Sachor! Die 500 Jahre der Familie Zuntz
Annika Friedman über ihre mit Ruthe Zuntz gestaltete Ausstellung in Frankfurt am Main
„Die Erinnerung an einen Vater ist in weißes Papier gewickelt / gleich Vesperbrot morgens zur Arbeit. // Wie ein Zauberer aus seinem Hut Hasen und ganze Türme zieht, / zog er aus seinem kleinen Körper – Liebe. // Aus seinen Händen, Flüssen gleich, / ergossen sich / gute Taten.“ (Jehuda Amichai, Mein Vater, deutsche Übersetzung von Anne Birkenhauer, in: Offen Verschlossen Offen – Gedichte, Berlin, Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2020)
Die „guten Taten“ der „Liebe“ sind manchmal einfach Erzählungen, mündlich oder schriftlich, das Brechen des Schweigens, als Teil eines Gesprächs, das Eltern, Kinder und Enkel eine gemeinsame Vergangenheit vergegenwärtigen lässt. So ergab sich vielleicht die Reise von Ruthe Zuntz und Annika Friedman zur Ausstellung „What a Family! Ruthe Zuntz: 500 Jahre im Fokus“, die vom Herbst 2025 bis zum Februar 2026 im Jüdischen Museum Frankfurt am Main zu sehen war. Es waren 500 Jahre Familiengeschichte der in Berlin lebenden Fotografin Ruthe Zuntz zu sehen.
Die Familie Zuntz – über die Jahrhunderte wurde der Name unterschiedlich geschrieben – ist eine Frankfurter Familie. Die Ausstellung sorgte dafür, dass zugleich eine Familiengeschichte, Frankfurter Stadtgeschichte und nicht zuletzt deutsche, europäische, israelische Geschichte und so manches mehr gleichermaßen sichtbar wurden, mit allen Entdeckungen und allen Leerstellen, „denn Geschichte steckt voller Geschichten“ (Shelly Kupferberg).
Die kanadisch-israelisch-deutsche Historikerin Annika Friedman kuratierte die Ausstellung. Sie ist seit 2022 im Jüdischen Museum Frankfurt am Main für die Dauerausstellung im Rothschild-Palais und die ein oder andere Sonderausstellung zuständig. Die Ausstellung „What a Family“ war ihre erste Ausstellung als Hauptkuratorin. Sie studierte Soziologie und Geschichte an der University of British Columbia in Vancouver sowie an der Hebräischen Universität Jerusalem. Anschließend absolvierte sie den Masterstudiengang Holocaust Studies an der Universität Haifa.
Eine imperfekte Reise in etwas Universelles
Norbert Reichel: Wie kam es zu der Ausstellung?
Annika Friedman: Es gibt bei uns immer unterschiedliche Möglichkeiten, wie eine Ausstellung zu uns kommt. Diesmal war es der Wunsch unserer Direktorin Mirjam Wenzel. Sie wollte schon seit längerer Zeit explizit Geschichte über eine Familiengeschichte zeigen. Sie kannte Ruthe Zuntz persönlich seit über 20, wenn nicht 30 Jahren. Als Ruthe anfing, ihre eigene Familiengeschichte zu erforschen, geriet sie an uns. Sie wusste, dass das Herz ihrer Familiengeschichte in Frankfurt am Main schlug.
Es wurde zu einer Reise zu mehreren Entdeckungen. Ständig entdeckten wir etwas. Es fing auch weit vor unserer Zeit an. Ruthe hatte Jehuda Zuntz persönlich kennengelernt. Er war unter anderem Familienforscher und hat die ersten Schritte auf unserer Reise zur Geschichte der Familie Zuntz gemacht. Er hat zwei Publikationen für seine Familie herausgebracht, nicht für die Öffentlichkeit. Die letzte entstand im Jahr 1998, die erste Ausgabe über 500 Jahre Familiengeschichte, in der Tausende Familienmitglieder aufgeführt sind.

Brief von Simon Zuntz. © Ruthe Zuntz.
