Ein polnisch-ukrainischer Erinnerungskrieg

Wolhynien und geostrategische Imperative

Mit Erlass Wolodymyr Selenskyjs vom 26. Mai 2026 wurde einer Spezialeinheit der ukrainischen Streitkräfte der Ehrenname „Helden der UPA“ verliehen. In Polen wurde dieser Schritt weithin als politische Provokation und als Angriff auf das polnische kollektive Gedächtnis, die nationale polnische Identität und das Selbstverständnis der Polen als Opfer verurteilt. Der polnische Präsident Karol Nawrocky entzog seinem ukrainischen Amtskollegen den Orden des Weißen Adlers, die höchste staatliche Auszeichnung Polens. Wolodymyr Selenskyj schickte den Orden umgehend zurück. Dies taten auch mehrere andere ukrainische Politiker, darunter drei frühere Staatspräsidenten der Ukraine.

Während die ukrainische Öffentlichkeit über die Entscheidung von Präsident Wolodymyr Selenskyj, einer Militäreinheit den Ehrennamen „Helden der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA)“ zu verleihen, geteilter Meinung war, stieß die Entscheidung Nawrockis, dem ukrainischen Staatsoberhaupt den Orden des Weißen Adlers abzuerkennen, in der Ukraine auf nahezu einhellige Ablehnung. Ein Krieg um das Überleben der Nation ist für die Ukrainer wohl kaum der richtige Zeitpunkt, um die ganze Komplexität ihrer konfliktreichen Geschichte zu erklären. Ebenso wenig ist er für die Polen der richtige Zeitpunkt, die lebenswichtige Unterstützung zu untergraben, die ihr Land der Ukraine im Kampf gegen die russische Aggression gewährt.

Ein vergifteter Diskurs

Vor einigen Tagen wurde in der Weichsel bei Warschau die Leiche eines ukrainischen Jugendlichen gefunden. Nach Angaben der polnischen Behörden gab es keine Anzeichen von Gewalteinwirkung. Der Junge war offenbar von der tückischen Strömung mitgerissen worden. An dem Vorfall selbst war wenig Außergewöhnliches, denn in Polen, der Ukraine und anderen Teilen der Welt fallen immer wieder Hunderte Menschen der Gewalt der Natur und ihrer eigenen Schwäche oder Unvorsichtigkeit zum Opfer. Außergewöhnlich war in diesem Fall – wie auch in mehreren ähnlichen Fällen – vielmehr die eigentümliche Aufregung in den sozialen Medien, gleichermaßen auf ukrainischer und auf polnischer Seite. Beide Sprachen ähneln einander genug, um eine zweisprachige Debatte zu ermöglichen. Ein gegenseitiges Verständnis ist damit allerdings nicht unbedingt verbunden.

In den Kommentaren zeichnen sich zwei entgegengesetzte Narrative ab. Sie sind so deutlich und so vehement, dass kaum Zweifel an der Beteiligung russischer Trolle an der zunehmend provokanten Auseinandersetzung bestehen. Wie in den meisten vergleichbaren Fällen bemühen sie sich keineswegs um Aufklärung, sondern versuchen vielmehr, das Wasser zu trüben, Hass zu schüren und Misstrauen zu vertiefen. Auf ukrainischer Seite suggerieren sie, die polnischen Behörden verheimlichten die Wahrheit und deckten die Täter eines Verbrechens. Auf polnischer Seite beschränken sie sich auf Verleumdungen und Beschimpfungen. Jede Nachricht über einen toten oder zusammengeschlagenen Ukrainer wird mit Schadenfreude, Beifall und hämischem Jubel aufgenommen: „Geschieht ihm recht!“, „Die sollen sich verpissen!“, „Sollen sie doch alle dorthin gehen!

