Projekt Beschreibung

Leben mit der Pandemie – in Würde

Debatten in Zeiten der Corona-Krise – eine Übersicht

„Hinterdrein heilen wir uns selber: Kranksein ist lehrreich, wir zweifeln nicht daran, lehrreicher noch als Gesundsein – die Krankmacher scheinen uns heute nötiger selbst als irgendwelche Medizinmänner und ‚Heilande‘. Wir vergewaltigen uns jetzt selbst, es ist kein Zweifel, wir Nussknacker der Seele, wir Fragenden und Fragwürdigen wie als ob Leben nichts andres sei, als Nüsseknacken; ebendamit müssen wir notwendig täglich immer noch fragwürdiger, würdiger zu fragen werden ebendamit vielleicht auch würdiger – zu leben?“ (Friedrich Nietzsche, Was bedeuten asketische Ideale? In: Zur Genealogie der Moral)

Man*frau darf im Herbst 2020 den Eindruck haben, dass die Corona-Pandemie seit etwa Februar 2020 alle anderen politisch relevanten Themen in den Hintergrund drängt. Sicherlich wird nach wie vor darüber nachgedacht, wie wir das Klima und die Artenvielfalt dieses Planeten erhalten oder unsere freiheitliche Demokratie gegen Antisemitismus, Rassismus und die diversen Extremismen rechter, linker oder islamistischer Spielart verteidigen könnten. Doch neben der Corona-Pandemie hat es nach meinem Eindruck nur ein Thema in vergleichbarem Umfang in die ständige Berichterstattung der Medien geschafft: die Wahl am 3. November 2020 in den USA. Allerdings lässt sich nicht verhehlen, dass die Pandemie beziehungsweise der Umgang mit ihren Auswirkungen in den USA die Berichterstattung über die US-Wahlen beflügelt haben dürfte.

Die täglichen Zahlen der Ansteckung, der Todesfälle werden von vielen Konsument*innen der gängigen Medien wie Tabellen der Fußballbundesliga studiert, nur mit dem Unterschied, dass es kein Ruhmesblatt ist, sich als Land international wie national dort an vorderer Stelle wiederzufinden. Ein Virologe hat es inzwischen zum Superstar der Wissenschaft geschafft, eine Forschungseinrichtung, die eigentlich eine nachgeordnete Behörde des Bundesgesundheitsministeriums ist, wurde deutschlandweit bekannt. Mit anderen durchaus beachtenswerten Studien wie der regelmäßigen KIGGS-Studie zum Gesundheitszustand von Kindern (www.kiggs-studie.de) ist ihr das leider nicht gelungen.

Aktuelle Publikationen des transcript-Verlages

Der Bielefelder transcript-Verlag www.transcript-verlag.de) hat im Spätsommer 2020 zwei Sammelbände zu dem Thema veröffentlicht: „Die Corona-Krise“ und „Jenseits von Corona“. 45 Männer und 33 Frauen schreiben aus unterschiedlichen Perspektiven über Auswirkungen der Pandemie auf fast alle gesellschaftlichen Bereiche. Unter den Autor*innen finden sich Geistes- und Sozialwissenschaftler*innen, Historiker*innen, Kulturwissenschaftler*innen, aber auch Expert*innen aus den Wirtschaftswissenschaften sowie einige Wissenschaftsjournalist*innen.

Der transcript-Verlag bietet jedoch noch mehr: das „Friedensgutachten 2020“ sowie das „Zweite Konvivialistische Manifest“ enthalten Informationen und Perspektiven, wie es gelingen könnte, in unserer freiheitlichen Demokratie mit der Pandemie zu leben. Besondere Aufmerksamkeit verdient das „Zweite Konvivialistische Manifest“, das von über 300 Expert*innen aus Gesellschaft, Kultur, Politik und Wissenschaft unterzeichnet worden ist.