Es gab aber auch etwa 500 Briefe, die sich Ruthe und ihr Vater gegenseitig geschrieben hatten. Diese Korrespondenz war der Auslöser. Die Briefe bieten viele Informationen, allerdings aus der Perspektive einer Kindheit. Shimon Zuntz war gerade zehn Jahre alt, als er aus Frankfurt fliehen musste. Er hat viele Spuren hinterlassen, auf denen wir ebenso wie auf den Spuren von Jehuda Zuntz unsere Reise anfangen konnten. Wir fanden eine Vielfalt von Dokumenten, Quellen in Archiven, wir hatten verschiedene Objekte, unter anderem Keramiken und antiquarische Bücher, die in Israel in Privatbesitz waren. Jede Menge Kaffee- und Teedosen waren dabei.
Norbert Reichel: Die beiden bekanntesten Familienmitglieder sind vielleicht Rachel Zuntz (1787-1874), Witwe von Amschel Herz Zuntz (1778-1814), die die Kaffeerösterei in der Bonner Königstraße 78 beziehungsweise in der Hundsgasse 14 (heute Belderberg), aufbaute, die später dann in Berlin zur Weltfirma wurde, und Leopold Zunz (1794-1886), einer der bedeutendsten Übersetzer der Thora in die deutsche Sprache.
Annika Friedman: Sie sind in der Tat vielleicht die bekanntesten Familienmitglieder. Mir hat es aber auch viel Freude gemacht, die Lebensgeschichten derjenigen zu erforschen, die nicht so bekannt waren. Auch diese hatten spannende Geschichten. Das ist vielleicht das Universelle an einer Familiengeschichte. In vielen Familien denken wir an die wenigen VIP-Charaktere, aber in der Erforschung der Familie Zuntz hatten wir die Möglichkeit, einige Charaktere wieder zurück oder vielleicht sogar zum ersten Mal ins Licht zu bringen.
Norbert Reichel: Du hast als Kuratorin zunächst als Historikerin gearbeitet, aber für eine Ausstellung muss man all das, was man gefunden hat, visualisieren. Das ist nicht so einfach. Man kann ja nicht nur Hunderte von Dokumenten in Vitrinen legen. Da fände sich niemand durch. Die Visualisierung dieser umfassenden Familiengeschichte ist dir exzellent gelungen.
Annika Friedman: Vielen Dank. Ein solches Kompliment wünscht sich jede:r Kurator:in. Es war etwas Imperfektes in dem gesamten Prozess. Wir haben hier eine Familiengeschichte von über 500 Jahren mit unterschiedlichen Rupturen. Die Ruptur der Shoah ist die größte. Für mich war es daher von Anfang an sehr wichtig, auch den Leerstellen und Rupturen viel Zeit und Platz in der Ausstellung zu geben. Es war mir ein Anliegen, das Imperfekte darzustellen.
Norbert Reichel: Es mag etwas banal klingen, aber es gibt keine Geschichte ohne Leerstellen.
Annika Friedman: Viele Historiker:innen, auch viele Kurator:innen möchten jedoch keine Leerstellen lassen oder würden sie, wenn sie sie sehen, nicht so hervorheben wollen. Ich kann das bis zu einem bestimmten Punkt verstehen. Wir wollen Antworten finden, aber hier war es unmöglich alles zu beantworten.
Ich habe keine Antwort auf jedes Fragezeichen. Ich glaube, auch die Arbeit mit den Gestaltern, den Formfellows aus Frankfurt, zeigte dies. Wir kamen in mehrere Gespräche, in denen wir merkten: more is not always more. Wir mussten darüber nachdenken, was wir mit welchem Objekt bewirken, was wir damit zeigen können oder wo es besser ist, eine Leerstelle zu lassen und über einen Text einen Kontext zu schaffen. Dieses Imperfekte ist etwas Universelles. Wir haben nichts zusammengeklebt. Wir haben die Scherben so gelassen wie sie sind und gewürdigt.
Jenseits des Schweigens

Es begann mit einem Koffer in Auschwitz © Norbert Miguletz.
Norbert Reichel: Eine Besonderheit der Ausstellung ist ihre Mehrsprachigkeit. Auch das gibt ihr etwas Universelles.
