Ein Leben für den Kampf gegen Antisemitismus
Porträt des Wiesbadener Rechtsanwalts Moritz Marxheimer (1871-1942)
„Über alle Parteien hinweg war ihm die Einheit der Gemeinde, an der er mit allen Fasern seiner Seele hing und für deren Wohl er unablässig bis zu seiner Deportation besorgt war, das Höchste. Sein Name hatte auch außerhalb Wiesbadens einen guten Klang. Er war überall zur Stelle, wo es galt, jüdische Arbeit zu leisten; er wirkte führend in fast allen jüdischen Organisationen im Reich (…).“ (Paul Lazarus, Rabbiner der jüdischen Gemeinde Wiesbadens und Zeitgenosse von Moritz Marxheimer, in seinem „Erinnerungsbuch“, zitiert nach Rolf Faber / Karin Rönsch, Wiesbadens jüdische Juristen – Leben und Schicksal von 65 jüdischen Referendaren, Beamten und Angestellten, Wiesbaden, Schriften des Stadtarchivs Wiesbaden, 2011)
Als Ausgangspunkt dieser biographischen Skizze Moritz Marxheimers diente mir der Bericht der jüdischen Studentenverbindung Badenia aus dem Sommersemester 1895. Hier werden die Mitglieder der Badenia unterteilt in „Alte Herren“, „Inaktive“ und „Aktive“ aufgelistet. Moritz Marxheimers Name steht an dritter Stelle der zuerst aufgelisteten „Alten Herren“. Moritz Marxheimer kam eine besondere Rolle in der Studentenverbindung Badenia zu, denn er zählte zu ihren Gründern und war ein Semester lang deren Vorsitzender. Sein Mitwirken bei der Gründung der Badenia markiert den Beginn seines Kampfes gegen den Antisemitismus, den er bis zu seinem Lebensende führte. In vielen Punkten kann ich mich auf das Stadtarchiv Wiesbaden stützen, das insbesondere Rolf Faber und Karin Rönsch ausgewertet haben. Leider gibt es kein einziges Bild von ihm.
Eine gebildete und engagierte jüdische Familie aus Wiesbaden
Moritz Marxheimer wurde am 28. Februar 1871 in Wiesbaden geboren. Er war der Sohn von Samuel Siegmund und Röschen Marxheimer. Sein Vater war Lederhändler und hatte sein Geschäft in Wiesbaden. Seine Mutter stammte ursprünglich aus Schwalbach.
Moritz Marxheimer hatte mehrere Brüder, von denen einer namentlich bekannt ist: Leopold Marxheimer. Leopold Marxheimer war Lederwarenfabrikant. Er wurde ebenso wie sein Bruder Moritz am 1. September 1942 aus Wiesbaden deportiert. Leopold Marxheimer wurde am 29. Oktober 1942 in Treblinka ermordet (Quelle: Finanzakten zu Moritz Marxheimer, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden). Aus Dokumenten, die die Finanzen Moritz Marxheimers betreffen, geht hervor, dass er noch weitere Brüder gehabt haben muss. So gab Moritz Marxheimer an, im Zeitraum von 1924 bis 1926 mehrere Darlehen an die Firma S. Marxheimer gegeben zu haben, Inhaber dieser Firma seien seine Brüder. Konkretere Angaben über weitere Geschwister oder Familienangehörige liegen jedoch nicht vor.
Die Namen Moritz und Leopold waren in der damaligen deutschen Gesellschaft übliche Namen und sprechen deshalb für ein in der Gesellschaft assimiliertes, also angepasstes Elternhaus (Quelle: Anette Hettinger: „Tapfrer Student, guter Jude und voll Liebe zum Vaterland“ – Zur Biografie von Leopold Oppenheimer (1889-1914) aus Schriesheim, in: Stadt Schriesheim, Hg., Schriesheimer Jahrbuch 2020, Verlag Regionalkultur, Schriesheim 2020.).
Moritz Marxheimer besuchte seit 1880 laut Stadtarchiv Wiesbaden das Humanistische Gymnasium am Luisenplatz in Wiesbaden. Das Gebäude beherbergt heute das Hessische Ministerium für Kultur, Bildung und Chancen. Dieses wies aufgrund der humanistischen Prägung eine wissenschaftliche Orientierung auf. Genaue Angaben über die Dauer seiner Schulzeit und über seine Zensuren sind leider nicht bekannt. Bekannt ist nur, dass er sein Abitur 1889 ablegte.
Wie bei vielen anderen jüdischen Studenten war auch Moritz Marxheimers Vater Kaufmann von Beruf. Moritz Marxheimers Weg vom Kaufmannsstand ins Bildungsbürgertum ist deshalb ein Beispiel für den Aufstiegswillen der deutschen Juden dieser Zeit. Der Besuch des Humanistischen Gymnasiums ermöglichte ein Studium und somit die Wahl eines selbstständigen, gesellschaftlich angesehenen Berufes wie beispielsweise den des Arztes oder Juristen.
Seine Eltern schienen diesen Weg zu unterstützen. Der elterliche Ehrgeiz, ihrem Sohn den gesellschaftlichen Aufstieg zu ermöglichen, lässt sich einerseits am Aufbringen des Schulgeldes für den Besuch des Gymnasiums bezeugen. Denn das war zu diesem Zeitpunkt kein geringer Betrag. Und andererseits daran, dass diese ihrem Sohn überhaupt eine höhere Schulbildung zukommen lassen wollten.
Denn auch nach der rechtlichen Gleichstellung der deutschen Juden im Zuge der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 waren diese durch einzelne Faktoren wie beispielsweise ihre Berufswahl, ihre geographische Verteilung und ihr Wohnverhalten von der Mehrheitsgesellschaft zu unterscheiden.
Miriam Rürup hat in ihrem Buch „Jüdische Studentenverbindungen an deutschen Universitäten 1886-1937“ (Göttingen, Wallstein, 2008) die Versuche der Integration der meisten deutschen Juden in das Bürgertum beschrieben, dessen dort herrschende ökonomische, ethische und ästhetische Standards sie als vielversprechend wahrnahmen. Das Bildungsbürgertum war das Milieu in der Gesellschaft, welchem sich viele deutsche Juden oft mit viel Engagement annäherten. Der Erwerb von Bildung sollte dazu beitragen, einen anerkannten sozialen Stand in der Gesellschaft zu erlangen.
Das Universitätsstudium als Eintrittskarte in das Bildungsbürgertum

Zulassung zum Referendariat. Hessisches Staatsarchiv Wiesbaden.
