Der lange Schatten Wolhyniens
Liana Blikharska und Ela Kwiecińska über den schwierigen Weg zu ukrainisch-polnischer Versöhnung
„Der Weg zur Versöhnung ist erst nach der Verurteilung der Verbrechen möglich.“ (Ela Kwiecińska)
Ela Kwiecińska ist eine polnische Historikerin, die von 2022 bis 2024 an der Universität Warschau lehrte. Wegen ihrer kritischen Haltung gegenüber der polnischen Nationalhistoriografie wurde ihr befristeter Arbeitsvertrag nicht verlängert. Jetzt arbeitet sie als Dozentin im Programm „Invisible University for Ukraine“ (IUFU) an der Central European University in Budapest und am Institut für Slawistik der Polnischen Akademie der Wissenschaften. In ihrer am Europäischen Hochschulinstitut verteidigten Dissertation beschäftigte sie sich mit der Idee der Zivilisierungsmission in Osteuropa im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Sie untersucht, wie deutsche, polnische und ukrainische Intellektuelle diese Idee wahrnahmen und für ihre jeweiligen Zwecke nutzten.
Auf Anregung der Redaktion der ukrainischen Online-Zeitschrift Spilne beschlossen Ela und die ukrainische Historikerin Liana Blikharska aus Lwiw, über die Geschichte der Massengewalt in Wolhynien während des Zweiten Weltkriegs zu sprechen. Liana Blikharska sagte zu, weil sie von der Kraft persönlicher Geschichten überzeugt ist, die historische Prozesse besser verständlich machen und zugleich Raum für eine kritische Auseinandersetzung mit etablierten Narrativen eröffnen. Sie bat ihre Freundin Ela, über ihre eigenen Erfahrungen nachzudenken und ihre Positionalität, ihre Rolle und ihr Selbstverständnis als Forscherin zu umreißen. Anschließend sprachen die beiden über die Asymmetrie der Erinnerung in Polen und der Ukraine, wie sie beispielsweise in den Studien von Andrii Portnov dokumentiert ist (Poland and Ukraine: Entangled Histories, Asymmetric Memories, Essays of the Forum Transregionale Studien, Bd. 7, Prisma Ukraïna, 2020) sowie über den Prozess der Entstehung historischen Wissens.
Das eigene Erbe ernst nehmen heißt, sich kritisch damit auseinanderzusetzen
Liana Blikharska: Was bedeutet Wolhynien für dich – als Historikerin und als jemand, dessen Familie von dort stammt?

Elżbieta Kwiecińska, Foto: privat.
Ela Kwiecińska: Ich bin in Warschau geboren, aber niemand aus meiner Familie stammt aus dieser Stadt, die im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört wurde. Wolhynien ist Teil meiner Familiengeschichte. Meine Großmutter wurde 1929 in dem wolhynischen Dorf Stara Huta geboren, das heute nicht mehr existiert – 1943 wurde es von Partisanen der Ukrainischen Aufstandsarmee, der UPA, niedergebrannt. Dass unsere Familie aus dem Gebiet der heutigen Ukraine stammt, wusste ich schon als Kind. Mehr Einzelheiten erfuhr ich erst als Jugendliche. Meine Großmutter erzählte mir, was dort geschehen war: von den Morden an Polen und davon, wie sie aus der Ukraine flohen.
Ausführlicher haben Petro Dolhanov und ich diese Ereignisse in unserem zweiteiligen Beitrag „Ein polnischer Schrank in einem ukrainischen Haus, gefunden in Masuren: ukrainisch-polnische Familiengeschichten vor dem Hintergrund Wolhyniens“ (Teil 1; Teil 2) beschrieben, der in Ukraina Moderna erschienen ist. Ich hatte nie vor, Spezialistin für Wolhynien zu werden. Aber vermutlich hätte ich mich ohne meine Begegnung mit Petro Dolhanov bei einem Seminar in Krasnogruda nicht getraut, über diese Region zu schreiben. Es ist wichtig, einem Menschen zu begegnen, der mitfühlen kann, bereit ist zuzuhören, sich wirklich dafür interessiert und mit dem man offen sprechen kann.
Meine erste Reise nach Wolhynien im Jahr 2010 empfand ich als eine Erkundung meiner selbst und meiner Identität. Wir waren zu dritt unterwegs: mein Vater, ich und der Bruder meiner Großmutter. Als die Familie aus Wolhynien floh, war er zehn Jahre alt. Auf dieser Reise wurde er zu unserem Reiseführer. Er hatte sich sein Ukrainisch aus der Kindheit bewahrt, während meine Großmutter die Sprache zum Beispiel nicht beherrschte. Vielleicht lag das daran, dass mein Großonkel ein kommunikativer und offener Mensch war, meine Großmutter dagegen eher introvertiert.
Als wir in die Ukraine kamen, um die Orte zu besuchen, aus denen unsere Familie stammte, wurde dies für uns zu einer sehr wichtigen und beglückenden Erfahrung – in gewisser Weise sogar zu einer Art innerer Reinigung. Die Sprachkenntnisse halfen uns sehr bei der Verständigung mit den Menschen vor Ort. Manche erinnerten sich an Mitglieder unserer Familie, andere nicht. Aber alle begegneten uns mit Respekt und Herzlichkeit, nahmen uns wie ihresgleichen auf und luden uns zu sich nach Hause ein. Es fühlte sich an, als wären wir heimgekehrt. Diese Reise gab schließlich den Anstoß dazu, mich intensiver mit Wolhynien zu beschäftigen.
Vor meiner ersten Reise nach Wolhynien hatte ich ein Bild von der verlassenen Heimat, wie es wohl für viele Menschen typisch ist, die ihre Heimat verlassen mussten: Sie war in meiner Vorstellung vollkommen idealisiert. Derselben nostalgischen Idealisierung begegnete ich später auch in Gesprächen mit ukrainischen Lemken. Ihre Großeltern sprachen von den Beskiden genauso wie meine von Wolhynien: als von einem gelobten Land, in dem Milch und Honig fließen. Ich weiß nicht, wie eine solche Rückkehr heute aussehen würde. Leider wäre sie vermutlich anders. Aber noch 2010 stellte ich mir diese Orte genau so vor.
