Ein offenes Geheimnis

Ein Gespräch mit Christian Schmittwilken über die Ausstellung „Der Holocaust – Was wussten die Deutschen?“

„Das Unaussprechliche, das in Rußland, das mit den Polen und Juden geschehen ist und geschieht, wißt ihr, wollt es aber lieber nicht wissen…“ (Thomas Mann im November 1941 in der BBC: „Deutsche Hörer“)

Die von der Stiftung EVZ kuratierten MEMO-Studien verzeichnen schon seit längerer Zeit, dass etwa ein Drittel der befragten Deutschen von ihrer Familie behaupten, wären damals im Widerstand gewesen oder hätten zumindest verfolgten Jüdinnen und Juden geholfen. Die reale Zahl der Deutschen im Widerstand lag etwa bei einem oder zwei Prozent. Die Stiftung Topographie des Terrors zeigt im Jahr 2026 eine Sonderausstellung mit dem Titel „Der Holocaust – Was wussten die Deutschen?“ Die Ausstellung präsentiert rund 300 Exponate aus 95 Archiven, öffentlichen Sammlungen und privatem Besitz. Mit diesem Material – darunter Reproduktionen von Fotografien und Dokumenten, Audio- und Videoaufnahmen sowie Originalobjekte – werden viele bislang kaum bekannte Geschichten erzählt. Es gibt einen Begleitband in deutscher und in englischer Sprache sowie zahlreiche Begleitveranstaltungen, die überwiegend auch per Livestream übertragen werden und anschließend als Aufzeichnung auf dem youtube-Kanal der Stiftung verfügbar sind. Der Historiker Christian Schmittwilken kuratierte die Ausstellung.

Beteiligte und (scheinbar) Unbeteiligte

Bürger bei einer Versteigerung jüdischen Eigentums in der Gegend von Hanau, 1942 (Ausschnitt): Nach der Deportation wurde das Eigentum der Jüdinnen und Juden beschlagnahmt und im Anschluss öffentlich versteigert. Viele Bürgerinnen und Bürger zeigten Interesse. Die Dinge konnten oft für wenig Geld erstanden werden. © Medienzentrum Hanau Bildarchiv, Foto: Franz Weber.

Norbert Reichel: Wir wissen zwar viel über die Partei- und Staatsorganisation, Strukturen, die Positionierung prominenter Personen, aber es ist nicht einfach, den Alltag der Menschen zu erforschen, auf der Straße, zu Hause, in der Kirche, auf Reisen, auf der Arbeit. Das macht es natürlich im Nachhinein einfacher, anzunehmen, dass die eigene Familie mit dem Nationalsozialismus nicht konform ging.

Christian Schmittwilken: Abgesehen vom rechten Rand des politischen Spektrums haben die Menschen in Deutschland weitgehend akzeptiert, dass der Nationalsozialismus ganz unfassbare Massenverbrechen verantwortet. In der Regel ist es dann jedoch bei der eigenen Familiengeschichte etwas anders: Es gibt die Vorstellung, dass die Mitglieder der eigenen Familie keine Nazis, sondern vielleicht sogar im Widerstand waren, zumindest aber nicht an den Verbrechen beteiligt waren. Wir wollten uns das mit dieser Ausstellung etwas genauer anschauen.

Im Frühjahr 2026 wurde die NSDAP-Mitgliederkartei von den National Archives in den USA online gestellt. Um dort etwas zu finden, braucht man schon ein gewisses Recherchegeschick. ZEIT online und einige andere Medien haben das aufgearbeitet und die Suche vereinfacht. Viele Menschen haben sich dadurch angeregt gefühlt, sich ihre eigene Familiengeschichte anzuschauen. Dieser Datenbestand kann natürlich immer nur der Anfang für eine solche Recherche sein, weil die Mitgliedschaft in der NSDAP oder einer der NS-Organisationen erst einmal nur etwas darüber aussagt, ob jemand Mitglied war oder nicht.  Über die Beteiligung an Verbrechen ist damit noch nichts ausgesagt. Die NSDAP hatte insgesamt etwa zehn Millionen Mitglieder.

Norbert Reichel: Eine gute Einführung in die Nutzung der Datenbank bietet die Süddeutsche Zeitung. Ich habe mich gewundert, dass erst jetzt solche Recherchen möglich sein sollten. Im Bundesarchiv gibt es bereits genügend Material. Ich selbst habe die Mitgliedskarten meines Großvaters (er war Reichsbahnsekretär) und eines seiner Brüder (ein Schlosser) dort schon vor längerer Zeit gefunden und in Kopie erhalten. Sie hatten 1937 die Aufnahme beantragt und sind 1940 aufgenommen worden.

