Georgien in der DDR
Was uns ein Foto über georgisch-deutsche Begegnungen erzählt
Drei Frauen in einer Berliner Kneipe – so sieht es aus. Darauf deutet der im Hintergrund hängende Zeitungsständer hin. Zu sehen sind die Dichterinnen Elke Erb und Sarah Kirsch sowie die Fotografin Helga Paris. Fotografiert wurden sie von dem Publizisten und Betreiber des berühmten Ostberliner Literarischen Salons, Ekkehard Maaß. Alle vier gehörten zu den prägenden Persönlichkeiten der Ostberliner Prenzlauer-Berg-Szene der Andersdenkenden, die sich seit den späten 1970er-Jahren zu einem wichtigen Zentrum unabhängiger Literatur und Kunst entwickelte. Einer ihrer bedeutenden Treffpunkte war der Literarische Salon in der Erdgeschosswohnung von Ekkehard Maaß in der Schönfließer Straße 21. Genau dort wird auch das Foto der drei lächelnden Frauen bis heute aufbewahrt.
Wie so oft verbirgt sich hinter einem einzigen Bild weit mehr als das, was auf den ersten Blick sichtbar ist. Welche Geschichte ein Foto erzählt, hängt nicht zuletzt von den Fragen ab, die man an es richtet. Aus der Perspektive der georgisch-deutschen Kulturgeschichte eröffnet dieses Bild eine andere und besondere Lesart.
Die vier Personen verbindet nicht nur die Ostberliner Kulturszene, sondern auch Georgien − ihre ganz unterschiedlichen Begegnungen mit diesem Land – Reisen, Freundschaften, literarische Übersetzungen, Fotografien, gemeinsame Projekte und künstlerische Inspirationen. Nicht von den Gedichten Elke Erbs und Sarah Kirschs, den Fotografien Helga Paris‘ oder der Kulturarbeit Ekkehard Maaß‘ im Literarischen Salon soll hier jedoch die Rede sein. Im Mittelpunkt des Interesses steht vielmehr jene gemeinsame Spur, die alle vier auf unterschiedliche Weise nach Georgien führt.
Es begann ganz offiziell
Diese Spur beginnt 1968. In jenem Jahr begleiteten Elke Erb und Sarah Kirsch ihre damaligen Ehemänner Adolf Endler und Rainer Kirsch nach Sowjetgeorgien. Die beiden DDR-Autoren waren vom georgischen Schriftstellerverband bzw. Kulturministerium eingeladen worden, gemeinsam mit georgischen Kolleginnen und Kollegen eine Anthologie georgischer Lyrik zusammenzustellen und mit der Hilfe der georgischen Germanisten ins Deutsche zu übertragen.
Für Rainer Kirsch war das keineswegs Neuland. Bereits 1966 hatte er die Sowjetunion bereist und dabei auch Georgien besucht. Vieles spricht dafür, dass die Initiative für die Zusammenarbeit von sowjetgeorgischer Seite ausging und über Alfred Kurella vermittelt wurde. Für die Übertragung der Gedichte des georgischen Romantikers Nikolos Baratashvili soll Kurella bereits 1966 Rainer Kirsch vorgeschlagen haben. Zwei Jahre später führte dies zu einer weiteren Georgienreise, im selben Jahr 1968 erschien auch die zweisprachige Ausgabe der Gedichte Baratashvilis.
Rainer Kirsch ließ seine georgischen Impressionen auch in eigene Gedichte einfließen und brachte dem DDR-Publikum das Land auf diese Weise lyrisch, wenn auch manchmal ideologisch geprägt, näher.
Auch wenn Rainer Kirsch und Adolf Endler – ursprünglich vermittelt durch Alfred Kurella – zunächst die Türen nach Georgien öffneten, spielen in diesem Foto die drei Frauen die eigentlichen Hauptrollen.