Diese Reise war für mich tatsächlich eine Rückkehr zu meinen eigenen Wurzeln. Für meine Generation in Polen ist das eine recht typische Erfahrung: Wir entdecken, dass wir eben keine mythischen „ethnischen Polen“ sind, sondern unsere Stärke vielmehr aus der Vielfalt schöpfen. Die einen haben ukrainische Wurzeln, andere jüdische, wieder andere deutsche. Ich bin 1989 geboren, und ich glaube, es ist kein Zufall, dass wir zur Generation der demokratischen Transformation gehören.
Ich betrachte einen Teil meiner Identität als ukrainisch. Viele Polen teilen ein gemeinsames Erbe mit den Menschen in den Nachbarländern – in Litauen, Belarus oder der Ukraine. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber vermutlich hat etwa ein Drittel der polnischen Bevölkerung Vorfahren, die außerhalb der heutigen Grenzen Polens geboren wurden. Es ist sehr wichtig, sich das bewusst zu machen. Menschen mit familiären Wurzeln in den früheren polnischen Ostgebieten, den sogenannten Kresy, bilden einen großen Teil der Gesellschaft. Und Menschen mit diesem Erbe können sehr unterschiedlich damit umgehen. Die einen nehmen an Märschen unter dem Motto „Wir erinnern uns an Wolhynien“ teil, andere engagieren sich ehrenamtlich für die Ukraine – zum Beispiel am Bahnhof von Wrocław. Einer der aktivsten Helfer, Paweł Rudnicki, schreibt in seinem Buch ganz ausdrücklich, seine wichtigste Motivation, Ukrainerinnen und Ukrainern zu helfen, sei die Tatsache gewesen, dass einst seine eigenen Großeltern aus Lwiw an genau diesem Bahnhof ankamen.

Liana Blikharaska, Foto: Spilne.
Liana Blikharska: Darf ich dich nach deiner Positionalität fragen?
Ela Kwiecińska: In Polen spreche ich eher aus der Perspektive einer kritischen Intellektuellen. Ich finde: Wenn dies mein Erbe ist, dann muss ich mich kritisch damit auseinandersetzen. Deshalb beschäftigt sich meine Dissertation mit der Zivilisierungsmission im Osten als kolonialem Projekt. Ich habe die polnischen und deutschen Zivilisierungsmissionen und die damit verbundenen Praktiken miteinander verglichen. Außerdem habe ich ein Unterrichtsmaterial für Schulen über die ukrainische Minderheit im Polen der Zwischenkriegszeit verfasst, das ich ebenfalls als kritisch verstehe. Auf den historischen Teil folgt eine praktische Aufgabe: Die Schülerinnen und Schüler sollen darüber debattieren. Lehrkräfte, die mit diesem Material arbeiten, berichten, dass die Schülerinnen und Schüler nach einer solchen Unterrichtsstunde dafür stimmen, ihnen mehr Rechte zu gewähren. Formal geht es um die Geschichte des 20. Jahrhunderts, aber natürlich betrifft das auch die Gegenwart.
Nach Beginn des russischen Großangriffs am 24. Februar 2022 entschied ich mich, für die Ukraine zu arbeiten. Man könnte sagen, dass ich damals aus eigener Entscheidung Ukrainerin wurde. In den vergangenen Jahren habe ich vermutlich sogar öfter Ukrainisch als Polnisch gesprochen. 2022 engagierte ich mich ehrenamtlich, später arbeitete ich bei der Invisible University for Ukraine – einem Programm informeller Bildung an der Central European University. Überhaupt dreht sich mein Leben heute stark um die Ukraine.
Aber ich frage mich immer noch ständig: Wer bin ich für die Ukrainerinnen und Ukrainer? Diese Frage ist heute besonders aktuell, da sich der politische Konflikt zwischen Polen und der Ukraine immer weiter verschärft. Die Geschichte zeigt, dass Menschen mit einer hybriden polnisch-ukrainischen Identität kein leichtes Leben haben. In Friedenszeiten ist das vielleicht weniger spürbar. Doch wenn sich politische Konflikte zuspitzen oder Krieg ausbricht, geraten solche Menschen von beiden Seiten unter Druck und werden moralisch, im schlimmsten Fall sogar physisch vernichtet. Darüber schreibe ich auch in dem bereits erwähnten Unterrichtsmaterial. Zugleich gab es selbst Mitte des 20. Jahrhunderts Menschen, die versuchten zusammenzuarbeiten, statt Hass zu schüren.
In Polen hat sich insgesamt folgende Tendenz herausgebildet: Historiker mit rechten oder rechtsextremen Ansichten konstruieren ein nationales Narrativ, während Linke es dekonstruieren. Irgendwann wurde mir klar, dass das eine Falle ist. So führen wir einen „polnisch-polnischen Krieg“ zwischen Rechten und Liberalen. Besonders schmerzhaft war für mich, dass die Ukraine und die Ukrainerinnen und Ukrainer zum Gegenstand dieses „polnisch-polnischen Krieges“ geworden sind und dass das Thema Wolhynien zunehmend dazu benutzt wird, Hass zu schüren.
