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	<title>Jüdischsein Archive - Demokratischer Salon:</title>
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	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
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		<title>Die Freiheit der Menschen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 20 Jan 2026 06:19:32 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die Freiheit der Menschen Rabbinerin Elisa Klapheck über jüdische Rechtskulturen „An den ‚Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte‘ knüpfen sich Rechte, die unmittelbar mit der persönlichen wirtschaftlichen Situation aller zu tun hatten: das waren die Gewerbefreiheit, die Niederlassungsfreiheit, die freie Wahl des Wohnortes und die Befreiung von Sondersteuern. Auch wenn die jüdische Bevölkerung, weil  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Die Freiheit der Menschen</strong></h1>
<h2><strong>Rabbinerin Elisa Klapheck über jüdische Rechtskulturen</strong></h2>
<p><em>„An den ‚Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte‘ knüpfen sich Rechte, die unmittelbar mit der persönlichen wirtschaftlichen Situation aller zu tun hatten: das waren die Gewerbefreiheit, die Niederlassungsfreiheit, die freie Wahl des Wohnortes und die Befreiung von Sondersteuern. Auch wenn die jüdische Bevölkerung, weil sie durch jahrhundertealten Antijudaismus am sichtbarsten diskriminiert wurde, am meisten von dem Recht auf Religionsfreiheit profitieren würde und es kein Zufall war, dass ein jüdischer Abgeordneter für die Religionsfreiheit eintrat –, ging es nicht nur um die Ausübung der Religion selbst! Es ging genauso um die Freiheit der Menschen.“ </em>(Abraham de Wolf, Der jüdische Horizont der Religionsfreiheit in Deutschland, in: Elisa Klapheck, Barbara Traub, Abraham de Wolf, Dina de-Malchuta Dina – oder Gott braucht den säkularen Rechtsstaat, Leipzig, Hentrich &amp; Hentrich, 2020)</p>
<p><a href="https://www.hentrichhentrich.de/autor-abraham-de-wolf.html">Abraham de Wolf</a>, Sprecher des Arbeitskreises jüdischer Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, fasste mit diesen Sätzen die grundlegende Rede Gabriel Riessers in der Nationalversammlung 1848 zusammen, mit der dieser auf den völkischen Ansatz von Moritz Mohl antwortete, der die Juden als <em>„fremdes Element“</em> bezeichnete. Gabriel Riesser war erfolgreich: Artikel 146 der Paulskirchenverfassung sieht als erster deutscher Verfassungsentwurf die Religionsfreiheit und die Gleichstellung aller Bürgerinnen und Bürger, ungeachtet ihrer Religionszugehörigkeit, vor. Gabriel Riesser ist einer der jüdischen Juristen, die mit ihrer Arbeit, ihren Vorträgen und Schriften die Weimarer Verfassung und das Grundgesetz mitprägten.</p>
<p>Der zitierte Aufsatz von Abraham de Wolf erschien im siebten Band der von <a href="http://elisa-klapheck.de/">Rabbinerin Elisa Klapheck</a> <a href="https://www.hentrichhentrich.de/autor-elisa-klapheck.html">im Leipziger Verlag Hentrich &amp; Hentrich</a> herausgegebenen Reihe „Machloket – Streitschriften“. Neben dieser Reihe gibt sie eine zweite unter dem Titel „Injamin – Kernfragen“ heraus, in der bereits zwei Bände erschienen sind. Im Jahr 2022 veröffentlichte Elisa Klapheck in der Europäischen Verlagsanstalt ihr Buch „Zur politischen Theologie des Judentums“, 2014 bei Hentrich &amp; Hentrich <a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-margarete-susman-1.html">„Margarete Susman und ihr Beitrag zur jüdischen Philosophie“</a>. Sie ist außerdem die <a href="https://berlingeschichte.de/lesezei/blz01_02/text65.htm">Biographin der weltweit ersten Rabbinerin Regina Jonas</a> (1902-1944): <a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-fraeulein-rabbiner-jonas-1.html">„Fräulein Regina Jonas&#8220;</a> erschien erstmals 1999, liegt seit 2004 auch in einer englischen Übersetzung vor und wurde 2026 ergänzt und erweitert neu aufgelegt. Die Neuauflage enthält auch ein Kapitel zur Wirkungsgeschichte der Biographie. Gemeinsam mit Ulrike Schrader veröffentlichte Elisa Klapheck unlängst in einer Schriftenreihe über den liberalen Rabbiner Joseph Norden (inzwischen drei Bände) <a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-liebesbriefe-an-regina-jonas.html">„Liebesbriefe an Rabbinerin Regina Jonas“</a>. 2024 erhielt Elisa Klapheck den <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/religion/rabbinerin-elisa-klapheck-erhaelt-marie-juchacz-frauenpreis/">Marie-Juchacz-Frauenpreis</a>.</p>
<p>Die drei monotheistischen Religionen – und nicht nur diese – tun sich in der Regel schwer, Frauen zu den jeweiligen Ämtern zuzulassen. In den evangelischen Kirchen gibt es inzwischen eine Reihe Pfarrerinnen und Bischöfinnen, in der katholischen Kirche ist das Frauenordinat nach wie vor weder zulässig noch vorgesehen, ebenso ist es im Islam. Das Judentum entwickelt sich flexibler und liberaler, nicht zuletzt dank Regina Jonas, nach der in Berlin <a href="https://www.berlin.de/ba-friedrichshain-kreuzberg/ueber-den-bezirk/ehrungen-und-auszeichnungen/eine-strasse-fuer-regina-jonas-1056643.php">im Dezember 2025 auch eine Straße benannt</a> wurde.</p>
<div id="attachment_7787" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7787" class="wp-image-7787 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Foto-Rafael-Herlich-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Foto-Rafael-Herlich-200x300.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Foto-Rafael-Herlich-400x600.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Foto-Rafael-Herlich-600x900.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Foto-Rafael-Herlich-683x1024.jpg 683w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Foto-Rafael-Herlich-768x1152.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Foto-Rafael-Herlich-800x1200.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Foto-Rafael-Herlich-1024x1536.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Foto-Rafael-Herlich-1200x1800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Foto-Rafael-Herlich-1365x2048.jpg 1365w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Foto-Rafael-Herlich-scaled.jpg 1707w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /><p id="caption-attachment-7787" class="wp-caption-text">Rabbinerin Elisa Klapheck. Foto: Rafael Herlich.</p></div>
<p>Elisa Klapheck ist schon seit längerer Zeit eine geschätzte Buchautorin und seit 2023 Vorsitzende der <a href="https://a-r-k.de/">Allgemeinen Rabbinerkonferenz</a>. Sie ist Rabbinerin der liberalen Synagogengemeinschaft <a href="https://minjanffm.de/">„Egalitärer Minjan“</a> in der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main und Professorin für <a href="https://kw.uni-paderborn.de/seminar-fuer-juedische-studien-pnina-nave-levinson">Jüdische Studien an der Universität Paderborn</a>. Die Frage nach den Verbindungen jüdischer Traditionen und Kultur mit der Entwicklung des freiheitlich-demokratischen Rechtsstaats ist zentrales Grundanliegen ihres Engagements als Rabbinerin und Professorin.</p>
<h3><strong>Was macht eine Rabbinerin aus?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie sind eine der inzwischen gar nicht mehr so wenigen Rabbinerinnen. Wenn ich in die <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/">Jüdische Allgemeine</a> hineinschaue, lese ich beispielsweise immer wieder Texte von Ihnen, von <a href="https://juedisches-niedersachsen.de/erkunden/karte/e6f57d46-27f7-448f-ab1e-ad384da66371">Ulrike Offenberg</a> oder von <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/unsere-woche/frau-doktor-ist-rabbinerin/">Yael Deusel</a>. Sie und manch andere, die ich noch nennen könnte, sind – so schrieb es einmal Rocco Thiede in der Jüdischen Allgemeinen – <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/unsere-woche/glueckels-erbinnen/">„Glückels Erbinnen“</a>. Glückel von Hameln (Glikl bas Judah Leib) lebte von 1646 bis 1724, einige Zeit vor der jüdischen Aufklärung, der Haskala, und vor <a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-moses-mendelssohn.html">Moses Mendelssohn</a> (1729-1786). Glückel war keine Rabbinerin, sie war Kauffrau und sie war Autorin der ersten erhaltenen von einer Frau geschriebenen Autobiographie im deutschen Sprachraum.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Ich darf zu den von Ihnen genannten Namen </em><a href="https://www.jg-goettingen.de/religion/rabbiner.php"><em>Jasmin Andriani</em></a><em> von der Jüdischen Gemeinde Göttingen ergänzen. Sie wird oft als grüne Rabbinerin bezeichnet. Mit ihr habe ich für den Band </em><a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-juedische-positionen-zur-nachhaltigkeit.html"><em>„Jüdische Positionen zur Nachhaltigkeit“</em></a><em> zusammengearbeitet.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Hohe Auflagezahlen auch auf dem deutschen Buchmarkt hat die französische Rabbinerin <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/juedische-welt/rabbinerin-und-medienstar/">Delphine Horvilleur</a>.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Weltberühmt. Ein Star.</em></p>
<div id="attachment_7799" style="width: 193px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-fraeulein-rabbiner-jonas-1.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7799" class="wp-image-7799 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Fraeulein-Regina-Jonas-Hentrich-Hentrich-183x300.jpg" alt="" width="183" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Fraeulein-Regina-Jonas-Hentrich-Hentrich-183x300.jpg 183w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Fraeulein-Regina-Jonas-Hentrich-Hentrich-200x328.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Fraeulein-Regina-Jonas-Hentrich-Hentrich.jpg 366w" sizes="(max-width: 183px) 100vw, 183px" /></a><p id="caption-attachment-7799" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Im Jahr 1999 haben Sie die <a href="https://www.hagalil.com/archiv/2000/06/Jonas.htm">Biographie „Fräulein Regina Jonas“</a> veröffentlicht. Die Biographie enthält auch die Streitschrift „Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?“ aus dem Jahr 1930<em>. </em>Regina Jonas war die weltweit erste Rabbinerin – so ist es auch im Untertitel des Bandes aus der <a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-regina-jonas.html">Reihe der Jüdischen Miniaturen</a> zu lesen, den Sie zur ersten Orientierung über diese zentrale Figur der jüdischen Geschichte geschrieben haben.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong><em>: Es kommen immer wieder auch andere Namen ins Spiel, aber ich bleibe dabei, dass Regina Jonas die weltweit erste Rabbinerin war. Andere, die es vorher gab, wurden als Rabbanit bezeichnet. Eine war zum Beispiel die rabbinisch sehr begabte Tochter eines berühmten Rabbiners. Sie wurde auch von den Schülern ihres Vaters und dem Umfeld, in dem sie lebte, als rabbinische Autorität anerkannt, aber sie hatte keine rabbinische Ordination. Regina Jonas hatte eine institutionelle Anerkennung, die meines Erachtens zum Status einer Rabbinerin hinzugehört. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie wird man Rabbinerin?</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Das ist im formellen Sinne heute nicht mehr schwer. Sie müssen jüdisch sein und sich bei einer Rabbinatsausbildungsstätte anmelden. Im Reformjudentum, das sich auch Progressives Judentum nennt, gibt es lange das Abraham-Geiger-Kolleg. Sie haben den dortigen Skandal mitbekommen. Inzwischen haben wir ein </em><a href="https://www.levinson-stiftung.de/startseite/regina-jonas-seminar/"><em>Regina Jonas Seminar</em></a><em> für die liberale Rabbinatsausbildung. Daneben gibt es das </em><a href="https://www.levinson-stiftung.de/wp-content/uploads/2025/09/Heschel-Seminar_flyer.pdf"><em>Abraham J. Heschel Seminar</em></a><em> für konservative (Masorti) Rabbinatsausbildung. Beide Seminare befinden sich in Potsdam. Sie können sich aber auch in den USA an entsprechenden Ausbildungsstätten ausbilden lassen, auch in Israel. Es gibt zusätzlich noch das </em><a href="https://rrc.edu/"><em>Reconstructionist Rabbinical College</em></a><em> in Pennsylvania und die Bewegung </em><a href="https://aleph.org/"><em>Jewish Renewal</em></a><em>, die ebenfalls ein Rabbinerseminar betreibt.</em></p>
<p><em>Sie müssen eine gewisse religiöse Motivation mitbringen, sich im Judentum auskennen und auch darin bewegen wollen. Und dann ist es eine Frage des Studiums. Das Schwierigste liegt im Vorfeld der Entscheidung, Rabbinerin zu werden. Zurzeit sind in der säkular-jüdischen Welt die Zeichen nicht gerade auf Religion gesetzt. Auch für mich war der schwierigste Teil meiner Entscheidung die Frage, ob ich religiös genug bin, ob ich mich in der Gesellschaft auch so outen kann. Es ist schon ein Statement an sich, in der Öffentlichkeit zu sagen, man sei Rabbinerin. Stärker vielleicht noch als zu sagen, man sei Pfarrerin. Aber auch eine Pfarrerin muss natürlich die Bibel nach außen vertreten, Begriffe wie Gott, Glaube ernstnehmend aussprechen und interpretieren können. Im Judentum hinzu: Wie hältst du es mit der Thora? Was bedeuten dir die jüdischen Gesetze, die Halacha? Wo stehst du und kannst du das in deinem Umfeld und in einer größeren jüdischen Welt vertreten?</em></p>
<h3><strong>Rabbinische Rechtskultur und das Grundgesetz</strong></h3>
<div id="attachment_7794" style="width: 226px" class="wp-caption alignright"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gabriel_Riesser_Schriftprobe.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7794" class="wp-image-7794 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Gottfried-Kuestner-1800-1864-Portraet-Gabriel-Riesser-ca.-1834-Wikimedia-Commons-216x300.jpg" alt="" width="216" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Gottfried-Kuestner-1800-1864-Portraet-Gabriel-Riesser-ca.-1834-Wikimedia-Commons-200x278.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Gottfried-Kuestner-1800-1864-Portraet-Gabriel-Riesser-ca.-1834-Wikimedia-Commons-216x300.jpg 216w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Gottfried-Kuestner-1800-1864-Portraet-Gabriel-Riesser-ca.-1834-Wikimedia-Commons-400x556.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Gottfried-Kuestner-1800-1864-Portraet-Gabriel-Riesser-ca.-1834-Wikimedia-Commons-600x834.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Gottfried-Kuestner-1800-1864-Portraet-Gabriel-Riesser-ca.-1834-Wikimedia-Commons-737x1024.jpg 737w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Gottfried-Kuestner-1800-1864-Portraet-Gabriel-Riesser-ca.-1834-Wikimedia-Commons-768x1067.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Gottfried-Kuestner-1800-1864-Portraet-Gabriel-Riesser-ca.-1834-Wikimedia-Commons-800x1112.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Gottfried-Kuestner-1800-1864-Portraet-Gabriel-Riesser-ca.-1834-Wikimedia-Commons.jpg 960w" sizes="(max-width: 216px) 100vw, 216px" /></a><p id="caption-attachment-7794" class="wp-caption-text">Gottfried Küstner (1800-1864): <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gabriel_Riesser_Schriftprobe.jpg">Porträt Gabriel Riesser</a>, etwa 1834. Wikimedia Commons.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zum Judentum gehört die Interpretation der Texte, Thora, Tanach, Talmud, Mischna, Gemara. Und wo Menschen Texte interpretieren, gibt es Auseinandersetzungen, Streit über die richtige oder zumindest über die zulässige Interpretation und Lesart. Woran macht man jetzt fest, dass man religiös oder gläubig genug ist?</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Was die Textinterpretation betrifft, darf natürlich jede oder jeder denken, was er oder sie will. Aber wenn es um die Regeln in der Religion geht, sehe ich, dass auch im Judentum Dogmatismus angesagt ist, wie die Religion auszusehen hat. Entsprechend dogmatische Fragen werden mir in meinem jüdischen Umfeld gestellt, ob ich den Schabbat halte, ob ich koscher esse. Ich werde zum Beispiel beobachtet, wenn ich im Restaurant sitze, was ich bestelle. Es ist die große Frage, ob die jüdische Religion von festgelegten Regeln oder von der eher freien Interpretation der Thora her zu sehen ist, von diesem Freiraum, den man darin haben kann. </em></p>
<p><em>Das Geniale der Rabbinen vor etwa 2.000 Jahren war, dass sie den Tempelkult zurückdrängten und stattdessen die Thora in den Mittelpunkt stellten. Nicht der Altar und der Kult, sondern das Buch. Alle können es lesen, es auslegen. Und so ist auch der Stil der rabbinischen Literatur: Wenn Sie einen Midrasch oder im Talmud lesen, präsentieren sich Ihnen diese Listen: Rabbi X sagt so, Rabbi Y sagt anders, die Rabbanan haben wiederum noch auch noch eine andere Meinung. Sie nehmen als Leser unwillkürlich an einer großen Diskussion teil. Das ist auch heute mit der Thora automatisch gegeben. Sie fangen an selber auszulegen, weil der Text so viele Mysterien, Widersprüche, versteckte Hinweise enthält. Auch ist die hebräische Sprache mehrschichtig und bietet viel Anreiz für Wortinterpretationen. </em></p>
<p><em>Das alles führt automatisch dazu, dass die geniale Handlung der Rabbinen vor 2.000 Jahren, den Text in den Mittelpunkt zu stellen, das jüdische Volk vereinigt. Denn alle sind in dem Text zu Hause, alle haben eine Position, eine eigene Meinung. Das ist das Schöne. Man muss sich nicht dem Dogma unterwerfen. Es gibt eben zwei Stränge, einerseits die Halacha, die Gesetze, andererseits die Aggada, die Erzählungen, die Midraschim, Deutungen und Auslegungen. </em></p>
<p><em>In der Gegenwart muss man sich allerdings überlegen, welche Bedeutung Religion heute und dabei auch die Gesetzeskultur des rabbinischen Judentums haben kann? Es ist eben nicht die Frage, ob ich koscher esse oder den Schabbat strenger oder weniger streng halte. Es geht um eine Rechtskultur, in der die Vorstellung herrscht, dass das Recht von Gott kommt. Wenn wir in unserer Gesellschaft Gesetze machen, wie spielt die jüdische Rechtskultur hinein? Ist unsere Vorstellung von einer Verfassung heilig? Sind wir da irgendwie wieder am Berg Sinai? Das deutsche Grundgesetz wurde nach der Shoah verabschiedet, nach der schlimmsten Schändung der Menschenwürde, die es je gegeben hat. Und dann besagt </em><a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/BJNR000010949.html"><em>Artikel 1 Absatz 1</em></a><em>: „Die Menschenwürde ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Drückt sich darin der Gedanke der Thora, der Bundestheologie als politische Verwirklichung der Beziehung zwischen den im Ebenbild Gottes geschaffen Menschen und Gott aus? Haben wir mit der jüdischen Rechtstradition auf der Grundlage der Thora ein Potenzial, das für das Verständnis und die Stärkung der Demokratie wichtig ist? Als junge Frau habe ich Politologie studiert. Und das, was ich gerade anspreche, das fehlte mir im Politologiestudium völlig. Welchen gesellschaftlichen Anteil hat das Judentum?</em></p>
<h3><strong>Judentum und freiheitlich-demokratischer Rechtsstaat </strong></h3>
<div id="attachment_7789" style="width: 207px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-dina-de-malchuta-dina-oder-gott-braucht-den-saekularen-rechtsstaat.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7789" class="wp-image-7789 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Machloket-Gott-braucht-den-saekularen-Rechtsstaat-Hentrich-Hentrich-197x300.jpg" alt="" width="197" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Machloket-Gott-braucht-den-saekularen-Rechtsstaat-Hentrich-Hentrich-197x300.jpg 197w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Machloket-Gott-braucht-den-saekularen-Rechtsstaat-Hentrich-Hentrich-200x305.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Machloket-Gott-braucht-den-saekularen-Rechtsstaat-Hentrich-Hentrich.jpg 394w" sizes="(max-width: 197px) 100vw, 197px" /></a><p id="caption-attachment-7789" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Frage ist zentral, wie weit Religion mit dem freiheitlichen demokratischen Rechtsstaat kompatibel ist, wie ihn das Grundgesetz in einer vorzüglichen Form beschreibt. Hat das Judentum gegenüber anderen Religionen hier ein Alleinstellungsmerkmal?</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>:<em> Ich glaube schon, dass sich die anderen Religionen das Judentum genauer anschauen sollten. Auch Juden selbst sollten die Gesetze nicht nur als Halacha für das orthodoxe Judentum sehen, sondern sich einmal die gesamte Rechtskultur genauer ansehen, die Debatten, die Prinzipien und was man von den rabbinischen Rechtsdiskursen im Talmud lernen kann. Eventuell könnte das Christentum auch über das Judentum verstärkt zu einer politischen und rechtlichen Herleitung des freiheitlich-demokratischen Rechtsstaats gelangen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bei evangelikalen Christen oder auch bei konservativen Katholiken, zu denen beispielsweise der US-amerikanische Vizepräsident und der US-Außenminister gehören, geht das meines Erachtens in die andere Richtung.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Sollte man denen das Feld überlassen? Das frage ich auch die liberalen und säkularen Christen. Sollte man nicht Kurse über jüdisches Recht durchführen statt die Halacha nur als eine Angelegenheit des orthodoxen Judentums abzutun? Was war eigentlich zur Zeit von Jesus die Halacha, was war damals jüdisches Recht? Oder Paulus? Was meint er, wenn über den Sinn des Gesetzes schreibt, dass das Gesetz nicht aufgehoben sei, dass Juden weiterhin das Gesetz einhalten sollen? Was bedeutet das für Christen? Dass man sich nicht weiter für die jüdische Rechtstradition zu interessieren braucht?</em></p>
<p><em>Ich sehe zurzeit bei den Studierenden der Theologie, dass sie nichts darüber lernen. Und die Evangelikalen verengen dies mit ihren fundamentalistischen Vorstellungen. Denen sollte man das Feld nicht überlassen. Ebenso auch nicht den radikalen Kräften im Judentum. Das gilt auch sehr für den Islam. Ich habe muslimische Kollegen, die den Dialog mit dem Judentum suchen, aber erst einmal gegen die Vorstellung von der Scharia als Gesetz ankämpfen und betonen müssen, dass der radikale Islam ein falsches Verständnis vermittelt, gelernt, dass es im Islam eigentlich nur Rechtsschulen geben dürfte, die lediglich die Gesetze interpretieren, aber nicht als Scharia das Recht eines Staates bestimmen. Ich hoffe sehr, dass ihre Stimme Raum bekommt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mit <a href="https://www.uni-muenster.de/ZIT/Personen/Professoren/personen_khorchide_mouhanad.shtml">Mouhanad Khorchide</a> könnten Sie sich hier sofort gut verständigen.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Mit ihm würde ich mich sicherlich gut verstehen. Ich arbeite gerade an der Universität Paderborn mit </em><a href="https://www.uni-paderborn.de/person/41661"><em>Idris Nassery</em></a><em> an einem Buch über jüdische und islamische Rechtsdiskurse. Es geht uns nicht darum, ob das Hühnchen koscher oder halal ist. Es geht uns darum, ob wir von unseren Rechtstraditionen her in Deutschland einen ernstzunehmenden Beitrag zur Rechtsstaatlichkeit und demokratischen Gesellschaft leisten können, ohne zu verengen, ohne fundamentalistisch zu werden. </em></p>
<div id="attachment_7793" style="width: 203px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-juedische-wirtschafts-und-sozialethik-im-zeichen-der-globalisierung.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7793" class="wp-image-7793 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Machloket-Juedische-Wirtschafts-und-Sozialethik-Hentrich-Hentrich-193x300.jpg" alt="" width="193" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Machloket-Juedische-Wirtschafts-und-Sozialethik-Hentrich-Hentrich-193x300.jpg 193w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Machloket-Juedische-Wirtschafts-und-Sozialethik-Hentrich-Hentrich-200x311.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Machloket-Juedische-Wirtschafts-und-Sozialethik-Hentrich-Hentrich.jpg 370w" sizes="(max-width: 193px) 100vw, 193px" /></a><p id="caption-attachment-7793" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Damit sind wir mitten drin in den Anliegen der Buchreihe „Machloket“. Der jüngste Band trägt den Titel „175 Jahre Paulskirche – Jüdischer Anteil an der deutschen Demokratie“, ein früherer Band den Titel „Dina de-Malchuta Dina – oder Gott braucht den säkularen Rechtsstaat“. Es gibt einen Band, der sich mit „Jüdischer Wirtschafts- und Sozialethik im Zeichen der Globalisierung“ befasst, einen weiteren mit dem anspruchsvollen Titel „Judentum – Islam – Ein neues Dialogszenario“.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Die Titel, die Sie nannten, drücken genau das aus, was mich motiviert. Ich gebe diese Bände heraus, um für mich selbst die Kategorien zu erschließen. Ich sehe das als offene Diskussion. Wenn man gesellschaftliche und gesellschaftspolitische Fragen aus der jüdischen Tradition bedenkt, stellt sich die Frage nach den Themen und nach den Grundlagen. Auch die deutschen Verfassungen, die Paulskirchenverfassung, die Weimarer Verfassung, das Grundgesetz wurden maßgeblich von Juden mitverfasst oder von Schülern jüdischer Rechtslehrer. </em></p>
<p><em>Wir sehen die deutsche Geschichte leider viel zu oft als eine Abfolge des Scheiterns. Wir sehen nicht die Kontinuität von 1848 über 1919 nach 1949. Wie viel trug beispielsweise ein Gabriel Riesser zu unserem Verfassungsverständnis von heute bei? </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Über Gabriel Riesser schrieb Abraham de Wolf im Band zur Paulskirchenverfassung. Es geht unter anderem um Artikel 146 der Paulskirchenverfassung: <em>„Durch das religiöse Bekenntniß wird der Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte weder bedingt noch beschränkt. Den staatsbürgerlichen Pflichten darf dasselbe keinen Abbruch tun.“</em> Abraham de Wolf berichtet, dass Gabriel Riesser als Jude 1828 bis 1840 nicht als Jurist arbeiten durfte, dann aber in der Nationalversammlung zu einem der wichtigsten Väter dieses Artikel 146 für die Religionsfreiheit wurde. Der Artikel steht heute fast wortgleich im Grundgesetz.</p>
<div id="attachment_7795" style="width: 216px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Menasseh-ben-Israel-1655-Wikimedia-Commons.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7795" class="wp-image-7795 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Menasseh-ben-Israel-1655-Wikimedia-Commons-206x300.jpg" alt="" width="206" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Menasseh-ben-Israel-1655-Wikimedia-Commons-200x291.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Menasseh-ben-Israel-1655-Wikimedia-Commons-206x300.jpg 206w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Menasseh-ben-Israel-1655-Wikimedia-Commons.jpg 383w" sizes="(max-width: 206px) 100vw, 206px" /></a><p id="caption-attachment-7795" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Menasseh_ben_israel_1655.jpg">Menasseh ben Israel</a> 1655. Wikimedia Commons.</p></div>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Ich lese gerade einen anderen Text von </em><a href="https://de.chabad.org/library/article_cdo/aid/6488844/jewish/Menasche-ben-Israel.htm"><em>Menasse Ben Israel</em></a><em> (1604-1657). Er lebte im 17. Jahrhundert in Amsterdam. Er steht in einem Zusammenhang mit den Hebraisten und mit Oliver Cromwell in England. Menasse Ben Israel hatte über Cromwell erreicht, dass sich Juden nach ihrer Vertreibung im 13. Jahrhundert wieder in England ansiedeln durften. In seinem Schreiben an Cromwell führte Menasse Ben Israel aus, welche Vorteile dies für England brächte, denn Juden sähen sich laut ihrer Tradition als „Or la-gojim“ (Licht für die Völker) und seien damit für das Wohlergehen aller Völker mit verantwortlich. Beim Laubhüttenfest (Sukkot) beispielsweise wird für alle Völker gebetet. Derjenige, der Menasse Ben Israels Sendschreiben später ins Deutsche übersetzte, war übrigens kein Geringerer als Moses Mendelssohn. </em><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/content/titleinfo/2063884"><em>Seine Übersetzung wurde mehrfach neu herausgegeben</em></a><em>. In einer Einleitung aus dem Jahr 1919 lese ich, dass Menasse Ben Israel „der Gabriel Riesser des 17. Jahrhunderts“ gewesen sei. So wichtig war Gabriel Riesser für die Idee, dass Juden überall ihr Rechtsdenken mit- und einbringen sollen. Er ist in seiner Bedeutung für das Grundgesetz noch lange nicht angemessen erkannt. Ähnliches gilt für </em><a href="https://www.hugo-sinzheimer-institut.de/index.htm"><em>Hugo Sinzheimer</em></a>,<em> der wichtige Teile der Weimarer Verfassung mit formulierte, die später </em><a href="https://www.fes.de/asd/vordenker-innen/carlo-schmid"><em>Carlo Schmid</em></a><em>, ein Schüler von Sinzheimer, für das Grundgesetz wieder geltend machte.</em></p>
<p><em>Gerade, da die Demokratie wieder bedroht ist und wir es wieder mit Antisemitismus zu tun haben, finde ich, dass es nicht reicht zu sagen, Antisemiten seien Leute, die Juden hassen. Es geht auch darum, dass es Leute sind, die auch Probleme mit der Demokratie haben! Darin liegt die Herausforderung: den Zusammenhang zwischen Judentum und Demokratie zu erschließen. Das ist zumindest die Herausforderung, vor die ich mich gestellt sehe. Es ist natürlich keine Gleichung im Verhältnis eins zu eins: Judentum = Demokratie. Denn auch in Israel haben wir das Problem, dass mit Netanjahu und seinen Koalitionspartnern der Rechtsstaat und die Demokratie unter Beschuss gekommen sind. Auch dort darf man das Judentum nicht den antidemokratischen Kräften überlassen. Auch dort muss der Zusammenhang zwischen Judentum und Demokratie und gerade auch als religiös motivierter Zusammenhang gestärkt werden.</em></p>
<h3><strong>Unverständnisse im <em>„interreligiösen Dialog“</em></strong></h3>
<div id="attachment_7790" style="width: 206px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-judentum-islam-ein-neues-dialogszenario.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7790" class="wp-image-7790 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Machloket-Judentum-Islam-Hentrich-Hentrich-196x300.jpg" alt="" width="196" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Machloket-Judentum-Islam-Hentrich-Hentrich-196x300.jpg 196w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Machloket-Judentum-Islam-Hentrich-Hentrich-200x306.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Machloket-Judentum-Islam-Hentrich-Hentrich.jpg 392w" sizes="(max-width: 196px) 100vw, 196px" /></a><p id="caption-attachment-7790" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Ihrem Band zu einem neuen Dialogszenario zwischen Judentum und Islam schreibt <a href="https://faculty-directory.dartmouth.edu/susannah-heschel">Susannah Heschel</a>, Professorin am Dartmouth College: <em>„Zu oft findet der interreligiöse Dialog zwischen Liberalen verschiedener Glaubenskongregationen statt, aber nicht zwischen Liberalen und Konservativen desselben Glaubens.“</em> Ich bin mir selbst auch nicht sicher, ob ein solcher Dialog zwischen Liberalen und Ultraorthodoxen – wenn ich die überhaupt so nennen darf – überhaupt noch möglich ist.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>:<em> Man muss da genau unterscheiden. In Israel sehen wir ganz verschiedene Gruppierungen von orthodoxen Juden. Es gibt die Haredim, das sind die ultraorthodoxen Juden. Hared heißt zittern. Das sind also die, die so viel Ehrfurcht haben, dass sie vor Gott erzittern. Sie leben an Orten wie Me‘a Sche‘arim oder Bnei Berak. Dann gibt es die Nationalreligiösen beziehungsweise die Nationalzionisten, die eine andere unter den orthodox-jüdischen Bevölkerungsgruppen sind.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das sind die Leute um Itamar Ben Gvir und Bezalel Smotrich?</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Nicht nur, auch da muss man differenzieren. Unter Konservativen beziehungsweise modern Orthodoxen gibt es noch weitere Stimmen, auch überzeugte Demokraten. Es gibt eine signifikante Zahl orthodoxer Rabbiner, die in Deutschland leben, aber israelischer Herkunft sind, die nicht wollen, dass die Verfassungsrechte abgeschafft werden oder dass Frauen in Bussen nach hinten verwiesen werden. Man muss sehr genau hinsehen, mit wem man es zu tun hat.</em></p>
<div id="attachment_7796" style="width: 269px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Samson_Raphael_Hirsch._E._Singer_(Xylographische_Anstalt)_(FL12173338).crop.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7796" class="wp-image-7796 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Samson-Raphael-Hirsch-E.-Singer-Xylographische-Anstalt-FL12173338-vor-1889-Wikimedia-Commons-259x300.jpg" alt="" width="259" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Samson-Raphael-Hirsch-E.-Singer-Xylographische-Anstalt-FL12173338-vor-1889-Wikimedia-Commons-200x232.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Samson-Raphael-Hirsch-E.-Singer-Xylographische-Anstalt-FL12173338-vor-1889-Wikimedia-Commons-259x300.jpg 259w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Samson-Raphael-Hirsch-E.-Singer-Xylographische-Anstalt-FL12173338-vor-1889-Wikimedia-Commons-400x464.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Samson-Raphael-Hirsch-E.-Singer-Xylographische-Anstalt-FL12173338-vor-1889-Wikimedia-Commons-600x696.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Samson-Raphael-Hirsch-E.-Singer-Xylographische-Anstalt-FL12173338-vor-1889-Wikimedia-Commons-768x891.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Samson-Raphael-Hirsch-E.-Singer-Xylographische-Anstalt-FL12173338-vor-1889-Wikimedia-Commons-800x928.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Samson-Raphael-Hirsch-E.-Singer-Xylographische-Anstalt-FL12173338-vor-1889-Wikimedia-Commons-883x1024.jpg 883w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Samson-Raphael-Hirsch-E.-Singer-Xylographische-Anstalt-FL12173338-vor-1889-Wikimedia-Commons-1200x1392.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Samson-Raphael-Hirsch-E.-Singer-Xylographische-Anstalt-FL12173338-vor-1889-Wikimedia-Commons.jpg 1280w" sizes="(max-width: 259px) 100vw, 259px" /></a><p id="caption-attachment-7796" class="wp-caption-text">Samson Raphael Hirsch. E. Singer (Xylographische Anstalt), vor 1899. Wikimedia Commons.</p></div>
<p><em>Der Begriff der Orthodoxie ist ein schwieriger Begriff. Ihn hat im 19. Jahrhundert </em><a href="https://www.hagalil.com/judentum/samson-hirsch/hirsch.htm"><em>Samson Raphael Hirsch</em></a><em> als Reaktion auf das Reformjudentum geprägt. Orthodox bedeutet eigentlich: Es gibt nur die eine Lehre, nur die eine Thora. Hirsch war ein deutscher, modern orthodoxer Rabbiner, der sich eine Verbindung zwischen Thora-Studium und säkularer Bildung vorstellte. Wenn man seine Bücher liest, wird man gern zu vielem Ja sagen, auch als liberale Rabbinerin. Solche modern Orthodoxen gibt es auch in Israel. Aber es gibt auch andere, die ihr Judentum vor allem ethnisch und dabei territorial definieren, wonach Gott das Land Israel allein dem jüdischen Volk gegeben habe. Es macht jedenfalls keinen Sinn, die Konflikte um die Demokratie in Israel als einen Konflikt zwischen Liberalen und Orthodoxen darzustellen. Das Wort „orthodox“ sagt zu wenig aus. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Worin besteht der Kernunterschied zwischen „orthodox“ und „liberal“?</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Ein orthodoxer Jude glaubt, dass die Thora am einem bestimmten Tag X vollständig am Berg Sinai Gott den Israeliten gegeben hat, in der jetzt bestehenden Version und nicht anders. Liberale Juden sagen dem gegenüber: Die Thora ist in Jahrhunderten entstanden, es gab verschiedene Autorengruppen, sie wurde korrigiert, überarbeitet, verändert. Deswegen dürfen wir heute auch die Thora als fortlaufenden Prozess weiterschreiben. Das ist der Kernunterschied.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine ähnliche Debatte gibt es im Islam, aber auch im Christentum.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Für mich ist interessant zu sehen, dass ganze Teile des Koran nicht nur aus der Thora, sondern auch aus den Midraschim und dem Talmud übernommen worden sind, aber verändert wurden. Das könnte für Muslime und auch für Juden interessant sein. Doch wie geht man damit um, wenn ein Text im Koran in eine andere Stoßrichtung umgeschrieben ist als von den Rabbinen tradiert wurde? Es kann nicht darum gehen, dass eine Seite recht hat und die andere unrecht. Beide Seiten können daran ermessen lernen, wie sie von der anderen Seite gesehen wurden. Ich habe beispielsweise die Sure 2 des Koran zusammen mit einem muslimischen Kollegen intensiv mit Vergleichsstellen in der Tora und dem Talmud gelesen. Es ist die längste Sure im Koran und zugleich eine Auseinandersetzung mit dem Judentum. Als Jude kann man vieles darin nicht akzeptieren, weil aus der jüdischen Sicht Missverständnisse kolportiert und Errungenschaften des rabbinischen Judentums negativ bewertet werden. </em></p>
<p><em>Es ist im Grunde dasselbe im Christentum. Beispielsweise wird den Pharisäern eine bestimmte Einstellung unterstellt, aber kaum ein Christ weiß eigentlich genau, wer die Pharisäer waren. Studierende der Theologie staunen dann in meinen Seminaren, wenn sie erfahren, dass es über mindestens drei Jahrhunderte pharisäisches Denken gab, viele Generationen und Positionen, sodass sich dies gar nicht in einem bestimmten Ausdruck eines angeblich engstirnigen Gesetzesdenkens zusammenfassen lässt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Christliche Kinder lernten mit dieser Version der <em>„Pharisäer“ </em>gleich mehrere Traditionen des Antijudaismus mit.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Wenn man das so stehen lässt, kann man gar nicht anders als antijüdisch werden. Der Pharisäer ist dann gleich der Rabbiner und so wird das rabbinische Judentum degradiert und denunziert. Beim Koran muss man sich das auch fragen: Was macht man mit Stellen, die aus den Midraschim entnommen sind, aber koranisch so umgedeutet worden sind, dass sie für Juden eine Degradierung darstellen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist eigentlich fast zwangsläufig. Wenn sich ein Text auf einen anderen bezieht, wird man darin entweder Legitimationen oder Abgrenzungen finden. Und Abgrenzungen haben heutzutage Konjunktur! Man kann eigentlich nicht hoch genug wertschätzen, welche Rolle <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/60-jahre-nostra-aetate/">„Nostra Aetate“</a> in der katholischen Kirche hatte, auch wenn manche das heute nicht mehr kennen. Ich weiß nicht, ob es etwas Vergleichbares im Islam gab. Aber wir erleben zurzeit immer wieder radikale Versionen in den drei monotheistischen Religionen. Dem stehen auch starke liberale Fraktionen gegenüber. Wie bekommt man das zusammen?</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Ich weiß nicht, ob man das zusammenkriegt. Ich sehe auch im Judentum und im Umfeld, das sich für das Judentum interessiert, einen Mangel an Wissen um Quellen und wie man anders über die darin enthaltenen Themen sprechen könnte, ohne Radikalisierung oder Abwendung. Die Radikalisierung bedaure ich auch. Ich bedauere jedoch noch mehr, wenn ich mit der Thora argumentiere und dann von der säkularen Gesellschaft, was oft geschieht, in die religiöse Ecke zu den Radikalen geschoben werde. Es ist diese Unfähigkeit, dieser Unwille, sich auf die hebräische Bibel als einen der ganz großen formativen Texte einzulassen und zu sehen, wie gesellschaftsbildend dieser Text gewesen ist. Eine der Grundlagen unserer Rechtsstaatlichkeit und Demokratie.</em></p>
<p><em>Ich habe nicht den Eindruck, dass man im Politologie-Studium die Thora liest. Wer politische Philosophie liest, liest sicherlich Aristoteles, aber ob man die Passagen am Berg Sinai auf ihren politischen Gehalt hin liest und darüber nachdenkt, wie dies bei Thomas Hobbes, John Locke und anderen aufgegriffen wurde, bezweifele ich. Es gibt ein großes Vakuum und ich versuche, mit der Reihe „Machloket“ meinen Beitrag zu leisten. </em></p>
<p><em>Die Radikalen in den Religionen haben es auch deshalb so leicht, weil die Säkularen sich nicht auskennen und zu leicht machen und eben wegen der Radikalen sagen, dass Religion sie nicht interessieren müsste, weil sie keine Auswege aus den mit verursachten Problemen biete. Das sage ich natürlich vor allem im Hinblick auf das Judentum.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auf Christentum und Islam passt Ihre Aussage genau so. Viele denken, dass sie wegen der Radikalen Religion grundsätzlich ignorieren könnten oder am besten gleich abschaffen. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/traditionen-eines-liberalen-islam/">Katajun Amirpur</a> hat ein Buch geschrieben mit dem Titel „Iran ohne Islam – Der Aufstand gegen den Gottesstaat“ (München, C.H. Beck, 2023). Sie beschreibt unter anderem, wie es die radikale iranische Führung geschafft hat, Religion aus dem Vorstellungsvermögen großer Teile der Bevölkerung zu verdrängen.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Es wird alles in dieselbe Schüssel geworfen, als wenn alle religiösen Menschen dasselbe wollten. Das stimmt so nicht! Auch ist das Judentum anders konzipiert als Christentum und Islam.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Schon alleine dadurch, dass es keinen Missionsauftrag gibt. Die in der Politik immer gerne wiederholte Formel vom <em>„christlich-jüdischen Erbe des Abendlandes“ </em>hat leider vor allem den Zweck einer Abgrenzung vom Islam<em>. </em></p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Ich wage eine These, die auch Thema eines der nächsten Machloket-Bände sein wird: Es gibt tatsächlich keine bewusste jüdisch-christliche Tradition. Die wurde erst im Nachhinein aus politischem Kalkül konstruiert. Ich sprach eben Thomas Hobbes und John Locke an. Trotzdem sehe ich in ihnen Männern wie Thomas Hobbes und John Locke, ich sprach sie eben an, Begründer einer jüdisch-christlichen Tradition, indem sie nämlich den Bundesschluss am Sinai als Blaupause des Gesellschaftsvertrags verstanden. Das „jüdisch-christliche Erbe“ wird oft als Kampfparole gegen den Islam angeführt und vergisst, dass Juden in der Geschichte immer zweitklassig waren. Trotzdem denke ich, dass der Begriff ein Potential enthält und in den Kontext der Diskussion um den demokratischen Rechtsstaat gehört. Es geht darum, den Erhalt der Demokratie, der freiheitlichen Gesellschaft zu fundieren. Das ist Thema im Judentum, auch im Christentum und im Islam, aber jeweils anders formiert. </em></p>
<div id="attachment_7792" style="width: 205px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-juedische-positionen-zur-sterbehilfe.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7792" class="wp-image-7792 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Juedische-Positionen-zur-Sterbehilfe-Hentrich-Hentrich-195x300.jpg" alt="" width="195" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Juedische-Positionen-zur-Sterbehilfe-Hentrich-Hentrich-195x300.jpg 195w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Juedische-Positionen-zur-Sterbehilfe-Hentrich-Hentrich-200x308.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Juedische-Positionen-zur-Sterbehilfe-Hentrich-Hentrich.jpg 389w" sizes="(max-width: 195px) 100vw, 195px" /></a><p id="caption-attachment-7792" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das gilt auch für die Themen der zweiten Reihe, die Sie bei Hentrich &amp; Hentrich veröffentlichen: „Injamin – Kernfragen“. Bisher sind zwei Bände erschienen. Der erste Band beschäftigt sich mit dem Thema <a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-juedische-positionen-zur-sterbehilfe.html">„Sterbehilfe“</a>, der zweite mit dem Thema <a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-juedische-positionen-zur-nachhaltigkeit.html">„Nachhaltigkeit“</a>. Ich darf vielleicht auf mein <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/auf-simches-der-tod-und-das-leben/">Gespräch mit Sara Soussan über die Ausstellung „Im Angesicht des Todes“</a> im Jüdischen Museum Frankfurt verweisen. Dort waren auch jüdische Debatten und Positionen zur Sterbehilfe ein Thema. Nachhaltigkeit ist in der aktuellen Politik weltweit in den Hintergrund gerückt und Religionen stehen nicht in der ersten Reihe, wenn es gilt, für Nachhaltigkeit zu werben.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Die Reihe „Injamin“ entstand auf einen Vorschlag von </em><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-buecherfreundin/"><em>Nora Pester</em></a><em>. Zur „Sterbehilfe“ hatten wir eine Tagung mit verschiedenen jüdischen Protagonisten. Ich fand schade, dass nachdem die Vorträge gehalten wurden alles wieder versandete. Nora Pester schlug daher vor, einen Sammelband zu veröffentlichen. Zum zweiten Band hat es etwas gedauert. Der dritte ist in Vorbereitung. Es soll in diesen Bänden zu gesellschaftlichen Themen die jeweilige innerjüdische Debatte in einer größeren Bandbreite vorgestellt werden.</em></p>
<h3><strong>Wir wollen wieder tanzen</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich denke, wir müssen den 7. Oktober ansprechen. Sie haben auch zu dem Band <a href="https://www.avant-verlag.de/comics/wie-geht-es-dir/">„Wie geht es dir? Sechzig gezeichnete Gespräche nach dem 7. Oktober 2023“</a> (avant-Verlag, 2025) beigetragen, den mehrere Comic-Künstler:innen im Stil einer Graphic Novel gestaltet haben. Sie erzählten in Ihrem Beitrag von der damals geplanten Einweihung einer neuen Thorarolle in Ihrem Minjan und mit ihr an Simchat Thora zu tanzen. Aber dann geschah das Massaker. Sie beschrieben die Diskussion in Ihrer Gemeinde, ob man jetzt noch tanzen könne – und dass Sie sich dafür entschieden haben. Ihr Beitrag endet mit dem Lied des Rabbi Nachman von Brazlaw (1772-1810) <em>„Die ganze Welt ist eine schmale Brücke, aber das Entscheidende ist, keine Angst zu haben.“</em> Sie haben es im Gottesdienst gesungen und darüber berichtet: <em>„Es wurde ein wunderschöner Gottesdienst, der mit unserem Tanz auch ein Zeichen für die Opfer setzte, die bei dem Festival in Re‘im getanzt haben.“</em> Mia Schem, eine der Geiseln, ließ sich nach ihrer Befreiung <em>„Wir werden wieder tanzen“</em> tätowieren. Was hat sich für Sie und für die Gemeinde, für die Universität verändert?</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Inhaltlich nicht viel. Aber der Schatten des Antisemitismus, der sehr groß geworden ist, belastet uns sehr und hat uns Jahrzehnte wieder zurückgeworfen. Wir hatten allerdings auch schon andere belastende Debatten. Etwa die Beschneidungsdebatte. Wir mussten feststellen, dass ein großer Teil der deutschen Gesellschaft die religiöse Symbolik der Beschneidung nicht verstehen will und in einem Ausmaß ablehnt, dessen Heftigkeit sich auch antisemitisch artikulierte. Wir hatten auch die sehr belastende Walser-Debatte um seine Rede in der Paulskirche, als er von der „Auschwitz-Keule“ sprach.</em></p>
<p><em>Auch in Israel erlebe ich dieses Zurückgeworfenwerden. Vor dem 7. Oktober war ich eine längere Zeit dort. Mir fiel auf, dass arabische junge Leute zumeist ganz normale Israelis sind. Ich hatte einen Taxifahrer in Jerusalem, bei dem ich mir nicht sicher war, ob er Jude oder Araber war und ihn fragte, wo er wohnt. Daran hätte ich erkennen können, ob er aus einem arabischen oder einem jüdischen Viertel kommt. Er wollte die Frage nicht beantworten. Die Situation ist vergleichbar, wie wenn man in Deutschland jemanden, der nach „Migrationshintergrund“ aussieht, fragt, wo er oder sie herkommt. Man ist hier geboren und wird das immer noch gefragt! Der Taxifahrer unterbrach mich und sagte, er sei Israeli. Etwas später sagte er mir, er sei arabischer Israeli, aber er sei Israeli. Ich fand das gut, ein Zeichen der Normalität, in der eben jüdische, arabische, drusische Israelis friedlich im selben Staat leben. Das Gespräch wurde sehr angenehm. Doch dann kam der 7. Oktober, der dies wieder zerstört hat.</em></p>
<p><em>Ich bin für die Zwei-Staaten-Lösung, doch die Hoffnung darauf wird einem von palästinensischer Seite sehr schwer gemacht. Ich weiß auch nicht mehr, was mit den Palästinensern im Gazastreifen oder in der Westbank möglich ist. Haben sie eine politische Tradition? Ist da genügend Substanz für eine politische Lösung? Bietet der Koran, bietet das Christentum für die arabischen Bewohner ausreichend Substanz, um eine politische Tradition zu entwickeln, die auch Frieden schließen kann und anerkennt, dass man in einem Land, das man „Palästina“ nannte, einen Teil des Landes verloren hat, aber dafür in dem anderen Teil einen eigenen und vielleicht sogar demokratischen Staat bekommt? </em></p>
<p><em>Ich bin in dieser Hinsicht stark desillusioniert. Wie viele Israelis bin ich auch als Jüdin in Deutschland traurig, dass von der arabischen Welt so wenig kommt. Ich bin auch vom arabischen Frühling enttäuscht. Was ist davon geblieben? In Ägypten, in Syrien, in Tunesien? Vor ein paar Jahren war ich in Tunesien und habe gesehen, dass es der Demokratie nicht gelungen ist, nachhaltige Strukturen zu schaffen, und dass überall die Gefahr des Islamismus wirkt. Das tut mir sehr weh. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe nach dem 7. Oktober mit vielen Menschen gesprochen – einige Interviews und Kommentare habe ich in meinem Magazin veröffentlicht. Durchweg war das Thema die Explosion des Antisemitismus, der natürlich vorher auch schon immer wieder sichtbar wurde, nach dem 7. Oktober. Eva Illouz hat dies in ihrem Buch <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/eva-illouz-der-8-oktober-t-9783518475300">„Der 8. Oktober“</a> (französische Ausgabe bei Gallimard im August 2024, deutsche Ausgabe bei Suhrkamp im August 2025) schon im Titel deutlich gemacht. Erschreckend ist, dass Kritik an Israel offenbar bei manchen in der liberalen und linken Szene, zu der ich mich eigentlich zähle, so identitätsstiftend ist, dass daneben alles andere verschwindet. Warum genießen die Palästinenser diese Aufmerksamkeit, aber was ist mit den Kurden, den Menschen im Sudan, in Myanmar, in der Ukraine? In ihrem Buch <a href="https://www.rowohlt.de/buch/sarah-levy-kein-anderes-land-9783498007782">„Kein anderes Land“</a>, das im September 2025 bei Rowohlt erschien, hat Sarah Levy die Zerrissenheit beschrieben, in der liberale Israelis vor und nach dem 7. Oktober leben. Dazu gehört, dass man in Israel seine arabischen Nachbarn jetzt anders ansieht als vor dem 7. Oktober. Ich habe mich bemüht, diese Zerrissenheit in meinem Essay <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/738-tage/">„738 Tage“</a> aufzunehmen, den ich nach der Freilassung der letzten 20 lebenden Geiseln geschrieben habe. Zerstört wurde auch viel Vertrauen, weil man inzwischen in Deutschland wie auch anderswo Jüdinnen und Juden – und auch viele, die gar keine Juden sind – immer nur danach bewertet, wie sie sich zu Israel, zu Gaza positionieren. Das ist schon fast ein gesellschaftlicher Zwang geworden.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Vielleicht darf man die Frage des Vertrauens nicht so hoch hängen. Ob es Vertrauen gibt oder Misstrauen – das sind Emotionen. Es geht darum, ob man bereit ist, sich an bestimmte Regeln zu halten. In Bezug auf den Trump-Plan werden wir das noch sehen. Innerhalb Europas hat Deutschland es akzeptiert, dass es die Ostgebiete verloren hat. Da erhebt kein ernst zu nehmender Politiker, keine Politikerin mehr Gedanken an eine Rückeroberung. Oder auch Polen, das durch den Hitler-Stalin-Pakt viel von seinem Land in Osten an die Sowjetunion verlor und heute auch keine entsprechenden Rückforderungen gegenüber Belarus und der Ukraine erhebt. Oder Vilnius, das einstige Wilna? Das ist heute Litauen, nicht mehr Polen. Wenn die Regeln eingehalten werden, können wir dort überall hinreisen, die Geschichte und Kultur auf uns wirken lassen, Positionen einnehmen und Bücher darüber schreiben. </em></p>
<p><em>Ich traue es auch der israelischen Bevölkerung zu, dass sie diese Fähigkeit hat. Es gab den Rückzug aus dem Sinai-Gebiet, aus dem Gazastreifen. Israel ist ein Staat, der sich an Regeln halten kann. Aber ich weiß nicht, ob eine solche Bereitschaft bei den arabischen Staaten zu finden ist, dass sie der palästinensischen Bevölkerung sagen: Bescheidet euch lieber mit einem kleinen Staat, in dem Ihr endlich souverän seid und zu euch selbst kommt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eines der Ziele der Hamas war es, eine weitere Annäherung Israels zu den arabischen Staaten nach dem Muster der Abraham-Abkommen zu verhindern. Die Führungen in den arabischen Staaten sind reichlich schwierige Gestalten, aber ich sehe die Bereitschaft, die Hamas und andere dschihadistische Gruppen zu isolieren und möglicherweise auch zu entwaffnen, um sich deren Probleme und Ziele nicht ins eigene Land zu holen. Die Frage ist natürlich, ob sie mit ihren eigenen Bevölkerungen klarkommen. Da brodelt es durchaus gewaltig. Es ist hochkomplex.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>:<em> Ich sehe es noch nicht, aber ich will die Hoffnung nicht aufgeben. Auf arte gab es eine Dokumentation über all die Friedensverhandlungen nach Oslo. Ehud Barak, Ehud Olmert, sogar Netanjahu hatten entsprechende Pläne vorgelegt. Ehud Olmert hatte den Plan vorgelegt, dass 94 Prozent der besetzten Gebiete an die Palästinenser gehen, den Rest gleiche man mit Gebietstausch aus, Jerusalem werde internationalisiert. Abbas lehnte ab. Arafat lehnte alle Vorschläge Baraks ab, wenn nicht gesichert wäre, dass alle palästinensischen Flüchtlinge aus dem Jahr 1948 mit all ihren Familien wieder nach Israel zurückkehren könnten. Selbst Netanjahu hat einmal einen achtmonatigen Siedlungsstopp verlängert, um die weiteren Verhandlungen nicht zu gefährden. Mich hat geärgert, dass die Moderatorin der arte-Dokumentation dann sagte: „Nach Jahrzehnten ergebnisloser Verhandlungen“. Sie hätte sagen müssen: „Nach Jahrzehnten ergebnisloser Verhandlungsangebote“.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die palästinensische Seite beharrte auf Maximalforderungen und lehnte alles ab. Ähnlich wie Putin nach wie vor auf seinen Maximalforderungen beharrt. Das nur am Rande.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Ich frage mich schon, ob dies mit einer fehlenden politischen Kultur in der arabischen Welt zusammenhängt, und ob in den Islamstudien in Deutschland noch viel stärker gezeigt werden könnte, dass man aus religiöser Sicht nicht über andere siegen muss und die eigene Religion nicht die dominante zu sein braucht. Aber das ist auch die heutige Herausforderung für die anderen religiösen Traditionen. Wir sind – ob als Juden, Christen oder Muslime &#8211; in einer pluralistischen Welt sowieso nur eine Religion unter mehreren. </em></p>
