Projekt Beschreibung

Politische Bildung – eine gesamtdeutsche Perspektive

Ein Gespräch mit Dr. Margot Metzner, langjährige Leiterin der VHS Suhl

„Nur in der Auseinandersetzung mit anderen können wir den Faden der personalen Identität aufnehmen und flechten. In dieser Abhängigkeit von anderen, durch die sich die eigene Identität erst findet und immer wieder neu ausrichtet, besteht unsere Verletzbarkeit als sprachliche Wesen.“ (Carolin Emcke, Weil es sagbar ist – Über Zeugenschaft und Gerechtigkeit, Frankfurt am Main, S. Fischer, 2013)

Margot Metzner

Margot Metzner ist 1952 geboren, seit 1974 verheiratet und hat drei Töchter. Bildungsweg und berufliche Stationen führten sie von Sachsen nach Thüringen und Baden-Württemberg. Heute lebt sie in Rostock. Margot Metzner war seit 1991 die stellvertretende Leiterin und von 1997 bis 2015 die Leiterin der Volkshochschule (VHS) Suhl (Thüringen). Sie ist eine der wenigen, vielleicht sogar die einzige Leiterin einer VHS, der es gelungen ist, mit Unterstützung aus der Zivilgesellschaft, beispielsweise von Stiftungen, der historisch-politischen Bildung den ihr angemessenen festen Raum in den Programmen der VHS zu geben.

Am 25. Januar hatten wir Gelegenheit, uns In über die politische Bildung in der DDR, in der Zeit des Umbruchs der Jahre 1989 und 1990 sowie ihrem weiteren „Schicksal“ im wiedervereinigten Deutschland auszutauschen. Dr. Margot Metzner ist bereit, als Zeitzeugin auf Veranstaltungen Auskunft zu geben. Der Kontakt ist über das Zeitzeugenportal der Bundesstiftung Aufarbeitung möglich: www.zeitzeugenbuero.de.

Berufswunsch Lehrer

Norbert Reichel: Sie wollten schon sehr früh Lehrerin werden. Wie kam es dazu?

Margot Metzner: Ich bin immer sehr gern zur Schule gegangen, so dass auch sehr früh schon der Wunsch reifte, Lehrerin zu werden. Ich wollte diesen Beruf, weil ich in den zehn Schuljahren auch einige wirklich wunderbare Lehrer hatte; Lehrer, die offensichtlich erst nach dem Krieg ihre Ausbildung im Eilverfahren absolvierten und dankbar waren, einigermaßen heil aus dem Krieg gekommen zu sein. Wenn ich mich an meinen Deutschlehrer bis zur 8. Klasse erinnere, so war das ein Pädagoge, vor dem ich sehr viel Respekt hatte. Bei ihm spürte man, er ist von dem, was er uns als Heranwachende fachlich und menschlich mit auf den Weg geben will, selbst überzeugt. Von „Phrasendrescherei“ oder übertriebener Propaganda in Richtung sozialistische Erziehung habe ich nichts in Erinnerung. Im Gegenteil: Konkret bitte! Er wollte es auf jeden Fall genau, in jeder Hinsicht. Und dass er selbst eine Erfahrung mit Krieg und Todesangst gemacht hatte, das trug er im wahrsten Sinne des Wortes im Gesicht: Ein Pflaster verdeckte die Stelle, an der seine Nase einst war.

Aber ein Studium hätte ein Abitur verlangt. Nachdem ich in der 9. Klasse der Polytechnischen Oberschule (POS) das Angebot der Schulleitung abgelehnt hatte, auf das Herder-Institut nach Halle zu wechseln, um dort das Abitur abzulegen und für ein Studium im Ausland vorbereitet zu werden, versuchte der Schulleiter noch einen anderen Weg für mich zu finden. Er wollte 1968 nach der Prüfung zur Mittleren Reife (Durchschnitt 1,1) noch meinen Schulwechsel auf die Erweiterte Oberschule erreichen. Doch das wurde abgelehnt.

Erst nach 1989 erfuhr ich, welche „Schranken“ für bestimmte Jugendliche über den ersten Bildungsweg zum Abitur zu kommen, im Bildungssystem der DDR eingebaut waren: Ich hatte keine Jugendweihe und mein Vater pflegte „Westkontakt“ mit seinem ehemaligen Kriegskameraden bei Kassel und galt zudem noch als sehr kritisch gegenüber dem sozialistischen Weg der Kollektivierung in der Landwirtschaft: Er trat als einer der letzten in die LPG ein.

So entschied ich mich für eine Berufsausbildung in dem damals neu aufstrebenden Zweig der Elektronischen Datenverarbeitung im VEB Rafena Radeberg bei Dresden.

Mein Abitur konnte ich über die Abendschule der Volkshochschule Radeberg, in der auch mehrere meiner Mitauszubildenden eingeschrieben waren, dann doch noch 1971, parallel zur Berufsausbildung ablegen. Die Volkshochschulen waren quasi ein „Rettungsring“ für all diejenigen junge Leute, die über den ersten Bildungsweg keine Möglichkeit hatten, zum Abitur zu kommen.

Mein Studium an der Pädagogischen Hochschule Dresden, Sektion Slawistik/Anglistik habe ich ganz bewusst in der Nähe meiner Heimatstadt Kamenz (Kreis Bautzen) gewählt. Nach vier Jahren, im Sommer 1975, erhielt ich das Diplom als Lehrerin für Russisch und Geografie.

Das Angebot des Sektionsdirektors Prof. Dr. Bussewitz, als Forschungsstudentin an der PH zu bleiben, ehrte mich natürlich sehr, aber ich musste es aus mehreren Gründen ablehnen: Mein Vater verstarb ganz plötzlich im Sommer 1975. Außerdem war mein Ehemann noch Student und wir erwarteten unser erstes Kind.

So begann meine Lehrerlaufbahn an einer großen POS im vogtländischen Plauen. Plauen deshalb, weil mein Mann an der Offiziersschule der Grenztruppen ein dreijähriges Studium absolvierte und wir als kleine Familie unbedingt zusammenleben wollten.

Gut und Böse

Norbert Reichel: Ihr Mann war an der Offiziersschule der Grenztruppen?