Politisches Kapital aus der Erinnerung an menschliches Leid
Liana Blikharska: Wie hat sich die Erinnerung an Wolhynien in Polen entwickelt? Es scheint ein Weg gewesen zu sein, der von privaten Familiengeschichten über bestimmte politische Milieus schließlich zu Narrativen auf nationaler Ebene führte. Warum ist das geschehen? Ist dies Teil eines umfassenderen Phänomens – der „Erinnerungskriege“, die heute weltweit zu beobachten sind? Du hast das Kresy-Milieu, das ehemalige Ostpolen, erwähnt. Auch ein Teil meiner Familie, der 1946 auf Grund der Vereinbarungen zwischen Großbritannien, der Sowjetunion und den USA in Jalta aus der Gegend von Lwiw in die Umgebung von Wrocław, dem ehemaligen deutschen Breslau, umgesiedelt wurde, ist dort aktiv. Sie engagieren sich in Vereinen, besuchen Veranstaltungen, verbringen Zeit miteinander und schwelgen in Erinnerungen, geben ihre Erfahrungen aber auch an jüngere Generationen weiter. Ich kenne dieses Milieu sehr gut von innen. Wie schon seine Selbstbezeichnung zeigt, lebt es bis heute vom Mythos der „Kresy“, „unserer Kresy“. Einerseits handelt es sich um eine sehr intime Beziehung zum familiären Erbe, andererseits wird dieser Mythos von der polnischen Rechten aktiv instrumentalisiert.
Ela Kwiecińska: Erinnerungskriege sind ein Phänomen, das Staaten auf der ganzen Welt betrifft. Wichtig ist, dass die Auseinandersetzungen um Wolhynien nicht nur eine polnisch-ukrainische, sondern auch eine innerpolnische Dimension haben. Es geht um die Frage, wessen Erinnerung Eingang in den nationalen Kanon findet und welche Prioritäten dabei gesetzt werden.
Zum polnischen Erinnerungskanon gehören neben dem Wolhynien-Massaker auch Katyn und der Warschauer Aufstand. Die Erinnerung an das Massaker von Katyn richtet sich gegen Russland, die Erinnerung an den Warschauer Aufstand gegen Deutschland. Letztere wurde am intensivsten aufgearbeitet, und diese Aufarbeitung bildete eine Grundlage für die guten polnisch-deutschen Beziehungen. Auf ein Bündnis mit Russland setzte in Polen ohnehin kaum jemand. Deshalb löst Katyn heute nicht dieselben Emotionen aus wie Wolhynien, wo Hoffnungen auf ein Bündnis mit der Ukraine bestanden.
Hinzu kommt eine soziale und klassenspezifische Dimension. In Katyn wurde die polnische Elite ermordet, in Wolhynien hingegen waren die Opfer überwiegend einfache Bauern. Deshalb fand die Erinnerung an Katyn Eingang in den Kanon der antikommunistischen Intelligenz, die Erinnerung an Wolhynien 1943 dagegen nicht. Auch die polnische Exilregierung in London verhielt sich während des Zweiten Weltkriegs gegenüber dem Schicksal der Polen in der Westukraine sehr passiv. Einerseits wollte sie auf diese Gebiete nicht verzichten, andererseits war der polnische Untergrund 1943 nicht in der Lage, sich an den Kämpfen in Wolhynien zu beteiligen, da seine Kräfte auf den Kampf gegen die deutsche Besatzung und die Vorbereitung eines allgemeinen Aufstands konzentriert waren – eine Strategie, die 1944 in den Warschauer Aufstand mündete. Unter den Opfern der Ereignisse von 1943 in Wolhynien hielt sich deshalb lange das Gefühl, in Polen „Opfer zweiter Klasse“ zu sein.
Die Erinnerung an Wolhynien wurde innerhalb Polens nicht aufgearbeitet. Im Gegenteil: Lange Zeit wurde sie vollständig verschwiegen. Die Behörden der Volksrepublik Polen sagten diesen Menschen im Grunde nur: „Eure Heimat liegt jetzt bei Wrocław. Das sind uralte polnische Gebiete, die wir zurückgewonnen haben.“ Aber so funktioniert das nicht. Menschen sind keine Kartoffelkisten, die man einfach von einem Ort an einen anderen stellen kann.
Als die Polen im Rahmen des sogenannten „Bevölkerungsaustauschs“ in diese Gebiete kamen, lebten dort noch Deutsche in ihren Häusern. Später wurden sie von dort weiter nach Westen vertrieben. Die Geschichte dieser Zwangsmigrationen wurde verschwiegen, weil niemand wusste, wie man mit ihr umgehen sollte. Dabei ist dies die reale Geschichte vieler Menschen in Polen.
Die Opfer sind das eine, doch es gibt auch die Zeugen, denn diese Ereignisse spielten sich sowohl in Galizien als auch in Wolhynien ab. In Galizien waren die Auseinandersetzungen weniger intensiv, weil die Polen dort stärker und zahlreicher waren und über einen organisierten Untergrund verfügten. Aber auch dort wurden mehrere Hunderttausend Menschen zu Zeugen dieser Ereignisse.
Ein Teil deiner Familie, Liana, blieb in der Ukraine. In der Sowjetzeit gelang es ihnen, dort mehr oder weniger im Verborgenen zu leben und ihre polnische Identität zu verheimlichen. In Polen war es ähnlich: Die Menschen konnten nicht offen darüber sprechen, was ihnen widerfahren war. Man durfte die UPA als Banditen bezeichnen, denn das entsprach dem sowjetischen Narrativ. Über die Massenmorde in Wolhynien durfte man dagegen nicht sprechen. Die Polen sollten vergessen, dass sie aus Galizien und Wolhynien stammten, denn zwischen der Volksrepublik Polen und der Sowjetunion sollten Freundschaft und Zusammenarbeit aufgebaut werden.
Zeugnisse wurden erst Ende der 1980er Jahre systematisch gesammelt. Auch die Pariser Kultura vermochte keine Diskussion über Wolhynien 1943 anzustoßen, weil auf ukrainischer Seite keine Bereitschaft bestand, über dieses Thema zu sprechen. (Gemeint ist das Milieu um die polnische literarisch-politische Nachkriegszeitschrift Kultura, deren Gründer und Chefredakteur Jerzy Giedroyc war. Gemeinsam mit ukrainischen, litauischen und belarussischen Intellektuellen, die nach 1944 ins Exil gegangen waren, setzte sich dieses Milieu mit der Frage der Versöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg auseinander. Eine seiner wichtigsten Initiativen bestand darin, auf die polnische öffentliche Meinung einzuwirken und insbesondere für die gesellschaftliche Anerkennung der Ostgrenze der Volksrepublik Polen zu werben.)
