Eine Hommage an die Stadt Halle und ihre Menschen
„Häuser und Gesichter“ von Helga Paris – ein Gespräch mit Jule Schaffer
„Und sie wird später berichten, wie sehr ihr Fremde hier entgegenkommen, von ihrer Kamera gesehen werden wollen. Als würden sie wissen, dass diese Fotografin die verschütteten Seinsmöglichkeiten eines Menschen auch in bedürftigen Lebenssituation zu sehen vermag, sie wie Elke Erb es nennt, aus dem Objektsein erlöst.“ (Inka Schube, Poetik des Dokumentarischen – Helga Paris, Fotografin, in: Häuser und Gesichter Halle 1983-85, Fotografien von Helga Paris – Die Geschichte eines Fotoklassikers, Band 36 der Schriften für das Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), herausgegeben von Christian Philipsen u.a., Mitteldeutscher Verlag, 2026)

Helga Paris: Selbstportrait, während ihrer Arbeit an der Serie: Häuser und Gesichter. Halle 1983–85 © Nachlass/Estate Helga Paris.
Die Fotografin Helga Paris wurde am 21. Mai 1938 in Gollnow geboren, heute Goleniów in Polen, sie starb am 5. Februar 2024 in Berlin-Prenzlauer Berg. Im Sommer 2026 zeigte das Kunstmuseum Moritzburg Halle alle 101 Bilder der Serie „Häuser und Gesichter. Halle 1983—85“ von Helga Paris. Jule Schaffer hat diese Ausstellung kuratiert. Sie ist Kustodin der Sammlung Fotografie am Kunstmuseum Moritzburg in Halle (Saale). Sie arbeitete zuvor einige Jahre bei der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur in Köln. Die noch zu DDR-Zeiten gegründete Fotosammlung des Kunstmuseum Moritzburg beherbergt neben dem Archiv des Fotografen Hans Finsler viele Schätze der Fotografie aus der DDR, darunter etwa Sibylle Bergemann, Tina Bara, Evelyn Richter, Manfred Paul und Ulrich Wüst, um nur einige zu nennen.
„Häuser und Gesichter“ ist nicht nur Titel einer Fotoserie, sondern auch Programm eines Fotografierens, das Häuser, Plätze, Straßen und Gesichter, Städte und die in ihnen lebenden Menschen lebendig werden lässt, so wie sie eben sind. Menschen und Städte werden in den Fotografien von Helga Paris nahbar. Die Fotografien zeigen das Gesicht einer Stadt, die trotz architektonischem Verfall – wie der Maler, Drucker, Graphiker, Graphikdesigner und Bühnenbildner Helmut Brade (*1937) schrieb – sehr „photogen“ war und ist. Er sieht „die schönsten Graus der Welt. Überall ist Zeichnung und Struktur, nirgends eine glatte Fläche. Welcher Reichtum, welche Eigenart.“
Zugleich bieten die Fotografien von Helga Paris einen spannenden und höchst differenzierten Einblick in die Alltagsgeschichte der DDR. Helga Paris arbeitete schon in früheren Projekten mit diesem Ziel, beispielsweise in den Serien „Müllfahrer“, „Möbelträger“, „Berliner Eckkneipen“, „Frauen im Bekleidungswerk VEB Treffmodelle“. Ihre Tochter Jenny pflegt in Berlin das Helga-Paris-Archiv, das zu Entdeckungsreisen in eine gar nicht so ferne Zeit einlädt. Halle an der Saale hat sich in den letzten 40 Jahren erheblich verändert, aber gerade angesichts dieser Veränderungen ist die Ausstellung „Häuser und Gesichter – Halle 1983-85“ eine Hommage an die Stadt und ihre Menschen.
Die wechselvolle Geschichte eines Ausstellungsprojekts
Norbert Reichel: Die von Ihnen kuratierte Ausstellung „Helga Paris. Häuser und Gesichter – Halle 1983-85“ wird ausgesprochen gut besucht. Thomas Bauer-Friedrich, Direktor des Kunstmuseums Moritzburg wünscht in seinem Vorwort: „Möge das Buch allen Hallenser*innen helfen, mit Stolz und Liebe auf ihre Stadt zu schauen und dies ihren Gästen zu vermitteln.“ Und dies scheint zu gelingen.
Jule Schaffer: Auf jeden Fall. Es war von der Fotografin so intendiert und auch von uns. Die Bilder sind in Halle und für die Hallenserinnen und Hallenser etwas Besonderes. Sie zeigen Orte, an die sich viele Leute noch aus ihrer Kindheit erinnern. Sie spiegeln aber auch eine Zeit, an die sich andere nicht erinnern können, weil sie damals noch nicht geboren waren oder nicht in Halle lebten. Es ist daher aus doppelter Hinsicht interessant. Schon der Name Helga Paris hat einen besonderen Klang. Die Bilder waren lange Zeit nicht zu sehen, in Halle seit über 20 Jahren nicht mehr. Es ist eine Geschichte, die für die Menschen in Halle eine eigene persönliche Geschichte ist, aber auch paradigmatisch für die 1980er Jahre der DDR steht und insofern international interessant ist.
Norbert Reichel: Nicht alle liebten die Bilder. Die wechselvolle Editions- und Rezeptionsgeschichte der Bilder war auch eine Akzeptanzgeschichte.

Helga Paris: aus der Serie: Häuser und Gesichter. Halle 1983–85, Silbergelatine/Vintage Print, 32,6 x 22 cm, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), Inventar Nr. mosph00265, Repro: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt © Nachlass / Estate Helga Paris.
