„We remember“
Die erste Holocaust-Ausstellung in der arabischen Welt
Das kulturgeschichtliche Museum Crossroads of Civilizations in Dubai widmet sich der Rolle der Stadt am Golf als historischer Knotenpunkt zwischen Europa, Afrika und Asien. Anhand zahlreicher Artefakte will es an das Zivilisationen übergreifende gemeinsame Erbe der Menschheit erinnern und Werte wie Toleranz und kulturelle Vielfalt vermitteln.
Im Mai 2021, weniger als ein Jahr nach der Normalisierung der Beziehungen zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten und Israel im Rahmen der sogenannten Abraham-Abkommen, wurde mit dem Themenraum „We Remember“ die erste Holocaust-Ausstellung in der gesamten arabischen Welt eröffnet.
Hintergrund

Bild am Eingang des Museums. Foto: privat.
Das Crossroads of Civilizations Museum (CCM) liegt im historischen Schindagha-Viertel, einem der ältesten Stadtteile Dubais, unweit des Khor Dubai (Dubai Creek), einem Meeresarm des Arabischen Golfs, der für die Geschichte der Stadt von überragender Bedeutung war. Das CCM bildet gemeinsam mit einem Museum für seltene Bücher, Manuskripte und Drucke und einem Waffenmuseum die „Museum Group“, welche die „Bedeutung universeller Werte wie Toleranz und Respekt hervorheben“ und zeigen will, „welche wesentliche historische Rolle sie für das Gedeihen und den Fortschritt der menschlichen Zivilisationen in verschiedenen Bereichen gespielt haben“.
Hervorgegangen sind die drei Museen aus der privaten Sammlung ihres Gründers und Direktors Ahmed Obaid Al Mansoori. Al Mansoori war Politiker und als einer von acht Vertretern des Emirats Dubai Mitglied des 40-köpfigen Föderalen Nationalrats, des vor allem mit beratenden Kompetenzen ausgestatteten Parlaments der Vereinigten Arabischen Emirate. In Dubai war er in etlichen Führungsfunktionen tätig und Vorstandsmitglied zahlreicher Institutionen und hochrangiger Ausschüsse.
Das 2014 offiziell eröffnete CCM, das ursprünglich im Erdgeschoß von Al Mansooris Wohnsitz angesiedelt war, ist mittlerweile als privates Museum in einem historischen, restaurierten Gebäude beheimatet, der früheren Residenz des Bruders des Großvaters des heutigen Herrschers von Dubai, Muhammad bin Raschid Al Maktum.
Rund um den Innenhof
Die Ausstellungsräume des Museums liegen rund um den Innenhof des Gebäudes. Sie beinhalten sechs Galerien, die sich verschiedenen Themen widmen:
- Lokale Geschichte,
- „Königliche Verbindungen“, also Ausstellungsstücke über Herrscher und andere bedeutende Personen aus der arabischen Welt, aus Asien und aus Europa, die vom 16. bis zum 20. Jahrhundert die Geschichte der Region beeinflusst haben,
- Zeugnisse von Reisenden und Entdeckern,
- Palästina und das Heilige Land,
- Religiöse Artefakte verschiedener Religionen,
- Islamische Kunstwerke.
Gleich beim Eintritt in den Innenhof werden die Besucher von einem gemalten Bild begrüßt, das den Geist des CCM knapp auf den Punkt bringt: Zu sehen sind zwei junge Männer, die gemeinsam Kaffee trinken und lachen. Einer von ihnen trägt eine traditionelle emiratische Dishdasha (ein weißes, langärmeliges Überkleid) und auf dem Kopf eine weiße Ghutra (ein mit einer schwarzen Kordel gehaltenes, gefaltetes Tuch), der andere trägt westliche Kleidung – und eine Kette mit Davidstern um den Hals. Darüber ist zu lesen: „#Cousins_Meetup“.
Denn schon vor den sogenannten Abraham-Abkommen und der Normalisierung der Beziehungen zwischen den Emiraten und Israel war Direktor Al Mansoori die Erinnerung an jüdisch-arabische Beziehungen ein großes Anliegen. Im Gegensatz zu weit verbreiteten, geschichtsverleugnenden Ansichten betont er: „Juden haben im Nahen Osten schon immer eine wichtige Rolle gespielt.“ (zitiert nach: Salomé Nabeth, Salomé: “We Remember”: Dubai’s unforgettable exhibition, in: Abramundi 17. Juli 2025).
