Geschichtsrevisionismus via TikTok

Wie die extreme Rechte in jugendliche Lebenswelten eindringt

„Um gesamtgesellschaftlichen Radikalisierungsprozessen begegnen zu können, müssen wir verstehen, wie der Konsum von Inhalten auf TikTok zur Bildung und Festigung radikaler Meinungen beiträgt.“ (Deborah Schnabel und Eva Berendsen, „Das TikTok-Universum der (extremen) Rechten – Trends, Strategien und Ästhetik in der Social-Media-Kommunikation“, Frankfurt am Main, Bildungsstätte Anne Frank, 2024)

Die zitierte Dokumentation der Bildungsstätte Anne Frank ist eine der umfassendsten Übersichten über das Phänomen rechtsextremer Propaganda über die Plattform TikTok und darf daher als eine zentrale Grundlage dieses Beitrags gelten. Wir können davon ausgehen, dass digitale Plattformen sich zu zentralen Orten politischer Meinungsbildung entwickelt haben und zunehmend den gesellschaftlichen Umgang mit demokratischer Verantwortung und Erinnerung prägen. Dabei gibt es eine Fülle von Parallelen und Verknüpfungen zur AfD. Zahlreiche Hinweise geben auch Veröffentlichungen der Bundeszentrale für politische Bildung und des NS-Dokumentationszentrums Köln, die hier beispielhaft für viele andere ausgewertet werden konnten.

Die 2025 veröffentlichte Bielefelder Mitte-Studie beschreibt eine zunehmende gesellschaftliche Polarisierung und Normalisierung rechtsextremer Positionen, obwohl die Zahlen für Menschen mit einem gefestigten rechtsextremen Welt- und Menschenbild im Vergleich zu den Jahren 2022 und 2023 gesunken sind. Rechtsextrem affine Aussagen jedoch gewinnen an Zustimmung. Auch junge Menschen verorten sich häufiger an den politischen Rändern, rechtsextreme Einstellungen und deren öffentliche Artikulation gewinnen an Sichtbarkeit und der AfD gelingt es zunehmend, junge Wähler:innen zu erreichen. Andererseits positionieren sich auch viele junge Wähler:innen auf der Seite der Linken. Doch die Attraktivität der Linken ist nicht Gegenstand dieses Beitrags. Hier geht es um die geschichtsrevisionistischen Thesen, mit denen die AfD über die ihr zur Verfügung stehenden Kanäle, nicht zuletzt TikTok, versucht, Jugendliche zu beeinflussen.

Bei der Bundestagswahl 2021 lag die AfD unter den 18- bis 24- jährigen Wähler:innen bei rund 7%. 2025 erreichte sie in dieser Altersgruppe 21% der Stimmen; ihre Zustimmung unter jungen Erwachsenen hat sich innerhalb von vier Jahren nahezu verdreifacht.

Demokratische Erinnerungskultur unter Druck

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In diesem Rahmen gerät auch die demokratische Erinnerungskultur verstärkt unter Druck – so Eva Maria Krane in ihrem Beitrag „Bildungsarbeit zur extremen Rechten als gedenkstättenpädagogisches Handlungsfeld“ in dem Sammelband „Positionierte Orte“ (Köln, NS-Dokumentationszentrum, 2025). Fachkräfte aus Gedenkstätten und erinnerungspolitischen Einrichtungen berichten seit einigen Jahren von einer Zunahme offener Bezüge zum Nationalsozialismus, geschichtsrevisionistischer Äußerungen sowie gezielter Provokationen gegenüber der historischen Bildungsarbeit.

Vor diesem Hintergrund kommt digitalen Plattformen eine besondere Bedeutung zu: TikTok ist eine der wichtigsten Informations- und Unterhaltungsplattformen für junge Menschen. Nach Schätzungen sind rund 80 % der weltweiten TikTok-Nutzerinnen zwischen 16 und 34 Jahre alt. Dadurch erreicht die Plattform viele junge Menschen in einer Lebensphase, in der sich politische Einstellungen und gesellschaftliche Orientierungen entwickeln und ausprägen. Gleichzeitig hat sich die Plattform zu einem bedeutenden politischen, jedoch weitgehend unregulierten Diskursraum entwickelt, der sowohl marginalisierten Gruppen Sichtbarkeit verschafft als auch von rechtsextremem Akteur:innen gezielt zur Verbreitung menschenfeindlicher und demokratiefeindlicher Inhalte genutzt wird. Die hohe Reichweite rechtspopulistischer Accounts, insbesondere von AfD-Politiker:innen, lässt ahnen, welche Bedeutung die Plattform für die politische Meinungsbildung junger Menschen hat.

Auch die Interaktionen mit parteipolitischen TikTok-Accounts während des Bundeswahlkampfes 2025, die das Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenarbeit analysiert hat, verdeutlichen die hohe Sichtbarkeit rechter Inhalte auf der Plattform. Gemessen an Aufrufen, Likes, Kommentaren und Reposts erzielte die AfD in allen Kategorien Höchstwerte und übertraf die übrigen Parteien teilweise deutlich. Diese Interaktionszahlen sind jedoch mit Vorsicht zu interpretieren. Da die Werte verschiedener Einzelvideos zusammengefasst werden, können besonders erfolgreiche Beiträge den Gesamteindruck stark beeinflussen.

Es besteht kein linearer Zusammenhang zwischen TikTok-Nutzung und dem Wahlerfolg der AfD oder dem Anklang rechter Ideologien. Vielmehr handelt es sich hierbei um eine Gemengelage aus verschiedenen Faktoren. Unzureichende (historisch-) politische Wissensbestände treffen auf die Aufmerksamkeitsökonomie sozialer Medien sowie die Verunsicherung junger Menschen im Kontext der sogenannten Polykrise. Kriege, wirtschaftliche Unsicherheit, steigende Lebenskosten, Wohnraummangel und gesellschaftliche Polarisierung prägen die Lebenswirklichkeit und Sorgen vieler junger Menschen und beeinflussen ihre politische Orientierung, so Deborah Schnabel im Vorwort der oben genannten Publikation.

