Projekt Beschreibung

Die Sehnsucht recht zu haben

Identitätspolitische Wirrungen des Alltags

„An der Vorderfront hängen zwei Fahnen. Eine rot-weiße, die Dora nicht genau identifizieren kann, sowie eine Deutschlandflagge, groß genug, um ein Regierungsgebäude zu schmücken. Auch vierzehn Jahre nach dem Fußball-Sommermärchen sieht Dora nicht gerne Schwarz-Rot-Gold, vor allem nicht in ostdeutschen Vorgärten.“ (Juli Zeh, Über Menschen, München, Luchterhand, 2021)

Dora ist die Hauptperson des Romans „Über Menschen“. Der Titel ließe sich auch in einem Wort schreiben so wie sich der Titel des anderen Brandenburg-Romans von Juli Zeh, „Unterleuten“, auch in zwei Wörtern schreiben ließe. Dora ist aufs Land gezogen, in einen brandenburgischen Ort mit dem vielandeutenden Namen „Bracken“. Ihren Freund Robert hat sie verlassen, sie ist aus der Wohnung in Berlin-Kreuzberg ausgezogen, „Robert mit seiner Bedenkenträgerei und seinem Perfektionismus, der ihre Beziehung einfach weggeworfen und sich in die Apokalypse verliebt hat.“ Zuerst war es der Klimaschutz, dann die Pandemie. Beides wollte Robert mit penibler Besserwisserei und einer Reihe eng gefasster Vorschriften bekämpfen, die Dora bei allem guten Willen und aller Sympathie mit der Sache nicht mehr ertrug. In Bracken erlebt sie eine Art dritten Reiter der Apokalypse, mehr oder weniger alltäglichen Rassismus. In Bracken haben 27 Prozent die AfD gewählt.

Es ist ja auch nicht so einfach mit den Fahnen. Es gibt in linken und linksliberalen Kreisen genügend Leute, die die öffentliche Präsentation der schwarz-rot-goldenen Fahne für das erste Anzeichen eines kommenden Faschismus halten, während in rechten und konservativen Kreisen diese Fahne mit geradezu religiöser Inbrunst verehrt wird. Ähnlich verhält es sich mit der Verwendung der Vokabel „Deutschland“, für die einen Zeichen einer zu verhindernden faschistischen Identität, die sie vorzugsweise in Ostdeutschland zu finden glauben, für die anderen Zeichen ihrer Identität als gute Patrioten (das Wort wird von dieser Gruppe nur selten gegendert) in einem Land, das sich vor jeder Ein- und Zuwanderung schützen müsse, damit das, was einem*einer lieb und teuer ist, nicht verschwindet.

Multikulti – Monokulti – ein offenes Rennen

Wie banal, wie besorgniserregend ist das Böse, das hinter diesen diversen Debatten über Deutschlandfahnen, Gendersternchen und Hygieneregeln steckt? In Juli Zehs Roman wird Dora immer wieder in Augenblicken, in denen sie dieses nicht erwartet, mit alltagsrassistischen Bemerkungen überrascht, auf die sie mehr oder weniger reflektiert reagiert, allerdings in der Regel nur im inneren Monolog. So geht es vielen Menschen. Was oft so flapsig daherkommt, ist letztlich rassistisch. Für diesen Alltagsrassismus gibt es inzwischen den Begriff der „Mikroaggressionen“, von denen manche so „mikro“ gar nicht sind. Jost Müller-Neuhof brachte das Problem über ein alltagsrassistisches Ereignis in einem Berliner Kaufhaus auf die Formel: „Hierfür könnte die Einsicht hilfreich sein, dass Böses zuweilen banal daherkommt, aber nicht in jeder Banalität das Böse steckt.“ (www.sueddeutsche.de/assismus-und-ressentiment-kritische-anmerkungen-zu-einem-kuendigungsfall-im-kadewe-152630.html, Zugriff am 31.5.2021). Aber damit die Formel „hilfreich“ wirkt, ist jedoch ein erhebliches Maß an Reflexion erforderlich, das manche Verfechter*innen des „Guten“ und „Wahren“ selbst aggressiv macht, bei anderen jedoch im inneren Monolog verbleibt und zu mehr oder weniger ständigem Unwohlsein führen mag. Letztlich geht es um die Bewahrung der „Identität“ oder dessen, was man*frau für die eigene „Identität“ hält.

Literatur zum Thema „Identität“ hat seit einigen Jahren Konjunktur , ebenso wie Literatur zum Thema des Untergangs der Demokratie. Ich zitiere drei Buchtitel, alle aus dem anglo-amerikanischen Raum, aber in Deutschland gut rezipiert: Francis Fukuyama: „Identität“ (2018, Originaltitel: „Identity. The Demand for Dignity and the Politics of Resentment“), Kwame Anthony Appiah: “Identitäten” (2018, Originaltitel “The Lies That Bind. Rethinking Identity”) und Amartya Sen: “Die Identitätsfalle” (2006, Originaltitel “Identity and Violence”). Die Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ widmete ihre am 25. Februar 2019 erschienene Ausgabe dem Thema „Identitätspolitik“. (www.demokratischer-salon.de/beitrag/fetisch-identitaet und www.demokratischer-salon.de/beitrag/das-einigende-band-der-exklusion)