<div id="attachment_7798" style="width: 227px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-liebesbriefe-an-regina-jonas.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7798" class="wp-image-7798 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Joseph-Norden-Elisa-Klapheck-Liebesbriefe-an-Regina-Jonas-Hentrich-Hentrich-217x300.jpg" alt="" width="217" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Joseph-Norden-Elisa-Klapheck-Liebesbriefe-an-Regina-Jonas-Hentrich-Hentrich-200x277.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Joseph-Norden-Elisa-Klapheck-Liebesbriefe-an-Regina-Jonas-Hentrich-Hentrich-217x300.jpg 217w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Joseph-Norden-Elisa-Klapheck-Liebesbriefe-an-Regina-Jonas-Hentrich-Hentrich-400x554.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Joseph-Norden-Elisa-Klapheck-Liebesbriefe-an-Regina-Jonas-Hentrich-Hentrich.jpg 433w" sizes="(max-width: 217px) 100vw, 217px" /></a><p id="caption-attachment-7798" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es geht letztlich um die Frage einer pluralistischen Lektüre der heiligen Schriften, in allen drei Religionen. Meines Erachtens gehört das auch in die Schulen. Ich kann nur empfehlen, Ihre Bücher zu lesen, weiterzuempfehlen und das eigene Leben vielleicht an manchem der dort vorgetragenen Argumente zu orientieren oder zumindest zu reflektieren. Machloket und Injamin sind Programm, Regina Jonas ein Vorbild. Vielleicht lässt dies auch den 7. Oktober in einem anderen Licht erscheinen? Der Tanz, den Sie in Ihrem Beitrag zu „Wie geht es dir?“ beschreiben, ist doch vielleicht ein Hoffnungszeichen.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Der 7. Oktober darf nicht nur als ein jüdischer Tag gesehen werden. Es kann nicht allein die Aufgabe der Juden sein, Antisemitismus auf sich zu beziehen. Die meisten Antisemiten kennen gar keine Juden. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Sache. Es geht um die Demokratie.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Januar 2026, in der Einleitung aktualisiert im April 2026, Internetzugriffe zuletzt am 7. April 2026, Titelbild: Synagoge in Görlitz, Foto: Hans Peter Schaefer.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Lina Morgenstern</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 04 Dec 2025 06:43:47 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Lina Morgenstern Volksküchengründerin, Sozialreformerin, Feministin, Zeitungsverlegerin Lina Morgenstern (1830 - 1909) wurde anlässlich ihres 70. Geburtstages im Jahre 1900 von einer englischen Zeitung zu den drei bedeutendsten Persönlichkeiten Berlins gewählt. Eine wichtige, fast vergessene Vordenkerin der deutschen Demokratiegeschichte. Mit heißem Herzen und kühlem Verstand ging sie bis an die Grenzen des Umsetzbaren. Im 19.  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-2 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-2" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Lina Morgenstern</strong></h1>
<h2><strong>Volksküchengründerin, Sozialreformerin, Feministin, Zeitungsverlegerin</strong></h2>
<p><a href="https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/lina-morgenstern">Lina Morgenstern</a> (1830 &#8211; 1909) wurde anlässlich ihres 70. Geburtstages im Jahre 1900 von einer englischen Zeitung zu den drei bedeutendsten Persönlichkeiten Berlins gewählt. Eine wichtige, fast vergessene Vordenkerin der deutschen Demokratiegeschichte. Mit heißem Herzen und kühlem Verstand ging sie bis an die Grenzen des Umsetzbaren.</p>
<p>Im 19. Jahrhundert durften Frauen per Gesetz weder eine Firma noch einen Verein gründen. Lina gelang all das. Aus einer wohlhabenden Breslauer Familie stammend brach sie aus dem von ihren Eltern vorgegebenen Lebensweg aus: Statt sich zu vergnügen und das schöne Leben zu genießen, kämpfte sie für <em>„das Gute“</em>. Dabei definierte Lina <em>„das Gute“</em> wie es Immanuel Kant in seiner Ethik definiert: <em>„Gut ist derjenige Wille, der ausschließlich durch Gründe der praktischen Vernunft bestimmt wird und nicht durch Neigungen.“</em></p>
<p>Als Gründerin von 17 Volksküchen versorgte sie täglich 10.000 hungrige Menschen und betreute mit ihrem Frauenteam an Berliner Bahnhöfen 300.000 aus dem Krieg von 1870/1871 zurückkehrenden Soldaten: Freund und Feind. Danach initiierte sie über 30 „Wohlfahrts-Startups“, die sich um alleinerziehende Mütter, haftentlassene Mädchen, Prostituierte und andere Bedürftige kümmerten. Mit Zeitgenossinnen gründete sie von Friedrich Fröbel inspirierte Kindergärten und exportierte die Idee nach England. Hinter der Maske von Linas quirligem Humor verbarg sich die nervöse Unrast einer leidenschaftlichen Unternehmerin.</p>
<p>Wie aber hat es die aus einer jüdischen Familie stammende Frau geschafft, trotz Anfeindungen von Antisemiten und Männerklüngeln ein humanistisches Lebenswerk zu hinterlassen, wie sonst kaum jemand?</p>
<h3><strong>Breslau 1846</strong></h3>
<div id="attachment_7666" style="width: 242px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7666" class="wp-image-7666 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-232x300.jpg" alt="" width="232" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-200x258.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-232x300.jpg 232w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-400x517.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-600x775.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-768x992.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-793x1024.jpg 793w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-800x1033.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-1189x1536.jpg 1189w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-1200x1550.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern.jpg 1434w" sizes="(max-width: 232px) 100vw, 232px" /><p id="caption-attachment-7666" class="wp-caption-text">Lina Morgenstern, Public Domain.</p></div>
<p>Als Lina 16 Jahre alt war, sandte ihr Vater sie auf die Höhere Töchterschule. Lina langweilte sich, denn es wurde vorwiegend Handarbeiten, Kochen und Nähen unterrichtet; sie wollte nicht mehr in diese Schule. Ihr strenger Vater Albert, ein in Breslau etablierter Möbel- und Antiquitätenhändler, warf seinem Kind Undankbarkeit vor, denn die private Höhere Töchterschule kostete ihn viel Geld, die meisten jungen Frauen bekamen gar keine Ausbildung – ein eskalierender Vater-Tochter-Streit.</p>
<p>Plötzlich wurde die Familie von der Revolution in Breslau überrascht. 1846 demonstrierten Arbeiter, Handwerker und Lehrer vor dem Schloss in Sichtweite der Familien-Wohnung. Bewaffnete Uniformierte stellten sich den Aufgebrachten entgegen, versuchten das Schlosstor zu schützen. Doch die Protestierenden stapften entschlossen darauf zu. Pflastersteine flogen, Schüsse fielen, Blut floss. Lina erkannte unter den Demonstranten einen jüdischen Jungen aus dem Nachbarhaus, kaum siebzehn Jahre alt. Er drängte sich mit seinem Freund nach vorne, warf einen Ziegelstein. Sofort wollte Lina mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester Jenny raus, um ihn zu unterstützen. Der Vater ließ es nicht zu. Deshalb konnte Lina nur mit dem Operngucker beobachten, wie vor der Wohnung die Demonstrierenden von Wachsoldaten niedergetrampelt und angeschossen wurden, darunter auch ihr Freund aus dem Nachbarhaus. Verzweifelt musste sie mitansehen, wie der Verblutende leblos wegetragen wurde.</p>
<p>Dieses Erlebnis muss Lina geprägt haben, denn bald darauf verfiel sie in eine Depression, flüchtete sich nächtelang bei schlechtem Kerzenlicht ins Lesen von Büchern über Medizin und Astronomie, bis sich Gesichtszuckungen und Augenprobleme einstellten. Die besorgte Mutter verbot ihrer Tochter die nächtliche Lektüre – was die Krise noch verschlimmerte. Schließlich erlaubte die Mutter der Sechzehnjährigen, eine Tanzschule zu besuchen.</p>
<h3><strong>Die Aktien der Liebe </strong></h3>
<div id="attachment_7667" style="width: 198px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.kremayr-scheriau.at/bucher-e-books/titel/lina-morgenstern/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7667" class="wp-image-7667 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-188x300.jpg" alt="" width="188" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-188x300.jpg 188w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-200x319.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-400x637.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-600x956.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-643x1024.jpg 643w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-768x1223.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-800x1274.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-964x1536.jpg 964w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-1200x1911.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-1286x2048.jpg 1286w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau.jpg 1594w" sizes="(max-width: 188px) 100vw, 188px" /></a><p id="caption-attachment-7667" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Polka. Lachen. Verträumte Blicke. Damenwahl. Auf glattem Parkett lernte Lina den neunzehnjährigen Theodor Morgenstern (1827-1910) kennen. Er kam aus Sieradz, einer kaum zweitausend Einwohner zählenden Kleinstadt mit Synagoge in der Nähe von Łódź. Der junge Mann erzählte von seiner lebensgefährlichen Flucht. Wie viele andere Juden hatte er sich am Krakauer Aufstand beteiligt und gegen Österreich, Russland und Preußen für eine polnische Nationalregierung gekämpft, denn nur diese versprach die vollständige <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCdische_Emanzipation">Gleichberechtigung der Juden</a>. Allerdings wurde der Aufstand von der österreichischen Armee brutal niedergeschlagen. Hals über Kopf musste Theodor flüchten. Lina war von seinem revolutionären Habitus angetan – was für ein Held. Und wie er tanzte! Trotz Etikette und den strengen Blicken des Tanzlehrers genoss Lina die Momente der gemeinsamen Bewegungen, des Festhaltens, der Nähe.</p>
<p>Lina wollte Theodor heiraten, am liebsten sofort. Sie wusste jedoch: Ihr Vater würde nicht zustimmen solange sie noch unter 20 war. Zu Linas 18. Geburtstag veranstaltete der Vater ein Fest, Lina aber durfte ihren Liebsten nicht einladen. Stattdessen bat der Vater Geschäftsfreunde und Adelige zu Tisch. Mitten auf der Feier riss Lina das Wort an sich und präsentierte ihre Idee eines <em>„Pfennigvereins“</em>: Für arme Arbeiterkinder bat sie alle Anwesenden monatlich einen Pfennig für Schulmaterial und Kleidung zu spenden. Einige Gäste versuchten, sich elegant aus der Affäre zu ziehen: Wer garantiere denn, dass die Spenden tatsächlich die Richtigen erhalten? Sollen die Zuwendungen vielleicht nur jüdische Kinder bekommen? Eloquent konnte Lina alle Zweifel zerstreuen. Noch auf dem Fest begann sie Geld einzusammeln. Schließlich gelang es ihr, dass nahezu alle Gäste ein <em>„Spendenabo“</em> unterzeichneten. Der Pfennigverein existierte dreißig Jahre lang, unterstützte 16.000 bedürftige Kinder und war Linas erstes Wohltätigkeits-Unternehmen.</p>
<p>Indes stellten Lina und Theodor fest: Zwischen ihnen bestand mehr als eine sinnliche Anziehung. Linas Art zu fragen, ihre Neugierde auf die Welt und ihre pointierten Schlussfolgerungen faszinierten Theodor. Beide mochten Menschen, die sich nicht anpassten und beide hatten Interesse an unternehmerischen Ideen. Natürlich verfügten sie auch über entgegengesetzte Charaktereigenschaften: Die spontane, quicklebendige und auf Äußerlichkeiten nichts gebende Lina und der kaum zu erschütternde Theodor, der es liebte, in feinem Zwirn zu beeindrucken. Lina lernte ihm zuliebe sogar seine Muttersprache. Lange hielten sich die beiden an ein damals übliches Motto, das aus einer oft verwendeten Liederstrophe (aus dem 17. Jahrhundert) stammt: <em>„Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß, als heimliche Liebe, von der niemand nichts weiß!“</em></p>
<p>Linas Vater recherchierte hinter ihr her und fand heraus: Theodor besaß nur eine kleine Handelsagentur, mit der er kaum in der Lage sein würde, eine Familie zu ernähren. Der Vater hielt Linas Geliebten für einen geschäftlichen Versager – was er seine Tochter wissen lässt. Hartnäckig stellte er Fragen: Was hat Theodor für Ziele? Wie stellt er sich die Zukunft seiner Agentur vor? Wie viel Geld hat er, wie viele Aktien?</p>
<p><em>„Die Aktien der Liebe!“</em> – Über sieben Jahre lang trafen sich die beiden, bis der Vater unwillig einer Hochzeit zustimmte.</p>
<h3><strong>Die verfeinerten Bedürfnisse der Zivilisation</strong></h3>
<div id="attachment_7668" style="width: 479px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7668" class="wp-image-7668 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-300x214.jpg" alt="" width="469" height="335" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-200x143.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-300x214.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-400x286.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-600x429.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-768x549.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-800x572.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-1024x732.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-1200x857.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-1536x1098.jpg 1536w" sizes="(max-width: 469px) 100vw, 469px" /><p id="caption-attachment-7668" class="wp-caption-text">Lina (Mitte) mit Müttern und Kindergartenkindern, Sammlung Rekel.</p></div>
<p>Um dem dominanten Vater zu entfliehen, zogen Lina und Theodor 1855 nach Berlin. Der Vater sprang über seinen Schatten und gewährte Lina eine großzügige Mitgift. Während Lina in Berlin schwanger wurde, verfolgte Theodor eine neue Geschäftsidee: Ein internationales Modehaus in der noblen Friedrichstraße. Es sollte ein Etablissement werden, wie es die Stadt noch nie gesehen hatte! Theodor kaufte von Linas Aussteuer die feinsten Kollektionen aus Paris, London und Konstantinopel und präsentierte seiden-, gold- und silbergewirkte Kleider auf zwei Etagen. Die Leipziger Illustrirte Zeitung vom 13. Dezember 1856 jubelte: <em>„Dank der <u>verfeinerten Bedürfnisse der Zivilisation</u>, die nun Herr Theodor Morgenstern erfüllt, wird Berlin endlich eine Weltstadt.“</em> Aufwendig warb Theodor mit teuren Zeitungsanzeigen um kaufkräftige Kundinnen. Und Lina wurde zum zweiten Mal schwanger. Nachts befasste sie sich mit den Erziehungsmethoden des Pädagogen <a href="https://froebel-museum.de/pages/de/friedrich-froebel/leben-und-werk.php">Friedrich Fröbel</a> (1782-1852) – für ihn hatten die Frauen die Zukunft der Menschheit in der Hand, denn sie gestalteten die ersten Lebensjahre, den entscheidenden Zeitabschnitt. Jede junge Frau sollte eine Ausbildung als Erzieherin erhalten; diese Ideen gefielen Lina.</p>
<p>Kaum schliefen die Kinder, versuchte sie aus Fröbels komplizierten Schachtelsatz-Schriften lesbare Exzerpte zu verfassen. Und sie gründete in Berlin – trotz des staatlichen Kindergarten-Verbots – mit Kolleginnen zusammen den ersten Fröbel-Kindergarten. Ein Erfolg.</p>
<p>Indes entwickelte sich <em>„Herr Morgenstern“</em> mit seinem exklusiven Modesalon in der Friedrichstraße zum Parvenü, war in Berlin gefragt und begehrt. Lina aber sorgte sich: Zwar besuchten viele Damen Theodors Geschäft, doch sie kauften wenig. In Wahrheit ging es der Familie immer schlechter. Ein drittes Kind verschärfte die Lage. Theodors Reserven und Linas Aussteuer waren bald aufgebraucht – was von den frisch Vermählten souverän verdrängt wurde.</p>
<p>Plötzlich konnte das Paar die Miete für die Wohnung nicht mehr bezahlen. Weder Linas noch Theodors Eltern wollten die junge Familie neuerlich unterstützen, der Schwiegervater fühlte sich bestätigt: Theodor ist ein Versager!</p>
<p>Tatsächlich schlitterte Theodor mit seinem Modehaus in den Bankrott. Der Schwiegervater verhinderte mit einer allerletzten Zuwendung das Schlimmste, doch Theodor musste seine unternehmerischen Träume aufgeben. Indes wurde Lina erneut schwanger, die jungen Eltern plagten nun Existenzängste: Wie die immer größer werdende Familie durchbringen?</p>
<p>Nächtelang grübelten die beiden, auch der sonst so geduldige Theodor geriet in Panik. Die Krise drohte, die Ehe zu zerreißen. Bis Lina realisierte: Nur sie konnte die Familie noch retten.</p>
<p>Verzweifelt besuchte Lina den Verleger und Chefredakteur des renommierten Modemagazins BAZAR und bot ihm ihren Artikel über Friedrich Fröbel an. Der Chefredakteur reagierte erst skeptisch. Nachdem er jedoch die ersten Absätze gelesen hatte, änderte er seine Meinung. Er forderte Lina auf, Fröbels komplizierte Schriften in ein unterhaltsames Handbuch zu verwandeln. Kaum zu Hause, setzte sich Lina an den Schreibtisch. Und schrieb in nur vier Wochen einen Bestseller: „Das Paradies der Kindheit“. Über 280 Seiten! Das Handbuch der Fröbel´schen Lehre erlebte sieben Auflagen, wurde in mehrere Sprachen übersetzt und stieß eine öffentliche Diskussion zum Thema gewaltfreie Erziehung an.</p>
<p>Vor allem konnte Lina mit den Tantiemen ihre Familie ernähren.</p>
<p>Nun schrieb sie weitere Auftrags-Bücher während Theodor sich um Haushalt und Kinder kümmerte &#8211; was in dieser Zeit völlig neu war und dem jungen Ehemann einiges abverlangte, denn zahlreiche Zeitgenossen verspotteten ihn als „Schwächling“. Das Paar lebte, was in dieser Zeit als unmöglich galt: <em>„Keine übertriebene Ehe“</em>, wie Lina es in ihrer Deutschen Hausfrauenzeitung selbst nannte – also eine gleichberechtigte. Mit viel Humor.</p>
<p>Parallel gründete Lina eine Vielzahl von Wohlfahrtsvereinen, kümmerte sich um haftentlassene Mädchen und alleinerziehende Mütter. Linas Motto, wie ebenso in ihrer Zeitung nachzulesen ist: <em>„Wir Frauen verlangen nicht Gnade, sondern Gerechtigkeit!“</em></p>
<p>Als Lina ob ihrer vielen Tätigkeiten schwächelte, schlug Theodor einen Familien-Urlaub vor. Im Süden. Am Meer. Erst reagierte Lina begeistert, dann irritierte sie der im Juni 1866 eskalierende Konflikt zwischen Preußen und Österreich – ein Krieg stand bevor. Die Not schwoll an, in Berlin grassierte Hunger, sogar Lehrer konnten ihre Familien nicht mehr ernähren.</p>
<p>Statt Urlaub hatte Lina eine andere Idee; sie wollte eine Volksküche gründen. Und zwar auf eine ganz neue Art: Das Unternehmen sollte sich selbst erhalten. Allerdings verfügte sie weder über Anfangskapital, noch über Räumlichkeiten und Personal. Wie also die Idee umsetzen?</p>
<h3><strong>Linas Businesskonzept </strong></h3>
<div id="attachment_7669" style="width: 479px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7669" class="wp-image-7669 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-300x199.jpg" alt="" width="469" height="311" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-300x199.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-400x266.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-600x398.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-768x510.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-800x531.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-1024x680.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-1200x797.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-1536x1020.jpg 1536w" sizes="(max-width: 469px) 100vw, 469px" /><p id="caption-attachment-7669" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Die_Gartenlaube_(1883)_b_477.jpg">Sonntags in der Volksküche</a>, Die Gartenlaube (1883), Originalzeichnung von H. Lüders, Wikimedia Commons.</p></div>
<p>Lina erlebte eine schlaflose Nacht, im Morgengrauen dann Heureka, sie hatte einen Plan: Spenden als Anfangskapital, freiwillige Helferinnen in der Küche, ein günstiger Raum und reduzierte Einheitspreise für jede Speise. Doch die Behörden wollten ihr weder einen Raum stellen noch konnte sie jemand auf die Schnelle überreden, Kapital zu borgen. Lina überzeugte Frauen aus dem Bürgertum, unentgeltlich beim Kochen und Essenverteilen zu helfen. Noch vor Kriegsbeginn beabsichtigte sie, die erste Küche zu eröffnen. Dafür aber benötigte sie dringend Geld. Ihre Idee: Ein Spendenaufruf in einer renommierten Zeitung. Wie aber an einen Chefredakteur gelangen, wie ihn überzeugen?</p>
<p>Kurzerhand besuchte sie die Vossische, eines der angesehensten Berliner Blätter dieser Tage. Der diensthabende Sekretär, ein Mann mit dicker Brille und zerschlissenen Manschetten, ließ Lina nicht zum Chefredakteur vor. Aufgrund ihrer Zielgerichtetheit strahlte Lina eine natürliche Autorität aus, die in dieser Zeit nicht selbstverständlich war. Zumeist trug die Sechsunddreißigjährige ein schwarzes, schmuckloses Kleid, ihre Haare hatte sie streng hochgesteckt, eine Nickelbrille zierte ihre Nase. Sie beharrte auf der Dringlichkeit ihres Anliegens und verlangte, Chefredakteur <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Otto_Lindner">Dr. Otto Lindner</a> (1820-1867) zu sprechen. Irgendwann gab der Sekretär nach.</p>
<p>Lina kämpfte sich zu Dr. Lindner vor. Der ebenfalls aus Breslau stammende Musikwissenschaftler fand Linas Idee interessant und lächelte freundlich. Im Laufe ihres Vortrags merkte sie jedoch, dass in diesem Lächeln ein Hauch von Verachtung steckte. Was will die Kleine schon ausrichten? Sie sprach den Sechsundvierzigjährigen darauf an, er konterte: Die Sache sei eben schwierig. Er wolle nur einen Spendenaufruf drucken, wenn Lina berühmte Berliner als Fürsprecher gewinnen könne. Andernfalls würden die Leser denken, Frau Morgenstern möchte bloß für ihre eigene Familie Geld einsammeln. Lina versprach, mit Honoratioren wiederzukommen. Es muss Lina getroffen haben, dass ihre Person offensichtlich nichts galt, sondern nur renommierte Männer. Doch sie kannte keine Renommierten.</p>
<p>Geschickt entwickelte Lina eine Strategie der kleinen Schritte. Erst verfasste sie ein leidenschaftliches Plädoyer, dann besuchte sie das Café Kranzler, setzte sich auf die schmale Terrasse und durchforstete die ausliegenden Zeitungen nach Berliner Persönlichkeiten. Als sie in <em>der Vossischen, in der Volkszeitung und im Beobachter an der Spree zehn vielverspr</em>echende Namen entdeckt hatte, ermittelte sie deren Adressen.</p>
<p>Beharrlich und mit spröder Herzlichkeit versuchte Lina, die Prominenten mit ihrem Plädoyer anzusprechen. Darunter <a href="https://www.dhm.de/lemo/biografie/rudolf-virchow">Dr. Rudolf Virchow</a> (1821-1901) von der Charité. Der renommierte Pathologe positionierte sich als Liberaler im Preußischen Abgeordnetenhaus gegen Bismarck. Als Lina den Arzt besuchte, bat sie ihn nicht direkt um Unterstützung, sondern fragte erst um Rat für ihr geplantes Kochbuch. Der fortschrittlich denkende Virchow mit seinen ernsten, wie aus Bronze gegossenen Gesichtszügen, hatte längst erkannt, dass sich nicht nur die Armen, sondern auch Menschen aus der unteren Mittelschicht schlecht ernährten. Er empfahl Lina, jedem Essen ausreichend Gemüse und 75 Gramm Fleisch beizumischen. Was Lina beherzigte. Dann erst fragte sie, ob er nicht als Fürsprecher der Volksküche in der Vossischen Zeitung erscheinen wolle. Er stimmte zu.</p>
<p>Ermutigt ging sie auf weitere Persönlichkeiten zu. Manchen Männern fiel es in dieser Zeit schwer, wie sie später in ihrer Autobiographie beschrieb, eine <em>„Kooperation“</em> mit einer Frau an führender Stelle zu akzeptieren. Geschickt bot Lina an, die Angesprochenen könnten sich ihre Unterstützung mehr als eine Art von <em>„freundlichem Hinweis“</em> oder <em>„kollegialen Rat“</em> vorstellen. Mit dieser diplomatischen Finte gelang es ihr, einige Honoratioren zu gewinnen, darunter den Verleger <a href="https://www.gewerkschaftsgeschichte.de/biografien-55540-franz-gustav-duncker-1822-1888.htm">Franz Duncker</a> (1822-1888) sowie Stadtgerichtsrat <a href="https://www.deutsche-biographie.de/sfz31122.html#ndbcontent">Karl Twesten</a> (1820-1870) als auch den Arzt und Schriftsteller <a href="https://www.projekt-gutenberg.org/autoren/namen/ring.html">Max Ring</a> (1817-1901), den Sozialpolitiker <a href="https://www.deutsche-biographie.de/sfz50667.html#ndbcontent">Adolf Lette</a> (1799-1868), den Fabrikanten <a href="https://www.dhm.de/lemo/biografie/werner-von-siemens">Werner Siemens</a> (1816-1892) und den Journalisten und ehemaligen Eisenbahndirektor <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Lehmann_(Schriftsteller)">Joseph Lehmann</a> (1801-1873), der das Vertrauen vieler Behörden genoss.</p>
<p>Als Lina schließlich die Unterstützungserklärungen der Vossischen vorlegte, genehmigte Chefredakteur Lindner einen Spendenaufruf. Damit gelang es ihr, bis zum 8. Juni 1866 ein Gründungskapital von 5.500 Thaler (entspricht 2025 circa 200.000 Euro) einzusammeln.</p>
<p>Von diesem Anfangskapital wollte Lina nun Lebensmittel sowie Geschirr kaufen und einen Raum mieten. Doch sie kam an das von ihr organisierte Geld nicht heran, denn die Männer des von ihr gegründeten Volksküche-Vereins verhinderten das – nur Männer durften in dieser Zeit juristisch einen Verein oder eine Firma gründen und Geld verwalten. Diese Männer aber zweifelten plötzlich an Linas Fähigkeiten, so schnell eine Küche eröffnen zu können. Nach harten Diskussionen genehmigte ihr der Vorstand schließlich eine kleine Teilsumme. Zum Probieren. Ausnahmsweise. Sofort legte Lina los. Trotzdem konnte sie nicht sicher sein: Würden ausreichend Gäste in den kleinen, rußigen Keller kommen?</p>
<p>Linas Kochkünste, der Duft der Suppen und ihr Konzept zogen tatsächlich Gäste an. Die Volksküche entwickelte sich zum Erfolg, sechzehn weitere folgten. Während der Deutsch-Französische Krieg tobte, versorgte Lina auf den Berliner Bahnhöfen von der Front zurückkommende Soldaten. Sie gründete sogar Notlazarette, um die 6000 Verletzten zu betreuen, weil sich der Staat nicht kümmerte. Überraschend besuchte Königin Augusta eine Küche. Sie verkostete Linas Graupensuppe, bewunderte die Arbeit der <em>„Ehrendamen“</em> und ermutigte Lina, ihren „Business-Plan“, wie man ihn heute nennen würde, zu verschriftlichen. Was Lina auch tat. Zahlreiche Städte übernahmen Linas Ideen, darunter Stockholm, Budapest, Wien und 25 anderen Metropolen.</p>
<h3><strong>Der Berliner Hausfrauenverein, das Universalkochbuch und eine Zeitung</strong></h3>
<div id="attachment_7670" style="width: 281px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7670" class="wp-image-7670 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-206x300.jpg" alt="" width="271" height="395" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-200x291.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-206x300.jpg 206w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-400x583.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-600x874.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-703x1024.jpg 703w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-768x1119.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-800x1165.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-1054x1536.jpg 1054w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-1200x1748.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-1406x2048.jpg 1406w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-scaled.jpg 1757w" sizes="(max-width: 271px) 100vw, 271px" /><p id="caption-attachment-7670" class="wp-caption-text">Im vollbesetzten Saal des Roten Rathauses. Berliner Ilustrirte Zeitung 4. Oktober 1896. Sammlung Rekel.</p></div>
<p>Weil Nahrungsmittel aufgrund der Inflation immer teurer wurden, eskalierten in Berlin Lebensmittel-Verfälschungen: Milch wurde mit Wasser verdünnt und mit Kreide eingefärbt, Mehl sowie Gips angedickt; Butter mit Schwerspat, Borax oder Blei versetzt, um das Gewicht zu erhöhen; von Parasiten befallenes Fleisch oberflächlich gesäubert und weiterverkauft. Deshalb starben unzählige alte Menschen und Babys, Lina ertrug es kaum. Erst gründete sie zur Aufklärung ein öffentliches Lebensmittelabor, dann mit Theodor den Berliner Hausfrauenverein: Sie erwarb große Mengen an Lebensmitteln bei Bauern und verkaufte diese – als Vorläufer von Lebensmittel-Genossenschaften – günstig an Mitglieder, um die Preise niedrig zu halten. Bald schon durften sich Lina und Theodor über 2.000 Mitglieder freuen.</p>
<p>Der Chefredakteur der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Staatsb%C3%BCrger-Zeitung">Staatsbürgerzeitung</a> Dr. Bachler allerdings kritisierte den Verein: Dieser schädige die Händler und verkaufe schlechte Qualität. In einem Pamphlet verunglimpfte er auch die Volksküche und behauptete, Lina wolle damit bloß die Arbeiter beruhigen, damit sie nicht demonstrieren. Und er fragte: Warum organisieren gerade <em>„geldgierige Jüdinnen“</em> Volksküchen statt deutscher Frauen?</p>
<p>Indes verfasste Lina in langen Nächten das „Universalkochbuch für Gesunde und Kranke“ mit 2732 Rezepten und über 700 Seiten. Es entwickelte sich zum Welterfolg mit elf Auflagen und zahlreichen Übersetzungen. Weitere Bücher folgten.</p>
<p>Gegenüber Dr. Bachler beschloss sie, den Spieß umzudrehen. Sie wollte ihn mit seinen eigenen Mittel schlagen und eine Zeitung gründen. Ausschließlich von Frauen für Frauen. Ohne Mode, Klatsch und Tratsch. Dafür mit juristischer, medizinischer und lebensmitteltechnischer Beratung als auch, um für Frauenrechte zu kämpfen. Da sie keinen Investor fand, riskierte sie die gesamten Einnahmen aus ihren Buch-Verkäufen.</p>
<p>Die Zensurbehörden unter Bismarck machten es bereits Männern schwer, in einer Zeitung ihre Meinung frei zu äußern. Erst recht unmöglich war es, für eine jüdische Frau eine Zeitung zu gründen! Bismarck hatte Überwachung und Zensur verstärkt, über 6.000 Staatsdiener kontrollierten in Berlin Flugzettel, Plakate und sämtliche Druckerzeugnisse, unterstützt von einer Schar <em>„</em><em>Geheimer in Zivil“</em>. Die Berliner ätzen: <em>„Statt Gas und Elektrizität, an jeder Ecke ein Schutzmann steht!“</em></p>
<p>Um die Zensur zu umschiffen, nutzte Lina einen raffinierten Trick: Sie gründete keine Zeitung, sondern gab bloß ein <em>„Informationsblatt“</em> ihres Berliner Hausfrauenvereins heraus. Dagegen konnte kein Amt etwas haben. In Wahrheit hatte das Informationsblatt alle Merkmale einer kritischen Zeitung, die sich für Wohlfahrt und Frauenrechte einsetzte. Es war ein Journal ohne Mode, Klatsch und Tratsch. Ausschließlich von Frauen für Frauen. Darin veröffentlichte Lina Hinweise, wie Frauen dem damals üblichen Lebensmittelbetrug zu erkennen vermochten, wie sie zu einer besseren Ausbildung gelangten und ihre Rechte einklagen konnten. Vor allem kämpfte Lina darum, dass Frauen zum Abitur zugelassen werden und Universitäten besuchen durften.</p>
<p>Sofort wetterte Chefredakteur Dr. Otto Bachler in seiner Staatsbürgerzeitung dagegen, machte sich über das <em>„Damenblättchen der Frau Lina“</em> lustig. Schon bald aber war Linas Hausfrauenzeitung ohne Klatsch und Tratsch erfolgreicher als Dr. Bachlers Gazette. Bis nach Australien gewann Lina Abonnentinnen.</p>
<p>In Rage lancierte Dr. Bachler in der Staatsbürgerzeitung eine Kampagne: Er unterstellte Lina, sie versetze in ihren Läden des Berliner Hausfrauenvereins Feigenkaffee mit Sägespänen und verkaufe verschimmeltes Obst. Mehr noch: Angeblich vergifte Lina in den Volksküchen sogar die Arbeiter!</p>
<p>Anfangs versuchte Lina, die absurden Vorwürfe zu ignorieren. Doch als andere Zeitungen die Unterstellungen ungeprüft übernahmen und über 1.000 Mitglieder aus ihrem Hausfrauenverein austraten als auch Linas Volksküchen schlechter besucht wurden, sah sie keinen Ausweg mehr. Verzweifelt entschied sie sich, gegen Dr. Bachler zu klagen.</p>
<h3><strong>Der Prozess </strong></h3>
<div id="attachment_7671" style="width: 235px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7671" class="wp-image-7671 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-400x533.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-600x800.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-768x1024.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-800x1067.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-1152x1536.jpg 1152w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-1200x1600.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-1536x2048.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-scaled.jpg 1920w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /><p id="caption-attachment-7671" class="wp-caption-text">Gerichtsakte Lina Morgenstern. Foto: Gerhard J. Rekel.</p></div>
<p>Vor einem Berliner Gericht nützte Chefredakteur Dr. Bachler 1883 die antisemitische Stimmung und brachte Lina in arge Bedrängnis. Er bezichtigte sie des vorsätzlichen Betrugs und rief als Zeugen einen Feigenkaffeehändler auf, der behauptete, Lina hätte in ihren Vereinsläden tatsächlich ihrem Kaffee reichlich Mahagoni-Späne beigemischt. Lina gelang es nachzuweisen, dass der Händler dem Hausfrauenverein seinen Kaffee angeboten hatte – doch dieser war Theodor zu teuer gewesen, er hatte das Angebot abgelehnt. Nun wollte sich der Händler rächen!</p>
<p>Es schien den Richter zu überzeugen. Da holte Dr. Bachler einen Militärarzt in den Zeugenstand. Dieser sagte aus, Lina hätte 1870 durch falsche medizinische Behandlungen in ihren Notlazaretten den Tod von mindestens fünfzig deutschen Soldaten verschuldet. Außerdem hätte sie auch Feinde behandelt – nämlich französische Gefangene! Plötzlich stand eine Anklage gegen Lina wegen fahrlässiger Tötung, Betrug und Landesverrat im Raum. Bis zu 15 Jahre Gefängnis drohten!</p>
<p>Inzwischen ruinierte Dr. Bachler mit weiteren Verleumdungen in der Staatsbürgerzeitung den Ruf von Volksküche und Hausfrauenverein, sodass Lina mit ihren Vereinsläden in den Bankrott schlitterte.</p>
<p>Der Prozess dauerte über 15 Monate. Immer mehr Menschen behandelten Lina herablassend. Ein Netz von Missachtung und Schuldzuweisungen stülpte sich über sie und raubte ihr den Schlaf. Irgendwann verließen Lina die Kräfte. Zittern, Herzrasen, Gesichtszuckungen – wie mit 16 Jahren, als Lina die Höhere Töchterschule besuchte. Die Volksküchen, die Vereine, die Zeitung, der Prozess und ihre fünf Kinder – war es ein Zuviel an machen, wollen, verändern?</p>
<p>Im letzten Moment gelang es Lina, einige Soldaten in den Zeugenstand zu rufen, die sie 1870 in ihren Notlazaretten gerettet hatte. Die Männer erzählten die Wahrheit. Schließlich sprach der Richter das Urteil. Dr. Bachler wurde wegen Verleumdung zu einer Strafe von 39 Tagen Haft oder 390 Mark Geldbuße verdonnert. Lina gewann in allen Punkten und freute sich.</p>
<p>Doch bald fiel ihr auf: Die Not von über einer Million alleinstehenden Frauen ohne Arbeit wurde immer größer. Da entschloss sie sich, einen Schritt weiter zu gehen, politischer zu werden. Ihre neue Idee: Der 1. Internationale Frauenkongress auf deutschem Boden! Im Herbst 1896 empfing Lina mit ihren Kolleginnen über 1700 Besucherinnen aus der ganzen Welt im Roten Rathaus. 65 internationale Zeitungen berichteten neun Tage lang. Die Delegierten forderten das Wahlrecht für Frauen, Zugang zu Ausbildungen und Universitäten sowie die juristische Gleichstellung in Geschäftsangelegenheiten. Bald darauf gaben sogar konservative Politiker zu, dass mehr für Frauen getan werden müsse. In den folgenden Jahren wurde der Zugang zu Abitur und Universitäten für Frauen erleichtert, weitere Verbesserungen folgten. Langsam. Sehr langsam.</p>
<h3><strong>Das Geheimnis ihres Erfolgs</strong></h3>
<p>Wie hat es die aus einer jüdischen Familie stammende Frau geschafft, trotz Anfein­dungen von Antisemiten und Männerklüngeln ein humanistisches Lebenswerk zu hinterlassen, wie sonst kaum jemand? Was waren ihre Methoden, wie konnte sie sich durchsetzen?</p>
<p>Lina hatte zwei große Geheimnisse: Das ihrer unglaublich modernen Ehe und das ihres fulminanten Lebenswerks. Davon erzählt meine Biografie <a href="https://www.kremayr-scheriau.at/bucher-e-books/titel/lina-morgenstern/">„Lina Morgenstern – Die Geschichte einer Rebellin“</a>, die auf über 700 Quellen beruht, viele davon neu entdeckt und erstmals veröffentlicht. Lina Morgensterns Geschichte ist eine, die Mut macht!</p>
<p><strong>Gerhard J. Rekel</strong>, Berlin</p>
<p>(Anmerkungen: <a href="https://www.gerhardrekel.com/">Gerhard J. Rekel</a> ist Autor der im Verlag Kremayr &amp; Scheriau im Jahr 2025 erschienenen Biographie „Lina Morgenstern“. Erstveröffentlichung dieses Porträts im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> im November 2025, Internetzugriffe zuletzt am 2. Dezember 2025, Titelbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Volksk%C3%BCche_in_Wien_-_Theodor_Breitwieser_-_%C3%9Cber_Land_und_Meer_43_(1880).jpg">Volksküche in Wien</a>, aus: Theodor Breitwieser in der Zeitschrift Über Land und Meer 43, 1880. Wikimedia Commons.)</p>
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		<title>Was ist Recht? Was ist Unrecht?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 20 Jun 2025 15:23:48 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Was ist Recht, was ist Unrecht? Was Debatten und Diskurse über Israel und Gaza zeigen „Ich ging hinunter in die Wüste / um meinen Brüdern beim Kampf zu helfen / Ich wusste, dass sie nicht im Unrecht / Ich wusste, dass sie nicht im Recht waren.“ (Leonard Cohen) Dies sind Verse einer unveröffentlichten Strophe  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-3 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-2 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-3" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Was ist Recht, was ist Unrecht?</strong></h1>
<h2><strong>Was Debatten und Diskurse über Israel und Gaza zeigen</strong></h2>
<p><em>„Ich ging hinunter in die Wüste / um meinen Brüdern beim Kampf zu helfen / Ich wusste, dass sie nicht im Unrecht / Ich wusste, dass sie nicht im Recht waren.“ </em>(Leonard Cohen)</p>
<p>Dies sind Verse einer unveröffentlichten Strophe des Liedes „Lover, Lover, Lover“, die Leonard Cohen in sein Notizbuch schrieb, als er 1973 während des Yom-Kippur-Krieges in Israel vor Soldaten sang (zitiert nach: Matti Friedman, <a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-wer-durch-feuer.html">Wer durch Feuer – Krieg am Jom Kippur und die Wiedergeburt Leonard Cohens</a>, übersetzt aus dem Englischen von Malte Gerken, Hentrich &amp; Hentrich 2023)</p>
<p><a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-wer-durch-feuer.html"><img decoding="async" class="alignright wp-image-5758 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedman_Who_by_Fire-198x300.jpg" alt="" width="198" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedman_Who_by_Fire-198x300.jpg 198w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedman_Who_by_Fire-200x303.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedman_Who_by_Fire.jpg 294w" sizes="(max-width: 198px) 100vw, 198px" /></a>Dieses Wissen begleitet viele von uns in unseren Zweifeln, die von Tag zu Tag wachsen, wenn wir Bilder aus Israel, aus Gaza, aus dem Westjordanland, seit der Nacht vom 12. auf den 13. Juni 2025 auch aus dem Iran sehen, darüber lesen und diverse, oft höchst kontroverse Kommentare zur Kenntnis nehmen. Manche schreiben und sprechen anmaßend, andere wirken resigniert. Es ist wahrscheinlich, dass sich in den Tagen, in denen dieser Essay geschrieben wurde, täglich oder gar stündlich etwas verändert, insbesondere im Hinblick auf den Krieg zwischen Israel und dem Iran.</p>
<p>Es gibt bestimmte Muster in den Debatten und Diskursen, die sich angesichts der Entwicklungen in Israel und Gaza ständig wiederholen und oft genug radikalisieren. Vielleicht nehmen sie kommende Debatten und Diskurse zum Thema Israel und Iran vorweg? Vielleicht gibt es auch keinen Unterschied? Eines ist Fakt: Israel wird vom Iran bedroht, der schon Hamas, Hisbollah und Huthi ausstattete und mit einer auf dem Palästina-Platz in Teheran ablaufenden Uhr seinen Bürger:innen zeigt, wie viele Jahre, Monate, Tage, Stunden und Minuten es noch dauert, bis Israel vernichtet sein wird (es gibt Berichte, dass diese Uhr wohl bei einem israelischen Angriff zerstört wurde, ebenso wie der Eingang des Evin-Gefängnisses). Doch niemand, der sich an all diesen Debatten beteiligt, weiß wirklich, wie nahe der Iran bei seinem Bestreben nach nuklearer Bewaffnung war oder ist, sodass auch niemand weiß, ob Israel im Juni 2025 den Iran, mit schließlicher Unterstützung der USA, mit guten Gründen angegriffen hat oder ob andere Gründe eine Rolle spielten als die, die die israelische Regierung anführt. Am Vernichtungswillen des Iran und seiner Proxys in der Region ändert das nichts.</p>
<h3><strong>Die große Heuchelei</strong></h3>
<p>Aber gehen wir einige Schritte zurück. Was geschah und geschieht eigentlich <u>seit</u> dem 7. Oktober 2023? Das Pogrom vom 7. Oktober führte dazu, dass der Antisemitismus weltweit explodierte, unmittelbar, ohne jede Zeitverzögerung, nicht nur in palästinensischen Kreisen, auch in vielen sich links oder liberal verstehenden Milieus, mitunter sogar fahrlässig ignoriert von verschiedenen westlichen Regierungen wie in Spanien oder in Irland. Diese Explosionen des Antisemitismus vermögen zum Teil das Verhalten der israelischen Regierung und Netanjahus erklären. Aber das Verständnis für die Art und Weise, wie Israel seine Selbstverteidigung praktiziert, scheint in vielen westlichen Ländern zu schwinden, nicht nur in der Bevölkerung und in den Medien, auch bei Regierungen. Was auch immer geschieht, der Diskurs ist vergiftet. Die Debatte läuft wieder und wieder auf die eine Frage hinaus, was Israel darf, was nicht, ob und wo es sich zu Recht selbst verteidigt, ob und wo es zu weit geht. Aber auf der anderen Seite resignieren manche und sagen, dass Israel eigentlich nur noch alles falsch machen kann.</p>
<p>Die ZEIT hat am 28. Mai 2025 einen Text über die Radikalisierung des Diskurses Ende Mai veröffentlicht: <a href="https://www.zeit.de/2025-05/krieg-nahost-debatte-israel-gaza-krieg-waffenlieferungen-voelkerrecht/komplettansicht">„Wie wir über Gaza sprechen“</a>. Lenz Jacobsen, Nils Markwardt, Alisa Schellenberg, Johannes Schneider und Bernd Ulrich sprachen jeweils unterschiedliche Aspekte an. Der Modus, in dem zum Thema Gaza beziehungsweise Israel in den Debatten – wenn er überhaupt den Begriff Debatte verdient – vorherrscht, ist durchaus vergleichbar mit dem Modus mancher Debatte während der Coronapandemie oder nach dem russländischen Überfall der Ukraine am 24. Februar 2022. Recht oder Unrecht? Welche Frage! Johannes Schneider: <em>„Schon in der Coronapandemie ging es nicht in erster Linie um ein nüchternes Abwägen verschiedener Risiken, sondern um Wahrheit und Wirklichkeit überhaupt, und das auch noch in Bezug auf das Verhältnis des Staates zum eigenen Körper. Im Ukrainekrieg bemerkten die Deutschen dann, dass sie gar keine gemeinsamen Lehren aus der NS-Zeit gezogen hatten, sondern zutiefst widersprüchliche. Passte vorher noch alles einigermaßen zusammen – gegen Faschismus sein und für den Frieden –, beschimpfen sich Menschen im Angesicht Wladimir Putins gegenseitig als Kriegstreiber und Feinde der Freiheit.“ </em></p>
<p>Bernd Ulrich rät mit Recht zu mehr <em>„Demut“</em>. In der Tat: Wir sollten vielleicht erst einmal zugeben, wie verunsichert wir sind, wie wenig wir aus der Ferne verlässlich beurteilen können, was in Israel, Gaza und im Westjordanland geschieht. Das ist der Inhalt der Botschaften von Leonard Cohen und Bernd Ulrich. Was ist Recht? Was Unrecht?</p>
<p>Eine differenzierende Einordnung der israelischen Politik wäre jedoch auch notwendig, wenn der 7. Oktober 2023 gar nicht stattgefunden hätte. Es geht letztlich nicht nur um die aktuelle israelische Politik und das Vorgehen der IDF seit dem 7. Oktober, sondern auch um die Frage, ob und wie Israel mit der Regierung Netanjahu sich im Kreis rechtsorientierter bis rechtsextremer Parteien wiederfindet, die uns in den westlichen Demokratien bedrängen. <a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/susan-neiman-israel-gaza-grt-li.3266078">In einem Gespräch mit Soja Zekri für die Süddeutsche Zeitung vom 9. Juni 2025 brachte es Susan Neiman auf den Punkt</a>: <em>„Seit Jahren umarmen die Rechtsparteien der Welt jede rechte Regierung in Israel, um von ihrem eigenen Rassismus oder Protofaschismus abzulenken. Man sieht es derzeit im großen Stil bei Donald Trump.“ </em><a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/eva-illouz-israel-preis-verweigert-unterschrift-westjordanland-gastbeitrag-li.3230131">Eva Illouz verwies am 3. April 2025 in einem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung</a> auf die neuerlichen Sympathien zwischen Rechtsextremen in Europa und Rechtsextremen in Israel. Bildungsminister Yoav Kish (Likud) hatte ihr den ihr von einem wissenschaftlichen Komitee zugedachten Israel-Preis verweigert, weil sie sich mit ihrer Unterschrift für Untersuchungen zu Kriegsverbrechen der israelischen Selbstverteidigungskräfte in Gaza gefordert hatte: <em>„In derselben Woche, in der mir der Israel-Preis verweigert wurde, empfing die israelische Regierung Vertreter rechtsextremer Parteien aus der ganzen Welt. Zwei rechtsextreme Politiker aus Frankreich, Jordan Bardella des Rassemblement National und Marion Maréchal, Mitglied des Europäischen Parlaments, zogen durch die Straßen von Jerusalem. Ihre Partei und die Ideen, die sie vertreten, verteidigen eine christliche Zivilisation, die Juden in der Vergangenheit als gefährlich und minderwertig angesehen hat. Viele ihrer Wähler sind antisemitisch eingestellt. / Der israelische Minister für Diaspora-Angelegenheiten, Amichai Chikli </em>(zurzeit Mitglied des Likud, NR)<em> erwägt sogar den Aufbau von Beziehungen zur AfD, einer Partei, die nicht einmal versucht, die Nationalsozialismus-Nostalgie einiger ihrer Mitglieder zu verheimlichen. Ich könnte mir vorstellen, dass einige von ihnen heimlich darüber lachen, dass israelische Juden sie jetzt mit Verbündeten verwechseln und dass Israel ihnen einen moralischen Status verleiht, der ihnen in ihrer eigenen Gesellschaft verwehrt bleibt.</em></p>
<p>Susan Neiman sagte im Gespräch mit Sonja Zekri auch manche Dinge, über die zu debattieren wäre, aber warum auch nicht. Darüber kann man reden, darüber muss man reden. Hier geht es aber um den Kern ihrer Aussagen: Sie hat recht, dass die auch oder vielleicht gerade in Deutschland virulente <em>„Mischung von Philosemitismus und Antisemitismus“</em> unerträglich ist. Man könnte auch von Heuchelei sprechen, nicht zuletzt in der Verwendung des ohnehin diffusen Begriffs der sogenannten <em>„Staatsraison“</em>. Letztlich landet jedes Wort auf der sprichwörtlichen Goldwaage, die aber eben nur für dieses Edelmetall funktioniert.</p>
<h3><strong>Falsche Freunde</strong></h3>
<p>Christopher Browning ging im New York Review of Books unter der Überschrift <a href="https://www.nybooks.com/articles/2025/04/10/trump-antisemitism-academia-christopher-browning/">„Trump, Antisemitism &amp; Academia”</a> der Frage nach, wie ehrlich es das große Vorbild der Rechtsextremen und Rechtspopulist:innen dieser Welt, Donald Trump, es mit dem Antisemitismus meine, den er ständig als Grund nennt, um Harvard und andere Universitäten zu maßregeln, indem er ihnen Mittel entzieht, Staatsaufsicht verordnet oder untersagt, ausländische Studierende aufzunehmen. Browning verweist zum Beispiel auf Trumps Wahlkampf im Jahr 2016, als er Hillary Clinton vor einem Hintergrund mit 100-Dollarscheinen und einem Davidstern zeigte, dazu die Porträts von drei zufälligerweise jüdischen Finanzexperten: Janet Yellen, George Soros und Lloyd Blankfein. Am 6. Januar 2021 zeigten sich die Proud Boys und der Aufschrift <em>„6MWE“</em> (= „6 Million Weren’t Enough“) auf ihren Sweatshirts. Brownings Fazit: <em>„His campaign against campus antisemitism is simply a hypocritical pretext for his assault on American higher education.”</em> (<a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/trump-vs-us-universitaeten-christopher-browning-gastbeitrag-li.3227567">Eine deutsche Übersetzung des Textes von Browning erschien am 30. März 2025 in der Süddeutschen Zeitung</a>.)</p>
<p>All diese Verbindungen zwischen Trump, europäischen und israelischen Rechtsextremisten und Rechtspopulisten motivieren manche Linke und Liberale nun leider nicht, sich mit der israelischen Zivilgesellschaft zu solidarisieren, die die Freilassung aller Geiseln, ein Ende der Kriegshandlungen in Gaza (und im Westjordanland), und nicht zuletzt die Aufgabe der auch nach dem 7. Oktober nicht aufgegebenen Rechtsreformen der Regierung Netanjahu fordert. Im Gegenteil: <u>Alle</u> Israelis, <u>alle</u> Jüdinnen und Juden dieser Welt werden immer wieder in Sippenhaft genommen und da stört es offenbar nicht, wenn sich eine der scheinbar linken Ikonen der Pro-Palästina-Proteste, Greta Thunberg, auf ihrer Schiffreise nach Gaza mit Hisbollah-Aktivisten und -Verehrern zeigt (nachzulesen und zu sehen in dem oben zitierten Interview mit Susan Neiman).</p>
<p><a href="https://www.verbrecherverlag.de/autor_innen/stefan-dietl/"><img decoding="async" class="alignright wp-image-6225 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Dietl_Antisemitismus-210x300.jpg" alt="" width="210" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Dietl_Antisemitismus-200x286.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Dietl_Antisemitismus-210x300.jpg 210w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Dietl_Antisemitismus-400x572.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Dietl_Antisemitismus-600x858.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Dietl_Antisemitismus-716x1024.jpg 716w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Dietl_Antisemitismus-768x1099.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Dietl_Antisemitismus-800x1144.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Dietl_Antisemitismus-1074x1536.jpg 1074w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Dietl_Antisemitismus-1200x1717.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Dietl_Antisemitismus-1432x2048.jpg 1432w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Dietl_Antisemitismus.jpg 1679w" sizes="(max-width: 210px) 100vw, 210px" /></a>Stefan Dietl beschäftigt sich regelmäßig mit der völkischen Ausrichtung der Partei, so beispielsweise in seinem Buch <a href="https://unrast-verlag.de/produkt/die-afd-und-die-soziale-frage/">„Die AfD und die soziale Frage“</a> (Münster, Unrast Verlag, 2017), in dem er den <em>„völkischen Antikapitalismus“</em> in der Partei seziert. Offiziell behauptet die Partei natürlich etwas anderes. AfD’ler:innen versuchen durchweg – wie auch andere Antisemit:innen – den in der Partei vertretenen Antisemitismus abzustreiten. In seinem neuen Buch <a href="https://www.verbrecherverlag.de/autor_innen/stefan-dietl/">„Antisemitismus und die AfD“</a> (Berlin, Verbrecher Verlag, 2025) beschreibt Stefan Dietl in acht Kapiteln, welche prominenten Platz Antisemitismus in der AfD einnimmt. <em>„Bewusst oder unbewusst geht man damit der Selbstdarstellung der AfD auf den Leim.“</em> Der Antisemitismus sei, so Dietl in seinem neuen Buch <em>„der blinde Fleck im Kampf gegen die AfD“</em>. In vielen Äußerungen werde deutlich, dass Jüdinnen und Juden nach Auffassung der Partei nicht zur <em>„deutschen Volksgemeinschaft“ </em>gehören. Dietl nennt mehrere Beispiele, die Affäre um Wolfgang Gedeon, die zu einer zeitweisen Spaltung der baden-württembergischen Landtagsfraktion führte, die aber inzwischen wieder zueinander gefunden hat, die Äußerungen von Stefan Brandtner nach dem Mordanschlag auf die Synagoge in Halle, die Bezeichnung von Juden als <em>„Tätervolk“</em> – bezogen auf die frühe Sowjetunion – durch Martin Hohmann sowie die Abwertung der deutschen Erinnerungskultur (nicht nur) durch Alexander Gauland und Björn Höcke.</p>
<p>Gedenkveranstaltungen in Bundestag und Landtagen werden von AfD-Abgeordneten regelmäßig boykottiert, antisemitische Äußerungen von der Parteiführung regelmäßig bagatellisiert. Zum AfD-Programm gehören Geschichtsrevisionismus, der Kampf gegen den sogenannten <em>„Schuldkult“</em> und nicht zuletzt der Kampf gegen die sogenannten <em>„Globalisten“</em>, für die namentlich wie auch in anderen Ländern George Soros als Gallionsfigur genannt wird. <em>„Tatsächlich thematisiert die AfD Antisemitismus jedoch ausschließlich in externalisierter Form, also bei gesellschaftlichen Minderheiten oder im Zusammenhang mit Migration. Antisemitische Ressentiments und Stereotype in der Mehrheitsgesellschaft werden hingegen nicht angesprochen oder sogar geleugnet. Öffentlich positioniert sich die AfD immer dann gegen Judenhass, wenn sie dies mit dem Kampf gegen Einwanderung verbinden kann.“</em> Der Antisemitismus in den eigenen Reihen wird von AfD’ler:innen sozusagen ausschließlich auf die Gruppe der Muslim:innen projiziert, obwohl man bei genauerem Hinsehen in vielen Punkten Einigkeit zwischen eigenen und islamistischen Auffassungen zugeben müsste, beispielsweise im Familienbild. Dabei passt der von linker beziehungsweise anti-kolonialistischer Seite praktizierte Antisemitismus der AfD gut ins Konzept. Es sind eben nicht nur die Muslime, sondern auch die Linken. Mit wohlmeinender Bildung lässt sich – so Stefan Dietl – Antisemitismus nicht wirksam bekämpfen. Antisemitismus ist auch nicht – wie manche Linke und Liberale meinen – eine Spielart von Rassismus, sondern ein <em>„Welterklärungsmodell“</em>. Es geht somit ums Grundsätzliche.</p>
<h3><strong>Als gäbe es so etwas wie Kollektivschuld</strong></h3>
<p>Über die Folgen der Art und Weise der aktuellen Debatten sprach <a href="https://www.mena-watch.com/ich-wollte-nicht-mehr-die-terroristin-spielen/">Regisseurin Adriana Altaras in einem Gespräch mit May Zehden (dokumentiert auf mena-watch)</a>: <em>„Doch mit dem weiteren Verlauf des Kriegs im Gazastreifen kippte die Stimmung erneut. Kritik richtete sich nicht mehr nur gegen Israels Regierung, sondern zunehmend pauschal auch gegen jüdische Kulturschaffende. Ich selbst wurde bislang nicht angefeindet, aber ob ich vielleicht stillschweigend aus Projekten herausgehalten werde, das weiß man nie. Besonders belastend ist, dass ich inzwischen bei fast jedem öffentlichen Auftritt auf Israel angesprochen werde – unabhängig vom eigentlichen Thema. Ich bemühe mich dann um Differenzierung, um Deeskalation. Aber so schnell, wie sich die Lage verändert, kommt man mit dem Einordnen kaum hinterher.“ </em></p>
<p>Dies ist nur ein Beispiel für viele. Schon am 7. Oktober 2023 begann es, dass <u>alle</u> Israelis, <u>alle</u> Jüdinnen und Juden gleichermaßen angefeindet und für alle Unbilden der Besatzungspolitik (NB: Gaza war kein besetztes Gebiet, sondern wurde <a href="https://www.tagesschau.de/ausland/asien/nahost-gaza-krieg-historie-100.html">2005 von dem damaligen Premierminister Ariel Sharon gegen den Widerstand der dortigen Siedler geräumt!</a>) verantwortlich gemacht wurden, vor allem aus einer Szene, die sich eigentlich den Menschenrechten verschrieben hatte, aber diese offenbar nur Palästinenser:innen zugestehen wollten, nicht jedoch Jüdinnen und Juden, ungeachtet der Staatsangehörigkeit, ungeachtet ihrer Einstellungen. Unter den am 7. Oktober Ermordeten und Verschleppten waren viele, die sich für einen Frieden zwischen den Menschen in Israel und in den palästinensischen Gebieten einsetzten.</p>
<p>Offenbar hat die Solidarisierung mit (den) Palästinenser:innen bei manchen Linken und Liberalen etwas Identitätsstiftendes. Die Frage sollte erlaubt sein, warum alles Unbill, das den Menschen in den palästinensischen Gebieten geschieht, in toto Israel zugeschrieben wird, nicht aber der Hamas und den anderen Terrorgruppen, die ihre eigenen Leute unterdrücken. In der Tat sollte auch die Frage gestellt werden können, warum so viele Deutsche meinen, sich zum Thema Israel / Gaza äußern zu müssen, obwohl es in der Welt noch viele andere Regionen gibt, in denen schrecklichste (kann man dieses Wort überhaupt steigern?) Dinge geschehen, im Sudan, in Myanmar, im Jemen, in Äthiopien, in Eritrea, in Somalia und nicht zuletzt angesichts des russländischen Terrors in der Ukraine oder in Belarus.</p>
