Projekt Beschreibung

Lernziel Resilienz

Gespräche mit Haci Halil Uslucan, Teil II

„Er muss zum Arzt. Seine Haut am Rücken ist entzündet. Alte Krankheit, sagt Nelson. Schon seit seiner Kindheit. Heiner gibt ihm einen Schein, mit dem er zum Arzt gehen kann. Danke, sagt Nelson und steht auf. Ich auch. Ich habe Pause. Ich gehe ihm hinterher. Kaffee? frage ich. Vor dem Automaten sagt er: Wenn du Bier trinken und Fleisch essen kannst, giltst du bei uns als reich. Als ich hier angekommen bin, habe ich jeden Tag Bier und Fleisch in mich hineingestopft, als gäbe es kein Morgen. Hier ist also das Paradies. Eigentlich. Ich habe mit dem Alkohol wieder aufgehört, sagt Nelson. Viele andere im Lager nicht.“ (Christine Auerbach, Nelson, in: Fridolin Schley (Hg.): Fremd, München, P. Kirchheim Verlag, 2015)

„Kohärenzgefühl“

Norbert Reichel: Ich habe oft festgestellt, dass vor allem türkische Kinder schwer dafür zu gewinnen sind, in der Ganztagsschule mit den anderen gemeinsam zu Mittag zu essen.

Haci Halil Uslucan: Das liegt oft an den knappen familiären Ressourcen. Die Mutter kocht zu Hause und das ist natürlich deutlich preiswerter als das Schulessen. Außerdem gibt es unterschiedliche Vorstellungen zum Thema Essen. Eine Studie von Regine Rehaag aus Köln (www.esskult.net) hat sich mit dem Thema einer kultursensiblen Ernährung befasst. Adipositas ist in der deutsch-türkischen Community sehr verbreitet, weil ausreichendes Essen ein wesentlicher Teil der elterlichen Zuwendung ist.

Norbert Reichel: Das war im Deutschland der 1950er Jahre nicht anders. Das Schlankheitsideal, das wir heute kennen, entwickelte sich erst in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre im Zuge der Beat- und Popkultur, die erheblich die Mode beeinflusste.

Haci Halil Uslucan: Für die adipösen Kinder war nicht die eigene Adipositas das Schlimmste, sondern der Blick der anderen. Die beste Prävention ist weniger die Ernährungsberatung als ein wirksamer Diskriminierungsschutz. Für die deutsch-deutschen Kinder war es schlimm, dick zu sein, nicht für die deutsch-türkischen Kinder. Kulturspezifische Ausgrenzung führte zu einer Verstärkung des Rückzugs.

Das lässt sich auch geschlechtsspezifisch analysieren, bei der Frage, was ein gutes Essen ist. Die deutsch-deutschen Jungen nannten Döner, Pizza, Pommes, die Mädchen Salat, auch die Mädchen, die selbst dick waren und sich offensichtlich nicht nur von Salat ernährten. Bei den deutsch-türkischen Kindern gab es keinen Unterschied in der Vorliebe, wohl aber darin, worunter sie litten.

Norbert Reichel: Sie sprechen in einer Studie vom „Kohärenzgefühl“ als wichtiger Determinante für ein gelingendes gesundes Leben.

Haci Halil Uslucan: Ich darf aus einer etwas mehr als 15 Jahre alten Studie berichten, deren Ergebnisse nach wie vor zutreffen: Während erwartungskonform Deutsche die höchsten Werte aufwiesen und ihr Leben als weitestgehend kohärent erlebten, zeigten Türk*innen in der Türkei die geringsten Kohärenzwerte. Gleichwohl etwas stärker belastet als Deutsche, wiesen jedoch türkische Migrant*innen entgegen den Erwartungen deutlich günstigere Kohärenz- und Wohlbefindenswerte auf als Türk*innen in der Türkei. Vermutlich erleben sie auch das Leben in Deutschland als geordneter und planbarer. Eine Verallgemeinerung ist natürlich schwierig angesichts der hohen Heterogenität in den Migrant*innencommunities in Deutschland.

Gesundheitsrisiken

Norbert Reichel: Gibt es bei Migrant*innen spezifische Gesundheitsrisiken?