Jüdische Studenten, vor allem Mitglieder jüdischer Studentenverbindungen, gehörten zur Bildungselite innerhalb des jüdischen Bildungsbürgertums. Die bevorzugten Studienfächer unter jüdischen Studenten waren Medizin und Jura. Denn die ermöglichten es, sich später als selbstständige Ärzte oder Juristen niederzulassen, weil ihnen der Zugang zum Staatsdienst erschwert wurde (ausführlich dazu: Susanne Döring, Die Geschichte der Heidelberger Juden, in: Andreas Czer und andere, Hg., Geschichte der Juden in Heidelberg, Heidelberg, Guderjahn Verlag 1996 sowie Bernhard Post / Ulrich Kirchen, Juden in Wiesbaden von der Jahrhundertwende bis zur „Reichskristallnacht“ – Eine Ausstellung des Hessischen Hauptstaatsarchivs, Wiesbaden 1988).
Moritz Marxheimer studierte ab dem Sommersemester 1890 wohl bis zum Wintersemester 1892/93 in Heidelberg, Berlin und Marburg Jura. Dies ist in den Universitätsarchiven Heidelberg 1891, Berlin 1891 und Marburg 1892 belegt. Er wurde am 26. April 1890 an der Universität Heidelberg immatrikuliert.
Die Universität Heidelberg erlebte seit 1890 eine „Zeit der wissenschaftlichen Blüte“. Viele berühmte Wissenschaftler lehrten dort. Sie galt im Kaiserreich als „liberale Musteruniversität“ (ausführlich: Petra Schaffrodt / Jörg Hüffner, Juden an der Universität Heidelberg – Dokumente aus sieben Jahrhunderten, Heidelberg 2002) und bot auch jüdischen Hochschullehrern gute Bedingungen für Zugang und Wirken und wurde so auch für jüdische Studenten ausgesprochen attraktiv. In den Jahren von 1862 bis 1918 lehrten insgesamt 61 jüdische Professoren an der Universität Heidelberg. Sie waren in allen Fakultäten und Fächern vertreten. Insbesondere die juristische Fakultät der „Großherzoglich Badischen Universität Heidelberg“ genoss „Weltruf“ (siehe: Klaus-Peter Schroeder: „Tod den Scholaren!“ Studentische Kriege, Revolten, Exzesse und Krawalle an der Heidelberger Universität von den Anfängen bis zum Ausgang des 20. Jahrhunderts, Heidelberg 2016).
Diese Faktoren könnten Moritz Marxheimer also seinen Entschluss an der Universität Heidelberg zu studieren beeinflusst haben. Er studierte drei Semester in Heidelberg. Aufgrund der Entfernung Heidelbergs zu Wiesbaden ist anzunehmen, dass Moritz Marxheimer in Heidelberg wohnte. Dazu gibt es aber keine Angaben in den vorliegenden Dokumenten.

Studien- und Sittenzeugnis. Universität Heidelberg.
Seinem „Studien- und Sittenzeugnis“ ist zu entnehmen, welche Vorlesungen er in den jeweiligen Semestern bei welchen Dozenten belegt hatte, ebenso das Datum der Immatrikulation sowie das der Exmatrikulation. Unter „Studien- und Sittenzeugnis“ sind Bescheinigungen und Zeugnisse der Universität für betreffende Studenten zu verstehen, die diesen bei der Exmatrikulation wohl auch ausgehändigt wurden. Außerdem wurden dort eventuelle Verhaltensauffälligkeiten und Straffälligkeit in Bezug auf die akademischen Vorschriften vermerkt. Für Moritz Marxheimer lässt sich jedoch kein solcher Eintrag finden: „Was dessen Betragen betrifft, so war dasselbe den akademischen Vorschriften angemessen.“ In den Sittenzeugnissen späterer Jahre klang das häufig anders. Denn der Höhepunkt der Auseinandersetzungen, in welche die jüdische Studentenverbindung Badenia verwickelt war, wurde erst in den Jahren nach Marxheimers Zeit in Heidelberg erreicht. Er verließ laut der „Studentenakte Marxheimer, Moritz“ im Universitätsarchiv Heidelberg die „Großherzoglich Badische Universität Heidelberg“ zum Sommersemester 1891.
Aus dem „Amtlichen Verzeichnis des Personals und der Studierenden der „Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin“ (Amtliches Verzeichnis des Personals und der Studierenden der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. Auf das Winterhalbjahr vom 16. Oktober 1891 bis 15. März 1892. Berlin 1891, S. 104.) für das Wintersemester 1891/92 lässt sich entnehmen, dass er dort für dieses Semester an der juristischen Fakultät immatrikuliert war. Weitere Informationen zu seiner Zeit in Berlin liegen nicht vor.
Im Anschluss an sein Semester in Berlin setzte Moritz Marxheimer sein Studium im Sommersemester 1892 an der „Königlich Preußischen Universität Marburg“ fort. Im Personalverzeichnis wird sein Name für das Sommersemester 1892 und für das Wintersemester 1892/93 aufgeführt. Informationen zum Zeitpunkt seiner Exmatrikulation oder seines Abschlusses sind nicht vorhanden.
Die Universitäten – Hochburgen des Antisemitismus im Kaiserreich
Während seiner Studienzeit in Heidelberg gründete Marxheimer zusammen mit anderen jüdischen Studenten der Universität Heidelberg die jüdische Studentenverbindung „Badenia“, deren Ziel – knapp zusammengefasst – der Kampf gegen den Antisemitismus der Zeit war. Daher ist es im Folgenden nötig, auf die antisemitischen Strömungen im Kaiserreich einzugehen. Auch müssen die Zielsetzungen und Aktionsformen jüdischer Studentenverbindungen wie der Badenia vorgestellt werden, um das Engagement von Moritz Marxheimer einordnen zu können.
Der Begriff „Antisemitismus“ kam im Jahr 1879 auf und beschrieb zu dieser Zeit den Widerwillen gegen Juden als soziale und als politische Bewegung. Er richtete sich gegen die neue rechtliche und bürgerliche Stellung der Juden. Die Antisemiten konstruierten sich ein Bild von „Juden“, das mit realen Juden nichts gemein hatte. Einen guten Überblick bietet beispielsweise das Buch „Antisemitismus in Zentraleuropa: Vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Deutschland, Österreich und die Schweiz vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart von Werner Bergman und Ulrich Wyrwa (Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2008).
Beispiele für öffentlich geäußerten Antisemitismus im Alltag findet sich in Postkarten aus dem Deutschen Kaiserreich. Diese zeigen, wie antisemitische Motive über das Massenmedium Postkarte verbreitet wurden. Der Gebrauchsgegenstand Bildpostkarte gibt zudem einen guten Einblick in Alltagspraktiken. Karten dieser Art verdeutlichen, dass weder die Deutsche Reichspost Einwände gegen antisemitische Postkarten hatte noch, dass Versendende und Empfangende die Notwendigkeit sahen, ihre antisemitische Haltung in irgendeiner Form zu verbergen. In Bild- und/oder Textform verbreiteten sie Verunglimpfung, Ausgrenzung, Herabsetzung und Entmenschlichung von Juden, durch überzogene Darstellung beispielsweise von Physiognomie und Körperhaltung. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat hierzu gutes auch in Schulen einsetzbares Material zusammengestellt.