Annika Friedman: Deutsch, Englisch und Hebräisch, das ist auch ein Novum in der Geschichte des Museums. Das sind die drei Sprachen von Ruthe Zuntz und es waren auch die drei Sprachen während unseres Forschungsprozesses. Das wollte ich auch in der Ausstellung widerspiegeln. Es war eine große Inspiration von Ruthe Zuntz. Ihr Großvater Karl Zuntz hat Briefe an seine Söhne im Mandatsgebiet Palästina geschrieben, die er mit der Schreibmaschine geschrieben hatte, aber er ließ Platz, den er später handschriftlich auf Hebräisch füllte. Shimon hat seine Briefe auf Hebräisch geschrieben und Platz gelassen, um etwas auf Deutsch hinzufügen zu können.
Norbert Reichel: Alle Familiengeschichten sind irgendwo etwas Internationales, Mehrsprachiges. Je weiter man zurückgeht, desto mehr Sprachen wird man in jeder Familie entdecken. Manche werden sich dann wundern.
Annika Friedman: Ich wurde mehrfach gefragt, ob das Besondere an unserer Ausstellung die 500jährige Familiengeschichte ist. Ich habe unterschiedlich geantwortet, aber zuletzt habe ich gesagt, jeder hat eine 500jährige Familiengeschichte. Das Besondere an der Reise ist, dass Ruthe die Informationen direkt von ihrem Vater erhalten hat. Sie ist die zweite Generation eines Überlebenden der Shoah, weil ihr Vater als Kind überlebt hat. Es ist aber überhaupt nicht selbstverständlich, dass jemand in der zweiten Generation so ausführliche Informationen erhält. Meistens erhalten erst die Enkel diese Informationen. Sie dürfen erst einmal fragen und dann antworten die Großeltern aus einer gewissen Distanz. Ruthes Beziehung zu ihrem Vater war so eng, sie hat darauf bestanden, dass er die Geschichte erzählt. Er hat sich damit sehr verletzlich gemacht, aber er hat erzählt. So viel Wissen geht so oft verloren.
Norbert Reichel: Es wurde und wird so viel geschwiegen und beschwiegen. Es ist so wichtig, dass man miteinander spricht und das Schweigen vielleicht hinter sich lässt.
Annika Friedman: Das ist das Besondere an der Ausstellung. Es ist viel mehr als 500 Jahre Familiengeschichte. Es ist eine Aufarbeitung. Ruthe und ihr Vater waren sehr mutig. Auf dieser Basis konnten wir unsere Reise beginnen.
Norbert Reichel: Und es ist ja nicht nur die Geschichte der Familie Zuntz. Wie viele Familiengeschichten haben sich mit der Geschichte der Familie Zuntz gekreuzt? Ich denke zum Beispiel an die Geschichte der Mutter und der Stiefmutter von Shimon Zuntz.
Annika Friedman: Die gehören alle dazu. Es gibt auch mehrere zum Christentum konvertierte Mitglieder der Familie, die wir in der Ausstellung zeigen, die sich nicht mehr als Jüdinnen und Juden identifizieren, aber weiterhin zur Familie Zuntz gehören.
Norbert Reichel: Zumal es für eine Konversion ganz unterschiedliche Gründe geben kann.
Annika Friedman: Wer bin ich als Historikerin, die mehrere Jahrzehnte später das beurteilen soll? Religion ist ein Aspekt in einer Familie, aber eben nur ein Aspekt.
Der Rahmen – ein Koffer und eine Sukka

Die Sukka am Ende der Ausstellung, aber nicht das Ende der Geschichte © Norbert Miguletz.
Norbert Reichel: Ich schlage vor, dass wir die Ausstellung am Beispiel einiger ausgewählter Exponate vorstellen. Vielleicht beginnen wir mit dem Rahmen. Wir sehen am Eingang wie am Ende der Ausstellung keine Originale, sondern künstlerisch stilisierte Artefakte, zu Beginn einen Koffer, am Ende eine Sukka.