Erstaunlicherweise schenken Googles Kontrollinstanzen, die im ukrainischen Internet ziemlich aufmerksam auf vermeintliche oder tatsächliche Beleidigungen Russlands und der Russen reagieren, der grassierenden antiukrainischen Hassrede in Polen nur wenig Beachtung. Dies ist wahrscheinlich ein Zeichen dafür, dass ein solcher fremdenfeindlicher Diskurs in der polnischen Gesellschaft normalisiert und weitgehend gesellschaftsfähig geworden ist. Der scheinbar nebensächliche Fall eines ertrunkenen ukrainischen Jungen und die folgende hässliche Debatte veranschaulichen die tiefe Krise der polnisch-ukrainischen Beziehungen – nicht nur in den höchsten politischen Kreisen, sondern bedauerlicherweise auch an der gesellschaftlichen Basis. Das Problem besteht jedoch nicht allein darin, dass große Teile der polnischen Gesellschaft in unterschiedlichem Maße fremdenfeindliche Ansichten vertreten. Es liegt auch darin, dass sich der vernünftige Teil der Gesellschaft gegenüber den aggressiven Ukrainophoben auffällig zurückhält, während es die liberale Regierung versäumt, die rechtlichen Mittel gegen solch grassierende Hassrede konsequent anzuwenden. Tatsächlich ist kaum vorstellbar, dass eine derart ungehemmte Rhetorik gegen irgendeine Bevölkerungsgruppe – insbesondere gegen Juden – in einer demokratischen Gesellschaft geduldet würde.

Die jüngsten symbolischen Gesten ukrainischer wie polnischer Politiker haben offensichtlich zu einer weiteren Verschlechterung der polnisch-ukrainischen Beziehungen beigetragen und den Gegensatz zwischen den wechselseitigen Fehlwahrnehmungen der gemeinsamen Vergangenheit und den gegenwärtigen Entwicklungen in beiden Gesellschaften weiter verschärft.

Düstere Schatten Wolhyniens

Die UPA, die Ukrainische Aufständische Armee, wurde 1942/43 in der Westukraine von der bereits vor dem Krieg im Untergrund tätigen Organisation Ukrainischer Nationalisten gegründet. Ihr erklärtes Ziel bestand darin, sämtliche Besatzungsmächte auf ukrainischem Boden – vor allem die Sowjets und die Deutschen – zu bekämpfen und die unvermeidlichen Nachkriegswirren sowie das erwartete Machtvakuum zu nutzen, um den lang gehegten Traum von einem unabhängigen ukrainischen Staat zu verwirklichen. Man stellte sich das Ende des Zweiten Weltkriegs mehr oder weniger nach dem Muster des Endes des Ersten Weltkriegs vor: 1918 hatten ukrainische Nationalisten auf den Trümmern des Habsburgerreiches eine unabhängige Westukrainische Volksrepublik ausgerufen, waren letztlich jedoch den weitaus stärkeren und besser vorbereiteten Polen unterlegen.

Dieses historische Trauma und die falsche Analogie zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg bestimmten in hohem Maße ihre spätere Politik und ihre Fehlkalkulationen. Einerseits weigerten sie sich, die Legitimität der polnischen Herrschaft über die westukrainischen Gebiete anzuerkennen – insbesondere nachdem die Polen ihr Versprechen gebrochen hatten, den Ukrainern in ihrem neu gegründeten beziehungsweise aus ukrainischer Sicht wiedererrichteten Staat Autonomie zu gewähren. Andererseits setzten die radikalsten Gruppierungen auf die damals in Europa recht populäre „integrale“, also totalitäre Spielart des Nationalismus. Sie suchten opportunistische Bündnisse mit revisionistischen Mächten der Zwischenkriegszeit, die die internationale Ordnung infrage stellten, um den Ukrainern ein Zeitfenster für den Aufbau eines unabhängigen Staates zu eröffnen.