Die Bereitschaft des transcript-Verlages, in diesen Veröffentlichungen einen anderen, einen interdisziplinären Blick auf die Krise zu wagen, der auch die Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften einbezieht, kann nicht hoch genug geschätzt werden. Ich kann Kauf und Lektüre dieser Bände des transcript-Verlags nur empfehlen.

Darüber hinaus gibt es weitere lesenswerte Essays und Studien zum Thema. Die Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlicht in ihrer Reihe „Aus Politik und Zeitgeschichte“ inzwischen mehr oder weniger regelmäßig Artikel zu den Auswirkungen der Pandemie, im August 2020 sogar eine eigene Ausgabe ausschließlich zu diesem Thema. Fast täglich kommen weitere Studien unterschiedlicher Art hinzu, beispielsweise zu den Auswirkungen der Pandemie auf das Leben von Kindern, von älteren Menschen, zur Geschlechtergerechtigkeit, zu den Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt.

Es wäre zu wünschen, dass die Veröffentlichungen des transcript-Verlages und den weiteren genannten Studien viele Leser*innen finden und dass es gelingt, dass Politiker*innen in Verantwortung davon erfahren und die Ergebnisse zur Kenntnis nehmen. Es wäre allerdings zu früh, den vorliegenden Studien eine evidenzbasierte Analyse der Wirksamkeit der diversen Maßnahmen abzuverlangen, allerdings mutet es schon blauäugig an, dass die verantwortlichen Politiker*innen mit Verkündung der ersten Maßnahmen kein (interdisziplinär angelegtes und partizipativ begleitetes) Monitoring auf den Weg gebracht haben.

Es reicht mit Sicherheit nicht nachzuverfolgen, wer wen getroffen hat und damit als möglicher Infizierte*r und zukünftig Infizierende*r in Frage käme. Nach der Regel Milgrams gibt es zwischen zwei Menschen, gleichviel wo sie leben, ohnehin nur sechs Stationen – probieren Sie es aus, es funktioniert –, sodass bei Fortführung der bisherigen Art und Weise der Nachverfolgung bald alle Menschen als Nachzuverfolgende in Frage kämen. Mathematiker*innen können ausrechnen, wann es so weit ist.

Multiperspektivität und Interdisziplinarität

Mit meinem Lob der in diesem und meinen folgenden vier Essays verwendeten Publikationen und Studien jenseits der Virologie verbinde ich – dies muss man*frau leider immer wieder betonen – keine grundsätzliche Kritik an den jeweiligen Maßnahmen von Bundes- und Landesregierungen. Es geht mir auch nicht darum, Ergebnisse der Virologie anzuzweifeln. Mir geht es um einen vielfältigen Blick auf die diversen Maßnahmen, auf ihr Zustandekommen, auf ihre Umsetzung und nicht zuletzt auf erforderliche Begleitmaßnahmen, um Multiperspektivität.

Gemeinsam ist den Publikationen und Studien, die ich auswerten konnte, der interdisziplinäre Blick. Interdisziplinarität und Multiperspektivität sind jedoch genau das, was dem politischen und öffentlichen Umgang mit der Pandemie im Frühjahr 2020 fehlte und sich jetzt – in einer Zeit steigender Infektionszahlen – auswirkt. Es wurde im Frühjahr ausschließlich darüber nachgedacht – zumindest wurde dieser Eindruck erweckt – als ginge es nur darum, die Überlastung von Krankenhäusern und schwere und schwerste Erkrankungen zu verhindern.

Welche Folgen Besuchsverbote in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, Schließungen von Schulen und Kindertageseinrichtungen, die Rückdelegation schulischen Lernens an die Familien und dort vor allem an die Mütter, die Schließung von Kultureinrichtungen und Gastronomiebetrieben für Inhaber*innen und Mitarbeiter*innen jedoch haben könnten und hatten, wurde in der Politik nicht ausreichend thematisiert. Es ging ausschließlich um wirtschaftliche Hilfen. Manche wirkten, andere waren zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Wirtschaftliche Hilfen sind dringend notwendig, aber eben nur ein Aspekt, der zu bedenken gewesen wäre.