Annika Friedman: Das meine ich mit den Leerstellen, die als Leerstellen gewürdigt werden sollen. In unserem ersten Raum, dem Prolog, sieht man einen stilisierten Koffer. Man weiß, dass es ein Koffer ist, aber auch, dass es die künstlerische Interpretation eines Koffers ist. Der Koffer ist tatsächlich sehr zentral, nicht nur in diesem Raum, auch in unserem Narrativ. Es ist der Koffer von Karl Zuntz, dem Großvater von Ruthe Zuntz, den sie nie kennenlernen durfte, denn er wurde mit seiner zweiten Frau Ella und den beiden kleinen Kindern, Miriam und Harry Zwi, in Auschwitz ermordet.
Dieser Koffer spielt in Ruthes Narrativ eine zentrale Rolle. Ruthe kam 1991 nach Berlin. Ihr Vater Shimon Zuntz, der als Kind im April 1939 ins britische Mandat Palästina fliehen konnte, wusste nicht, was mit seinem Vater, seiner Stiefmutter, seinen Geschwistern geschehen war. Es gab viele Gerüchte, viele Fragezeichen. Er behielt immer eine Art von Optimismus oder Naivität und glaubte, er würde seine Familie irgendwo finden, vielleicht in Südamerika, vielleicht in Australien. Diese Hoffnung hat er nie aufgegeben. Bis zu dem Zeitpunkt, als er in Berlin einen Verwandten, einen Peter Zuntz, traf, der erzählte, er sei in Auschwitz gewesen und habe dort einen Koffer gesehen mit der Aufschrift „Karl Zuntz“. Das war für Shimon Zuntz ein kompletter Bruch. Er konnte die Hoffnung nicht mehr aufrechterhalten. Er hatte ein Fakt: Der Koffer seines Vaters liegt in Auschwitz.
Das war der Anfang für Ruthe Zuntz und ihren Forschungsprozess. Sie hat ihren Vater Shimon gebeten: Jetzt musst du mir deine Lebensgeschichte aufschreiben, jetzt musst du mir alles erzählen, woran du dich erinnerst. Das hat er tatsächlich gemacht, in über 500 Briefen. Angefangen hat es mit dem Motiv des Koffers seines Vaters.
Den Koffer selbst haben wir von der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau nicht bekommen. Mir war es aber wichtig, die Geschichte des Koffers zu inszenieren, und ich freue mich darüber, was daraus geworden ist. Im Nachhinein hat es eine andere Stärke, dass wir es künstlerisch inszeniert und nicht den Koffer selbst im Raum haben. Uns wurde auch klar, dass der Koffer, den Peter Zuntz gesehen hatte, vielleicht doch nicht der Koffer von Karl Zuntz war. Es stand noch ein anderer Name drauf, der aber durchgestrichen war. Wir hätten möglicherweise sogar ein Täterobjekt zentral ausgestellt. Ich bin am Ende mit unserer Entscheidung sehr zufrieden. Sie hat genau den Effekt geschaffen, den ich mir gewünscht hatte.
Als Parallele wollten wir eine Sukka ausstellen. Sukkot ist eines der vielen jüdischen Feste, ein Fest, das den Familienaspekt ins Bild bringt. Man kommt als Familie zusammen, verbringt Zeit miteinander, isst gemeinsam. Sukkot hat für die Familie Zuntz folgende Bedeutung: Ruthe Zuntz erfuhr von einer Frau, die die Haft überlebt hatte, dass Karl Zuntz in Theresienstadt, wohin er zuerst deportiert worden war und mit Ella, Miriam und Harry Zwi zwei Jahre überlebte, eine Sukka mit welchen Materialien auch immer aufgebaut hatte. Zwei Tage später wurde er mit seiner Familie nach Auschwitz deportiert. Sie wurden bei der Ankunft ermordet. So hat eine Sukka für die Familie Zuntz eine andere, eine dunkle Bedeutung. Sukkot ist eigentlich ein friedliches Fest, in dem es um Dankbarkeit geht, um Familie, um Zusammenkommen, doch plötzlich hat die Familie Zuntz eine ganz andere Perspektive auf dieses Fest.