Ein Klassiker der Analyse identitätspolitischer Debatten wurde bereits kurz nach Erscheinen nicht zuletzt wegen seines spektakulären Titels das 2018 erschienene (und bei der Bundeszentrale für politische Bildung erhältliche) Buch „Das Integrationsparadox“ von Aladin El-Mafaalani (www.mafaalani.de). Eine Kurzfassung bietet er in seinem Essay „Alle an einem Tisch – Identitätspolitik und die paradoxen Verhältnisse zwischen Teilhabe und Diskriminierung“ in der eben zitierten Ausgabe von „Aus Politik und Zeitgeschichte“: „Immer mehr und immer unterschiedlichere Menschen sitzen mit am Tisch und wollen ein Stück vom Kuchen. Wie kommt man eigentlich auf die Idee, dass es ausgerechnet jetzt harmonisch werden soll? Diese Vorstellung ist entweder naiv oder hegemonial – Multikulti-Romantik oder Monokulti-Nostalgie. Die Realität ist ganz offensichtlich eine andere.“

Die Begründung: „Solange wir Komplexität und Konflikte negativ konnotieren, spielen alternative Fakten und gefühlte Realitäten eine immer größere Rolle. Vielmehr erfordern die gesteigerte Komplexität der Gesellschaft und das zunehmende Konfliktpotenzial eine Perspektivwechsel. Der Kitt, der die offene Gesellschaft zusammenhält, bildet sich aus Konflikten und dem konstruktiven Umgang mit ihnen.“ Möglicherweise ist das sogar der Grund für die zunehmende Rechthaberei in politischen Alltagsdebatten. Wer Konflikte scheut und sich nicht differenzierend mit gesellschaftlichen Konflikten auseinandersetzen möchte oder kann, landet sehr schnell im Kokon der eigenen Beschränktheit. Pädagogische Programme helfen dann in der Regel nicht mehr.

Aladin El-Mafaalani ist ein gern gesehener Gast in TV-Talkshows und in diversen Zirkeln, in denen Politiker*innen sich von Wissenschaftler*innen beraten lassen. Aus seinen Thesen ließe sich ein gutmeinendes pädagogisch-politisches Programm entwickeln. Er verbreitet Zuversicht, denn aus seiner Sicht sollten wir nicht vergessen, uns „daran zu erinnern, dass die größten sozialen Innovationen gesellschaftliche Konflikte als Ausgangspunkt hatten. Hierzu gehören nicht zuletzt die Demokratie, die Bürger- und Menschenrechte und der Sozialstaat.“ Soweit richtig, aber in der Zeit, in der Demokratie, Bürger- und Menschenrechte sowie Sozialstaat – er hätte noch den Rechtsstaat ergänzen sollen – entstanden, waren diejenigen, die diese Ziele vertraten, in der Minderheit. In Abwandlung einer Formel von Karl Marx aus dem Jahr 1845 könnte man*frau durchaus Konflikte als „die Lokomotiven der Geschichte“ bezeichnen. Vielleicht wird ja mal eine Revolution daraus, und vielleicht sogar eine friedliche.

Die letzte erfolgreiche Revolution für einen freiheitlich-demokratischen Rechts- und Sozialstaat war die Friedliche Revolution 1989. Doch heute klebt das Etikett „Demokratie“ auf einer Gesellschafts- und Regierungsform, die viele Menschen nicht mehr als das wahrnehmen was sie sein könnte und sollte. Die Zustimmungswerte für „Demokratie“ sind nach wie vor hoch, doch gibt es erhebliche Unterschiede bei der Beantwortung der Frage, wie demokratisch die aktuelle Politik nun wäre. Und so könnte die Schlussfolgerung Aladin El-Mafaalanis sich möglicherweise als nicht weniger naiv erweisen als die von ihm kritisierte „Multikulti-Romantik oder Monokulti-Nostalgie“. Denn bei Konflikten, wie wir sie zurzeit in vielen europäischen Demokratien und in den USA erleben, gibt es immer mehrere Zukunftsszenarien, gute, weniger gute, schlechtere und ganz schlechte. Bei Revolutionen auch, Ende offen.

Die Konstruktion von Minderheiten – Western Supremacy

Aladin El-Mafaalani präsentiert aus meiner Sicht eine westdeutsch, weitgehend auch westeuropäisch geprägte Analyse. Er analysiert das Verhältnis zwischen verschiedenen Gruppen unterschiedlicher Herkunft in Deutschland, zwischen den seit Generationen in Deutschland ansässigen Menschen und den in den letzten Jahren und Jahrzehnten ein- und zugewanderten Menschen, von denen viele inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft erworben haben, andere diese Staatsbürgerschaft jedoch nicht. Nun ist der deutsche Pass nicht das entscheidende Distinktiv, um in Deutschland akzeptiert und respektiert zu werden. Viel entscheidender ist offensichtlich etwas anderes. Haut- und Haarfarbe, nicht-deutsche Namen, gegebenenfalls ein auf ein Land außerhalb Deutschlands verweisender Akzent. Dabei gibt es natürlich Abstufungen: es ist schon ein Unterschied, ob jemand mit französischem oder einem türkisch klingendem Akzent spricht, in Westdeutschland könnte auch ein sächsisch klingender Akzent Vorbehalte auslösen. Ostdeutsche haben mitunter durchaus ähnliche Erlebnisse der Abwertung und Exklusion wie Menschen mit dem sogenannten „Migrationshintergrund“.