Jule Schaffer: Die Bilder entstanden aus einer Idee, als sich Helga Paris mit dem Fotografenkreis um Arno Fischer und Sibylle Bergemann getroffen hatte. Eigentlich hatte Arno Fischer das Projekt angestoßen, als er vorschlug, die DDR einmal so zu fotografieren wie es die Farm Security Administration (FSA) in den 1920er Jahren in den USA mit einem sozialdokumentarischen Blick getan hatte. Helga Paris fand die Idee inspirierend und sagte, sie nehme Halle. Aber warum Halle? In Halle hatte ihre Tochter Jenny damals eine Ausbildung als Goldschmiedin begonnen. Helga Paris wohnte in Berlin, aber hielt sich wegen ihrer Tochter in den Jahren 1983 bis 1985 immer wieder längere Zeit in Halle auf. Sie kannte Halle auch schon über Helmut Brade, mit dem sie befreundet war und der im Folgenden eine wichtige Rolle spielte.
Die Bilder sollten 1986 in der Galerie des Verbandes Bildender Künstler ausgestellt werden. Dazu kam es nicht, obwohl der Katalog schon gedruckt war und die Bilder schon fertig zur Hängung in der Galerie standen. Stein des Anstoßes war der kleine Katalog mit dem Titel „Häuser und Gesichter. Halle 1983-85 – Fotografien von Helga Paris“. Dieser Katalog war schon zwei Wochen vor Ausstellungsbeginn fertig und machte in der Künstlerschaft die Runde. Plötzlich war man sich nicht sicher, ob das vermittelte Bild der Stadt mit ihrem architektonischen Verfall nicht zu Ärger führen würde. Sicherheitshalber wollte man sich den Katalog doch noch einmal offiziell freigeben lassen. Er landete auf dem Schreibtisch eines Parteifunktionärs der Bezirksleitung der SED, der wiederum Günther Kuhbach, den Leiter der Abteilung Kultur beim Rat des Bezirks Halle, involvierte. Damit setzte sich eine Bewertungsmaschinerie in Gang, und am Ende des Prozesses stand ein Ausstellungsverbot.
Es folgten diverse Gespräche zwischen Günter Gnauck, dem Leiter der Bezirksabteilung Halle des Verbands Bildender Künstler der DDR, der die Bilder in seiner Galerie ausstellen wollte, und Günther Kuhbach. Kuhbach fragte, ob der Verband erklären könne, warum solche Bilder, die doch sehr grau seien, ausgestellt werden sollten. Implizit vermutete man Kritik an der Städtebaupolitik der DDR, dabei war das in keinster Weise das Ansinnen der Künstlerin. Günther Gnauck argumentierte, die Bilder seien eigentlich eine Liebeserklärung einer Berlinerin an die Stadt Halle. Doch es half nichts, die Bilder konnten im Sommer 1986 nicht ausgestellt werden. Sicherlich war ein Grund auch die 1025-Jahrfeier der Stadt Halle, zu der viele externe Gäste erwartet wurden.
1987 gab es mehrere Versuche, die Bilder doch noch auszustellen. Helmut Brade hatte den Katalog überarbeitet. Dazu gibt es eine sehr schöne Anekdote. Er hatte in dem ursprünglichen Vorwort geschrieben: „Die Stadt ist grau, die Luft schwer, der Fluss dunkel.“ Bei der Überarbeitung macht er daraus: „Die Stadt ist zuweilen grau, die Luft manchmal schwer, der Fluss etwas dunkel.“ Eine minimalistische, fast schon störrische Überarbeitung. Es fiel noch ein weiterer Satz weg und einige Bilder sollten dazukommen. Der zweite Katalogentwurf wurde im Hintergrund erneut bewertet. Im Endeffekt ging er jedoch nicht durch. Es gab keinen Neudruck.
Die Bilder sollten einmal im Frühjahr 1987, dann noch etwas später ausgestellt werden. Das klappte beides nicht, kollidierte beispielsweise zum zweiten Termin mit den Händel-Festspielen. Auch ein dritter Versuch im Juli 1987 scheiterte, weil mit dem Verbot des überarbeiteten Katalogs auch die Ausstellung kippte. Im Sommer 1987 gibt es nach insgesamt vier Versuchen, die Bilder zu zeigen, also wieder de facto ein Verbot. Helga Paris ist empört, sie wendet sich an den Verbandspräsidenten Willi Sitte, der sich wiederum an den Ersten Sekretär der SED-Bezirksleitung wandte, Hans-Georg Böhme. Es ist anzunehmen, dass Böhme final die Entscheidung traf, die Bilder nicht zu zeigen. In öffentlichen Verlautbarungen kursierte jedoch die Formulierung, „die Stadtväter“ hätten die Ausstellung unterbunden. Es wollte wohl niemand die Verantwortung übernehmen. Wir haben auch Dokumente im Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gefunden, das in die Vorgänge eingebunden war. Es war informiert, es gab Berichte über die gesamte Situation. Das ganze Vorgehen stieß seitens der Künstlerschaft auf sehr viel Unverständnis und führte zu einem großen Vertrauensverlust zwischen dem Verband Bildender Künstler und der Abteilung Kultur des Rates des Bezirkes Halle.
Im Mai 1989 hatte Helga Paris dann eine kleine Ausstellung mit ihren Fotografien aus New York in der Burg-Galerie auf dem Boulevard (heute Leipziger Straße) in Halle. Auf dem Plakat, mit dem für diese Ausstellung geworben wurde, war ein Zitat von ihr abgedruckt: „Ich habe New York fotografiert wie eine fremde Stadt in einem fremden Land — Versuch, alles, was ich wissen und verstehen könnte zu vergessen. So, als hätte ich beispielsweise in Halle fotografiert.“ Damit variiert sie einen Satz, den sie fünf Jahre zuvor ihren Halle-Bildern vorangestellt hatte: „Ich habe Halle fotografiert wie eine fremde Stadt in einem fremden Land — Versuch, alles, was ich wissen und verstehen könnte zu vergessen. So, als hätte ich beispielsweise in Rom fotografiert.“ Für alle, die die turbulente Ausstellungshistorie der Bilder kannten, war das ein deutlicher Wink mit dem Zaunpfahl. Dieser Wink führt vermutlich auch dazu, dass die Staatliche Galerie Moritzburg im Mai 1989 die 101 Fotografien aus Halle ankaufen kann. Man muss sich das vorstellen: Das Museum kauft noch zu DDR-Zeiten mit staatlichen Geldern die Fotos einer verbotenen Ausstellung! Das ist der Grund, warum wir heute die Abzüge dieser Bilder haben und sie zeigen können.