Dass sich solche Wege überhaupt öffnen konnten, fügte sich ganz organisch in die kulturpolitischen Rahmenbedingungen jener Zeit: Der Literaturtransfer durch Nachdichtungen und Buchveröffentlichungen passte perfekt in die außenkulturpolitische Agenda der UdSSR wie auch der DDR und entsprach den Vereinbarungen zwischen den beiden Staaten. Es war die Ära einer verordneten „Plankultur“, in der institutionelle Förderung und Lenkung Hand in Hand gingen − ganz besonders in den 1960er-Jahren. Bündnistreue, beschworene „Freundschaft“ und das gegenseitige Kennenlernen sollten nun auch auf kultureller Ebene spürbar vertieft werden. Von diesem politischen Rahmen profitierten aber auch die deutsch-georgischen Literaturbeziehungen: Aus staatlich gewünschten Projekten erwuchsen persönliche Freundschaften sowie manch formelle und informelle Netzwerke, die das System oft weit überdauerten und über Jahrzehnte hinweg Bestand hatten.
Genau das scheint auch auf die Frauen zuzutreffen. Georgien hat im Werk beider Autorinnen Spuren hinterlassen − bei Elke Erb tief und dauerhaft, bei der anderen eher punktuell oder für eine bestimmte Lebens- und Schaffensphase.
Erkundungen und Übersetzungen
Besonders eindrucksvoll spiegeln sich Sarah Kirschs Eindrücke in ihren bislang wenig bekannten Reiseaufzeichnungen wider, die ich derzeit bearbeite und ins Georgische übersetze − in der Hoffnung, sie später im Verlag Aloni in der Reihe „Georgisch-Deutsche Bibliothek“ veröffentlichen zu dürfen. Darin schildert sie die Reise von 1968 mit großer Aufmerksamkeit für Menschen, Landschaften und Alltagsszenen. Auch literarisch beschäftigte Sarah Kirsch Georgien noch über die Reise hinaus. Ihre Prosaskizzen „Georgien, Fotografien“ lesen sich wie fotografische Momentaufnahmen – kurze, dichte Beobachtungen, in denen sich ihre persönliche Wahrnehmung des georgischen Alltags und der Reise spiegelt. Im Unterschied zu Elke Erb blieb ihre Auseinandersetzung mit Georgien jedoch episodisch. Nach ihrer Übersiedlung in die Bundesrepublik aufgrund ihres Protestes gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 rissen viele Verbindungen in das sowjetische Tbilissi zwangsläufig ab.
An dieser Stelle sei kurz an das eigentliche Ergebnis der Reise 1968 erinnert. 1971 erschien im Berliner Verlag Volk und Welt die Anthologie „Georgische Poesie aus acht Jahrhunderten“. Doch war das Thema Georgien damit erschöpft? Eher nicht. Aus den Notizen und Erlebnissen Adolf Endlers entstanden beispielsweise erst verschiedene literarische Artikel und später ein weiteres Buch „Zwei Versuche, über Georgien zu schreiben“, das 1976 veröffentlicht wurde.
Wie Elke Erb dieses Land für sich entdeckte und zu einem festen Bestandteil ihres Schaffens machte, ist wieder eine ganz eigene Geschichte. Sie pflegte seit ihrer ersten Georgienreise enge berufliche und freundschaftliche Beziehungen zu georgischen Germanistinnen und Germanisten. Insbesondere die Germanistinnen besuchten sie später in ihrer Berliner Wohnung – auf private Einladung von Elke Erb nicht selten wochenlang. Dies war ein bewährter Weg, da Reisen in die DDR für sowjetische Bürgerinnen und Bürger ansonsten mit enormen bürokratischen Hürden verbunden waren: Vom Kontrollwahn geprägte Staaten wollten genau wissen, wer wen aus welchem Grund und für wie lange besuchte. Mit Nelli Amaschukeli und Natela Chuzischwili, zwei hervorragenden Germanistinnen, arbeitete Elke Erb an verschiedenen Übersetzungsprojekten. So entstand nach Jahren beispielsweise die deutsche Übersetzung von Sulchan-Saba Orbelianis Fabel- und Parabelsammlung „Die Weisheit der Lüge“ (1975 erschienen im Berliner Verlag Volk und Welt). Neben Teilen des georgischen Nationalepos „Der Recke im Pantherfell“ übertrug Erb auch das klassische Versepos „Wis und Ramin“ (Leipzig, Reclam, 1991). Sie bewahrte ihre übersetzerischen und freundschaftlichen Verbindungen zu Georgien – auch zur jüngeren Generation georgisch-deutscher Übersetzerinnen und Übersetzer, die sie fachlich beriet – bis an ihr Lebensende.