Christian Schmittwilken: Grundsätzlich ist das Bundesarchiv die beste Recherchemöglichkeit. Eine Anfrage beim Bundesarchiv dürfte zurzeit jedoch etwas verzögert beantwortet werden, weil die Veröffentlichung durch die National Archives eine große Zahl von Nachfragen auch an dieser Stelle ausgelöst haben dürfte. Der NSDAP-Mitgliederkartei kann man einige Grundinformationen entnehmen, etwa, wann die jeweilige Person in die Partei eingetreten ist. Wenn sie vor 1933 eingetreten ist, spricht das dafür, dass die Person ideologisch der NSDAP nahestand, während spätere Mitgliedschaften auch aus einer Art Opportunismus zustande gekommen sein können.

Norbert Reichel: Vielleicht darf ich zu diesem Thema den von Jürgen W. Falter herausgegebenen Band „Junge Kämpfer, alte Opportunisten – Die Mitglieder der NSDAP 1919-1945“ empfehlen (Frankfurt / New York, Campus Verlag, 2016). Im Grunde kann sich niemand damit herausreden, man sei ja erst zu einem späten Zeitpunkt aus einem nachrangigen Grund in die Partei eingetreten. In seinem Resümee weist Jürgen Falter darauf hin, dass bisher jedoch keine Theorie „das Gesamtphänomen der NSDAP-Mitgliedschaft zu erklären“ vermag. Interessant ist, dass die Parteiführung stets die „Freiwilligkeit der Mitgliedschaft“ betonte, was auch immer das bedeutete. Man müsse – so Falter – jeden „Einzelfall“ betrachten. Und dies gilt in beide Richtungen.

Christian Schmittwilken: Im Fokus unserer Ausstellung stehen nicht nur diejenigen, die Mitglied der Partei waren. Es geht um all diejenigen, die nicht selbst verfolgt worden sind und die nicht unmittelbar selbst an den Verbrechen beteiligt waren. Uns interessierte zum Beispiel nicht die Frage, was ein Mitarbeiter des Reichssicherheitshauptamtes wusste. Denn bei Personen, die Teil des Verfolgungsapparats waren, muss von einem Spezialwissen ausgegangen werden.   

Der Alltag in den Kirchen

„Darum seid nüchtern! Ein Gruss an die Brüder“, Flugschrift des Kriegspfarrers Walter Höchstädter, Sommer 1944. Höchstädter hatte von der Ermordung der Jüdinnen und Juden erfahren. Das Schweigen der Kirche zu den NS-Verbrechen erschütterte ihn. Daher verfasste er eine Flugschrift, in der er den Massenmord verurteilte. Im französischen Annecy ließ er sie 1944 heimlich in einer Auflage von 1.000 Stück drucken. Anschließend verteilte er die Flugschrift unter Soldaten und verschickte sie per Feldpost an seine Freunde. Im August 1944 geriet er in Kriegsgefangenschaft. Privatbesitz Familie Höchstädter Foto: © Stiftung Topographie des Terrors, Sebastian Eggler.

Norbert Reichel: Ein Ort, bei dem man vielleicht am ehesten Widerstand vermuten könnte, waren die Kirchen. Im Kapitel „Hinweise im Alltag“ widmen Sie den Kirchen eines der Unterkapitel. Sie belegen Predigten des Münsteraner Kardinals Clemens August von Galen, der sich gegen die Aktion T 4, die systematische Ermordung von Menschen mit Behinderungen, wandte. Kardinal von Galen galt in den katholischen Kreisen der 1960er Jahre, in denen ich aufgewachsen bin, als ein leuchtendes Vorbild und auch als Anlass, die katholische Bevölkerung zu exkulpieren. Kein Thema war, dass er kein Wort über die Ermordung von Jüdinnen und Juden verlor. Sie porträtieren den evangelischen Pfarrer Helmut Hesse aus Wuppertal, der in einem Gottesdienst ganz offen gegen die Ermordung von Jüdinnen und Juden gepredigt und am 6. Juni 1943 die Osterbotschaft der Münchner Laien vom 25. April 1943 vorgelesen hatte: „Dem Staat gegenüber hat die Kirche jedem Versuch, die Judenfrage nach einem selbstgemachen politischen Evangelium zu ‚lösen‘, d.h. das Judentum zu vernichten, aufs äußerste zu widerstehen.“ Helmut Hesse wurde verhaftet, nach Dachau deportiert, wo er nach wenigen Tagen starb. Auf der anderen Seite portraitieren Sie Pfarrer, die mit den Nazis kollaborierten, darunter zum Beispiel Pfarrer Walter Hoff, der schon 1932 in die NSDAP eintrat und in der Ausstellung auf einem Feldgottesdienst für die SA zu sehen ist. Die Haltung der Kirchen, der Bischöfe, Priester und Pfarrer war – so möchte ich es einmal sagen – zumindest nicht einheitlich.