Die meisten Menschen und so auch die meisten verantwortlichen Politiker*innen glaubten offenbar, dass sich die Pandemie über den Sommer erledigte, von einer „zweiten Welle“ wurde gesprochen, doch Vorbereitungen gab es kaum. Möglicherweise hätte das Eingeständnis, dass ein Plan B erforderlich wäre, am Macher-Image der Führungsriegen gekratzt. An mögliche Niederlagen darf in der Regel in der Politik erst gar nicht gedacht werden.

Es wäre jedoch klug, auch ein Scheitern in Betracht zu ziehen und vorzubeugen, beispielsweise indem sehr schnell alle Schulen, Kultureinrichtungen und vielleicht auch Gastronomiebetriebe mit entsprechenden Lüftungen ausgestattet und bei der Erstellung und Umsetzung von Hygienekonzepten beratend und finanziell unterstützt worden wären. Das Gezerre um die digitale Ausstattung von Schulen, die im Übrigen schon seit Jahren hätte erledigt werden müssen und können, ist ein Musterbeispiel organisierter Untätigkeit und Rückdelegation, sei es an die Länder, an die Kommunen oder gleich an die Bürger*innen, je nach Rückdelegationspotenzial in der eigenen Verantwortungsposition.

Partizipation und Monitoring – in den Parlamenten und mit der Zivilgesellschaft

Zum vorausschauenden Handeln gehört neben Interdisziplinarität und Multiperspektivität Partizipation. Wenn Spitzenpolitiker*innen jedoch davon sprechen, dass zurzeit „nicht die Stunde der Opposition“ wäre, erinnert dies eher an Wilhelm II., der 1914 in der Kroll-Oper verkündete, er kenne keine Parteien mehr. Damals folgte auch die Sozialdemokratie mit ihrer Mehrheit dem deutschen Kaiser, der Preis war die Spaltung der Partei, nicht die erste, aber auch nicht die letzte.

Im Frühjahr 2020 gab es Staaten, in denen sich die Regierung von den Parlamenten zu unbeschränktem Handeln ermächtigen ließ, es gab Staaten, in denen sich die Regierungschefs martialischer Rhetorik befleißigten, es gab so gut wie keinen einzigen Staat, in dem das Parlament, geschweige denn die Bevölkerung an der Konzeption und Umsetzung geeigneter Maßnahmen beteiligt worden wäre.

Erst Ende Oktober 2020 melden einige Politiker*innen mehr oder weniger schüchtern die Ansprüche des Parlamentes an. Protestbewegungen haben sich in der Zwischenzeit radikalisiert und in die Fänge extremistischer Verschwörungstheoretiker*innen begeben. Zivilgesellschaftliche Proteste geraten so schnell in die Defensive, denn sie müssen stets dem Verdacht entgegentreten, sich mit Verschwörungstheoretiker*innen zu solidarisieren. Das kostet Energie.

Die Frage ist berechtigt, warum es niemandem in den Sinn kam, von Anfang an neben dem Parlament – dies wäre das erste, was zu tun wäre – sondern auch Bürger*innen, beispielsweise über Instrumente wie die Planungszelle zu beteiligen, gegebenenfalls auch für einen längeren Zeitraum begleitend, beginnend mit der ersten das öffentliche Leben einschränkenden Maßnahme. Warum gab und gibt es kein Monitoring? Es wäre hilfreich gewesen, wenn unter Leitung der zuständigen Fachministerien mit Verbänden der jeweiligen gesellschaftlichen Bereiche sowie zugelosten Personen regelmäßig über Maßnahmen, Akzeptanz und Wirkung gesprochen worden wäre.

