Liebe Freund*innen des Demokratischen Salons,

in unserer Ausgabe für März 2023 finden Sie acht neue Texte: die Rede von Zwi Rappoport, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinden von Westfalen-Lippe vom 27. Januar 2023 im Düsseldorfer Landtag sowie ein ausführliches Gespräch mit ihm über jüdisches Leben in Deutschland nach dem Krieg, den von Joachim Schröder verfassten Bericht über die Deportationen von Düsseldorf nach Riga vom 11. Dezember 1941, zwei Essays von Norbert Reichel rund um das Buch „Fluchtpunkte der Erinnerung“ von Natan Sznaider sowie über den surrealistischen Feminismus der österreichischen Autorin Marlen Haushofer, ein Portrait der Afrotopia des senegalesischen Autors Felwine Sarr von Beate Blatz, die Dankesrede von Ines Geipel zur Verleihung des Erich-Loest-Preises 2023 sowie einen Text von Franz van der Grinten über seine Ausstellung mit Fotografien von Karl Hugo Schmölz zur Stadt Köln vor und nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg.

Wie üblich finden Sie unsere Vorschläge für den Besuch von Ausstellungen und Veranstaltungen sowie unsere Empfehlungen für Lektüren, Podcasts oder Filme.

Das Editorial befasst sich mit der Generation Z, die nach der neuen MEMO-Studie an der Aufarbeitung der Verbrechen der NS-Zeit erheblich interessierter ist als allgemein vermutet und vor allem mehr als die älteren Generationen, aber unter einem – vorsichtig gesprochen – sehr unterkomplexen Geschichtsunterricht leidet. Die historisch-politische Bildung hat viel Nachholbedarf.

Das Editorial:

Die Zuordnung von Menschen zu einer bestimmten Generation hat etwas despektierlich Vereinfachendes. Da ist die Rede von den Baby-Boomern, den Millennials oder der Generation Z, auch für die ab 2010 Geborenen gibt es schon einen Begriff, die Generation Alpha. Wahrscheinlich wurden all diese Zuschreibungen von jemand Findigem aus der Marktforschung erfunden. Gerade heutzutage erleben wir jedoch innerhalb jeder einzelnen Generation eine große Vielfalt, weil sich die Persönlichkeit jedes einzelnen Menschen nun einmal aus einer Fülle von Einflüssen zusammenfügt, bei denen die einen mehr, andere weniger deutlich zum Vorschein kommen. Und solche Einflüsse gibt es in unserer Gesellschaft eine ganze Menge.

Gleichwohl ist es legitim, sich einer bestimmten „Kohorte“ – so nennt das die Sozialforschung in einer militärisch anmutenden Diktion – forschend zu nähern. Dann werden Menschen befragt, die sich den Zeitraum ihrer Geburt teilen, es werden Untergruppen gebildet, je nach sozialem oder kulturellem Umfeld, nach Bildungsstand oder wie auch immer. Methodisch dürfte nach wie vor Pierre Bourdieus Standardwerk „La distinction“ (deutsch: „Die feinen Unterschiede“) all diese Studien mit ihren Clusterbildungen beeinflussen, unter denen die SINUS-Milieus vielleicht zu den interessantesten gehören dürften.

Ich schlage vor, dass wir uns einer solchen Reflexion über die fünfte Ausgabe des Multidimensionalen Erinnerungsmonitors, kurz MEMO-Studie nähern, die am 21. Februar 2023 im Berliner Anne-Frank-Zentrum der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Die MEMO-Studien werden von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft (EVZ) finanziert und herausgegeben. Durchgeführt wurden sie vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld. Gegenstand der Studien war und ist die Erinnerungskultur in Deutschland. Im Unterschied zu den bisherigen vier MEMO-Studien – die erste erschien im Jahr 2018 – handelt es sich um eine Jugendstudie. Diese ist vorerst die letzte MEMO-Studie, sie ist die einzige, die eine bestimmte Alterskohorte untersuchte.

Ergebnis: die jungen Menschen der sogenannten „Generation Z“ sind besser als ihr von älteren Generationen verbreiteter Ruf. Sie ärgern sich über die herablassende Art, in der über sie gesprochen wird. Sie interessieren sich für die NS-Zeit, für die Shoah, sind aber enttäuscht, dass die Gesellschaft, in der sie leben, dies nicht unterstützt. Über 80 Prozent beschäftigen sich mit auch privat dem Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg. Sie wollen wissen, was die Deutschen in der NS-Zeit über das wussten, was geschah, wie sie dies zulassen konnten. Sie wollen mehr über den Alltag der Zeit wissen, sie wollen mehr Faktenwissen. Wichtig ist ihnen der Bezug zur Gegenwart. Ihre Lernbereitschaft ist hoch, ihre Informationen haben sie zu einem hohen Anteil aus den sozialen Medien.

Gleichwohl gibt es große und systematische Wissenslücken. Etwa die Hälfte der Befragten konnten den Zeitraum der NS-Zeit nicht korrekt benennen. Häufig wird die Schuld am Nationalsozialismus bestimmten Personen, allen voran Hitler, zugeschrieben. Etwa ein Viertel bis ein Drittel konnten nicht sagen, ob ihre Familie zu den Opfern oder zu den Täter*innen gehörte. Die vorangegangenen MEMO-Studien verzeichneten steigende Zahlen der Deutschen, die sich zu den Opfern zählten und behaupteten, dass ihre Vorfahren Jüdinnen und Juden gerettet hätten. Die Einstellungen der befragten jungen Menschen dürfen daher durchaus als Folge der praktizierten Verdrängung älterer Generationen interpretiert werden. Etwa drei Viertel der jungen Menschen widersprechen der Forderung nach einem „Schlussstrich“. Zum Vergleich: in der Allgemeinbevölkerung widersprachen nur etwa 57 Prozent dieser Forderung.

Hohe Bedeutung hat für die jungen Menschen das Lernen am historischen Ort. Sie erleben in Gedenkstätten durchaus so etwas wie Empathieförderung. Der Transfer der durch den Besuch und die Beschäftigung mit Gedenkorten gewonnenen Erkenntnisse in gegenwärtige Zusammenhänge fällt allerdings schwer. Diskriminierung und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit werden reflektiert, es fällt ihnen jedoch schwer, die historischen Ereignisse mit den aktuellen Ereignissen in der Ukraine fällt in Zusammenhang zu bringen. Hier fehlen einfach historische Kenntnisse sowie die Fähigkeit, solche Kenntnisse zu kontextualisieren und die spezifische historische Verantwortung Deutschlands zu formulieren.

© Stiftung EVZ / Heilmeyer und Sernau Gestaltung

Die fehlenden Kenntnisse wurden besonders bei einer Frage deutlich. Die jungen Menschen wurden aufgefordert, ihnen bekannte Konzentrationslager zu benennen. Sie benannten Lager in Polen und in Deutschland, in Österreich Mauthausen, aber kein einziges in den ost- und ostmitteleuropäischen Staaten, nicht im Baltikum, nicht in Polen, nicht in Belarus, nicht in der Ukraine, auch nicht in den südosteuropäischen Staaten wie Ungarn, Rumänien und Bulgarien oder im ehemaligen Jugoslawien. Fast drei Viertel kennen Auschwitz, etwa ein Drittel kennt Dachau, etwas weniger Buchenwald, etwa 10 Prozent nennen Bergen-Belsen. Alle anderen Werte liegen deutlich unter zehn, die meisten sogar unter ein Prozent. Die Gewaltgeschichte in Osteuropa, der deutsche Vernichtungskrieg im Osten sind weitgehend unbekannt, Russland und die Sowjetunion werden miteinander verwechselt. Nur etwa ein Prozent kennt die Ukraine als selbstständiges Land. Nur eine Minderheit nahm den russischen Überfall auf die Ukraine zum Anlass, sich intensiver mit der Geschichte der Ukraine beziehungsweise ihrer Rolle im Zweiten Weltkrieg zu befassen.

