Für neue Prioritäten in der Kriminalpolitik
Ein kriminologisches Sachbuch von Nicole Bögelein und Gina Rosa Wollinger
„Das Bild, das Menschen von Kriminalität haben, ist vor allem ein vermitteltes Bild – von der Politik, aber auch maßgeblich von den Medien.“ (Nicole Bögelein, Gina Rosa Wollinger, True Criminology – Mythen, Fakten, Hintergründe, Bonn, Dietz, 2026)
Am 19. April 2026 hat das Bundesinnenministerium gemeinsam mit dem Bundeskriminalamt die Polizeiliche Kriminalstatistik 2025 vorgestellt. Festgestellt wurden unter anderem ein allgemeiner Rückgang bei gleichzeitig steigender Brutalität der angezeigten Taten, eine Zunahme jüngerer Tatverdächtiger sowie ein etwas über einem Drittel liegender Anteil ausländischer Personen. Die Statistik erhebt keine Verurteilungen, nur die Zahl der von der Polizei an die Staatsanwaltschaft übergebenen Fälle, das heißt die Zahl von Tatverdächtigen. Die Einstellungsquote liegt laut Statistischem Bundesamt bei etwa 60 Prozent. CORRECTIV hat zusammengestellt, was die Statistik aussagt und was nicht. Der Anteil ausländischer Personen hat nichts mit Migrationshintergrund zu tun, da dieser nicht erhoben wird, sondern mit den Staatsangehörigkeiten von Beschuldigten – das sind neben Menschen, die in Deutschland leben, aber eine andere Staatsangehörigkeit haben, auch Menschen, die als Tourist:innen, als Geflüchtete oder gezielt zur Begehung von Straftaten nach Deutschland kamen. Bei der Erhebung sind Änderungen im Strafrecht zu berücksichtigen, zum Beispiel die Entkriminalisierung von Cannabis und Gesetzesänderungen und -verschärfungen, zum Beispiel bei Taten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, sowie ein verändertes Anzeigeverhalten.
Die Kriminologinnen Nicole Bögelein (Institut für Kriminologie der Universität Köln) und Gina Rosa Wollinger (Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW in Köln) haben im Gespräch mit Ariane Bemmer im Tagesspiegel die Daten der Statistik kommentiert. In ihrem Buch „True Criminology – Mythen, Fakten, Hintergründe“ gehen sie genauer auf verschiedene Delikte ein und weisen etwa darauf hin, dass es vor allem im häuslichen Umfeld ein großes Dunkelfeld der (Gewalt-)Kriminalität gebe. Zudem werden organisierte Kriminalität, Wirtschafts- und Umweltkriminalität in der öffentlichen Debatte nicht ausreichend beachtet. Die beiden Wissenschaftlerinnen betreiben gemeinsam den Podcast „True Criminology“. Ihr Anliegen ist ein realistisches Bild von Kriminalität, Gewalt und Bedrohungslagen. Ihr Thema ist auch, wer wie einzelne Aussagen nutzt, um im Sinne eigener Interessen zu polemisieren. Sie plädieren für eine neue Kriminalpolitik, die weniger Drama, weniger Show, mehr Analyse und nicht zuletzt mehr Dunkelfeldstudien bietet.
Verzerrte Wahrnehmung
Norbert Reichel: Sie schreiben im Vorwort Ihres Buches: „Wenn man in den Medien Tag für Tag Berichte über ‚Messerkriminalität‘ zu sehen und zu lesen bekommt, wirkt sich das auf die Stimmung aus. Manche Menschen fürchten, sie könnten selbst zum Opfer werden.“ Das Wort „Messerkriminalität“ lässt sich sicherlich für eine ganze Reihe anderer realer und gefühlter Bedrohungen austauschen. Ein realistisches Bild der Kriminalität entsteht über die Beschwörung möglicher Bedrohungen jedoch nicht. Dies gilt auch für so manche Berichterstattung in den Medien und manche politische Debatte, die entweder durch konkrete Ereignisse oder durch die öffentliche Präsentation von Kriminalstatistiken ausgelöst werden. Anliegen Ihres Buches und Ihres Podcasts ist es, den Hintergründen verdunkelnder Gefühle nachzugehen und diese auf den Boden der Tatsachen zurückzuführen.
Gina Rosa Wollinger: Wir dürfen das Erzählen über Kriminalität beziehungsweise über Gewalt nicht den Medien überlassen. Viele Medien arbeiten unter Zeit- und Verkaufsdruck, das führt dazu, dass sie verzerrt berichten und Clickbait betreiben. Das ist auch gut untersucht. Es ist müßig, immer wieder korrigierend einzugreifen. Wir brauchen Räume, um differenziert über Kriminalität und Gewalt zu sprechen. Das versuchen wir mit unserem Podcast und unserem Buch.
Nicole Bögelein: Gesellschaft kann man nur medial vermittelt wahrnehmen. Man kann den Beitrag der Medien zum Bild der Kriminalität in der Gesellschaft daher nicht überschätzen. Der oder die Einzelne ist immer nur zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort und nimmt wahr, was dort geschieht. Daher nimmt man die Medien als ein Instrument wahr, das die Welt beobachtet. Und das eben auch in Bezug auf Kriminalität, bestimmte Kriminalitätsphänomene, die Kriminalität bestimmter Gruppen.