Der Anstieg der Zustimmung zur AfD unter jungen Menschen ist somit nicht allein durch soziale Medien erklärbar, verweist jedoch auf die zunehmende Relevanz digitaler Plattformen wie TikTok als Orte politischer Meinungsbildung. Das unterstreicht, warum die Verbreitung rechtsextremer und geschichtsrevisionistischer Inhalte auf der Plattform zunehmend in die Aufmerksamkeit wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Aufmerksamkeit rückt.

TikTok – die idealen Bedingungen für populistische Inhalte

Ursprünglich fanden sich auf TikTok vor allem Tanzvideos und Lipsyncs – also Videos, in denen Nutzer:innen zu trendenden Songs oder Sounds die Lippen bewegen. Heute ist die App ein Massenmedium der Generation Z und dient als Suchmaschine, Informationsquelle und Unterhaltungsplattform. Offiziell ist sie ab 13 Jahren nutzbar, beim Registrieren erfolgt jedoch keine Altersprüfung. Jede:r Nutzer:in kann eigene Inhalte erstellen, hochladen und selbst Creator:in werden.

TikTok ist eine Kurzvideoplattform; die durchschnittliche Videolänge liegt bei etwa 30 Sekunden. Nutzer:innen verbringen im Schnitt täglich 95 Minuten auf der App; jüngere Menschen tendenziell mehr. Welche Inhalte ihnen in dieser Zeit begegnen, ist stark vom Algorithmus abhängig – stärker noch als beispielsweise bei Instagram. TikTok analysiert kontinuierlich das Nutzverhalten (Likes, Kommentare, Verweildauer) und spielt darauf basierend neue Inhalte aus. Es entsteht eine individuelle For You Page, die sich umgehend nach Öffnen der App öffnet, den gesamten Bildschirm ausfüllt und Videos im Loop abspielt. Das nächste Video startet, wenn man nach unten swipet. So entsteht ein endloser, auf die eigenen Interessen zugeschnittener Videofluss.

Viele Creator:innen versuchen daher – so Deborah Schnabel – gezielt, „zu aktuellen Trends möglichst viele, schnelle und kurze Videos zu produzieren, um die Chance zu verbessern, im algorithmisch ausgespielten Videostrom (…) aufzutauchen“. Inhalte werden möglichst prägnant, emotionalisierend und in einfache Botschaften verpackt, komplexe politische Themen werden in kürzester Zeit erklärt und somit zwangsläufig verkürzt dargestellt. Die Struktur TikToks bietet also die ideale Fläche, politische Inhalte auf rechtspopulistische Art zu platzieren. Gleichzeitig wächst bei Nutzer:innen auch das Gefühl, sich möglichst schnell zu politischen und gesellschaftlichen Themen positionieren zu müssen. Sie können zügig in eine politisch einseitige Radikalisierungsspirale geraten – bestehend aus antidemokratischen, menschenfeindlichen Inhalten.

Der Erfolg der rechtspopulistischen AfD ist zum einen auf diese Plattformlogik zurückzuführen. Parteien mit stärker differenzierten Inhalten haben es schwieriger, Reichweite zu erzielen. Zum anderen spielt ihre – in Vergleich mit anderen Parteien – strategisch frühe Nutzung der Plattform eine Rolle: dieser bedeutende Teil jugendlicher Lebenswelten wurde ihr lange Zeit überlassen. Hinzu kommt die Polykrise: belastende gesellschaftliche Themen prallen im Sekundentakt auf Nutzer:innen ein, während Raum für Verarbeitung und, aufgrund des jungen Alters, das nötige Hintergrundwissen zur kritischen Einordnung fehlen. Rechtsextreme Creator:innen nutzen diese Unsicherheiten gezielt aus und schaffen Feindbilder, denen sie die Ursachen verschiedener Krisen pauschal zuschreiben und deren Ausgrenzung als vermeintliche Lösung präsentiert wird.

Insgesamt bieten die Rahmenbedingungen von TikTok den idealen Raum dafür, das umzusetzen, was Populismus ausmacht: verkürzen, pauschalisieren und emotionalisieren. Politische Themen differenziert darzustellen, mehrere Perspektiven auf einen Sachverhalt aufzuzeigen und gesellschaftliche Kontroversen abzubilden, kollidiert mit der Plattformlogik des schnellen, endlosen und zielgerichteten Videoflusses.

Extrem rechte Narrative auf TikTok

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Deborah Schnabel und Eva Berendsen identifizieren eine Vielzahl rechter Narrative auf TikTok:

  • Rechtsextreme Symbole und Botschaften: sowohl offen (zum Beispiel Reichsflaggen oder Sounds aus dem Rechtsrock) als auch subtiler in Form von Emoji-Codes (zum Beispiel der winkende Mann als Anspielung auf den Hitlergruß),
  • nationalistische, ethnopluralistische und völkische Ideologien,
  • Rassismus und Forderungen nach „Remigration“ als vermeintliche Lösung gesellschaftlicher Probleme (der Begriff steht hier in Anführungsstrichen, da er – so Jochen Oltmer zum Thema für die Bundeszentrale für politischer Bildung – inzwischen von rechtspopulistischen und rechtsextremen Akteur:innen als „Euphemismus (…) für die Forderung nach massenhaften Ausweisungen von Menschen mit Migrationshintergrund“ (Oltmer, 2017/2024) verwendet wird),
  • geschlechterspezifische Narrative mit Bezug auf stereotype und aggressive Männlichkeitsbilder,
  • die Abwertung von FLINTA* und queeren Personen,
  • die normierende Umdeutung rechter Politik sowie
  • antisemitische und verschwörerische Inhalte.

