Queerness Goes Magic

Autor:in Kuku Schrapnell über erfolgreiche Queers der Weltgeschichte

„We tell ourselves stories in order to live“ (Joan Didion, The White Album, 1979)

„Wir müssen uns Geschichten erzählen, um zu verarbeiten, was wir erlebt haben. Es geht gar nicht anders.“ (Kuku Schrapnell, Gender Punks, 2026)

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Wir brauchen Geschichten. Das ist die Botschaft von Joan Didion, das ist die Botschaft von Kuku Schrapnell. Beide wollen Geschichten von Menschen erzählen, aus denen sich dann das zusammensetzen könnte, was wir Geschichte nennen möchten. Kuku Schrapnell tut dies in dem Buch „Gender Punks – Über trans Pionier*innen und die Kunst, widerständig zu leben“ (Berlin, Verbrecher Verlag, 2026).

Aber ob wir aus all diesen Geschichten eine klare und eindeutige Sicht auf Geschichte entwickeln mögen? Kuku Schrapnell denkt, eher nicht, denn „Geschichte ist messy. Sie dreht Kreise und Spiralen und geht mal hierhin mal dorthin. Teile von ihr kapseln sich ab, manche werden versteckt und andere überschrieben. Sie wirklich zu fassen, ist unmöglich.“ Auf all diese „Kreise und Spiralen“ müssen wir uns nur einlassen und schon mag gelingen, was Kuku Schrapnell mit dem Buch erreichen möchte: „Dieses Buch soll ermutigen“! „Gender Punks“ gelingt dies, ganz in der Tradition von Joan Didion. Kuku Schrapnell fügt den vielen Kapiteln außergewöhnlicher Geschichten einige weitere hinzu, die Geschichten erfolgreicher trans Menschen voller Widerständigkeit und Resilienz.

„Die Rosamunde Pilcher des Queer-Feminismus“

Norbert Reichel: Wir haben uns während der Leipziger Buchmesse im Frühjahr 2026 am Stand des Verbrecher Verlags kennengelernt. Ich habe Ihr Buch gelesen und dabei nicht nur viel gelernt, sondern auch viel Spaß gehabt. Glückwunsch. Wie kamen Sie auf die Idee zu dem Buch?

Kuku Schrapnell: Ich bin ein wenig zufällig zu meiner Beschäftigung mit dem Trans-Thema als historisches Thema gekommen. Viel mehr beschäftige ich mich mit Dingen in der Gegenwart. Ich bin Mitglied im Vorstand eines queeren Jugendverbandes in Sachsen-Anhalt. Ich bin in verschiedenen Strömungen aktiv, in denen wir darüber nachdenken, was ein gutes Leben eigentlich ist, wie wir dahin kommen und was Geschlecht damit zu tun hat. Wenn ich das nicht mache, koche ich leidenschaftlich.

Norbert Reichel: Der Name ist ein Pseudonym, nehme ich an.

Kuku Schrapnell, Foto: Nane Diehl.

Kuku Schrapnell: Ja, Kuku war schon lange mein Spitzname und ist inzwischen auch mein amtlicher Vorname. Schrapnell ist eine Anspielung an Coco Chanel, weil ich ursprünglich aus Tuntenkreisen komme, wo solche Namen üblich sind und ich ein Bühnen-Alter-Ego brauchte.

Norbert Reichel: Da braucht man vielleicht Namen, die nach Mode klingen.

Kuku Schrapnell: Zum Beispiel. Das hatte sich dann irgendwie etabliert und ich habe dann nach und nach angefangen, mehr zu schreiben und zu veröffentlichen und dann kam natürlich die Frage, welchen Namen wir darunterschreiben. Aus verschiedenen Gründen dachte ich, dass es doch mit dem bürgerlichen Namen albern wäre, wenn ich mir schon so etwas Schönes ausgedacht habe. Das ist jetzt seit etwa zehn Jahren so.

Norbert Reichel: Welche Texte schreiben sie? Zu welchen Themen?

Kuku Schrapnell: Ich schreibe oft journalistische oder gesellschaftsanalytische Texte. Es ist so eine Art Hand in Hand von Schreiben und Aktivismus. Für mich war das Schreiben schon immer die zweite Hand zum Aktivismus, zum Auf-die-Straße-gehen, zum Organisieren, zum Bündnisse schmieden. Wenn man sich dann über die Welt Gedanken macht, hilft es das aufzuschreiben, damit vielleicht auch andere verstehen, was ich mir so ausgedacht habe, damit sie es teilen oder kritisieren können.