Haci Halil Uslucan: Ja, bei einer Vielzahl von Krankheiten gibt es bei ihnen höhere Prävalenzraten; so etwa Beispielsweise mehr Diabetes. Dabei ist neben der individuellen Nahrungszufuhr auch auf die kulturelle Rolle des Essens, vor allem des gemeinsamen Essens Kultur hinzuweisen: Essen hat eine starke kommunikative und vergemeinschaftende Funktion, es bringt die Familie, die Verwandtschaft und die Freunde zusammen. Im gemeinsamen Essen bzw. Einladungen zum Essen im häuslichen Kontext werden Solidaritätsbanden aktualisiert und gestärkt. In der Regel ist das Essen üppig, lang und sehr kalorienreich. Jede Einladung ist unausgesprochen auch mit einer Gegeneinladung und des Übertreffens des Mahls der ersten Gastgeber*innen verbunden. Vor allem bei Frauen gibt es Bewegungsmangel. Die Motivation zum Sport ist gehemmt, vor allem dann, wenn Bewegungsgruppen geschlechtergemischt sind.

Norbert Reichel: Welche Hilfen nehmen Migrant*innen in Anspruch, welche nicht?

Haci Halil Uslucan: Migrant*innen sind seit langem überproportional vertreten bei der Inanspruchnahme von Notfallambulanzen, Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen sowie der Akutversorgung psychiatrischer Institutionen. Dagegen ist ihr Anteil geringer in psychologischen Beratungsstellen, Präventions- und Gesundheitsförderungsangeboten sowie in Rehabilitationsmaßnahmen.

Die Gründe für diese geringere Inanspruchnahmerate sind sehr vielfältig; in den meisten Fällen liegen sie jedoch an fehlender Information über die Strukturen des Gesundheitssystems in Deutschland, unzureichenden Deutschkenntnissen, Diskriminierungserfahrungen und eventuell Ängsten vor künftigen Stigmatisierungen, insbesondere im psychotherapeutisch-psychiatrischem Bereich. Ferner spielen aber auch Schamgefühle, die Unsicherheit über die Finanzierung, insbesondere bei psychotherapeutischer Behandlung, sowie die institutionellen Barrieren, also die mangelnde Öffnung und fehlende Niederschwelligkeit der Gesundheitseinrichtungen eine hemmende Rolle.

Zu bedenken ist auch, dass in den meisten gesundheitswissenschaftlichen Studien mit Zugewanderten eher Personen mit ausreichenden Deutschkenntnissen einbezogen werden konnten. Dadurch sind aber vermutlich gerade jene nicht dabei, die noch wenig in das Gesundheitssystem integriert sind. Wir sollten von einer Unterschätzung der Inanspruchnahme ausgehen.

Norbert Reichel: Ich erinnere mich daran, dass vor etwa 25 Jahren die RAA – so hießen die Kommunalen Integrationszentren damals – einer Ruhrgebietsstadt erstmals eine Psychologin mit „Migrationshintergrund“ einstellte. Es dauerte nicht lange und es bildeten sich lange Schlangen vor der Beratungsstelle. Das betraf vor allem die deutsch-türkische Community. Welche Möglichkeiten sehen Sie über die Einstellung von Expert*innen aus dieser Community hinaus, Familien mit „Migrationshintergrund“ besser zu erreichen? Im Pflegebereich und in den Krankenhäusern gibt es viele Menschen mit „Migrationshintergrund“, aber offenbar mit geringer Wirkung.

Haci Halil Uslucan: Sie können in der Tat die Hemmschwellen geringhalten; vor allem, wenn Menschen den Eindruck haben, dass sie sprachlich (und auch kulturell) verstanden werden, werden sie sich auch leichter öffnen und können Ihre Bedürfnisse wie ihr Leiden differenzierter ausdrücken. Aber keineswegs ist das so zu verstehen, dass ethnisch-kulturell gleicher Hintergrund ausreicht. Zentral sind Fachkompetenzen sowie eine hohe interkulturelle Kompetenz. Es gilt der Satz: „Skin does not replace skill“.

Kulturalisierte Krankheiten

Norbert Reichel: Ein Problem scheint mir die „Kulturalisierung“ von Krankheit zu sein. Ich denke dabei an Susan Sontag, die darauf hinwies, dass Krankheit eine Krankheit sei und nicht Metapher für irgendetwas anderes. Eine Diagnose der Ursachen einer Krankheit müsste jede „Kulturalisierung“ vermeiden.

Haci Halil Uslucan: Der Körper funktioniert als ein Medium, als ein Ort, an dem soziale, kulturelle und individuelle Widersprüche ihren Ausdruck finden. Der Verlust an kommunikativen Beziehungen, der Handlungskompetenz und der kulturell vorgegebenen Orientierungen können präverbale und sehr körpernahe Formen der Krankheitsbewältigung fördern.