Diese fehlende Kontextualisierung ist ein Ergebnis der Ignoranz – anders kann ich das nicht nennen – der älteren Generationen, nicht zuletzt der Schulen mit ihrem archaischen Geschichtsunterricht. Lehrpläne, Prüfungsanforderungen für die Abiturprüfung gehen nach wie vor chronologisch vor, sodass bei Zeitmangel die Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts, geschweige denn des 21. Jahrhunderts ausreichend Platz findet. Aber es ist ja leider nicht nur der Geschichtsunterricht. Der Sprach- und Literaturunterricht böte auch die eine oder andere Möglichkeit, sich mit der Vergangenheit von Autor*innen und dem Setting von Romanfiguren zu befassen. Und was geschieht in der Fachdidaktik? Es fehlt an jeder systematischen epochen- und raumübergreifenden Aufarbeitung von Themen wie Menschenrechte, Antisemitismus, Rassismus, Völkermord, Klassismus, Nationalismus, Migration, Bedingungen von Friedensschlüssen, Geschichte der Beziehung der Geschlechter, Klimageschichte, der Ernährung, der Art, sich zu kleiden. Stattdessen werden die Epochen nach altem Muster stur abgearbeitet.

Die jungen Menschen mögen ihren Geschichtsunterricht, etwa drei Viertel sagen dies, viele beschäftigen sich mit historischen Themen in der Freizeit, doch spiegelt diese Wertschätzung vor allem ihr Interesse, nicht jedoch das, was ihnen die für die Lehrpläne und den Unterricht zuständigen Erwachsenen bieten. Wenn junge Menschen etwas nicht wissen, ist dies nicht ihre Schuld. Bezeichnend ist, dass viele auf die sozialen Medien angewiesen sind, um sich Informationen zu beschaffen, mit großem Abstand YouTube (insbesondere „MrWissen2go“) und Instagram (insbesondere „ichbinsophiescholl“). Etwas mehr als 40 Prozent schauen Dokumentationen, Spielfilme und Serien, den Schulunterricht nennen nur etwas mehr als 20 Prozent als einen Faktor, der ihnen persönlich weitergeholfen habe. Eine pädagogische Begleitung findet in den genannten informellen Bildungsprozessen natürlich nicht statt, Fehlinformationen und falschen Kontextualisierungen ist Tür und Tor geöffnet.

Etwa zwei Drittel der Befragten sind für die politischen Anliegen unserer Zeit sensibilisiert, für sie ist nach dem Klimawandel Diskriminierung zentrales politisches und gesellschaftliches Anliegen. Etwa ein Drittel der Befragten nennt Diskriminierungserfahrungen, insbesondere Klassismus und Rassismus. Der Bildungshintergrund ist wichtiger als der sogenannte „Migrationshintergrund“. Jonas Rees vom IKG, der die Studie in Berlin vorstellte, wies darauf hin, dass die Frage nach dem Migrationshintergrund mehr über die Gesellschaft aussage als über die Folgen von Migration selbst. Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus führt bei einigen auch zu gesellschaftlichem Engagement, immerhin bei einem Fünftel der Befragten.

© Stiftung EVZ / Nadine Klück

Es gäbe Hoffnung, wenn diejenigen, die Lehrpläne schreiben, Fortbildung organisieren, dafür sorgten, dass historische und politische Bildung im Kontext gesehen werden, auch im Zusammenhang mit kulturellen Inhalten, beispielsweise in der Literatur, der Sprachwissenschaft (Stichwort: Framing) oder mit der Entwicklung von Religionen. Damit dies jedoch geschieht, müssten sie erst einmal das tun, was sie bisher nicht tun: einschlägige Beschlüsse der KMK (zum Beispiel zum Antisemitismus, zur jüdischen Geschichte, Religion und Kultur, zur Erinnerungskultur, zur Demokratie, zu den Menschenrechten, zu Sinti und Roma) mit ihren zum Teil weitreichenden, aber leider unverbindlichen Empfehlungen ernst nehmen. Diese KMK-Beschlüsse bieten eine Fülle von Anregungen, doch leider werden sie in Lehrplänen, in Abituraufgaben oder in Aus- und Fortbildung weitgehend ignoriert. Zum Gesamtbild der KMK-Beschlüsse gehört leider auch, dass sie in vielen Punkten von anderen Beschlüssen, insbesondere den Einheitlichen Prüfungsanforderungen zur Abiturprüfung (nicht zuletzt zum Fach Geschichte) konterkariert werden. Es hängt an einzelnen engagierten Lehrkräften, für ihre Schüler*innen ein anderes Bild zu zeichnen.

Fazit: Wir erhalten das Bild einer interessierten, geschichts- und politiksensiblen Generation. Sie sind diversitäts- und diskriminierungssensibler als die Allgemeinbevölkerung, auch unabhängig von eigener Diskriminierungserfahrung. Die älteren Generationen tun so gut wie nichts, um diesem Interesse entgegen zu kommen. Anders gesagt: diejenigen, die für die formelle Bildung junger Menschen verantwortlich sind, versagen – auf ganzer Linie. NR

P.S.: Die Auftraggeberin der MEMO-Studie, die Stiftung EVZ, unterstützt die Ukraine. Wie dies geschieht, lesen Sie auf der Internetseite der Stiftung.

Die neuen Texte im Demokratischen Salon:

  • Rubrik Liberale Demokratie: Zwi Rappoport ist Vorsitzender des Verbandes der Jüdischen Gemeinden von Westfalen-Lippe. Unser Gesprächs dokumentieren wir unter dem Titel „Jüdisches Leben in der Nachkriegszeit“, es ist ein „tour d’horizon“ durch mehr als 75 Jahre Demokratie-Geschichte sowie das Jüdisch-Sein in Deutschland und in Israel. Zwi Rappoport wurde 1946 in Israel geboren, kam 1954 nach Deutschland, besuchte ein Münsteraner Gymnasium, dann die Odenwaldschule, studierte Jura in Berlin während der 1968er Zeit. Sein Vater kam aus einer assimilierten liberalen Familie, war Richter, verlor 1933 sein Richteramt und musste in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina auswandern, wo er als begeisterter Flieger einen Beitrag zum Ausbau der israelischen Fliegerei einschließlich der Luftwaffe leistet. Er war ein typischer Jecke, der sich erst wieder wohl fühlte, als er nach Deutschland zurückkehrte, während die Mutter ein anderes Bild von Deutschland hatte. Aus einer liberalen Perspektiven sprachen wir über den autoritären Erziehungsstil des Münsteraner Gymnasiums, die offene Atmosphäre der Odenwald-Schule, aber auch über die Tragödie der Reformpädagogik, die Ambivalenzen der 1968er Bewegung, nicht zuletzt im Zusammenhang mit linkem Antisemitismus, über Deutschlandbilder und Israelbilder. Das vollständige Gespräch finden Sie hier.
  • © Landtag NRW / Bernd Schälte

    Rubrik Shoah: Am 27. April 2023 sprach Zwi Rappoport gemeinsam mit Ruth Weiss im Düsseldorfer Landtag. Wir dürfen seine sehr persönlich gehaltene Rede mit vielen Verweisen auf die eigene Familiengeschichte dokumentieren. Jüdinnen und Juden, die in der Nachkriegszeit nach Deutschland zurückkamen, hatten ein ambivalentes Verhältnis zu diesem Land. Zwi Rappoport erlebte dies in der eigenen Familie. Er sprach auch über die Frage, was es heißt, dass viele Menschen in Deutschland einen „Schlussstrich“ unter die Shoah ziehen wollen, und plädierte dafür, dass alle jungen Menschen Orte der Shoah besuchen sollten, weil dieses Erlebnis niemanden unbeeindruckt lassen könne. Der Schlusssatz seiner Rede ist auch Titel unserer Dokumentation: „Ich hoffe, ich behalte recht“. Die vollständige Rede lesen Sie hier.