Ich hatte immer auch schon den Wunsch, etwas Gutes zu erzählen, von schönen Dingen zu schreiben. Das gelingt natürlich nicht immer. In der Verlagsbio, die ich bekommen habe, steht, ich gelte „völlig zu Unrecht noch nicht als Rosamunde Pilcher des Queerfeminismus.“

Norbert Reichel: Eine schräge Idee.

Kuku Schrapnell: Der Verlag und ich haben beide an dieser Bio gearbeitet. Es war so ein hehrer Wunsch von mir, den ich schon öfter geäußert habe. Ich habe mal spaßeshalber gesagt, ich lese ein Buch von Rosamunde Pilcher. Die sind einmal ganz schrecklich, aber sie sind auf der anderen Seite einfach sehr gut geschrieben. Das ist für mich die Idee einer Erzählung, die man liest, weglegt und man fühlt sich gut. Die „Rosamunde Pilcher des Queerfeminismus“ kokettiert ein wenig damit. Rosamunde Pilcher und Queerfeminismus könnten kaum weiter auseinanderliegen, aber genau darin liegt für mich der Reiz: Wie können Erzählungen aussehen, die sich kritisch mit der Welt befassen, uns aber nicht in einem Gefühl der Ohnmacht oder der Verzweiflung zurücklassen, sondern uns auch ein Stück Hoffnung geben?

Viele Bücher, die sich mit dem trans Thema befassen, versuchen es einer Öffentlichkeit zu erklären, die sich damit nicht auskennt, vielleicht Vorurteile hat. Mir war wichtig, nicht diesen Ansatz zu verfolgen, so nach dem Motto: Es gibt trans Personen, schaut sie euch an. In einer Rezension kam es auch einmal zur Sprache. Es gab einen Instagram-Account, in dem jemand sagte, man merke dem Buch an, dass es nicht für Cis-Personen, cis als Gegenbegriff zu trans, geschrieben sei.

Natürlich kann man ein Buch nicht ohne Erklärungen schreiben. Manchmal muss man schon erklären, welche Wörter man wie und warum benutzt. Ich wollte aber zunächst erst einmal andere queere Menschen, und explizit trans Menschen ansprechen. Ich stelle mir zum Beispiel Ben (17) vor, lebt in Dessau, benutzt keine Pronomen und soll sich ein bisschen besser fühlen. Das war für mich der zentrale Gedanke. Ich wollte nicht gleich die ganz große Theorie machen. Natürlich steckt Theorie im Buch, aber nicht im Stil von Erziehungs- oder Sozialwissenschaften. Das Buch sollte keinen wissenschaftlichen Diskurs führen, es sollte Hoffnung geben, nahbar sein für das, was man vielleicht Community nennen könnte.

Norbert Reichel: Das gefällt mir sehr an Ihrem Buch, aber wie gesagt ist es für mich ein Buch, das auch denjenigen ein gutes Gefühl gibt, die nicht zur Community gehören. Ein Buch ohne jede Zeigefinger-Attitüde.

Kuku Schrapnell: Genau das. Das ist das eine. Das andere ist die Vermeidung der großen Opfererzählung: ach, mir geht es doch so furchtbar schlecht, ihr müsst doch alle Mitleid mit mir haben.

Ich will schöne Geschichten erzählen.

Norbert Reichel: Mit den „Gender Punks“ ist Ihnen das sehr gut gelungen. Wenn ich das so sagen darf. Ich habe mich nach der Lektüre sehr wohlgefühlt. Ich selbst gehöre nicht zur Queer-Szene, kenne einige Leute der Szene, aber ich kann sagen, dass das Buch nicht nur ein Buch für die Szene, sondern auch ein Buch für alle anderen ist, die ein offenes Herz haben. Schöne, aufregende, spannende Geschichten, die – wie Sie sagen – Hoffnung geben.

Kuku Schrapnell: Das ist für mich die große Überraschung an dem Buch. Es ist mir eine wirklich große Freude, dass es über mein ursprüngliches Zielpublikum hinaus Leuten gefällt und auf ein so positives Echo stößt. Ich glaube, auf eine Art und Weise ist es eine Stärke, dass das Buch sich nicht anbiedern will. Das macht es auch viel lesbarer.

