Ergebnis holte, das knapp unter 50 Prozent lag, aber dann doch nicht reichte, weil SPD und FDP miteinander koalierten. Es gibt eine ganze Menge Leute, nicht in unserer Altersgruppe, aber bei denen, die in den späten 1970er oder in den 1980er Jahren geboren sind, die nie jemand anderen als Kanzler erlebt haben, bis in das Jahr 1998, als Helmut Kohl die Wahl gegen Gerhard Schröder verlor, im Übrigen die einzige Bundestagswahl, bei der nach der Wahl nur Parteien die Regierung stellten, die in der Legislaturperiode davor nicht an der Regierung beteiligt waren. Es war später ähnlich bei denen, die in den 2000er Jahren geboren wurden und nur Angela Merkel als Kanzlerin kannten, bis 2021.
Deutsche Geschichte inspiriert die Aussagen von mehreren Personen. Andreas ist 64 Jahre alt und war einmal Schulleiter. Er sagte: „Da kann ich nicht sagen: Adolf, Willy Brandt oder Bismarck. Das ist zu komplex!“ Sie kommentieren, er „fühlt sich durch die deutsche Geschichte belastet“.
Ralf Baumgarten: Ich finde die Aussage eigentlich ein bisschen kopfig. Aber vielleicht ist das auch nur mein Gefühl. Andreas ist einer meiner besten Freunde. Er hat das jetzt nicht so einfach rausgehauen, aber hat es wohl in dem Moment auch genau so empfunden. Er fühlte sich vielleicht auch überfordert.
Norbert Reichel: Er war Schulleiter, vielleicht war er sogar Geschichtslehrer, mit der ganzen deutschen Geschichte im Kopf.
Ralf Baumgarten: Vielleicht. Er kommt aber eher aus dem Kunst- und Gestaltungsbereich. Er hat mit mir Kunst- und Kommunikationsdesign studiert und ist dann erst später in den Schuldienst gewechselt.
Norbert Reichel: Mir gefällt Maria Josefine, eine 102 Jahre alte Rentnerin mit Rollator, die einfach sagt: „… wie lieb ich Deutschland“. Sie – so schreiben Sie – „sieht all das Gute im Vergleich zu vergangenen Zeiten.“ Das – so denke ich – sollten sich viele Menschen einmal vor Augen führen! Es ist furchtbar, dass viele immer nur das Schlechte sehen wollen.
Ralf Baumgarten: Wir haben das Foto im Jahr 2024 gemacht. Inzwischen ist sie 105 Jahre alt. Sie hat erlebt, wie die Nazis aufmarschiert sind. Sie sieht unser jetziges Deutschland sehr positiv, gerade, weil sie schon ganz andere Zeiten erlebt hat.
Norbert Reichel: Jahrgang 1921. Sie war elf oder zwölf Jahre alt, als die Nazis an die Macht kamen. Und sie erlebte zwölf Jahre lang die Verbrechen der Nazis, Holocaust und Krieg.
Zu den etwas älteren Menschen des Fotoprojekts gehört auch Gerhard. Er ist 66 Jahre alt und schaut doch schon sehr skeptisch in die Kamera. Sein Gedanke: „Es steht sehr schlecht um Deutschland.“
Ralf Baumgarten: Er schaut auch sehr eindringlich. Er drückt aus, dass das Leben nicht immer einfach ist. Nicht jeder lebt nur auf der Sonnenseite des Lebens.
Norbert Reichel: Die körperlichen Dinge können Menschen so sehr belasten, dass man auch schlechte Stimmung bekommt. Aber Gerhard spezifiziert nicht, was er an schlechten Dingen sieht. Das können ganz verschiedene Dinge sein.
Ralf Baumgarten: Das können wir nur interpretieren. Ich denke, eher kulturell – aber sicher nicht nur.