Norbert Reichel: Wir sind in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre, als es in der DDR schon erheblich gärte. Die SED-Führung verlor zunehmend den Kontakt und die Kontrolle. Anders wären auch die Fälschungen bei der Wahl vom 7. Mai 1989 nicht erklärbar gewesen.

Konstanze Göbel: Große Wallstraße, 1987, aus der Serie: Halle im Umbruch. 1987–1989, Silbergelatine/Vintage Print, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), Eigentum des Landes Sachsen-Anhalt; Landesverwaltungsamt, Dokumentationsstelle Kunst, Repro: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt © Konstanze Göbel.
Jule Schaffer: Es gärte, ja. Im Herbst 1989 waren in der Burg-Galerie Bilder der Fotografin Konstanze Göbel zu sehen. Diese Fotografien sind sogar zum Teil radikaler als die von Helga Paris. Sie zeigen den Abriss ganzer Straßenzeilen, an denen Menschen vorbeieilen. Wir werden gleich noch darüber sprechen, wie es zu diesen Bildern kam. In den Zeitungen finden wir Kommentare, dass es der politischen Umbruchsituation geschuldet sei, dass die Bilder von Konstanze Göbel überhaupt gezeigt werden können. Im Herbst 1989, mitten im politischen Umbruch, ist dann die Lage auch so, dass man wieder plant, die Fotografien von Helga Paris auszustellen. Am 16. Januar 1990 ist die Ausstellung „Häuser und Gesichter“ schließlich endlich in der Galerie Marktschlösschen zu sehen. Es ist wie ein Paukenschlag. Innerhalb von wenigen Wochen besuchen über 16.000 Menschen die Ausstellung. Das ist wahnsinnig viel. Und wenn man sich die Rezensionen in der Presse anschaut, sieht man, dass sehr viel darüber geschrieben wurde, dass die Bilder gezeigt werden, mehr als darüber, was auf den Bildern zu sehen ist. Der Akt des Zeigens steht für die Freiheit, etwas sehen zu können, das der Staat den Blicken zuvor entzogen hatte!
1991 erscheint die Publikation „Diva in Grau“. Jörg Kowalski und Dagmar Winklhofer geben im Mitteldeutschen Verlag eine Auswahl der Fotografien aus der Halle-Serie von Helga Paris heraus, kombiniert mit Texten von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die eine besondere Verbindung zu Halle haben. Der Titel „Diva in Grau“ stammt von dem Schriftsteller Detlev Opitz (*1956) und wird in der Folge geradezu zum Synonym der Bilder von Helga Paris. Wenn jemand „Diva in Grau“ sagt, wissen im Grunde alle, welche Bilder gemeint sind. Eigentlich ist es nicht der Ursprungstitel der Serie, aber es ist eine Art Chiffre, sowohl für die Bilder, als auch für die Stadt. Die Publikation ist sehr schnell ausverkauft, es gibt eine zweite und eine dritte Auflage, 2006 eine weitere Auflage. Die fünfte Auflage in der dritten Gestaltungsversion erscheint 2024, als Helga Paris posthum, am 22. September 2024, den Fotografiepreis der Städteregion Aachen bekommt. Das Buch hat ein eigenes Kultleben und ist jetzt schon wieder ausverkauft. Man bekommt es nur noch antiquarisch.
Wir haben das Format unseres Ausstellungskataloges an das Format von „Diva in Grau“ angepasst, aber wir zeigen das erste Mal alle 101 Bilder der Serie und haben den kleinen Katalog von 1986, der Stein des Anstoßes war, als Book in Book auf das Cover gesetzt, um auch visuell die vergangenen 40 Jahre zu verklammern. Diesen Sommer zeigen wir Helga Paris im Kunstmuseum Moritzburg, aber auch Konstanze Göbel im Literaturhaus in Halle. Wir haben das Programm mit der zeitgenössischen Position von Reiner Leist abgerundet, der ein 360-Grad-Panorama auf dem Marktplatz von Halle gemacht hat. Das Stadtmuseum hat sich mit einer fotografischen Ausstellung von Reinhard Hentze angeschlossen, sodass wir im Sommer 2026 einen ganzen Fotosommer mit fotografischen Positionen zur Stadt Halle gestalten konnten.
Porträts einer Stadt
Norbert Reichel: Wir sehen auf den Bildern Häuser, Straßenzüge, Menschen. Ich schlage vor, dass wir uns zunächst die Bilder anschauen, in denen die Stadt Halle mit ihren Plätzen, Straßen und Häusern die Hauptperson ist. Anschließend werden wir uns den Menschen widmen, die Helga Paris fotografiert hat.
Jule Schaffer: Wir sehen Aufnahmen von Straßenzügen, in der Art eines Panoramas, Porträts von Menschen und Porträts von Häusern. Helga Paris hatte die Serie „Häuser und Gesichter“ als subjektives, atmosphärisch wirkendes Stadtbild angelegt. Sie wollte zeigen, wie sie die Stadt erlebte und sie wollte mit einem offenen Blick auf die Menschen zugehen, die sie fotografierte. Das sieht man ihren Bildern an. Aber man sieht auch – und das ist das Hauptproblem –, dass die Altbauten in Halle mittlerweile doch sehr verfallen waren. Halle sah in den 1980er Jahren aus wie eine Stadt kurz nach einem Krieg.