Widerständigkeit und Resilienz

Norbert Reichel: Die Menschen, deren Leben Sie erzählen, sind keine Opfer, sie haben ihr Leben im Griff und lassen sich nicht – wie man so sagt – die Butter vom Brot nehmen. Ich glaube ohnehin, dass man sich in den vielen Kontroversen unserer Zeit, die leider nicht immer sehr freundlich ablaufen, viel besser ein Bild von der Welt machen könnte, wenn man sich mit den Geschichten solcher Menschen befasst. Ich muss aber auch gestehen, dass ich von den Menschen, deren Geschichten Sie erzählen, keine einzige kannte. Wie haben Sie diese Menschen gefunden?

Kuku Schrapnell: Es ist ganz lustig. Ich hatte es immer irgendwie als Hobby, mich mit Geschichte auseinanderzusetzen, Dingen nachzuspüren und zu finden. Als mir der Verlag diese Buchidee antrug, habe ich eine Mind Map angelegt. Ich hatte noch nie ein Buch geschrieben und dachte, ich muss das erst einmal sortieren. Danach habe ich diese Mind Map aber nie wieder angeschaut.

Athanasius Rosenstengel, 1720, Wikimedia Commons.

Jetzt, wo das Buch vorliegt, habe ich noch einmal hineingesehen und festgestellt, dass von all den Leuten, die ich damals im Kopf hatte, es nur einer ins Buch geschafft hat: Anastasius Lagrantinus Rosenstengel. Er hat schon eine kleine Rezeptionsgeschichte in Deutschland. Angela Steidele hatte über ihn geschrieben: „In Männerkleidern – Das verwegene Leben der Catharina Margaretha Linck alias Anastasius Rosenstengel, hingerichtet 1721 – Biografie und Dokumentation“ (Köln / Weimar / Wien, Böhlau, 2004). Kai Matter und Marie Lucienne Verse hatten ein Theaterstück daraus gemacht, „Alias Athanasius“, das 2023 im Berliner Ensemble aufgeführt wurde.

Ich habe auch einen schönen persönlichen Bezug. Das Waisenheim in Halle (Saale), in dem Anastasius aufgezogen und diszipliniert wird, ist meine alte Uni. Da bin ich zum Studieren immer hineingegangen und habe mir regelmäßig den Kopf gestoßen, weil die Decken so niedrig sind.

Irgendwie schien mir Anastasius so unerwartet nah, auch wenn er zeitlich so weit weg von mir lebte. Über die anderen bin ich nach und nach gestolpert, als ich mich auf meine Recherchesuche machte. Dabei habe ich auch geschaut, ob schon jemand an ähnlichen Projekten gearbeitet hatte, vielleicht aus einer ganz anderen Perspektive, vielleicht auch in deutscher Übersetzung. Das Schöne an dem Buch war, dass die Auswahl der Biografien ganz an mir und meinem Bauchgefühl lag. Es gibt natürlich noch Tausende andere Geschichten. Ich habe mich für die sechs Geschichten entschieden, weil diese sechs mir etwas erzählt haben, wovon ich dachte, das möchte ich auch anderen erzählen.

Mark / Mary Read, Das Duell. Aus der Piratenserie von Allen & Ginter Cigarettes, Metropolitan Museum of Art. Wikimedia Commons, Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication.

Norbert Reichel: Sie waren bei der Recherche weltweit unterwegs: Romaine-la-Prophétesse und die Revolution in Haiti, Danshō Okiyo und das Kabuki-Theater in Japan, das Manifest von STAR in den USA, geschrieben von Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera, Pirat:in Mark Read und die Weltmeere.

Kuku Schrapnell: Das war mir wichtig. Der Rahmen des Buches ist allerdings im Großen und Ganzen die westliche Neuzeit, weil ich denke, dass das die Zeit ist, in der sich das moderne Patriarchat entwickelte, veränderte und durch den Kolonialismus verbreitet wurde. Sogar in der Welt von Danshō Okiyo spielt die Interaktion mit dem Westen, hier den amerikanischen Soldaten, eine wichtige Rolle.

Norbert Reichel: Gab es Patriarchat nicht schon vorher und auch in anderen Kulturen?

Kuku Schrapnell: Schon, aber es wurde aus Europa in seiner spezifisch europäischen Veränderung exportiert. Dazu gehören für mich die Geschichten aus Japan und Hawaii, weil dort bestimmte Vorstellungen von Geschlecht und Patriarchat aufeinandertreffen, die wir so nicht auf dem Schirm haben. Ich wollte kein Buch über die Konflikte schreiben, die es global gibt. Das wäre ein superspannendes Buch, aber ich komme nicht aus der Ethnologie oder der Kulturwissenschaft.