<p>Ein Beispiel für die vielen Absurditäten dokumentierte Monika Schwarz Friesel in ihrer Rede zu einer Gedenkveranstaltung im österreichischen Parlament mit dem Titel <a href="https://vrds.de/warum-die-schwarze-antwort-des-hasses-auf-dein-dasein-israel/">„Warum die schwarze Antwort des Hasses auf dein Dasein, Israel?“</a> (auch abgedruckt in: <a href="https://www.welt.de/debatte/kommentare/article252143806/Israel-Hass-Bildung-ist-keine-Garantie-gegen-Antisemitismus.html">Die Welt 22. Juni 2024</a>): <em>„Publiziert werden dabei von den Medien selbst die krudesten Ideen, zum Beispiel seit einigen Jahren Aussagen des postkolonialen Ansatzes, der die Shoah relativiert und Israel delegitimiert. Diese geschichtsverfälschende Schablone liefert längst nicht nur israelfeindliche, sondern auch kollektiv gegen alle Juden gerichtete Diskreditierungen, wenn zum Beispiel Anne Frank posthum als ‚weißes Kolonial-Mädchen‘ bezeichnet und ihr Tagebuch verbrannt wird. Das saliente Symbol für das jüdische Leben und Überleben in der Welt ist Israel und daher der Stachel im Geist aller modernen Antisemiten.“ </em>Vor allem der Begriff des Genozids geht vielen schnell von den Lippen, wenn es um Israel geht, so Tania Martini in ihrem Beitrag „In diesen Tagen“ zu dem von ihr und Klaus Bittermann herausgegebenen Band <a href="https://edition-tiamat.de/books/nach-dem-7-oktober">Nach dem 7. Oktober, Essays über das genozidale Massaker und seine Folgen</a> (Berlin, Edition Tiamat, 2024): <em>„Das Wort Genozid aber ist zu einem modischen Kampfbegriff geworden, der den Blick auf die eigentlichen Intentionen und Taten verstellt, welche einen tatsächlichen Genozid definieren.“  </em></p>
<h3><strong>Me Too Unless You‘re a Jew</strong></h3>
<p>Wer auf die Geiseln und den Terror der Hamas verweist, muss in Deutschland und manch anderen westlichen Staaten riskieren, angegriffen zu werden. Das rote Hamas-Dreieck, das ein eindeutiger Mordaufruf ist, findet sich immer wieder auf Plakaten, an Haustüren und in Hörsälen. Ein Fall für viele: Der Student Lahav Shapira wurde am 2. Februar 2024 von seinem Kommilitonen Mustafa A. lebensgefährlich verletzt. Der Täter wurde <a href="https://www.sueddeutsche.de/politik/berlin-shapira-antisemitismus-urteil-li.3238582">am 17. April 2025 zu drei Jahren Haft verurteilt</a>. <a href="https://www.tagesspiegel.de/berlin/lahav-shapira-uber-antisemitischen-angriff-in-berlin-ich-hatte-fast-einen-halben-baumarkt-im-gesicht-13504873.html">Für den Tagesspiegel</a> sprach Alexander Fröhlich mit Lahav Shapira: <em>„Ich hatte mehrere Metallplatten, ja fast einen halben Baumarkt im Gesicht. Das Metall wurde ein halbes Jahr nach der Tat entfernt. Es können sich immer noch Narben bilden, es dauert, bis alles verheilt. Meine Nase war komplett zermatscht, die Augenhöhle war gebrochen, eine Mittelgesichtsfraktur. Das war ein schmerzhafter, langwieriger Prozess. Und ich habe auch Glück gehabt. Ich hatte eine minimale Hirnblutung, das hätte für mich auch tödlich ausgehen können.“</em> <a href="https://www.tagesspiegel.de/berlin/es-ging-nicht-um-politik-angeklagter-bestreitet-antisemitisches-motiv-fur-angriff-auf-judischen-studenten-13504066.html">Der Täter versuchte vergeblich, die antisemitische Motivation seiner Tat zu leugnen</a>. Es sei ihm nur um die Kommunikationsformen in einer von Lahav Shapira administrierten Whats-App-Gruppe gegangen. Er versuchte sogar, seinem Opfer Geld zuzustecken, um seine Untat wieder gutzumachen, was Lahav Shapira jedoch ablehnte. Nach dem Angriff habe ihn die Uni-Leitung unterstützt. Die Universität verhalte sich nicht kohärent und erwecke den Eindruck, dass sie <em>„sich um den Schutz jüdischer Studierender nicht wirklich kümmert.“</em> So habe sie im Dezember 2023 bei einer Hörsaalbesetzung die Polizei wieder weggeschickt Lahav Shapira verweist auch darauf, dass ihm vorgeworfen wurde, die rechte Regierung in Israel zu unterstützen, was nicht stimmt. Im Gegenteil: <em>„Ich habe in den Chats deutlich gemacht, dass ich im Nahostkonflikt sowohl für Zweistaatenlösungen einstehe und Mitleid mit Zivilisten in Gaza habe. Hass und Antisemitismus sind der falsche Weg, um Palästinenser zu unterstützen. Ich habe auch Posts gelöscht, wenn Nazikram geteilt beziehungsweise Inhalte der rechtsextremen Grauen Wölfe aus der Türkei geteilt werden. Oder wenn über Schulen in Neukölln rassistische Klischees bedient werden.“ </em></p>
<p>Nach dem Angriff <em>„hat sich die komplette Berliner Politik hingestellt und gesagt, der Angriff werde schnell und effektiv verfolgt. Das Gegenteil war der Fall. Bei der Polizei musste mein Anwalt schon stark nachhaken, dass das notiert wird, was ich sage. Auch sonst musste mein Anwalt Druck machen – zum Beispiel für eine rechtsmedizinische Untersuchung, damit die Auswirkungen des Angriffs festgestellt werden.“ </em>Die Tat hätte am Landgericht verhandelt werden sollen, wurde jedoch wegen dortigem Personalmangel am Amtsgericht verhandelt. Wie schwierig die Beweisführung in einem solchen Fall ist, <a href="https://www.sueddeutsche.de/politik/berlin-studenten-antisemitismus-lahav-shapira-prozess-li.3237349">dokumentiert Jan Heidtmann in der Süddeutschen Zeitung</a>. Entscheidend für das Urteil war der Nachweis des antisemitischen Motivs, weil dann gemäß § 46 StGB eine Bewährungsstrafe – so der Vorsitzende Richter – nicht mehr in Betracht kommt. Das Gericht ging in seiner Urteilsbegründung davon aus und ging im Strafmaß sogar über den Antrag der Staatsanwaltschaft (zwei Jahre und vier Monate Haft) hinaus.</p>
<p>Hannah Shapiro (der Name ist ein Pseudonym) berichte <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/nach-dem-angriff-in-berlin-mitte/">in der Jüdischen Allgemeinen vom 23. Juli 2024</a> (aktualisiert am 31. Juli 2024) über die Mischung von Schweigen und Voyeurismus in den Straßen Berlins, die ihr <em>„Deutschlandbild“</em> verändert habe: <em>„Vor anderthalb Wochen wurden mein Freund und ich auf dem Weg zum Schabbat-Essen von palästinensischen Demonstranten in Mitte angegriffen, als wir anhielten, um ein Eis zu essen. Wir wurden ohne Zustimmung gefilmt, angeschrien und mit Vergewaltigung bedroht. Ich wurde bespuckt, weil ich eine Davidstern-Halskette trug. Mein Freund wurde geschlagen und an den Haaren zu Boden geschleift. / Wir sind beide Amerikaner und leben seit fünf Jahren in Berlin. Die Leute fragen mich immer wieder, ob ich von dem Angriff überrascht sei. Doch das Einzige, was mich wirklich schockiert, ist, dass die Menschen so wenig Ahnung davon haben, was täglich in Berlin passiert. / Während Juden wieder einmal in den Schatten gedrängt werden, sind die Menschen auf den Straßen von Berlin still. Niemand, der sah, wie die Männer uns angriffen, tat etwas. Keiner rief die Polizei. Mein Freund lag in einem Scherbenhaufen und schützte seinen Kopf, während ich zur Polizei rannte. Niemand fragte, ob er Hilfe brauchte. Die Polizei brachte uns in die Eisdiele, um uns vor dem Mob draußen zu schützen, der ‚Eine Lösung! Eine Lösung!‘ skandierte. Währenddessen liefen die Leute weiter an dem Mob vorbei, um sich ein Eis zu bestellen – so als würde nichts passieren.“</em></p>
<p>Man muss es leider immer wiederholen. Was haben Jüdinnen und Juden in Deutschland mit der Regierung Netanjahu zu tun? Ist es wirklich notwendig zu betonen, dass sie <u>nichts</u> damit zu tun haben? Eben wie Lahav Shapira oder Hanna Shapiro. Aber es reicht wohl, als jüdisch wahrgenommen zu werden, um in Mithaftung genommen zu werden.</p>
<p><img decoding="async" class="alignright wp-image-4932 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Martini_7.Oktober-178x300.jpg" alt="" width="178" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Martini_7.Oktober-66x111.jpg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Martini_7.Oktober-177x298.jpg 177w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Martini_7.Oktober-178x300.jpg 178w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Martini_7.Oktober-200x337.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Martini_7.Oktober.jpg 264w" sizes="(max-width: 178px) 100vw, 178px" />Doron Rabinovici fasst in seinem Beitrag „Im Morgengrauen“ zu dem bereits zitierten Band von Tania Martini und Klaus Bittermann die katastrophalen und verlogenen Einstellungen mancher Aktivist:innen in folgendem Statement zusammen, das aus einer Begegnung mit einer sich propalästinensisch äußernden Aktivistin entstand und keines weiteren Kommentars bedarf: <em>„Die Aktivistin erklärte, es sei falsch, die Kibbuzniks zu ‚humanisieren‘. Solche Äußerungen sind zwar Randerscheinungen, doch sie sind zugleich Teil einer Tendenz, das antisemitische Wesen der Hamas und ihrer Massaker zu beschönigen oder nicht wahrzunehmen. Wir erleben einen Prozess der Irrealisierung. Was den Opfern widerfuhr, wird nicht anerkannt. Das ist die zweite Auslöschung ihrer Existenz. Wie wollte sonst erklärt werden, dass internationale Frauenorganisationen und darauf spezialisierte UN-Organisationen wochenlang zu den Vergewaltigungen und den Verstümmelungen von Geschlechtsteilen schwiegen, obgleich ihnen Berichte von Überlebenden und Beweise für diese Verbrechen vorgelegt wurden? Israelische Feministinnen prägten daraufhin den ironischen Slogan: ‚Me Too Unless You’re a Jew‘.“</em></p>
<h3><strong>Zweifel in Israel</strong></h3>
<p>Recht und Unrecht? Recht oder Unrecht? Bleiben wir in beziehungsweise bei Israel und Gaza. Welche Konsequenzen haben Berichte, dass in Israel Menschen gegen die Politik Netanjahus demonstrieren, die Freilassung der Geiseln, ein Ende des Krieges und die Bewahrung des Rechtsstaats fordern? Selbst israelische Soldaten stellen das Beharren der Regierung auf weiteren Angriffen in Gaza in Frage wie beispielsweise <a href="https://www.das-parlament.de/aussen/welt/katargate-koennte-netanjahu-endgueltig-zum-verhaengnis-werden">Uri Schneider in „Das Parlament“</a> berichtete. Das ist keine unbedingt neue Entwicklung, denn diverse Entlassungen von Spitzenpersonal in Armee und Geheimdienst bis zum Verteidigungsminister sprechen dafür, dass Netanjahu immer schon Schwierigkeiten hatte, alle Sicherheitskräfte und Armeeangehörigen auf seine Linie zu verpflichten. Im Zweifel entschied er sich immer im Sinne seiner rechtsextremen Koalitionspartner.</p>
<p>In der Juniausgabe 2025 der Blätter für deutsche und internationale Politik berichtet Ignaz Szlacheta unter der Überschrift <a href="https://www.blaetter.de/ausgabe/2025/juni/kuenstliche-einheit-tiefe-spaltung-holocaustgedenken-in-israel">„Künstliche Einheit, tiefe Spaltung: Holocaustgedenken in Israel“</a> über die in Israel gerade zurückliegenden <em>„zehn Tage des Erinnerns an die Shoah und das Heldentum“</em>. Es beginnt jedes Jahr mit dem Yom HaShoah und endet mit dem Unabhängigkeitstag, <em>„einer der emotionalsten Abschnitte des jährlichen Gedenk- und Feiertagszyklus in Israel.“ </em>Doch dieses Jahr war alles anders. Benjamin Netanjahu und seine Frau Sara verhielten sich gelinde gesagt respektlos. Sie kamen zur zentralen Gedenkveranstaltung zu spät. Netanjahu sagte in einer Konferenz am 1. Mai 2025, dass die Befreiung der Geiseln und die Freigabe der Leichen der ermordeten Geiseln <em>„ein wichtiges Ziel </em>(sei)<em>, das wichtigste Ziel aber sei der ‚totale Sieg“. </em>Was auch immer er unter <em>„total“</em> verstehen mag. Seine Frau ließ in einer kleinen Zwischenbemerkung durchblicken, dass von den 24 noch lebenden Geiseln einige weitere inzwischen verstorben oder ermordet worden wären. Trump sprach inzwischen übrigens auch von nur noch 21 lebenden Geiseln. Niemand weiß, wer noch lebt. Aber was ist mit der Rückgabe der Toten? Sollen sie keine würdige Beerdigung erhalten?</p>
<p>Gegen das Verhalten der israelischen Regierung wenden sich viele Israelis. Die Demonstrationen in Tel Aviv und anderswo werden nach wie vor sehr gut besucht. Es ist mitunter ungefähr so, als wenn jede Woche – anteilig zur Bevölkerungszahl – zwischen fünf und zehn Millionen Menschen am Brandenburger Tor gegen die deutsche Regierung demonstrierten. Dies war schon vor dem 7. Oktober so, so ist es bis heute. Ignaz Szlacheta zitiert Amir Kochavi, den Bürgermeister von Hod HaSharon: „<em>Die jüdische Tradition lehrt uns ‚Nie wieder‘. Allerdings gilt dies nicht nur für uns, sondern für alle Völker.“ Er fuhr fort: „Wir dürfen im Angesicht der Gräueltaten, die an Menschen anderer Nationalitäten verübt werden, nicht schweigen – auch wenn sie in unserem Namen veröffentlicht werden.“</em></p>
<p>Unter denen, die sich weigerten, an der von der Transportministerin Miri Regev organisierten zentralen Veranstaltung zum Unabhängigkeitstag teilzunehmen, waren auch mehrere Künstler:innen sowie <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/grausames-video-entfuehrter-soldatinnen-aufgetaucht/">die fünf Späherinnen von Nachal Oz</a>, die von der Hamas verschleppt und inzwischen freigelassen wurden. Das Israelisch-Palästinensische Forum hinterbliebener Familien (<a href="https://parentscirclefriends.de/">es gibt auch eine deutsche Sektion</a>) organisierte eine eigene Veranstaltung in der Beit Samuel Synagoge in Ra_ananaa. Israelis und Palästinenser betrauerten in hebräischer und arabischer Sprache ihre toten Angehörigen. Ignaz Szlacheta stellt fest, dass in den sozialen Netzwerken auf diese gemeinsamen israelisch-palästinensischen Initiativen <em>„vor allem Gewalt und Hass“</em> folgten.</p>
<p>Trotz allem: <a href="https://www.zeit.de/2025/24/israelische-schriftsteller-krieg-gaza-hoffnung">Die vielen differenzierten Stimmen der israelischen Literat:innen, die unter anderem Volker Weidermann in der ZEIT vom 5. Juni 2025 porträtierte</a>, müssten eigentlich allen, die sehen wollen, zeigen, dass Israel nach wie vor die einzige Demokratie in der Region ist, in der Kritik an der Regierung möglich ist, ungeachtet so mancher Schikanen, die auch feststellbar sind, hoffentlich aber nicht eskalieren. Kontroversen werden ausgetragen. Leider gibt es immer wieder Versuche, den ein oder anderen zu delegitimieren, <a href="https://www.zeit.de/2025/23/philipp-peyman-engel-juedische-allgemeine-judentum-identitaet">wie es kürzlich Philipp Peyman Engel erleben</a> musste. Wir sollten erst einmal zuhören, was sie zu sagen haben, auch wenn sich zum Beispiel Philipp Peyman Engel, der Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen und Omer Bartov grundsätzlich kaum auf eine gemeinsame Wortwahl einigen dürften. Das müssen sie auch nicht, aber vielleicht wäre es möglich, sich auf folgende Formel zu einigen, in den Worten von Omer Bartov (<a href="https://www.zeit.de/2025/25/omer-bartov-benjamin-netanjahu-nahostkonflikt-kritiker-instrumentalisierung-holocaust">am 12. Juni 2025 in der ZEIT</a>): <em>„Der Krieg braucht ein politisches Ziel. Und dieses Ziel sollte sein, eine andere gemäßigte palästinensische Organisation zu finden, die Gaza regiert.“ </em><a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/greta-thunberg-fordert-mehr-wut-gegen-israel/">Greta Thunbergs Aufrufe zu „mehr Wut“</a> werden sicherlich nicht dazu beitragen.</p>
<h3><strong>However, we should talk</strong></h3>
<p>Die ZEIT zeigt in unregelmäßigen Abständen mit Gesprächen, Reportagen oder Kommentaren, dass und wie sich über das Thema differenziert berichten und diskutieren lässt. In ihrer <a href="https://www.zeit.de/2025/24/krieg-gaza-israel-tom-segev-volker-beck">Streit-Rubrik vom 5. Juni 2025</a> diskutierten Tom Segev und Volker Beck miteinander. Es gab fundamentale Unterschiede in den Haltungen und Analysen der beiden, die sich aber wiederum aus der Innensicht in Israel (Tom Segev als Autor einer Reihe von historischen Büchern über die Geschichte Israels und Palästinas in den letzten 100 Jahren) und aus der Funktion (Volker Beck als Vorsitzender der deutsch-israelischen Gesellschaft) erklären lassen.</p>
<p>Beachtenswert sind schließlich mehrere in der Jüdischen Allgemeinen dokumentierte Debatten. Dort <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/sind-sanktionen-gegen-ben-gvir-und-smotrich-vertretbar/">stritten am 11. Juni 2025 Ayala Goldmann und Daniel Killy</a> über die Berechtigung von Sanktionen gegen die beiden rechtsextremen Minister der israelischen Regierung Itamar Ben-Gvir und Belazel Smotrich, wie sie zuletzt einige Staaten, Australien, Großbritannien, Kanada, Neuseeland und Norwegen verhängt hatten. Ayala Goldmann plädierte dafür, Daniel Killy dagegen (ich teile die Auffassung von Ayala Goldmann, auch wenn ich die Argumente von Daniel Killy sehr ernst nehme). Kontrovers diskutierten in der Jüdischen Allgemeinen <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/es-findet-ein-genozid-statt-israel-muss-sich-gegen-den-terror-der-hamas-wehren/">Hamed Abdel-Samad und Henry M. Broder am 11. Juni 2025 im Gespräch mit Philipp Peyman Engel</a>. Beide sind gut miteinander befreundet und schaffen es, bei allen gegensätzlichen Positionen zu Israel und Gaza stets im Respekt vor der Position und der Persönlichkeit des anderen zu argumentieren.</p>
<p>Ein weiteres Vorbild wären Navid Kermani und Natan Sznaider. Ihr Briefwechsel wurde nach über zehn Jahren vom Hanser Verlag unter dem Titel <a href="https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/israel-9783446280700-t-5259">„Israel – Eine Korrespondenz“</a> im November 2023 neu aufgelegt. Am 27. Februar 2024 veröffentlichten die beiden in der Süddeutschen Zeitung den gemeinsam geschriebenen Beitrag <a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/kultur/israel-gaza-geiseln-sznaider-kermani-e205183/">„Lass uns reden, Freund“</a>. Sie beschreiben ihre unterschiedlichen Analysen und Meinungen, wissend, dass es auf viele Fragen (zumindest jetzt noch) keine Antwort gibt, vielleicht auch, weil niemand so genau erkennt, wer in Europa, in den arabischen Staaten, auch in den USA als Verbündete in Frage käme, sodass letztlich die Radikalen in der israelischen Regierung und die Hamas ihre Agenda ungestört fortsetzen können. Das gemeinsame Fazit von Kermani und Sznaider: <em>„Wir sind davon überzeugt, dass der permanente Krieg und der absolute Sieg, der Israelis wie Palästinensern von unverantwortlichen Führern versprochen wird, keine lebenswerten Optionen sind. Deshalb ist es für uns auch keine Alternative, proisraelisch oder propalästinensisch zu sein. Wenn es so weiterläuft wie jetzt, also mit Autopilot, werden beide Völker nur immer weiter und weiter um ihre Toten weinen. Welche Massaker und welche Kriege braucht es noch, damit der Letzte begreift, dass das Existenzrecht der einen das Existenzrecht der anderen bedingt?“</em></p>
<p>We should talk – in der Tat, auch wenn wir uns die Gesprächspartner:innen nicht danach aussuchen können und sollten, ob sie unsere vorgefasste Meinung teilen. Natan Sznaider befasste sich in der Juniausgabe 2025 des Merkur in seinem Essay <a href="https://www.merkur-zeitschrift.de/artikel/die-welt-vor-gaza-normalitaet-und-gewalt-a-mr-79-6-18/">„Die Welt vor Gaza: Normalität und Gewalt“</a> mit dem von Pankaj Mishra veröffentlichten Buch „Die Welt nach Gaza“ (Frankfurt am Main, S. Fischer, 2025): <em>„Es ist ein gutes Buch, weil der Autor klar Position gegen Gewalt bezieht, es ist ein schlechtes, weil Pankaj Mishra diese Gewalt nicht als Schlüssel der Region versteht, sondern in Dichotomien denkt und demzufolge nur eine Seite ausübt und die andere sie erleidet.“</em> Für Pankaj Mishra ist Israel der Täter, sind die Palästinenser die Opfer. Für die Geiseln – so Natan Sznaider – interessiert er sich <em>„so gut wie gar nicht“</em>.</p>
<p>Natan Sznaiders Eindruck: <em>„Ich will mich mit Mishra streiten, aber sein Buch verschließt sich. Ich will ihm nicht seine Parteilichkeit nehmen, im Namen der palästinensischen Opfer zu sprechen. Sie brauchen in der Tat Sprecher und Sprecherinnen, gerade in Deutschland, wo ihre Perspektive oft nicht zu Wort kommt und gehört wird. Es geht nicht um Konsens um Genauigkeit, sondern um Pluralität und Rechenschaftspflicht. Dabei geht es auch um Identitätspolitik und die Frage, wie vermeidbar diese ist. Mishra tut so, als argumentiere er universell. Aber können wir Unterschiede zwischen Gruppen ignorieren, wenn Erinnerungen trennen und dialogische oder multidirektionale Erinnerungen nur begrenzt möglich sind? Einmal artikuliert, konstituieren sich Identitäten als politische Tatsachen.“ </em></p>
<p>Erinnerungen trennen nicht nur Palästinenser und Israelis, sie trennen auch Israelis sowie Jüdinnen und Juden in der Diaspora und sie trennen auch verschiedene Gruppen von Palästinensern. Das Elend mag vielleicht auch darin liegen, dass die Geschichtsauffassung der Hamas viel zu oft als allgemein gültige palästinensische Auffassung postuliert wird. Das ist sie nicht. Auch bei manchen israelischen Gruppierungen ist Ähnliches festzustellen. Es gibt eben viele verschiedene <em>„Geschichtsinterpretationen“</em>, <em>„Mishra erkennt aber nicht einmal die Möglichkeit dieser beiden Interpretationen an.“</em> Es ist letztlich auch ein Streit um Erinnerungen. Mishra – so Sznaider – <em>„sieht nur ein monolothisches Israel, das es nicht gibt. Und ohne die Beteiligung von uns Israelis wird diese neue Welt nicht entstehen. Es ist sehr schade, dass Mishra sich dem verschließt.“</em> Aber wie wäre es mit folgendem Vorschlag: <em>„Die gegenseitige Anerkennung der erlittenen Katastrophen mag ein kleiner Schritt aus der Spirale der Gewalt sein.“ </em></p>
<h3><strong>Bündnispartner in Gaza: Demonstrationen gegen die Hamas</strong></h3>
<p>Fakt ist: In Gaza demonstrieren Menschen gegen die Hamas, es gibt <em>„Wut“</em> gegen die Hamas! Schon in den vergangenen 15 bis 20 Jahren gab es immer wieder solche Demonstrationen. Sabine Brandes berichtete in der Jüdischen Allgemeinen: <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/wir-wollen-leben/">„Wir wollen leben“</a> über die brutalen Reaktionen der Hamas: <em>„Die Schergen der Terrorgruppe folterten und ermordeten den 22-jährigen Oday Nasser Al-Rabay, der sich laut Angaben seiner Familie an den Protesten beteiligt hatte. Die Leiche wurde vor seinem Haus abgelegt. Eine klare Warnung. Und dennoch wurden bei der Beerdigung Dutzende dabei gefilmt, wie sie riefen: ‚Hamas raus!‘“ </em>Hilfe für die Zivilbevölkerung lande bei der Hamas. Ein Gesprächspartner sagte: <em>„Sie nehmen sämtliche Hilfslieferungen sofort in Beschlag. Zuerst verteilen sie es an ihre Leute, den Rest werfen sie auf den Schwarzmarkt, wo wir es für horrende Preise kaufen müssen. Umsonst bekommen wir nichts.“ </em>Ein Kilo Mehl koste zurzeit 150 Dollar.</p>
<p>Regelmäßig berichtet die <a href="https://www.mena-watch.com/">Plattform mena-watch</a> über die Demonstrationen gegen die Hamas. <a href="https://www.belltower.news/interview-mohammed-altlooli-kommt-aus-gaza-und-kaempft-gegen-die-hamas-155223/">Mohamed Altlooli</a>: <a href="https://www.mena-watch.com/ein-aufstand-klopft-an-die-tuer-der-hamas/">„Der Aufstand klopft an die Tür der Hamas“</a>. <em>„Mittlerweile sehnen sich viele nach einem Ende der Hamas-Diktatur oder würden es sogar vorziehen, von Israel regiert zu werden. So haben viele junge Menschen ihre Bereitschaft zum Ausdruck gebracht, mit den israelischen Behörden zusammenzuarbeiten, um den Gazastreifen zu verwalten und zu regieren, würde dies zu einem Ende der Hamas-Herrschaft führen.“ </em>Bassem Eid, palästinensischer Menschenrechtsaktivist im Westjordanland, <a href="Es%20ist%20an%20der%20Zeit,%20auf%20die%20Menschen%20im%20Gazastreifen%20zu%20hören%20anstatt%20auf%20die%20Terroristen,%20die%20deren%20Leben%20kontrollieren.%20Die%20anhaltenden%20Proteste%20der%20Menschen%20gegen%20die%20Hamas%20sind%20erst%20der%20Anfang.%20Sie%20sind%20sich%20sehr%20wohl%20bewusst,%20dass%20nicht%20nur%20die%20entführten%20Israelis,%20sondern%20die%20gesamte%20Bevölkerung%20des%20Gazastreifens%20von%20der%20Terrororganisation%20als%20Geiseln%20benutzt%20werden.%20Es%20ist%20an%20der%20Zeit,%20auf%20diese%20authentischen%20Stimmen%20zu%20hören%20und%20die%20Menschen%20zu%20befreien,%20indem%20die%20Hamas%20endgültig%20zerschlagen%20wird.">forderte:</a> <em>„Es ist an der Zeit, auf die Menschen im Gazastreifen zu hören anstatt auf die Terroristen, die deren Leben kontrollieren. Die anhaltenden Proteste der Menschen gegen die Hamas sind erst der Anfang. Sie sind sich sehr wohl bewusst, dass nicht nur die entführten Israelis, sondern die gesamte Bevölkerung des Gazastreifens von der Terrororganisation als Geiseln benutzt werden. Es ist an der Zeit, auf diese authentischen Stimmen zu hören und die Menschen zu befreien, indem die Hamas endgültig zerschlagen wird.“</em> (Alexander Gruber übersetzte die Texte, die mena-watch vom <a href="https://www.jns.org/">Jewish News Syndicate</a> übernommen hatte.)</p>
<p>In der ZEIT berichtete am 18. April 2025 Yassin Musharbash: <a href="https://www.zeit.de/2025/16/hamas-gazastreifen-widerstand-islamismus-nahost">„Ich will dem Monster nicht noch einmal begegnen.“</a> Er zitiert im Titel eine WhatsAPP von Mohamed AlBorno, einer der Organisatoren der Proteste gegen die Hamas: <em>„Das Ziel bestand darin, den Krieg zu beenden und dass Zivilisten als menschliche Schutzschilde benutzt werden, dass Flüchtlingsunterkünfte und Krankenhäuser für militärische Operationen genutzt werden, was Israel einen Vorwand liefert, Zivilisten zu attackieren. Die Hamas stiehlt Hilfsgüter, verkauft sie und nutzt den Krieg, um zu foltern, zu töten und ihre Gegner zu misshandeln.</em>&#8220; Er widersprach einer Behauptung der Hamas auf Al-Dschasira, <u>die</u> Palästinenser wären bereit, das Leben ihrer Kinder im Krieg gegen Israel zu opfern: <em>„Das ist etwas, was wir vollständig zurückweisen. Wir sind Menschen. Wir wollen leben. Wir wollen nicht für die Hamas sterben.&#8220; </em>Mohamed beschreibt, wie er bei Protesten im Jahr 2017 von der Hamas gefoltert wurde und dass er wieder auf der <em>„roten Liste“</em> der Hamas stehe. Dies bedeute Hinrichtung oder zumindest Brechen der Beine.</p>
<p>Mohammed Altlooli informierte am 30. April 2025 auf der Plattform mena-watch über weitere <a href="https://www.mena-watch.com/frauen-und-kinder-protestieren-gegen-hamas/">Demonstrationen am 27. April 2025 in Beit Lahia</a> im Norden des Gaza-Streifens. Diesmal demonstrierten Hunderte von Frauen und Kindern. Die Hamas versuchte die Demonstrierenden einzuschüchtern, die Demonstration verlief jedoch friedlich. Der Beitrag zeigt auch Bilder und Videos von den Demonstrationen. Am 21. Mai 2025 berichtete Mohammed Altlooli auf mena-watch erneut: <a href="https://www.mena-watch.com/gaza-gekidnappt-alternative-hamas/">„Gaza wurde gekidnappt, die Jugend ist die Alternative zur Hamas“</a>. Er sprach mit Mohammed Sawalmeh, einer prominenten Stimme der Opposition gegen die Hamas: <em>„Meine Opposition begann, als ich erkannte, dass sich hinter der ‚Widerstandsrhetorik‘ der Hamas ein autoritäres und repressives Projekt verbirgt, das keine anderen Stimmen duldet. Ich stellte fest, dass Andersdenkende ausgeschlossen werden und die Menschen als Schutzschilde benutzt werden und keine Priorität haben.“</em> Er bestätigte Berichte, dass die Hamas Nahrung und Medikamente systematisch verknappe, und alle, die sie kritisieren, bedrohe. <a href="https://www.mena-watch.com/hilfsgueterverteilung-durch-hamas-sabotiert/">Mohammed Altlooli berichtete am 3. Juni 2025, dass die Hamas an den Verteilungsstellen Zivilist:innen beschieße</a>. <em>„Ein junger Mann aus Khan Yunis erklärte: ‚Wir verlangen keine Wunder – lasst uns einfach die Hilfe in Ruhe annehmen. Die Hamas will uns durch Hunger kontrollieren.‘“</em></p>
<p>Wie erfolgversprechend die Demonstrationen in Gaza und wie weit sie das tatsächliche Meinungsbild der palästinensischen Bevölkerung in Gaza widerspiegeln, vermag niemand einzuschätzen. Immerhin <em>„bilden sich erste friedliche Bewegungen, die jedoch aufgrund der Angst noch begrenzt sind“</em>, darunter viele junge Menschen in Gaza und in der Diaspora.</p>
<p>Die Frage ist aber mehr als berechtigt, wann der Westen diesen palästinensischen Widerstand gegen die Hamas ebenso laut unterstützt wie er die Lage der palästinensischen Zivilbevölkerung in Gaza (und in der Westbank) anprangert. Von den angeblich <em>„propalästinensischen“</em> Demonstrierenden ist da wohl nichts zu erwarten, ganz in der Tradition eines Dieter Kunzelmann und seiner Kolleg:innen der 1968er Zeit. <a href="https://www.jns.org/writers/izzy-salant/">Izzy Salant</a> konstatiert auf mena-Watch (ebenfalls vom Jews News Syndicate übernommen und übersetzt): <a href="https://www.mena-watch.com/lautstarkes-schweigen-palaestina-solidaritaet/">„Das lautstarke Schweigen der Palästina-Solidarität“</a>. Dies belege, dass es den sogenannten pro-palästinensischen Protesten in Europa, in den USA und anderswo nicht um die Menschen in Palästina gehe, sondern nur um anti-israelische Propaganda. Er zitiert den aus Gaza stammenden, in Syracuse (NY) lebenden Dichter <a href="https://www.poetryfoundation.org/people/mosab-toha">Mosab Abu Toha</a>: <em>„Die meisten Menschen solidarisieren sich mit Gaza und nicht mit den Menschen im Gazastreifen.“ </em>Am 19. April 2025 gab es eine erste Solidaritätsdemonstration in Stuttgart, organisiert vom Gaza Youth Movement, allerdings leider mit geringer Beteiligung, weil die Hamas auch in Deutschland Menschen bedroht, die sich gegen sie stellen. <a href="https://www.mena-watch.com/stuttgarter-anti-hamas-solidaritaetskundgebung/">Thomas von der Osten-Sacken berichtete auf jungle-blog und mena-watch</a>.</p>
<p>Wer auf dem Laufenden bleiben will, schaue regelmäßig in die jeden Donnerstag erscheinenden Informationen der Plattform mena-watch. Nicht nur Mohammed Altlooli berichtet dort regelmäßig.</p>
<h3><strong>Und die Geiseln? </strong></h3>
<p>Sie spielten und spielen in Deutschland kaum eine Rolle: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wir-werden-wieder-tanzen/">Nicht einmal diejenigen, die die deutsche Staatsangehörigkeit haben</a>. In Israel erinnert die Zivilgesellschaft täglich an die Geiseln, auch in den jüdischen Gemeinden in Deutschland geschieht dies. Vor den Synagogen sehen wir die Bilder der noch nicht befreiten Geiseln, natürlich mit Polizeischutz. Über ein Beispiel für das Engagement in Israel für die Geiseln berichtete  <a href="https://www.jns.org/writers/amelie-botbol/">Amelie Botbol</a> <a href="https://www.mena-watch.com/idit-ohel-hilfe-fuer-ihren-gefangenen-sohn/">auf mena-watch (eine Übernahme vom Jewish News Syndicate)</a>. Der Pianist Alon Ohel ist nach wie vor in der Gewalt der Hamas. Seine Mutter Idit Ohel setzt sich weltweit für seine Befreiung ein. In einer Aktion wurden 50 gelbe Klaviere, davon 34 in Israel, aufgestellt: <em>„Alon, du bist nicht allein.“</em> So war auf den Klavieren zu lesen. Seine Verletzungen – so berichteten inzwischen befreite Geiseln – sind lebensgefährlich: <em>„Er wird bis heute unter schlimmsten Bedingungen festgehalten. Er wurde geschlagen, ist mit Ketten an den Beinen fixiert und kann sich kaum bewegen. Er wird ausgehungert. Er schläft auf dem Boden und kennt den Unterschied zwischen Tag und Nacht nicht. Seine Entführer machen das Licht nicht aus, weil sie ihn foltern wollen.“ </em></p>
<p>Was bleibt? Der Appell muss noch viel lauter werden! Bring them home now! All of them! Und nicht zuletzt mein Appell an alle, die es mit dem liberalen und demokratischen Rechtsstaat ernst meinen: Unterstützt die demokratischen Kräfte in Israel, in Gaza und in den palästinensischen Autonomiegebieten, nicht zuletzt im Iran! Und wenn wir debattieren, tun wir das am besten im Geiste der von Leonard Cohen bezwungenen Zweifel und der von Bernd Ulrich empfohlenen <em>„Demut“</em>.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juni 2025, Interzugriffe zuletzt am 18. Juni 2025. Das Titelbild zeigt die <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2025-02-20_Mahnwache_f._d._ermordeten_israelischen_Geiseln_Shiri,_Ariel_und_Kfir_Bibas_und_Oded_Lifshitz_3.jpg">Mahnwache der Omas gegen Rechts in Hannover am 20. Februar 2025 anlässlich des Gedenkens an Oded Lifschitz, Shani, Ariel und Kfir Bibas</a>. Foto: Bernd Schwabe. Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en">Creative Commons Attribution Share Alike 4.0</a>.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Auf Simches: Der Tod und das Leben</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 15 May 2025 06:56:13 +0000</pubDate>
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<h1><strong>Auf Simches: Der Tod und das Leben</strong></h1>
<h2><strong>Sara Soussan zur Ausstellung „Im Angesicht des Todes“ in Frankfurt</strong></h2>
<p><em>„No one here gets out alive.“ </em>(The Doors, aus: <a href="https://www.youtube.com/watch?v=ABsBCEfNero">Five to One</a>)</p>
<p>Jim Morrison (1943-1971) pflegte seine Neigung zum Morbiden, in Habitus, Kleidung, Melodien und Texten: <a href="https://www.youtube.com/watch?v=CKw9JA66H-A">„When the music’s over“</a>. Das Ende des Lebens faszinierte ihn und seine Fans folgen ihm noch heute. Es ist daher gar nicht so weit hergeholt, dass sein erster Biograph, Jerry Hopkins (1935-2018), diese Verszeile aus „Five to One“ als Titel seiner 1980 erschienenen Biographie verwendete. Botschaft: Die unabwendbare Möglichkeit des Todes schreckt und fasziniert zugleich.</p>
<p><a href="https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/520471/vita-von-sara-soussan/">Sara Soussan</a>, Kuratorin für jüdische Gegenwaltskulturen am <a href="https://www.juedischesmuseum.de/">Jüdischen Museum Frankfurt am Main</a>, leitet das die von ihr kuratierte <a href="https://www.juedischesmuseum.de/de/besuch/detail/im-angesicht-des-todes/">Ausstellung „Im Angesicht des Todes – Blicke auf das Lebensende“</a> begleitende Buch mit eben diesem scheinbar so absolut klingenden Vers ein und schließt die Frage an, warum wir so ungern über den Tod sprechen, ihn geradezu tabuisieren. Eine Formel zur Enttabuisierung des Todes findet sie bei Scholem Alejchem (1859-1916): <em>„No matter how bad things get, you’ve got to go on living, even if it kills you.“</em> Der Tod ist nun einmal unausweichlich, aber er ist eben auch „nur“ das Ende des Lebens oder vielleicht auch nicht, sodass sich die Frage stellt: <em>„Wo fordert uns der Tod im Leben heraus?“</em> Vielleicht ist seine <em>„Omnipräsenz“</em> sogar ein Auftrag? Vielleicht ist das Leben der eigentliche Auftrag des Wissens um den Tod? <em>„Auf Simches!“ </em>So verabschieden sich Trauernde nach der Beerdigung und hoffen auf zukünftige freudige Feiern.</p>
<div id="attachment_6098" style="width: 239px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.hentrichhentrich.de/autor-sara-soussan.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6098" class="wp-image-6098 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Wenzel_Angesicht-1-229x300.jpg" alt="" width="229" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Wenzel_Angesicht-1-200x263.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Wenzel_Angesicht-1-229x300.jpg 229w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Wenzel_Angesicht-1-400x525.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Wenzel_Angesicht-1.jpg 457w" sizes="(max-width: 229px) 100vw, 229px" /></a><p id="caption-attachment-6098" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die Ausstellung „Im Angesicht des Todes“ ist die erste kulturgeschichtliche Ausstellung zu jüdischen Debatten und jüdischer Praxis im Umgang mit Sterben, Tod und Trauer. Der aufwendig und sehr ansprechend gestaltete Begleitband erschien im Jahr 2024 in Leipzig bei <a href="https://www.hentrichhentrich.de/">Hentrich &amp; Hentrich</a> (der Band ist auch in englischer Sprache erhältlich). Er wurde von Erik Riedel, Kurator für die Kunst des 20. Jahrhunderts, Sara Soussan und Mirjam Wenzel, Direktorin des Museums herausgegeben. Ausstellung und Buch rücken die gezeigten Kunstwerke, Medien und Objekte in einen anthropologischen und philosophischen Zusammenhang. In 17 Beiträgen präsentieren Expertinnen und Experten medizinische Forschungsergebnisse, diskutieren ethische Fragen, erörtern religionsvergleichende Perspektiven zu Islam und Christentum und zeichnen nach, welche Rolle der Tod in Literatur-, Kunst- und Kulturgeschichte spielt.</p>
<p>Mit ihrem multiperspektivischen Ansatz eröffnen Buch und Ausstellung einen neuen Zugang zur letzten Passage des Lebens, nicht nur für Jüdinnen und Juden, sondern auch für Angehörige anderer Religionen oder Menschen, die keiner Religionsgemeinschaft angehören. Im Einzelnen dokumentieren sie ein Interviewprojekt auf einem der jüdischen Friedhöfe in Frankfurt. Die Ausstellungsarchitektur wird über ein Interview mit <a href="https://www.yrd.works/">YRD.Work</a>  im Katalog vorgestellt. Beeindruckend und ergreifend wirkt nicht zuletzt ein Bild, ein Bild vom Gelände des am 7. Oktober 2023 überfallenen Nova-Festivals, auf dem ein DJ vor den Bildern der Ermordeten auflegt: „Wir werden wieder tanzen“ – ganz im Sinne des Tattoos von Mia Schem, die der Geiselhaft der Hamas entkam. Schließlich gibt es den von Shelly Kupferberg moderierten <a href="https://soundcloud.com/user-156352819">Podcast „Auf Simches“</a> und eine App (<a href="https://play.google.com/store/apps/details?id=juedischesmuseum.mediaguide">Android</a> beziehungsweise <a href="https://apps.apple.com/de/app/j%C3%BCdisches-museum-frankfurt/id1671538542">iphone</a>), die man sich von der Seite des Jüdischen Museums herunterladen kann, sodass die Multimedialität nicht nur in der Ausstellung selbst, sondern auch darüber hinaus deutlich wird.</p>
<h3><strong>Gegenwarten und Vergangenheiten </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie arbeiten am Jüdischen Museum in Frankfurt am Main als <em>„Kuratorin für jüdische Gegenwartskulturen“</em>. Ich denke, dass der Plural doch recht wichtig sein dürfte.</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Diese Bezeichnung hat natürlich die Intention zu zeigen, dass es nicht nur eine jüdische Kultur gibt, sondern verschiedene Ausrichtungen, je nach Glaubensrichtung, je nach Region. Osteuropäisch geprägte Traditionen sind anders gefärbt als irakische oder marokkanische. Der Plural „Gegenwartskulturen“ ist eine erste Anerkennung, dass das Judentum sehr divers zu sehen ist. Im Titel steckt natürlich auch die „Gegenwart“. Es geht um gegenwärtige Ausdrucksformen. Welche Themen beschäftigen Juden zurzeit? Überregional, aber auch auf unseren Standort, auf Frankfurt bezogen? Das Jüdische Museum in Frankfurt erzählt auch die Geschichte der Juden in Frankfurt, was für Jüdinnen und Juden in Frankfurt von Belang ist, wie sie sich positionieren, Dinge wahrnehmen. Dem Museum ist es immer wichtig, die jüdische Perspektive einzunehmen, nicht den Blick von außen vorzunehmen und in Ausstellungen und Programme zu transferieren. Es geht darum, die jüdischen Perspektiven einem breiten Publikum transparenter zu machen. Das sind die „jüdischen Gegenwartskulturen“. Ich mache das seit etwa sieben Jahren, seit dem Jahr 2018.    </em></p>
<p><em>Auch in das große Projekt „Im Angesichts des Todes“ gehen Gegenwartsperspektiven ein, aber nicht nur. Unabhängig von der Ausstellung betrifft dies den Sammlungsbereich. Wir haben zeitgenössische Kunst, Kunst des 19. Jahrhunderts und Exilkunst. Ein Sammlungsbereich sind die „jüdischen Gegenwartskulturen“. Dieser Bereich befindet sich noch im Aufbau. Meine Aufgabe ist es, ihn mit entsprechenden Artefakten zu bestücken. Gegenwart ist nun sehr flüchtig, schnell wieder vorbei, es gibt Trends, die man ergreifen und begreifen möchte. Daher macht es Sinn, sich auch in die digitale Welt zu begeben. So sammele ich relativ viele sogenannte „Digital Born Objects“. Das kann ein Meme aus den Social Media sein, ein Facebook-Post, eine Webseite, Dinge, die nur digital existieren, keine Stofflichkeit haben. Dennoch bilden sie Gegenwart ab, vielleicht sogar mehr und auch schneller als dies 3-D-Objekte tun. Ich sammele Posts, die müssen inventarisiert, in die Datenbank des Museums integriert werden. Das erfordert noch einmal eine andere technische Betreuung, über die ich in ständigem Austausch mit meinen IT-Kollegen bin. Aber das ist noch ein sehr neuer Bereich.</em></p>
<div id="attachment_6117" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Standbild-aus-Der-Gute-Ort-Foto-Katrin-Koester-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6117" class="wp-image-6117 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Standbild-aus-Der-Gute-Ort-Foto-Katrin-Koester-300x169.jpg" alt="" width="300" height="169" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Standbild-aus-Der-Gute-Ort-Foto-Katrin-Koester-200x113.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Standbild-aus-Der-Gute-Ort-Foto-Katrin-Koester-300x169.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Standbild-aus-Der-Gute-Ort-Foto-Katrin-Koester-400x225.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Standbild-aus-Der-Gute-Ort-Foto-Katrin-Koester-600x338.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Standbild-aus-Der-Gute-Ort-Foto-Katrin-Koester-768x432.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Standbild-aus-Der-Gute-Ort-Foto-Katrin-Koester-800x450.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Standbild-aus-Der-Gute-Ort-Foto-Katrin-Koester-1024x576.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Standbild-aus-Der-Gute-Ort-Foto-Katrin-Koester-1200x675.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Standbild-aus-Der-Gute-Ort-Foto-Katrin-Koester-1536x864.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-6117" class="wp-caption-text">Standbild aus dem Interviewfilm &#8222;Der gute Ort&#8220;. Foto: Katrin Köster.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich möchte es einmal vorsichtig so formulieren: Ohne Vergangenheiten keine Gegenwarten. Beides im Plural. Ich denke an über 3.000 Jahre Judentum, verbunden mit vielen verschiedenen Entwicklungen, mit Kontroversen innerhalb des Judentums über die Auslegung der Torah oder die zukünftige politische Ausrichtung bis hin zu Gründung und Wirklichkeit des Staates Israel, immer wieder heimgesucht durch Katastrophen, Verfolgung, Vertreibung, Pogrome, die Shoah, der 7. Oktober.</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Ich möchte dies am Beispiel unserer Ausstellung illustrieren. Gegenwart baut auf Historie, auf geschichtlichen Ereignissen auf, wird dadurch gefärbt, manchmal kreiert. Man kann das nicht losgelöst voneinander betrachten. Daher gibt es in der Ausstellung diesen <strong>Interviewfilm</strong>. Die Interviews zeigen, dass die Vergangenheit, dieser alte jüdische Friedhof in Frankfurt, im Bewusstsein der ganzen jüdischen Welt präsent ist und weiterhin gestaltet und geprägt wird. Das Erscheinungsbild des Friedhofs ist ja nicht nur architektonisch oder gärtnerisch geprägt, sondern auch durch die Menschen, die sich dort treffen. Hier begegnen sich Vergangenheit und Gegenwart.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Im Begleitband stellt Michael Lenarz, der etwa zehn Jahre lang stellvertretender Direktor des Museums war, alle 13 jüdischen Friedhöfe vor. Das Interviewprojekt fand auf dem Friedhof an der Battonnstraße statt.</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Der Friedhof Battonnstraße liegt in Frankfurt mitten in der Stadt, direkt neben dem Gelände, auf dem im 15. Jahrhundert die Frankfurter Judengasse errichtet wurde, ein Zwangswohnbezirk für Jüdinnen und Juden, übrigens das älteste Ghetto Europas, älter als das venezianische Ghetto, auch wenn die Venezianer das gerne anders erzählen. Der Frankfurter Zwangswohnbezirk wurde 1462 eingerichtet, das venezianische Ghetto im Jahr 1512. Die ehemalige Frankfurter Judengasse zieht sich durch die gesamte Innenstadt. Die Fundamente sind noch vorhanden. Dies zeigte sich, als man in den 1980er Jahren ein Bürogebäude errichten wollte und auf Fundamente der Judengasse stieß. Es entbrannte eine große Diskussion. Im Ergebnis wollte man dann einige der Fundamente rekonstruieren und der Öffentlichkeit in einem kleinen Museum zugänglich machen, im Museum Judengasse. Der Friedhof Battonnstraße liegt direkt daneben, er ist jedoch älter als die Judengasse. </em></p>
<p><em>Die ältesten Gräber wurden im 13. Jahrhundert angelegt, etwa um 1260. Es ist noch dasselbe Areal, es steht aber eben noch nur ein kleiner Teil der Gräber. Es gibt nur noch einige Grabsteine, große leere Flächen, die aber alle Gräber waren. Unter den Nazis wurde der Friedhof zerschlagen, als Schuttabladeplatz verwendet. Nach dem Krieg gab es dann Versuche, den Friedhof, Grabsteine wieder zu rekonstruieren, Teile zusammenzusetzen. Der Friedhof war jedoch extrem zerstört, viele Grabsteine waren nicht mehr vorhanden. Es gibt immer wieder verschiedene Bestrebungen, nach und nach etwas über die dort begrabenen Menschen herauszufinden. Durch den Bruch der Shoah findet auf dem Friedhof natürlich kein familiäres Gedenken mehr statt. Es gibt kaum Nachfahren, die die Gräber besuchen könnten. Dieser Ort ist im wahrsten Sinne des Wortes ein ganz ganz toter Ort. </em></p>
<p><em>Dadurch, dass dorthin Menschen kommen, Gebete sprechen, den Ort auch mit ihren Emotionen füllen, belebt sich der Friedhof wieder in der Gegenwart. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Diese Menschen kommen von sehr weit her, bringen Leben an den eigentlich toten Ort.</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Ja, sie kommen aus New York, aus Israel, aus Australien. Wir wussten bei dem Interviewprojekt natürlich nicht, wer kommt. Es waren daher Stand-Up-Fragen. Wir waren da und haben gewartet. Manchmal warteten wir acht Stunden und es kam nur eine einzige Person, am nächsten Tag hatten wir nach drei Stunden bereits zehn Interviews. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Interviews sind auch nach Ende der Ausstellung hörbar?</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Mit Sicherheit. Wir wissen noch nicht wie, aber es gibt ja die Website, auf der wir die Interviews platzieren können. Den Interviewfilm können wir auf youtube hochladen. Er soll auf jeden Fall erhalten bleiben. Wir sind mit dem Projekt auch noch nicht fertig. Es ist ein Forschungsprojekt, nicht nur eine Projektion für die Ausstellung. Wir haben etwa 40 Interviews geführt. In dem Film kommen nicht alle zur Sprache, aber das Material ist vorhanden. Es wird in unsere Online-Sammlung eingehen, sodass Forschende es nutzen können.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zum Beispiel Studierende für ihre Bachelor- und Masterarbeiten.</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Da ist einiges zu entdecken!</em></p>
<h3><strong>Vom Sterbeprozess in die kommende Welt</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In der Ausstellung können wir im Detail die gesamte Zeitleiste – so möchte ich das einmal nennen – rund um Tod und Beerdigung verfolgen. Sie dokumentieren bildhafte Darstellungen des Todesengels, die Debatte um den Todeszeitpunkt und die Frage, was nach dem Tod geschieht, die Rolle der Beerdigungsgesellschaften, die Gebete, die gesprochen werden und widmen sich nicht zuletzt der Frage, was uns Menschen nach dem Tod in einem wie auch immer gearteten Jenseits erwartet. Interessant fand ich den ausdrücklichen Hinweis, dass im Kaddish, dem vielleicht bekanntesten mit dem Tod verbundenen Gebet, der Tod gar nicht genannt wird.</p>
<div id="attachment_6120" style="width: 307px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Else_Meidner_-Todesengel-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6120" class="wp-image-6120 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Else_Meidner_-Todesengel-297x300.jpg" alt="" width="297" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Else_Meidner_-Todesengel-66x66.jpg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Else_Meidner_-Todesengel-200x202.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Else_Meidner_-Todesengel-297x300.jpg 297w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Else_Meidner_-Todesengel-400x404.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Else_Meidner_-Todesengel-600x607.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Else_Meidner_-Todesengel-768x776.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Else_Meidner_-Todesengel-800x809.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Else_Meidner_-Todesengel-1013x1024.jpg 1013w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Else_Meidner_-Todesengel-1200x1213.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Else_Meidner_-Todesengel-1519x1536.jpg 1519w" sizes="(max-width: 297px) 100vw, 297px" /></a><p id="caption-attachment-6120" class="wp-caption-text">Else Meidner, Frauenakt mit Todesengel, um 1949, Aquarell und Kohle, 57&#215;65, Jüdisches Museum Frankfurt am Main. Foto: Herbert Fischer.</p></div>
<p><strong> Sara Soussan</strong>: <em>Ich beginne mit dem <strong>Todesengel</strong>. Wir haben uns Gedanken gemacht, was das Erste sein sollte, das unsere Besucherinnen und Besucher sehen. Wir fanden eine gewisse Visualisierung interessant, unter der ganz einfachen Fragestellung, wie der Tod aussieht. Welche Personifizierungen gibt es? Aus der europäischen christlich geprägten Kunst kennen wir die Darstellungen eines Gerippes, den Sensenmann. In den jüdischen Darstellungen tut sich insbesondere die Haggadah hervor, die zu Pessach am Seder-Abend gesungen, durchgebetet wird, ein Sammlungsbuch mit Geschichten und Liedern, die irgendwie um den Auszug aus Ägypten kreisen. Dort gibt es zwei Stellen, an denen der Tod personifiziert auftritt. In der zehnten Plage werden die Erstgeborenen der Ägypter erschlagen. Dies geschieht nach Legenden durch den Todesengel. Es gibt darüber hinaus ein Kettenlied. Es beginnt mit einem Zicklein, das von einer Katze gefressen wird, die dann von einem Hund gefressen wird und so geht es weiter bis hin zum Todesengel, der den Schächter tötet, und dann G‘‘tt selbst, der den Todesengel tötet. </em></p>
<p><em>Wir haben viele Haggadot durchforstet, aus unserem eigenen privaten Gebrauch, aus Museen, Bibliotheken und natürlich online und haben diese zusammengetragen, ganz einfache ebenso wie Faksimiles von mittelalterlichen Haggadot-Buchillustrationen. Das Bild des Todesengels ist sehr vielfältig. Immer wieder erscheinen auch das Skelett oder Anmutungen eines Sensenmannes. Jüdische Illustrationen unterscheiden sich im europäischen Raum nicht immer unbedingt von denen der christlichen Mehrheitskultur. Diese Bilder waren eben präsent. Ein oft wiederkehrendes Motiv ist der Todesengel mit einem Schwert in der Hand. Von dem Schwert hängt ein Tropfen herab. Dies basiert auf einer talmudischen Erzählung: Der Todesengel lässt diesen Tropfen dem Sterbenden in den Mund fallen, in diesem Augenblick stirbt er. Es gibt auch Darstellungen eines Todesengels, der über den gesamten Körper mit Augen besetzt ist. </em></p>
<p><em>Engel sind ohnehin ein vielfältiges Thema. Man hat sehr schnell den verklärten Blick auf kleine speckige Babys oder ätherische Wesen. Da ist das Judentum viel deutlicher und pragmatischer. Der Todesengel ist ein Bote, auch im Sinne der griechischen Urbedeutung des Wortes „angelos“. Mit den Engeln gibt es um G‘‘tt herum eine Art Staff, der bestimmte Aufträge, verschiedene Funktionen ausführt und eben auch ausgeschickt wird, um zu töten.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich denke gerade an den Kampf Jakobs am Jabbok mit dem Engel. Aber wir beginnen jetzt keine theologische Debatte um die Bedeutung dieser Stelle.</p>
<div id="attachment_6114" style="width: 234px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/LG_Nicholls_01-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6114" class="wp-image-6114 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/LG_Nicholls_01-224x300.jpg" alt="" width="224" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/LG_Nicholls_01-200x268.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/LG_Nicholls_01-224x300.jpg 224w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/LG_Nicholls_01-400x537.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/LG_Nicholls_01-600x805.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/LG_Nicholls_01-763x1024.jpg 763w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/LG_Nicholls_01-768x1030.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/LG_Nicholls_01-800x1073.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/LG_Nicholls_01-1145x1536.jpg 1145w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/LG_Nicholls_01-1200x1610.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/LG_Nicholls_01-1526x2048.jpg 1526w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/LG_Nicholls_01-scaled.jpg 1908w" sizes="(max-width: 224px) 100vw, 224px" /></a><p id="caption-attachment-6114" class="wp-caption-text">Jacqueline Nicholls, Rebbe&#8217;s Maid, 2012, Bestickter Seidenorganza, 45x30cm, Sammlung der Künstlerin. Foto: Jacqueline Nicholls.</p></div>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Das machen wir ein anderes Mal. Sie haben den <strong>Todeszeitpunkt</strong> angesprochen. Dies klang in der Erzählung des Engels mit dem Schwert und dem Tropfen bereits an. Es gibt im jüdischen Denken eine Debatte um den Todeszeitpunkt, der ja irgendwie auch festgelegt werden muss. Und es gibt einen <strong>Sterbeprozess</strong>, in dem offensichtlich ist, dass ein Mensch bald sterben wird. Jüdische Quellen sagen sehr viel zum Sterbeprozess, der ermöglicht werden soll. Im Talmud gibt es folgende Geschichte: Rabbi Jehuda ha-Nasi, der Endredakteur der Mischna, etwa im zweiten Jahrhundert, liegt im Sterben. Um ihn herum sitzt seine gesamte Gefolgschaft und betet für ihn Psalmen, wünscht sich, er möge wieder gesund werden. Dies zieht sich über Tage. Er leidet zunehmend, es geht ihm immer schlechter, aber er stirbt nicht. Die Magd, die sich im Raum befindet, beschließt zu handeln. Sie wirft ein großes Tongefäß auf den Boden. Es gibt einen großen Knall. Alle erschrecken sich und sind kurze Zeit still. In diesem Bruchteil der Sekunde kann die Seele des Rabbis entweichen. Er kann endlich sterben. Weiter wird ausgeführt, dass das Sterben an sich auch möglich gemacht werden muss. Dieses Denken findet man auch an anderen Stellen im Talmud. Wenn jemand stirbt und draußen hämmert jemand, muss man dem Einhalt gebieten, damit es den Sterbeprozess nicht stört. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zu dieser Geschichte und dem Bild von Jacqueline Nicholls lesen wir im Katalog das Statement von Sevim, einer Köchin: <em>„Ich habe das Bild ausgesucht, weil es so zart ist. Und weil mir die Geschichte hinter dem Bild gefällt &#8211; die Magd, die für die Erlösung ihres Rebbe betet, als sie sieht, wie sehr er leidet. Und die schließlich den Krug fallen lässt, und in dem darauffolgenden Durcheinander kann seine Seele aufsteigen in die andere Welt. Leider muss man die Geschichte kennen, um das Bild wirklich zu verstehen.&#8220; </em></p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Heute wird diese Erzählung in halachischen Diskussionen bei modernen medizin-ethischen Fragestellungen herangezogen, beispielsweise zur <strong>Frage des Hirntodes</strong>. Es gibt die traditionelle im Talmud beschriebene Festlegung, dass ein Mensch tot ist, wenn er keinen Herzschlag und keine Atemtätigkeit mehr hat. Manche Hirntote atmen noch, das Herz schlägt noch. Es war sehr schwer, eine Entscheidung zu finden, wie man diesen Hirntod eigentlich bezeichnen soll. Es war auch ein langer Weg des Austauschs unter halachischen Autoritäten. In früheren Zeiten wurde der Hirntod mehrheitlich nicht akzeptiert. Das hatte zur Folge, dass gewisse Organspenden nicht vorgenommen werden konnten. Es gibt natürlich Lebendspenden wie zum Beispiel Nierenspenden, das ist für die Halacha kein Problem, denn Lebensrettung steht über allem, sogar über der körperlichen Unversehrtheit. Aber was ist mit Totenspenden? Zum Beispiel bei einer Herztransplantation. Dafür braucht man einen Menschen, der gerade gestorben ist. Wenn der hirntote Mensch jedoch noch lebt, kann man das Herz nicht entnehmen, denn dann würde man ihn ja töten. Es wurde lange diskutiert. Vor etwa 25 oder 30 Jahren hat man sich geeinigt, nicht alle, aber es gab eine Mehrheit, auch unter strengen orthodoxen Autoritäten, dass einem Hirntoten unter Umständen Organe entnommen werden dürfen. Dies ist alles in einen ethischen Findungsprozess eingebettet, der von halachischen Autoritäten begleitet wird, damit auch sicher ist, dass ein Hirntod vorliegt.</em></p>