Ein beispielhaftes Stichwort ist „Messerkriminalität“. Messerangriffe werden erst seit 2020 in der bundesweiten Statistik erfasst beziehungsweise seit 2021 veröffentlicht und daher gibt es auch seitdem erst Zahlen dazu; wir können also nicht wirklich sagen, wie es sich hier entwickelt hat. In Bevölkerung und Politik verbreitet sich jedoch schon bei bloßer Nennung des Phänomens der Eindruck, es werde alles immer schlimmer. Dies deckt sich jedoch nicht mit den Befunden der wissenschaftlichen Forschung. Diese werden geflissentlich übergangen oder gar ignoriert. Medien haben ihre eigene Logik. Es gibt auch gewisse Kreisläufe, wie Politik und Medien zusammenwirken
Norbert Reichel: Crime and Sex sell.
Nicole Bögelein: Richtig, und damit sind wir mittendrin. Wir verstehen das, aber wir müssen uns mit dem befassen, das auf wissenschaftlicher Evidenz basiert.
Norbert Reichel: Eigentlich müssten wir von einem Rückgang von Kriminalität über einen längeren Zeitraum sprechen, aber die öffentlichen Debatten weisen in eine andere Richtung. Wahrgenommen wird ein stetiger Anstieg von Kriminalität, insbesondere im Hinblick auf sexualisierte Gewalt, die Gewalt bestimmter Gruppen sowie politische Gewalt.

Gina Rosa Wollinger, Foto: Dietz Verlag.
Gina Rosa Wollinger: Wenn man sich Entwicklungen anschaut, sollte man sich immer einen längeren Zeitraum vornehmen, etwa zehn oder gar 20 Jahre. Hier gibt es in Deutschland eine positive Entwicklung. Es gibt weniger Kriminalität, auch weniger Kriminalität bestimmter Gruppen, weniger Kriminalität von Jugendlichen. Nach Ende der Corona-Pandemie ist einiges allerdings auch auffällig angestiegen. Diese Anstiege betreffen jedoch nur einen Zeitraum, der zu kurz ist, um von einem eindeutigen Trend zu sprechen. Jüngste Forschungen verzeichnen auch wieder einen Rückgang.
Das ist unsere Problematik: Wir haben im Grunde eine gute Entwicklung, beobachten aber in den letzten Jahren einige Auffälligkeiten. Mir ist wichtig zu erwähnen, dass auch eine gute Entwicklung nicht bedeutet, dass wir nicht aktiv bleiben sollen. Im Gegenteil: Wir müssen als Gesellschaft weiter daran arbeiten, Gewalt zu reduzieren, insbesondere bestimmte Formen der Gewalt, sexualisierte Gewalt, häusliche Gewalt. Manchmal habe ich aber das Gefühl, dass Gewalt in den Medien und in der Politik nur dann ein Thema ist, wenn sie sagen können, dass alles immer schlimmer wird.
Nicole Bögelein: Es gibt eine Langzeitstudie des Medienwissenschaftlers Thomas Hestermann. Er hat beobachtet, dass eher über Delikte berichtet wird, an denen Nicht-Deutsche beteiligt sind und dabei auch deren Nationalität häufiger genannt wird. Hestermann sagt: „Der gewalttätige Ausländer ist eine zentrale Angstfigur.“ Die Zahl der Delikte, bei denen in den Medien die Herkunft des mutmaßlichen Täters genannt wurde, hatte sich zwischen 2017 und 2019 verdoppelt. Hier wird überproportional häufig über tödliche Delikte gesprochen. Beim Stichwort „Messerkriminalität“ muss man jedoch feststellen, dass über 90 Prozent der Fälle keine oder „nur“ leichte Verletzungen zur Folge haben.
Zum Stichwort „Ausländer:in“, ich setze das Wort bewusst in Anführungszeichen: Das ist ein Bereich, bei dem wir die Nachteile von Kriminalstatistiken sehen. Wenn wir uns anschauen, welche Taten in das Hellfeld gelangen, zeigen Studien in Bezug auf Menschen, die als nicht deutsch gelesen werden, eine erhöhte Anzeigebereitschaft: Die Anzeigewahrscheinlichkeit steigt deutlich, wenn das Gegenüber als nicht deutsch wahrgenommen wird, gerade im Bereich der Gewaltdelikte. Da etwa 95 Prozent der Delikte in die PKS gelangen, weil sie von Bürger:innen angezeigt werden, spielt das eine große Rolle. Auch die Polizei kontrolliert häufig – Stichwort „Racial Profiling“ –auf Grundlage von äußeren Merkmalen, Hautfarbe, unterstellter Herkunft. Es ist eine kriminologische Binsenweisheit, dass ein Anstieg der Kontrollen auch zu einem Anstieg von Entdeckungen der ein oder anderen Straftat führt.
Verzerrungen in den Debatten über polizeiliches Handeln
Norbert Reichel: Solche Verzerrungen sind kein spezifisch deutsches Phänomen, oder?
Gina Rosa Wollinger: Nein, „Racial Profiling“ und die Einflussfaktoren der Anzeigebereitschaft von Bürger:innen sind kein deutsches Phänomen. Das hat auch etwas mit Psychologie zu tun. Je fremder mir der Täter, die Täterin erscheint, umso leichter fällt es, diese anzuzeigen. Den eigenen Ehemann, die eigene Ehefrau zeigt man nicht so schnell an. Auch bei Menschen nicht, die ich als meiner Gruppe zugehörig wahrnehme, ist man da zögerlicher. Nimmt man hingegen jemanden als fremd wahr, als Migrant:in, ruft man schneller die Polizei.