Während Adolf Endler an seinem Georgien-Buch arbeitete und Elke Erb ihre Übersetzungsprojekte fortsetzte, fand Georgien zugleich seinen Weg in die Oberlausitz. Seit Beginn der 1970er-Jahre lebten beide zeitweise in der alten Mühle im sorbischen Wuischke. Gemeinsam mit Kito Lorenc, Heinz Czechowski und zahlreichen Gästen entwickelte sich der Ort zu einem außergewöhnlichen Treffpunkt von Schriftstellern der „Sächsischen Dichterschule“, aber auch von Künstlern und Fotografen. Auf diese Dimension und Verzweigung nach Wuischke hatte mich Andreas Schönfelder von der Umweltbibliothek Großhennersdorf aufmerksam gemacht, mit dem ich gemeinsam die Spurensuche zur Geschichte der georgisch-deutschen literarischen Beziehungen begonnen habe.
Gespräche und Reisen
Georgien war dort nicht mehr nur Gegenstand literarischer Übersetzungen, sondern wurde zum Gesprächsthema, zur gemeinsamen Erinnerung, zu einer geteilten Reiseerfahrung oder zum Traum künftiger Reisen. Dies traf den Nerv der Zeit: Reisen in den Kaukasus waren in den 1970er-Jahren möglich und erfreuten sich wachsender Beliebtheit, nicht zuletzt durch sogenannte Transitvisa oder private Einladungen. Wo Hochgebirge und Meeresküste auf engstem Raum zusammentrafen, stillte Georgien für viele die Sehnsucht nach den aufgrund der Reisebeschränkungen unerreichbaren Alpen oder den mediterranen Küsten Südeuropas.
Die Wirkung des entstandenen Geflechts blieb nicht auf die Literatur beschränkt. Wuischke wurde auch für mehrere Künstlerinnen, Künstler und Fotografen zu einem Ort der ersten imaginären Begegnung mit Georgien.
Zu ihnen gehörte der Fotograf Christian Borchert. Als regelmäßiger Gast in Wuischke lebte er nach der Trennung von Adolf Endler und Elke Erb im Jahr 1976 fast drei Jahre mit Elke Erb zusammen. Durch sie reiste auch er nach Georgien, lernte ihre georgischen Freundeskreise kennen und begegnete Schriftstellern, Germanistinnen und Künstlern, mit denen sie seit Jahren eng verbunden war. Seine Fotografien dokumentieren nicht nur diese Begegnungen und Beziehungen, sondern bewahren zugleich eindrucksvolle Bilder des Alltags im Tbilissi der frühen 1980er Jahre. Viele der von ihm festgehaltenen Orte haben sich inzwischen grundlegend verändert oder existieren nicht mehr. Seine Aufnahmen sind daher nicht nur künstlerisch bedeutsam, sondern zugleich wertvolle kulturhistorische Dokumente.
Ähnlich verhielt es sich mit Helga Paris, der dritten lächelnden Frau auf dem Foto. Auch sie entdeckte Georgien durch Elke Erb und begleitete sie 1982 auf ihrer Reise. Ihre Fotografien sind heute weit mehr als persönliche Erinnerungen. Sie dokumentieren Begegnungen zwischen deutschen und georgischen Intellektuellen, zeigen unter anderem den in Deutschland geborenen und später nach Georgien verschleppten Schriftsteller Giwi Margwelaschwili, georgische Germanistinnen und Germanisten sowie zahlreiche Momentaufnahmen des kulturellen Lebens jener Jahre. Gleichzeitig wirken sie bis in die Gegenwart nach. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür lieferte 2025 der Dresdner Fotograf Jan Oelker, der eine von Helga Paris in Tbilissi porträtierte Germanistin mehr als vierzig Jahre später erneut aufsuchte und sie aus derselben Perspektive fotografierte. Selten wird so anschaulich sichtbar, wie Fotografien selbst Teil einer fortdauernden Kulturgeschichte werden.
