Der ewige Augenblick
Einige Gedanken zu den „Stage Stories“ der Fotokünstlerin Nicole Günther
„Verweile doch, du bist so schön.“ (Johann Wolfgang Goethe, Faust)
Fotografie ist eine Kunst des Augenblicks, die Kunst des ewigen Verweilens. Sie transzendiert Gesehenes, um gerade das auf den ersten oder zweiten oder wer weiß wie vielten Blick nicht Sichtbare sichtbar zu machen. Die Fotografie selbst verändert sich nicht, wohl aber verändert sich der Blick auf das Bild, je nachdem wie sich Betrachtende und Bild im Raum zueinander verhalten, auf welchem Material die Fotografie aufgezogen wird, wie von außen einfallendes Licht oder wie die Beleuchtung des Raumes selbst den Blick auf das Bild verändern. Mit einem Begriff aus dem Film ließe sich von einem „Still“ sprechen, das eine „Close-up“-Einstellung auf im Augenblick des Betrachtens unendlich erscheinende Zeiten fixiert und zugleich Bewegung inspiriert. Und so verändert sich auch der betrachtende Mensch.
Die Natur der Kamera

Nicole Günther beim Aufhängen der Bilder in der Theatergemeinde Bonn.
Walter Benjamin schrieb in seinem legendären Essay „Die Kunst im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit“ über das Verschwinden der „Aura“ eines Kunstwerks angesichts seiner Vervielfältigung, als Plakat, als Fotografie, als Abbildung in einem Buch. Doch wer glaubt, die Qualität eines Bildes ließe sich auf die vermeintliche „Aura“ reduzieren, irrt. Diese Sicht sollte eigentlich nur Auktionshäuser interessieren, deren Zweck es ist, Kunst in möglichst viel Geld zu verwandeln. Dann spielt in der Tat die Einzigartigkeit eines Gemäldes die Hauptrolle. Nun mag auch manche Fotografie Gegenstand einer Kunstauktion werden, doch lässt sie ihre Einzigartigkeit, ihre magische Wirkung, ihre spezifische „Aura“ im Auge der Betrachtenden jederzeit neu entstehen, je nach Format, Größe, Material, dem sie umgebenden Raum. Unabhängig von der Technik, mit der die Fotografie erzeugt wurde, bleibt auch sie einzigartig. Sie lebt als für die Ewigkeit festgehaltener Augenblick, ungeachtet aller Manipulationsmöglichkeiten, die heutzutage Photoshop, Künstliche Intelligenz und sogenannte Soziale Medien eröffnen.
Walter Benjamin wusste dies. In „Kleine Geschichte der Fotografie“ schrieb er: „Es ist ja eine andere Natur, welche zur Kamera als welche zum Auge spricht, anders vor allem so, dass an die Stelle eines vom Menschen mit Bewusstsein durchwirkten Raums ein unbewusst durchwirkter tritt. Ist es schon üblich, dass einer, beispielsweise, vom Gang der Leute, sei es auch nur im groben, sich Rechenschaft gibt, so weiß er bestimmt nichts mehr von ihrer Haltung im Sekundenbruchteil des ‚Ausschreitens‘. Die Photographie mit ihren Hilfsmitteln: Zeitlupen, Vergrößerungen erschließt sie ihm.“
Fotografien begrenzen. Das Fotografierte reduziert sich auf einen in der Regel rechteckigen Ausschnitt. Was ist außerhalb des Bildes zu sehen? Was könnte da zu sehen sein? Spekulationen. Noch schwieriger wird zu entscheiden, was auf dem Foto zu sehen ist, wenn es unsere Sehgewohnheiten irritierende Schatten zeigt, Nebel, Umrisse, verwischte Konturen. Und was geschieht, wenn eine bunte Welt sich in einem schwarz-weißen Bild spiegelt? Während der sogenannte Fotorealismus Gemälde präsentiert, die wir mit unseren Sehgewohnheiten – dieses Wort muss hier unbedingt wiederholt werden – für das reale Abbild der sogenannten Wirklichkeit halten, sorgt die Fotokünstlerin Nicole Günther dafür, dass wir uns erst einmal in Platos Höhle begeben, bevor wir urteilen, was wir denn da sehen. Susan Sontag ließ ihren grundlegenden Essay „On Photography“ nicht ohne Grund mit einem Blick in Platos Höhle beginnen.

