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Die „Ostfrau“ in Buchenwald

Ines Geipel über Mythen der DDR-Erinnerungskultur

Das ostdeutsche Erfolgsmodell der ‚fortschrittlichen Frau‘ war die voll Berufstätige mit mindestens zwei Kindern, im Dreischichtsystem, gesellschaftlich aktiv, Haushalt und Kinder stemmend und das selbstredend in ungetrübter Lebensfreude. Die Rede ist von einem Tausendsassa, von einer universal mother, die im neuen Deutschland bloß noch von der Ostfrau auf die Westfrau übertragen werden musste.“

Diese Analyse schrieb Ines Geipel, ehemalige Weltrekordsprinterin, heute Schriftstellerin und Professorin für Verskunst an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst ‚Ernst Busch‘, aktiv an der Aufdeckung des (nicht nur) in der DDR gängigen ‚Staatsdopings‘ beteiligt. In ihrem neuen Buch „Umkämpfte Zone – Mein Bruder, der Osten und der Hass“ (Stuttgart 2019) sucht sie nach Erklärungen für die aktuellen politischen Entwicklungen in Ostdeutschland. Dabei dekonstruiert sie mehrere Mythen der DDR-Erinnerungskultur.

Der Mythos „Ostfrau“ ist einer davon. „Die neuen Frauen, die sich nach vorn warfen und im selben Atemzug in die Phase forcierter Gedächtnisbetonierung der fünfziger Jahre eingebaut wurden. Die aus dem Fähnchenschwenken unter Hitler kamen, aus Hingabe und Selbstaufgabe, und nun Ulbricht besangen.“ Frauen sind fleißig, aber in Führungspositionen? In beiden deutschen Staaten offenbar Ausnahme von der Regel. So ähneln sich Gruppenbilder von sogenannten Entscheidungsträgern mit ihren gemeinsam alternden und gealterten Männern in West und Ost.

Der zweite Mythos: Buchenwald. Der Faschismus war besiegt und so gab es ihn nicht mehr. Alle Schulkinder beteiligten sich an den verordneten Klassenfahrten nach Buchenwald, manche trugen zum Auf- und Ausbau der Gedenkstätte bei. „Familiengedächtnis“ und „Staatsgedächtnis“ sollten identisch werden. Das, was nicht sein durfte, wurde einfach „auf die jeweils andere Seite ausgelagert“. Die „Spaltung des Landes“ wurde „zum Hauptmodus der Vergangenheitsbewältigung“ (Gerd Koenen). Niemand wollte wissen, was Großväter und Großmütter vor 1945 in Riga und anderswo taten. Vorbei ist vorbei. Aber die kommunistischen Buchenwalder Kapos mit ihren Intrigen wurden Vorbilder des heldenhaften antifaschistischen Kampfes.

Doch das, was es nicht geben sollte, gab es, mehr oder weniger genauso wie im Westen (oder sogar mehr wie Ines Geipel meint?). Der Osten Deutschlands, nach 1945 eine „Flüchtlingsgesellschaft“ (nicht zu verwechseln mit Willkommensgesellschaft!), wird heute in interessierten Medien (West-Medien?) als Ort einer Renaissance rechter und extrem rechter Positionen identifiziert. Es gab schon „Anfang der achtziger Jahre diverse militante Neonazi-Gangs“, schon 1947 „die Schändung des jüdischen Friedhofs in Chemnitz und die Zerstörung eines weiteren in Zittau“, Hakenkreuzschmierereien in den 1950er Jahren, im Jahr 1966 sogenannte „faschistische Provokationen“ an 32 Schulen im Bezirk Dresden usf.