Koffer und Sukka sind beide in Weiß gehalten, sodass sie als eine Art Monument erscheinen. Mir war wichtig, dass die Gestaltung nicht von Ruthe Zuntz war, denn ihr Medium ist die Fotografie. Mir war auch wichtig, dass die Gestaltung minimalistisch bleibt, passend zu der Fragmentierung, die unsere gesamte Ausstellung prägt. Der Koffer hat mehrere Fassaden, er sieht etwas durchgetreten aus, es gibt nur noch eine Schnalle. Die Sukka ist viel größer, fast lebensgroß, man könnte fast hineingehen, aber sie wirkt nur begehbar, sie ist es nicht. Sie ist als eine Art Teatrino gehalten. Man muss etwa zwei Meter entfernt stehen, erst dann wirkt sie als Sukka.
18 Scherben – 18 Leben und die Geschichte der Hanna Charag-Zuntz

Nicht nur Scherben im Raum, Keramiken von Hanna Charag-Zuntz © Norbert Miguletz.
Norbert Reichel: Du nanntest einen zentralen Begriff der Ausstellung: Fragmentierung. Dort, wo ihr konkrete Biografien der Familie Zuntz darstellt, sehen wir 18 Scherben.
Annika Friedman: Die Fragmentierung, Rupturen, die Scherben waren mir sehr wichtig, auch gestalterisch. Sie wurden durch eines meiner ersten Gespräche mit Ruthe Zuntz inspiriert. Sie sagte mir, sie sehe ihre Aufgabe in der Familiengeschichte als eine Art Detektivin. Wie bringen wir die Scherben wieder zusammen? Ihre Familie war ursprünglich ein Glasgefäß, das zerstört und in Millionen Splittern über die Welt verteilt wurde. Ihre – und dann auch meine – Aufgabe war es dann, diese Scherben wieder zusammenzubringen, aber in einem imperfekten Prozess.
Keine zwei der als Scherben inszenierten Vitrinen sind gleich. Sie sind wie Splitter, wie Schneeflocken. Sie sehen einander ähnlich, aber sie sind nicht gleich und sie passen auch nicht zusammen.
Norbert Reichel: Warum 18 Scherben? Warum 18 Biografien?
Annika Friedman: In unserer Ausstellung haben wir bewusst 18 Persönlichkeiten ausgewählt. Die Zahl „18“ ist im Judentum die Zahl für „Chai“ – das Leben. Von diesen 18 Persönlichkeiten hat Ruthe Zuntz zwei kennengelernt. Eine davon ist Hanna Charag-Zuntz, eine weltbekannte Keramikerin. Ruthe hat mir erzählt, ihr sei nicht bewusst gewesen, wie berühmt Hanna war. Hanna war Ruthes Babysitterin. Sie war ihre Lieblingsbabysitterin, auch weil Hannas Wohnung so bunt war. Es war immer eine Reise in Hannas Wohnung, eine Reise in eine andere Welt. Das ist eine von vielen Geschichten, aber sie bleibt für mich ein Highlight.
Hanna hat mich von Anfang an sehr inspiriert. Ich durfte Hannas Tochter kennenlernen, die auch Keramikerin geworden ist, war bei ihr zu Hause zum Kaffee eingeladen. Hanna war ins britische Mandatsgebiet Palästina geflohen. Sie hatte in Hamburg Kunst studiert und war in Palästina, in Israel weiterhin als Künstlerin tätig. Mir war zunächst nicht bewusst, wie berühmt sie war. Ich habe dann erfahren, dass sie eine von drei Pionierinnen in der israelischen Keramikkunst war.
Ihr Stil nannte sich Terra Sigillata, eine besondere Art der Keramik. Für diese Technik wurde Hanna sehr berühmt. Es wird sehr dünn vorbereitet und glänzt, sodass man denken könnte, es handele sich um eine Glasur, aber der Glanz liegt an den Materialien. Sehr bekannt sind blauschichtige oder orangerotschichtige Keramik. Sie hat auch in Deutschland ausgestellt, im Folkwang-Museum, und ist auch bis heute in Japan sehr beliebt. Ich freue mich immer, wenn Künstler:innen gelobt werden, wenn sie noch leben. Hanna Zuntz hat noch erlebt, wie sie für ihre Arbeit und für die Entwicklung des Stils in Israel anerkannt wurde.