Diese Liste ließe sich um den Begriff des Geschichtsrevisionismus erweitern, der nicht immer als alleinstehendes Phänomen auftritt, sondern als Querschnittsnarrativ verstanden werden kann.

Geschichtsrevisionismus der extremen Rechten

Geschichtsrevisionismus bezeichnet die Umdeutung historischer Ereignisse für persönliche oder politische Zwecke sowie deren Relativierung in Vergleich zu anderen Ereignissen. Es existieren verschiedene Ansätze zur Kategorisierung geschichtsrevisionistischer Narrative. Wir beziehen uns im Folgenden auf mehrere Beiträge aus der vom NS-Dokumentationszentrum in Köln von Hans-Peter Killguss und Martin Langebach herausgegebenen Publikation „Opa war in Ordnung!“ – Erinnerungspolitik der extremen Rechten“, indem wir die dort genannten sechs Formen von Geschichtsrevisionismus im Kontext der nationalsozialistischen Vergangenheit erfassen, die durchaus auch Schnittflächen haben und daher ineinandergreifen und sich gegenseitig verstärken können.

Viktimisierung: Viktimisierung meint Narrative, in denen die Deutschen als die eigentlichen Leidtragenden des Zweiten Weltkrieges und des Nationalsozialismus dargestellt werden. Ein Beispiel ist dieses Zitat des AfD-Politikers Alexander Gauland aus einem Interview mit der ZEIT aus dem Jahr 2016: „Ja. Hitler hat sehr viel mehr zerstört als die Städte und die Menschen, er hat den Deutschen das Rückgrat gebrochen weitgehend“. Gauland konstruiert die Deutschen als Opfer der NS-Herrschaft, indem der Fokus auf dem Schaden liegt, der ihnen selbst zugefügt worden sei. Eine solche Perspektive ist viktimisierend, da nur einzelne Akteure des Nationalsozialismus als Hauptverantwortliche erscheinen, während die deutsche Gesellschaft als Opfer ihrer Herrschaft dargestellt wird. So entsteht der Eindruck, der Nationalsozialismus sei den Deutschen aufgezwungen worden und sie hätten kaum Handlungsspielräume gehabt – dazu Michael Sturm in seinem Beitrag „‚Dieses Gedenkstättenzeug‘ – Die AfD und ihr Umgang mit der NS-Vergangenheit“ in dem Sammelband „Positionierte Orte“. Die Verantwortung weiter Teile der deutschen Gesellschaft für die NS-Verbrechen sowie das Leid der eigentlichen Opfer- und Verfolgten-Gruppen werden vollkommen ausgeblendet.

Heroisierung: Heroisierende Narrative charakterisieren sich dadurch, dass die Deutschen, insbesondere deutsche Soldaten, als Helden dargestellt werden. So postete der bayerische AfD-Landtagsabgeordnete Benjamin Nolte am Volkstrauertag im Jahr 2024 auf Facebook: „In einer Zeit, in der unsere Geschichte oft verzerrt dargestellt wird, ist es umso wichtiger, an die Leistungen und Entbehrungen unserer Vorfahren zu erinnern.“ Damit schließt er durchaus auch an die Umbenennung des Volkstrauertags in einen „Heldengedenktag“ durch die Nationalsozialisten an. Nolte hebt die „Leistungen“ und „Entbehrungen“ der Vorfahren hervor und betont damit Eigenschaften wie Opferbereitschaft, Pflichterfüllung und Durchhaltevermögen. Gleichzeitig wird durch die Aussage, die deutsche Geschichte werde „oft verzerrt dargestellt“, der Eindruck vermittelt, die Erinnerungskultur zeichne ein unverhältnismäßig negatives Bild der deutschen Geschichte, indem sie die Zeit des Nationalsozialismus zu stark in den Vordergrund stelle. Die Verantwortung deutscher Soldaten und weiterer Teile der deutschen Gesellschaft für die NS-Verbrechen sowie das Leid der Opfer treten dabei in den Hintergrund, während die Vorfahren pauschal als ehrenhaft und leidensfähig dargestellt werden.

Verharmlosung: Verharmlosende Narrative bagatellisieren die Verbrechen des Nationalsozialismus oder schwächen sie ab. Ein Beispiel hierfür ist die Aussage des AfD-Bundestagsabgeordneten Stephan Protschka aus dem Jahr 2023, der auf einer Kundgebung erklärte, man lasse sich heute vorschreiben, was man zu tun habe, „weil vor 80 Jahren ein Österreicher was angestellt habe“ (zitiert von Michael Sturm in der Dokumentation „Positionierte Orte“). Die umgangssprachliche Formulierung „was angestellt“ verharmlost die nationalsozialistischen Verbrechen, indem sie den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg sprachlich mit einem alltäglichen Fehlverhalten gleichsetzt. Die systematische Ermordung von Millionen Menschen sowie die Dimension der nationalsozialistischen Gewalt werden dadurch sprachlich abgeschwächt. Zugleich reduziert die Bezeichnung Hitlers als „Österreicher“ die Verantwortung auf eine einzelne Person. Die Mitwirkung weiter Teile der deutschen Gesellschaft und staatlicher Institutionen an den nationalsozialistischen Verbrechen bleibt dadurch ausgeblendet.

Beschönigung: Beschönigende Narrative zeichnen sich dadurch aus, dass sie den Fokus auf vermeintlich positive Seiten des Nationalsozialismus lenken, teilweise auch durch Auslassungen und Teilwahrheiten. Ein Beispiel dafür ist die Erzählung, ohne Hitler gäbe es keine Autobahnen. Abgesehen davon, dass dieses Narrativ ohnehin eine einzelne infrastrukturelle Entwicklung hervorhebt und Verbrechen des NS-Regimes ausblendet, bleibt zudem unberücksichtigt, dass die ersten Autobahnen bereits während der Weimarer Republik fertiggestellt wurden.