Naika Foroutan und Jana Hensel haben die Parallelen und Analogien zwischen der Migrationserfahrung ein- und zugewanderter Menschen und den Erfahrungen der Ostdeutschen nach „Abwicklung“ der DDR in ihrem Buch „Die Gesellschaft der Anderen“ (Berlin, Aufbau Verlag, 2020) analysiert. Das Buch enthält auf 329 Seiten (netto) acht Gespräche der beiden Autorinnen. Viele Ostdeutsche sind noch nach dem 9. November 1989 nach Westdeutschland migriert, aber viele, die nicht migriert sind, haben das Gefühl der Migration, das Gefühl eines Heimatverlustes erlebt, ohne dass sie jemals ihre Region, ihre Stadt, ihr Dorf verlassen hätten. Von einem Tag auf den anderen gab es anderes Geld, andere Pässe, andere Steuern, viele verloren ihren Arbeitsplatz und hatten große Probleme einen anderen zu finden, ganze Wirtschaftszweige verschwanden, und nicht zuletzt übernahmen Westdeutsche die führenden Positionen in Politik, Wirtschaft, Hochschulen. Es entstand in Ostdeutschland ein Gefühl, Bürger*innen zweiter Klasse zu sein.

Ein Kernbegriff für die Bewertung dieser Entwicklungen ist der Begriff der „Mehrheitsgesellschaft“, die mitunter auch aufgrund ihrer Wirkung als „Dominanzgesellschaft“ (Birgit Rommelspacher) bezeichnet wird. Naika Foroutan: „Aus der Perspektive der Dominanz- oder Mehrheitsgesellschaft spricht man gern über Migranten und Ostdeutsche.“ Dieses Sprechen lässt aus gefühlten Unterschieden mit der Zeit Exklusion werden: „Erst kommt das Stigma, dann die Generalisierung des Stigmas zu einer Charaktereigenschaft und schließlich der weitverbreitete Glaube, die Anderen seien zu Recht ‚weiter unten‘.“ Naika Foroutan verwendet für diese Entwicklung den Begriff der „Devianzkonstruktion“. Es kommt nicht darauf an, wer die so als „deviant“ charakterisierten Menschen sind, sondern wie sie in der „Mehrheitsgesellschaft“ „als Andere gelesen“ werden. Jana Hensel: „Es ist, wie gesagt, ein Privileg der Mehrheitsgesellschaft, nicht verstehen zu müssen und auf diese Weise die Anderen in der Rolle der sich ewig Selbsterklärenden festzuschreiben.“ Im Grunde ist das die Strategie der Rückdelegation oder anders gesagt: wer zur sogenannten „Mehrheitsgesellschaft“ gehört, muss sein Verhalten nicht erklären: „Western Supremacy“.

Dies bedeutet nicht, dass sich Angehörige der „Mehrheitsgesellschaft“ nicht für die von ihnen als „Andere“ markierten Menschen interessieren. Im Gegenteil: manche besuchen gerne Restaurants in türkisch geprägten Stadtteilen, eine Moschee oder eine restaurierte ostdeutsche Innenstadt, als „wäre man im Zoo“, durchstreifen in sächsischen oder thüringischen Städten die „Kulisse“ eines Hollywood-Films, die Görlitz, „Görliwood“, ja auch tatsächlich ist. Jana Hensel setzt dagegen die Gefühle der Ostdeutschen, die erlebten, wie ihre Lebensgrundlagen verschwanden, und wie die Montagsdemonstrationen gegen Hartz IV zu einem Déjà Vu der Montagsdemonstrationen wurden, die 1989 zur Öffnung der Grenzen führten: „Im Jahr 2005 gab es rund fünf Millionen Arbeitslose, die Quote lag im Westen bei 9,9 Prozent, im Osten bei 18,7 Prozent. (…) Und es zeigte sich, wie gesagt, dass die Linkspartei die einzige parlamentarische Kraft war, die sich mit diesen Menschen solidarisierte. Das war erschütternd. Ich lief mit ihnen durch Leipzig denselben Weg, den wir 1989 gegangen waren und niemand schloss sich ihnen an. Sie blieben allein. Gleichzeitig wurde Ostdeutschland ja wirklich an allen Ecken saniert, es wurde als Kulisse quasi permanent schöner. Das war ein krasser Widerspruch zu dem Anliegen der Protestierenden, die letztlich auf ihren sozialen Abstieg und ihre Armut aufmerksam machen wollten.“

Eine zweischneidige Variante der VerAnderung (Julia Reuter) und Abwertung ist die gängige politische Forderung, es müsse in Führungspositionen, in den Schulen, in den Hochschulen mehr Menschen mit „Migrationshintergrund“ beziehungsweise mit einem „ostdeutschen Hintergrund“ geben. Die Forderung ist berechtigt, aber sie macht „Migrationshintergrund“ zu einem Konstrukt, das offenbar eine Gruppe beschreiben soll, deren Mitglieder alle über die gleichen Charaktereigenschaften verfügen. Naika Foroutan: „Wieso erwarten wir von Minderheiten-Communities, dass sie alle gleich ticken?“ Eine zugespitzte Variante der Konstruktion einer in sich homogenen „Minderheit“ ist die Identifikation aller Menschen mit etwas dunklerer Haut- und Haarfarbe sowie außereuropäisch oder türkisch klingenden Namen als „Muslime“, selbstverständlich in der Spielart gemeint, die sich durch unangenehme Verhaltensweisen wie Unterdrückung von Frauen und Gewaltbereitschaft markieren lässt.