Norbert Reichel: Indien wäre interessant.

Kuku Schrapnell: Die Hijra in Indien, die dort als drittes Geschlecht anerkannt sind, die Burrnesha beziehungsweise geschworenen Frauen in Albanien. Es gibt zahlreiche spannende Beispiele, aber das wäre ein anderer Ansatz. Mein Ansatz ist eher der Versuch, von Widerständigkeit zu erzählen. Deshalb habe ich Konflikte gesucht.

Widerständigkeit und Resilienz! Das ist der rote Faden. Wenn man genau hinschaut, entdeckt man, dass ich die Biografien nicht chronologisch angeordnet habe. Es ging mir um die Frage von Gemeinschaft. Rosenstengel war – so weit wir es wissen – sehr auf sich allein gestellt. Nur seine Ehefrau wusste davon. Zumindest können wir das annehmen, dass sie ihn unterstützte. STAR im New York der 1970er Jahre begriff sich als Gruppe, als Kollektiv und handelte auch gemeinsam.

Community und / oder Gemeinschaft

Norbert Reichel: Ich darf aus dem Buch zitieren: „Community ist eh so ein komisches Wort. Häufig wird von der Trans-Community gesprochen oder der Queer-Community. Dabei ist der Witz, dass sich alle Queers kennen würden, ja schon lange ausgelutscht. Vielmehr gibt es viele verschiedene Communitys, die sich zwar teilweise überlagern, aber sich doch über mehr definieren als nur eine geteilte Identität. / Bei Communitys geht es um Beziehungen, gegenseitige Abhängigkeiten und geteilte Ressourcen.“

Im selben Kapitel – einige Seiten weiter – schreiben Sie: „Die Geschichten, die ich in diesem Buch zusammentrage, sind keine Held*innengeschichten. Zumindest geht es mir nicht in erster Linie darum. Es geht mir nicht um die Erschaffung neuer Heiliger, sondern darum, zu erzählen, was möglich ist. Dass es immer wieder Menschen gibt, die gegen innere wie äußere Widerstände vorgehen. Es geht auch darum, dass es nie alleine geht. Dass es immer eine Suche nach Gemeinschaft und Liebe ist, die uns antreibt wie Anastasius oder Lucy. Dass es immer Gemeinschaft braucht, um große Veränderungen möglich zu machen wie bei Romaine und Karl.“

„Gemeinschaft“ und „Community“ sind zwei Schlüsselbegriffe, aber Sie verwenden sie meines Erachtens nicht synonym.

Kuku Schrapnell: Ich benutze die beiden Begriffe nicht als Synonyme, möchte sie aber auch nicht zu scharf voneinander trennen. Es gibt Überschneidungen. Die eine Seite sind Leute, die von „Gemeinschaft“ reden, angefangen mit der „Volksgemeinschaft“ bis hin zu Politiker:innen, die sagen, „wir“ müssten ein Problem „gemeinsam“ lösen. Das hat auch etwas Ausgrenzendes. Natürlich sind wir alle Menschen auf diesem kleinen Gesteinsbrocken, der durchs All rast. Daher sollten wir auch in einer „Gemeinschaft“ leben und das auf eine Art und Weise tun, die möglichst „hierarchiearm“ ist und ohne Ausbeutung und Gewalt funktioniert. Auf der anderen Seite braucht es ganz konkrete Verbindungen der Menschen untereinander, damit „Gemeinschaft“ entstehen kann. Und da kommt der Begriff der „Community“ ins Spiel. Die queere „Community“, die „trans Community“ gibt es allerdings in der Singularform nur in der Sprache. In der Realität gibt es Zehntausende Beziehungsgeflechte, die sich umeinander herumwinden, einander überlagern, sich gegenseitig bis auf den Tod nicht ausstehen können, was auch irgendwie nett ist. (lacht)

Eine Freundin von mir und ich haben mal ausgehend von einem Bluesky-Post eine Art Seminar entworfen: „Even for the bitches“. Das kam auch aus einer kleinen Diskussion, in der es um „Community“ ging und die Frage von Solidarität. Es ging uns darum, die Leute nicht hinten runterfallen zu lassen, die man nicht mag. Ich habe versucht, auch die schlechten Seiten der trans Menschen im Buch nicht unbeleuchtet zu lassen, sondern darauf einzugehen, dass sie fehlerhaft sind, dass sie ihre Schattenseiten mit sich bringen, dass das aber auch ok ist, dass sie keine Heiligen sind. Ich wollte aber auch zeigen, dass wir alle irgendwie und irgendwo sicherlich nicht ok sind. Da kommt mein eigener Katholizismus durch. Mit der Erbsünde sind wir eben alle geschlagen und jetzt können wir uns auf die Gnade Gottes oder besser noch auf die gegenseitige Gnade verlassen.