Margot Metzner: Mein Mann, mit dem ich schon seit der 7. Klasse zusammen in einer Klasse war, ist in seinem ersten Beruf Hochseefischer. Er hatte im Fischkombinat in Rostock seine Ausbildung und die ersten Fahrten auf hoher See gemacht. Sein Ziel war es, nach der Lehrzeit sofort an der Seefahrtsschule in Wustrow zu studieren, um das Kapitänspatent zu erreichen.

Doch auch das kam anders. Er erhielt den Einberufungsbefehl und ging von Bord. Nun änderte er seinen Plan. Nach der Armeezeit wollte er nicht erst zum Studium gehen. Er entschied sich für die Laufbahn eines Offiziers der Grenztruppen, deshalb das Studium in Plauen. Damals war seine Entscheidung für ihn nur folgerichtig, denn sein Vater diente bis 1975 ebenfalls als Offizier in der NVA. Nur: Als mein Mann 1974 den Entschluss fasste, ebenfalls die Offizierslaufbahn einzuschlagen, war sein Vater strikt dagegen, ohne mit ihm jemals wirklich ehrlich darüber gesprochen zu haben. Wir zweifelten nicht an diesem Schritt, waren wir doch voll im Sinn der sozialistischen Ideologie erzogen worden: An der Staatsgrenze zu Westdeutschland und Westberlin standen die Soldaten der DDR auf „Friedenswacht“ und auf der anderen Seite des Zauns stand der „Klassenfeind“. So war es und wir, die wir in Sachsen quasi im „Tal der Ahnungslosen“ ohne Westfernsehen aufwuchsen, glaubten daran.

Norbert Reichel: Das waren die Bösen. Umgekehrt war das genauso. Ich sage das gerne so: es gab im Westen manche Leute, die schauten abends unter das Bett, ob sich da nicht ein Russe oder Kommunist versteckte. Das war der böse Feind. Fast alle im Westen, die eine links anmutende Position vertraten, wurden schnell als Kommunisten beschimpft. Der Unterschied zwischen Ost und West war nur der, dass auf jemanden, der vom Westen in den Osten übersiedeln wollte, nicht geschossen worden ist. Niemand wurde aufgehalten. Es gab ja einige solche Übersiedlungen von West nach Ost.

Margot Metzner: Ich weiß nicht, wie es auf der „anderen Seite“ war. Heute früh habe ich mit meinem Mann noch darüber gesprochen und die Frage gestellt: War die DDR ein Unrechtsstaat? Als Heranwachsende, wohl behütet in unseren Elternhäusern, haben wir beide das natürlich gar nicht so empfunden. Wir hatten eine schöne Kindheit und Jugend, mit dem Unterschied, dass wir im Urlaub – mein Mann zumindest – nur bis an die Ostsee oder in die Mittelgebirge der DDR reisen konnten. Ich selbst habe als Kind überhaupt keinen gemeinsamen Urlaub mit meinen Eltern erlebt, weil sie immer an die Landwirtschaft gebunden waren. Und dennoch habe ich nichts vermisst.

Der Bildungsweg – die Stationen

Norbert Reichel: Vielleicht rekapitulieren wir die Stationen und Orte Ihres Bildungsweges?

Margot Metzner: Mein Studium in Dresden endete im Sommer 1975. Nach der Geburt meiner Tochter zog ich mit ihr am Jahresende 1975 zu meinem Mann nach Plauen nach. Ich begann dort als dreiundzwanzigjährige Absolventin, aber gleich als Klassenlehrerein für eine 5. Klasse, an der Polytechnischen Oberschule „A. Diesterweg“. Diese „Absolventenzeit“ (2 Jahre), wie wir sie nannten, war sehr schwer für mich, da ich mit Baby und einem Partner, der von morgens 6 Uhr bis abends 18 Uhr in das streng organisierte System der Offiziersschule (damals noch ohne Hochschulstatus) durch sein Studium eingebunden war, so gut wie auf mich alleingestellt war. Und damals gehörte es zur Klassenleitertätigkeit noch dazu, alle Elternhäuser einmal im Schuljahr zu besuchen, um sich ein Bild von der Lebenssituation der Schüler machen zu können. Außerdem lief der Unterricht in den 70er Jahren in der DDR noch von Montag bis Samstag. Das Kind musste also auch am Samstag in einer wechselnden Kindereinrichtung untergebracht werden.

Im Sommer 1977, mit Schuljahresende und mit der Ernennung meines Mannes zum Leutnant der Grenztruppen kam der Umzug nach Thüringen – in eine Gegend, die man auf einer normalen Landkarte der DDR gar nicht eingezeichnet fand – die Rhön im Kreis Bad Salzungen.

Ich werde nie vergessen, wie mich ein Mitarbeiter des Kreisschulrates Bad Salzungen auf die neue Landschaft etwa so einstimmte: „Sie kommen in die Rhöngemeinde Empfertshausen. Im Westen liegt dann die hohe Rhön mit der Wasserkuppe.“ Weiter wollte er wohl nicht abschweifen.

Das Schuljahr 1977/1978 begann ich an der POS im „Schnitzerdorf“ Empfertshausen – ein Ort vor dem Sperrgebiet. Um die Elternhäuser im benachbarten Grenzort Andenhausen besuchen zu können, musste ich einen Passierschein beantragen.

Ab dem Schuljahr 1978/1979 begann für mich neben meiner Lehrtätigkeit eine außerplanmäßige Aspirantur an der Pädagogischen Hochschule Potsdam. Prof. Bussewitz, mein Betreuer für die Diplomarbeit an der PH Dresden 1975, hatte inzwischen an der PH Potsdam die Leitung der Sektion Slawistik/Anglistik übernommen. Das geschah, wie er mir später vertraulich sagte, mit Parteiauftrag, sonst wäre er nie aus Dresden weggegangen. Er hat mich quasi in der Rhön nach 3 Jahren „wiedergefunden“. Über einen Delegierungsvertrag zwischen dem Kreisschulrat in Bad Salzungen und der PH Potsdam kam ich in diese Studienform mit dem Ziel, Einsatz am Lehrerbildungsinstitut Meiningen. Ich war damit in einer Frauenförderungsmaßnahme, die mich natürlich auch anspornte. Ich hatte Anspruch auf einen Studientag im Monat, den ich aber auch für die zusätzlichen Seminare und die Nachweise in Marxismus/Leninismus sowie der Sprachkundigen-Prüfung in Englisch brauchte.