Nachdem wir den Georgienbezügen der drei Frauen und der beiden Fotografen gefolgt sind, fehlt nur noch der Mann hinter der Kamera. Ekkehard Maaß nahm das Foto auf, das den Ausgangspunkt dieser Erzählung bildet, und bewahrte es über Jahrzehnte in seinem privaten Archiv auf. Obwohl er mit Elke Erb bereits seit Ende der 1970er Jahre eng befreundet war, führte ihn nicht sie selbst, sondern eine zufällige Begegnung 1981 zum ersten Mal nach Georgien. Seither kehrte er fast jedes Jahr dorthin zurück (Buchempfehlung: Ekkehard Maaß, Fluchtzeiten, Lukas Verlag, 2022).
In seinem Privatarchiv sind zum Thema Georgien zahlreiche wertvolle Dokumente und Fotos aufbewahrt. Entdeckt habe ich das Foto bei der Sichtung und Erschließung des Privatarchivs von Ekkehard Maaß im Rahmen meines MemoryWork-Stipendiums der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Neben hunderten Fotografien umfasst es Briefe, Gästebücher und Tagebücher, die eine außergewöhnlich dichte Rekonstruktion der deutsch-georgischen Kulturbeziehungen erlauben.
In diesen Chroniken kann man nachvollziehen, wie und durch wen das Thema Georgien Schritt für Schritt in die Kulturkreise der DDR der 1980er Jahre rückte. Auch hier tauchen immer wieder dieselben Namen auf – wie etwa in einer Tagebuchnotiz vom 11. September 1981: „Elke zeigt Dias, Bilder des georgischen Malers Temo Dzhaparidze. Dort u. a. Peter Brasch, Scheibs, Martin Hoffmann.“ Oder am 20. Dezember desselben Jahres: „Lesung Irina Kaschina-Rahn. Elke Erb zeigt Dias des georgischen Malers Temo Dshaparidze.“
Diese Notizen bestärken mich in der Annahme, dass Elke Erb weit über ihre unmittelbaren beruflichen Übersetzungsaufträge hinaus als Kulturvermittlerin wirkte. Temo Dschaparidze stand den georgischen Germanistenkreisen nahe und so führten gerade diese Kontakte dazu, dass man ihn in diesen Zirkeln als hervorragenden Maler entdecken konnte. Seine Bilder hängen auch heute noch im Literarischen Salon von Ekkehard Maaß.
Geistige Brücken im Schatten der offiziellen Kulturpolitik
Die Geschichte hinter dem Foto zeigt, dass sich Kulturtransfer keineswegs nur über offizielle Tagungen, staatlich initiierte Publikationsprojekte oder den Buchdruck vollzog. Oft entstand er nachhaltiger in persönlichen Begegnungen – an Berliner Treffpunkten, in Sommerhäusern der Oberlausitz oder Ostgeorgiens, bei einem Glas Wein, während gemeinsamer Lesungen oder in den Küchen Berliner und Tbilisser Wohnungen.
Dort entstanden jene geistigen Brücken, die sich manchmal im Schatten offizieller Kulturpolitik entwickelten, diese jedoch häufig überdauerten. Ebenso verkürzt wäre es allerdings, beide Ebenen gegeneinander auszuspielen. Viele dieser Verbindungen wären ohne die staatlich geschaffenen Begegnungsräume, Reiseprogramme und Publikationsmöglichkeiten vermutlich nie entstanden. Gerade das Zusammenspiel institutioneller Kulturpolitik und persönlicher Initiative ermöglichte Beziehungen, deren Wirkung weit über das Ende der DDR hinausreichte.
Das Foto der drei interessanten Frauen in einer Berliner Kneipe erzählt weit mehr als die Geschichte einer zufälligen Begegnung. Es verweist auf eine über Jahrzehnte gewachsene literarische und künstlerische Zusammenarbeit und auf gemeinsame Erinnerungen zwischen Georgien und Deutschland.
Die Geschichte der Kulturbeziehungen zwischen den beiden Ländern beginnt nicht erst mit dem Anthologieprojekt von 1968. Auch diesem gingen zahlreiche persönliche, literarische und institutionelle Vorgeschichten voraus. Einige dieser Verbindungen wurden hier sichtbar. Viele weitere warten noch darauf, erzählt zu werden.
Ana Margvelashvili, Berlin und Tbilissi / Tiflis
(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im September 2026, Internetzugriffe zuletzt am 26. September 2026. Titelbild: Privatarchiv Ekkehard Maaß.)