1929 gründeten Veteranen der nationalen Befreiungskriege von 1918 bis 1920 aus der Zentral- und der Westukraine die im Untergrund tätige Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), die schon bald unterschiedlichste Sabotage- und Terrorakte gegen den polnischen Staat verübte. Dadurch verschlechterte sich die Lage der ukrainischen Minderheit nur noch weiter, zumal die polnische Regierung zunehmend diskriminierend und repressiv vorging. 1943/44 gipfelte die tief verwurzelte polnisch-ukrainische Feindschaft in einer von der UPA angeführten ethnischen Säuberung der polnischen Bevölkerung in der westukrainischen Region Wolhynien. Dabei wurden etwa 80.000 polnische Zivilisten getötet, nachdem sie sich erwartungsgemäß geweigert hatten, das Gebiet auf ein Ultimatum der UPA hin zu verlassen. Doch auch auf ukrainischer Seite forderte der Konflikt einen hohen Blutzoll: Rund 30.000 ukrainische Zivilisten wurden bei sogenannten Vergeltungsaktionen, nicht selten bei „präventiven Vergeltungsaktionen“ der polnischen Heimatarmee, der Armia Krajowa, und verschiedener Selbstverteidigungseinheiten ermordet.

Die gesamte Geschichte ist Fachleuten wohlbekannt, nicht jedoch der breiten Öffentlichkeit, der über Jahrzehnte systematisch einseitige nationalistische Darstellungen dieser historischen Tragödie vermittelt wurden. Daher überrascht es kaum, dass die massiv dämonisierte UPA und sämtliche ihrer Anführer als Todfeinde der polnischen Nation gelten und im öffentlichen Diskurs wie in der kollektiven Vorstellung häufig mit den deutschen Nationalsozialisten gleichgesetzt werden. Das Verhältnis der UPA zu den deutschen Besatzungsbehörden war – anders als die frühere taktische Zusammenarbeit bestimmter OUN-Kreise mit Deutschland – vielfach feindselig und von bewaffneten Auseinandersetzungen geprägt. 1941 verhafteten die Deutschen Stepan Bandera, Jaroslaw Stezko und zahlreiche weitere führende Mitglieder der OUN; einige Nationalisten wurden ermordet, andere in Konzentrationslager deportiert.

Die ukrainische Sicht auf die OUN und insbesondere auf die UPA unterscheidet sich erheblich von der polnischen Sicht. Obwohl die Ukrainer selbst während des Krieges wenig Neigung zu Diktatur und Autoritarismus zeigten und sich zunehmend von den antipolnischen „Exzessen“ der UPA in Wolhynien distanzierten, würdigen sie deren Kampf gegen Deutsche und Sowjets als Beispiel für patriotischen Widerstand, Selbstaufopferung und unbeirrbaren Einsatz für die nationale Sache. Sie stimmen darin überein, dass Kriegsverbrechen verurteilt und die Täter bestraft werden müssen. Dies sollte sich jedoch auf konkrete Einheiten, Befehlshaber und Täter beziehen und nicht auf die gesamte Untergrundarmee und die gesamte nationale Widerstandsbewegung. Eine solch differenzierte und historisch kontextualisierte Sicht auf die UPA entwickelte sich in der Ukraine mit der Zeit, kollidierte aber mit der vorherrschenden sowjetischen Dämonisierung des „ukrainischen Nationalismus“, die der in Polen dominierenden Sichtweise ähnelt.

Tatsächlich sorgten die russische Invasion von 2014 und vor allem der Großangriff von 2022 dafür, dass das UPA-Narrativ von nationalem Widerstand und patriotischer Selbstaufopferung in der gesamten Ukraine hochaktuell wurde, weit über die als „nationalistisch“ geltenden westlichen Regionen hinaus. Die von Moskau so verhassten Symbole der UPA und die Namen ihrer Anführer fanden zunächst in der Zentralukraine und allmählich auch im stark russifizierten Südosten Verbreitung. Die Entscheidung des ukrainischen Präsidenten, der Eliteeinheit der Armee den Namen „Helden der UPA“ zu verleihen, ging mit Sicherheit nicht auf seine eigene Initiative zurück und spiegelte wahrscheinlich auch keine persönliche Bewunderung für die UPA wider. Wie die meisten Ostukrainer weiß Selenskyj über die UPA kaum mehr als das, was ihm die heute vollständig diskreditierte, gehässige sowjetische Propaganda vermittelt hat. Vielmehr kam er damit bereitwillig einem von der Militäreinheit selbst geäußerten Wunsch nach. Das Problem besteht jedoch darin, dass der ukrainische Heldenmythos um die UPA frontal auf den in Polen entwickelten dämonischen Mythos derselben Organisation prallt. In beiden Ländern werden diese Mythen politisch instrumentalisiert, in der Ukraine zur Mobilisierung gegen den äußeren, russischen Feind, in Polen dagegen zur Mobilisierung der eigenen Wählerschaft gegen innenpolitische, liberale und kosmopolitische Gegner.