Ich wurde Mitglied der Forschungsgruppe „Sowjetische Literatur für Kinder und Jugendliche“ an der PH Potsdam, die von Prof. Bussewitz geleitet wurde. In Verantwortung dieser Gruppe gingen ausgewählte Forschungsergebnisse von Diplom- und Doktorarbeiten der Literaturwissenschaft zur Übersetzung an den Kinderbuchverlag Berlin.

In den Jahren 1979 bis 1984 pendelte ich regelmäßig zu den Sitzungen der Forschungsgruppe nach Potsdam, arbeitete aber ansonsten von der Rhön aus an der Doktorarbeit. Und nebenbei“ kam im Winter 1980 meine zweite Tochter zur Welt. Dann wurde die Teilnahme an den Sitzungen in Potsdam wesentlich schwieriger. Aber mit Hilfe einer Nachbarin, die in meiner Abwesenheit die Betreuung der zwei Kinder neben meinem Mann mit übernahm, haben wir es geschafft, die anstehenden Termine zu realisieren.

Ich werde nie vergessen, was mein Professor damals zu mir sagte, als er erfuhr, dass ich mit einem zweiten Kind schwanger war: „Liebe Frau Metzner, bedenken Sie immer, wir sitzen in einem Boot! Wir müssen es schaffen, trotz neuer Familienplanung!“ Wir wussten beide, wir können uns aufeinander verlassen. Er war wirklich ein Hochschullehrer par excellence! Die Distanz zwischen Potsdam und der Rhön war kein Hindernis, auch ohne Telefon und Internet funktionierte die Kommunikation zwischen ihm und mir reibungslos. Alle Manuskripte wurden von ihm sofort bearbeitet und unverzüglich an mich zurückgeschickt. Solch eine wissenschaftliche Betreuung hätte ich mir 35 Jahre später auch für meine Tochter gewünscht, die an der TU Dresden ihren Abschluss machte!

Als ich schließlich Ende 1983 wusste, ich werde 1984 die Doktorarbeit abschließen, nahm ich Kontakt zur Bezirksschulrätin in Suhl auf, um über die geplante Versetzung nach Meiningen zu sprechen. Doch hier „fiel man aus allen Wolken“, denn man hatte offensichtlich nicht damit gerechnet, dass der so schön zum Vorzeigen und für die Statistik geschlossene Delegierungsvertrag mit einer Frau auch einmal einen Abschluss nach Plan haben könnte.

Das war ein „Erwachen“, mit dem ich nicht gerechnet habe. Es folgten sehr schwierige Wochen und Monate, in denen ich begriff, dass zwischen dem, was so gern auf der Haben-Seite im Sozialismus propagiert und gefeiert wurde und dem, was die Wirklichkeit bereithält, doch erhebliche Unterschiede bestanden. Nach den vier Jahren wirklich aufopferungsvollem Arbeiten an der Doktorarbeit wollte ich nun auch die „Ernte“ einfahren. Ich weiß nicht mehr, an wie vielen Terminen ich im Büro der Bezirksschulrätin anrief und auch selbst dort war. Die Bezirksschulrätin selbst habe ich nie kennengelernt, aber die Art und Weise, wie ihre Mitarbeiter mit den Kollegen umgegangen sind, die mit ihren Problemen dort vorsprachen! Es war nicht das, was ich mir unter einem normalen Umgang unter Kollegen vorgestellt habe.

Heute weiß ich, dass allein meine Hartnäckigkeit, mich um mein Problem selbst zu kümmern und dabei sogar bis in die Bezirksleitung der SED vorzudringen, mein „Aus“ für eine Leitungsfunktion nach meinem Abschluss der außerplanmäßigen Aspirantur bedeutete. Aber meinen damaligen Schulleiter der POS in der Rhön, der ein „150% er“ Genosse war, wollte ich um gar keinen Fall um Hilfe bitten. Von den Genossen der Bezirksschulrätin und der Bezirksleitung der SED in Suhl ist dies aber wohl erwartet worden. Stattdessen habe ich es gewagt, in Selbstinitiative als damals noch Genossin, mich selbst zu kümmern. Damit bin ich allerdings ungewollt auf eine Schwachstelle des in den Medien so überaus fehlerlosen Sozialismus gestoßen und in Ungnade gefallen.

Das Büro der Bezirksschulrätin kam zwar schließlich noch zu einer „Lösung“, aber eben nur notgedrungen. Mein neuer Einsatz ab September 1984 wurde eine ganz normale Lehrerstelle an der Spezialschule zur Erlangung der Hochschulreife an der Offiziershochschule der Grenztruppen, die gerade frisch aus Plauen nach Suhl umgezogen war und für die der Lehrkörper aus dem ganzen Bezirk Suhl zusammengestellt werden musste. Eine nochmalige Anfrage, die Kreisparteischule zu besuchen, wie sie schon in den 70er Jahren an der POS in Empfertshausen (Rhön) von der Schulleitung an mich gestellt wurde, ist nach diesen Konfrontationen mit dem System nie wieder an mich gerichtet worden.

Die Spezialschule an der OHS in Suhl

Norbert Reichel: Was war das Besondere in dieser Spezialschule an der Offiziershochschule (OHS) in Suhl?

Margot Metzner: An jeder Offiziershochschule der DDR gab es eine Schule, in der diejenigen jungen Männer, die die Offizierslaufbahn einschlagen wollten, aber kein Abitur hatten, in ausgewählten Fächern auf die Reifeprüfung vorbereitet wurden. Diese Schulen gehörten nicht zur Verwaltung der NVA oder der Grenztruppen, sondern waren den Bezirksschulräten in den jeweiligen Bezirken unterstellt.

Für mich waren besonders die Jahre ab 1985 bis zum Mauerfall 1989 sehr interessant, als ich im Fach Russisch mit den jungen Erwachsenen, die meistens aus der betrieblichen Praxis ihrer Berufsausbildung mit ganz eigenen Erfahrungen an die Spezialschule kamen, Originalbeiträge aus der sowjetischen Presse auswertete. Perestroika und Glasnost tauchten als Begriffe und Ideen auf, die natürlich im Unterricht angesprochen, diskutiert und oft dennoch nicht die Fragen, auf die Gegenwart in der DDR bezogen, beantworten konnten. Das war auch die Zeit vermehrter Hospitationen meines damaligen Chefs, Mann einer Mitarbeiterin aus dem Büro der Bezirksschulrätin.