Rechtfertigung: Rechtfertigende Narrative stellen nationalsozialistische Verbrechen als nachvollziehbar, legitim, kriegsnotwendig oder sogar wünschenswert dar. Dies zeigt sich beispielhaft in einem privaten Facebook-Chat von Marcel Grauf (ein ehemaliger Mitarbeiter zweier AfD Landtagsabgeordneter in Baden-Württemberg): „Immerhin haben wir jetzt so viele Ausländer im Land, dass sich ein Holocaust mal wieder lohnen würde.“ (zitiert nach Bianca Hoffmann und Alice Echtermann 2020 bei Correctiv, bestätigt durch ein Urteil des Oberlandesgerichts Karlsruhe). Die Äußerung stellt den Holocaust nicht als beispielloses Menschheitsverbrechen dar, sondern präsentiert ihn als vermeintlich politisches Mittel, dessen „Nutzen” abhängig von den gegebenen Umständen sei. Dadurch wird nationalsozialistische Gewalt implizit gerechtfertigt und das Leid der Opfer vollständig ausgeblendet.

Entkriminalisierung: Entkriminalisierende Narrative versuchen, die extreme Rechte dadurch von den Verbrechen des Nationalsozialismus zu entlasten, indem dieser als vermeintlich linke Ideologie dargestellt wird. Ein Beispiel hierfür ist die Behauptung von Alice Weidel, 2025, in einem Livestream-Talk auf der Plattform X mit Elon Musk: „Adolf Hitler war ein Linker“ (Ntv Nachrichten, 2025, Min. 01:45). Mit dieser historisch falschen Aussage wird die ideologische Einordnung des Nationalsozialismus verfälscht, indem die Verantwortung für die NS-Verbrechen von der extremen Rechten auf das politisch linke Spektrum verschoben wird.

Geschichtsrevisionismus als Kampffeld

Es wird deutlich: Die Darstellung von Geschichte lässt sich mithilfe von Sprache formen. Daher „bleibt der Umgang mit Geschichte (für die extreme Rechte, IT / CH) ein bedeutsames politisches Kampffeld“ (so C. Kopke und K. Wilke in „Heldengeschichten als Gegenerzählungen – Extrem rechte Narrative und Inszenierungen zum Zweiten Weltkrieg“ (in dem Sammelband „Opa war in Ordnung!“ – Erinnerungspolitik der extremen Rechten“, Köln: NS-Dokumentationszentrum, 2016).

Wer geschichtsrevisionistische Narrative bedient und damit nationalsozialistische Verbrechen relativiert, kann eigene gegenwärtige rechtsextreme Haltungen und Ideologien legitim erscheinen lassen und von der historischen Verbindung zum Nationalsozialismus entkoppeln und entlasten, wie Berit Kö und Jakob Schergaut für die Bundeszentrale für politische Bildung belegen.

Bereits unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stieß die gesellschaftliche und juristische Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen auf erheblichen Widerstand aus dem rechten Spektrum. Fabian Virchow und Joachim Schröder haben dies in einem in dem vom NS-Dokumentationszentrum Köln herausgegebenen Band „Positionierte Orte“ in einem Interview zur „Schnittstelle von Rechtsextremismusforschung und Erinnerungsarbeit“ im Detail ausgeführt. Daneben sind auch geschichtsrevisionistische Verschwörungserzählungen innerhalb der extremen Rechten spätestens seit den 1950er Jahren verbreitet, insbesondere in antisemitischer Form, etwa durch die fälschliche Zuschreibung der Verantwortung für die Shoah an jüdische Menschen oder die Verfälschung von Opferzahlen – der Code „271k“ wird in letzter Zeit in diesem Kontext zur entsprechenden Verfälschung verwendet.

Screenshot: Collage aus Kommentaren unter Beiträgen der Tagesschau auf TikTok und Instagram im März 2026 (Abruf durch die Autorinnen: 29. Juni 2026).

Heute ist vermehrt ein unverhüllter positiver Bezug zum Nationalsozialismus und seinen Verbrechen zu beobachten – und das nicht mehr nur innerhalb neonazistischer Milieus, die sich unter anderem durch diese positive Bezugnahme charakterisieren. Auf Social Media wird das etwa in der Kommentarspalte unter einem Beitrag der Tagesschau mit der Aufschrift „Waren die (Ur-)Großeltern Nazis?“ sichtbar, der über die Einsicht in NSDAP-Mitgliedkarteien informiert. Ein Blick in die Kommentarspalten auf TikTok und Instagram zeigt, wie verschiedene Formen von Geschichtsrevisionismus nebeneinanderstehen.

So finden sich mit „Ich war enttäuscht. Mein Opa war nicht mit dabei“, „Mit Stolz“ oder „Das waren Helden“ etwa heroisierende Aussagen. Kommentare wie die Frage „was daran ist jetzt schlimm“ verharmlosen NS-Verbrechen. Wiederum andere Kommentare bedienen sich viktimisierender Narrative und verschieben die Opferperspektive auf die deutschen Soldaten: „viele hatten keine Wahl“, „Seine Jugend gibt ihm niemand zurück“. Kommentare wie „(ist) mir scheißegal steckt euch euren schuldkult (sic!) ganz tief da rein, wo keine Sonne scheint“ signalisieren eine klare Ablehnung von Erinnerungskultur, die als unnötig und lästig empfunden wird. Dabei wird auf den verschwörerischen Begriff „Schuldkult“ zurückgegriffen, der die Erinnerung an NS-Verbrechen als übersteigert und unterdrückend bewertet und dadurch relativiert. Hinzu kommen antisemitische Äußerungen und Forderungen nach „Remigration“; die Verwendung des Euphemismus kann im Kontext von NS-Geschichte als positive Bezugnahme auf Vertreibung und Deportation interpretiert werden.