Norbert Reichel: Bei Oppositionellen kursierte der sarkastische Satz: „Ruinen schaffen ohne Waffen“. Im Zweiten Weltkrieg war in Halle relativ wenig zerstört worden.

Helga Paris: aus der Serie: Häuser und Gesichter. Halle 1983–85, Silbergelatine/Vintage Print, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), Repro: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt © Nachlass/Estate Helga Paris.
Jule Schaffer: Die Altbauten verfielen durch die fehlenden Sanierungsmaßnahmen der DDR-Führung. Dieser Verfall, diese Zerstörung zeigt sich auf den Bildern, auch bei Häusern, die eigentlich denkmalgeschützt sind. Man sieht beispielsweise ein solitäres Haus am Saalekanal mit offenem Dachstuhl an der Klausbrücke. Fotografisch ein sehr atmosphärisches Bild. Schaut man aus baulicher Perspektive, wird jedoch klar, das Haus verfällt von innen. Ist es einmal verfallen, kann man es abreißen, obwohl es denkmalgeschützt ist. Und ein solches Vorgehen gehörte durchaus zur Strategie der Stadtregierung, da man keine finanziellen Rücklagen hatte, um alle Häuser zu sanieren. Der Verfall war politisch gewollt, weil man – so ließe sich vereinfacht sagen – das Alte zerstören musste, um etwas Neues bauen zu können. Es gab entsprechende Bebauungspläne, man wollte neue Wohnungen, auch in der Innenstadt von Halle, bauen, in denen die Toilette nicht mehr auf dem Gang war und es nicht durchs Dach tropfte – aus städtebaulicher Perspektive sicherlich nachvollziehbar. Diese atmosphärischen Fotos konnten also – ungewollt – von der Stadtführung auch als Affront, als Kritik verstanden werden.
Norbert Reichel: Das Titelbild dieser Dokumentation unseres Gesprächs zeigt meines Erachtens sehr schön die Widersprüche der Bebauungssituation in Halle. In der Mitte sieht man ein verfallendes altes Fachwerkhaus, das ausschaut, als würde es in den nächsten Minuten zusammenbrechen. Links sieht man den Rohbau eines Neubaus, eine Platte, wie wir sie aus vielen Stadtteilen in der DDR und im Westen kennen, die so konzipiert waren, dass man möglichst schnell möglichst viele Wohnungen schaffen konnte.
Jule Schaffer: Das Haus in der Mitte ist das Graseweghaus, ein Haus, das sogar in der DDR mehrfach saniert wurde, da es denkmalgeschützt war. Das Haus ist für die Stadtgeschichte wichtig. Der Architekt Wulf Brandtstetter hat dafür gesorgt, dass es erhalten blieb. Es ist die Gegend um den Markt herum. Man sieht auf der rechten Seite die beiden Türme der Marktkirche und im Hintergrund den roten Turm. Das Bild ist in seiner Geschichte interessant. Nachdem der Katalog verboten wurde, mussten sehr viele Leute, die in den Prozess involviert waren, eine Stellungnahme abgeben. In einer Stellungnahme befindet sich auch dieses Bild und es heißt, dieses Bild zeige eine Umbruchsituation, in der etwas Neues entstehe. Wenn wir uns das Bild heute anschauen, sehen wir einen doch noch sehr schwierigen Zustand des Graseweghauses. Dieses steht durchaus symbolisch für den Zustand der Altstadt von Halle.
Norbert Reichel: Im Internet zeigt das heutige Stadtmarketing schöne Bilder, wie das Haus heute ausschaut. Dieses Bild war aber nicht der Grund dafür, dass die Ausstellung verboten wurde.

Helga Paris: aus der Serie: Häuser und Gesichter. Halle 1983–85, Silbergelatine/Vintage Print, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), , Repro: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt © Nachlass/Estate Helga Paris.
Jule Schaffer: Wenn man sich das Bild eines Hauses an der Klausbrücke anschaut, versteht man, welchen Nerv Helga Paris getroffen hat. Man muss wissen, dass die Ausstellung vom 24. Juni bis zum 17. Juli 1986 in der Galerie „Am Marktschlösschen“ gezeigt werden sollte, einer Galerie des Verbandes. Marktplatz und Boulevard waren schon relativ schick gemacht worden, denn es sollte zum selben Zeitpunkt die 1025-Jahrfeier zum Bestehen der Stadt Halle stattfinden. Zu diesem Anlass erwartete man auch viele internationale Gäste in der Stadt. Wenn man sich vorstellt, dass diese Bilder, wie beispielsweise das Bild von der Klausbrücke, oder auch andere Bilder wie das Händeldenkmal auf dem Markt im dicken Dunst, von internationalen Gästen gesehen werden konnten, war dies problematisch, weil sie den Blick auf die schwierige architektonische Situation in der Stadt lenkten. Der dicke Dunst rührt daher, dass überall in der Stadt – wie auch überall in der DDR – mit Braunkohle geheizt wurde, auch in den Geschäften. Auf dem Bild ist kein atmosphärischer Nebel zu sehen, sondern ein die Lungen schädigender Braunkohlenebel, der sich über die Stadt legte, gerade in den Herbst- und Wintermonaten. Wir haben auch das Industriegebiet Buna-Leuna in der Nähe. Es gab Schaumkronen auf den Flüssen. Jenny Paris beschreibt den krassen Phenolgeruch, der über der Stadt lag. Die Luft war gelbschweflig. Das sieht man auf dem Bild mit dem Händeldenkmal.
Solche Bilder führten im Grunde auch das Versagen der Stadtoberen vor Augen. Wenn heute vor allem ältere Leute durch die Ausstellung gehen, höre ich sie sagen: „genauso wars“.