Auf einer Postkarte wird zum Beispiel die Musterung zum Militärdienst dargestellt. Antisemitische Karikaturen und Darstellungen versuchen das vermeintliche „Anderssein“ von Juden durch überzeichnete körperliche Merkmale hervorzuheben, durch ein verzerrtes Gesicht mit übermäßig großer Hakennase oder der Darstellung des gesamten Körpers als klein und missgebildet. In den Augen der Militärs und sonstiger Männer waren Juden für den Militärdienst nicht geeignet. Das Motiv der Hakennase ist seit dem frühen Mittelalter bekannt, denn viele mittelalterliche Darstellungen bildeten den Teufel mit einer Hakennase ab. Im Mittelalter sowie der frühen Neuzeit wurden die Teufels- und Judendarstellungen über die krumme Nase verknüpft und Juden galten nicht wenigen Christen als Teufels-Verbündete. Spätestens im 18. Jahrhundert setzte sich das Motiv der Hakennase als jüdisches „Kennzeichen“ umfassend durch.
Die stereotypisierte Darstellung eines Juden als klein, nackt und mit deformiertem Körperbau ist eine extreme Form des „gezeichneten“ Antisemitismus. Demgegenüber gestellt wird eine Gruppe idealisiert dargestellter Soldaten. Den Juden wird so in drastischer Weise körperliche Untüchtigkeit vorgeworfen. Auf den Musterungspostkarten gehören sie stets zu den Ausgemusterten. Jüdische Freiwillige wurden so entindividualisiert und pauschalisiert. Die militärische Ausgrenzungspraxis im Kaiserreich ist eine Seite des Antisemitismus im Militär, die andere ist die in der „Judenzählung“ von 1916 manifeste Unterstellung, Juden wollten sich vor dem Militärdienst drücken. Das Ergebnis der Zählung widerlegte den Verdacht, aber nach wie vor blieben Juden von höheren militärischen Laufbahnen ausgeschlossen.
Die deutschen Juden wurden am stärksten in Institutionen wie Schule, Armee und Universität mit Antisemitismus konfrontiert. An Universitäten war der Antisemitismus am stärksten ausgebildet, da Studenten – so Miriam Rürup in ihrem bereits genannten Buch – als „Trägerschicht“ für diesen fungierten (später stellte sich heraus, dass die NSDAP vor allem in der deutschen Studentenschaft eine umfassende Basis fand). Moritz Marxheimer wurde mit dieser Welt konfrontiert, als er sein Studium begann.
Die Universitäten erlebten im Kaiserreich einen starken Zuwachs an Studenten. Deren Gesamtzahl wuchs vom Wintersemester 1870/71 bis zum Sommersemester 1914 um 325 Prozent. Die Folge des Andrangs bedeutete eine nachhaltige Veränderung der Sozialstruktur. Die Universität bot gerade für die aus dem nicht-akademischen Milieu stammenden Söhne der Mittelschicht eine ausgezeichnete Aufstiegsmöglichkeit, so ausführlich Franz Egon Rode in seinem Buch „Die Universitätsburschenschaften im Kaiserreich“ (Heidelberg, Universitätsverlag Winter, 2021). Im Zuge des rasanten Anstiegs der Studentenzahlen kam es zwischen 1880 und 1900 zu einer Überfüllungskrise auf dem akademischen Arbeitsmarkt, sodass aus dem Bildungsbürgertum stammende Studenten befürchteten, ihren Status zu verlieren und infolgedessen gesellschaftlich abzusteigen. Gemessen an ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung bildete sich eine Überrepräsentation jüdischer Studenten an deutschen Universitäten, wodurch christliche Studenten in ihren jüdischen Kommilitonen eine Konkurrenz sahen. Studenten begannen sich öffentlich zum Antisemitismus zu bekennen und zu demonstrieren. Im Folgenden wurde jüdischen Studenten der Eintritt in Studentenverbindungen immer mehr verwehrt. Die antiemanzipatorische Prägung der Gesellschaft des deutschen Kaiserreichs bildete sich maßgeblich an den Universitäten, vor allem in den Studentenverbindungen aus. Die damit einhergehende Ausgrenzung machte sich somit auch zuerst im akademischen Bereich bemerkbar.
Vor diesem Hintergrund entstand sehr zeitnah eine jüdische Abwehrbewegung, denn ihr Ziel bestand nicht nur in einer akademischen Ausbildung in spezifischen Fächern, sondern lag darüber hinaus – so wiederum Miriam Rürup – in dem Bestreben ihrer Integration in die akademische, bürgerliche Mittelschicht.
Der Kampf um Gleichberechtigung in den jüdischen Studentenverbindungen
Jüdische Studentenverbindungen stellten eine Art Schutzraum dar, in welchem es jüdischen Studenten möglich sein sollte, die an deutschen Universitäten üblichen Sitten sowie den studentischen Sinn und Geselligkeit pflegen zu können. Da die Korporationen davon ausgingen, dass eine starke Identität ihr Ansehen als Juden auch unter den Antisemiten verbessern würde, strebten sie eine Stärkung des innerjüdischen Zusammenhalts an. Dies sollte – so dokumentiert es Miriam Rürup – Gleichberechtigung im universitären Bereich und den angestrebten Eintritt in die bürgerliche Gesellschaft erleichtern.
Die jüdischen Studentenverbindungen waren zunächst nur provisorisch angedacht, solange die antisemitische Welle anhalten würde. Sie entwickelten sich auch aus dem Wunsch nach einem „normalen“ studentischen Leben heraus. Miriam Rürup belegt, dass die Mitgliedschaft in einer Verbindung zudem als „Ausweis eines guten Charakters“ galt. Jüdische Studentenverbindungen zeichneten sich durch starken sozialen Zusammenhalt aus. Ihre Mitglieder erfüllten entscheidende Voraussetzungen wie ein junges Alter, hohe Bildung und zunehmende Ideologisierung. Jüdische Studenten grenzten sich außerdem zunehmend von dem „Ideal einer deutsch-jüdischen Synthese“ der Generation vor ihnen ab. Sie suchten nach eigenen Wegen des Handelns, welche sich in den verschiedenen jüdischen Studentenverbänden äußerte.
Das Entstehen jüdischer Studentenverbindungen kann somit einerseits als eine Bejahung der deutsch-jüdischen Identität gesehen werden, andererseits aber auch als Reaktion auf den in nicht-jüdischen Verbindungen vorherrschenden Antisemitismus. Miriam Rürup weist allerdings auch darauf hin, dass nur ein Teil der jüdischen Studenten einer Verbindung beitraten.