Hätte es von Anfang an solche Gespräche gegeben, wäre es beispielsweise möglich gewesen, nur die Restaurants, Kultureinrichtungen und Fitnessstudios zu schließen, die noch keine engagierten Hygienekonzepte erstellt haben. Und vielleicht hätten diejenigen, die solche Konzepte aus welchen Gründen auch immer nicht erstellen konnten, beratende und finanzielle Unterstützung gebraucht? Doch diese Frage wurde nicht einmal gestellt. Möglicherweise hätten solche begleitenden Gespräche im Sommer und Ende Oktober 2020 zu mehr Akzeptanz einschränkender Maßnahmen geführt. Doch nach wie vor gibt es kein partizipativ angelegtes begleitendes Monitoring. Es blieb ab 2. November 2020 bei pauschalen Schließungen von Kultureinrichtungen, Sportanlagen und Restaurants.

Die Akzeptanz weiterer Maßnahmen beziehungsweise deren Verlängerung wird voraussichtlich weiter sinken, wenn die Betroffenen – und das sind im Grunde alle – nicht erfahren, welche Maßnahmen denn tatsächlich wirken und welche nicht. Es gab offenbar im Frühjahr 2020 keinen Plan B. Auch heute, Ende Oktober 2020, wenn dieser Text veröffentlicht wird – scheint es keinen zu geben. Ohne Monitoring bleibt eine Heilserwartung namens Impfstoff.

Vier Essays – ein Stimmungsbild Ende Oktober 2020

Ich habe mich bemüht, die vielen verschiedenen Aspekte des Umgangs mit der Pandemie in vier Essays aufzuarbeiten, die sich an den genannten Veröffentlichungen des transcript-Verlages, der Bundeszentrale für politische Bildung und weiterer Institute universitärer und außeruniversitärer Forschung orientieren. In diesen Essays werde ich auf die Beiträge der Expert*innen dieser Veröffentlichungen im Detail eingehen. Es ist leider nicht möglich, auf den wenigen Seiten, die mir zur Verfügung stehen, alle Autor*innen der jeweiligen Texte und Studien zu nennen. Ich musste auswählen, hoffe aber, dass mir die Auswahl halbwegs gelungen ist und bitte diejenigen Expert*innen, deren Beiträge ich nicht habe angemessen würdigen können, um Verständnis.

Meine Analyse hat gegenüber den genannten Veröffentlichungen einen kleinen zeitlichen Vorteil. Ich schreibe etwa drei bis sechs Monate später und erlebe daher die Brisanz der Pandemie im Herbst, die Debatten um eine Rückkehr zum Alltag vor der Pandemie während der Sommerferien sowie den zweiten sogenannten „Lockdown“ ab 2. November 2020, den Politiker*innen euphemistisch einen „Lockdown light“ nennen. Jede Berichterstattung, jede Analyse ist jedoch etwas Vorläufiges, jederzeit von Widerlegung bedroht, denn als Zeitgenoss*innen der Pandemie wissen wir alle nicht, wie dieses Jahr 2020 und vielleicht auch die Jahre 2021 und 2022 – vorausgesetzt die Pandemie hat dann unter anderem aufgrund eines wirksamen Impfstoffs ein Ende gefunden – in zehn, in zwanzig oder in hundert Jahren bewertet werden könnten.

Wir spekulieren, doch scheint sich eines abzuzeichnen: Die Auswirkungen der Pandemie auf das gesellschaftliche, kulturelle und politische Leben scheinen ohnehin schon bestehende Entwicklungen beschleunigen. Die Pandemie schafft nicht Ungleichheiten zwischen Arm und Reich, Nord und Süd, innerhalb der einzelnen Staaten sowie in der Staatengemeinschaft, sie sorgt nicht dafür, dass nationales multilaterales Denken und Handeln entsteht, sie verstärkt und beschleunigt jedoch bestehende Trends dieser Art, sodass man*frau vielleicht sogar schließen könnte, dass die Pandemie alles Unheil, das neo- und illiberales Denken und Handeln in den vergangenen dreißig Jahren, bewirkte, sichtbar macht.