Norbert Reichel: Sie sehen das Bild nicht nur, ich denke, sie riechen es auch. Ich gestehe, es geht sogar mir so. Ich komme aus dem Westen, aber den Geruch, den ich 1990 bei meinen ersten Besuchen im Osten, jenseits von Ost-Berlin, auch in Halle, in der Nase hatte, wurde ich nicht mehr los. Heute ist Halle eine wunderbare Stadt. Ihr Katalog enthält auch einen Stadtplan, mit dem man alle fotografierten Häuser finden kann, um zu sehen, wie sie heute ausschauen.
Jule Schaffer: Alles was bei Helga Paris grau ist, ist heute frisch saniert. Manche sagen auch totsaniert. Es ist eine sehr lebenswerte, sehr grüne Stadt geworden. Gerade wenn man die Stadt heute im Abgleich mit den Bildern der 1980er Jahre sieht, müsste man eigentlich merken, was sich alles zum Positiven gewendet hat, wie die Lebensqualität in der Stadt gestiegen ist.
Norbert Reichel: Es ist wichtig, dass wir das auch immer wieder sagen. Es ist wirklich sehr viel getan worden. Vielleicht darf ich auf eine Kuriosität hinweisen, die so kurios gar nicht ist: In seinem Buch „Jenseits der Brandmauer“ weist Jan „Monchi“ Gorkow darauf hin, dass Andreas Dresen für bestimmte Aufnahmen in seinem Film „Gundermann“ ins Ruhrgebiet ausweichen musste, weil er in Ostdeutschland keine passenden Stadtteile mehr fand.
Jule Schaffer: Das kann ich mir vorstellen. Es hat sich hier im Osten seit 1990 wahnsinnig viel getan. Das wird oft vergessen und gehört aber zur Erzählung dazu. Wenn man die Bilder von Helga Paris in Halle zeigt, wird das im direkten Abgleich mit der Stadt besonders deutlich.
Konstanze Göbel – (k)ein Konstrastprogramm

Konstanze Göbel: Geiststraße, 1987, aus der Serie: Halle im Umbruch, 1987–1989, Silbergelatine/Vintage Print, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), Eigentum des Landes Sachsen-Anhalt; Landesverwaltungsamt, Dokumentationsstelle Kunst, Repro: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt © Konstanze Göbel.
Norbert Reichel: Die SED-Bezirksleitung hat nicht nur befunden, dass die Bilder von Helga Paris nicht ausgestellt werden durften. Sie hat zudem eine Art Gegenauftrag an Konstanze Göbel vergeben. Sie zeigen in der Ausstellung der Bilder von Helga Paris auch Bilder von Konstanze Göbel. Wo liegt der Unterschied?
Jule Schaffer: Man muss genauer differenzieren, was passiert ist. Im Sommer 1986 wurde der erste Ausstellungstermin der Bilder von Helga Paris von den „Stadtvätern“ verboten. Maßgeblich war – wie gesagt – Günther Kuhbach. Er war das ausführende Organ für diverse Haltungen von Seiten der SED-Bezirksleitung, des Oberbürgermeisters, des Stadtarchitekten. Kuhbach hat mit sehr vielen verschiedenen Leuten gesprochen. Und das schlägt sich in einer Formulierung nieder: Es ist die Rede von „den Stadtvätern“, hinter denen sich einzelne Verantwortliche verstecken konnten. Dem Verband wurde nahegelegt, „die Ausstellung auf Empfehlung der Stadtväter“ nicht zu zeigen. Zunächst sollte die Ausstellung jedoch nur verschoben werden. Man suchte auch das Gespräch mit Helga Paris. Sie war sehr empört, sagte auch, dass sie von überall aus der DDR Anfragen bekommen habe, welch feindliche Bilder sie gemacht hätte. Sie ist aber vor allem auch darüber empört, dass nicht einmal die Porträts gezeigt werden dürfen. Die porträtierten Menschen hätten ihr ihr Vertrauen geschenkt, und sie findet es absolut beschämend, diese Bilder nicht zu zeigen.
Ende 1986 geschehen zwei Dinge: Zum einen spricht Günther Kuhbach erneut mit Helga Paris und deutet an, wenn sie möchte, könnte man die Ausstellung vielleicht mit einem erweiterten Katalog ein Jahr später zeigen. Dass und warum es nicht dazu kam, habe ich eben schon erzählt. Es passierte jedoch auch noch etwas anderes: Günther Kuhbach folgt einem Vorschlag von Helmut Brade, der zu dieser Zeit ein bekannter Plakatgestalter in Halle ist, Mitglied im Verband Bildender Künstler und mit Helga Paris befreundet. Er hatte den Katalog gestaltet, brachte aber noch eine andere Sache mit ins Spiel. Er sagte, dass der gesamte architektonische Umbruchprozess in der Stadt, also von alt zu neu, künstlerisch-dokumentarisch begleitet werden müsste, zum einen mit der Ausstellung von Helga Paris, zum anderen vielleicht mit einem ergänzenden anderen Projekt. Günther Kuhbach verbietet mit der einen Hand die Ausstellung der Bilder von Helga Paris. Mit der anderen Hand geht er auf den Verband Bildender Künstler zu und schlägt vor, einen weiteren Auftrag zur fotografischen Dokumentation zu vergeben. Helmut Brade stimmt zu, er kenne eine junge Fotografin, Konstanze Göbel.