Der Antisemitismus richtete sich auch gegen die rechtliche Gleichstellung der Juden, die diese in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert weitgehend erreicht hatten. Er sprach ihnen die volle gesellschaftliche Anerkennung ab. Die Vorbehalte basierten – so Anette Hettinger – auf antisemitischen Vorurteilen und Zuschreibungen, wobei das Stereotyp des „reichen Juden“ wohl am bekanntesten sein dürfte. Aus Sicht der jüdischen Studentenverbindungen galt es vor allem gegen das antisemitische Vorurteil vorzugehen, nach welchem jüdischen Männern die Männlichkeit abgesprochen wurde. Die Gründung jüdischer Studentenverbindungen bot deutsch-jüdischen Studenten die Möglichkeit, ihre „Ehre“ sowie ihre Ebenbürtigkeit und ihre Verbundenheit mit der deutschen Nation zu beweisen. Dieser Aspekt war den jungen Männern in den jüdischen Studentenverbindungen besonders wichtig.
In einer 1886 verfassten Denkschrift der jüdischen Studentenverbindung Viadrina aus Breslau wurde diesbezüglich folgendes formuliert: „Wir vertreten den Grundsatz, und werden durch unser Verhalten den Beweis dafür liefern, dass wir Juden und zugleich Deutsche im wahrsten Sinne des Wortes sein können. Wir wollen uns zu Männern erziehen, die alle Anforderungen, die der Staat an seine Bürger stellt, mit Begeisterung und Pflichttreue erfüllen und gemeinschaftlich mit unseren christlichen Mitbürgern an der Lösung der großen Aufgaben der Zeit mitarbeiten.“ (zitiert nach: Thomas Schindler: „Was Schandfleck war, ward unser Lebenszeichen“ – Die jüdischen Studentenverbindungen und ihr Beitrag zur Entwicklung eines neuen Selbstbewußtseins deutscher Juden, in: Hinrich Harm-Brandt, Hg., „Der Burschen Herrlichkeit“ – Geschichte und Gegenwart des studentischen Korporationswesens, Würzburg 1998)
Um diese Zielsetzung zu erreichen, sollte in den Verbindungen „die Ausbildung des Körpers und des Charakters“ erfolgen. Darunter war – hier und im Folgenden stütze ich mich im Wesentlichen auf den Aufsatz von Hettinger – insbesondere die Vermittlung von Kenntnissen zum Judentum und sportliche Ertüchtigung zu verstehen. In der korporationsinternen Ausbildung wurden demnach Kenntnisse zum Judentum, die zur Ausbildung von „Selbstachtung“ und Stolz auf die eigene jüdische Herkunft beitragen sollten vermittelt. Gegenstand der Auseinandersetzung war dabei eine Beschäftigung mit der Geschichte des Judentums, aber auch mit der Rolle als deutschem Staatsbürger jüdischen Glaubens und der von der Studentenverbindung hierzu vertretenen Auffassung. Dabei wurden antisemitische oder – mit der Zeit auch – zionistische Standpunkte thematisiert.
Die körperliche Ertüchtigung dürfte den meisten Mitgliedern allerdings wichtiger gewesen sein, denn damit sollte gezeigt werden, dass jüdische Männer das Gleiche an körperliche Leistung erbringen konnten, wie nichtjüdische und, dass sie im gleichen Maß wie Nichtjuden „Ehre“ besaßen. Jüdische Studentenverbindungen übernahmen hierfür „das gesamte Repertoire studentischen Brauchtums“, wie es von nichtjüdischen Studentenverbindungen gepflegt wurde. Ein wichtiger Teil davon waren vor allem das Austragen von Fechtpartien und die „Kneipen“. Die äußerliche Erscheinung spielte ebenso eine wichtige Rolle, wozu hauptsächlich das Tragen von „Couleur“, einer festgelegten Kombination aus Kleidungsstücken und Accessoires, die bestimmte Farben aufwiesen zählte. Hier sind besonders Band und Mütze zu nennen.
1895 hatte sich die Badenia für die Farben Orange, Blau und Weiß entschieden und besaß seit 1896 auch die für Mensuren benötigten Waffen. Mitglieder der Badenia trugen, wenn sie die äußeren Kennzeichen wie Band und Mütze anlegten, ihre jüdische Herkunft selbstbewusst in der Öffentlichkeit.
Im Jahr 1896 schlossen sich die Badenia und weitere jüdische Studentenverbindungen an den Universitäten Breslau, Bonn, Darmstadt, München und Berlin zum Kartell-Convent Jüdischer Corporationen (K.C., eine Liste der Mitglieder findet sich im Wikipedia-Eintrag) zusammen, dessen Zweck im Kampf gegen den Antisemitismus gesehen wurde. In diesem Jahr wurde dort, bereits nach Marxheimers Studentenzeit, der Beschluss gefasst, auf antisemitische Äußerungen mit der Säbelforderung zu reagieren, also mit der Aufforderung zur Satisfaktion und zum Duell. Denn derartige Äußerungen wurden als Angriff auf die „Ehre“ verstanden. Die Verteidigung mit einem im Verbindungswesen üblichen Mittel unterstrich die Ebenbürtigkeit von jüdischen und nichtjüdischen Verbindungsstudenten. So gibt es auch Bilder von Studenten mit Mensuren.
Mit dem Eintritt in die Badenia unterwarfen sich die Studenten einem strikten Verhaltenskodex. Im Verständnis von Studentenverbindungen wurden auch Verhaltensweisen wie durchdringendes oder „unvermitteltes starkes Ansehen, ein unkonventionell wahrgenommener Blick, ein provozierendes im Weg Stehenbleiben oder eine schnoddrige Bemerkung“ als Angriffe auf die „Ehre“ interpretiert. Als Verbindungsstudent reagierte man darauf mit der Aufforderung zur Satisfaktion, also zum Duell. Vor allem nicht-jüdische Studentenverbindungen erkannten jüdischen Verbindungsstudenten die Satisfaktionsfähigkeit, das heißt die Ehre ab. Um Satisfaktion zu erzwingen, griffen jüdische Verbindungsstudenten deshalb zu folgendem Mittel: der Ohrfeige, die mit ihrem öffentlichen Charakter als besonders ehrenrührig galt.
Das Konzept der „Ehre“ war für die Mitglieder jüdischer Studentenverbindungen von höchster Bedeutung. Denn „Ehre, Ehrhaftigkeit, Ehrbarkeit“ machten einen großen Teil dessen aus, woraus sich die soziale und gesellschaftliche Stellung ablesen ließ, die eine Person einnahm, beziehungsweise bestmöglich einnehmen konnte. Der Ehrencode diente im Alltag der Herstellung von sozialen Beziehungen. Durch seine Handhabung wurde die sozialkulturelle Ordnung reproduziert. Die eigene Ehrhaftigkeit musste – darauf weist Miriam Rürup hin – zudem andauernd ihre Gültigkeit behaupten, sowie öffentlich dargestellt und alltäglich reproduziert werden. Verbindungsstudenten befanden sich in einem ständigen Kampf um die Anerkennung ihrer spezifischen Ehrhaftigkeit. Die Ausgangsposition jüdischer Studenten zu Beginn ihrer Verbindungen war eine besondere, da sie noch keinen festen Stand innerhalb der Studentenschaft hatten – sie mussten ihre Ehrwürdigkeit zunächst unter Beweis stellen.