Kulturpsychopathologischen Studien belegen folgendes Dilemma: Einerseits ist in der transkulturell-psychiatrischen Forschung gut belegt, dass Wahrnehmung und Konzeptualisierung psychischen Leidens als auch dessen Interpretation sich je nach Bewertung und Umgang mit kulturellen Faktoren unterscheiden. Andererseits besteht die Gefahr einer vorschnellen “Kulturalisierung von Krankheit”, ohne dass die institutionellen und lebensweltlichen pathogenetischen Umstände betrachtet werden. Diese Widersprüchlichkeit wollen wir mit unserem Design – und zwar dem Vergleich der Mehrheitsgesellschaft mit hier lebenden Migrant*innen und den Menschen in ihrem Herkunftsland – vermeiden.

Für die erste Phase der Arbeitsmigration in den 1960er Jahren lässt sich ein „healthy migrants effect“ nachweisen. Sie waren gesünder als die einheimische Bevölkerung, weil hier eine Positivselektion stattfand, d.h. es wurden nur die Gesunden rekrutiert. Dieser „Gesundheitsbonus“ ist jedoch bei den Folgegenerationen nicht mehr erkennbar – unter anderem durch die Angleichung der Lebenslagen.

Um die Qualität und die Quantität bzw. die Intensität der Belastungen von Zugewanderten zu verstehen, ist es wichtig, die konkreten Migrationsbedingungen zu kennen: So ist beispielsweise der Grad der Freiwilligkeit der Migration beim erlebten Akkulturationsstress (Stress, der in der ersten Phase der Eingewöhnung in einem neuen Land entsteht) eine entscheidende Variable. Neben früheren Erfahrungen mit Ortswechseln in der Heimat sind nicht zuletzt auch die familiäre Situation und die damit einhergehende soziale Unterstützung für die Bewältigung des Stresserlebens von Bedeutung. So gibt es in der Literatur übereinstimmende Befunde, die zeigen, dass Personen, die mit ihren Familien umziehen, die Situation besser bewältigen als Alleinstehende oder Geschiedene.

Je unfreiwilliger und erzwungener eine Migration erfolgt ist, desto mehr Stress wird erlebt. So erleben beispielsweise Geflüchtete und ihre Kinder deutlich mehr Stress und Traumatisierungen als freiwillig Zugewanderte. Diesen Aspekt gilt es beispielsweise gegenwärtig in Erinnerung zu halten, um eine humane und angemessene Versorgung von Flüchtlingen zu leisten. Insbesondere in der ersten Phase der Migration wird durch die engen familialen Bindungen Stress gelindert. Diesen Schutzfaktor der Familie gilt es in der gegenwärtigen Flüchtlingsintegration bei der Frage der Wohnortzuweisung bzw. Residenzpflicht zu berücksichtigen.

Norbert Reichel: Das spricht für eine liberale Regelung des Familiennachzugs.

Haci Halil Uslucan: Um den Zusammenhang von Krankheit und Zuwanderung zu verstehen, ist im Sinn zu behalten, dass ethnische Zugehörigkeit und soziale Schicht oft miteinander verschränkt sind: Phänomene, die vor dem Hintergrund unterschiedlicher sozialer Zugehörigkeiten zu verstehen wären, werden bei Zuwandernden unreflektiert ethnisiert. Dadurch werden sie nicht als ein gesellschaftliches, sondern als ein individuell oder allenfalls kulturell zu verantwortendes Problem interpretiert. So entstehen Stereotypisierungen, Klischeebildungen, die betroffene Menschen weiter ausgrenzen.

„Bilanzierungsrisiken“

Norbert Reichel: Gibt es Unterschiede zwischen der ersten, zweiten oder dritten Generation zu- und eingewanderter Menschen und Familien?

Haci Halil Uslucan: Die erste Generation der Zugewanderten ist jetzt fast ausnahmslos im Rentenalter. Manche leben wahrscheinlich gar nicht mehr. Die Generation dieser Rentner*innen muss jetzt die spezifischen Entwicklungsaufgaben dieser Lebensphase meistern, mit physischen und psychischen Beeinträchtigungen umgehen. Das ist nicht anders als bei Einheimischen.