Konstanze Göbel wurde am 3. August 1950 in Leipzig geboren, sie war Mitglied im Verband Bildender Künstler in der Sektion Gebrauchsgraphik. Sie wohnte damals in Halle, hatte mehrere Kinder. Günther Kuhbach kommt mit Konstanze Göbel ins Gespräch. Gewünscht wird, dass eine Fotodokumentation die gesamte Umbruchsituation in Halle von 1987 bis 1989 aufnehmen solle. Konstanze Göbel soll mit einem Fokus auf das Positive fotografieren, das Neue zeigen, die sozialistische Rekonstruktion des Stadtkerns, und wo es möglich sei, Altes und Neues miteinander verschmelzen und die Gestaltung neuer Bauten in einem guten Licht darstellen. Konstanze Göbel nimmt den Antrag an, macht aber etwas sehr Geschicktes. Sie erbittet einen monatlichen Zuschuss, um arbeiten zu können. Diese Bitte wird zunächst abgelehnt. Sie ist schon im Gehen begriffen, Günther Kuhbach ruft sie zurück und stimmt dann doch zu. Zudem gelingt es ihr, in den beiden Jahren keine einzige Arbeitsprobe einzureichen. Sie sagt, sie wolle nur etwas Fertiges einreichen, keine halben Sachen, und verschiebt den Abgabetermin immer weiter. Ein grandioser Schachzug.

Konstanze Göbel: Geiststraße, 1988, aus der Serie: Halle im Umbruch. 1987–1989, Silbergelatine/Vintage Print, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), Eigentum des Landes Sachsen-Anhalt; Landesverwaltungsamt, Dokumentationsstelle Kunst, Repro: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt © Konstanze Göbel
Konstanze Göbel fotografiert also ebenfalls in Halle. Sozialistisch sind ihre Fotografien jedoch nicht. Wie sie das macht, ist vielmehr sehr radikal und wirkt auch viel radikaler als die Bilder von Helga Paris. Sie fotografiert zu einem Zeitpunkt, zu dem viel mehr Abriss in der Stadt stattfindet. Das Reep-Optik-Haus auf diesem Bild war ein sehr wichtiges Haus in Halle an der Ecke Moritzburgring / Geiststraße. Das Reep-Optik-Haus sollte nach Wunsch der Stadtbevölkerung erhalten bleiben. Es gab Proteste. Das passt nicht in die Abrisspläne der Stadt und tatsächlich wird es dann an einem frühen Morgen, als gerade keine Protestbewegung vor Ort ist, abgerissen. Wir sehen auf dem Bild den offenen Dachstuhl von außen. Es gibt auch ein Bild, in dem Konstanze Göbel die Innenansicht des Hauses zeigt, also von innen auf die Kreuzung fotografiert. Sie erweist sich selbst als Dokumentaristin der Stadt und zugleich als Bewohnerin der Stadt, die direkt von all diesen Maßnahmen, dem Verlust der historischen Substanz, der Identität der Stadt betroffen ist. Nur am Rande: Unser Katalog zu den Bildern von Konstanze Göbel war schon zur Halbzeit der Ausstellung ausverkauft.
Die Porträtkünstlerin Helga Paris

Helga Paris: aus der Serie: Häuser und Gesichter. Halle 1983–85, Silbergelatine/Vintage Print, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), Repro: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt © Nachlass/Estate Helga Paris.
Norbert Reichel: Die Fotografin Helga Paris war Autodidaktin. Inka Schube hat in Ihrem schönen Katalog beschrieben, dass sich Helga Paris an Filmen des italienischen Neorealismo der 1950er und 1960er Jahre orientierte, an Vittorio de Sica, dem jungen Visconti, den frühen Filmen von Fellini oder auch Pasolini. In diesen Filmen sehen wir – in schwarz-weiß – ähnliche Landschaften wie in den Bildern von Helga Paris. Ein zweites Vorbild sei Francis Bacon (1909-1992) gewesen. Darüber habe ich mich zunächst gewundert, aber auf der anderen Seite wurde mir schnell klar, dass die Art und Weise, wie Bacon Menschen künstlerisch sezierte, durchaus der Art und Weise entspricht, wie Helga Paris die Gebäude und Straßen der Stadt Halle seziert. Allerdings begleitet sie die Menschen, die sie fotografiert, eher liebevoll. Das würde ich von der Art und Weise, wie Bacon Menschen malt, eher nicht sagen wollen.
Jule Schaffer: Helga Paris ist eine Fotografin, die eigentlich über die Kunst, das Kino und das Theater zur Fotografie kam. Sie hat keine klassische fotografische Ausbildung gemacht, auch nicht Fotografie an der HGB, der Hochschule für Grafik und Buchkunst, in Leipzig studiert. Sie war in Gollnow geboren, flüchtete im Kindesalter mit ihrer Mutter gegen Ende des Zweiten Weltkriegs nach Zossen, wo sie dann aufgewachsen ist, war also – wie man das in der DDR nannte – eine „Umsiedlerin“. Sie wächst in einem Haushalt auf, der von starken Frauenpersönlichkeiten geprägt war. Eine ihrer Tanten fotografierte. Helga geht jedoch einen anderen Weg und beginnt ein Studium zur Textilgestaltung in Berlin, arbeitet anschließend als Kostümbildnerin im Theater. Sie lernt den Maler Ronald Paris, ihren späteren Ehemann kennen.
Norbert Reichel: Ich erlaube mir die Anmerkung, dass sich in der Motivwahl und der Art der Darstellung der Bilder von Ronald und der Fotografien von Helga Paris eine Menge Parallelen finden, vielleicht auch Einflüsse. Hier kommen wir dem Vorbild – wenn man es so nennen möchte – Francis Bacon auch schon näher.
Jule Schaffer: In jedem Fall liegen ihre künstlerischen Vorbilder eher in der Kunst als in der klassischen Fotografie. Francis Bacon fasziniert sie, weil er etwas darstellt, das eher im Inneren stattfindet, nicht die äußere Hülle dokumentarisch erfasst, sondern das, was darunter liegt, in seinen Bildern Ausdruck verleiht.