<p><em>Aber wie gesagt: Jüdisches Religionsgesetz und halachische Entscheidungen funktionieren nicht über „ich finde“, „mein Bauchgefühl sagt mir“, es geht immer darum, eine Verschriftlichung zu finden, auf der man die Entscheidung begründen kann. Das hat für das Thema „Hirntod“ eben lange gedauert. </em></p>
<div id="attachment_6115" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Ematai-ID-sample-verso-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6115" class="wp-image-6115 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Ematai-ID-sample-verso-300x189.jpg" alt="" width="300" height="189" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Ematai-ID-sample-verso-200x126.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Ematai-ID-sample-verso-300x189.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Ematai-ID-sample-verso-320x202.jpg 320w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Ematai-ID-sample-verso-400x252.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Ematai-ID-sample-verso-600x378.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Ematai-ID-sample-verso-700x441.jpg 700w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Ematai-ID-sample-verso-768x484.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Ematai-ID-sample-verso-800x504.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Ematai-ID-sample-verso-1024x645.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Ematai-ID-sample-verso-1200x756.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Ematai-ID-sample-verso-1536x967.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-6115" class="wp-caption-text">Rückseite eines Organspendeausweises der US-amerikanischen jüdischen Organisation Ematai, auch bekannt als Halachic Organ Donor Society HODS, Kunststoff, 6,5&#215;9,5 cm, Jüdisches Museum Frankfurt am Main.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: So sollte es auch bei weltlichen Juristen sein. Man muss sich schon damit beschäftigen, wie Gesetze entstanden sind. Und es gibt ethische Grundlagen wie die berühmte Radbruch’sche Formel. Unrecht kann noch so sehr in Recht gegossen werden, es bleibt Unrecht und kann und muss daher verfolgt werden.</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>So wird es in der deutschen Gerichtsbarkeit ja heute auch angewandt. Manchmal mag man sich wundern, aber das ist nicht die Regel. Wir sind nicht in einer Diktatur, da sind wir noch nicht. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und da kommen wir hoffentlich auch nicht hin.</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Hoffentlich. Ich bin immer skeptischer und pessimistischer. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht darf ich in diesem Punkt auf mein kürzliches <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/selbstwirksamkeit-schafft-resilienz/">viertes Gespräch mit Marina Weisband</a> verweisen. Sie sagt einiges zu diesem Thema: Es gebe nicht nur ein Morgen, sondern immer auch ein Übermorgen. Aber vielleicht passt gerade hier an dieser Stelle, dass wir über Gebete sprechen.</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Es gibt <strong>Gebete</strong> für den Sterbenden, die während des Sterbeprozesses gesprochen werden sollen, die auch – wenn möglich – der Sterbende sprechen soll. Wenn es nicht möglich ist, sprechen die Sterbebegleiter. Das können Rabbiner sein, aber auch Familienangehörige. Es sind Formen eines Sündenbekenntnisses, die Anerkennung von Dingen, die man falsch gemacht hat, sowie bestimmte Bekenntnisse wie beispielsweise das Schma Jisrael, dass G‘‘tt der einzige G‘‘tt ist. </em></p>
<div id="attachment_6103" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Begraebniskleidung-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6103" class="wp-image-6103 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Begraebniskleidung-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Begraebniskleidung-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Begraebniskleidung-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Begraebniskleidung-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Begraebniskleidung-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Begraebniskleidung-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Begraebniskleidung-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Begraebniskleidung-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Begraebniskleidung-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Begraebniskleidung-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-6103" class="wp-caption-text">Traditionelle jüdische Begräbniskleidung (Tachrichim), 2024, Leinengewebe, Jüdisches Museum Frankfurt. Foto: Norbert Miguletz.</p></div>
<p><em>Die <strong>Beerdigungsgesellschaft, die Chewra Kadischa</strong>, begleitet manchmal bereits den Sterbeprozess. Sie kümmert sich spätestens, wenn ein Mensch gestorben ist. Es handelt sich um Vereine, Gruppierungen, die es in jeder jüdischen Gemeinde gibt, die sich darauf konzentrieren, die Beerdigung so durchzuführen, wie es sein sollte. Dazu gehört die <strong>Totenwäsche</strong>. Das ist keine hygienische Reinigung, sondern eine rituelle Reinigung. Der Leichnam wird mit Wasser übergossen und in die traditionellen <strong>Totenkleider</strong> gehüllt. Diese sind sehr schlicht gehalten, aus einem schlichten Baumwollleinen, in weiß. Es gibt kaum Nähte, nur an den Stellen, an denen die Kleidung zusammengehalten werden muss. Gleich für Frauen und für Männer. Die Idee dahinter ist, dass man nichts Materielles mitnehmen kann, sondern in eine rein geistige Welt hinübertritt, jenseits der physischen Welt. Alle sind gleich. Reichtum spielt keine Rolle mehr. Niemand kann sich mit besonders verzierten Totengewändern hervortun. Der <strong>Sarg</strong> ist ein einfacher gezimmerter Holzsarg, eine Holzkiste. Ohne Dekor, ohne Polsterungen, ohne Beschläge. Die Chewra Kadischa bereitet den Leichnam für die Beerdigung vor. </em></p>
<div id="attachment_6109" style="width: 230px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Kleid-mit-eingerissenem-Kragen-getragen-auf-einer-Beerdigung-2023-Privatbesitz-Foto-Herbert-Fischer.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6109" class="wp-image-6109 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Kleid-mit-eingerissenem-Kragen-getragen-auf-einer-Beerdigung-2023-Privatbesitz-Foto-Herbert-Fischer-220x300.jpg" alt="" width="220" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Kleid-mit-eingerissenem-Kragen-getragen-auf-einer-Beerdigung-2023-Privatbesitz-Foto-Herbert-Fischer-200x273.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Kleid-mit-eingerissenem-Kragen-getragen-auf-einer-Beerdigung-2023-Privatbesitz-Foto-Herbert-Fischer-220x300.jpg 220w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Kleid-mit-eingerissenem-Kragen-getragen-auf-einer-Beerdigung-2023-Privatbesitz-Foto-Herbert-Fischer-400x545.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Kleid-mit-eingerissenem-Kragen-getragen-auf-einer-Beerdigung-2023-Privatbesitz-Foto-Herbert-Fischer-600x818.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Kleid-mit-eingerissenem-Kragen-getragen-auf-einer-Beerdigung-2023-Privatbesitz-Foto-Herbert-Fischer-751x1024.jpg 751w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Kleid-mit-eingerissenem-Kragen-getragen-auf-einer-Beerdigung-2023-Privatbesitz-Foto-Herbert-Fischer-768x1047.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Kleid-mit-eingerissenem-Kragen-getragen-auf-einer-Beerdigung-2023-Privatbesitz-Foto-Herbert-Fischer-800x1091.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Kleid-mit-eingerissenem-Kragen-getragen-auf-einer-Beerdigung-2023-Privatbesitz-Foto-Herbert-Fischer.jpg 1027w" sizes="(max-width: 220px) 100vw, 220px" /></a><p id="caption-attachment-6109" class="wp-caption-text">Kleid mit eingerissenem Kragen (Kria), 2023, Baumwollgewebe, Privatbesitz. Foto: Herbert Fischer.</p></div>
<p><em data-wp-editing="1">Die Beerdigung findet in einer <strong>Zeremonie</strong> statt. Der Sarg wird in der Friedhofshalle aufgebahrt, aber geschlossen mit einer Decke darüber. Es werden Trauerreden gehalten, manchmal auch von den Angehörigen selbst. Die anwesenden Menschen werden auch oft gefragt, ob sie noch etwas sagen möchten. Dies dient dazu, den verstorbenen Menschen zu würdigen. Dann wird der Sarg bestattet. Am Grab selbst machen die nahen Angehörigen einen <strong>Riss in ihre Kleider</strong>, oben am Revers, symbolhaft auch für die innere Zerrissenheit, die man in dem Augenblick auch fühlt. Beerdigungen sollen sehr schnell stattfinden, möglichst noch am selben Tag. Das ist hier in der Regel nicht der Fall, aber man versucht es schon schnell, vielleicht wenige Tage später. Die Trauernden sind noch in einer Schockstarre und der Riss fügt sich in dieses Gesamtbild ein. </em></p>
<p><em>Von den Hinterbliebenden wird zum ersten Mal am Grab das <strong>Kaddish</strong> gesprochen, das – wie Sie schon zu Beginn sagten – den Tod nicht erwähnt. Man lobpreist G‘‘tt. Es gibt verschiedene Formen des Kaddish, je nach Anlass. Es müssen auch immer mindestens zehn Mitbetende gemeinsam beten, der Minjan. Man spricht das Kaddish nie alleine. Es wird auch in Synagogen gesprochen, nicht nur für Trauernde, auch in bestimmten Gebetsteilen. Das Kaddish selbst ist aus der Antike überliefert und hat sich seit dieser Zeit nicht verändert. Auch der Brauch des Einreißens ist ein antiker Brauch, den wir im Tanach an mehreren Stellen finden. Ebenso der Brauch, sich Asche aufs Haupt zu streuen oder sich auf den Boden zu setzen. Einige dieser Bräuche haben sich im Laufe der Jahrhunderte weiterentwickelt, wurden verändert, angepasst, haben sich aber teilweise bis heute gehalten. </em></p>
<p><em>Man setzt sich heute nicht mehr auf den Boden, aber unmittelbar an die Beerdigung schließt sich die <strong>Shivah</strong> an. Shivah ist ein hebräisches Wort und bedeutet „sieben“. Gemeint sind die sieben Trauertage, die nahe Angehörige durchlaufen und in denen sie zu Hause sind, niedriger sitzen – das ist die Anbindung an die Antike –, von Freunden, Verwandten, Gemeindemitgliedern versorgt werden, die jeden Tag kommen und im Trauerhaus einen kleinen G‘‘ttesdienst halten, in dem das Kaddish noch einmal gesagt werden kann. Nach den sieben Tagen schließen sich die <strong>Shloshim</strong> an. Shloshim ist das hebräische Wort für „dreißig“. In diesen dreißig Tagen wird noch einmal abgemildert getrauert. Man kann schon arbeiten, aber man macht zum Beispiel keine Partys. Manchmal wird schon nach dreißig Tagen der <strong>Grabstein</strong> gesetzt, je nach Tradition und Brauch, manchmal auch erst nach einem Jahr. Das ist eine kleine Zeremonie am Grab, die man halten kann, aber nicht halten muss. Das Kaddish wird im Trauerjahr durchgehend gebetet.</em></p>
<p><em>Jedes Jahr nach dem Trauerjahr, zum Todestag, findet ein Gedenken statt. Man kommt gemeinschaftlich in einem G‘‘ttesdienst zusammen, sagt dort das Kaddish. Man sagt zu den jüdischen Feiertagen ebenso gemeinschaftlich in der Synagoge ein <strong>Jiskor</strong>. Jiskor heißt „Erinnere dich“. Es ist ein Gedenkgebet, in dem auch der Name der verstorbenen Person genannt wird. Im Gebetbuch sind daher im Text an der entsprechenden Stelle drei Auslassungspünktchen notiert. Es ist ein sehr persönlich definiertes Gedenken. Dieses wiederholt sich im Jahresrhythmus. Man zündet auch im Gedenken Kerzen an, die durch das aufsteigende Licht die aufsteigende Seele der verstorbenen Person symbolisieren sollen.</em></p>
<p><em>Die aufsteigende Seele – das ist der nächste Punkt, <strong>die kommende Welt</strong>, hebräisch Olam ha-Ba. Alle Autoritäten sind sich einig, dass es eine kommende Welt gibt. Aber niemand ist sich einig, wie diese Welt aussieht. Von der Antike bis heute gibt es verschiedene Quellen, verschiedene Worte, die dafür verwendet werden. Es gibt das Sheol aus der hebräischen Welt, eine Art Unterwelt, die auch etwas unangenehm geschildert, aber nicht so genau definiert wird. Wir haben auch das Wort der Gehennah, das schon einen Anklang von Hölle hat. Allerdings kennt das Judentum das Konzept der ewigen Verdammnis nicht. Selbst wenn man annehmen möchte, dass es Höllenmomente gibt, dann sind sie temporär, Orte des Läuterns, der Besinnung oder des Sich-Auseinandersetzens, bevor man dann in die Welt der Seelen aufsteigt, die Olam ha-Neshamot, eine Welt, die wirklich g‘‘ttlich ist. </em></p>
<div id="attachment_6108" style="width: 231px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Rosy-Lilienfeld-Flug-gen-Himmel-nach-dem-Tode-1930-JMF-Foto-Herbert-Fischer.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6108" class="wp-image-6108 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Rosy-Lilienfeld-Flug-gen-Himmel-nach-dem-Tode-1930-JMF-Foto-Herbert-Fischer-221x300.jpg" alt="" width="221" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Rosy-Lilienfeld-Flug-gen-Himmel-nach-dem-Tode-1930-JMF-Foto-Herbert-Fischer-200x272.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Rosy-Lilienfeld-Flug-gen-Himmel-nach-dem-Tode-1930-JMF-Foto-Herbert-Fischer-221x300.jpg 221w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Rosy-Lilienfeld-Flug-gen-Himmel-nach-dem-Tode-1930-JMF-Foto-Herbert-Fischer-400x543.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Rosy-Lilienfeld-Flug-gen-Himmel-nach-dem-Tode-1930-JMF-Foto-Herbert-Fischer-600x815.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Rosy-Lilienfeld-Flug-gen-Himmel-nach-dem-Tode-1930-JMF-Foto-Herbert-Fischer-754x1024.jpg 754w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Rosy-Lilienfeld-Flug-gen-Himmel-nach-dem-Tode-1930-JMF-Foto-Herbert-Fischer-768x1043.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Rosy-Lilienfeld-Flug-gen-Himmel-nach-dem-Tode-1930-JMF-Foto-Herbert-Fischer-800x1086.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Rosy-Lilienfeld-Flug-gen-Himmel-nach-dem-Tode-1930-JMF-Foto-Herbert-Fischer.jpg 1031w" sizes="(max-width: 221px) 100vw, 221px" /></a><p id="caption-attachment-6108" class="wp-caption-text">Rosy Lilienfeld, Flug gen Himmel nach dem Tode, aus: Bilder zu der Legende des Baalschem (Kreis 2), 1930, Kohle auf Papier, 31&#215;22,5 cm, Jüdisches Museum Frankfurt am Main. Foto: Herbert Fischer.</p></div>
<p><em>Die Seele kehrt zu G‘‘tt zurück. So wie G‘‘tt dem aus Erde geschaffenen Menschen die Seele einhaucht, kehrt sie zu G‘‘tt zurück. In der messianischen Zeit sollen diese beiden Bestandteile eines Menschen wieder vereinigt werden. Daher gibt es im Judentum auch keine Feuerbestattung. Es wird auf der Erdbestattung bestanden, unter allen Umständen. Das Körperliche, Organische kehrt zurück in die Erde, verbindet sich dort mit ihr, während die Seele zu G‘‘tt zurückkehrt. Wenn der Messias kommt – es gibt verschiedene Schilderungen in verschiedenen Schriften –, gibt es eine ideale Welt. Es ist eine irdische Welt, nicht irgendwo in den Wolken, die aber friedlich sein wird. In dieser Welt – so die Schilderungen – werden die Toten wieder auferstehen, auf der Erde. Das ist die <strong>messianische Hoffnung</strong> – in der jüdischen Vorstellung ist der Messias noch nicht gekommen. </em></p>
<p><em>Das sind natürlich alles menschliche Vorstellungen, die in den diversen Schriften geschildert werden. Es gibt überhaupt keine Hinweise, die aus der G‘‘ttessprache kämen. Es gibt in der Torah nur einen einzigen Hinweis, in dem bei einer Person gesagt wird, dass G‘‘tt sie mitnimmt. Daraus folgern viele, dass es tatsächlich eine g‘‘ttliche Welt gibt. Das ist alles unklar, aber das ist auch – so muss ich sagen – erfrischend, dass es nicht als so nötig empfunden wird zu definieren, was nach dem Tod kommt. Es wird auf jeden Fall etwas Positives damit verbunden, für alle Menschen, auch für Nicht-Juden. Das unterscheidet das Judentum von anderen Religionen, in denen man Teil der jeweiligen Religionsgemeinschaft sein muss, um in die g’‘ttliche Nachwelt einzugehen. Im Islam muss man das Glaubensbekenntnis gesprochen haben, im Christentum muss man getauft sein. Alle anderen verfallen der ewigen Verdammnis in der Hölle. Dieses Konzept kennt das Judentum nicht. Die g‘‘ttliche Nachwelt ist auch für alle Nicht-Juden gedacht, die sich einigermaßen ethisch verhalten haben. </em></p>
<p><em>Das Erfrischende daran ist, dass man sich doch mehr auf das fokussiert, was im Leben jetzt und hier geschieht. Die Trauerrituale geschehen natürlich im Gedenken an den Verstorbenen, sie zielen auch darauf ab, die Seele zu erhöhen, aber eigentlich zielen sie alle auf den Trauerprozess ab. Es geht im Grunde um auch zeitgenössische Konzepte der Trauerbewältigung, die einen therapeutischen Effekt haben können. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Mir scheint das Entscheidende, dass man das Leben ehrt…</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>…und Leben und Zukunft aktiv mitgestaltet. Das ist der eigentliche Anspruch, nicht, sich in dem zu verlieren, das kommen wird, denn das können wir im Leben ohnehin nicht klären.</em></p>
<h3><strong>Die Pflicht, Leben zu retten</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein wichtiger Satz lautet: <em>„Stehe nicht still beim Blut deines Nächsten“</em>. Eine grundlegende Mizwa, ein Gebot. Das betrifft gerade auch so schwierige ethische Fragen wie Sterbehilfe, Triage oder auch Suizid und Tyrannenmord.</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Der Satz ist ein Zitat aus der Torah. Man ist verpflichtet, Leben zu retten. Wenn ein Mitmensch in Not, in Lebensgefahr ist, bin ich verpflichtet, alles zu tun, um ihn zu retten. Unter allen Umständen. Das hat eine große Bewandtnis auch bei medizinischen Fragestellungen wie den Organspenden. Im Grunde muss man ein Organ spenden, zum Beispiel eine Niere oder Knochenmark. </em></p>
<p><em>Ein weiteres Thema ist <strong>der assistierte Suizid</strong>, die Sterbehilfe, die zurzeit aufgrund eines Urteils des Verfassungsgerichts in Deutschland intensiv diskutiert wird. Das Verfassungsgericht hat den Gesetzgeber aufgefordert, eine Basis zu geben. Zwei Anläufe im Bundestag sind gescheitert. Im europäischen Ausland sehen wir, dass es auch anders als bei uns gehandhabt werden kann, zum Beispiel in der Schweiz. Es ist natürlich auch ein Thema, zu dem das Judentum etwas zu sagen hat. Grundsätzlich gilt, dass der Suizid der Halacha komplett widerspricht. Man wird niemanden finden, der eine Erlaubnis des Suizids aus dem Schrifttum begründen wird. Das hatte bis vor etwa 40, 50 Jahren die Konsequenz, dass jüdische Selbstmörder nur am Rande des Friedhofs beerdigt, bestimmte Trauergebete für sie nicht gesprochen wurden. Dramatisch!</em></p>
<p><em>Heute ist man dazu übergegangen, den ethischen Grundsatz heranzuziehen, dass man bei allen Entscheidungen in dem Zustand sein soll, diese Entscheidung auch treffen zu können, dass es aber durchaus Situationen geben kann, in denen Menschen nicht in der Lage sind, darüber zu entscheiden, ob sie ihr Leben beenden wollen oder nicht, weil sie schwerst depressiv sind. Ich denke, dass heutzutage kein Arzt einem schwerstdepressiven Patienten den Suizid ermöglichen wird. Schon gar nicht einem Neunzehnjährigen, der sagt, er wolle nicht mehr leben, weil ihn seine Freundin verlassen habe. Hier sind sich alle einig. Wenn es dann in einem solchen Fall zu einem Suizid kommt, kann man davon ausgehen, dass dieser Mensch nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte war. Das heißt, dieser Mensch war krank. Diese Krankheit führte dazu, dass dieser Mensch sich das Leben nahm. Deshalb werden jüdische Selbstmörder heute ganz regulär bestattet, mit allen Gebeten, allen Ritualen. </em></p>
<p><em>Schwieriger ist es für den Sterbehelfer. Denn jemandem das Leben zu nehmen ist nach jüdischer Definition ein Mord. Das ist einfach verboten. Wir kommen jetzt in hochdramatische Fälle von schwerkranken Patienten, die sehr leiden und für die es keine Aussicht auf Heilung gibt. Da ist das Modell der Schweiz von Interesse. Was tue ich, wenn jemand sagt, er möchte diese schwerkranke Phase durch einen assistierten Suizid beenden? Zunächst muss man nach jüdischer Vorstellung alles tun, das palliativ möglich ist, um Schmerzen zu lindern und Menschen einen schmerzfreien Tod zu ermöglichen. Das geht bis hin zu hohen Morphin-Gaben. Man kann so hoch in den Dosen gehen, dass manche Sterbende nicht mehr bei Bewusstsein sind. Das ist jüdischerseits erlaubt, sogar geboten. Man muss den Schmerz nehmen, palliativ alles tun, was möglich ist, selbst, wenn es bedeutet, dass es das Leben verkürzt. Man kann das Sterben mit hoher Dosierung sogar so weit erleichtern, dass das Herz möglicherweise etwas früher stehenbleibt. </em></p>
<div id="attachment_6118" style="width: 241px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Lilienfeld.An_dem_Totenbette.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6118" class="wp-image-6118 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Lilienfeld.An_dem_Totenbette-231x300.jpg" alt="" width="231" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Lilienfeld.An_dem_Totenbette-200x260.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Lilienfeld.An_dem_Totenbette-231x300.jpg 231w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Lilienfeld.An_dem_Totenbette-400x520.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Lilienfeld.An_dem_Totenbette-600x781.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Lilienfeld.An_dem_Totenbette-768x999.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Lilienfeld.An_dem_Totenbette-787x1024.jpg 787w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Lilienfeld.An_dem_Totenbette-800x1041.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Lilienfeld.An_dem_Totenbette.jpg 1076w" sizes="(max-width: 231px) 100vw, 231px" /></a><p id="caption-attachment-6118" class="wp-caption-text">Rosy Lilienfeld, An dem Totenbette ihres Mannes schreit eine Frau auf und der Ruf entfliegt ihrem Munde, aus: Bilder zu der Legende des Baalschem (Kreis 1), 1929, Kohle auf Papier, 31&#215;22,5 cm, Jüdisches Museum Frankfurt am Main. Foto: Herbert Fischer.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Analog zur Erzählung vom zerbrochenen Tonkrug?</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Ja, das ist analog zum zerbrochenen Tonkrug zu sehen. Man darf das Risiko eingehen, dass ein Mensch etwas früher stirbt, wenn er dafür schmerzfrei bleibt. Die Schmerzfreiheit ist das Gebot, das auch von strengster jüdischer Seite gesucht wird. Jetzt sind wir gar nicht mehr so weit vom assistierten Suizid entfernt. Der nach wie vor für jüdische Halachisten schwierig ist, ist der, einem Menschen eine Tablette oder eine Infusion zu geben, der sagt, er wolle nicht mehr leben. Da sind wir noch auseinander. Das ist ein meines Erachtens nur noch kleiner Konflikt, ein Graubereich. Klar ist: Die Ausschaltung des Leidens ist eine Erleichterung des Sterbeprozesses und daher geboten. </em></p>
<p><em>Wie ist es mit stark dementen Menschen, über 80 oder 85 Jahre alt, die von Familienmitgliedern angesprochen werden, sie möchten sich überlegen, ob sie wirklich dahinsiechen oder vielleicht doch ihrem Leben ein Ende setzen wollen? Es wird Druck ausgeübt. Oder alte Leute sagen von selbst, sie wollten ihren Kindern nicht zur Last fallen, auch nicht in ein Pflegeheim. Diese Dinge sind aus ethischer Sicht noch nicht ausdiskutiert. Hier stellt sich die Frage, wie dafür gesorgt werden kann, dass Pflegeheime schöne Orte sind, dass alte Menschen sich nicht unter Druck gesetzt fühlen müssen, dass es eine Infrastruktur für sie in der Gesellschaft gibt, ein Freundeskreis da sein kann, sodass keine Vereinsamung erfolgt. Das sind für mich eher die Punkte, auf die man sich konzentrieren soll. Man muss das Lebensfeld so gestalten, dass es lebenswert für alle ist. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Damit sind wir wieder bei dem entscheidenden Punkt aller Debatte im Angesicht des Todes: Das Leben steht im Mittelpunkt all unseres Strebens und Bemühens. Eigentlich stünde jetzt eine große Debatte zum Thema Pflege an.</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong><em>: Das müsste man eigentlich jetzt tun. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein Thema, das die bisherigen Regierungen nicht so hinbekommen haben, um es mal vorsichtig zu formulieren.</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Absolut.</em> <em>Das hat auch mit einer ethischen Wertsetzung zu tun. Aber anscheinend wird dies in der Gesellschaft nicht so empfunden, dass alte Leute, Menschen in schwierigen Situationen, auch vermeintlich schwierigen Situationen, in denen sie „Arbeit machen“ nicht auf den vorderen Plätzen der Prioritätenlisten stehen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es ist vielleicht bezeichnend, dass bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf immer nur über die Betreuung von Kindern geredet wird, nicht aber über die Betreuung alter Menschen in der Familie.</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Großeltern, Urgroßeltern werden nicht so gut beachtet, versorgt. Das führt natürlich zu Lösungssehnsüchten, auch politisch und gesellschaftlich.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir diskutieren vehement über Sterbehilfe, aber wie wäre es, vehement über Lebenshilfe zu sprechen, für alle Menschen, alt und jung, egal welcher Herkunft, in welchen Lebenslagen?</p>
<div id="attachment_6106" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Felix-Nussbaum_Triumph-des-Todes_1944-©-Museumsquartier-Osnabrueck-Foto-Christian-Grovermann-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6106" class="wp-image-6106 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Felix-Nussbaum_Triumph-des-Todes_1944-©-Museumsquartier-Osnabrueck-Foto-Christian-Grovermann-300x204.jpg" alt="" width="300" height="204" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Felix-Nussbaum_Triumph-des-Todes_1944-©-Museumsquartier-Osnabrueck-Foto-Christian-Grovermann-200x136.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Felix-Nussbaum_Triumph-des-Todes_1944-©-Museumsquartier-Osnabrueck-Foto-Christian-Grovermann-300x204.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Felix-Nussbaum_Triumph-des-Todes_1944-©-Museumsquartier-Osnabrueck-Foto-Christian-Grovermann-400x272.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Felix-Nussbaum_Triumph-des-Todes_1944-©-Museumsquartier-Osnabrueck-Foto-Christian-Grovermann-600x408.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Felix-Nussbaum_Triumph-des-Todes_1944-©-Museumsquartier-Osnabrueck-Foto-Christian-Grovermann-768x522.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Felix-Nussbaum_Triumph-des-Todes_1944-©-Museumsquartier-Osnabrueck-Foto-Christian-Grovermann-800x544.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Felix-Nussbaum_Triumph-des-Todes_1944-©-Museumsquartier-Osnabrueck-Foto-Christian-Grovermann-1024x696.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Felix-Nussbaum_Triumph-des-Todes_1944-©-Museumsquartier-Osnabrueck-Foto-Christian-Grovermann-1200x816.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Felix-Nussbaum_Triumph-des-Todes_1944-©-Museumsquartier-Osnabrueck-Foto-Christian-Grovermann-1536x1044.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-6106" class="wp-caption-text">Felix Nussbaum, Triumpf des Todes (Die Gerippe spielen zum Tanz), 1944, Öl auf Leinwand, 100&#215;150 cm, Felix-Nussbaum-Haus, Osnabrück, Leihgabe der Niedersächsischen Sparkassenstiftung. Foto: Christian Grovermann.</p></div>
<p>Aber kehren wir zurück zu dem zentralen Satz: <em>„Stehe nicht still beim Blut deines Nächsten“. </em><strong>Tötung, Mord</strong> sind Thema in diesem Kontext, auch die Frage des Tyrannenmordes. Ich denke an die Erzählung von Judith und Holofernes. Wir haben im Tanach, den die Christen das „Alte Testament“ nennen, viele blutige Geschichten und auch in dem christlichen „Neuen Testament“ werden nicht nur friedliche Lösungen von Konflikten propagiert. Im Koran geht es oft auch recht blutig zu bis hin zu Mordaufrufen, die heutige Anhänger eines fundamentalistischen Islams wörtlich nehmen.</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>„Stehe nicht still beim Blut deines Nächsten“ ist die Basis der Pflicht zur Lebensrettung anderer Menschen und auch des eigenen Lebens. Um dieses Gebot zu erfüllen, darf man alle anderen Gebote übertreten, zum Beispiel das Ruhegebot am Shabbat. Zum Beispiel schneidet sich jemand am Shabbat zu Hause in die Hand, es blutet sehr stark und hört nicht auf. Stirbt man daran? Wahrscheinlich nicht. Kann man also warten, bis Shabbat zu Ende ist und dann zum Arzt gehen? Aber bin ich Arzt, der beurteilen kann, wie schlimm eine Verletzung ist? Nein. Vielleicht ist die verletzte Person Bluter, vielleicht entzündet sich die Verletzung in einer Stunde, es droht eine Sepsis? Also habe ich die Verpflichtung, die verletzte Person so schnell wie möglich ins Auto zu packen und ins Krankenhaus zu fahren. Die Verpflichtung, Leben zu retten, ist so stark, dass man Gebote übertreten muss. </em></p>
<p><em>Anderer Fall: Die klassische Frage bei früheren Prüfungen der Kriegsdienstverweigerung: Jemand bedroht mich mit einer Pistole. Die Lebensrettung gilt auch für mich. Ich muss mein Leben retten. Oder denken wir an die Konzentrationslager. Die Menschen mussten ihr Leben erhalten, daher auch etwas essen, das nicht koscher war. Die Speisegesetze, die Kashrut, gelten nicht, wenn mein Leben gefährdet ist.</em></p>
<p><em>Eine Ausnahme ist Mord. Ich darf niemanden ermorden, um mein Leben zu retten. Eine weitere Ausnahme ist Inzest, die dritte ist Götzendienst. Wenn ich gezwungen werde, eine Statue anzubeten, muss ich dies verweigern und mich eher töten lassen. Hier gibt es ein jüdisches Bild von <strong>Märtyrertum</strong>. Es geht darum, dass man eher stirbt als dass man diese drei Grundsätze verletzt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es gab immer wieder den Zwang zur Konversion in der jüdischen Geschichte.</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Darüber gab es große Diskussionen. Es gab immer wieder jüdische Gruppen, die Massenselbstmord begangen haben, damit sie sich nicht taufen lassen mussten. Oder Masada! </em></p>
<p><em>Aber das Töten an sich ist nicht verboten. In den zehn Geboten steht nicht: „Du sollst nicht töten“. Da steht: „Du sollst nicht morden.“ Selbstverteidigung, Kriege, Tiere schlachten – das ist alles Töten. Es ist aber auch der ethische Versuch, die grausame Komponente des Tötens herauszulassen. Verboten ist das Töten um des Tötens willen, denn das wäre Mord. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und der <strong>Tyrannenmord</strong>?</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Na ja. Auch hier ist die Frage, ob es eigentlich eine Rettung ist. Man kann man das so sehen, dass man durch die Tötung des Tyrannen das Leben einer große Gemeinschaft vor dem Verderben rettet. Also ja. Hätte man Hitler töten dürfen? Natürlich gibt es da Diskussionen, aber die Basis ist eigentlich klar.</em></p>
<h3><strong>Der Tod in Kunst und Literatur</strong></h3>
<div id="attachment_6104" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/TOD3-19c-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6104" class="wp-image-6104 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/TOD3-19c-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/TOD3-19c-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/TOD3-19c-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/TOD3-19c-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/TOD3-19c-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/TOD3-19c-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/TOD3-19c-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/TOD3-19c-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/TOD3-19c-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/TOD3-19c-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-6104" class="wp-caption-text">Laura J. Padgett, Solemnity: We who are always lighted from above, 2024, Fotografie, 64,5&#215;96 cm, Jüdisches Museum Frankfurt am Main. Foto: Laura J. Padgett.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir haben ausführlich über die ethischen Grundlagen der Ausstellung gesprochen, mitunter auch künstlerische Darstellungen einfließen lassen, beispielsweise bei der Darstellung des Todesengels. Mehrere Beiträge im Begleitband der Ausstellung kommentieren die literarischen und künstlerischen Aspekte. Zur Literatur möchte ich die Beiträge von <a href="https://jewishstudies.unibas.ch/de/personen/alfred-bodenheimer/">Alfred Bodenheimer</a>, der jüdische literarische Texte nach 1900 vorstellte, und Shelly Kupferberg erwähnen, die über das familiäre Gedenken angesichts ihres Buches <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/das-reh-im-palais/">„Isidor“</a> geschrieben hat. Unter den Künstlern möchte ich auch neuere Künstlerinnen wie zum Beispiel <a href="http://katalog.bbk-frankfurt.de/portfolio/tatjana-ovruchskaja/">Tatiana Ovrutschskaja</a> („Triptichon der Angst“, 2020) und ihre Tochter <a href="https://malkurse-ffm.de/vita.html">Julia</a> („Avatar“, 2020) hervorheben oder <a href="https://lpadgett.net/">Laura J. Padgett</a> mit der Fotografie der Friedhofshalle des 1928 erbauten Neuen Jüdischen Friedhofs „Solemnity – We who are always lighted from above“ (2024) und der Installation „From the four corners of the world, the dust of the body“ (2024), die drei hochkant gestellte Holzsärge zeigt. Oder <a href="https://www.juedischesmuseum.de/sammlung/bildende-kunst/detail/else-meidner-malerin/">Else Meidner</a> mit ihrem Bild „Tod mit Globus“ (1952).</p>
<p>Viele Bilder werden von der Shoah geprägt. In manchen Texten, zum Beispiel „O ihr Schornsteine“ von Nelly Sachs oder „Todesfuge“ von Paul Celan spielen das Motiv der <em>„Asche“</em>, das Verbrennens der Toten, das <em>„Grab in den Wolken“</em> eine zentrale Rolle. Erinnerung ist auch das Thema der Bilder des 1933 in Wilna geborenen <a href="https://wwv.yadvashem.org/yv/de/exhibitions/bak/index.asp">Samuel Bak</a>, die er kurz nach der Befreiung malte: „Kinder im Feuer“ (1948), „Kinderakzie“ (1947) und „Mutter ist nicht mehr“ (1946). 1974 malte er „Die Familie“, ein Bild, auf dem sich Lebende, Überlebende, Ermordete, Verstorbene treffen und wie in einer traditionellen Familienaufstellung präsentiert werden, aber im Hintergrund sehen wir unzählige Menschen, die ein Lager mit rauchenden Schornsteinen verlassen, möglicherweise eine Erinnerung an die Todesmärsche, in die die Nazis angesichts der anrückenden sowjetischen Armee die Inhaftierten zwangen.</p>
<div id="attachment_6105" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Samuel-Bak-Ner-Tamid-1978-1992-Foto-Juedisches-Museum-Frankfurt.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6105" class="wp-image-6105 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Samuel-Bak-Ner-Tamid-1978-1992-Foto-Juedisches-Museum-Frankfurt-300x185.jpg" alt="" width="300" height="185" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Samuel-Bak-Ner-Tamid-1978-1992-Foto-Juedisches-Museum-Frankfurt-200x123.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Samuel-Bak-Ner-Tamid-1978-1992-Foto-Juedisches-Museum-Frankfurt-300x185.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Samuel-Bak-Ner-Tamid-1978-1992-Foto-Juedisches-Museum-Frankfurt-400x247.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Samuel-Bak-Ner-Tamid-1978-1992-Foto-Juedisches-Museum-Frankfurt-600x370.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Samuel-Bak-Ner-Tamid-1978-1992-Foto-Juedisches-Museum-Frankfurt-768x474.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Samuel-Bak-Ner-Tamid-1978-1992-Foto-Juedisches-Museum-Frankfurt-800x494.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Samuel-Bak-Ner-Tamid-1978-1992-Foto-Juedisches-Museum-Frankfurt.jpg 1024w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-6105" class="wp-caption-text">Samuel Bak, Ner Tamid, 1978-1992, Öl auf Leinwand, 114x195cm, Jüdisches Museum Frankfurt, Stiftung Franziska Heuberger s.A. zum Gedenken an Dolek Heuberger s.A. © Samuel Bak.</p></div>
<p><strong>Sara Soussan</strong>:<em> Wir sprachen darüber, dass die Feuerbestattung verboten ist. In der Shoah wurden Menschen ermordet, für die keine Gräber vorhanden sind. Es gab zunächst Massenerschießungen, dann die Gaskammern. Es gab große Massengräber, dann die Verbrennung der Leichen in den Krematorien der Vernichtungslager. Samuel Bak greift dies in seinem Gemälde „Ner Tamid“ (deutsch: „Das ewige Licht“ (1978-1992) auf. Das ewige Licht ist kein Gedenklicht, sondern das Licht, das immer in den Synagogen hängen soll und an das ewige Licht im Tempel erinnert. Samuel Bak malt es jedoch in einem Kontext des Gedenkens, in einem Grundriss, der einem Davidstern entspricht, in dem Ruinen, zerstörte Städtearchitektur stehen, kleine Häuser, wie sie Samuel Bak auch aus den osteuropäischen Stetl kennt, aus denen er selbst stammt. In die Ruinen eingewoben ist ein gelber „Judenstern“. Das ewige Licht manifestiert sich in dem Kuratoriumsschornstein, aus dem eine dunkle Flamme kommt, die dunklen Rauch produziert. Ein sehr hoffnungsloses Bild. </em></p>
<p><em>Ähnlich ist es bei </em><a href="https://wwv.yadvashem.org/yv/de/exhibitions/nussbaum/about-nussbaum.asp"><em>Felix Nussbaum</em></a><em> im „Triumph des Todes“ (1944). Dieses Bild ist natürlich viel bunter als das von Samuel Bak. Aber auch da ist eine Ruine jeglicher europäischer Kultur, jeglicher Ethik zu sehen, in Form kaputter Schreibmaschinen, zerstörter Bücher, die dort am Boden liegen, die Basis jeglichen freiheitlichen Seins und Denkens, freiheitlicher Errungenschaft. Darauf spielen Gerippe zum Tanz auf und triumphieren. Auch dieses Bild ist alles andere als hoffnungsvoll.</em></p>
<p><em>Wir haben in der Ausstellung erstaunlicherweise viel Kunst, erstaunlich auch für uns. So viel hatten wir eigentlich nicht eingeplant. Dann fanden wir dies und das, sahen, das eine würde gut hier, das andere gut dort passen, und so erhielten wir viel Kunst in der Ausstellung, nicht nur Gemälde, auch Videoinstallationen, Raum- und Soundinstallationen, Objekte, an denen sich die Künstlerinnen und Künstler mit dem Thema Tod und Trauer auseinandergesetzt haben. Diese Kunstwerke bieten vielleicht noch einmal eine andere Projektionsfläche als ein Dokument oder ein Wandtext.  </em></p>
<h3><strong>Die Statements der Besucherinnen und Besucher</strong></h3>
<div id="attachment_6107" style="width: 211px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Marc-Babej-Ehrung-der-Selbstmoerder-2015-Fotografie-1016-x-76-cm-Juedisches-Museum-Frankfurt-©-Marc-Babej-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6107" class="wp-image-6107 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Marc-Babej-Ehrung-der-Selbstmoerder-2015-Fotografie-1016-x-76-cm-Juedisches-Museum-Frankfurt-©-Marc-Babej-201x300.jpg" alt="" width="201" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Marc-Babej-Ehrung-der-Selbstmoerder-2015-Fotografie-1016-x-76-cm-Juedisches-Museum-Frankfurt-©-Marc-Babej-200x298.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Marc-Babej-Ehrung-der-Selbstmoerder-2015-Fotografie-1016-x-76-cm-Juedisches-Museum-Frankfurt-©-Marc-Babej-201x300.jpg 201w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Marc-Babej-Ehrung-der-Selbstmoerder-2015-Fotografie-1016-x-76-cm-Juedisches-Museum-Frankfurt-©-Marc-Babej-400x596.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Marc-Babej-Ehrung-der-Selbstmoerder-2015-Fotografie-1016-x-76-cm-Juedisches-Museum-Frankfurt-©-Marc-Babej-600x894.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Marc-Babej-Ehrung-der-Selbstmoerder-2015-Fotografie-1016-x-76-cm-Juedisches-Museum-Frankfurt-©-Marc-Babej-687x1024.jpg 687w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Marc-Babej-Ehrung-der-Selbstmoerder-2015-Fotografie-1016-x-76-cm-Juedisches-Museum-Frankfurt-©-Marc-Babej-768x1144.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Marc-Babej-Ehrung-der-Selbstmoerder-2015-Fotografie-1016-x-76-cm-Juedisches-Museum-Frankfurt-©-Marc-Babej-800x1192.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Marc-Babej-Ehrung-der-Selbstmoerder-2015-Fotografie-1016-x-76-cm-Juedisches-Museum-Frankfurt-©-Marc-Babej-1031x1536.jpg 1031w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Marc-Babej-Ehrung-der-Selbstmoerder-2015-Fotografie-1016-x-76-cm-Juedisches-Museum-Frankfurt-©-Marc-Babej-1200x1788.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Marc-Babej-Ehrung-der-Selbstmoerder-2015-Fotografie-1016-x-76-cm-Juedisches-Museum-Frankfurt-©-Marc-Babej-1375x2048.jpg 1375w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Marc-Babej-Ehrung-der-Selbstmoerder-2015-Fotografie-1016-x-76-cm-Juedisches-Museum-Frankfurt-©-Marc-Babej-scaled.jpg 1718w" sizes="(max-width: 201px) 100vw, 201px" /></a><p id="caption-attachment-6107" class="wp-caption-text">Marc Babej, Ehrung der Selbstmörder, 2015, Schwarz-Weiß-Fotografie, 101,6&#215;72 cm, Jüdisches Museum Frankfurt am Main. © Marc Babej.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Viele Objekte und Bilder werden von Statements der Besucherinnen und Besucher begleitet. Ich möchte als Beispiel nur eines zitieren, das Statement von Lothar, einem Techniker zu einer Schwarz-Weiß-Fotografie von <a href="https://marcerwinbabej.com/">Marc Babej</a> aus dem Jahr 2015. Marc Babej zeigt Gräber von Personen, die sich in der NS-Zeit der drohenden Deportation durch Suizid entzogen haben, im Katalog enthalten ist das Bild des Ehepaars Dr. Karl und Jenny Kahn, die sich am 11. Juni 1942 der Deportation durch Suizid entzogen, und den beiden jungen ihrer gedenkenden Frauen (Enkelinnen vielleicht?): <em>„Die Frauen auf dem Bild faszinieren mich und irritieren mich. Sind sie Todesengel? Sind sie Boten aus der Unterwelt? Das Schicksal von Jenny und Karl Hahn erschreckt mich. Wollten sie wirklich schon sterben? Oder war ihre Lage so schrecklich und so ausweglos, dass sie den Tod als einzigen Ausweg sahen? Ich weiß nicht, ob ich den Mut hätte, mich umzubringen. Aber ich bin davon überzeugt, dass niemand das Recht hat, andere zu verurteilen, die voller Verzweiflung diesen Schritt gehen</em>.“</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Eine Ausstellung wird lange vorgeplant. Ausstellungstexte müssen schon etwa ein halbes Jahr vor der Eröffnung feststehen. Das heißt, die Texte sind keine Texte wirklicher Besucherinnen und Besucher dieser Ausstellung. Sie wurden nicht von uns, aber von potenziellen Besucherinnen und Besuchern geschrieben. Wir haben im Vorfeld der Ausstellung verschiedene Gruppen kontaktiert, Schulklassen, Studierende, Hospizgruppen, Altersheime, mit der Bitte, ein Objekt auszusuchen und dazu einen Text zu verfassen. Die Aufgabe war keine wissenschaftliche Recherche, es sollte ein persönlicher Text werden. Was sehe ich, was empfinde ich, woran erinnert mich dies? Wir erhielten etwa 200 Texte, aus denen wir eine Auswahl getroffen haben. Im Katalog haben wir die ausgewählten Texte den Objekten zur Seite gestellt. Dasselbe haben wir in der Ausstellung gemacht. Wir haben diese Texte so gedruckt, dass sie sich von unseren wissenschaftlichen Erläuterungen unterscheiden. Mit diesen Texten haben sie die Ausstellung mitgebaut, indem sie ihre Persönlichkeit hineinbrachten. Man nennt dies ein „Audience Development Projekt“. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein partizipatives Verfahren. Im Begleitbuch, dem Katalog, beschreibt Duygu Rana Heinz, eine an das Jüdische Museum abgeordnete Lehrerin, die Vorgehensweise dieser Methode. Sie vermerkt, <em>„dass vor allem Kinder und Jugendliche, unabhängig von ihrem Vorwissen und ihrer Erfahrung, uns durch und über die Kunst viel zu sagen hatten.“ </em>Im Grunde haben diejenigen, die die Ausstellung konzipiert hatten, so <em>„die Deutungshoheit über ausgestellte Kunst freigegeben.“</em></p>
<p>Darf ich zum Abschluss unseres Gesprächs das beeindruckende Foto einer Performance auf dem Gelände des Nova-Festivals hervorheben?</p>
<div id="attachment_6116" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/TOD4-25-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6116" class="wp-image-6116 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/TOD4-25-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" /></a><p id="caption-attachment-6116" class="wp-caption-text">Das Bild zeigt DJ Skazi am 28. November 2023 vor den Bildern der am 7. Oktober 2023 von der Hamas ermordeten und verschleppten Teilnehmer:innen des Nova-Festivals in Re&#8217;im, nahe der Grenze zwischen Israel und Gaza. Foto:  Yonatan Sindel.</p></div>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Es handelt sich um ein Foto, das wir in den sozialen Medien gefunden haben. Es zeigt das Gelände des Nova-Festivals, das bei dem Angriff der Terroristen und Zivilisten aus Gaza am 7. Oktober 2023 besonders im Fokus stand. Es wurde schwer überfallen. Über 250 Menschen wurden ermordet, etwa 50 wurden als Geiseln nach Gaza verschleppt, unendlich viele verletzt. Wir haben dieses Gelände immer wieder vor uns gesehen. Einige Wochen später </em><a href="https://www.youtube.com/watch?v=Uoi-1nZX7P8"><em>kommt DJ Skazi auf das Gelände und legt noch einmal die Techno-Musik auf, die auf dem Festival gespielt wurde</em></a><em>. Auf dem Platz, wo das Publikum stand, stecken jetzt Holzpfähle im Boden mit Fotos und Namen der Ermordeten. Auch das ist ein Akt des Gedenkens, eine traditionelle jüdische Vorstellung, dass man durch die Nennung der Namen gedenkt, an Stelle eines großen Denkmals. Inzwischen gibt es viel mehr Holzpfähle mit den Fotos und Namen auf dem Gelände. Viele Angehörige kommen dorthin, legen persönliche Gegenstände der Ermordeten ab, viele Teddybären, Blumen, bemalte Steinchen. Jedes der Bilder auf den Pfählen ist reich bestückt. Wir wollten das in der Ausstellung zeigen, auch als Zeichen neuer Gedenkformen, die vermeintlich erst einmal dem traditionellen Gedenken nicht entsprechen, indem man vielleicht nicht das Kaddish aufsagt, sondern es so macht, wie es die Techno-Leute gemacht haben, aber sich dennoch an jüdische Traditionen anlehnen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Man kann die Musik auch hören.</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Es gibt einen Mediaguide, den man sich hochladen oder auch im Museum ausleihen kann. Mit diesem Guide bekommt man an einigen Stellen vertiefendes Material und an der Station des Gedenkens an die Opfer des 7. Oktober kann man das Musikstück hören, das dieser DJ dort aufgelegt hat.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Mai 2025, Internetzugriffe zuletzt am 12. Mai 2025. Titelbild: Die Kuratorin Sara Soussan in der Ausstellung „Im Angesicht des Todes“. Jüdisches Museum Frankfurt am Main. Foto: Renate Hoyer. Alle weiteren Objekte sind in der Ausstellung und zum Teil auch im Begleitband zu sehen.)</p>
<p>P.S. am 6. Juli 2025: Die Ausstellung endete am 6. Juli 2025. Umso mehr ist ein &#8211; und vielleicht nicht nur ein &#8211; Blick in das bei Hentrich &amp; Hentrich erschienene Buch zu empfehlen.</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Selbstwirksamkeit schafft Resilienz</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 14 Apr 2025 08:55:04 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Selbstwirksamkeit schafft Resilienz Ein Gespräch mit Marina Weisband (nicht nur) über die Bundestagswahl 2025 „Demokratie ist ja letzten Endes die Herrschaft durch uns alle. Das jedoch widerspricht unserer Sozialisierung als passive Konsumenten. In der Schule drückt sich das darin aus, dass wir gesagt bekommen, wann wir wo zu sitzen und worauf wir 45 Minuten  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-5 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-4 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-5" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Selbstwirksamkeit schafft Resilienz</strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit Marina Weisband (nicht nur) über die Bundestagswahl 2025 </strong></h2>
<p><em>„Demokratie ist ja letzten Endes die Herrschaft durch uns alle. Das jedoch widerspricht unserer Sozialisierung als passive Konsumenten. In der Schule drückt sich das darin aus, dass wir gesagt bekommen, wann wir wo zu sitzen und worauf wir 45 Minuten unsere Aufmerksamkeit zu lenken haben. Und genauso verhalten wir uns dann auch in Bezug auf Politik, von der wir erwarten, dass sie ‚liefert‘ – ganz so, als seien wir Kunden, die etwas bestellt hätten. Demokratische Politik ist aber kein Bestellkatalog, sondern ein Aushandlungsprozess.“ </em>(Marina Weisband, <a href="https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/demokratie-jenseits-von-wahlen-2024/552907/einstiegsdroge-in-die-demokratie/">„Einstiegsdroge in die Demokratie“</a>, in einem Telefoninterview mit Till Schmidt am 3. September 2024, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 12. Oktober 2024)</p>
<p>Im Frühjahr 2024 erschien „Die neue Schule der Demokratie“, dass die Psychologin und Publizistin <a href="https://marinaweisband.de/">Marina Weisband</a> gemeinsam mit Doris Mendlewitsch geschrieben hatte (Frankfurt am Main, S. Fischer, 2024). Das Buch stellt das von ihr geleitete <a href="https://www.aula.de/">aula-Projekt</a> vor, Untertitel: <em>„Wilder denken, wirksam handeln“</em>. Der Untertitel erinnert an den Arthur Schnitzler zugeschriebenen und in manchen fortschrittlichen Bewegungen gerne zitierten Aufruf kennen: <em>„Lebe wild und gefährlich!“</em> Es ist zurzeit nicht ungefährlich, sich öffentlich für die freiheitliche Demokratie und gegen faschistische Tendenz zu engagieren. Um dies erfolgreich zu tun, müssen wir – so Marina Weisband –von <em>„Konsumenten“</em> zu <em>„Gestaltern“ </em>werden. Politik für Kinder und Jugendliche muss zu einer Politik von und mit Kindern und Jugendlichen werden. Kinder und Jugendliche sind keine Objekte, sondern Subjekte der Politik. Dies gilt nicht nur für Kinder und Jugendliche, dies gilt für uns alle. Auf der didacta 2025 sollte Marina Weisband zur Bildungsbotschafterin gekürt werden. <a href="https://marinaweisband.de/standhaftigkeit-ist-wenn-es-weh-tut/">Sie lehnte dies ab</a>, weil die didacta die AfD auf der Messe mit eigenem Stand zugelassen hatte.</p>
<h3><strong>Folgen und Gefahren einer Selbstentmächtigung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich schlage vor, dass wir unser Gespräch mit Ihrer Einschätzung der Ergebnisse der Bundestagswahl beginnen.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Es war nicht die große Zäsur in der deutschen Geschichte. Ich denke, das wird die nächste Wahl sein. Bisher war ich vom Wählen als Vorgang fasziniert. Als ich nach Deutschland kam und als ich zum ersten Mal gewählt habe, hat mich das völlig geflasht. Den Wahltag habe ich immer als eine Art Feiertag gestaltet. Ich habe mich hübsch angezogen und bin mit meinem Mann, später dann auch mit meiner Tochter, zum Wahllokal gegangen. Aber ich habe noch nie so ungern gewählt wie dieses Mal. Der Grund: Diese Wahl war für keine Partei, für keine Seite, für kein Medium eine Wahl, die etwas mit Zukunftsthemen zu tun gehabt hätte. Zukunft fand bei dieser Wahl nicht statt. Das ist das Erschreckende für mich. Der Aufstieg des Populismus, die ökonomischen Schwierigkeiten, vor denen wir jetzt stehen, alles, was die Weltlage um uns herum begleitet, ergibt sich auch ein Stück daraus. Wenn niemand mehr Angebote macht, wie wir in Zukunft leben können, sind wir nur noch in einem Dagegen gefangen. Und das ist nie ein kluger Ausgangspunkt für Politik.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Diese Entwicklung ließ sich <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/hasenfuesse-und-kaninchen/">schon bei den Europawahlen</a> feststellen. Kurz zuvor hatten wir <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/radikal-demokratisch-paedagogisch/">über Ihr Buch zum aula-Projekt gesprochen</a>. Grüne und SPD machten eigentlich nur Wahlkampf gegen Rechts, CDU / CSU Wahlkampf gegen die Ampel, die FDP irgendwie auch und damit auch gegen sich selbst. Denselben Fehler machte Kamala Harris in ihrem Wahlkampf gegen Donald Trump, zumindest in der zweiten entscheidenden Phase des Wahlkampfes.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Es fehlt an Ideen, es fehlt an Politik. Wir haben keine Politik, wir haben Verwaltung. Politiker:innen schauen, wo sind die Mehrheiten, und sie eifern diesen Mehrheiten technokratisch hinterher. Wenn die Leute Abschiebungen wollen, schauen sie, wie wir möglich viele Abschiebungen machen. Auf der anderen Seite haben wir Leute, die vorgeben, Ideen zu haben, aber in Wirklichkeit nur eine diffuse Unzufriedenheit äußern. Positive Ideen sehe ich wenig: Was will ich eigentlich erreichen, wenn ich meine Lebenszeit im Bundestag einsetze? Das ist ein sehr grundlegendes Problem für die Demokratie.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Den Wahlerfolg der Linken, die bei der Europawahl mehr oder weniger vor der Auflösung stand, führe ich darauf zurück, dass sie die einzige Partei war, die auf ihren Plakaten konkrete Themen benannte und das auch noch recht witzig formuliert.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das ist das eine. Die Linke war aber auch die einzige Partei, die es geschafft hat, die politische Energie, die gegen Rechts auf der Straße war, politisch aufzunehmen und umzusetzen und in weiten Teilen glaubwürdig zu vertreten: „Wir sind eine antifaschistische Partei“. Das beißt sich da, wo sie Putins Faschismus übersehen, da sind sie nicht konsequent. Die Grünen hätten diese Energie ebenfalls abgreifen können. Sie waren die Partei, die das Hauptziel der Angriffe war. Aber statt sich hinzustellen und zu sagen, ja, wir sind die antifaschistische Partei, wir sind der Hauptgegner von rechtsgerichteten Bewegungen, von autoritären Bewegungen, hat Robert Habeck, mir unerklärlicherweise, diesen Zehn-Punkte-Plan vorgelegt, sodass die Leute, die keinen Rassismus wählen wollen, auch davon nicht überzeugt waren.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Den Vorschlag hatte Robert Habeck meines Erachtens ohne Not geschrieben. <em>  </em></p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Ich verstehe die Strategie dahinter nicht. Wenn es eine gab.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht eher nicht. Ich habe den Eindruck, die demokratischen Parteien, auch die Grünen, verhielten sich in diesem Wahlkampf wie Getriebene.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Es gibt im Moment zwei politische Strömungen. Die eine hechelt Umfragen hinterher, die andere hat verstanden, dass man Mehrheiten erzeugen kann. Die Parteien der politischen Mitte, von der Linken bis zur CDU, sind damit beschäftigt, herauszufinden, was die Leute wollen, ohne zu verstehen, dass Mehrheiten nicht auf Bäumen wachsen und schon gar nicht gottgegeben sind. Wir bekommen keine Eingebungen, woher auch immer. Es ist die Aufgabe von Politiker:innen, ihre Standpunkte zu argumentieren, sich Mehrheiten zu schaffen. Es ist die Aufgabe von Medien, diese Mehrheiten nicht nur abzubilden. Medien formen Mehrheiten. Wenn ich 24/7 nur noch über kriminelle Migranten schreibe, brauche ich mich nicht zu wundern, dass viele Menschen dieses Thema für wichtig erachten, auch wenn es viele Themen gibt, die für ihr tägliches Leben wichtiger sind.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bei Rechtsextremisten heißt es immer, das war ein Einzeltäter, bei migrantischen Tätern, das war die ganze Gruppe. Das eigentliche Problem ist das unkoordinierte Wissen von Sicherheitsbehörden. Alle wussten irgendetwas, aber es wurde nicht zusammengeführt. Wäre dies geschehen, wäre so mancher Mord verhindert worden. Und warum müssen so viele Zugewanderte Monate, wenn nicht Jahre warten, bis ihre Abschlüsse anerkannt, ihre Verfahren abgeschlossen werden können? Das sind nur zwei der Fragen, die wir beantworten müssten.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Wenn wir über Migration sprechen, sagen mir viele, auch Grüne, ja, es gibt ja wirklich echte Probleme, ja, das stimmt. Aber warum reden wir nicht darüber, dass Kommunen viel zu viel Verantwortung und viel zu wenig Geld haben? Warum reden wir nicht über psychologische Prävention? Wir sprechen schon lange nicht mehr über Prävention von Fluchtursachen, nicht über Kooperation von Behörden, nicht über die Anerkennung von Abschlüssen von Migrant:innen oder über Arbeitserlaubnisse von Asylbewerber:innen oder geduldete Personen. Alles hat sich nur auf das Thema Abschiebungen versteift. Weder die Medien noch die Parteien der Mitte widersprechen. Als wenn Abschiebungen zu mehr Sicherheit führen würden! Diese Annahme wird jedoch als Erzählung unangetastet gelassen und nicht hinterfragt. Weil alle so getrieben sind, so furchtbar ängstlich. Alle haben so viel Angst! Und Angst ist so ein schlechter Berater.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Genau dies hat <a href="https://www.ardmediathek.de/video/auf-dem-nockherberg/die-fastenrede-2025-von-maximilian-schafroth/br/Y3JpZDovL2JyLmRlL2Jyb2FkY2FzdC9GMjAyNVdPMDAwMzc3QTAvc2VjdGlvbi85ZDdjNTY0YS0zNTkwLTQxOTAtYTVhNy1hMzZiYjgwZDQ2M2E">Maximilian Schafroth in seiner Rede auf dem Nockherberg am 11. März 2025</a> mindestens fünf Mal gesagt, ihr lasst euch alle nur von der Angst treiben. Die anwesenden Politiker:innen, allen voran Markus Söder, waren nicht so begeistert.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Es gibt gute psychologische Untersuchungen, was gerade ökonomisch unsichere Situationen bewirken. Hintergrund des Problems: Wir sind in einer Negativspirale aus ökonomischer Unsicherheit, wählen also angstgetrieben und kurzsichtig. Daraus entsteht eine kurzsichtige und angstgetriebene Politik, von der hauptsächlich Leute profitieren, die Gelder von unten nach oben verteilen, was aber die ökonomische Lage nicht stabilisiert, weil eine solche Politik nicht strategisch und perspektivisch gedacht wird. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Politiker:innen werden zum Spiegelbild angstgetriebener Bürger:innen und sie selbst sind für diese wachsende Angst verantwortlich, die sie gerne als <em>„Sorgen der Bürger“</em> adressieren, denen man gerecht werden müsste. So entsteht eine Art negative Selbstwirksamkeit.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das heißt, unsere ökonomische Zukunft wird noch unsicherer und diese Unsicherheit führt weiterhin dazu, dass wir kurzsichtige Politik machen. Ich denke aber, wir haben den Anspruch, dass die Menschen, die sich um die höchsten Positionen in diesem Land bewerben, nicht auf diesen Mechanismus hereinfallen, sondern dass sie so professionell sind, dass sie tatsächlich worst cases durchdenken, sich darauf vorbereiten, langfristige strategische Ziele setzen und diese erklären können. Stattdessen heißt es immer wieder: „Das können wir den Menschen nicht zumuten.“ Doch: Das ist buchstäblich deine Berufsbeschreibung. Wenn du als Politiker:in meinst, den Menschen das, was du willst, nicht erklären zu können, hast du deinen Beruf verfehlt.    </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Politik wird auf einen Lieferdienst reduziert.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Genau das. Die Ampel liefert nicht mehr, als wären wir Kund:innen von irgendetwas, das wir nicht bestellt haben. Das ist auch eine Selbstentmächtigung. Ach, die Zeiten sind so schlimm und die da oben machen gar nichts. Und dann sitzen wir hier und sind so hilflos und können nur beten, dass – keine Ahnung – die SPD irgendetwas macht. Wir machen uns selbst zu Kindern. Völlig unnötig.</em></p>
