Geschlechterrollen in Versöhnungsprozessen
Christine G. Krüger über Perspektiven einer Geschlechter-Geschichte
„Versöhnung bezieht sich auf die Herstellung gewaltfreier oder sogar kooperativer beziehungsweise freundschaftlicher Beziehungen zwischen den ehemaligen Konfliktparteien. Vom Frieden unterschiedet sie sich, weil letzterer erzwungen werden kann, Versöhnung hingegen nur auf freiwilliger Basis erfolgen kann.“ (Victoria Fischer und Christine G. Krüger in der Einleitung zu ihrem Buch „Geschlechterzuschreibungen der (Un-)Versöhnlichkeit“, Bonn University Press, 2026)
Friedens- und Konfliktforschung war lange Zeit ein in der medialen Öffentlichkeit nur am Rande beachtetes Forschungsfeld. Es wurde zwar regelmäßig berichtet, wenn SIPRI oder die Deutsche Stiftung Friedensforschung ihre Gutachten vorlegten, aber das war nach wenigen Tagen dann auch wieder vorbei. Die Inhalte dieses Forschungsfeldes sind aber höchst relevant für die Qualität von Politik und Berichterstattung und verdienten deutlich mehr Aufmerksamkeit Das Friedensgutachten 2025 beispielsweise thematisierte die Bezüge zwischen den aktuellen Krisen und verschiedenen Politikbereichen, von der Sicherheitspolitik über die Migrationspolitik bis hin zur Rolle überregionaler und internationaler Organisationen und Staatenbündnisse. Christine G. Krüger und Victoria Fischer haben mit dem interdisziplinär und transnational angelegten Sammelband „Geschlechterzuschreibungen der (Un-)Versöhnlichkeit“ Versöhnungsforschung als ein eigenes Kapitel in und zugleich jenseits der Frieden- und Konfliktforschung thematisiert. Das Buch ist in Kooperation mit dem von dem Soziologen Hans-Günter Soeffner gegründeten Bonner Zentrum für Versöhnungsforschung entstanden.
In diesem Zusammenhang lohnen sich auch geschlechterspezifische Untersuchungen, wie sie Christine G. Krüger und Victoria Fischer vorgelegt haben. Sie konstatieren, dass die „Kategorie des Geschlechts“ bisher nur „relativ wenig Aufmerksamkeit“ erhalten hat. In ihrem Essay „Versöhnerinnen? Zuschreibungen weiblicher Friedfertigkeit in der Moderne“ (der Essay ist die verschriftlichte Form eines Vortrags im Bonner Stadttheater vom Frühjahr 2025) haben sie das Thema weiblicher Versöhnlichkeit sowie des Rechts auf Unversöhnlichkeit unter anderem am Beispiel der Biographien von Lida Gustava Heymann und Virgina Woolf untersucht. Es ging um den Zeitraum etwa zwischen 1850 und 1945.

Weitere Informationen des Zentrums für Versöhnungsforschung über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.
Das Buch vertieft die Aspekte und Einsichten dieses Essays. Es enthält elf Beiträge in vier Kapiteln. Es beginnt mit „Zuschreibungen weiblicher Versöhnlichkeit als Strategie“ (Beiträge von Yvonne Blomann mit Christine G. Krüger, Esther Gardei und Anna Leyrer), „Weibliche Unversöhnlichkeit“ (Beiträge von Amerigo Caruso, Johanna Gehmacher, Anne D. Peiter), „Individuelle Freundschaften und Paarbeziehungen und kollektive (Un-)Versöhnlichkeit“ (Christoph Lorke sowie Anne Callahan mit Nina Silber), „Geschlecht in der Aufarbeitung gewaltsamer Konflikte“ (Rosario Figrari Layús sowie María Fernanda Lanfranco González mit Raúl Burgos sowie James Krull).