Gleichzeitig neigen Westdeutsche dazu, ihre Ansichten über „Minderheiten“ zu externalisieren. Sie sind es nie gewesen, Rassist*innen sind und waren immer die „Anderen“. Jana Hensel: „Ich bin davon überzeugt, dass sich die westdeutsche, nicht-migrantische Gesellschaft über ihre eigene Vorurteilskultur gegenüber der migrantischen wie auch der ostdeutschen Community äußerst bewusst ist. Diese Vorurteilskultur dient seit Jahren dazu, Privilegien und Besitzstände zu legitimieren und zu sichern.“ Naika Foroutan bestätigt die Thesen von Aladin El-Mafaalani, dass Integration zu Konkurrenzsituationen führe, mit einem Verweis auf Georg Simmels „Exkurs über den Fremden“ (1908), sozusagen im Westen nichts Neues: „Simmel sagt, je mehr der Fremde ankommt, desto stärker wird er zum Fremden gemacht.“

Es entsteht eine Spirale des „Othering“, der „Veranderung“, und je weniger sich die als „Fremde“ gelesenen Menschen als homogene Gruppe erfassen lassen, umso größer wird das Bedürfnis, sie auf bestimmte Charakterzüge festzulegen, im Extremfall den „Fremden“ zum „Feind“ zu erklären. So lassen sich die Äußerungen rechtsorientierter Politiker*innen erklären, „Fremde“ pauschal als „Kopftuchmädchen“ (Thilo Sarrazin) und „Messermänner“ (Alice Weidel) zu diffamieren. Naika Foroutan: „Sarrazin kam nicht aus dem Nichts. Er kam aus dem Herzen des deutschen Bildungsbürgertums.“ Jana Hensel ergänzt: „Und offenbar auch aus dem Herzen der Sozialdemokratie.“

Der Westen bleibt die Norm – bis auf Weiteres

Hinter „Veranderung“ steckt nicht nur Denkfaulheit: „Wir sind es gewohnt, in binären Kategorien zu denken. Das gibt uns Ordnung. Mann – Frau, Schwarz – Weiß, Migrant – Einheimischer, Ost – West, gut – böse.“ So erhält der von Toni Morrison eingeführte Begriff der „Critical Whiteness“ seine Berechtigung. Bezogen auf das Verhältnis zwischen Ost- und Westdeutschen ließe sich vielleicht – so Naika Foroutan – von „Critical Westness“ sprechen. Ebenso wie Muslimen pauschal die Verantwortung für von sogenannten „Islamisten“ begangene Gewalttaten zugeschrieben wird, werden Ostdeutsche pauschal für rechtsextreme und rechtspopulistische An- und Übergriffe verantwortlich gemacht. Man*frau könnte den Eindruck haben, als mordeten im Osten und im Islam Gruppen, während im Westen nur psychopathische Einzeltäter morden. Naika Foroutan: „Dadurch, dass Lichtenhagen und Hoyerswerda sozusagen ein ‚kollektiver‘ Moment waren, während man Solingen oder Mölln sehr gut als Einzeltaten deklarieren konnte, entsteht ein Entschuldungszusammenhang für die Gemeinschaft im Westen.“

Naika Foroutan schreibt, wie sie, die aus einer nicht religiösen iranischen Familie kommt, durch die Debatten um den 11. September 2001 „zur Muslimin“ (gemacht) wurde. Doch nicht nur dies: „Alle Formen von Rechtsverletzungen, die mit dem Einmarsch (in Afghanistan, NR) einhergingen, wurden damit legitimiert. Das heißt, mit dem 11. September entstanden starke Trennungskategorien. Es gab eine klare Binarität von Freund und Feind: Der bedrohte Westen auf der einen Seite und die bedrohliche islamische Welt auf der anderen. In dieser Zeit wurde ich für mich zur Muslimin.“ In der Ablehnung von „Migranten“ finden Ost- und Westdeutsche sogar etwas Gemeinsames. Naika Foroutan zitiert sinngemäß „Machiavelli: Wenn man unterschiedliche Lager nach innen zusammenführen will, sucht man sich einen externen Feind. Der externe Feind waren die Migranten.“