Der dritte Mythos: Leben im Kollektiv: Dieses „Wir“ verlangt jedoch nach Ausgrenzung und Isolation. Der oder das „Fremde“ war nie willkommen. Das kollektive „Wir“ schuf bzw. schafft Stärke, vor und nach 1989: „Wir sind das Volk!“. Ergebnis: Der bestimmte Artikel wird zum Indikator einer tiefgreifenden Spaltung in der Gesellschaft, vertikal, nicht horizontal. „Kriegsenkel“ orientieren sich heute „am Größenselbst ihrer Großväter und Wahlgroßväter (…) um sich als Skinhead, Hooligan oder Neonazi für Gewaltakte zu mobilisieren.“ „Familiengedächtnis“ „in Stellung“ gegen „Staatsgedächtnis“. Ein „Ich“ hingegen fand und findet nicht statt, „war dekadent, sollte nicht auftauchen.“

Mythos Nummer 4: Die „internalisierte Opferexistenz“. „Wir“ waren damals Opfer und sind es schon wieder! Daraus ergibt sich ein „Kampf um die Erinnerung“ (Manès Sperber) oder in der martialischen Sprache der „Gesellschaft für rechtliche und humanitäre Unterstützung“ (GRH): „die Erinnerungsschlacht“. Die Nazis saßen und sitzen auf der anderen Seite, im „Drüben“. Erlaubt sei vielleicht der Gedanke, dass sich der Westen mit seiner Anklage neonazistischer Ideologie im Osten vielleicht für den umgekehrten Weg der Anklage vor 1989 revanchiert. Und immer wieder der bestimmte Artikel.

Ines Geipel liefert eine brillante Analyse, die sich auch über manche Biographien belegen ließe, zum Beispiel zum Mythos „Ostfrau“. Ich versuche dies über eine fiktive Biographie, die Biographie von „Frau Paula Trousseau“ (Christoph Hein 2007), ein ostdeutscher Entwicklungsroman. Paula Trousseau, Jahrgang 1952, eine Nachfahrin von Effi Briest und Emma Bovary, setzt als 19jährige gegen Vater und Verlobten durch, dass sie in Berlin Kunst studieren kann. Aufschlussreich sind diverse Rezensionen des Buches: Paula Trousseau wird dort mehrfach als „eiskalt“ charakterisiert. Es gab zwar auch den Gedanken der „Geschichte einer gelungenen Emanzipation“ (Frankfurter Rundschau), aber ob der angesichts des Selbstmords der etwa 48jährigen trägt?

Zur Klärung lohnt es sich, die Männer rund um Paula näher zu betrachten: der Vater, der in Kriegsgefangenschaft und Umerziehungslager lernte, dass alle Sowjetsoldaten Helden sind und es daher unterwürfigst zulässt, dass zwei 18jährige Sowjetsoldaten in seinem Beisein die minderjährigen Töchter über Wochen sexuell belästigen, der Ehemann, der Paulas Pillen austauscht, um sie mittels Schwängerung von ihrem Studium abzuhalten. Paula nennt dies das, was es ist, eine „Vergewaltigung“, eine Wortwahl, die sie das Sorgerecht für ihre Tochter kostet. Männliche Professoren verführen Studentinnen. Männliche Professoren definieren, was Kunst ist, sie belegen Paulas Versuch monochromer Malerei mit nicht druckfähigen Begriffen und verhindern jede systemfremde künstlerische Entwicklung. Paula reagiert, sie nutzt manche Männer aus, auch ihren wichtigsten Professor, sie sorgt dafür, dass der Vater ihres Sohnes nie erfährt, dass er diesen Sohn hat.

Eine „gelungene Emanzipation“? Hätte Paula ihren Traum verleugnen sollen? Paula „verhärtet“, ganz im Sinne von Wolf Biermanns „Lass dich nicht verhärten ….“. Ihr Ich findet kein Wir, denn das Wir, in das sie sich einordnen müsste, ist ein rein männliches Lebensmodell, das sie, um ihr Ich zu behaupten, bekämpfen muss, und dessen Kontinuität aus der Zeit vor und nach 1945 sowie vor und nach 1989 erschreckt. Nur nach 1989 gibt es keinen konkreten Gegner mehr, denn die die DDR und ihre Kunstszene abwickelnden Männer bleiben anonym. Vom „Ich“ bleibt nur Einsamkeit, ein Selbstmord mit Geschichte.

Rachel Bronté, Bonn