Bei den in den Beiträgen diskutierten Konflikten geht es nicht nur um Kriege, sondern auch um Täter:innen und Opfer in Diktaturen, Verbrechen gegen die eigene Bevölkerung, um Genozide und um Prozesse der „Transitional Justice“ (ein Begriff, der sich nur schwer ins Deutsche übersetzen lässt). Themen sind Frauen als Opfer, als Täterinnen oder als Mitwirkende, Strategien und Verfahren der Aufarbeitung und Aufdeckung, von staatlicher Seite wie von Seiten der Zivilgesellschaft. Die Autor:innen bringen ihre jeweilige literatur-, geschichts- oder politikwissenschaftliche Kompetenz ein. Sie forschen in Deutschland, in Frankreich, in Großbritannien, in Italien, in Chile und in den USA. Es geht um mehrere Länder in Lateinamerika, in Afrika (Ruanda), Deutschland, Italien und Großbritannien sowie um die USA (Zeit des Bürgerkriegs). Das Buch bietet mit seinen Fallstudien zahlreiche Einsichten in die Strukturen, Chancen und Grenzen von Versöhnungsprozessen. Es ist ein wichtiger Impuls für den Ausbau einer umfassenden „Geschlechter-Geschichte“.
Geschlecht und Gewalt
Norbert Reichel: Die Resolution 1325 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2000 betont ausdrücklich „die Notwendigkeit, in Friedensprozessen eine ‚Gender-Perspektive‘ zu berücksichtigen. Welche Rolle spielt diese Resolution in den Geschichtswissenschaften?

Christine G. Krüger. Foto: Gregor Hübl / Uni Bonn.
Christine G. Krüger: Der Begriff der „Geschlechter-Perspektive“ knüpft aus unserer Sicht an den Begriff der „Geschlechter-Geschichte“ an. Wir gehen als Historikerinnen und Historiker letztlich davon aus, dass „Geschlechter-Beziehungen“, ursprünglich auf die beiden Geschlechter Mann und Frau bezogen, inzwischen ausgeweitet auf weitere Geschlechter und andere Definitionen von „Geschlecht“, Gesellschaft stark mitstrukturieren. Man kann diese Sicht sicherlich für den Bereich der „Versöhnung“, weitergefasst den Bereich der „Konfliktforschung“, nachvollziehen.
Norbert Reichel: Wie würden Sie das Verhältnis zwischen Versöhnungsforschung auf der einen Seite und Friedens- und Konfliktforschung auf der anderen Seite beschreiben?
Christine G. Krüger: Friedens- und Konfliktforschung ist weiter gefasst. Es geht hier beim Konzept der Versöhnung um einen Prozess, der nach einem Friedensschluss stattfinden kann. Bei einem Versöhnungsprozess geht es um einen Prozess, der von beiden Seiten getragen wird. Das muss bei einem Friedensschluss nicht so sein, denn dieser kann auch aufgezwungen sein. Man spricht dann von einem „Diktatfrieden“. Es geht bei Versöhnung letztlich um die auf Nachhaltigkeit und Dauer angelegte Herstellung oder Wiederherstellung eines Zustandes der Kooperation, des freundschaftlichen Zusammenarbeitens.
Norbert Reichel: Welche Kooperationen gibt es mit der Friedens- und Konfliktforschung?
Christine G. Krüger: Michael Rohrschneider, der das Zentrum für Historische Friedensforschung leitet, ist Teil unseres Teams. Rosario Figari Layús versteht ihre Arbeit als Sprecherin des Zentrums für Versöhnungsforschung auch als einen Beitrag im Rahmen der Friedensforschung. Es gibt viele Anknüpfungspunkte. Ich würde jedoch darauf bestehen, dass Versöhnungsforschung einen eigenen Stellenwert hat. Ein spannender Punkt ist zum Beispiel, dass Versöhnungsforschung nicht nur Konflikte zwischen Staaten, sondern auch gewaltsame Konflikte innerhalb einer Gesellschaft in den Blick nimmt. Versöhnungsprozesse sind auf jeden Fall lange Prozesse, in die man viel Willen und gegenseitige Bereitschaft hineinstecken muss, damit sie gelingen.
Zurück zur Frage der „Geschlechterperspektive“: Sicherlich ist es ein Unterschied, ob ich über „Geschlechter“ forsche, rede oder schreibe oder dies aus der Sicht eines bestimmten „Geschlechts“ tue. In der Forschung geht es um „Geschlechter-Beziehungen“, selbstverständlich auch darum, die eigene Position und Sicht bei der eigenen Analyse zu reflektieren.
Wir gehen davon aus, dass auch das Verhältnis von Geschlecht und Gewalt, von Geschlecht und Versöhnungsprozessen wandelbar ist und dass es keine biologisch vorgegebenen Reaktionsweisen gibt, sondern in der Regel auch Geschlechterrollen aufgrund von Zuschreibungen eine Rolle spielen.