Ein Ereignis aus der Zeit an der OHS Suhl hat maßgeblich mein berufliches Schicksal nach 1989 bestimmt: Es war 1987 oder 1988, als ein Kollege der Spezialschule plötzlich nicht mehr zum Unterricht erschien. Unser Chef erklärte uns, dass er von der Schule verwiesen wurde, weil es einen „Zwischenfall“ gegeben hat. Die näheren Hintergründe für seine Versetzung erfuhr ich erst, nachdem ich meinem Kollegen zufällig in Suhl begegnet bin. Er war sehr verwundert, dass ich überhaupt stehenblieb und ein Gespräch mit ihm beginnen wollte: „Alle anderen Kollegen von oben (die Spezialschule lag oberhalb von Suhl im abgegrenzten Bereich der Offiziershochschule, einem gerodeten Waldstück), machen um mich einen großen Bogen und dürfen nicht mit mir sprechen. Du bist die Einzige, die sich das noch traut.“ Ich wollte es nicht glauben! So derart ließ sich das Kollegium manipulieren! Ich wusste, dass dieser Kollege an einer Dissertation auf dem Gebiet der Informatik arbeitete. Ich erfuhr von ihm nun, dass er eine Rentnerin gebeten hatte, Material zum Thema von einem Besuch im Westen mitzubringen.

Das ist aufgeflogen und er war nun sozusagen ein „Verräter“. In den Umbrüchen um den 9. November 1989 ist er als führendes Mitglied der Bürgerbewegung in Suhl über das „Neue Forum“ zum ersten Schulamtsleiter in Suhl berufen worden. Ihm habe ich zu Beginn des Jahres 1991 meinen Einstieg als stellvertretende Leiterin an der Volkshochschule (VHS) Suhl zu verdanken.

Ja, das war schon eine verrückte Zeit, dieser Umbruch in den Grundfesten des Sozialismus! Von der VHS wusste ich 1991 nur so viel, dass man an dieser Institution seinen Schulabschluss in verschiedenen Stufen nachholen konnte. Doch nun stand auch hier ein Neuanfang bevor.

Im Zentrum eines Netzwerks – Die Volkshochschule in Suhl

Norbert Reichel: Die VHS war in der DDR eine formelle Bildungseinrichtung?

Margot Metzner: Ja, und die Kollegen waren als Lehrkräfte über die Abteilung Volksbildung fest angestellt. Ihr Gehalt unterschied sich deshalb auch nicht von den Kollegen anderer Schulen.

Norbert Reichel: Volkshochschulen im Westen hatten eine ganz andere Beschäftigtenstruktur. Ich erinnere mich noch daran, dass ich während meiner Zeit als Gymnasiallehrer in Montabaur (Rheinland-Pfalz) bei Dienstantritt im August 1982 sofort gefragt wurde, ob ich nicht auch Kurse an der Volkshochschule anbieten wolle. Da könnte ich etwas dazuverdienen. Ich habe abgelehnt, denn ich wollte erst einmal ordentlichen Unterricht machen. Als Berufsanfänger ist da ja viel zu tun. Das gab damals viele Volkshochschulen, deren Personal sich aus Gymnasiallehrer*innen zusammensetzte, fest angestelltes Personal war Fehlanzeige oder wurde deutlich schlechter bezahlt. Das Programm hing dann davon ab, wer Zeit und Lust hatte, einen Kurs anzubieten. Das reichte dann vom Ikebana-Kurs (ich habe selbst an einem solchen teilgenommen) über Sprachkurse bis zu allen möglichen Angeboten allgemeiner Bildung, Literatur, Kunst, Naturschutz, was auch immer.

Margot Metzner: Von meinen Kolleginnen und Kollegen im Westen kannten wir den Slogan: VHS heißt: “ Viele halbe Sachen!“ Dagegen haben wir von Anfang an gekämpft und waren nie mit einer derartigen Herabwürdigung unserer Arbeit einverstanden. Doch leider müssen diese Ansichten in den Verwaltungen der Landkreise und Städte im Osten anfangs wohl gern akzeptiert worden sein, denn wir hatten gerade in den ersten Jahren sehr viel Ärger mit der Anerkennung unserer Arbeit als Pädagogen in der VHS. In den neuen Arbeitsverträgen spiegelte sich das wieder: Die Eingruppierungen der Kolleginnen und Kollegen, die in der DDR noch als vollwertige Pädagogen bezahlt wurden, gingen jetzt „in den Keller“. Auch bei mir war es so. Es folgten hartnäckige und langwierige Gespräche mit der Stadtverwaltung, die bei mir schließlich erfolgreich waren. Aber es zeigte sich, wer keinen Widerspruch einlegte, wer sich nicht dagegen wehrte, blieb in den niedrigeren Eingruppierungen. Auch das mussten wir erst lernen, aber viele taten es nicht.

Die beginnenden 1990er Jahre an der VHS waren die kreativsten in meinem ganzen beruflichen Leben: Ich war mitten drin in einem Umbruchsprozess, der in den ersten Monaten des Jahres 1990/1991 noch von dem in der DDR von der Bezirksschulrätin eingesetzten Direktor der VHS und dem Stellvertreter angestoßen wurde, aber schon ab 1991 schrittweise an eine neue Generation von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern überging. Die VHS erlebte einen nie gekannten Umbruch in ihrer Organisation und in den Inhalten.

Die VHS in allen neuen Bundesländern erhielten Hilfsangebote des Deutschen Volkshochschulverbandes e.V. (DVV e.V.) aus Bonn und der Pädagogischen Arbeitsstelle des DVV e.V. in Frankfurt am Main, aber auch aus den einzelnen Landesverbänden. Ich nahm wahr, was ich konnte, um aus den Erfahrungen viel für die eigene Arbeit in Suhl mitnehmen zu können. In den ersten Jahren waren es vor allem die in dieser Zeit wichtigen Angebote in der beruflichen Bildung, da die Arbeitslosenzahlen in die Höhe gingen. Mir war es von Anfang an auch sehr wichtig, mit der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt zusammen Angebote für die vielen arbeitslos gewordenen Frauen in Suhl – und bis zur Gebietsreform auch noch im Landkreis Suhl – aufzustellen.