Doch diese scheinbare Gemeinsamkeit verlieren Ostdeutsche wieder recht schnell, denn Westdeutsche behaupten gerne, dass nur die Ostdeutschen fremdenfeindlich wären. Die Ostdeutschen müssen sich ständig für rechtsextreme Gewalttaten und die Wahlergebnisse der AfD in ihren Bundesländern rechtfertigen. Ähnlich ergeht es Muslimen, die sich für islamistische Gewalttaten, den sogenannten „Islamischen Staat“ und andere dschihadistische Organisationen verantwortlich fühlen sollen. Ähnlich funktioniert auch israelbezogener Antisemitismus, wenn von Juden*Jüdinnen gefordert wird, jede erdenkliche Maßnahme der israelischen Regierung zu kommentieren. Andererseits ist es Deutschen in Ost und West gut gelungen, sich selbst, ihre Eltern und ihre Großeltern von den Verbrechen des Nationalsozialismus reinzuwaschen. Allerdings haben Ostdeutsche es auch hier wieder schwerer als Westdeutsche, weil sie sich kollektiv für die DDR- beziehungsweise SED-Diktatur verantwortlich fühlen sollen und natürlich auch die nationalsozialistische Vergangenheit nicht so aufgearbeitet hätten wie die durch ihre Erinnerungskultur geläuterten Westdeutschen.

Letztlich haben die Westdeutschen auch hier einen Startvorteil. Vielleicht leben sie so gewisse Fantasien der eigenen Grandiosität aus. Die Westdeutschen haben beziehungsweise hatten nicht nur die besten Fußballspieler*innen, das größte Wirtschaftswunder, sie waren als Westdeutsche die weltbesten Aufarbeiter*innen ihrer Vergangenheit, und sie profitierten sogar davon, dass sie die größten Verbrecher*innen der Weltgeschichte waren. Und sie pflegen den Eindruck, besser über die DDR Bescheid zu wissen als die ehemaligen DDR-Bürger*innen selbst. Jana Hensel: „Das Ganze endete jedenfalls in einem Desaster, weil sich das Feuilleton mit großem Ekel über diese letztlich von Westdeutschen produzierten Diktaturerinnerungsshows beugte und vor allem im Gedächtnis geblieben sein dürfte, dass die Ostdeutschen doch keine andere Sehnsucht haben, als die, ihre Diktatur rosa zu übertünchen.“ Naika Foroutan ergänzt: „…und das mitten in einer Phase bereits erfolgreich umgesetzter Assimilationsstrategien. Die Botschaft des Westens hieß dennoch: Auch wenn die Ostdeutschen unsichtbar werden, indem sie sich assimilieren, in Wahrheit bleiben sie immer die Anderen und kommen nie an.“

Jana Hensel fasst zusammen: „Ich versuche, eine gesellschaftliche Dimension zu erläutern und am Ende bleibt nichts anderes als der Vorwurf, ich hätte die Intention, den Rassismus meiner eigenen Leute zu rechtfertigen oder zu verharmlosen, obwohl sich kein einziger Satz finden lässt, der das tatsächlich tut. Damit wird um mich genau jenes Image, wie Hannah Arendt sagt, kreiert, das auch der ostdeutschen Gesellschaft anhängt. Und so werde ich schlussendlich wieder zum Teil jener devianten Masse, deren Konstruktion wir uns doch eben noch einig waren zu dekonstruieren.“ Naika Foroutan: „Der Osten existiert nicht aus sich selbst heraus. Er entsteht in Interaktion mit dem Westen.“ Der Westen ist die Norm, der Osten die Abweichung von der Norm.

Der vierte apokalyptische Reiter – die Religion

Meltem Kulaçatan und Harry Harun Behr haben den Band „Migration, Religion, Gender und Bildung herausgegeben (Untertitel: „Beiträge zu einem erweiterten Verständnis von Intersektionalität“, Bielefeld, transcript, 2020). Mit seinem langen einführenden Essay bewegt sich Harry Harun Behr an der Grenze zwischen Wissenschaft und einem Feuilleton. Er konzentriert sich auf den – das ist nicht sein, sondern mein Begriff – vierten apokalyptischen Reiter neben Klimaschutz, Pandemie und Rassismus, die Religion, die aber – wie leicht ersichtlich – viel mit dem dritten Reiter, dem Rassismus verbindet. Religion und Religiosität werden in identitätspolitischen Debatten immer wieder zur Legitimation herangezogen. Bei PEGIDA-Demonstrationen trugen Teilnehmende übergroße Kreuze in schwarz-rot-goldener Bemalung und im Namen wird der Gegner benannt, der Islam und die Muslim*innen, denen pauschal unterstellt wird, sie wollten Deutschland zu einem islamischen Land machen.

Harry Harun Behr fragt: „Was läuft da eigentlich gerade? Eines der Kernprobleme in Deutschland ist meiner Ansicht nach das Fehlen einer religionspolitischen Vision, die vonseiten der Zivilgesellschaft offen verhandelt und aktiv gestaltet werden müsste.“ Aber genau dies geschieht offenbar nicht. Stattdessen erleben wir eine „unselige Verschmelzung von Migrations- und Islamfragen“ sowie eine „Verdinglichung von Muslim*innen zur sozialen Entität“. Die Bundesregierung trägt selbst zu einer Frontstellung zwischen Muslim*innen und (als deutsch verstandener) Mehrheitsgesellschaft bei, indem sie von einem „Wir“ spricht, das sie aber offenbar nicht auf Ein- und Zugewanderte, nicht auf Muslim*innen bezieht. Harry Harun Behr zitiert aus dem Masterplan Integration 2018 des Bundesinnenministeriums: „Von allen Zuwanderern erwarten wir eine Identifikation mit unserem Land und die Anerkennung unserer Werte und Lebensweise.“ Offenbar gibt so etwas wie „eine homogene Gesellschaft der Ansässigen, der von außen her die Fremden hinzutreten“, sodass sich die Frage anschließen müsste, ob die in Deutschland geborenen Muslim*innen, die Muslim*innen mit deutschem Pass zur „Gesellschaft der Ansässigen“ gehören oder nicht. Ich bezweifele, dass sie mitgezählt werden.