Moritz Marxheimer und die Badenia
Die 1886 in Breslau gegründete „Viadrina“ stellte die erste jüdische Studentenverbindung dar. Ihre Bedeutung und Besonderheit besteht in ihrem Exklusivitätsprinzip, nachdem ausschließlich jüdische Studenten aufgenommen wurden.
Die Breslauer „Viadrina“ diente als Vorbild für die im Wintersemester 1890/91 – in Marxheimers zweitem Semester – gegründete „Badenia“ in Heidelberg. Diese wurde am 26. Oktober 1890 im jüdischen Gasthaus „Zum Goldenen Roß“ formell durch acht Mitglieder gegründet. Alfred Moses, Magnus Hirschfeld, Theodor Homburger, Moritz Marxheimer, Max Mainzer, Daniel Halle und Louis Allen verpflichteten sich durch Unterschrift und Ehrenwort Max Oppenheimer gegenüber zur Gründung der „Freien Verbindung Badenia“. Die Gründung hat Max Mainzer in den K.C.-Blättern 1915 dokumentiert. Der Zusammenschluss in der Badenia sollte – so ist es dort formuliert – das selbstbewusste Einstehen für das Judentum innerhalb der Studentenschaft sowie die Abwehr antisemitischer Angriffe fördern. Max Oppenheimer, der als der intellektuelle Gründer der Badenia gelten darf, schildert den Gründungstag in den K.C.-Blättern im Jahr 1915 als eine gelungene konstituierende Sitzung. Max Mainzer zitierte das Ziel, dass Mitglieder, die als Studenten der Badenia angehörten, nach ihrer aktiven Zeit in der Verbindung, gereifte Männer und Staatsbürger sein und Organisatoren der deutschen Judenheit werden sollten. Das verdeutlicht nochmals die patriotische Gesinnung sowie die gleichzeitig starke Bindung an das Judentum. Die Badenia orientierte sich in ihrem Auftreten, wie bereits angeklungen, an nicht-jüdischen Korporationen und pflegte ein traditionell-studentisches Brauchtum. Die Mitglieder der Badenia definierten sich als deutsche Studenten jüdischen Glaubens und forderten die Integration der Juden in die deutsche Gesellschaft (Norbert Giovannini, Jüdische Studentinnen und Studenten in Heidelberg. In: Peter Levinson, Hg., Jüdisches Leben in Heidelberg – Studien zu einer unterbrochenen Geschichte Heidelberg 1992).
Im Laufe der Zeit pendelte sich der Stand der aktiven Mitglieder der Badenia zwischen 15 und 26 Angehörigen ein. Der Kontakt zu anderen Heidelberger Korporationen erwies sich auf Dauer als schwierig. So verschlechterte sich das Verhältnis zwischen der Allemannia, einer bis heute am äußersten rechten Rand des politischen Spektrums zu verortende Studentenverbindung, und der Badenia trotz anfänglicher Kontakte und Mensuren rasch. In den Jahren 1895 bis 1898 kam es – wie Döring dokumentiert – immer wieder zu Streit zwischen den beiden Verbindungen.
Die Anschaffung eigener Waffen erfolgte erst nach Marxheimers Zeit in Heidelberg und soll deshalb nur kurz erwähnt werden. Sie erfolgte aufgrund der immer mehr werdenden antisemitischen Beleidigungen von den Korporationen, bei welchen die Badenia bis zu diesem Zeitpunkt Waffen geliehen hatte. Auch dies hat Max Maihnzer in den K.C.-Blättern dokumentiert.
Am 9. Juli 1902 kam es zum dauerhaften Verbot der Badenia; „weil deren Mitglieder fortgesetzt Anlaß zu Beschwerden sowie zu disziplinärem Einschreiten bieten und zu befürchten steht, daß dies auch fernhin der Fall sein wird“ (zitiert nach Döring). Die Badenia hatte diverse Zusammenstöße mit anderen Studentenverbindungen. Dies führte zu ihrer Suspendierung und schließlich zu ihrem Verbot. Die an den Zusammenstößen beteiligten anderen Studentenverbindungen wurden Strafen angedroht, Verbote sind jedoch nicht belegt.
Abschließend festzuhalten ist, dass jüdische Studentenverbindungen wie die Badenia es Studenten jüdischen Glaubens wie Moritz Marxheimer ermöglichten, sich aktiv gegen den Antisemitismus zu verteidigen. Der im studentischen Verbindungswesen verbreitete und gelebte Ehrencode ist für jüdische Studenten deshalb von besonderer Bedeutung, weil sie mithilfe dieses Codes aktiv Stereotypen wie beispielsweise dem des „verweichlichten Juden“ begegnen konnten. Die Gründung jüdischer Studentenverbindungen ist außerdem ein Symbol dafür, die eigene Religion nicht zu verstecken, sondern sie offen nach außen zu tragen. Jüdische Verbindungen organisierten sich wie die, die ihnen jegliche Daseinsberechtigung absprachen und ihnen mit Hass und Antisemitismus entgegentraten. Das wird von manchen als Widerspruch zu dem gesehen, für das jüdische Verbindungen standen. Gleichzeitig ermöglichte diese gleiche Organisation eine Form der Gleichwertigkeit zu nicht-jüdischen Verbindungen, was wiederum ja durchaus auch für den Grundsatz der jüdischen Verbindungen steht, die antisemitischen Vorurteile zu widerlegen.
Marxheimers Mitgliedschaft sowie die Tatsache, dass er Mitbegründer der Badenia war, lassen Rückschlüsse auf seine Überzeugungen zu: Er war sich seiner deutsch-jüdischen Identität bewusst, die seine patriotische Gesinnung wie eine starke Bindung an das Judentum umfasste. Auch zeigte er damit einen gewissen Stolz auf seinen neuen akademischen Status und seine Zugehörigkeit zu einer bildungsbürgerlichen Elite.
Das Berufsleben – anfängliche Erfolge, doch dann der Ausschluss

Zulassung als Anwalt. Hessisches Staatsarchiv Wiesbaden.
Moritz Marxheimer kehrte nach seinem Staatsexamen nach Wiesbaden zurück. Er absolvierte sein Referendariat in Wiesbaden. Dies belegen die „Personalacten über Referendar-Marxheimer“ im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden. Mithilfe der Personalakten lässt sich sein Weg bis zur Ernennung zum Notar in den Jahren von 1893 bis 1919 nachvollziehen.