Mental sind sie jedoch – und das ist eine Besonderheit dieser Gruppe – mit sogenannten „Bilanzierungsrisiken“ konfrontiert. Sie müssen sich im Alter, quasi im Rückblick, der Frage stellen, ob sich die Migrationsentscheidung, ob das Verlassen der Heimat, eine kluge Entscheidung war, ob sie sich gelohnt hat, ob der ursprüngliche Traum von einer Verbesserung der Lebensbedingungen für sich und für die Familienangehörigen, für den Nachwuchs und manchmal auch für weitere im Herkunftsort zurückgelassene Angehörige eingelöst worden ist. Fällt jedoch die Antwort für diese Frage negativ aus, d.h. ist man im Alter einsam und arm, so stellt dieser Zustand ein großes Einfallstor für Depressionen bzw. depressive Verstimmungen dar. Gerade bei älteren Migrant*innen lässt sich daher vermuten, dass Depressionen mit dem Resultat dieser Bilanzierung in engem Zusammenhang stehen:

Das Gefühl, das Migrationsziel verfehlt zu haben und 30 bis 40 Jahre „nutzlos” in der Fremde verbracht zu haben, den ursprünglichen Traum nicht verwirklicht zu haben, kann in Verzweiflung führen. Die Dominanz des Wunsches, recht rasch in die Heimat zurückzukehren, hat bei vielen Zugewanderten der ersten Generation bewirkt, dass sie sich eher wenig mit Alter und sozialer Sicherung auseinandergesetzt haben. Zugleich bestand für sie die Schwierigkeit, nicht auf Vorbilder zurückgreifen zu können, was das Altwerden betrifft, und zwar weder auf die Erfahrungen im Herkunftsland, noch auf die im Aufnahmeland.

Norbert Reichel: Ihre Belastung dürfte somit deutlich höher sein als die der einheimischen Bevölkerung?

Haci Halil Uslucan: Im Vergleich mit der einheimischen Bevölkerung erweisen sich Migrant*innen als die deutlich stärker belastete Gruppe, die vermutlich auch auf deren materielle und soziale Lebensbedingungen, wie etwa mangelnde symbolische (Bildung und Sprachkenntnisse) als auch instrumentelle bzw. materielle Ressourcen (Geld) zurückzuführen ist. Migrant*innen sind häufiger in Berufen mit geringer Qualifikation beschäftigt, in denen sie aufgrund ihrer eigenen beruflichen Position wenig Entscheidungs- und Kontrollmöglichkeiten haben und folglich ihre Umgebung weniger transparent und steuerbar erleben. Gleichwohl ist im Hinblick auf die deutsch-türkische Community zu vermuten, dass ein Teil der belastenden Migrationseffekte bei einer relativen ethnischen Dichte, d.h. einer hohen Anzahl türkischstämmiger Menschen, wie in Berlin oder in Ruhrgebietsstätten, abgepuffert werden kann.

Norbert Reichel: Mein Eindruck: Resilienz wird entweder durch ein Aufgehobensein in einer Umgebung von Menschen mit ähnlichen Lebenswelten und Erfahrungen oder durch höhere Bildung gefördert.

Haci Halil Uslucan: Eine hohe Bildung gibt das Gefühl, die Ereignisse des eigenen Lebens zu verstehen und kompetent mit ihnen umgehen zu können. So ist anzunehmen, dass eine hohe Bildung mit besseren Lebenschancen, einer besseren Integration in das gesellschaftliche Leben, einer stärkeren geistigen Flexibilität und demzufolge auch gesteigerten Handlungsoptionen verbunden ist, die die Akteure in die Lage versetzt, die erfahrenen sozialen und interkulturellen Widersprüche im Migrationskontext teilweise aufzulösen und das eigene Leben als relativ kohärent zu betrachten.

Norbert Reichel: Welche Bedeutung hat die Religion für das Wohlbefinden?

Haci Halil Uslucan: Die amerikanische Religionspsychologie belegt mit einer Vielzahl von Befunden einen positiven Zusammenhang zwischen Spiritualität und Gesundheit. Demnach haben religiöse Menschen häufig bessere Gesundheitswerte, und sie leben länger. Jedoch ist dieser Zusammenhang nicht kausal zu verstehen, dass Religiosität direkt Gesundheit bewirkt, sondern es handelt sich um mehr oder weniger starke Korrelationen. Denn oft geht Religiosität mit bestimmten Formen gesunder Lebensführung einher, beispielsweise mit einem geringeren Alkoholkonsum, einer geringeren Devianzrate, einer höheren sozialen Unterstützung in der Gemeinde, einer häufigeren Aktivierung positiver Gefühlszustände wie Hoffnung und Zuversicht, die das Wohlbefinden positiv beeinflussen. Nicht zuletzt ist das beispielsweise bei Muslimen – durch das tägliche Gebet – auch mit mehr Bewegung im Alltag verbunden.