Erinnerungskultur der AfD

Die zuvor zitierten Aussagen verschiedener AfD-Funktionär:innen verdeutlichen, dass geschichtsrevisionistische Positionen innerhalb der Partei keine Einzelfälle darstellen, sondern sich als wiederkehrendes Muster erkennen lassen. Geschichtsrevisionismus darf dabei nicht lediglich als eine alternative Deutung historischer Ereignisse verstanden werden, sondern „richtet sich damit systematisch gegen die etablierte Erinnerungskultur“.

Die AfD knüpft inhaltlich an die erinnerungspolitischen Abwehrhaltungen der extremen Rechten an und verfolgt eine strategische Umdeutung der heutigen Erinnerungskultur. Im Zentrum steht die Forderung, die Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen zugunsten einer positiven nationalen Geschichtserzählung zurückzudrängen. Im Bundestagswahlprogramm 2025 formuliert die Partei: „Die offizielle Erinnerungskultur darf sich nicht nur auf die Tiefpunkte unserer Geschichte konzentrieren, sie muss auch die Höhepunkte im Blick haben. Ein Volk ohne Nationalbewusstsein kann auf Dauer nicht bestehen“.

Damit wird der Nationalsozialismus implizit als ein „Tiefpunkt unter vielen“ eingeordnet und damit in seiner Singularität als beispielloses Menschheitsverbrechen relativiert. Die Forderung nach einer stärkeren Betrachtung nationaler „Höhepunkte“ dient einer positiven Neurahmung deutscher Geschichte, bei der die kritische Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen an Bedeutung verlieren würde. Die AfD fordert somit keinen vollständigen Bruch mit der Erinnerungskultur, sondern eine grundlegende Verschiebung ihrer Schwerpunkte. Alexander Gauland sagte am 2. Juni 2018: „Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“. Im Kapitel Schulbildung des Wahlprogramms 2026 der AfD in Sachsen-Anhalt wird die Partei deutlicher: Sie fordert, die Erinnerungskultur auf die Jahre 1813 und 1871 zu konzentrieren, sodass die Frage erlaubt sein muss, ob dies eine neuerliche Konfrontation mit Frankreich bedeutet, wie es sie eigentlich seit 1963 durch De Gaulle und Adenauer nicht mehr geben dürfte.

Auch im politischen Handeln der Partei zeigt sich diese erinnerungspolitische Strategie: Durch parlamentarische Anfragen und Anträge versucht die AfD wiederholt, die Arbeit von Gedenkstätten und erinnerungspolitischen Institutionen zu diskreditieren, zu erschweren, insbesondere durch Mittelstreichungen. Gleichzeitig fordern AfD-Vertreter:innen die Teilnahme an Gedenkveranstaltungen oder nutzen diese gezielt, um ihre politischen Positionen zu platzieren. Die Erinnerungskultur ist gezielten politischen Angriffen der AfD ausgesetzt, auch hierzu ausführlich Fabian Virchow und Joachim Schröder in der schon zitierten Publikation „Positionierte Orte“.

Geschichtsrevisionistische Erscheinungsformen auf TikTok

Auf TikTok ist zu beobachten, dass geschichtsrevisionistische Narrative in unterschiedlichen Beitragsformen eingebettet sind. Auch wenn die Motive der Creator:innen aus den folgenden Beispielen nicht immer eindeutig geschichtsrevisionistisch eingeordnet werden können, verbreiten sie dennoch geschichtsrevisionistische Narrative und anschlussfähige Deutungsmuster. Deborah Schnabel und Eva Berendsen führen in ihrer oben genannten Publikation verschiedene Beitragsformen auf. In diesen lassen sich geschichtsrevisionistische Deutungsmuster finden. Wir können hier wiederum auf die Dokumentation von Eva Berendsen und Deborah Schnabel zurückgreifen.

Persönliche, direkte Anspracheform: Bei der persönlichen, direkten Anspracheform stehen einzelne Akteur:innen im Vordergrund, die ihre Zuschauer:innen in einem (vermeintlich) professionellen und authentischen Stil direkt ansprechen. Insbesondere wiederkehrende Personen im gleichen Videostil können das Entstehen parasozialer Beziehungen zwischen Akteur:in und Zuschauer:in fördern. TikToks dieser Art weisen häufig nur eine geringe inhaltliche Tiefe auf, wirken jedoch durch ihre emotionale Darstellung besonders relevant. Die niedrigen Zugangshürden der Plattform ermöglichen es jeder Person, als vermeintliche Expert:innen oder Aufklärer:innen aufzutreten.

Screenshot aus einem TikTok-Video von Maximilian Krah (Abruf durch die Autorinnen am 29. Juni 2026).

Ein Beispiel dafür ist der AfD-Politiker Maximilian Krah, der immer wieder durch rechtsextreme und -populistische Aussagen auffällt. In einem Video erklärt Krah unter anderem: „Unsere Vorfahren waren keine Verbrecher. Wir haben allen Grund, stolz auf unser Land zu sein“ sowie „Deutsche Lieder, deutsche Wertarbeit, deutsche Gedichte, deutsche Gedanken – (…) wunderbarer Klang“. Das Video konstruiert ein ausschließlich positives Bild deutscher Vergangenheit, indem Vorfahren als leidende und leistungsstarke Menschen dargestellt werden, während ihre mögliche Beteiligung an den Verbrechen des Nationalsozialismus vollständig ignoriert wird. Dadurch entsteht eine pauschale Entlastung der deutschen Bevölkerung. Zugleich wird deutsche Kultur ästhetisch überhöht und als Begründung für nationalen Stolz herangezogen. Das TikTok-Video verbindet somit Heroisierung, Viktimisierung und Entkriminalisierung deutscher Vorfahren und trägt durch das selektive Ausblenden zentraler historischer Zusammenhänge zu einer geschichtsrevisionistischen Umdeutung der Vergangenheit bei.