Als Thilo Sarrazin unkte, Deutschland schaffe sich dank Zuwanderung ab, fungierte sein Buch als eine Art Testlauf des Sagbaren, der dann spätestens mit der von Horst Seehofer losgetretenen Debatte gegen die von der Bundeskanzlerin mit ihrem legendären Satz „Wir schaffen das“ ausgelösten Willkommenskultur Mehrheiten eroberte: „Was mit Sarrazin seinen Anfang nahm, bedeutete nur vordergründig die Skandalisierung des Islams, die Dänisierung von Muslim*innen und die Kriminalisierung von Migrant*innen. Man möchte den Eindruck gewinnen, es gehe vielmehr darum, wie weit man mit der Absage an den Anstand gehen kann, was der Öffentlichkeit zumutbar ist, mit welchen Kaskadeneffekten zu rechnen ist und ab welchem Gradienten des Unaussprechlichen der mögliche Widerstand aus der bürgerlichen Mitte wahlgefährlich wird.“ Als Schlüsselereignis dieser Wende gilt die sogenannte „Kölner Sylvesternacht“, das 9/11 der deutschen Willkommenskultur. Die von Harry Harun Behr in dem Wort „Dänisierung“ angedeutete Sympathie auch mancher deutscher Sozialdemokrat*innen für den migrations- und islamfeindlichen Kurs ihrer dänischen Parteifreund*innen ist ein Ergebnis. Potenziell mehrheitsfähig, auch „Verschweizerung“ hätte als Begriff gepasst.

Identitäre Ontologisierung

Muslimische Schüler*innen werden als „soziales Kollektiv“ betrachtet, auch „in den Köpfen von Lehrkräften, von Bildungstheoretiker*innen, Erziehungswissenschaftler*innen und in der Präventionslogik von Geldgebern für die Forschung“. Harry Harun Behr wählt für diese Spielart des Primings den Begriff der „Zielgruppeninfektion“. Schule prägt maßgeblich die weitere gesellschaftliche Entwicklung. Es ist nicht nur die Frage, ob die jungen Menschen mit den dunklen Haaren und der dunkleren Hautfarbe, mit Eltern oder Großeltern, die in einem anderen fernen Land geboren waren, ausreichend Deutsch sprechen – das tun auch viele junge Deutsch-Deutsche nicht –, sondern auch, ob sie nicht extrem konservative bis reaktionäre Ansichten ihrer angeblichen Religionsgemeinschaft verträten, vom Ausschluss von Frauen aus dem öffentlichen Leben über die Zwangsverheiratung bis hin zu einem diffusen Verständnis der Scharia, die als Begriff für alles herhält, das eben nicht zu den sogenannten „westlichen Werten“ gehöre. Die jungen als „Muslim*innen“ markierten Menschen haben kaum eine Chance, dieser Falle zu entkommen. Das pädagogische Programm lautet „Erziehung zu Angepasstheit bei gleichzeitiger Anhebung der Schwelle zur Teilhabe an der Mittelschicht“. Keine Leiter reicht hoch genug.

Ein- und Zugewanderte, Muslim*innen, werden nicht als Menschen, als Subjekt wahrgenommen, sondern als Objekt, als Sache. Harry Harun Behr zitiert die nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie: „So that is how we create a single story, show a people as one thing, as only one thing, over and over again, and that is what they become.” Um dies zu tun, bedarf es nicht der klassischen rassistischen Stereotype, die Religion hat diese Funktion übernommen. Sie fungiert als „race“.

Harry Harun Behr spricht in seinem Essay mehrfach von einer „Ontologisierung“ von Religion, als gäbe es nur eine mögliche Interpretation der heiligen Texte. „Damit einher gehen die religionsgemeinschaftliche Tribalisierung zu einer Ethnie oder einem Stamm sowie die Totalisierung und Viktimisierung des religiösen Selbst“, die noch verstärkt werden, wenn über sogenannte „Parallelgesellschaften“ geklagt wird. Religion wird mit den Kategorien „class“, „gender“ und „race“ zu einem tragenden Element der intersektionalen Analyse der heutigen deutschen Gesellschaft, allerdings rückt sie als zentrale Erklärung von gesellschaftlichen Konflikten so sehr in den Vordergrund, dass deren eigentliche soziale Ursachen zu einer vernachlässigbaren Größe werden. Ein Beispiel bietet die Aussage, dass in der COVID-19-Pandemie migrantisch geprägte Stadtteile zu den Haupttreibern gehörten. Die dort lebenden Migrant*innen, die gleichzeitig wiederum als Muslim*innen verstanden werden, werden angeklagt, nicht jedoch die prekären sozialen Verhältnisse, in denen diese Menschen leben, nicht die engen Wohnverhältnisse, die geringen Einkommen, der oft fehlende Zugang zu Bildungs-, Kultur- oder Sportangeboten, die über die Grundversorgung der Schule hinausgingen.