Fördermöglichkeiten auszuschöpfen entdeckte ich damals als eine sehr wichtige Strategie, auch bisher ungewöhnliche Formate in der Erwachsenenbildung nutzen zu können. Dabei zeigte sich sehr bald, dass die einmal geknüpften Kooperationen in der Kommune und darüber hinaus mit Stiftungen und dem Land Thüringen sich sehr bewährten. All das war willkommenes Neuland für mich und die Erfolge beim Betreten dieser neuen „Felder“ sollten mir Schwung geben für das nächste wichtige Arbeitsgebiet, die politische Bildung. Ich wollte die Angebote gerade und insbesondere hier erweitern, weil ich auch für mich und meine Generation wissen wollte, was da alles schief gelaufen ist am so sehr beschworenen Sozialismus.

Ich wusste aber auch, dass ich damit in einer ehemaligen Bezirksstadt kein einfach zu bestellendes Feld betreten werde. Aber ich wollte es anpacken und suchte mir Verbündete: Die Konrad-Adenauer-Stiftung war die erste Stiftung, die ich dafür gewinnen konnte. Es kamen dazu die Friedrich-Ebert- und die Heinrich-Böll-Stiftung, die Landeszentrale für politische Bildung in Thüringen und die in Bayern, mit denen ich erstmals 2004 anlässlich 15 Jahre Mauerfall direkt an der ehemaligen innerdeutschen Grenze ein Wochenendseminar mit Jugendlichen veranstaltete. Das war etwas ganz Besonders, denn in den meisten Programmen der VHS damals war dieses thematische Angebot eher spärlich. Übrigens auch in den Programmen der West-VHS waren sie nicht gerade üppig vorhanden.

Umstritten, aber essenziell: die Politische Bildung

Norbert Reichel: Ja, so ist das – an vielen Orten leider heute noch. Damit sind wir beim Thema der politischen Bildung, für das Sie sich an der VHS einsetzten. Ich möchte von einem Erlebnis aus einer Veranstaltung aus Bonn berichten. Es ging um das Thema, warum so viele Menschen in Ostdeutschland die AfD wählten. Als Erklärung nannte ein Teilnehmer die fehlende politische Bildung. Es gebe nur eine Stunde Politik an den sächsischen Schulen. Ich habe gesagt, das sehe ich anders. Mein Eindruck wäre, dass viele Menschen in Ostdeutschland die Nase voll von politischer Bildung hätten. Das haben die vor 1989 zwangsweise genug erlebt, und es sei verständlich, wenn viele dächten, das, was jetzt als politische Bildung angeboten würde, wäre nicht mehr und nicht weniger als eine andere Spielart der in der DDR üblichen Propaganda.

Margot Metzner: Ja, das stimmt. Der Fachbereich 1 in den VHS -Programmen „Politik, Gesellschaft, Umwelt“ war auch zehn Jahre nach der friedlichen Revolution im Osten noch sehr viel schwerer zu gestalten als ich es mir hätte vorstellen können. Ich packte ihn dennoch an und erfuhr umgehend Anfeindungen aus den Reihen derer, die nach 1990 als stärkste Kraft aus den Wahlen hervorgingen und die politische Bildung nach 1989 genauso wie Sie es sehen, mit den Versammlungen verwechselten, die in der DDR zum Beispiel „Roter Treff“ hießen und mit Inhalten bestückt waren, die ja allein schon durch die Ereignisse 1989 längst überholt waren!

Einzelne Mitglieder der CDU nutzten sogar die Regionalpresse, um eines meiner ersten Projekte zu attackieren – den Auftritt einer Bundestagsabgeordneten aus den Reihen der SPD vor Jugendlichen in einem Gymnasium. Da ich aber über diesen Versuch, mit politischer Bildung auch direkt in die Abschlussklassen an Schulen zu gehen, sehr aufmunternde Rückmeldungen aus der Schule erhielt, plante ich nun auch mit der Konrad Adenauer Stiftung Erfurt und der Außenstelle der Gauck-Behörde in Suhl jährlich eine Reihe von Veranstaltungen, die der Aufarbeitung der SED -Diktatur dienten.

Die Resonanz auf diese Angebote war so stark, dass es sich schließlich über die kontinuierliche Zusammenarbeit mit der Regionalpresse in ganz Südthüringen herumgesprochen hatte, was da in der ehemaligen Bezirksstadt Suhl in den Abendveranstaltungen der VHS zur Sprache kommt. Veranstaltungen, mitunter sogar im Oberrathaussaal von Suhl, zu denen solch prominente Referentinnen wie Regine Hildebrandt, Marianne Birthler, Freya Klier oder der Oberstaatsanwalt Dr. Jürgen Grasemann, damals Leiter der Zentralstelle zur Erfassung der Verbrechen an der ehemaligen innerdeutschen Grenze in Salzgitter, kamen, waren sehr gut besucht und immer von der Presse begleitet.

Das Interesse der Suhler Bürger an diesen inhaltsreichen und immer sehr gut vorbereiteten Abendveranstaltungen, später nicht nur in Sachen Aufarbeitung DDR, war ungebrochen, bis ich 2015 aus dem Dienst ausschied. Die Spannbreite der weiteren Themen reichte u.a. vom Konfliktherd Naher Osten, über den Krieg in Afghanistan, Fragen des Extremismus, Islamismus, internationalen Terrorismus und Problemen des Neonazismus bis hin zur jährlichen Mitgestaltung des Holocaust-Gedenktages mit Jugendlichen und jüdischen Künstlerinnen aus Berlin in Suhl.

Es war mir immer sehr wichtig, diese Themen auch mit jungen Menschen zu behandeln. So habe ich es über Antragsmöglichkeiten des Deutschen Volkshochschulverbandes e.V. (DVV e.V.) in Bonn geschafft, Mittel des Kinder- und Jugendplanes des Bundes zu nutzen, um mit ausgewählten Jugendlichen nach Auschwitz fahren zu können. Im Laufe der Jahre ergaben sich – auch über den einzigen Förderverein an einer VHS in Thüringen, über den an meiner VHS in Suhl – Möglichkeiten der Spendennutzung für derartige Projekte.

Fehlurteile des Westens

Norbert Reichel: Sie haben bereits das Thema der Frauenförderung angesprochen, die in der DDR propagiert wurde, aber in der Wirklichkeit nicht stattfand.