  • Rubrik Shoah: Am 11. Dezember 1941 wurden 1007 Jüdinnen und Juden aus Düsseldorf und vom Niederrhein vom damaligen Düsseldorfer Schlachthof nach Riga deportiert. Nur 98 überlebten. Joachim Schröder beschreibt die Geschichte in seinem Essay „Die Deportation“. Er nutzt Quellen der Überlebenden, die weitgehend in dem Düsseldorfer Erinnerungsort Alter Schlachthof einsehbar sind. Einige wenige wurden gedruckt, manche finden sich in Yad Vashem oder in der Wiener Holocaust Library, sodass wir uns ein sehr genaues Bild machen könnten, was vor, an und rund um diesen 11. Dezember 1941 und dann in Lettland geschah. Beschrieben werden das Leid der Opfer und die unmenschlich-akribische Bürokratie der Täter. Viele der deportierten Jüdinnen und Juden wurden bei ihrer Ankunft sofort ermordet (der „Holocaust by bullets“), manche mussten zunächst Zwangsarbeit leisten, an der wiederum weitere Menschen starben („Vernichtung durch Arbeit“). Um Platz zu schaffen, wurden die im Ghetto eingeschlossenen lettischen Jüdinnen und Juden in die Wälder rund um Riga geführt und dort erschossen, um weitere Aufnahmen im Ghetto zu ermöglichen. Ebenso wurden dort die von den Nazis als „nicht arbeitsfähig“ selektierten Menschen ermordet. Die zugehörige Ausstellung bis zum 7. April 2023 im Erinnerungsort Alter Schlachthof zu sehen, Den vollständigen Bericht lesen Sie hier.
  • Rubriken Shoah und Treibhäuser: Eines der besten Bücher der letzten Jahre zu den Kontroversen rund um die Erinnerungskultur schrieb Natan Sznaider, Titel: „Fluchtpunkte der Erinnerung – Über die Gegenwart von Holocaust und Kolonialismus“. Norbert Reichel stellt dieses Buch in dem Essay „Nur die Hölle ist echt“ vor, den Titel entnahm er einem Buch von Aslı Erdoğan. Eine zentrale Frage dieser Debatte lautet: wie universalisierbar sind Worte über die Shoah, über Kolonialverbrechen, über Regierungsterror, wie ihn Aslı Erdoğan stellvertretend für viele Menschen in den Diktaturen und Unrechtsregimen unserer Zeit erlitt und beschreibt, und was bedeutet es dann, wenn wir von der Singularität der Shoah sprechen? Was kann ich vergleichen und wie? Natan Sznaider bietet Portraits von Philosoph*innen, Historiker*innen, Film- und Kulturschaffenden, die sich mit unterschiedlichen Perspektiven den Fragen näherten. Immer wieder verweist er auf Hannah Arendt. Er entdeckt vergleichbare Zugänge von Claude Lanzmann sowie Schwarzen Autoren wie E.B. Du Bois, Frantz Fanon. Israel ist allerdings so etwas wie der Elefant im Raum, gerade mit den Folgen des Suez-Krieges 1956 und des Sechs-Tage-Krieges von 1967. Natan Sznaiders Fazit bringt die gesamte Debatte auf den Punkt: „Der Holocaust kann durchaus aus kolonialistischen Strukturen verstanden werden, aber gleichzeitig auch singulär sein. Das ist kein Widerspruch, sondern ein Versuch, sich aus der Binarität des Denkens zu befreien.“ Der Essay dokumentiert auch mehrere Definitionen der Singularität der Shoah. Den vollständigen Essay lesen Sie hier.
  • Rubriken Kultur und Treibhäuser: Im Verlag Frank & Timme geben Helga Mitterbauer und Jacques Lajarrige die Reihe Forum: Österreich heraus, aus der der Demokratische Salon verschiedene Titel vorstellt, zuletzt in einem Essay rund um Elfriede Jelinek und ihr Buch „Die Kinder der Toten“. Der Essay über die österreichische Autorin Marlen Haushofer hat den bewusst an Virginia Woolf erinnernden Titel: „A World of Her Own – Feministische Anarchie und Surrealitäten bei Marlen Haushofer“. Vorgestellt werden die Haushofer-Biografie von Daniela Strigl sowie zwei lesenswerte Tagungsbände, die rund um den 100. Geburtstag und 50. Todestag der Autorin entstanden, die dazu beitragen sollten, dass Marlen Haushofer bei aller Wertschätzung nicht mehr unterschätzt wird. Die leider gängige Bezeichnung ihrer Romane und Erzählungen als „Hausfrauenliteratur“ verkennt die Reichweite eines feministisch anspruchsvollen Werks, das die gesellschaftlichen Verhältnisse minutiös charakterisiert und auch vor der österreichischen Nicht-Aufarbeitung der NS-Zeit nicht Halt macht. Die Motive sind mitunter surreal, nicht zuletzt in dem bekanntesten Roman „Die Wand“. Kreativität entsteht in abgeschlossenen Räumen, spiegelt aber gleichzeitig – surrealistisch, geradezu absurd gebrochen – immer die verlassene Welt. Die „écriture féminine“ wird und bleibt Widerstandsakt. Das Besondere an „Die Wand“ lässt sich darin ermessen, dass es in dieser Welt anders als in „Die Mansarde“ oder „Die Tapetentür“ keinen Weg mehr zurück in die reale Welt gibt. Den vollständigen Essay lesen Sie hier.
  • Rubriken DDR sowie Opfer und Täter*innen: Am 24. Februar 2023 erhielt Ines Geipel in Leipzig den von der Leipziger Medienstiftung verliehenen Erich-Loest-Preis. Die Laudatio hielt Durs Grünbein. Wir danken für die Erlaubnis, die Dankesrede von Ines Geipel, Titel: „Keine Kerben im Kolben“ zu veröffentlichen. Im Anschluss an die Rede haben wir alle Texte zusammengestellt, die mit und dank Ines Geipel im Demokratischen Salon erscheinen konnten. Ines Geipel stellt die Frage, welche DDR wir uns eigentlich erzählen, und zitierte Erich Loest aus seinem Tagebuch: „Bei der Zusammenschau, der Deutung kommen wir nicht voran. Wir wursteln immer noch in der Frühphase der Zeitgeschichtsschreibung. Einfache Grundlagen bleiben ungefestigt.“ Leben und Vermächtnis eines Erich Loest sind zu vielfältig, um auf einen Punkt, einen Gedanken gebracht zu werden. Ines Geipel sprach über Erich Loests Zeit in und mit der Hitler-Jugend, seine Einsichten und Versuche, sich in der DDR als Kommunist neu zu definieren, die Haft in der DDR und die immer wieder neuen Versuche, sich als Geläuterter, als ernsthaft die Vergangenheit aufarbeitender Autor zu positionieren. Ines Geipels Fazit: „Die Verzahnung von Nationalsozialismus und DDR-Diktatur bleibt das Basisbrot der deutschen Frage und Erich Loest als Mentor der doppelten Aufarbeitung eine Aufgabe.“ Die vollständige Rede finden Sie hier.
  • Rubriken Afrikanische Welten und Weltweite Entwicklungen: Nach ihrem Portrait von Chimamanda Ngozi Adichie bietet Beate Blatz ein Portrait des senegalesischen Ökonomen, Philosophen Schriftstellers und Musikers Felwine Sarr. Der Titel des Portraits „Afrotopia“ folgt einem seiner zentralen Werke, dem Essay gleichen Namens. Felwine Sarr plädiert für eine afrikanische Kulturrevolution, die sich auf ihre eigenen Ressourcen beruft und stützt. Sprachmacht und interkulturelle Kompetenz ergänzen einander. Die gängigen vom „Westen“ beziehungsweise „Norden“ geprägten Begriffe erhalten eine andere, eine neue Bedeutung: Entwicklung, Wirtschaft, Moderne und Tradition, Kunst und Kultur, Bildung. Der Afrotopos als Möglichkeitsraum lädt zum Denken ein. Zu den Eckpfeilern einer zukunftsfähigen Politik zählt Felwine Sarr unabhängige Lebensmittelversorgung und Energieproduktion, die Schaffung kontinentaler (afrikanischer) Wertschöpfungsketten, ökologische Industrialisierung, bessere Vernetzung im internationalen Handel, Beendigung der (afrikanischen) Spezialisierung, Verarbeitung der Rohstoffe Afrikas in den Ländern Afrikas und die Diversifizierung der afrikanischen Wirtschaft: „In der Welt geht es darum, diese strukturellen Transformationen durchzuführen, die Wirtschaft als Teil ihres soziokulturellen Umfelds zu verstehen, in ihrer Symbiose mit dem Leben. Dafür sind kulturelle, soziale, politische Revolutionen notwendig. Und daran müssen wir arbeiten.“ Das vollständige Portrait lesen Sie hier.
  • Rubrik Kultur: Die Van der Grinten Galerie in Köln präsentiert noch bis zum 22. April 2023 die Ausstellung Karl Hugo Schmölz „Über den Krieg“. Franz van der Grinten hat die Ausstellung kuratiert. Wir sehen auf 24 Diptychen und 20 weiteren Originalabzügen „Momentaufnahmen, die zu einem visuellen Kölner Stadtgedächtnis verschmelzen“. Die Bilder sind „Zeitdokument und Kunstwerk zugleich.“ Weitere Informationen auf der Seite der Galerie. Unter dem Titel „Bestandsaufnahme einer Zerstörung“ beschreibt Franz van der Grinten die Geschichte der Fotografenfamilie Schmölz sowie die Methode von Karl Hugo Schmölz, mit der er die Schrecken eines Krieges und seiner Zerstörungen fotografisch sichtbar macht. Karl Hugo Schmölz hat für seine Schwarz-Weiß-Fotografien nach der Zerstörung dieselben Einstellungen, dieselben Lichtverhältnisse, dieselben Perspektiven gewählt, die er bereits vor der Zerstörung verwendet für dasselbe Motiv verwendet hatte. Die Frage nach der „Perfektion der Bilder“ beantwortet Franz van der Grinten wie folgt: Ein Mensch wie er muss das zu fotografierende Gegenüber bis ins letzte Detail ernst genommen und durchdacht haben, und er fand – aus seiner frühen Erfahrung heraus – immer den exakt richtigen Blickpunkt, um den herum sich das Bild aufbauen konnte, so dass auch banalere Motive, die es selbstverständlich auch gibt, in der kühlen und analytisch-atmosphärischen Wiedergabe in ein anderes Licht gehüllt werden.“ So erhalte die Fotografie „grafische Qualitäten“. Den vollständigen Text lesen Sie hier.