Sylvia Rivera, 1970, Foto: Roseleechs. Wikimedia Commons, Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license.

Norbert Reichel: Es gibt für fast alle Communities so etwas wie initiale Ereignisse, die als Startdatum einer Bewegung gelten dürften. Das sind in unserem Thema einmal die Ereignisse am 28. Juni 1969, kurz nach Mitternacht, im Stonewall Inn in New York. Davon wissen inzwischen viele. Sie erwähnen in Ihrem Buch jedoch auch das Gründungsmanifest STAR, das kaum jemand kennt und das – so schreiben Sie – „nicht nur das beste Akronym hat, sondern auch ausgeschrieben absolut fantastisch klingt: Street Transvestite Action Revolutionaries.“ Geschrieben haben es Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera.

Kuku Schrapnell: Es war mir selbst im Detail nicht so bekannt. Es ist im Grunde eine große Ironie. Stonewall ist natürlich der Startpunkt einer großen Bewegung. Es ist eine sehr deutsche Eigenheit, dass in Deutschland der „Christopher Street Day“ gefeiert wird. In allen anderen Ländern heißt es einfach „Pride“. 

Norbert Reichel: Das wusste ich nicht. Pride klingt sehr schön, nach Stolz auf sich, nach Stolz miteinander.

Kuku Schrapnell: Und ist ein Gegenbegriff zu Scham.

Aber wer waren Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera eigentlich? Und was passierte damals? Ich wollte herausarbeiten, wie schlimm die Umstände waren, in denen die beiden leben mussten. Die Gesamterzählung geht eher in die Richtung, dass nach Stonewall alles immer besser wurde bis in die 1980er Jahre mit HIV und AIDS. Man sollte aber wissen, dass das so einfach und geradlinig nicht war. Es lag noch ganz schön viel im Argen. Es gab auch Schwierigkeiten in den eigenen Communities, Anerkennung zu finden, und manche fanden Anerkennung an ganz verblüffenden Orten. Das war für mich wichtig.

Norbert Reichel: Ich darf aus Ihrem Buch zitieren: „Viele der STAR-Mitglieder werden nicht sonderlich alt. Sie sterben an den Drogen oder am Entzug, durch die Gewalt auf der Straße. Die meisten von ihnen werden selbst immer wieder gewalttätig. Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass die Vorgänger*innen und Gründer*innen unserer Bewegung alles Heilige waren. / Viele unserer Vorbilder sollten sich durch ihre Kanten und Vielschichtigkeit auszeichnen. Wir brauchen Vorbilder, eben weil es keine Held*innengeschichten gibt, sondern nur die Geschichten von einem Leben, das genauso schwer und widersprüchlich und scheiße war, wie es für die meisten Menschen heute ist. Wer aus historischen Personen Heilige macht, erzählt stets nur einen kleinen Teil ihres Lebens.“ Ich habe diese Sätze als eine Art Programm Ihres Buches verstanden.

Kuku Schrapnell: Auf jeden Fall. Am Ende schafft man es dann doch immer irgendwie, die Quintessenz herauszuformulieren.

Erfolgsgeschichten – trotz allem

Norbert Reichel: Das ist Ihnen gut gelungen und es mich hat sehr gefreut, dass Sie sich auf eine meiner Lieblingsautor:innen beziehen, auf Joan Didion. Ich habe gewagt, in meinem Magazin ihr einen Nachruf zu widmen. Der Titel „Empathische Distanz“ könnte auch als Titel für eine Besprechung Ihres Buches passen. Vielleicht ist das jetzt auch der Zeitpunkt, dass wir zwei Biografien aus Ihrem Buch etwas ausführlicher vorstellen, auch als Anregung für unsere Leser:innen, sich das Buch zu kaufen. Ich schlage vor, dass Sie die eine und ich die andere aussuchen. Wer von uns beiden soll anfangen?

Kuku Schrapnell: Fangen Sie doch an.

Norbert Reichel: Danshō Okiyo.