Im Jahr 1894 absolvierte Moritz Marxheimer seinen Militärdienst und wurde für den entsprechenden Zeitraum beurlaubt. Die vorliegenden Informationen sprechen dafür, dass Moritz Marxheimer seinen Militärdienst als „Einjährig-Freiwilligen-Dienst“ ableistete. Voraussetzung war die Übernahme für Verpflegung, Ausrüstung und Wohnung. Dies setzte ein gewisses Vermögen der Familie voraus. Zudem konnte man sich im „Einjährig-Freiwilligen-Dienst“ den Truppenteil aussuchen. Am Ende des Militärjahres fand eine Abschlussprüfung für ausgewählte und für geeignet befundene Einjährige statt, um festzustellen, ob diese zu Reserveoffizieren taugten. Sollte dies nicht der Fall sein, bestand die Möglichkeit, Unteroffizier der Reserve zu werden (ausführlich zu diesem Thema: Carola Groppe, Im deutschen Kaiserreich – Eine Bildungsgeschichte des Bürgertums 1871-1918, Köln 2018).
Der Rang des Reserveoffiziers stellte im Kaiserreich die unbedingte Voraussetzung dar, um zur etablierten höheren bürgerlichen Gesellschaft zu gehören. In der Armee war die antisemitisch begründete Ausgrenzungspraxis besonders auffällig. So war das Offizierskorps bekennenden Juden fest verschlossen, sodass es im Kaiserreich keine jüdischen Offiziere und nach 1885 auch keine jüdischen Reserveoffiziere gab. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg war es eine übliche Verfahrensweise in den Truppen, jüdische jüdischen Offiziersaspiranten die Prüfung zum Reserveoffizier nicht bestehen zu lassen. Seit 1880 wurden von den im preußischen Heer dienenden bis zu 30.000 jüdischen Einjährig-Freiwilligen kein einziger zum Reserveoffizier befördert (Michael Berger, Eisernes Kreuz und Davidstern Die Geschichte Jüdischer Soldaten in Deutschen Armeen. Berlin 2006).
Es gibt keine weiteren Informationen zu Moritz Marxheimers Militärdienst. Ebenso wenig gibt es Hinweise darauf, dass er als Soldat beziehungsweise Unteroffizier der Reserve im Ersten Weltkrieg diente. Es ist deshalb anzunehmen, dass er während des Ersten Weltkrieges als Rechtsanwalt und Justizrat, zu dem er 1917 ernannt wurde, tätig war. Dennoch bot ihm die Ausbildung zum Unteroffizier der Reserve eine Möglichkeit, sein Ansehen in der Gesellschaft des Kaiserreichs zu steigern. Seine Zeit in der Studentenverbindung Badenia hat möglicherweise zu seinem Erfolg in seiner Militärausbildung beigetragen, da auch im Militär Tugenden wie ständige Kampfbereitschaft und der Ehrbegriff von großer Bedeutung waren. Es ist deshalb stark anzunehmen, dass Moritz Marxheimer sich diesen Tugenden und ihrer Handhabung im Alltag sehr bewusst und zur Umsetzung fähig war.
Während des Ersten Weltkriegs wurde Moritz Marxheimer am 17. Juli 1917 zum Justizrat ernannt. Seine Kanzlei befand sich in der Kirchgasse 7 in Wiesbaden. Auf Verfügung des Justizministers vom 10. Juli 1919 wurde Moritz Marxheimer zum Notar im Bezirk des Oberlandesgerichts in Frankfurt am Main ernannt. Er war zu diesem Zeitpunkt 48 Jahre alt.
Noch im selben Jahr verlegte er seine Kanzlei nach Frankfurt am Main und wurde dort im September 1919 als Rechtsanwalt zugelassen. Er kehrte aber bereits im April 1921 nach Wiesbaden zurück und gründete zusammen mit den Rechtsanwälten Dr. Alfred Landsberger und Karl Weber eine neue Kanzlei, welche sich in der Luisenstraße 41 befand. Seine Kanzlei war sowohl in zivilrechtlicher als auch strafrechtlicher Hinsicht tätig und wurde als eine der größten Kanzleien der Stadt angesehen. Im Jahr 1932 schied Dr. Alfred Landsberger aus der Kanzlei aus, da er plante, nach Palästina auszuwandern. An seine Stelle trat Dr. Siegfried Hallgarten.
Ungefähr eine Woche nach dem Boykott jüdischer Geschäfte schuf die NS-Regierung am 7. April 1933 mit dem „Gesetz über die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft“ – zeitgleich mit dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“, das unter anderem für Richter und Staatsanwälte galt – die Voraussetzung, Rechtsanwälte „nichtarischer Abstammung“ die Zulassung bei Gericht zu entziehen. Das Gesetz ist Teil der – erfolgreichen – nationalsozialistischen Versuche, die Lebensmöglichkeiten jüdischer Menschen nachhaltig einzuschränken und sie aus dem öffentlichen Leben zu entfernen. Moritz Marxheimer konnte seine Zulassung als Rechtsanwalt zunächst behalten, denn er fiel unter die „Anwaltsregelung“. Diese Ausnahmeregelung legte fest, dass Rechtsanwälte, welche bereits vor dem 1. August 1914 die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft besaßen, vom Berufsverbot ausgenommen waren. Seine Zulassung erfolgte bereits 1899.
Im September 1933 schied Rechtanwalt Karl Weber aus der Kanzlei aus. Auch Dr. Hallgarten hatte seine Zulassung verloren und war nach England ausgewandert. Aufgrund der Zwangsmaßnahmen gegen jüdische Rechtsanwälte gingen die Einnahmen von Moritz Marxheimer stark zurück. Seine renommierte Kanzlei Marxheimer-Weber übernahm auch politische, gegen Nazis geführte Prozesse. Nach 1933 verhalf Moritz Marxheimer etlichen seinen Gemeindemitgliedern zur Flucht. Darunter befand sich auch ein Anwaltskollege, der in seiner Kanzlei von SA-Leuten überfallen worden war.
Im Zuge der Nürnberger Gesetze vom 15. September 1935 verlor Moritz Marxheimer am 14. November 1935 das Notariat. Diese Gesetze sollten das Verhältnis zwischen „Nichtariern“ und „Volksgenossen“ regeln und bestanden aus mehreren Einzelgesetzen. Teil davon war das „Reichsbürgergesetz“, welches Juden die Gleichberechtigung nahm und maßgeblich in deren ökonomische und soziale Lebensgestaltung eingriff. Zu den „Verordnungen zum Reichbürgergesetz“ zählten Maßnahmen, welche Juden aus bestimmten Berufsgruppen und dem öffentlichen Leben drängte. Davon betroffen waren beispielsweise Notare, Beamte, Ärzte, Richter und Rechtsanwälte. § 4 der Ersten Verordnung erkannte Juden die deutsche Staatsbürgerschaft ab.