<p><em>Als Zivilgesellschaft haben wir viel Stärke. Wir haben auch die Verantwortung und wir können nicht immer warten, bis der Politiklieferservice irgendein gutes Produkt bereitstellt.</em></p>
<h3><strong>Die prekäre Lage der Zivilgesellschaft</strong></h3>
<p><strong> Norbert Reichel</strong>: Ich nenne einmal Gegenbilder: Die Demonstrationen, die wir zurzeit in der Slowakei, in Georgien, in Serbien oder in Argentinien erleben, demnächst mit Sicherheit auch in den USA. Da gibt es zivilgesellschaftlichen Widerstand gegen eine autoritäre Politik, die nur das Wohl der Reichen und Mächtigen betreibt. In Deutschland habe ich den Eindruck, dass es zwar immer wieder anlassbezogenen zivilgesellschaftlichen Widerstand mit eindrucksvollen Demonstrationen gegen Rechts gibt, aber doch eine verlässliche und wirksame Strategie fehlt, vielleicht auch ein klares Ziel, wie Gesellschaft werden könnte.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Eine Demonstration auf der Straße ist zwangsläufig immer ein kurzfristiger Akt. Wenn sich solche Demonstrationen über mehrere Monate hinziehen, geschieht dies immer aus Verzweiflung. Ich habe das 2014 auf dem Maidan erlebt, als Menschen drei Monate lang auf der Straße gewohnt haben. Das lag einfach daran, dass sie buchstäblich nichts mehr hatten, wohin sie zurückkehren konnten. Das ist in Deutschland noch anders. </em></p>
<p><em>Ich werfe den Demonstrierenden nicht vor, dass sie nicht buchstäblich als Teilzeitjob auf der Straße stehen. Das wäre auch nicht nachhaltig. Wenn ich von zivilgesellschaftlichem Engagement spreche, spreche ich von Demonstrationen als der kurzfristig sichtbarsten Variante. Ich spreche aber auch von Engagement in Gewerkschaften, in Parteien, in Verbänden, ich spreche von Vernetzung, ich spreche von kommunalpolitischem Engagement. Es gibt zehntausend Arten, wie wir uns in der Gesellschaft engagieren können. Jede Verbindung von Menschen, die sich miteinander solidarisieren, sei es, weil sie im gleichen Verein sind, in der gleichen Gewerkschaft, wo auch immer, all das wird Faschismus schwächen und nimmt uns Angst. Denn wir uns zusammenfinden, haben wir weniger Angst. Das sind alles notwendige Mittel. Der Protest auf der Straße allein ist die Spitze des Eisbergs, aber es noch nicht das Bilden nachhaltiger Strukturen, um einem Regime zu trotzen, das dann fünf oder zehn Jahre regiert.   </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Deutschland und in den meisten europäischen Staaten geht es nicht darum, einem Regime zu trotzen, sondern der Gefahr zu trotzen, dass es ein solches Regime geben könnte. Ist das nicht eine völlig andere Situation?</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Nicht ganz. Denn wenn diese Gefahr besteht, muss man davor die Strukturen schaffen, die einen solchen Prozess überleben können. Denn sobald eine autoritäre Regierung an der Macht ist, ist es dafür zu spät. Denn dann nimmt sie einem die Mittel, sich gegen sie zu vernetzen. Das ist das Allererste, das eine autoritäre Regierung tut. Wir erleben zurzeit in den USA, </em><a href="https://www.tagesspiegel.de/wissen/ich-dachte-die-usa-seien-immun-gegen-diktatur-sieben-forscher-erzahlen-was-trump-mit-ihren-laboren-macht-13282060.html"><em>wie dort Wissenschaftsfreiheit eingeschränkt wird</em></a><em>, wie Versammlungsfreiheit eingeschränkt wird. Wir hatten jetzt die erste </em><a href="https://www.hna.de/politik/trump-initiiert-inhaftierung-von-palaestinensischen-aktivisten-ich-habe-ihn-beobachtet-zr-93621582.html"><em>Verhaftung eines jungen Mannes ohne Angabe von Gründen oder des Vorwurfs einer konkreten Straftat</em></a><em>. Es ging nur um seine Einstellung, seine Teilnahme und seine Rolle bei der Organisation pro-palästinensischer Demonstrationen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Hinzu kommt eine Art Damnatio Memoriae von Menschen, die der Trump-Regierung nicht passen. <a href="https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/zu-woke-fuer-trump-pentagon-laesst-26-000-bilder-der-streitkraefte-loeschen-110351572.html">Betroffen sind im Pentagon sogar Kriegshelden der Vergangenheit</a>. Oder die DEI-Kampagnen mit der Streichung von Mitteln für alle, die sich wissenschaftlich mit <em>„Diversity, Equity, Inclusion“</em> befassen.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Man muss sich anschauen, was die Leute der Trump-Regierung als DEI bezeichnen. Dazu gehört dann jede Person, die nicht ein weißer Mann ist. Der Peak der Kampagne war zuletzt das Logo einer Firma, das ein Baby enthielt, das aus Guatemala stammte. Es wurde als „DEI-Baby“ bezeichnet. Dann heißt es, das Baby wäre nur für die Quote da, es hätte es nicht aufgrund einer Qualifikation auf das Bild geschafft.</em></p>
<p><em>Ich frage, was ist aus euren Augen ein „qualifiziertes Baby“. Das ist doch purer Rassismus: Unqualifiziert ist alles, was nicht weiß ist. Die Erzählung ist überall die gleiche. Wir dürfen sie nicht isoliert betrachten. Wir dürfen nicht so tun, als wenn das, was in Russland seit 25 Jahren, heute in den USA und in vielen europäischen Ländern geschieht, etwas Verschiedenes wäre. Es drückt sich sicherlich unterschiedlich aus, aber die Bewegung, die dahintersteckt, ist nicht nur strukturell das Gleiche. Es sind auch dieselben Akteure. Sie tauschen Geld aus. Sie tauschen Personal aus. Sie sind international eng vernetzt. Auch in den sozialen Netzwerken. </em></p>
<p><em>Warum bereite ich mich so sehr darauf vor, dass die Stimmung in Europa kippt? Unsere politische Willensbildung basiert massiv auf sozialen Netzen. Auch unser klassischer Journalismus. Die sozialen Netze gehören privaten Multimilliardären, die sich inzwischen mit dem amerikanischen Faschismus gleichschalten. Das wird Einfluss auf unsere Wahlen haben. Wir müssen dies als Gefahr erkennen. Ich sage hier nicht, alles ist verloren. Aber wir können nicht gut kämpfen, wir können nicht zielgerichtet dagegenhandeln, wenn wir das Problem nicht analysieren.</em></p>
<p><em>Das Problem: Unser politischer Diskurs beruht auf privaten Plattformen, die dazu gemacht sind, Stimmung zu manipulieren. Und diejenigen, die Stimmung gerade manipulieren, sind auf den Rechtskurs eingeschwenkt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die BILD-Zeitung machte das als Printmedium in Deutschland schon immer. Sie brauchte keine sozialen Medien, war im Grunde selbst eines avant la lettre.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Man könnte behaupten, es war schon immer ihre Aufgabe. Die BILD, die WELT versuchen, neue FoxNews zu werden. Es gibt auch Blüten, die übertragen werden, wo Worte Bedeutung verlieren. Dort beginnt Orwell. Wenn zu mir beispielsweise jemand sagt, der da ist Antisemit, weiß ich nicht mehr, ob das jemand ist, der in seiner Freizeit Juden verprügelt, oder ob es jemand ist, der sagt, in Gaza sollen nicht so viele Kinder bombardiert werden. Die Rechte versucht zu definieren, dass jeder, der für Netanjahu ist, kein Antisemit sein kann, und jeder, der gegen die Regierung Netanjahu ist, ein Antisemit sein muss. Das führt dazu, dass </em><a href="https://www.timesofisrael.com/liveblog_entry/trump-chuck-schumer-used-to-be-jewish-but-is-now-a-palestinian/"><em>Trump über den jüdischen Senator Chuck Schumer gesagt hat, er war mal Jude, jetzt ist er Palästinenser</em></a><em>. Wir kommen in begriffliche Umdeutungen. Das müssen wir beobachten und benennen, sonst fallen wir darauf herein.</em></p>
<p><em>In Redaktionen muss es eine Bewegung geben, dass wir nicht mehr etwas unbesehen von X als Nachricht zitieren, weil wir damit einer Institution die Freiheit geben, dass sie uns selbst und unsere Freiheit abschafft.  </em></p>
<h3><strong>Unsere Pflicht als Demokraten</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie haben in Ihren Büchern, Ihren Vorträgen und Statements immer wieder eine Strategie gegen diesen pro-autoritären Rechtskurs eingefordert. Wie könnte diese Strategie aussehen? Die Linke profitierte bei der Bundestagswahl vom 23. Februar 2025 unter anderem von der Reichweite von <a href="https://heidi-reichinnek.de/">Heidi Reichinnek</a> in den sozialen Medien? Dazu kamen ein intensiver Haustürwahlkampf und inhaltlich anspruchsvoll und witzig gehaltene Plakate, die fast alle die viele Menschen bewegenden sozialen Themen sichtbar machten. Der linke Bundestagskandidat aus Bonn, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-ideelle-gesamtmarxist/">Jürgen Repschläger</a>, sagte mir vor einigen Tagen, man wolle jetzt zur Vorbereitung der Kommunalwahlen im September systematisch in die Stimmbezirke gehen, in denen die AfD viele Stimmen erhalten hätte.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das ist eine gute Strategie, <u>eine</u> gute Strategie. Das andere ist etwas, das die AfD seit Jahren macht, ganz besonders in Ostdeutschland. Sie gleicht dort viele Strukturen aus, die der Staat und die demokratische Zivilgesellschaft vernachlässigt haben. Sie stellen ehrenamtliche Trainer:innen in Sportvereinen, sie engagieren sich in der Freiwilligen Feuerwehr, sie helfen Leuten bei der Ausfüllung von Bürgergeldanträgen. Sie versuchen, Stellen zu besetzen, die ganz vielen Menschen in ihrem Leben ganz praktisch helfen. Das haben andere politische Akteure verpasst. Ein zweiter Punkt: Wir brauchen zivilgesellschaftliche Vernetzung, Vernetzung an der Basis. Da werden Gewerkschaften eine ganz zentrale Rolle spielen.    </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Für all diese Tätigkeiten wird oft der Begriff der <em>„Kümmerer“</em> verwendet. Aber hat man diese Strukturen nicht alle schon lange aufgegeben? Kann man die überhaupt flächendeckend wieder neu schaffen? Nicht nur in Ostdeutschland. Man muss sich nur die Wahlergebnisse im Ruhrgebiet nördlich der A 40 anschauen. Früher leisteten das dort die SPD-Ortsvereine, gemeinsam mit Gewerkschaften, AWO und Vereinen. Davon ist heute kaum noch etwas übrig. Auch ein Ergebnis der Parteireform von Schröder und Müntefering. Und nicht zuletzt einer falsch verstandenen Digitalisierung. Früher besuchte der Kassierer die Leute für den Parteibeitrag, man trank einen Kaffee oder ein Bier zusammen, heute erfolgt dies per Einzugsermächtigung oder Dauerauftrag. All diese persönlichen Kontakte waren aber wichtig für den Zusammenhalt. Traditionelle SPD-Bezirke leiden darunter, dass die Wahlbeteiligung dort deutlich gesunken ist, in Köln-Chorweiler zum Beispiel auf 19,5 Prozent.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong> (mit leicht resignierender Stimme): <em>Wir müssen diese Strukturen neu bauen. </em>(wieder im üblichen engagierten Sprechmodus) <em>Die Leute bekommen als erstes das mit, was ihren Alltag betrifft, das, was sie fühlen, und wer ihre Bedürfnisse merkt. Das müsste eigentlich ein Weckruf für eine soziale Politik sein. Das sind soziale Aufgaben, die da übernommen werden. Die AfD macht das, um Stimmung zu machen, weil das in ihren Strategiepapieren so drinsteht. Aber das sind Aufgaben, die ein gesunder Staat leisten muss. Das gehört zu meinem zweiten Punkt. Wir müssen uns zivilgesellschaftlich organisieren und vernetzen. Das Trainieren einer Fußballmannschaft ist auch politisches Engagement, die Hilfe beim Ausfüllen eines Bürgergeldantrags ist auch politisches Engagement, das Einkaufen für die ältere Nachbarin ist politisches Engagement. </em></p>
<p><em>Und wenn die Leute etwas Rassistisches sagen, sollten wir nicht versuchen, sie mit Fakten zu widerlegen. Das machen viele Akademiker:innen gerne. Sie predigen und glauben, wenn die Leute nur mehr wüssten, wären sie auch gleich weniger rassistisch. Das ist nicht so. </em></p>
<h3><strong>Die Menschen annehmen – die Ideologie ablehnen</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bildung ist leider nicht die Lösung, oder?</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Die Lösung ist, den Menschen annehmen und seine Ideologie ablehnen. Beides in einer radikalen Art. Ich rede nicht über deinen Rassismus, aber ich werde dich fragen, wie es dir geht. Und ich werde dich ernst nehmen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es hilft nichts, wenn ich jemanden, der faschistische oder faschistoide Ansichten vertritt, als faschistisch bezeichne. Das werden die Angesprochenen sofort abstreiten und das Argument umdrehen und mich als den eigentlichen Faschisten brandmarken. Das macht Putin ja auch recht erfolgreich, wenn er Selenskyj als Faschisten oder gleich als Nazi bezeichnet.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Wie ich vorgehe, hängt von der individuellen Beziehung und der jeweiligen Situation ab. Ich mache das seit vielen Jahren mit meinen Verwandten. Es ist nicht immer leicht. Wenn jemand rassistische Ansichten äußert, sage ich immer klar: Darüber möchte ich mit dir nicht reden.</em></p>
<p><em>In einer Talkshow ist das anders. Ich werde dort keinen AfD-Vertreter treffen, weil ich solche Anfragen ablehne. Ich lehne sie nicht ab, weil ich nicht bereit bin, mit Menschen zu sprechen, die andere Ansichten haben. Aber die Talkshow ist in ihrer Struktur ungeeignet. Ich kann dort niemanden überzeugen, denn der Beruf eines AfD-Vertreters in einer Talkshow ist es, dass er mir nicht recht gibt. Er muss gewinnen. Und wenn wir beide mit dem Anspruch hineingehen, eine Diskussion gewinnen zu müssen, kann kein sinnvoller Austausch entstehen. Eine Talkshow ist etwas Performatives, eine Kampfarena. Wenn ich in eine Kampfarena gehe und dort darüber diskutiere, ob allen Menschen Würde zusteht, stelle ich dies selbst in Frage, selbst, wenn ich klar und deutlich vertrete, dass allen Menschen Würde zusteht. Aber ich mache das an dieser Stelle debattierbar, etwas, das nicht debattierbar ist.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Manche plädieren dafür, Begegnungen im Alltag zu organisieren, damit Menschen ihre Vorurteile abbauen könnten.</p>
<p><strong>Marina Weisband: </strong>Ich<em> will nicht dafür werben, dass queere Leute und Trans-Leute notwendigerweise mit Leuten Kontakt halten sollen, die ihre Existenz ablehnen, und nett zu ihnen sein sollen. Das ist nicht meine Absicht. Viele von uns haben aber Kontakt zu jemanden, der abdriftet. Die beste Vorsorge gegen dies Abdriften ist, wenn wir dazu die Ressourcen haben, einfach menschlich da zu sein. Das Schöne ist, man findet dann auch viele In-Groups. Ich bin mit vielen AfD-Wählenden einig darin, dass wir mehr demokratische Mitbestimmung brauchen. Sie bilden sich natürlich ein, dass die AfD dafür sorgen wird. Das wird sie ganz sicher nicht. Aber im Ziel bin ich mir mit ihnen einig. Oder wenn mir eine junge Frau sagt, sie hat Angst, wenn auf der Straße so viele Ausländer sind. Ich frage dann, kann es sein, dass du ein Problem hast mit Armut und Sexismus? Dann sind wir schnell auf einer Linie: Ja wir müssen beides bekämpfen. Das sind eher die Ansätze, die viel besser funktionieren als von der Kanzel zu predigen. </em></p>
<p><em>Gleichzeitig brauchen wir ein AfD-Verbot. Wir werden immer etwa 20 Prozent latente Rassisten in der Gesellschaft haben. Das hatten wir schon immer. Das werden wir nicht ändern können. Wir können aber verhindern, dass sie an die Macht kommen. Das ist unsere Pflicht als Demokraten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie leben in Münster, der Stadt, die immer die niedrigsten AfD-Ergebnisse hat, immer einstellig, dieses Mal erstmals leicht über fünf Prozent, aber mit ganz wenig Zugewinnen.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Münster ist ein Ort der Glückseligkeit. Wäre Münster nicht in Deutschland, hätte ich keine Zweifel, ob ich hierbleiben kann. Das liegt erstens daran, dass die Stadt im Vergleich zu anderen Städten relativ wohlhabend ist. Zweitens ist sie sehr gebildet, eine Universitätsstadt mit 40.000 Menschen an der Universität in einer Stadt von etwa 300.000 Einwohner:innen. Das verbindet uns auch mit den Protesten in der Slowakei. Da demonstrieren viele Studierende, Dozent:innen, gebildete Menschen. Wir sollten Bildung nicht unterschätzen. Bildung ist ein ganz großer Schutzfaktor für Demokratie. Deswegen versuchen autoritäre Kräfte auch, Bildung abzuschaffen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zumindest staatliche Bildung. Wie jetzt auch in den USA.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Sie versuchen Bildung zu verhindern, gerade für arme Menschen, für Frauen und Mädchen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Oder sie instrumentalisieren Bildung für ihre Zwecke. In Russland gibt es jetzt in den Schulen das <a href="https://www.dw.com/de/gespr%C3%A4che-%C3%BCber-wichtiges-patriotismus-lektionen-in-russlands-schulen/a-63684447">Fach „Gespräche über wichtige Dinge“</a>, in denen gelehrt wird, warum es richtig ist, dass Russland in die Ukraine einmarschiert ist, warum es wichtig ist, das Militär zu unterstützen. In Orwell’schem Newspeak ist ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg dann <em>„Patriotismus“</em>. Putin hat es geschafft, einen autoritären Staat in einen totalitären Staat zu verwandeln, der der Sowjetunion und dem nationalsozialistischen Deutschen Reich immer ähnlicher wird. Und wer sich das Vorgehen der Regierung in Florida und einigen anderen Staaten anschaut, wird feststellen, dass dort in den Schulen mehr oder weniger alles, das nicht dem Meinungsspektrum (sofern es überhaupt ein Spektrum ist) konservativster Republikaner entspricht, aus Lehrplänen und Schulbibliotheken entfernt wird. Sklaverei wird zum Beispiel zur beruflichen Qualifizierung von Afrikaner:innen umgedeutet. Es gibt in den USA auch schon lange Schulen, in denen die Evolutionstheorie nicht mehr gelehrt werden darf.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>All das ist nicht Bildung, sondern Propaganda.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auch so eine Umwertung im Sinne des Newspeak. Bei der Wagenknecht-Demonstration am 3. Oktober 2024 sagte jemand ganz treuherzig, Putin wolle doch nur dasselbe wie wir: <em>„Bildung und Infrastruktur“</em>.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Nein, das will er nicht. Die größten Teile von Russland haben weder Bildung noch Infrastruktur. Nirgendwo sonst gibt es so wenige Häuser wie in Russland, in denen es zum Beispiel eigene Toiletten gibt. Außerhalb von Moskau und St. Petersburg. Das können wir uns hier gar nicht vorstellen, wie wenig Infrastruktur es in Russland gibt. Ich weiß nicht, ob es eine ehrliche Idealisierung ist, an die die Menschen wirklich glauben, oder ob sie sich diese Geschichten selbst erzählen müssen. Wir dürfen nicht darauf hereinfallen. </em></p>
<p><em>Wir dürfen aber auch nicht so tun, als sei mit der Abschaffung von Faschismus bereits die Investition in Bildung und Infrastruktur getätigt. </em></p>
<h3><strong>Zivilgesellschaft braucht Sicherheit</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zivilgesellschaft braucht staatliche Garantien. Wie könnten die Parteien und die Regierung zivilgesellschaftliche Initiativen und Projekte unterstützen? Einerseits finanziell, andererseits aber ist es vielleicht in unseren Zeiten viel wichtiger zu sichern, dass zivilgesellschaftliche Akteure keine Angst haben müssen sich zu äußern, nicht befürchten müssen, von denen, die ihre Ansichten nicht teilen, angegriffen zu werden. Solche Angriffe sind zurzeit in einigen Regionen Alltag, Hausbesuche, Adressen werden ins Internet gestellt, körperliche Angriffe bis hin zu schwerer Körperverletzung. Das Ziel solcher Aktionen ist immer Einschüchterung.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das erste wäre, dass die CDU keine Kleinen Anfragen mehr stellen sollte, in denen die Gemeinnützigkeit von Organisationen in Frage gestellt wird, die das Grundgesetz verteidigen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die <a href="https://dserver.bundestag.de/btd/20/151/2015101.pdf">Antwort der Bundesregierung auf diese Anfrage</a> ist lesenswert.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das allerallererste: Zivilgesellschaftliche Organisationen brauchen Rechtssicherheit. Das zweite wäre die Verabschiedung eines Demokratiefördergesetzes im Deutschen Bundestag. Das stand schon in zwei Koalitionsverträgen, wurde aber immer noch nicht realisiert. In gemeinnützigen Nicht-Regierungsorganisationen gibt es viele Menschen, die im Ehrenamt arbeiten, die wichtige Aufgaben übernehmen, die eigentlich auch staatliche Aufgaben sein könnten. Es gibt nur wenige hauptamtlich tätige Menschen. Die Organisationen brauchen eine langfristige Perspektive. Stattdessen hangeln sie sich von Jahr zu Jahr. In den ersten fünf Jahren von aula musste ich mich jedes Jahr im Oktober arbeitssuchend melden, weil ich nicht wusste, ob wir im Januar genug Spenden zusammenbekommen, um unser Personal zu finanzieren. Es gibt zwar immer Anschubfinanzierungen, aber es gibt keine verlässliche Fortsetzung. Dann heißt es, dass man ein Business-Modell haben sollte, aber das haben gemeinnützige Organisationen per Definition nicht. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie sind qua Definition Non-Profit-Organisationen, sonst wären sie auch nicht gemeinnützig. Die Förderung gemeinnütziger Organisationen ist keine Wirtschaftsförderung.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Richtig! Es gibt aber keine Organisation, die sich darauf spezialisiert, angelaufene gemeinnützige Projekte weiter zu fördern. Jeder will ein neues Projekt. Das führt dazu, dass viele fähige Menschen in Deutschland damit beschäftigt sind sich zu überlegen: Wie formuliere ich die Fortführung meines Projekts so, als wäre es eine Neuerfindung, obwohl ich eigentlich nur die Arbeit, die vor Ort gebraucht wird, fortsetzen möchte. Aber das ist die Gesetzeslage.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Hinzu kommt, dass die Förderung von Demokratieprojekten als freiwillige Leistung gilt, die jederzeit eingestellt werden kann, wenn das Geld fehlt. In den letzten Bundeshaushalten und in vielen Landeshaushalten wurden die Mittel für solche Projekte deutlich reduziert, selbst für große Einrichtungen wie Bundes- und Landeszentralen für die politische Bildung. Das sind schon größere Einrichtungen mit einer Grundfinanzierung, das sind viele Demokratieprojekte vor Ort nicht. Wir bräuchten eine institutionelle und auf mehrere Jahre ausgelegte verlässliche staatliche Förderung, kurz: ein Demokratiefördergesetz, das Bund und Länder in die Pflicht nimmt. Der <a href="https://www.mkjfgfi.nrw/kinder-und-jugendfoerderplan-2023-2027-des-landes-nordrhein-westfalen">Kinder- und Jugendförderplan in Nordrhein-Westfalen</a> wäre ein mögliches Vorbild. Er enthält verlässliche Zahlen für den Zeitraum einer Legislaturperiode.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das zu erreichen, ist sehr sehr schwer. </em></p>
<h3><strong>Parteien müssen attraktiver werden</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zur Zivilgesellschaft gehören auch die Parteien.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Die Parteien könnten Engagement erhöhen, wenn sie selbst attraktiver werden. Das bedeutet vor allem: Mehr Durchlässigkeit für Neueinsteiger:innen. An der Basis einer Partei fühlt man sich oft als Hilfskraft für Leute, die schon 30 Jahre oder mehr Würstchen gewendet haben, den nächsten Schritt ihrer Karriere machen können. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Schön zugespitzt formuliert, aber so ist es.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Parteistrukturen befördern nicht immer die Fähigsten nach oben auf die Kandidatenlisten. Ich habe es bei den Piraten erlebt, teilweise auch bei den Grünen, welch enorme Vorteile es hätte, sich von der Denke zu verabschieden, ach, der oder die ist schon so lange dabei, die haben das verdient. Stattdessen müsste es heißen: Wer ist die fähigste Person, damit wir unsere gemeinsamen Ziele erreichen. Wir müssen fragen, wer die Ideen, die wir haben, am besten formulieren kann, wer charismatisch ist, wer Verständnis hat. Das wäre die Person, die wir nach vorne stellen sollten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bei SPD, CDU und CSU war es im Grunde schon lange so, jetzt auch bei den Grünen, dass Führungspositionen so gut wie ausschließlich mit Personen besetzt werden, die schon in jungen Jahren die Plakate geklebt haben, auf den Mitgliederversammlungen ständig präsent waren, schließlich Mitarbeiter:innen von Abgeordneten waren und dann eines Tages eben selbst dran waren, in einem Ministerium, in Fraktionen. Oft sind das Menschen, die nie etwas anderes kennengelernt haben als ihre eigene Partei und über keinerlei Lebens- und Berufserfahrung außerhalb der Politik verfügen.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>So koppelt man sich von der Gesellschaft ab. Ein solches System ist kaum geeignet, die Fähigsten in die Positionen zu befördern, in denen sie am besten wirken können. Die Kriterien, nach denen Politiker:innen auf Kandidaturlisten gelangen, sind völlig andere und nicht wirklich geeignet, die Gesellschaft und die Partei vorwärts zu bringen. Es gibt immer die Idee: Der hat sich das verdient!</em> <em>Viele Jahre dabei zu sein ist nicht die wichtigste Qualifikation, um eines der wichtigsten Ämter in diesem Land zu bekleiden. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Manchmal braucht es vielleicht einen Knall, damit die Leute etwas begreifen. Ich fand schon interessant, wie <a href="https://www.n-tv.de/politik/Ricarda-Lang-verabschiedet-sich-mit-knackiger-Rede-article25366540.html">Ricarda Lang</a> nach ihrem Rücktritt argumentierte. Sie sagte, es sei einfach falsch so zu tun, als habe man für alles die richtige und ein für alle Mal beste Lösung. Das ist aus meiner Sicht ein ganz zentraler Punkt, um gegen den Konsumismus in der Politik anzugehen.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Aber das wird abgestraft. Nicht zuletzt von der Presse. Es gibt viele Anreize von Seiten der Presse, die Politik behindern, auch seitens der Wähler:innen. Ich habe es in meiner Zeit bei den Piraten selbst erlebt, wie ich angefangen habe, Politikersprech zu benutzen. Immer mehr. Obwohl ich das nicht wollte. Ich wusste, dass jeder meiner Halbsätze zu einer Überschrift hochgejazzt werden konnte, für die sich dann alle meine Kolleg:innen an Infoständen rechtfertigen müssen. Ich weiß aber auch, dass die Journalist:innen, mit denen ich geredet habe, auch nicht wollten, dass ich Politikersprech benutze, aber sie haben Redaktionen im Nacken, die von ihnen verlangen: Schaffe eine interessante Schlagzeile. Damit die Finanzierung stimmt. Das ganze System wollte, dass Politiker:innen hohle Phrasen dreschen, und alle haben darauf hingearbeitet, dass genau das passiert.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die ganze Welt in 100 Zeichen.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Vielleicht braucht es wirklich einen Knall, weil es so schwierig ist, Menschen davon zu überzeugen, dass sich etwas verändern muss. Seit 15 Jahren beiße ich mir in die Ellbogen, weil Menschen das nicht begreifen. Ich fürchte, dass – wenn es einen Change by Design gibt – auch einen Change by Catastrophe gibt. Das Problem ist nur, eine Demokratie zu zerstören ist 100mal leichter als sie aufzubauen. Oder wieder aufzubauen. Wir riskieren gerade diese Zerstörung. Wir laufen darauf zu. Wir sind gerade im Prä-Faschismus.</em></p>
<p><em>Deshalb sage ich, wir müssen alles tun, um uns gegen diese Entwicklung zu wehren. Aber wir müssen auch heute schon, Samen in die Erde pflanzen, um uns auf übermorgen vorzubereiten. Denn morgen könnte wirklich dunkel sein.</em></p>
<h3><strong>Argumente für ein AfD-Verbot</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich hoffe, dass es bei dem Konjunktiv bleibt.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das hoffe ich auch. Ich lebe von Hoffnung. Gleichzeitig mit der Hoffnung bereite ich mich auf das Schlimmste vor. Ich bereite mich darauf vor, dass wir scheitern könnten. Wir müssen es in unsere Köpfe bekommen, dass auch das nicht das Ende von allem wäre. Geschichte geht weiter. </em>(Sie spricht emotional sehr bewegt.) <em>Meine Familie hat Kinder in den Holocaust hinein geboren. Und deshalb bin ich hier. Es gibt ein Übermorgen. </em></p>
<p><em>Und deshalb brauchen wir ein AfD-Verbot. Wir müssen alle Politiker:innen schütteln, wir müssen gerade auch Medienschaffende schütteln. Und wir müssen uns in der Gesellschaft engagieren. Und wenn all das nicht reicht, müssen wir das Übermorgen vorbereiten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich fand Ihre Argumentation zum AfD-Verbot sehr schlüssig. Wir alle wissen, das ist ein mehrjähriges Verfahren, aber in dieser Zeit ist diese Partei mit dem Verbotsverfahren beschäftigt.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Ich verlange doch nicht mehr als dass diese Frage dem Gericht gestellt wird. Wir diskutieren die ganze Zeit nur darüber, ob wir die AfD verbieten sollen oder nicht. Darum geht es doch gar nicht. Der Antrag im Bundestag bedeutet doch nicht, dass die AfD jetzt sofort verboten würde. Es geht darum, dass sich das Bundesverfassungsgericht damit auseinandersetzen muss. Während dies geschieht, muss die AfD darauf achten, dass sie keine verfassungswidrigen Sachen sagt.  Natürlich wird der Vorstand in dieser Zeit sanfter reden. Aber gleichzeitig hat die AfD eine radikale und radikalisierte Basis, die dann anfängt, den Vorstand zu fragen, warum erzählt ihr eine so weichgekochte Scheiße. Seid ihr etwa gar nicht mehr dafür, alle Ausländer rauszujagen? Aber das darf der Vorstand dann nicht sagen. Das führt zu Spaltungen in der Partei. Das ist aber das Beste, was uns passieren kann, dass sich die Partei selbst zerlegt. Aber wir tun nichts dazu. Stattdessen erzählen wir nur ihre Geschichten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das war im Wahlkampf sehr deutlich. Alle Parteien – mit Ausnahme der Linken – haben eigentlich nur die AfD-Geschichte erzählt.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das macht mir gerade Magenschmerzen. Dass wir in der Politik und in den Medien so wenig Personal haben, das in der Lage ist, diese Struktur zu durchschauen und ihr einen Riegel vorzuschieben. Das macht mich traurig. Und das lässt mich denken: Vielleicht brauchen wir eine Katastrophe, damit wir diese Art von Denken nicht auch noch befördern.  </em></p>
<p><em>Das hört sich nicht gut an, aber ich möchte auch auf keinen Fall in Doom verfallen. Wir müssen uns rückversichern: Nachrichten hören sich immer negativer an als die Weltlage wirklich ist. Mit negativen Nachrichten verdienen die Medien ihr Geld. </em></p>
<p><strong>Öffentliche Räume gegen den Autoritarismus schaffen</strong></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein sprunghafter Trump ist natürlich viel interessanter als jemand, der soziale Gerechtigkeit verkündet und das dann auch noch umsetzt.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Robert Habeck – um dieses Beispiel zu nennen – ist es gelungen, die drohende Energiekrise nach der Vollinvasion Russlands in der Ukraine abzuwenden. Wir sind aus russischem Gas ausgestiegen. Das war eine krasse Leistung. Waren die Zeitungen über Jahre voll davon? Nein, natürlich nicht, weil es eine positive Sache war. Wir können das abhaken und weiter machen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Stattdessen wurde Robert Habeck mit dem sicherlich alles andere als gut ausgearbeiteten ersten Entwurf des sogenannten Heizungsgesetzes verbunden. Das zog sich bis in den Wahlkampf hinein. Gas, Kohle, Atomkraft wurden von Politiker:innen und manchen Medien gegen jedes bessere Wissen als Lösungen verkauft, die sie nun wirklich nicht sind.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das eigene Denken ist immer von negativen Dingen bestimmt. Wenn ich vor Gefahren warne, macht das immer den Eindruck, als wäre alles schlecht. Natürlich ist nicht alles schlecht. Auch jetzt passieren viele gute Sachen. Und viele gute Menschen wachen gerade auf und vernetzen sich. Das ist genau das, was wir tun müssen. Ich möchte jedem, der zuhört, der liest, dringend dazu raten, selbst Teil dessen zu sein. Sei es in einer Mietergemeinschaft, sei es in einem Verein, sei es in einer Gewerkschaft. Tretet Gewerkschaften bei! Jetzt! Heute! Denn das sind die Strukturen, die sich gegen Autoritarismus effektiv wehren können. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gewerkschaften können natürlich auch ein Teil des Problems sein. Aber es gibt beim DGB inzwischen ein Bewusstsein dagegen. Ein gutes Beispiel ist das <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/yes-we-can/">Projekt „Betriebliche Demokratiekompetenz“</a>. Im Grunde das betriebliche Parallelprojekt zu aula. Sandro Witt, der dieses Projekt leitet, berichtete, dass sich in vielen Betrieben, in denen sie das Projekt durchgeführt hatten, Betriebsräte oder Auszubildendenvertretungen gebildet haben. Das sind erfolgreiche Institutionalisierungen. Alles mit Unterstützung der Betriebsleitungen.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Genau das müssen wir erreichen. Das haben die Rechten in den vergangenen Jahren gemacht! Das müssen wir auch tun, dafür sorgen, dass sich Dinge institutionalisieren!</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der von der Rechten geplante Marsch durch die Institutionen kann noch gestoppt werden.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Wir müssen erreichen, dass aus einer Bewegung für die Demokratie eine Institution wird, und sei es eine informelle.</em> <em>Wo immer Menschen sich im Leben face-to-face vernetzen, dort entsteht Resilienz. Das Gute ist: Wir haben jetzt die Zeit und die Möglichkeit das aufzubauen. Das ist die sehr sehr gute Nachricht. In Deutschland sind wir immer noch massiv privilegiert gegenüber anderen europäischen Ländern. Wir haben eine </em><a href="https://www.bpb.de/"><em>Bundeszentrale für politische Bildung</em></a><em>. Davon können Ukrainer:innen nur träumen. Wir haben gute Strukturen und wir haben eine Politik, die bei aller Kritik immer noch erstaunlich durchlässig ist. Abgeordnete lesen die Briefe von Bürger:innen. Bisher haben aber vor allem Rechte geschrieben. So kommt dann ein Politiker, auch bei den Grünen, zu dem Eindruck, alle wollten nur über Migration reden. Aber wenn wir Briefe über das schreiben, was uns umtreibt, dann ändert sich der Eindruck. Wir haben als Zivilgesellschaft ganz viel Macht, ganz viele Möglichkeiten, die andere Länder nicht haben. Wir sollten sie nutzen. Es ist nichts verloren. Wir versuchen, Autoritarismus zu verhindern. Und wenn Autoritarismus kommt, können wir ihn überleben. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wäre es nicht möglich, die sozialen Netzwerke mit unseren Botschaften und Fragen zu fluten? Das entnehme ich dem Erfolg von Heidi Reichinnek.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das wird nicht funktionieren. Die Algorithmen verzerren systematisch. Ich hatte auf X zuletzt eine Viertelmillion Follower. Wenn ich aber etwas Prodemokratisches getwittert habe, haben das gerade einmal 200 Leute gesehen. Die anderen haben das nicht mitbekommen. Viele soziale Medien – nicht Bluesky, auch nicht Mastodon, aber Meta, X, TikTok – sind von Algorithmen gesteuert, die den Interessen des chinesischen Staates oder privater Milliardäre dienen. Die kannst du nicht in ihrem eigenen Haus besiegen.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Helfen <a href="https://commission.europa.eu/strategy-and-policy/priorities-2019-2024/europe-fit-digital-age/digital-services-act_en">European Digital Services Act</a> und <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/netzdg/BJNR335210017.html">Netzwerkdurchsetzungsgesetz</a>?</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Nur sehr bedingt. Man könnte Plattformen wie Meta, X, TikTok höchstens vom europäischen Markt ausschließen. Das halte ich aber nicht für den besten Weg. Der beste Weg wäre, auf europäischer Ebene solche Unternehmen zur Interoperabilität zu zwingen. Das heißt: Ihr müsst eure Plattformen so gestalten, dass sie so sprechen, dass andere Plattformen das verstehen können. Das heißt, ich kann auf Mastodon sein und dort Inhalte auf Facebook lesen. Etwa wie mit E-Mail. Egal auf welchem Server man ist, man kann jede E-Mail lesen. Dann ist man nicht mehr auf eine Plattform angewiesen, um Leute zu treffen, die auf einer anderen Plattform sind. </em></p>
<p><em>Das wiederum erlaubt die Gründung einer neuen Plattform. Diese Plattform könnte allen gehören. Wir könnten eine europäische soziale Plattform haben, auf die alle drauf dürfen, auch außerhalb von Europa. Und die gehört einfach allen, die auf dieser Plattform sind. Sie muss nicht durch Werbung finanziert werden, sie muss nicht unsere Aufmerksamkeit an Werbetreibende verkaufen, sie kann uns nicht auf der Plattform gefangen halten. Sie muss uns nicht systematisch wütend machen. Sie gehört niemandem allein, der den Algorithmus politisch steuert. Wir verwalten sie demokratisch durch ein Gremium, das wir selbst wählen. Das wäre eine nachhaltige Lösung. In Bezug auf die sozialen Medien ist es die einzige nachhaltige Lösung. Ich will keine staatlichen Lösungen, das haben wir in China, ich will keine Lösungen, die privaten Milliardären gehören, denn das sind nicht meine Interessen, das sind nicht die Interessen der Gesellschaft. Wenn wir öffentliche Räume wollen, müssen wir dafür sorgen, dass diese Räume wirklich öffentlich sind. </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im März 2025, Internetzugriffe zuletzt am 19. März 2025. Das Titelbild zeigt die <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2025-02-20_Mahnwache_f._d._ermordeten_israelischen_Geiseln_Shiri,_Ariel_und_Kfir_Bibas_und_Oded_Lifshitz_3.jpg">Mahnwache der Omas gegen Rechts in Hannover am 20. Februar 2025 anlässlich des Gedenkens an Oded Lifschitz, Shani, Ariel und Kfir Bibas</a>. Foto: Bernd Schwabe. Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en">Creative Commons Attribution Share Alike 4.0</a>.) )<em><br />
</em></p>
<p><em>  </em></p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Eine literarische Zeitreise nach Galizien</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 14 Apr 2025 06:15:33 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Eine literarische Zeitreise nach Galizien Zwei Anthologien der Jahre 2012 und 2014 und ihre Aktualität im Jahr 2025 Galizien ist heute ein Land, dessen historische Gestalt nur wenigen bewusst ist. Umso wichtiger ist es, sich mit dieser Landschaft, diesem Land aus literarischer Sicht zu beschäftigen. Man wird mehrere Sprachen und Traditionen entdecken, das Ukrainische,  [...]</p>
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<h1><strong>Eine literarische Zeitreise nach Galizien</strong></h1>
<h2><strong>Zwei Anthologien der Jahre 2012 und 2014 und ihre Aktualität im Jahr 2025</strong></h2>
<p>Galizien ist heute ein Land, dessen historische Gestalt nur wenigen bewusst ist. Umso wichtiger ist es, sich mit dieser Landschaft, diesem Land aus literarischer Sicht zu beschäftigen. Man wird mehrere Sprachen und Traditionen entdecken, das Ukrainische, Deutsche, Polnische, Jiddische. Leider ist auf dem deutschsprachigen Buchmarkt zurzeit keine umfassende Anthologie solcher literarischen Texte verfügbar.</p>
<p>In den Jahren 2012 und 2014 erschienen in L‘viv (Lemberg) zwei mehrsprachige Anthologien, die wiederentdeckt werden sollten. Beide Anthologien sind zweisprachig gehalten. Neben der deutschen Übersetzung findet sich auch das ukrainische, selten das polnische Original. Beide Anthologien entstanden in der Germanistik der Universität Lviv. Die erste Anthologie trägt den Titel „Es war einmal Galizien“. Sie wurde von Alla Paslawska, Jurko Prochasko, Tobias Vogel herausgegeben und enthält Texte von 19 Autorinnen und Autoren. Die zweite Anthologie trägt den Titel „Galizien – Aus dem großen Krieg“ und präsentiert 23 Autorinnen und Autoren. Sie wurde ebenfalls von Alla Paslawska und Tobias Vogel herausgegeben, diesmal gemeinsam mit Wolodymyr Kamianets.</p>
<p>Beide Anthologien sollen hier kurz vorgestellt werden. Und vielleicht entdeckt ein Verlag sein Interesse an einer Neuauflage an Anthologien? Wer sich mit der Vielfalt der Traditionen im Westen der Ukraine befassen möchte, sollte diese beiden Anthologien kennenlernen.</p>
<h3><strong>Mythos Galizien</strong></h3>
<p>1772, bei der Ersten Teilung Polens, war Galizien eine Idee, geboren in den Köpfen Wiener Bürokraten, die diesen Akt politischer Willkür zu legitimieren suchten. Sie beriefen sich auf eine kurze Zugehörigkeit der ruthenischen Fürstentümer Halyč und Wolodymyr zur ungarischen Stephanskrone, die wiederum seit 1526 im Besitz der Habsburger war. Aber schon die Namensgebung, das <em>„G“</em> in <em>„Galizien“</em> anstelle des <em>„H“</em> von <em>„Halyč“</em>, zeigt, dass mit dem neuen Namen auch eine neue politische Realität erfunden werden musste. Mit Hilfe einer Reihe von Maßnahmen – politischen, administrativen und ideologischen – wurde aus zwei ursprünglich unterschiedlichen Gebieten , einem ruthenischen und einem polnischen Teil, ein einheitliches Kronland geschaffen, flächenmäßig das größte des Kaiserreichs Österreich.</p>
<p>Fast 150 Jahre lang bestand dieses Land – bis zum Untergang der Donaumonarchie im Ersten Weltkrieg. In den Jahren danach ließ und lässt sich bis heute ein gegenteiliger Prozess bemerken, denn die politische Realität, das, worauf sich der Name <em>„Galizien“</em> bezieht, ist lange schon verschwunden. Der Name aber steht heute für einen Komplex von Vorstellungen, die vor allem von der Literatur, von Texten in verschiedenen Sprachen, die unterschiedlichen Gattungen angehören, geprägt werden.</p>
<p>Schon in den späten 1930er Jahren hatte Joseph Roth, heute der wohl bekannteste galizische Autor überhaupt, in manchen seiner Romane und Erzählungen das Bild dieses Galizien vor 1918 in einer sehr positiven Weise als Ort des harmonischen Miteinanders unterschiedlicher Nationalitäten geprägt. Während des Zweiten Weltkriegs und danach wurden Roth und sein Galizien vergessen, und erst in den 1960er und 1970er Jahren kam es zu deren Wiederentdeckung durch Schriftsteller und Literaturwissenschaftler, die aus Gebieten der ehemaligen k.-und-k.-Monarchie stammten – allen voran den Triestiner Germanisten Claudio Magris, der mit dem Titel seiner Dissertation „Der habsburgische Mythos in der Österreichischen Literatur“ (1966) auch einen der zentralen Begriffe lieferte, mit dem man die so unterschiedlichen Vorstellungen von Galizien fassen konnte, den des Mythos.</p>
<p>Wahrend Magris die literaturhistorische Perspektive auf Roths Galizien neu eröffnete, kam es in einem anderen ehemaligen Teil der Doppelmonarchie, im sozialistischen Polen, im ehemaligen Westgalizien, zu einer anderen Form der Wiedergeburt Galiziens. In den frühen 1970er Jahren häuften sich die belletristischen Rekonstruktionen der Zeit vor 1918, sodass man explizit von einer <em>„galizischen Strömung“</em> in der zeitgenössischen polnischen Prosa sprach.</p>
<p>Autoren dreier Generationen – solche, die noch in Galizien geboren worden waren, andere, die dessen Traditionen aus ihren Familien übernommen hatten, und schließlich jüngere Literaten, die überhaupt keinen genetischen Bezug mehr zu Galizien hatten, ließen in einer großen Anzahl von Romanen, Erzählungen und Essays das alte Galizien wieder aufleben. Die Verklärung der Zeit vor 1914, die betonte Harmonie von polnischen und österreichischen Interessen, die Einbeziehung Galiziens als Teil der Habsburgermonarchie in die Kultur des abendländischen Westens, das alles diente nicht nur der historischen Rekonstruktion, sondern hatte auch eine deutlich systemkritische Note. Man konnte zwischen den Zeilen lesen, dass es im alten Galizien besser gewesen sei als in der Volksrepublik Polen Jahrzehnte später, vor allem, was die Verbindungen mit dem Westen Europas betraf.</p>
<p>So verwundert es nicht, dass diese literarische Strömung mit der Wende von 1989 ein jähes Ende fand, nicht aber die polnische Galizien-Nostalgie, die seit den frühen 1990er Jahren ganz andere Formen annahm, die der Kommerzialisierung. Galizien wurde zum Markenzeichen der Konsumgüterindustrie, von Mineralwasser mit dem Portrait Franz Josephs über Restaurants mit galizischer Küche bis hin zu privaten <em>„galizischen“</em> Radiosendern.</p>
<p>Was das Jahr 1989 für Polen war, bedeutete das Jahr 1991 für die Ukraine. Mit der Unabhängigkeitserklärung des Landes und der Loslösung aus dem Sowjetimperium war das Interesse am westlichen Erbe der ukrainischen Kultur mit einem Mal geweckt, und in der Westukraine wurde Ostgalizien und damit auch das österreichische Erbe entdeckt. Bevor noch die wissenschaftliche Aufarbeitung dieses Erbes einsetzte, kam es zur kreativen Aneignung galizischer <em>„Reste“</em> in der Literatur einer jungen Generation, die sich ebenso programmatisch wie provokant von überkommenen Diskursen früherer Generationen absetzte. Jurij Andruchovyč ist wohl der berühmteste Vertreter dieser Generation, aber er ist nicht der einzige.</p>
<p>Der ukrainische Galizien-Diskurs der 1990er Jahre und danach unterscheidet sich deutlich vom polnischen mehr als zwanzig Jahre früher: Es geht nicht mehr um die Rekonstruktion einer vergangenen Zeit, es geht um eine Neubestimmung der Gegenwart mit Hilfe von historischen Versatzstücken, die mehr oder weniger zufällig überdauert haben. Dazu kommen deutliche Impulse aus der zeitgenössischen Malerei. Auch dort wird das historische Fragment kreativ umgestaltet, es geht häufig ein in eine Collage von heterogenem Material, die damit einen spezifisch <em>„galizischen“</em> Zug bekommt. Seit einigen Jahren ist aber auch in der Westukraine, vor allem in Lviv, jenes Phänomen nicht zu übersehen, das auf die kreative Galizien-Phase in der Kunst folgt – die Kommerzialisierung, die galizische Namen zum gut verkäuflichen Markenzeichen macht.</p>
<p>Galizien ist auch ein beliebtes Gebiet geisteswissenschaftlicher Forschung geworden. Geschichtsforschung, Literatur- und Sprachwissenschaft, aber auch die Kulturwissenschaften mit ihrem breiten Spektrum an Forschungsinteressen haben in Galizien ein fast unerschöpfliches Reservoir gefunden. Die westeuropäische und amerikanische Galizienforschung konzentriert sich gegenwärtig auf die jüdischen Traditionen in und aus Galizien. Dabei rücken auch neue Namen ins Blickfeld, die vor dreißig Jahren noch so gut wie unbekannt waren – Soma Morgenstern, Samuel Joseph Agnon, Helene Deutsch, Hermann Blumenthal und andere. Fast alle jüdischen Autoren, die deutsch schrieben, stammten aus Ostgalizien, wuchsen in Kleinstädten auf, die heute ukrainisch sind – sie sind aber bis heute in der Ukraine kaum bekannt.</p>
<p><img decoding="async" class="alignright wp-image-5855 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Es-war-einmal-Galizien-e1741498201588-300x182.jpg" alt="" width="300" height="182" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Es-war-einmal-Galizien-e1741498201588-200x121.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Es-war-einmal-Galizien-e1741498201588-300x182.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Es-war-einmal-Galizien-e1741498201588-400x242.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Es-war-einmal-Galizien-e1741498201588-600x363.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Es-war-einmal-Galizien-e1741498201588-768x465.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Es-war-einmal-Galizien-e1741498201588-800x485.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Es-war-einmal-Galizien-e1741498201588-1024x620.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Es-war-einmal-Galizien-e1741498201588.jpg 1030w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" />Es darf als ein besonderes Verdienst der Anthologie „Es war einmal Galizien“ gelten, dass mehrere Passagen von Salcia Landmanns „Erinnerungen an Galizien“ (1983) zum ersten Mal dem ukrainischen Leser zugänglich gemacht wurden, im Einzelnen: „Liebe und Ehe sind zweierlei“, „Der jüdische Vater des Kardinals“, „Die Welt der Außenseiter“, „Bordellwelt“, „Das wird dein Ende sein!“. Ein kurzer Auszug aus „Die Welt der Außenseiter“ belegt den verbreiteten Tenor: <em>„Verachtung tut weh, wenn sie einseitig, nur in einer einzigen Richtung verläuft. Dann brechen bei dem Verachteten Zorn, Hass, Neid und Gier nach Revolte und Rache hervor. Anders liegen die Dinge, wenn in einem Lande verschiedene Religions- und Volksgruppen sich gegenseitig ein wenig verachten. Die Ruthenen, oft Analphabeten und sehr arme Bauern, hatten natürlich zu wenig Selbstgefühl, um auf die polnischen Herren und die talmudgebildeten Juden herabzuschauen. Sie duldeten demütig oder empfanden einen dumpfen Hass, der sich aber in friedlichen Zeiten nicht artikulierte.“ </em>Es folgen Beschreibungen des Selbstbildes von Polen und Juden. Ähnliches gilt auch für Nathan Samuelys Beschreibung des assimilierten jüdischen Lebens in Lemberg in seinem Text <em>„Nur nicht jüdisch“</em>. Nicht fehlen darf auch in dieser Sammlung ein lang schon wieder entdeckter deutsch-jüdischer Autor, über den in den letzten Jahren sehr viel geforscht und publiziert wurde, der aber bislang nur wenig ins Ukrainische übersetzt wurde – Karl Emil Franzos.</p>
<p>Viel schlechter steht es um jene jüdischen Autoren, die polnisch geschrieben haben. Sie werden heute weder vom deutschsprachigen noch vom ukrainischen Leserpublikum wahrgenommen, mit einer Ausnahme: Bruno Schulz, der achtzig Jahre nach seinem Tod in Drohobyč auch dem ukrainischen Leser kein Unbekannter mehr ist (im deutschsprachigen Raum ist er vielleicht durch die Neuübersetzung der „Zimtläden“ von Doreen Daume aus dem Jahr 2000 sowie durch <a href="https://www.perlentaucher.de/buch/maxim-biller/im-kopf-von-bruno-schulz.html">Maxim Biller „Im Kopf von Bruno Schulz“</a> etwas bekannter geworden, das 2013 erschien). Die Anthologie „Es war einmal Galizien“ hat mit einem Stück aus Józef Wittlins Erinnerungsbuch „Mój Lwów“ (1975, deutsche Übersetzung: Mein Lemberg, Frankfurt, Suhrkamp, 1994) einen weiteren Autor aus dieser Gruppe mit aufgenommen.</p>
<p>Früher oder später wird man wohl auch Julian Stryjkowski, den wohl berühmtesten Autor aus der Stadt Stryj, entdecken, dessen Schilderungen des ostgalizischen Judentums sicher zu den eindrucksvollsten gehören. Zu den positiven Seiten dieser Auswahl gehört auch die Aufnahme ukrainischer realistischer Autoren um 1900: Erzählungen von Bohdan Lepkyj, Osyp Makovej und Vasylʼ Stefanyk zeigen, dass die galizische Wirklichkeit aus der Sicht der Zeitgenossen bei weitem nicht so rosig war wie sie in manchen Rekonstruktionen oder auch der Kommerzkultur erscheint – vor allem nicht für die ruthenischen Untertanen des Kaisers Franz Joseph in Ostgalizien.</p>