Zuschreibungen sind von der Quellenlage natürlich leichter zu fassen. Zuschreibungen sind zudem handlungswirksam und Selbstdefinitionen lassen sich auf verschiedene Handlungsmuster zurückspiegeln. Letztendlich gehen wir davon aus, dass konstruktivistische Aspekte eine Rolle spielen, Selbstdefinitionen ebenso wie Fremdzuschreibungen auch immer Zuschreibungen sind.
Norbert Reichel: Eine der Zuschreibungen, die Sie in dem Buch thematisieren, ist die „Mütterlichkeit“, die oft als essenzialisierte Qualifikation wahrgenommen wird, als Selbst- wie als Fremdzuschreibung. Sie haben dies in dem Beitrag, den Sie mit Yvonne Blomann am Beispiel der Verwundetenfürsorge in der Mitte des 19. Jahrhunderts angesprochen. Das ist die Zeit, in der die Genfer Konventionen und das Rote Kreuz entstanden.
Christine G. Krüger: „Mütterlichkeit“ ist einer der Aspekte der Rollenzuschreibungen. Grundsätzlich lässt sich für lange Zeit, bis in die Gegenwart hinein, die Einbeziehung von Frauen bei bewaffneten Konflikten mit diesem Begriff fassen, in ihrer eigenen Zuschreibung wie im Hinblick auf Fremdzuschreibungen. Man ging davon aus, dass Frauen in Konflikten anders agieren, weil sie als Mütter eine andere Auffassung vom Leben, vom Leben-Geben, hätten als Männer, die im Kriegsfall ihre Rolle eher im Leben-Nehmen sähen. Über diese Zuschreibungen wurde viel gestritten. Die Frauenrechtsbewegung im 19. Jahrhundert hat dies immer wieder zu ihrem Argument gemacht: Weil wir als Frauen das friedlichere Geschlecht sind, muss man uns das Wahlrecht geben; durch diese Friedensorientierung könnten auch die gesellschaftlichen Beziehungen verbessert werden und zum Frieden hinwirken.
Norbert Reichel: Frauen haben das Wahlrecht. Wir haben den zitierten Beschluss des Sicherheitsrates, wir haben die Istanbul-Konvention. Wenn ich mir jedoch Pete Hegseth, den sogenannten „Kriegsminister“ der USA, anhöre, habe ich einen ganz anderen Eindruck. Es geht um „Männlichkeit“, nicht nur im Krieg. Ähnliches hört man von diversen Rechtsextremisten, beispielsweise von Björn Höcke, der verlangt, „wir“ – wen er auch immer damit meinen mag – müssten „wieder männlicher“ werden. Nicht-binäre Geschlechtsauffassungen, Trans-Menschen sind grundsätzlich ausgeschlossen, werden sogar als fundamentale Gegner:innen gesehen. In diesem Kontext verlieren eher auf Frieden und Fürsorge gerichtete Eigenschaften ihre Bedeutung.
Christine G. Krüger: Die Vorstellungen von „Männlichkeit“ sind natürlich kulturelle Setzungen. Es wäre interessant gewesen, Männlichkeitsvorstellungen in unserem Band stärker aufzunehmen, aber wir haben zu diesem Thema leider keine Beiträge bekommen. Vielleicht liegt das daran, dass „Versöhnlichkeit“ trotz der großen Bild-Ikonen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, allen voran Adenauer und De Gaulle, traditionell kein Bestandteil von Männlichkeitsvorstellungen ist, auch weil Außenpolitik ein eher männlich besetztes Feld ist.
In meinem Buch „Die Scylla und Charybdis der socialen Frage“ spielt das Thema der Männlichkeitsvorstellungen ebenfalls eine Rolle (Bonn, Dietz, 2022). Es ging in diesem Buch um Streiks in Hamburg und London zwischen 1880 bis 1900. Es enthält ein eigenes Kapitel über geschlechtsspezifische Zuschreibungen unter den Begriffen „Weibische Furcht“ und „Mütterliche Vorsicht“, in dem auch das Fehlen männlicher Äquivalente reflektiert wird. Ich darf kurz zitieren: „Während Furcht und Sorge bei Frauen je nach Situation positiv wie auch negativ konnotiert sein konnten, gab es hierzu kein Äquivalent auf der männlichen Seite. Formulierungen wie ‚männliche Furcht‘ oder ‚männliche Sorge‘ passten nicht in das übliche Denkschema, denn Männlichkeit stand für Furchtlosigkeit und Rationalität. So galt im Arbeitgeberlager Nachgiebigkeit als ‚Gefühlsduselei‘ (…).