Norbert Reichel. Haben Sie internationale Studien ausgewertet?

Nicole Bögelein, Foto: Dietz Verlag.
Nicole Bögelein: Ja, die Kriminologie ist eine internationale Wissenschaft. Wir haben sehr viele Befunde aus englischsprachigen Studien aus diversen Ländern. International gibt es das schon länger Forschung etwa zu Rassismus in Strafverfolgung und Justiz gibt, in Deutschland gibt es dazu bisher wenig.
Ein eindrückliches Beispiel ist der sogenannte „Shooter Bias“. Man hat festgestellt, dass Polizist:innen eher zur Waffe greifen, wenn das Gegenüber person of colour ist, also als nicht zugehörig zur Mehrheitsgesellschaft gesehen wird. Außerdem hält man einen Gegenstand in der Hand einer Person, die nicht weiß ist, eher für eine Waffe. Das liegt wohl daran, dass man eine person of colour eher als bedrohlich wahrnimmt, was sich zu übermäßiger Polizeigewalt führen kann.
Norbert Reichel: „Polizeigewalt“ wird in den letzten Jahren immer wieder vermerkt, wenn beispielsweise ein junger Mann, eine Person of Color, im Polizeigewahrsam zu Tode kommt.
Nicole Bögelein: In den Medien wurde über zwei oder drei Fälle berichtet, aber im Jahr 2025 allein gab es über 20 Fälle tödlicher Polizeischüsse. Mir ist aber wichtig, dass wir den Begriff der „Polizeigewalt“ genau definieren. Die Polizei ist Exekutive, sie darf Gewalt anwenden. Daher muss man bei den genannten Fällen von „übermäßiger Polizeigewalt“ sprechen. Wenn eine Institution Gewalt ausüben darf, bedarf es einer sehr genauen Schulung, damit jede:r die Grenze kennt, damit jedes Individuum für sich und die Institution als solche diese Grenze einhalten und wissen, wie weit sie gehen dürfen und wo sie sich zurückhalten müssen.
Über die Zeit hinweg sieht man, dass Polizist:innen häufig mit dem Einsatz der Schusswaffe reagieren, wenn Personen in psychischen Notlagen sind. Das überschneidet sich oft damit, dass diese Personen nicht als Deutsche werden. Es kommen mehrere Elemente zusammen. Dafür zu sensibilisieren, ist eine Aufgabe für die Ausbildung.
Gina Rosa Wollinger: Schüsse sind die schärfste Form übermäßiger Polizeigewalt. Aber es gibt auch noch andere Formen. Das lässt sich nicht einfach in Zahlen fassen, weil hier wenig angezeigt wird, sich auch über Dunkelfeldbefragungen nicht viel ergibt. Man weiß allerdings etwas über die Zusammenhänge. Solche Gewalt findet in bestimmten Kontexten statt, man weiß etwas über die Persönlichkeit, die Haltung von Polizist:innen, die eher in übermäßige Polizeigewalt verwickelt sind. Es gibt auch unübersichtliche, dynamische Situationen, in denen es dazu kommen kann, dass Gewalt übermäßig wird. Wichtig ist ein angemessener Umgang damit. Fehlerkultur fehlt in der Polizei noch oft, im Hinblick auf die Art und Weise, mit solchen Fallkonstellationen umzugehen, darüber zu sprechen. Das hat auch rechtliche Gründe. Ein Polizist, eine Polizistin, macht sich strafbar, wenn er oder sie mitbekommt, dass ein Kollege, eine Kollegin, Gewalt anwendet und er nicht sofort reagiert und dies anzeigt. Dagegen steht eine Polizeikultur, in der oft der Deckmantel des Schweigens über Fehlverhalten gelegt wird. Hier sind noch einige Schritte zu gehen. Ein Schritt ist die Einrichtung von Polizeibeauftragten.
Wer hat die Diskursmacht?
Norbert Reichel: Einen Polizeibeauftragten gibt es seit 2024 beim Deutschen Bundestag, seit 2026 in Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen, seit 2023 in Brandenburg. Es ist auch eine Frage, wer über das Thema redet. Ich sehe eine Verzerrung beispielsweise darin, dass übermäßige Polizeigewalt eher von der linken Seite angemerkt wird, während von der anderen Seite eher die Gewalt der mutmaßlichen Täter, gegen die die Polizei vorging, betont wird.
Nicole Bögelein: Das stimmt im Hinblick auf die Berichterstattung. Beim G8-Gipfel in Hamburg 2018 zeigte die taz Bilder, bei denen die Demonstrierenden die Unterlegenen waren, beispielsweise mehrere Polizist:innen auf eine einzelne Person losgingen, die auf dem Boden lag, während die BILD-Zeitung mehrere Tage lang Angriffe auf Polizist:innen zeigte, von denen sich manche weinend in eine Ecke zurückgezogen hatten, weil sie von der Aggressivität der Demonstrierenden bei ihrem Einsatz so erschüttert waren.
Gina Rosa Wollinger: Es stellt sich hier auch die Frage, wer die Diskursmacht hat. Wer setzt die Themen, über die wir sprechen? Welche Gewaltform wird beachtet? Auch die Polizeigewerkschaften spielen eine Rolle, bestimmte Interessen, gerade bei den Gewerkschaften, die die Belastungen des Polizeiberufs betonen.