Meine Essays bauen aufeinander auf, können aber auch jeder für sich gelesen werden. Es geht um viel mehr als Virologie und körperliches Wohlbefinden, letztlich um Interdisziplinarität und Fragen der Kommunikation, der Partizipation Betroffener und Beteiligter, verpasste Chancen eines Konsenses, der über Gehorsam und aktualistischen Pragmatismus hinausgeht. Ich hoffe aber auch, dass meine Essays einen Überblick geben, worüber wir nicht nur jetzt in diesen Wochen, sondern auch in den nächsten Monaten und Jahren nachdenken, sprechen und debattieren sollten.

Die Pandemie im Demokratischen Salon

Im Demokratischen Salon habe ich im Frühjahr 2020 drei Texte zur Pandemie veröffentlicht, an die ich mit diesem und vier weiteren Essays anknüpfe.

  • In „Nie wieder Marmelade – oder von der Re-Maskulinisierung des Alltags“ (https://demokratischer-salon.de/beitrag/nie-mehr-marmelade/) geht es um damals bereits absehbare Szenarien zur Abwicklung einer ohnehin schon fragilen Geschlechtergerechtigkeit, zur Pädagogik in den Schulen, die immer mehr zur Sitzpädagogik wird, zur Exklusion älterer Menschen sowie zu Auswirkungen der Kontaktsperren auf ehrenamtliche Tätigkeiten. Alle Szenarien scheinen sich – dies muss ich leider sagen – zu bestätigen.
  • In „Coronismus – Carl Schmitt, die Körperfresser und die Skipisten“ (https://demokratischer-salon.de/beitrag/coronismus/) geht es um die politische Kommunikation, mitunter mit Rückgriff auf die Satire eines Josef Hader, der über den österreichischen Bundeskanzler sagte, er kommuniziere nach dem Muster von Skirennen – vier Österreicher auf den ersten drei Plätzen – und gleichzeitig in einer Art, wie man mit kleinen Kindern spricht oder besser wie man mit kleinen Kindern heute nicht mehr sprechen sollte. Ein Triumpf an Führung, Männer verkünden, wo es lang geht, Frauen richten sich ein, wie beispielsweise im ersten COVID-19-Fortsetzungsroman, den Marlene Steeruwitz auf ihrer Internetseite (marlenesteeruwitz.at) schreib und nach wie vor schreibt.
  • Der dritte Text ist eher eine Spielerei, meinem Optimismus geschuldet, von dem ich nicht weiß, ob ich ihn behalten darf. Es handelt sich um „Prolegomena eines dystopischen Romans“ mit dem Titel des Virus (https://demokratischer-salon.de/beitrag/coronismus-2/). Das Virus ist kein Lebewesen, aber es wirkt, sodass sich frei nach Descartes sagen ließe: „Ich wirke, also bin ich“.

In dem ersten Essay „Ein Lehrstück des Wissensmanagements“ (https://demokratischer-salon.de/beitrag/ein-lehrstueck-des-wissensmanagements/) geht es um die Frage des Verhältnisses der Wissenschaften zueinander sowie das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik. Dabei zeigt sich, dass die umfassende Definition von Gesundheit durch die Weltgesundheitsorganisation zu wenig beachtet wird. Es ist ausschließlich von körperlichem Wohlbefinden („well-being“) die Rede, von geistiger und seelischer Gesundheit kaum, auch nicht davon, welche sozialen Bedingungen Krankheiten provozieren und befördern.

Erforderlich sind Ambiguitätstoleranz und Risikomanagement. Politiker*innen wären gut beraten, wenn sie die Vielfalt wissenschaftlicher Zugänge ernst(er) nähmen und ihre Entscheidungen – bei aller Notwendigkeit der Reduktion von Komplexität – transparent(er) begründeten. Geschieht dies nicht, sind diffuse Gefühle das Ergebnis. Die steigende Popularität von Verschwörungstheorien und unsachgemäßen Invektiven, Antisemitismus, Übergriffe gegen Asiat*innen, unverarbeitete und unverarbeitbare Ängste wären vermeidbar.