Norbert Reichel: Ich habe dieses Buch im August 2022 im Demokratischen Salon unter der Überschrift „Sicherheitsdialektik“ besprochen. Die Parallelen in den Einstellungen und Verhalten von in der Regel männlich konnotierten Arbeitgebern und ebenso männlich konnotierten Außenpolitikern liegen auf der Hand. Ein Blick in die aktuelle Politik in und aus den USA dürfte reichen. Die „feministische Außenpolitik“, die Kristina Lunz in ihrem Buch „Die Zukunft der Außenpolitik ist feministisch“ vorstellte und auf die sich Anna-Lena Baerbock als deutsche Außenministerin zumindest berief, war offensichtlich nur ein kurzes Intermezzo. In Ihrem neuen Buch wird aus meiner Sicht deutlich, dass die traditionell männliche Auffassung zwischen den Begriffen „Krieg“ und „Frieden“ unterscheidet, während „Versöhnung“ doch etwas anderes meint, das jenseits von „Krieg“ und „Frieden“ geschaffen werden soll.
Christine G. Krüger: Das stimmt und ist erstaunlich. Versöhnungsgeschichte wird oft erst ab 1945 gelesen. Man schaut leider nur selten darauf, welche Rolle Versöhnung in der Zeit davor gespielt hat. Versöhnung war zunächst stärker auf innenpolitische Konflikte bezogen, insbesondere den Klassenkonflikt, oder auch auf andere politische Gräben in einer Gesellschaft. Vielleicht hängt das auch mit einer starken Zuschreibung des Versöhnlichen auf Frauen zusammen. Mir scheint es eine Art Gegensatzkonstruktion zu sein, über die man das eine oder andere Geschlecht definiert hat. Man müsste gezielter Vorstellungen von Versöhnung, Versöhnlichkeit und Männlichkeit untersuchen.
Ich lese gerade „Krieg und Frieden“. An einer Stelle wird einer der männlichen Akteure in diesem Roman von seiner Schwester aufgefordert, „versöhnlich“ zu sein. Er lehnt es ab, weil er sagt, das sei etwas „Weibliches“.
Recht auf Unversöhnlichkeit
Norbert Reichel: Diese Sicht wirkt sich wohl auch auf Konzepte der „Transitional Justice“ aus. Das ist Thema mehrerer Beiträge in Ihrem Buch. Mich hat beispielsweise der Beitrag von Anne D. Peiter sehr beeindruckt, die sich intensiv mit den Entwicklungen in Ruanda befasst und das Ergebnis ihrer Forschungen auch im Demokratischen Salon in dem Beitrag „Des génocides populaires“ vorgestellt hat. Eines ihrer Themen ist der Genozid in Ruanda. Versöhnung changiert in diesem Fall zwischen Vergebung, Wahrheitsfindung, politischer und juristischer Aufarbeitung. Die Männer, die Täter waren, haben aber ganz andere Vorstellungen als ihre Opfer. Die meisten wollen – wie man heute so sagt – einen Deal machen: Geständnis gegen Straffreiheit.
Christine G. Krüger: Hier geht es um die Instrumentalisierung der Zielsetzung von Versöhnung, auch im Kontext der Vorstellungen der Vereinten Nationen bei der Gestaltung von Transformationsprozessen nach der Beendigung von Konflikten. Im ruandischen Kontext wie in vielen anderen Konflikten spielt im Hinblick auf die geschlechtliche Perspektive beziehungsweise Zuschreibung nicht nur die Versöhnung, sondern auch die Gewaltausübung eine Rolle. Geschlecht ist ein Faktor, der die Art und Weise der Ausübung von Gewalt bestimmt. Das gilt insbesondere für sexualisierte Gewalt, die nicht nur, aber vor allem Frauen betrifft. Im Beitrag von Anne Peiter ging es nicht nur um sexualisierte Gewalt, sondern auch um die Gewalt an Familien. In beiden Fällen wird Versöhnung von männlichen Tätern eingefordert. Da sind nicht die Frauen diejenigen, die Versöhnung einfordern. Die Tutsi fordern rechtliche Aufarbeitung, die Hutu Amnestie. Die betroffenen Frauen der Tutsi stehen der Forderung nach Versöhnung ausgesprochen skeptisch gegenüber.