Norbert Reichel: Auch, weil sie so ihre Stellenforderungen begründen können. Das tun auch Innenminister, die erzählen, dass sie mehr Stellen brauchen, weil es angeblich mehr Gewalt gäbe.
Gina Rosa Wollinger: Das ist keine kluge Erzählung. Das geht nach hinten los, weil es den Eindruck erweckt, Staat und Polizei wären schwach. Das stärkt das Vertrauen in Polizei und Staat nicht. Wir haben diese Diskussion auch, wenn es um sogenannte „No-Go-Areas“ geht. Mit diesem Begriff wird suggeriert, dass es Orte gäbe, in die die Polizei nicht mehr hineinginge.
Norbert Reichel: Und es ist keine neue Debatte. Ich bin in den 1960er Jahren in Köln aufgewachsen, der Stadt mit der damals höchsten Kriminalitätsrate in der Bundesrepublik Deutschland, in der hohen Zeit des sogenannten „Milieus“, als Dummse Tünn, Schäfers Nas und Kollegen die Kölner Ringe beherrschten. Da ging man eben nachts nicht hin. Wer gut recherchierte und zugleich unterhaltsame Bücher zu dieser Zeit lesen möchte, dem empfehle ich Christoph Gottwald, „Blütenträume – Die unglaubliche Geschichte des Geldfälschers Jürgen Kuhl“ (Köln, DuMont, 2010) und Peter F. Müller & Michael Mueller, Chicago am Rhein – Geschichten aus dem kölschen Milieu (Köln, Kiepenheuer & Witsch, 2011, dazu gibt es auch einen Film). „No-Go-Areas“ gab es damals auch, aber es gab auch eine im Nachhinein fast schon romantisierend erzählte Zusammenarbeit zwischen Milieu und Polizei. Im Rückblick klingt das doch alles eher harmlos im Vergleich zu heute aktiven Mafia-Organisationen. Ist die Frage einer „No-Go-Area“ nicht doch eher ein mediales Phänomen?
Nicole Bögelein: Ich möchte in Frage stellen, ob das damals tatsächlich eher harmlos war. Wenn man Gefängnisforschung betreibt, hört man von Gefängnisbediensteten auch, dass es früher in den Gefängnissen viel einfacher gewesen sei, weil nur Deutsche einsaßen. Dahinter steckt auch die Annahme, Kriminalität wäre so lange ok, wie sie in von Menschen betrieben wird, die man als deutsch definiert. Dieses Deutungsmuster schwingt mit.
Gina Rosa Wollinger: In der Kriminalpolitik spielt die Haltung eine ganz wichtige Rolle. Oft geht es nicht um Fakten. Ein Beispiel ist die Debatte um die Absenkung der Strafmündigkeit von 14 auf 12 Jahre, die immer wieder neu beginnt, wenn Dreizehnjährige eines Kapitalverbrechens beschuldigt werden. Es gibt jedoch keinen entsprechenden Diskurs in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit. Alle sind sich einig, Psychologie, Sozialwissenschaften, Kriminologie: Das ist Quatsch. Es gibt noch so viel Entwicklung bei den jungen Menschen, sodass ein frühes Eingreifen durch Strafverfolgung Kriminalität eher verfestigt. Trotzdem wird diese Debatte immer wieder neu aufgelegt. Es ist eine Haltungsfrage. Mit Kriminalität wird auch Wahlkampf gemacht, werden politische Positionen gestärkt oder geschwächt. Es wird alles immer so eingesetzt, wie es gerade passt.
Norbert Reichel. Das geht bis in die Wortwahl. Politiker – fast immer Männer – werden gelobt, wenn sie besonders hart sind. Sie werden dann oft auch als „Sheriff“ bezeichnet, weil dem „Sheriff“, den man aus Wildwestfilmen kennt, eine bestimmte Rücksichtslosigkeit oder Konsequenz zugeschrieben wird, die der Kriminalität endlich ein Ende setzt. High Noon is everywhere.
Nicole Bögelein: Dieses harte Durchgreifen, das wir bereits mehrfach angesprochen haben, bedient klassische Männlichkeitsbilder, auch die Vorstellung, wie ein starker Staat sein müsse. Da waren wir auch schon einmal auf einem anderen Stand. In den 1970er Jahren wurde eher über eine Resozialisierung gesprochen, darüber wie man Menschen aus dem Kreislauf der Straftaten herausholt. Heute heißt es mal wieder, wir müssen mehr abschrecken, hart durchgreifen. Das sind Phasen, die zeigen, welche Vormachtstellung in den Diskursen gerade herrscht.
Was nicht in Kriminalstatistiken steht
Norbert Reichel: In dem Kontext gibt es noch eine andere Debatte, die Sie in Ihrem Buch deutlich ansprechen: Die Verknüpfung von Armut und Migration. Wir haben aber nicht nur höhere Kriminalitätsraten in bestimmten Stadtteilen, was natürlich auch an einer höheren Polizeipräsenz liegen kann, weil man da eben eher hinschaut, sondern auch ein anderes Phänomen, das meines Erachtens viel zu wenig beachtet wird. Ich habe zwei Gespräche mit Irene Mihalic, damals innenpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Bündnis 90 / Die Grünen, veröffentlicht. Sie plädierte für eine neue Sicherheitsarchitektur. In ihrer Dissertation hatte sie die Kriminalität in Gelsenkirchen untersucht und festgestellt, dass Arme bei Armen in die Wohnung einbrachen und eben nicht – wie allgemein vermutet – in die Wohnungen der Reichen in den Villenvierteln.