Veranstaltungen mit Beteiligung des Demokratischen Salons:

  • Zukunft der Ukraine: Am 23. März 2023, 18.30 – 20.30 Uhr, diskutiert Norbert Reichel im Haus der Evangelischen Kirche in Bonn an der Adenauerallee (direkt hinter dem Institut Français und neben der Universitätsbibliothek) mit Sergey Lagodinsky MdEP, der stellvertretenden Ministerpräsidentin Nordrhein-Westfalens Mona Neubaur, Anastasia Tikhomirova und Ursula Stark Urrestarazu über die „Zukunft der Ukraine – Perspektiven einer neuen Sicherheitsarchitektur in Europa“. Ausgehend von den völkerrechtlichen Grundlagen, die die Russische Föderation nicht erst mit der Invasion in die Ukraine am 24. Februar 2022, sondern bereits mit der Annexion der Krim und der Besetzung von Teilen des Donbass im Jahr 2014 gebrochen hat, geht es um die Frage, wie eine neue Sicherheitsordnung unter welchen Bedingungen aussehen und geschaffen werden könnte. Gegenstand ist schließlich die Frage des angestrebten Sondertribunals zu Kriegsverbrechen in der Ukraine. Veranstalter sind der Kreisverband Bonn von Bündnis 90 / Die Grünen in Kooperation mit der AG Außen- und Sicherheitspolitik des Ortsverbandes Bad Godesberg und dem Demokratischen Salon.
  • Forum: Österreich – der literaturwissenschaftliche Blick über die Alpen: Der Demokratische Salon ist auf der Leipziger Buchmesse präsent. Am 28. April 2023, 12.00 – 12.30 Uhr spricht Norbert Reichel im Forum „Sachbuch und Wissenschaft“ (Halle 2, D 500) mit den Herausgeber*innen der Reihe Forum: Österreich des Verlags Frank & Timme, Helga Mitterbauer und Jacques Lajarrige über die Besonderheiten österreichischer Literatur, insbesondere über Elfriede Jelinek, Marlen Haushofer, Andreas Latzko und Franz Blei. Den Verlagsstand finden Sie in Halle 2, D 109.
  • Foucaults Narben – deciphering photographs: Empfehlen dürfen wir Ihnen den Band „Foucaults Narben“, Gedichte von Norbert Reichel und Fotografien von Hans Peter Schaefer aus der Serie „fotografien entziffern / deciphering photographs“, der Band erschien Ende Januar 2023 im reserv-art Verlag und im Buchhandel erhältlich. Die Fotografien sind in der Zeit vom 21. April bis zum 21. Mai 2023 in der Kölner Galerie r8m, Luxemburger Str. 197, 50939 Köln, zu sehen. Am 21. Mai 2023, 14 Uhr, werden im Rahmen der Finissage auch einige der Gedichte vorgetragen. Dazu gibt es die bei einer Finissage üblichen Leckereien (in flüssiger und in fester Form).
  • Kinderarmut: Am 2. Juni 2023, 16.30 Uhr bis 18.30 Uhr, findet eine digitale Diskussionsveranstaltung zur Kinderarmut statt, die der Landschaftsverband Rheinland und der Demokratische Salon gemeinsam gestalten. Gesprächspartner*innen sind, Annette Berg vom Sozialpädagogischen Institut Berlin, der Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebunds, Gerd Landsberg, Heike Moerland von der Diakonie Nordrhein-Westfalen, die Publizistin Marina Weisband sowie die Autorin Undine Zimmer („Nicht von schlechten Eltern“). Nähere Informationen demnächst an dieser Stelle.

Weitere Veranstaltungen, Ausstellungen und Wettbewerbe:

  • Lew Kopelew: Am 30. März 2023, 19.30 Uhr, wird Dmitrij Belkin sein in der Reihe „Jüdische Miniaturen“ des Verlags Hentrich & Hentrich erschienenes Buch „Der Transitmann“ im Kölner Forum Neumarkt vorstellen. Es beteiligen sich die Historikerin Maria Birger, der Vorsitzende der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Jürgen Wilhelm und Nora Pester, die Inhaberin des Verlags Hentrich & Hentrich. Die musikalische Begleitung übernimmt Kontrasax. Veranstalter sind das Lew Kopelew-Forum und die Kölnische Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Anmeldung wird erbeten.
  • Frauensache – Hebammen und Gemeindeschwestern im Bergischen Land: Am 30. März, 19.30 Uhr, sprechen Martina Gaß und Petra Dittmar im Wilhelm-Fabry-Museum, Benrather Str. 32 a, 40721 Hilden über einen der ältesten Frauenberufe, die Hebamme. Dorfhebammen hatten in ihren Dörfern eine wichtige gesellschaftliche Rolle. Lange wurden die Kenntnisse von Frau zu Frau weitergeben, im Jahr 1808 wurde in Köln eine Hebammenlehranstalt eingerichtet. Hebammen trugen zu einer Verringerung der Sterblichkeit von Müttern und Kindern bei, arbeiteten aber immer – und auch noch heute – mit einer ihrer großen Verantwortung nicht angemessenen Bezahlung, viele arbeiten am Rande des Existenzminimums. Weitere Informationen finden Sie hier.
  • Politische Gefangene in der Türkei: Die Evangelische Migrations- und Flüchtlingsarbeit zeigt gemeinsam mit mehreren Partnern vom 13. bis zum 31. März 2023 im Bonner MIGRAPolis eine Ausstellung mit Karikaturen und Briefen von politischen Gefangenen in der Türkei. Es gibt mehrere Begleitveranstaltungen mit Exilpolitiker*innen, die Bernhard von Grünberg Das gesamte Programm finden Sie hier. Ergänzend zur Ausstellung empfehlen wir zu diesem Thema das Buch „Verhaftung in Granada“ von Doğan Akhanlı sel.A. (Köln, Kiepenheuer & Witsch, 2018).
  • Schultheaterfestival Spotlights 2023: Seit mehr als 20 Jahren bietet die Junge Theatergemeinde BONN mit dem Schultheaterfestival „spotlights“ in Kooperation mit verschiedenen Bonner Bühnen jungen Theatergruppen oder AGen die Möglichkeit, auf professionellen Bühnen aufzutreten. Diese Kooperation ist bundesweit einmalig. Bewerben können sich alle Ensembles aller Schulformen aus Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis. Jede Form der Darbietung ist willkommen: Sprechtheater, Musik- und Tanztheater, Selbstverfasstes, Kabarett. Eine Fachjury wählt die herausragenden Produktionen aus, die beim eigentlichen Festival, das voraussichtlich zwischen dem 31. Mai und dem 5. Juni stattfindet, vorgestellt werden und für den begehrten „Kobold“ nominiert sind. Bewerbungsphase bis zum 2. April 2023. Weitere Informationen und Kontaktdaten finden Sie hier.
  • Ausstellung „Zurück ans Licht“: Die Ausstellung ist bis zum 17. April 2023 im Jüdischen Museum Frankfurt am Main zu sehen. In der Ausstellung werden vier jüdische Frankfurter Künstlerinnen vorgestellt, Rosy Lilienfeld (1896-1942), Amalie Seckbach (1870-1944), Ruth Cahn (1875-1966) und Erna Pinner (1890-1987). Laura Vollmers schrieb in der Jüdischen Allgemeinen vom 5. Januar 2023: „Insgesamt beeindruckt die Ausstellung mit einer gelungenen Gratwanderung zwischen der Erzählung der Geschichten und Schicksale der vier Künstlerinnen und der kunsthistorischen Würdigung ihrer Werke. Vor allem wird auch ein Bewusstsein für die Einschnitte geschaffen, die der Nationalsozialismus nicht nur ins Werk dieser Künstlerinnen gerissen hatte, sondern auch in den Kanon der Kunstgeschichte.“
  • Ausstellung „100 Missverständnisse über und unter Juden“: Diese Ausstellung ist noch bis zum 4. Juni 2023 im Jüdischen Museum Wien Dorotheergasse zu sehen. Die Ausstellung ist nicht unumstritten, wie Marta Halpert am 26. Februar 2023 in der Jüdischen Allgemeinen unter der Überschrift „Darf man das zeigen?“ berichtet. Wer hat welches Bild von Jüdinnen*Juden, wer welches Selbstbild, wer welches Fremdbild und warum? Und was geschieht mit diesen Bildern? Eine entscheidende Frage lautet: Wer hat die Deutungshoheit über die jüdische Geschichte, über richtig oder falsch beim Erinnern an die Schoa und im Verhältnis zu Israel?“ Weitere Informationen finden Sie hier.
  • StadtLandschaften: Das Wilhelm-Fabry-Museum Hilden bietet immer wieder ausgesprochen anregende und weit denkende Ausstellungen, demnächst wird am 23. März 2023 die Ausstellung „StadtLandschaften“ mit Werken von Traute Schmaljohanns eröffnet. Die Ausstellung kann bis zum 29. April 2023 besucht werden. Thema der Arbeiten der deutsch-französischen Malerin sind Metropolen, Städte mit den Gefühlen und Gedanken, die sie bei den Menschen auslösen, die sie besuchen oder vielleicht nur von ihnen träumen. Es vermischen sich diese Bilder mit Plakaten, die in ihrer gegenseitigen Durchdringung „das Prozesshafte spürbar“ machen. Weitere Informationen über diese und weitere Ausstellungen finden Sie hier.
  • Fünf Wochen für Bäume: Das Abrahamische Forum ruft dazu auf, sich an der Aktion zu beteiligen und die eigene Umwelt näher kennenzulernen. Die Aktion läuft vom 21. März bis zum 23. April 2023. Welche Rolle kann dabei die eigene Religion spielen? In der Ankündigung wird das Ziel genannt: „Die Aktion Fünf Wochen für Bäume sorgt für ein neues Verständnis und ein besseres Zusammenleben zwischen Mensch und Mitwelt.“ Es gibt zahlreiche Aktionen, gerade auch für Familien und für Kinder, zum Beispiel eine „Waldrallye“, in der erkundet wird, wer alles im Wald lebt, das „Waldbaden“ oder auch eine „Baumpflanzaktion“. In der Bonner Rheinaue findet am 23. April 2023 eine gemeinsame Veranstaltung des Abrahamischen Forums, des Bundesamts für Naturschutz und mehrerer Religionsgemeinschaften statt. Weitere Informationen auf der Seite des Abrahamischen Forums. Dort finden Sie auch weitere Projekte des Veranstalters und erfahren, was Religion und Naturschutz miteinander verbindet.
  • Fixing the Boat – Finding Identity: So lautet der Titel des mobilen Escape Room Game von SABRA. „Wer bin ich und was macht mich aus?” Das sind die Fragen, die sich die mutigen Abenteuer*innen an Bord eines rätselhaften Bootes stellen, das mitten im Meer treibt. Sie müssen das Boot reparieren, sturmsicher machen. Gelingt dies nicht, gehen sie unter. Sie haben eine Stunde Zeit. Das Projekt richtet sich an alle Menschen ab 14 Jahren. Das Spielteam kann aus 4 bis 6 Personen bestehen, Spieldauer etwa 90 – 120 Minuten einschließlich Einführung und Reflexion. Ausleihbedingungen und weitere Informationen auf der Seite von SABRA.

Kurznachrichten und weitere Empfehlungen:

  • Demokratischer Salon in ukrainischer Sprache: Die renommierte Zeitschrift Krytyka hat die Rezension des Buches von Stanislav Aseyev über das Konzentrationslager „Heller Weg“ im Donbass von Ursula Stark Urrestarazu, Titel: „Isolation“, in einer ukrainischen Übersetzung veröffentlicht. Die Übersetzung finden Sie mit einem beeindruckenden Titelbild des italienischen Renaissance-Malers Bernardo Daddi hier, das deutsche Original hier.
  • Deutsches Stiftungsgesetz: Das Bundesverfassungsgericht urteilte am 22. Februar 2023, dass es keine Rechtsgrundlage gebe, der mit der AfD verbundenen Desiderius-Erasmus-Stiftung Bundesmittel vorzuenthalten. Meron Mendel und die Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main hatten mit vielen Kolleg*innen und engagierten Bürger*innen eine bundesweite Aktion initiiert, deren Ziel es ist zu verhindern, dass eine Partei mit Staatsmitteln demokratiefeindliche Positionen verbreiten kann. In seinem Statement zum Urteil sagte er: „Mit der Regelung über das Haushaltsgesetz hat sich die Bundesregierung aus der Affäre zu ziehen versucht: kein Stiftungsgesetz, aber eine Art Not-OP, um das Schlimmste zu verhindern. Karlsruhe hat dieses Vorgehen jetzt zurückgewiesen. (…) Die Bundesregierung muss jetzt endlich eine gesetzliche Grundlage für die öffentliche Förderung der parteinahen Stiftungen auf den Weg bringen.“ Das vollständige Statement lesen Sie hier.
  • Iran – eine Geschichtsstunde: Ob Kabarettist*innen die besseren Geschichtslehrer*innen sein könnten? Claus von Wagner, Max Uthoff und ihre Gäste Negah Amiri, Enissa Amani und Maike Kühl präsentieren in der Ausgabe ihres Formats „Die Anstalt“ vom 15. November 2022 ein 49 Minuten langes Feuerwerk, das im Detail zeigt, wie Deutschland lange Zeit das Mullah-Regime stützte und verharmloste und wie darüber hinaus Deutsche schon in der Kaiserzeit und erst recht in der NS-Zeit antisemitisches Gedankengut im Iran und in anderen muslimischen Ländern verbreiteten. Die fünf Kabarettist*innen decken deutsches Unwissen auf und zeigen, wozu das menschenverachtende Regime der Islamischen Republik Iran fähig ist. Die vollständige Sendung finden Sie in der ZDF-Mediathek.
  • „Charta zur Solidarität und Freiheit im Iran“: Gibt es eine organisierte Alternative zur iranischen Führung? Hierzu äußert sich Hossam Sadek auf der österreichischen Plattform mena-watch. Gegenstand sind Begegnungen auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Reza Pahlavi, ältester Sohn des 1979 gestürzten Schah, und Masih Alinejad, „beides prominente Regimegegner, kündigten bei einem Treffen einige Tage zuvor in der Georgetown University in Washington den Zusammenschluss der Opposition und die Ausarbeitung einer ‚Charta für Solidarität und Freiheit im Iran‘ an, um mehr Druck auf die Mullahs auszuüben. An der Veranstaltung mit dem Titel ‚Die Zukunft der demokratischen Bewegung des Iran‘ nahmen zahlreiche Vertreter der im Ausland lebenden iranischen Opposition teil.“ Hossam Sadek stellt mehrere kritische Fragen, ob sich aus dieser durchaus nicht unumstrittenen Zusammensetzung eine reale Alternative ergeben könnte oder ob es noch andere Initiativen bräuchte, um die iranischen Oppositionsgruppen zu einigen. Weitere Informationen zu dieser Bewegung, ihrem Umfeld und ihren Chancen finden Sie auch auf der Plattform mena-watch.
  • Nuklearmacht Iran? Eine Nuklearmacht Iran bedroht nicht nur Israel, sondern auch die umliegenden arabischen Staaten. Die Nachricht vom 21. Februar 2023, dass der Iran inzwischen Uran auf 86 Prozent habe anreichern können, ist glaubwürdig, gleichviel ob es sich um ein beabsichtigtes oder ein eher zufälliges Ergebnis handelt. Mena Watch hat ein Dossier zusammengestellt, wie es dazu kam, dass der Iran weitestgehend ungestört am Bau einer Nuklearwaffe arbeiten konnte und diese Arbeiten offensichtlich auch weiter vorantreibt. Das Dossier enthält auch Informationen über die Probleme des Westens, nicht zuletzt in Deutschland, sich darauf einzustellen.
  • Folter im Iran: Die taz berichtete über die „Weiße Folter“ in iranischen Gefängnissen. Die Deutsch-Iranerin Nahid Naghavi hatte sie in ihrer Zeit im Evin-Gefängnis erlebt. „Neben der Deutsch-Iranerin waren im Januar weitere 57 politische Gefangene im Frauentrakt des Evin-Gefängnisses inhaftiert. Auch sie waren zuvor in Isolationshaft gehalten worden – zusammengerechnet 8.350 Tage lang, wie aus einem kürzlich veröffentlichten Bericht der bekannten iranischen Frauen- und Menschenrechtsverteidigerin Narges Mohammadi hervorgeht.“ Auch Narges Mohammadi ist in Haft. Sie wurde 2015 zu 16 Jahren Haft verurteilt, aus gesundheitlichen Gründen 2020 freigelassen, 2021 erneut verhaftet und zu neuerlichen acht Jahren Haft verurteilt. Die taz berichtet über die gesundheitlichen Folgen für die Inhaftierten, die Praxis der Todesstrafe im Iran sowie die Rolle der Pasdaran, die ungeachtet der von der deutschen Außenministerin verkündeten „Feministischen Außenpolitik“ immer noch nicht als Terrorgruppe eingeordnet wurde.
  • Ehehindernisse für Iranerinnen in Deutschland: Laut 1309 BGB muss in Deutschland jemand, der*die in Deutschland eine Ehe mit einer*einem ausländischen Partner*in eingehen möchte, darauf achten, die Vorgaben hinsichtlich der Eheschließung in beiden relevanten Staaten zu erfüllen. Erforderlich ist ein Ehefähigkeitszeugnis, das von den zuständigen Behörden des Heimatlandes ausgestellt werden muss. Dies bedeutet für Iranerinnen in Deutschland, dass sie nach iranischem Recht die Zustimmung des Vaters brauchen, weil die iranischen Behörden eine Eheschließung verweigern, wenn diese Zustimmung nicht vorliegt. Es gibt eine Ausnahmemöglichkeit nach § 1309 Abs. 2 BGB durch den Präsidenten des Oberlandesgerichts. Rechtsgrundlage ist wohl ein 1929 geschlossenes Niederlassungsabkommen zwischen dem damaligen Iran und dem damaligen Deutschen Reich. Es gibt zahlreiche Standesämter, die nach dieser Vorschrift verfahren. Das Ganze bedarf einer Gesetzesänderung, dergestalt, dass die Änderung die Fälle berücksichtigt, die in Deutschland nicht zulässig wären oder – wie es so heißt – gegen die guten Sitten oder Regeln zur Gleichbehandlung verstößt. Ein Vater kann und darf in Deutschland seiner Tochter die Ehe nicht verweigern. Das muss auch für Ehepartner*innen aus dem Ausland gelten, wenn sie in Deutschland heiraten, ungeachtet der Frage, ob der andere Staat die Ehe anerkennt. Und wie wäre das mit der Eheschließung von zwei Männern oder zwei Frauen? Die wären nach dieser Regel gar nicht möglich, weil viele Staaten eine „Ehe für alle“ nicht kennen.
  • Verlust des Aufenthaltstitels trotz Gewalt des Ehemanns: Im Hinblick auf binationale Ehen gibt es dringenden juristischen Handlungsbedarf. Frauen, die im Ausland heiraten, beispielsweise im Iran, und ihrem deutschen Mann nach Deutschland folgen, verlieren bei einer Trennung möglicherweise ihren Aufenthaltstitel, wenn sie den Mann wegen dessen Gewalttätigkeit verlassen. Die Beweislast liegt bei der Frau, wie ein Beweis aussehen könnte, ist unklar. Viele Frauen stehen vor der Alternative „Gewalt oder Abschiebung“. Über dieses Thema schrieb Özge Inan am 7. März 2023 in der Süddeutschen Zeitung. In diesem Zusammenhang von Interesse die katastrophale Lage in den Frauenhäusern. Überall fehlen Plätze. So eine Recherche von Correctiv.
  • Griechische Gastarbeiterinnen: In drei Teilen setzt sich Manuel Gogos im Deutschlandfunk mit dem Leben griechischer Gastarbeiterinnen auseinander. Die Kapitel: „Aufbruch“, „Akkord“ und „Ankunft“. Der erste Teil behandelt die Lebensumstände in der Zeit des Aufbruchs, der zweite die Umstellung von bäuerlichen Verhältnissen in Griechenland in die Welt der Industrie in Deutschland, der dritte die „migration love stories“ binationaler Paare. Manuel Gogos lässt die „Pionierinnen“ der Ein- und Zuwanderung selbst zu Wort kommen.
  • Queere Opfer des Nationalsozialismus: Erstmals in der Geschichte seines Gedenkens an die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Menschen gedachte der Deutsche Bundestag explizit der queeren Communities. Die Gedenkstunde ist weiterhin auf dem YouTube-Kanal des Bundestags abrufbar.
  • Kultur der Ukraine: Eine der wichtigsten Vermittler*innen ukrainischer Kultur ist Ulrike Almut Sandig. Mit dem Poesiekollektiv Landschaft hat sie unter anderem einen Remix verschiedener ukrainischer Lieder in dem Song „Bavovna“ (deutsch: „Baumwolle“) publiziert. Es handelt sich um einen Remix des Albums „Ukrainian songs of Love and Hate“. Hier der Song in einer deutschsprachigen Version mit englischen Untertiteln.
  • Russland – Meinungsforschung und Zivilgesellschaft: Der Tagesspiegel veröffentlichte ein Interview mit dem russischen Meinungsforscher Lew Gudkow, der auf der einen Seite die hohe Unterstützung des Krieges durch die russische Bevölkerung vermerkt, andererseits aber auch die Zerstörung der Zivilgesellschaft, die bei der Interpretation der Daten zu berücksichtigen sei. Die Machtinstrumente funktionierten nach wie vor nach dem Muster der Sowjetunion.
  • Die deutsche Linke: In der taz nennt Anastasia Tikhomirova die Heimatlosigkeit der deutschen Linken als einer der Gründe für die divergierenden Positionen von deren Seite zum Krieg Russlands gegen die Ukraine. Fazit: „Die deutsche Linke versagt.“ Sie schließt mit einem Appell von Karl Schlögel: „Wer den Bedrohten nicht beisteht, hat den Antifaschismus verraten.“
  • Sprache als Form des Widerstands: In einem weiteren Essay für die taz nennt Anastasia Tikhomirova die Rolle der „Sprache als Form des Widerstands“. Der Respekt gebietet es, mit Ukrainer*innen entweder Ukrainisch oder Englisch zu sprechen. Das Erlernen der ukrainischen Sprache wäre schließlich auch eine empfehlenswerte Option. „Ich empfinde es als Pflichtgefühl, meine Position gegenüber Ukrainer:innen deutlich zu machen. Ich, die als Kind russischer Eltern in Deutschland geboren und aufgewachsen bin, und über beide Pässe verfüge, spüre eine klare Verantwortung, die meine Sprache und Kultur mit sich bringen. Viele Russ:innen, darunter auch liberale und oppositionelle, tun das nicht.“
  • Foto: Hans Peter Schaefer