Dieser positive Zusammenhang zwischen Religiosität und Gesundheit ist jedoch dahingehend zu relativieren, dass Religiosität nicht instrumentell missbraucht werden darf – quasi für therapeutische Zwecke „verordnet“ werden kann. Denn obwohl religiöses Vertrauen gesundheitsfördernd sein kann, tritt dies nur als Nebeneffekt auf und nicht, wenn sie direkt funktional eingesetzt wird.

Norbert Reichel: Aber muss man denn religiös sein, um gesund zu leben?

Haci Halil Uslucan: Um psychisch stabil, ausgeglichen und zufrieden zu sein, muss man nicht religiös sein oder werden. Wer ein starkes soziales Netz in der Familie und mit Freund*innen hat, wer sich in der Lebensführung zu disziplinieren weiß, wer bemüht ist, seine soziale Umwelt tiefgreifend zu verstehen, und dabei die Widersprüchlichkeit des Lebens akzeptieren kann, ohne einem Vereindeutigungszwang zu erliegen, kann die berichteten hohen Wohlbefindenswerte auch ohne Gott bzw. ohne Religion erreichen

Interkulturelle Kompetenzen in Gesundheitsberufen

Norbert Reichel: Gibt es spezifische Missverständnisse?

Haci Halil Uslucan: Eine Dimension von Missverständnissen liegt in der direkten Übersetzung der Äußerungen der Patienten: Dadurch, dass Lokalisierungen von Schmerzen, Benennung von Leid bestimmter sprachlich-kultureller Metaphorik folgen, kann eine ungebrochene, direkt wörtliche Übersetzung ins Deutsche mehr Verwirrung stiften als aufklären. Hier ist die Zuhilfenahme sprachlich-kulturell sensibler und kompetenter Kolleg*innen unerlässlich. Ein Beispiel: im Türkischen bedeutet der Ausdruck „ciğerim yanıyor“ wörtlich übersetzt „meine Leber brennt“. Das könnte Assoziationen auf ein eventuelles Alkoholproblem wecken, während im Türkischen dadurch aber ein tiefes Leid, meist nach dem Verlust einer sehr engstehenden Person, des Partners, des Kindes, der Eltern etc. ausgedrückt wird.

Norbert Reichel: Was raten Sie Ärzt*innen und Pflegepersonal?

Haci Halil Uslucan: In kollektivistischen Gesellschaften, also dort, wo Gemeinwohlorientierung und Gruppenbezug stärker vorhanden sind (zu denen eine Vielzahl der Menschen aus der Türkei sowie aus dem arabischen Raum zählen), erfolgt die Kommunikation eher indirekt. Es wird häufig eher in Andeutungen, manchmal mit Umschreibungen kommuniziert, wobei die Sach- und Personenebene viel enger zusammenhängen. Interaktionspartner*innen sind viel stärker bemüht, sich gegenseitig Gesichtsverlust und eventuell schamauslösende Situationen zu ersparen. Dadurch wird die Kommunikation umständlicher, erfordert viel mehr Deutungsarbeit, aber die zwischenmenschliche Beziehung, die durch unangenehme Botschaften eventuell gefährdet wäre, wird geschont.

In dem Kontext ist zu beobachten, dass Patient*innen aus dem arabischen und türkischen Raum eher geneigt sind, bei der Schilderung der Symptome äußerst narrativ zu verfahren, bilderreich zu erzählen, die Geschichte zu erzählen, wie es zu diesem Leid kam, während (west-)europäische Patient*innen weniger Kontextinformationen liefern, sondern das Problem direkt benennen („Hier tut es weh“).

Als besonders problematisch für die Deutung erscheint es, wenn muslimische Patient*innen über die Rolle von Dschinn oder Geistern oder anderen externen magischen Kräften bei der Entstehung von Krankheiten reden. Denn die Annahme der Existenz von Dschinn ist religiös gestützt. Sie ist also nicht immer ein Hinweis auf eine psychiatrische bzw. psychotische Erkrankung des Patienten. Hier kann es hilfreich sein, herauszuhören, wieweit der Patient in seinem Leben auch andere Aspekte religiös erklärt oder es sich nur speziell um die Deutung seines ihm*ihr unverständlichen Krankheitsbildes handelt.