1937 verschärfte sich die Situation noch weiter. So durften jüdische Rechtsanwälte nur noch für jüdische Klientinnen und Klienten juristisch tätig werden. Moritz Marxheimers Kanzlei befand sich zuletzt in der Rheinstraße 39 in Wiesbaden. Der nach der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 stattfindende unerhörte Terror gegen jüdische Geschäfte, Warenhäuser und private Besitztümer führte zur völligen Ausschaltung von Juden aus dem wirtschaftlichen Leben, Verhaftungen sowie zur Einziehung ihres Vermögens. Ein endgültiges Berufsverbot erfolgte am 1. Dezember 1938 (Hans Mommsen, Das NS-Regime und die Auslöschung des Judentums in Europa, Göttingen, Wallstein, 2014).
Privatleben und Engagement in der jüdischen Gemeinde Wiesbaden
Moritz Marxheimer war von 1923 bis 1942 im Vorstand der Jüdischen Gemeinde in Wiesbaden tätig. Auf der Gründungsversammlung des Preußischen Landesverbandes der jüdischen Gemeinden am 22. Juni 1922 vertrat er die Wiesbadener Gemeinde. Bereits zu diesem Zeitpunkt war er so hochgeschätzt und anerkannt, dass er seine Zustimmung für einen Zusammenschluss der preußischen Gemeinden nicht nur für die Gemeinde Wiesbadens, sondern für alle Gemeinden des ehemaligen Herzogtums Nassau aussprechen konnte.
Im Jahr 1923 übernahm er das Amt des ersten Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden. Marxheimer war Vorstandsmitglied von Keren Hayossed seit dessen Gründung und leitete die Ortsgruppe gemeinsam mit dem Gemeinderabbiner Dr. Paul Lazarus. Die deutsche Keren-Hayessod-Organisation (Jüdisches Palästinawerk) wurde im Februar 1921 in Berlin gegründet und widmete sich dem Aufbau eines deutschen Siedlungswerkes in Palästina.
Marxheimer gehörte weiteren Vereinen an: dem Centralverein der Juden in Deutschland, dem Israelitischen Waisenunterstützungsverein, dem Hilfsverein der Juden in Deutschland, dem Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten, der Wiesbadener Ferienkolonie für israelitische Kinder, dem Kindertagesheim und der Rituellen Küche für den Mittelstand. All diese Mitgliedschaften sind im Stadtarchiv Wiesbaden dokumentiert. Er war außerdem Mitglied des Jüdischen Lehrhauses Wiesbaden, einer Erwachsenenbildungseinrichtung zur Vermittlung klassischen jüdischen Wissens, welches aus dem Verein für jüdische Geschichte und Literatur hervorgegangen war. Das Jüdische Lehrhaus Wiesbaden arbeitete mit einem Konzept des „neuen Lernens“, welches über das reine Talmud-Studium hinausging. Das Ziel war das Bestreben, das Leben der Juden und ihre Riten auch für die Mehrheitsbevölkerung transparent zu machen und dadurch zum Abbau von Vorurteilen beizutragen.
Mehrere Jahre wirkte Moritz Marxheimer als Präsident der Nassau-Loge des B’nai B‘rith, einer weltweit wirkenden Wohltätigkeitsorganisation, welche sich unter anderem für die Pflege jüdischer Erziehung und Kultur einsetzte. Seit dessen Gründung im Jahr 1920 gehörte Moritz Marxheimer außerdem dem Vorstand des Fonds für das jüdische Aufbauwerk in Palästina an.
Anhand Marxheimers Engagement in den oben genannten Vereinen und Organisationen, lässt sich eine Befürwortung und Unterstützung zionistischer Ziele feststellen.
Vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde Moritz Marxheimer mehrmals angeboten, nach England auszuwandern. Er lehnte dieses Angebot stets ab und blieb in Wiesbaden, um sich auch weiterhin um die jüdische Gemeinde kümmern zu können. Moritz Marxheimer „wollte die zurückgebliebenen Mitglieder ‚nicht im Stich lassen‘.“ (zitiert nach dem Beitrag von Rolf Faber und Krain Rönsch). Wie ein solches Angebot zur Auswanderung allerdings konkret ausgesehen hat, ist nicht bekannt.
Marxheimer war Eigentümer einer Villa in der Uhlandstraße 8. Diese bewohnte er zusammen mit seiner Ehefrau Elise (auch Else genannt) Henriette. Sie und Moritz Marxheimer hatten am 27. April 1903 geheiratet. In den Finanzakten Moritz Marxheimer betreffend gibt es einen Verweis, dass sie 1939 als geschieden vermerkt sind. In der Karteikarte der Gestapo hingegen findet sich der Vermerk „getrennt lebend“. Allerdings liegen laut Informationen der heutigen Jüdischen Gemeinde Wiesbaden keine Dokumente vor, die Rückschlüsse auf den Grund der Scheidung oder Trennung zulassen.
Ab 1939 erhielten außerdem alle Juden ein „J“ als Vermerk in ihren Pässen und mussten je nach Geschlecht den Namen „Israel“ beziehungsweise „Sara“ hinzufügen. Dies wurde auch in staatlichen Dokumenten und Briefen, die Elise und Moritz Marxheimer betrafen, so umgesetzt.

Grundstücksveräußerung. Hessisches Staatsarchiv Wiesbaden.
Ab November 1938 forderte der NS-Staat von Juden die sogenannte „Judenvermögensabgabe“. Dabei handelte es sich um eine 20-prozentige Zwangsabgabe auf das Vermögen von Juden. Es wurde nach der Reichspogromnacht vom 9./10. November 1938 als sogenanntes Sühnegeld für das Attentat auf den deutschen Botschaftsangestellten Ernst Eduard vom Rath in Paris eingeführt. Viele Juden, die den Verkauf ihres Grundbesitzes lange verhindern konnten, sahen sich nun gezwungen, diesen zu ungünstigen Bedingungen doch zu verkaufen, um die „Judenvermögensabgabe“ überhaupt bezahlen zu können. Im Dezember 1938 musste Moritz Marxheimer sein Haus in der Eckernförderstraße 21 für 36.000 RM verkaufen. 1940 folgte der Verkauf seiner Villa in der Uhlandstraße 8 für 34.000 RM, wie eine erhaltene „Mitteilung über Grundstücksveräußerung“ bezeugt. Marxheimer zog daraufhin am 2. August 1940 in eine Mietwohnung in der Kapellenstraße 26 in Wiesbaden. Für den Zeitraum des NS-Regimes sind insbesondere im Hessischen Hauptstaatsarchiv verschiedene Dokumente zu Moritz Marxheimer vorhanden, die seine Enteignung durch das NS-Regime nachzeichnen.