Christian Schmittwilken: Die Kirchen sind in der Ausstellung ein besonderer Bereich, weil sie ein Ort sind, an dem man sich mit anderen treffen konnte, und weil sie zugleich wichtige Institutionen waren, denn etwa 95 Prozent der Bevölkerung gehörten einer der christlichen Kirchen an. Es gab die Katholische Kirche, auf evangelischer Seite die „Deutschen Christen“, die sich bemühten, das Christentum mit dem Nationalsozialismus zu verbinden, sowie die „Bekennende Kirche“, die sich gegenüber dem Regime ablehnend verhielt.

Hier stoßen wir auf das Grundproblem, dass Ereignisse im Alltag nicht immer gut dokumentiert sind. Vieles wurde auch nicht für überlieferungswürdig befunden. Wenn man etwas Kritisches sagen wollte, hat man den Beweis vielleicht lieber vernichtet. Manche haben aber beispielsweise in den Gottesdiensten mitstenographiert, aus unterschiedlichen Gründen. So findet man dann doch den ein oder anderen Beleg.

Das NS-Regime hat einen Kirchenkampf geführt mit dem mittelfristigen Ziel, die Kirchen abzuschaffen. Mit Beginn des Krieges wurden die Kampagnen gegen die Kirchen jedoch vorläufig eingestellt, man wollte den Kampf erst nach dem Krieg fortführen. Der Sicherheitsdienst der SS hat aber beispielsweise die Weihnachtsbotschaft des Papstes 1942 mitgehört, sie transkribiert und auch eine Interpretation aufgeschrieben. Man sammelte also Informationen, übte aber auch Druck auf die Kirchen aus.

Drei konkrete Beispiele

Norbert Reichel: Sie präsentieren eine Fülle von Tagebüchern, Briefen, Fotografien. Wie haben sie die gefunden?

Christian Schmittwilken: Das ist nicht immer einfach. Die Überlieferung ist verstreut. Es gibt also kein einzelnes Archiv, das eine solche Überlieferung verwaltet. Wenn sie nach einem bestimmten Aspekt in einem Findmittel suchen, finden Sie – im Unterschied zu anderen Themen unseres Hauses – oft zunächst nichts Spezifisches. Sie müssen sich die Forschungsliteratur genauer ansehen und in die Archive gehen, um zu schauen, wo sich vielleicht doch Material finden lässt. Relativ viele Dokumente befinden sich noch in Privatbesitz. Wir befassen uns im Mittelteil der Ausstellung mit drei Individuen und zeigen anhand ihrer Tagebücher, wie diese Personen sich Wissen angeeignet, einen Überblick verschafft, eine eigene Systematik geschaffen haben. Zwei der drei Tagebücher sind immer noch in Privatbesitz. Das dritte wurde inzwischen an ein Archiv abgegeben.

Norbert Reichel: Die drei Personen sind gut gewählt. Es handelt sich um Anna Haag, Karl Dürkefälden und Paulheinz Wantzen. Ein Thema ist die Frage, was diese und andere, in vergleichbaren Verhältnissen lebenden Menschen wussten, ein weiteres die Frage, wie sie sich verhielten.

Christian Schmittwilken: Diese drei Personen positionierten sich unterschiedlich, verhielten sich aber insofern ähnlich, als sie selbst nichts gegen das, was sie erfahren hatten, unternahmen. Alle drei haben systematisch Informationen gesammelt, Bruchstücke aus beispielsweise Radiosendungen, Gesprächen, Briefen zusammengetragen, einander gegenübergestellt. Das kann man bei Karl Dürkefälden sehr gut sehen, der einen Radiobeitrag von Thomas Mann hörte, in dem dieser beschreibt, dass 400 niederländische Juden nach Deutschland gebracht worden seien, um dort für „Gasversuche“ eingesetzt, also getötet zu werden. Ein paar Tage, nachdem er diesen Radiobeitrag gehört hatte, fand Dürkefälden in der , in der Niedersächsischen Tageszeitung, seiner örtlichen Lokalzeitung, ein Zitat von Adolf Hitler, der sagte: „Der Jude wird ausgerottet.“ Karl Dürkefälden stellte den Radiobeitrag Thomas Manns und das Hitler-Zitat in Bezug zueinander und schrieb, dann müsse man wohl zu dem Ergebnis kommen, dass Thomas Mann recht hat. Es stellt sich also immer die Frage, wer wem was glaubte.