Politisches Kapital des Nationalismus

Karol Nawrocki, der die Präsidentschaftswahl im vergangenen Jahr vor allem mit Unterstützung rechtsextremer und ultranationalistischer Wähler gewann, scheint sich der Wirksamkeit dieses Instruments sehr wohl bewusst zu sein. Wahrscheinlich reagierte er deshalb so aggressiv auf Selenskyjs Fehltritt: Er verurteilte nicht nur dessen unglückliche Entscheidung, sondern drohte auch damit, ihm den von seinem Amtsvorgänger verliehenen Orden abzuerkennen. Da Selenskyj dieser Erpressung erwartungsgemäß nicht nachgab, blieb Nawrocki kaum etwas anderes übrig, als seine Drohung wahr zu machen. Dadurch verschärfte sich der Konflikt weiter. Selenskyj schickte den Orden seinem polnischen Amtskollegen per Post zurück, und zahlreiche weitere ukrainische Amtsträger – darunter drei ehemalige ukrainische Präsidenten, die keineswegs zu Selenskyjs Freunden zählen – folgten seinem Beispiel.

Der Streit schien weiter zu eskalieren, als Wolodymyr Selenskyj den üblichen Abflugort für seine Auslandsreisen vom polnischen Rzeszów ins moldauische Chișinău verlegte, der hochrangigen Ukraine Recovery Conference in Danzig vom 25. und 26. Juni fernblieb und stattdessen Ministerpräsidentin Julija Swyrydenko mit der Leitung der ukrainischen Delegation beauftragte. Zugleich legte er dem Parlament einen Gesetzentwurf über das Nationale Pantheon der Ukraine vor und erklärte unmissverständlich: „Die Namen aller Helden, die in verschiedenen Jahrhunderten und Epochen für die Ukraine gekämpft und die Ukraine inspiriert haben, werden zusammengeführt und für immer mit großem Anfangsbuchstaben in unserer Geschichte verankert werden – mit großem Respekt und großer Aufmerksamkeit seitens des Staates – einer Ukraine, die sich selbst achtet, ihre Menschen schätzt und das Eigene verteidigt – ihr Recht, ukrainisch zu sein. Einer Ukraine, in der uns niemand jemals vorschreiben wird, wie wir leben, wie wir sprechen, wen wir lieben, wem wir dankbar sein sollen oder welche Helden wir ehren sollen.“ (Hervorhebung von M. R.)

Nawrockis Präsidialamt reagierte umgehend und verschärfte den Ton noch weiter. „Hat die ukrainische Gesellschaft jemals darüber nachgedacht, ob ihre kleptokratischen Eliten tatsächlich der Europäischen Union beitreten wollen?“, schrieb Marcin Przydacz, Leiter des Büros für Internationale Politik des polnischen Präsidenten, auf X.

Oder ist es vielleicht leichter“, fuhr er in einem beißenden Ton fort, der an russische Propaganda im Stile von Putins Pressesprecherin Maria Sacharowa oder des stellvertretenden Leiters des Sicherheitsrats Dmitri Medwedew erinnerte, „im Schutz trüber Verhältnisse zu stehlen – die Menschen mit dem Versprechen eines prowestlichen Kurses zu ködern und zugleich allen anderen die Schuld an den ausbleibenden Fortschritten in den Verhandlungen zuzuschieben? Natürlich ist es einfacher, historische Spannungen zu provozieren und zu schüren [!], damit man sich nicht für das Ausbleiben von Reformen, für den fehlenden wirksamen Kampf gegen die Korruption, für das Ausbleiben einer wirklichen Deoligarchisierung, für das Ausbleiben wirklicher Verbesserungen für Unternehmer, für die mangelnde Rechtsstaatlichkeit, für den mangelnden Ausbau der Infrastruktur und für vieles andere verantworten muss, was diese Eliten in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht zustande gebracht haben … Wollen sie [der EU] wirklich beitreten, oder verbreiten sie lediglich Lügen und täuschen ihre eigenen Wähler, die von einer solchen Regierung zunehmend enttäuscht sind?