Der zweite Essay trägt den Titel „Die Unsichtbaren“ (https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-unsichtbaren/) und verweist auf die Gruppen, über die zurzeit kaum jemand spricht und die auch wenig zu vermelden haben: Frauen, Kinder und Jugendliche, ältere Menschen. Frau*man könnte den Eindruck haben, als gelte folgende Hierarchie: Männer entscheiden, Frauen sorgen, Kinder und ältere Menschen schweigen. Während der ersten Monate der Pandemie wurde „Sorge“ („care“) heroisiert, doch scheint sich inzwischen abzuzeichnen, dass die Frauen, die für diese „Sorge“ Verantwortung übernahmen beziehungsweise denen diese Verantwortung zugewiesen wurde, sich in einer Falle befinden.

Beschulung und Betreuung von Kindern im sogenannten „Homeoffice“ ist nur eine der Spielarten, Frauen daran zu erinnern, welche Aufgaben ihnen in früheren Zeiten zugedacht waren und welche nicht. Kinder wurden erst gar nicht gefragt, ältere Menschen in ihren Heimen eingeschlossen. Exklusion wurde zum Grundprinzip der Pandemiebekämpfung. Zeitgemäß wäre jedoch ein inklusiver Ansatz, und dies bedeutet nicht zuletzt auch eine neue Form von Feminismus, Kultur- und Sozialpolitik.

„Die Sprache der Pandemie“ (https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-sprache-der-pandemie/). Vor allem in diesem dritten Essay habe ich an Susan Sontags Essays „Krankheit als Metapher“ und „Aids und seine Metaphern“ erinnert. Krebs, Tuberkulose, AIDS – diese Krankheiten wurden mit Charaktereigenschaften belegt, also alles eine „Charakterfrage“, wie der Bundesgesundheitsminister einmal sagte? Die Frage liegt auf der Hand, welche Metaphern mit der Corona-Pandemie verbunden werden. In der politischen Rhetorik dominieren Krieg- und Körpermetaphern. Der Krieg gegen die Pandemie ähnelt den Ankündigungen anderer Kriege, gegen Drogen, gegen Terror. Ob er erfolgreicher geführt werden kann, werden wir erleben.

Maßnahmen, die gegen die Pandemie verhängt werden, folgen der in der AIDS-Bekämpfung gängigen Reinheitsmetaphorik. Möglicherweise lassen sich so Misserfolge einfacher auf die Bürger*innen rückdelegieren, die eben nicht taten, was Regierungen für erforderlich hielten. Es entsteht eine verhängnisvolle Mischung von Heilsbotschaften zum versprochenen Impfstoff, Fantasien der Prohibition, beispielsweise gegen Parties und Sexarbeit gerichtet, sowie Schuldzuweisungen und Verschwörungstheorien. Morgen ist alles wie vorher, oder wenigstens übermorgen?

Im vierten Essay „Der kranke Planet“ (https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-kranke-planet/) geht es um die internationalen Auswirkungen. Im Frühjahr 2020 betonten diverse Politiker*innen, diese Pandemie sei demokratisch, denn sie beträfe alle unterschiedslos, weltweit. Doch Menschen in den „westlichen“ Staaten verfügen in der Regel über Ressourcen, sich in ihrem jeweiligen „Container“ zu schützen, Ressourcen, die Menschen in anderen Kontinenten, in Ländern mit unzureichender Infrastruktur, aber auch Menschen im „Westen“, die in prekären Lebensverhältnissen leben, nicht besitzen. Die Pandemie stellt diese Menschen vor die Alternative zu verhungern oder zu riskieren, sich zu infizieren. Und diese Menschen erinnern sich daran, dass und wie die europäischen Eroberer in der Vergangenheit diverse Pandemien einschleppten und welch hohe Todeszahlen sie bewirkten.

Multilaterale Vereinbarungen werden ausgehebelt, nationale Alleingänge werden die Regel? Das „Konvivialistische Manifest“ ist eine der prominenten Erklärungen, die Hoffnung machen, auf eine Welt, die lernt, mit der Pandemie zu leben, und die anstehenden Aufgaben vom Klimaschutz über den Erhalt der Artenvielfalt bis hin zum Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus und für unseren freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat auf die erste Stelle der politischen Tagesordnung schreibt. Und dieses Leben mit der Pandemie ist nur dann möglich, wenn die Staatengemeinschaft wieder zu multilateralen Vereinbarungen zurückkehrt.