Gina Rosa Wollinger: Zu diesem Thema habe ich auch selbst lange geforscht. Ich kann nur bestätigen, dass dieses Bild nicht stimmt, da werden nur die reichen Villen ausgeforscht und dann werde dort eingebrochen. Wir müssen auch sehen, dass nicht nur arme Menschen kriminell werden, sondern wir auch eine Kriminalität von vielen gut situierten Leuten kennen. Wir erleben eine grundlegende Kriminalisierung von Menschen oder Stadtteilen, wo besonders viel kontrolliert wird. Zu deren Straftaten gehören aber auch Fahren ohne Fahrschein, Ladendiebstahl und andere Delikte, bei denen wir es mit sozial prekären Lagen zu tun haben, auch mit Migration.
Nicole Bögelein: Das hat auch wieder damit zu tun, wie wir über Kriminalität sprechen. Medien sprechen vor allem über Kriminalität anlässlich der Kriminalstatistiken. Diese blenden jedoch bestimmte Phänomene der Kriminalität aus. Nicht enthalten sind zum Beispiel weite Teile der Straßenverkehrskriminalität. Deshalb reden wir kaum über Straßenverkehrskriminalität. Es betrifft auch Delikte wie Steuerhinterziehung, Geldwäsche und andere Finanzdelikte. Über Delikte, die beim Finanzamt oder beim Zoll angezeigt werden, sprechen wir nicht, obwohl die Delikte ein größeres Ausmaß haben, in denen es um illegale Arbeit, Ausbeutung durch Arbeit und Menschenhandel geht. Auch Umweltkriminalität wird nicht in der Kriminalstatistik aufgeführt, sie ist in anderen Statistiken enthalten.
Kriminalität, die in Polizeistatistiken erscheint, ist – ich sage es einmal vereinfacht – Kriminalität, die für Unruhe auf der Straße sorgt. Das kann man beobachten, Bürger:innen sind als Anzeigende beteiligt. Es sind nicht die Delikte wie Cum-Ex-Delikte, die vom Schreibtisch aus begangen werden, sondern Delikte, von denen man dann sagt, sie seien für die öffentliche Ordnung auf der Straße relevant. Man könnte das auch in Frage stellen, denn durch einen Cum-Ex-Betrug gehen Milliarden an Steuereinnahmen verloren, die an anderer Stelle gebraucht würden, beispielsweise für die Sicherung von Infrastruktur.
Norbert Reichel: Wir sprechen dann über Übergriffe auf Bedienstete der Deutschen Bahn, aber nicht über die fehlenden Mittel zur Sicherung der Infrastruktur, beispielsweise für eine Doppelbesetzung in Regionalzügen, die mehr Sicherheit für das dort tätige Personal bringen würde.
Nicole Bögelein: Der Druck und der Stress, der mit der maroden Infrastruktur einhergeht, führt auch zu mehr Aggressivität und Unsicherheit.
Norbert Reichel: Das erlebe ich zurzeit vor meiner Bonner Haustür. Wegen der Sperrung der Bonner Nordbrücke fahren die jetzt alle bei uns vor der Tür vorbei über die Kennedybrücke. Autofahrer:innen, auch Radfahrer:innen verhalten sich erheblich aggressiver gegeneinander, nicht zuletzt aber auch gegen Menschen, die zu Fuß gehen.
Aber ich möchte noch einmal auf die Gründe für die Konzentration auf bestimmte Gewaltdelikte zurückkommen. Hängt das nicht auch mit den Kriminalfernsehspielen zusammen, in denen immer wieder jemand umgebracht wird, obwohl es in der Realität weitaus weniger Morde gibt als man nach Fernsehkonsum vermuten möchte? Die Aufklärung eines Wirtschaftsverbrechens dürfte dramaturgisch eher langweilig sein.
Gina Rosa Wollinger: Oder das Verbrechen wird heroisiert. Dann sind das Filme wie „Catch Me As You Can”, in denen der gerissene Betrüger zum Helden wird.
Norbert Reichel: Abgesehen von der Popularität eines Leonardo DiCaprio: Der wird ja auch noch zu einem der Guten, weil er am Ende des Films gegen Straferlass mit dem FBI zusammenarbeitet. In den 1960er Jahren gab es die Romantisierung von Verbrechen schon mit „Die Gentlemen bitten zur Kasse“, ein Dreiteiler aus dem Jahr 1965, der einen spektakulären Überfall auf einen Postzug aus dem Jahr 1963 zum Vorbild hatte. Horst Tappert als Chef der Bande war eine höchst beliebte Identifikationsfigur, fast schon ein Robin Hood, obwohl das Vorbild sich vor allem selbst bereichern wollte. Es war schon etwas skurril, dass derselbe Horst Tappert etwa ein Jahrzehnt später für 24 Jahre als „Derrick“ einer der populärsten Polizeikommissare im deutschen Fernsehen wurde. Populär sind schließlich True-Crime-Formate. Dort haben Aufsehen erregende Verbrechen bis hin zu Serienmördern einen festen Platz.