Auch im unabhängigen Polen wurde das Thema Wolhynien lange verschwiegen – nun im Interesse guter Beziehungen zur Ukraine. Die liberalen polnischen Eliten hielten am Leitsatz aus der Zeit der Solidarność fest: „Es gibt kein freies Polen ohne eine freie Ukraine.“ Als ich selbst noch an der Universität studierte, vor zehn oder fünfzehn Jahren, herrschte unter den liberalen Eliten die Auffassung vor, die Geschichte der Massenmorde in Wolhynien sei eine Büchse der Pandora. Niemand wusste so recht, wie man mit diesem Thema umgehen sollte, und deshalb hielt man es für besser, das Thema bis zum EU-Beitritt der Ukraine nicht anzurühren. Man hoffte, das Problem werde sich mit der Zeit von selbst lösen.
Noch bis vor Kurzem blieben Vertreter des polnischen Staates den Jahrestagen der Verbrechen in Wolhynien demonstrativ fern, und Initiativen zur Errichtung von Denkmälern für die Opfer wurden blockiert. Stattdessen griffen rechtsextreme Kräfte das Thema auf. Sie begannen, bei den Gedenkveranstaltungen aufzutreten und im Namen der inzwischen hochbetagten Überlebenden das Gedenken an die Opfer einzufordern. Daraus schlugen sie politisches Kapital und stellten sich den liberalen Eliten entgegen, die wegen der Aktion „Weichsel“, der Diskriminierung und Polonisierung der Ukrainer im Polen der Zwischenkriegszeit sowie des postkolonialen Charakters des Kresy-Mythos Selbstkritik übten.
Die polnischen Liberalen hofften, dass die uneigennützige Unterstützung der Ukraine auf ihrem Weg in die EU auch in der Ukraine eine vergleichbare kritische Neubewertung der Geschichte anstoßen würde. Deshalb nutzen polnische Rechte Ereignisse wie die Verleihung des Titels „Held der Ukraine“ an Stepan Bandera oder die Benennung einer militärischen Einheit nach den „Helden der UPA“ gezielt gegen die Befürworter eines polnisch-ukrainischen Bündnisses.
Feldforschung, Deutungskämpfe und Brüche in der Öffentlichkeit
Liana Blikharska: Es gibt einen Aufsatz von Anna Wylegała, in dem sie die gesellschaftliche Stimmung in Polen analysiert und ihre bittere Enttäuschung zum Ausdruck bringt, dass ukrainische Intellektuelle – selbst liberale – zu wenig Interesse an Diskussionen über die Rolle der UPA gezeigt hätten, insbesondere über deren dunkle Seiten und die von ihren Kämpfern begangenen Verbrechen. Wie nimmst du die Stimmung in Polen und in der Ukraine wahr? Sehen die Menschen einen Ausweg aus dieser Situation? Lässt sich die Frage der Massenmorde in Wolhynien überhaupt umgehen, ohne eine gemeinsame, gründliche Untersuchung, die nicht auf den akademischen Raum beschränkt bliebe, sondern auch unterschiedliche ethnische, berufliche und aktivistische Gruppen einbezöge?
Ela Kwiecińska: Ich glaube, im Augenblick brauchen wir vor allem Sozialpsychologen. Michał Bilewicz hat das Buch „Traumaland – Polacy w cieniu przeszłości“ (deutsch: „Traumaland – Polen im Schatten der Vergangenheit“) geschrieben, das hier hilfreich sein könnte. Ausgehend von der Auseinandersetzung mit dem Holocaust versucht er die Frage zu beantworten, was wir eigentlich meinen, wenn wir von Versöhnung sprechen.
Einerseits geht es darum, ein Verbrechen als Verbrechen zu benennen und es zu verurteilen. Andererseits braucht es das Gefühl, dass es so etwas wie Gerechtigkeit gibt. Der Schmerz der Menschen und die Tatsache, dass ihre Vorfahren ermordet wurden, müssen anerkannt werden – ohne irgendetwas zu beschönigen. Ebenso müssen Polen die Gräueltaten an Ukrainern ohne jedes „Aber“ verurteilen. Rache rechtfertigt kein Verbrechen.
Es braucht also eine eindeutige Verurteilung, statt das Wolhynien-Massaker als „Tragödie“ zu bezeichnen, als wäre es durch schlechtes Wetter oder eine Naturkatastrophe verursacht worden. Eine weitere schwierige Frage betrifft die polnischen „Vergeltungsaktionen“. Für mich muss man das Böse auch als solches benennen. Das Motiv der Rache rechtfertigt keinerlei Verbrechen an der ukrainischen Zivilbevölkerung. Diese Menschen waren ebenso unschuldig wie die Polen in Wolhynien 1943. Und auch das muss in Polen verurteilt werden.
Die Frage ist jedoch, ob die Verurteilung der Verbrechen und die Heroisierung der UPA nebeneinander bestehen können. Kann man ausschließlich ihren Kampf gegen Russland heroisieren? Ich glaube nicht, dass das für die polnische Gesellschaft funktionieren wird. Ich weiß nicht, wie sich ein Ausweg aus dieser Situation finden lässt. Vielleicht könnte ein Konsens, wie Anna ihn in ihrem Aufsatz vorgeschlagen hat, eine Lösung sein. Aber wir haben gesehen, was mit dem Zweiten Polnisch-Ukrainischen Kommuniqué geschehen ist, das im November 2024 von ukrainischen und polnischen Historikern gemeinsam unterzeichnet wurde und den Versuch darstellte, zu einer gemeinsamen Interpretation schwieriger und blutiger Kapitel der polnisch-ukrainischen Beziehungen im 20. Jahrhundert zu gelangen (inhaltlich knüpft es an das Erste Kommuniqué an, das Historiker 1994 unterzeichnet hatten). Es war ein Versuch, diesem sinnlosen Erinnerungskrieg ein Ende zu setzen. Doch es fanden sich Menschen, die die Unterzeichner des Kommuniqués als Verräter bezeichneten. Unter dem Druck rechter Kräfte zogen einige ukrainische Beteiligte ihre Unterschriften später zurück.