Kuku Schrapnell: Im ursprünglichen Manuskript war Okiyo gar nicht drin. Eigentlich waren 100 Seiten angepeilt, doch der Verlag sagte dann, wir machen 30 Seiten mehr. So hat es Okiyo geschafft. Okiyo ist für mich so spannend wegen der Auseinandersetzung mit Japan aus der europäischen oder auch deutschen Perspektive. Japan war ein Teil der Achsenmächte im Zweiten Weltkrieg, des Faschismus, eine unfassbar schreckliche totalitäre Gesellschaft, hoch militarisiert. Japan ist verantwortlich für unfassbare Kriegsverbrechen vor allem in Ostasien. Es gab die Nachkriegserzählung von der Öffnung zum Westen, zur Demokratie, zum Kapitalismus, allerdings anders als in der BRD. Für mich war es in diesem Rahmen überraschend, in den kleinen Zwischenraum der 1950er Jahre hineinzuschauen. Es war eine Leerstelle zwischen dem Kaiserreich der 1940er Jahre und davor und den heutigen Neonfarben Tokyos.

Okiyo wurde vor dem Krieg geboren, überlebte ihn – wie wissen wir nicht so genau –, sie wird eine Danshō, eine Schauspielerin und Sexarbeiterin, die in weiblicher Rolle auftritt, trans feminin ist, und auf eine reiche kulturelle Geschichte des japanischen Theaters zurückblicken kann, in der es immer wieder dieses Spiel mit den Geschlechtern gab. Es gab diese Nähe zwischen Schauspielerei und Sexarbeit, wie sie auch in Europa, schon im frühen Mittelalter gang und gäbe war. Okiyo kommt aus Osaka, geht kurz nach dem Krieg nach Tokyo und trifft dort auf Gleichgesinnte.

Es ist schwierig, komplett zu erfassen, was dort vor sich ging. Es gibt einen Haufen verschiedener Menschen, denen bei der Geburt das Geschlecht Mann zugewiesen worden war, die jedoch als Frauen lebten. Sie gingen im Ueno-Park der Sexarbeit nach, auch für die amerikanischen GI’s, die dort nach dem Krieg stationiert waren. Sie konnten einerseits auf eine Tradition zurückblicken, konnten aber andererseits auch in der Nachkriegszeit ausleben, was früher verdeckt war, im privaten und im sehr reglementierten Rahmen stattgefunden hatte. Sexarbeit, eben auch queere Sexarbeit, musste im Geheimen stattfinden und war sehr strengen Regeln unterworfen. Im Ueno-Park fand es in der Öffentlichkeit statt.

Diese neue Offenheit war die eine Seite. Sie wurde von einer US-amerikanischen Besatzung konterkariert, die die Gesetzgebung übernahm und reglementierend eingriff, auch im Hinblick auf die Sichtbarkeit dessen, was in Japan an queerem Ausdruck möglich war. Das wurde erst einmal unterbunden. Auch die Sexarbeit wurde nach amerikanischem Vorbild generell unter Strafe gestellt, obwohl die amerikanischen Soldaten diejenigen waren, die genug Geld hatten, um die Sexarbeit zu bezahlen, und diese auch in Anspruch nahmen.

In diesem Widerstreit geschichtlicher Strömungen findet Okiyo andere und es entwickelt sich die Community, die Gemeinschaft der Danshōs, die sich gegenseitig unterstützen und dann auf den Polizeichef von Tokyo treffen. Dieser war als Law-and-Order-Politiker bekannt. Er will die neue Gesetzgebung durchsetzen und nimmt sich als erstes Ziel die trans Frauen vor. Er hatte einen Haufen Journalisten dabei, in der Hoffnung, dass er diese Leute am nächsten Tag in den Zeitungen outen, bloßstellen, beschämen kann. Aber er trifft auf einen Widerstand, mit dem er nicht gerechnet hat. Alles entwickelt sich in die gegenteilige Richtung. Okiyo gibt ihm eine schallende Ohrfeige. Das wurde bildlich festgehalten.

Der Widerstand greift auch auf andere Bewohner:innen des Parks über, auf Obdachlose, auf andere Sexarbeiter:innen, die im Park ihre Geschäfte anbieten, die sich mit den kämpfenden Danshōs solidarisieren. Es entsteht ein kleiner Aufruhr. Die Polizei schafft es, gerade einmal sechs Leute festzunehmen und muss von dannen ziehen. Okiyo bekommt für ihren legendären Schlag den Beinamen „Okiyo von der eisernen Faust“. Sie wird eine kleine Berühmtheit und ein Bild für den Widerstand gegen die neue moralinsaure Ordnung, die sich dort etablieren will.