Gina Rosa Wollinger: Solche Verzerrungen der Wahrnehmungen werden dadurch verstärkt, dass sich True-Crime-Formate auf eher untypische Fälle konzentrieren und dass auch die Darstellung der Strafverfolgung in Kriminalfernsehspielen eher untypisch ist. Es erregt natürlich mehr Aufmerksamkeit. Es ist auch nachvollziehbar, dass grausame Taten uns eher packen. Bei Cum-Ex muss man immer erst einmal lange erklären, worum es da eigentlich geht. Es geht dort um Gelder, die man sich gar nicht vorstellen kann. Wie soll ich mir Hunderte von Milliarden vorstellen?
Die Logik der Medien, Nachrichtenformate ebenso wie Dokumentationen und Unterhaltungsformate, unterliegen Aufmerksamkeitsökonomien. Es ist jedoch die Verantwortung der Politik anders zu handeln, Kriminalität in ihrer Gänze zu behandeln und auch im Sinne der Gesellschaft zu priorisieren, in welchen Bereichen wir besonders intensiv in die Strafverfolgung einsteigen und wie wir das tun. Unsere Position ist da ganz klar: Wir haben in letzter Zeit eine Kriminalpolitik auf dem Vormarsch, die überhaupt nicht hilfreich ist. Ganz im Gegenteil.
Ist mehr Polizeipräsenz eine Lösung?
Norbert Reichel: Was ist hilfreich, was nicht?
Gina Rosa Wollinger: Wir haben eine Kriminalpolitik, die sehr stark durch Law and Order geprägt ist, durch ein vermeintlich hartes Durchgreifen, das man aber in Frage stellen sollte. Welche Maßnahmen sind denn damit verbunden? Strafverschärfungen, neue Gesetze sind kein hartes Durchgreifen, sondern eher ein wildes Um-sich-schlagen. Wir wissen, dass Strafhöhe nicht abschreckt, sondern die Entdeckungswahrscheinlichkeit. Es gibt bestimmte Bereiche, in denen Betroffene überhaupt nicht anzeigen wie bei der sexualisierten Gewalt. Da ist unser Problem nicht die Gesetzeslage, sondern das Fehlen von Strafverfolgung. Strafverschärfung oder Gesetzesänderungen sind leicht umsetzbar, aber es fehlen tiefgreifende Maßnahmen, die wirklich zu einer Veränderung führen könnten. Wir haben vor allem etwas, das man Symbolpolitik nennen könnte. Ich möchte aber auch Folgendes klarstellen: Wir sagen nicht, alles werde nur skandalisiert, wir wollen nichts verharmlosen. Wir sagen aber, dass Kriminalität kein Schicksal ist, sondern gesellschaftlich sehr stark beeinflussbar. Deshalb schließen wir mit einem Plädoyer für eine neue Kriminalpolitik.
Norbert Reichel: Dazu gehört eine Kriminalitätsprävention, die funktioniert?
Gina Rosa Wollinger: Die kostet natürlich Geld. Außerdem dauert die Sichtbarkeit der Wirkungen länger als eine Legislaturperiode.
Norbert Reichel: Ich erinnere mich noch an einen Polizeibeamten in Duisburg-Bruckhausen, der vor etwa 25 bis 30 Jahren in den Ruhestand ging. Er hatte es geschafft, dass ihn im Stadtteil alle kannten. Er wusste sehr genau, wo Konflikte entstehen konnten. Viele konnte er durch Gespräche im Vorfeld auflösen. Er verband seine Tätigkeit als Polizist mit dem Engagement eines Sozialarbeiters. Ich denke, dass solche Menschen eine Menge an Gewalt, an Kriminalität verhindern könnten, weil sie Respektpersonen sind und weil sie die Menschen, die in ihrem Viertel wohnen, respektieren.
Gina Rosa Wollinger: Das bezeichnet man auch als Community Policing. Es gibt einen Kontaktbeamten, der die Leute kennt, auch außerhalb von Einsatzsituationen. Das ist Bürgernähe. Es ist niedrigschwellig, keine ständige Kontrolle. Es kommt auf das Wie der polizeilichen Präsenz an.
Nicole Bögelein: Man denkt in der Regel, dass mehr Polizeipräsenz zu weniger Kriminalität führt. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn Polizeipräsenz da ist, nimmt die auch Dinge wahr, schreibt etwas auf. Zunächst steigt Kriminalität statistisch an. Es gibt auch nicht unbedingt ein stärkeres Sicherheitsgefühl. Es gibt auch die Wahrnehmung, dass es in diesem Stadtteil besonders gefährlich sein muss, wenn da schon so viel Polizei präsent ist.
Norbert Reichel: Eine Frage des Maßes?
Nicole Bögelein: Jein. Es ist oft eine Frage der Verdrängung. Wir haben aufgrund von Polizeieinsatz zurzeit in Köln eine Verschiebung der Drogenszene vom Neumarkt über den Ebertplatz zum Hansaring. Letztlich ist Polizei nicht die Institution, die dafür sorgen kann, dass es weniger Kriminalität gibt. Polizei ist gut eingesetzt, wenn Kriminalität da ist, aber wir müssten eigentlich versuchen, Prävention zu betreiben und über Soziale Arbeit, über Veedelskümmerer davon wegkommen, dass wir Sicherheit nur mit Polizeipräsenz verbinden. Hilfreich sind auch Kommunalpräventive Räte, die es in einigen Kommunen gibt, in denen ganz unterschiedliche Menschen daran arbeiten, lokale Probleme mit Kriminalität zu identifizieren und Lösungen zu erarbeiten. Das Sicherheitsgefühl hat oft gar nichts damit zu tun, ob irgendwo Kriminalität stattfindet, sondern hat im Gegenteil damit zu tun, ob Orte sauber wirken, ob das Licht an ist, ob es überschaubar ist.