Ich glaube, dass dies nicht nur ein Erinnerungskrieg ist, sondern auch eine Frage der Werte. Für mich sind Mord und Diskriminierung aufgrund der nationalen Zugehörigkeit ein Übel. Ich verurteile, dass Ukrainer in der Polnischen Republik der Zwischenkriegszeit wie Menschen dritter Klasse behandelt wurden. Und ich tue das nicht, weil ich in nationalen Kategorien von „Ukrainern“ und „Polen“ denke, sondern weil die Diskriminierung eines Menschen aufgrund bestimmter Merkmale meinen Werten widerspricht.
Auch jetzt, während des Krieges, stehe ich auf der Seite der Ukraine. Und ich finde überhaupt nicht, dass irgendjemand für diese Unterstützung dankbar sein müsste. Meine Entscheidung ergibt sich aus meinen Werten und aus dem, womit ich mich beschäftige. Ich glaube, dass ich auf der richtigen Seite der Geschichte stehe – auf der Seite der Opfer militärischer Aggression.
Die Frage nach den Werten ist zugleich die Frage danach, welches Verständnis von Nation wir wählen. Führende Vertreter der UPA wollten eine „Ukraine für die Ukrainer“ – ohne Polen und Juden. Heute dagegen kämpfen in den Streitkräften der Ukraine viele ukrainische Staatsbürger polnischer oder jüdischer Herkunft. Auch nationale Minderheiten können ihren Staaten im Krieg von großem Nutzen sein. Du zum Beispiel hast polnische Wurzeln und bist in ganz unterschiedlichen polnischen Milieus persönlich gut vernetzt. Das ermöglicht es dir doch, dich noch wirksamer für dein eigenes Land einzusetzen, das sich derzeit im Krieg befindet, oder? Wir beide, Liana, haben außerdem gemeinsam humanitäre Hilfe für die Ukraine organisiert, treten auf Konferenzen auf und schreiben Artikel.
Wenn ich die polnische Gesellschaft betrachte, wird mir klar: Wenn die Ukraine und Polen auf Augenhöhe, als gleichberechtigte Partner, zusammenarbeiten wollen, dann müssen wir über unsere gemeinsamen Traumata nachdenken und sie aufarbeiten. Wegen des Krieges und der russischen Propaganda wird dieser Prozess in der Ukraine häufig als Versuch Polens wahrgenommen, die ukrainische Geschichte umzuschreiben. Umgekehrt wird es in Polen als leichtfertig empfunden, wenn Ukrainer vom Dialog sprechen und zugleich die UPA ehren.
So war es etwa bei der jüngsten Verleihung des Ehrennamens „Helden der UPA“ an eine militärische Einheit unmittelbar nach dem Ende eines Kongresses polnischer und ukrainischer Historiker. Eine ähnliche Situation gab es im April 2015, als am Tag der Rede des polnischen Präsidenten Bronisław Komorowski vor dem ukrainischen Parlament, der Werchowna Rada, das Gesetz verabschiedet wurde, das Mitglieder der UPA als Kämpfer für die Unabhängigkeit anerkannte.
Eine andere Frage lautet: Was bedeuten Polen und Europa für die Ukraine? Ich habe den Eindruck, dass die Ukraine ihre Beziehungen zu Polen durch ein russisches Prisma betrachtet – und ebenso ihre Beziehungen zu Brüssel. Während eines Krieges ist das nachvollziehbar. Aber das Narrativ „Brüssel und Warschau werden uns nicht vorschreiben, wie wir zu leben haben“ ist weder für die Zusammenarbeit noch für die Aufrechterhaltung eines „strategischen Bündnisses“ zwischen Polen und der Ukraine produktiv. Die Europäische Union beruht, wie jede Gemeinschaft, auf Kompromissen. Jede Beziehung, jede Zusammenarbeit und jedes Bündnis erfordert wechselseitige Verständigung und Abstimmung. Das betrifft nicht nur Wolhynien – so entstehen Vertrauen und Beziehungen zwischen Menschen.
Andererseits sollte man auch fragen: Wer hat heute in der Debatte über die Verbrechen in Wolhynien überhaupt eine Stimme? Bislang sind gerade diejenigen, die diese Geschichte auf beiden Seiten am unmittelbarsten betrifft, meist kaum zu hören. Stattdessen ist das Thema sowohl in Polen als auch in der Ukraine von einigen wenigen „Erinnerungskriegern“ und großen Institutionen wie den Instituten für Nationales Gedenken monopolisiert worden. Vielleicht müsste man den Diskurs über Wolhynien 1943 dezentralisieren, lokale polnisch-ukrainische Initiativen fördern und diese Geschichte wieder den Menschen zurückgeben, die sie unmittelbar betrifft.
Zur Methodik der Erforschung der Massenmorde in Wolhynien
Liana Blikharska: Ich war bei eurem Vortrag mit Petro Dolhanov. Außerdem gibt es die 2018 veröffentlichten Memoiren deiner Großmutter Stanisława Kwiecińska; ein Auszug daraus erschien in ukrainischer Übersetzung auf der Plattform REESources. Was können persönliche Zeugnisse sichtbar machen, was die Politik- oder Militärgeschichte nicht zeigt? Unser gemeinsamer Kollege Andrii Usach beschäftigt sich mit dem, was in der Holocaustforschung als „widersprüchliches Verhalten“ bezeichnet wird: wenn ein und dieselbe Person die einen rettete und zugleich andere tötete.