Audiovisuelle Form: Hier geht es vor allem um Selbstinszenierung: Durch das Nutzen von Sounds soll vor allem ein bestimmter Vibe transportiert werden. Oft reicht es, zu entsprechenden Sounds (Rechtsrock-Lieder wie von Landser oder Reden nationalsozialistischer Akteure wie Göbbels) zu lipsyncen oder zu posen. Szenen können sich durch die Unterstützung des Algorithmus bestimmte Sounds aneignen. Ein Beispiel hierfür ist der Song „L’amour toujours“, der nach seiner rassistischen Umdeutung zunehmend in rechten TikToks genutzt wurde. Nicht immer treten User:innen selbst vor die Kamera; auch ästhetisierte Edits und Collagen, beispielsweise stereotypischer rechtsextremer Kleidung, gehören zur audiovisuellen Form. Dieses Phänomen schafft bei Nutzer:innen ein Gefühl von Dazugehörigkeit in einer vermeintlichen „verschworenen Gemeinschaft“, und darf keineswegs unterschätzt werden. Die politischen Botschaften geraten zugunsten der ästhetischen Selbstinszenierung in den Hintergrund, werden jedoch nebenher konsumiert und können extrem identitätsstiftend wirken.

Screenshot aus einem TikTok-Video: Lipsync zu dem Sound „Du bist ein arisches Kind“ (Abruf durch die Autorinnen am 29. Juni 2026).

Das untersuchte Beispiel folgt genau diesem Muster. Die politische Botschaft wird nicht ausgesprochen, sondern über einen Sound transportiert, dessen Liedtext auf völkische und rassistische Vorstellungen eines „arischen Kindes“ Bezug nimmt. Ergänzt wird dies durch den in der Videobeschreibung verwendeten Zahlencode „88“, der in rechtsextremen Kontexten als Chiffre für „Heil Hitler“ verwendet wird. Durch die ästhetische Inszenierung erscheint das Video zunächst als harmloser Trend, während rechtsextreme Inhalte über emotionale und musikalische Codes normalisiert werden. Gerade diese Verbindung aus Emotionalisierung, Ästhetisierung und subtiler Codierung macht die Inhalte besonders anschlussfähig für junge Nutzer:innen.

Memes: Memes kombinieren Bild oder Video mit kurzem Text und manchmal Ton. Sie transportieren Meinungen und Haltungen in kurzer, prägnanter und vermeintlich humorvoller Form und tragen im politischen Kontext zur vereinfachten, polarisierenden Darstellung von Inhalten bei. Sie laden durch Fokus auf den Unterhaltungsfaktor dazu ein, sie ohne weiteren Kontext und kritisches Fragen zu konsumieren. Menschenverachtende Botschaften können beiläufig konsumiert und normalisiert werden. Auch hier werden Sounds wiederkehrend genutzt.

Screenshot aus einem TikTok-Video: Goebbels-Meme (Abruf durch die Autorinnen am 29. Juni 2026).

Ein besonders offensichtliches Beispiel zeigt Joseph Goebbels, einen der zentralen Propagandisten des Nationalsozialismus, in positiv konnotierter Weise, wodurch ein führender Vertreter des NS-Regimes verharmlosend dargestellt wird.

Weniger eindeutig, aber gerade deshalb besonders anschlussfähig, ist ein Meme, in dem auf die Frage „Wie kannst du die AfD wählen?“ Björn Höcke mit der Antwort „Mit einem Kugelschreiber in meiner RECHTEN HAND!“ erscheint. Die Hervorhebung der rechten Hand kann als Anspielung auf den Hitlergruß verstanden werden (dem durch die vermutlich humorvolle Intention des Memes ein verharmlosender Charakter verliehen wird), bleibt jedoch mehrdeutig. Menschen mit (extrem) rechten Einstellungen können diese Botschaft entsprechend verstehen, während Creator:innen bei Kritik auf die wörtliche Bedeutung verweisen können. Dieses Phänomen erinnert an die Kommunikationsstrategie der Plausible Deniability, bei der die beabsichtigte Bedeutung einer Aussage erkennbar ist, der postenden Person aber genügend Interpretationsspielraum bleibt, um Verantwortung zurückzuweisen, im Übrigen eine gängige Strategie in der Kommunikation der AfD.

Memes können sich also in Grauzonen bewegen und ermöglichen es so, Sympathien für den Nationalsozialismus und geschichtsrevisionistische Narrative sowohl offen als auch in codierter Form zu verbreiten und die Problematik dahinter zu relativieren.

Edits: Unter Edits versteht man stark bearbeitete Videos, bei deren Konsum Nutzer:innen vielen Reizen auf einmal ausgesetzt sind. Sie zeichnen sich aus durch heftige, auf den Beat des Sounds passende Schnitte und populäre Filter. Genau wie Sounds können sich auch Filter von Szenen angeeignet werden.

Das Beispiel greift inhaltlich dieselben Narrative wie das TikTok-Video von Maximilian Krah auf, präsentiert sie jedoch durch die Musik, schnelle Bildwechsel und Effekte in einer deutlich emotionaleren und ästhetischeren Form. Durch die vielen Reize tritt die politische Aussage in den Hintergrund, während die emotionale Wirkung und Identifikation mit den vermittelten Botschaften verstärkt werden.

Core-Ästhetiken: Bei den sogenannten Core-Ästhetiken handelt es sich um identitätsstiftende und zunächst harmlos wirkende Bilder und Videos. Hier werden rechtsextreme Inhalte, wie beispielsweise Runen, SS-Lieder oder die Ablehnung von Queerness, in vermeintlich ästhetische Lebensentwürfe eingebettet, die sich an heteronormativen, stereotypen Bildern von Familie und Frau orientieren.