Zum Abschluss: Ein paar Sätze zu den Frames der Bundeskanzlerin …

„Wir schaffen das“ – dieser Satz ist – wie man*frau so sagt – verbrannt. Die Bundeskanzlerin versuchte es daher, und das durchaus mit viel innerer Überzeugung, mit Empathie. Sie war die einzige Spitzenpolitiker*in, die keine Kriegsmetaphern, sondern Metaphern der „Sorge“ verwendete. Doch mit der Zeit veränderte sich auch ihr Ton.

Die Kanzlerin wirkt inzwischen – so Jens Schneider am 29.10.2020 in der Süddeutschen Zeitung – eher wie eine „ungeduldige Lehrerin“, die es leid wird, ihre Schüler*innen, sprich: Bürger*innen ständig zu ermahnen, daher der „Das-habe-ich-doch-schon-dreimal-gesagt-Gestus“, den auch diverse Ministerpräsidenten pflegen. (https://www.sueddeutsche.de/politik/coronavirus-regierung-buerger-transparenz-1.5097560, Zugriff am 30.10.2020). Thea Dorn hat in ihrem Artikel „Merkels falsche Heilsbotschaft“ eine weitere Variante der Frames der Kanzlerin analysiert. Sie entdeckte dort Metaphern einer „Corona-Durchhaltepolitik“ und einer „Heilsperspektive“, die sich durchaus aus der protestantischen Herkunft der Bundeskanzlerin erklären ließen (https://www.zeit.de/2020/42/corona-politik-angela-merkel-hoffnung-wissenschaft/komplettansicht, Zugriff am 9.10.2020).

Hinzu kommt eine dritte Variante: Auf der einen Seite wirbt die Bundeskanzlerin für den Ende Oktober verhängten neuerlichen „Lockdown“ mit dem Hinweis, damit solle „Weihnachten, wie wir es kennen, gesichert werden“. Andererseits spricht sie aber auch von einem bevorstehenden „harten Winter“ und mit Sicherheit wird kein einziger der abgesagten Weihnachtsmärkte wieder angesagt. Kohärent klingt das nicht, und so ist es auch kein Wunder, dass die Bundestagsdebatte vom 29. Oktober 2020 endlich wieder bewies, was ein offener politischer Streit sein könnte, andererseits aber die beiden Regierungsfraktionen wieder in den Modus zurückfielen, dass alles, was die Regierung täte, gut, richtig und alternativlos wäre. Alles wird gut, denn wir sind ohnehin immer die Guten – so klang es – und die Opposition hat unrecht.

… und ein vorläufiges Fazit

Hätte das Virus eine politische Agenda, dann wäre es die des Neoliberalismus, eine Spielart des „Survival of the Fittest“, die nichts mit der Evolutionstheorie zu tun hat, wohl aber viel mit den von Menschen gemachten politischen Agenden. COVID-19 funktioniert als das neo- (und il-)liberale Virus schlechthin, das das Zusammenleben der Menschen auf diesem Planeten zerstört? There is no alternative? You’re sure?

No, there is! „Die Wette des Konvivialismus lautet, dass nur eine konvivialistische Demokratie vollkommen demokratisch sein kann.“ Es geht um die „Frage des Pluriversalismus“. Partizipation gilt auf allen Ebenen, regional, national und international, in den Parlamenten und mit der Zivilgesellschaft. Ein partizipativ angelegtes Monitoring gehört dazu. Der Blick muss sich interdisziplinär und multiperspektivisch weiten. Zu spät ist es dafür nie, auch oder vielleicht gerade wenn und weil kein Messias in Sicht ist und auch nicht kommen wird, der*die uns von der Pandemie und ihren Folgen erlöste.

Dr. Norbert Reichel, Bonn