Kritische Blicke in der Jugend
Norbert Reichel: Camilla ist 27 Jahre alt, PR-Beraterin und sagt: „In Deutschland kann ich loslassen.“ Und sie „findet, in Japan sei die Gesellschaft komplizierter.“
Ralf Baumgarten: Sie ist Deutsch-Japanerin, war auch oft in Japan. Sie sagt, dass das Gesellschaftssystem dort komplizierter ist, mehr Regel einzuhalten sind und dass es bei uns vergleichsweise lockerer zugeht, was sie auch schätzt. Sie steht auf dem Bild vor dem Schauspielhaus in Düsseldorf. Sie wirkt selbstbewusst und interessiert an dem, was sich vor ihr abspielt.
Norbert Reichel: Tibjan ist 24 Jahre alt, studierte Ethnologie und erforscht Rassismus im Alltag. Sie sagt: „Kritisch bleiben“. Ich nehme an, sie weiß sehr genau, was Rassismus im Alltag bedeutet. Daher der klare Appell an uns alle! Und wahrscheinlich auch an sich selbst.
Ralf Baumgarten: Wenn man sich mit ihr unterhält, bekommt man ein Deutschlandbild mit, das wir so nicht kennen.
Das gilt auch für Marline, 21 Jahre alt, eine Schülerin, die als junges Mädchen aus dem Südsudan kam. Sie sagte „grumpy men“, „mürrische Menschen“. Das war wohl auch ihr erster Eindruck, als sie als Geflüchtete in Bayern ankam. Sie hat auf ihrer Flucht über Ägypten in ihrer frühen Jugend einiges erlebt, bei weitem nicht immer schöne Sachen. Sie hat sich durchgekämpft.
Norbert Reichel: Das zeigt auch ihre Körperhaltung, so etwa in dem Sinne: Ich weiß schon, wo es langgeht. Jetzt lebt sie in Köln und scheint sich irgendwie mit der Stadt zu identifizieren oder zumindest gut zurechtzufinden. Das schließe ich aus ihrem Käppi mit der Aufschrift „KÖLN“ – in Großbuchstaben, aber auch aus ihrer Körperhaltung. Sie ist irgendwie auf dem Sprung. Der Südsudan ist einer der schlimmsten Gegenden dieser Welt. Wer dieser Weltgegend entkommen ist, lässt sich von nichts mehr erschrecken.
Ralf Baumgarten: Ich habe in keinem der Fotos etwas gestylt. Alle zeigen sich so, wie sie sich zeigen möchten. Ich habe sie in dem Outfit, in dem sie auf dem Foto zu sehen ist, am Tag vor der Aufnahme auf der Straße getroffen, gemeinsam mit einem jungen Mann, Abdul Aziz, ebenfalls 21 Jahre alt, aber aus der Ukraine, der sagte: „Schnitzel und AfD“. Sie sind mir beide sofort aufgefallen. Ich habe mit dem Fahrrad angehalten, ihnen von meinem Projekt erzählt und sie gefragt, ob sie mitmachen möchten. Wir haben uns für einen der nächstenTage an einer konkreten Stelle verabredet, dort noch ein bisschen nach dem passenden Hintergrund gesucht. Dann habe ich die Kamera aufgebaut.
Norbert Reichel: „Die Würde des Menschen ist antastbar.“ Das sagt Nicolas Jean Philippe, ein Franzose, 38 Jahre alt, Bildhauer. Im Kommentar zitieren Sie aus dem Gespräch mit ihm: „In Deutschland immer der ‚Franzose‘, in Frankreich immer der ‚Deutsche‘.“ Das geht ja vielen Menschen so, die eigentlich in zwei Welten zu Hause sein könnten, aber in keiner dieser beiden Welten so richtig akzeptiert werden. Interessant finde ich, dass es auch einem Deutsch-Franzosen, wenn ich das mal so annehmen darf, so geht und nicht nur Deutsch-Türk:innen, Deutsch-Ukrainer:innen, Deutsch-Afrikaner:innen.
Mut und Zuversicht
Norbert Reichel: Was ist mit Dirk, 57 Jahre alt, selbstständiger Zweiradmechaniker? Um ihn herum jede Menge Fahrräder.