Helga Paris: aus der Serie: Häuser und Gesichter. Halle 1983–85, Silbergelatine/Vintage Print, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), Repro: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt © Nachlass/Estate Helga Paris.
Gleichzeitig wird für sie das italienische Kino relevant. Das hat Inka Schube in der Einleitung zum Katalog sehr schön herausgearbeitet. Ich darf erwähnen, dass Inka Schube eine sehr versierte Kennerin des Werks von Helga Paris ist. Sie hat schon 2004 eine große Publikation über Helga Paris herausgegeben.
Helga Paris beginnt zu fotografieren, als ihre Kinder geboren werden und sie deren Alltag dokumentiert. Das macht sie aber in einer Art und Weise, die von Anfang an eine gewisse Atmosphäre mit einem sehr offenen Blick einfängt, auch mit den Menschen im Umfeld. Ein befreundeter Regisseur sagt ihr, sie solle sich der Fotografie näher widmen. Und das tut sie. Sie fotografiert immer mehr und erarbeitet sich die Grundlagen in einem kleinen Labor in Berlin. Sie wird relativ schnell Mitglied im Verband Bildender Künstler und erhält so eine Steuernummer, was die Voraussetzung ist, um frei auf Rechnung arbeiten zu können. Sie ist in der Berliner Kunst- und Fotografieszene sehr vernetzt.
Aus meiner Sicht zeigt sich in ihrer Arbeit, dass sie nicht eine bestimmte Tradition verfolgt oder sich selbst in eine solche einordnet, sondern sich ganz stark aus einem künstlerischen Verständnis, der Malerei, dem Kino speist. Es geht ihr um die offene Begegnung, sie will zeigen, was unter der Oberfläche liegt. Es gibt einen sehr schönen Brief von ihr an Christa Wolf, in dem sie schreibt, dass sie sehr von Maxie Wanders Buch „Guten Morgen du Schöne“ fasziniert ist, das erstmals im Jahr 1977 erschien und bis heute zahlreiche Auflagen verzeichnete. Maxie Wander hatte in diesem Buch Interviews mit verschiedenen Frauen aufgezeichnet. Helga Paris dachte, es müsse doch auch mit der Fotografie möglich sein, eine solche Fülle von Leben abzubilden. Das ist ihr meines Erachtens auch in ihren Porträts gelungen. Sie gibt viel Leben mit, das die Menschen ihr zeigen. Es liegt natürlich auch in unseren Augen, wenn wir die Bilder betrachten, welche Geschichten wir daraus ableiten. Ihre Porträts sind schon sehr besondere fotografische Bilder.
Sie fotografierte viel in ihrem Milieu, ihrem Wohnumfeld. Sie hat in Berlin beispielsweise Müllwerker und in Berliner Eckkneipen fotografiert. Interessanterweise zeigt sich das Sujet auch in ihren Fotografien aus Halle. In diesem Bild sehen wir vier Müllwerker aus Halle. Diese Halle-Serie ist sicherlich nicht zuletzt durch die Verbotsgeschichte eine ihrer bekanntesten Serien geworden, auch durch die Publikation „Diva in Grau“, die sicherlich bekannteste Publikation ihrer Bilder.
Norbert Reichel: Es ist schade, dass man diese Publikation nur noch antiquarisch zu – ich sage es einmal so – Mondpreisen erhält. Aber wir sind jetzt bei dem zweiten Themenbereich der Bilder gelandet, den Porträts, die aber in der Verbotsgeschichte keine Rolle spielten. Meines Erachtens verbindet sich da aber auch etwas sehr schön, die Häuser und Straßen der Stadt und die Menschen, die dort leben.
Jule Schaffer: Es verbindet sich die Frage, wie die Menschen die Stadt gestalten, mit der Frage, wie die Stadt die Menschen prägt. Diese wechselseitigen Einflüsse machen die Qualität der Fotografien von Helga Paris aus. Sie begegnet den Menschen mit einem offenen Blick und bietet ihnen eine Bühne. So entsteht tatsächlich eine gemeinsame Hommage an die Stadt und die Menschen. Gerade das Bild mit den vier Müllwerkern ist eines meiner Lieblingsbilder. Sie stehen da wie aus einem Hollywood-Western entsprungen, wie in einer kurzen Drehpause, ganz entspannt mit ihren Zigaretten. Allen Menschen, die Helga Paris zeigt, gibt sie eine große Würde. Sie diffamiert niemanden, im Gegenteil, sie versucht den ganzen Menschen zu zeigen, auch hinter der Maske, die ja doch viele tragen.
Helga Paris sagt selbst, dass es ihr gar nicht so leichtgefallen ist, auf Menschen zuzugehen und sie darum zu bitten, sich fotografieren zu lassen. Sie sagt, dass sie in einer guten Verfassung sein musste, um diesen Schritt zu wagen. Sie hat immer versucht, einen Moment abzupassen, in dem die Leute nicht darüber nachdachten, wie sie sich präsentieren wollten, den kurzen Moment vor der zu bewussten Selbstinszenierung.
Ihre Tochter Jenny hat mir erzählt, dass dieses Bild entweder direkt, unmittelbar bei der Begegnung, entstand, oder dass erst ein längeres Gespräch stattfand, in dessen Verlauf man gar nicht mehr merkte, dass man fotografiert wurde. Beides sind Fähigkeiten, die Helga Paris auszeichnen.

Helga Paris: aus der Serie: Häuser und Gesichter. Halle 1983–85, Silbergelatine/Vintage Print, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), Repro: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt © Nachlass/Estate Helga Paris.
Norbert Reichel: Dazu passt vielleicht das Titelbild des Katalogs.