Das „größte Verbrechen gegen die Menschheit“
Die grassierende Ignoranz über die Vergangenheit und aktuelle antisemitische Vorfälle gehörten zu den Faktoren, die Al Mansoori dazu trieben, den bestehenden sechs Galerien des CCM noch eine siebente hinzuzufügen, die sich der Erinnerung an das „größte Verbrechen gegen die Menschheit“ widmet (zitiert nach: Etan Salman, in: Jewish News 20. März 2023). „Es ist uns sehr wichtig«, betont Al Mansoori, »dass wir uns darauf konzentrieren, Menschen über die Tragödien des Holocaust aufzuklären, denn Bildung ist das Gegenmittel gegen Unwissenheit“ (zitiert nach: All Arab News 12. Juni 2021).
Inspiriert unter anderem durch das United States Holocaust Memorial Museum in Washington, zu dessen Spendern Al Mansoori seit Jahrzehnten gehört, erstellte er mit der israelischen Kuratorin Yael Grafy und in Kooperation mit internationalen jüdischen Organisationen den Ausstellungsraum „We Remember“, der im Mai 2021 eröffnet wurde.
Zu den Gästen der Eröffnungsfeier zählten sowohl der damalige deutsche als auch der damalige israelische Botschafter in den Vereinigten Arabischen Emiraten. „Wer hätte vor siebzig oder achtzig Jahren gedacht, dass ein israelischer Botschafter und ein deutscher Botschafter hier zusammensitzen würden – in einem arabischen Land – und eine Ausstellung zum Gedenken an den Holocaust besuchen würden?“, so Israels Botschafter Eitan Na’eh (All Arab News 12. Juni 2021).
Finger in Wunden
Die Ausstellung „We Remember“ besteht nur aus einem Raum, in dem aber viele Inhalte untergebracht wurden. So zieht die Ausstellung einen Bogen vom Aufstieg des Nationalsozialismus und dem diesen charakterisierenden Antisemitismus über die Jahre der Verfolgung und Vernichtung bis in die heutige Zeit. Dabei werden historische Informationen mit der Schilderung individueller Schicksale wie jenem von Anne Frank und mit Zeugenaussagen von Überlebenden sowie von Angehörigen der Opfer kombiniert.

Blickfang im Museum. Foto: privat.
Zentraler Blickfang im Raum ist ein lebensgroßes Bild eines kleinen Jungen, eine Reproduktion einer ikonischen Fotografie aus dem Warschauer Ghetto in Polen aus dem April oder Mai 1943. Originalwaffen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs aus der Sammlung des Museums hängen rund um das Bild von der Decke herab, die Gewehrläufe auf den Jungen gerichtet.
An den Waffen sind, neben Fotos weiterer ermordeter Kinder, Karten befestigt, die kurze Antworten auf zentrale Fragen zum Holocaust geben, etwa: „Warum wurden gerade die Juden zur Vernichtung ausgewählt?“, „Hatten die Nazis von Beginn ihres Regimes an geplant, die Juden zu ermorden?“ oder „Worin bestand der Unterschied zwischen der Verfolgung der Juden und der Verfolgung anderer Gruppen, die von den Nazis als Feinde des Dritten Reichs eingestuft wurden?“ Ausdrücklich erwähnt werden in der Ausstellung die Opfergruppen der Roma, slawische Völker (Polen und Russen) und sowjetische Kriegsgefangene, aber auch Kommunisten, Sozialisten, Zeugen Jehovas und Homosexuelle.
Einen Schwerpunkt der Schau stellen die Geschichten einiger Araber/Muslime dar, die Juden vor der Verfolgung gerettet haben, darunter Selahattin Ülkümen, der als türkischer Konsul in Rhodos Dutzende jüdische Familien vor der Deportation und Vernichtung gerettet hat, und Mohammed Helmy, ein in Berlin lebender arabischer Arzt, der ab dem Beginn der Deportationen mehrere Juden ein Überleben im Versteck ermöglichte und dafür 2013 von der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet wurde.
So wichtig es Direktor Al Mansoori ist, die Geschichten dieser arabischen/muslimischen Helden in Erinnerung zu rufen, so wenig drückt sich die „We Remember“-Galerie seines Museums davor, den Finger auch auf heikle Themen zu legen. Zu diesen gehört definitiv die Verfolgung von Juden in der arabischen Welt, die beispielsweise anhand des Fotos einer zerstörten Synagoge aus dem libyschen Tripolis angesprochen wird. Im Text zu dem Bild werden explizit anti-jüdische Gewalttaten in den Jahren 1945 bis 1948 sowie der Umstand erwähnt, dass der Großteil der libyschen jüdischen Gemeinde zwischen 1949 und 1951 nach Europa bzw. Israel emigriert ist. Gezeigt werden weiters Fotos von Synagogen in Marokko, Tunesien und im Libanon.