Zu sehen sind beispielsweise romantisierte Bilder junger Frauen in traditionellen Kleidern, begleitet von einem Trend-Sound. Der eingeblendete Begriff „Mädelbund Core“ erzeugt Assoziationen zu Gemeinschaft, Tradition und Zusammenhalt und erinnert zugleich an den von den Nationalsozialisten für alle jungen Mädchen verpflichtend gemachten „Bund Deutscher Mädels“. Auf diese Weise werden traditionelle Geschlechterrollen und vermeintlich „ursprüngliche“ Lebensformen positiv aufgeladen und, wenn auch zunächst versteckt, mit ideologischen Bezügen zum Nationalsozialismus verknüpft. Das Profilbild des Accounts zeigt außerdem das Logo der Jungen Nationalisten – der Jugendorganisation der rechtsextremen Partei „Die Heimat”, ehemals NPD.

Screenshot aus einem TikTok-Video über Sport und Gemeinschaft mit rechtsextremen Symbolen, unter anderem der Zahl 88, Chiffre für HH = Heil Hitler, (Abruf durch die Autorinnen am 29. Juni 2026).

Männer als Wanderer und Kampfsportler: Auch hier handelt es sich um identitätsstiftenden Content, der an stereotype und aggressive Männlichkeitsvorstellungen anknüpft. Männer aus dem rechten Spektrum inszenieren sich häufig als körperlich stark, diszipliniert und kampfbereit – häufig zeigen sie sich beim Kampfsport und verstärken diese Atmosphäre durch düstere Sounds. Oft finden sich in diesen Inhalten rechtsextreme Symboliken wie Reichsflaggen oder SS-Totenköpfe, wodurch deren politische Einordnung leichtfällt; User:innen zeigen sich offen rechts und gewaltbereit.

Das Beispiel verbindet Bilder von Kampfsport, körperlicher Stärke, Natur und Gemeinschaft mit rechtsextremen Symbolen wie dem Zahlencode 88 (zweimal der 8. Buchstabe im Alphabet = Heil Hitler). Dadurch werden zentrale Männlichkeitsideale des Nationalsozialismus – Körperkult, Kampfbereitschaft und Kameradschaft – ästhetisiert und aus ihrem historischen Zusammenhang gelöst: rechte Ideologie wird als attraktiver Lifestyle inszeniert. Geschichtsrevisionismus zeigt sich hier in der positiven Übernahme nationalsozialistisch geprägter Lebensentwürfe, während deren historische Verantwortung verdrängt werden.

KI und Deepfakes: Unter Deepfakes versteht man vollständig oder teilweise durch KI erstellte Bild-, Video- und Tonfälschungen, die teilweise schwer als gefälscht identifiziert werden können. Häufig dienen sie dem Konstruieren von Feindbildern.

Screenshot von @zdfheute Instagram-Post über Hitler-Deepfake im WM-Stadion (Abruf durch die Autorinnen am 29. Juni 2026).

Ein Beispiel für das geschichtsrevisionistische Potenzial solcher Inhalte ist ein KI-generiertes Video, das Adolf Hitler als Besucher eines Deutschlandspiels bei der WM 2026 zeigt. Die realitätsnahe Darstellung, die jubelnde Menschenmenge und die positive Inszenierung lassen Hitler als gewöhnliche Person erscheinen: seine historische Bedeutung als Hauptverantwortlicher der NS-Verbrechen spielt keine Rolle.

Das Beispiel stammt nicht von TikTok, verdeutlicht jedoch die Möglichkeiten, geschichtsrevisionistische Inhalte mit KI zu erstellen. Angesichts der zunehmenden Verbreitung von KI-generierten Videos ist davon auszugehen, dass entsprechende Inhalte zukünftig auch auf TikTok verstärkt auftreten.

Es lässt sich festhalten: Geschichtsrevisionistische Elemente, insbesondere verharmlosender Art, werden auf TikTok nicht ausschließlich verbalisiert und sprachlich vermittelt, sondern vermehrt visuell dargestellt und/oder in identitätsstiftende Ästhetiken eingebettet.

„TikTok-Guerilla“

Eva Berendsen und Deborah Schnabel zitieren den ehemaligen Social-Media-Strategen und Kampagnenmanager Erik Ahrens: „90 Minuten in deren Gehirn, wo man reinsenden kann.“ Mit diesen Worten beschreibt er das Potenzial von TikTok. Das Zitat verdeutlicht, wie bewusst Akteur:innen der extremen Rechten TikTok/Social Media als strategischen Raum zur Beeinflussung junger Menschen verstehen und nutzen. Ahrens ist Gründer der rechtsextremen „GegenUni und war Berater von AfD-Politikern wie Maximilian Krah in Fragen der TikTok-Kommunikation. Ahrens zählte zu den zentralen Strategen der digitalen Kommunikation im Umfeld der AfD. In diesem Zusammenhang prägte er den Begriff der „TikTok-Guerilla.

Dahinter steckt eine koordinierte Strategie zur massenhaften Verbreitung politischer Inhalte. Im Zentrum stehen sogenannte Multiplikationsaccounts, die Reden, Videoclips und/oder Beiträge offizieller AfD-Kanäle übernehmen, teilweise mit anderen Sounds, Filtern oder Schnitten versehen und anschließend erneut veröffentlichen. Innerhalb dieses Netzwerks werden die Videos gegenseitig geliked, geteilt, weitergeleitet und wieder neu hochgeladen. Dadurch entsteht ein kontinuierlicher Strom ähnlicher, bis nahezu identischer Videos, der die Sichtbarkeit der Inhalte erheblich steigert.

Diese Strategie bespielt gezielt die Funktion des TikTok Algorithmus, der Inhalte mit hoher Interaktion (Likes, Kommentare, Weiterleitungen) und vielen Aufrufen vermehrt auf der For You Page abspielt; die Inhalte erreichen dadurch über die bestehende Anhängerschaft hinaus ein junges Publikum. Koordiniert wird diese Vorgehensweise teilweise über Messenger-Dienste wie Telegram.

Screenshot aus einem TikTok-Video: mehrdeutiges rechte Hand-Meme (Abruf durch die Autorinnen am 29. Juni 2026).