Norbert Reichel: Der Beitrag von Anne D. Peiter ist Teil eines Kapitels von drei Beiträgen unter der Überschrift „Weibliche Unversöhnlichkeit“. Das war auch Thema in Ihrem Vortrag, den wir etwa vor einem Jahr im Demokratischen Salon veröffentlicht hatten. Sie sprachen sogar von einem „Recht auf Unversöhnlichkeit“.
Christine G. Krüger: Das wird immer wieder eingefordert, weil man davon ausgeht, dass Versöhnung etwas ist, das nur freiwillig möglich ist. Auch das wird in dem Beitrag von Anne D. Peiter deutlich. Die Täter fordern „Versöhnung“ ein, die Opfer verweigern sie. Das „Recht auf Unversöhnlichkeit“ wird auch im Kontext des Holocaust, der Shoah immer wieder gefordert, weil die Gewalt so unvorstellbar ist, dass man nicht einfordern kann, dass die Opfer zu einer Versöhnung bereiterklären.
Norbert Reichel: Anne D. Peiter spricht von „Versöhnung als Tauschobjekt“. Sie berichtet auch von Männern, die drohen, ihre Verbrechen zu wiederholen, wenn die Opfer ihrer Forderung nicht nachkommen.
Christine G. Krüger: Sie berufen sich dabei auf christliche Werte wie auf internationale Prozesse sowie auf die in vielen Ländern eingerichteten „Wahrheitskommissionen“, die viel Gewicht in der Politik und den Transformationsprozessen einnahmen. Weil „Versöhnung“ in diesem Rahmen geradezu zu einer Norm geworden ist, fällt es den Tätern leichter, sich darauf zu berufen. So können sicherlich gut gemeinte Mittel der Konflikttransformation als vermeintlich universelle Muster sich je nach kulturellem Kontext ganz unterschiedlich auswirken.
Norbert Reichel: Letztlich entsteht so eine Art Täter-Opfer-Umkehr. Dann gibt es aber auch in einigen Ländern eine aktive Aufarbeitung, die vor allem von Frauen vorangetrieben wird, nicht nur in Ruanda. Wir erlebten dies zum Beispiel in Chile, in Argentinien. Allerdings erleben wir dort inzwischen massiven politischen Druck von Seiten der Regierung, die Verbrechen der Militärdiktaturen zu bagatellisieren und weitere Aufarbeitung zu verhindern. Auch Jair Bolsonaro hat das in Brasilien versucht. In Deutschland und in Österreich versucht eine in weiten Teilen rechtsextremistische Partei jede Aufarbeitung der Shoah und der Kriegsverbrechen des nationalsozialistischen Deutschen Reichs als „Schuldkult“ zu diffamieren, durchaus in der Tradition eines Martin Walser, der 1998 in der Frankfurter Paulskirche von einer „Auschwitz-Keule“ sprach. Es gibt aber auch Frauen, die „Transitional Justice“ verhindern wollen. Hutu-Frauen waren zumindest Bystander, viele haben davon profitiert, wenn die benachbarten Tutsi ermordet und deren Besitz geplündert wurden. Manche waren selbst Täterinnen.
Christine G. Krüger: Das zeigt, dass wir nicht in das Schema verfallen dürfen, dass Frauen immer eindeutig zu den Opfern gehören. In vielen Gesellschaften, in vielen Konflikten ist es – anders als bei der Shoah – schwierig, eindeutig Täter und Opfer voneinander zu trennen, vor allem dann, wenn beide Parteien Gewalt ausüben. Das kann man gerade auch bei Geschlechterbeziehungen nicht immer eindeutig zuordnen.
Es gibt in den meisten Fällen, in denen auf Versöhnung hingearbeitet wird, eine grundsätzliche Spannung zwischen der Forderung nach rechtlicher Aufarbeitung und Versöhnung. Es gibt schon Aufarbeitung, aber trotzdem gibt es auch andere Dimensionen, je nachdem ob es sich um einen zwischenstaatlichen Konflikt oder einen Konflikt innerhalb eines Staates, einer Gesellschaft handelt. Auch das thematisiert Anne D. Peiter exemplarisch am Fall Ruanda. Täter und Opfer leben in Nachbarschaft, Haus an Haus, und sollen jetzt für die Zukunft des Landes gemeinsam Politik gestalten. Gerade hier macht es Sinn, die Unterschiede zu berücksichtigen.