Hoffnung
Zum Abschluss der Ausstellung wird der Bogen zur Gegenwart gespannt. Auf einer Tafel sind Auszüge einer Rede, die Museumsdirektor Al Mansoori am 28. April 2022 in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau gehalten hat, zu lesen: „Ich stehe hier, Ahmed Obaid Al Mansoori, als gläubiger Muslim, als demütiger Diener Gottes (…). Ich stehe hier Seite an Seite mit meinen jüdischen Brüdern und Schwestern. Ich stehe hier feierlich, während wir gemeinsam dem Bösen in die Augen blicken. Und doch stehe ich hier voller Hoffnung. (…) / Als Kinder Abrahams, vereint durch die Abraham-Abkommen, sagen wir: Nie bedeutet nie. Nie bedeutet nie. Möge die Erinnerung an die Opfer des Holocaust ein Segen für alle sein. ‚Wer ein Leben rettet, rettet die Leben aller Menschen.‘“
Unter den Fotos, mit denen diese Rede kontextualisiert wird, finden sich zwei, die noch einmal hervorheben, wie außergewöhnlich diese Ausstellung in einem arabischen Land ist. Ein Bild der Fotografin Karen Gillerman mit dem Titel „»Vergangenheit und Zukunft in unseren Händen“ zeigt den Unterarm der Holocaust-Überlebenden Dora Dreiblat, auf dem ihre tätowierte Häftlingsnummer aus Auschwitz zu sehen ist. Auf Dreiblats Arm liegen der kleine Unterarm und die Hand ihrer Urenkelin Daniela Har-Zvi, die 2007 in Israel geboren wurde.
Das andere Foto zeigt zwei israelische F-15-Jets, die am 4. September 2003 die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau überflogen. Gesteuert wurden die Flugzeuge von Nachkommen von Holocaust-Überlebenden.
Nach der Normalisierung
Das Crossroads of Civilizations Museum war keine direkte Folge der Unterzeichnung der Abraham-Abkommen im September 2020 und ist kein staatliches, sondern ein privates Museum. Es ist aber unzweifelhaft ein Kind des neuen Geistes, der in die Beziehungen Israels zu zumindest einigen arabischen Staaten Einzug gehalten hat – selbst in einem vergleichsweise offenen Land wie den Emiraten wäre ein Projekt wie das CCM gegen den Wunsch der politischen Führung nicht durchzusetzen.
Wie man gleich am Eingang des Holocaust-Ausstellungsraums sehen kann, hat diese dem Museum vielmehr ihren inoffiziellen Segen gegeben, finden sich dort doch folgende Geleitworte des Außenministers des Landes, Abdullah bin Zayid Al Nahyan: „Zeuge des Untergangs einer Gruppe von Menschen, die Opfer von Extremismus und Hass wurden. Die edlen menschlichen Werte des Zusammenlebens, der Toleranz, der Akzeptanz anderer und der Achtung aller Religionen und Weltanschauungen. Nie wieder.“
Anlässlich der Eröffnung der Holocaust-Ausstellung sagte Rabbi Elie Abadie, Oberrabbiner der rund sechshundert Mitglieder zählenden jüdischen Gemeinde der Vereinigten Arabischen Emirate, gegenüber dem Nachrichtendsender CNN: „Obwohl die meisten Menschen im Nahen Osten wissen, dass der Holocaust stattgefunden hat, sprechen sie nicht viel darüber und lernen auch nicht viel darüber. Jetzt öffnet sich die Region, und diese Ausstellung würdigt das Geschehene und zeigt die öffentliche Anerkennung der Geschichte.“ (zitiert nach: Zeena Saifi / Celina Alkhald, This is the first ever Holocaust exhibition to open in the Arab world, CNN, 8. Juni 2021.)
Geht es nach Direktor Al Mansoori, ist das nur ein erster Schritt. Er will auf dem bereits Erreichten aufbauen und das erste offizielle Holocaust-Bildungsprogramm in der islamischen Welt ins Leben rufen.
Florian Markl, Wien
(Anmerkungen: Es handelt sich um einen mit Genehmigung des Chefredakteurs Alexander Gruber aus dem Mena-Watch-Lexikon übernommenen Beitrag. Veröffentlichung im Demokratischen Salon im Februar 2026, Internetzugriffe zuletzt am 20. Februar 2026, Titelbild: Eingang zur Holocaust-Ausstellung „We Remember“ im Crossroads of Civilizations Museum in Dubai, Foto: privat.)