    „Imperium oder Nichts“: Das ist – so der Osteuropahistoriker Martin Schulze Wessel in der ZEIT – die Alternative Putins. Vladimir Putin versucht, das 21. Jahrhundert nach Vorbildern des 18. Jahrhunderts zu gestalten. Der Krieg ist „seine persönliche Überlebensstrategie“. Ihm geht es um „Unsterblichkeit“ in den Geschichtsbüchern der Zukunft, so wie Peter der Große und Katharina die Große dort unsterblich sind. Was dies bedeutet, ist westlichen Kommentator*innen in der Regel nicht klar: „Zur mangelnden Beschäftigung mit der russischen Vorgeschichte kommt außerdem die schleichende Rückkehr jener Diskursmuster im Umgang mit Russland, die doch seit dem 24. Februar 2022 eigentlich Vergangenheit sein sollten.“ Dies gelte nicht nur für Teile der deutschen Sozialdemokratie und ihre Fehleinschätzungen, sondern auch für Philosophen wie Jürgen Habermas. Ihnen allen fehle ein zeitadäquates Realitätsbewusstsein. So „wird nicht nur die Wirklichkeit, sondern auch die eigene Argumentation zurechtgebogen.“ Viele Analogien führen in die Irre, von Interesse ist allerdings der Weg in den Krieg von der Seite Putins und der Seite Hitlers: zentral wäre dabei ein Blick auf die Vorgeschichte und die Folgen des Münchner Abkommens von 1938.

  • Es wird enger: Die Autorin des Buches „Putin’s People“ (deutsche Fassung: „Putins Netz“), Catherine Belton, formulierte eine ähnliche These wie Martin Schulze Wessel in einem Interview mit Tessa Szyszkowitz für den Tagesspiegel. Putin vertraue kaum noch jemand, sodass sich möglicherweise eine Parallele zum Tode Lawrenti Berijas nach Stalins Tod aufdränge. Noch funktioniert das System, aber es fragt sich wie lange. Die Sanktionen wirken langsam, aber sie wirken: „Das Ölembargo und der Preisdeckel für russisches Öl, von der EU und den G7-Staaten im Dezember verhängt, bewirken viel. Am Anfang der Sanktionen konnte Russland nichts mehr importieren, aber immer noch exportieren – da machte Putin Milliarden. Im zweiten Quartal 2022 kam es in der russischen Leistungsbilanz zu einem Überschuss von 77 Milliarden Dollar. Jetzt hat sich das schon geändert. Im vierten Quartal waren es nach Angaben der russischen Zentralbank nur noch 31 Milliarden. Im Dezember nur noch 1,3 Milliarden Dollar. Fast null. Wenn das so weitergeht, dann wird die russische Wirtschaft bis zu fünf Prozent schrumpfen. Putin kann dann immer noch weiter Krieg führen. Aber es wird schwieriger.“  
  • Alte Narrative: In der Märzausgabe 2023 der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ schreibt Andreas Zumach zur Frage: „Warum der Globale Süden dem Westen nicht traut“, Titel des Essays: „Ein Jahr Ukraine-, 20 Jahre Irakkrieg“. Vorab: der Bruch des Völkerrechts durch das eine Land rechtfertigt nicht den Völkerrechtsbruch eines anderen. Aber die völkerrechtswidrigen Eingriffe der NATO beziehungsweise der USA im Kosovo und im Irak waren alles andere als geeignet, Vertrauen zu bilden. Wir leben in einer Zeit, in der der Sicherheitsrat blockiert ist, es „rächt sich, dass die internationale Debatte über die Verletzung völkerrechtlicher und menschenrechtlicher Normen spätestens seit Ende der 1990er Jahre immer stärker durch doppelte Standards geprägt ist, sprich: durch die selektive Anwendung dieser Normen oder durch Whataboutism – also durch den Versuch, von eigenen Verstößen abzulenken oder diese zu verharmlosen durch Verweis auf (tatsächliche oder auch nur vermeintliche) Verstöße anderer.“ Andreas Zumach plädiert für die Aufhebung des Vetorechts im UN-Sicherheitsrat. Absolut kontraproduktiv seien immerwährende deutsche Vorstöße – so zuletzt auch Bundeskanzler Olaf Scholz – mit der Forderung nach einem ständigen deutschen Sitz im UN-Sicherheitsrat. Erforderlich sei hingegen eine stärkere Präsenz der Länder des Südens, aus Afrika, Asien und Lateinamerika, die „viel realistischer“ sind. Sie wissen, dass eine Erweiterung des Rates nicht nur am Widerstand der autokratisch regierten ständigen Mitglieder Russland und China scheitert, sondern ebenso am Widerstand der drei westlichen Demokratien USA, Frankreich und Großbritannien. Denn alle fünf fürchten gleichermaßen eines: bei einer Erweiterung Macht und Einfluss zu verlieren.“
  • Falsche Narrative: In der Ausgabe von „Aus Politik und Zeitgeschichte“ vom 6. März 2023 schreibt Franziska Davies in ihrem Essay „Ende der Ostpolitik? Zur historischen Dimension der ‚Zeitenwende‘“ über Fehleinschätzungen und das Beharren an falschen Annahmen wider besseres Wissen bis hin zur Realitätsverweigerung gegenüber Russland und anderen ostmitteleuropäischen Staaten: „Die Moskau-Fixierung deutscher Politik und das Ignorieren der Warnungen aus Ostmitteleuropa in den vergangenen Jahren haben die Menschen dort – gerade in Anbetracht der Gewaltgeschichte Deutschlands in Osteuropa in der starken Erinnerung an einem gemeinsamen deutsch-russischen Imperialismus – enttäuscht und große Zweifel an der Zuverlässigkeit Deutschlands gesät. Die zögerliche Politik der Bundesregierung im Hinblick auf schnelle Waffenlieferungen an die Ukraine und unklare Kommunikation von Deutschlands Position gegenüber Russland haben auch nach der ‚Zeitenwende‘ dazu beigetragen, den Ruf Deutschlands in Ostmitteleuropa zu schädigen.“
  • Ein neues Narrativ: In der Süddeutschen Zeitung referiert Nadja Tausche verschiedene Umfragen im internationalen Vergleich, in den USA, in China, in Indien, in der EU (neun Mitgliedstaaten), in Großbritannien und in der Türkei. Ein einleuchtendes Fazit formulierte Timothy Garton Ash: „Die Lektion für Europa und den Westen ist klar. Wir brauchen dringend ein neues Narrativ, das wirklich überzeugend ist für Länder wie Indien (…).“ Am 23. Mai 2023 erscheint Timothy Garton Ashs neues Buch „Homelands – A Personal History of Europe (Yale University Press).
  • Foto: Hans Peter Schaefer