Die Ermordung Moritz Marxheimers
Moritz Marxheimer wurde im Sommer 1942 verhaftet. Wie Charlotte Opfermann, die Tochter von Rechtsanwalt Berthold Guthmann und Holocaustüberlebende, anlässlich eines späteren Aufenthalts in Wiesbaden mitteilte, wurde er von dem Gestapo-Beamten Walter Bodewig vom Fenster seiner Wohnung in der Goldgasse 16 aus beobachtet, wie er sich mit einem nichtjüdischen Kollegen auf der Straße unterhielt. Beide hatten damit gegen das Kontaktverbot zwischen Juden und Nichtjuden verstoßen. Sogenannten „deutschblütigen Personen“ war der Kontakt mit Juden in der Öffentlichkeit untersagt und zog Strafen nach sich. Dabei wurden die sogenannten „Deutschblütigen“ aus erzieherischen Gründen vorübergehend in „Schutzhaft“ genommen beziehungsweise in von der Gestapo als schwerwiegend eingestuften Fällen bis zu einer Dauer von drei Monaten in ein Konzentrationslager eingewiesen. Über die Dauer von Moritz Marxheimers Haft ist nichts bekannt, ebenso nicht über die Inhaftierung seines Gesprächspartners.
Moritz Marxheimer wurde am 1. September 1942 im Rahmen der letzten großangelegten Deportation Wiesbadener Juden mit vorwiegend älteren Jüdinnen und Juden aus Wiesbaden in das KZ Theresienstadt deportiert. In seiner Gestapokarteikarte ist das Datum ebenfalls notiert, „nach dem Osten evakuiert“ steht dort, ein Euphemismus für den Tatbestand der Deportation. Der Transportliste des Konzentrationslagers Mauthausen zufolge wurde Moritz Marxheimer bereits am 23. Oktober 1942 von Theresienstadt in das KZ Mauthausen überführt. Sein Name ist dort im Zugangsregister der Politischen Abteilung des KZ Mauthausen und im Zugangsregister der Schutzhaftlagerführung vermerkt. Dem Totenbuch des KZ Mauthausen zufolge, verstarb Moritz Marxheimer am 27. Oktober 1942 im Block 19 an „Gehirnblutung“. Der Block 19 war ab Mai 1940 Teil des „Sonderreviers“ (Blöcke 16-20). In Block 18 und 19 wurden offiziell die chirurgischen Fälle untergebracht. Als Teil des Sonderreviers wurden hier allerdings regelmäßig Selektionen durchgeführt, wobei körperlich schwache beziehungsweise arbeitsunfähige Häftlinge dorthin verlegt wurden, um sie dort sterben zu lassen. Aus diesem Grund ist der Hinweis der KZ-Gedenkstätte Mauthausen wichtig, dass die in den Quellen angegebenen Todesursachen und Todeszeiten oftmals nicht mit den tatsächlichen übereinstimmen.
Die Arolsen Archives, ein internationales Zentrum über die NS-Verfolgung, haben im Jahr 1950 eine Sterbeurkunde für Moritz Marxheimer ausgestellt. Sein Todeszeitpunkt wird darauf mit 18 Uhr angegeben. Als seine geschiedene Ehefrau Elise Marxheimer von seinem Tod erfuhr, schaltete sie im Jahr 1946 eine Todesanzeige in der jüdischen Zeitung „Aufbau“, die im Stadtarchiv Wiesbaden dokumentiert ist.
Abschließende Würdigung
Die zu Beginn zitierte Würdigung Moritz Marxheimers von Paul Lazarus ist sicherlich subjektiv und darf auch so betrachtet werden. Aber Lazarus würdigte Marxheimer auf der Grundlage seiner persönlichen Bekanntschaft. Das aus den Quellen ersichtliche Porträt und der Lebenslauf zeigen Moritz Marxheimers großes Engagement für die Jüdische Gemeinde Wiesbaden, für das Judentum und seine Gleichberechtigung in der Gesellschaft.
Moritz Marxheimer war ein sehr engagierter Mensch. Sein Kampf gegen den Antisemitismus zog sich durch sein gesamtes Leben. Sein Engagement für die jüdische Gesellschaft beginnt mit der Mitbegründung der jüdischen Studentenverbindung Badenia. Die dort vermittelten und gelebten Werte, Toleranz und Gleichberechtigung, um die jüdische Gesellschaft im Kampf gegen den Antisemitismus zu stärken behielt er sein Leben lang bei. Moritz Marxheimer war überzeugt davon, dass Jüdischsein und eine deutsch-vaterländische Gesinnung keinen Widerspruch darstellten. Sein Beruf als Rechtsanwalt, Justizrat und später als Notar bestätigen dies.
Auch als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, nutzte er seinen Beruf als Rechtsanwalt, um sich für diejenigen einzusetzen, denen Schaden zufügt wurde. Er verhalf vielen Gemeindemitgliedern zur Flucht und führte mit seiner Kanzlei politische Prozesse gegen die Nationalsozialisten. Dabei gehörte er selbst zur Gruppe der Gefährdeten.
Auch sein Engagement in der Jüdischen Gemeinde Wiesbadens und in vielen jüdischen Vereinen war vom Gedanken des Kampfes gegen den Antisemitismus geprägt. Moritz Marxheimers Weigerung, das Land und seine Gemeinde, trotz der immer größer werdenden Lebensgefahr für ihn selbst, zu verlassen, verdeutlicht wohl am besten sein unermüdliches Engagement für das jüdische Leben und den Kampf gegen den Antisemitismus.
Moritz Marxheimer zu Ehren benannte die Stadt Wiesbaden eine Straße im Stadtteil Klarenthal nach ihm. Ein Stolperstein für Moritz Marxheimer wurde am 1. Oktober 2013 in der Uhlandstraße 8 verlegt. Am 29. Januar 2007 wurde Moritz Marxheimers Name zudem in das in Berlin eingeweihte Mahnmal des Deutschen Anwaltsvereins zur Erinnerung an die durch den Nationalsozialismus umgekommenen Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte aufgenommen.
Ellen Fähnrich, Heidelberg
Der Text ist eine Kurzfassung der Bachelorarbeit, die die Autorin im Jahr 2023 an der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg geschrieben hat, und entspricht weitgehend einem Vortrag, den sie im Jüdischen Lehrhaus Wiesbaden gehalten hat (ausführliche Literaturangaben sind in der Bachelorarbeit enthalten). Sie studierte Kunst und Geschichte und schloss im Januar 2026 das Masterstudium mit einer Arbeit zur „Darstellung jüdischer Geschichte in nicht-gymnasialen Schulbüchern in Baden-Württemberg von der Jahrtausendwende bis heute – Bestandsaufnahme und Verbesserungsvorschläge“ ab. Ellen Fähnrich ist seit Februar 2026 Referendarin an einer Realschule in Wiesloch.
(Anmerkungen: Veröffentlichung im Juni 2026, Internetzugänge zuletzt am 25. Mai 2026, Titelbild. Gestapo-Akte Moritz Marxheimer © Jüdische Gemeinde Wiesbaden)