Ralf Baumgarten: Dirk sagt: „Schönes Land, Schönes Land.“ Er besitzt hunderte Fahrräder, in verschiedenen Lagerräumen, vollgestopft mit Rädern, darunter selbst Räder, die mehr als 100 Jahre alt sind. Ich beschäftige mich mit Vintage-Rädern und bekomme bei ihm jedes Ersatzteil. Seine Devise ist „Leben und leben lassen“. Ich habe ihn auch schon in der Straße erlebt, in der er lebt, beispielsweise in seinem fürsorglichen Verhalten gegenüber älteren Damen bei sommerlicher Hitze. Dann erkundigt er sich sich nach ihrem Befinden, ist sehr hilfsbereit. Er ist eigentlich eine Art Anarchist, sehr individuell, aber sozial sehr integriert. Ich fand es sehr schön, dass er sich wider mein Erwarten so positiv geäußert hat. Bei ihm hätte ich mir auch vorstellen können, dass er etwas Negatives über Deutschland sagen könnte. Tat er aber nicht.
Norbert Reichel: Vielleicht hat er diese positive Energie aus seinem Leben in der Nachbarschaft, im Veedel, wie das so in Köln heißt? Justus, 22 Jahre alt, Dualer Student, ist viel skeptischer, seine Worte: „… eine Mischung aus Hoffnung und Angst“. Sie ergänzen aus dem Gespräch mit ihm, „dies empfinde er so, da er ‚ja noch so jung‘ sei.“ Er steht vor vier Filmplakaten, wahrscheinlich sogar vor einem Kino, in dem diese Bilder gerade gezeigt werden?
Ralf Baumgarten: Justus interessiert sich stark für Kino, ist sehr engagiert, war bei den Messdienern. Er ist ein Klassenkamerad meiner Tochter. Ich fand sehr offen und mutig, was er sagte. Gerade in dem Alter, in dem viele junge Männer Stärke zeigen wollen, zeigt er seine Verletztlichkeit.
Norbert Reichel: Emma, 21 Jahre alt, studiert Medizin. Nach dem Abitur war sie in Afrika. Sie sagt: „Kartoffeln und Friedrich Merz.“ Mit den vor dem Oberkörper verschränkten Armen signalisiert sie aus meiner Sicht eine Art Abwehrhaltung, auch wenn sie andererseits den rechten Fuß etwas vorstellt, als wolle sie gleich doch auf jemanden zugehen. Friedrich Merz ist schon etwas Besonderes. Er hatte ewig anmutende Zeiten lang kein politisches Amt, schien auch darunter zu leiden. Er war aber immer präsent, viele sahen ihn als eine Art Gegenbild zu Angela Merkel.
Ralf Baumgarten: Emma hat nach dem Abi in einem Krankenhaus in Afrika gearbeitet. Ich weiß nicht, wie Friedrich Merz reagieren würde, wenn er zum Beispiel nach Düsseldorf zum Tag der Deutschen Einheit käme und dieses Bild sähe. Vielleicht findet er es gut, wer weiß. Es ist ja auch nichts Schlimmes. Ich sehe ihre Körperhaltung nicht unbedingt als Abwehrhaltung, sondern als Herausforderung. Sie steht vor einer solchen Herausforderung und nimmt sie an. Sie weiß, dass sie es schaffen wird.
Sie ist auch ein bisschen frech, positiv frech. Sie ist schon in der ganzen Welt herumgereist, in Afrika, in Mexiko und wo auch immer. Das muss man sich in diesem Alter erst einmal trauen. Und sie ist ein sehr schlaues Mädchen, sonst hätte sie auch nicht so schnell einen Medizinstudienplatz bekommen. Eine tolle junge Frau.
Norbert Reichel: Laurenz, 28 Jahre alt, ist Stallpfleger auf einem Pferdehof in Bergisch Gladbach: „Ich dachte an Islandpferde.“
Ralf Baumgarten: Das ist sein tägliches Leben, sein Deutschland. Den Job hat er sich selbst gesucht. Vorher hat er in einem Bestattungsinstitut gearbeitet. Von ihm habe ich vor Allem gelernt, was er alles kann.