Bücher und Kaffeedosen

Im Gedenken an A. Zuntz sel. Wwe. © Christian Preiser.
Norbert Reichel: Zu Beginn haben wir bereits Leopold Zunz und Rachel Zuntz als die vielleicht bekanntesten Familienmitglieder erwähnt.
Annika Friedman: Vielleicht beginnen wir mit Leopold Zunz, dem Begründer der Wissenschaft des Judentums. Ruthe hat eine besondere Beziehung zu Leopold, denn sein Grabstein ist nicht weit entfernt von ihrer Berliner Wohnung, auf dem jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee. Sie sagte, sie habe sich ihm immer sehr nahe gefühlt. Ich denke, da steckt etwas viel Tieferes drin: Ruthe kommt in den 1990er Jahren alleine aus Israel nach Berlin und findet tatsächlich einen Verwandten, nur wenige Minuten entfernt von ihrem Zuhause. Das hat auch etwas sehr Intimes. Sie hat ihn besucht und sich mit dieser Nähe mehr zu Hause gefühlt.
Wenn die Besucher:innen der Ausstellung eine Person der Familie kannten, war das sehr oft Leopold Zunz. Er hat die Thora übersetzt. Seine Übersetzung ist nach wie vor sehr verbreitet. Er hat aber auch dafür gesorgt, dass das Judentum erforscht und analysiert werden kann, auch an den Universitäten. Er hat geprägt, wie wir heute über Judentum forschen, aus religiöser, soziologischer, gesellschaftlicher Sicht. Ihm verdanken wir, dass heute Juden wie Nicht-Juden das Judentum besser verstehen und erforschen können.
Norbert Reichel: Ich kann mich aus meiner Kindheit noch gut an Kaffee mit der Aufschrift „A. Zuntz sel. Wwe.“ erinnern. Inzwischen ist die Firma in die Firma Dallmayr integriert worden. Auf der ansonsten recht ansprechenden Seite der Firma findet sich leider kein Hinweis mehr auf „A. Zuntz sel. Wwe.“.
Annika Friedman: Wir sprechen von Rachel Zuntz. Ich möchte sie tatsächlich als Entrepreneurin nennen, die erste Kaffeehausunternehmerin, zuerst in Bonn, dann in Berlin. Wir haben in der Familie Zuntz die Geschichte von vielen starken Frauen gefunden. Es war mir wichtig, Frauengeschichte hervorzuheben. Rachel Zuntz war natürlich ein absolutes Highlight. Sie hat nach dem Tod ihres Mannes die Identität des Mannes als „A. Zuntz sel. Wwe.“ angenommen. Sie gab die Geschäfte später an ihren Sohn weiter, aber sie bleibt das Gesicht der Firma. Sie ist die symbolische Frau, die auf dem Logo der Firma zu sehen ist. Das war in dieser Zeit für eine Frau alles andere als selbstverständlich, ein Geschäftsmodell so weit zu verbreiten und aktiv zu steuern. Es war nicht nur Kaffee, später auch Tee.
In unserem Forschungsprozess war interessant zu erfahren, dass die unterschiedlichen Mitglieder der Familie, die wir in Amerika, in Israel, in welchen Ländern auch immer ausfindig machten, alle irgendwelche Kaffeedosen gekauft hatten. Bei jedem Besuch auf meiner Forschungsreise habe ich Kaffeedosen gefunden. Diese Art von Familienmerchandise bindet irgendwie die gesamte Familie zusammen, auch wenn sie nicht unmittelbar mit Rachel verbunden sind.
Norbert Reichel: Man findet diese Tassen und Dosen auch in Ihrem Museumsshop. Gegenstände erinnern an das Erlebte. Die Kaffeedose ist fast schon etwas wie die objets matériels bei Marcel Proust, der Lindenblütentee, die Madeleine, ein Pflasterstein auf dem Markusplatz in Venedig, diesmal aber auch ganz handfest, nicht nur als Geruch, als Geschmack, als Gefühl. Tassen und Dosen sind ganz real auch gut benutzbar.