Karl Dürkefälden war vor der Machtübernahme Mitglied einer der SPD nahestehenden Gewerkschaft. Er war bereit, die BBC, einen sogenannten feindlichen Auslandssender zu hören. Das lässt darauf schließen, dass er dem, was er in der BBC hören konnte, einen gewissen Grad an Plausibilität zuschrieb, dass er dem Sender ein Stück weit vertraute.

Norbert Reichel: In Ausstellung und Katalog zeigen sie das „Radio-Sende-Spiel – Ein lustiges Würfelspiel für 4 Personen“, das ein privater Spieleverlag nach Kriegsbeginn vertrieb. Ziel war der Deutschland-Sender bei Berlin. Wer im Verlauf des Spiels auf einem feindlichen Auslandssender stehenblieb, musste ausscheiden.

Anna Haag (geb. Schaich) schrieb ab 1940 regelmäßig Tagebuch. Sie analysierte die NS-Propaganda und die Stimmung in der Bevölkerung und trug Details über Verbrechen zusammen. Immer wieder haderte sie damit, so viel zu wissen und doch nichts dagegen tun zu können, weil sie das selbst in Gefahr bringen könnte. Aus Angst vor Denunziation versteckte sie ihr Tagebuch im Kohlenkeller. © Stadtarchiv Stuttgart, 2022 Nachlass Anna Haag, Nr. 48, Kriegstagebuch von Anna Haag (11.10.1942-.04.03.1943), Foto: Volker Naumann.

Karl Dürkefälden kam ebenso wie Anna Haag aus sozialdemokratischen Verhältnissen. Anna Haag versteckte ihr Tagebuch aus Angst vor der Entdeckung im Keller. Beide mussten befürchten, dass man sie verhaftet und zu drakonischen Strafen verurteilt.

Christian Schmittwilken: Bei der Bemessung des Strafmaßes kam es auch darauf an, was man mit der Information gemacht hat. Wenn man für das Hören ausländischen Rundfunk angezeigt wurde, machte es einen Unterschied, ob man die Informationen weitergetragen, anderen Menschen davon erzählt, vielleicht sogar ein Flugblatt angefertigt hatte. Oder hatte man das Gehörte für sich behalten? Im letzten Fall blieb es oft bei einer Verwarnung. Es blieb aber immer die Angst, entdeckt zu werden.

Die Furcht vor Strafe konnte natürlich auch dazu führen, dass man bestimmte Dinge lieber unterließ oder zumindest sehr stark geheim hielt. Manche machten es trotzdem, oft weil sie ein Unrechtsbewusstsein hatten.

Norbert Reichel: Totalitäre Systeme leben von Willkür. Für dasselbe Delikt kann man eine Verwarnung bekommen oder zum Tode verurteilt werden – je nach Situation. Je länger der Krieg dauerte, desto öfter gab es Todesurteile.

Ein ganz anderer Fall ist die dokumentarische Arbeit von Paulheinz Wantzen. Er ist im Mai 1933 der NSDAP beigetreten, teilte den Antisemitismus und war Informant für den Sicherheitsdienst der SS. Es war damit registriert, wen er mit welchen Vorwürfen denunziert hatte.

Christian Schmittwilken: Uns war es für die Ausstellung wichtig, einen solchen Fall hineinzunehmen, um nicht den Eindruck zu erwecken, dass man nur von den Verbrechen wissen konnte, wenn man dem Regime gegenüber kritisch eingestellt war. Das taten auch Leute, die von der Ideologie der NSDAP überzeugt waren. Die Herausforderung war für uns aber, belastbares Quellenmaterial zu finden, weil Sie viel mehr Material von denjenigen finden, die dem Regime grundsätzlich kritisch gegenüberstanden. Es gibt sehr viel weniger Aufzeichnungen von Menschen, die in der NSDAP waren, antisemitisch eingestellt waren und ihre Beobachtungen auch festgehalten haben. Wir wissen nicht, wie viele von diesen Menschen tatsächlich solche Aufzeichnungen gemacht haben. Zu vermuten ist natürlich auch, dass viele von ihnen gegen Kriegsende ihre Aufzeichnungen vernichtet haben. Außerdem ist die Hemmschwelle höher, Tagebücher oder Briefe in ein Archiv abzugeben, in dem die eigenen Vorfahren in einem negativen Licht stehen.