<p><img decoding="async" class="alignleft wp-image-5977 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Vincenz_Bergweide-198x300.jpg" alt="" width="198" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Vincenz_Bergweide-198x300.jpg 198w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Vincenz_Bergweide-200x304.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Vincenz_Bergweide.jpg 307w" sizes="(max-width: 198px) 100vw, 198px" />Ein Phänomen der besonderen Art stellt die deutsche Galizien-Publizistik und -Belletristik der letzten drei Jahrzehnte dar, die sich wesentlich den politischen Veränderungen in Ostmitteleuropa verdankt. Seit man auch ins ehemalige Ost-Galizien wieder problemlos reisen kann, häufen sich die Reiseberichte, sei es in den Feuilletons großer Zeitungen, sei es in Buchform. Verena Dohrns „Reise nach Galizien“ (1991), Kaspar Schnetzlers „Meine galizische Sehnsucht“ (1991) und Roswitha Schiebs „Reise nach Schlesien und Galizien“ (2000) sind Beispiele für eine Gattung, die zwischen Spurensuche und eigenem Erlebnis, Rekonstruktion und Fiktion pendelt. Martin Pollack, in der Anthologie mehrfach vertreten, hat seine <em>„galizische“</em> Karriere mit einer Reisebeschreibung begonnen, er ist inzwischen zu einem vielbeachteten Sachbuchautor avanciert.</p>
<p>Ein Wort noch zu Stanisław Vincenz: In seinem vierbändigen Werk „Na wysokiej połoninie“ (deutsch: „Auf der hohen Bergweide“, 1936–1979) hat dieser polnische Autor die Folklore der Huzulen in einem einzigartigen Ausmaß gesammelt. Dieses Werk steht aber in einem dichten Netz von Bezügen zur ukrainischen Folklore, zur Dobosch-Erzählung des 19. Jahrhunderts und zu Chotkevyč’ Romanen und Erzählungen aus dem frühen 20. Jahrhundert. Auch die deutschen Huzulen-Texte von Leopold von Sacher-Masoch (einer davon findet sich in der Sammlung) und Karl-Emil Franzos lassen sich in diesen Kontext integrieren. Die literarische Gestaltung der Erzähltradition der Huzulen zeigt besonders deutlich, wie sich ukrainische, polnische, deutsche und jüdische Traditionen in der Literatur Galiziens zu einem untrennbaren Ganzen verbinden, das immer im übernationalen, mehrsprachigen Kontext gelesen werden sollte.</p>
<h3><strong>Der Erste Weltkrieg </strong></h3>
<p><img decoding="async" class="alignright wp-image-5859 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-300x207.jpg" alt="" width="300" height="207" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-200x138.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-300x207.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-400x276.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-600x414.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-768x530.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-800x552.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien.jpg 822w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" />Eine besondere Bedeutung hat für Galizien der Erste Weltkrieg. Er hat deshalb auch in den Literaturen des ehemaligen Kronlands und seiner Nachfolgestaaten ein besonders starkes Echo hinterlassen. In diesem Krieg kämpften zwei der zahlenmäßig größten Nationalitäten Galiziens auf beiden Seiten der Front, Polen und Ukrainer standen einander in Uniformen der zaristischen wie auch der k.-und-k.-Armee gegenüber. Dasselbe gilt für Juden, die ebenso von beiden Seiten eingezogen wurden. Galizien war schließlich, im Unterschied zu anderen Gebieten der Habsburgermonarchie, Kriegsschauplatz und als solcher von den tragischen Geschehnissen besonders betroffen.</p>
<p>Die von der Publizistik immer wieder beschworene Funktion des <em>„antemurale christianitatis“</em> sollte sich auf ihre Weise bewahrheiten: der größere Teil des Landes wurde bei Kriegsausbruch im Herbst 1914 von den russischen Truppen überrollt, die erst kurz vor Krakau zum Stehen kamen (die Metapher von der <em>„russischen Dampfwalze“</em> wurde damals geprägt). Im Frühjahr 1915 erfolgte die österreichisch-deutsche Gegenoffensive zwischen Gorlice und Tarnów. Mit größten Anstrengungen gelang es im Lauf der nächsten Monate, die feindlichen Truppen wieder auf die Ausgangspositionen zurückzudrängen, die Hauptstadt Lemberg wurde zurückerobert, um noch einmal für drei letzte Jahre österreichisch zu werden. Die gewaltigen Schlachten an der Ostfront hatten mehr als eine halbe Million Tote gekostet, von Verwundeten und Gefangenen ganz abgesehen; Dörfer und kleinere Städte waren verwüstet, eine Unzahl von neuen Friedhöfen markierte den Frontverlauf (mehr als hundert dieser Kriegerfriedhöfe sind im Südosten Polens bis heute erhalten).</p>
<p>Galizien als Kriegsschauplatz ist vor allem in der deutsch-, der polnisch- und der ukrainischsprachigen Literatur präsent (in kleinerem Ausmaß auch in der tschechischen und russischen), wobei man in den meisten nationalliterarischen Narrativen eine bestimmte Gesetzmäßigkeit feststellen kann: auf eine große Begeisterung bei Kriegsausbruch folgte sehr bald eine Ernüchterung und im Zusammenhang damit die Einsicht in den Wahnsinn des Massensterbens bis hin zu apokalyptischen Schreckensvisionen, wie wir sie zum ersten Mal schon im Herbst 1914 in Georg Trakls „Grodek“ finden, das wohl in keiner Anthologie zum Ersten Weltkrieg fehlen darf.</p>
<p>Es ist bekannt, dass sich große österreichische Schriftsteller der Jahrhundertwende, wie Hugo von Hofmannsthal und Hermann Bahr von der Kriegsbegeisterung hinreißen ließen und propagandistische Texte verfassten. Auch bei den ukrainischen Autoren Galiziens überwiegt in den ersten beiden Kriegsjahren Begeisterung und die Überzeugung vom Sieg der Mittelmächte, an den man große Hoffnungen knüpfte, von der Schaffung eines eigenen ukrainischen Kronlands im Rahmen der Monarchie bis zur Vereinigung der österreichischen mit der russischen Ukraine in einem eigenen, unabhängigen Staat.</p>
<p>Spätestens seit 1916 überwiegen andere Töne, wie etwa die große Klage um die vielen Toten und der Protest gegen das sinnlose Sterben im Namen einer allgemeinen Humanität. Die Szene „Ein Traum“ der großen ukrainischen Autorin aus der Bukowina, Olha Kobyljanska, ist ein schönes Beispiel. Ein kurzer Auszug: <em>„Jetzt werden wir wie verstreuter Müll zusammengefegt… aber wohin mit uns? Das braucht ihr nicht zu wissen. Ja, ihr müsst nicht wissen, wohin man uns getrieben hat, was das heißt ein <u>weiter</u> Weg. Wir werden einmal in die eine Ecke, einmal in die andere geschoben… Und man wirft die Knochen des Hasses zwischen uns, damit wir uns an ihnen vergiften, damit wir uns mit Gedanken an euch quälen und daran verzweifeln, was uns erwartet, wenn wir zurückkehren. Unter unseren Füßen wird der Boden aufgerissen…/ Durch Worte und den Eid zu einer Einheit gekettet – trösten wir uns. / Hört ihr nicht unseren weit entfernten Gesang? Weit, weit weg, wo uns Wölfe umgeben, wo man uns mit Brettern und Erde bedeckt, damit die anderen darüber gehen können. / Wir sind noch nicht fertig. / Wie konnten wir so schnell fertig sein? / Das weiße Pferd neben uns ist noch nicht erschienen, hat noch nicht fröhlich gewiehert, noch keine gute Nachricht gebracht. / Wir sind keine Vögel mit Flügeln, um uns in die Höhe zu erheben.“ </em></p>
<p>Der zitierte Text wurde im Jahr 2014 in der Anthologie „Galizien – Aus dem großen Krieg“ veröffentlicht. Es war die erste Anthologie von Texten zum Ersten Weltkrieg, die dem Echo dieser Ereignisse in den Literaturen Galiziens auch nur einigermaßen gerecht wurde. Umso höher ist das Verdienst der Herausgeber dieser Anthologie zu werten. Jede Sammlung von Texten zu diesem Krieg kann nur eine Auswahl darstellen, die zum einen repräsentativ für eine oder mehrere nationalliterarische Traditionen, zum anderen für bestimmte ideologische Tendenzen ist.</p>
<p>In diesem Fall beschränkte sich die Auswahl auf ukrainische und deutschsprachige Texte, die vielfach auch von jüdischen Autoren verfasst wurden; sie zeigt zum anderen vermehrt den Protest gegen die unmenschlichen Seiten des Kriegs, und nicht die pseudopatriotische Begeisterung, wie sie sich in vielen Texten über die <em>„Großen Tage“</em> von 1914/15 äußert. So sind in dieser Anthologie große österreichische Autoren vertreten, die entweder aus Galizien stammen wie Joseph Roth, der selbst als Freiwilliger in den Krieg gezogen war, oder Georg Trakl und Stefan Zweig, die im Zuge der Kriegshandlungen nach Galizien kamen, Trakl als Sanitäter, Zweig als Kriegsberichterstatter, in dessen Berichten bald der Schrecken des Krieges überhandnehmen sollte. Zu diesen bekannten Stimmen kommen aber großenteils unbekannte Stimmen jüdischer Autoren, die deutsch schrieben und österreichische Staatsbürger waren, wie Hermann Blumenthal, Sigmund Bromberg-Bytkowski, die schon genannte Salcia Landmann und andere.</p>
<p>Die jüdische Bevölkerung Galiziens hatte unter der russischen Besetzung 1914–1916 besonders stark zu leiden (eine große Anzahl jüdischer Bürger war aus Angst vor den Russen schon im September 1914 nach Wien geflohen), und es gibt zahlreiche Berichte über Gewalttaten und Misshandlungen vor allem durch russische Kosakeneinheiten, gleichviel ob wir sie in belletristischen Texten wie etwa bei Hermann Blumenthal (der 1942 von den NS-Schergen aus Wien deportiert wurde) oder in publizistischen wie den ebenso in diese Anthologie aufgenommenen Beiträgen von Sigmund Bromberg-Bytkowski finden.</p>
<p>Eine Anthologie, die in der ukrainischen Germanistik entstanden ist, wird erwartungsgemäß den Anteil der ukrainischen Literatur an der Schilderung des Ersten Weltkriegs herausstellen, und darin liegt auch ein großer Verdienst dieser Sammlung, denn viele der zitierten Autoren sind deutschen Lesern nach wie vor unbekannt, auch wenn sie zu den Klassikern der ukrainischen Literatur zählen. Noch weniger weiß man außerhalb der Ukraine um deren literarischen Beitrag zur Bewältigung der <em>„Urkatastrophe“</em> (den Begriff prägte George F. Kennan 1979) des 20. Jahrhunderts. So finden sich von den ukrainischen Klassikern Iwan Franko, der bis zu seinem Tod im November 1916 die russische Besatzung Lembergs erlebte, neben den großen Autorinnen des späten 19. Jahrhunderts und der Jahrhundertwende Olha Kobyljanska, Katrja Hrynewytschewa, (Kateryna Hrynewytsch). Sie alle sind mehr oder minder Zeitgenossen der erwähnten österreichischen und jüdischen Autoren und bringen eine wertvolle zusätzliche Perspektive ein.</p>
<p>Über zeitgenössische Autoren wie Jurij Wynnytschuk und Andrij Sodomora wird darüber hinaus eine Brücke zur Gegenwart geschlagen – auch der Österreicher Christoph Ransmayr passt gut in diesen Kontext –, die zeigt, dass der Erste Weltkrieg keine Sache der Geschichtsbücher und Museen ist: Die Kriegserinnerung ist auch dort lebendig, wo sie von Nachgeborenen in das eigene künstlerische Werk miteinbezogen wird. So ist auch der Erste Weltkrieg <em>„Erinnerungsort“</em> im Sinn von Pierre Nora, ein Ort, an dem sich Geschichte und Gedächtnis überschneiden, an dem Geschichte lebendig wird und betroffen macht, ganz unabhängig vom Krieg in der Ukraine, die dem Gedenken an 1914 in den Jahren 2014 und dann 2022 eine völlig unerwartete neue Dimension verleiht.</p>
<p><strong>Alois Woldan, </strong>Wien</p>
<p>(Anmerkungen: Der Text führt in einer aktualisierten Form die beiden Beiträge von Alois Woldan in den beiden hier vorgestellten Anthologien zusammen. Veröffentlichung im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> im April 2025, Internetzugriffe zuletzt am 4. April 2025. Titelbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lw%C3%B3w_-_Lemberg._Rynek_(01).jpg">Lv’iv, Rynek</a>, 1911, unbekannter Autor, Wikimedia Commons.)</p>
<h3><strong>Zum Weiterlesen:</strong></h3>
<ul>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/es-war-einmal-galizien/">Es war einmal Galizien</a> – ein Gespräch mit der ukrainischen Germanistin Alla Paslawska, in: Demokratischer <span style="color: #678f20;">Salon</span> März 2025 (in diesem Text sind unter anderem ausführlichere Beschreibungen, zum Teil auch mit Textauszügen zu Ivan Franko, Leopold von Sacher-Masoch, Karl-Emil Franzos, Osyp Makowej, Bohdan Lepkyj, Vasyl Stefanik, Osyp Turjansky und Taras Schewtschenko zu finden, darüber hinaus Informationen zur Germanistik in der Ukraine).</li>
</ul>
<ul>
<li>Jaroslaw Hrycak, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/das-galizische-paradigma/">Das galizische Paradigma – Lehren aus einem dreißigjährigen Krieg im Westen der Ukraine</a>, in: Demokratischer <span style="color: #678f20;">Salon</span> Februar 2025 (dieser Text ist eine aktualisierte Fassung des Beitrags des Autors in „Galizien – Aus dem großen Krieg“ mit einer Darstellung der Geschichte Galizien und der ukrainischen Sprache).</li>
</ul>
<ul>
<li>Peter Deutschmann / Michael Moser / Alois Woldan, Hg., Die Ukraine – vom Rand ins Zentrum, Berlin, Frank &amp; Timme, 2024 (Gegenstand sind die Geschichte der ukrainischen Sprache und Literatur, mit einem Ausblick auf den Ukrainediskurs 2014 und 2022 in russischen TV-Talkshows sowie den Auswirkungen der russländischen Vollinvasion auf Kunst und Kultur in Russland und in der Ukraine).</li>
</ul>
<ul>
<li>Alla Paslawska, Alois Woldan, Hg., Taras Schewtschenko – Nun gut, es waren scheinbar Worte nur …, Klagenfurt, Wieser Verlag, 2024 (das Buch enthält Einleitungen von Herausgeberin und Herausgeber sowie ausgewählte Gedichte und Prosatexte von Taras Schewtschenko).</li>
</ul>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Wir werden wieder tanzen!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Mar 2025 05:43:20 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Wir werden wieder tanzen! In memoriam Shani Louk, Shiri, Ariel und Kfir Bibas Der 7. Oktober hat die Welt verändert. Im Süden Israels fand das größte Massaker an Jüdinnen und Juden seit der Shoah statt und seitdem hat der Antisemitismus ein Ausmaß erreicht, den wir uns nie hätten vorstellen können: Israelfeindliche Protestcamps an Hochschulen,  [...]</p>
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<h1><strong>Wir werden wieder tanzen!</strong></h1>
<h2><strong>In memoriam Shani Louk, Shiri, Ariel und Kfir Bibas </strong></h2>
<p>Der 7. Oktober hat die Welt verändert. Im Süden Israels fand das größte Massaker an Jüdinnen und Juden seit der Shoah statt und seitdem hat der Antisemitismus ein Ausmaß erreicht, den wir uns nie hätten vorstellen können: Israelfeindliche Protestcamps an Hochschulen, Anfeindungen auf offener Straße, jüdische Studierende wurden an den Hochschulen oder sogar auf offener Straße angegriffen und zusammengeschlagen, Wohnungen von Jüdinnen und Juden wurden markiert, antisemitische Hetze auf sozialen Medien.</p>
<h3><strong>„We will Dance again“</strong></h3>
<p>Diese Worte ließ sich Mia Schem, die am 7. Oktober während des Nova Musikfestivals durch die Terroristen der Hamas entführt wurde und später befreit wurde, tätowieren. Seitdem ist dieser Satz ein Zeichen der Hoffnung für Jüdinnen und Juden weltweit geworden.</p>
<p>„Wir werden wieder tanzen!“ ist eine szenische Collage. Sie präsentiert Songs von Leonard Cohen und Antilopen Gang, Gedichte von Nelly Sachs, Else Lasker-Schüler, Selma Meerbaum-Eisinger und anderen, eigens für die Veranstaltung geschriebene Szenen sowie Testimonials von (nicht nur) jüdischen Autor:innen, mal ernst, mal komödiantisch, mal sarkastisch oder nachdenklich und immer poetisch, musikalisch untermalt oder illustriert reflektiert unsere Collage die Auseinandersetzung der Menschen damals und heute mit den Ereignissen um sie herum und macht auf den Zwiespalt vieler Juden aufmerksam, die zwischen Koffer packen und dem Glauben, dass es Antisemitismus in einer aufgeklärten Gesellschaft nicht mehr geben darf, stehen.</p>
<p>„Wir werden wieder tanzen!“ ist ein bitter-süßer Abend, der, neben dem regulären Theaterpublikum auch junge Menschen in Schulen und Bildungseinrichtungen erreicht. Die Aufführungen werden durch das Büro der Antisemitismusbeauftragten des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert. Die Texte wurden von Sophie Brüss, Norbert Reichel und Jürgen Reinecke zusammengestellt und zum Teil eigens für dieses Projekt geschrieben, so auch die Szene „Deutsche unter den Opfern“.</p>
<h3><strong>Deutsche unter den Opfern</strong></h3>
<div id="attachment_5879" style="width: 235px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5879" class="wp-image-5879 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Bibas-Funeral-0007-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Bibas-Funeral-0007-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Bibas-Funeral-0007-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Bibas-Funeral-0007-400x533.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Bibas-Funeral-0007-600x800.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Bibas-Funeral-0007.jpg 640w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /><p id="caption-attachment-5879" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bibas-Funeral-0007.jpg">Von der Beerdigung der Bibas-Familie</a> am 26. Februar 2025. Foto: Matth. Knight. Wikimedia Commons,  <a class="extiw" title="w:en:Creative Commons" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a class="extiw" title="creativecommons:by-sa/4.0/deed.en" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en">Attribution-Share Alike 4.0 International</a> license.</p></div>
<p>Das ist einer der Texte der szenischen Collage. Er entstand unter Verwendung eines Textes des <a href="https://www.rnd.de/politik/111-hamas-geiseln-was-ueber-das-schicksal-der-entfuehrten-bekannt-ist-7O6OULIXOFC6JC5TBSCEC6EXQA.html">Redaktionsnetzwerks vom 15. August 2024</a> und mehrerer Texte der Jüdischen Allgemeinen, das Gespräch von Michael Thaidigsman mit Ricarda Louk, der Mutter von Shani, vom 7. April 2024. Die Jüdische Allgemeine druckte zum 6. März 2026 eine Sonderausgabe zum Tod von Shiri, Ariel und Kfir Bibas mit der ergreifenden Trauerrede von Yarden Bibas: <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/ich-habe-euch-noch-so-viel-zu-erzaehlen/">„Verzeiht, dass ich euch nicht beschützen konnte“</a>, in dieser Ausgabe enthalten sind auch das Editorial des Chefredakteurs <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/zachor/">Philipp Peyman Engel „Zachor!“</a>, der Nachruf von Sophie Albers Ben Chamo <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/lebt-wohl-liebe-gingim/">„Lebt wohl, liebe Gingim“</a>, ein Bericht von Lars Nicolaysen über die <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/es-ist-nicht-shiri-bibas/">Obduktionsergebnisse von Shiri, Ariel, Kfir</a>, die nicht wie von der Hamas behauptet bei einem israelischen Luftangriff ihr Leben verloren hatten, sondern kurz nach der Entführung ermordet wurden, sowie der Bericht von Michael Thaidigsmann und Sophie Albers Ben Chamo über ihre Gespräche mit Eli Charabi „Ich rede über alles“.</p>
<p>Die hier zu lesende Fassung von „Deutsche unter den Opfern“ wurde am 9. März aktualisiert. Sophie Brüss, Gerrit Pleuger und Jürgen Reinecke haben sie auf die Bühne gebracht.</p>
<p>Die szenische Collage ist allen von der Hamas ermordeten, entführten und noch gefangengehaltenen Menschen gewidmet. Bring Them Home Now! All of them!</p>
<p><strong>Gerrit</strong>: Mein Mann war kürzlich bei der UNO in New York und hatte dort mit Vertretern arabischer Staaten zu tun. Die behaupteten, israelische Soldaten würden palästinensische Frauen vergewaltigen und Kinder ermorden. Ohne jegliche Basis. Als er dann Shanis Geschichte erzählte, war das ein fast hoffnungsloses Unterfangen. Nissim zeigt oft zwei Bilder, eines von Shani, auf dem sie als lebensfrohe junge Frau abgebildet ist, und jenes hässliche Bild, wie sie auf dem Pick-Up-Wagen liegt. Er will dem Gegenüber damit zeigen: Sie war nur ein Mädchen, das tanzen, lachen, Spaß haben wollte. Deswegen wurde sie von diesen Monstern umgebracht. Er will signalisieren: Schaut euch diese beiden Bilder an und sagt mir, auf welcher Seite ihr lieber steht, auf der kriegerischen, die Mädchen vergewaltigt und verschleppt und ermordet, oder auf der anderen Seite, auf der junge Leute auf ein Musikfestival gehen können, um Spaß zu haben.</p>
<p><strong>Sophie</strong>: Das sagt in einem Interview Ricarda Louk, die deutsche Mutter von Shani Louk, deren Verschleppung am 7. Oktober überall zu sehen war. Sie wurde offenbar unmittelbar nach oder bei der Entführung ermordet. Shani Louk war Deutsche. Doch als ihre sterblichen Überreste aus Gaza geborgen wurden, war es kaum eine Meldung seitens der Bundesregierung wert.</p>
<p><strong>Jürgen:</strong> Ja, Deutsche unter den Opfern. Das hören wir doch immer in den Nachrichten, bei Flugzeugabstürzen, bei Naturkatastrophen. Warum nicht jetzt?</p>
<p><strong>Gerrit:</strong> Das Auswärtige Amt hat bisher keine Liste herausgegeben, nicht einmal eine Zahl. Es spricht in einer Presseerklärung von einer „niedrigen zweistelligen Zahl von Personen mit Deutschlandbezug“.</p>
<p><strong>Sophie:</strong> Die Jüdische Allgemeine nannte am 7. April 2024 die Namen und das Alter von 14 Geiseln, die im Rahmen eines Deals zwischen Israel und der Hamas im November freigelassen wurden: Aviv Asher (2 Jahre alt), Raz Asher (5), Raz Ben-Ami (57), Shoshan Haran (67), Doron Katz-Asher (34), Rimon Kirsht-Buchshtab (36), Margalit Moses (78), Yarden Roman-Gat (36), Amit Shani (16), Adi Shoham (38), Naveh Shoham (8), Yael Neri Shoham (3), Or Yaakov (16), Yagil Yaakov (12).</p>
<p><strong>Jürgen: </strong>Das Redaktionsnetzwerk hat am 15. August 2024 während der Verhandlungen in Doha weitere Namen veröffentlicht. In der Gewalt der Hamas war bis vor Kurzen noch Hersh Goldberg-Polin. Er ist eine der sechs Geiseln, die die Hamas kurz vor ihrer Befreiung ermordete. Fußballfans im Bremer Weserstadion zeigten mit einem riesigen Transparent zu seinen Ehren mehr Rückgrat als weite Teile der Politik und Zivilgesellschaft.</p>
<div id="attachment_5882" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5882" class="wp-image-5882 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Trauerprozession_Shiri_Ariel_and_Kfir_Bibas-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Trauerprozession_Shiri_Ariel_and_Kfir_Bibas-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Trauerprozession_Shiri_Ariel_and_Kfir_Bibas-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Trauerprozession_Shiri_Ariel_and_Kfir_Bibas-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Trauerprozession_Shiri_Ariel_and_Kfir_Bibas-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Trauerprozession_Shiri_Ariel_and_Kfir_Bibas.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-5882" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Accompanying_the_funeral_procession_of_Shiri_Ariel_and_Kfir_Bibas,_who_were_murdered_by_Hamas_at_the_Matam_Center_in_Haifa_(7).jpg">Während der Beerdigung von Shiri, Ariel und Kfir</a>. Foto: Eric Goldman. Wikimedia Commons, <a class="extiw" title="w:en:Creative Commons" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a class="extiw" title="creativecommons:by-sa/3.0/deed.en" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en">Attribution-Share Alike 3.0 Unported</a> license.</p></div>
<p><strong>Gerrit: </strong>Da ist Shiri Silberman-Bibas, 33 Jahre alt, mit ihren beiden Jungs Kfir, der bei seiner Entführung gerade neun Monate alt war und im Januar 2025 zwei Jahre alt geworden wäre, und Ariel, im August 2024 gerade fünf Jahre alt geworden. Die Hamas zeigte ein Bild, bei Yarden, Vater von Kfir und Ariel und Ehemann von Shiri, erfahren haben soll, dass sie tot wären. Beide wurden unmittelbar nach der Entführung ermordet. Die Kinder wurden mit bloßen Händen erwürgt. Im Gegenzug zur Übergabe der Leichen von Shiri, Ariel und Kfir hat Israel der Hamas 90 lebendige Terroristen übergeben. Yarden Bibas hielt bei der Beerdigung der im Februar 2025 von der Hamas übergebenen Geiseln eine beeindruckende Rede. Er bat Shiri, Ariel und Kfir um Vergebung, dass er sie nicht habe beschützen können: „Verzeiht, dass ich euch nicht beschützen konnte“. Er selbst wurde von der Hamas angekettet in einem Tunnel gehalten, zum Teil in einen Käfig gesperrt. Es gab – wie Eli Sharabi nach seiner Freilassung berichtete – oft gerade einmal 200 bis 300 Gramm Brot am Tag, etwas Wasser zum Duschen einmal im Monat.</p>
<p><strong>Sophie</strong>: Wie die Bibas-Familie lebte Arbel Yehoud (29) im Kibbuz Nir Oz. Von dort wurde sie am 7. Oktober verschleppt. Ihr Urgroßvater, ein Hamburger Kunstlehrer, war 1935 vor den Nazis geflohen und verbrachte seinen Lebensabend in dem Kibbutz, aus dem seine Urenkelin, ihr Freund Ariel Curio (27) und dessen Bruder David Curio (34) entführt wurden. David Curio wurde vor zehn Jahren noch als Schauspieler („Youth“) auf der Berlinale gefeiert.</p>
<p><strong>Jürgen</strong>: Daran wollte sich bei der Berlinale 2024 niemand erinnern, aber die Veranstalter gaben auf der Bühne Raum für pro-palästinensische – besser: anti-israelische – Kundgebungen. Und niemand intervenierte, auch die politische Prominenz schwieg.</p>
<p><strong>Gerrit: </strong>Gadi Moses wurde ohne Brille, Medikamente und Hörhilfe gefangen genommen, in Gaza wurde er 80 Jahre alt. Sein Vater kam aus dem Schwalm-Eder-Kreis. In Treysa finden sich am ehemaligen Haus seiner Großeltern und seines Vaters Stolpersteine. Nach der Ermordung seiner Eltern floh Moses‘ Vater im Alter von 16 Jahren vor den Nazis in das Mandatsgebiet Palästina. Einige Wochen nach dem 7. Oktober war Gadi Moses auf einem Video des Islamischen Dschihad zu sehen.</p>
<p><strong>Jürgen</strong>: Die israelische Regierung geht bei den genannten und allen anderen entführten Deutsch-Israelis davon aus, dass sie noch am Leben sind oder zumindest sein könnten. Bestätigt wurde der Tod von fünf Geiseln: Shay Levinson (19), Itay Chen (19), Tamir Adar (38), Itai Svirsky (38) und Yair Yaakov (59) haben die Geiselhaft nicht überlebt, ihre Leichen werden noch von der Hamas festgehalten.</p>
<p><strong>Gerrit:</strong> In Frankreich hat die Regierung die Namen aller französischen Geiseln veröffentlicht. In den USA sind die „Gaza Six“, wie die US-amerikanischen Staatsbürger und Staatsbürgerinnen in der Gewalt der Hamas dort genannt werden, ständig bekannt. Der deutschen Bundesregierung, weder Kanzler noch Außenministerin, war die Beerdigung von Shiri, Ariel, Kfir, alle drei deutsche Staatsbürger, keinen einzigen Satz wert. Es blieb der Zivilgesellschaft überlassen. Die Omas gegen Rechts und die deutsch-israelische Gesellschaft riefen am 20. Februar 2025 in Hannover zu einer Mahnwache auf. Etwa 100 Menschen nahmen teil.</p>
<p><strong>Sophie</strong>: Bring them home und Say their names – gilt das auch hier oder sind deutsche Opfer in Israel nur Bürger zweiter Klasse?</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung am 9. März 2025, Internetzugriffe zuletzt am 9. März 2025. Das Titelbild zeigt die <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2025-02-20_Mahnwache_f._d._ermordeten_israelischen_Geiseln_Shiri,_Ariel_und_Kfir_Bibas_und_Oded_Lifshitz_3.jpg">Mahnwache der Omas gegen Rechts in Hannover am 20. Februar 2025 anlässlich des Gedenkens an Oded Lifschitz, Shani, Ariel und Kfir Bibas</a>. Foto: Bernd Schwabe. Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en">Creative Commons Attribution Share Alike 4.0</a>.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Es war einmal Galizien</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 09 Mar 2025 05:45:01 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Es war einmal Galizien Ein Gespräch mit der ukrainischen Germanistin Alla Paslawska „Dieses in Galizien Unmögliche scheint mir, um es in drei Worten zu sagen, eine legale Wahl zu sein. Eine Wahlkampagne, bei der nicht nur kein Regierungsorgan seine Amtsgewalt missbrauchte, kein einziger Wähler verhaftet, kein einziger Stimmzettel gestohlen und umgetauscht, keine einzige Wählerliste  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-8 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-7 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-8" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Es war einmal Galizien </strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit der ukrainischen Germanistin Alla Paslawska</strong></h2>
<p><em>„Dieses in Galizien Unmögliche scheint mir, um es in drei Worten zu sagen, eine legale Wahl zu sein. Eine Wahlkampagne, bei der nicht nur kein Regierungsorgan seine Amtsgewalt missbrauchte, kein einziger Wähler verhaftet, kein einziger Stimmzettel gestohlen und umgetauscht, keine einzige Wählerliste gefälscht wäre, sondern auch kein einziger Bezirkshauptmann auf Ortsrichter und Bauern außeramtliche Pressionen ausübte, kein einziger Steuerexekutor den oppositionell Stimmenden ins Haus geschickt, keine einzige Bauernversammlung wegen lächerlichen Formalitäten verboten oder aufgelöst, kein einziger oppositioneller Wahlagitator verhaftet und dagegen jeder Bestechungs- oder Erpressungsversuch nach der Strenge des Gesetzes geahndet wurde. Man wird das alles vielleicht lächerlich, weil selbstverständlich finden, bei uns in Galizien ist das aber ganz und gar unmöglich, und ich kann nicht hoffen, eine solche Wahlkampagne zu erleben!“</em> (Ivan Franko, Unmögliches in dem Land der Unmöglichkeiten, zitiert nach: Alla Paslawska, Jurko Prochasko, Tobias Vogel, Hg., Es war einmal Galizien, Lviv 2012)</p>
<p>Die Wahlkampagne, von der Ivan Franko berichtet, fand vor über 120 Jahren statt. Ivan Franko ist mit Taras Schewtschenko der vielleicht berühmteste ukrainische Autor. Beide sind nach wie vor in der Ukraine hoch angesehen und werden immer wieder zitiert und gelesen.</p>
<p>Die Germanistin Alla Paslawska befasst sich mit der ukrainischen Literatur, die in verschiedenen Sprachen geschrieben wurde, in Ukrainisch, Deutsch, Russisch, Polnisch, Jiddisch, je nach Herkunft der jeweiligen Autorinnen und Autoren. Sie lehrt an der <a href="https://lnu.edu.ua/en/">Ivan-Franko-Universität Lviv</a>. Sie ist Vorsitzende des ukrainischen Deutschlehrer- und Germanistenverbandes. Sie arbeitet eng mit dem Wiener Slawisten Alois Woldan zusammen, der im Jahr 2024 im Berliner Verlag Frank &amp; Timme (gemeinsam mit Peter Deutschmann und Michael Moser) den Band <a href="https://slawistik.univie.ac.at/forschung/einzelansicht-publikationen/news/die-ukraine-vom-rand-ins-zentrum/">„Die Ukraine – vom Rand ins Zentrum“</a> herausgegeben hat, in dem die wechselvolle Geschichte der Ukraine und der ukrainischen Sprache sowie die Vielfalt der ukrainischen Kultur vorgestellt werden.</p>
<p>Alla Paslawska und Alois Woldan haben im März 2025 gemeinsam einen Band mit Gedichten von Taras Schewtschenko (1814-1861) herausgegeben: <a href="https://www.wieser-verlag.com/buecher/nun-gut-es-waren-scheinbar-worte-nur/">„Nun gut, es waren scheinbar Worte nur …“</a> (Klagenfurt, Wieser Verlag, 2025). Der Band enthält einleitende Texte von Alla Paslawska („Der ukrainische Prophet“) und von Alois Woldan („Taras Schewtschenko, der größte Dichter der Ukraine“), einen autobiographischen Text von Taras Schewtschenko, eine Auswahl seiner Gedichte, das programmatische Lang-Gedicht „Der Traum – Eine Komödie“ und das Prosastück „Der Sträfling“. Der Band schließt mit einem Verzeichnis der Gedichte mit ihrem ukrainischen Originaltitel sowie der Nennung der Übersetzerinnen und Übersetzer, darunter unter anderem auch Ivan Franko.</p>
<h3><strong>Deutsch lernen in der Ukraine</strong></h3>
<div id="attachment_5854" style="width: 271px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5854" class="wp-image-5854 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Foto_Paslawska_2022-Kopie-scaled-e1741497933917-261x300.jpg" alt="" width="261" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Foto_Paslawska_2022-Kopie-scaled-e1741497933917-200x230.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Foto_Paslawska_2022-Kopie-scaled-e1741497933917-261x300.jpg 261w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Foto_Paslawska_2022-Kopie-scaled-e1741497933917-400x460.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Foto_Paslawska_2022-Kopie-scaled-e1741497933917-600x689.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Foto_Paslawska_2022-Kopie-scaled-e1741497933917-768x882.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Foto_Paslawska_2022-Kopie-scaled-e1741497933917-800x919.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Foto_Paslawska_2022-Kopie-scaled-e1741497933917-891x1024.jpg 891w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Foto_Paslawska_2022-Kopie-scaled-e1741497933917-1200x1379.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Foto_Paslawska_2022-Kopie-scaled-e1741497933917-1337x1536.jpg 1337w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Foto_Paslawska_2022-Kopie-scaled-e1741497933917-1782x2048.jpg 1782w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Foto_Paslawska_2022-Kopie-scaled-e1741497933917.jpg 1920w" sizes="(max-width: 261px) 100vw, 261px" /><p id="caption-attachment-5854" class="wp-caption-text">Foto: privat.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie sind Vorsitzende des ukrainischen Deutschlehrer- und Germanistenverbandes. Welche Aufgaben erfüllt der Verband?</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>In unserem Verband treffen sich Wissenschaftler, Deutschlehrer und Studierende, die Deutschlehrer werden wollen. Diese Verbindung ist sehr schön, weil sie die Verbindung zwischen der Schule und der Universität herstellt. Wir schicken unsere Studierenden beispielsweise zum Praktikum in Schulen und können so – wenn wir Glück haben – dort auch ein wenig für unser Studienfach werben. </em></p>
<p><em>Der Verband wurde 1989 gegründet. Zu den Hauptaufgaben gehört die Förderung der deutschen Sprache in der Ukraine. Wir unterstützen Deutsch als Fremdsprache (DAF), machen Fortbildungen für Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer. Jedes Jahr findet eine Jahrestagung statt, zu der wir unsere Mitglieder aus allen Regionen der Ukraine einladen, auch die Krimtataren, deren Namen und Adressen wir allerdings geheim halten, weil das für sie gefährlich werden könnte. Jedes Jahr führen wir zwei Wettbewerbe durch, einen Wettbewerb für Studierende, Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer und einen Wettbewerb für Schülerinnen und Schüler. </em></p>
<p><em>Im Jahr 2025 planen wir folgende Themen: „Mein bester Deutschunterricht“ für Schülerinnen und Schüler sowie „Deutsche, österreichische und schweizerische Spuren in der Ukraine“ für Studierende, Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer. Aus diesem Wettbewerb wollen wir eine große Karte erstellen, die dann in Klassen an die Wand gehängt werden kann. Die Karte soll alle 24 Regionen der Ukraine einschließlich der Krim und die dortigen Denkmäler deutscher, österreichischer und schweizerischer Herkunft zeigen, architektonische Denkmäler, Gärten, die von Deutschen, Österreichern oder Schweizern angelegt wurden, zum Beispiel ein Wasserturm in Mariupol, Sagen und Legenden. So wollen wir das Interesse nicht nur für die deutsche Sprache wecken, sondern auch für die deutsche, österreichische und schweizerische Kultur und die Beziehungen dieser Kulturen zur ukrainischen Kultur.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie viele Studierende der deutschen Sprache und der Germanistik gibt es in der Ukraine?</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Eine genaue Zahl kann ich Ihnen leider nicht sagen. Aber es gibt Zahlen des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. In den 1970er und in den 1980er Jahren waren der Anteil der Studierenden der deutschen Sprache etwa 16 Prozent aller Sprachen. Dieser Anteil ist inzwischen auf etwa fünf Prozent gesunken. Das betrifft Deutsch als erste Fremdsprache. Als zweite Fremdsprache wird Deutsch allerdings noch gerne studiert. Inzwischen haben wir leider eine Sprache, die alle anderen Sprachen dominiert, das Englische. Die ukrainische Sprachenpolitik neigt auch dazu, das Englische durchzusetzen. Es gibt ein Gesetz, das das Englische als obligatorisches Unterrichtsfach vorschreibt. Dies geht natürlich auf Kosten aller anderen Fremdsprachen. Man findet nur noch wenig Zeit für die zweite Fremdsprache. Oft muss Deutsch außerhalb des Pflicht-Unterrichts erlernt werden, oft auch mit zusätzlicher Bezahlung.</em></p>
<h3><strong>Die Ukraine – ein mehrsprachiges Land</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie haben sich intensiv mit Galizien befasst, zum Beispiel in dem ukrainisch-deutschen Sammelband „Es war einmal in Galizien“, der 2012 in Lviv erschien, aber bisher leider keinen deutschen Verlag gefunden hat. Galizien ist ein Land, in dem deutsche, ukrainische, polnische, russische, jiddische Literatur gleichermaßen verbreitet war, ein Land der Vielfalt der europäischen Literaturgeschichte und ein Juwel eben auch der deutschen Literaturgeschichte. Viel der dort in deutscher Sprache schreibenden Autoren waren Juden.</p>
<p><strong><em>Alla Paslawska</em></strong><em>: </em><em>Die deutschsprachige Literatur ist ein wichtiger Teil der ukrainischen Literatur. Es ist ukrainische Literatur in deutscher Sprache. </em><em>Es ging uns darum, all die Autoren zu entdecken, die in der Ukraine deutsch geschrieben haben, in dem Buch, das Sie nannten, aber auch in einem zweiten Buch zum 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs mit dem Titel „</em><em>Galizien – Aus dem Großen Krieg“. Wir haben nicht alle Autoren entdeckt, es werden ständig neue gefunden. Wir haben sie in den beiden Bänden in deutscher Sprache und in ukrainischer Übersetzung versammelt. Einige der Autoren haben auch auf Polnisch geschrieben. </em></p>
<p><em>Die deutschsprachig schreibenden Autoren waren praktisch zu 100 Prozent jüdischer Herkunft. Das liegt auch daran, dass weder Jiddisch noch Hebräisch in Galizien zu den offiziellen Sprachen gehörte. Man musste sich entweder polonisieren oder germanisieren lassen. Die meisten haben daher auf Deutsch geschrieben. Zu Hause haben sie auch Jiddisch oder Hebräisch gesprochen, aber geschrieben eben in deutscher Sprache.</em></p>
<p><em>Die in deutscher Sprache schreibenden Autoren haben die ukrainische Literatur wesentlich beeinflusst. Zu nennen wäre auch Samuel Josef Czaczkes (Samuel Agnon, 1887-1970), obwohl er seine Werke fast ausschließlich auf Hebräisch schrieb, ein jüdischer Autor aus der Ukraine,  der 1960 gemeinsam mit Nelly Sachs (1891-1970) den Literaturnobelpreis erhielt, der bisher einzige ukrainische (und zugleich einzige israelische) Literaturnobelpreisträger. </em></p>
<div id="attachment_5864" style="width: 255px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5864" class="wp-image-5864 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Karl_Emil_Franzos_1893-245x300.png" alt="" width="245" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Karl_Emil_Franzos_1893-200x245.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Karl_Emil_Franzos_1893-245x300.png 245w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Karl_Emil_Franzos_1893-400x491.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Karl_Emil_Franzos_1893-600x736.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Karl_Emil_Franzos_1893.png 640w" sizes="(max-width: 245px) 100vw, 245px" /><p id="caption-attachment-5864" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dr._Karl_Emil_Franzos_1893_Der_Floh_(Unsere_einstigen_Mitarbeiter).png">Karl Emil Franzos 1893</a>. Foto: Der Floh (Unsere einstigen Mitarbeiter). Signiert: R. Weber oder R. Heber. Wikimedia Commons.</p></div>
<p><em>Andere wie Leopold von Sacher-Masoch (1836-1895) oder Karl Emil Franzos (1848-1904) haben zum ersten Mal die Ukraine zu einer Landschaft in der europäischen Literatur gemacht. Über die Juden in der Ukraine hat zum ersten Mal Ivan Franko (1858-1916) geschrieben. Meines Wissens zum ersten Mal wurde ein Jude in seinen Werken Hauptprotagonist. Ivan Frankos Muttersprache war Ukrainisch, er sprach aber genauso gut Deutsch und Polnisch. Er hat für etwa 16 deutsche, österreichische und jüdische Zeitungen auf Deutsch geschrieben. </em></p>
<p><em>Über die deutsche Sprache entstanden Kontakte nach Europa. Über die deutsche Sprache entwickelte sich die Literatur in der Ukraine. Auch über die Deutschen entwickelte sich die Landwirtschaft, die Stadtplanung. Über die deutsche Sprache kam Fortschritt in die Ukraine, nach Galizien. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der Titel des Bandes „Es war einmal Galizien“ erinnerte mich an Theodor Herzl und seinen Satz: <em>„Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen.“</em> Daher meine Frage: Hatte die deutsche Sprache eine Bedeutung für die Staatlichkeit der Ukraine?</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Ich möchte nicht sagen, dass die deutsche Sprache viel zur Staatlichkeit der Ukraine beigetragen hat. Am besten hat sich die deutsche Sprache unter der K.u.k.-Monarchie entwickelt. Aber man hat in dieser Zeit auch versucht, eine Region wie Galizien zu germanisieren. Man hat zum Beispiel an der Universität Lemberg die Germanistik eingeführt. Die Österreicher waren allerdings nicht so hartnäckig und daher hat es mit der Germanisierung nicht so geklappt. Die Polen waren hartnäckiger und ihnen ist es gelungen, die Ukraine zu polonisieren. Wer herrschte, versuchte über seine Sprache, das Deutsche, das Polnische, das Russische, das Land zu kolonisieren. Es gab kleine, kurze Perioden der Freiheit für die ukrainische Sprache, aber im Grunde hat sich niemand bemüht, das Ukrainische zu entwickeln. Deshalb war es so wichtig, über die ukrainische Sprache die eigene Macht durchzusetzen.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Je mehr ich mit Menschen in der Ukraine spreche, ukrainische Literatur lese oder historische Abhandlungen über die Geschichte des Landes, habe ich den Eindruck, dass die Ukraine immer zwischen verschiedenen Großmächten zerrieben zu werden drohte und auch zerrieben wurde: das zaristische Russland und die Sowjetunion, das Deutsche Reich, das K.u.k.-Reich. Auch das Verhältnis zwischen Polen und der Ukraine war in der Vergangenheit ja nicht gerade unproblematisch. Die ukrainische Sprache wurde immer wieder verboten.</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Die Ukraine hat in der Tat eine sehr komplizierte Geschichte. Die uralten Staaten entstanden früher als das russische Reich, als Moskowien. Immer wieder beanspruchte ein Imperium das Territorium der Ukraine, im Osten Russland, im Westen die beiden deutschsprachigen Reiche, natürlich auch Polen. Die Ukrainer mussten immer kämpfen, um sich durchzusetzen. Je nach Regime – es war immer ein Regime, mal lockerer, mal strenger – musste man die ukrainische Sprache durchsetzen. Unter der österreichischen Herrschaft war es etwas besser. Man durfte Ukrainisch zumindest in der Schule lernen, später haben es die Polen verboten. In Russland wurde Ukrainisch ununterbrochen und immer wieder durch Gesetze verboten. Es gibt eine Tafel der ukrainischen Sprache, auf der sie sehen, wann zum Beispiel die Fibel auf Ukrainisch verboten wurde, wo und wann verboten wurde, Kindern ukrainische Namen zu geben, ukrainische Kirchenlieder nicht mehr gesungen werden durften, die ukrainische Sprache generell, ukrainischer Buchdruck verboten wurde. Es war unterschiedlich grausam. In Russland, noch schlimmer in der Sowjetunion, gibt es ganze Generationen erschossener Schriftsteller, Dichter, Priester, Intellektuelle, zum Beispiel 1937 unter Stalin. Sie kennen sicherlich den Begriff der „erschossenen Wiedergeburt“ (ukrainisch: </em><em>Розстріляне Відродження</em><em>), als etwa 200 ukrainische Intellektuelle ihr Leben verloren, entweder erschossen oder aufgrund ihrer Verschleppung in sibirische Lager. </em></p>
<p><em>Die Geschichte der Ukraine ist total mit Blut begossen. In der Ukraine ist die Sprache auch deshalb so wichtig. Wir haben als Nation vielleicht nur durch unsere Sprache überlebt.</em></p>
<h3><strong>Mythos Galizien – Die Aktualität des Ivan Franko</strong></h3>
<div id="attachment_5856" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5856" class="wp-image-5856 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Ivan_Franko_Lychakivskiy_Cemetery_Lvov_Ukraine_2007-1-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Ivan_Franko_Lychakivskiy_Cemetery_Lvov_Ukraine_2007-1-200x300.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Ivan_Franko_Lychakivskiy_Cemetery_Lvov_Ukraine_2007-1-400x600.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Ivan_Franko_Lychakivskiy_Cemetery_Lvov_Ukraine_2007-1-600x900.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Ivan_Franko_Lychakivskiy_Cemetery_Lvov_Ukraine_2007-1.jpg 640w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /><p id="caption-attachment-5856" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ivan_Franko,_Lychakivskiy_Cemetery,_Lvov,_Ukraine_2007.jpg">Grab von Ivan Franko auf dem Lychakivskiy Friedhof in Lviv</a>. Foto: Jerzy Ostapczuk. Wikimedia Commons,  <a class="extiw" title="w:en:GNU Free Documentation License" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:GNU_Free_Documentation_License">GNU Free Documentation License</a>, Version 1.2 or any later version published by the <a class="extiw" title="w:en:Free Software Foundation" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Free_Software_Foundation">Free Software Foundation</a>.</p></div>
<p><strong> Norbert Reichel</strong>: Trotz allem: Galizien ein Traumland?</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Doch, ja. Es klingt immer sehr nostalgisch. Aber es ist eigentlich ein Mythos. Das ist vielleicht die beste Bezeichnung. „Es war einmal in Galizien“ – der Titel war meine Idee. So etwa wie: „Es war einmal ein König“. Bei Galizien dachte man meistens an ein Märchen: Alle waren glücklich, es gab keine Kriege, alle mochten den Kaiser, der Kaiser stand im Zentrum des Weltalls, er war gerecht, und wenn mal etwas Schlimmes passierte, wusste er natürlich nichts davon. </em></p>
<p><em>Ich wollte, dass das Buch wie ein Märchen beginnt. Aber je tiefer man in den Wald geht, desto mehr Angst bekommt man und desto schlimmer sieht die Realität aus. So ist es auch in unserem Buch. Es zeigt: Den herrschenden Klassen, den Österreichern, den Polen ging es relativ gut, aber was die Ukrainer anbetrifft, die Juden anbetrifft, sah es anders aus: Sie waren sehr arm, sie waren nicht glücklich. Deshalb ist Galizien eben nur ein Mythos. Dieser Mythos entwickelte sich zu verschiedenen Zeiten. Auch heutzutage. Das geht so weit, dass inzwischen nach Galizien zum Beispiel ein Apfelsaft benannt wird. In West-Galizien, das im heutigen Polen liegt, gibt es weitere verschiedene Produkte, die nach Galizien benannt sind. „Galizisch“ gilt als Zeichen für eine gute Marke, für gute Qualität. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich darf aus dem Vorwort Ihres Kollegen Alois Woldan zu „Es war einmal Galizien“ zitieren: <em>„Der ukrainische Galizien-Diskurs der 1990er Jahre und danach unterscheidet sich aber deutlich vom polnischen mehr als zwanzig Jahre früher: es geht nicht mehr um die Rekonstruktion einer vergangenen Zeit, es geht um eine Neubestimmung der Gegenwart mit Hilfe von historischen Versatzstücken, die mehr oder weniger zufällig überdauert haben. Dazu kommen deutliche Impulse aus der zeitgenössischen Malerei: auch dort wird das historische Fragment kreativ umgestaltet, es geht häufig ein in eine Collage von heterogenem Material, die damit einen spezifisch ‚galizischen‘ Zug bekommt. Seit einigen Jahren ist aber auch in der Westukraine, vor allem in L’viv, jenes Phänomen nicht zu übersehen, das auf die kreative Galizien-Phase in der Kunst folgt – die Kommerzialisierung, die galizische Namen zum gut verkäuflichen Markenzeichen macht.“ </em>Es ist ja ein weltweit feststellbares Phänomen, die Kommerzialisierung von Kunst, von ganzen Ländern. Genau schaut da niemand mehr hin.</p>
<p>Interessant fand ich in diesem Kontext den Text von Ivan Franko: „Unmögliches im Land der Unmöglichkeiten“. Ein Gegenbild. Ivan Franko beschreibt eine Fantasie, einen Traum, wie es bei Wahlen eigentlich sein sollte, aber eben nun einmal in Galizien nicht ist, sodass eine faire Wahl ein unerfüllbarer Traum bleibt, ebenso wie eine an Gerechtigkeit orientierte Bürokratie mit all ihren Polizisten und Steuereinnehmern.</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Den Text hat Ivan Franko für eine westliche deutschsprachige Zeitung aufgrund einer Anforderung geschrieben. Für ihn war es ein wunder Punkt. Er hatte drei Mal für das Parlament in Galizien kandidiert, drei Mal wurde er nicht gewählt, weil die Stimmen gekauft wurden. Das war auch in der Ukraine lange Zeit so. Deshalb las man Ivan Franko, unter Janukowitschs Präsidentschaft bis 2014 sowieso, als wenn man das, was er beschrieb, heute erlebte. Gekaufte Stimmen, Kandidaten, die verhindert wurden. Natürlich war Franko auch beleidigt, dass er nicht gewählt wurde.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die aktuelle Leseweise Frankos in der Zeit von Janukowitsch finde ich schon interessant. Über einhundert Jahre später.</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>:<em> Franko hat sehr kritisch und sehr sarkastisch über die politischen Verhältnisse seiner Zeit geschrieben. Viele, die ihn lasen, dachten, es habe sich ja in den letzten 100 Jahren nichts verändert, die Methoden sind die gleichen gewesen. Man hatte zwar noch kein Internet, aber man konnte damals wie heute alles kaufen, die Leute unter Druck setzen, mit Alkohol zum Beispiel. All das beschreibt Franko. Franko war zu seiner Zeit eine große Autorität; auch für die Jugend. So war es dann zu Beginn des Ersten Weltkrieges: Verse aus seinen Gedichten wurden wieder aktuell und überall zitiert. Es gab Poster mit seinen Versen. Auch heute finde ich es sehr schön, dass man Franko wieder liest und ihn für eine Autorität ansieht. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mit Ivano-Frankisk wurde sogar eine Stadt nach ihm benannt.</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Das fand ich aber nicht so gut </em>(lacht)<em>. Bis 1962 hieß die Stadt Stanislaw. Das ist ein historischer Name. Ich weiß nicht, ob das so unbedingt nötig war. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wenn man Ivan Franko liest und dann darüber nachdenkt, dass die Stadt zur sowjetischen Zeit nach ihm benannt wurde, klingt das schon etwas merkwürdig.</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Schauen Sie sich aber auch einmal die damaligen Ausgaben seiner Werke an oder auch die der Werke von Taras Schwetschenko. Es gab zur Sowjetzeit ungeheuer viele Neuauflagen. Man hat beide als revolutionäre Demokraten dargestellt, die gegen die Kapitalisten, gegen die Unterdrückung der Bauern, für die armen Leute geschrieben hätten. Man hat sie vereinnahmt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: So wie Luther in der DDR vereinnahmt wurde, obwohl Luther in den Bauernkriegen alles andere als eine bauernfreundliche Position vertreten hatte.</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Etwa so. Franko war nicht arm, er schrieb vor allem gegen den Zaren. In manchen Auflagen von Franko und Schewtschenko fehlen manche Werke und manche Stellen, die auch der Sowjetmacht gefährlich erschienen. Schewtschenko hat sich heftig gegen den Zaren und die Zarin geäußert und wusste, dass das nicht ungestraft bleiben würde. Genauso hat es Ivan Franko gemacht. </em><em>Er hat sich zum Beispiel einmal gegen Adam Mickiewicz geäußert, den größten polnischen Dichter, in der Wiener Zeitung </em><em>„Die Zeit“, Titel des Beitrags: „Ein Dichter des Verrats“. </em><em>So war Franko, so war Schewtschenko. </em></p>
<p><strong>Leopold von Sacher-Masoch und Karl Emil Franzos  </strong></p>
<div id="attachment_5857" style="width: 245px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5857" class="wp-image-5857 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Leopold_von_Sacher-Masoch-235x300.jpg" alt="" width="235" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Leopold_von_Sacher-Masoch-200x255.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Leopold_von_Sacher-Masoch-235x300.jpg 235w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Leopold_von_Sacher-Masoch-400x510.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Leopold_von_Sacher-Masoch-600x765.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Leopold_von_Sacher-Masoch.jpg 640w" sizes="(max-width: 235px) 100vw, 235px" /><p id="caption-attachment-5857" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Leopold_von_Sacher-Masoch,_portrait_3.jpg">Leopold von Sacher Masoch</a>. Unbekannter Fotograph. Wikimedia Commons.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welchen Autor würden Sie neben Ivan Franko gerne vorstellen?</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Unter den deutschsprachigen Autoren mag ich vor allem Leopold von Sacher-Masoch. Er hat auch für Lviv eine besondere Bedeutung. In Lviv gibt es in der Stadtmitte eine moderne Darstellung von Leopold von Sacher-Masoch. Dahinter befindet sich ein Masoch-Café, das natürlich an Masochismus erinnert. Man wird dort angekettet. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das zum Thema Kommerzialisierung.</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Jede Frau soll bei der Statue von Sacher-Masoch tief in die Tasche greifen, dann bekäme sie Glück in der Liebe. Aber das ist eine andere Geschichte, leider die Geschichte, die sich durchgesetzt hat. Wir wissen, wie sich dies entwickelt hat, wir kennen die Biographie von Sacher-Masoch. Manche sagen, er hätte selbst dieses Kapitel seiner Biographie erfunden, um berühmt zu werden. Wer weiß?</em></p>
<p><em>Leopold von Sacher-Masoch hat die Ukraine mit solcher Liebe dargestellt. Seine erste Sprache war Ukrainisch. Er hatte ein ukrainisches Dienstmädchen, mit dem er sich auf Ukrainisch unterhalten hat. Ihm wurden ukrainische Geschichten, ukrainische Märchen erzählt, die er sich merkte. Irgendwann fing er an, auf Deutsch zu schreiben. Er erhielt Zuspruch von Freunden. Er hat dann eben über Galizien geschrieben und wie aufgeregt er immer war, wenn er zurück nach Galizien fuhr. Galizien war für ihn seine zweite Heimat. Er setzte sich auch für die jüdischen Traditionen ein, im Unterschied zu Karl Emil Franzos, der vertrat, dass man auf die alten jüdischen Traditionen verzichten sollte. Leopold von Sacher-Masoch mochte diese Traditionen, obwohl sie zum Teil auch sehr grausam waren. Wir beschreiben in unserem Buch die Sitten für Frauen, für junge Mädchen. Das war alles nicht so einfach. Das traditionelle Leben war für die jüdischen Gemeinschaften sehr wichtig, aber manchmal doch sehr grausam.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Insofern sind Karl Emil Franzos und Leopold von Sacher-Masoch zwei Antagonisten?</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Auf eine bestimmte Art ja. Sacher-Masoch war nicht so reich und nicht so beliebt. Franzos war schon zu seiner Lebenszeit ein sehr geachteter und viel gelesener Autor. Franzos war eigentlich ein Anhänger der Germanisierung. Die deutsche Kultur war für ihn die höchste Kultur. Als dann der Antisemitismus begann, musste er sich dies ein wenig anders überlegen. </em></p>