Diese „Ontologisierung“ – neben diesem Begriff verwendet Harry Harun Behr den Begriff der „Tribalisierung“ – verdrängt Muslim*innen mehr oder weniger aus der Gesellschaft, sie legitimiert für manche sogar zur bewussten Abgrenzung, sodass Ausgrenzung schließlich zu einer alternativen Gesellschaft führt, wie wir das zurzeit in der Spaltung der türkeistämmigen Communities pro und contra Erdoğan beobachten können. Und manche fühlen sich mit ihrem Gefühl der Ausgrenzung sogar zu Gewalttaten berechtigt. „Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass sich rechtspopulistische Verführungsrede unter anderem darauf beruft, die Stimme gegen die Eliten und das Establishment zu erheben – also Rassismus und Islamophobie als die scheinbar legitime Stimme des Widerstands von unten darstellen. Das ist gefährlich, denn es entspricht ungefähr den rhetorischen Figuren des IS und führt dazu, dass sich die Protagonist*innen dieser Verfahrenslogik über das Recht erheben und zu gegebenem Anlass die Messer schwingen.“ Letztlich treffen sich hier diejenigen, die den Fahnen von PEGIDA hinterherlaufen, und diejenigen, die für einen radikalen antiwestlichen und antidemokratischen Islam eintreten. Zur „Ontologisierung“ tritt die Selbst-Ontologisierung.

Frank van der Velden bringt diese Entwicklung in seinem Beitrag zum Sammelband von Harry Harun Behr und Meltem Kulaçatan auf den Punkt: „Das Christentum ist der AfD willkommen, solange es die Verteidigung des kulturellen Erbes einer deutschen Dominanzgesellschaft repräsentiert und sich zum Beispiel gegen die Zuwanderung von Muslim*innen instrumentalisieren lässt. (…) Überdies wird mittlerweile offen gefordert, dass Grundrechte wie die Religionsfreiheit für Muslim*innen in Deutschland nur noch eingeschränkt gelten sollten, da es sich beim organisierten Islam nicht um eine Religion(sgemeinschaft), sondern um eine politische Ideologie handle, die unter dem Deckmantel von Religion agiere und dabei durch ausländische nationale Interessen gesteuert werde.“

In einer solch konfrontativen Stimmung wird es schwierig, die von Harry Harun Behr geforderte „Intersektionale Schulreform“ – die sich nicht nur auf Schule beziehen sollte – auf den Weg zu bringen. Es dürfte schwierig werden, „Migration und Diversität als den Normalfall (zu) verstehen“, wenn auf beiden Seiten ein identitäres Verständnis vorherrscht, das Konflikte scheut und Kompromisse als Verrat bezeichnet. Doch dieses Verständnis prägt Bildungsinstitutionen, allen voran die Schule: „Der pädagogische Konsens von Definitionsmacht und Normalitätsparadigma ist durch ungeprüfte Richtigkeitsüberzeugungen überprägt und weder kritisch genug reflektiert noch gesellschaftlich ausgehandelt.“

Ängste – Träume

Doch welches Gegenmittel könnte es gegen „Tribalisierung“ und „Ontologisierung“ geben? Wie ließen sich die apokalyptischen Reiter des 21. Jahrhunderts aufhalten? Juli Zeh formuliert in „Über Menschen“ am Beispiel der Klimakrise einen Gedanken, der es schwer haben dürfte, auf Gehör zu treffen. Viele Menschen sind viel zu sehr im Kokon ihres Unbehagens, ihrer Wut gefangen, um von einer anderen Welt träumen zu können. Dora gefällt die Art und Weise nicht, wie über die Probleme unserer Zeit gesprochen wird: „Natürlich hält sie den Klimawandel für ein schwerwiegendes Problem. Was sie lähmt, ist die Ansprache. ‚How dare you‘ statt ‚I have a dream‘“.

Im Zentrum des Romans „Unter Menschen“ steht die Beziehung – den Begriff verwende ich hier ohne jede Wertung – zwischen der von Berlin-Kreuzberg nach Bracken migrierten Dora und ihrem Nachbarn Gote, der sich ihr als „der Dorf-Nazi“ vorstellt und es auch ist. Vielleicht ist es Unwissen, wenn sie mit Vorbehalten reagiert: „Zwar weiß sie nicht, ob es einem Nicht-Rassisten jemals gelungen ist, einen Rassisten von der Unsinnigkeit des Rassismus zu überzeugen. Aber sie spürt eine moralische Pflicht, ihr Bestes zu versuchen. Und scheitert daran. Sie weiß nicht einmal, ob es stimmt, dass die meisten Rechten nicht gesprächsbereit sind. Weil sie selbst nicht gesprächsbereit ist. Ihre Taktik besteht eigentlich darin, Menschen, die rechte Sprüche klopfen, um jeden Preis zu meiden.“