Margot Metzner: 1991 wurde im DVV e.V. ein Frauenausschuss gegründet. Ich war für den Thüringer VHS-Verband für einige Jahre in dieses Gremium delegiert, beginnend etwa 1994. In Diskussionen um das Thema Gleichberechtigung bewunderten die Kolleginnen aus den West-VHS uns Frauen aus der ehemaligen DDR und waren der Meinung, dass wir DDR-Frauen die Gleichberechtigung ja schon gehabt hätten. Ich habe mich in solchen Diskussionen immer etwas unwohl gefühlt, wusste aber, dass diese Meinung von der heilen Welt für Frauen in der DDR auf ein sehr oberflächliches Hintergrundwissen der Alltags- und Berufsbezüge zurückzuführen war. Es war nicht so, auch wenn die offiziellen Feierlichkeiten in der DDR zum 8. März es genauso darstellen sollten.

Norbert Reichel: Meiner Rezension des Buches „Umkämpfte Zone“ von Ines Geipel habe ich den Titel gegeben: „Die Ostfrau in Buchenwald“ (https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-ostfrau-in-buchenwald/). Das war so einer der Mythen im Westen, der Mythos von der emanzipierten Ostfrau. Im Westen schauten manche Linke, wenn sie etwas im Westen kritisierten, nach Osten und verklärten das, was sie dort vorzufinden glaubten. Sie krochen sozusagen der SED-Propaganda auf den Leim. Sie lobten die DDR, weil sie doch Befreiungsbewegungen in der sogenannten Dritten Welt unterstützten, die der Westen nicht unterstützte. Da war der CIA, der half, den chilenischen Präsidenten Salvador Allende zu stürzen, da war die DDR, die die verfolgten chilenischen Politiker, Journalisten und Wissenschaftler aufnahm. Heute ist Frauenförderung ein kritisches Thema in Gesamtdeutschland. Aber es hätte auch Erhaltenswertes aus der DDR gegeben.

Margot Metzner: Ich habe mich mit einer ehemaligen Kommilitonin aus meiner Dresdner Studienzeit unterhalten, die nach 1990 ohne Unterbrechungen an der POS, an einer Regelschule und später – bis zum Ausscheiden aus dem Schuldienst – als stellvertretende und als Schulleiterin an einem Gymnasium in Calau (Brandenburg) arbeitete. Ihre Schilderungen decken sich mit den Erlebnissen, die ich auch in Suhl nach 1990 im Transformationsprozess der Schullandschaft erlebte:

Nach der ersten Überprüfung der Kollegen auf Zusammenarbeit mit der Stasi wurden die ersten Kollegen entlassen und sind zum Teil, besonders die Mathematiklehrer, in der Versicherungsbranche untergekommen. Auch nach der zweiten Überprüfungswelle verließen noch Kollegen die Schule. Ab 1991/1992 wurden Gymnasien eingerichtet. Dem ging ein Bewerbungsverfahren für weiterführende Schulen voraus. Sowohl die Kollegen im Land Brandenburg (Calau) als auch in Thüringen (Suhl) empfanden diese erste Zeit in einem neuen Schulsystem wirklich als ein „Überstülpen“ der Schulsysteme der westlichen Bundesländer über das durchaus auch weiter sehr brauchbare Elemente enthaltene DDR-Schulsystem, insbesondere die Struktur des Abiturs betreffend. Von Stabilität konnte man nicht sprechen, wenn zum Beispiel in zwei Jahren drei verschiedene Oberstufenverordnungen umgesetzt werden sollten – oder wie im Schuljahr 1996/1997 – das Hauptfach Mathematik in der Abiturprüfung abgewählt werden konnte!

Warum hat man nicht mehr Zeit des Übergangs gerade in so einem sensiblen Bereich, wie es Bildung und Erziehung nun mal sind, eingeräumt, um Strukturen, Inhalte und Personal des vorhandenen und von Fachleuten des Westens hoch geschätzten DDR-Bildungssystems zu prüfen? Diese sehr hohe Meinung, die es vor allem über die Studienausbildung der zukünftigen Lehrerinnen und Lehrer in der ehemaligen DDR gab, insbesondere auch über die methodisch-didaktische Ausbildung, habe ich selbst in Weiterbildungsveranstaltungen von Professoren westlicher Hochschulen immer wieder gehört. Mir ging dieser Umbruch, nicht nur in der Bildung, viel zu schnell. Ich bin da eher auf der Seite von Günter Grass, der diese Prozesse gern auch mit mehr Bedacht gehabt hätte (Günter Grass, Ein Schnäppchen namens DDR – Letzte Reden vorm Glockengeläut, 1990). Ich hätte mir auch eine wesentlich tiefgründigere Untersuchung der „IM-Unterschriften“ gewünscht, da ich in den 1990er Jahren an der VHS schließlich einige dieser gekündigten Kollegen als Kursleiter hatte, die fachlich bestens ausgebildet waren und in der VHS-Erwachsenenbildung eine zweite Chance bekamen.

Im Privaten erlebte ich ganz konkret die Schulszene, in der meine älteste Tochter 1990 an einer Suhler POS zurechtkommen musste: Die alten Strukturen fielen wie ein Kartenhaus zusammen und sowohl die Lehrerschaft als auch die Schüler waren nicht stark genug, das, was da passierte, ohne „Blessuren“ zu überstehen: Elternabende, die die verzweifelte Suche der Lehrer nach Normalität und Stetigkeit offenbarten, aber die Wege dorthin bleiben lange „verschüttet“. Irgendwie haben wir es geschafft, doch den richtigen Weg mit unseren drei Kindern zu finden, aber wie viele Eltern waren in dieser Zeit überfordert und hätten doch echte pädagogische Zuwendung seitens der Lehrerschaft gebraucht. Die aber war mit sich selbst beschäftigt und so hatte ich Anfang der 1990er Jahre in der VHS junge Erwachsene, die von der Schule und von den Eltern im Stich gelassen wurden, weil ihnen die Bedeutung dieses Scheideweges in ihrer Schullaufbahn damals nicht bewusst gemacht wurde. Sie verließen mit 14 Jahren, mitten in ihrer Pubertät und ahnungslos, wie es weitergehen sollte, die Schule und landeten in einer Ausbildung, die sie oft gar nicht wollten.