<h3><strong>Die <em>„verwischten Grenzen“</em> (Joseph Roth)</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich gestehe, dass ich ein großer Verehrer von Joseph Roth (1894-1939) bin.</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Joseph Roth ist für mich nicht nur der Autor, der auch sehr ironisch und sehr sarkastisch schreiben konnte. Er ist für mich auch sehr traurig. Auch nostalgisch. Der Zusammenbruch der K.u.k.-Monarchie war auch seine eigene Tragödie. Man verbindet Joseph Roth natürlich auch sehr eng mit der Geschichte Galiziens. Seinen Vater hat er eigentlich nie gesehen. Sein Vater war geisteskrank. Damit wollte Joseph Roth sich nicht abfinden. Er kommt in seinen Werken immer wieder vor, zum Beispiel als Offizier. Ich mag auch den Hotelmythos, in „Hotel Savoy“. I</em><em>n Lviv gab es als mögliches Vorbild das Hotel George in der Stadtmitte. Andere behaupten, das Vorbild sei ein polnisches Hotel in Łódź. In den oberen Etagen wohnen die Armen, in den unteren Etagen die Reichen.   </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Joseph Roth ist in den 1920er Jahren für die Frankfurter Zeitung in der Ukraine gewesen und hat berichtet. Es gibt eine sehr schöne und schmale Ausgabe einiger weniger dieser Berichte: „Reisen in die Ukraine und nach Russland“ (München, C.H. Beck textura, 2015). Da schreibt er zum Beispiel auch über „Ukrainomanie – Berlin neuste Mode“, ein Artikel aus dem Jahr 2020, dies im Kontrast zu den Reiseberichten nach Lemberg und der Lage der Ukrainer als Minderheit im damaligen Polen. Lemberg nennt er <em>„die Stadt der verwischten Grenzen“</em>.</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>In unseren Büchern haben wir auch einige galizische Autoren vorgestellt, die nicht auf Deutsch geschrieben haben, sondern auf Ukrainisch. </em></p>
<div id="attachment_5860" style="width: 235px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5860" class="wp-image-5860 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Osyp_Makowej-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Osyp_Makowej-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Osyp_Makowej-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Osyp_Makowej-400x534.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Osyp_Makowej.jpg 559w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /><p id="caption-attachment-5860" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Osyp_Makowej.JPG">Osyp Makowej</a>. Quelle: Peter Rychlo / Oleg Liubkinsky, Literaturstadt Czernowitz, 2. verbesserte Auflage 2009. Wikimedia Commons.</p></div>
<p><em>Zum Beispiel Osyp Makowej (1867-1925) und seine kurze Erzählung „Die Grenze“: Die Geschichte spielt nach einer der polnischen Teilungen und der Erzähler spricht mit einem Bauern, dessen Tochter jetzt auf der anderen Seite der neuen Grenze lebt. „Dort, jenseits des Flusses, ist mein Kind und mein Feld, ich aber bin hier. Mein Großvater und mein Vater fuhren hin und her – niemand hielt sie auf. Und sehen Sie, jetzt sind irgendwelche Dahergelaufenen gekommen und haben am Fluss eine Wache aufgestellt, und ich kann weder zu meinem Kind noch zu meinem Feld. Einmal, noch am Anfang, fuhr ich mit einem Kahn ans andere Ufer. Da fingen mich diese Zigeuner, verprügelten mich und schickten mich zurück. Schießen wollten sie auch noch auf mich! Seit einem Jahr habe ich mein Kind nicht mehr gesehen und lebe in großer Armut, denn dort, jenseits des Flusses, habe ich mehr Boden als hier. Muss es sein, dass man die Menschen durch Grenzen trennt?“ Dann sehen sie eine Krähe, die ganz einfach über die Grenze fliegt. Der Erzähler schließt mit einer Hoffnung: </em>„<em>Mein Bekannter sah mit seinem einfachen Verstand weit, weit voraus – in eine unbekannte Zukunft. Gut möglich, dass die ganze Welt einmal so denkt, aber bis dahin war die Tochter des Bauern und sein Feld hinter der Grenze, in einem anderen Staat, er aber musste hier in großer Armut leben. Bis dahin hatte eine dumme Krähe mehr Freiheit als ein Mensch.“  </em></p>
<p><em>Ein anderer ukrainischer Autor ist Bohdan Lepkyj (1872-1941). Wir haben seine Erzählung „Wir verlassen das Haus nicht“ aufgenommen. Die Geschichte von Juden, die sich nicht mehr aus dem Haus trauen: „Die Stadt ist eine hundertköpfige Hydra. / Überall stehen Wachposten, überall sind Soldaten mit Bajonetten. / Die Soldaten sind so gefährlich und gehorsam wie ihre Bajonette. / Seit einigen Tagen gehen wir nicht aus dem Haus. / Wir gehen im Hause wie auf einem Schiff hin und her. / Die Füße haben sich dem festen Boden entwöhnt. Im Kopf mahlt eine Mühle. Das Mühlwasser braust, der Stein zerreibt das Korn. / Das Korn unserer Erinnerungen und Eindrücke…/ Wie schändlich ist es zu fliehen!“</em></p>
<p><em>Schließlich Vasyl Stefanik (1871-1936), „Ein kindliches Erlebnis“. </em>Ein Mädchen erlebt den Tod seiner Mutter im Krieg<em>: „Siehst du, Nastja, die Kugel summte und tötete die Mutter, und du bist schuld: musstest du heulen, als jener Soldat die Mutter umarmen wollte? Was störte dich das? Sie floh, und die Kugel pfiff … / Und jetzt wirst du keine Mutter mehr haben und wirst dienen gehen müssen… Die Mutter spricht nicht mehr, sie ist doch gestorben. Ich würde dich am liebsten schlagen, aber du bist ja jetzt eine Waise. Und was ist ein solches Mädchen schon wert?“ </em></p>
<p><em>Ich habe mich in diese Literatur verliebt. Viele dieser Autorinnen und Autoren habe ich vorher gar nicht gekannt. Nachdem ich mich mit den Texten vertraut gemacht habe, mit den Lebensläufen der Autorinnen und Autoren, fand ich alle sehr schön. </em></p>
<p><em>Erwähnen möchte ich auch die Texte von Alexander von Guttry (1887-1955), ein Schriftsteller polnischer Abstammung. Sie merken in dem Buch immer sofort an den Texten, welcher Abstammung der Autor war. Jeder hatte etwas mehr Sympathie für das eigene Volk, besonders deutlich ist das bei Alexander von Guttry. Er beschreibt die Polen, die Ruthenen, die Juden. Die Polen sind bei ihm natürlich die schönsten, die größten und sie singen die schönsten Lieder. Die Ruthenen sind ausgebeutet, aber dennoch ein starkes Volk, die Juden furchtbar schmutzig, aber ungeheuer treu gegenüber ihrer Religion, unheimlich sensibel. Das sind Texte aus dem Jahr 1916. Diese Beschreibungen sind natürlich auch sehr interessant mit ihren Klischees. Der Nationalismus blühte.   </em></p>
<h3><strong>1914 – 2014 </strong></h3>
<p><strong><img decoding="async" class="alignright wp-image-5859 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-300x207.jpg" alt="" width="300" height="207" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-200x138.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-300x207.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-400x276.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-600x414.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-768x530.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-800x552.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien.jpg 822w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" />Norbert Reichel</strong>: Das Kriegsthema spielte schon in dem Band „Es war einmal Galizien“ eine Rolle. Der zweite Sammelband, den Sie mit Alois Woldan über die Literatur in Galizien herausgegeben haben, befasst sich explizit mit dem Ersten Weltkrieg.</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Wir haben mit den Arbeiten an dem Buch 2013 angefangen. Und 2014 überfallen die Russen die Krim. Als wir die Texte übersetzten und redigierten, dachten wir zunächst, die Texte wären sehr expressionistisch, viele Metaphern, Adjektive, alles irgendwie schwer geschrieben. Doch dann bricht der Krieg aus und plötzlich liest man die Texte mit anderen Augen. Ich habe beim Redigieren geweint. Die Texte wurden sehr realistisch und mir wurde klar, dass man über solche Grausamkeiten nicht anders schreiben kann. Man kann all diese menschlichen Leiden nicht beim Namen nennen. Man braucht eine übertragene Bedeutung, sonst weint man nur beim Schreiben. </em></p>
<div id="attachment_5861" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5861" class="wp-image-5861 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Minna-Lachs-Park_Mariahilf_06-300x208.jpg" alt="" width="300" height="208" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Minna-Lachs-Park_Mariahilf_06-200x139.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Minna-Lachs-Park_Mariahilf_06-300x208.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Minna-Lachs-Park_Mariahilf_06-400x278.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Minna-Lachs-Park_Mariahilf_06-600x416.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Minna-Lachs-Park_Mariahilf_06.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-5861" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Minna-Lachs-Park,_Mariahilf_06.jpg">Minna-Lachs-Park in Wien</a>, Mariahilf. Wikimedia Commons,  <a class="extiw" title="w:en:Creative Commons" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a class="extiw" title="creativecommons:by-sa/4.0/deed.en" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en">Attribution-Share Alike 4.0 International</a> license.</p></div>
<p><em>Wir haben die Texte so aufgebaut, wie es auch in der Wirklichkeit oft war, dass zu Beginn des Krieges alle begeistert sind. Im ersten Text „Die Kriegserklärung“, den Minna Lachs (1907-1993) geschrieben hat, sagt ein Vater zu seiner Tochter: Du wirst stolz sein, dass du diesen Anfang, diese Proklamation erlebt hast. Im Verlauf der Erzählungen und Gedichte des Buches wird es dann immer schlimmer, die ersten Opfer, die ersten Leiden. Und dann steht man in einer zerbrochenen Welt, vor Ruinen, und man versteht, was der Krieg eigentlich bedeutet. So ist jeder Krieg. Kein Krieg ist eine Ausnahme. Jeder Krieg bedeutet Tod, Leiden, Vernichtung.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Überschrift des ersten großen Kapitels, die dieser Text von Minna Lachs einleitet, lautet: „Morgen war Krieg“. Eigentlich hätte man schon wissen müssen, was geschehen wird. Ein <em>„Morgen“</em> ohne Hoffnung, dass es sich verhindern ließe. Wurde der Band auch so wie Sie es beschreiben rezipiert?</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Ja, es wurde auch so verstanden. Krieg bedeutet immer Leiden, Ungerechtigkeit, es gibt auch immer jemanden, der tötet, und jemanden, der getötet wird. Ich finde das Vorwort von Jaroslaw Hrycak genial. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe es unter dem Titel <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/das-galizische-paradigma/">„Das galizische Paradigma“</a> im Februar 2025 in einer leicht aktualisierten Form veröffentlichen dürfen, die erste Veröffentlichung dieses Textes in einem deutschen Medium. Dafür darf ich Ihnen und Alois Woldan herzlich danken.</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Jaroslaw Hrycak sagt auch, wenn Polen und Ukrainer sich zusammengefunden hätten, statt gegeneinander zu kämpfen, hätte die Ukraine einen anderen Weg wählen können. Aber in der Geschichte gibt es keinen Konjunktiv. </em></p>
<p><em>Ein Symbol für die Zeit ist das von uns auch in den Band aufgenommene Gedicht „Grodek“ von Georg Trakl (1887-1914). Trakl war in der Nähe von Lviv an der Front. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein Gedicht, das wie später „Todesfuge“ von Paul Celan, in seinem Realismus erschlägt. Solche Gedichte gehören in deutschen Schulen zum Schulstoff, aber ich zweifle daran, dass jemand, der Krieg nur aus dem Fernsehen kennt, wirklich nachvollziehen kann, was diese Gedichte beschreiben. Aber vielleicht gelingt es, die Einbildungskraft, die Imagination so zu schulen, dass ein annäherndes Verständnis möglich wird. Ich kann mir gut vorstellen, dass Ihr Band dazu einiges beitragen kann. Das zweite große Kapitel, in dem auch „Grodek“ zu finden ist, trägt den denkwürdigen Titel: „Es schlug keine Stunde, als ihr sterben musstet“.</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Am meisten mag ich vielleicht den Text von Osyp Turjansky (1880-1933): „Jenseits der Schmerzgrenze“. Der Text beginnt mit folgenden Sätzen: „Ich und meine Freunde fielen einem schrecklichen Verbrechen zum Opfer. / Es war ein Verbrechen, das die Menschen und die Natur zuließen und das uns zu Verbrechern gegen den Geist der Menschheit machte. / Und so war es uns bestimmt, zu Lebzeiten durch die Hölle zu gehen, die uns über die Grenzen des menschlichen Schmerzes hinausführte – in den Abgrund des Wahnsinns und des Todes. / Die Schatten meiner Kameraden erscheinen mir im Traum und in der Wirklichkeit. Ich sehe Gesichter lebender Leichen.“</em></p>
<p><em>Es ist eigentlich ein Prosatext, aber auch ein lyrischer Text, in seiner Rhythmik. Er beschreibt das Leben der Menschen in einer Art, die man sich kaum vorstellen kann. Es ist eine Hymne gegen den Krieg, gegen die Leiden der Menschen im Krieg. Die Texte gehören in die Periode des Expressionismus, des Impressionismus, die Texte geben ein ästhetisches Erlebnis, spitzen die Gefühle zu. Ein weiteres Beispiel: Katrja Hrynewytschewa (1875-1947), eine ukrainische Autorin, beschreibt in „Tagebuchseite“ sehr konkret und eindrucksvoll ihre Leiden im Flüchtlingslager Gmünd in Niederösterreich.   </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dieser Text belegt diese Schwere, von der Sie sprachen und die manche Texte vielleicht auch schwer zugänglich macht, aber man sollte sich unbedingt auf solche Texte einlassen, um unsere Welt besser zu verstehen. Ich erlaube mir eine Passage zu zitieren: <em>„Das Auge der Seele sieht wie das Auge eines Paranoiden alles, auch was nur leicht umrissen ist, ein schwaches Zeichen im Bewusstsein, ähnlich einer Traumgestalt. Alles, was außerhalb des reinen Sehvermögens liegt, was die Schwelle des Bewusstseins nie übertritt, kann es in solch einer Nacht schnell und genau erkennen, so wie man Bazillen durch ein Vergrößerungsglas erkennt, doch ein geöffnetes Klavier oder die in sich versunkene, alabasterne Chrysis damit nicht zu sehen sind.“ </em>Der vorletzte Absatz lautet: <em>„Alles ist hier so verbissen! – beendet er seine Elegie und fährt sich verzweifelt mit der Hand durch sein Haar, worauf alle um ihn herum zu lachen beginnen. Nein, das ist kein Gelächter, es ist ein sonderbarer, von Sehnsucht betrunkener Schrei, den die tödlich besorgte Seele über die Maske des menschlichen Gesichtes zieht.“</em></p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Der Band enthält auch einen Eintrag aus dem Tagebuch von Stefan Zweig (1881-1942) vom September 1914 und ein Gedicht von Ivan Franko aus dem Jahr 1916; „Worte des Zaren“, der letzte Text im dritten großen Kapitel mit dem Titel: „Krieg dem Kriege“. Er beschreibt in diesem Gedicht das zaristische Russland und eine Fantasie: „Das unterjochte Russland gibt‘s nicht mehr.“ Aber er verweist auch auf das Russland des russischen Bären, der jedem seine Freundschaft anbietet, aber jeder weiß, was diese Freundschaft bedeutet: Er wird dich zerdrücken. Dieses Motiv finden wir auch in dem Text „Der Traum – Eine Komödie“, den wir in unseren Sammelband mit Gedichten von Taras Schewtschenko aufgenommen haben. </em></p>
<h3><strong>Literatur könnte Brücken bauen</strong></h3>
<p><strong><img decoding="async" class="alignright wp-image-5865 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Schewtschenko-178x300.jpg" alt="" width="178" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Schewtschenko-178x300.jpg 178w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Schewtschenko-200x337.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Schewtschenko.jpg 264w" sizes="(max-width: 178px) 100vw, 178px" />Norbert Reichel</strong>: Wie populär Taras Schewtschenko ist und wie sehr russländische Behörden seine Verse fürchten, belegt der Prozess gegen die 19jährige Darja Kosyrewa. Alexander Estis (<a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/darja-kosyrewa-putin-russland-ukraine-denkmal-lux.GMphX34VcQeaH8o8Vq1bfg">„Und das habt zum Zeichen“</a>) und Silke Bigalke (<a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/putin-darja-kosyrewa-russland-e737218/">„Und sie lächelt trotzdem“</a>) berichteten in der Süddeutschen Zeitung. Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Darja drohen siebeneinhalb Jahre Straflager, weil sie an eine Statue des ukrainischen Dichters Taras Schewtschenko einen Zettel mit Versen des Gedichtes „Vermächtnis“ (ukrainisch: „Sapowit“) befestigt und hinter den Versen ein Ausrufezeichen an Stelle eines Punktes geschrieben hatte. Ein Wunsch wurde somit zu einem politisch interpretierten Aufruf. In der deutschen Übersetzung von Gustav Specht, die Sie und Alois Woldan verwenden, lautet die letzte Strophe des Gedichts: <em>„So begrabt mich und erhebt euch! / Die Ketten zerfetzet! Mit dem Blut der bösen Feinde / Die Freiheit benetzet! / Meiner sollt in der Familie, / In der großen, ihr gedenken, / Und sollt in der freien, neuen / Still ein gutes Wort mir schenken.“</em> Darja hatte diese Verse in ukrainischer Sprache zitiert. Der Polizist, der sie verhaftete, konnte kein Ukrainisch, er hielt den Text für <em>„irgendwelche Beschwörungsformeln“</em>.</p>
<p>Der Band mit den Texten von Taras Schewtschenko wurde auf der Leipziger Buchmesse 2025 vorgestellt. Darf ich nach Ihrem nächsten Projekt fragen?</p>
<div id="attachment_5863" style="width: 220px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5863" class="wp-image-5863 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Mykola_Khvylovy-210x300.jpg" alt="" width="210" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Mykola_Khvylovy-200x285.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Mykola_Khvylovy-210x300.jpg 210w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Mykola_Khvylovy-400x571.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Mykola_Khvylovy-600x856.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Mykola_Khvylovy.jpg 640w" sizes="(max-width: 210px) 100vw, 210px" /><p id="caption-attachment-5863" class="wp-caption-text">Mykola Chwylovyj. Wikimedia Commons.</p></div>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Mein nächstes Projekt ist eine Anthologie mit Texten von Mykola Chwylowyj. Er ist ein ukrainischer Autor, väterlicherseits russischer Abstammung, hat sich aber immer als Ukrainer identifiziert. Er hat sich auch am Ersten Weltkrieg beteiligt, auch an der Revolution 1917. Zunächst war er ein überzeugter Revolutionär, bei der Roten Armee, doch allmählich erlebt er die Enttäuschung, wie grausam die Revolution ist und wie grausam in einem Krieg und in einer Revolution Menschen werden. Seine Werke sind gleichzeitig sehr romantisch, aber so grausam, dass man sich wundert, wie man in einem Werk beides haben kann. Irgendwann war er durch die Verfolgung seiner Freunde, von Schriftstellern, so enttäuscht, er beobachtete die Hungersnot, den Holodomor, hat eine Reise auf das Land organisiert und selbst gesehen, wie Hunderte von Menschen auf Fuhren weggefahren wurden, weil sie trotz reicher Ernte verhungert sind, weil man ihnen alles weggenommen hat. Er hat seine Freunde eingeladen und sich dann in einem Nebenzimmer erschossen. </em></p>
<p><em>Wir haben nur wenige Werke von ihm, ein Stück aus einem Brief, eine Art Autobiographie, vier Novellen neu übersetzt. Wir haben noch keine fertige Finanzierung, aber eine Studentin hat sich bereiterklärt, die Übersetzung zu bezahlen. Es ist diesmal sehr schön, dass wir die Übersetzer bezahlen können, was sonst nicht geschieht. Es fehlt noch etwas Geld für den Druck des Buches. Wir wollen das Buch wieder in Österreich herausgeben, damit es in die Bibliotheken hineinkommt und im Ausland gekauft werden kann. In der Ukraine kennt man den Autor inzwischen. Kürzlich erschien ein sehr guter Film: </em><a href="https://www.imdb.com/de/title/tt7526894/?language=de-de"><em>„Budynok Slowo“</em></a><em>. Der Film beschreibt ein schönes Hochhaus, in dem die Sowjetunion in den 1920er Jahren Schriftsteller untergebracht hatte. Sie wurden alle beobachtet und abgehört. Und nach einiger Zeit wurden sie einer nach dem anderen entführt und erschossen. An einem Abend wurde der eine abgeholt, am nächste der zweite und so ging es immer weiter. Das war auch einer der Gründe, warum Chwylowyj sich umgebracht hat.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht ein Fazit Ihrer Arbeit zum Abschluss unseres Gesprächs?</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Die Literatur, Sprachen, das sind Brücken, die Menschen verbinden. Wenn man manche Bücher einer Literatur gelesen hat, baut man Stereotype ab, man lernt die Geschichte voneinander, man lernt ein anderes Volk, ein anderes Land auch über die Gefühle kennen, die Literatur auslöst. Insbesondere für die Deutschen spielt die Literatur eine wichtige Rolle. Es wird viel gelesen. Man kann die Deutschen gut über die Literatur erreichen. Manche wahrscheinlich nicht, beispielsweise diejenigen, die an Sahra Wagenknecht glauben oder an die AfD. </em></p>
<p><em>Es macht natürlich auch einen Unterschied, was jemand liest. Ich finde es wichtig, dass ukrainische Literatur in Deutschland bekannt wird, dass man ukrainische Bücher ins Deutsche und deutsche Bücher ins Ukrainische übersetzt. Uns fehlen Bücher in ukrainischer Übersetzung, die uns helfen würden, Deutsche zu verstehen, auch Leute, die AfD oder Sahra Wagenknecht wählen. Wir brauchen Bücher, die uns helfen, den durchschnittlichen Deutschen – wer auch immer das ist – zu verstehen. Ich weiß nicht, ob sie dieselbe Literatur lesen, aber es gibt viele Bücher, die für die meisten Deutschen interessant und wichtig wären.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im März 2025, Internetzugriffe zuletzt am 5. März 2025. Für die Vermittlung des Kontakts zu Alla Paslawska danke ich meinem ukrainischen Kollegen Pavlo Shopin, der an der Drahomanov-Universität in Kyiv unterrichtet und mit seinen Studierenden unter anderem zahlreiche Texte aus dem Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> ins Ukrainische übersetzt und im <a href="https://md-eksperiment.org/">Portal Eksperiment</a> veröffentlicht. Titelbild: Cover von „Es war einmal Galizien.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Romeo und Julia mit Happy End</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/romeo-und-julia-mit-happy-end/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 11 Feb 2025 08:24:41 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Romeo und Julia mit Happy End „Muslimisch jüdisches Abendbrot“ mit Saba-Nur Cheema und Meron Mendel „Ich ging hinunter in die Wüste / um meinen Brüdern beim Kampf zu helfen / Ich wusste, dass sie nicht im Unrecht / Ich wusste, dass sie nicht im Recht waren“ (Leonard Cohen) Leonard Cohen notierte diese Verse einer  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-9 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-8 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-9" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Romeo und Julia mit Happy End</strong></h1>
<h2><strong>„Muslimisch jüdisches Abendbrot“ mit Saba-Nur Cheema und Meron Mendel</strong></h2>
<p><em>„Ich ging hinunter in die Wüste / um meinen Brüdern beim Kampf zu helfen / Ich wusste, dass sie nicht im Unrecht / Ich wusste, dass sie nicht im Recht waren“ </em>(Leonard Cohen)</p>
<p>Leonard Cohen notierte diese Verse einer unveröffentlichten Strophe von „Lover, Lover, Lover“, als er 1973 während des Yom-Kippur-Krieges in Israel vor Soldaten sang (Matti Friedman zitiert sie in seinem Buch <a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-wer-durch-feuer.html">„Wer durch Feuer – Krieg am Jom Kippur und die Wiedergeburt Leonard Cohens“</a>, übersetzt aus dem Englischen von Malte Gerken, Leipzig, Hentrich &amp; Hentrich, 2023).</p>
<p>Wer ist im Recht? Wer ist im Unrecht? Diese Fragen prägen so manche Debatte der Folgewochen und -monate nach dem 7. Oktober 2023. Bis heute und wohl noch manchen der folgenden Tage, Monate oder gar Jahre. Gibt es überhaupt eindeutige, abschließende oder gar verbindliche Antworten auf diese Fragen? Oder wird es auf Dauer bei der rhetorischen Resignation der Verse Leonard Cohens bleiben? Ungeachtet einer wie auch immer gearteten Entscheidung, <em>„beim Kampf zu helfen“</em>?</p>
<h3><strong>Polarisierende Zeiten</strong></h3>
<p>Die Verse Leonard Cohens mögen irritieren, aber welche Antwort wäre angemessen? Es sollte keinen Zweifel geben, was am 7. Oktober geschah. Eigentlich. Die Hamas-Terroristen filmten mit ihren eigenen Handys und mit den Handys der von ihnen vergewaltigten, ermordeten oder verschleppten Menschen und versandten die Bilder und Videos an die Familien der Opfer. Und dennoch gibt es immer wieder nicht nur prominente Stimmen, die das Massaker anzweifeln, leugnen, herunterspielen oder gar rechtfertigen, den Opfern jedes Mitgefühl verweigern.</p>
<p>Der 7. Oktober 2023 erinnerte durchaus an den Yom-Kippur-Krieg 1973. Beide Male war Israel schutzlos. Israel war nicht der versprochene sichere Ort für Jüdinnen und Juden. Jedes Mal, wenn Israel sich wehrte, verteidigte, explodierte der Antisemitismus in Deutschland, in Europa, in den USA und anderswo. Die Explosion des Antisemitismus nach dem 7. Oktober erschreckte in ihrer Vehemenz und sie ging einher mit der pauschalen Verdächtigung aller Musliminnen und Muslime, sie sympathisierten mit den Terroristen der Hamas, eine andere. Differenzierte Stimmen hatten es immer schwerer, Gehör zu finden. Stattdessen dominiert viel zu oft Rechthaberei, in parlamentarischen Debatten, in den Medien, in Schulen und an Universitäten, im Alltag. Freundschaften zerbrachen, Schuldzuweisungen dominierten den Diskurs.</p>
<p>Saba-Nur Cheema und Meron Mendel haben sich nie gescheut, sich in unseren schon seit längerer Zeit immer mehr polarisierenden Zeiten zu positionieren. Bei der Auswahl des „Unworts des Jahres“ 2024 waren sie außerordentliche Gäste der Jury. <a href="https://www.sueddeutsche.de/panorama/unwort-des-jahres-2025-biodeutsch-li.3180154">Sie plädierten für den Begriff „importierter Antisemitismus“</a>, mit Recht, denn das was aus dem Iran oder arabischen Ländern nach Deutschland und in andere europäische Länder zurückkommt, hat seine <a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-nazis-und-der-nahe-osten.html">deutsche Vorgeschichte</a>, von der viele in Deutschland aber nichts mehr wissen (wollen).</p>
<p>Die gemeinsamen Auftritte von Saba-Nur-Cheema und Meron Mendel nach dem 7. Oktober porträtierte Annabel Wahda in der ZEIT mit dem doppeldeutigen Begriff einer <a href="https://www.zeit.de/zeit-magazin/2024/18/nahostkonflikt-judentum-islam-deutsche-debatte/komplettansicht">„Paartherapie“</a>. Es ist nicht nur ihr Auftreten als <em>„Paar“</em>, das beeindruckt, sondern auch die oft genug irritierende ständige Selbstvergewisserung der eigenen Identitäten, des Paares Saba-Nur Cheema und Meron Mendel sowie des jeweiligen Publikums. <em>„Schon früh haben wir festgestellt, dass wir als Paar auffallen.“ </em>Dieser Satz findet sich in einer der Kolumnen, die sie seit dem Jahr 2020 regelmäßig in der FAZ unter dem Titel „Muslimisch jüdisches Abendbrot“ veröffentlichten.</p>
<p>30 Kolumnen liegen jetzt bei Kiepenheuer &amp; Witsch als Buch vor. Der Untertitel beschreibt Problem und Aufgabe zugleich: <em>„Das Miteinander in Zeiten der Polarisierung“.</em> Im ersten Absatz des Vorwortes benennen Saba-Nur Cheema und Meron Mendel die unmittelbaren Folgen des 7. Oktobers auf ihren Alltag: <em>„Der 7. Oktober 2023, der Tag des Massakers der Hamas in Israel, hat unser Leben verändert. Als die ersten Nachrichten kamen, begannen wir, um Familie und Freunde zu bangen, die nicht weit entfernt vom Gazastreifen lebten. Der Verlust von Menschen, die wir geliebt haben, die Sorge um die Zukunft derer, die noch da sind, begleiten uns bis heute.“</em> Das Massaker. Der Schmerz. Die Angst. Die Sorge. Die Empathie. Die Frage quält: Warum ist es nicht möglich, dass wir uns alle auf diese Sicht als Ausgangspunkt aller weiteren Überlegungen und Debatten verständigen? Man kann diese Frage nicht oft genug wiederholen.</p>
<p>Offenbar ist eine solche Verständigung nicht möglich. Dies ist für Saba-Nur Cheema und Meron Mendel keine neue Erfahrung. Sie bestimmte beispielsweise die heftigen Kontroversen um ihren gemeinsam mit Sina Arnold herausgegebenen Band <a href="https://www.verbrecherverlag.de/shop/frenemies-antisemitismus-rassismus-und-ihre-kritikerinnen/">„Frenemies – Antisemitismus, Rassismus und ihre Kritiker*innen“</a> (Berlin, Verbrecher Verlag, 2022). Wieder einmal erwiesen sich <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/fragile-allianzen/">die so dringend erforderlichen Allianzen gegen Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus als fragil</a>. So war es auch bei der Eröffnung einer Ausstellung von Nan Goldin in der Berliner Nationalgalerie. In ihrer Rede zur Eröffnung des Symposiums: <a href="https://www.blaetter.de/ausgabe/2025/januar/der-nahostkonflikt-und-die-kunst-wider-die-logik-des-boykotts">„Wider die Logik des Boykotts“</a> (nachzulesen in der Januarausgabe 2025 der Blätter für deutsche und internationale Politik) sagten Saba-Nur Cheema und Meron Mendel: <em>„Entweder bist du ‚Ally‘, also unser Verbündeter, oder du bist unser Feind. Es gibt kein Dazwischen, man hat nicht mehr die Freiheit, sich in jeder Frage eine eigene Meinung zu bilden.“ </em>Stattdessen erleben wir Allianzen der drei Antisemitismen: rechts, links, islamistisch. Jeffrey Herf hat sie in seinem jetzt auch in deutscher Sprache vorliegenden Band „Drei Gesichter des Antisemitismus“ (Leipzig, Hentrich &amp; Hentrich, 2025) eindrucksvoll analysiert.</p>
<p>Die Folge:<em> „Als muslimisch-jüdisches Paar fehlt uns zunehmend die Luft.“</em> Das Elend sei <em>„selektive Empathie“</em> und die offensichtliche Unfähigkeit, <em>„die Gegenrede aushalten“</em> zu können und auch gar nicht <em>„aushalten“</em> zu wollen. <em>„Ist es vielleicht zu viel von Menschen erwartet, egal ob Künstler oder nicht, den Schmerz der anderen wahrzunehmen?“</em> Meltem Kulaçatan nannte dieses Phänomen im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon </span><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wider-die-empathiesperre/"><em>„Empathiesperre“</em></a>, Anastasia Tikhomirova konstatierte ebenda <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/selektiver-humanismus/"><em>„selektiven Humanismus“</em></a>.</p>
<h3><strong>Drei Freiheiten und der Antisemitismus: Kunst, Meinung, Wissenschaft</strong></h3>
<p>Der zentrale Gedanke der 30 Kolumnen: Es geht nicht nur darum, <u>welche</u> Debatten wir führen, sondern auch darum, <u>wie</u> wir sie führen. Im Grunde kann man mit jedem Kapitel beginnen und wird immer wieder neue Einsichten und Denkanstöße finden. Gleichzeitig hat das Buch eine klare Botschaft: Wer das Gespräch ausschließt, verweigert oder sich erst gar nicht traut, ein Gespräch zu beginnen, macht einen grundlegenden Fehler.</p>
<p>Eines der Themen ist die mehr als schräge Debatte um die <em>„Kunstfreiheit“</em>. Saba-Nur Cheema und Meron Mendel erörtern diese Debatte unter anderem in der Kolumne „Romeo und Julia aus dem Nahen Osten“ am Beispiel der Aufführung des Theaterstücks „Vögel“ des libanesisch-kanadischen Regisseurs <a href="https://www.wajdimouawad.fr/wajdi-mouawad/biographie/">Wajdi Mouawad</a> in München, eine Romeo-und-Julia-Geschichte, die Liebe eines Juden und einer Muslima. Das Stück war zuvor in Paris und in Tel Aviv aufgeführt und hoch gelobt worden. Doch dann gab es in München Proteste, von mehreren Seiten: <em>„Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass nun ausgerechnet jüdische Studierende in unfreiwilliger Allianz mit BDS-Aktivisten das Stück verhindern wollten.“</em> In der Kolumne kommen Meron Mendel und Saba-Nur Cheema zu dem Schluss, dass das Stück durchaus Einseitigkeiten enthalte. Aber ist es deshalb auch antisemitisch? <em>„Man kann sich über das Stück ärgern, und es muss nicht allen gefallen. Wer sich nicht irritieren lassen will, sollte nicht hingehen. Oder hingehen und danach eine vernichtende Rezension schreiben.“</em></p>
<p>Das Kapitel „Romeo und Julia aus dem Nahen Osten“ lässt sich – wie auch die meisten Kolumnen – als Meta-Kritik lesen. Saba-Nur Cheema und Meron Mendel machen immer wieder deutlich, dass nicht die bloße Kritik an der israelischen Regierung, an israelischer Politik bereits antisemitisch wäre, dass aber dann Antisemitismus vorliege, wenn Israel insgesamt, alle Israelis (ignorierend, dass etwa 20 Prozent der israelischen Bevölkerung keine Juden sind) und mit ihnen alle Jüdinnen und Juden dieser Welt als Verantwortliche gebrandmarkt werden. Einladungen, Ausladungen, abgehängte Bilder, abgesagte Vernissagen und Vorträge, gegen wen auch immer, gerade auch Absagen gegenüber jüdischen und – in einigen Fällen israelischen – Künstler:innen, die sich unmissverständlich für Frieden, gegen Besatzung, gegen die Praxis der israelischen Regierung engagieren, wirken absurd, weil sie eigentlich nur die Gegenseite motivieren, sich noch eine Spur radikaler zu äußern. Das gilt natürlich auch in die andere Richtung, in der pauschalen Verurteilung des Islam und aller Muslim:innen als Urheber:innen von Antisemitismus: <em>„Wenn schon etwas in die Hände der Islamisten spielt, dann solche antimuslimischen Empörungswellen.“</em> Wenn Einladungen nicht mehr als Einladungen, sondern nur noch als Statement wahrgenommen werden, stimmt etwas nicht.</p>
<p>Der einzelne Künstler, die einzelne Künstlerin werden zu Repräsentant:innen einer politischen Richtung, die keine Differenzierungen kennt. <em>„Allerdings darf der Maßstab, ob Kunst antisemitisch ist, niemals subjektiviert werden.“</em> Das ist ein wichtiger Punkt. Denn Betroffenheit kann viele Gründe haben. Ein Grund mag in <em>„der religiösen Sozialisation liegen, dass man gleich getriggert wird, sobald eine literarische Darstellung oder ein Kunstwerk gezeigt wird, welches nicht der eigenen Überzeugung entspricht.“</em> Das bedeutet nicht unkritische Akzeptanz von allem, was irgendwo geäußert wird. Es reicht auch nicht zu fordern, das müsse man einfach <em>„aushalten“</em>: Anlässlich der Platzierung eines rechtsextremistischen Verlags direkt neben dem Stand der Bildungsstätte Anne Frank bei der Frankfurter Buchmesse 2017 schreiben Saba-Nur Cheema und Meron Mendel: <em>„‚Aushalten‘ darf aber nicht bedeuten, Feinden der Demokratie den roten Teppich auszurollen und sie mit vorteilhaft gelegenen Standplätzen zu beglücken.“</em> Im Jahr 2018 gab es auf der Buchmesse eine andere Lösung, immerhin: <em>„Eine wehrhafte Demokratie (…) garantiert die Meinungsfreiheit und bezieht gegenüber Gegnern zugleich Position.“ </em></p>
<p>Ähnlich geschieht es in der Wissenschaft. Eine Kolumne trägt den Titel: „Wie politisch darf die Wissenschaft sein?“ Nicht immer handelt es sich um Wissenschaft, wenn in beziehungsweise vor einer oder um eine Universität gestritten wird. Es gibt durchaus Fälle, in denen <em>„der Unterschied zwischen einer wissenschaftlichen Konferenz an der Universität und einer Talkshow oder einem Stammtischgespräch nicht mehr deutlich erkennbar“</em> ist. Das betrifft nicht zuletzt die Debatten um Antisemitismusdefinitionen, um <a href="https://holocaustremembrance.com/resources/arbeitsdefinition-antisemitismus">IHRA-Definition</a> oder <a href="https://jerusalemdeclaration.org/">Jerusalem Declaration</a>. Es muss darüber gestritten werden, ob Bundestagsbeschlüsse immer den richtigen Ton treffen. Der entscheidende Punkt ist jedoch etwas anderes: <em>„Ob sich Max Weber Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts hätte vorstellen können, dass Wissenschaftler sich eines Tages lieber mit Unterschriften statt mit Argumenten gegenseitig überbieten wollen?“ </em>Das gilt nicht nur in Deutschland, auch wenn die deutsche Neigung zu Unterschriftenlisten vielleicht nicht überall gleich hoch im Kurs ist.</p>
<p>Eine ähnliche Position vertritt Ronen Steinke, der die aktuelle Atmosphäre, die viele Debatten verhindert und vergiftet, am Beispiel der Ausladung des israelischen Historikers Benny Morris durch die Universität Leipzig anschaulich beschrieb: <a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/gesellschaft/meinungsfreiheit-universitaet-e776265/">„Wo bleibt die Freiheit?“</a> Eine Frage, die sich auch angesichts so manch anderer Ausladung stellen ließe, beispielsweise von Nancy Fraser im Frühjahr 2024 aus Köln. Ronen Steinke kommentiert: <em>„Der Rektor der Kölner Universität, der Anglist Joybrato Mukherjee, erklärte: Wer Israel, wie die Philosophin Fraser, als ‚ethno-suprematistischen‘ Staat schmähe und zum Boykott aufrufe, für den sei das Rampenlicht einer Kölner Gastprofessur ‚nicht angemessen‘. / Was auf die etwas alberne Behauptung hinausläuft, die klugen Studierenden in dieser Stadt bekämen es nicht auf die Reihe, aus der direkten Auseinandersetzung mit dieser Denkerin noch klüger zu werden. Stattdessen würden sie, so wohl die stillschweigende Sorge, sofort den Kopf verhext bekommen. Wie kleine Kinder, die alles nachplappern, was man ihnen vorsagt. Was für ein Unsinn.“</em></p>
<h3><strong>Die ganze Welt im Alltag</strong></h3>
<p><em>„Eine Ehe ist kein politisches Projekt – oder?“</em> Im Vorwort verweisen Saba-Nur Cheema und Meron Mendel auf Nordirland, wo es vor etwa 30 Jahren gerade einmal zwei Prozent katholisch-protestantischer Ehen gab, inzwischen sei die Zahl auf zehn Prozent angestiegen. (Vielleicht darf ich anmerken, dass im katholischen Rheinland der 1960er Jahre Ehen mit Protestant:innen als <em>„Mischehen“</em> bezeichnet wurden, in denen der protestantische Part zusichern musste, dass die Kinder katholisch erzogen würden. Katholiken sollten nur Katholikinnen heiraten. Man darf es als großen Erfolg Konrad Adenauers betrachten, dass es in der CDU kaum noch eine Rolle spielt, ob jemand katholisch oder evangelisch ist. Es gab im Rheinland in den 1960er Jahren keine Religionskriege, aber man ging sich systematisch aus dem Weg, die Kinder besuchten unterschiedliche Schulen.)</p>
<p>Carol Hanisch prägte zu Beginn der 1970er Jahre den Satz, dass das Private politisch sei. Der Satz wurde ein Schlagwort der Frauenbewegung, ließe sich heute jedoch auch in der sogenannten <em>„Integrationsdebatte“</em> anwenden, die oft genug als Religionsdebatte geführt wird. Die Erfahrung im eigenen Haushalt ist bei einer Ehe zwischen einer deutschen Muslima und einem deutschen Juden mit pakistanischer beziehungsweise israelischer Familiengeschichte Alltag, eben auch in der eigenen Familie: <em>„Seit wir ein Kind haben, achten die jeweiligen Großeltern genau darauf, dass ihre Kultur und Religion in unseren vier Wänden nicht zu kurz kommen.“</em> Es klappt trotzdem, Romeo und Julia mit Happy End, aber was heißt hier <em>„trotzdem“</em>?</p>
<div id="attachment_5764" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5764" class="wp-image-5764 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/CHEEMA-MENDEL_gruen-002-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/CHEEMA-MENDEL_gruen-002-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/CHEEMA-MENDEL_gruen-002-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/CHEEMA-MENDEL_gruen-002-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/CHEEMA-MENDEL_gruen-002-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/CHEEMA-MENDEL_gruen-002-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/CHEEMA-MENDEL_gruen-002-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/CHEEMA-MENDEL_gruen-002-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/CHEEMA-MENDEL_gruen-002-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/CHEEMA-MENDEL_gruen-002-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-5764" class="wp-caption-text">Meron Mendel und Saba-Nur Cheema. Foto: Ali Ghandtschi.</p></div>
<p>Ein Beitrag hat den schönen Untertitel: <em>„Wie man ein muslimisch-israelisch-jüdisch-pakistanisch-hessisches Kind erzieht“</em>. Staatliche Stellen sind schon ein größeres Problem. Es fällt ihnen schon in Kleinigkeiten schwer, die Komplexität und Vielfalt unserer Gesellschaft anzuerkennen. Das Judentum wird matrilinear, der Islam patrilinear weitergegeben. Der Versuch, das Kind mit einer doppelten Religionszugehörigkeit eintragen zu lassen, wurde auf dem Standesamt abgelehnt. Auch der Vorschlag <em>„divers“</em> fand keine Gegenliebe. <em>„Letztlich mussten wir uns mit der Bezeichnung ‚konfessionslos‘ zufriedengeben.“</em></p>
<p>Vielfalt ist Realität. Die Vielfalt der Identitäten ist das eine, die Stadt Frankfurt am Main als Heimat das andere, aber beides gehört untrennbar zusammen. <em>„Wer ein Haus baut, will bleiben“</em> – mit diesem Satz zitieren Saba-Nur Cheema und Meron Mendel Salomon Korn, den langjährigen Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main. In dem Kapitel geht es aber auch um Grabstätten. Warum gibt es in Deutschland noch keine muslimischen Friedhöfe? Warum gibt es in muslimischen Communities diesen hohen Aufwand, verstorbene Familienangehörige in die Länder zurückzuführen, in denen sie schon seit Jahrzehnten nicht mehr lebten? <em>„Was einst Salomon Korn für Juden konstatierte – ‚Wer ein Haus baut, will bleiben‘ – kann heute für Muslime so formuliert werden: Wer ein Grab baut, will nicht mehr zurück.“ </em>Immerhin gibt es auf einigen wenigen Friedhöfen inzwischen muslimische Abteilungen.</p>
<p>Dann geht es weiter hinein in den Alltag, in Debatten um Weihnachtsbeleuchtungen, Ramadan-Beleuchtung, Muezzinrufe, das Tragen religiöser Symbole in Gerichten oder in der Schule. In den öffentlichen Debatten wird immer wieder eine Nicht-Integration unterstellt, weil dem eine Religion, insbesondere der Islam, im Wege stünde, während andere kritisieren, muslimisches Leben werde unsichtbar gemacht. Es geht aber weniger – so Saba-Nur Cheema und Meron Mendel – um Sichtbarkeit versus Islamisierung, sondern um die Frage, welche Bedeutung das ein oder andere für die Religion denn nun wirklich hat. <em>„Offensichtlich ist es für die Mehrheitsgesellschaft einfacher, sich in eine Scheindiskussion über Beleuchtungen und Rufe einzulassen, statt die wirklichen Herausforderungen für Muslime in Deutschland anzupacken: vom Religionsunterricht über Moscheebau bis zur Diskriminierung am Arbeitsplatz.“</em></p>
<p>Innerhalb der jüdischen und der muslimischen Communites ist es auch nicht einfach. Saba-Nur Chema kommt aus einer Familie, die der Ahmadiyya-Bewegung angehört, Meron Mendel musste innerhalb der jüdischen Communities (muss man im Plural schreiben) immer wieder Kritik erfahren, beispielsweise bei der Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille, die der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, kritisierte. Solche Kritik ist legitim – es ist eigentlich schon ein Indikator für ein Problem, dass man das überhaupt sagen muss – aber der Kernpunkt liegt darin, dass die aktuelle Atmosphäre der Auseinandersetzungen die Legitimität von Debatten und Kritik nicht mehr so einfach erkennen lässt.</p>
<h3><strong>Dialog lohnt sich (fast) immer</strong></h3>
<p>Betroffenheit ist eines der Schlüsselwörter in jeder Debatte um Identität und Legitimität. Wer fühlt sich wann von wem und was betroffen? In welcher Richtung auch immer. Wer meint, sich mit einem bestimmten Verhalten, einer bestimmten Äußerung, mit aus seiner beziehungsweise ihrer Sicht betroffenen Gruppe oder Person solidarisieren zu müssen? Das Urteil von Saba-Nur Cheema und Meron Mendel ist hart: <em>„Die Perspektive von Betroffenen jeder Form von Marginalisierung wird heiliggesprochen, indem sie zum einzigen Maßstab wird, um sich eine Meinung zu bilden und ein Urteil zu fällen.“</em> Das kann schon in Sarkasmus umschlagen: <em>„Die ungeschriebene Regel der Identitätspolitik lautet: Um die Mehrheitsgesellschaft zu kritisieren, suche dir erst einmal eine Minderheitsposition.“</em> Gefährlich wird dies, wenn <em>„der Ankläger zum Richter“ gemacht wird, denn dann „spielt die Wahrheit keine Rolle mehr“. „Betroffene haben nicht immer recht.“</em>  Eine besonders schräge Debatte ist die um sogenannte <em>„kulturelle Aneignung“</em>, eigentlich <em>„die gängige Praxis, wie Kulturen über Jahrtausende weiterentwickelt wurden.“</em></p>
<p>Die Vielfalt des Alltags und die Untiefen der Integration – wer integriert wo eigentlich wen und was? – wird im leicht ironischen Titel der gesamten Reihe deutlich, vielleicht ist auch dieser eine <em>„kulturelle Aneignung“</em>? Denn was kann es Deutscheres geben als <em>„Abendbrot“</em>, ein Wort, für das es meines Wissens in keiner anderen Sprache ein Äquivalent gibt. Das <em>„Abendbrot“ </em>ist etwas einzigartig Deutsches. Man muss ja nicht gleich von <em>„Leitkultur“</em> sprechen. Birgit Rommelspacher nannte das <em>„kulturelles Christentum“</em>, eine der Grundlagen des <em>„kulturellen Codes“</em>, als den Shulamit Volkov den Antisemitismus beschrieb.</p>
<p>Meron Mendel und Saba-Nur Cheema berichten von einem jungen Mädchen, das in der Schule ein T-Shirt mit der Aufschrift <em>„Free Palestine“</em> trug. Als sie angesprochen wurde, stellte sich heraus, dass sie für eine friedliche Zwei-Staaten-Lösung eintrat. Warum trug sie das T-Shirt? Ein Einzelfall? Oder denken auch andere so, die ein solches T-Shirt tragen? Darüber ließe sich diskutieren. Der eigentliche Boykott ist der Boykott des Miteinander-Sprechens. Die große Gefahr liegt darin, dass Menschen sich nur noch auf einen ersten Eindruck verlassen, sich in eindeutigen Rollen verorten und nicht merken, dass es gerade diese Eindeutigkeit in der Wirklichkeit nicht gibt und – so ist das in liberalen Demokratien – auch gar nicht geben sollte. Damit sind wir wieder bei den Merkwürdigkeiten der <em>„Gattung Integrationsdebatte“</em>, die<em> „zwar keine deutsche Erfindung </em>(ist)<em>, doch wurde sie hier vermutlich perfektioniert.“</em> Ihr Ablauf folgt scheinbar klaren Regeln: <em>„Alle Beteiligten spielen ihre Rollen nach einem bestimmten Drehbuch, ohne sich allzu viele Gedanken machen zu müssen.“</em></p>
<p>Religionen spielen in diesen Drehbüchern eine Rolle, die ihre Spiritualität in den Hintergrund verbannt, dafür aber in erster Linie eine – und nur diese eine – Identität postulieren. Volker Weiß wird in einer Kolumne mit dem Hinweis zitiert, dass sich zunehmend Staaten (und damit Gesellschaften) über eine Religion definierten. Diese Äußerung beziehen Saba-Nur Cheema und Meron Mendel wiederum auf ihre eigene Biographie und die ihrer Eltern. Sie stellen sich selbst die schwer beantwortbare Frage: <em>„Wie kam es dazu, dass beide national-dekolonialen Gründungsprojekte in Pakistan und Israel – bei allen Unterschieden und Spezifika – von Fanatikern übernommen wurden?“</em> Die Kolumne endet mit dem interessanten Satz: <em>„Sarkasmus wird aber niemandem in Israel und Pakistan helfen. Vielleicht aber eine Lektüre der Schriften von Herzl?“</em> Ich bin mir sicher, dass es eine Menge Leute gibt, die die Lektüre Herzls direkt ablehnen werden, aber vielleicht sollten sie einmal wirklich hineinschauen, denn das was Theodor Herzl schrieb, ist eine humanistische Utopie. Sein <a href="https://shop.hirnkost.de/produkt/altneuland/">Roman „Altneuland“</a> wurde vor Kurzem im Hirnkost-Verlag in dessen vierzigbändiger Science-Fiction-Reihe neu aufgelegt.</p>
<p>Die Kolumnen beziehungsweise Kapitel des Buches lassen sich leicht und immer mit Gewinn lesen, sodass ich empfehlen möchte, dieses Buch immer griffbereit aufzubewahren. Das Buch erfüllt einen universellen – ich möchte sagen – universell-humanistischen Anspruch, es erschließt die ganze Welt im Alltag. Es fördert in jeder Kolumne, jedem Absatz, jedem Satz die Fähigkeit, die Dinge und Entwicklungen dieser Welt differenzierter, selbstkritischer und zuversichtlicher wahrzunehmen und zu begreifen. Durchaus im Sinne des Gedankens von Leonard Cohen, denn es ist wahrscheinlich, dass wir in vielen Fragen zugleich recht und unrecht haben. Wer in dem Buch liest, wird die eigene, <em>„kulturelle Neugier belohnen“</em>. Und neue schaffen. Mit Happy End für uns alle!</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im März 2025, Internetzugriffe zuletzt am 10. Februar 2025. Titelbild: Pixabay.)</p>
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		<title>&#8222;Es ist Mai und wir sitzen im Garten&#8220;</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/es-ist-mai-und-wir-sitzen-im-garten/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Feb 2025 15:13:25 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>„Es ist Mai und wir sitzen im Garten“ Ein Gespräch mit Miriam Bistrovic über Erinnern und Aufbewahren „‚Erinnere dich!‘ Ist im Judentum mehr als nur eine bloße historische Mahnung oder liturgische Pflicht. Die Aufforderung durchdringt den Alltag, sie verbindet Vergangenheit und Gegenwart.“ (Miriam Bistrovic und David Brown im Vorwort zu dem von ihnen herausgegebenen  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-10 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-9 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-10" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>„Es ist Mai und wir sitzen im Garten“</strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit Miriam Bistrovic über Erinnern und Aufbewahren</strong></h2>
<p><em>„‚Erinnere dich!‘ Ist im Judentum mehr als nur eine bloße historische Mahnung oder liturgische Pflicht. Die Aufforderung durchdringt den Alltag, sie verbindet Vergangenheit und Gegenwart.“ </em>(Miriam Bistrovic und David Brown im Vorwort zu dem von ihnen herausgegebenen Buch „Stolpertexte – Literatur gegen das Vergessen“, Leipzig, Hentrich &amp; Hentrich 2024.)</p>
<p><em>„Erinnere dich!“ – „Zachor!“ – </em>das ist das Programm der Geschichten, die Geschichte und vor allem die vielen Menschen lebendig werden lassen, denen in Deutschland und in Österreich die Heimat geraubt wurde. Dies ist das Anliegen, der Auftrag der im von jüdischen Emigrierten im Jahr 1955 gegründeten <a href="https://www.lbi.org/de/">Leo-Baeck-Institut</a> tätigen Menschen. Das Institut hat drei Standorte: In Jerusalem, in London und in New York City. Letzteres agiert zusätzlich als transatlantische Brücke mit einer Archivdependance und Repräsentanz in Berlin.</p>
<div id="attachment_5738" style="width: 227px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-stolpertexte.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5738" class="wp-image-5738 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Cover_Stolpertexte-217x300.jpg" alt="" width="217" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Cover_Stolpertexte-200x276.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Cover_Stolpertexte-217x300.jpg 217w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Cover_Stolpertexte-400x553.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Cover_Stolpertexte.jpg 434w" sizes="(max-width: 217px) 100vw, 217px" /></a><p id="caption-attachment-5738" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die ausgebildete Historikerin und Kunsthistorikerin Miriam Bistrovic arbeitet seit 2013 im Berliner Standort des New Yorker Instituts, den sie selbst mit aufgebaut hat. Sie hat im Jahr 2024 gemeinsam mit David Brown und Matthias Pfeffer beim Leipziger <a href="https://www.hentrichhentrich.de/">Verlag Hentrich &amp; Hentrich</a> den Band „Stolpertexte“ veröffentlicht, in dem 22 Autorinnen und Autoren die Geschichte von Menschen erzählen, die in der NS-Zeit Deutschland verließen oder ermordet wurden. Grundlage waren in New York gesammelte Dokumente. Einige Texte wurden an einem Abend der Leipziger Buchmesse 2024 im Capa-Haus, in den Räumen des Verlags, vorgestellt, der Band erschien dann im Herbst und wurde – seinen Zielen und seiner Bedeutung angemessen – in einem Zelt auf dem Berliner Bebel-Platz, dem Ort der Bücherverbrennungen vom 10. Mai 1933, vorgestellt.</p>
<p>Die „Stolpertexte“ sind beispielhaft für die Arbeit des Leo-Baeck-Instituts New York | Berlin. Dies gilt für den in deutscher und englischer Sprache gehaltenen Band „In Echtzeit“ beziehungsweise „Posts from the Past“ aus dem Jahr 2020, der jeden Tag des Jahres 1938 aus jüdischer Perspektive dokumentiert. Diesen Band hat Miriam Bistrovic gemeinsam mit Frank Mecklenburg, William H. Weitzer und Magdalena Wrobel herausgegeben. David Brown und Barbara Ann Schmutzler haben sich um die Übersetzungen gekümmert. Er erschien ebenfalls bei Hentrich &amp; Hentrich. Ein drittes Produkt ist die am 7. Dezember 2023 gestartete Podcast-Reihe „Exil“ beziehungsweise „Exile“, ebenfalls in deutscher und in englischer Sprache verfügbar. Die deutsche Fassung wird von Iris Berben gesprochen, im Englischen leiht Mandy Patinkin den Episoden seine Stimme. Der Podcast präsentiert zwölf Geschichten bekannter und weitestgehend unbekannter jüdischer Persönlichkeiten, basierend auf persönlichen Briefen, Tagebüchern und Interviews und wird im Deutschen als Koproduktion mit der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben.</p>
<h3><strong>Ein langer Weg (nicht nur) nach Berlin</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es war nicht einfach, nach 1945 ein Institut in Deutschland anzusiedeln, das sich dem Judentum verpflichtet sah. Da gab es viele Vorbehalte, gerade auch auf Seiten der jüdischen Community. Deutschland – das war das Land der Täter, der Mörder. Manche wollten lange Jahre nicht einmal mehr deutsch sprechen. Andererseits war die deutsche Sprache für viele Muttersprache.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Das war in der Tat eine schwierige Debatte. Es gab das Leo-Baeck-Institut in New York, in London und in Jerusalem, den drei Zentren jüdischer Emigration, die alle zeitgleich im Jahr 1955 gegründet worden sind. Es entstanden sehr schnell unterschiedliche Schwerpunkte. In New York war sehr schnell klar, dass man versuchen sollte, das zu bewahren, was vom deutschsprachigen Judentum erhalten und nicht zerstört worden war. </em></p>
<p><em>Es gab aber immer wieder die Überlegung, wie man den Kontakt nach Deutschland halten konnte, sollte oder vielleicht auch wollte und gleichzeitig sicherstellte, dass man kein Institut in Deutschland gründete. Eine der Lösungen war 1989 die Gründung der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft des Leo-Baeck-Instituts (WAG), in dem sich deutschsprachige Forscherinnen und Forscher zusammenfanden. Eine weitere Lösung war schon in den 1950er Jahren ein Förderverein, der ursprünglich in Frankfurt am Main saß und jetzt seit 2020 in unserem Büro in Berlin sitzt. Seit etwa zwei Jahrzehnten heißt es Leo-Baeck-Institut New York / Berlin. Wie kam es dazu? Der Hauptgrund liegt in der Tatsache, dass das Leo-Baeck-Institut New York immer das Archiv des Instituts war. </em></p>
<div id="attachment_5745" style="width: 239px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Elaobad-Lene-Schneider-Kainer.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5745" class="wp-image-5745 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Elaobad-Lene-Schneider-Kainer-229x300.jpg" alt="" width="229" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Elaobad-Lene-Schneider-Kainer-200x262.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Elaobad-Lene-Schneider-Kainer-229x300.jpg 229w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Elaobad-Lene-Schneider-Kainer-400x524.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Elaobad-Lene-Schneider-Kainer-600x786.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Elaobad-Lene-Schneider-Kainer.jpg 611w" sizes="(max-width: 229px) 100vw, 229px" /></a><p id="caption-attachment-5745" class="wp-caption-text">Lene Schneider-Kainer. Elaobad. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.</p></div>
<p><em>Sehr früh meldeten sich die ersten Emigrierten und sagten, sie hätten ihre Familiennachlässe, ihre Bibliotheken, Bestände gerettet, die sie unbedingt bewahren wollten. Einige hatten unterschiedliche Bestände in ihren Koffern mitgebracht, ganz private Aufzeichnungen, Dokumentationen. Andere hatten ihre Memoiren aufgeschrieben sobald sie in den USA angekommen waren, Manuskripte mit Titeln wie „Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933“. Viele Materialien sind auf sehr komplexen Wegen, teilweise über verschiedene Orte des Exils, in die USA gekommen. Aber eben in die USA. Wer diese Materialien einsehen wollte, Forschende ebenso wie Menschen, die ein privates Interesse hatten, mussten in die USA reisen, ein oft sehr beschwerlicher und auch sehr kostspieliger Weg. Es gab noch kein Internet, man fuhr mit dem Schiff, Flüge waren extrem teuer. Israelische Forschende berichteten beispielsweise oft mit großem Gram, wie schwierig es doch sei, in die USA zu kommen, um dort zu forschen. </em></p>