Norbert Reichel: Sie dokumentieren Aufzeichnungen von Paulheinz Wantzen über die Predigten des Münsteraner Bischofs Clemens August Graf von Galen. Wantzen schreibt am 7. August 1941: „Unter diesen für ihn wenig ehrenvollen Umständen könnte es sehr bald dazu kommen (dass von Galen verhaftet wird, NR), denn diese Mordbeschuldigungen kann der Staat nicht auf sich sitzen lassen. Man hat die Rede mitstenographiert und hat auch Zeugen.“ Allein die Sprachwahl zeigt schon, wes Geistes Kind Wantzen war. An einer anderen Stelle beschreibt Wantzen einen Juden, der sich an der Wand entlangdrückte und bedient damit ein gängiges antisemitisches Klischee. Er schreibt am 25. September 1941: „Das Volk verdächtigt die Juden noch vielfach der Mithilfe im feindlichen Nachrichtendienste und hat darum die Einführung des Judensterns sehr begrüßt, während man bei älteren, noch dem Judentum verhafteten Herrschaften deswegen eine zwar resignierte, aber doch vorhandene Empörung feststellen kann. Überhaupt findet man in diesen Kreisen noch viel Mitleid mit dem Judentum und hört zuweilen deswegen sehr deutliche Bemerkungen.“ Das klingt völlig anders als beispielsweise bei Karl Dürkefälden.

Christian Schmittwilken: Die Art und Weise, wie die Menschen etwas festgehalten haben, war stark davon beeinflusst, wie sie dem Regime gegenüberstanden. Manche haben die Predigten von Galens wie Paulheinz Wantzen als „Volksverrat“ aufgefasst. Den Begriff verwendete er auch. Er fand es richtig, was geschah. Andere kamen zu anderen Auffassungen. Im Nationalsozialismus blieb es zunächst einmal illegal, Menschen zu ermorden.

Die Wirkung der Propaganda

Blick in die Ausstellung: Kapitel 1 Propaganda © Stiftung Topographie des Terrors / Sebastian Eggler.

Norbert Reichel: Auch im Nationalsozialismus war es illegal, Menschen zu ermorden, also musste man dafür sorgen, dass Jüdinnen und Juden nicht mehr als Menschen gesehen wurden und wie auch Behinderte als „Volksschädlinge“ galten. Harald Welzer hat das in seinem Buch „Täter – Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden“ (Frankfurt, S. Fischer, 2005) am Beispiel der Täter der Massenerschießungen von über 33.000 Jüdinnen und Juden im ukrainischen Babyn Jar ausführlich beschrieben: Man brachte keine Menschen um, sondern „Ungeziefer“.

Christian Schmittwilken: Das ist auch ein Ergebnis der Propaganda. Schon 1933 begann man damit, die als jüdisch verfolgte Bevölkerung systematisch auszugrenzen. Ich sage deshalb so kompliziert „als jüdisch verfolgt“, weil einige Jüdinnen und Juden sich gar nicht als jüdisch definiert haben. Die Menschen konnten aber nicht mehr selbst über ihre Identität entscheiden, sondern wurden trotzdem verfolgt. In unserer Ausstellung dokumentieren wir den Fall eines Hamburgers, der einen „Deportationsbefehl“ bekam, mit diesem zu seiner Vermieterin ging und sich in ihrer Wohnung das Leben nahm, als diese gerade außer Haus war. Er war zuvor schon von der Polizei verhaftet worden, weil er den Zwangsnamen „Israel“ nicht nutzte und sich auch nicht bei der jüdischen Gemeinde registriert hatte. Er konnte nicht nachvollziehen, dass man ihn belangte und sagte zur Polizei, er sei doch Anfang der 1920er Jahre aus der jüdischen Gemeinde ausgetreten. Die Nationalsozialisten schafften ein System von Inklusion und Exklusion. Auch bei Menschen, die selbst oder deren Eltern schon lange Zeit zuvor zum Christentum konvertiert waren, spielte nach den sogenannten Nürnberger Gesetzen die Religionszugehörigkeit der Großeltern eine entscheidende Rolle.