Delegation von Sicherheit und das Verschwinden von Zivilcourage
Norbert Reichel: Wie ist es mit der Präsenz von Sicherheitsdiensten? Gerade an Bahnhöfen, in S-Bahnen gibt es inzwischen auf Initiative der neuen Bahnchefin Evelyn Palla mehr Sicherheitspersonal. Mir persönlich gibt dies durchaus ein Gefühl von mehr Sicherheit.
Nicole Bögelein: Auf der anderen Seite verschafft der Einsatz von Sicherheitspersonal Menschen den Eindruck, es gebe hier Unsicherheit. Ich sehe auch, dass dann, wenn es für alles eine Institution gibt, das menschliche Miteinander verloren geht. Eigentlich müsste es ja so sein, dass Menschen aufeinander achten, miteinander reden, eine Form von Konfliktregulation zwischen ihnen stattfindet. Stattdessen beobachte ich Vereinzelung, dass alle bei Problemen erst einmal schauen, wer denn eingreifen und helfen könne.
Norbert Reichel: Wir sind in unserer Gesellschaft an einem Punkt angelangt, indem wir Sicherheit und Konfliktregulierung wegdelegieren. Da muss man sich nicht wundern, wenn es dann niemanden gibt, der das praktiziert, was man Zivilcourage nennt.
Nicole Bögelein: Dazu gehört auch die Erzählung, dass wenn man mal eingreife, man direkt ein Messer im Bauch hätte. Da sag ich lieber nichts. Man sieht im Anderen erst einmal eine potenzielle Gefahr. Wenn sie jemanden sehen, der eingreift, sagen die Leute, ach es gibt doch noch nette Menschen. Aber das ändert an ihrem eigenen Verhalten nichts. Es wäre natürlich schön, wenn das die Regel wäre. Eigentlich sollten wir davon ausgehen, dass wir alle soziale Wesen sind, die in einem sozialen Miteinander funktionieren. Ich verstehe das Bedürfnis, dass Sicherheitspersonal in der Bahn präsent ist, doch letztlich können wir das Zusammenleben nicht staatlich organisieren.
Norbert Reichel: André Heller präsentiert in seinen Auftritten immer wieder mal eine Geschichte von Nestroy. Da trifft im Wald a Wolf an Wolf. Sogt er: Aha, sicher a Wolf. Trifft im Wald a Mensch an Menschen, sogt er: Oha, sicher a Rauber.
Nicole Bögelein: Das berührt die Kriminologie. Gehen wir im anderen Menschen erst einmal vom Schlechten aus oder vom Guten? Wir kategorisieren einen Menschen als Angehörigen einer Gruppe. Der eigenen Gruppe schreibt man eher positive Eigenschaften zu, die halten sich an Gesetze, die sind ungefährlich, als der Fremdgruppe, und sobald ich einen Menschen der Fremdgruppe treffe, gehe ich davon aus, dass die wohl andere Eigenschaften und Verhaltensweisen haben, die möglicherweise gefährlich für mich sein könnten.
Dunkelfeldstudien statt Statistikshow
Norbert Reichel: Dem, was wirklich gefährlich ist, kommen wir erst auf die Spur, wenn wir nicht nur unsere jeweiligen Vorurteile kennen, sondern auch das Dunkelfeld bestimmter Phänomene untersuchen. Am 10. Februar 2026 stellten Bundesinnenminister Alexander Dobrindt und Bundesfamilienministerin Karin Prien mit dem Bundeskriminalamt eine von ihnen in Auftrag gegebene Dunkelfeldstudie „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag“ (LeSuBiA) vor (auch dieser Titel darf als euphemistisch interpretiert werden). Ein Ergebnis: Nur etwa eine von 20 Frauen zeigt die Gewalt ihrer Ehemänner oder Partner an. Sie fordern in Ihrem Buch mehr Dunkelfeldstudien, die die Verzerrungen beseitigen, die durch die „PSK-Shows“, die rituellen Präsentationen der Polizeilichen Kriminalstatistik immer wieder aufs Neue bestätigt werden.
Nicole Bögelein: Hier gibt es einen begründeten Anlass zur Hoffnung. Am 20. April 2026 hat das Bundeskriminalamt gleichzeitig mit der der Kriminalstatistik die Dunkelfeldstudie „Sicherheit und Kriminalität in Deutschland“ (SKiD) vorgestellt. Diese Dunkelfeldbefragung soll ab jetzt alle zwei Jahre durchgeführt werden. Damit hätten wir endlich ein Gegengewicht zur Polizeilichen Kriminalstatistik, die bisher konkurrenzlos dasteht. Wir könnten Hellfeld und Dunkelfeld vergleichen. Die Tatsache, dass nur etwa sechs Prozent aller Delikte sexualisierter Gewalt angezeigt werden, lässt den Schluss zu, dass ein Anstieg im Hellfeld nichts damit zu tun hat, dass das Ausmaß dieses Delikts ansteigt, sondern dass mehr Leute sich trauen, es anzuzeigen.
Norbert Reichel: Eines der bedrückendsten Ergebnisse ist aus meiner Sicht die Tatsache, dass das gefährlichste Feld, vor allem für Frauen und Kinder, das eigene Zuhause ist.