Die Vertreter der Europäischen Union haben sich bislang aus diesem „diplomatischen“ Schlagabtausch herausgehalten, während der Kreml hämisch frohlockt und Beifall spendet, so wie auch seine Trolle den Streit im Internet feiern. Bisher haben lediglich der polnische Ministerpräsident Donald Tusk und Außenminister Radosław Sikorski, beide politische Gegner Nawrockis, ihre Stimme erhoben und zur Zurückhaltung aufgerufen. Sie erinnerten daran, dass Krieg herrsche und dass jeder derartige Konflikt Moskau in die Hände spiele. In der ukrainischen Gesellschaft, die dem Nachbarland und seiner Bevölkerung nach wie vor überwiegend positiv gegenübersteht, fand dieser Appell großen Anklang. Noch ist jedoch ungewiss, ob die ukrainischen Politiker auf Fachleute und Intellektuelle hören und ihre provokativen Gesten und ihre Rhetorik mäßigen werden.

Noch weniger ist abzusehen, ob all dies irgendeinen Eindruck auf den polnischen Präsidenten machen wird. Seine gesamte politische Laufbahn – von seiner umstrittenen Übernahme der Leitung des Museums des Zweiten Weltkriegs in Danzig und seiner Leitung des berüchtigten Instituts für Nationales Gedenken bis zu seinem Wahlsieg im vergangenen Jahr, den er mit starker Unterstützung rechtsextremer Nationalisten und Neofaschisten errang – war von narzisstischem Chauvinismus, konfrontativer Rhetorik und wohlkalkulierter Ukrainophobie geprägt. Wahrscheinlicher ist, dass er den Weg fortsetzt, der ihm bereits Erfolge gegen seine liberalen Rivalen eingebracht hat, und dabei die polnische Gesellschaft mit Intoleranz, Fremdenfeindlichkeit und historisch genährtem Ressentiment vergiftet.

Von moralischen Einwänden einmal abgesehen, zahlt sich eine solche Politik offenbar aus. Die jüngste Meinungsumfrage verzeichnet einen Anstieg der Popularität des Präsidenten um 8,4 Prozentpunkte – von 46,4 auf 54,8 Prozent –, nachdem seine Zustimmungswerte seit seinem Amtsantritt langsam, aber stetig gesunken waren. Dieses Ergebnis garantiert ihm und seiner Partei noch keinen Sieg bei der Parlamentswahl im kommenden Jahr, belegt jedoch eindeutig, dass der Nationalismus nach wie vor ein wirksames Instrument politischer Mobilisierung ist. Seine gemäßigten Rivalen, die auf antiukrainische Anschuldigungen verzichteten, schnitten in derselben Umfrage deutlich schlechter ab. Nur 38 Prozent der Befragten erklärten, Ministerpräsident Donald Tusk zu vertrauen, während 58 Prozent ihm misstrauten; bei Radosław Sikorski waren es 42,6 gegenüber 51 Prozent. Diese Ergebnisse überraschen kaum, denn einer weiteren Umfrage zufolge machen die Polen mit überwältigender Mehrheit Wolodymyr Selenskyj und nicht Karol Nawrocki für die gegenwärtige Krise verantwortlich: 62 gegenüber 19 Prozent.