    Ein Jahr nach dem 24. Februar 2022: Einen Rückblick den Krieg seit dem 24. Februar 2022 – nur am Rande: der Krieg begann schon 2014! – gibt auf der Seite von Meduza Grigory Judin in einem Interview mit Margarita Liutova. Er war einer der wenigen, die den Angriff Putins auf die Ukraine vom 24. Februar 2022 für „unvermeidlich“ Putin kann den Krieg aus seiner Sicht nicht gewinnen, aber Russlands Gewaltpotenzial, seine Armee wächst und wächst. Putin sieht seine „Herrschaft als ständigen Krieg“. Widerstand, auch die westlichen Reaktionen sieht er als Stärkung seiner eigenen Position. Welche Perspektive könnte es geben? „Ich denke, russische Kultur hat ein breites imperiales Element und es ist Zeit damit umzugehen. Der Zusammenbruch eines Reiches ist ein guter Augenblick das zu tun. Wird er russische Kultur auslöschen? Nein. Er mag nicht einmal die Werke irgendeines Autors oder Urhebers auslöschen. Kann man imperiale Ideen in einem bestimmten Autor oder Urheber finden? Man kann und man muss. (…) Kultur schafft selbst die Positionen in denen sie kritisiert werden kann. Das ist kein Widerspruch. Es gibt kein Problem darin, (imperiale Ideen) in der russischen Kultur zu sehen, sie zu isolieren und zu untersuchen, wie sie sich zu anderen Elementen verhält.“ Aber es gibt keine zentrale russische Kultur. Auch das ist ein Mythos.

  • Kriegsverbrechen: CORRECTIV hat auf seiner Themenseite eine Fülle von Informationen zusammengestellt. Dazu gehört ein Interview mit der ukrainischen Journalistin Anna Babinets. Sie sammelt aus der Redaktion des investigativen Magazins Slidstvo Beweise für Kriegsverbrechen, damit die Verantwortlichen vor Gericht gestellt werden können. Außerdem dokumentiert CORRECTIV einen Beitrag des Menschenrechtlers Sergej Lukashevsky, der ein Russland ohne Putin für möglich hält. Aber eine „schwache Gesellschaft“ habe es Putin leicht gemacht: Die russischen Bürger sind heute im System des personalisierten Regimes von Wladimir Putin gefangen. Es ist unmöglich, zwischen dem Stockholm-Syndrom, der Angst vor Repressionen und der tatsächlichen Unterstützung für die Politik des obersten Führers zu unterscheiden. Meinungsumfragen zeigen nicht, was die Russen wirklich denken. Ihre Antworten zeigen eher an, was politisch opportun erscheint. Die Rolle der staatlichen Propaganda besteht darin, dieses Bild der Welt zu vermitteln.“ Sergej Lukashevsky setzt auf die russischen jungen Menschen sowie auf eine durchaus denkbare Spaltung der Eliten.
  • Polen und der Globale Osten: Dies ist der Titel einer Analyse von Bastian Sendhardt vom Deutschen Polen Institut. Man könnte formulieren, je östlicher, desto uninteressanter für den westlichen Blick. Und von Russland nur das Beste denken. Bastian Sendhardt bietet eine umfassende Analyse einer essentialistischen Sicht des Ostens. Berechtigt ist die Frage, ob es überhaupt so etwas wie ein einheitliches Konzept des Ostens geben könnte und sollte, ähnlich wie die Frage nach dem globalen Süden gestellt werden müsste und gestellt wird. Politische Instrumentalisierungen gehören ebenfalls dazu. Es reicht aber eben nicht, nur aus einer Perspektive zu denken: Um ein Land wie Polen zu verstehen, ist es äußerst hilfreich, Expertise etwa zur Ukraine, zu Belarus oder Litauen ebenfalls heranzuziehen. Und der Fokus auf die globale Vernetztheit von Ländern wie Polen hilft, einem wissenschaftlichen Solipsismus vorzubeugen, wie er in den Area Studies bisweilen anzutreffen ist.“
  • Die Rede von der „Zeitenwende“: In ZEIT Online kommentiert Christian Bangel die Verwendung des von Olaf Scholz geprägten Begriffs der „Zeitenwende“. Die meisten Menschen werden ihn ausschließlich mit Waffenlieferungen an die Ukraine und der Aufrüstung beziehungsweise sachgerechten Ausstattung der Bundeswehr verbinden. Zu einer „Zeitenwende“ hätte jedoch auch ein erweiterter Blick auf die Länder im Osten und Südosten Deutschlands gehört, der jedoch weitgehend ausgeblieben ist. Es lohnt sich auch heute noch, ein Interview zu lesen, das der frühere polnische Außenminister Radek Sikorski ZEIT ONLINE kurz nach der Rede des Kanzlers gab. Sikorski ist ein liberaler Proeuropäer, kein rechter Nationalist. Doch seine Bitterkeit über die Deutschen sitzt tief. 20 Jahre lang hätten die ihre eigenen Interessen über die Mittelosteuropas gestellt. Man hat uns für dumm gehalten.‘“ Viel geändert habe sich nichts. Es ist in Deutschland eben noch immer keine Peinlichkeit, weder Kenntnisse noch Empathie für die Länder zwischen Deutschland und Russland zu haben. Und solange sich das nicht geändert hat, ist der Begriff Zeitenwende völlig übertrieben.“
  • Kulturlose Nachhaltigkeit: Der Deutsche Kulturrat hat bereits im Januar 2023 darauf hingewiesen, dass unter den durch die Bundesregierung neu berufenen 15 Mitgliedern des Nachhaltigkeitsrates kein*e einzige*r Vertreter*in der Kultur zu finden sei. Wir ergänzen: es gibt auch niemanden, der die Menschen und Organisationen mit dem sogenannten „Migrationshintergrund“ vertreten könnte. Es gibt auch niemanden, der den Bildungsbereich mit dem ausgezeichneten Konzept der „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE) verträte. Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats: „Der Rat für Nachhaltige Entwicklung bleibt absolut kulturlos“. Und wozu Bildung? Und warum sollten migrantische Communities beteiligt werden? So bleibt der Nachhaltigkeitsrat ein Dialogforum zwischen Wirtschaft und Naturschutzverbänden.
  • Letzte Generation: Es wurde ein wenig still um die Organisation, aber es gibt Zeichen der Hoffnung. Belit Onay, Oberbürgermeister der Stadt Hannover, vereinbarte mit den Klimaaktivist*innen, sich im Dialog mit der Umweltebene für die Umsetzung ihrer Forderungen (Tempolimit auf Autobahnen, eine günstigere Lösung als das 49-EURO-Ticket für den Nahverkehr) einzusetzen, wenn sie in Hannover auf die bekannten Aktionen verzichten. Der Tagesspiegel sprach von einem „Klebefrieden“, der „als Vorbild dienen“ könne. Aus der FDP war zu hören, dies wäre „Erpressung“. Thomas Spies, Bürgermeister von Marburg, und Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen, haben ähnliche Verabredungen getroffen wie ihr Kollege aus Hanonver. Sprecher*innen der „Letzten Generation“ sprechen von weiteren Verhandlungen mit verschiedenen Kommunen.

In etwa vier Wochen melden wir uns wieder.

Wir grüßen Sie alle herzlich.

Ihre Beate Blatz und Ihr Norbert Reichel

(Alle Internetzugriffe erfolgten zwischen dem 6. und 13. März 2023.)

P.S.: Sollte jemand an weiteren Sendungen meines Newsletters nicht interessiert sein, bitten wir um Nachricht an info@demokratischer-salon.de. Willkommen sind unter dieser Adresse natürlich auch wertschätzende und / oder kritische Kommentare und / oder sonstige Anregungen.