Norbert Reichel: Das war die erste Person. Welche wählen Sie als zweite?

Kuku Schrapnell: Romaine-la-Prophétesse. Sie ist eine Revolutionärin aus Haiti. Ich hatte schon lange eine Faszination für die haitianische Revolution gehegt.

Norbert Reichel: Damit hat sich eine der berühmtesten deutschen Novellen befasst: „Die Verlobung von Santo Domingo“ von Heinrich von Kleist. Ansonsten weiß man in Deutschland kaum etwas über diese Revolution.

Kuku Schrapnell: Es gibt auch ein tolles Buch über den Einfluss der haitianischen Revolution auf Hegel. Je nachdem wie man zählen möchte, ist es die zweite oder dritte große demokratische Revolution der Neuzeit, die hierzulande kaum bekannt ist. Mein Schulunterricht ist locker darüber weggegangen. Ich denke, es ist bei denen vielleicht bekannter, die sich mit linker Geschichte befassen. Ich habe über Jahre eine Begeisterung für diese große wichtige Revolution entwickelt, die globale Auswirkungen hatte, leider auch schreckliche Nachwirkungen bis heute. Umso überraschter war ich, als ich in meiner Recherche diese trans Frau in einer sehr prägnanten Rolle entdeckte: Romaine-la-Prophétesse war eine Schwarze Plantagenbesitzerin, sie kam vom spanischen in den französischen Teil der Insel, baute dort eine Familie auf und praktizierte in einer kleinen Kapelle das, was später Voodoo hieß, damals noch Voudon, dieser tolle Melting Pot verschiedener religiöser Einflüsse vom Katholizismus der Kolonial- und Sklavenherren über die Reste der indigenen Religionen, die es damals noch gibt, bis zu dem, was die damaligen Sklav:innen aus Westafrika mitgebracht hatten. Das kocht zu einer neuen Spiritualität, einer neuen Religion zusammen.

Romaine-la-Prophétesse ist Priesterin. Sie folgt einer Tradition der Yoruba, nach der Männer, die Priester werden wollten, Priesterinnen werden mussten, weil die Aufnahme eines Geistes, die Fähigkeit, mit Geistern Kontakt aufzunehmen und zu kommunizieren etwas genuin Weibliches ist. In der Gesellschaft der Yoruba hatte die Möglichkeit eines Geschlechtswechsels daher eine große Tradition. Die kultische Transition – Kult in einem sehr neutralen Sinne – von Männern zu einer Priesterin findet sich im Übrigen in verschiedenen Kulturen. Das wäre sicherlich auch noch ein spannendes Thema.

Romaine bekommt mit, dass im Nordteil von Haiti die Revolution ausbricht. Auch ihr Nachbar, ein weißer Plantagenbesitzer, der eine viel größere Plantage besitzt, bekommt das mit und fängt an, Truppen zusammenzustellen, um sich gegen die Revolution verteidigen zu können. Sie denkt, das kann ich auch und versucht freie Schwarze, auch die weiße Unterschicht, Sklav:innen zu rekrutieren. Eines Tages kommt sie aus der Kapelle und verkündet, dass es jetzt mit der Revolution auch im Süden losgeht. Sie setzt damit einen Flächenbrand in Gang, der den Südteil der Insel ergreift. Es werden nicht nur die Gegner auf der benachbarten Plantage bekämpft. Sie ziehen weiter und befreien Sklav:innen. Man muss es ein wenig einschränken, denn die Wahl war  mitkämpfen oder der Tod. Die meisten schlossen sich daher der Armee an. Man darf trotzdem nicht unterschätzen, welch großer Bruch mit allem Vorhergehenden das war, auch wenn es in viele Grausamkeiten mündete. Es war das erste Mal, dass in der westlichen Neuzeit eine Stadt kapituliert und die Herrschaft einer Schwarzen Person überträgt und dass es sich dabei mit Romaine-la-Prophétesse auch noch um eine Schwarze trans Frau handelt. Wir wissen so wenig darüber und deshalb hat es mir auch so viel Spaß gemacht, das aufzuspüren und dann auch aufzuschreiben und zu verbreiten.

Norbert Reichel: Da ließen sich so manche Gedanken anschließen, ich denke zum Beispiel an eine Schwarze trans Frau als Präsidentin der USA.

Kuku Schrapnell: Wer weiß, wie lange es noch dauert. Vielleicht kommt es ja mal dazu.