Norbert Reichel: In der Ausstellung gibt es zu Beginn das Kapitel „Propaganda“. Man konnte vieles unmittelbar nach Übernahme der Regierung sehen. Es gab die ersten Blockaden jüdischer Geschäfte am 1. April 1933, den Ausschluss von Juden aus der Beamtenschaft am 7. April 1933 („Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“) und eine Vielzahl weiterer Maßnahmen. Zum Beispiel durften jüdische Ärzte keine nicht-jüdischen Patientinnen und Patienten mehr behandeln. All diese Dinge merkte man doch! Sie zeigen in der Ausstellung auch öffentliche Prangerzüge, bei denen Leute von den SA-Horden mit einem Schild um den Hals durch die Straßen getrieben wurden, weil ein Jude und eine Nicht-Jüdin beziehungsweise eine Jüdin und ein Nicht-Jude ein Liebesverhältnis unterhielten. Die Bevölkerung stand am Rand und schaute zu.

Christian Schmittwilken: Die Verfolgung der als jüdisch angesehenen Bevölkerung geschah völlig offen, am helllichten Tage. Sie wurde öffentlichkeitswirksam inszeniert. Ebenso wie die Aprilblockaden 1933. Ein Stück weit in der Hoffnung, dass die Bevölkerung mitmachen würde, es ging aber auch darum, den Menschen zu kommunizieren, wie sie sich verhalten sollten. Die „Nürnberger Gesetze“, die Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma die Bürgerrechte aberkannten, wurden öffentlich verkündet. Sie waren auf den ersten Seiten der Tageszeitungen zu lesen, beispielsweise der Kölner Zeitung im September 1935. Nichts geschah im Geheimen, auch nicht die Inbrandsetzung der Synagogen in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Das war für alle Menschen sichtbar, es gab eine entsprechende Berichterstattung.

Die Forschung geht allerdings auch davon aus, dass die Bevölkerung diesen „Radauantisemitismus“ nicht unbedingt guthieß. Als 1938 die Synagogen brannten, gab es lokale, aber nur wenig überregionale Berichterstattung. Es erschienen nur wenige Artikel, die die wirtschaftlichen Gesamtschäden benannten. Diese wurden vom Propagandaministerium moniert; die Autoren wurden aufgefordert, das doch zu unterlassen. Niemand sollte aufzählen, wie viele Millionen Reichsmark Schaden die Gewalt verursacht hatte, da man sich doch in einem Wirtschaftsaufschwung befinde und es sich eigentlich nicht leisten könne, solche Schäden zu verursachen.

Das Regime behielt die Stimmung in der Bevölkerung immer im Blick. Es war vorsichtig, vor allem aus den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs heraus. 1939 begannen die Verbrechen in den besetzten Gebieten und 1941 dann der systematische Massenmord. Das fand außerhalb Deutschlands statt. Die Massenerschießungen wurden vor allem in den besetzten Gebieten Polens, des Baltikums und der Sowjetunion verübt. Die Propaganda sprach nicht offen über die Gewalt gegen Jüdinnen und Juden, es sei denn, die Täter waren keine Deutschen. Es erschienen etwa Berichte darüber, wie eine Synagoge in Riga in Flammen aufging, aber darin wurde ausdrücklich erwähnt, dass die Täter Letten seien, die sich an den Juden rächen würden, weil diese angeblich für die sowjetische Besatzung verantwortlich gewesen seien. Es gab Berichte aus dem damaligen Transnistrien, das von Rumänien besetzt war. Die von Deutschen begangenen Verbrechen finden Sie darin nicht. Über diese sprach das Regime nicht. Erst in der zweiten Jahreshälfte 1942 ändert das Regime seine Strategie und bestätigte die im Reich umlaufenden Gerüchte indirekt. Wir zeigen in der Ausstellung auch einige Dokumente der Alliierten über die Verbrechen der Deutschen. Auch Thomas Mann bezog sich in seinen BBC-Sendungen darauf. Diese Berichte wurden ab der zweiten Jahreshälfte 1942 nicht mehr dementiert und nicht mehr als „alliierte Propaganda“ bezeichnet.