Nichts ist eindeutig und es gibt nicht nur die oft zitierten zwei Seiten. Es sind viele Seiten mehr, nur eines steht fest: „Fest steht, dass alle Angst haben und dabei meinen, dass nur die eigene Angst die richtige sei. Die einen fürchten sich vor Überfremdung, die anderen vor der Klimakatastrophe. Die einen vor Pandemien, die anderen vor der Gesundheitsdiktatur. Dora fürchtet, dass die Demokratie am Kampf der Ängste zerbricht. Und genau wie alle anderen glaubt sie, dass alle anderen verrückt geworden sind.“ Die von Nietzsche beschriebene Wiederkehr des Gleichen ist die Wiederkehr der Ängste: „Das Gehirn gewöhnt sich an die Vorgaben der Angst, integriert sie ins Denken und verwischt die Spuren. Man leidet nicht unter der Angst, sondern praktiziert sie. Man passt sich der veränderten Lage an, bis man schmerzlos mit dem Hintergrund verschmilzt. / Dieser Mechanismus sorgt dafür, dass sich das Schreckliche auf der Welt ständig wiederholt. (…)“

Handlungsunfähig aus Angst, in „Rassismus-Starre“, „Rassismus-Analyse“ gefangen, aber gut, dass es noch einige Lichtblicke gibt, wenn man*frau sich ganz in der Tradition des Candide von Voltaire darauf beschränkt seinen Garten zu bestellen. Genau das tut Dora mit der stets freundlichen Hilfe der Dorfbewohner*innen, allen voran von Gote. Zu diesem Garten gehört dann auch Gotes Tochter Franzi, durch die sie beginnt über Erziehung nachzudenken. „Das Schicksal der Menschheit hängt an frühkindlichem Englischunterricht und kindgerechten Hobbys. Wenn Dora ehrlich ist, liest sie ziemlich viele der betreffenden Artikel. Sie weiß nicht genau, warum. Vielleicht weil es nichts Entspannenderes gibt als die Probleme anderer Leute.“ Der Roman belegt, dass es jedoch nichts nützt, die Menschen um sich herum, die Nachbar*innen, die Dorfbewohner*innen – vielleicht im jüdischen wie im christlichen Sinne „die Nächsten“ – sozusagen von oben, aus der Meta-Perspektive einer philosophisch-soziologischen Analyse zu beschreiben, auch nicht ihre Tagträume, sich mit Alexander Gerst zu treffen: „Gelegentlich kommt Gerst vorbei, und sie trinken einen Weltraumkaffee zusammen. Die beiden nettesten Menschen der Welt, die immer nur das Richtige sagen und tun.“ Vielleicht hilft diese Distanz, durchaus im Sinne Hannah Arendts, die vermutete, dass man vor Antisemitismus nur auf dem Monde sicher wäre.

Als Dora die Zeitungsartikel über Gotes Überfall auf ein antifaschistisch engagiertes Pärchen und seinen Prozess liest, verliert sie alle in Berlin-Kreuzberg gepflegten Standpunkte. Es ist derselbe Gote, der ihr bei Einrichtung und Pflege von Haus und Garten hilft: „Je länger Dora liest, desto heftiger geraten ihre eigenen Schlagzeilen in Unordnung. Freundlicher Nachbar baut Möbel für Zugezogene. Dorfbewohner helfen beim Renovieren des alten Kindergartens. (…) Ohne Standpunkt gibt es keine Ordnung. Ohne Standpunkt bleibt die Welt chaotisch und unverständlich, und das schmerzt so sehr, dass sie es kaum ertragen kann.“

Dora ist immer mitten drin, auch wenn sie es nicht merkt. Ihr ist schon klar, dass „Nazis nicht aufhören zu existieren, nur weil man nicht mehr neben ihnen wohnt.“ Und sie lernt, dass sich angesichts der heutigen Nazis dieselben Fragen stellen wie angesichts der freundlichen Familienväter, die fleißig und im Sinne der Posener Rede Heinrich Himmlers „anständig“ alle Jüdinnen*Juden ermordeten, derer sie habhaft werden konnten. Vielleicht oder möglicherweise sehr wahrscheinlich fehlt den heutigen Nazis nur die politische Legitimation durch einen von ihnen beherrschten Staat? Vielleicht ist aber auch alles ganz anders? Dora ahnt, dass niemand, nichts so ist, so bleibt, wie es scheint, vielleicht aber eine Art hamlet’schen Schweigens helfen könnte, bei der Pflege ihres Gartens. Etwas resigniert denkt sie: „Vielleicht sterben mehr Menschen an Wörtern als an Corona“.

Der Romans beginnt mit einem Durchhalteappell: „Weitermachen. Nicht nachdenken.“ Der letzte Satz wirkt zeitlos, geradezu märchenhaft. Es sieht so aus, als wenn Dora in Zukunft das verlassene Haus Gotes pflegen wird so wie Gote ihr Haus, den ehemaligen Kindergarten, pflegte, bevor sie dort einzog. „Sie hat die Schlüssel. Auf der Mauer sitzt die orangefarbene Katze und schaut zu ihr herüber.“ Vielleicht ist das der Traum – in Abwandlung eines anderen Satzes von Hannah Arendt – jenseits des behaupteten Rechts, recht zu haben.

Dr. Norbert Reichel, Bonn