Projektion, 2017 © VG Bild-Kunst, Bonn 2026.
Nicole Günther führt uns in Platos Höhle und zugleich bringt sie eine große Tiefenschärfe in ihre Schwarz-Weiß-Fotografien, sodass die Unschärfe des Höhlenerlebnisses zumindest in Teilen konterkariert wird. Sie vergleicht ihre Fotografien gelegentlich mit Scherenschnitten, Schattenrissen, Lichtstudien. Sie versteht sie, wie sie es einmal formulierte, als Spiel der Magie von Licht und Schatten. Grautöne verschwinden mit der Zeit aus ihrem Werk, scharfe Konturen werfen das Fotografierte auf das Wesentliche zurück. Und dennoch bleibt auch ein Rest von Unschärfe, der uns Betrachtende herausfordert, über das Ungesehene zu spekulieren. Das ist der Anspruch: Das Einfangen des Wesentlichen.
Eine lyrische Kunst
Nicole Günther konzentriert ganze Romane, ganze Dramen in einem kurzen einmaligen Bild. Allerdings handelt es sich dabei nicht um die Romane oder Dramen, aus denen die jeweilige Fotografie entstanden ist. Jede Fotografie wirkt für sich selbst und die Betrachtenden schaffen ihre eigenen Erzählungen, ihre eigenen Dramen, etwa so, wie sie vielleicht ein Gedicht wahrnehmen und in ihren eigenen Gedanken materialisieren, ausweiten, ausbauen und so ihr eigenes persönliches Kunstwerk gestalten. Fotografie ist – so mein Fazit – vielleicht eine sehr lyrische Spielart der vor allem auf die und mit den Augen wirkenden Künste.

Ansichten eines Clowns No. II, 2017 © VG Bild-Kunst, Bonn 2026.
Manche ihrer Stoffe findet Nicole Günther im Theater, in ihrer engen Zusammenarbeit mit dem Theater Bonn. Ihre von Silke Dombrowsky kuratierte Ausstellung „Stage Stories – Die Sprache der Bühne“ debütierte am 7. September 2026 nicht ohne Grund in den Räumen der Theatergemeinde Bonn. Zu sehen sind beispielsweise Szenen aus einer Aufführung der Oper „Peter Grimes“ von Benjamin Britten in der Bonner Oper sowie Porträts des Schauspielers Bernd Braun als Hans Schnier in einer Inszenierung des Romans „Ansichten eines Clowns“ als Einpersonenstück am Theater Bonn, den sie jedoch nicht auf der Bühne, sondern in der Garderobe porträtiert. Hier mischen sich die Privatheit, der Rückzug eines Schauspielers in einen Raum außerhalb der Bühne mit seinem Wissen um die zu erfüllende Aufgabe auf der Bühne.
Nicole Günther gestaltet Augenblicke. Das eigentliche Theaterstück spielt keine dauerhafte Rolle, im Gegenteil: Die Fotografien entstehen und wirken unabhängig vom Theater. Gemeinsam haben Theater und Fotografie nur den Ort, an dem sie entstehen. Es geht nicht um eine bestimmte Story, sondern um die Story der Bühne an sich, die die Fotografie neu schafft. Die Fotografien wirken wie eingefrorene Augenblicke und suggerieren doch Bewegung, die sich aus dem einen magischen Moment ergibt, der das Theaterstück, an das sich manche erinnern mögen, die Nicole Günthers Bilder sehen, in eine universelle Sphäre hebt. Es entsteht eine Ahnung von Transzendenz. Und so gibt die Fotografie all denen, die das jeweilige Theaterstück nie gesehen haben, vielleicht noch nicht einmal wissen, worum es da geht, die Möglichkeit, aus einem einzigartigen Bild ihr eigenes Drama, ihre eigene Geschichte zu entwerfen. Jede Fotografie sorgt für einen einzigartigen Augenblick, der Fantasien auslöst und seine Wirklichkeit jedes Mal neu findet.
Bewegung im Close-up