Der Historiker Sławomir Łukasiewicz, Professor an der Katholischen Universität Lublin (KUL), wirft eine interessante Frage nach dem Zeitpunkt von Nawrockis Angriff auf: Warum begann er ausgerechnet jetzt, im Mai und Juni, obwohl es zuvor mehrere ebenso geeignete Gelegenheiten gegeben hatte, die „antibanderistische“ Karte auszuspielen? Im Januar dieses Jahres benannte Wolodymyr Selenskyj eine weitere Einheit der ukrainischen Streitkräfte, das 190. Ausbildungszentrum der Truppen für unbemannte Systeme der Streitkräfte der Ukraine, nach Wassyl Kuk, dem letzten Oberbefehlshaber der UPA. Im März billigte die Regierung den Bau des Nationalen Pantheons und organisierte dort schließlich die Umbettung Andrij Melnyks, des Anführers der rivalisierenden OUN-Fraktion, der 1964 in Luxemburg gestorben war. Wolodymyr Selenskyj, der an der offiziellen Zeremonie teilnahm, betonte die „historische Kontinuität“ zwischen der UPA und den heutigen ukrainischen Streitkräften, die „heldenhaft“ gegen denselben Feind kämpfen. Außerdem kündigte er die künftige Umbettung von Jewhen Konowalez an, des Gründers und seit 1929 amtierenden Anführers der OUN, der 1938 in Rotterdam von einem sowjetischen Agenten ermordet worden war. Nichts davon löste in Warschau größere Aufregung aus; erst im Mai thematisierte Karol Nawrocki Selenskyjs Fehltritt.

Möglicherweise hatte Nawrocki schlicht den Rückgang seiner Zustimmungswerte bemerkt und beschlossen, diese im Vorfeld der Parlamentswahl des kommenden Jahres mit dem bewährten Mittel öffentlicher Angriffe auf die Ukraine und die UPA wieder zu steigern, wie Łukasiewicz andeutet. Es könnte jedoch auch an der Formulierung gelegen haben: Die Namen Kuk, Melnyk oder Konowalez sagen einem durchschnittlichen Polen ohne weitere Erläuterung wenig, während das Kürzel „UPA“ wie ein rotes Tuch wirkt. Wird es zudem mit dem Wort „Helden“ verbunden – statt mit Banditen, Teufeln oder Verbrechern –, stellt dies den Mythos von der UPA als Verkörperung des ursprünglichen Bösen radikal infrage.

Jedenfalls ist es höchst unwahrscheinlich, dass sich ein populistischer Politiker dieses Typs mit etwas Geringerem als der vollständigen und bedingungslosen Übernahme der radikalen polnischen Version der gemeinsamen Geschichte zufriedengeben wird. Dies liegt weit außerhalb von Selenskyjs Macht und wäre selbst in Polen kaum vollständig zu erreichen. Was die Ukrainer in dieser schwierigen Lage tatsächlich tun können, ist daher nicht, den polnischen Präsidenten zu beschwichtigen – was ohnehin vergeblich wäre –, sondern ihm nach Möglichkeit keine zusätzlichen Trümpfe für seinen Kampf gegen seine innenpolitischen „Feinde“ zuzuspielen: die amtierende liberale Regierung unter Donald Tusk und ihren gemäßigten und verantwortungsbewussten Außenminister Radosław Sikorski.

Die traurige Wahrheit lautet, dass Liberale, die an die Vernunft und den Bürgersinn der Menschen appellieren, bei freien Wahlen häufig Radikalen unterliegen, die die Emotionen und elementaren Instinkte der Menge ansprechen. Eine neue rechtsextreme Koalition, die im kommenden Jahr in Polen an die Macht gelangen könnte, wäre für die Ukraine womöglich noch verheerender als Nawrocki selbst.

Das Wichtigste zuerst: Überleben

Selenskyj mag unerfahren sein, doch er besitzt eine gute Intuition und scheint schnell zu lernen. Spätestens nach dem Eklat mit Trump und Vance im Oval Office im vergangenen Jahr und nachdem er des Weißen Hauses verwiesen worden war, begriff er rasch und zutreffend, dass Solidarität, Gerechtigkeit, internationales Recht und demokratische Werte in Trumps Welt schlicht nicht existieren und es daher sinnlos ist, sich auf sie zu berufen oder auf sie zu vertrauen. Er hat gelernt, wie er mit Trump umgehen muss, und vielleicht wird er auch lernen, wie er mit Nawrocki umzugehen hat – obwohl dies schwieriger sein dürfte, denn Nawrocki ist nicht nur narzisstisch, sondern auch ideologisch getrieben. Schlimmer noch: Die Ukraine – das heißt der dämonisierte, als urwüchsig dargestellte und essentialisierte „ukrainische Nationalismus“ – scheint im Zentrum seiner eigentümlichen Ideologie der Hexenjagd zu stehen.