Norbert Reichel: Ich würde gerne auf das tragische Schicksal von Alan Turing eingehen, das Sie in Ihrem Buch auch erwähnen, eine trans Geschichte wider Willen. Seine Geschichte wurde auch verfilmt: „The Imitation Game“ von Morten Tyldum mit Benedict Cumberbatch in der Hauptrolle.

Kuku Schrapnell: Ich fand diese Geschichte spannend, auch wenn er in die Gender Punks nicht hineingehört. Er ist ein schwuler Mann, der deshalb vor die Wahl gestellt wird: Zuchthaus oder chemische Kastration. Er bekommt weibliche Hormone, auch Testosteron-Blocker, verweiblicht dadurch. Ein großer Teil seines Leids kommt daher, dass sein Körper verweiblicht, er auch als Sportler nicht mehr die Leistung erbringen kann, die er vor dieser chemischen Kastration erbrachte. Es ist eine Geschlechtsdysphorie, sodass Körper und Selbstgefühl nicht mehr kongruent sind. Dies geschieht zu einer Zeit, in der es erstmals möglich wurde, dass trans Personen Hormone nehmen können, um sich dem Wunschkörper, dem Wunschgeschlecht anzunähern. Das gleiche Wissen wird genutzt, um die chemische Kastration eines brillanten Mathematik-Genies durchzuführen. Alan Turing bekommt gegen seinen Willen das, was vielen anderen, die es wünschen, verwehrt wird.

Schon fast etwas Magisches!

Lucy Hicks zwischen zwei Deputys in Bowman (California). Wikimedia Commons.

Norbert Reichel: Mir hat in Ihrem Buch eine Stelle sehr gut gefallen, in der Sie sehr genau beschreiben, wann ein trans Mensch es geschafft hat, in der Welt akzeptiert zu werden. Es geht um die legendäre Köchin Lucy Hicks Anderson: „Der Moment, in dem du als Schwarze trans Frau, die mehrere Bordelle und illegale Kneipen betreibt, gefragt wirst, ob du das Essen für die Willkommensparty für den neuen katholischen Geistlichen zubereiten kannst, ist der Moment, in dem du weißt, dass du es geschafft hast. Und wenn es nicht dieser Moment ist, dann ist es der, in dem dich der einflussreichste Bänker der Stadt gegen Kaution aus der Zelle holt, damit seine Dinnerparty am Abend mit deinem Essen stattfinden kann.“

Kuku Schrapnell: Total irre, total toll. Wir haben über die Fragen der Hoffnung, des Widerstands gesprochen, auch im Gegensatz zu den bekannten Opfererzählungen. Ich war bei der Recherche so oft positiv überrascht, was alles möglich war. In einer Zeit, die vor Spießigkeit nur so tropft! Wir befinden uns in den USA, in der Zeit der Prohibition, der Zeit eines Sexarbeitverbots. Diese ganze puritanische Kultur ist dort auf einem Höhepunkt und dann gibt es diese kleine Stadt, die noch gar nicht so alt ist und nur gegründet wurde, weil ein reicher Mann, Henry Oxnard, eine Stadt haben wollte, die seinen Namen trägt. Und in dieser Stadt mit vielen katholischen Arbeiter:innen steigt eine Schwarze trans Frau in die High Society der Stadt auf und wird eine der wichtigsten öffentlichen Personen. Sie betreibt in großem Stil Speak Easies, diese illegalen Bars während der Prohibition, und Bordelle.

Es hat schon fast etwas Magisches, was an so vielen Stellen möglich ist. Irgendwie wirkt es wie ausgedacht, aber es ist Wirklichkeit, es ist genauso passiert.

Norbert Reichel: Was bedeutet in diesem Zusammenhang der Titel des Buches: „Gender Punks“?

Kuku Schrapnell: Der Titel entstand in Absprache mit dem Verlag. Wir haben lange gesucht. Es gibt natürlich eine Tradition, solche Bücher zu schreiben. Ich wollte mich davon ein bisschen abheben und habe mich gefragt, was eigentlich das Besondere an meinem Buch ist. Das Besondere sind eben die Widerständigkeit und der Trotz, zwei sehr wichtige Punkte, die mich bei der Auswahl der Biografien begleitet haben. Trotz ist ein so wichtiges Gefühl, etwa so nach dem Motto „jetzt erst recht“, „ich lass mich nicht unterbuttern“. Dem wollte ich im Titel Raum geben. Eben Punk!

(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im November 2026, Internetzugriffe zuletzt am 7. November 2026. Titelbild: Hans Peter Schaefer.)