Nicole Bögelein: Das ist leider so. Es ist ein geflügeltes Wort in der Kriminologie, dass man als Frau sicherer ist, wenn man nachts im Park spazieren geht als wenn man zu Hause mit der Familie ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass man durch eine Straftat verletzt wird, ist zu Hause am höchsten. Bei Delikten auf der Straße gehören am häufigsten junge Männer zu den Opfern, entgegen der Annahme, dass vor allem Frauen gefährdet wären.
Norbert Reichel: Man muss hier natürlich wieder aufpassen, dass man nicht wieder das Kind mit dem Bade ausschüttet und manche grundsätzlich alle Männer unter Verdacht stellen.
Nicole Bögelein: Wir sprechen uns in unserem Plädoyer für eine neue Kriminalpolitik für eine feministische Kriminalpolitik aus. Das bedeutet nicht, dass alle Männer pauschal verteufelt werden, sondern dass die patriarchalischen Strukturen und Einstellungen erkannt und bekämpft werden müssen. Das, was hinter häuslicher Gewalt steckt, ist die patriarchalische Struktur, dass Frauen Männern unterlegen sind, dass Frauen Besitz ihrer Männer sein sollen. Der hauptsächliche Grund, dass es zu häuslicher Gewalt kommt, sind Besitzansprüche, dass Frauen kein eigenes Leben zugestanden wird, dass sie kontrolliert werden müssen, sie zu tun hätten, was der Mann möchte.
Norbert Reichel: Das ist auch Thema des neuen Buches von Eva von Redeker „Dieser Drang nach Härte – Über den neuen Faschismus“ (Frankfurt am Main, S. Fischer, 2026). Sie hat den Begriff „Phantombesitz“ in die Debatte eingeführt. Männer werden im Sinne dieses „neuen Faschismus“ gewalttätig, weil sie einen vermeintlichen Besitz verteidigen wollen, ihr Land, ihre Nation, ihre Frauen, ihre Kinder. Dasselbe Phänomen gibt es in islamistischen Kreisen.
Nicole Bögelein: Das Narrativ „unsere Frauen“ hört man immer wieder, auch in Kreisen, in denen man es nicht vermutet. Martin Schulz hat mal in seiner Zeit als Kanzlerkandidat der SPD in einer Talk-Show zum Thema Gefahr gesagt, wir müssten „unsere Frauen schützen“. Das zeugt schon von dieser patriarchalischen Struktur, denn gleichberechtigte Menschen müssen nicht eine Gruppe schützen, sondern wollen die Rechte von allen Menschen bewahren. Ich weiß natürlich, dass in einer Welt, in der Gleichstellung noch nicht erreicht ist, vulnerable Gruppen besonders geschützt werden müssen.
Ich nenne ein weiteres Beispiel: Wie wird eigentlich über Tötungsdelikte im Rahmen von Trennungen geschrieben und gesprochen. Ist der Mann ein Deutscher, ist es ein Familiendrama, Zeichen einer psychologischen Notlage, der konnte nicht anders, wird er – ungeachtet der Staatsangehörigkeit – nicht als Deutscher gelesen, gehört es zu dessen Kultur, das war ein verbrecherischer Vorsatz. Das verzerrt sich auch in der Justiz: Das eine ist dann eher ein Mord als das andere, weil man beim einen entschuldigende, bei dem anderen nicht entschuldbare Gründe findet.
Norbert Reichel: Ist das nur patriarchalisch oder nicht eher doch maskulinistisch?
Gina Rosa Wollinger: Aus der Gewaltforschung kennen wir sogenannte „Machonormen“, Gewalt legitimierende Männlichkeitsnormen. Diese sind ein großer Prädiktor, dass jemand Gewalt ausübt. Aber solche Normen können nur auf einem patriarchalischen System gedeihen, wenn sonst der Ansatz fehlte, Gewalt zu legitimieren. Man kann übrigens auch feststellen, je schwerer das Delikt, desto weniger sind Frauen die Täterinnen.
Ein kurzes Fazit für eine neue Kriminalpolitik
Norbert Reichel: Zum Abschluss fasse ich noch einmal kurz die Eckpunkte Ihres Plädoyers für eine neue Kriminalpolitik zusammen: Sie wollen weniger Drama, mehr Analyse, weg von der PSK-Show zu Dunkelfeldstudien, die Erforschung repressiver Strukturen, da diese mehr Kriminalität bedingen, die Kombination von Innen- und Sozialpolitik, Aufmerksamkeit für Klassismus, Rassismus und Patriarchat, die Entkriminalisierung von Drogen (nicht nur von Cannabis) und von Armutsstraftaten, mehr Kampf gegen Wirtschafts- und Umweltkriminalität und Menschenhandel.
Nicole Bögelein: Wir wollen auf keinen Fall Kriminalität relativieren, herunterreden. Leider muss man das immer wieder sagen. Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass wir die Ressourcen zurzeit falsch verteilen und uns zu viel mit Delikten beschäftigen, die Menschen aus strukturellen Notlagen begehen, kriminalisieren, dass jemand in Armut lebt oder anders aussieht. Davon müssen wir weg und in eine Richtung zu Delikten, von denen es eine Menge gibt, für die aber die Ressourcen fehlen, weil wir falsche Prioritäten setzen und uns zu viel im Klein-Klein verlieren.
(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im August 2026, Internetzugriffe zuletzt am 4. August 2026. Titelbild: Hans Peter Schaefer.)