Annika Friedman: Wir haben sie nachproduziert, weil wir möchten, dass alle Besucher:innen sich, wenn sie möchten, eine für die eigene Küche mitnehmen können.
Das schlagende Herz der Ausstellung

Das schlagende Herz der Ausstellung: Ruthe Zuntz Installation © Norbert Miguletz.
Norbert Reichel: In der Ausstellung gibt es ein Zentrum, die Installation von Ruthe Zuntz.
Annika Friedman: Ich will hier nicht für Ruthe sprechen. Meine Zusammenarbeit mit ihr war etwas Besonderes. Es ist nicht immer der Fall, dass eine Kuratorin und eine Künstlerin so gut zusammenarbeiten. Wir hatten natürlich unterschiedliche Herangehensweisen. Für Ruthe ist es eine sehr intime Geschichte, ihre Familiengeschichte. Sie hat dies aber auch sehr ehrlich zugelassen. Ihr Kunstwerk ist mitten in der Ausstellung zu sehen, es ist das schlagende Herz der Ausstellung. Für Ruthe war es sehr wichtig, dass wir ihre Familie kontextualisieren. Das haben wir über die kuratorisch-historischen Spuren getan.
Ruthes Installation ist ein liegendes Unendlichkeitssymbol, dass durch Vorhänge geschaffen wird. Die Vorhänge sollen eine gewisse Dunkelheit schaffen. Es waren Textilvorhänge, aber von außen sollten sie wie eine Art Papier wirken. Die Ein- und Ausgänge der Installation sollten den Eindruck vermitteln, als wäre ein Papier gefaltet worden. Die Geschichten der Familie sind um die Installation herum gruppiert.
Ruthe setzt sich in der Video-Installation mit den dort gezeigten wechselnden Fotografien mit ihrer Familiengeschichte auseinander. Gelesen werden Auszüge aus den Briefen, die sie von ihrem Vater Shimon erhalten hat. Ruthe hat natürlich immer wieder einmal geantwortet, aber jetzt als erwachsene Frau kann sie anders auf die Briefe ihres Vaters antworten. Das macht sie durch die Linse ihrer Fotokamera, als Antworten auf Shimons Briefe.
Norbert Reichel: Wir sehen drei Bildschirme. Auf diesen sehen wir ständig wechselnde Bilder von Frankfurt in seinen Bezügen zum jüdischen Leben und zur jüdischen Geschichte. Dazu werden Texte aus den Briefen vorgelesen.
Annika Friedman: Hier würde ich lieber Ruthe selbst das Wort überlassen. Ich kann dir aber sagen, sie hat viele Frankfurter Themen aufgenommen. Natürlich hat ihr Vater alles weitergegeben. Es sind die Erinnerungen eines kleinen Jungen, der in Frankfurt geboren wurde, dort aufgewachsen ist und fliehen musste. Es war die einzige Heimat, die er kannte. Er erinnert sich an jede Straße, aber nicht so wie wir uns heute als Erwachsene erinnern würden. Er sieht alles aus seinen Kinderaugen, mit einer gewissen Naivität. Man muss ja auch im Blick behalten, dass er über Jahrzehnte nicht darüber gesprochen hat, erst in den 1990er Jahren. Er konnte sich an so viel erinnern, an die Wege zum Kindergarten, die Wege in den Wald, die Wege mit seinen besten Freunden. Es sind symbolische Punkte in Frankfurt, die es nach wie vor gibt. Das hat auch mir als Außenstehende gezeigt, wie unglaublich wertvoll diese Erinnerungen sind und wie bedeutend es ist, dass er sie Jahrzehnte später an seine Tochter weitergeben konnte.
(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Mai 2026, Internetzugriffe zuletzt am 17. April 2026, Titelbild: What A Family! Ruthe Zuntz im Raum ihrer Installation, © Norbert Miguletz. Für alle Bilder gilt der herzliche Dank an das Jüdische Museum Frankfurt am Main.)