Nachdem die Rote Armee in Stalingrad gewonnen hatte, ging man dazu über, die Menschen gezielt zu Mitwissenden zu machen. Aufhänger war der Fund der Leichen von etwa 4.000 ermordeten polnischen Offizieren in Katyn. Man holte internationale Experten an die Massengräber, die beweisen sollten, dass – was auch stimmte – der sowjetische NKWD die Morde begangen hatte. Die Nazis nahmen dies aber als Vorwand, um in bis dahin ungekanntem Ausmaß gegen Jüdinnen und Juden zu hetzen. Täglich gab es Berichte in den Zeitungen, in denen Juden für die Morde in Katyn verantwortlich gemacht wurden.

Die Bevölkerung sollte von da an auch wissen, dass Deutschland solche unfassbaren Verbrechen als Teil des Kampfes gegen den angeblichen „jüdisch-bolschewistischen Feind“ begangen hatte und beging. Die genauen Details unterlagen aber weiter der Geheimhaltung. Dahinter stand auch das Kalkül, dass die Bevölkerung zu Komplizen gemacht werden sollte. Sie sollte das Gefühl bekommen, dass, wenn man den Krieg verlieren würde, dasselbe mit ihr gemacht würde. Goebbels schrieb ganz ausdrücklich, dass die Juden ihr eigenes Todesurteil unterschrieben hätten, weil sie den Krieg begonnen hätten. Das ist natürlich besonders perfide, denn den Krieg hatte bekanntlich das NS-Regime zu verantworten.

Peter Longerich hat unter anderem in „Davon haben wir nichts gewusst!“ Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933–1945“ (Siedler, München 2006) und in „Unwillige Volksgenossen – Wie die Deutschen zum NS-Regime standen – Eine Stimmungsgeschichte“ (Siedler Verlag, München 2025) herausgearbeitet, dass es vielen zu viel wurde, sie sich zurückzogen und nichts mehr davon wissen wollten. Die Behauptung, davon habe man nichts gewusst, nahm ihren Ausgangspunkt demnach schon im Frühjahr 1943. Manche sagten auch, warum haben wir uns überhaupt mit denen angelegt, wenn die doch so stark sind? Im Juni 1943 fanden sich die letzten Zeitungsartikel zu diesem Thema. Danach spielte der Holocaust, nur noch eine untergeordnete Rolle. Es gab noch einige merkwürdige Fotoartikel, die das Leben in den Ghettos darstellen sollten. Dafür wurden Fotos genutzt, die 1940 oder 1941 gemacht worden waren. Die darauf abgebildeten Menschen waren längst ermordet worden.

Wechselnde Strategien des Regimes

Raumansicht © Topographie des Terrors, Sebastian Eggler.

Norbert Reichel: Das Regime hatte aus meiner Sicht eine ambivalente Strategie. Auf der einen Seite wurden Jüdinnen und Juden gegen Kriegsende nur noch selten erwähnt, auf der anderen Seite wurde den Deutschen vermittelt, dass sie mit Rache rechnen mussten, wenn der Krieg verloren gehe. Das sind zunächst einander widersprechende Botschaften.

Christian Schmittwilken: Aber sie sind zeitlich voneinander abgegrenzt. Tatsächlich versuchte man zunächst, den Leuten Angst zu machen, um sie dazu zu bewegen, den Krieg weiter zu stützen. Die Alliierten nannten dies „Kraft durch Furcht“. Das Regime gewann aber den Eindruck, dass diese Furchtpropaganda nicht sonderlich gut funktioniert. Daher stellt es sie im Juni 1943 weitgehend wieder ein.

Norbert Reichel: Das änderte nichts an dem, was die Leute wussten. Sie geben dem letzten Abschnitts des Ausstellungskapitels „Propaganda“ die Überschrift „Massenmord als offenes Geheimnis“. Peter Longerich wies darauf hin, dass, wenn man etwas nicht wissen wolle, man mit der Zeit auch selbst glaube, dass es das gar nicht gegeben habe. Das passt zu Ihrer Überschrift.

Christian Schmittwilken: Was bedeutet der Begriff „offenes Geheimnis“? Es ist zwar ein „Geheimnis“, aber dennoch ist klar, dass es alle wissen. Man sprach nicht darüber, das Regime verfolgte Menschen, die darüber mit ihren Nachbarn redeten, Flugblätter schrieben. Das war Teil des „offenen Geheimnisses“. Sie sollten es wissen, aber nicht darüber reden.

Norbert Reichel: Erstaunlich ist aus meiner Sicht, dass die Nazis schon darauf achteten, wie die allgemeine Stimmung war. Aber letztlich bestätigt das, dass eben viel mehr Leute als allgemein angenommen ziemlich genau Bescheid wussten.