Sie kamen in den späten 1990er und in den 2000er Jahren als Erwachsene in die VHS, um ihren Regelschulabschluss oder das Fachabitur ablegen zu können. Bei sehr vielen jungen Menschen konnte ich helfen, mit eigens für diese Gruppe gestrickten Stoffplänen, abgesegnet von zuständigen Mitarbeitern des Thüringer Kultusministeriums. Was für ein Vergnügen war es zu sehen, wie diese jungen Menschen ihre eigenen Potenziale plötzlich wachsen sahen und sehr erfolgreich einen Abschluss schafften, der sie in ein Ausbildungsverhältnis oder in ein Studium brachte. Allerdings war ich die einzige VHS in Thüringen, an der ein Fachabitur in einem Abendkurs abgelegt werden konnte, weshalb ich Teilnehmer nicht nur aus Suhl, sondern aus ganz Südthüringen hatte.

Und erst an den Hochschulen der ehemaligen DDR, Anfang der Neunziger! Die gesamte Führungs- und Ausbildungsriege an den Unis und Hochschulen, auch mein Professor an der PH Potsdam, ist von einem auf den anderen Tag „abgesägt“ worden. Er hat sicherlich dem System gedient, aber er war fachlich und menschlich für die Ausbildung von Nachwuchskadern in der Bildung exzellent geeignet, einfach ein Lehrer der „alten Riege“, wie man so schön sagt. Seine Lebensleistung, wie die so vieler anderer Führungskader in Wissenschaft und Wirtschaft der ganzen Republik, war plötzlich null und nichtig.

Wenn es um Erhaltenswertes aus der DDR-Zeit und in Zusammenhang mit einer auf Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau ausgerichteten Gesellschaft geht, dann wäre es in erster Linie die Kinderbetreuung gewesen: Kinderkrippe, Kindergarten, Hortbetreuung. Die Frauen, die nach der Ausbildung oder Studium auch arbeiten gehen wollten, konnten es auch tun. Ich hätte es nicht bis zur Promotion gebracht, wären nicht diese Einrichtungen vorhanden gewesen!

Transformation ist keine Einbahnstraße

Norbert Reichel: In der Umbruchszeit ging Ihnen vieles zu schnell. Das höre ich von vielen, die diese Zeit damals durchlebten. Die Ideen und Vorschläge des Runden Tisches wurden mit der Vorverlegung der Wahlen zur Volkskammer auf den 18. März 1990 obsolet. Alles wurde Makulatur, weil in den Parteiprogrammen für die Wahl einfach aus den Westprogrammen abgeschrieben wurde. Das hat sich auch in den Karrieren niedergeschlagen. Viele Menschen aus dem Westen zogen in den Osten und besetzten die dort frei gewordenen Stellen. Vielleicht kennen Sie die Schmalkalder Erklärung vom 10. Juli 2019 mit dem Titel „Die Mauer muss weg?“ Dort wird beschrieben, dass nach wie vor kaum Menschen mit Ostbiographie führende Positionen in Hochschulen, in der Wirtschaft, in den Abteilungen der Ministerien einnehmen, dass Lebensleistungen – wie Sie sagen – nicht anerkannt werden. (https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-mauer-muss-weg-2).

Ich habe den Eindruck, dass manche, die jetzt die AfD wählen, damit etwas praktizieren, das ich mit einer sekundären Krankheitsmotivation vergleichen möchte. Vielen mag es wirklich besser gehen als vor 30 Jahren, es gibt viele Erfolgsgeschichten, aber eben auch Misserfolgsgeschichten. Aber nur, wenn man Krawall macht, konkret hier die AfD wählt, wird man gehört.

Margot Metzner: Es gibt hier sicher eine Korrelation von Ursache und Wirkung, die in unzähligen Debatten in ganz unterschiedlichen Kontexten und seit längerer Zeit schon Gegenstand von Untersuchungen war, gerade und insbesondere 30 Jahre nach dem Mauerfall! „Wie konnte das passieren?“ – das ist immer die große Frage. Eine häufige Antwort, die ich immer mal wieder höre, lautet: „Wir haben den Krieg verloren“! Aber so einfach ist das nicht! Ein Szenario hätte nach der „ersten Diagnose“ aus allen gesellschaftlichen Verantwortungsbereichen lauten müssen: Wir müssen die Menschen mitnehmen, die es zur friedlichen Revolution gebracht haben und nun nicht ins Abseits geraten wollen. Und nicht nur die, sondern auch den Westen aufschließen für das, was da im Osten passiert ist, damit wir wieder zu einem Land zusammenwachen können.

Und dafür müssen vor allem die „an die Hand genommen werden“, die die größten Brüche in ihrem Leben erfahren mussten: Die ostdeutschen Generationen! Das ist aber weder über eine schnelle Aufarbeitung der DDR-Geschichte in den Lehrbüchern an den Schulen noch in der Erwachsenenbildung geschehen. Noch 15 Jahre nach dem Mauerfall gab es diese wichtigen Grundlagen für das Fach „Gesellschaftskunde“ an den Schulen nicht, geschweige denn als unmissverständliche Empfehlung der Kultusministerien in Ost und West an den Volkshochschulen der Republik dieses komplexe Thema auf die Liste mit höchster Priorität zu setzen. Und im Selbstlauf geht bei solch einem Thema gar nichts. Das sehen wir jetzt, in welche Richtung das Sich-dem-Selbstlauf-überlassen deutschlandweit abgedriftet ist.

Mein Mann war bis 2011 bei der Bundespolizei und in Einsätzen, in denen sich die „Fronten“ gegenüberstanden, die sich im Land gebildet hatten. Er hat sie erlebt, die jungen Leute, die den „Rattenfängern“ einfach hinterherrannten, von Leuten beeinflusst, die nicht mehr auf dem Boden der demokratischen Grundordnung beheimatet waren. All das ist bekannt.