Ela Kwiecińska: In unserer Familiengeschichte gab es etwas Ähnliches. Der UPA-Kämpfer, der die Familie meiner Großmutter beschützte, war ein Kamerad meines Urgroßvaters aus der Zeit, als beide in der zaristischen russischen Armee dienten. Wenn die Partisanen das Dorf angriffen, sagte er: „Das sind meine Polen.“ Und er fügte hinzu: „Tötet sie nicht. Ihr könnt sie ausrauben, aber tötet sie nicht.“
Aus den Erzählungen in unserer Familie weiß ich, dass meine Verwandten ihre ukrainischen Nachbarn als Freunde betrachteten und deshalb nicht fortgehen wollten. Erst als die benachbarten Dörfer Hurby und Zelenyi Dub niedergebrannt worden waren, kamen ihnen Zweifel. Schließlich war es genau dieser Freund aus der UPA, der sie zur Flucht überredete. Er sagte, er selbst werde sie nicht töten, könne seine Kameraden aber nicht länger zurückhalten.
Meine Großmutter erinnert sich bis heute an den Namen dieses früheren Kameraden meines Urgroßvaters, der sie beschützte, obwohl sie inzwischen 97 Jahre alt ist. Er hieß Hapin und stammte aus dem Dorf Moshchanytsia. Vermutlich war das nicht sein richtiger Name, sondern ein Deckname. Es ist durchaus möglich, dass er „seine Polen“ nicht tötete, dafür aber andere. Wir wissen es nicht.
Ich glaube, man könnte das Wolhynien-Massaker zum Beispiel aus einer Perspektive „von unten“ betrachten, indem man die Lebensgeschichten der Opfer untersucht. Der Großteil der bisherigen Forschung konzentriert sich auf die Politik- und Militärgeschichte. Das ist die Perspektive der maßgeblichen Akteure, die Entscheidungen trafen und Befehle gaben. Wenn wir aber über Erinnerung und das Gedenken an die Opfer sprechen, sollten wir diese Ereignisse mit den Augen der einfachen Menschen betrachten, die die Mehrheit der Bevölkerung stellten – mit den Augen der Bauern. Dazu gehörten nicht nur Polen, sondern auch Ukrainer, Juden und Tschechen.
Der Blick auf das Schicksal jedes einzelnen Menschen kann davor bewahren, diejenigen zu heroisieren, die man nicht heroisieren sollte. Im Krieg müssen Menschen äußerst schwierige Entscheidungen treffen. Ukrainer verstehen das heute besser als Polen. Und wenn man Geschichte von unten betrachtet, werden all diese Nuancen und schwierigen Entscheidungen sichtbar, die Menschen unter extremem Druck treffen mussten. Für Polen – und nicht nur für sie – stellten sich Fragen wie: Bleiben wir in Wolhynien oder fliehen wir? Wem können wir vertrauen? Wer wird uns verstecken und retten, und wer wird uns töten? Welcher Nachbar arbeitet mit dem Untergrund zusammen und wird uns vermutlich verraten, und wer wird schweigen oder für uns eintreten?
Überhaupt wäre es gut, über nationale Deutungsrahmen hinauszugehen und nicht immer nur auf einzelne nationale Gruppen zu schauen, denn das führt unvermeidlich zu Verallgemeinerungen und lässt das Bild monolithisch erscheinen: als hätten alle Polen so gehandelt und alle Ukrainer anders. Man muss die lokale Dynamik betrachten. Menschen verhielten sich unterschiedlich und trafen unterschiedliche Entscheidungen, besonders in gemischten Familien. Aber ohne irgendetwas zu beschönigen. Dann kann vielleicht ein Weg zur Versöhnung beginnen – allerdings erst nach der Verurteilung der Verbrechen.
Liana Blikharska: Was sind die größten methodologischen Herausforderungen bei der Erforschung der Massenmorde in Wolhynien? Wie lässt sich mit fragmentarischen Quellen und häufig lückenhaftem Archivmaterial arbeiten?
Ela Kwiecińska: Archivmaterial gibt es, aber man muss kritisch damit umgehen und den jeweiligen Kontext genau analysieren. Das gilt zum Beispiel für die Verhöre von UPA-Mitgliedern in sowjetischen Nachkriegsprozessen. Natürlich wurden sie nach den Motiven und Ursachen der Morde gefragt. Um einer Bestrafung zu entgehen, bestritten die Betroffenen jedoch die Verbrechen und versuchten, sich vollständig zu entlasten.
Wichtig ist außerdem, diese Ereignisse aus sozialhistorischer Perspektive zu betrachten. Man sollte etwa nicht die Propaganda aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs wiederholen, wonach alle Polen Besatzer, Feinde und Fremde auf ukrainischem Boden gewesen seien und deshalb getötet werden müssten. Meine Familie etwa lebte seit dem 18. Jahrhundert in Wolhynien, seit der Gründung dieser Dörfer. Höchstwahrscheinlich handelte es sich um polonisierte, verarmte Kleinadlige ruthenischer Herkunft aus der Region um Kyiv – sogenannte Odnodworzen („Einhöfer“). Andere Zweige meiner Familie stammen von litauischen Tataren ab, die ungefähr zur gleichen Zeit nach Wolhynien kamen, sowie von dort ansässigen Juden.
Die polnischen Siedler, die in der Zwischenkriegszeit nach Wolhynien kamen, wurden während der ersten sowjetischen Besatzung ins Innere der Sowjetunion deportiert. Deshalb waren diejenigen, die am ehesten als „Besatzer“ galten, also Menschen mit militärischer Erfahrung, 1943 bereits nicht mehr vor Ort. Zu den „Feinden“ der UPA wurden stattdessen andere Polen, die dort seit Generationen ansässig waren.