Zuletzt gilt es, gerade bei Patient*innen, die eine starke Religiosität aufweisen, nachzuhaken, inwiefern neben der klassischen Schulmedizin auch alternative Heilungsangebote (Hodschas, Imame etc.) in Anspruch genommen werden; diese können wichtige Hinweise für therapeutische Erfolge und Misserfolge geben, und zwar dann, wenn beispielsweise der*die „alternative Heiler*in“ der Schulmedizin konträre Ratschläge gibt und Maßnahmen empfiehlt, wodurch therapeutische Prozesse blockiert werden können.

Norbert Reichel: Was heißt das für die Ausbildung in Gesundheitsberufen und die interkulturelle Öffnung in Gesundheitsberufen?

Haci Halil Uslucan: Interkulturelle Kompetenzen müssen bereits in der Ausbildung von Gesundheitsberufen einen zentralen Platz im Curriculum haben. Dazu gehören

  • Die Berücksichtigung unterschiedlicher Bedürfnisse von Patient*innen mit verschiedenen kulturell-religiösen Herkünften, wie etwa Waschungs- und Gebetsräume oder schweinefleischfreie Kost für muslimische und jüdische Patient*innen.
  • Der Einsatz von Übersetzungsdiensten und die Bereitstellung von fremdsprachigen Infomaterialien (so etwa in den am häufigsten vorkommenden Sprachen von Zugewanderten wie etwa Türkisch, Russisch, Polnisch, Arabisch, Serbisch, Kroatisch etc.), aber auch multilingualer Beschilderung in Krankenhausgeländen etc.
  • Veränderung der bislang dominanten „Mittelschichtsorientierung“ der Beratungsansätze und Kommunikationsformen, schriftlastige Kommunikation (Formulare, Anträge) hält oft ungewollt Zugewanderte davon ab, diese Angebote auch anzunehmen.
  • Eine stärkere Einbindung von Migrant*innenselbstorganisationen in Pflege und Gesundheitsversorgung sowie die Öffnung und aktive Anwerbung von Personen mit Zuwanderungsgeschichte im Pflegebereich. So wäre die Zusammenarbeit mit Organisationen, Vereinen, Verbänden sinnvoll, die bei der Zielgruppe hohes Vertrauen genießen. Insbesondere beim „traditionell-religiösen“ Teil der älteren Türkeistämmigen kann dies entscheidend sein. Türkeistämmige Multiplikator*innen (wie etwa Imame, türkische Pflegedienste, Ärzt*innen etc.) und türkischsprachige Medien könnten ebenfalls einbezogen werden, nicht zuletzt sollten auch Medien (Zeitungen, Fernsehkanäle) eingebunden werden.
  • Gerade für größere Krankenhäuser die Schaffung einer Stelle eines*einer Integrationsbeauftragten, der*die als zentrale*r Ansprechpartner*in und Gestalter*in von Diversity-Maßnahmen fungiert. Diese sprachlich-kulturelle Sensibilität gilt auch für eine Personalauswahl und -qualifizierung. Davon werden nicht nur die Patient*innen profitieren, sondern auch die Mitarbeiter*innen. Dies schafft auch volkswirtschaftlichen Mehrwert, weil die Zahl der Fehldiagnosen, Fortschreibung von Falschdiagnosen, Fehl- und Mehrfachbehandlungen sowie Chronifizierungen durch verspätete Erkennung des Leidens dadurch eher vermieden wird.
  • Die stärkere Anerkennung ausländischer Abschlüsse in Pflege- und Gesundheitsberufen. So können Potenziale, die bislang kaum oder nur unzureichend zum Tragen kommen, sinnvoll geschöpft werden.
  • Nicht zuletzt ist auch die Forschung gefragt: Wir brauchen in der Forschung einen stärkeren internationalen Austausch sowie die Etablierung von Forschung zu interkulturellen Fragestellungen in der Gesundheitsförderung, bei der insbesondere auch der „westeuropäisch-amerikanische“ Bias unserer Forschungsinstrumente und Deutungskategorien kritisch hinterfragt und unser Horizont erweitert wird.

Diese interkulturelle Öffnung muss getragen und durchgesetzt werden von der Leitungsebene, von dem Mitarbeiter*innen auf den Stationen, die tagtäglich in Kontakt mit den Patient*innen sind und sie muss natürlich auch von den Patient*innen selbst angenommen werden.