Ukrainische Amtsträger wären gut beraten, in der geschichtspolitischen Auseinandersetzung um die hochkomplexe, verworrene und umstrittene Geschichte der UPA Zurückhaltung zu üben und ihre Erforschung den Historikern, die Beurteilung der mutmaßlichen Verbrechen den Juristen sowie die Würdigung und das Gedenken den lokalen Gemeinschaften zu überlassen – vorzugsweise nichtstaatlichen Akteuren. Dafür sprechen sowohl normative als auch praktische Gründe.

In normativer Hinsicht passt die Verherrlichung der UPA heute nicht zu unserem ideologischen Selbstverständnis. Ebenso wenig entspricht sie unserer Vorstellung von akzeptablen politischen Praktiken. Ihre vorbehaltlose Heroisierung und pauschale Reinwaschung sind ebenso falsch und verfehlt wie ihre pauschale Dämonisierung und Verunglimpfung. Die Geschichte ist zu komplex und zu nuancenreich, als dass sie ohne ausführliche Erläuterung, Klärung und historische Kontextualisierung verstanden werden könnte. Selbst Ukrainer erfassen sie womöglich nicht vollständig – ganz zu schweigen von Ausländern, die im besten Fall nichts über die Ukraine wissen, häufiger jedoch „irgendetwas gehört“ haben, das sich letztlich auf russischen Propagandamüll und westliche orientalisierende Klischees reduzieren lässt.

In praktischer Hinsicht verfügen die Ukrainer weder über die Zeit noch über die Mittel, sämtliche Stereotype zu bekämpfen und all die Zusammenhänge und Nuancen zu erklären, die den meisten Menschen unbekannt sind und mit denen sie sich gewöhnlich auch gar nicht befassen wollen. Mit Stereotypen zu leben ist bequem, zu lernen ist anstrengend, und vermeintliche Gewissheiten infrage zu stellen erfordert Mühe. Dies ist eine kaum zu bewältigende Aufgabe, für die die verarmte und blutende Ukraine keine Kräfte erübrigen kann.

Für die Ukrainer hat eindeutig Vorrang, den genozidalen Krieg zu überleben, den Russland gegen sie als Nation führt. Überleben bedeutet unter anderem, knappe Ressourcen nicht für zweitrangige Angelegenheiten und derzeit unlösbare Probleme zu vergeuden. In diesem tödlichen Kampf sind die Ukrainer in hohem Maße auf ihre Freunde und Partner angewiesen. Sie sollten diese weder durch tatsächliche noch durch vermeintliche Respektlosigkeit vor den Kopf stoßen. Das Wichtigste zuerst – alles andere kommt später, nach dem Krieg.

Mykola Riabchuk, Kyjiw

Der Autor ist Schriftsteller und Publizist, Ehrenpräsident des PEN Ukraine, Mitbegründer der Zeitschrift „Krytyka“ und führender Wissenschaftler am Institut für politische und ethnische Studien der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine. 2014–2023 war er Vorsitzender der Jury des internationalen Angelus-Preises für die besten Romanautoren Mittel- und Osteuropas. Seine Bücher sind ins Polnische, Serbische, Ungarische, Deutsche und Französische übersetzt worden.

Eine englische Fassung des Beitrags wurde unter dem Titel „Mnemonic Wars and Geostrategic Imperatives“ am 7. Juli 2026 auf Russian Desk veröffentlicht. Pavlo Shopin übersetzte ins Deutsche.

(Anmerkungen: Erstveröffentlichung der deutschen Fassung im Juli 2026, Internetzugriffe zuletzt am 14. Juli 2026. Titelbild: Wolodymyr Selenskyj legt am 19. Dezember 2025 im Sejm in Warschau einen Kranz am Denkmal für die im Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommenen polnischen Parlamentarier nieder. Quelle: Offizielle Website des Präsidenten der Ukraine.)