Politische Bildung war kein Thema im Transformationsprozess. Ich habe mich Ende der 90er Jahre schließlich selbst bewegt, weil ich nicht einverstanden war mit der Arbeit der Stiftungen, die meistens nur in den größeren Städten Thüringens ihre Veranstaltungen ansiedelten und die „Provinz“ meistens außen vorließen. Gerade auch, weil in der ehemaligen „roten Stadt“ Suhl so vieles, was den Bürgern wichtig war zu erhalten, auf dem Spiel stand und sehr viele Bürger mit den neuen Lebensumständen nur schwer zurechtkamen. Nicht nur, dass der erste frei gewählte Oberbürgermeister es zuließ, dass sich Investoren aus dem Westen einstellten, die sich als wenig vertrauenswürdig entpuppten und Fehler gemacht wurden, über die heute am liebsten keiner mehr sprechen möchte. Nein, ich war überzeugt, dass eine schnelle und kontinuierliche Aufarbeitung der DDR-Geschichte gerade in Suhl wichtig war. Hier gab es alle Institutionen einer DDR-Bezirksstadt: SED- geleitete Institutionen und eine Zentrale des MfS sowie zusätzlich noch eine Offiziershochschule mit Kadern, die nach dem Herbst 1989 oft noch hartnäckig an das alte System glaubten. Es war ein ideelles Spannungsfeld, dass sich in sehr vielen Diskussionen der VHS -Abendveranstaltungen auch entlud und mir zeigte, wie wichtig die Themen zur DDR-Vergangenheit waren.

Wir brauchen eine gesamtdeutsche Aufarbeitung

Norbert Reichel: Das, was Sie gemacht haben, wäre ja eine Lösungsmöglichkeit für viele Probleme: Politische Bildung als festes Angebot in den Volkshochschulen und in den Schulen, möglichst in enger Zusammenarbeit. Im Westen stelle ich leider immer wieder fest, dass sich kaum jemand für die Themen SED -Diktatur und Friedliche Revolution interessiert Ein Beispiel: In Nordrhein-Westfalen hatte ich – als ich dort noch im Schulministerium tätig war – die Möglichkeit, ein Programm zur Förderung von schulischen Gedenkstättenfahrten auszugestalten. Wir hatten ausdrücklich die Fahrt zu Gedenkstätten der SED-Diktatur in die Förderrichtlinie aufgenommen. Als ich vor einem Jahr einmal nachfragte, erfuhr ich, dass dies zwei Mal in Anspruch genommen wurde, und das waren Besuche von Hohenschönhausen im Rahmen von Berlinfahrten. Mit Anna Kaminsky habe ich darüber gesprochen, wie wir das Thema im Westen populärer machen könnten. Ein erster Schritt war die Veranstaltung mit Ines Geipel und der Universität Bonn am 21. Januar 2021.

Ich sehe zwei Defizite. Das erste, dass die Menschen im Westen nicht so viel mit der friedlichen Revolution anfangen …

Margot Metzner: …wollen.

Norbert Reichel: … manche wollen nicht, … manche können nicht, oft auch beides, es ist vielen einfach gleichgültig. Das zweite Defizit haben Sie beschrieben: Sie waren in Thüringen Einzelkämpferin für die politische Bildung. Das, was Sie da auf die Beine gestellt haben, müsste es flächendeckend geben, und verlässlich finanziert.

Margot Metzner: Wie gesagt, die Kooperationen zum Land Thüringen und zur BStU-Behörde (Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik), Außenstelle Suhl halfen mir bei dieser aktiven Auseinandersetzung mit einem Themenspektrum, das sonst keine Institution in der Stadt so hartnäckig angepackt hätte.

Aus eigenen finanziellen Mitteln der VHS hätte ich es nicht geschafft, so dass hier für mich ein wichtiger Ansatzpunkt liegt, die Zukunft in der politischen Bildung wirklich für die staatlich geförderte Erwachsenenbildung auch möglich zu machen. Es fehlt an den meisten VHS dafür nicht nur an Finanzen, sondern auch an Personal, das diesen Schwerpunkt mit den Partnern bearbeiten kann. Meine Arbeit in der politischen Bildung hat mir gezeigt: Wenn man einmal die richtigen Partner gefunden hat, die ebenfalls auf diesem Sektor tätig sind, finden sich auch „Abnehmer“ für diese Bildungsangebote, die vom Vortrag bis zu mehrtägigen Projekten an den Orten der historischen Ereignisse reichen. Und es finden sich Unterstützer aus der Zivilgesellschaft, die solcherart Vorhaben, gerade auch für Jugendliche, finanziell über Spenden mit absichern helfen.

Aber es bedarf viel Geduld, Zeit und Hartnäckigkeit, um diese „feingestrickten“ und auf ein Thema zugeschnittenen Projekte auch verlässlich planen und umsetzen zu können. Als „Abnehmer“ und Partner möchte ich die Schulen mit ihren oberen Klassen nennen, die sich in der Jahresplanung auf diese Art der Bildungsmaßnahmen einlassen. Dass sie letztlich die Gewinner dieser Aktionen sind, habe ich als Rückkopplung aus den verschiedensten Projekten von den Kollegen selbst erfahren dürfen. 

So wie der Stand jetzt vielerorts damit ist, kann es nicht bleiben, sonst erleben wir noch ein böses Erwachen.

Norbert Reichel: Das befürchte ich auch. Und das geht eben nicht nur die DDR-Bürger etwas an. Ich ärgere mich immer, wenn jemand aus dem Westen mit dem Finger auf den Osten zeigt und sagt, was dort angesichts der Wahlergebnisse geschehen müsste. Eine andere Frage ist natürlich die, warum bei den Wahlen aus dem Westen eingereiste Politiker das Gesicht der AfD prägen und gewählt werden.

Margot Metzner: Ines Geipel hat es am 21. Januar sehr deutlich gesagt: Dieses ganze Thema ist gesamtdeutsche Geschichte! So deutlich habe ich es noch nie von jemandem gehört! Aber es ist vollkommen richtig. Das habe ich 2019 in Baden-Württemberg, in der VHS Nagold erlebt: Mit der damaligen Leiterin der VHS Nagold, Frau Dr. Anding, plante ich eine Veranstaltungsreihe anlässlich 30 Jahre Mauerfall, die dieses Ereignis der Friedlichen Revolution besonders würdigen sollte. In diesem Zusammenhang kam ich auch an die Stiftung Aufarbeitung, an Herrn Dr. Mählert. Er ließ es sich nicht nehmen, die überarbeitete Ausstellung zum Thema in der Eröffnungsveranstaltung sogar selbst vorzustellen und zu referieren. Im Nachhinein waren wir beide, Frau Dr. Anding und ich, sehr zufrieden, dieses Thema in ganz unterschiedlichen Facetten angepackt und ins Gedächtnis geholt zu haben. Und das im tiefsten Westen! Immerhin: Diejenigen Besucher, die selbst sagten, noch nie im Osten gewesen zu sein, hatten neue Impulse bekommen, sich doch demnächst auf den Weg machen zu wollen…