Geschlechterhierarchien
Norbert Reichel: In einem Beitrag wird dies am Beispiel des US-Bürgerkriegs thematisiert. Anne Callahan und Nina Silber untersuchen das Thema anhand von Romanen. Christoph Lorke untersucht am Beispiel sogenannter „Mischehen“ zwischen 1870 und 1930 binationale und interkulturelle Paarbeziehungen in Deutschland, nicht zuletzt im Kontext der deutschen Kolonialzeit.
Christine G. Krüger: Hier geht es um traditionelle Geschlechterhierarchien. Es wird davon ausgegangen, dass sich die Frau in einer Ehe unterordnet. Das Gleiche gilt dann für Konfliktfälle. Man will auch in Konflikten zwischen Nationen oder zwischen Kolonialmacht und Kolonie, dass bestimmte Hierarchien aufrechterhalten bleiben. Das gilt auch für die Geschlechterbeziehungen in Ehen. Man geht zwar davon aus, dass diese Ehen in bestimmten Fällen möglich sind, aber dass die Hierarchie aufrechterhalten wird. In der Forschung geht man davon aus, dass Versöhnung nur funktioniert, wenn sich beide Seiten als gleichwertig anerkennen. Aber in diesem Fall des amerikanischen Bürgerkriegs oder der deutschen Kolonialzeit sieht man, dass diese Gleichwertigkeit in der Realität nicht gegeben ist.
Norbert Reichel: Christoph Lorke erwähnt, dass in der Öffentlichkeit die Ehe zwischen einem weißen deutschen Mann und einer Schwarzen Frau aus der sogenannten Kolonie akzeptiert werden konnte, aber nicht die Ehe zwischen einem Schwarzen Mann und einer weißen deutschen Frau. Deren Kinder hatten es immer schwer, denn die Sozialfigur des „Mischlings“ war durchweg negativ konnotiert.
Christine G. Krüger: Das wird in vielen Studien zur Kolonialgeschichte immer wieder belegt. Die kolonialen Völker durften auch in der Ehe niemals den als höher angesehenen Part des weißen Ehepartners einnehmen.
Norbert Reichel: Das setzt sich fort bis in die heutige Aufarbeitung. Weiße fordern Aufarbeitung, beispielsweise von Kolonialverbrechen, inszenieren sich aber immer als Vertreter:innen der kolonisierten Völker, die sie ja nun einmal nicht sind. Auch das ist eine merkwürdige Hierarchisierung.
Christine G. Krüger: Sicherlich, aber es gibt inzwischen doch viele andere Ansätze. Eine Kollegin, die Kulturanthropologin Julia Binter, arbeitet zu Restitutionsprozessen von Museen und hat von dem Fall des Pitt Rivers Museum in Oxford berichtet, das Raubkunst in die ehemaligen Kolonien zurückgegeben hat. Das Museum hat sich genau auf die Forderungen eingelassen, wie sich das die Nachfahren der Kolonisierten vorstellten. Es gab dort zum Beispiel den Ritus, dass man auch durch Gütertausch wieder zu einer harmonischen Beziehung zurückkehren könne. Die Museumsdirektorin hat das durchsetzen können, obwohl es auch in Großbritannien nicht einfach war, die Gelder für das Vorhaben zu erhalten. Es ging konkret in diesem Fall um die Übergabe einer bestimmten Anzahl von Rindern, die die vormals Beraubten mit der zurückgegebenen Raubkunst sozusagen als Entschädigung erhielten. Woher die Museumsdirektorin die Rinder erhalten hat, weiß ich nicht. Aber sie ist selbst hingefahren, sogar mit Familie, denn auch das gehörte zum Ritus, dass die Familie beteiligt ist. Man hat traditionelle Kleidung angezogen und die Rinder übergeben.
Europa als Vorbild – Asiatische Perspektiven
Norbert Reichel: In Ihrem Band gibt es Beiträge zu mehreren lateinamerikanischen Ländern, zu den USA, zu Ruanda, dem einzigen afrikanischen Land, zu Deutschland in verschiedenen Epochen. Wie kam es zu dieser Auswahl?
Christine G. Krüger: Wir waren prinzipiell bei allen globalgeschichtlichen Zusammenhängen offen, bestimmte Regionen einzubeziehen. In globalgeschichtlichen Zusammenhängen spielt natürlich Asien eine wichtige Rolle. Dazu haben wir jedoch niemanden gefunden. Ich hätte gerne einen Beitrag zum Thema der sogenannten „Trostfrauen“ gehabt, nicht zuletzt angesichts der Debatten um das Denkmal in Berlin-Moabit, ein Bronzedenkmal für Koreanerinnen, die von den Japanern im Zweiten Weltkrieg als Sexsklavinnen missbraucht wurden.