Jule Schaffer: Das ist eine junge Frau, von der wir nicht wissen, wer sie ist. Sie ist vor der Marktkirche in Halle fotografiert worden, die links zu sehen ist. Das Bild war auch tatsächlich das Cover des kleinen Katalogs von 1986, der das Verbotsverfahren ausgelöst hatte. Wir haben uns entschieden, dass wir das Cover von 1986 auch auf den Katalog von 2026 setzen, um so die Geschichte der 40 Jahre zu dokumentieren. Der kleine Katalog von 1986 hat auch historisch eine besondere Bedeutung. Er ist kaum noch irgendwo zu bekommen, allenfalls antiquarisch. Der Katalog wurde 1986 in einer Auflage von 1.000 Stück produziert. Es gibt ein Gerücht, dass die Restauflage, als der Rat den Katalog eingezogen hatte, zerstört worden wäre. Dieses Gerücht stimmt nicht. Die Restauflage wurde nicht zerstört. Als dann die Ausstellung im Jahr 1990 zu sehen war, wurden die Kataloge vom Rat des Bezirks wieder freigegeben. Es gab sogar einen unveränderten Nachdruck. Die beiden Kataloge unterscheiden sich nur dadurch, dass der von 1990 einen Klappumschlag hat und der Verlagsort ein anderer ist.
Norbert Reichel: Das Titelbild des Katalogs ist meines Erachtens ein sehr typisches Bild aus den Arbeiten von Helga Paris. Die junge Frau entfernt sich völlig in der Art, wie sie sich zeigt, aus der Umgebung, in der sie sich befindet. Ein wenig schaut es aus, als habe sie sich für die Fotografien zurechtgemacht, gehöre aber eigentlich gar nicht in das Ambiente. Ich schließe das aus der Art, wie sie sich frisiert und geschminkt hat, mit Schleife im Haar. Sie signalisiert viel Zuversicht. Vielleicht träumt sie, einmal eine berühmte Hollywood-Schauspielerin zu werden, und schaut einfach nur in eine ihrer möglichen Zukünfte, die ihr im Augenblick des Fotografierens aber real erscheinen. Vielleicht war sie im wirklichen Leben eine Verkäuferin oder arbeitete in einem Kindergarten? Wir wissen es nicht und es ist schade, dass sich diese Frau nicht gemeldet hat, als Sie die Ausstellung beworben haben. Aber wahrscheinlich weiß sie gar nichts davon, weil sie schon lange nicht mehr in Halle lebt. Heute wären solche Fotografien aus rechtlichen Gründen kaum noch möglich.
Jule Schaffer: Helga Paris hat sich oft notiert, wer die fotografierten Personen sind, hier wissen wir es jedoch nicht. Während der Ausstellung kamen manche Personen selbst oder Menschen, die sie kannten, als ehemalige Schulfreunde zum Beispiel, und erzählten uns, wer auf dem Bild zu sehen war. Das ist für uns natürlich sehr interessant, aber wir wissen es nur bei wenigen Leuten sicher genug, um es auch öffentlich zu kommunizieren. Zumal es für das Konzept der Serie nicht relevant ist, da es nicht um die einzelnen Identitäten der Personen geht, sondern um die Gesamtwahrnehmung einer Stadt und ihrer Menschen.
Norbert Reichel: Sie haben mit Jenny Paris (*1964), der Tochter von Helga Paris, gesprochen. Jenny Paris arbeitet als Schmuckdesignerin. Das Gespräch mit Jenny Paris hat eine meines Erachtens sehr treffende Überschrift: „Wir selbst sind die Stadt“. Es offenbart all die ambivalenten Gefühle, die wir auch bei anderen Menschen, gleichviel aus welcher Perspektive, zu der Welt der 1980er Jahre in der DDR finden.
Jule Schaffer: Jenny Paris lebt jetzt in der Wohnung ihrer Mutter im Prenzlauer Berg. Sie pflegt und verwaltet das Archiv der Bilder. Sie sagte in unserem Gespräch, dass das Leben in den 1980er Jahren in Halle nicht leicht gewesen sei: „Damals in meiner Lehrzeit, drückte Halle sehr auf meine Seele. Meine Erfahrung der Einsamkeit wurde verstärkt durch die Umweltbelastung – diese Braunkohle, diesen Geruch, die Verwahrlosung der Stadt…“. Gleichzeitig spricht sie davon, dass es leicht war, in der „Kunstszene in Halle“ Freundschaften zu knüpfen, es war eine „familiäre Atmosphäre“. Wir haben in Halle eine Kunstgewerbeschule, die Burg Giebichenstein. Wir haben auch mit der Staatlichen Galerie Moritzburg, heute Kunstmuseum Moritzburg, ein staatliches Kunstmuseum. Es gab in den 1980er Jahren eine sehr lebendige Kunstszene, die aber klein genug war, um eben familiär zu sein. Das spiegelt sich auch in der städtischen Szene. Jenny Paris sagte, man musste nur in die Gose gehen, eine Kultkneipe, da kannte man eigentlich alle. Sie war damals sehr jung und die Kunstszene gab ihr einen Anker. Das war anders als in Berlin, wo man dazugehören musste. In Halle waren die Menschen in ihrer Wahrnehmung sehr offen. All das spiegelt sich in den Bildern ihrer Mutter. Sie sind somit beides. Ein Zeitzeugnis, aber auch die individuelle, seismographische Wahrnehmung einer Künstlerin, die einer Stadt und ihren Menschen genauso offen begegnete, wie sie ihr.
(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Oktober 2026, Internetzugriffe zuletzt am 16. Oktober 2026. Titelbild: Helga Paris, aus der Serie: Häuser und Gesichter. Halle 1983–85, Silbergelatine/Vintage Print, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), Repro: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt © Nachlass/Estate Helga Paris. Der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt gilt der herzliche Dank dafür, dass die Bilder in diesem Beitrag gezeigt werden dürfen.)