Christian Schmittwilken: Das sagt viel über den Charakter des NS-Regimes aus. Man wähnte sich nicht so sicher im Sattel, dass man meinte die Stimmung in der Bevölkerung ignorieren zu können. Man bemühte sich, die Laune in einem für das Regime günstigen Bereich zu halten, auch in Erinnerung an die Ereignisse während des Ersten Weltkriegs, die damaligen Hungersnöte und die öffentlichen Proteste. All das wollte man vermeiden. Da spielt natürlich der Holocaust hinein. Andererseits spielte auch hinein, dass man das Hab und Gut der Vertriebenen und Ermordeten großzügig an Personen verteilte, deren Wohnungseinrichtung bei Bombardierungen durch die Alliierten zerstört wurde. Bis zum Ende des Krieges musste die Bevölkerung in Deutschland auch nicht hungern, sieht man von Gefangenen und Zwangsarbeiter*innen ab.

Norbert Reichel: Der Hunger kam erst nach dem Krieg. Das ist auch ein Punkt, der in der Erinnerung manchmal völlig anders dargestellt und auf die Zeit des Krieges selbst projiziert wird. Eigentlich gab es in Deutschland alles, was man so brauchte, auch Luxusartikel. Bertolt Brecht hält dies in seinem Gedicht „Und was bekam des Soldaten Weib?“ fest: Stöckelschuh aus Prag, Pelzkragen aus Oslo, einen holländischen Hut, Brüsseler Spitzen, ein Seidenkleid aus Paris, ein bunt besticktes Hemd aus Bukarest bekam sie, doch aus „Russenland“, da bekam sie den „Witwenschleier“. Wer mehr dazu erfahren möchte, lese Götz Aly, „Hitlers Volksstaat – Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus“ (Frankfurt am Main, S. Fischer, 2005). Nachzulesen ist dort unter anderem auch, was Heinrich Böll seiner Frau Annemarie schickte.

Christian Schmittwilken: Der Bevölkerung ging es im Vergleich zu anderen Ländern relativ gut. Das liegt auch an der Raubpolitik, die die deutschen Besatzer insbesondere in Ostmittel- und Osteuropa betrieben. Die Soldaten wurden angehalten, Essen zu stehlen, manches mit der Feldpost nach Deutschland zu schicken. Regelmäßig rollten ganze Züge mit Nahrungsmitteln aus den besetzten Gebieten nach Deutschland.

Norbert Reichel: Ich wage einmal folgendes Fazit: Die Forschungslage zu dem, was die Deutschen wussten, wie sie mitwirkten oder als Bystander zuschauten und versuchten zu ignorieren, ist ziemlich gut.

Christian Schmittwilken: Die Forschungslage ist inzwischen in der Tat relativ gut. Die Frage nach dem Mitwissen der Allgemeinbevölkerung zu beantworten, ist aber eine methodische Herausforderung. Wir können das Wissen der Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt als Historiker nur anhand bestimmter Quellen nachweisen. Zeitgenössische Umfragen gab es nicht. Nachkriegsumfragen wurden in einer anderen Situation vorgenommen. Es bleibt uns nur das, was Menschen zeitgenössisch selbst aufgeschrieben haben. Teile der Bevölkerung haben aber kaum oder gar keine Schriftquellen hinterlassen. Das Wissen dieser Gruppe ist wissenschaftlich schwer belegbar. Im Umkehrschluss können wir heute jedoch sehr gut belegen, dassman es wissen konnte, wenn man denn wollte. Das ist seit über 20 Jahren durch die Forschung eindeutig belegt.

Mit Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion am 22. Juni 1941 waren sehr viele Menschen, viele Männer in Wehrmacht, SS und Polizei, in der besetzten Sowjetunion an den Massenerschießungen beteiligt oder haben sie zumindest miterlebt. Sie haben in Briefen oder während ihres Heimaturlaubs davon berichtet. Viele Menschen in Deutschland erfuhren auf diese Weise davon. Fast jede Familie hatte ein Familienmitglied im besetzten Ostmittel- und Osteuropa. Das ist die Quintessenz des „offenen Geheimnisses“.   

(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juli 2026, Internetzugriffe zuletzt am 3. Juli 2026. Titelbild: Blick in die Ausstellung © Topographie des Terrors, Sebastian Eggler. Der Stiftung Topographie des Terrors sei herzlich für die Bereitstellung dieses und der weiteren Bilder im Text gedankt. Die Bildunterschriften wurden weitgehend aus den Pressematerialien der Stiftung übernommen.)