Norbert Reichel: Die japanische Botschaft hatte interveniert. Das Denkmal wurde vorerst um 100 Meter verschoben. Die Auseinandersetzungen zwischen dem Koreaverband und der japanischen Botschaft dauern jedoch noch an. Sie gehen mittlerweile ins sechste Jahr. Es gibt eine eigene Aktionsgruppe im Koreaverband.
Christine G. Krüger: Insgesamt ist das Thema der „Versöhnung“ noch stark europäisch geprägt. Das hat viel mit den Erfahrungen nach dem Zweiten Weltkrieg und den deutsch-französischen Verträgen zu tun, die weltweit als Muster gesehen werden, gerade auch im asiatischen Bereich sehr genau studiert werden, um daraus Anregungen zu erhalten, so problematisch das auch immer sein mag. Zum Beispiel gibt es in Japan ein sehr hohes Interesse an der europäischen Versöhnungsforschung. Ebenso in Südkorea. Es gibt Ansätze, Versöhnungsprozesse in Europa und in Asien vergleichend darzustellen, Wissenschaftskooperationen, die oft mit der Frage verbunden sind, was man aus den europäischen Erfahrungen lernen könne.
Norbert Reichel: Vor allem im Hinblick auf Versöhnungsprozesse zwischen Südkorea und Japan. Nordkorea können wir wohl ausschließen. Interessant wären sicherlich auch Studien zu Versöhnungs-, oder wenigstens zu Verständigungsprozessen zwischen Japan und China. Angesichts der geopolitischen Lage dürfte dies jedoch schwierig sein.
Christine G. Krüger: China wäre sicherlich interessant, aber da sehe ich zurzeit keine entsprechenden Initiativen. Ich weiß nicht, ob es welche gibt.
Norbert Reichel: Von japanischer Seite fällt mir in der Literatur nur das Buch „Mister Aufziehvogel“ von Haruki Murakami ein, das wohl der erste Roman war, der das Nanking-Massaker der Japaner detailliert thematisierte (es gibt zwei deutsche Übersetzungen, eine von 1998, eine von 2022, beide im DuMontVerlag erschienen). 2006 gab es in Japan eine Gruppe von Parlamentariern, die eine Untersuchung initiierten, die zeigen sollte, dass das Massaker gar nicht stattgefunden hätte. Die jeweiligen Besuche japanischer Regierungschefs am Yasukuni-Schrein sorgen regelmäßig für große Kritik. Es gibt offensichtlich viele Menschen in Japan, die für Geschichtsrevisionismus anfällig sind.
Christine G. Krüger: Das ist in der japanischen Gesellschaft immer noch hoch umstritten. Es gibt offizielle Entschuldigungen von japanischer Regierungsseite, die aber als halbherzig gelten und auch nicht von Wiedergutmachungsinitiativen begleitet werden.
Europäische Halbherzigkeiten
Norbert Reichel: Den Vorwurf der Halbherzigkeit muss sich die offizielle deutsche „Erinnerungskultur“ in letzter Zeit auch immer wieder machen lassen. Gerade angesichts der ansteigenden Zahlen antisemitischer An- und Übergriffe sowie nicht zuletzt rechtsextremistischer Gewalt.
Christine G. Krüger: Die Leiter:innen und Mitarbeiter:innen von Gedenkstätten sind weitgehend verunsichert. Sie fragen sich auch, was sie möglicherweise hätten anders machen können. Dazu kommt die Frage nach der Zukunft staatlicher Unterstützung.
Norbert Reichel: Damit sind wir bei der Frage, ob Aufarbeitung als Vorgang und Versöhnung als Zielvorgabe überhaupt funktionieren können.
Christine G. Krüger: Diese Frage schwingt in vielen Konzeptionen von „Versöhnung“ mit, die gerade in den Politikwissenschaften sowie in der Politik selbst stark gemacht werden. Man geht davon aus, Versöhnungsprozesse müssten immer mit einer Aufarbeitung einhergehen. Aus deutscher Perspektive erscheint uns das naheliegend. Wenn man es jedoch historisch oder transkulturell vergleicht, ist das nicht gesetzt. Lange Zeit ist man davon ausgegangen, dass Versöhnung nur mit Verschweigen einhergehen kann, wenn man die Vergangenheit auf sich beruhen lässt.