Contra spem spero
Liana Blikharska: Vor kurzem sind drei Beiträge von Petro Dolhanov, Yaroslav Hrytsak und Oleksandr Zaitsev erschienen. Petro richtete seinen Text an ein ukrainisches Publikum und betrachtete historische Mythen zugleich als Waffen und als Instrumente der Selbstverteidigung im Krieg Russlands gegen die Ukraine. Er betont, dass eine Kriegsführung – selbst eine defensive – „unter Verwendung heroischer Narrative über die UPA dazu neigt, uns in eine komplizierte paradigmatische Falle zu ziehen“. Wie stehst du zu dieser Einschätzung?
Ela Kwiecińska: Weißt du, das müssen vermutlich die Ukrainer selbst entscheiden: welches Modell der Nation sie aufbauen wollen. Soll es eine „Ukraine für die Ukrainer“ sein, ohne nationale Minderheiten? Schließlich war die UPA an der Ermordung von Polen und Juden beteiligt. Für Menschen außerhalb der Ukraine ist das ein wichtiges Signal.
Liana Blikharska: Yaroslav Hrytsak sagte in einem Interview mit der polnischen Zeitschrift Kultura Liberalna, dass die UPA in der ukrainischen Gesellschaft vor allem als Teil des historischen Kampfes gegen Russland wahrgenommen werde. Das sei unter den Bedingungen des Krieges besonders wichtig, nicht zuletzt nach der Verleihung des Ehrennamens „benannt nach den Helden der UPA“ an das Sonderoperationszentrum „Nord“ der Spezialoperationskräfte der Streitkräfte der Ukraine. Hrytsak sagte dazu: „Die Ukrainer waren von der Reaktion Polens so überrascht, dass niemand damit gerechnet hatte. Diese Geste richtete sich sowohl an die Ukrainer als auch an Russland.“ Eine ähnliche Auffassung vertritt Oleksandr Zaitsev, der einen knappen historischen Überblick über die UPA-Formationen gibt. All diese Forscher betonen den Unterschied zwischen Geschichte als Wissenschaft und kollektivem Gedächtnis, das historische Fakten und Debatten für politische Zwecke nutzt.
Welche Rolle spielt dieser Kontext deiner Meinung nach im öffentlichen Diskurs in Polen? Inwieweit wird die UPA dort überhaupt mit dem Kampf gegen Russland in Verbindung gebracht? Das ist wieder eine provokante Frage, aber glaubst du, dass es überhaupt möglich wäre, dass die polnische Gesellschaft die UPA – und insbesondere den Erlass über die Verleihung des Ehrennamens „Helden der UPA“ – in einem anderen Licht betrachtet?
Ela Kwiecińska: Ich glaube, die UPA ist ein Trigger. Es gibt solche Reizwörter, fast wie Zauberwörter. Für die Ukrainer ist das ähnlich emotional aufgeladen wie das Bild des an der polnischen Grenze ausgeschütteten ukrainischen Getreides. Die UPA ist ein emotionaler Trigger, der in der polnischen Gesellschaft fast ausschließlich negative Reaktionen hervorruft. Natürlich gab es viele Stimmen unter polnischen Liberalen und Linken, die der Gesellschaft zu erklären versuchten, dass sich diese Geste nicht gegen Polen richtete.
Ich persönlich glaube, dass es hier um ein bestimmtes Modell des Nationalismus geht, das sich gegen uns selbst wenden kann – gegen Polen ebenso wie gegen Ukrainer. Der integrale Nationalismus geht davon aus, dass man im Namen der Nation unschuldige Menschen, Zivilisten und Angehörige nationaler Minderheiten töten darf.
Ich glaube nicht, dass man die UPA ausschließlich mit dem Kampf gegen Russland in Verbindung bringen kann. Vielleicht tragen daran auch die polnischen Liberalen und Linken eine gewisse Mitschuld, die behauptet haben, die Unterstützung für die UPA sei in der Ukraine ein Randphänomen. Aber dann stellt sich die Frage: Wenn die polnische Gesellschaft früher erkannt hätte, dass die Unterstützung für die UPA in der Ukraine zum Mainstream gehört, wäre die Bereitschaft, der Ukraine 2022 zu helfen und sie zu unterstützen, ebenso groß gewesen? Ich weiß es nicht.
Ich weiß auch nicht, wie sich der ukrainische Kanon, in dem die UPA einen Platz hat, mit dem polnischen Kanon vereinbaren lässt, zu dem Katyn, der Warschauer Aufstand und Wolhynien gehören. Nachdem der ukrainische Präsident Petro Poroshenko 2015 das Gesetz „Über den rechtlichen Status und die Ehrung des Andenkens der Kämpfer für die Unabhängigkeit der Ukraine im 20. Jahrhundert“ unterzeichnet hatte, das unter anderem die Kämpfer der Karpaten-Sitsch, der UVO, der OUN und der UPA als Unabhängigkeitskämpfer anerkennt, reagierte Polen mit einem Beschluss des Sejm „Zum Gedenken an die Opfer des von ukrainischen Nationalisten in den Jahren 1943–1945 an Bürgern der Zweiten Polnischen Republik verübten Völkermords“.
So werden diese Beschlüsse ständig gegeneinander ausgespielt – eine Reaktion auf die nächste, immer im Kreis. Ich glaube, jetzt wird es wieder genauso sein. Die Regierung Tusk hatte die staatliche Finanzierung eines geplanten Museums zum Wolhynien-Massaker in Chełm zunächst gestoppt, das die Partei Recht und Gerechtigkeit eröffnen will. Aber wenn nun zum Beispiel ein Roman-Shukhevych-Museum entsteht, werden die Polen sagen: „Warum dürfen wir kein Museum zum Wolhynien-Massaker errichten, wenn sie ein Roman-Shukhevych-Museum haben?“ Und das wird den Konflikt nur weiter verschärfen.
Liana Blikharska: Das Roman-Shukhevych-Museum in Lwiw ist eine lokale Initiative und untersteht dem Stadtrat. Es handelt sich nicht um ein staatliches, sondern um ein lokales Projekt, was die Situation angesichts der Wahl von Ort und Zeitpunkt noch komplizierter macht.