Geisterritter, Wilder Engel, 2017 © VG Bild-Kunst, Bonn 2026.
Figuren wandeln sich. So werden Geister zu Engeln, Engel zu Geistern. Das Bild zur Oper „Geisterritter“ zeigt eine Figur, die als „Engel“ wahrgenommen werden könnte, je nachdem ob man sich diese Figur von vorne oder von hinten anschaut. Zwei Bilder ergänzen einander und schaffen Perspektiven, die die Betrachtenden verwirren oder vielleicht auch zu Aha-Erlebnissen bringen mögen.

Geisterritter, Mondenkind, 2017 © VG Bild-Kunst, Bonn 2026.
Vielleicht wird der Engel davonfliegen, vielleicht ist er aber auch viel zu schwer dazu. Er haftet am Boden, weil die Fotografin es so will. Das Bild nennt sie von der anderen Seite gesehen „Mondenkind“ und schon entfaltet es eine ungeheure Dynamik. Noch verweilt das „Mondenkind“, doch gleich könnte es den Blick nach oben richten, sich erheben, davonfliegen. Doch dieser Gedanke liegt im Auge der Betrachtenden, die sich nur zu gerne von Titel und Perspektive des Bildes verführen lassen.
Aber das „Mondenkind“ träumt vielleicht. Eine Märchengestalt? Wie der Träumer, der auf einem Gerüst hockt, von dem niemand weiß, was er eigentlich dort macht? Hinter und über sich den Sternenhimmel, hoffend in einer dunklen Zeit, wissend, dass das Licht der Nacht mit all seinen Sternen vielleicht sogar viel heller leuchtet als alles Licht des Tages? Vielleicht dachte Nicole Günther an diesen Satz, als sie ihre Arbeit reflektierte und „Die Magie von Licht und Schatten“ mit den Worten einleitete: „Ich suche eine minimalistische Form der Schönheit, ein Innehalten, das nicht flieht, sondern tröstet.“

Die Bilder des nonverbalen Dialogs zwischen Nicole Günther und Shereen Badr, Screenshot: Nicole Günther.
Im einem nonverbalen Dialog per Email mit der ägyptischen Künstlerin Shereen Badr, der im Sommer 2026 anlässlich der Ausstellung „Kairo am Rhein“ im Bonner Frauenmuseum entstand, löst Nicole Günther die scheinbaren Widersprüche zwischen Close-up und Bewegung auf. Während die eine schwarz-weiß fotografiert, fotografiert die andere bunt. Beide finden einen jeweils anderen Weg aus Platos Höhle heraus, letztlich aber mit demselben Ergebnis: „Es entsteht ein Raum des Schutzes und der präzisen Wahrnehmung. Die Bilder öffnen sich und ziehen sich zugleich zurück. Sie lassen Nähe zu und bewahren Distanz. So lenkt sich der Blick auf reduzierte, klare Momente, getragen von innerer Ruhe und Harmonie. ‚Ankommen‘ ist hier kein Ziel, sondern ein Zustand: ein stilles Innehalten und eine bewusste Hinwendung zum Einfachen und Schönen.“
Und so gelangen wir wieder an den Punkt, dass das Bunte, die ständige Bewegung, ebenso wie das Schwarz-Weiße, scheinbar Bewegungslose, sich auflösen, ja auflösen müssen, in einem einzigartigen magischen Augenblick, an dem wir gerne verweilen. Es ist der ewige Augenblick, den wir Menschen in uns tragen, aber nur sehen, wenn wir uns auf diesen einen Augenblick der Fotografie einlassen. Vielleicht wird so Andrei Tarkowski widerlegt, als er sagte, wir schauten nur, aber sehen nicht.
Norbert Reichel, Bonn
(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im September 2026, Internetzugriffe zuletzt am 4. September 2026. Titelbild: Geisterritter, Träumer, 2017 © VG Bild-Kunst, Bonn 2026.)