Norbert Reichel: Diese Methode wurde beispielsweise ab 1976 in Spanien gepflegt. Man sagt gerne, dass König Juan Carlos damit den Zusammenhalt Spaniens gesichert habe. Ob das inzwischen noch gilt, ist eine offene Frage, denn auch in Spanien gibt es inzwischen rechtsextreme und rechtspopulistische Bewegungen, die eine revisionistische Geschichtsauffassung vertreten.
Christine G. Krüger: Die Verbindung von Versöhnung mit Verschweigen ist im Grunde eine Entwicklung auch nach 1945. Die ersten deutsch-französischen Versöhnungsinitiativen gingen von Frankreich aus, insbesondere über Städtepartnerschaften. Viele sagten, es bringe nichts, die Vergangenheit anzusprechen, man wolle in die Zukunft schauen. Es dauerte auch hier eine Weile, bis sich das Aufarbeitungsparadigma durchgesetzt hat.
Norbert Reichel: Das betrifft – nicht nur in Frankreich, auch in manch anderen Ländern – das schwierige Feld der Kollaboration mit den Nazis. Der Film „Lacombe Lucien“ von Louis Malle aus dem Jahr 1974 wurde als Skandal empfunden. Wir kennen die polnische Gesetzgebung und Praxis unter der PiS-Regierung, an der auch die neue Regierung unter Donald Tusk nicht viel ändern kann. Obamas denkwürdige Bemerkung von den „polnischen Lagern“ goss natürlich Öl ins Feuer.
Christine G. Krüger: Schon in den 1960er Jahren gab es eine Initiative der Versöhnung von polnischer Seite. Es wurde eine gegenseitige Vergebung vorgeschlagen, die auch die Vertreibungen nach 1945 einbezog. Diese Initiativen gelten als Anstoßpunkt für eine deutsch-polnische Versöhnung. Lange sah es so aus, als könne es eine solche gar nicht geben.
Norbert Reichel: Markus Meckel erinnerte im Oktober 2025 an das 60jährige Jubiläum der Ostdenkschrift der Evangelischen Kirche Deutschlands und den Brief der polnischen katholischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder hin (die Rede von Markus Meckel wurde im Demokratischen Salon veröffentlicht).
Ich empfehle zum schwierigen Verhältnis zwischen deutscher und polnischer Erinnerungskultur immer gerne die Bücher von Ulrike Draesner, von Olga Tokarczuk oder Szczepan Twardoch. Da spielen das deutsche wie das polnische Schlesien eine zentrale Rolle. Literatur spielt auch in Ihrem Buch eine zentrale Rolle. Es gibt mehrere Beiträge von Literaturwissenschaftler:innen. Zu denen gehört zum Beispiel Anne D. Peiter. Sie selbst haben eben erwähnt, dass Sie zurzeit Tolstoi lesen. Vielleicht ist es sogar leichter, einen Zugang über die Lektüre eines Romans zu finden?
Christine G. Krüger: Das hängt auch mit der kulturwissenschaftlichen Wende in den Geschichtswissenschaften zusammen. Diese konzentrieren sich in den letzten zehn Jahren auf Deutungsmuster, Textualität. Es ist nicht immer einfach, klassische historische Quellen zu finden. Literatur bietet oft schnell zugängliche Quellen, um bestimmte Deutungsmuster zu finden. Das können natürlich auch idealisierte Muster sein. Bestimmte Normvorstellungen lassen sich auf jeden Fall herauslesen. Ob sich dies in der Versöhnungspraxis wiederfindet, ist eine andere Frage. Ich sehe auf jeden Fall noch viel Potenzial in der Zusammenarbeit von Geschichts- und Literaturwissenschaften. Im Zentrum für Versöhnungsforschung haben wir mehrere Literaturwissenschaftler:innen. Das Graduiertenkolleg „Versöhnung und ihre Äquivalente im transkulturellen Vergleich“, das wir gemeinsam mit der Bonner Anglistin Marion Gymnich vorbereitet haben, wurde inzwischen von der Deutschen Forschungsgemeinschaft bewilligt.
(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juni 2026, Internetzugriffe zuletzt am 12. Juni 2026, Titelbild: Hans Peter Schaefer.)