Die Folge ist eine Vervielfachung rechtsextremistischer und geschichtsrevisionistischer Inhalte auf TikTok, die den digitalen Raum mit AfD-nahen Narrativen überschwemmt. Gleichzeitig wird dadurch eine Moderation der Plattform erschwert. Werden einzelne Videos aufgrund von Hassrede, Desinformationen oder Verstößen gegen Community-Richtlinien gelöscht, bleiben zahlreiche ähnliche bis gleiche Kopien auf anderen Accounts online. Das Netzwerk bleibt dadurch weniger anfällig für Deplatforming, da Inhalte ihre Reichweite auch nach Entfernungen einzelner Accounts beibehalten können.

TikTok als Verstärker geschichtsrevisionistischer Narrative

Zusammengefasst kann festgehalten werden, dass TikTok durch seine Plattformstrukturen einen idealen Raum bietet, populistische und extremistische Inhalte zu verbreiten – sowohl auf Politiker:innen-Ebene als auch innerhalb entsprechender Szenen. Geschichtsrevisionistische Narrative, die häufig auf Verkürzungen und Vereinfachungen beruhen, lassen sich in verschiedenen Beitragsformen und Kommentarspalten einbetten und erreichen so ein breites Publikum.

Dabei werden sie auf der Plattform nicht nur mit sprachlichen Mitteln verbreitet, sondern auch vermehrt ästhetisch inszeniert und als identitätsstiftende Angebote präsentiert. Das kann insbesondere auf junge Nutzer:innen in Phasen der Identitätsfindung und Orientierung eine besondere Wirkung entfalten.

Die Plattform wird dabei sowohl strategisch von Politiker:innen zur Verbreitung entsprechender Inhalte genutzt, als auch aktiv durch Akteur:innen aus entsprechenden Szenen mitgetragen und weiterverbreitet. Auch wenn nicht jeder Beitrag intentional geschichtsrevisionistisch ist, enthalten sie häufig entsprechend anschlussfähige Inhalte.

Diese Vielfalt an anschlussfähigen geschichtsrevisionistischen Deutungsformen ist, vor allem im Kontext der Normalisierung rechtsextremer, menschenfeindlicher Einstellungen eine höchst gefährliche Entwicklung. Es entsteht eine Wechselwirkung, durch die sich antidemokratische gesellschaftliche Entwicklungen und die Logik sozialer Medien, in diesem Fall TikTok, gegenseitig verstärken und die Verbreitung geschichtsrevisionistischer Narrative und Deutungsmuster in der Lebenswelt junger Menschen begünstigen.

Doch was ist jetzt zu tun?

Es gibt keine Patentrezepte, aber dennoch Handlungsmöglichkeiten, die hier kurz angesprochen werden sollen. Eine gute Übersicht bietet beispielsweise das von der Medienanstalt Rheinland-Pfalz verantwortete Angebot „Klicksafe“ mit einer Übersicht zu rechtextremen Codes und konkreten Handlungsstrategien für Eltern. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit werden im folgenden verschiedene Möglichkeiten genannt, präventiv wie interventiv:

Auf individueller Ebene:

  • TikTok als Lebenswelt nicht verteufeln, sondern verstehen und ernst nehmen,
  • für Risiken von TikTok sensibilisieren,
  • Peer-to-Peer andere dazu empowern, TikTok ernst zunehmen,
  • Gespräche statt vorschneller Verurteilung: unreflektiert reproduzierte Inhalte Jugendlicher als Anlass zur Auseinandersetzung nutzen,
  • nicht interagieren, aber melden: durch Melde-Statistiken können Problematiken nachgewiesen werden, sich durch Kommentare, Likes und Reposts mit Nutzer:innen solidarisieren, die sich gegen Rechtsextremismus positionieren und demokratiebildende Inhalte posten,
  • auf eigene Kapazitäten achten!

Auf der Ebene der politischen Bildungsarbeit und Pädagogik:

  • Politische Bildung und Medienbildung zusammendenken,
  • TikTok als Ort der politischen Meinungs- und Wissensbildung ernstnehmen,
  • Kinder und Jugendliche empowern, eine eigene kritische Haltung zu entwickeln,
  • Ausbau von Digital Streetwork,
  • Ressourcen sehen, TikToks produzieren: Informationstunnel als Gegenentwurf zum Radikalisierungstunnel,
  • Kindern und Jugendlichen niedrigschwellige Gesprächseinstiege ermögliche,
  • Gespräche statt vorschneller Verurteilung: unreflektiert reproduzierte Inhalte Jugendlicher als Anlass zur Auseinandersetzung nutzen,
  • bestehende erinnerungskulturelle und demokratiebildende nutzen: Arolsen School, Zweitzeugen e.V., lokale Gedenkstätten, Jugendringe etc.,
  • kontinuierliche Forschung zu TikTok und Radikalisierung,
  • digitale Quellenkritik im Unterricht vermitteln.(dazu ausführlicher Berit Kö und Jakob Schergaut).

Last but not least sind Bund und Länder auf der staatlichen Ebene gefordert, in politische Bildungsarbeit und Erinnerungsarbeit zu investieren!

Ida-Maria Tolle und Charlotte Heim, Hochschule Düsseldorf

Die Autorinnen:

  • Ida Tolle studiert Soziale Arbeit im Bachelor an der Hochschule Düsseldorf mit den Schwerpunkten Zivilgesellschaft und Kulturpädagogik. Als Werkstudentin ist sie beim Jugendring Düsseldorf im Bereich der politischen Bildungsarbeit tätig.
  • Charlotte Heim studiert Soziale Arbeit im Bachelor an der Hochschule Düsseldorf mit den Schwerpunkten Beratung und Zivilgesellschaft. Neben ihrem Studium arbeitet sie in einer offenen Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtung.

(Anmerkungen: Der Beitrag beruht auf einem Vortrag vom 21. Januar 2026 im Erinnerungsort Alter Schlachthof in Düsseldorf. Erstveröffentlichung im August 2026, Internetzugriffe zuletzt am 3. August 2026.)