<p><em>Das änderte sich, als </em><a href="https://www.jmberlin.de/thema-w-michael-blumenthal"><em>Michael Blumenthal</em></a><em> sich in Berlin für ein Jüdisches Museum einsetzte. Als US-Amerikaner, der er inzwischen war, fand er es überlegenswert, mit dem Leo-Baeck-Institut in New York zusammenzuarbeiten. Anlässlich der Eröffnung des Jüdischen Museums in Berlin im Jahr 2001 kamen erstmals Bestände als Mikrofilme und Mikrofiches aus New York nach Berlin. Es handelte sich um etwa 90 Prozent des damaligen Bestandes, der in New York beherbergt wurde und so kam auch Berlin in den Namen des Leo-Baeck-Instituts New York | Berlin hinein. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Für wen sind die Quellen verfügbar?</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Im Prinzip für alle Interessierten. Man kann sich an uns wenden, man kann sich anmelden. In New York seit 1955. Im Jüdischen Museum seit 2001. Jetzt nähern wir uns langsam der Gründung der Berliner Repräsentanz des Leo-Baeck-Instituts New York: Seit 2012 gab es durch unser Projekt DigiBaeck eine unglaubliche Welle der Digitalisierung. Es wurde möglich, etwa 95 Prozent unserer Bestände online zu recherchieren. Nicht nur der Katalog, der in mühevoller Handarbeit zusammengestellt wurde, ist sichtbar. Man sieht die Fotos, man sieht die Texte, die handschriftlichen Notizen und man kann alles am heimischen PC durchsuchen. 2013 war es dann so weit, dass das Berliner Büro Gestalt annahm.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und wie kamen Sie selbst ins Leo-Baeck-Institut?</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Ich bin ausgebildete Historikerin und Kunsthistorikerin. Aufgrund voriger Tätigkeiten wurde ich 2013 gefragt, ob ich in Berlin ein Büro aufbauen wollte. Ich wusste von den beeindruckenden Sammlungen im Leo-Baeck-Institut in New York, die es Forschenden weltweit ermöglichen, sich mit deutschsprachiger jüdischer Geschichte zu befassen. Genau das wollte ich machen und unterstützen. In meinem Leben habe ich viele Überlebende und Ausgewanderte kennengelernt. Man hätte mich somit nicht zwei Mal fragen brauchen. Ich bin sehr froh, dass das Institut und unser Büro inzwischen seit mehreren Jahren ein fester Bestandteil auch der deutschen Erinnerungslandschaft ist und dass es uns gelingt, den Spagat weiterhin zu bewahren, als transatlantische Brücke zu agieren, die Nachfahren als Zielgruppe zu erreichen, aber auch die inzwischen sehr heterogene deutschsprachige Gesellschaft hier in Europa, in Deutschland, in Österreich, in der Schweiz anzusprechen.   </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Berlin ist dann natürlich genau der richtige Ort.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Das ist wahr. Man kommt von Berlin auch gut überall hin. Man kann überregional mit anderen Ländern interagieren, dort, wo es früher jüdische Gemeinden gab. Man landet schnell in Prag, in Krakau, in Warschau, in Wien. </em></p>
<p><em>Bei unseren „Stolpertexten“ und auch in anderen Publikationen sieht man, dass wir zugleich einen sehr starken österreichischen Fokus haben. Fast 30 Prozent unserer Bestände kommen aus Österreich. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gibt es einen grundlegenden Unterschied zwischen deutschen und österreichischen Quellen?</p>
<div id="attachment_5750" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Franz-und-Grete-Hillinger-mit-Klaus-und-Edith-in-Trabzon.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5750" class="wp-image-5750 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Franz-und-Grete-Hillinger-mit-Klaus-und-Edith-in-Trabzon-300x216.jpg" alt="" width="300" height="216" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Franz-und-Grete-Hillinger-mit-Klaus-und-Edith-in-Trabzon-200x144.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Franz-und-Grete-Hillinger-mit-Klaus-und-Edith-in-Trabzon-300x216.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Franz-und-Grete-Hillinger-mit-Klaus-und-Edith-in-Trabzon-400x287.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Franz-und-Grete-Hillinger-mit-Klaus-und-Edith-in-Trabzon-600x431.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Franz-und-Grete-Hillinger-mit-Klaus-und-Edith-in-Trabzon-768x552.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Franz-und-Grete-Hillinger-mit-Klaus-und-Edith-in-Trabzon-800x575.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Franz-und-Grete-Hillinger-mit-Klaus-und-Edith-in-Trabzon-1024x736.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Franz-und-Grete-Hillinger-mit-Klaus-und-Edith-in-Trabzon-1200x862.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Franz-und-Grete-Hillinger-mit-Klaus-und-Edith-in-Trabzon-1536x1104.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-5750" class="wp-caption-text">Franz und Grete Hillinger mit Edith und Klaus in Trabzon (Türkei). Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.</p></div>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>:<em> Die Frage wird mir immer wieder gestellt. Der Unterschied besteht ein wenig darin, dass viele, die aus Österreich geflohen sind, schon sehr früh geflohen sind, weil sie sahen, was sich in Deutschland entwickelte. Mit dem „Anschluss“ ist diese Entwicklung mit all ihren Repressalien und Entrechtungen innerhalb weniger Tage in Österreich umgesetzt worden. Es gab zwar schon davor den Austrofaschismus, das – zwar verbotene, aber dennoch aktive – Unwesen der österreichischen Nazis, aber die Vehemenz, wie sich der nationalsozialistische Terror nach dem Anschluss realisierte, wirkte binnen weniger Stunden. Man sah, wie Flaggen gehisst wurden, Nachbarn zusammengeschlagen, Fenster eingeschlagen, Wohnungen ausgeraubt wurden. Es fanden wilde Arisierungen statt. Es war, als hätte man der Hölle Tür und Tor geöffnet. Wir haben viele Berichte, die genau diesen Zeitraum wiedergeben, diese ein oder zwei Tage. Wer noch auswandern wollte, wer noch seine Bestände retten wollte, musste sehr schnell handeln. Das war 1938 schon schwieriger als 1933 oder 1934. Man musste jung genug sein, möglichst schon Geld im Ausland haben, Familie im Ausland oder gute Freunde, die bereit waren, für einen zu bürgen. Man brauchte idealerweise die Fremdsprachenkenntnisse. Und nur die wenigsten hatten das Glück, dass sie sofort in die USA kamen. 1938 standen etwa zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung auf Wartelisten der US-Konsulate.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: 1938 war auch das Jahr der Evian-Konferenz, an der unter anderen Golda Meir teilnahm und völlig desillusioniert zurückkehrte. Nur die Dominikanische Republik war bereit, einige Jüdinnen und Juden aus Deutschland aufzunehmen.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Mit der Evian-Konferenz waren unglaubliche Hoffnungen verbunden, aber es war rückblickend ein furchtbares Scheitern. Hier sieht man sehr genau den Unterschied zwischen der zeitlichen Wahrnehmung damals und der Rückschau. Wir könnten jetzt auch über die Kindertransporte sprechen und die Frage, wie die Amerikaner und andere damals reagierten. Die Kinder, die gerettet wurden, wurden sobald sie 18 Jahre alt waren, in Großbritannien auf der Isle of Man und anderen Camps als enemy aliens interniert. Sie waren ja Deutsche und die Deutschen waren die Feinde, auch die deutschen Juden.  </em></p>
<h3><strong>Die Erinnerungen zugänglich machen</strong></h3>
<div id="attachment_5751" style="width: 218px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5751" class="wp-image-5751 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-208x300.jpg" alt="" width="208" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-200x288.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-208x300.jpg 208w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-400x576.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-600x863.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-712x1024.jpg 712w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-768x1105.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-800x1151.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-1067x1536.jpg 1067w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-1200x1727.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-1423x2048.jpg 1423w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung.jpg 1574w" sizes="(max-width: 208px) 100vw, 208px" /></a><p id="caption-attachment-5751" class="wp-caption-text">Bertha und Martin Grigoleit in Brieselang mit Klaus Hillinger. Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.</p></div>
<p><strong> Norbert Reichel</strong>: Die Recherche in einem Archiv ist nicht immer leicht. Ich denke, dass viele Interessierte, die sich an Sie wenden, nur wenig Erfahrung in der Arbeit mit und in Archiven haben.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Man braucht natürlich ein paar Vorkenntnisse, wie Archive aufgebaut sind, aber im Prinzip können alle Interessierten recherchieren, ohne Paywall, ohne weitere Restriktionen, weil es uns sehr sehr wichtig ist, die Dinge zugänglich zu machen. Es gibt immer wieder Familienangehörige, die recherchieren wollen. Es ist oft schwierig, in manchen Ländern Informationen zu bekommen, wenn man nicht den direkten Zugriff hat. Wir wollen sicherstellen, dass wir etwas gegen Falschinformationen, gegen die Fälschung von Geschichte anbieten können. Das, was man bei uns findet, sind die authentischen Materialien, die authentische Geschichte, der Nachweis, dass diese Menschen tatsächlich gelebt haben und das, was ihnen passiert ist, tatsächlich passiert ist, dass das, was sie berichten, ihnen auch wirklich am Herzen lag. Die Vermittlung der Originaldokumente ist ein prioritäres Anliegen unseres Berliner Büros. Wir möchten gerne sicherstellen, dass die Bestände des Leo-Baeck-Instituts nicht nur bewahrt werden, sondern der Öffentlichkeit bekannt sind, und dass sie helfen, Geschichte und Geschichten zu vermitteln.</em></p>
<p><em>Von der Entwicklungsgeschichte war das Leo-Baeck-Institut immer eine Anlaufstelle für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Zunächst haben sich Akademikerinnen und Akademiker mit den Dokumenten befasst. Zu finden sind auch Korrespondenzen, die helfen, das Leben und das Werk von Berühmtheiten zu erforschen. Viele schauen darauf, wie sahen die Netzwerke aus, wie die Verbindungen untereinander? Dies lässt sich dort sehr gut nachvollziehen. Man hat Briefe, die privaten Sammlungen, Fotografien. Es eröffnet sich ein breites Geflecht, wenn man sich immer tiefer in das Archiv hineingräbt.</em></p>
<p><em>Natürlich ist es für Historikerinnen und Historiker eher zugänglich als für jemanden, der noch nie in einem Archiv war und daher Unterstützung benötigt. Das ist der Moment, in dem unsere Projekte greifen. Wir versuchen, die Materialien auch für Personen zugänglich zu machen, die nicht so genau wissen, wie sie einen Nachlass finden, damit sie ihre Scheu verlieren und die Lust erfahren, sich immer weiter zu vertiefen.</em></p>
<h3><strong>„Leuchtend roter Mohn“</strong></h3>
<div id="attachment_5739" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-in-echtzeit-posts-from-the-past.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5739" class="wp-image-5739 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Cover_Echtzeit-300x275.jpg" alt="" width="300" height="275" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Cover_Echtzeit-200x183.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Cover_Echtzeit-300x275.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Cover_Echtzeit-400x366.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Cover_Echtzeit.jpg 600w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-5739" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dazu tragen Sie auch mit Büchern wie „Stolpertexte“ oder „In Echtzeit“ bei.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Bei „In Echtzeit“ war es so, dass wir uns als Institut das Ziel gesetzt hatten, im Jahr 2018 jeden Tag des Jahres einen Beitrag zu veröffentlichen, der den jeweiligen Tag des Jahres 1938 dokumentiert. Wir haben uns entschlossen, es nicht nur aus unseren Archivalien zu realisieren, sondern haben auch bei anderen Institutionen angefragt. Viele haben Beiträge mitgeliefert, allerdings stellten wir fest, dass wir oft viel genauer wussten, auf welchen Tag sich die Materialien bezogen. Das ist aber auch nur möglich, weil wir Archivarinnen und Archivare haben, die seit Jahren an diesem Material arbeiten. Selbst wenn wir nicht nur etwas zu dem Datum, sondern auch zu einer bestimmten Perspektive haben wollten, konnten wir gezielt recherchieren, beispielsweise zur Sichtweise einer emanzipierten Frau. In diesem Moment griffen die persönliche Beziehung zu den Sammlungen, die eigene Institutserfahrung und die genaue Kenntnis des Materials ineinander. </em></p>
<p><em>Es war ein ziemlich großer Kraftakt, aber wir haben es geschafft, mit vielen helfenden Händen, die 365 Tage zusammenzubekommen. Die Beiträge sind oft sehr persönlich. Jedes Dokument, jede Postkarte, jedes noch so unauffällige kleine Ding berichtet viel über die jeweilige Person. Man muss sich nur darauf einlassen. Uns war es bei dem 1938er Projekt wichtig, eben nicht aus unserer Zeit zu blicken, sondern die Unmittelbarkeit herzustellen, bei den Postings nicht in die Zukunft zu schauen. Wer zum Beispiel wissen möchte, ob sich das Gesuch eines jungen Mannes nach einem Affidavit oder der Wunsch auszuwandern realisierte, muss sich an die Sammlung heransetzen und genau gucken, wo in unserem Katalog die bibliographischen Angaben zu finden sind.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bei den „Stolpertexten“ ist es ähnlich. Es sind oft Momentaufnahmen. Sehr beeindruckend fand ich die Geschichte „Leuchtend roter Mohn“, der Stolpertext von Juli Zeh für Edith Hillinger. Ich darf einige wenige Sätze zitieren: <em>„Als Edith ihr neues Leben in Istanbul begann, waren die Hügel entlang des Bosporus kaum bebaut. Dort wuchs wilder Mohn in riesigen Feldern. / Da waren sie wieder, die knallroten Blumen mit den weichen Blütenblättern, die Edith und ihre Großmutter in der alten Heimat so geliebt hatten. Alles in der neuen Welt war unvertraut, die Sprache, die Gewohnheiten – aber die Pflanzen waren die gleichen wie zu Hause und vermittelten dem kleinen Mädchen ein Gefühl von Geborgenheit. Der rote Mohn wurde zu einer Brücke, die das alte und das neue Leben miteinander verband.“</em></p>
<div id="attachment_5740" style="width: 296px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Edith-Hillinger-an-Bertha-und-Martin-Grigoleit-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5740" class="wp-image-5740" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Edith-Hillinger-an-Bertha-und-Martin-Grigoleit-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-300x204.jpg" alt="" width="286" height="195" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Edith-Hillinger-an-Bertha-und-Martin-Grigoleit-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-200x136.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Edith-Hillinger-an-Bertha-und-Martin-Grigoleit-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-300x204.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Edith-Hillinger-an-Bertha-und-Martin-Grigoleit-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-400x272.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Edith-Hillinger-an-Bertha-und-Martin-Grigoleit-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-600x407.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Edith-Hillinger-an-Bertha-und-Martin-Grigoleit-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-768x521.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Edith-Hillinger-an-Bertha-und-Martin-Grigoleit-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-800x543.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Edith-Hillinger-an-Bertha-und-Martin-Grigoleit-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-1024x695.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Edith-Hillinger-an-Bertha-und-Martin-Grigoleit-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-1200x815.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Edith-Hillinger-an-Bertha-und-Martin-Grigoleit-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-1536x1043.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Edith-Hillinger-an-Bertha-und-Martin-Grigoleit-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung.jpg 1573w" sizes="(max-width: 286px) 100vw, 286px" /></a><p id="caption-attachment-5740" class="wp-caption-text">Postkarte von Edith Hillinger an ihre Großmutter Bertha Grigoleit. Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.</p></div>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>:<em> An diese Geschichte erinnere ich mich besonders, weil in der Zeit, in der Juli Zeh noch recherchierte, meine New Yorker Kollegen eine Kiste fanden, die noch nicht erschlossen worden war. Als sie einen Brief in der Kiste öffneten, rieselten ihnen die Mohnblüten entgegen. Deshalb griffen wir diese Geschichte auch im Vorwort auf. Als David mir davon erzählte, war das so ein Moment, in dem man merkt, dass das Historische so unglaublich nahbar sein kann. Diese Mohnblüten waren nie bewegt worden und rieselten aus dem Umschlagheraus, als dazu geforscht wurde. Ein Brief wurde erst entdeckt, als die Stolpertexte geschrieben wurden. In diesem Brief waren die Mohnblüten. Juli Zeh hatte zuvor schon herausgefunden, dass die junge Künstlerin immer wieder in ihrem Leben diese Mohnblüten aufgegriffen hatte, aber es war noch nicht bekannt, dass es diesen Brief gab. </em></p>
<h3><strong>„So geht die Geschichte</strong><strong>“</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auffällig ist in den Texten auch immer die sehr beeindruckende Wortwahl. Hilde Schlesinger-Schiff aus Eisenstadt im Burgenland, über die Konstantin Schmidtbauer geschrieben hat, schrieb beispielsweise: <em>„die Wurzeln aus der Erde ziehen“</em>, <em>„keine schmerzlose Angelegenheit, wie man uns die Heimatliebe ausgebläut hat“. </em>Sie verwendet den Begriff<em> „Leichenraub“. </em></p>
<div id="attachment_5746" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedl-Roth-um-1920_Joseph-Roth-Sammlung-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5746" class="wp-image-5746 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedl-Roth-um-1920_Joseph-Roth-Sammlung-scaled-e1739200157581-300x215.jpg" alt="" width="300" height="215" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedl-Roth-um-1920_Joseph-Roth-Sammlung-scaled-e1739200157581-200x144.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedl-Roth-um-1920_Joseph-Roth-Sammlung-scaled-e1739200157581-300x214.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedl-Roth-um-1920_Joseph-Roth-Sammlung-scaled-e1739200157581-400x287.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedl-Roth-um-1920_Joseph-Roth-Sammlung-scaled-e1739200157581-600x431.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedl-Roth-um-1920_Joseph-Roth-Sammlung-scaled-e1739200157581-768x551.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedl-Roth-um-1920_Joseph-Roth-Sammlung-scaled-e1739200157581-800x574.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedl-Roth-um-1920_Joseph-Roth-Sammlung-scaled-e1739200157581-1024x735.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedl-Roth-um-1920_Joseph-Roth-Sammlung-scaled-e1739200157581-1200x861.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedl-Roth-um-1920_Joseph-Roth-Sammlung-scaled-e1739200157581-1536x1103.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedl-Roth-um-1920_Joseph-Roth-Sammlung-scaled-e1739200157581.jpg 1843w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-5746" class="wp-caption-text">Friedl Roth um 1920. Joseph-Roth-Sammlung. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.</p></div>
<p>Mich hat auch der Stolpertext „So geht die Geschichte“ von Lena Gorelik über Friederike („Friedl“) Roth sehr berührt. Ich verehre Joseph Roth sehr, aber er war ja auch kein einfacher Mensch. Das Schicksal seiner Frau ist sehr tragisch. Sie wurde mit 692 anderen Patient:innen in der NS-Euthanasie-Anstalt im Schloss Hartheim ermordet. Joseph Roth hatte ihr Leben sogar in einem seiner Romane verarbeitet, aber ihre Eltern gebeten, ihr nichts davon zu erzählen. Dieser Text endet mit folgenden Sätzen: <em>„Er</em> (Joseph Roth, NR) <em>hat, so geht die Geschichte, vielen Jüdinnen und Juden zu helfen versucht. Auf einem Bild trägt Friederike Reichler, die Geehelichte, ein gestreiftes Kleid. Auf einem anderen einen am Kragen mit Pelz besetzten Mantel, ihre Haare kurz. Sie stemmt auf den meisten Bildern die Hände in die Hüften, ich denke ir, sie tat das gerne, trotzig und frech. Ich denke mir Friederike, ich hoffe, dass die Stimmen aufgehört haben zu kreischen. Eine rauchen mit dir, du im Sommer, in jenem gestreiften Kleid.“  </em></p>
<p>22 Stolpertexte, aber das ist nicht alles.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Es sind 22 Texte im Buch, aber wir haben über 30 Texte, die schon geschrieben und zum Teil auch in Tageszeitungen veröffentlicht wurden. Die ursprüngliche Absicht war, diese Texte in regionalen Tageszeitungen zu veröffentlichen. Später kam dann die Idee, sie in einem Buch zusammenzufassen. Wir haben aber viel mehr Material, an digitalisierten Dokumenten über fünf Millionen Seiten. Wir bewahren etwa 2.500 unveröffentlichte Memoiren und Manuskripte, die erstmals in den 1950er Jahren auftauchten, von denen vielleicht das ein oder andere inzwischen im Buchhandel erschienen ist, aber bei Weitem nicht alles.</em></p>
<div id="attachment_5754" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Mud-Construction-in-the-High-Atlas-Morocco-Lene-Schneider-Kainer.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5754" class="wp-image-5754 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Mud-Construction-in-the-High-Atlas-Morocco-Lene-Schneider-Kainer-300x232.jpg" alt="" width="300" height="232" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Mud-Construction-in-the-High-Atlas-Morocco-Lene-Schneider-Kainer-200x155.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Mud-Construction-in-the-High-Atlas-Morocco-Lene-Schneider-Kainer-300x232.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Mud-Construction-in-the-High-Atlas-Morocco-Lene-Schneider-Kainer-400x309.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Mud-Construction-in-the-High-Atlas-Morocco-Lene-Schneider-Kainer-600x464.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Mud-Construction-in-the-High-Atlas-Morocco-Lene-Schneider-Kainer-768x593.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Mud-Construction-in-the-High-Atlas-Morocco-Lene-Schneider-Kainer.jpg 800w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-5754" class="wp-caption-text">Lene Schneider-Kainer, Lehmhäuser im Hohen Atlas, Marokko. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.</p></div>
<p><em>Sie haben ja schon erwähnt, dass die Wortwahl, die Direktheit in der Sprache bei der Lektüre mitreißt. Das merkt man gerade bei sehr frühen Manuskripten, die in einer großen Direktheit sprechen, dann lange Zeit nicht mehr, inzwischen wieder. Es ist schon von Interesse, wie die Überlebenden mit ihrer eigenen Situation umgehen, wie sich das auch innerhalb der einzelnen Communities abbildet. Viele Manuskripte fangen mit der Aussage an, dass man sich im eigenen Umfeld ausgetauscht hatte und zu hören bekam, wozu man das denn noch brauche, denn daran wolle sich doch niemand erinnern. Aber es ist das Gegenteil davon: Die meisten wollen, dass man sich nicht nur ihrer eigenen Geschichten erinnert, sondern auch, dass wir uns an die erinnern, die nicht mehr selbst für sich sprechen können. Versuche, die Erinnerung wachzuhalten, versuchen das zu tun, was andere nicht mehr machen können. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Deshalb haben manche bei ihrer Flucht, bei ihrer Deportation, Fotographien mitgenommen. Manche konnten diese bis zu ihrer Befreiung bewahren oder haben sie an andere übergeben, die sie bewahren konnten.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Das verdeutlicht nur umso mehr, wie wichtig es ist, gegen diesen Vernichtungswillen aufzubegehren. Einer der Aspekte, der in den „Stolpertexten“ anklingt, der ebenso in unserem 1938er-Projekt und in unserem Podcast immer mitschwingt, ist die Tatsache, dass es nicht immer der große Widerstand war, wie er heute oft im Vordergrund steht, sondern dass es viele kleine Momente des Widerstandes gab, die oft vergessen wurde, aber deutlich zeigten, dass jeder in seinem kleinen Rahmen aufbegehren konnte. Und das Wichtigste war dann zu bewahren. Damit es am Ende den Nazis nicht gelang, alles an Erinnerung auszulöschen. In vielen Fällen ist es gelungen, Erinnerungsstücke zu bewahren. An diesen kleinen bruchstückhaften Elementen und Momenten lässt sich wieder ein ganzes Leben entdecken und die Namen aus dem Vergessen zu reißen.</em></p>
<div id="attachment_5741" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/ernst-and-erna-feder-Ernst-Feder-Sammlung.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5741" class="wp-image-5741 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/ernst-and-erna-feder-Ernst-Feder-Sammlung-300x208.jpg" alt="" width="300" height="208" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/ernst-and-erna-feder-Ernst-Feder-Sammlung-200x139.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/ernst-and-erna-feder-Ernst-Feder-Sammlung-300x208.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/ernst-and-erna-feder-Ernst-Feder-Sammlung-400x278.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/ernst-and-erna-feder-Ernst-Feder-Sammlung-600x417.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/ernst-and-erna-feder-Ernst-Feder-Sammlung-768x534.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/ernst-and-erna-feder-Ernst-Feder-Sammlung-800x556.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/ernst-and-erna-feder-Ernst-Feder-Sammlung-1024x712.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/ernst-and-erna-feder-Ernst-Feder-Sammlung-1200x834.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/ernst-and-erna-feder-Ernst-Feder-Sammlung.jpg 1265w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-5741" class="wp-caption-text">Ernst und Erna Feder. Ernst-Feder-Sammlung. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dazu gehört zum Beispiel auch der Brief von Ernst an Erna Feder. Er ist in Marseille, sie ist noch in Deutschland. Besser kann man Hoffnung bei aller Bedrohung nicht darstellen. Olga Grjasnowa schrieb den Stolpertext für Ernst Feder: „Ich brauche dich, Erna“. Ein doppeltes „Stolpern“? Olga Grjasnowa, die an Ernst Feder erinnert, aber über den Briefe schreibenden Ernst auch an Erna: <em>„Fast jeder seiner Briefe fing mit der Ansprache ‚Meine geliebte Erna‘ an oder auch ‚Meine Inniggeliebte‘. Doch auch Erna war klar, dass sie nur zwei Menschen von sehr vielen waren und dass es kaum jemanden kümmerte, ob sie überleben würden oder nicht. Ihre Leben zählten nicht. Seine Aufgabe war es, sie von dieser Tatsache abzulenken, Zuversicht zu bieten. Er war es nicht gewohnt, von Erna getrennt zu sein, auf Reisen war es manchmal, als er durch die USA gereist war, oder die Niederlande, aber das war so lange her – in einem anderen Leben.“</em></p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>In all diesen „Stolpertexten“ merkt man, was diese kleinen Momente der persönlichen Stärke, des persönlichen Aufbegehrens bedeuten, die sich so unglaublich schwer aus der Vergangenheit retten lassen aber gleichzeitig – wenn man sich damit auseinandersetzt – durch ihre Emotionalität sowie durch ihre zeitübergreifende Wirkung bis heute Menschen ansprechen und dann auch in Erinnerung bleiben.</em></p>
<h3><strong>„Erinnern ist ein Prozess der Gegenwart“</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gibt es Texte, die Sie besonders berührt haben?</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Es gibt immer wieder Geschichten, die besonders in Erinnerung bleiben, aber es würde mir schwerfallen, einen Liebling herauszufinden. Es ist eher immer ein kurzes Aufblitzen, ein ungewöhnlicher Moment oder ein leicht zu übersehendes Detail, das in Erinnerung geblieben ist. Dazu gehört die Geschichte von Edith Hillinger und den Mohnblüten. Ähnlich war es mit dem Stolpertext „Flieder“ von Tara Meister für Helen Bilber: „Es ist Mai und wir sitzen im Garten, die ganze Familie beisammen. Mein Vater zeigt uns seine Blumen, Pfingstrosen und Begonien, das Tränende Herz, Akeleien, Rhododendron, Klematis, Lichtnelken, Schwertlilien und Flieder. Ich erzähle meiner Großmutter, die neben mir am Tisch sitzt, von dem Projekt, bei dem ich mitmachen werde, von den Stolpertexten.“</em></p>
<p><em>Das ist einer der Texte, die mehrere Generationen überbrücken und zeigen, wie sich Geschichte an den kleinsten Dingen festhalten lässt und wie sehr sie einen auch mitnehmen kann, sodass man selbst in den unbedarftesten Momenten davon überrascht werden kann, wie gegenwärtig etwas noch ist, wie man in einer scheinbar vertrauten Umgebung plötzlich Risse entdeckt, Dinge wiederentdeckt, die man vielleicht in einem archivarischen Text gelesen hat. In diesem Fall ging es auch noch darum, dass sie mit ihrer eigenen Großmutter sprach, die selbst Journalistin war und Frauen interviewt hat, um deren Geschichten aufzunehmen, damit dieses gesprochene Erinnern im Wortlaut nicht verloren geht.  </em></p>
<div id="attachment_5742" style="width: 261px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Portrait-von-Bertha-Pappenheim.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5742" class="wp-image-5742 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Portrait-von-Bertha-Pappenheim-251x300.jpg" alt="" width="251" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Portrait-von-Bertha-Pappenheim-200x239.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Portrait-von-Bertha-Pappenheim-251x300.jpg 251w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Portrait-von-Bertha-Pappenheim-400x479.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Portrait-von-Bertha-Pappenheim-600x718.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Portrait-von-Bertha-Pappenheim-768x919.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Portrait-von-Bertha-Pappenheim-800x957.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Portrait-von-Bertha-Pappenheim-856x1024.jpg 856w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Portrait-von-Bertha-Pappenheim-1200x1436.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Portrait-von-Bertha-Pappenheim-1284x1536.jpg 1284w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Portrait-von-Bertha-Pappenheim.jpg 1379w" sizes="(max-width: 251px) 100vw, 251px" /></a><p id="caption-attachment-5742" class="wp-caption-text">Porträt von Bertha Pappenheim. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Sehr beeindruckt hat mich auch das Bild von <a href="https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/bertha-pappenheim">Bertha Pappenheim</a>, das wohl gerettet werden konnte. Sie zeigen dieses Bild, ein Jugendbild, vor dem Stolpertext „Vielleicht Quittengelee“ für Helene Krämer von Mascha Jacobs: <em>„Bertha Pappenheim hat auch Helene Krämers Leben stark beeinflusst. Helene Krämer wurde 1881 geboren und wuchs in einem Kinderheim des Jüdischen Frauenbundes auf. Ihr Vater, ein Lehrer, verstarb kurz vor ihrer Geburt und die Mutter konnte die acht Kinder nicht versorgen.“</em> Einige Absätze weiter lesen wir: <em>„Vielleicht mochte Helene Quittengelee. Vielleicht las sie viel und hatte eine Vorliebe für einander ins Wort fallende Sätze. Für Tanzabende. Ich vermute, sie mochte Bilder und Karikaturen, vielleicht hing in ihrem Arbeitszimmer eine Lithographie von Honoré Daumier.“ </em>1938 wurde der Jüdische Frauenbund verboten. Der Stolpertext endet mit den Deportationen und der Ermordung der Frauen, die in diesem Heim lebten.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Das Bild Bertha Pappenheims ist auf den ersten Blick unscheinbar, aber es war für viele unglaublich es zu sehen, weil kaum jemand wusste, dass es überhaupt existierte. Wenn man genau wissen will, wie Bertha Pappenheims letzten Tage und Stunden waren, kann man das in unseren Sammlungen finden. Diejenigen, die ihren Weg begleitet haben, haben davon berichtet. Sie war so krank, dass ihr die Ärzte geraten hatten, das Haus nicht mehr zu verlassen. Sie tat es trotzdem und hat versucht, im Polizeigefängnis einen ihrer Schützlinge, eine junge Frau, herauszuboxen. Wenige Wochen später ist sie gestorben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In „Flieder“ finden wir einen grundlegenden Satz zu dem gesamten Projekt des Aufbewahrens und Erinnerns, am Schluss: <em>„Erinnern ist ein Prozess der Gegenwart. Es ist Spätsommer, als ich den Text fertig schreibe, und die Blätter färben sich bereits an den Rändern. Ich denke, nächstes Jahr blüht der Flieder wieder.“ </em></p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Die Texte zeigen immer wieder, wie unterschiedlich man mit dem Material umgehen kann. Wir haben den Autorinnen und Autoren keine Vorgaben gemacht. Wir wollten ihnen Gelegenheit geben, sich mit den Biographien auseinanderzusetzen und ihren eigenen Zugang zu finden. Das Ergebnis ist beeindruckend, weil man immer neue Wege findet, wie man Geschichten freilegen kann, wie bruchstückhaft ein Leben dargelegt werden kann, aber dass diese Brüche nicht in sich etwas Negatives sein müssen, sondern dass diese Leerstellen gerade zeigen, wie sich die Dinge abrupt verändern können. </em></p>
<p><em>Die Autorinnen und Autoren haben versucht, nicht nur eigenen biographischen Hintergrund hineinzubringen. Gleichzeitig schwingt er in der Wortwahl mit. Wir haben unterschiedliche Generationen, unterschiedliche Persönlichkeiten, mit unterschiedlichen Interessen, unterschiedlichen und mehrschichtigen Biographien. Damit haben wir auch einen gewissen Bruch zum vorherrschenden  „gesamtdeutschen“ Erinnerungsnarrativ, das sich sehr lange durchgesetzt hat. Das zu hinterfragen, auch aufzubrechen, war ein langer Prozess. </em></p>
<h3><strong>Wer bewahrt unsere Geschichte?</strong></h3>
<div id="attachment_5747" style="width: 206px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/hans-landshut-ww1-Klaus-G-Loewald-Familiensammlung.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5747" class="wp-image-5747 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/hans-landshut-ww1-Klaus-G-Loewald-Familiensammlung-196x300.jpg" alt="" width="196" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/hans-landshut-ww1-Klaus-G-Loewald-Familiensammlung-196x300.jpg 196w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/hans-landshut-ww1-Klaus-G-Loewald-Familiensammlung-200x307.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/hans-landshut-ww1-Klaus-G-Loewald-Familiensammlung-400x613.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/hans-landshut-ww1-Klaus-G-Loewald-Familiensammlung-600x920.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/hans-landshut-ww1-Klaus-G-Loewald-Familiensammlung-668x1024.jpg 668w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/hans-landshut-ww1-Klaus-G-Loewald-Familiensammlung-768x1177.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/hans-landshut-ww1-Klaus-G-Loewald-Familiensammlung.jpg 779w" sizes="(max-width: 196px) 100vw, 196px" /></a><p id="caption-attachment-5747" class="wp-caption-text">Hans Landshut. Klaus-G.-Loewald-Familiensammlung. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist – wenn ich das sagen darf – auch gelungen. Einen biographischen Hintergrund, der mich sehr berührt hat, fand ich in dem Stolpertext mit dem scheinbar so didaktisch klingenden Titel „Erinnerung lernen“ für Hans Landshut von Ulrike Draesner. Sie schreibt, als Fünfzehnjährige habe sie gemerkt, dass ihre Eltern sich ohne Hitler nie kennengelernt hätten. So war das auch bei mir: Mein Vater kam aus Schlesien, meine Mutter aus Köln. Wäre mein Vater nicht über den „Umweg“ über Russland und Kriegsgefangenschaft in Belgien nach Köln gekommen, hätten meine Mutter und er sich nie kennen und lieben gelernt. Wenn man dies begreift, stockt einem schon der Atem.</p>
<p>Das ist der Punkt: Wie kann ich ehrlich und aufrichtig Gegenwart und Vergangenheit miteinander verbinden? So sind die letzten Sätze von „Flieder“ vielleicht so etwas wie das Programm des Leo-Baeck-Instituts, so wie ich es verstanden habe: <em>„Es ist Spätsommer, als ich den Text fertigschreibe, und die Blätter färben sich bereits an den Rändern. Ich denke: Nächstes Jahr blüht der Flieder wieder.“</em> Die erinnernde Autorin – so möchte ich es sagen – rahmt die Erinnerungen von und an Helen Bilber und schafft über den „Flieder“ einen Zusammenhalt, eine neue Gemeinsamkeit, eine Gemeinschaft über die Generationen, über die verschiedenen Welten hinaus, etwas dass es vorher so nicht gab und das erst durch den „Stolpertext“ entsteht.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>In gewisser Weise ist das unser Programm. Es ist ein ziemlicher Spagat, denn jeder Standort des Leo Baeck Instituts hat seine eigenen Schwerpunkte und Zielgruppen – sei es in London, Jerusalem oder bei uns in New York und Berlin. Zum einen ist das Leo Baeck Institut ein Forschungsinstitut. Zum anderen ein Archiv, das inzwischen wohl größte für deutsch-jüdische Geschichte und Diaspora weltweit und zugleich, wie manche sagen, das wohl bestgehütete Geheimnis von New York. Es ist aber auch ein sicherer Ort für Nachfragen und Nachfahren der dritten und vierten Generation, die die Geschichte des Leo-Baeck-Instituts noch von ihren Groß- oder Urgroßeltern kennen. </em></p>
<p><em>Es war die Exil-Zeitung der Aufbau, es war – egal wie man zu Deutschland stand – der Kaffee, der am Sonntag, wenn man es noch retten konnte, zusammen mit dem guten Porzellan auf der Tischdecke stand. Es war nicht nur das, es war auch die Frage: „Wer bewahrt unsere Geschichte, wenn wir nicht mehr sind?“ Da war das Leo-Baeck-Institut immer ein sicherer Hafen, an den man sich wenden konnte. Solange sie es körperlich noch schaffen, kommen Angehörige der ersten und zweiten Generation ins Institut. Sie entschlüsseln Texte, sehen sich Fotos an, sagen: „Das ist die Straße, die Person kenne ich noch…“. Einfach um sicherzustellen, das, was in unseren Beständen vorhanden ist, auch in der Form aufbewahrt werden kann, dass man Namen, Orte, Geschichte identifizieren und miteinander verbinden kann.</em></p>
<p><em>Manche kommen erst, nachdem sie aus dem Arbeitsleben ausgeschieden sind. Sie sagen, ich möchte etwas Sinnstiftendes machen, nicht nur für meine Familie, für die gesamte Community.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es fällt manchen Menschen gar nicht so leicht zu erzählen. Es sind nicht nur die Täter, die nichts über ihre Taten erzählen wollen, es sind auch die Opfer, die nicht erzählen wollen, was sie erlitten haben. Es gibt Forschungen über das Schweigen, über Überlebende der Shoah, die ihren Kindern nichts erzählten oder nur Andeutungen machten.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Das ist sehr oft der Fall. Es gibt viele Menschen in der zweiten Generation, die nichts über ihre Familienangehörigen wissen, die vielleicht nur subkutan erahnen, dass es da etwas geben muss, über das sie von den Eltern aber keine Auskunft erhielten. Es ist dann anders mit den Enkelkindern, die schon sehr früh mit den Geschichten konfrontiert werden, weil die Großeltern langsam anfangen, sie aufzuarbeiten.    </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mir ist aufgefallen, dass mehrere der Autorinnen und Autoren der „Stolpertexte“ an einem Schreibseminar von Ulrike Draesner teilgenommen hatten.</p>
<div id="attachment_5752" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Fotos-und-Briefe-aus-der-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5752" class="wp-image-5752 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Fotos-und-Briefe-aus-der-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-300x169.jpg" alt="" width="300" height="169" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Fotos-und-Briefe-aus-der-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-200x113.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Fotos-und-Briefe-aus-der-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-300x169.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Fotos-und-Briefe-aus-der-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-400x225.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Fotos-und-Briefe-aus-der-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-600x338.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Fotos-und-Briefe-aus-der-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-768x432.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Fotos-und-Briefe-aus-der-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-800x450.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Fotos-und-Briefe-aus-der-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-1024x576.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Fotos-und-Briefe-aus-der-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-1200x675.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Fotos-und-Briefe-aus-der-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung.jpg 1280w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-5752" class="wp-caption-text">Fotos und Briefe aus der Franz und Grete Hilllinger-Sammlung. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.</p></div>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Die jungen Studierenden bei Ulrike Draesner waren nicht nur sehr engagiert,</em> <em>sondern haben sich auch selbst organisiert. Einige sind nach New York gereist, um sich vor Ort mit den Originalen auseinanderzusetzen, um mit David Brown in Austausch zu treten. Das machte auch etwas mit den Texten, dieses persönliche Interesse an den Personen spiegelte sich in ihnen. Der Austausch endete auch nicht mit den Texten. </em></p>
<p><em>Bei einigen wissen wir, dass sie zum Beispiel mit dem MDR zusammen an einem Podcast arbeiten, um dort einige der biographischen Aspekte unterzubringen, die sie in den Texten nicht unterbringen konnten. Sie konnten auch mit einigen Familienangehörigen der Personen sprechen, deren Dokumente sie sich angeschaut hatten. Gerade wenn man sich den Stolpertext „Hoffentlich ist es dann nicht zu spät“ von Victor Sattler über Robert Bachrach und Theo Hochner anschaut. Diesen Text haben wir nur in Auszügen im Buch publiziert, </em><a href="https://www.lbi.org/projects/podcast/episode-17/"><em>den kompletten Text haben wir auf unserer Website veröffentlicht</em></a><em>. </em></p>
<p><em>Es wurden viele familiäre Bezüge konsultiert, Personen in Austausch gebracht, die selbst über Jahrzehnte keinen Kontakt zueinander hatten. Es entstanden neue Verbindungen, die ohne das Projekt nicht entstanden wären. Das haben wir auch bei dem 1938er Projekt festgestellt: Je mehr man versucht, über eine Person herauszufinden, desto intensiver beschäftigt man sich mit Familienbiographien und versucht, die verschiedenen Familienzweige zu konsultieren. Daraus ergeben sich plötzlich Kontakte mit Personen, die gar nichts davon wussten, dass sie eine Verbindung hatten. Beispielsweise über einen Brief, über den beide Seiten miteinander in Verbindung kamen und man anhand dieser einen Begebenheit herausfinden konnte, wie eng verzweigt Geschichte sein kann. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich kann das gut nachvollziehen. Erst nach dem Tod meines Vaters erfuhr ich über seinen Nachlass, den er in seinem Nachtschränkchen und anderswo aufbewahrte, dass ich Verwandte in Polen habe. Die Schwestern meines Großvaters hatten alle Polen geheiratet. Eine Tochter, eine Großkusine von mir, hatte einen kompletten Stammbaum erstellt, den manche in der Familie schon kannten, von dem ich aber noch nie etwas erfahren hatte.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Manchmal sind das ganz kleine Dinge. Geschenkte Bücher mit einer kleinen Eintragung, Widmungen. Oder Schulfotos, wo man erfährt, da ist meine Großtante drauf, oder die war eine Freundin meiner Großmutter.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gibt es einen zweiten Band? Und welche weiteren Pläne haben Sie?</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Ich will mich noch nicht auf ein Datum festlegen.</em> <em>Ich denke jedoch, dass wir den nächsten Band 2026 oder 2027 veröffentlichen können. Material gibt es sicherlich genug. </em></p>
<h3><strong>„Exil“ – manchmal auch zur richtigen Zeit am richtigen Ort</strong></h3>
<div id="attachment_5743" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.lbi.org/de/projects/exil-podcast/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5743" class="wp-image-5743 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/EXIL-Podcast-300x300.png" alt="" width="300" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/EXIL-Podcast-66x66.png 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/EXIL-Podcast-150x150.png 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/EXIL-Podcast-200x200.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/EXIL-Podcast-300x300.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/EXIL-Podcast-400x400.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/EXIL-Podcast-600x600.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/EXIL-Podcast-768x768.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/EXIL-Podcast-800x800.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/EXIL-Podcast-1024x1024.png 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/EXIL-Podcast-1200x1200.png 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/EXIL-Podcast-1536x1536.png 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-5743" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Leo Baeck Instituts über den Podcast erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein weiteres Projekt ist der Podcast „Exil“, im Grunde auch eine Spielart von „Stolpertext“.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic:</strong> <em>Aktuell sind wir dabei, die zweite Staffel des englischsprachigen Podcasts abzuschließen und </em><a href="https://www.lbi.org/de/projects/exil-podcast/"><em>die deutsche Staffel</em></a><em> herauszubringen. Für erfolgreiche Geschichtsvermittlung braucht es ziemlich viel Energie, um auch Personen zu erreichen, die nicht direkt das nächste Buch in die Hand nehmen. Wir versuchen daher zurzeit, etwas aktueller zu werden und verschiedene Wege und Formate der Vermittlung aufzugreifen. Ein Podcast ist eine gute Lösung, auch wenn in der Vorbereitung und Umsetzung das ein oder andere ineinandergreift.</em></p>
<p><em>Der Podcast trägt den Titel „Exile“ beziehungsweise „Exil“. Im Englischen wird er von Mandy Patinkin gesprochen, im Deutschen von Iris Berben. Wir haben auch hier den biographischen Ansatz gewählt. Jede Folge befasst sich mit einer Protagonistin, einem Protagonisten, die etwa in dem Zeitraum 1910 bis 1950 lebten und zeigen, was es heißt, ins Exil zu gehen, was das mit jemandem macht, wie das Leben davor und danach aussieht. Eine Episode widmet sich </em><a href="https://www.lbi.org/de/projects/exil-podcast/folge-11/"><em>Stefan Zweig und Joseph Roth</em></a><em>, eine andere </em><a href="https://www.lbi.org/de/projects/exil-podcast/folge-3/"><em>Albert Einstein</em></a><em> und seinem Sommerhaus in Caputh, eine weitere </em><a href="https://www.lbi.org/de/projects/exil-podcast/folge-12/"><em>Ruth Westheimer</em></a><em>. Wir haben aber nicht nur Berühmtheiten ausgewählt, die fast alle kennen. Viele Personen kennen die Zuhörenden wahrscheinlich nicht, aber ihre Geschichten sind auf jeden Fall hörenswert. </em></p>
<div id="attachment_5744" style="width: 223px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Florence-Mendheim-Mendheim-Familiensammlung.png"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5744" class="wp-image-5744" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Florence-Mendheim-Mendheim-Familiensammlung-234x300.png" alt="" width="213" height="273" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Florence-Mendheim-Mendheim-Familiensammlung-200x257.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Florence-Mendheim-Mendheim-Familiensammlung-234x300.png 234w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Florence-Mendheim-Mendheim-Familiensammlung-400x513.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Florence-Mendheim-Mendheim-Familiensammlung-600x770.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Florence-Mendheim-Mendheim-Familiensammlung-768x985.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Florence-Mendheim-Mendheim-Familiensammlung-798x1024.png 798w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Florence-Mendheim-Mendheim-Familiensammlung-800x1026.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Florence-Mendheim-Mendheim-Familiensammlung-1197x1536.png 1197w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Florence-Mendheim-Mendheim-Familiensammlung-1200x1539.png 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Florence-Mendheim-Mendheim-Familiensammlung.png 1559w" sizes="(max-width: 213px) 100vw, 213px" /></a><p id="caption-attachment-5744" class="wp-caption-text">Florence Mendheim. Mendheim-Familiensammlung. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.</p></div>
<p><em>Die erste Episode handelt von </em><a href="https://www.lbi.org/de/projects/exil-podcast/folge-1/"><em>Florence Mendheim</em></a><em>. Sie war eine junge Frau aus New York, die als Bibliothekarin arbeitete, aber dann angeworben wurde, in nazinahen Communities zu spionieren und deren Umtriebe zu melden. Sie hat sich ein Pseudonym zugelegt und ist am Abend in diese pronazistischen Versammlungen gegangen, war sehr erschüttert von dem, was sie dort erlebte, aber in der Lage, dann sehr detaillierte Berichte zu verfassen, was sie gesehen und gehört hatte und wer dabei war. Man muss sich vor Augen halten, dass im Madison Square Garden eine große Naziversammlung stattfand, andererseits aber vor dem Madison Square Garde Protestaktionen stattfanden, deren Akteure sehr deutlich machten, dass sie nicht passiv zusehen würden, wie sich die USA in einen profaschistischen Staat verwandeln. Dass wir so viele Details darüber wissen, basiert zu großen Teilen auf Berichten von Personen wie Florence Mendheim. Ohne sie und andere, die ebenfalls ihre Beobachtungen festhielten, wären diese Nazi-Expats und mit den Nationalsozialisten sympathisierenden Gruppen sowie deren Umtriebe als Teil des Spektrums freier Meinungsäußerung oder als eine beliebige Art von Heimatverbundenheit abgetan worden. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Nazis hatten in den USA durchaus ihre Sympathisanten. Ich nenne nur Henry Ford und Charles Lindbergh. Die waren durchaus populär, eindeutig antisemitisch und pronazistisch.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>:<em> Das waren die großen Namen der Szene. Wir wollten zeigen, was eine einzelne Person wie Florence Mendheim bewegen konnte. Es war ein sehr mutiger und auch gefährlicher Protest. Es war klar, warum sie das machte. Sie stand mit ihrer Tante in Berlin in Briefkontakt, die schrieb, dass sie zu alt sei, um auszuwandern. Wir wissen, dass sie kurze Zeit später ermordet wurde, obwohl Florence ihr immer zuredete, sie solle doch in die USA kommen, sie würden das schon gemeinsam schaffen.</em></p>
<div id="attachment_5748" style="width: 244px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Lene-Schneider-Kainer.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5748" class="wp-image-5748 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Lene-Schneider-Kainer-234x300.jpg" alt="" width="234" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Lene-Schneider-Kainer-200x256.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Lene-Schneider-Kainer-234x300.jpg 234w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Lene-Schneider-Kainer-400x512.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Lene-Schneider-Kainer-600x768.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Lene-Schneider-Kainer.jpg 625w" sizes="(max-width: 234px) 100vw, 234px" /></a><p id="caption-attachment-5748" class="wp-caption-text">Lene Schneider-Kainer. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.</p></div>
<p><em>Eine weitere Frau, die ich gerne nenne, ist, ist </em><a href="https://www.lbi.org/de/projects/exil-podcast/folge-5/"><em>Lene Schneider-Kainer</em></a><em>. Sie war eine in Berlin sehr aktive Künstlerin, die auch in der Galerie Gurlitt ausstellte und noch vor dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft mit Bernhard Kellermann auf den Spuren von Marco Polo die alte Seidenstraße entlang reiste. Die beiden berichteten in verschiedenen Berliner Tageszeitungen darüber. Sie hat aber auch Tagebuch geführt und unzählige Aquarelle gemalt, in denen sie das, was sie gesehen hatte, festhielt. Sie war in vielem ihrer Zeit voraus, weil sie sich nicht auf die üblichen Rollen von Frauen und Männern festlegen ließ. Sie packte sich die ohnehin kurzen Haare zur Seite, band sich die Brust ab, ging ins Bordell oder in die Opiumhöhle, um zu sehen, was dort passiert. So recherchiert man halt. Aus heutiger Sicht gar nicht so ungewöhnlich. Ungewöhnlich ist aber, dass dies in den 1920er Jahren geschah. Sie hat auch einen Film aufgenommen, der jetzt wiederentdeckt worden ist und den wir einigen aktuellen Regisseuren gezeigt haben, die sahen, wie sehr sich die Räume verändert hatten, wie damals bestimmte gesellschaftliche Interaktionen stattfanden. Vieles von dem Gezeigten wäre heute kaum noch vorstellbar. </em></p>
<p><em>Wir haben versucht, nicht nur sogenannte Opfergeschichten zu präsentieren. Wir wollten das Selbstbestimmte zeigen, das Engagement. </em><a href="https://www.lbi.org/de/projects/exil-podcast/folge-10/"><em>Eva Kollisch</em></a><em>, die ihr ganzes Leben als Radikale verbrachte, die sich als junge Geflüchtete in den USA zunächst für kommunistische Ideen begeisterte, dann aber feststellte, dass auch die sehr misogynen Strukturen im Kommunismus ihr überhaupt nicht entsprachen. Sie machte sich dann als Feministin einen Namen. Es gibt viele Stationen, die sich in einer Biographie zeigen lassen. Jede einzelne Biographie offenbart, dass es ganze Bewegungen nicht gegeben hätte, wenn sich diese Menschen nicht so klar und mutig geäußert und engagiert hätten. Sie hatten in der Regel wenig Unterstützung, aber ihre Geschichten zeigen, wie viel sich bewegen lässt, wenn man den Mut dazu aufbringt und zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Januar 2025, Internetzugriffe zuletzt am 6. Februar 2025. Titelbild: Alma Landshut 1932. Klaus-G.-Loewald-Familiensammlung. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.)</p>
</div></div></div></div></div>
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