Ela Kwiecińska: Ja, aber das Pantheon ist bereits eine Angelegenheit von nationaler Bedeutung.
Liana Blikharska: Das Pantheon ist tatsächlich ein Projekt von nationaler Bedeutung. Die Werchowna Rada hat vor Kurzem für seine Errichtung gestimmt. Und die einzige öffentlich geäußerte kritische Stimme, die ich wahrgenommen habe, war die von John-Paul Himka.
Ela Kwiecińska: Ich kann mich nicht zu Entscheidungen äußern, die die Ukraine im eigenen Land trifft. Aber ich kann sagen, dass es in Polen zahlreiche kritische Biografien über Roman Dmowski gibt. Polnische Liberale und Linke kritisieren ihn ständig. Ich habe am Frauenstreik teilgenommen und mich dafür eingesetzt, dass der Roman-Dmowski-Kreisverkehr (Rondo Romana Dmowskiego) in Kreisverkehr der Frauenrechte (Rondo Praw Kobiet) umbenannt wird.
Ähnlich war es am ukrainischen Unabhängigkeitstag – übrigens hat kein einziges ukrainisches Medium darüber berichtet, ich weiß nicht, warum. Damals wurde ein Marsch der von Grzegorz Braun geführten rechtsextremistischen, antisemitischen und antiukrainischen Konfederacja Korony Polskiej (Konföderation der Polnischen Krone) blockiert. Ich war ebenfalls dort. Wir blockierten den Marsch, damit seine Teilnehmer nicht bis zu dem ukrainischen Konzert gelangen konnten. Dort waren ausschließlich Polen. Ukrainer gingen zwar vorbei, aber sowohl der Marsch als auch seine Blockade waren Teil eines innerpolnischen Konflikts.
In der Ukraine berichten die Medien, genau wie in Polen, vor allem über die Rechte. Was Volodymyr Viatrovych sagt, wird von allen zitiert. Was Grzegorz Motyka sagt, ebenso. Aber wir Frauen … Ich ging als polnische Staatsbürgerin zur Blockade des Braun-Marsches, weil ich mit einem Nationsverständnis nicht einverstanden bin, das auf Hass aufgrund nationaler Zugehörigkeit beruht – auch auf Hass gegen Ukrainer. Denn wenn niemand protestiert, bedeutet das, dass alle dieses Modell akzeptieren.
Liana Blikharska: Lass uns zum Abschluss darüber sprechen, was Hoffnung macht. Nachdem Karol Nawrocki Volodymyr Zelenskyyj den Orden des Weißen Adlers aberkannt hatte, begannen viele Menschen in den sozialen Medien symbolisch ihre eigenen Medaillen, Auszeichnungen und anderen Ehrungen „zurückzugeben“. In diesem Zusammenhang hast du mehrere Beiträge über Dinge veröffentlicht, die du unter keinen Umständen zurückgeben willst …
Ela Kwiecińska: Meine persönlichen Orden.
Liana Blikharska: Ich erinnere mich an eine Matratze von deinem Historikerkollegen aus Lwiw, an eine Kosakenfigur von einer Studentin und an eine Postkarte von befreundeten Freiwilligen, die in deiner Wohnung lebten. Diese war im Winter und Frühjahr 2022 zu einer regelrechten Koordinationszentrale für humanitäre Hilfe geworden. Können persönliche Beziehungen die Folgen autoritärer Tendenzen in der Weltpolitik überwinden, die wiederum auch Wissenschaft und öffentliche Debatten beeinflussen? Was braucht es dafür? Vielleicht etwas kritisches Denken und Empathie. Aber was noch?
Ela Kwiecińska: Ja, ich habe die Matratze bei meinem Kollegen gelassen und ihm gesagt, er solle sie nicht zurückgeben. Dafür schenkte er mir eine Grafik, die ich ebenfalls nicht zurückgeben werde. Ich habe eine ganze Menge solcher kleinen Erinnerungsstücke von Freunden, von Menschen, die bei mir gewohnt haben oder denen ich geholfen habe. Und das ist sehr schön. Hier, siehst du, hängen am Schrank Zeichnungen von Kindern aus Zhovkva.
Ich freue mich, dass ich mit diesem Beitrag meine Haltung zeigen konnte. Ein bisschen wollte ich mich, weißt du, auch über kleingeistige Politiker lustig machen. Zelenskyj hat diesen Orden nicht wegen Wolhynien erhalten, sondern weil er Präsident eines Landes ist, in dem wirkliche Menschen gegen ein wirkliches Übel kämpfen.
Für mich sind meine Freunde, Bekannten und Kollegen in der Ukraine die wirklichen Orden – und all das, was wir gemeinsam tun können. Ich schätze es sehr, dass ich, wenn ich in die Ukraine komme, immer bei jemandem zu Hause übernachte und nicht in einem Hotel. Ich wünsche mir sehr, dass das auch in Zukunft so bleibt. Meine Freunde in der Ukraine sind mir außerordentlich wichtig. Ich bin ihnen für alles sehr dankbar.
(Anmerkungen: Erstveröffentlichung der deutschen Fassung im August 2026. Die ukrainische Fassung erschien unter dem Titel „Shliakh do prymyrennia mozhlyvyi lyshe pislia zasudzhennia zlochyniv“: rozmova podruh pro masovi vbyvstva na Volyni u 1943–1945 rokakh“ in der Online-Zeitschrift Spilne/Commons am 11. Juli 2026. Aus dem Ukrainischen übersetzt von Pavlo Shopin, Drahomanov-Universität). Internetzugriffe zuletzt am 27. Juli 2026. Titelbild: Exhumierung der Opfer aus Massengräbern im Dorf Wola Ostrowiecka im Kreis Luboml in Wolhynien, 1992. Foto: Archiv des polnischen Instituts für Nationales Gedenken (AIPN), Public Domain.)