Heimatgefühle
Norbert Reichel: Detlev steht auf einem Friedhof. Er ist 61 Jahre alt, Bestatter: „Ich dachte, dass es mir gut geht.“ Sie ergänzen: „Er sieht das auch im Vergleich, wie es anderen Menschen geht, Krieg, Hunger …“ Ein Motiv, das wir schon mehrfach gefunden haben. Ich möchte das ausdrücklich hervorheben, dass die meisten Menschen, die Sie fotografieren, doch eher eine positive Lebenseinstellung und ein eher positives Bild von Deutschland haben.
Ralf Baumgarten: Detlev hat einen sehr humanistischen Ansatz. Er sieht die Welt, auch seine Welt, eigentlich positiv, obwohl er so viel mit dem Tod zu tun hat. Ich finde bei meinem Projekt die vielen unterschiedlichen Sichtweisen so spannend. Das war auch einer der Gründe, dass ich dieses Thema ausgewählt habe. Mir ist gerade mit dem Heinrich-Heine-Zitat aufgefallen, dass selbst prominente Künstler in den Medien das Zitat nutzen, um total schlecht über Deutschland zu sprechen.
Norbert Reichel: Die meisten kennen das Heinegedicht nur bis zum zweiten Vers. Schlaflosigkeit sehen sie nur als etwas Schreckliches. Dass es hier um Liebe geht, kommt ihnen offenbar nicht in den Sinn. Nur spricht Heine aus seiner Situation im französischen Exil. In Deutschland hatte es ihm als Juden auch nichts genützt, sich taufen zu lassen. Und in dem Gedicht geht es darum, dass er seine Mutter nicht umarmen kann. Am Morgen sieht alles wieder gut aus, weil seine Frau da ist und alle Sorgen mit ihrem Lächeln verschwinden lässt. Es hilft offensichtlich, Gedichte und auch andere Texte bis zum Ende zu lesen.
Mir gefällt, dass so viele sich gegen diesen Trend äußern, alles nur schlecht zu machen. Wer ist denn Ron Hieronymus von Meranien, Performance-Künstler, 35 Jahre alt? Schon der Name ist irgendwie Programm. Und dann lesen wir einen Satz, den wir ihm so wie er da steht, nicht zugerechnet hätten. Er dachte: „Die schöne Natur Mecklenburgs.“ Das passt doch wunderbar zu unserem Thema gegen den Trend!
Ralf Baumgarten: Er ist ein recht auffälliger Künstler. Er fiel mir auf der Straße auf, ich habe mit dem Auto angehalten und ihn angesprochen. Im Vorgespräch fiel mir auf, dass er mit den Händen gestikulierte und eine herrschaftliche Haltung einnahm. Ich dachte, das könnte bei ihm gut passen. Und so zeigt er sich ja auch auf dem Bild. Ich möchte bei meinem Projekt zeigen, wie unterschiedlich die Menschen sind und dass sie alle dazugehören und dass wir eben nicht nur „alte weiße Männer“ in Deutschland haben.
Norbert Reichel: Das behaupten manche und andere behaupten das Gegenteil, es gäbe nur noch „Fremde“. Beides ist ausgemachter Unsinn.
Ralf Baumgarten: In der Tat. Vielleicht zum Abschluss: Ich habe einen Blumenhändler mit Turban fotografiert, einen Sikh. Der dachte bei Deutschland nur an ein einziges Wort: „Heimat“. Deutschland ist seine Heimat. Er sagte, dass er damals – weil gerade Fußballweltmeisterschaft war – an die deutsche Fußballnationalmannschaft gedacht habe.
(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im September 2026, Internetzugriffe zuletzt am 7. September 2026. Titelbild: Zwei Fotos aus dem Fotoprojekt. Titelbild und alle Bilder im Text © Ralf Baumgarten.)
